Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Die Typhusmarie

Hier im Herzen ist der Raum, darin liegt er, der Herr der Welten; er wird nicht höher durch gute, nicht geringer durch böse Werke.

Brihadâranyaka-Upanishad 4, 4, 22.

 

Der kleine Saal war nur matt erleuchtet. Die Fenster waren verhangen, die Tische zusammengestellt und mit grünem Tuch überdeckt, so daß es aussah wie ein großer Tisch. Dahinter saßen die sechs: Erwin Erhardt, Siegfried Löwenstein, Graf Thassilo Thun, Walter von Ayx, Hans dell' Greco und Randolph Ulbing. Ein siebenter Sessel war leer.

Vor dem grünen Tisch, fast mitten im Raum, stand ein großer Ledersessel, daneben ein kleines Tischchen. Ein Aschenbecher darauf, eine Zündholzdose, eine Zigarettenschachtel. Sonst unterschied man wenig in dem Saal.

Die sechs warteten. Sie sprachen kaum. Über die Bucht herüber drangen vom Hotel Carmen her zerrissene Jazzklänge.

Siegfried Löwenstein war Rechtsanwalt. Vierziger. Jude – aber mehr noch: Rheinländer. Frontoffizier durch vier Jahre. Pour le mérite – er!

Ritter Hans dell' Greco war Triestiner. Schiffsleutnant der weiland österreichischen Marine. Jetzt mußte Rom ihm seine Pension zahlen, und er versuchte, seine Güter im Görzischen wieder hochzubringen, die ihm die Italiener zerschossen hatten.

Thassilo Thun war böhmischer Graf. Von der Nebenlinie. Fünfziger. Seine wasserblauen Augen zwinkerten und seine Lippen zuckten.

Dr. ing. Erwin Erhardt war ein Industrieller vom Rhein. Ingenieur und Erfinder. Sehr reich, sehr elegant und gepflegt. Dunkel, schlank.

Randolph Ulbing war klein und rund. Weißblond – seine Hände sahen aus wie Metzgerhände mit manikürten Nägeln. Er war der Chef des Hauses Ulbing in Hamburg und Neuyork. Amerikanischer Bürger – so waren seine Millionen in Sicherheit.

Freiherr Walter von Ayx war Maler, wohnte in München. Er war eisgrau, obwohl er noch nicht dreißig alt war.

Die sechs warteten. Rauchten. Tranken. Sprachen nicht.

Dann öffnete sich die Tür. Colonel Lionel Thursby trat ein. Er trug kleine Narben auf der linken Wange von seiner Göttinger Studentenzeit – und eine große, rote mitten über der Stirn: die kam aus Flandern. Seine schwarzen Augen leuchteten.

»Sie kommt!« sagte er.

Eine Dame trat ein. Groß und schlank. Der Oberst schloß die Tür hinter ihr und zog den Schlüssel ab. Dann zeigte er wortlos auf den großen Sessel in der Mitte. Begab sich hinter den Tisch, legte den Schlüssel vor den Rechtsanwalt, der in der Mitte saß und setzte sich auf den letzten der Stühle, beim Fenster.

Die große Frau setzte sich nicht. »Warum verschließen Sie die Tür?« rief sie. »Soll ich gewaltsam hier festgehalten werden?«

Dr. Löwenstein nickte: »Es scheint so.«

Die Frau machte einen Schritt vorwärts. »Dies sieht aus wie ein Tribunal. Wollen Sie vielleicht über mich zu Gericht sitzen?«

Und wieder nickte der Rechtsanwalt: »Es scheint so.«

Da lachte sie hell auf. »Bitte,« sagte sie, »ganz nach Ihrem Belieben.« Sie setzte sich auf den Sessel, schlug die Beine übereinander und brannte eine Zigarette an. »Also bitte, meine Herren, ich bin neugierig.«

Der Rechtsanwalt starrte zu ihr hinüber. Seit acht Jahren hatte er diese Frau nicht gesehn – und sie war genau dieselbe, die sie damals war. Nicht ein bißchen schien sie gealtert. Sie wippte die schmalen Füße, die in spitzen, grauen Schuhen staken. Grau wie die Seidenstrümpfe war ihr Chameusekleid. Sie trug einen alten spanischen Manton über den Schultern, dessen bunte Blumen sich verloren, fast erblaßten in dem tiefen Violett. Lange rehlederne Handschuhe trug sie in der Hand, dazu eine kleine Perlentasche. Ihre Hautfarbe schien ein wenig gebräunt, sehr gesund. Durch das reiche dunkle Haar schlang sich eine Perlenschnur, eine andere noch größere lag um ihren Hals. Aber ihre Ringe trugen schwarze Perlen. Vielleicht war sie nicht schön – aber sie sah so aus, als ob sie eine sehr schöne Schwester habe. Nur ihre Augen waren sehr seltsam, gelbes Gold mit Braun, Grün und Weiß, wie bei den großen Waldkröten.

›Wie alt ist sie eigentlich?‹ dachte er. Er hatte sie heute morgen beim Bade gesehn im schwarzen Schwimmtrikot – keine aller andern Damen hatte eine solche Figur. Sicher ist sie älter wie vierzig, überlegte er, eher fünfzig und noch mehr vielleicht. Und keiner, der ihr begegnet, möchte ihr mehr als fünfundzwanzig geben. Es ist erstaunlich, dachte er.

Marie Stuyvesant strich die Asche in die Schale. »Im Ernst, meine Herrn,« sagte sie ruhig, »wenn mir einer von Ihnen nicht bald erklären will, was das alles soll, vermag ich den Witz nicht einzusehn. Dazu kommt, daß ich heute wirklich nicht so recht zum Scherzen aufgelegt bin, ich habe eine Nachricht erhalten, die mir nahegeht.«

Der Anwalt griff ein Telegramm vom Tische auf. »Vermutlich dieselbe, die wir auch erhielten: der junge Dr. Terhune hat sich in Zürich erschossen! – Aber Sie werden bald sehn, gnädige Frau, daß wir nicht zum Scherzen hier sind.«

Marie Stuyvesant unterbrach ihn: »Warum ›gnädige Frau‹ – Friedel?« Sie lächelte ihm zu. »Bist ein wenig älter geworden, seit ich dich sah! Und wo sind die Wuschelhaare geblieben? – Aber bitte, willst du mir nicht endlich sagen, was diese Feierlichkeit soll? Schau, ich bin ja nicht ganz unvorbereitet. Irgendetwas wollt ihr von mir – das weiß ich lange. Ich traf Graf Thun im Winter in der Wiener Oper – im Zufallsgespräch sagte ich ihm, daß ich noch nicht recht wisse, wohin ich gehn sollte zum Frühjahr. Zwei Monate später schreibt er mir. Empfiehlt mir diese Insel Brioni – die entspräche ganz den Wünschen, die ich damals geäußert hätte. Ruhe – und doch beste Gesellschaft. Einsamkeit, wenn man will, und Tanz und Musik, wenn man anders will. Und – und – na, kurz: alles. Wieder vier Wochen drauf schreibt er mir noch einmal, fragt, ob ich seinen Brief erhalten habe – und ob ich mich entschlossen habe, nach Brioni zu fahren? Wirklich – ich entschloß mich eigentlich nur, weil die Aufmerksamkeit, die ihm so gar nicht ähnlich sieht, mich irgendetwas andres vermuten ließ. Gewiß, er hat recht gehabt mit seinem Rat – und ich bin ihm sehr dankbar dafür. Der erste Mensch, dem ich hier auf dem Molo begegne – ist Oberst Thursby; er erzählt mir, daß er nun in Rom bei der Gesandtschaft sei und hierher zur Erholung gekommen sei. Aber er erzählt mir nicht, daß er wußte, daß ich herkommen würde. Dann, fünf Tage drauf, kommt dell' Greco und heute, gerade zwei Wochen nach meiner Ankunft, seid ihr alle hier! Wegen mir natürlich, was Friedel?«

Der Rechtsanwalt nickte: »Ganz gewiß.«

»Ich danke euch,« sagte die schöne Frau. »Es ist das sicher sehr schmeichelhaft. Nun aber, scheint mir, ist kaum einer von euch, mit dem ich nicht gelegentlich eine kleine Auseinandersetzung hatte. Es erscheint mir einigermaßen sonderbar, daß ihr mich hierher lockt – und darauf kommt es am Ende heraus – und dann mir folgt. Fürs Hotel ist es ja gewiß gut – gleich sieben Gäste!«

»Es hätten auch siebzig sein können und viele mehr!« sagte Dr. Löwenstein. »Herrn und Damen. Wir vertreten gewissermaßen die andern.«

»Also eine Art Aufsichtsratssitzung,« sagte Marie, »die Herrn vertreten die Stimmen der abwesenden Aktionäre! Es scheint gewiß, daß ich Ihre ehrenwerte Gesellschaft irgendwie geschädigt habe, darum haben Sie mich – ich darf wohl sagen in etwas ungewöhnlicher Weise – gezwungen, vor Ihrem Tribunal zu erscheinen! Geben Sie also Ihren Bericht. Herr Vorsitzender!«

»In diesen Jahren, Frau Marie Stuyvesant,« antwortete der Anwalt, »geschieht überall in der Welt vieles, das mehr nach Gewalt als nach Recht schmeckt. Wenn wir überhaupt Sie halten wollten, so durften wir uns nicht allzu streng darum kümmern, ob alles dabei durchaus gerecht und korrekt zuging. Sie werden das begreifen. Die Hauptsache ist: wir haben Sie da, können Ihnen mitteilen, was wir zu sagen haben. Und was uns Sieben betrifft, so bin ich der Meinung, daß wir die ganze menschliche Gesellschaft repräsentieren, wenigstens soweit sie, direkt oder indirekt, jemals mit Ihnen in Berührung gekommen ist oder noch kommen wird. Ich bitte Sie sehr, Frau Marie, uns ruhig anhören zu wollen – wir glauben, daß wir Ihnen einiges über Sie selbst mitteilen können, das Sie nicht wissen – oder wenigstens nie in solchem Lichte betrachtet haben. Sie werden reichlich Gelegenheit haben zu antworten und dann – zu handeln.« Er öffnete die vor ihm liegende Ledertasche und nahm einen Stoß Papiere heraus. »Dieser Brief,« fuhr er fort, »gab den Anstoß zu unserer Aktion. Er wurde vor etwa Jahresfrist von Oberst Thursby an Dr. Erhardt gerichtet – der besprach ihn mit mir.«

»Sie hassen mich wohl sehr, Colonel?« wandte sich die Frau an den Engländer.

