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Die Juden von Jêb

Der Fünfundachtzigjährige, Jedonja, des Gemarja Sohn, saß auf dem Dache seines Hauses, des höchsten der Grenzfeste, als die Sonne sank. Leicht übersah er von hier aus die Festung, die Stadt und die ganze Elefanteninsel.

Rings um das seine lagen die Häuser der jüdischer Söldner, deren Oberst er war. Neunhundertundsechzig Krieger – dazu die Greise und Weiber und Kinder.

Hinunter, dem Nile zu, hauste die Fahne Dargmans, des Chârezmiers, der weit her kam aus Chiwa am unteren Oxus. Er befehligte die babylonischen Krieger. Aber die Mauer zur Stadt hin hielt die Fahne der Phöniker, die dem Perser Hydaspes unterstanden.

Jedonja sah weit über die Mauer. Da lag, bei dem Palmenwalde hinter der Stadt, versteckt zwischen Palmen und Sykomoren, der Tempel des Chnûb, des großen, widderköpfigen Gottes der Ägypter. Er sah die weißen Säulen leuchten, sah zwischen ihnen einige Priester auf den Stufen sitzen.

Er haßte sie. Sein Blick fiel auf den öden Platz vor seinem Hause. Da hatte der Tempel seines Jahwe gestanden, des Judengottes, stolz und hoch, durch die Jahrhunderte. Selbst der Perserkönig Kambyses hatte ihn nicht angetastet, als er das Reich der Ägypter eroberte und alle Heiligtümer zerstörte. Nun aber war der Tempel zerbrochen, kein Stein stand mehr auf dem andern.

Das war vor fünf Jahren geschehn. Er, Jedonja, war damals den Nil hinaufgezogen, auf einem Streifzug gegen die Äthiopier – mit allen Truppen von Jêb. Zugleich aber war Asarmes, der Statthalter Ägyptens, zum Hofe des zweiten Darius gereist, nach Susa, der Perserstadt. Diese Gelegenheit hatten die Priester des Chnûb benutzt – sie hatten den General Widarnag bestochen, den persischen Befehlshaber der Insel Elephantine. Der und sein Sohn Nephajan, der in der nahen Marktstadt Syene kommandierte, waren mit ägyptischen Kriegern in die unbeschützte Veste Jêb eingedrungen, hatten der Juden alten Tempel ausgeplündert und dem Erdboden gleichgemacht.

Freilich, als der Satrap zurückkam von seinem Besuch beim Könige, schuf er rasch Ordnung. Widarnag und Nephajan, die Generäle, seine eigenen Landsleute, ließ er hinrichten und dazu manche der Priester des Chnûb – ihr Fleisch aber warf man den Hunden vor, zur hellen Freude des jüdischen Heeres.

Er war Jedonjas alter Freund, Asarmes, der persische Statthalter. Er wußte, daß er auf die jüdischen Söldner zählen konnte, wie auf seine eigenen Leute – hier in der Veste Jêb, die den Süden beschützte, wie in Migdol, in Daphne, Memphis und Noph. Sie hatten gute Dienste geleistet bei jeder Revolte der Ägypter durch das ganze Jahrhundert der persischen Herrschaft – sie würden auch in diesem neuen Aufstande ihren Mann stehn.

Asarmes, der Satrap, weilte auf der Elefanteninsel. Er hatte genaue Kunde von der nationalen Bewegung der Ägypter, die jeden Augenblick hochbrennen mußte, kannte auch den, der das Feuer schürte: Amyrtaios, einen Mann aus Sais. Hier im Süden hielt der sich irgendwo verborgen – und hier mußte der Sturm, der die persische Fremdherrschaft abschütteln sollte, zunächst losbrechen. Asarmes traf seine Vorkehrungen, reiste von einer Garnison zur andern, besichtigte die Truppen.

Nun war er in Jêb; wohnte in dem Hause des Generals Artaphernes. Jede Minute mochte er hinaufkommen, hierher, auf das Dach des Jedonja.

Und doch war es nicht der mächtige Statthalter, auf den Jedonja wartete. Seine Blicke, die das Alter nicht geschwächt hatte, spähten den Nil hinunter, suchten nach einer Barke. Fielen auf den Nilmesser, auf den Brunnen, der die Sommersonnenwende anzeigte. Über die Stromschnellen des Nils mußte das Boot kommen, an den kleinen Felseninseln vorbei.

Er hatte Nachricht von Syene – einer seiner Kamelreiter hatte sie vor einer Stunde gebracht. Dort war er schon angekommen, der Mann, auf den er wartete – der Bote aus Jerusalem. Nun endlich würde er Gewißheit haben – freie Hand – endlich! – zum Tempelbau. Das fühlte er: wenn nur ein Stein erst stand für Jahwe, seinen Gott, dann brauchte er die Ägypter nicht mehr zu fürchten. Und wenn der drohende Aufstand auch durch das ganze Land toben mochte, von der Thebais hinunter bis zum Nildelta – sie würden ihm doch nichts anhaben können.

Aus einem mächtigen Tonkrug zog er die Papyrusrollen, die er dem Statthalter vorzeigen wollte, seinen ganzen Briefwechsel wegen des Tempelbaues. Aufs Geratewohl ergriff er die Kopie seines Briefes an Bagoas, den persischen Satrapen in Jerusalem.

– »An unsern Herrn Bagohi, den Pascha von Juda, deine Knechte Jedonja und seine Genossen, die Priester in der Veste Jêb. Es grüße unsern Herrn der Himmelsgott gar sehr zu jeder Zeit und setze dich in Gnade vor König Darius und den Söhnen seines Hauses noch tausendmal mehr als jetzt. Und langes Leben gebe er dir – sei froh und gesund zu jeder Zeit.

Nunmehr sprechen deine Knechte Jedonja und seine Genossen:

Im Monat Tammuz im Jahre 14 des Königs Darius, als Arsames sich entfernt hatte und zum Könige gegangen war, haben die Priester des Gottes Chnûb in der Veste Jêb eine Verschwörung gemacht mit Widarnag, der hier Befehlshaber war. Nämlich: den Tempel des Gottes Jahu in der Veste Jêb möge man von dort wegschaffen. Darauf sandte dieser Wirdanag, der Hundsfott, eine Botschaft an seinen Sohn Nephajan, der in der Festung Syene Oberst war, mit den Worten: den Tempel des Gottes Jahu in der Veste Jêb soll man zerstören. Darauf führte Nephajan Ägypter mit anderm Kriegsvolk heran; sie kamen in die Veste Jêb mit ihren Waffen; sie drangen in jenen Tempel, zerstörten ihn bis zum Erdboden; die steinernen Säulen, die dort waren, zerschlugen sie. Auch die fünf mächtigen Tore, aus Steinquadern erbaut, zerschlugen sie; die Türflügel hoben sie aus, wie die ehernen Angeln. Das Dach aus Zedernholz, alles Gerät und was sonst noch da war, verbrannten sie mit Feuer; die goldenen und silbernen Schalen und alle Sachen, die im Tempel waren, raubten sie. Aber seit den Tagen der Pharaonen von Ägypten hatten unsere Vorväter diesen Tempel in der Veste Jêb erbaut. Als König Kambyses gegen Ägypten zog, fand er diesen Tempel; aber während er die Tempel der Götter Ägyptens alle zerstörte, wurde nichts diesem Tempel angetan. Seitdem dies nun geschehn ist, tragen wir mit Weibern und Kindern Trauerkleider, fasten und beten zu Jahu, dem Herrn des Himmels. Kunde ward uns über jenen Widarnag: die Hunde haben die Fesseln von seinen Füßen gerissen; alle Schätze, die er erworben hatte, sind zugrunde gegangen. Alle Leute aber, die jenem Tempel Böses gewünscht hatten, sind auch getötet worden – wir haben unsere Lust an ihnen geschaut.

Schon früher, gleich als uns dies Unheil angetan wurde, haben wir einen Brief gesandt an unsern Herrn Bagohi, sowie an Jochanân, den Hohenpriester und seinen Rat und einen an Ostan, den Bruder des Hanani, und die Vornehmen der Juden.

Aber sie haben uns keinen Brief geschickt.

Nun sprechen deine Knechte Jedonja und seine Genossen und die Juden sämtlich, Bewohner von Jêb:

Wenn es unserm Herrn gut scheint, so gedenke an jenen Tempel, daß man uns gestatte, ihn aufzubauen. Sende einen Brief für uns ab über den Tempel des Gottes Jahu, ihn aufzubauen in der Veste Jêb, so wie er früher war. Die Opfergaben, den Weihrauch und das Brandopfer werden wir darbringen auf dem Altar des Gottes Jahu in deinem Namen. Und wir wollen jederzeit für dich beten, wie die Weiber und Kinder und alle Juden, die hier sind, wenn du dahin wirkst, daß jener Tempel wieder aufgebaut wird. Ein Verdienst wirst du dir erwerben vor Jahu – mehr als ein Mann, der ihm Brandopfer und Schlachtopfer darbringt im Werte von tausend Talenten.

