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Die Hinrichtung des Damiens

Ich glaube daher, daß die Sinnesempfindungen noch etwas mehr enthalten, als die Philosophen sich einbilden. Sie sind nicht bloß leere Wahrnehmungen von gewissen im Hirn gemachten Eindrücken: sie geben der Seele nicht nur Ideen von Dingen; sondern sie stellen ihr auch wirklich Gegenstände vor, die außer ihr existieren, ob man gleich nicht begreifen kann, wie dies eigentlich zugehe.

Leonhard Euler, Briefe an eine Deutsche Prinzessin. Bd. II. S. 68.

 

Sie saßen in der Lobby des Kurhotels, rekelten sich in den Ledersesseln und rauchten. Vom Tanzsaale her klang die Musik herüber.

Erhardt zog die Uhr heraus und gähnte. »Spät genug,« sagte er, »sie könnten Schluß machen!«

Da lief der junge Baron Grödel heran. Er griff eines der Gläser und leerte es. »Ich hab mich verlobt, meine Herren!« jappte er.

»Mit Evelyn Ketschendorf?!« fragte der dicke Dr. Handl. »Hat lange genug gedauert.«

»Gratuliere, Vetter,« rief Attems, »drahts der Mama!«

Aber Brinken sagte: »Nimm dich in acht, Junge! Sie hat englische, zurückgekniffene Lippen.«

Der hübsche Grödel nickte: »Ihre Mutter war Engländerin.«

»Ich hab mirs gedacht«, meinte Brinken. »Nimm dich in acht, Junge!«

Aber der Baron hörte nicht; er stellte das Glas zurück auf den Tisch und rannte fort zum Tanzsaal.

»Sie mögen die Engländerinnen nicht?« fragte Erhardt.

Dr. Handl lachte: »Wissen Sie das nicht? Er haßt alle Frauen, die ein wenig Rasse und Klasse haben und ganz besonders, wenn sie englisch sind! Nur dicke, dumme, blöde Weiber finden Gnade vor seinen Augen – Gänse und Kühe!«

»Aimer une femme intelligente est un plaisir de pédéraste!« zitierte Graf Attems.

Brinken zuckte die Achseln. »Obs das grade ist, weiß ich nicht. Auch ists nicht richtig, daß ich die Frauen hasse, die Intelligenz haben: wenn sie weiter nichts haben, mögen sie mir sonst recht sympathisch sein. Nur vor denen, die eine Seele haben, Gefühl, Phantasie – vor denen fürchte ich mich in Liebessachen. Kühe und Gänse sind biedere Tiere – die fressen Heu und Körner und nicht ihresgleichen.«

Die andern schwiegen; da fuhr er fort:

»Ich kanns euch näher erklären, wenn ihr wollt. – Heute früh ging ich spazieren durch die Morgensonne, da sah ich in Val Madonna ein paar verliebte Schlangen. Zwei stahlblaue, dicke Nattern, anderthalb Meter lang eine jede. Es war ein schönes Spiel; sie glitten zwischen den Steinen, kamen vor und zurück, zischten sich an. Endlich ringelten sie sich hoch aneinander, standen wiegend auf den Schwänzen, hochaufgerichtet, engverschlungen. Die Köpfe fuhren gegeneinander, die Mäuler waren weit geöffnet, die gespaltenen Zungen stachen durch die Luft. Oh, nichts ist schöner als solch Hochzeitspiel! Die goldenen Augen leuchteten – ich meinte, daß die beiden blitzende Krönlein auf den Köpfen trügen!

Dann fielen sie voneinander, ermattet von dem wilden Spiel, lagen da in der Sonne. Die weibliche Schlange erholte sich bald, langsam schob sie sich zu auf den todmüden Bräutigam. Faßte ihn beim Kopf; schlang den völlig kraftlosen ein. Würgte, würgte, millimeterweise schlang sie, unendlich langsam, den Leib des Gefährten hinab. Es war eine schreckliche Arbeit; man sah, wie alle ihre Muskeln arbeiteten, um das Tier, das größer war wie sie selbst, herunterzuschlingen. Aus den Gelenken schoben sich ihre Kiefer; sie bog sich hin und zurück, fraß immer tiefer den armen Gemahl ein. Schließlich ragte nur dessen Schwanz eine Handbreit aus dem Maule heraus – weiter ging es eben nicht. So lag sie da, plump, häßlich, völlig unfähig, sich zu rühren.«

»Na, und kein Stock und kein Stein da?« rief Dr. Handl.

»Wozu?« sagte Brinken. »Sollte ich sie vielleicht bestrafen? Die Natur ist nun einmal Teufelswerk, nicht Gotteswerk, das hat schon Aristoteles gesagt. Nein – ich ergriff den aus dem Maule ragenden Schwanz und zog den armseligen Geliebten aus seiner allzugefräßigen Angebeteten heraus. Sie lagen dann eine halbe Stunde nebeneinander in der Sonne, vollkommen erschöpft – ich möchte wohl wissen, was sie sich derweil gedacht haben. Dann krochen sie in die Büsche, er links, sie rechts – denn selbst eine Schlangendame kann ihren Gemahl nicht zweimal fressen. Aber vielleicht wird der arme Kerl sich nach dieser Erfahrung doch hüten, wieder auf Freiersfüßen zu wandeln.«

»Nichts Außerordentliches«, sagte Erhardt. »Jedes Spinnenweibchen frißt ihr Männchen nach der Hochzeit auf.«

Brinken fuhr fort: »Und die Mantis religiosa, die Gottesanbeterin, wartet erst nicht auf das Ende – das können Sie jeden Tag hier auf der Insel beobachten! Sie wendet geschickt den Hals herum, greift mit ihren entsetzlichen Beißzangen den Kopf des auf ihr sitzenden Liebhabers und beginnt diesen ruhig zu verzehren – mitten im Liebesakt. Nirgends aber, meine Herren, werden Sie beim Menschen mehr Atavismen finden als im Sexualleben – ich für meine Person bedanke mich für die seelischen Anwandlungen auch der schönsten Houri, die sich plötzlich als Schlange, Spinne oder Gottesanbeterin entpuppt.«

»Ich bin noch keiner begegnet!« bemerkte Dr. Handl.