»Ganz gewiß,« sagte der Engländer. »Sie haben zwei meiner Brüder und meine Schwester in den Tod getrieben. Sie haben mein Leben zu einer Hölle gemacht – o sicher, ich hasse Sie.«

Marie Stuyvesant zuckte die Achseln. »Fahren Sie fort, Friedel!«

»Wir besprachen, was zu tun sei. Ich darf Ihnen nicht verhehlen, daß wir lange überlegten, ob es nicht möglich wäre, die Behörden in Anspruch zu nehmen, uns an Psychiater und Richter zu wenden, um den Versuch zu machen, die Gesellschaft von Ihnen zu befreien. Wir ließen diesen Gedanken nur darum fallen, weil – obwohl sich das Gift Marie Stuyvesants eines fast internationalen Rufes erfreut – wir einsahen, daß kaum irgendwo eine richtige Handhabe gegeben war, gegen Sie einzuschreiten. So beschlossen wir, selbst zu handeln. Wir setzten uns mit jedem in Verbindung, von dem wir wußten oder hörten, daß er mit Ihnen jemals in Berührung gekommen war; wir stellten ferner genau einen kleinen Teil all der Fälle fest, in denen lediglich durch die Wirkung Ihrer Persönlichkeit, durch Ihre Zeichnungen und Ihre Bücher besonderes Unheil gestiftet worden war. Während dieses Jahres ist in allen Teilen Europas und Amerikas, ich darf wohl sagen auf der ganzen Erde, daran gearbeitet worden, aus hunderten verborgenen Klüften das Material des Falles Marie Stuyvesant zusammenzubekommen. Das ist natürlich auch nicht im entferntesten vollständig, dennoch aber so überreich, daß es mehr wie genügt, Ihnen – denn darauf allein kommt es an – Ihnen, Frau Stuyvesant, ein klares Bild darüber zu geben, was Ihr Leben für die menschliche Gesellschaft bedeutet.«

Er nahm ein Heft aus der Ledertasche und überreichte es dem zu seiner Rechten sitzenden Maler.

»Es ist dies,« erklärte er, »eine Monographie Ihres Freundes, des jungen Arztes Dr. Ramon de Ayala über –«

Frau Marie unterbrach ihn. »Der Herr war nie mein Freund. Er besuchte mich während der Kriegsjahre gelegentlich in meinem Atelier in Sevilla – zweimal – dreimal höchstens. Ich hatte damals Lust auf Kokain und ließ mir von ihm etwas besorgen.«

»Ganz richtig,« bestätigte Dr. Löwenstein, »der junge Spanier besorgte Ihnen, was Sie haben wollten. Das Bedauerliche ist, daß er dann auch selbst Kokain nahm.«

»Ich habe ihn nicht dazu veranlaßt,« erklärte die Dame.

»Auch das ist richtig,« antwortete der Anwalt. »Don Ramon schreibt das selbst. Dennoch: er sah Sie Kokain nehmen und nahm es selbst. Gewöhnte sich daran. Heute ist er in einer Anstalt und – unheilbar. Von ihm bekamen wir diese recht interessante Monographie über den Fall des Jorge Quintero – der, wenn man Psychisches für Physisches setzen will, zu dem Ihren ein schlagendes Analogon bildet. Solche Fälle von Bazillenträgern sind ja oft genug beobachtet worden, gerade diese Darstellung aber ist besonders klar und einfach. Da es für uns genügen wird, nur ganz kurz die Tatsachen festzustellen, habe ich ein kleines Exzerpt machen lassen – wollen Sie es uns bitte vorlesen, Baron!«

Walter von Ayx las: »Jorge Quintero wurde geboren 1882 in Ronda, Andalusien; ein Sohn von Bauern. Während seiner Dienstzeit war er mit seinem Regiment eine Zeitlang in Marokko. Schon während dieser Zeit hatte, wie später festgestellt wurde, das Regiment eine Anzahl von Typhuserkrankungen; nach der Rückkehr nach Malaga brach dann eine regelrechte Epidemie aus. Nach seiner Entlassung vom Militär fand Quintero zunächst auf verschiedenen Bauernhöfen in der Vega von Granada Beschäftigung als Knecht – in jedem einzelnen Gehöft erkrankten Hausgenossen an Typhus. Damals erschien diese Tatsache den einfachen Landleuten schon so auffallend, daß Jorge – der sonst als gutmütiger, freundlicher, arbeitsamer, dabei hübscher Mensch durchaus beliebt war – in der Gegend offen als ein Unglücksträger bezeichnet wurde. Er fand dann in einem Hospital in Granada als Wärter Anstellung; er hatte beim Regiment einen Samariterkursus durchgemacht. Kaum zwei Wochen später begann in dem Spital eine Typhusepidemie, die nicht weniger wie vierundfünfzig Opfer kostete. Das Spital mußte provisorisch geschlossen werden; die Angestellten wurden entlassen. Jorge hatte nun verschiedene Stellungen in Granada, Jaen und später in Sevilla inne – in allen Fällen erkrankten Hausgenossen an Typhus. Endlich fand er, wieder als Krankenpfleger, in Sevilla Anstellung, ohne daß einer der Ärzte des Spitals die kleinste Ahnung von seinem Vorleben hatte. Einige Monate darauf brach dann von diesem Spital aus die schlimmste Typhusepidemie aus, die Sevilla je gesehn hat – ihre Opfer wurden auf annähernd vierzehnhundert geschätzt. Durch einen Zufall lenkte sich der Verdacht auf Jorge – eine Bäuerin aus Granada erkannte ihn als den Knecht, der, wie sie meinte, ihr den Tod ins Haus gebracht hatte: ihr Mann und zwei ihrer Kinder waren an Typhus gestorben. Diese Frau erhob ein solches Geschrei, im Hospitale wie auch auf den Gassen, daß sie schließlich festgenommen wurde. Verhört, machte sie bestimmte Aussagen – man forschte nach und stellte fest, daß alles sich wirklich so verhielt. In kurzer Frist wurde dann die ganze Vorgeschichte des Unglücklichen lückenlos festgestellt – er selbst gab bereitwilligst alle Angaben, wo er beschäftigt gewesen sei, und man brauchte nur dort nachzufragen. Quintero wurde zunächst verhaftet und in Einzelhaft gehalten, aber sehr bald durch Gerichtsbeschluß wieder freigelassen, da ja nicht der kleinste Grund dazu vorlag. Freilich erklärte er sich dann damit einverstanden, in einem Raum des Hospitals sich einsperren und beobachten zu lassen. Diese freiwillige Haftzeit, während der die bedeutendsten Bakteriologen Spaniens sich mit ihm beschäftigten, dauerte etwa acht Monate. Nach dieser Zeit mußte man ihn entlassen – dem stets lauter werdenden Druck der öffentlichen Meinung und der Lokalpresse folgend, die die Spitalleitung immer schärfer angriffen. Trotz der strengsten Vorsichtsmaßregeln waren wieder neue Typhuserkrankungen vorgekommen – sieben Insassen des Hauses sowie ein junger Arzt waren gestorben. Wenn Spanien eine kleine Insel für Leprakranke gehabt hätte, man hätte ihn gewiß dorthin geschickt – recht oder nicht recht! So aber mußte man ihn wieder loslassen auf die Menschheit. Da war es der alte Jesuitenpater Don José Hoyos, in ganz Spanien bekannt als einer der heißesten Jaimisten, der einen Weg fand. Er reiste nach Sevilla, suchte den unglücklichen Jorge Quintero auf und –«

Hier unterbrach Dr. Löwenstein die Vorlesung. »Danke Ihnen, Baron. Wir wollen den Schluß später lesen.«

»Schade,« sagte Frau Marie Stuyvesant. »Grade der Schluß hätte mich interessiert! Die Geschichte selbst ist mir nicht neu – damals sprach ganz Sevilla davon. Ich verstehe natürlich sehr gut, was Sie sagen wollen, meine lieben Herrn. Ihr Jorge war, oder ist noch, ein Bazillenträger für Typhus. Wer nicht immun ist – wird angesteckt. Und so bin ich, in Ihrer Meinung, eine Bazillenträgerin für seelischen Typhus – und darum viel, viel gefährlicher als der andalusische Bauernsohn. Ist es das?«

»Ja!« nickte der Rechtsanwalt. »Und wir befinden uns in der Lage des Jesuitenpaters, dem es gelang, im Falle Quintero die Rettung zu bringen. Er fing damit an, dem armen Burschen begreiflich zu machen, was seine unglückselige Veranlagung eigentlich bedeute – das war ihm bei allen Unterredungen mit den Ärzten dennoch bisher kaum klar geworden. Dasselbe, Frau Marie Stuyvesant, möchten wir versuchen. Wir haben ein ungeheures Material hier, und ich bin überzeugt, daß Sie in jedem einzelnen Falle uns offen, vielleicht lachend, zugeben werden, daß alles bis auf die kleinste Einzelheit stimmt. Es scheint, daß es bei Typhus eine ganze Anzahl von Menschen gibt, die immun sind, auch ohne geimpft zu sein. Leider ist eine Seelenlymphe für Ihre Bazillen noch nicht gefunden – und wenn auch gewiß eine ganze Menge von Menschen für das eine oder andere Ihrer Gifte immun sein mögen, so ist doch die Fülle Ihrer – verzeihn Sie das häßliche Wort – Ihrer Laster eine so ungeheuer vielseitige, daß es kaum einen unter Tausenden gibt, den Sie nicht anstecken könnten. Sehn Sie: Quintero bedeutete nur eine Gefahr für Typhuserkrankungen – Sie aber bedeuten eine Gefahr für aberhundert Erkrankungen, von denen jede einzelne viel gefährlicher ist.« – Er machte eine Pause, hustete, nahm die Wasserkaraffe und schenkte sich ein Glas voll.

Frau Marie Stuyvesant lachte: »Seit wann trinkst du Wasser, Friedel?«

Der Anwalt hob das Glas an die Lippen – setzte es aber sogleich wieder hin. »Seit ich den erfolgreichen Versuch gemacht habe, mich von Ihnen loszumachen, Marie! Seit ich in drei Sanatorien nach acht Entziehungskuren endlich lernte, den Suff aufzugeben, dem ich – dank Ihnen! – unrettbar verfallen schien. Seit der Zeit!«

»Du vergißt etwas, Friedel,« sagte die Dame in Grau. »Schon als ich dich kennen lernte, konntest du ein gutes Glas trinken – was?«

»Ja, ja!« rief der Rechtsanwalt. »Gewiß trank ich! Wie jeder brave Student! Aber durch dich – durch Sie allein wurde ich zum Säufer!«

Marie Stuyvesant legte ihre Zigarette fort. »Nun – und jetzt bist du geheilt – um so besser! Doch sehe ich nicht ein, warum ich nicht ein Glas Wein trinken soll – ich denke, die Herrn sind wenig galant.« Sie blickte über den grünen Tisch. »Herr dell' Greco – Sie haben Chablis vor sich stehn – wollen Sie mir nicht ein Glas herbringen?«

Der Triestiner sprang sofort auf, stellte ein Glas auf ihren Tisch und goß ein. Dann setzte er die Flasche daneben.

»Bitte sehr –« murmelte er. Ging zurück an seinen Platz.

Die große Frau hob das Glas. Langsam sagte sie: »Auf Ihr Wohl, Dr. Siegfried Löwenstein! Es ist doch wohl richtiger, daß ich Sie nun so anrede! Denn der Friedel, den ich einmal kannte, der hätte mir niemals Bescheid getan mit einem Glase Wasser!«

Zum zweitenmal griff der Anwalt das Wasserglas, setzte es an, netzte die Lippen. Er nahm einen Schluck – dann stieß er heftig das Glas zurück auf den Tisch. Starrte auf die Frau, biß seine Lippen. »Zum Henker,« flüsterte er, »zum Henker –«

Dann, mit rascher Bewegung ergriff er die Rotweinflasche, die vor seinem Nachbarn, dem Grafen, stand, füllte ein Wasserglas bis zum Rande, leerte es in einem Zuge.

