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Dritter Teil.
Die ältere Generation


 

1

Wenn du meine Gründe durchaus wissen willst,« sagte Hermione, »so kann ich dir kurzerhand gleich drei nennen. Erstens liebe ich ihn nicht. Zweitens liebe ich Orest. Drittens ist Pyrrhus, nach allem, was ich über ihn gehört habe, ziemlich brutal, und ich habe kein Verlangen nach einem gewalttätigen Gatten. Ich weiß nicht, warum du noch einmal auf die Sache zurückkommst. Laß Pyrrhus kommen, ich werde deinem Wunsch folgen und ihn mir ansehen, und dann kann er wieder heimreisen. Je mehr wir über ihn sprechen, desto mehr wird er mir zuwider.«

»Wenn meine Absicht nur wäre, eine Heirat zwischen dir und Pyrrhus zustande zu bringen,« sagte Helena, »so würde ich sicher nicht so viel davon reden; ich kann mir wohl denken, daß die Wirkung so ist, wie du sagst. Es kann dahin führen, daß dir schon der Klang seines Namens verhaßt ist und daß du eine heftige Abneigung gegen mich faßt. Wenn du ihn siehst, wird er dir vielleicht dennoch gefallen, trotz allem, was ich zu seinen Gunsten gesagt habe. Aber wie dem auch sein mag, ich möchte dich mit einigen elementaren Wahrheiten über die Ehe bekanntmachen, die die meisten Mädchen zu spät erfahren. Denn mir liegt vor allem deine Erziehung am Herzen, mehr als deine Heirat. Wenn es eine andre Möglichkeit gäbe, dir diese Ideen nahezubringen, so würde ich sie nicht in Worte fassen. Verzeih' mir, Hermione, wenn ich dich damit quäle. Vielleicht könntest du meinen Standpunkt verstehen, wenn du einmal den Versuch machtest; wir älteren Leute haben nämlich einen gewissen Standpunkt. Das kommt, weil wir Kinder zur Welt gebracht haben. Wir möchten ihnen ein besseres Leben verschaffen, als wir es gehabt haben. Das einzige, was wir dazu tun können, ist, daß wir ihnen unsre Erfahrung zugute kommen lassen. Aber nichts verdrießt die Jugend so, wie gerade dies. Nun will ich nicht etwa behaupten, daß ich auf dem Gebiet der Liebe überall Bescheid wisse, aber ich weiß sehr viel besser Bescheid als du, und deine drei Gründe, weswegen du Pyrrhus abweist, scheinen mir absurd. Werde nicht böse! Sie werden dir eines Tages ebenso erscheinen, selbst wenn du deiner Liebe zu Orest treu bleibst.«

»Sie scheinen mir jetzt nicht absurd,« sagte Hermione, »und ich bin diejenige, die zu entscheiden hat.«

»Freilich,« sagte Helena, »und ich möchte, daß du mit offenen Augen entschiedest, ohne dich selbst zu täuschen. Du sagst, du liebst Pyrrhus nicht. Wie solltest du auch? Du hast ihn ja nie gesehen. Aber er kommt in ein paar Wochen hierher. Ich verlange nicht, daß du dein Herz an ihn verlierst; ich wollte dich nur warnen. Obwohl du einen andern Mann zu lieben glaubst, könnte es doch geschehen, daß du Pyrrhus kaum vierundzwanzig Stunden gesehen hast und schon das Verlangen empfindest, ihm mit Leib und Seele anzugehören. Glaub' nur nicht, daß du das einzige Weib in der Welt bist, der das nicht geschehen könnte.«

»Wenn du meinst, daß Orest keine so hervorragende Persönlichkeit ist wie Pyrrhus,« sagte Hermione, »so will ich deine Meinung gern gelten lassen. Das heißt, ich stimme dir zwar nicht zu, aber du kannst es meinetwegen glauben. Vielleicht hast du recht. Allein das ist kein Grund für mich, auch nur einen Augenblick zu schwanken, wo mein Herz ein für allemal entschieden hat. Es gibt Menschen, die füreinander geschaffen sind. Ich glaube, jedem von uns ist vom Schicksal sein Gefährte bestimmt, wenn wir nur so glücklich sind, einander zu finden. Orest und ich gehören zusammen, das steht unumstößlich fest. Pyrrhus mag ein noch so wunderbarer Mensch sein; er ist nicht mein Schicksal. Es hat keinen Sinn, darüber zu streiten: ich fühle es.«

»Du fühlst,« sagte Helena, »daß Orest und du füreinander geschaffen und aufbewahrt seid, daß euer Bund in den Sternen längst beschlossen ist? Ich kenne dies Gefühl gut. Ich habe es mehrmals gehabt, bei verschiedenen Männern. Das ist die bestechende Art, wie unsre Natur in dem Augenblick spricht, wo wir einen Mann sehr begehren. Hast du nie gesehen, wie ein Kind beim Anblick einer Puppe sofort nach ihr greift und sie an sich drückend ausruft: Das ist meine Puppe? Wonach wir sehr verlangen, das erscheint uns immer als vom Schicksal bestimmt.«

»Du glaubst nicht an eine Schicksalsehe? An ein solches geistiges Einssein?«

»Das kann mit der Zeit entstehen,« sagte Helena, »aber dazu gehört sehr viel Anpassung von beiden Seiten, so viel, daß ich, anstatt mich mit Zweifeln über den Willen des Schicksals zu plagen, lieber annehme, daß es gar keine solchen vorherbestimmten Paare gibt, keine getrennten Hälften, die sich zu einem harmonischen Ganzen zusammenfügen sollen. Du kannst an diesen Unsinn von schicksalsgewollten Ehen nicht mehr glauben, mein Kind, wenn du einmal die Erfahrung gemacht hast, daß zwei Männer dich zu gleicher Zeit aufrichtig lieben. Beide glauben, du seist ihr Schicksal, und wenn du den einen wählst, so wird sich der andere nie überzeugen lassen, daß du weißt, was dein Schicksal ist. Höchstwahrscheinlich weißt du es auch nicht. Und sicher kannst du nicht mehr an deine Theorie glauben, wenn du selbst zum zweitenmal liebst – dieselbe Leidenschaft, dieselbe Herzenspein, dasselbe Schicksalsgefühl, nur ein andrer Mann. Wenn wir jung sind, sind wir alle geneigt zu glauben, daß just der eine für uns bestimmt ist, und wenn wir dann die Erfahrung machen, daß unser liebendes Herz zum zweiten- und sogar zum drittenmal brechen kann, fangen wir an, uns zu verachten. Bis wir dann allmählich das Naturgesetz erkennen, daß die Liebe unser Herz immer und immer wieder treffen kann, so wie sich unser Charakter entwickelt und ändert, und daß unser Schicksal nicht so endgültig festgelegt ist, wie wir glaubten.«