»Das will nicht sagen, daß Sie ihr nicht morgen schon begegnen können«, antwortete Brinken. »Sehn Sie sich doch eine Sammlung irgendeiner Universitätsanatomie an, Sie finden da viel tollere Zusammenstellungen atavistischer Monstrositäten, als sich die Phantasie eines Durchschnittsmenschen ausdenken kann. Von den ganz gewöhnlichen Hasenscharten und Wolfsrachen angefangen, können Sie da – in menschlicher Gestalt – das ganze Tierreich finden. Und manche solcher Geschöpfe sind lebensfähig, leben sieben, zwölf Jahre und noch länger. Kinder mit Eberzähnen und solche mit Schweinsköpfen, Kinder mit Schwimmhäuten zwischen allen Fingern, zwischen Armen und Beinen, mit einem Froschmaul und Froschkopf und Froschaugen. Kinder mit Geweihen am Kopfe, nicht nur Hirschgeweihen – sondern Zangengeweihen wie beim Hirschkäfer. Wenn Sie solch ungeheuerliche Atavismen überall sehen können – ist es da weiter verwunderlich, daß sich einige absonderliche Eigenschaften von dem und jenem Tiere auch im menschlichen Seelenleben wiederfinden? Erstaunlich ist eigentlich nur, daß wir nicht viel häufiger darüber stolpern. Doch mag das seinen Grund darin haben, daß kein Mensch gern darüber redet. Sie können jahrelang sehr intim mit einer Familie verkehren, ohne zu erfahren, daß einer der Söhne als völliger Cretin in einer Anstalt untergebracht ist.«

»Zugegeben!« rief Erhardt. »Aber damit haben Sie uns noch keineswegs Ihren Argwohn vor gefährlichen Frauen erklärt! Reden Sie: wer war Ihre Gottesanbeterin?«

»Meine Gottesanbeterin«, sagte Brinken, »betete zu Gott jeden Morgen und jeden Abend – und brachte es fertig, daß ich mit ihr betete. Lachen Sie nicht, Graf, es war ganz wörtlich so, wie ich sage. Meine Gottesanbeterin ging zweimal jeden Sonntag zur Kirche und in die Kapelle zweimal am Tage. An drei Tagen in der Woche besuchte sie ihre Armen. Meine Gottesanbeterin –«

Er unterbrach sich, mischte seinen Whisky und trank. Dann fuhr er fort:

»Damals war ich eben achtzehn Jahre alt, Student in den ersten Ferien. Während meiner Gymnasial- und Universitätszeit schickte mich die Mutter in den Ferien stets irgendwohin ins Ausland – das sei gut für meine Bildung, meinte sie. Diesmal war ich in England, bei einem Schulprofessor in Dover, wo ich mich gründlich langweilte. Durch einen Zufall lernte ich dort Sir Oliver Bingham kennen, einen Vierziger, der mich einlud, ihn auf seinem Gut in Devonshire zu besuchen. Ich sagte sofort zu und fuhr ein paar Tage drauf mit ihm ab.

Binghamcastle war ein prächtiger Herrensitz, vierhundert Jahre und mehr im Besitz der Familie. Ein großer, wohlgepflegter Park, mit Golflinks und Tennisplätzen; ein kleiner Fluß floß hindurch, wo die Ruderboote lagen. Zwei Dutzend Reitpferde im Stall – und alles zur Verfügung des Gastes. Es war das erste Mal, daß ich englische Gastfreundschaft genoß und ihre wundervolle Freiheit – meine junge Freude war grenzenlos.

Lady Cynthia war die zweite Frau Sir Olivers. Er hatte zwei Söhne aus erster Ehe; beide waren in Eaton. Das sah ich sofort, daß diese Ehe nur dem Namen nach bestand. Sir Oliver und Lady Cynthia gingen wie zwei völlig Fremde nebeneinander her. Zwischen ihnen bestand nichts als eine äußerst gewählte, manchmal etwas gewollte Höflichkeit, die dennoch kaum je etwas Peinliches hatte. Die angeborene und anerzogene Konvention half beiden leicht über alle Klippen hinweg. Erst viel später begriff ich, daß Sir Oliver, kurz ehe er mich seiner Frau vorstellte, mich wohl hatte warnen wollen. Damals achtete ich nicht darauf. Er sagte: ›Sehen Sie mein Junge – Lady Cynthia, nun – sehn Sie – also – nun, besser nehmen Sie sich in acht!‹ Er konnte nicht recht herausreden, was er dachte, und wie gesagt, ich begriff ihn nicht.

Er, Sir Oliver, war ein rechter Landedelmann vom alten Stil – wie Sie ihn in jedem englischen Roman finden. Eaton, Oxford – Sport und ein wenig Politik. Seine Landwirtschaft machte ihm Freude, und er verstand sich drauf, da war kein Zweifel. Alle liebten ihn in Binghamcastle, Menschen und Tiere; er war ein starker, blonder Mann, braun und gesund und mit einem großem offenen Herzen. Er seinerseits liebte nicht weniger das, was ihn umgab und zeigte diese ländliche Abart der Liebe ganz besonders und ziemlich wahllos dem jüngeren weiblichen Personal. Das geschah ohne jede Heuchelei und ganz offensichtlich – nur Lady Cynthia schien durchaus nichts davon zu bemerken.