In betreff des Goldes – darüber werden unsere Boten mit dir sprechen.

Auch haben wir die ganze Sache mitgeteilt in einem Briefe den Söhnen des Statthalters von Samaria, Sin-ubbalit, dem Delaja und dem Schelemja.

Am 20. Marcheschwan des Jahres 17 des Königs Darius.«

Jedonja bar Gemarja las aufmerksam genug den Papyrus, den er selbst beschrieben hatte. Dann suchte er die Antwort heraus, die sein Sohn Machseja mitbrachte, den er hinaufgeschickt hatte nach Jerusalem – das Protokoll, das er eidlich abgab bei seiner Rückkehr:

»Aufzeichnung dessen, was Bagohi und Delaja mir gesagt haben.

»Wörtlich: du hast in Ägypten zu sprechen in bezug auf das Altarhaus des Himmelsgottes, das in der Veste Jêb aufgebaut war, schon vor der Zeit des Kambyses und das jener Hundsfott Widarnag im Jahre 14 des Königs Darius zerstört hat. Es soll nun an seiner Stätte wieder aufgebaut werden. Opfergaben und Weihrauch soll man darbringen auf jenem Altar, genau wie vormals.«

Er nahm das Gesuch heraus, das er an Arsames selber gesandt hatte und dessen Antwort, die auf Befehl des Königs die endgültige Erlaubnis zum Wiederaufbau des Jahwetempels gab – die war vor acht Monaten schon eingetroffen. Damals hatte er einen Rat zusammenberufen – die Hauptleute und die Priester. Seinen Sohn Machseja, Jozadak, des Natan Sohn, Schmahja, Sohn des Chaggai, Hoschea, Sohn des Jatôm und den andern Hoschea, der des Natun Sohn war. Alle hatten dafür gestimmt, daß man sofort beginnen solle mit dem Wiederaufbau. Das Geld hatte man beisammen, jeder Jude hatte zehn Scheckel dafür gegeben. Dazu hatte Jedonja noch einen andern Schatz unversehrt in Händen, den man vor einigen Jahren gesammelt hatte: zwölf Karsch sechs Scheckel für Jahwe und für seine Göttinnen Aschima sieben Karsch und Hanat zwölf Karsch.

Er allein hatte dagegen gestimmt, Jedonja bar Gemarja und hatte seinen Willen durchgesetzt gegen die andern. Seiner Vorväter Haus hatte in Jerusalem gestanden; mit den Hilfstruppen, die König Salomon im Austausch gegen arabische Pferde dem Pharao sandte, war sein Ahn einst nach Elephantine gekommen. Und ob auch Jahrhunderte dazwischenlagen, ob in den Wirren der Zeiten auch die Verbindung der Militärkolonie mit dem Mutterland oft locker genug war – des Jedonja Familie hatte nie Zion vergessen und nie die Achtung vor dem Hohenpriester im Tempel zu Jerusalem. So genügte die Sanktion, die man für den Wiederaufbau seines Tempels hatte, dem alten Jedonja nicht – nicht der Pascha von Juda, noch der Statthalter von Ägypten, nicht einmal der mächtige Perserkönig, dem die Welt untertan war, durfte hier das letzte Wort sprechen. Das mußte Jerusalem tun.

Aber die Juden von Jêb drängten. Viermal schon hatte Jedonja Botschaft gesandt nach Jerusalem, an Jochanân, den Hohenpriester, an Ostanes, den Vorsitzenden des Rates, an seinen Bruder Hanani, den Sprossen Davids, und manche der Vornehmen – keiner hatte geantwortet. Bagoas, der persische Statthalter in Juda, hatte sogleich geantwortet, ebenso wie Asarmes von Memphis aus; ja der Perserkönig selbst hatte sein Einverständnis erklärt. Und die Juden von Samaria, der alte Pascha Sin-uballit und seine Söhne Schelemja und Delaja hatten gleich ihre Hilfe zugesagt und ihr Versprechen gehalten, wie auch Assaph, des Manasse Sohn, der Hoherpriester auf dem Garizim von Sichem war.

Freilich, das alles hatte viel gekostet. Nach Memphis allein hatte man tausend Scheffel Gerste an den Schreiber des Arsames schicken müssen; man hatte goldene und silberne Gefäße und manchen gemünzten Scheckel nach Samaria und Susa gesandt. Aber hatte man nach Jerusalem nicht auch Geschenke geschickt, mehr noch und wertvollere?

Die Juden drängten in Jêb. Seit dem Tage, an dem der Tempel zerstört war, seit dem Monat Tammuz des Jahres 14 des Königs Darius, trauerte man. Man trug Säcke als Trauerkleider, fastete und trank keinen Wein. Man salbte sich nicht mit Öl und berührte die Weiber nicht mehr. Das alles sollte aufhören, sowie der erste Stein zum neuen Tempel gesetzt war.

Dann aber war da noch ein anderes. Als damals die jüdischen Krieger hinunterzogen gegen Äthiopien, blieb einer der Hauptleute krank zurück, das war Mahûzija. Er war der einzige Jude, der es versuchte, den Jahwetempel zu verteidigen gegen die Priester des Chnûb und ihre Räuberbande, er war auch der einzige, der getötet wurde. Sein Weib, das ihn sehr liebte, fiel in Krämpfe, als er erschlagen wurde vor ihren Augen – und sie blieb eine Rasende die Jahre hindurch. Immer wieder schrie sie: kein Jude sei sicher in Jêb, solange man den Tempel Jahwes nicht wieder aufrichte. Wenn das nicht geschehe, so sei es das Ende aller Juden im Ägypterlande und das Ende dazu der Perserherrschaft, die sie beschützte.

Das jüdische Heer glaubte der Prophetin. Und er, Jedonja bar Gemarja, glaubte ihr nicht minder.

Und dennoch hatte er gezögert von einem Monat zum andern. Am Morgen dieses Tages erst waren die beiden Hoschea bei ihm gewesen, hatten ihn beschworen, mit dem Bau zu beginnen. Man wußte sehr wohl, was im Lande vorging. Wußte, daß jede Stunde den Aufstand bringen konnte, daß Amyrtaios und seine Agenten überall im Lande herumreisten, das Volk gegen die Fremdherrschaft aufzuhetzen. Und man wußte recht gut, wie wenig Verlaß war auf die andern Söldnertruppen.

Jedonja hatte sie beschwichtigt. Heute noch würde der Bote kommen von Jerusalem, würde die Genehmigung des Hohenpriesters bringen – endlich! In der Nacht noch, in dieser selben Nacht sollte man dann den Grundstein zum neuen Tempel legen.

Der Fünfundachtzigjährige, Jedonja, des Gemarja Sohn, sah weit über die Mauern der Veste Jêb. über die Palmen und Sykomoren der Elefanteninsel, den Nil hinunter nach den Katarakten. Man zog ein Boot hinüber, machte es wieder flott oberhalb der Stromschnelle, setzte das rote Segel. Und der Wind wehte von Norden her.

Tritte auf der Treppe. Vier persische Bogenschützen und mit ihnen der jüdische Hauptmann Schmahja. Sie meldeten: der Statthalter komme, Arsames. Er würde hier hinauf kommen; Jedonja solle ihm nicht entgegenkommen, sondern ihn hier erwarten.

Jedonja lächelte. Das sah ihm ähnlich, dem Perser! Er war der nahe Freund des Darius, des Königs der Welten, war selbst Herr über ein mächtiges Königreich und doch begegnete er ihm wie seinesgleichen. Ihm, Jedonja, der doch nur Herr war über eine kleine Söldnertruppe – wie sie Arsames zu Hunderten in Ägypten hatte und der Perserkönig zu Tausenden im großen Reiche! Er dachte an den Boten aus Jerusalem, der den Nil heraufschwamm. Fünf Jahre lang hatte er an seine Landsleute nach Juda geschrieben, bittend, flehend und immer dringender. Nicht einmal einer Antwort hatte ihn Zion gewürdigt. Seine Lippe zog sich nach unten, bitter wurde sein Lächeln.

Arsames, der Statthalter, kam, mit ihm waren die andern Obersten der Veste Jêb: Dargman, der die Babylonier befehligte, Hydaspes, der die Phöniker unter sich hatte, und die Generäle Nabukudurri und Artaphernes, die gemischte Fahnen hatten – Juden, Syrer, Babylonier, auch Libyer und Ägypter. Jedonja winkte einem Krieger, ließ Wein bringen in großen Krügen, dunkeln, ägyptischen Wein und den goldenen aus Sidon. Sie tranken, aber Jedonja berührte den Becher nicht.