»Oh,« lächelte Marie Stuyvesant, »oh –«

Schweigend schob Dr. Löwenstein seine Aktenmappe nach rechts hinüber; Bankier Ulbing nahm sie auf. »Wir haben,« begann er, »unsere Nachforschungen nicht einseitig geführt, gnädige Frau. Wenn wir einerseits alles Unheil zusammengetragen haben, das durch Sie in die Welt kam, so waren wir auf der andern Seite auch bemüht, soviel wie möglich das zu sammeln, was für Sie spricht. Hiermit war ich betraut – die Herrn haben grade mich gewählt, weil es nun meine Natur ist, sehr skeptisch und kritisch zu sein und nicht so leicht eine blanke Spielmünze für gutes Gold zu nehmen. Dazu kommt, daß ich alle Ursache hatte, wenig Gutes von Ihnen anzunehmen. Sie haben, wie Ihnen erinnerlich sein wird, gnädige Frau, mich veranlaßt, in einer Weise Geldgeschäfte zu machen, die – nun sagen wir – die nicht ganz den Gepflogenheiten des alten Bankhauses Ulbing entsprach.«

Sie unterbrach ihn. »Sie langweilen mich! Sie wissen recht gut, daß ich von Geschäften gar nichts verstehe. Sie langweilten mich, genau wie Sie es jetzt tun, vor manchen Jahren in Hamburg mit öden Vorträgen von allerlei Kombinationen und Möglichkeiten, zwangen mich, sehr gegen meinen Wunsch, zuzuhören. Bei der Gelegenheit sagte ich Ihnen, daß Ihre Anschauungen über Geschäftsmoral mir äußerst kindisch erschienen. Daß jeder schwerreiche Mann, für mein Gefühl, sein Gold zusammengestohlen und geräubert habe, daß jeder ein Gauner oder Betrüger oder Schwindler oder Dieb sei. Eines von denen. Und daß das ganz recht sei: denn nur auf diese Weise könne man letzten Endes das Geld anderer in seine Tasche fließen lassen. Nur, meinte ich, solle ein solcher Mann wenigstens ehrlich gegen sich selbst sein und nicht, wie Sie es taten, immer versuchen, sich selbst etwas vorzulügen, und bei jeder neuergaunerten Million als fleischgewordener Gewissensbiß durch die Welt jammern. Das alles war sehr theoretisch; ich hatte keine Ahnung, welcherlei Geschäfte Sie machten und habe ganz sicher nie einen Heller durch Ihre Geschäfte verdient.«

Randolph Ulbing nickte. »Es war genau, wie Sie es sagen, gnädige Frau! Aber ich dachte über das, was Sie mir sagten, sehr lange nach und kam zu dem Schluß, daß Sie recht hatten. Ich bin heute mehr als je dieser Meinung, besonders nach den Erfahrungen der letzten Jahre. Ich habe gehandelt wie jeder andere Profitmacher und bin heute um sehr viele Millionen reicher als ich damals war.«

»Sie sollten mir dankbar sein,« sagte Frau Stuyvesant.

»Ich bin Ihnen nicht dankbar,« gab er zurück. »Der Ruf des alten Hauses Ulbing, das mein Urgroßvater begründete, war so fleckenrein in der Geschäftswelt, wie der keines anderen Hauses. Er war es bis zu dem Tage, – als Sie mich aufklärten! Erkundigen Sie sich, wie dieser Name heute klingt. Ich habe das Kapital des Hauses auf das Zehnfache vermehrt – ich habe nichts getan, was nicht viele andere Häuser auch tun – aber sehr vieles, was meine Vorfahren ebensowenig getan hätten, wie ich selbst früher. Alle die Machenschaften kann ich sehr gut vor dem Gerichtshof verantworten – auch vor mir selber, wenn ich im Büro sitze. Doch kann ich es nicht helfen, daß mich ein Ekel erfaßt, wenn ich eine Zeitung öffne: aus jeder Zeile starrt mich die Not der Welt an, die ich so klug für mich ausnutze. Ich folgte Ihrem Ratschlage – der mich unglücklich machte fürs Leben.«

»Ich habe keine Lust,« sagte die Frau, »mir länger Ihre Jeremiaden anzuhören! Das, was ich Ihnen sagte, war keine Spezialweisheit von mir – es ist hunderttausendmal gedruckt und gesagt worden. Das hat Sie nicht berührt! Und daß es nun plötzlich, als Sie es aus meinem Munde hörten, Sie so stark beeinflußte, das ist Ihre eigene Schuld!«

»Ich leugne sie nicht,« erwiderte der Bankier. »Dennoch war es Ihr Einfluß allein. Das, was meine wasserkantige Stockehrlichkeit instinktiv stets ablehnte – das erschien mir aus Ihrem Munde plötzlich als alleinseligmachend. Und so, gnädige Frau, ist es Ihre Schuld so gut wie meine!«

Frau Marie warf ihre Zigarette weit ins Zimmer. Ihre Stimme klang scharf und hell. »Herr Ulbing,« sagte sie, »Sie sind kein schöner Mann, das wissen Sie selbst! Es ist kein Vergnügen, Sie anzuschaun! – Rasieren Sie sich selbst? Nun wohl, ich kann nicht recht begreifen, wie Sie jeden Morgen mit der Klinge in der Hand vor dem Spiegel stehn und dabei der Versuchung widerstehn können, sich die Kehle abzuschneiden! Dann wärs aus mit allen Gewissensbissen!«

Dr. Erhardt unterdrückte ein rasches Lächeln. »Lassen wir das Persönliche!« sagte er. »Herr Randolph Ulbing ist mehr Gentleman, wie Sie annehmen, Frau Stuyvesant. Was er Ihnen zu sagen hat, ist schmeichelhaft genug für Sie!«

Der Bankier griff ein paar Aktenbogen auf. »Ich habe festgestellt, gnädige Frau – und Sie können mir glauben, daß ich mich gegen diese Feststellung mit Händen und Füßen gesträubt habe – daß Sie einer der gutherzigsten, besten, anständigsten Menschen sind, die je gelebt haben. Frau Marie Stuyvesant ist irgendeiner niedrigen oder gemeinen Handlung vollkommen unfähig. Ihre übertriebene rührende Liebe zu allem Getier ist jedem bekannt, der jemals mit ihr in Berührung kam. Es ist ferner ganz sicher, daß Sie weit über dreiviertel ihrer nicht beträchtlichen Einkünfte verschenkt und verborgt haben, ohne je irgendeinen Schuldner zu mahnen. Frau Stuyvesant hat jahrein, jahraus junge Künstler und Studenten unterstützt – und hat das in einer solchen Form getan, daß nie einer ihre Gaben als Almosen empfand. Sie hat während der Kriegsjahre und nachher in so aufopfernder Weise –«

Die Dame in Grau schlug die Handschuhe übers Knie. »Halten Sie ein, Herr Ulbing!« rief sie. »Wenn es mir schon nicht sehr sympathisch ist, daß Sie mich hier als Verbrecherin vernehmen, so ist es mir gewiß noch unangenehmer – ja gradezu unerträglich, wenn Sie meine kleinen Tugenden einzeln aufzählen wollen. Ich bitte dringend die Herrn, davon Abstand nehmen zu wollen.«

Bankier Ulbing zögerte, wandte sich mit einem Blick an die anderen Herren.

»Löwenstein!« sagte Dr. Erhardt, »Sie hatten es übernommen, den Vorsitz zu führen!?«

Der Anwalt schrak auf. Er nahm wieder die Flasche des Grafen, füllte sein Glas und leerte es in kurzen Schlucken. »Geben Sie mir die Akten,« murmelte er. Herr von Ayx reichte sie ihm zurück.

»Ich denke,« fuhr er fort, »daß die Herrn einverstanden sind, wenn wir dem Wunsch der Dame nachkommen. Nur zu unserer Rechtfertigung, Frau Marie, möchte ich kurz bemerken, daß auch in dieser Richtung wir uns bestrebten, möglichst reiches Material zusammenzubekommen. Wir wissen dabei recht gut, daß sich alles Gute sehr schnell vergißt, während das Böse anschwillt und wächst. Wir sind alle vollkommen davon überzeugt, daß wir nur einen kleinen Bruchteil von dem erfuhren, was Sie Gutes taten in Ihrem Leben. Wir haben festgestellt, daß Sie in wenigstens drei Fällen Ihr Leben aufs Spiel setzten, um das anderer zu retten – in einem Falle gar für einen Hund. – Sie haben mehr als einmal einen persönlichen Mut bewiesen, der meinen besten Stoßtruppenleuten höchste Ehre gemacht hätte – und haben genau denselben stolzen Mut, dieselbe hohe Verachtung für alles, was sich Ihnen entgegensetzte, Dutzende von Malen gezeigt. Nie haben Sie irgendeinem Menschen ein Böses nachgehalten; ich – und ich darf wohl sagen: wir – kennen keine Frau von größerem Edelmut –«

»Friedel!« sagte die Frau. Wie ein Vorwurf klang es.

»Nur einen Augenblick!« fuhr er fort. »Ich muß dies sagen, denn es erklärt zum guten Teile die ungeheuren Möglichkeiten Ihres Einflusses. Sie gelten mit Recht, Frau Marie Stuyvesant, als die eleganteste Frau unseres Jahrhunderts; Sie haben mehr Geschmack – und in jeder Beziehung – als die besten Künstler unserer Zeit. Über Ihre außerordentliche Begabung mit der Feder sowohl wie mit dem Stift urteilen längst die modernen Kunst- und Literaturgeschichten. Ihrem Charme und Ihrem natürlichen Liebreiz hat gewiß nicht leicht ein Mensch widerstehn können. O bitte, unterbrechen Sie mich nicht – ich bin gleich fertig, wenn ich auch Ihr Lob in dieser Weise stundenlang singen könnte. Nur eines muß ich noch hervorheben, weil es etwas ist, was selbst den meisten von uns als eine äußerste Überraschung kam. Es ist die Tatsache, daß Sie – Frau Marie Stuyvesant – die Sie durch alle Sündenpfuhle und Lasterhöllen knietief durchgewatet sind, dennoch die reinste Seele haben, die heute in irgendeinem Menschenkinde haust.«

»Amen!« machte die Frau. »Und damit, hoffe ich, ist dieses Kapitel geschlossen!«

»Auf Ihren Wunsch!« fuhr der Rechtsanwalt fort. »Aber Sie werden uns, ehe wir ein anderes aufschlagen, zugeben, daß wir auch dieses gründlich studiert haben und Ihnen volle Gerechtigkeit widerfahren ließen. Auch ist ja alles dieses, wie es sich uns jetzt darstellt, kaum geeignet, für Sie zu sprechen – es dient letzten Endes nur zur Erklärung für das ungeheuerliche Phänomen Ihrer Erscheinung. Herr dell' Greco, wollen Sie bitte einige der Ausschnitte vorlesen, die Sie in diesen Tagen aus unsern Akten machten – es würde viel zu lange dauern, wenn wir diese in completo hier vortragen wollten.«

Der Schiffsleutnant, der am äußersten linken Ende des grünen Tisches saß, begann:

»Unter den Schülern und Schülerinnen der Münchener Kunstakademie brach im Jahre 1910 eine Art Epidemie aus – die jungen Leute wurden zu Dutzenden Äthertrinker. Eine ganze Reihe von ihnen ist elend zugrunde gegangen –«

»Verzeihung!« unterbrach Erwin Erhardt den Triestiner. »Ich möchte zwischendurch einige Fragen an Frau Stuyvesant richten – darf ich hoffen, daß Sie mir diese beantworten werden?«

»Gewiß,« nickte die Dame.