»Mutter, du redest so, als ob es in dieser Welt nichts Festes und Zuverlässiges gäbe«, sagte Hermione. »Ich kann dir nicht zustimmen; es scheint mir unfromm. Ich möchte meinem Glauben treubleiben.«

»Nichts ist zuverlässig in dieser Welt, Hermione, wenn wir selbst es nicht sind«, sagte Helena. »Treue muß unser Charakter sich erst erwerben, sie fällt uns nicht in den Schoß, noch läßt sie sich wie eine Blume am Wege pflücken. Es ist ein gewaltiger Unterschied zwischen Treue und Liebe. Liebende sind oft treu bis ins hohe Alter hinein, und ihre Treue ist um so bewundernswerter, als sie nicht einfach natürlich ist. Wenn wir heiraten, so kann die Liebe uns verlassen, aber die Forderung der Treue bleibt bestehen. Ich möchte, daß du den Mann wähltest, dem du am leichtesten auf die Dauer treu bleiben kannst, und ich behaupte, daß es dabei mehr als du denkst auf Wahl ankommt. Du sagst, du liebst Orest, und diese Liebe sei dein Schicksal. Ich warne dich, wenn du mir auch natürlich nicht glaubst: du wirst später vielleicht einen andern genau so leidenschaftlich lieben. Und wenn du mir sagst, daß man der zweiten Liebe Widerstand leisten kann und soll, so gebe ich dies zu – aber dies gilt ebensogut von der ersten.«

»Wenn du mir auf Grund deiner eigenen Erfahrung rätst,« sagte Hermione, »so möchte ich dich mehr über dein Leben fragen, als mir schicklich erscheint; ich weiß nicht, ob ein Mädchen ihre Mutter nach solchen Dingen fragen darf.«

»Ich will dir gern alles sagen, was ich weiß,« sagte Helena, »frage getrost alles, was du wissen möchtest.«

»Nun also, wenn du so über die Liebe denkst,« sagte Hermione, »so weiß ich nicht, weshalb du damals nicht bei Vater geblieben bist. Du hättest sehr gut der Liebe zu Paris widerstehen und mir ein Beispiel von Treue geben können. Ich muß sagen, daß ich dein Leben und deine Lehren nicht recht zusammenreimen kann.«

»Liebes Kind,« sagte Helena, »es ist gar kein Zusammenhang zwischen beiden.«

»Das dachte ich mir«, sagte Hermione.

»Nicht der geringste«, sagte Helena. »Ich würde dir niemals raten, das zu tun, was ich getan habe. Das hätte gar keinen Sinn. Du könntest es auch nicht. Und selbst wenn du es könntest, so hast du doch nicht meine Gründe dafür.«

»Ich gebe zu, daß ich dein Leben nicht nachahmen könnte,« sagte Hermione, »aber ich finde, du solltest das nicht so sagen, als ob es eine Gabe wäre, die ich nicht geerbt habe. Wir werden uns nie darüber einigen, welche Lebensform die richtigste ist. Ich kann mir keinen Grund denken, der deine Flucht mit Paris rechtfertigen könnte.«

»Ich habe nicht die Absicht, mein Leben zu rechtfertigen, Hermione, weder vor dir noch vor irgend jemand. Aber deine Frage brachte meine Gedanken auf die Gründe für meine Handlungen, ob sie gerechtfertigt sind oder nicht. Ich rate dir, mache nicht den Versuch, dein Leben zu rechtfertigen, nachdem es einmal gelebt ist; da muß es für sich selbst sprechen. Urteile auch nicht über die einmal geschehenen Handlungen anderer; sie lassen sich doch nicht mehr ungeschehen machen. Du scheinst mir etwas geneigt, über mein vergangenes Leben abzuurteilen. Ich lehne dein Urteil nicht deshalb ab, weil es sich um mein eigenes Leben handelt, sondern weil jedes Aburteilen über andere eine Anmaßung ist. Ich rede so viel über dein Leben, weil es noch in der Zukunft liegt; ich werde nie etwas sagen über das, was du einmal getan hast.«

»Ich wollte nicht unhöflich sein,« sagte Hermione, »und ich sehe auch ein, warum es mit dir anders ist, als mit andern. Du bist so schön, daß die allgemein gültigen Regeln auf dich keine Anwendung finden.«