»Noch immer nicht, Alter?« fragte der Statthalter.

»Morgen vielleicht – vielleicht in dieser Nacht noch,« antwortete Jedonja. »Der Bote kommt, den ich aus Jerusalem erwarte.«

»Setz deinen Tempelstein!« rief Nabukudurri, der Babylonier. »Dieser Glauben von euch Juden hat sich den andern Truppen mitgeteilt – sie glauben wie ihr glaubt: wenn nur eine Massebea oder eine Aschera steht, irgendein Steinkegel oder ein Holzpfahl bei eurem Tempel, dann fühlen sie sich sicher vor den Ägyptern.«

Man sprach über den drohenden Aufstand; der Satrap verschwieg seine Befürchtungen nicht. Hier im Süden, in der Landschaft Thebais, würde er zunächst ausbrechen – hier war der erste Stoß zu bestehn. Arsames hatte, vom Norden kommend, alle Garnisonen besucht und war zum Teil sehr wenig befriedigt von deren Zuverlässigkeit. Die Negertruppen, die Bedjastämme Nubiens, waren nur für den Sieger zu gebrauchen; sie würden zerstieben bei den ersten kleinen Erfolgen des Gegners. Zweifelhaft waren auch alle griechischen Söldner, die Karer, die Ionier und vor allem die Schirdana. Was die libysche Kriegerkaste anging, die seit Jahrhunderten im Lande saß, so galt es als ausgemacht, daß sie mit den Ägyptern gehn würde, um im Falle eines Erfolges den Versuch zu machen, wieder einmal alle Macht an sich selbst zu reißen. Durchaus verlassen konnte man sich nur auf die persischen Truppen – aber außer den paar hundert Mann in Syene befanden sich nur vereinzelte Offiziere in der Thebais. Und gerade in Syene war die Lage kritisch – dort hatte der fanatische Pia seit Monaten unter den ägyptischen Truppen gewirkt. In Jêb selbst sah es besser aus: die jüdische Truppe war durchaus sicher, auch die Phöniker, Syrer und Babylonier konnte man als zuverlässig ansprechen. Dazu kamen die hundert Schleuderer, die Dargman, der Iranier, aus seiner fernen Heimat, der Oase Chârezm mitgebracht hatte. In den nächsten Tagen erwartete man Verstärkungen, die Fahnen Iddinabu, Warizat und Artabanos, die zuverlässige Truppen bringen sollten, Perser und Juden – den Nil hinauf.

Der Satrap traf alle Anordnungen; gab seine Anweisungen dem Kommandanten Artaphernes, der den Oberbefehl über die Festung führte. Jedes Tor, jeden Teil der Stadtmauer besprach man; erwog alle Möglichkeiten. Jedonja vertraute man das Löwentor an; sein Sohn, der Hauptmann Machseja sollte mit zweihundert Mann an die Stromschnellen. Hydaspes lag es ob, mit seinen phönikischen Seeleuten den Nil zu sichern, die Reiter des Nabukudurri sollten die Straße nach Syene bewachen. Dargman sollte –

Der Mond ging auf. Ein Adjutant des Statthalters kam mit der Nachricht, daß sein Boot bereit liege. Das sollte ihn noch in dieser Nacht durch die Katarakte bringen, unterhalb derer sein Schiff lag.

Noch einen Becher des Weins von Sidon leerte der Satrap. »Bau deinen Tempel, Jedonja!« mahnte er beim Abschied. »Wenn wir uns wiedersehn, sollst du in Festeskleidung sein und fröhlich mit uns trinken!«

Sie verabschiedeten sich, Arsames duldete nicht, daß ihn der Alte hinunterbringe zum Nil. »Spar deine Kraft – und möge dein Gott Jahwe wollen, daß du sie nicht brauchst in diesen Tagen.«

Hauptmann Machseja, selbst schon ein Fünfziger, geleitete die Herren hinunter. Jedonja lauschte ihren Stimmen, ihren Tritten. Dann sah er sie wieder in den engen Gassen auftauchen, hier und dort, begleitet von fackeltragenden Kriegern. Sah sie hinter der Stadtmauer, wie sie hinunterschritten zum Fluß, sah besonders Arsames, der die andern fast um Haupteslänge überragte.

Jedonja sah, wie sie zum Ufer kamen, wie der Satrap mit seinen Leuten in das Boot stieg. Aber hinten sah er das andere Boot, das sich mühsam hinaufquälte gegen den mächtigen Strom.

Sein Sohn kam zurück; grinsend schwenkte er einen Beutel. »Das hat mir der Statthalter für dich gegeben, Vater!« rief er. »Zehn Karsch für den Tempelbau! Und noch einmal zwölf Karsch für deinen Tempelschatz: vier für Hanat, vier für Aschima, vier für Jahwe!«

Der Alte antwortete nicht, grübelte vor sich hin. Der da, der Satrap, war ein Mazdaverehrer, wie alle Perser, einer, der das heilige Feuer anbetete. Wie hieß doch sein Prophet? War es nicht Zoroaster? – Und doch gab er ihm Geld für den Jahwetempel! Beschenkte königlich seine Gottheiten!

Aber die Juden, seine Brüder, hatten ihn keiner Antwort gewürdigt, durch fünf lange Jahre! Heute erst kam ihr Bote –

Dann schüttelte er heftig den Kopf. Nein, er wollte dem Mann, den er erwartete, keinen Groll zeigen. Was konnte der dafür, der Bote? Und er würde ja endlich die gute Nachricht bringen, die so dringend nötig war. Jedonja nahm sich vor, ihn nicht einmal zu fragen, was denn der Grund wäre zu diesem Hinschleppen und Verzögern. Irgendein Zank, eine Intrige, ein Zwist von Parteien – ach, er kannte das ja durch lange Jahre aus seiner eigenen Gemeinde. Schließlich – in Jerusalem mochte es, im Großen, ebenso zugehn – auch dort lebten nur Menschen, Juden, wie hier in Jêb, die um ein Nichts vielleicht haderten und stritten. Nein, er wollte nichts wissen von alledem! Er wollte dankbaren Herzens hinnehmen, was ihm die Mutter Jerusalem sandte und nimmer fragen, warum es so spät kam. Ihren Sendboten aber wollte er wie einen Fürsten empfangen, beschenken wie den König selber, wenn der her käme: es war ein Mann aus Jerusalem.

»Nimm deine Fackelträger!« rief er seinem Sohn zu und wies mit der Hand in die Mondnacht. »Des Urija Boot wird gleich landen – empfang ihn wohl, den Mann, den der Herr uns sendet. Führ ihn hinauf, gib ihm deiner Tochter Mibtachja Zimmer, das ist das beste im Haus, Erquick ihn reichlich mit Speise und Trank – gib den sidonischen Wein, den ich für den Statthalter kaufte. Wenn er zu müde ist, bring ihn zu Bett – dann will ich morgen mit ihm sprechen.«

Und wieder schaute Jedonja hinunter zum Fluß. Er sah die fackeltragenden Krieger in den Gassen und hinter der Mauer, sah sie am Ufer. Sah das Boot, das sich herankämpfte, hörte das Schreien der Schiffsleute.

Kühler wurde die Nacht; den alten Jedonja fröstelte, er griff seinen Mantel auf und hüllte sich hinein. Dann hörte er Stimmen unten auf der Gasse, erkannte die seines Sohnes.

»Hier hinein, Herr, hier! Nun bist du am Ziel deiner langen Reise!«

Ah, er war da, der Bote aus Jerusalem! Jedonja bar Gemarja betete, dankte Jahwe, dem Himmelsgott. Die Fackelträger da unten gingen nicht fort, blieben stehn vor dem Hause. Und er hörte, wie sich die Türen öffneten ringsum, wie die Leute hinauseilten auf die Gassen, Männer und Weiber. Der Bote aus Jerusalem war gekommen – jetzt war ein Ende der fünfjährigen Trauer! Morgen – vielleicht noch in dieser Nacht – würde man den ersten Stein setzen!

Jedonja wartete.

Nun hatte sein Sohn Machseja den Fremden hinaufgeführt – nun ihm ein Bad bereiten lassen. Dies Bad – wie lange mochte das dauern? Nun hatte er ihm zu essen gegeben und zu trinken – ah, der Bote würde staunen, daß man hier, an der äußersten Grenze des Reiches, phönikischen Wein so gut haben konnte, wie in Jerusalem auch, Wein aus Sidon von dem großen Hause des Habdali ben Eljaton.

Er hörte Tritte auf der Treppe, die zum Dache hinaufführte. Die schweren seines Sohnes – die kannte er gut. Und dann andere, leichtere –

Er kam, der Mann aus Jerusalem kam!