»Was diese Epidemie angeht – so wissen Sie natürlich davon. Man sagt, daß Sie die Ursache gewesen seien?«

Frau Marie zuckte die Achseln. »Ich trank gelegentlich Äther, wie ich – gelegentlich – jedes andere Rauschgift nahm. Es ist höchst wahrscheinlich, daß einige der jungen Akademiker dabei waren. Es ist durchaus möglich, daß sie dann selbst Äther nahmen und dazu auch andere veranlaßten.«

»Wir haben,« fuhr der Ingenieur fort, »in unsern Akten nun eine ganze Reihe solcher Fälle – und zwar, wie Sie sagen, in bezug auf fast jedes Rauschgift. Sie, Frau Stuyvesant, waren nie Alkoholikerin, nie Morphinistin, Kokainistin, gewöhnten sich nie an Muscarin, Mescal, Opium, Heroin – oder was es immer war. Aber sehr viele Menschen, die Sie das Gift nehmen sahen, davon erzählen hörten oder auch nur in Ihren Büchern darüber lasen, nahmen es, und von diesen wurden sehr viele Gewohnheitsnehmer. Manche davon richteten sich zugrunde, starben in Anstalten, endeten durch Selbstmord. Was für Sie eine gelegentliche Sensation war, was Ihnen eine vielleicht köstliche Stunde einbrachte, das wurde für viele andere ein langsamer Tod. Durch wen sind Sie an das Opium gekommen, Graf Thun?«

»Durch ein Buch der Gnädigen,« sagte der Graf ruhig. »Ich bereue es nicht. Ich weiß, daß ich kaum mehr ein Mensch bin, in gewöhnlichem Sinne. Ich weiß, daß ich den Weg des Opiums zu Ende gehen werde – und kenne das bittere Ende. Dennoch: ich bereue es nicht – was mich persönlich angeht, mache ich ihr keinen Vorwurf.«

Die graue Dame sah ihn an, fast dankbar klang ihre Stimme: »Graf, was rauchen Sie?«

Graf Thun seufzte: »Es ist ein Jammer – ich kann nur indische Präparate auftreiben – und zu unerschwinglichen Preisen.«

»Ich dachte mirs,« sagte Frau Marie, »darum fragte ich. Ich habe bestes chinesisches Opium da – werde es auf Ihr Zimmer schicken, Herr Graf!« Sie unterbrach sich lachend. »Oder ist das vielleicht der Versuch, einen Richter zu bestechen?«

»Wir sind nicht Ihre Richter,« sagte Dr. Löwenstein. »Es gibt nur einen Menschen, der über Sie zu Gerichte sitzen darf – und Sie werden bald genug seinen Namen hören! Bitte lesen Sie weiter.«

Ritter dell' Greco nahm andere Blätter auf. »Hier sind Ausschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften, aus Broschüren und Büchern – die alle über die Kunst Frau Marie Stuyvesants handeln. Sie variieren das Thema in allen Tönen, schillern in hundert Farben, gleichen aber in einem sich völlig, darin nämlich, daß Sie den erstaunlichen Einfluß dieser Kunst hervorheben. Und darin auch, daß dieser Einfluß der unheilvollste sei, den jemals ein Künstler ausgeübt habe. ›Auf Generationen hinaus,‹ heißt es hier, ›wird man sich diesem Gifte nicht entziehen können.‹ Das Bestrickende dieser Kunst ist, daß sie die Welten, die, wie Schiller sagen würde, ›die Götter gnädig bedecken mit Nacht und Grauen,‹ leichten Fußes betritt und durchaus nicht grauenhaft schildert. Alles ist Natur, nichts ist unnatürlich – dies ist das Dogma – und darum gibt es nichts Anormales, Perverses, Widernatürliches. Dies alles kann sehr schön sein – und ist es in der Tat weit öfter, als das Normale, Alltägliche. Dann aber, wenn es schön ist – ist es auch gut. Es läßt sich nun nicht leugnen, daß in den Schriften der Stuyvesant, wie in ihren Blättern all das in der Tat von hoher Schönheit ist – diese Schönheit ist so mit den Händen zu greifen, daß sich ihrer nicht so leicht jemand entziehn kann. So trinkt das Publikum aller Länder, und ganz besonders die Jugend, diese Kunst – trinkt sie gierig, wendet sich angeekelt von normalem Alltag ab und sucht die Irrgärten des Nichtalltäglichen auf. Leider ist nun das Perverse nicht an sich schön, sondern lediglich in dem Zaubermantel dieser Kunst; und der steht wohl einer begnadeten Künstlerin zur Verfügung, aber nimmermehr den Massen der Verführten. Die laufen dem Irrlicht nach, rennen helljauchzend in den Sumpf; glauben, die Schönheit zu finden und kommen schließlich um in Schlamm und Schmutz. Jeder Schuldirektor, jeder Universitätslehrer, jeder Richter kann Zeugnis ablegen über die geistzerrüttenden Folgen, die diese Kunst hervorgerufen hat – wenn er nicht etwa selbst davon gründlich infiziert wurde.«

»Frau Stuyvesant,« begann Dr. Erhardt wieder, »glauben Sie, daß dieser Kritiker recht hat?«

Sie antwortete: »Ich lese meine Bücher nicht und kritisiere sie nicht. Ich schreibe sie – das ist alles. Wie ich meine Blätter zeichne. Soll ich vielleicht anders zeichnen und anders schreiben? Verlangen Sie doch, daß ein Stachelschwein Nashörner zur Welt bringt, und daß der Strauß Kaviar legt!«

Erwin Erhardt dachte: »Fabelhaft ist diese Frau –«

»Fahren Sie fort,« wandte sich der Rechtsanwalt an Herrn dell' Greco. Der Schiffsleutnant nahm seine Akten wieder auf. »Wir haben verschiedene eingehende Berichte über die sogenannten Stuyvesantbälle; sie kamen schon vor dem Kriege auf, wurden aber zur großen Mode überall in Europa in den letzten Jahren. Zwei unserer Berichte scheinen besonders interessant, einer aus Zürich, der andere aus Stockholm. Alle Teilnehmer erschienen in den bizarren Kostümen der Schwarzweißblätter, in denen die sogenannte ›Reizkleidung‹ zum äußersten Raffinement gesteigert ist –«

»Wollen Sie mir sagen,« fragte hier der Ingenieur Erhardt, »wie Sie eigentlich dazu gekommen sind? In immer neuer Art variieren Sie, Frau Stuyvesant, in Ihren Blättern dasselbe Thema: einen Menschen so anzuziehn, daß er auf andere Menschen einen faszinierenden Geschlechtsreiz ausübt. Ich besitze alle Ihre Zeichnungen und habe sehr viele Kostüme gesehn, die nach ihnen gearbeitet wurden. Bei aller höchsten Anerkennung für diese Kunst ist es doch zweifellos, daß der bizarre Kitzel, den sie hervorrufen, so stark ist, daß selbst ein Pflasterstein Liebesseufzer ausstoßen möchte.«

Frau Marie brannte eine neue Zigarette an. »Dann, lieber Herr, muß ich weniger empfinden, als ein Pflasterstein! Aber das ist vielleicht darum, weil ich weiß, was wirkt – und warum es wirkt. Sehn Sie, die ganze Kostümkunde ist ja voller ›Reizkleidungen‹, wie die Gelehrten es nennen, oder wenigstens von Versuchen dazu. Nur sind alle diese Kleider durch die Jahrtausende von Stümpern entworfen worden, von Schneidern, Putzmacherinnen – Dilettanten, die herzlich wenig Ahnung hatten. Am besten haben sich noch die Könige und Herzöge und Generäle darauf verstanden, wenn sie aus ihren hübschen Leutnants betreßte Reizpüppchen machten. Es ist erstaunlich, meine Herren, wie alle Weisen dieser Welt herumlaufen, den Schädel vollgestopft mit tiefer Gelehrsamkeit – und dabei doch das allereinfachste nicht wissen. Kleidung, sehr verehrte Herrn, ob sie nun aus Federn oder Pelz, oder Hosen und Röcken besteht, dient den Geschöpfen der Schöpfung gegen die Unbill der Witterung. Schöne Kleidung aber hat nur den einen Zweck, das Auge des Artgenossen des andern Geschlechts liebestrunken zu machen. Darum hat der Pfauhahn sein strahlendes Rad, darum der Löwe seine stolze Mähne. Wer nicht sieht, daß die Natur selbst uns das lehrt – der ist blind geboren. Daß meine Kostüme sexuell anreizend wirken, ist gewiß – genau so, wie die des Paradiesvogels oder des Zitronenfalters. Und ich möchte wissen, wer es leugnen wollte, daß Sie, Graf Thun, den Augen junger Frauen weit besser gefielen, als Sie noch in der Uniform der Honvedhusaren steckten!«

Keiner antwortete; so fuhr der Triestiner fort in seinem Vortrag. »Diese Bälle arteten überall in die schamlosesten Orgien aus. Die berüchtigten Bälle der ›Quat'z'Arts‹ in Paris sind insofern im Vergleich mit den Stuyvesantbällen als durchaus harmlos zu bezeichnen, als bei ihnen bei aller offenen Schamlosigkeit wenigstens die beiden Geschlechter sich gegenseitig zusammenfanden, während hier jeder perversen Lust gefröhnt wurde. Es ist ganz sicher, daß keine Zeit eine schrankenlosere Verwahrlosung der Sitten zeigte, als die unsere; und an diesem Zustande –«

Frau Marie Stuyvesant lachte laut. »– trage ich die Schuld! – Oh, ihr Sittenrichter! Unsere Zeit hat mehr Öffentlichkeit, das ist alles! Unmoralischer? O du lieber Gott, sie ist genau so moralisch und unmoralisch, wie es alle Zeiten waren. Was ist denn das Moralische im Sexualsinne? Das Einfache vielleicht, das Natürliche? Nun, dann ist die ganze Natur eben – unnatürlich! Denn das Geschlechtsleben der ganzen Tierwelt ist voll von tausend wilden Kombinationen, die dem braven Menschen äußerst anormal und pervers vorkommen müssen. Die aber, die Tierwelt, muß bescheiden sich verstecken vor dem überreichen, immer anders sich gebärdenden Liebesleben der Pflanzenwelt! Blickt doch hinein in diese Natur – wer behauptet, daß sie auch nur in irgendeinem Punkte normal, einfach und in euerm Sinne natürlich wäre, ist ein bewußter Lügner oder ein kompletter Idiot! Wir Menschen aber – das ist nun einmal so – gehören doch schließlich auch zur Natur!«

»Sie mißverstehn uns,« erklärte Erwin Erhardt. »Keiner von uns leidet an moralischen Anwandlungen und keiner von uns denkt daran, Ihnen in dieser Beziehung Vorwürfe zu machen. Wenn Sie Herrn dell' Greco zu Ende gehört hätten, würden Sie gleich bemerkt haben, auf was es uns ankommt. Diese Bälle – zu denen Tausende von Unterhaltungen und Gesellschaften in allen Städten hinzu kommen – sind an und für sich nicht wesentlicher, als irgendwelche andern dieser Art, die stets gelegentlich stattfanden. Wichtig ist nur ihr massenweises Vorkommen. Wichtig ist, daß junge Leute in ganzen Scharen sich von der Arbeit abwandten und nur das eine noch im Kopfe haben: sich auszuleben in Ihrem Sinne. Wichtig ist, daß die Normen, die durch manche Jahrhunderte eine soziale Ordnung geschaffen haben – ob in jedem Punkte zu Recht oder zu Unrecht, kommt hier nicht in Frage – überall hohnlachend durchbrochen werden. Diese Ordnung schlug gewisse Instinkte in starke Fesseln – Sie, Frau Stuyvesant, haben diese Fesseln zerrissen. Wir können nicht tagelang hier rechten mit Ihnen – wir können Ihnen nur einzelne Beispiele vorführen – aber diese Beispiele sind typisch, und man könnte ein jedes vertausendfachen! Ich bitte Sie, Colonel Thursby, wollen Sie der Dame Ihre Geschichte erzählen, die ihr wohl zum großen Teil noch unbekannt ist.«

Oberst Lionel Thursby erhob sich; seine Finger griffen die vor ihm stehende Whiskyflasche und krampften sie fest.