»Das war in der Tat so,« sagte Helena, »aber das hätte nicht so sein sollen, und ich wollte es auch nicht. Das ist das ganze Unglück. Ich wollte nie anders sein als meine Mitmenschen, und doch hatte ich nie das Gefühl, daß ich mit ihnen in ein und derselben Welt lebte. Kannst du wohl verstehen, in welch eine Lage dies mich brachte und wie verhängnisvoll sie für mich werden mußte? Niemand hat das Recht, uns von irgendeinem Teil des Lebens auszuschließen, auch nicht von seinen Härten, von seinen Sorgen und Leiden. Man sagte immer, daß ich schön sei, aber die einzige Wirkung, die ich davon bemerkte, war, daß man mich behandelte, als ob ich kein menschliches Wesen wäre. Mein ganzes Leben war ein beständiger Versuch, meinen Platz unter den andern Menschen zu behaupten, damit mir nichts vom Leben verloren ginge. Ich war unzufrieden, daß die allgemeinen Lebensregeln für mich nicht gelten sollten. Wenn ich als Kind unrecht tat, bestrafte man mich nicht. Wenn ich fragte, warum man mich nicht strafte, sah man darin eine besondere Tugend oder Gewissenhaftigkeit, aber tatsächlich wollte ich nur das haben, was normalerweise aus meinem Betragen folgte. Als junges Mädchen mochte ich in meiner Unerfahrenheit noch so töricht handeln, es schadete mir nie. In der Ehe hoffte ich, endlich das wirkliche Leben kennenzulernen; wenn ich mit einem Manne lebte, so dachte ich mir, würde ich endlich eine Rolle in der Tragödie des Lebens spielen; besonders wenn die Ehe unglücklich ausfiele. Aber ich war behüteter denn je, – ja ich wurde tatsächlich vom Leben gar nicht mehr berührt. Es verdroß mich, daß man mir noch immer Redensarten über meine Schönheit machte; sie erschienen mir als ein Vorwand, um mich um das zu betrügen, wonach mich am meisten verlangte. Ich verstand, warum man bisweilen sagt, daß Schönheit ein Fluch ist. Ohne scharfe Kanten ist das Leben eine glatte Gewohnheit, ohne jeden Sinn. Ich gab mich Paris hin, weil ich ihn liebte, aber ich hatte dabei die leise Hoffnung, daß unsre Liebe die große Tragödie meines Lebens werden und ich am Ende leiden und fühlen würde. Allein die Jahre in Troja glitten wie ein Traum an mir vorüber; niemand nahm mich ernst, niemand, nicht einmal Priamos schalt mich, daß ich die Stadt ins Verderben stürzte – auch Hektor nicht, der Paris und mich prinzipiell verurteilte. Als dann das Ende kam, sagte ich mir: Nun werde ich endlich leben, denn Menelaos wird mich sicher töten. Dein Vater ahnt nicht, was in mir vorging, als ich den Zorn aus seinem Gesicht weichen und den beschützenden Blick wieder an seine Stelle treten sah. Er hat mir nicht eigentlich verziehen, aber ich gehöre für ihn nicht in die Welt der andern, ich bin eine Art Phantom. Wenn er an Paris und mich denkt und ich nicht dabei bin, möchte er mich töten, aber wenn ich da bin, und er denkt daran, so ist er nur gereizt. Hermione, der Grund, weshalb ich ein solches Verlangen nach Leben habe, weswegen ich möchte, daß du früh das Leben lieben lernst, ist, daß ich nie gelebt habe. Aber bei meinem Suchen nach dem, was wirklich ist, habe ich gelernt, strenge Wahrhaftigkeit gegen mich selbst und vollkommene Aufrichtigkeit über mein Tun andern Menschen gegenüber zu üben; das ist das einzige Wirkliche, das mir bleibt. Als du meinen Ruf dadurch zu retten suchtest, daß du erzähltest, ich sei nie in Troja, sondern in Ägypten gewesen, verstehst du nun, was du mir damit raubtest? Für uns alle ist Unaufrichtigkeit etwas, was sich trennend zwischen unsre Seele und das Leben stellt, aber für mich würde sie besonders gefährlich sein. Ich bin so weit entfernt, wie nur irgend denkbar, von den sogenannten Ehrbaren, deren Ehrbarkeit nur bedeutet, daß sie nicht den Mut haben zu leben.«

»Ich bezweifle, daß ich so schön bin,« sagte Hermione, »daß ich deine Methode befolgen muß, um das Leid kennenzulernen. Denn das wolltest du doch wohl sagen. Aber was hat das mit meiner Wahl eines Gatten zu tun?«

»Du hast vorhin ganz richtig bemerkt,« sagte Helena, »daß meine Lehre nicht zu meinem Leben paßt. Ich habe dir mein Leben zu erklären versucht. Nun laß uns auf meine Lehre zurückkommen. Oder vielmehr auf deine Gründe, weswegen du Pyrrhus ablehnst. Du sagtest, Orest sei dein Schicksal. Ich habe dir meine Meinung über diese Schicksalstheorie gesagt, ob es sich nun um Orest oder einen andern handelt. Du sagtest auch, wenn ich mich recht erinnere, Pyrrhus sei brutal. Was meintest du damit?«

»Er hat blutige Hände. Ich will keinen Mörder heiraten.«

»Er war furchtbar im Kampf, wenn du das meinst«, sagte Helena. »Ziehst du Orest vor, weil er nicht mit im Kriege war?«

»O nein«, sagte Hermione. »Ich meine, daß Pyrrhus hernach Polyxena tötete. Ich weiß, es hieß, daß er sie aus irgendeinem tugendhaften Grunde auf dem Grabe seines Vaters hätte opfern müssen, aber so etwas gehört nach Orests und meiner Anschauung nicht mehr in unser Zeitalter. Es war offenbar Mord, wie man ihn auch begründet, und war ebensowenig zu rechtfertigen wie die Opferung Iphigeniens beim Aufbruch der Flotte. Wenn ich an deinen Helden denke, wie dieser von dir gepriesene große, starke Mann ein schwaches Mädchen ergreift, sie an das Grab seines erhabenen Vaters schleift, ihr den Kopf zurückbiegt und die Kehle abschneidet, wie man es mit Opfertieren macht – so hasse ich ihn und alles an ihm. Glaubst du, ich könnte ihn lieben und mich von ihm umarmen lassen? Ich würde an das andre Mädchen denken und mich fragen, ob er mich wohl auch so aus Pietät hinopfern könnte. Er soll auch Priamos getötet haben – im letzten Augenblick, als der verzweifelte alte Mann zu kämpfen versuchte. Ein schwacher Greis, der keinem Kinde mehr etwas zuleide tun konnte! Pyrrhus ist ein roher Mensch, und ich bin geneigt zu glauben, daß sein Vater es auch war. Achill schlug den Menschen mit Vorliebe den Schädel ein oder hieb sie in Stücke. Hat er nicht einmal ein Mädchen getötet – jene Amazone? Er stieß seinen Speer mitten durch sie hindurch!«