Jedonja richtete sich auf, ging ihm entgegen. Breitete seine Arme aus, zog ihn an sich, küßte ihn. War es nicht Zion selbst, das er küßte?

Sein Sohn nannte ihm den Namen: Jehiel, der Sohn Obadjas, von den Kindern Sephatjas. Ein Mann aus Bethanien. Ein bärtiger Mann, groß gewachsen, jung noch und schlank. Der Hohepriester Jochanân sandte ihn und der Hohe Rat, dessen jüngstes Mitglied er war.

Er erzählte von seiner Reise. Papiere waren ihm ausgestellt worden von Bagoas und Arsames, den Statthaltern in Juda und Ägypten. Und überall hatten die persischen Beamten ihm geholfen, ihm Pferde und Kamele zur Verfügung gestellt, auch das Schiff den Nil hinauf. Hatte ihm Obdach gegeben, ihn bewirtet –

Hauptmann Machseja lächelte selbstgefällig. »O ja, wir gelten etwas – mein Vater Jedonja und das jüdische Heer in Jêb!«

Jedonja bat den Fremden zu erzählen von Jerusalem. Wie der neue Tempel aussähe, den Ezra und Nehemia gebaut hatten, als die Juden zurückkehrten aus babylonischer Gefangenschaft. Er wußte das alles genau, sein Sohn Machseja hatte es ihm dutzendmal erzählen müssen und auch Hauptmann Hoschea, den er ein zweites Mal hinaufgesandt hatte nach Juda. Aber nun wollte er es noch einmal hören aus dem Munde dieses Mannes, der selbst in Jerusalem wohnte.

Jehiel bar Obadja erzählte – beschrieb genau, wie der Tempel von außen aussah und wie von innen. Inzwischen ließ Machseja einen frischen Krug bringen, füllte einen Becher mit dem Goldwein aus Sidon.

Der Bote nahm ihn. »Warum trinkt ihr nicht?« fragte er.

Jedonja antwortete: »Seit dem Monate Tammuz des Jahres 14 des Königs Darius, seit dem Unglückstage, an dem die Ägypter unsern Jahwetempel –«

»Ich weiß!« unterbrach ihn Jehiel. »Ihr trinkt nicht und ihr fastet! Ihr salbt euch nicht und berührt eure Weiber nicht mehr! Aber nun freut euch, Alter: der Hohepriester und der Rat von Jerusalem lassen euch sagen, daß eure Trauer ein Ende haben soll! Geht wieder zu euren Frauen, salbt euch mit Öl und schmauset und trinkt nach Herzenslust! Füll die Becher, Machseja bar Jedonja, und trinkt beide mit mir!«

Des Alten Stimme zitterte: »Ich danke dir,« flüsterte er. »Danke dir. – Oh, ich wußte es, daß du die Erlaubnis bringen würdest zum Tempelbau.«

In diesem Augenblick riß ein Schrei durch die Nacht. Es war eine helle kreischende Weiberstimme, von einem nahen Dache her. Sie schrie:

»So spricht der Herr, der Gott Israels: Richtet meinen Tempel auf, den die Ägypter zerstört haben. Und gehorchet ihr nicht und tut nicht also, wie ich euch heiße, so soll meine Hand schwer auf euch ruhen, und ich will euch in die Gewalt der Ägypter geben.

»Eure Kamele sollen geraubt und all euer Vieh zerstreut werden; die Insel soll eine Drachenwohnung werden und eine ewige Wüste.

»Schärfet nur eure Pfeile und rüstet die Schilder! Der Herr hat den Mut der Ägypter geweckt, und seine Gedanken stehen wider die Veste Jêb, daß er sie verderbe.

»Stecket nur die Fahnen auf die Mauern von Jêb, nehmet die Wache, stellet die Hut! Ihr mißachtetet seinen Befehl: so wird der Herr den Nilstrom mit euren Leibern füllen, als wären es Käfer – die sollen ein Liedlein singen.

»Er wird eure Rosse und Reiter zerschlagen und eure Schiffe und Barken zerscheitern! Er wird eure Männer und Weiber zerschmeißen – darum, daß ihr nicht gehorchtet.

»Wir sind zuschanden geworden, da wir die Schmach hören mußten und die Schande unser Angesicht bedeckte – an dem Tage, da die Fremden über das Heiligtum des Hauses des Herrn kamen. Nun aber laßt ihr die Schmach immer währen – so wird euch der Herr züchtigen.

»Siehe, die Zeit ist gekommen, spricht der Herr, daß im ganzen Lande seufzen sollen die tödlich Verwundeten. Man hört ein Geschrei zu Jêb und einen großen Jammer im Lande der Ägypter. Denn der Herr zerstört die Veste Jêb und verderbt sie mit solchem Geschrei und Getümmel, daß die Wellen des großen Stromes erbrausen.

»Eure Bogen werden zerbrochen, eure Helden gefangen werden. Eure Mauern werden zerschlagen und ihre hohen Tore mit Feuer angesteckt werden. Verbrannt werden eure Kornhäuser, erwürgt eure Rinder. Schwert kommt über Männer und Weiber von Jêb und über seine Kinder, Schwert kommt über ihre Starken, Schwert kommt über eure Schätze, daß sie geplündert werden, Schwert kommt über Rosse und Wagen und alles Volk!

»Kriegsgeschrei zieht durchs Land und ein großer Jammer. Denn Jêb, die Veste, soll vertilget werden, darum, daß sie sich wider den Herrn erhoben. Furcht, Grube und Strick kommt über dich, du Mann von Jêb – so spricht der Herr.«

Die helle Weiberstimme schrie durch die Stille der Nacht. Als sie schwieg, drang das Geräusch vieler erregter Stimmen herauf, die überall in den Gassen laut wurden. Dumpf und durcheinander, wie das Rauschen der Nilwellen, die über die Katarakte springen. Aber dazwischen, wie die Schreie der Flußreiher, die kreischenden Rufe der Weiber.

»Was ist das?« fragte Jehiel.

»Des Mahûzija Weib,« antwortete Jedonja, »des Mannes, der erschlagen wurde, als die Priester des Chnûb unsern Tempel zerstörten. Eine Rasende, eine Besessene – aber das Volk glaubt, daß sie eine Prophetin sei.« Er wandte sich an seinen Sohn: »Eile hinunter, Machseja! Schick Mibtachja zu ihr, deine Tochter – die ist die einzige, deren Wort sie beruhigt.«

Hauptmann Machseja wandte sich der Treppe zu, sprang die Stufen hinab. Aber der Alte folgte ihm. »Halt!« rief er ihm nach. »Verkünde allem Volk, daß der Bote gekommen ist aus Jerusalem! Nenne seinen Namen und sein Geschlecht. Sage ihnen, daß er freudige Botschaft bringe aus der heiligen Stadt, verkünde ihnen, daß mit dieser Nacht alle Trauer ein Ende nimmt. Rufe die Priester zusammen und alle Hauptleute – gelobt sei Jahwe, der Herr der Heerscharen!«

Er wandte sich zurück zu dem Fremden. »Warte nur, Jehiel bar Obadja, du wirst Zeuge sein von des Volkes Jubel und Freude. Du wirst erzählen können im Hohen Rate zu Jerusalem, welches Glück du in diese Stadt brachtest! Sie werden dir schon zeigen, wie dankbar sie sind.«

Der Bote aus Juda schien verlegen. »Ich weiß nicht, Jedonja,« begann er, »ich weiß nicht –«

Aber der Alte unterbrach ihn, gutmütig lachend. »Laß nur, Jehiel,« sagte er, »ich verstehe dich schon! Du bist nur der Bote, meinst du, nur der Überbringer der Freudenbotschaft, auf die wir fünf Jahre lang vergeblich warteten. Freilich, freilich – ich begreife dein Empfinden. Aber du mußt es schon über dich ergehn lassen. Wie ich das tue, so sehn sie alle in dir den Mann aus Jerusalem, du stehst ihnen für Zion selbst. Nimm nur die Ehren an und die Geschenke, die sie dir geben werden: in dir ehren sie ihrer Väter Land!«

Jehiel öffnete die Lippen, doch ein Geschrei aus den Gassen übertönte seine Worte. Es brach los dicht unter des Jedonja Hause, pflanzte sich fort durch die Gasse, schwoll an an der Ecke, ließ ein wenig nach, flackerte fort, brach an drei, vier Stellen zugleich aus, immer lauter und wilder.

»Hörst du es, Jehiel?« fragte Jedonja. »Nun wissen sie, daß du hier bist – wissen, was du uns bringst!« Er trat dicht an die Zinne des Daches, bog sich hinüber. »Bist du es, Jozadak bar Natan? – Sag dem Volke, es soll zu dem Platze kommen, auf dem unser Tempel stand. Sag ihnen, sie möchten alles vorbereiten und dann still dort warten: ich würde bald kommen mit dem Mann, den Jerusalem sandte. Sie sollen ihn alle sehn, noch heute nacht, den Mann, der das Heil uns brachte!«

Er trat zurück von der Zinne, wandte sich wieder dem Fremden zu.