Es war diese offenbare Untreue seiner Frau gegenüber, die mich gleich in den ersten Tagen tief verletzte. Wenn je eine Frau, so schien mir, die volle unbeschränkte Liebe eines Mannes verdient hatte, so war dies Lady Cynthia, wenn Ehebruch je ein Verrat und ein abscheuliches Verbrechen war, so war es dieser Frau gegenüber.

Sie mochte siebenundzwanzig Jahre alt sein. Wenn sie im Mittelalter gelebt hätte, in Rom oder Venedig – man würde ihr Bild heute in allen Kirchen sehn: nie sah ich eine Frau, die so sehr ›Madonna‹ war. Das goldschimmernde Braunhaar trug sie in der Mitte gescheitelt; ihre Züge waren von erlesener Regelmäßigkeit, ihre Augen deuchten mich Meere amethystener Träume. Ihre langen, schmalen Hände waren von einer fast durchsichtigen Weiße – ihr Hals, ihr Nacken – es schien mir, als ob diese Frau kaum mehr irdisch sei. Man hörte nie ihren Schritt, es war, als schwebte sie durch die Räume.

Kein Wunder, daß ich verliebt war. Ich habe damals Sonette zu Dutzenden geschrieben, erst deutsch – dann englisch. Sie sind vermutlich herzlich schlecht gewesen – aber wenn Sie sie noch lesen könnten, meine Herrn, könnten Sie gewiß aus ihnen die minutiöseste Beschreibung dieser seltenen Schönheit ersehn. Und zugleich meines Gemütszustandes.

Und diese Frau betrog Sir Oliver rechts und links, ohne sich die Mühe zu geben, das zu verbergen. Ich konnte es nicht hindern: ich mußte ihn hassen. Er merkte das gut; er nahm ein paarmal den Anlauf, mit mir darüber zu sprechen, aber er fand wohl nicht den richtigen Weg.

Nie sah ich Lady Cynthia lachen – und nie weinen. Sie war ungewöhnlich still, wie ein Schatten glitt sie durch das Haus und den Park. Sie ritt nicht, spielte nicht Golf, trieb überhaupt keinen Sport. Auch um die Haushaltung bekümmerte sie sich nie; die war vollständig dem alten Hausmeister überlassen. Sehr fromm war sie, besuchte regelmäßig die Kirche und die Armen dreier Dörfer. Sie betete vor jeder Mahlzeit; jeden Morgen und jeden Abend ging sie in die kleine Schloßkapelle und kniete zum Gebet nieder. Nie sah ich sie eine Zeitung lesen und nur selten ein Buch. Dagegen stickte sie viel, Richelieu, Madeira, machte Spitzen, Rosen und Kanten. Zuweilen saß sie am Flügel im Musikzimmer; spielte auch wohl die Orgel der Kapelle. Während ihrer Handarbeit sang sie manchmal, mit halblauter Stimme, fast nur einfache Volkslieder. Erst manche Jahre später fiel mir auf, wie absurd es war, daß diese Frau, die nie ein Kind gehabt hatte, mit besonderer Vorliebe Wiegenlieder sang. Damals nahm ich es als eine träumerische Sehnsucht, die ich entzückend fand.

Unser Verhältnis bestimmte sich vom ersten Tage an: sie war die Herrin, und ich war der gehorsame, unendlich verliebte, doch sehr artige Page. Sie ließ sich zuweilen von mir vorlesen – Walter Scotts Ritterromane. Sie duldete mich um sich, wenn sie spielte oder stickte, und sang manchmal für mich. Bei den Mahlzeiten saß ich neben ihr – da Sir Oliver oft über Land war, waren wir sehr häufig allein. Ihre Sentimentalität hatte vollkommen von mir Besitz ergriffen: sie schien still über irgend etwas zu trauern – und ich hielt es für meine Pflicht, mitzutrauern.

Oft, in später Nachmittagstunde, stand sie an dem schmalen Fenster des Turmzimmers. Ich sah sie vom Parke aus da stehn; trat auch einigemale während dieser Stunde ins Zimmer. Eine knabenhafte Scheu hielt mich dann ab, sie anzusprechen, ich schlich hinaus auf den Zehenspitzen, lief die Treppen hinab in den Garten, versteckte mich weitab hinter einen Baum und sandte sehnsüchtige Blicke aus der Ferne zum Fenster hinauf. Sie stand da lange Zeit, unbeweglich. Manchmal verkrampften sich ihre Hände, ein Zucken flog über ihr Gesicht – aber die tiefen Amethysten ihrer Augen starrten hinaus, regungslos. Sie schien nichts zu sehn – ihr Blick drang über Bäume und Büsche, seltsam besessen.

Einmal, weiß ich, speiste ich allein mit ihr zur Nacht. Wir sprachen lange nach der Mahlzeit, gingen dann ins Musikzimmer. Sie spielte für mich – es war nicht die Musik, die mich glühen machte. Ich starrte auf diese weißen Hände, diese Finger, die nichts Menschliches mehr hatten. Als sie geendet, sich halb zu mir hinwandte, ergriff ich ihre Hand, beugte mich hinab und küßte ihre Fingerspitzen. In diesem Augenblicke trat Sir Oliver hinein. Lady Cynthia bot ihm, höflich wie stets, Guten Abend; dann ging sie hinaus.