»Ich habe oft an diese mörderischen Taten gedacht,« sagte Helena, »und mit demselben Abscheu, den du davor hast, aber wenn auch offenbar sehr viel Unrecht dabei ist, so ist es doch schwer, zu wissen, was recht ist. Du sagst, du kannst den Gedanken nicht ertragen, daß man ein Mädchen hinopfert, wie man ein Tier auf dem Altar schlachtet?«

»Nein, gewiß nicht!«

»Aber du hast nichts gegen Tieropfer?«

»Wie sollte ich? Es ist eine feierliche Handlung – dazu sind sie da!«

»Ich glaube, es gibt Menschen,« sagte Helena, »die bei dem Gedanken schaudern, daß man mit dem Messer durch die Kehle eines armen Schafes fährt. Unsre Religion ist jedenfalls ziemlich blutig, meinst du nicht auch?«

»Ich sehe, wo du hinauswillst«, sagte Hermione. »Ich soll sagen, daß Opfer nicht blutig sind, und dann willst du mir entgegenhalten, daß Pyrrhus aus religiösen Motiven und daher nicht roh handelte. Nun, ich glaube in der Tat, daß unsre Opfersitten barbarisch sind; wir hätten sie längst überwinden sollen, wie wir die Menschenopfer überwunden haben.«

»Manche Menschen empfinden so wie du«, sagte Helena. »Aber wenn wir die Schafe töten, um ihr Fleisch zu essen, so hast du, soviel ich weiß, nichts dagegen. Wenn du das Fleischessen für eine kannibalische Sitte hältst, so merkt man es dir jedenfalls bei den Mahlzeiten nicht an.«

»Wie absurd, Mutter! Natürlich essen wir Fleisch. Warum sollten wir das nicht?«

»Die Schafe hätten vielleicht einen Grund dagegen,« sagte Helena, »ich selbst habe keinen. Ich wollte nur gern wissen, wo du anfängst, das, was du Mord nennst, gerechtfertigt zu finden. Ich sehe es jetzt. Das Tier, das zu religiösen Zwecken geopfert wird, hat dein Mitleid, aber wenn es dir bei Tische serviert wird, so erfüllt es seine Bestimmung als etwas, was dir als Speise dient.«

»Ich kann deinem Witz nie folgen. Wie soll ich dich verstehen? Bist du mit Menschenopfern einverstanden? Hältst du die Tötung der beiden Mädchen für recht?«

»Ich selbst würde sie nicht getötet haben,« sagte Helena, »allein im Kriege werden Männer und Frauen in einem durchaus religiösen Sinne geopfert, für den göttlichen Zweck, dem der Krieg nach dem Glauben der Menschen dient. Ob es gut oder schlimm für sie ist, daß sie geopfert werden, weiß ich nicht. Niemand weiß es. Aber wenige erheben Widerspruch dagegen. Wenn es recht ist, Menschen im Kriege zu opfern, so weiß ich nicht, was du gegen ihre Opferung auf dem Altar hast. Wenn du die Opferung dieser Mädchen beklagst, so beklagst du nur, daß sie nicht ein paar Jahre länger gelebt haben. Du weißt nicht, wie diese Jahre für sie gewesen wären. Wenn sie ereignislos gewesen wären – ich meine innerlich –, wenn sie nichts weiter gewesen wären als soundsoviel Atemzüge, Mahlzeiten und durchschlafene Nächte mehr, ohne Sinn für ihr wirkliches Leben, so war die in wenige Stunden zusammengedrängte Fülle tiefer und starker Gefühle vielleicht besser für sie. Glaube nicht, Hermione, daß ich gegen deine humanen Tendenzen bin; ich vergleiche nur jene beiden Mädchen, die auf so barbarische Weise geopfert wurden, mit mir selbst, die ich ganz um das volle Gefühl des Lebens gekommen bin.«

»Du willst doch nicht sagen, daß du wolltest, Menelaos hätte dich getötet?«

»Ich war enttäuscht«, sagte Helena. »Nein, ich hatte nicht den Wunsch zu sterben, doch ich hoffte, wenigstens die Schrecken des Lebens kennenzulernen – und dann wurde dein Vater, wie du es nennen wirst, menschlich, und ich sah, daß ich nichts mehr zu erhoffen hatte als noch inhaltsleerere Jahre, wo das Alter allmählich an das matte Herz herankriecht – es sei denn, daß ich mein Lebensglück darin fände, dich zu einem wirklichen Leben hinzuleiten. Ich habe genug gesagt, und es hat keinen Sinn, es noch einmal zu wiederholen, aber wenn du meine Lebenssehnsucht hättest, die durch Enttäuschung nur um so größer geworden ist, so würdest du Pyrrhus nehmen mit all seiner scheinbaren Rücksichtslosigkeit und Brutalität, statt dieses vorsichtigen und ungefährlichen Vetters.«

»Du würdest es tun, aber ich würde es nicht und werde es nicht«, sagte Hermione. »Ich denke nicht nur an jene Tötung. Er hat Frauen als Sklavinnen heimgeschleppt und hat noch die alte Vorstellung, daß der Held über die Frauen, die er erbeutet, Herrenrechte hat. Man sagt, Agamemnon habe Kassandra heimgebracht, und du selbst sagtest, du fürchtetest, Klytemnestra würde eifersüchtig sein. Natürlich wird sie das, wenn auch Kassandra meinem Oheim sicher nichts bedeutet – davon ist Orest fest überzeugt. Aber Pyrrhus lebt mit Hektors Witwe Andromache und wahrscheinlich auch mit den andern Frauen, die er sich in Troja erwarb. Solch eine Art Held ist er. In meinen Augen ist er ein roher Mensch, der nicht mehr in unsre Zeit paßt, und in Orests Augen auch, und ich glaube, die meisten Menschen unsrer Generation empfinden so. Ich wußte nicht, daß du so veraltete Ansichten hast, Mutter, und so am Hergebrachten haftest, bis du anfingst, mir Pyrrhus aufzureden. Ich sehe mich schon seiner großen Herde von Frauen einverleibt – und meine Kinder eines Tages fröhlich mit denen von Andromache spielen!«