»Du wirst es sehn, Jehiel, wie sich das Volk freuen wird! Und nicht wir Juden allein, auch die Babylonier, die Phöniker und Syrer – alle Krieger der Festung und ihre Weiber und Kinder. Sie glauben, wie wir, daß mit dem Jahwetempel die ganze Veste sicher ist. Kein Ägypter kann ihr etwas anhaben, wenn nur erst eine Masseba steht.«

Das Gesicht Jehiels verfinsterte sich. »Eine Masseba –« begann er.

Aber der Alte unterbrach ihn. »Ich weiß, ich weiß! Keine Masseba und keine Aschera! Die zerschlugen sie im Tempel von Jerusalem vor zweihundert Jahren schon, alle Steinkegel und heiligen Pfähle! Wie sie die Rosse und den Wagen verbrannten, den die Könige von Juda am Eingang des Tempels für den Sonnengott hielten, wie sie die Altäre des Ahaz auf dem Dach und die des Manasse in den Vorhöfen niederrissen. Weit sind wir entfernt von Jerusalem, wir Juden von Jêb – glaube nicht, Jehiel, daß wir darum dem Jahwe weniger anhängen. Wir wollen seinen Kult so rein wir ihr, wenn es auch einige Zeit nimmt, um uralte Gebräuche dem gläubigen Volke zu entfremden. Jehiel, in unserm neuen Tempel wird auch kein Nechuschtan mehr sein, keine heilige eherne Schlange. Wir wissen, wie ihr, daß die geflügelten Schlangen die Seraphim sind, die als Leibwächter vor Jahwes Thron stehn.«

Der Fremde schüttelte den Kopf. »Jedonja bar Germaja,« sagte er ernst, »du mußt mich hören. In Jerusalem steht der große Tempel Jahwes und der allein –«

Aber wieder unterbrach ihn Jedonja. »Sag uns dein Sprüchlein, Bruder, wenn du unten stehst, vor dem Volke! Sie alle wollen dich hören, von dem Obersten der Truppen angefangen bis zum letzten Sklaven. Selbst Arsames, der Satrap hat nach dir gefragt. Er war hier heute abend, stand auf dem Fleck, wo du jetzt stehst! Weißt du, was er mir zum Abschied gab, Jehiel? Zehn Karsch für unsern Tempelbau! Und noch zwölf Karsch: vier Karsch für Jahwe und je vier Karsch für Hanat und Aschima, unsere Göttinnen.«

Fröhlich wie ein Kind griff der alte Mann den Beutel und schwenkte ihn in der Luft herum.

Jehiel bar Obadja trat einen Schritt zurück, verschränkte die Arme. Seine Brauen zogen sich zusammen, seine Lippen kniffen sich zu. Dann sagte er auf Hebräisch: »Es gibt keine Göttinnen, weder Aschima noch Hanat.«

Der Alte horchte auf. »Aschima und Hanat,« begann er –

Aber der Mann aus Juda ließ ihn nicht zu Wort kommen, unterbrach ihn und sprach weiter. Jedonja hörte geduldig zu, nur zuweilen schüttelte er den Kopf. Den ersten Satz hatte er verstanden, halb erraten – von dem, was der Bote jetzt sagte, begriff er nicht ein einziges Wort. Endlich, als der andere eine Pause machte, warf er ein: »Warum sprichst du hebräisch zu mir? Ich verstehe es nicht.«

»Es ist die Sprache deiner Väter,« antwortete Jehiel auf Aramäisch.

Jedonja zuckte die Achseln. »Wir sprechen es nicht mehr – schon unsere Großväter haben es vergessen. Aramäisch ist die Sprache des Reiches, selbst an den Perserkönig und seine Statthalter schreiben wir in dieser Sprache! Und wie sollten wir uns hier verständigen mit Babyloniern und Phönikern, mit Persern und Syrern und Ägyptern, wenn wir nicht Aramäisch hätten?«

»Wir sind Hebräer,« sagte Jehiel. »Wir sprechen hebräisch in Juda.«

Jedonja wiegte den alten Kopf. »Ja, ja, ich weiß,« antwortete er, »mein Sohn hat mir davon erzählt! Aber jeder dort versteht aramäisch so gut wie wir. Und wie ihr euch auch anstellt: eure eigenen Kinder schon sprechen es allein und wollen nichts mehr wissen vom Hebräischen! Warum sperrt ihr euch? Aramäisch ist die Sprache der Völker! Wenn ihr die Masseben, die Ascheren und Nechuschtan zum alten Gerümpel werft – was klammert ihr euch an eine Sprache, die tot ist?«

»Ich bin nicht gekommen, Jedonja,« antwortete Jehiel, »um mit dir über Sprachen zu rechten. Hebräisch wollen wir sprechen, weil es Jahwes Sprache ist – ihn allein erkennen wir an, aber nicht Götzen wie Hanat und Aschima!«

Jedonja sah ihn an, verschmitzt, von unten herauf. Dann rief er: »Sprich doch, Jehiel, wo, sagtest du, bist du geboren?«

»In Bethanien,« erwiderte Jehiel.

»Hm, hm!« machte der Alte. »Und du sprichst hebräisch und weißt gut, was das bedeutet, denke ich! Bet – das ist ein Tempel! Bet – hanat – das ist der Hanat Tempel! Nach ihr führt deine Stadt ihren Namen – nach Hanat, Jahwes Gattin!«

»Ich bin nicht verantwortlich,« erwiderte Jehiel, »für das, was in alten Zeiten geschah. Doch wiederhole ich dir, Jedonja, wir Juden von heute kennen keine Göttinnen mehr.«

»So verleugnest du deinen Glauben?« fragte der Alte. Aber Jehiel antwortete ihm nicht.

»Ich will dir etwas erzählen,« fuhr Jedonja fort. »Es geschah, als mein Großvater noch ein Knäblein war, hier, in dieser Stadt. Er war dabei, aber er hätte es wohl vergessen, wenn es nicht immer wieder erzählt worden wäre, von den Alten, als er jung war und später von den Jungen, als er alt wurde. Auch von mir, Jehiel! Damals floh vor dem König der Babylonier Jeremias, der Prophet, kam mit einem Trupp flüchtiger Juden ins Ägypterland, den Nil herauf, hierher in unsere Stadt.

»Wir erquickten ihn und alle, die mit ihm waren, gaben ihnen Obdach und Kleidung und Speise und Trank. Jeremias aber, der Prophet, war wenig dankbar für unsere Gaben. Er trat vor unsern Jahwetempel und schrie laut, daß alles Volk zusammenlief. Und dann beschimpfte er die Juden unserer Stadt und bedrohte sie mit allen Strafen des Himmels, weil sie noch andern Göttern und Göttinnen opferten, außer Jahwe.

»Da antworteten dem Jeremia alle Männer: ›Wir wollen dir nicht gehorchen! Sondern wir wollen tun, was wir gelobt haben und wollen der Himmelsgöttin Weihrauch und Trankopfer bringen, wie wir und unsere Väter, unsere Könige und Beamten in den Städten Judas und auf den Gassen zu Jerusalem taten – damals konnten wir uns satt essen, es ging uns gut und wir hatten kein Unglück! Aber seit die Juden aufgehört haben, der Himmelskönigin Weihrauch und Trankopfer zu bringen, seitdem leiden sie Mangel und kommen um durch Feuer und Schwert.‹

»Und die Weiber schrien: ›Wir räuchern der Himmelskönigin und backen ihr Kuchen und bringen ihr Trankopfer – mit dem Wissen und Willen unserer Männer.‹

»Weißt du, Jehiel, was der Prophet tat? Er verfluchte unsere Männer und Weiber. So sprach er: ›Siehe, ich schwöre bei meinem großen Namen, spricht der Herr, ich will wachen über die Juden im Ägypterlande zu ihrem Unglück! Wer aus Juda im Ägypterland ist, soll durch Schwert und durch Hunger umkommen! Den Pharao aber, so spricht der Herr, den König in Ägypten, will ich übergeben in die Hand seines Feindes, des Königs zu Babel, Nebukadnezar!‹

»So sprach Jeremias, der Prophet, und so prophezeite er – wir Juden in Jêb aber und in Migdol und Noph und in allen Städten Ägyptens opferten weiter der Himmelsgöttin. Was aber geschah? Fiel der Pharao in Nebukadnezars Hand? Wurden wir ausgerottet durch Hunger und das Schwert der Babylonier? Das Gegenteil traf ein! Der Perserkönig schlug Babylon in Stücke! Der Perserkönig hatte Mitleid mit den Juden, er errettete die Leute von Juda aus babylonischer Gefangenschaft, führte sie zurück nach Jerusalem, erlaubte ihnen, wieder ihren Tempel zu erbauen! Und der Perserkönig zog nach Ägypten und eroberte das Reich! Ihr in Juda, Jehiel, wurdet Sklaven zu Babel – wir aber blieben freie Männer am Nil. Und die Perser sind es, die eure und unsere Freunde sind und uns schützen.