Sir Oliver hatte meine Bewegung gesehn; er sah dazu meine leuchtenden Augen, die hinausschrieen, wie es in mir aussah. Er stapfte ein paarmal mit langen Schritten im Zimmer auf und ab, unterdrückte mühsam ein paar gute Flüche. Dann kam er auf mich zu, klopfte mir auf die Schulter und sagte: »Ums Himmels willen, Junge – nehmen Sie sich in acht! Ich sage Ihnen also – nein – ich bitte Sie, ich beschwöre Sie – nehmen Sie sich in acht! Sehn Sie – –«

Hier trat Lady Cynthia wieder ins Zimmer, ihre Ringe zu holen, die sie auf dem Flügel hatte liegen lassen. Sir Oliver brach kurz ab, preßte mir kräftig die Hand, verbeugte sich vor seiner Frau und ging hinaus. Lady Cynthia kam auf mich zu, streifte einen nach dem andern, ihre Ringe an die Finger. Dann reichte sie mir zum Gutenachtgruß beide Hände. Sie sprach kein Wort, aber ich fühlte, was sie befahl: ich beugte mich herab und bedeckte ihre Hände mit glühenden Küssen. Sie ließ sie mir lange – endlich machte sie sich los und ging.

Ich hatte das Gefühl, als hätte ich ein schweres Unrecht begangen gegen Sir Oliver, als ob es Ehrenpflicht sei, ihm davon Mitteilung zu machen. Es schien mir leichter, das schriftlich zu tun; ich ging also in mein Zimmer und setzte mich an den Schreibtisch. Ich schrieb einen Brief – zwei Briefe – drei Briefe; einer erschien mir immer dummer als der andere. Schließlich entschloß ich mich doch zur mündlichen Aussprache; ich machte mich also auf, Sir Oliver zu suchen. Um nicht wieder wankend zu werden, lief ich die Treppen hinauf, so schnell ich konnte – vor der Tür seines Rauchzimmers aber, die weit offen stand, blieb ich plötzlich stehn. Ich hörte Stimmen drinnen; erst das gutmütige, etwas breite Lachen Sir Olivers, dann eine Frauenstimme.

»Aber Sir Oliver«, sagte die Stimme.

»Geh, sei kein Närrchen,« lachte Sir Oliver, »hab dich nicht so!«

Ich drehte auf dem Flecke um, schlich die Treppe hinunter. Es war Millicents Stimme, eines der Stubenmädchen. Die also hatte er bei sich.

Zwei Tage drauf fuhr Sir Oliver nach London. Ich blieb allein in Binghamcastle, allein mit Lady Cynthia.

In dieser Zeit war ich im Wunderlande – in einem Eden, das für mich allein die Gottheit schuf. Es ist schwer, den Traumzauber zu beschreiben, in dem ich lebte. Damals versuchte ich es in einem Briefe an meine Mutter – als ich vor wenigen Monaten sie besuchte, zeigte sie mir diesen Brief, den sie getreulich aufbewahrt hatte. Der Umschlag trug auf der Rückseite die Worte: »Ich bin sehr glücklich!« Der Brief selber enthielt diesen erstaunlichen Gefühlserguß:

›Liebe Mutter: Wie es hier ist? Wie mir ist? – Oh Mutter – oh Mutter, Mutter!‹

Und noch ein halbdutzendmal: ›Oh Mutter!‹ Nichts sonst!

Damit kann man nun freilich den höchsten Schmerz, die wildeste Verzweiflung so gut ausdrücken, wie höchste Wonne und das größte Glück – aber etwas sehr Superlatives muß es gewiß sein!

Ich paßte früh morgens auf, wenn Lady Cynthia in die Kapelle ging, die ein wenig entfernt vom Schloß an dem kleinen Fluß lag. Dann wartete ich, bis sie hinauskam und geleitete sie zum Frühstück. Eines Morgens machte sie ein Zeichen – ich verstand es, ohne daß sie etwas zu sagen brauchte. Ich folgte ihr also in die Kapelle; sie kniete zum Gebet und ich kniete hinter ihr. Seither ging ich stets mit ihr in die Kapelle. Zuerst tat ich nichts, als sie anstarren, aber allmählich tat ich wie sie – ich betete. Denken Sie, meine Herren, ein deutscher Student! Ich weiß nicht mehr recht, was und zu wem ich betete, aber es war irgendein Dank für so viel Glück und ein Schauer heißer Wünsche für diese Frau.

Ich ritt viel – irgendwie mußte mein überschäumendes Blut sich austoben. Einmal war ich ziemlich früh hinausgeritten, hatte mich im Lande verirrt und saß durch manche Stunden im Sattel. Als ich endlich den Weg zum Schloß zurückfand, brach ein wütendes Gewitter aus, ein regelrechter Wolkenbruch. Ich kam an den Fluß und fand die Holzbrücke fortgerissen; um zu der nächsten steinernen Brücke zu kommen, hätte ich ein gutes Stück hinaufreiten müssen. Naß war ich ohnehin, so sprang ich also mit dem Gaul in den reißend angeschwollenen Fluß. Ich kam hinüber – obwohl ich die Kraft meiner abgetriebenen Stute stark überschätzt hatte und ein gutes Teil hinabgetrieben wurde. Lady Cynthia erwartete mich in ihrem Wohnzimmer; ich eilte also gleich in meine Räume, badete und kleidete mich um. Vielleicht sah ich ein wenig müde aus, jedenfalls bestand sie darauf, daß ich mich auf den Diwan legte. Dann setzte sie sich zu mir, streichelte meine Stirn und sang:

»Rockaby Baby on the tree top –
When the wind blows, the cradle will rock,
When the bough breaks, the cradle will fall,
Down will come baby, cradle and all!«

Sie streichelte meine Stirne und sang – es war, als ob ich in einer Wunderwiege läge, die am hohen Ast des Baumes hing. Der Wind blies und sang, und meine Wiege schaukelte in den Lüften. Wenn nur nicht der Ast brechen wollte, dachte ich.