»Du hast wieder recht,« sagte Helena, – »zum Teil wenigstens. Doch die Seite, die du nicht siehst, ist das Wesentlichste. Ich habe Bedenken, dir jetzt zu antworten, Hermione, denn wenn ich auch sonst über jede Sache offen rede, so gibt es doch Dinge, über die ich lieber nicht mit dir sprechen möchte, es sei denn, daß es dir von unmittelbarem Nutzen wäre. Dies ist vielleicht das letztemal, daß wir diese Fragen erörtern; ich habe alles gesagt, was ich darüber weiß und was ich sagen konnte. Oder fast alles. Ich will dir auch das übrige sagen. Du möchtest deinen Mann ganz für dich allein haben. Das möchte jede Frau, die liebt, und die Männer empfinden Frauen gegenüber nicht anders. Die Liebe will ausschließlichen Besitz. Aber du gehst, wie mir scheint, noch einen Schritt weiter als deine Generation, du willst, daß dein Mann nie eine andere geliebt hat. Ich glaube, daß auch Orest einer Frau nicht trauen würde, die ihr Herz schon vorher einem andern Manne geschenkt hätte. Das ist aber alles Unsinn. Wenn die Welt nach dieser Theorie handelte, so würde das ein unabsehbares Elend für Liebende bedeuten – es gäbe kein Ende von Heuchelei, von dunklen Geheimnissen, von verscharrten Leichnamen. Es ist wieder deine Vorstellung von der Schicksalsehe, nur in törichterer Form. Freilich, wenn zwei Menschen sich lieben – oder richtiger gesagt, solange sie sich lieben – existieren die andern Männer und Frauen für sie nicht; in diesem Sinne soll man seinen Geliebten ganz für sich allein haben. Es wäre mir entsetzlich, wenn du Pyrrhus heiratetest, ohne daß ihr einander leidenschaftlich liebtet. Aber glaub' mir, Hermione: der Mann, der eine Frau am glücklichsten machen kann, ist der, der viele Frauen lieben könnte, der sogar mit mehreren Frauen gelebt hat, vielleicht wie Pyrrhus es getan, und der zuletzt seine ganze Liebe der einen widmet. Nach deiner Theorie ist der beste Mann der, der vorher unmöglich hätte lieben können. Deine Theorie ist falsch. Du wirst sehen, daß ein solcher Mann häufig einer großen Liebe überhaupt nicht fähig ist. Du findest meine Anschauungen gewiß unmoralisch?«

»Das tue ich allerdings«, sagte Hermione.

 

2

Ich ebenfalls«, sagte Menelaos. »Ich hörte deine letzte Rede, als ich eintrat, und blieb auf der Schwelle stehen, um sie nicht zu unterbrechen. Was für Narrheiten erzählst du dem Kinde da, Helena?«

»Nicht Narrheiten, sondern Wahrheiten«, sagte Helena. »Ich habe die Welt nicht erschaffen.«

»Als du mir neulich deine Rede über die Liebe zum Leben hieltest, da verstand ich vieles nicht recht«, sagte Menelaos. »Jetzt fange ich an zu verstehen. Du findest meine Treue gegen dich unmännlich, sie ist dir ein Zeichen von Schwäche. Du bewunderst Männer wie Achill und seinen vortrefflichen Sohn! Ich will dir etwas sagen, liebe Frau: wenn ich dich auf die Art geliebt hätte, wie sie Frauen lieben, so wärest du jetzt nicht hier. Ich hätte dir in jener Nacht in Troja den Kopf abgehauen!«

»Siehst du, Hermione, daß ich recht hatte?« sagte Helena. »Du fängst also wirklich an, mich zu verstehen, Menelaos, und auch ich lerne dich mit der Zeit immer besser kennen. Du schontest nicht die Frau, die du liebtest, sondern du wolltest mich als Kunstwerk erhalten!«

»Ich weiß nicht, warum ich dich schonte, aber was auch der Grund war, du verdientest meine Güte nicht und weißt sie nicht zu würdigen. Sobald ich den Rücken wende, fängst du an, Pläne und Ränke zu schmieden, um deinen Willen durchzusetzen. Ich kann dir nie trauen. Hatten wir nicht abgemacht, Pyrrhus sollte kommen, und Hermione sollte dann selbst wählen? Und nun benutzest du den Augenblick, wo du weißt, daß ich den Kopf voll Sorgen habe, um das Kind auf deine Seite zu ziehen und die Sache ohne mich zu entscheiden. Zum Glück läßt sie sich durch Gründe, wie ich sie soeben hörte, nicht überzeugen. Eine verlockende Aussicht fürwahr, wenn der Mann sich jeden Augenblick auf Polygamie legen kann! Hermione, glaub' mir, mein Kind, deine Mutter weiß für Sensation zu sorgen, aber nicht für Sicherheit.«

»Du hast wieder einmal nicht begriffen, um was es sich handelt«, sagte Helena. »Was du hörtest, war nicht notwendig ein Argument zu Pyrrhus' Gunsten; auch habe ich nicht den Versuch gemacht, hinter deinem Rücken für den jungen Mann zu plaidieren. Alles, was ich sagte, kann zu seinen Gunsten gedeutet werden, aber wenn du früher gekommen wärst, würdest du dich überzeugt haben, daß Hermione alles zu seinen Ungunsten deutet. Ich versuchte nur, ihr einiges zu sagen, was sie vom Leben wissen muß und was sie von dir wahrscheinlich nicht erfahren wird. Ich werde auch fernerhin das wenige, was ich an Lebenskenntnis habe, mit ihr teilen, ob du nun dabei bist, oder nicht. Du hättest natürlich gleich von Anfang an zugegen sein können, obwohl ich bezweifle, daß dich unser Gespräch interessiert hätte. Ich habe dir dieselben Dinge oft genug gesagt, doch du hattest nie Ohren dafür. Ich weiß auch nicht, ob Hermione sich das zunutze macht, was ich ihr gesagt habe.«