»Sie erinnern sich, Madame Stuyvesant, daß Sie 1913 in London sprachen. Ich war damals sehr vernarrt in Sie und reiste Ihnen schon seit Jahren durch die ganze Welt nach. Sie trugen auf Einladung des Lotosklubs einige Ihrer Sachen vor; zugleich hatte man in den Räumen des Klubs eine Ausstellung Ihrer Zeichnungen und Radierungen veranstaltet. Ich brachte zu diesem Abend meine Schwester mit und meine beiden Brüder, die mich schon seit langem mit meiner Neigung für Sie geneckt hatten und neugierig waren, Sie persönlich kennen zu lernen. An jenem Abend trugen Sie eine Geschichte vor, in der zwei Brüder einander liebten – Sie werden sich erinnern, welche Ihrer Erzählungen ich meine. Well, das, was Sie da anschlugen, das war das, was mit meinen Brüdern der Fall war. Sie haben gewiß nicht diese unglückselige Neigung in ihre Seelen gesenkt, aber Sie waren es, die diese Liebe – die sonst niemals über eine harmlose brüderliche Zuneigung hinausgegangen wäre – hoch aufblühen machte. Sie lehrten meine Brüder, daß alles, was Wurzel habe, auch das Recht habe, zu blühen und Frucht zu treiben; durch Sie begriffen die beiden erst, was eigentlich in ihnen lebte! Dann kam, was kommen mußte – die beiden gaben ihrem starken Gefühl nach. Nach sechs Wochen wußte ich darum – nach sechs Monaten wußten es die Dienstboten – nach einem Jahr wußte es ganz London. Als meine Brüder – beide Offiziere der Territorials – sich beim Kriegsausbruch bei ihrem Regimente stellten, empfing man sie eiskalt. Man machte Ausflüchte – schließlich wies man sie kurzerhand ab. Und die beiden erschossen sich – zusammen, in derselben Nacht!«

»Das ist sehr bedauerlich,« sagte Frau Stuyvesant. »Ich habe die beiden Herrn nicht einmal gesehn, Oberst; Sie vergaßen, sie mir vorzustellen.«

»Aber meine Schwester haben Sie gesehn, Madame, nicht wahr?« schrie der Oberst. »Sie kam zu Ihnen nach dem Vortrage. Dann ins Hotel am nächsten Tage. Reiste ab mit Ihnen, als Sie London verließen.«

Die Dame in Grau nickte. »Ja, das tat sie. Sie reiste mir nach, wie Sie das taten, Oberst. Belästigte mich genau wie Sie mit ihren Gefühlen, für die ich beim besten Willen keine Verwendung hatte – so wenig wie für die Ihrigen. Es tut mir leid, Oberst, aber ich bin nur ein einzelner Mensch, vergessen Sie das nicht! Wie können Sie verlangen, daß ich jedem Menschen, Männlein und Weiblein, zu Willen sein soll – nur weil er mich begehrt?!«

»Meine Schwester kam zurück nach London,« sagte der Oberst, »zwei Wochen nach dem Tode meiner Brüder. Sie folgte ihnen – man fand sie vergiftet, mit Ihrem Bild in der Hand.«

»Aber Sie, Herr Oberst, Sie leben noch!« sagte Marie Stuyvesant. »Leben, um mich verantwortlich zu machen für etwas, wofür Sie nie einen kleinsten Vorwurf finden würden, wenn es irgendeinem andern passiert wäre.«

Der Oberst schrie: »Ich lebe – weil mich der Tod nicht wollte! Ich habe Sie geliebt vom ersten Tage an, als ich Sie sah. Ich bin mit Ihnen verknüpft durch drei Tote – ich habe in diesen langen Jahren nie einen andern Gedanken gehabt als den einen: Marie Stuyvesant! Ich hasse Sie – hasse Sie Madame – und weiß recht gut dabei – daß das Liebe ist, wie es immer war! Und das wird nie enden – bis – bis –«

Er stotterte; setzte sich dann plötzlich nieder. Wischte mit seinem Seidentuche die perlenden Schweißtropfen von der Stirne.

Dr. Erhardt sagte rasch: »Darf ich fragen, Frau Stuyvesant, wie viele Menschen aus ähnlichen Gründen aus dem Leben schieden, wie Miss Thursby? Oder wie viele solcher Fälle Ihnen bekannt sind? Wir haben unsrerseits eine Ziffer feststellen können, die –«

Frau Marie unterbrach ihn: »Hängen Sie Nullen dran, wenn es Ihnen Spaß macht! Ich sehe nicht ein, daß die Sache dadurch anders wird.«

Ein Glas nach dem andern goß Dr. Löwenstein herunter. »Wir doch, Marie Stuyvesant,« rief er, »wir doch! Der Fall an sich besagt nichts – aber alles die Tatsache, daß er typisch ist. Und da wir von uns sprechen – von den Herrn, die Ihnen gegenübersitzen – und da das, was man grade vor Augen hat, am leichtesten zu greifen ist, so wollen wir die Fälle zur Sprache bringen, die uns selbst angehn. Wir haben uns gegenseitig zugesagt, uns selbst nicht zu schonen – Sie haben gesehn, wie offen die Herrn sprachen. Was Ritter dell' Greco anbetrifft, so glaubt auch er, daß Sie, Marie, sein verlorenes Leben auf dem Gewissen haben. Sie wissen, daß seine junge Frau eine außerordentliche Schönheit war, die er über alles liebte. Diese Frau ist heute eine große internationale Dirne, die von einem Kurort zum andern fährt und jedem gehört, der sie bezahlen kann. Eine einzige kleine Bemerkung, die Sie sehr gelegentlich machten, trägt die Schuld daran.«

»Darf ich fragen: welche?« sagte die graue Dame.

»Die dell' Grecos lernten Sie vor zwei Jahren in Portorose kennen; beide waren große Bewunderer Ihrer Kunst und natürlich sehr erfreut, sich Ihnen nähern zu dürfen. Isabelle dell' Greco attachierte sich sehr an Sie – jedes Wort, das Sie sprachen, erschien ihr wie ein Evangelium. Sie zeichneten verschiedentlich Herrn dell' Greco wie auch Frau Isabelle – bei einer solchen Gelegenheit legten Sie einmal das Skizzenbuch auf die Knie und sagten: ›Ich muß was andres hineinlegen!‹ Als Frau Isabelle fragte, antworteten Sie: ›Herrgott, er hat eine prächtige Figur! Ist ein bildhübscher Bursch!‹ Aber irgendetwas abscheulich langweiliges ist da – sagen Sie, Frau Isabelle, langweilt er Sie nicht manchmal furchtbar?«

»Ja, du lieber Himmel, meine Herrn,« rief Frau Marie, »hatte ich denn da nicht recht? Schaun Sie doch den guten Hans an – er ist bei aller Schönheit zum Kotzen langweilig!«

Ritter dell' Greco keuchte: »Gnädige – Gnädige –! Vielleicht haben Sie recht – es ist gewiß so, wenn Sie es sagen! Aber meine Frau sah es zum ersten Male – von dem Tage an war ich ihr langweilig – wie Sie sagen: zum Kotzen langweilig! Sie ging weg von mir – fand einen andern – vielleicht war ihr der auch langweilig nach kurzer Zeit. Und dann kam es so –«

»Ist das auch typisch?« fragte Frau Marie.

Der Rechtsanwalt nickte. »Es ist typisch dafür, daß irgendetwas, daß Sie in aller Harmlosigkeit hinsagen – imstande ist, in andern Hirnen die weittragendste Bedeutung zu erlangen. Schaun Sie, Frau Marie, auf die weißen Haare meines Nachbarn, des jungen Baron von Ayx. Er hat sie in wenigen Monaten bekommen – nicht sehr romantisch, nicht durch irgendein furchtbares Ereignis. Aber immerhin – durch Sie, obwohl er Sie jetzt zum erstenmal in seinem Leben sieht. Sie haben vor einigen Jahren, Frau Marie, eines Abends im Kasino in San Sebastian gespielt; bei der Gelegenheit etwa zwanzigtausend Peseten verloren. Sie sind dann mit einigen bekannten Damen und Herrn, die an dem betreffenden Abend auch eine recht unglückliche Hand hatten, ins Kaffeehaus gegangen. Während die andern recht schlechter Laune waren, waren Sie im Gegenteil außerordentlich vergnügt. Sie bezahlten Ihren Kaffee mit einer Hundertfrankennote, die Sie zufällig noch in Ihrer Handtasche fanden und gaben dem Kellner den Rest als Trinkgeld. Sie machten sich lustig über die sauren Gesichter der andern und philosophierten, daß der eigentliche Reiz eines hohen Hazardspiels ja doch nur darin bestehe, daß das Geld überhaupt keinen Wert mehr habe, daß man lediglich nur gelbe, rote, blaue und weiße Marken einsammle oder fortgäbe und nach kurzer Frist völlig erhaben sich vorkomme über jeden Begriff von Geldeswert. Und daß man diesen souveränen Kitzel beinahe noch mehr empfinde, wenn man alles verliere, als wenn man gewinne. Es schien einem Ihnen unbekannten, am Nebentische sitzenden Herrn, der dieses Gespräch zufällig mit anhörte, als ob, wenigstens was Ihre Person angehe, das durchaus richtig sei. Dieser Herr, der selbst niemals spielte, erzählte Jahre später seinem Freunde, eben Baron von Ayx, hiervon. Der junge Maler – der übrigens seinerseits auch bisher niemals daran gedacht hatte, eine Karte anzurühren oder in irgendeinem anderen Spiele sein Glück zu versuchen, fühlte sich bei dieser gewiß gleichgültigen Unterhaltung eigentümlich berührt. Er empfand eine seltsame Lust, zu spielen – widerstand ihr wochenlang, setzte sich dann bei irgend einer Gelegenheit in einem Klub an den Bakkarattisch. Seither klebte er an diesem Tische – verspielte in einem halben Jahr sein Vermögen, wie das seiner alten Mutter. Die Sensation, die Ihnen das Spiel bringt, empfand er leider nie – wohl aber werden ihn seine grauen Haare zeitlebens an Sie erinnern.«

Marie Stuyvesant betrachtete den jungen Maler aufmerksam genug. »Ich finde, daß sie ihn äußerst gut kleiden,« bemerkte sie.