Nun, meine Herren, mein Ast brach – und ich fiel hinab, unsanft genug.

– Lady Cynthia ließ mir ihre Hände zu jeder Zeit – nur ihre Hände. Ich zitterte nach ihren Schultern, ihrer Stirne – oh, an die Lippen wagte ich nicht zu denken. Ich sprach nie darüber; aber meine Blicke boten ihr mein Herz und meine Seele – und alles – an jedem Tag und zu jeder Stunde. Sie nahm alles und gab mir ihre Hände.

Manchmal, am späten Nachmittag, wenn ich stundenlang bei ihr gesessen hatte, wenn mein Blut aus allen Poren schrie, stand sie auf, sagte still: »Nun reite!« Sie ging nebenan in ihr Turmzimmer – leise folgte ich ihr, blickte durch die Vorhänge. Sie nahm ein kleines Buch auf, in alten Brokat gebunden. Sie setzte sich nieder, las – wenige Minuten nur, dann stand sie wieder auf. Ging ans Fenster, starrte hinaus. Ich ging in den Stall, sattelte mein Pferd, ritt durch den Park, dann hinaus in die Felder. Wie ein Wahnsinniger galoppierte ich durch den Abend. Ein kaltes Bad, wenn ich zurückkam – so fand ich ein wenig Ruhe für das Nachtmahl.

Einmal war ich früher ausgeritten, kam zurück zur Teezeit. Ich traf sie auf dem Gang, als ich zum Badezimmer ging.

»Komm,« sagte sie, »wenn du fertig bist! – Eil dich, der Tee wartet im Turm.«

Ich war im Kimono. »Ich muß mich noch anziehn,« antwortete ich.

»Komm, wie du bist,« sagte sie.

Ich sprang ins Bad, öffnete die Brause; in wenigen Minuten war ich fertig. Ich ging ins Turmzimmer. Sie saß auf dem Diwan, ihr kleines Buch in der Hand – das legte sie weg, als ich eintrat. Sie war im Kimono, wie ich – ein wunderbarer Kimono, Purpur mit Blumen aus mattem Grüngold. Sie schenkte mir Tee ein, butterte mir Toast. Kein Wort sprachen wir. Ich würgte den Toast herunter, goß den heißen Tee hinterher. Ich zitterte an allen Gliedern, schließlich liefen mir die hellen Tränen aus den Augen. Ich kniete vor ihr, griff ihre Hände, grub meinen Kopf in ihren Schoß. Sie ließ mich gewähren.

Endlich stand sie auf. Sagte still: »Du darfst alles tun – alles. Aber du darfst kein Wort sprechen. Kein Wort, kein Wort!«

Ich verstand nicht, was sie meinte; aber ich stand auf und nickte. Langsam ging sie zum schmalen Fenster.

Ich zögerte, wußte nicht recht, was ich tun sollte. Schließlich ging ich ihr nach, stellte mich hinter sie.

Ich wußte: ich sollte nicht sprechen.

Ich blieb unschlüssig stehn, regungslos wie sie. Ich hörte ihren leichten Atem. Dann beugte ich mich nieder, unendlich langsam, berührte ihren Nacken mit meinen Lippen. O so zart – kein Schmetterling mag zarter küssen. Dann fühlte ich – sie empfand diesen Kuß. Ein leiser Schauer ging durch ihre Haut.

Ich küßte die Schultern, ihren Hals, ihre duftenden Haare, die süßen Ohren. Leicht nur, sehr sanft, pagenhaft verlegen. Meine Finger suchten, fanden ihre Arme. Streichelten sie, schmeichelten auf und nieder. Ein Seufzer schwang sich aus ihren Lippen – weit in den Abend hinein.

Ich sah die hohen Bäume da draußen – hörte den Schlag einer verspäteten Nachtigall.

Ich schloß die Augen. Ich fühlte sie – fühlte sie – nichts war zwischen uns, nur ein wenig Seide.

Ich atmete tief und hörte sie atmen. Mein Leib bebte bis zu den Zehen hinab, und ich fühlte, wie sie zitterte in meinen Armen. Schneller ging ihr Atem und schneller, ein heißer Schauer griff ihren Leib. Da griff sie meine Hände, preßte sie gegen ihre Brüste.

Ich umschlang sie mit beiden Armen, zog sie eng an mich. So hielt ich sie – ich weiß nicht wie lange –

Endlich ließ sie die Arme fallen. Sie drohte umzusinken, hing eine Weile in meinen Armen. Dann raffte sie sich auf. »Geh,« sagte sie leise.

Ich löste meine Hände, wie sie befahl. Ließ sie, schlich hinaus auf den Fußspitzen.

An diesem Abend sah ich sie nicht mehr; ich war allein beim Nachtmahl.

Etwas war geschehn, aber ich wußte nicht, was es war. Sehr dumm war ich damals.

Am andern Morgen wartete ich auf sie vor der Kapelle. Lady Cynthia nickte mir zu, ging hinein. Sie kniete nieder und betete, wie an jedem Morgen.

Ein paar Tage später – und dann wieder und noch einmal – sagte sie: »Komm heute Abend!« Und sie vergaß nie hinzuzufügen: »Kein Wort darfst du sprechen, kein Wort!«

Achtzehn Jahre war ich damals alt und sehr dumm und unerfahren. Aber Lady Cynthia war sehr klug und es geschah alles, was sie wollte. Kein Wort sprach mein Mund und ihr Mund kein Wort – nur ihr Blut sprach zu meinem Blute.