»Jeremias war ein falscher Prophet! Und weil wir ihm nicht gehorchten, wie ihr in Juda, weil wir den Glauben unserer Väter nicht aufgaben – darum beschützte uns Jahwe, der Himmelsgott.«

Jehiel, des Obadja Sohn, rieb sich die Hände. Was konnte er diesem Alten nur antworten, der in einer vergangenen Zeit lebte? Er verwünschte den Hohen Rat, der ihn hierher gesandt hatte.

Schließlich fragte er: »Was verehrt ihr sonst noch?«

»Mein Gott ist Jahwe,« antwortete der Alte, »und alle glauben mit mir, daß er der große, der mächtige, der ewige Gott der Juden ist. Aber das Volk opfert dem Himmelsheer auf den Dächern und den Teraphim in ihren Häusern, wie Rahel, Jakobs Frau und König David taten. Auch den Sonnengott verehren unsere Männer, und unsere Frauen feiern ein Trauerfest, wenn Tammuz dahinstirbt, der Frühlingsgott!«

»Greuel! Greuel!« rief Jehiel. »Eure Priester sind Götzendiener, sie verdienen, gesteinigt zu werden!«

Da richtete sich Jedonja auf: »Unsere Priester, Jehiel, sind aus Lewi Stamm, so gut wie die in Jerusalem! Sie haben ihre Fehler, weil sie Menschen sind, aber sie mögen ruhig stehn neben denen vom Tempel zu Zion!«

»Wie meinst du das?« fragte Jehiel unsicher.

»Du bist weit fort von Jerusalem, Jehiel,« antwortete Jedonja, »aber du bist nicht außerhalb der Welt in Jêb. Wir wissen, was vorgeht in Jerusalem! Darum sollst du nicht unsere Priester schelten – keiner von ihnen ist ein Mörder! Aber der Hohepriester Jochanân, der Sohn des Jôjada, des Hohenpriester Eljaschit Enkel, erstach seinen eigenen Bruder Jesus, erstach ihn mitten im Tempel! Bagoas, der Statthalter von Juda, der Perser, der Feueranbeter, drang voller Zorn in den Tempel, er, ein Ungläubiger! Und als die Juden ihm vorstellten, welche Schmach und Schande er damit dem Volke antue, antwortete er: er sei reiner als der Brudermörder, der hier als Hoherpriester amtiere! Und er legte euch als Strafe auf, daß ihr fünfzig Drachmen Steuer bezahlen müßt für jedes beim täglichen Opfer geschlachtete Lamm! – In unserm Tempel, Jehiel, hat nie ein Perser eine Strafsteuer für das Brandopfer als Sühne für einen Mord verlangt. Und nie hat ihn je ein Ungläubiger betreten. Du solltest dich hüten, Jehiel, Schlechtes zu sprechen über unsere Priester.«

Tritte hallten von der Treppe, die zum Dache hinaufführte. Ein Mann kam herauf in ägyptischer Kleidung und Barttracht. »Großvater,« rief er, »dein Sohn Machseja sendet mich! Alles Volk ist versammelt auf dem Tempelplatz, sie warten auf dich und den Boten aus Jerusalem!«

»Sag ihnen, daß wir gleich kommen werden!« rief Jedonja dem Davoneilenden nach. »Man soll die Opfer bereithalten!«

Jehiel fragte: »Ein Ägypter? Haben auch Fremde teil an euren Gottesdiensten?«

»Ein Ägypter, ja!« antwortete der Alte. »Ashor, des Zacho Sohn, der Baumeister. Er trat über zu unserm Glauben, als er Mibtachja heiratete, meine Enkelin.«

»Ihr sollt eure Töchter nicht Fremden zu Frauen geben,« rief Jehiel, »noch erlauben, daß eure Söhne fremde Weiber nehmen! Wißt ihr nicht, daß Ezra, der Prophet, alle fremde Frauen vertrieb aus der heiligen Stadt? Unrein sind alle Ungläubigen – ihr sollt sie nicht berühren.«

»Alle, Jehiel, alle?« gab der Alte zurück. »Ist das wirklich die Meinung in Jerusalem? Mein Sohn Machseja brachte mir ein Lied von dort mit – das schrieb Jesaias, auch ein Prophet – und ein größerer dazu und wahrerer, als dein Ezra war und Jeremias! Wir ließen es übersetzen ins Persische, und meine Boten brachten es hinauf nach Susa, der Perserstadt, als wir um den Tempelbau einkamen. Als ein Geschenk aller Juden für den König. In diesem Sang begrüßt Jesaias den König Kores, den Perser, den Ungläubigen, den Mazdaverehrer – ihn begrüßt er als der Juden Messias! Kennst du das Lied nicht, Jehiel bar Obadja? Höre doch:

»So spricht der Herr zu Kores, seinem Gesalbten: ›Deine rechte Hand ergreife ich, daß ich die Heiden dir unterwerfe! Ich will vor dir hergehen und die Berge dir eben machen, will die ehernen Tore zerschlagen und die eisernen Riegel zerbrechen! Denn ich, der Herr, der Gott Israels, habe dich bei deinem Namen genannt, um Jakobs, meines Knechtes, und um Israels meines Auserwählten willen. Ich habe dich erweckt in Gerechtigkeit, und all deine Wege will ich ebnen. Mit dir ist Gott – und du, fürwahr, bist ein verborgner Gott, du bist der Gott Israels, du der Heiland!‹

»Soll ich dir noch mehr sagen, Jehiel bar Obadja? – Wie sollen wir Fremde, die glauben wie wir, aus dem Hause stoßen, wenn der große Jesaias den König Kores, den Anhänger Zoroasters, den Feueranbeter, als unsern Gott und Heiland erklärt?«

Jehiel biß sich auf die Lippen. Er mußte herauskommen mit der bittern Botschaft, die er dem Alten bringen sollte und wußte nicht, wie ers anstellen mochte. »Höre, Jedonja,« begann er, »es hat sich manches geändert im Lande der Juden. Das Gesetzbuch –«

Aber wieder unterbrach ihn der Alte. »Wir haben es angenommen. Ihr habt es dem Mose unterschoben – das wundert mich, da dessen Namen doch ägyptisch ist und nicht hebräisch! Nicht auf einmal drang es hier durch – es dauerte Generationen, bis man sich daran gewöhnte in unsern ägyptischen Kolonien. Aber wir nahmen es an – ich sagte dir schon, daß unser neuer Tempel weder Flügelschlangen haben wird, noch Masseben und Ascheren.«

»Das Gesetz ist größer geworden und strenger,« fuhr Jehiel fort. »Ezra brachte ein neues Gesetz mit aus Babylon.«

»Mein Sohn sprach davon,« erwiderte Jedonja, »er hat sich gut umgehorcht bei den Leuten in Juda und Samaria. Ein neues Gesetz – und auch das geht auf Moses' Namen, des Mannes, der an unserm Nil geboren war! Weißt du, Jehiel – es ist ein enges Gesetz, und kein Kind dieses mächtigen Stromes würde es ausgedacht haben. Ich kenne noch nicht viel davon – aber das weiß ich, daß es ein Gesetz aus der Knechtschaft ist. Die freien Juden in Juda und Samaria, die, die zurückgeblieben und nicht verschickt wurden in die Sklaverei, die mögen es nicht!«

»Sprich nicht von den Samaritern,« erwiderte Jehiel, »wir hassen sie mehr wie die Ungläubigen!«

Jedonja sagte: »Für uns sind sie Juden, wie die Leute aus Juda. – Ihr wurdet sehr reich in Babylon, trotz aller Knechtschaft, und Ezra und die Vornehmen konnten den großen Ferman kaufen von Artaxerxes, dem Perserkönig, der sie zurückführte nach Jerusalem und ihnen Macht gab für ihr neues Gesetz. Dennoch – nicht Ezra vermochte es durchzusetzen, daß man das neue Gesetz anerkannte im Judenlande. Das tat sein Freund, Nehemia, der Mundschenk war an des Perserkönigs Hof – der kam, der setzte es durch – gegen den Willen des Volkes. Sei es, wie es sei – ich will nicht rechten mit dir, Jehiel! Wenn es das Gesetz nun ist – wir wollen uns fügen. Wenn ihr Neuerungen habt, sagt sie uns. Wir können nicht mit Gewalt große Änderungen schaffen, nicht von heute auf morgen – das muß langsam gehn und allmählich in unseren Städten im Ägypterlande. Das wirst du begreifen, Jehiel! Aber wir werden das Gesetz erfüllen: unser Tempel in Jêb soll nicht nachstehn dem in Jerusalem. Du wirst mir alles sagen, Bruder, ich werde es selbst niederschreiben auf neue Papyrusrollen. Morgen am Tage! – Nun aber komm, das Volk wird ungeduldig. Fünf Jahre haben sie gewartet, daß man den Grundstein zum neuen Tempel setze – so laß sie nicht länger noch warten.«