»Wenn ich nach dem, was ich hörte, auf das übrige schließen darf«, sagte Menelaos »so sagtest du ihr nichts, was sie sich zunutze machen könnte. Der Schluß, den ich daraus ziehen konnte, war der gewöhnliche, daß du hofftest, sie würde glücklicher werden als du es gewesen; und da deine Kennzeichen eines idealen Gatten auf mich absolut nicht zutreffen, scheint mir, du habest ihr ziemlich klar gemacht, daß du in deiner Ehe nicht glücklich bist – nicht so glücklich, wie du es mit Achill oder Pyrrhus gewesen wärst. Ist das die Art, wie du zu deiner Tochter über deinen Mann sprechen solltest? Ich frage dich, Helena, wenn du ein Gefühl für Gerechtigkeit hast, ist das recht und schicklich?«

»Mein lieber Menelaos,« sagte Helena, »Hermione weiß sehr gut, daß wir zwei nicht glücklich miteinander gewesen sind; es bleibt mir nur übrig, ihr das Warum zu erklären. Meinst du, es stünde mir an, meine Ehe glücklich zu nennen, nachdem ich dich all die Jahre verlassen habe und mit Gewalt zurückgebracht bin? Mußte ich nicht vernünftigerweise annehmen, daß Hermione, die deinen Scharfsinn geerbt hat, irgendwelche Unstimmigkeiten zwischen uns vermutet? Ich sollte meinen, daß in gewissen Lebenslagen selbst du, Menelaos, die Dinge lieber nimmst, wie sie sind.«

»In gewissen Lebenslagen, Helena«, sagte Menelaos. »Ich glaube, dies ist so eine, weißt du! Du hast deine Bewunderung für gewalttätige Gatten nun oft genug geäußert. Ich möchte jetzt einmal diese Rolle spielen. Was wir über Pyrrhus abgemacht haben, dabei bleibe ich; wenn er kommt, werde ich ihn gastlich aufnehmen; von Heirat wird nicht die Rede sein. Wenn er wieder fort ist, wird Hermione Orest heiraten. Und weiter will ich über die Sache jetzt nichts mehr hören.«

»Gut!« sagte Helena. »Das ist im Grunde das, was ich wollte. Ich wollte zwar Hermione die Freiheit lassen, sich ihren Gatten zu wählen, nachdem sie Pyrrhus gesehen, aber ich vermute, daß sie auf jeden Fall Orest heiraten will; so schadet dein Befehl nicht weiter. Wenn sie jedoch durch irgendein Wunder ihren Sinn ändert und Pyrrhus heiraten möchte, so willst du sie also zwingen, Orest unter allen Umständen zu nehmen. Gut. Aber dann handelst du natürlich als gewalttätiger Vater, nicht als gewalttätiger Gatte.«

»Ich nehme an, daß es Hermiones Wunsch ist, Orest zu heiraten«, sagte Menelaos. »Sie weiß, daß ich nicht die Absicht habe, sie zu zwingen, gegen ihren Willen zu heiraten.«

»Ah, siehst du wohl, Menelaos!« sagte Helena. »Ich wußte ja, du würdest es nicht durchführen, aber ich glaubte allerdings, du könntest etwas länger als drei Sekunden den Grimmigen spielen. Warum trittst du nicht energisch auf und sagst kurz und bündig, wer unser Schwiegersohn sein soll? Sagst Hermione, sie solle ihn heiraten, sagst ihm, er soll Hermione heiraten, ohne zu mucksen, und sagst mir, ich solle den Mund halten? Warum tust du das nicht?«

»Dein Spott stört mich nicht«, sagte Menelaos. »Ich trete schon energisch auf, wie du sehen wirst. Hermione wird Orest heiraten. Ich werde höflich gegen Pyrrhus sein – nicht mehr als das. Ich mag ihn nicht, und ich mochte seinen Vater nicht; und nun, da du wolltest, du hättest einen von ihnen oder alle beide geheiratet, mag ich sie noch weniger. Solange Pyrrhus hier ist, bleibst du unsichtbar, außer bei den Mahlzeiten und wenn ich dich besonders auffordere zu erscheinen. Wenn du mir nicht gehorchst, schließe ich dich in deinem Zimmer ein und stelle eine Wache vor die Tür. Pyrrhus wird sich nicht darüber wundern, da er deine Geschichte kennt. Ich werde ihm mit deiner berühmten Offenheit sagen, daß ich dich mit mehr Achtung als du verdienst, hätte behandeln, dir deine Stellung in der Gesellschaft und alles das, was du von dir geworfen, hätte wiedergeben wollen, aber du hättest es nicht gewollt. Du bist geradezu unmöglich, Helena, von außen zwar schön anzusehen, aber innen nichts weniger als schön. Du bist die geborene Unheilstifterin. Wenn es sein muß, erzähle ich ihm die ganze Geschichte.«

»Menelaos,« sagte Helena, »wenn du den starken Mann spielen willst, so tust du mir leid. Du tust mir wirklich leid. Du und dein Bruder, ihr hattet ewig Streit mit Achill. Ihr wußtet, daß er der Größere war, und suchtet einen Vorwand, um ihn zu ärgern. Nun, da du Pyrrhus in unser Haus geladen hast, auf meine Bitte und zu dem besonderen Zweck, den wir drei – ich schließe Hermione mit ein – dabei im Auge hatten, sagst du, du willst ihm alles von mir erzählen – du wirst vermutlich auch ein paar von den höflichen Ausdrücken wiederholen, deren du dich im Schoß deiner Familie bedienst. Ich sehe, sein Besuch wird ihm allerlei Überraschungen bringen, aber im ganzen wird er ihn genießen, denn du wirst ihm deutlich machen, wie hoch du ihn schätzest und wie wenig du von dir selber hältst. Du hast ganz recht. Wenn ich euch beide in bezug auf Geist, äußere Erscheinung, Lebensart und Leistung vergleichen soll, dann schließ' mich lieber ein! Laß Hermione ihn sehen, das war ja in erster Linie mein Wunsch. Übrigens möchte ich Pyrrhus in deiner Gegenwart schon gar nicht sehen. Ich würde mich deiner zu sehr schämen, Menelaos. Ich könnte ihm nicht erklären, warum ich dich heiratete und warum ich mit dir zurückkehrte. Das heißt, erklären könnte ich es schon, wenn die Sache einmal zur Sprache käme, aber es wäre doch gar zu taktlos, wollte ich mit einem Gast über dich sprechen.«

»Warum hast du mich denn geheiratet?« fragte Menelaos. »Und warum kamst du mit mir zurück?«

»Es war ein Mißgriff«, sagte Helena.