Dann kam Sir Oliver zurück. Wir saßen beim Abendessen, Lady Cynthia und ich; ich hörte Sir Olivers Stimme in der Halle. Ich ließ die Gabel sinken – ich glaube, daß ich bleicher wurde als der Damast der Tischdecke. Nicht Furcht – das war es gewiß nicht. Aber ich hatte in dieser Zeit vollständig vergessen, daß dieser Mann noch auf der Welt war, Sir Oliver!

Er lebte, er war da, er trat ins Zimmer – das war es, was mich entsetzte.

Sir Oliver war sehr gut gelaunt an diesem Abend. Er bemerkte gewiß meine Verlegenheit, aber er verriet das mit keiner kleinsten Geste. Er aß und trank, erzählte von London, sprach von Theatern und Pferden. Er entschuldigte sich sofort nach der Mahlzeit, klopfte mir auf die Schulter, sagte seiner Frau in ausgesucht höflicher Form gute Nacht. Doch wartete er noch einen Augenblick, es schien mir, als ob er mich beobachtete. Ich wußte nicht, was ich tun sollte, so stammelte ich ein paar Worte, daß ich müde wäre, küßte Lady Cynthias Hände und ging.

In dieser Nacht schlief ich nicht eine Stunde. Ich hatte stets die Empfindung, als ob Sir Oliver zu mir kommen würde; ich lauschte auf jeden Tritt im Schlosse, sicher, daß er kommen würde. Aber er kam nicht. Endlich zog ich mich aus, ging zu Bett. Überlegte, was nun geschehn müsse – und was geschehn war in dieser Zeit.

Eins schien mir klar: ich mußte Sir Oliver alles sagen. Mußte mich ihm zur Verfügung stellen. Aber – – wozu? Ich wußte, daß es in England kein Duell gab, daß er mich auslachen würde, wenn ich nur davon anfangen wollte. Nur – was sonst? Sollte er vor Gericht gehn, mich verklagen? Er – mich? Das war noch lächerlicher – und ganz gewiß keine Genugtuung für ihn. Oder – die Faust? Er war viel größer, viel breiter und stärker wie ich, einer der besten Amateurboxer des Landes. Ich hatte keine Ahnung von dieser Kunst – das bißchen, was ich konnte, hatte er mir beigebracht.

Immerhin – ich konnte mich ihm stellen, mochte draus werden, was wollte!

Dann aber – wenn ich sprach – war es nicht ein infamer Verrat an Lady Cynthia? Mochte er mich zum Krüppel boxen – was lag daran! Aber sie, diese süße, heilige Frau, sie –

Was würde aus ihr werden?

Denn sie war nicht schuldig. Alle Schuld trug ich, nur ich allein – das empfand ich in jeder Fiber meines Seins. Ich war in ihr Haus gekommen, ich hatte sie geliebt vom ersten Augenblicke an. Ich hatte ihr nachgestellt, ihr aufgelauert, sie verfolgt, wo es nur immer ging. Nicht zufrieden, daß sie mir ihre weißen Hände ließ, hatte ich sie begehrt, mehr und mehr, heißer jeden Tag, bis –

Freilich, gesprochen hatte ich nie. Aber hatte mein Blut nicht geschrien nach ihr, jede Stunde? Was brauchte es Worte, wo meine Augen sangen, wo mein Leib schon bei ihrem Anblick erbebte?

Sie, brutal zurückgesetzt von einem rohen Ehemann, tagtäglich betrogen und beschimpft vor ihren Augen, gequält, und diese Qualen und Beschimpfungen ertragend wie eine Heilige – oh, sie traf kein Schatten einer Schuld! War es ein Wunder, daß sie endlich den Verlockungen eines Verführers erlag, der ihr folgte auf Tritt und Schritt –?

Und selbst dann – selbst dann blieb sie die Heilige, die sie war. Sie gab ihren Leib – oh mehr aus der unendlichen Güte ihres Herzens, aus reinem Mitleid für den Jungen, der sich in Sehnsucht nach ihr verzehrte! Sie gab sich mir – wie sie ihren Armen gab – und blieb rein trotz allem! Und so groß war ihre süße Scham, daß sie mir verbot, zu sprechen in solchen Stunden, daß sie sich nicht einmal umwandte, nicht einmal ins Auge mir sah –

Alles verstand ich nun. Ich allein trug alle Schuld. Ich war der Verführer, ich der erbärmliche Schuft –

Und nun sollte ich dies Werk krönen – sollte vor Sir Oliver hintreten, ihm sagen –?

Nein, nein!

Dann wieder – etwas mußte geschehn!

Ich fand es nicht. Die Nacht ging vorbei – ich fand es nicht.

Ich frühstückte auf meinem Zimmer. Dann kam der Butler: Sir Oliver lasse fragen, ob ich mit ihm Golf spielen wolle?

Ich nickte. Ich zog mich an, ging hinaus, traf ihn draußen.

Ich bin nie ein guter Golfspieler gewesen. Diesmal aber schlug ich Löcher in den Rasen, statt den Ball zu treffen. Sir Oliver lachte: »Was gibts denn?« fragte er.

Ich sagte irgendwas. Aber als mein Schlag immer jämmerlicher wurde, wurde er ernst. Plötzlich kam er auf mich zu, fragte: »Ist es – –? Waren Sie – am Fenster, mein Junge?«

Nun war es so weit. Ich ließ meinen Golfstock fallen – mochte er mich erschlagen mit seinem Eisen.

Ich nickte. »Ja,« sagte ich tonlos.

Sir Oliver pfiff. Er wollte sprechen – aber er sagte nichts. Er pfiff. Dann drehte er um, ging langsam dem Schlosse zu. Ich folgte ihm von weitem.