Er wandte sich zum Gehn, faßte den Arm Jehiels. Aber der machte sich los, sagte rasch: »Ich kann nicht mit dir kommen, Jedonja!«

Der Alte erschrak: »Was ist dir? Fühlst du dich krank? Hat die Reise –«

»Nein! Nein!« rief der Mann aus Jerusalem. »Ich kann nicht mit dir kommen, weil – weil –« Er suchte nach Worten, hob die Arme und ließ sie wieder fallen. »Hör mich, Alter,« fuhr er fort. »Der Hohepriester und der Rat von Jerusalem verbieten euch, euren Tempel wieder aufzubauen!« Er atmete auf, wie erlöst – endlich war es heraus.

Der alte Mann griff sich mit der Hand an den Kopf. Er schwankte, taumelte, faßte die Zinnen, um nicht zu fallen.

»Was?« stammelte er. »Was sagst du da?«

Jehiel antwortete nicht. Ein Schweigen – von unten her hörte man eine Stimme, die vom Tempelplatze her schallte. Irgend jemand redete da – man hörte seine letzten Worte durch die Nacht:

»– – ersten Stein setzen noch in dieser Nacht! Und in kurzer Zeit wird unser Tempel hier stehn – größer, herrlicher als je zuvor! Gelobt sei Jahwe, der Herr der Heerscharen!«

Und die Menge nahm es auf, schrie und jubelte.

Jedonja zitterte. »Was sagst du da?« wiederholte er. Dann besann er sich. »Nein – nein – das ist unmöglich – das kannst du nicht gesagt haben! Irgendein Dämon hat mir das Wort in die Ohren geraunt!« Er lachte auf, fuhr fort: »Ich werde sehr alt – kindisch! Ich glaubte eben, daß – Aber, es ist dummes Zeug! Ich besinne mich gut, du hast mir und meinem Sohne gesagt, daß unsere Trauer zu Ende sei! Daß wir trinken sollten und schmausen –«

»Das habe ich gesagt,« fiel Jehiel ein, »das ist die Botschaft des Hohenpriesters und des Rates: ›Ihr sollt eure Trauer aufgeben! Sollt schmausen und Wein trinken! Sollt die Trauerkleider ablegen! Sollt euch salben und zu euren Weibern gehen!‹ Aber, Jedonja – euren Tempel dürft ihr nicht wieder aufbauen!«

Jedonja sah ihn starr an, unbeweglich. Dann plötzlich sank er um – wie ein ägyptischer Stier, dem des Metzgers Steinkeule den Schädel zerschmettert. Jehiel sprang hinzu, richtete ihn auf, führte ihn zu der Bank.

»Ich kann es nicht ändern, Alter,« sagte er, »ich bin nur der Bote, habe auszurichten, was mir aufgetragen wurde.«

Der Alte schüttelte den Kopf, wischte einen starken Schweiß ab, der ihm aus den Schläfen brach.

»Warum?« begann er. »Warum? Ist es, weil bei unserm alten Tempel Steinkegel standen und heilige Pfähle? Weil wir Tammuz opfern und dem Sonnengott, Hanat und Aschima? – Ich schwöre dir, bei meinem Leben, bei dem Leben meiner Kinder und Enkel und Urenkel – wir wollen es nicht mehr tun, wenn Jerusalem das verlangt! Nehmt uns Tammuz – nehmt uns Hanat – aber laßt uns Jahwe!«

Der Mann aus Jerusalem antwortete nicht.

»Das kann nicht dein Ernst sein,« fuhr der Alte fort. »Wir haben viele Geschenke nach Jerusalem gesandt, gemünztes Gold, silberne und goldene Becher und Schalen – ihr habt sie alle genommen. Wir wollen euch dreimal soviel schicken! Wenn wir Unrecht taten, wenn wir verstießen gegen das neue Gesetz, das wir nicht kannten – legt uns Buße auf! Wir wollen sie getreulich erfüllen! Der Perserkönig gab euch Vollmacht über Juda und Jerusalem und alle Juden – setzte euch zu Richtern ein über jeden Juden, der das Gesetz Gottes und das Gesetz des Königs nicht befolgt – so ist euer Gesetz Gottes Gesetz, wie es des Königs Gesetz ist. So richtet dann! Aber der König selbst und seine Statthalter gaben uns Erlaubnis für unsern Tempelbau – warum weigert ihr sie?«

Drei Männer stürzten die Treppe hinauf, zwei babylonische Krieger und ein Hauptmann, ein Perser.

»Artaphernes schickt mich!« rief er. »Wir haben Nachricht, daß die ägyptischen Truppen vor der Stadt aus ihren Quartieren getreten sind. Sie haben ihre Offiziere ermordet und versammeln sich in dem Palmenwalde bei dem Tempel des Chnûb. Du sollst sofort deine Leute zusammenrufen, dein Tor und deine Mauer stark besetzen. Dein Sohn Machseja soll sich bereithalten mit zweihundert Mann; er soll bei Morgengrauen hinauf zu den Stromschnellen, soll die Felseninseln besetzen, die Satis und Anubis heilig sind, den ägyptischen Göttinnen.«

Jedonja richtete sich auf: »Sage dem General, Hauptmann Hornuphis, daß seine Befehle ausgeführt werden.«

Der Hauptmann wandte sich zum Gehn. »Er läßt dir noch sagen, Jedonja,« rief er, »du möchtest sofort deinen Tempelstein setzen. Die phönikischen und babylonischen Hilfstruppen teilen die Angst von euch Juden – setze den Stein, das gibt ihnen im Augenblick den Mut wieder!« Mit langen Sätzen sprang er die Treppe hinab.

Wieder wandte sich Jedonja an den Mann aus Jerusalem. »Hörst du es, Jehiel,« sprach er, »hörst du es? Alles Volk in Jêb, Juden und Ungläubige, glauben fest an die Prophezeiungen des Weibes des Mahûzija! Sie kämpfen mit halbem Mute, wenn der Grundstein nicht steht zum Jahwetempel, werden wir Kinder sein vor dem Schwert der Ägypter.«

Jehiel schüttelte langsam den Kopf. »Ich kann dir nicht helfen, Jedonja! Das Gesetz bestimmt – und es ist nicht das des Ezra, sondern das zweihundert Jahre alte schon, das er vervollkommnete – daß nur in Jerusalem, nur in der heiligen Stadt selbst, Jahwe seinen Sitz hat. Nur dort darf sein Tempel stehn, nur dort sein Opferaltar!«

»Als wir fortzogen von Juda,« flüsterte Jedonja, »da stand auf jeder Höhe und unter jedem grünen Baum sein Tempel oder sein Altar!« Dann besann er sich, seine Stimme hob sich: »Aber Jesaias, unser größter Prophet sagt: ›Fünf Städte in Ägypten werden die Sprache Kanaans sprechen und beim Jahwe der Heerscharen schwören. Ein Altar Jahwes wird inmitten Ägyptens stehn – das wird für Jahwe der Heerscharen ein Zeichen und Zeugnis in Ägypten sein: wenn sie von Bedrängern zu Jahwe schreien, wird er ihnen einen Retter senden, der streiten und sie befreien wird!‹ – So sprach Jesaias, der große Prophet, lange nach diesem Gesetze! Und ist es nicht wahr, was er sagte? Die Bedränger stehn vor den Toren und wir schreien zu Jahwe! Auch der Retter naht schon auf dem Nile – Arlabanos, den uns mit starken Truppen der Statthalter zu Hilfe sendet – der wird für uns streiten und uns erretten, wenn nur erst der Stein zu Jahwes Tempel steht!«

Jehiel antwortete: »Die Propheten sind unverantwortlich – ich bin nicht ihr Richter, der urteilt, ob sie wahr oder falsch sprachen. Ich weiß, daß das alte Gesetz nie streng durchgeführt wurde – heute aber wird es das, seit den Tagen von Ezra und Nehemia! Für dieses Gesetz aber stehe ich vor dir, Jedonja, im Namen des Hohenpriesters und des Rates von Jerusalem, deinen Richtern, die Jahwe selbst und der Perserkönig über dich setzten. Und in ihrem Namen verbiete ich dir, deinen Tempel zu bauen!«

Weit her, außerhalb der Mauern der Veste, aus dem Palmenwalde her und von den Sykomoren, die den Säulentempel des Chnûb umstanden, hörte man ein verworrenes Geschrei. Dann ein dumpfes Getöse, Schlagen von Waffen, Schildern und Speeren aneinander. Gleich darauf erscholl ein harter Lärm vom Löwentor her, der sich rasch fortsetzte zwischen den Häusern. Jedonja trat an die Zinnen, blickte hinüber, sah Männer und Weiber aufgeregt durch die Gassen stürzen. Er erkannte seinen Hauptmann Hoschea, rief ihn an, befahl ihm, er solle alle Krieger sofort zusammenrufen. Dann klatschte er dreimal in die Hände, rief dem heraufeilenden Sklaven zu, sein Rüstzeug zu bringen.