»Wenn ich bedenke,« sagte Hermione, »daß diese ganze Veranstaltung meinem Glück dienen soll, so weiß ich wirklich nicht, inwiefern. Was soll mir eurer Meinung nach der Besuch dieses Mannes nützen, wenn ich weiß, was ihr von ihm und voneinander denkt? Wenn dies die Vorbereitung für eine richtige Gattenwahl ist, so scheint es mir weit einfacher, man wählt erst den verkehrten und sucht ihn nachher wieder loszuwerden.«

»Du hast ganz recht, Hermione«, sagte Helena. »Es hat keinen Zweck, daß Pyrrhus jetzt kommt. Es tut mir leid, daß ich den Vorschlag zuerst gemacht habe. Ich hatte die besten Absichten, aber dein Vater mißdeutet meine Motive, und er ist nicht in der geistigen Verfassung, daß wir irgendeinem Gast einen angenehmen Aufenthalt bei uns versprechen könnten. Es ist mein Ernst, Menelaos, ich willige in die Heirat mit Orest; ich werde keine weiteren Einwände erheben, weder in deiner Gegenwart, noch hinter deinem Rücken. Und als letzte Gefälligkeit in dieser Sache erbitte ich von dir, daß du die Einladung widerrufst – schicke Bescheid, daß Agamemnon zurückgekehrt ist, daß du dadurch in Anspruch genommen seist und daß wir uns daher die Freude seines Besuchs, auf die wir gehofft hätten, für den Augenblick versagen müßten.«

»So leicht kommst du nicht davon«, sagte Menelaos. »Ich sehe ganz gut, was du im Sinne hast: damit ich ihm nicht die ganze Geschichte erzähle und er nachher der neugierigen Welt berichtet, wie unser Verhältnis ist, soll ich ihm lieber zur rechten Zeit wieder abwinken. Das fällt mir nicht ein. Pyrrhus wird kommen, sofern ich ihn dazu überreden kann. Wenn dir deine bisherige Freiheit lieb ist, so stellst du dich der Verbindung mit Orest nicht mehr entgegen. Und bei der ersten Gelegenheit heiratet Hermione ihren Vetter.«

»Ach Vater,« sagte Hermione, »ich wollte, du tätest, was Mutter sagt – laß Pyrrhus nicht kommen! Niemand hat jetzt Verlangen nach seinem Besuch – ich bin sicher, du tust Mutter unrecht; sie sprach im Interesse unsres häuslichen Friedens. Ihr selbst würde es, glaube ich, nichts ausmachen, wenn du sie einschlössest – es würde ihr die Aufregung verschaffen, wonach sie sich sehnt. Aber diesmal denkt sie an mich, an uns alle, und ihr Rat ist gut. Ich möchte diesen Menschen nicht hier sehen!«

»Es tut mir leid, aber nun ist es zu spät«, sagte Menelaos. »Ich wurde gezwungen, ihn einzuladen, obwohl ich ihn ebensowenig hier haben wollte wie du. Nun wird er kommen.«

»Menelaos,« sagte Helena, »ich bezweifle, daß du das Recht hast, Pyrrhus jetzt zu uns einzuladen, nach all den erregten Auseinandersetzungen, die wir gehabt haben, und angesichts der Spannung, wie sie jetzt bei uns herrscht. Er kann durch irgend etwas verletzt werden und würde glauben, daß du die alte Fehde mit seinem Vater wieder aufnehmen wolltest; das würde allgemein geglaubt werden, und dein Ruf würde darunter leiden.«

»Ich werde meinen Ruf schon zu hüten wissen«, sagte Menelaos. »Du bist gerade die Rechte dazu, mir zu raten, wie ich meinen guten Namen in acht nehmen soll! Wo hast du diese Kunst gelernt?«

»Du bist unhöflich,« sagte Helena, »und läßt dich wieder von deiner Heftigkeit hinreißen. Ich sehe mit Bedauern, daß dein gesundes Urteil dich verlassen hat. Darf ich dich darauf hinweisen, daß bei einer Verstimmung zwischen dir und Pyrrhus unsre Freunde sich fragen könnten, ob wohl in andern Fällen dein Gast immer der Schuldige gewesen sei? Selbst bei Paris fragten sich manche, was du deinerseits wohl getan haben mochtest, um die Tragödie herbeizuführen. Du solltest nun wenigstens auf einen jungen Mann weisen können, der als Gast zu dir kam und dich als Freund verließ. Da wir bei diesem Besuch nicht mit Sicherheit auf einen solchen Ausgang rechnen können, so bitte ich dich dringend, Pyrrhus nicht gerade jetzt kommen zu lassen.«

»Meine einzige Versäumnis bei Paris' Besuch,« sagte Menelaos, »war, daß ich dir hinter meinem Rücken traute. Das werde ich nicht wieder tun. Ich frage den Teufel danach, ob Pyrrhus als Freund von mir scheidet, aber ich verspreche dir, daß er dies Haus allein verläßt. Er wird weder Hermione mit sich nehmen noch dich. Und wenn du dich anständig benimmst, so wird es schon keinen Streit geben.«

»So laß ihn später kommen«, sagte Helena. »Wenn er in den nächsten Tagen oder selbst in den nächsten Wochen kommt, so kann er gerade im Augenblick kommen, wo du zu deinem Bruder müßtest. Setzen wir den Fall, Agamemnon schickte dringend nach dir, willst du da antworten, daß du ihm gern zu Hilfe kämest, aber du hättest einen Gast, mit dem du deine Frau nicht allein zu lassen wagtest? Wenn Agamemnon deiner bedarf, mußt du zu ihm gehen; du würdest es dir nie verzeihen, wenn du es nicht tätest. Und mir liegt wirklich nicht daran, allein bei dem Gast zu bleiben, mit dem Bewußtsein, daß du danach zeitlebens von eifersüchtigem Verdacht geplagt würdest. Es ist am besten, du hältst dich für alle Fälle frei.«