Lady Cynthia sah ich nicht an diesem Morgen. Als zum Luncheon geschellt wurde, zwang ich mich, hinunterzugehn. Vor dem Eßzimmer traf ich Sir Oliver; er kam auf mich zu, sagte: »Ich möchte, daß Sie heute nicht allein mit Lady Cynthia reden!« Dann schob er mich durch die Tür.

Während des Essens sprach ich kaum ein Wort und Lady Cynthia nicht viel mehr. Sir Oliver führte wieder die Unterhaltung, so gut es eben gehn wollte. Nachher befahl Lady Cynthia, anspannen zu lassen; sie wollte ausfahren, ihre Armen aufzusuchen. Sie reichte mir die Hand, die ich küßte; sagte: »Tee um fünf Uhr!«

Sie kam erst um sechs Uhr heim; ich stand am Fenster, als ihr Wagen in den Hof rollte. Sie sah hinauf zu mir. ›Komm!› sagte ihr Blick. Vor der Tür traf ich Sir Oliver. »Lady Cynthia ist zurück!« sagte er. »Wir wollen mit ihr Tee trinken.« – Jetzt kommt es, dachte ich.

Nur zwei Tassen standen auf dem kleinen Tisch – es war augenscheinlich, daß Lady Cynthia nur mich erwartete und nicht ihren Gatten. Aber sie schellte sofort, ließ noch eine Tasse bringen. Wieder versuchte Sir Oliver, eine leichte Unterhaltung zu führen, aber es ging noch schlechter als beim Luncheon. Endlich sprach keiner mehr ein Wort.

Dann ging Lady Cynthia. Sir Oliver sprach noch immer nicht; schweigend saß er da, pfiff leise durch die Zähne. Endlich sprang er auf, als ob er einen plötzlichen Einfall habe. »Bitte auf mich warten!« rief er. Eilte hinaus.

Ich brauchte nicht lange zu warten, nach wenigen Minuten war er wieder zurück. Er winkte mir, mitzukommen. Wir gingen durch ein paar Räume – ah ich fühlte es – dem Turmzimmer zu. Sir Oliver schlug die Vorhänge zurück, schaute hinein; dann wandte er sich zu mir, sagte: »Bring das kleine Buch, das dort auf dem Schemel liegt.«

Ich gehorchte. Ich glitt durch die Vorhänge – am Fenster sah ich Lady Cynthia stehn. Ich fühlte: das ist Verrat, was ich tue – aber ich begriff nicht, wie und was. Sehr leise ging ich zu dem Schemel, griff das kleine, brokatgebundene Buch, das ich so oft in ihrer Hand gesehn hatte. Schlich wieder zurück, gab das Bändchen Sir Oliver. Er nahm es, faßte mich unter den Arm, flüsterte: »Komm, mein Junge!«

Ich folgte ihm. Die Treppen hinunter. Über den Hof – dann in den Park. Er ging neben mir, griff wieder meinen Arm, die andere Hand krampfte sich um das rote Buch. Endlich begann er:

»Sie lieben sie? – Sehr? Sehr, mein Junge?« Aber er verlangte keine Antwort. »Es ist nicht nötig zu sprechen! Ich liebte sie auch – mehr vielleicht – damals schon war ich doppelt so alt wie Sie sind! Nicht Lady Cynthias wegen spreche ich zu Ihnen – Ihretwegen!« Wieder schwieg er, führte mich durch die Allee, dann links hinein auf einen kleinen Seitenweg. Da stand eine Bank unter den alten Ulmen; er setzte sich, winkte mir, neben ihm Platz zu nehmen. Dann hob er die Hand, zeigte hinauf. »Schaun Sie,« flüsterte er, »da steht sie!«

Ich blickte auf – da stand Lady Cynthia am Fenster. »Sie wird uns sehn!« sagte ich.

Sir Oliver lachte auf: »Sie wird uns nicht sehn. Und wenn hundert Menschen hier säßen und ständen – sie wird keinen sehn und keinen hören! Das hier sieht sie – das fühlt sie – und sonst nichts!«

Er preßte das Bändchen in seinen starken Fingern, als ob er es zerreißen wollte; drückte es mir in die Hand. »Es ist grausam, Ihnen das zu zeigen, mein armer Junge, sehr grausam, ich weiß es! Aber es muß sein – Ihretwegen! Da – lesen Sie!«

Ich schlug das Bändchen auf, das nur wenige Seiten hielt, starkes Japanpapier. Nicht bedruckt – beschrieben. Und es war Lady Cynthias Handschrift.

Ich las:

»Die Hinrichtung des Robert François Damiens auf dem Grèveplatze zu Paris am 28. März 1757.
Nach dem Bericht des Augenzeugen – –«

Die Buchstaben flackerten mir vor den Augen – was, was hatte das mit der Frau zu tun, die dort am Fenster stand? Ich stotterte, ich konnte die Worte nicht erkennen, ließ das Blatt sinken. Sir Oliver griff es auf, begann mit lauter Stimme:

»– nach dem Bericht des Augenzeugen Herzog von Croy. – Robert Damiens, der am 5. Januar 1757 einen Mordversuch auf das geheiligte Haupt Seiner Majestät des Königs Ludwig XV. von Frankreich machte und ihn an diesem Tage zu Versailles durch einen Messerstich in die linke Seite verwundete, mußte seine Tat am – –«

Ich sprang auf. Etwas jagte mich fort, ich hatte ein Empfinden, als müßte ich fliehn, mich verstecken irgendwo im dichtesten Gebüsch, wie ein verwundetes Wild. Aber die starke Faust Sir Olivers griff meinen Arm, zog mich auf die Bank zurück. Und seine unerbittliche Stimme las:

»– seine Tat am 28. März 1757 büßen. Es wurde an ihm dasselbe Urteil vollstreckt, wie am 27. Mai 1610 an François Raveillac, dem Mörder König Heinrichs IV. – Damiens wurde am Morgen des Hinrichtungstages zunächst gefoltert, Brust, Arme, Schenkel und Waden wurden ihm mit glühenden Zangen aufgerissen, und in die Wunden geschmolzenes Blei, siedendes Öl, brennendes Pech mit Wachs und Schwefel vermischt hineingegossen. Nachmittags drei Uhr wurde der sehr kräftige Delinquent zur Notre-Damekirche, von dort nach dem Grevèplatze geführt; die Straßen waren überall von Menschenmassen gefüllt, die aber weder für noch gegen den Verbrecher irgendwie Stellung nahmen. Auf dem Grèveplatz selbst drängte sich das Volk in großen Scharen; während die vornehme Welt, festlich gekleidet und geschmückt, elegante Herren von Adel und Damen, die mit dem Fächer spielten und ihre Riechfläschchen für den Fall einer Ohnmacht bereit hielten, alle Fenster dicht besetzt hatten. Um halb fünf Uhr nahm dann das große Schauspiel seinen Anfang. Auf der Mitte des Platzes hatte man ein Podium aus Brettern errichtet, hierher wurde Damiens gebracht. Mit ihm bestiegen die Henker und zwei Beichtväter das Podium. Dieser riesige Mensch zeigte weder Erstaunen noch Furcht, äußerte nur den Wunsch, schnell zu sterben. Sechs Henkersknechte banden nun seinen Rumpf mit eisernen Ketten und Ringen auf den Brettern fest, so daß er den Leib nicht mehr bewegen konnte. Darauf ergriff man die rechte Hand und ließ sie langsam in einem schwefligen Feuer verbrennen, wobei Damiens ein fürchterliches Geschrei erhob. Man sah, daß sich seine Haare auf dem Kopf steil aufrichteten, während die Hand ihm verbrannt wurde. Darauf machte man eiserne Zangen glühend und riß ihm wieder aus Armen, Beinen und der Brust tüchtige Fleischfetzen heraus; in die frischen Wunden goß man flüssiges Blei und siedendes Öl – die Luft des ganzen Platzes schien verpestet durch diesen Brandgestank.

Jetzt band man um Oberarm und Oberschenkel, um Handgelenke und Fußgelenke starke Stricke. Zugleich schirrte man vier kräftige Pferde an, die an den vier Ecken des Podiums hingestellt wurden. Man verband die Stricke mit dem Ledergeschirr der Pferde und peitschte nun auf die Tiere ein; diese sollten den Unglücklichen zerreißen. Über eine Stunde lang prügelte und peitschte man auf die Pferde los, doch gelang es ihnen nicht, weder einen Arm noch ein Bein dem äußerst starken Delinquenten auszureißen. Zwischen den Peitschenschlägen und den Schelten der Henkersknechte hörte man die furchtbaren Schmerzensrufe des Menschen, die seine entsetzlichen Qualen über den Platz hinausschrien. Man spannte noch sechs Pferde vor – peitschte auf alle zugleich ein. Das Geschrei des Damiens steigerte sich zu einem wahnwitzigen Gebrüll. Endlich bekamen die Henker von den anwesenden Richtern die Erlaubnis, die Gelenke einschneiden zu dürfen, um so den Pferden ihre Arbeit zu erleichtern. Damiens hob den Kopf, um zu sehn, was man mit ihm machte. Er schrie aber nicht, während man ihm die Gelenke einschnitt, sondern drehte den Kopf nach dem ihm vorgehaltenen Kruzifix, den er küßte, während die beiden Beichtväter auf ihn einredeten. Dann hieb man wieder auf alle Pferde zugleich ein; endlich – nach anderthalb Stunden – gelang es, das linke Bein ihm abzureißen.

Das Volk auf dem Platz und die Vornehmen in den Fenstern klatschten in die Hände.

Man setzte die Arbeit fort; als der rechte Schenkel ausgerissen wurde, begann Damiens von neuem, wild zu schreien. Man schnitt dann die Schultergelenke ein und peitschte wieder auf die Pferde. Als der rechte Arm abgerissen wurde, wurde das Geschrei des Unglückseligen schwächer, sein Kopf fing an zu wackeln. Aber erst beim Ausreißen des linken Armes fiel der Kopf ganz nach hintenüber. So war nur noch der zuckende Rumpf übrig und der Kopf, dessen Haare weiß geworden waren. Aber dieser Kopf und dieser Rumpf – – lebten noch. Man schnitt ihm nun die Haare ab und sammelte die Arme und Beine; währenddem näherten sich ihm wieder die Beichtväter. Herr Henri Samson, der Scharfrichter, hielt sie zurück, indem er ihnen mitteilte, daß Damiens soeben den letzten Seufzer ausgehaucht habe. So wurde dem gläubigen Verbrecher der letzte Trostspruch versagt. Denn man sah noch den Rumpf sich hin und her drehen, sah den Unterkiefer sich zum Sprechen bewegen. Dieser Rumpf atmete noch; seine Augen wandten sich an die Umstehenden –

Man verbrannte das, was noch übrig war, auf einem Scheiterhaufen. Streute die Asche in alle vier Winde.

Dies war das Ende jenes Unglücklichen, der die größten Qualen erlitt, die jemals ein Mensch erlitten hatte. Zu Paris, vor meinen Augen, und vor den Augen von vielen Tausenden von Menschen. Und auch vor den Augen von vielen vornehmen und schönen Frauen, die dort an den Fenstern standen.«

* * *

»– Wundern Sie sich, meine Herren, daß ich seit jenem Abend mich ein wenig fürchte vor Frauen, die Gefühl haben, Seele, Phantasie? Und besonders, wenn es Engländerinnen sind?«


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