Seines Sohnes Stimme rief ihn zurück an die Zinnen des Daches. »Die Ägypter haben ein Boot abgefangen,« schrie er hinauf, »das der Statthalter sandte. Aber einer der phönikischen Seeleute ist entronnen; man brachte ihn durchs Löwentor! Er bringt die Nachricht, daß der König tot sei!«

»Der König tot!« flüsterte Jedonja, »unser Herr, unser Schützer, König Darius tot!«

»Beim Jahwe der Heerscharen, Vater,« scholl Machsejas Stimme, »zögere nicht länger, setz den Tempelstein! Die ägyptischen Meuterer wissen vom Tode des Königs, hörst du nicht ihren Jubel vom Tempel des Chnûb her? Sie werden die Verwirrung benutzen, werden uns angreifen noch heute nacht! Ich flehe dich an, Vater, komm herunter mit dem Manne aus Jerusalem, setz den Tempelstein für Jahwe, unsern Gott, der die Stadt schirmt vor allen Feinden!«

Noch einmal wandte sich Jedonja an Jehiel. »Kannst du noch schwanken?« rief er. »Für den Hohenpriester, sagst du, stehst du vor mir, für den Hohen Rat von Jerusalem! So handle in ihrem Namen! Glaubst du, daß sie zögern würden in diesem Augenblick? Wenn du zurückkommst, schildere ihnen, was du hier sahst – Jahwe selber wird aus dir sprechen! Sie werden es verstehn, werden gut heißen, was du tatest. Sei du der Retter, von dem Jesaias sprach: gib die Erlaubnis zum Tempelbau!«

Aber Jehiel bar Obadja blieb ungerührt. »Nicht ich – das Gesetz hat gesprochen!« antwortete er.

Jedonja faßte seinen Arm. »Siehst du denn nicht, was das bedeutet?« schrie er. »Syene ist völlig unzuverlässig, vielleicht ist es in dieser Stunde schon in den Händen der Ägypter. Fällt unsere Veste, so ist die ganze Thebais in der Gewalt der Feinde! Der Tod des Königs stählt ihre Arme – sie werden das Joch der Perser abschütteln und ganz Ägypten gewinnen! Das bedeutet den Tod aller Perser – und aller Juden zugleich! Hörst du, Jehiel, aller, aller Männer und Weiber und Kinder! Auch meinen, Jehiel, auch deinen! Und die Griechen werden aufstehn, die seit des Xerxes Zeiten den Perser hassen! Hier in Ägypten, wie in Ionien und Lydien. Sie werden das Reich der Perser zerschlagen und mit ihm Juda und Jerusalem! Gib deine Erlaubnis – rette diese Stadt und mit ihr dein eigen Land! Komm mit mir, Jehiel, laß uns den Tempelstein setzen!«

Jehiel bar Obadja schüttelte den Kopf. »Das Gesetz verbietet es!« sagte er.

Erneut brach der Lärm herauf, diesmal dicht unter dem Hause. »Jedonja,« schrien die Juden. »Jedonja bar Gemarja! Oberster! Jedonja! Komm herab! Eile! Setze den Grundstein zum Tempel!«

Schweigend blickte Jedonja auf den Fremden. Wortlos, lautlos flehte er, ein letztes Mal. Aber Jehiels Auge wandte sich ab.

Da trat der alte Mann an die Zinne. »Schweigt,« rief er herunter, »schweigt alle! Ich, Jedonja, euer Oberster, will zu euch sprechen. Hört mich, ihr Juden von Jêb! Dieser Mann, der Bote aus Jerusalem, Jehiel bar Obadja, von den Kindern Sephatja, aus Bethanien, dieser Mann kam zu uns, gesandt von dem Hohenpriester und dem Rate von Jerusalem. Und im Namen des Hohenpriesters und des Rates der heiligen Stadt und im Namen des Gesetzes verkündet er uns, daß wir nicht mehr trauern sollen über die Vernichtung unseres Tempels! Wir sollen Festkleider anlegen, sagt er, sollen uns salben und trinken und schmausen und zu unsern Weibern gehn! Das ist der Befehl unserer Richter, des Hohenpriesters und des Hohen Rates im Namen des Gesetzes! Aber, sagt er: unsern Tempel dürfen wir nicht wieder aufbauen und dürfen keinen Grundstein zu unserm Tempel setzen! Denn so ist das neue Gesetz der Juden: nur in Jerusalem selbst darf des Jahwe Tempel stehn und nur dort sein Altar – sonst aber nirgend in der Welt. – Weil unser Tempel zerstört ward von den Priestern des Chnûb – eben darum sollen wir nun jubeln, sagt er, und frohlocken – denn er war ein Greuel vor dem Gesetz! Und das Gesetz der Juden in Jerusalem verbietet euch alle Götter – ihr sollt nicht beten zu dem Sonnengott auf den Dächern noch zu den Teraphim in den Häusern! Zu Aschima nicht, noch zu Tammuz, dem Frühlingsgott – auch nicht zur Hanat des Jahwe! Nur zu Jahwe selbst dürft ihr beten – so sagt das Gesetz! Aber einen Tempel dürft ihr ihm doch nicht errichten, noch einen Altar bauen – und dürft ihm kein Opfer bringen, weder Rauchopfer noch Speiseopfer noch Tieropfer! Denn das dürfen nur die Juden und nur die ihrer Priester, die in Jerusalem wohnen. So sagt das Gesetz!«

* * *

Amyrtaios selber, der dann Pharao wurde, führte die Ägypter gegen die Mauern von Jêb. Pia, des Espemut Sohn, zog von Syene heran; er erschlug den jüdischen Hauptmann Qonja und seine Hundertschaft. Alle griechischen, alle libyschen Truppen traten über zu den Ägyptern, später auch die Phöniker. Dargman, der die Fahne der Babylonier führte, hielt diese fest in der Hand; sie gingen nicht über zum Feinde. Aber ihr Widerstand war schwach, wie der der Juden –

Jeder kannte die Worte des Weibes des Mahûzija, der Prophetin, die sie so oft durch die Gassen schrie:

»Wir sind zuschanden geworden, an dem Tage, da die Fremden über das Heiligtum des Hauses des Herrn kamen. Und laßt ihr die Schmach währen – so wird euch der Herr züchtigen! Ihr mißachtetet seinen Befehl – so wird der Herr den Nilstrom mit euren Leibern füllen – die sollen ein Liedlein singen!

»Siehe, die Zeit ist gekommen, da im ganzen Lande seufzen sollen die tötlich Verwundeten. Man wird ein Geschrei hören zu Jêb und großen Jammer im Lande der Ägypter. Der Herr zerstört die Veste Jêb – Schwert kommt über Männer und Weiber von Jêb und über seine Kinder, Schwert kommt über Rosse und Wagen und alles Volk.

»Denn Jêb, die Veste, soll vertilget werden, darum, daß sie sich wider den Herrn erhoben; Furcht, Grube und Strick kommt über euch – so spricht der Herr.«

Jeder kannte die Worte – jeder wußte, daß der Tag nun gekommen war. Wie mochte man da fechten?

Nur die Schleuderer Dargmans, des Iraniers, die hundert Heiden aus der Oase Chârezm, standen ihren Mann. Sie verstanden nicht, was die andern redeten, sprachen nur ihre wilde Sprache vom Oxus. Man erschlug sie, jeden einzelnen, und warf ihre Leiber in den Nil.

Und alle Perser erschlug man, die in der Veste waren. Und die Juden. Alle, Männer, Weiber und Kinder.

Am Elefantentor fiel der Fünfundachtzigjährige, Jedonja, des Gemarja Sohn; eine Leiche, fiel er über die Leiche seines Sohnes Machseja.

Aber den Mann seiner Enkelin, Ashor, des Zacho Sohn, den ägyptischen Baumeister, den fingen sie. Schlugen ihn ans Kreuz.


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