Rechtsanwalt Löwenstein blätterte in den Akten. »Ein anderes Blatt!« begann er wieder. »Sie haben, Frau Marie, hie und da die Lust verspürt, auf der Bühne zu erscheinen. In eigenen Sachen, die Sie dazu auch selbst inszenierten. Es war jedesmal eine kleine Sensation und ganz sicher ein Erfolg. Nicht etwa dank einer ungewöhnlichen schauspielerischen Begabung, sondern lediglich infolge Ihrer starken Persönlichkeit, die selbst offensichtliche technische Mängel nicht als Fehler, sondern gar als besonderen Reiz erscheinen ließ.«

»War das vielleicht auch ein Verbrechen?« fragte Marie Stuyvesant.

»Sowenig wie alles andere,« erklärte der Anwalt. »Nur ist es eine Tatsache, daß Ihr Beispiel eine Menge junger Leute zur Bühne trieb, die bisher nie daran gedacht hatten. Das alles glaubte, den Mangel an Talent und Schulung durch eine Persönlichkeit ersetzen zu können – glaubte, man brauche nur von der Straße weg auf die Bühne zu gehn, um einen Erfolg zu haben. Die Theaterdirektoren wissen sich ja kaum mehr zu retten von all den Menschenkindern, die den Stuyvesantfimmel haben, wie mans beim Theater nennt. Von einer wirklichen Persönlichkeit ist natürlich kaum je die Rede – und das Ende vom Liede ist, daß die große Armee der Prostitution wiedermal um so viele Rekruten reicher ist.«

Der Rechtsanwalt griff ein anderes Blatt auf und fuhr, ohne innezuhalten, fort: »Hier ist eine Gruppe von Fällen aufgezählt, die bei aller sonstigen Verschiedenheit das Gemeinsame haben, daß es sich um Fälle unsinniger Wetten handelt. In einer Ihrer Geschichten, Marie, kommt ein Mann vor, der die Manie hat, sich alles zuzutrauen, und darauf die unglaublichsten Wetten eingeht. Sie haben in diesem Manne sich wohl zum Teil selbst gezeichnet, denn es ist bekannt, daß Sie selbst gerne solche Wetten gemacht – und auch meistenteils glatt gewonnen haben. Ich selbst war dabei, als Sie einmal wetteten, Sie würden auf einer der Turmspitzen des Kölner Doms eine kleine Flagge aufhissen. Sie bereiteten sich gut vor, versuchten sich, mit dem besten Dachdecker der Stadt als Lehrmeister, zunächst an einer Reihe leichterer Objekte – und Sie führten schließlich Ihre Wette aus. Sie wetteten in Rom einmal, daß Sie drei Monate lang in Mannestracht herumgehn würden und dabei genau so leben wie bisher. Sie taten es, besuchten Gesellschaften, Theater, Konzerte und Kirchen – gewannen Ihre Wette. Der Held Ihrer Geschichte wettete – aber ich brauche Ihnen das ja nicht zu erzählen. Nun gut – diese Menschen, deren Namen hier verzeichnet stehn, wollten es Ihnen gleichtun, suchten eine Ehre und einen Ruhm darin, Unsinnigstes auszuführen. Es mag manchem gelungen sein – diesen hier nicht! Ich habe hier vierzehn Namen verzeichnet – vier davon haben ihre Waghalsigkeit mit dem Tode bezahlt. Eine junge Dame befindet sich seit Jahren im Irrenhaus, zwei sind Krüppel für ihr Leben. Die übrigen sind zwar heute wohl wieder ganz gesund – aber sie haben die Lust zu wetten doch mit langer Krankheit bezahlt.« Der Rechtsanwalt machte eine Pause, leerte sein Glas und ergriff ein anderes Blatt.

»Hier, Frau Marie, haben Sie die Fälle verzeichnet –«

Aber die Dame in Grau unterbrach ihn. »Es ist genug,« sagte sie ruhig. »Ich leugne nichts – alles, was ihr festgestellt habt, wird sich gewiß genau so verhalten. Wenn ich nachdenke, meine Herrn, so glaube ich Ihnen noch recht viel erzählen zu können, das Sie nicht wissen. Erst gestern erhielt ich einen Brief von einem Arzt aus Amsterdam, der mich mit den schwersten Vorwürfen überschüttet. Sehn Sie, ich bin irgendwo für die uralte Behauptung eingetreten, daß es ein Verbrechen sei, unheilbare Geisteskranke, vollkommen verkrüppelte oder idiotische Kinder und dergleichen Unglückliche durch viele Jahre am Leben zu erhalten. Die Gesellschaft habe nicht nur das Recht, sondern geradezu die Pflicht, solche Lebensmöglichkeiten auszulöschen. Sie wissen alle, daß diese Forderung seit Jahr und Tag von wissenschaftlichen Autoritäten aller Völker erhoben wird – das war natürlich dem Amsterdamer Arzte genau so bekannt wie Ihnen. Nunwohl – dieser Arzt hatte ein siebenjähriges idiotisches Töchterlein, das sein Leben wie das seiner Frau zu einer wahren Hölle machte. Schließlich entschloß er sich, im Einverständnis mit seiner Frau, dieser täglichen Qual ein Ende zu machen: er vergiftete das Kind. Seine Frau nahm sich dennoch diesen Tod – der ihr eine Erlösung hätte sein sollen – so zu Herzen, daß sie, vermutlich in einem Zustand völliger Nervenzerrüttung, sich aus dem Fenster stürzte. Der Arzt aber, niedergebrochen durch das Geschick seiner Frau, geht hin und zeigt sich selbst den Behörden an. Er wird sofort verhaftet und schickt mir diesen Brief aus dem Gefängnis: ich, ich allein, schreibt er, trage die Schuld an allem Unglück! Denn allein mein Plädoyer für die bekannte Forderung, das ihm durch einen Zufall in die Hände gefallen sei, habe ihn letzten Endes bestimmt, sein Vorhaben auszuführen. Ohne mich würden seine Frau und sein Kind heute noch leben – ohne mich würde er nicht, des Mordes angeklagt, im Gefängnisse sitzen.«

Sie öffnete ihre Handtasche und nahm den Brief heraus, legte ihn vor sich auf den Tisch. »Hier, meine Herrn, ist das Schreiben. Ich werde es nicht beantworten – nehmen Sie es also zu Ihren Akten, wenn Sie wollen. Es ist, soviel ich weiß, das letzte Geschehnis, das für Sie in Betracht kommt und gewiß eine hübsche Illustration für Ihre Hypothesen. Wollen Sie mehr haben so sehen Sie mich bereit, aber ich denke, wir haben übergenug und können nun schließen. Wollen Sie nun mir bitte mitteilen, was Sie eigentlich von mir wünschen?«

Rechtsanwalt Dr. Löwenstein beeilte sich nicht. Er sammelte die rechts und links über dem Tisch verstreuten Blätter, ordnete sie und gab sie sorgfältig in seine Aktenmappe zurück. Als niemand sprach, fragte er endlich: »Wünscht einer der Herrn noch irgend etwas zu bemerken?«

Die andern verneinten.

Da sagte er: »Dann glaube ich, daß wir die Verhandlung schließen können. Bezüglich des Tatsachenmaterials sind von keiner Seite Bedenken erhoben worden; es kann daher als völlig bewiesen gelten. Wir hatten das schon vorher angenommen und haben infolgedessen die Rollen verteilt. Während ich die Verhandlung leiten sollte, und die einzelnen Herrn, je nach Bedarf, ihr Zeugnis ablegen sollten, haben wir Herrn Doktor Erhardt den Part als Staatsanwalt übertragen, um als Vertreter der Gesellschaft – ja der Menschheit – gegen Sie, Frau Marie, Stellung zu nehmen. Wir haben mit Vorbedacht gerade ihn dazu erwählt, weil er der einzige von uns sieben ist, der nicht einen besondern Grund hat, Ihnen, Frau Marie, zu zürnen. Doktor Erhardt hatte nie die Ehre, Sie zu treffen, ist nie zu Ihnen in irgendeine Beziehung getreten – er ist ganz gewiß nicht voreingenommen. Darf ich bitten, Herr Doktor!«

Dr. Erwin Erhardt begann sofort:

»Ich erhielt, Frau Stuyvesant, vor einem Jahre den schon erwähnten Brief des Obersten Thursby, grade in einer Stunde, in der mir der Buchhändler Ihre neueste Mappe ins Haus schickte; in der Tat war ich eben damit beschäftigt, diese Zeichnungen zu betrachten. Oberst Thursby ist ein alter Freund von mir aus der Studentenzeit – ich war mir bewußt, daß dieser Mann niemals einen derartigen Brief geschrieben hätte, wenn er irgendeinen andern Ausweg gewußt hätte. Er berichtete all das, was Sie heute abend aus seinem Munde gehört haben – und fügte eine Schilderung seines Seelenzustandes hinzu, die einen herzzerreißenden Eindruck machte. Von ihm kam die Anregung: es müsse irgend etwas geschehn, um dem Schalten und Walten eines Menschen, durch den alltäglich soviel Elend in die Welt komme, ein Ende zu setzen. Ich fühlte im Augenblicke mit dem Oberst – und wurde in diesem Empfinden grade durch den Anblick Ihrer Zeichnungen, Frau Stuyvesant, noch mehr bestärkt. Ich rief sofort Rechtsanwalt Löwenstein auf; der kam gleich zu mir und wir berieten die Nacht durch. Schon am nächsten Tage gingen wir ans Werk – das Resultat ist Ihnen bekannt. Ich bin, Frau Stuyvesant, ein ehrlicher Bewunderer Ihrer großen Kunst, ich weiß, daß deren suggestive Wirkung vielleicht einzig dastehend ist – und beuge mich ebenso willig vor dem Phänomen dieser Wirkung, wie vor den Kunstwerken selbst. Dennoch kann diese restlose Bewunderung nicht meinen klaren Blick trüben, der mich – und während dieses letzten Jahres mit jedem Tage schärfer und genauer – erkennen läßt, daß Ihr Einfluß, Frau Stuyvesant, einer der unheilvollsten ist, den die Welt je gekannt hat. Durch Ihre Bücher und Ihre Zeichnungen sind eine Fülle von einfachen, anständigen Individuen zu ebensoviel Menschen gemacht worden, die für die soziale Ordnung nicht mehr zu gebrauchen sind – und in vielen Fällen hat das, was Sie schufen, viel, viel Schlimmeres angerichtet. Aber selbst wenn Sie nie etwas geschrieben, nie etwas gezeichnet hätten – so ist der ansteckende, suggestive Einfluß Ihrer Persönlichkeit stets stark genug gewesen, fast alles, was er trifft, mit seinem süßen Gifte zu vergiften. Dieses Gift, Frau Stuyvesant, tragen Sie in sich, wenn es auch außerstande ist, Ihnen selbst den kleinsten Harm anzutun. Von Jorge Quintero, dem Typhusbazillenträger aus Andalusien, wird uns berichtet, daß er als ein sehr gutmütiger, freundlicher, arbeitsamer, dabei hübscher Mensch überall geschätzt wurde. Multipliziert man das mit dem Vielhundertfachen, so wird man sich Ihr Bild machen können. Ihre große Herzensgüte wird überall anerkannt – und man wird wenige Menschen von solch erstaunlicher Arbeitskraft finden, wie Frau Marie Stuyvesant. Sie haben, wie so manche bedeutende Menschen, eine instinktive Abneigung gegen alle Feststellungen, die etwas Gutes von Ihnen sagen – ich verzichte daher darauf, dies näher auszuführen. Aber ich möchte bemerken, daß gerade diese Abneigung im Grunde nichts andres ist, als ein sehr feines Schamgefühl, das bei Ihnen, Frau Stuyvesant, viel stärker entwickelt ist, wie bei so manchen andern Menschen.

