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Doch später, im Gefangenenlager von Oglethorpe, Georgia, wurde man schon mit ehrlicherem Stoff bedient. Da war ein Seemann mit langem Barte, der es verstand, aus unreifen Tomaten einen Schnaps zu bereiten. Jeden Tag lief er mit seinem kleinen Eimer durchs Lager, brüllte laut: »Gift! Fünf Cents! Gift! Gift! Fünf Cents!« Versucht hat gewiss jeder der viertausend Gefangenen einmal von dem Zeug; seine besten Kunden freilich waren die amerikanischen Soldaten und – er selber. Ich muss gestehn, dass ich für meine Person von einem einmaligen Versuche genug hatte.

Dafür aber hatte ich bald Gelegenheit, das zu trinken, was man in Georgia, einem Staate, der auch längst trocken war, »starken Tee« nannte. Es war mir mit vieler Mühe gelungen, dem Lagerkommandanten klar zu machen, dass ich eine schwierige Kieferoperation nötig habe, die der Zahnarzt des Lagers unmöglich ausführen könne; ich wurde also unter Bewachung von zwei Khakihelden in die Stadt Chattonooga geschickt – vier Stunden Urlaub. Ich hatte mich mit den beiden angefreundet; mein Entschluss, das Geld für den Zahnarzt vernünftiger zu verwenden, fand ihren vollen Beifall. Nun, in Chattonooga gibts nicht viel zu geniessen, die schwarzen Schönen in verschwiegenen Häuschen sind ebensowenig verlockend wie die Kinos. Da fragte mich einer meiner Freunde, ob wir nicht was Gutes trinken wollten? Er führte uns in ein durchaus solide aussehendes Lokal und dort in ein Hinterzimmer, wo er der Kellnerin mit leiser Stimme »Strong Tea« bestellte. Sie nickte und brachte gleich darauf drei grosse Tassen und eine mächtige, leere Teekanne, fragte, was für eine Sorte wir wünschten? Ich sagte ihr, sie möge nur holen, was da sei. Das tat sie auch und bald stand auf dem Tische eine Flasche Witch-Hazel, eine Flasche Bay-Rum und eine Flasche Westphal's Auxiliator.

Witch-Hazel, das ist Toilettenwasser – 66% Alkohol. Bay-Rum, das ist ein Haarwasser – 78% Alkohol. Westphal's Auxiliator aber ist ein Haarwuchsmittel und beansprucht, 96% Alkohol zu besitzen!

Ich machte sicherlich ein etwas blödes Gesicht, als die Hebe die drei Originalflaschen brachte.

»Was ziehn die Herren vor?« fragte sie.

»Mixed!« rief mein Freund mit Kennermiene.

Sie öffnete alle drei grossen Flaschen und goss ihren Inhalt in die Teekanne. Das Zeug schmeckte wie Knüppelaufdenkopf! Immerhin kam es mir im Augenblick sehr erwünscht. Wie der Blitz überlegte ich mir: die Kerls werden sicher todbesoffen; wenn es dir gelingt, auch nur einigermassen nüchtern zu bleiben, so kannst du ausreissen! Und ich hatte längst übergenug von dem Gefangenenlager.

Im Anfang ging die Geschichte ganz gut. Ich suckelte so an meiner Tasse herum, nahm nur kleine Schlückchen und goss eine Tasse nach der andern unbemerkt unter den Tisch, während die beiden die ihrigen mit Wonne leerten. Und wer weiss, wie die Sache ausgelaufen wäre, wenn nicht die Begeisterung der beiden sich in immer lauterem Brüllen Luft gemacht hätte. Schon glaubte ich den Zeitpunkt für gekommen, mich zu empfehlen, schon hatte ich meinen Zerberussen gesagt, dass sie mich doch einen Augenblick entschuldigen möchten, da ich notwendigerweise mal raus müsse – da öffnete sich die Tür, und ein Sergeant mit vier Soldaten trat herein und, ohne sich aufzuhalten, sofort an unsern Tisch. Nun war kein Gedanke mehr an Flucht; es galt zu retten, was noch zu retten war. Meine Leute waren viel zu betrunken von ihrem »starken Tee«; so ergriff ich das Wort und nahm natürlich alle Schuld auf mich. Ich hätte eben eine furchtbare Zahnoperation durchgemacht, erzählte ich – und zur Stärkung notwendig eines Schluckes bedurft, ich allein hätte die Soldaten überredet, mit mir herzukommen. Ausserdem hätten diese keinen Tropfen getrunken und seien, wie er ja sehe, völlig nüchtern. Der Sergeant, der mich vom Lager her kannte, machte ein verdammt pfiffiges Gesicht und bat um eine Zigarette. Ich verstand den Wink, schob unter dem Tisch schnell einen Zehndollarschein in mein Etui und reichte es ihm. Ohne mit der Wimper zu zucken, nahm er eine Zigarette – und den Schein natürlich; dann sah er nach, wieviel noch in der Teekanne war, goss sich eine Tasse voll und trank auf mein Wohl. Ich musste mit ihm anstossen, ob ich wollte oder nicht.

»Sergeant«, rief ich, »Sie übernehmen die Verantwortung, dass wir glücklich ins Lager zurückkommen?«

»Zu Befehl, Herr!« sagte er und legte die Hand an die Mütze. Ich hatte einen ganz schwachen Hoffnungsschimmer, vielleicht auch jetzt noch nüchtern bleiben zu können, aber dieser Texasjunge passte auf wie der Teufel, dass auch meine Tasse leer wurde. Einmal, zweimal, noch einmal!

An das, was dann geschah, habe ich nur eine sehr schwache Erinnerung. Ich weiss, das ich dieses Leibgesöff eines knochentrockenen Staates mit wahrer Todesverachtung heruntergoss, weiss, dass ich meine beiden Wachsoldaten nur mit Mühe abhalten konnte, mich immer wieder zu küssen. Ich erinnere mich dunkel, dass ich dem Sergeanten meine Brieftasche gab, um zu bezahlen, und dass er sich grosse Mühe gab, mir dann begreiflich zu machen, dass er mir auf Nickel und Cent alles richtig zurückgegeben habe. Das letzte, was mir vorschwebt, ist, dass unsere beiden Soldaten und ich in einen Leiterwagen gehoben wurden und dort durcheinanderkullerten. –

Am nächsten Morgen machte jemand einen verzweifelten Versuch, mich zur Parole zu wecken – am Abend war es dieselbe Geschichte: erst an dem folgenden Morgen wachte ich auf. Lief fünf Tage lang mit einem grauenhaften Brummschädel herum, gegen den kein Mittel helfen wollte.

Jeder Mensch im Lager kannte die Geschichte; die amerikanischen Offiziere grinsten, als ich wieder zum Vorschein kam. Aber merkwürdigerweise hatte die Sache nicht die geringsten Weiterungen: weder ich noch die beiden Soldaten wurden in irgendeiner Weise zur Rechenschaft gezogen, während es doch sonst bei der lächerlichsten Gelegenheit Strafen hagelte.

Das aber darf ich wohl sagen: so lang ich in diesem Lager Oglethorpe hauste, blieb ich sehr nüchtern. Ich hatte völlig genug von »Gift« und von »Bay-Rum«, von »Witch-Hazel« und dem herrlichen Haarwuchsmittel »Westphals Auxiliator!«


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