Jorge Quintero hat gewiß seinen Mitmenschen nur das Beste gewünscht – und hat gegen seinen Willen ihnen Qualen, Krankheit und Tod gebracht. Und genau das, Frau Stuyvesant, taten Sie! Sie, wie er, verkehren das mephistophelische Prinzip ins Gegenteil – Sie sind ein Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft! Stets – überall und immer auf Ihrem Lebenswege: das ist unentrinnbares Schicksal!

Nun lassen Sie mich Ihnen, Frau Stuyvesant, die unterbrochene Geschichte Ihres Schicksalsgenossen Jorge zu Ende erzählen. Der alte Priester, Don José Hoyos, suchte ihn auf, wohnte eine Woche lang mit ihm zusammen, wagte furchtlos sein eigen Leben, um das so vieler anderer zu retten. In dieser Zeit setzte er ihm in langen Unterhaltungen auseinander, was er, Quintero, eigentlich für die Menschheit bedeute. Das hatte der einfache Mann bis dahin keineswegs begriffen. Zunächst hatte er, der völlig Gesunde, nicht einsehn können, wieso er andere Menschen anstecken könne – hatte diesen Verdacht als eine infame Verleumdung weit von sich gewiesen. Von den Ärzten hierüber aufgeklärt, stellte sich sein Empfinden allmählich teils auf ein großes Mitleid mit sich selbst ein – ein Gefühl, das dem andalusischen Volkscharakter überhaupt entspricht – teils darauf, daß er sich als etwas außerordentlich Interessantes vorkam, wie er es ja auch den Ärzten, den Zeitungen und dem ganzen Publikum war. Pater Hoyos nahm ihm dies Empfinden nicht, aber er überzeugte ihn allmählich von dem antisozialen Charakter seiner Person, machte ihm begreiflich, daß sein Leben gleichbedeutend sei mit dem ständigen Sterben von andern – von denen manche gewiß so viel besser seien, als er selbst. Er sagte ihm, daß keine Behörde und keine Macht der Welt dagegen etwas tun könne, daß es kein Gesetz gäbe, ihm etwas anzuhaben. Einen, der andere Menschen morde, den könne man verhaften und verurteilen – ihn nicht, denn ihm habe ja die Absicht zu töten gefehlt, ja selbst das Bewußtsein, daß seine Nähe den Tod bringe. Nun aber wisse er das – und wenn dennoch kein Gendarm ihn ergreifen könne, so sei er doch von nun an nicht viel anders wie ein Mörder, wenn er noch immer fortfahre zu töten. Einen Richter freilich gäbe es für ihn nicht: so müsse er sein eigener Richter werden.

Langsam verstand Jorge Quintero den alten Priester. Aber er war ein frommer Christ und war sich wohl bewußt, was das bedeute: Selbstmord. Er würde im Zustand schwerer Sünde sein Leben beschließen –

Don José zeigte ihm den Weg. Ob er je von der heiligen Apollonia gehört habe?

Ja, die kannte Jorge. Das war die, die mit der Zange den großen Zahn hielt, die, zu der man betete, wenn man Zahnschmerzen hatte.

Der Priester erzählte ihm die Geschichte dieser Heiligen. Sie war zum Feuertode verurteilt. Als der Scheiterhaufen schon angezündet war, ergriff die fromme Frau eine solche Sehnsucht nach dem Märtyrertode, daß sie nicht mehr warten konnte, bis des Henkers Faust sie ergriff. Sie sprang selbst in die Gluten.

Das war Selbstmord – dennoch betrachtete die katholische Moral es nicht als einen solchen.

Und die frommen Nonnen von Seeben? In dem Benediktinerinnenkloster bei Brixen zitterten die Nonnen, als die Franzosen ins Land zogen. Andreas Hofer, Speckbacher, Pater Haspinger und ihre Leute hatten sich tief in die Berge zurückziehn müssen, die Jakobinertruppen waren schon unten im Tale, und die Nonnen wußten, was ihnen bevorstand: Vergewaltigung, Raub ihrer Unschuld. Da sprangen sie aus dem Fenster hinaus in die tiefe Schlucht, zerschlugen ihren armen Leib auf den Felsen. Und obgleich der Verlust ihrer körperlichen Unschuld in diesem Falle in keiner Weise ihre moralische Reinheit befleckt hätte, und obwohl die Nonnen dies wissen mußten und gewiß auch wußten – sprach dennoch die Kirche sie frei von Schuld.

Er aber, Jorge Quintero, habe ganz sicher triftigeren Grund als diese Frauen. Wenn er sein Leben hingäbe – oh, es wäre ein freiwilliger Märtyrertod für das Leben seiner Mitmenschen.

Dann – im letzten Augenblicke würde er die Reue fühlen, die die Kirche verlangt. Und selbst, wenn er nicht von selbst diese Reue empfinden würde, so würde dennoch die göttliche Allmacht ihm die Gnade der Reue zuteil werden lassen.

Das wolle er, ein Priester des Herrn, ihm gewährleisten – und so felsenfest sei er davon überzeugt, daß er ihm ein christliches Begräbnis in geweihter Erde verspreche.

Und Don José sagte: »Wenn Gott es will – so werde ich nicht angesteckt. Will er anders – so laß mich denn dein letztes Opfer sein, lieber Bruder.«

Drei Tage verbrachten die beiden mit Beichten und heißen Gebeten. Dann erstach sich Jorge Quintero mit seiner Navaja.

Der Jesuitenpater hielt sein Wort. Trotz aller Angriffe der Geistlichkeit der Stadt setzte er es durch, daß sein Freund auf dem Friedhof begraben wurde – er selbst brachte ihn zur letzten Ruhe.

Zwei Tage drauf erkrankte er an Typhus; innerhalb einer Woche war er tot.

Er war des Unglücklichen letztes Opfer.

– Frau Marie Stuyvesant, wir haben die Methode des alten Priesters nachgeahmt. Wie er gegenüber Quintero tat, haben wir versucht, Sie zu überzeugen, welch entsetzliches Unheil Ihr Leben und Wirken für die Menschheit bedeutet. Den Trost, den der Priester seinem Beichtkinde geben konnte, vermögen wir Ihnen freilich nicht zu geben – er liegt in einem Glauben begründet, den Sie nicht teilen. Als Jorge Quintero sich, selbst richtete, stand über ihm ein höherer Richter, und die Gnade dieses Richters wurde ihm von dem alten Priester zugesagt. Über Ihnen, Frau Stuyvesant, steht niemand: Sie sind die letzte und höchste Instanz.

Wir haben nichts mehr hinzuzufügen – unsere Arbeit ist zu Ende. Wir wenden uns gegen die vielseitige Verbrecherin, die Giftmischerin und Mörderin: Marie Stuyvesant. Und an ihren Richter: Marie Stuyvesant. – Wir bitten im Interesse der menschlichen Gesellschaft um ein gerechtes Urteil.«

Erwin Erhardt blieb eine Weile hochaufgerichtet stehn, dann setzte er sich.

Keiner sprach, nichts rührte sich im Saale. Man hörte vom Meer her den häßlichen Schrei einer Möwe.

Minuten vergingen. Einmal lachte die Frau rasch auf – dann war es wieder still. Endlich sprach sie.

»Ich verstehe nicht viel von Prozeßverfahren, doch weiß ich, daß nach dem öffentlichen Ankläger der Verteidiger zu sprechen pflegt. Sie haben, meine Herrn, alle Rollen gut verteilt – es scheint, daß Sie diesen Part übersehn haben. Sie wünschen nicht einmal, daß ich meine eigene Verteidigung übernehme – sonst hätten Sie mich dazu aufgefordert und nicht gleich mich um das Urteil gebeten. Ich komme Ihren Wünschen nach, meine Herrn: ich verzichte auf jede Verteidigung. Es ist ferner gewiß ungewöhnlich, den Angeklagten zu veranlassen, über sich selbst zu Gericht zu sitzen. Ich meine, daß ihm dann wohl das Recht zustehe, diese Tätigkeit als Richter abzulehnen. Es wäre das zweifellos das Bequemste für mich. Sehn Sie, meine Herren, die Analogie meines Falles mit dem Ihres andalusischen Giftträgers hat ein großes Loch – es wundert mich, daß Sie es nicht sehn. Denn in Wahrheit war der arme Teufel ja gar nicht – Richter über sich selbst. Gerichtet und verurteilt hat ihn der Priester, als er ihn davon überzeugte, daß die göttliche Gerechtigkeit seinen Tod verlange, der allein die Menschheit von der Ansteckungsgefahr befreien würde. Jorge Quinteros Rolle war lediglich die des Nachrichters – des Henkers: er vollstreckte selbst das Urteil, das ihm gesprochen war. Von mir nun verlangen Sie dasselbe: Sie, meine Herrn, sind längst fertig mit Ihrem Urteil und wünschen nur, daß ich es vollstrecken soll. Sie sind aber nicht so ehrlich, wie der Jesuitenpater – trauen sich ferner trotz der intensiven Arbeit eines ganzen Jahres dennoch nicht die Kraft zu, mich so völlig überzeugt zu haben, wie der Priester sein Beichtkind. Don José übernahm vor der Welt und vor der himmlischen Gerechtigkeit, an die er tief glaubte, die Verantwortlichkeit für das, was er tat – und er zahlte mit seinem eigenen Leben dafür. Sie, meine Herrn, übernehmen gar keine Verantwortlichkeit – und setzen sich nicht der geringsten Gefahr aus, da Sie ja alle – Verzeihung! mit der Ausnahme des Doktor Erhardt – längst, längst an der Stelle von mir infiziert wurden, wo eine solche Infizierung möglich war. Sie waschen Ihre Hände in Unschuld – überlassen mir das Urteil – und hinterher dessen Vollstreckung.

Nun wohl, meine Herren, ich lehne das richterliche Amt nicht ab. Und hier ist mein Urteil: ich spreche mich frei!

Sie haben sich, meine Herren, in dem Falle des Jorge Quintero auf den Boden der christlichen Weltanschauung gestellt. Dann aber hat Gott diesen Menschen geschaffen – hat ihn genau so erschaffen, wie er war. Mit einem schweren Defekt auf der einen Seite – eben den Bazillen, deren Träger er war. Auf der andern Seite aber mit einem großen Vorteil: er trug zugleich in sich ein starkes Gegengift, das das Typhusgift in seinem Körper für ihn unschädlich machte. Was er tat, mußte er tun: so trug er keine Schuld vor der göttlichen Gerechtigkeit. Ein Mensch sprach ihm das Urteil – und weil er selbst ein Mensch war, glaubte er an dies Urteil und seine Schuld. Nun ist der Fall eines solchen unschuldigen Feindes der Menschheit ja ein recht seltener unter den Menschen selbst – aber ein keineswegs besonderer unter anderen Geschöpfen. Ist nicht jede Kreuzotter eine Gefahr für die Menschen? Ist nicht die Ratte die Trägerin der Cholera? Die Anopheles die der Malaria? Wer aber würde an diese Stechmücke, an die Ratten und Ottern das Ansinnen stellen, sich selbst umzubringen? Die menschliche Gesellschaft behauptet Rechte zu haben – ich persönlich bin freilich der Ansicht, daß es überhaupt kein Recht gibt, auf was es auch sei! Aber lassen wir das. – Das Hauptrecht der Gesellschaft ist, sich selbst zu schützen und also das, was ihr schädlich ist, zu vernichten. Darum vertilgt man Ratten und Schlangen und Raubmörder und manches andere noch. Wenn die Gesellschaft nun in besonderen Fällen dennoch nicht wagt, Giftherde auszubrennen – wie eben Quintero – so ist das doch gewiß nur eine Schuld eben der menschlichen Gesellschaft – die doch sonst sicherlich nicht so bedenklich ist! Wenn ich die giftige Kobra für heilig erkläre, muß ich die Konsequenzen daraus ziehn, wie es der Inder tut: sie ist unverletzlich und wenn sie noch so viele Menschen zu Tode sticht. Jorge Quintero ist ein Giftträger – nun gut, mag ihn die Gesellschaft, der er schadet, vernichten! Kann sie das nicht, will sie das nicht – wie in aller Welt kann sie dann verlangen, daß die arme Giftschlange menschlicher empfindet als der Mensch und das tut, was die Gesellschaft selbst nicht zu tun den Mut hat? Sie sagen, meine Herren, daß ich eine viel schlimmere Giftpest für die Menschheit sei, als der andalusische Bauernknecht. Durch meine Zeichnungen und Bücher, noch viel mehr aber durch meine Persönlichkeit habe ich – sagen Sie – alle verruchten Gifte in die Menschheit getragen. Selbst immun – atme ich doch nach allen Seiten allstündlich den tötenden Pesthauch aus. Wem aber, meine Herren, konnte Quintero mit seinen Typhusbazillen Schaden zufügen? Den wenigen zunächst nicht, die genau das waren, was er war: Bazillenträgern – freilich wird er solchen kaum je begegnet sein. Dann den andern nicht, die von Natur immun waren, und endlich den Menschen nicht, die gegen Typhus geimpft waren. Ich denke, es ist genau dasselbe bei mir. Keinem wird mein Gift irgendetwas anhaben können, der immun dagegen ist, sei es durch Natur oder durch eine starke Lymphe – einerlei welcher Art diese Lymphe ist. Da mein Gift ein Seelengift ist, kann ich mir manches heilsame Gegengift denken – mag es eine Religion, eine Philosophie, irgendein sicherer Glauben sein. Allen diesen Menschen bin ich, das werden Sie mir zugeben, gänzlich ungefährlich. Schaden kann ein Bazillengift nur demjenigen, dessen Leib geeigneter Boden hierfür ist: die Liebe des Giftes allein tut es nicht, sie muß bei jedem einzelnen Individuum Gegenliebe finden.

Und so ist es, denke ich, auch bei mir. Die Funken, die von mir ausstrahlen mögen, können nur da Flammen schlagen, wo sie guten Zunder treffen.

Eins glaube ich fest, meine Herren, daß kein gewaltigster Zauberer irgend etwas aus einem Menschen herausholen kann, das nicht von Anbeginn in ihm steckt. Das gilt im Guten wie im Schlimmen. Keiner wird ein Dichter, der nicht als Dichter geboren war – und keiner ist ein Mörder geworden, in dem nicht von Geburt an die Möglichkeit zum Morde schlummerte! Freilich: vielleicht mag ein solcher Mensch nie ein Mörder werden oder nie ein Dichter. Aber vielleicht wird ers, vielleicht, wenn ein unbekanntes Zauberwort das tiefverschlossene Tor seiner Seele weit öffnet!

Und nur das tat ich, meine Herrn! Nur das! Sie sagen – ich infizierte viele Seelen? Ich glaube, ganz so war es nicht. Ich glaube vielmehr, daß ich nur der äußere Anlaß dazu war, daß in diesen Seelen etwas hochwuchs, das als Samenkorn von Anbeginn da war. Sie meinen, das ändert nicht das Geringste an den Tatsachen? Ich glaube doch!

Sie nannten mich, Herr Doktor Erhardt, ›einen Teil von jener Kraft, die stets das Gute will und stets das Böse schafft!‹ Ich muß das, so schmeichelhaft es für meine guten Absichten wäre, dennoch ablehnen. Ich habe niemals weder das Gute noch das Böse gewollt. Getan freilich habe ich einiges Gute – und wie Sie ja wissen, manches Böse – eine Wirkung aber, meine Herrn, ist weder nach der einen noch nach der andern Seite jemals von mir beabsichtigt worden. Wenn ich in dieser Beziehung einen Glauben habe, so könnte ich ihn – in einer andern Variation Goethes – vielleicht so fassen: ich glaube, daß alles, was besteht – bevor es zugrunde geht – erst einmal sein eigen Leben zu leben wert ist. Hat es das getan, dann freilich mag es nach Herzenslust zugrunde gehn.

Meine Herrn, wir stehn in zwei Lagern, zwischen denen es eine Einigung nicht gibt. Sie vertreten den großen Humanitätsglauben, daß das Wohl des gesamten Menschengeschlechts das einzige Kriterium sei, nach dem alle Dinge gemessen werden sollten. Mir dagegen ist das Wohl und Wehe der Menschheit vollständig gleichgültig. Ich kenne einen Millionär in Neuyork, der seit über zwanzig Jahren in allen Teilen der Stadt viele kleine Milchhäuschen errichtet hat; tagtäglich werden auf seine Kosten Tausende von armen Kindern da mit Milch versorgt; es ist gar keine Frage, daß diese schöne Einrichtung vielen Kindern die Gesundheit, manchen vielleicht das Leben gerettet hat. Dieser Mann gilt als ein großer Wohltäter der Menschheit – in meinen Augen aber hat er nichts andres getan, als in einer Art, die ihm Freude machte, sein Geld auszugeben. Wenn aus den Hunderttausenden von Kindern, die durch die Jahre seine Milch tranken, ein einziger Rembrandt hervorgegangen wäre, dann erst würde auch ich ihm dankbar sein können – leider habe ich nichts davon gehört. Ein Dante und Beethoven, ein Napoleon und Goethe mag alle Rechte der Gottheit haben – der Mensch der Masse aber hat nur ein einziges Recht: das, zugrunde zu gehn. Und es scheint mir sehr einerlei, ob das in mehr oder weniger beschleunigtem Tempo geschieht.

Ich habe, wie Sie sagen, meine Herrn, viele Gifte in viele Seelen gehaucht oder, wie ich es fasse, vielen Giftpflanzen, die kümmerlich in dürrem Seelenacker schmachteten, so guten Düngstoff gegeben, daß sie üppig aufblühten. So wurde aus Baron Ayx ein Spieler, aus Isabelle dell' Greco eine Dirne. Graf Thun wurde ein Opiumraucher, Bankier Ulbing ein Schieber, Rechtsanwalt Löwenstein ein Trinker. Sie vergessen nur: keiner von Ihnen wurde irgendetwas, was er nicht von Anfang an war. Und wenn Ihre schöne Frau, Herr dell' Greco, Ihnen immer treu geblieben wäre – so hätte sie doch die Seele einer Dirne gehabt – das bewies sie, als sie Sie verließ und von einem zum andern lief. Und Sie, Friedel, werden ein Säufer bleiben und wenn Sie zwanzig Entziehungskuren machen, im abstinentesten Lande der Welt leben und nie einen Tropfen Wein mehr trinken!

Sie, meine Herrn, Sie sitzen über mich zu Gericht – für sich selber und zugleich in Vertretung vieler Menschen, die genau so sind wie Sie! Jeder von Ihnen hat ein Laster – und jeder weiß, daß ich frei davon bin! Jedes einzelne von allen Lastern habe ich gekostet, jede Sünde begangen, von der ich weiß; habe die Sensation, die jedes Laster bringt, gründlich ausgekostet. Aber nur zu dem einen Zwecke: es kennen zu lernen. Sie, meine Herrn, Sie und ihresgleichen, Sie sind die Sklaven irgendeiner kleinen Sünde. Ich aber, ich bin Herrin über alle. Und weil ich frei bin, weil ich hoch darüber stehe – darum verfolgt Ihr mich!

Ihr wünscht – tief überzeugt von eurer eigenen Nichtigkeit – meine Vernichtung! Und schließt euch zusammen und glaubt in eurem jämmerlichen Massenglauben, daß ein Nichts und noch ein Nichts und viele tausend Nichts schließlich doch eine gewaltige Macht seien!

Sie irren sich, meine Herrn! Sie haben nicht einmal die kleine Kraft, das verhaßte Wesen, das hier vor Ihnen steht, zu vernichten! Sie legten den Urteilsspruch in meine Hände; nun wohl: ich spreche mich frei

Marie Stuyvesants Stimme hob sich nicht. Sie sprach sehr ruhig, sehr still und sicher. Sie wartete nicht auf eine Äußerung der sieben Herrn; sie sagte:

»Ich danke Ihnen, meine Herrn! Sie können nun gehn.«

Keiner antwortete; sie saßen und rührten sich nicht. Dann erhob sich Graf Thun, griff den Schlüssel vom Tisch, ging mit unsicheren Schritten der Türe zu. Ritter dell' Greco schloß sich ihm an – sie gingen hinaus, ließen die Tür weit offen. Bankier Ulbing stand auf, dann der junge Maler und Rechtsanwalt Löwenstein. Langsam gingen sie hinaus, hinter dem Tisch her.

Oberst Thursby kam nach vorne – blieb vor der Frau stehn. Seine schwarzen Augen flackerten und senkten sich, seine Lippen zuckten. Dennoch – er fand das Wort nicht. Biß in die Lippen – ging hinaus wie die anderen.

Sie blickte ihm nach, lächelte. Legte ihre Zigarette weg, erhob sich. Seufzte leicht. Dann ging sie ans Fenster, schlug den Vorhang zurück, blickte auf die Bucht, über der der Mond lag.

Noch einer war im Saale. Er kam hinab, schritt auf sie zu. Sprach:

»Ich bin Erwin Erhardt. Ingenieur, Fabrikant, Erfinder. Reich genug – auch wenn Sie in Dollars rechnen.«

Sie wandte sich um: »Sie? – Sagten Sie nicht, daß ich Ihnen nie etwas antat? – Was wünschen Sie?«

Er sagte still: »Wollen Sie mich heiraten?«

Frau Marie Stuyvesant lachte: »Muß es gleich sein, Doktor? – Die Luft ist stickig hier – finden Sie nicht auch? Kommen Sie, wir wollen ein wenig segeln, in der Mondnacht.«


 << zurück weiter >>