»Mein Bruder wird mich nicht brauchen«, sagte Menelaos. »Je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr bin ich dessen gewiß. Er wird schon mit Ägisth fertig werden, und wenn er Hilfe braucht, so ist ja Orest unterwegs.«

»Unterwegs wohin?« fragte Hermione. »Woher weißt du das?«

»Eteoneus setzte sich mit ihm in Verbindung und lieh ihm einige von meinen Waffen, und er ist schon eine ganze Weile fort, um, wenn es nottut, seinem Vater beizustehen.«

»Oh, warum bist du nicht selbst zu Agamemnon gegangen?« rief Hermione. »Du hättest doch mehr nützen können als Orest; du hast Erfahrung, und er ist nur …«

»Wenn Orest der Mann ist, den du heiraten willst,« sagte Helena, »so ist er nicht ›nur‹, sondern er ist ein ganzer Mann. Er mußte zu seinem Vater – er ist jetzt da, wohin er gehört.«

»Ich muß sagen, daß ich dem zustimme,« sagte Menelaos, »obwohl ich selbst auch die Absicht hatte hinzugehen. Allein ich habe einen Boten geschickt, um zu sehen, ob Agamemnon mich braucht; in diesem Falle breche ich sofort auf. Übrigens finde ich, daß Orest jetzt die beste Gelegenheit hat zu zeigen, was an ihm ist; seine jetzige Haltung wird uns mehr von ihm erkennen lassen als ein Dutzend Unterredungen mit deiner Mutter und mir … Aber mein erster Impuls war, sofort aufzubrechen, und deine Frage macht mich wieder etwas irre, ob das nicht doch das Richtige gewesen wäre. Es geht mir gegen das Gefühl, die gefährliche Lage meines Bruders als Prüfstein für seinen Sohn zu benutzen. Wenn ich meinem Impuls gefolgt wäre, wäre ich jetzt da. Deine Mutter riet mir hierzubleiben.«

»Das riet ich dir allerdings,« sagte Helena, »aber du hättest nicht auf meinen Rat hören sollen. Ich wenigstens schätzte dich darum nicht höher, daß du es tatest. Achill würde nicht so vorsichtig gewesen sein, und ich bin sicher, auch Pyrrhus nicht. Ich riet es dir wegen deiner eigenen Sicherheit, sprach von Gefahr, und daß du dich möglicherweise lächerlich machen könntest – aber was macht das einem Manne aus, der seinen Bruder liebt und der den rechten Trieb zum Leben in sich hat? Ich sagte, du würdest eine lächerliche Rolle spielen, wenn du mit deinen Truppen anmarschiert kämest, während Agamemnon und Klytemnestra sich bereits verständigt hätten. Einem andern Manne wäre dabei der Gedanke gekommen, wie nötig er mit seinen Truppen sein würde, falls der Kampf im Gange sein sollte. Nein, Menelaos, du hast deine guten Seiten, aber du kannst nicht die Rolle des starken Mannes spielen, und alles, was du sagst und tust, bestätigt nur die Wahrheit von dem, was ich Hermione klarzumachen suchte. Du hast zwei große Schicksalsstunden gehabt: die eine, als ich mit Paris entfloh; die andere, als du erfuhrst, daß deinen Bruder bei der Heimkehr große Gefahr erwartete. Du warst beiden nicht gewachsen. Du riefst alle Freunde und Nachbarn herbei, daß sie dir in Troja hülfen, und nun verläßt du dich auf Orest. Im ersten Falle könnte man dich noch entschuldigen, aber wie du dir dies zweitemal verzeihen kannst, weiß ich nicht. Dein Bruder ist vielleicht in Lebensgefahr, und du sitzest hier zu Hause in Sicherheit und versteckst dich hinter der Tür, um zu hören, was deine Frau zu deiner Tochter sagt. Deine Frau rät ihrem Kinde, einen wirklichen Mann zu heiraten, wenn es möglich ist. Du gerätst über einen so offenbaren Verrat in Wut und drohst, deine Frau einzuschließen, wenn je ein wirklicher Mann in dein Haus kommen sollte. So hast du dich eben vor Hermione gezeigt. Du hast ihr, besser als ich es könnte, erklärt, warum mein Leben nicht so gewesen ist, wie sie es für richtig hält. Du tust mir von Herzen leid, Menelaos; ich sehe dich an und denke an den Mann, den ich einst liebte, an die Persönlichkeit, die zu werden du dich immer gesträubt hast. Keine Frau könnte dir so untreu werden, wie du es deinem wahren Selbst gewesen bist. Statt groß zu sein, hast du dir nur immer einzureden versucht, daß du es seist, und von andern die Achtung verlangt, die du hättest verdienen sollen. Du hast einen Schatten verfolgt. Was ich Hermione sagte, hätte dich veranlassen müssen, beschämt von der Tür wegzuschleichen. Wärst du Manns genug gewesen, mich in jener Nacht in Troja zu töten, so wäre ich nie mit Paris entflohen. Darin steckt unsre ganze Ehegeschichte. Wenn du keine Rache suchtest, so hattest du keine Entschuldigung dafür, daß du so viele Menschen in dein Schicksal verwickeltest und Troja zu Grunde richtetest; verzeihen hättest du mir allein können. Wenn ich von starken Männern spreche, so meine ich nicht nur physische Stärke. Du hättest dich bei meiner Flucht sehr stark zeigen können, ohne auch nur einen Finger zu rühren, – wenn du nämlich deinen Geist hättest brauchen wollen und Geistesstärke gehabt hättest. Ich kann mir einen gewissen Charakter in deiner Lage denken, der keck behauptet hätte, er hätte Paris bestochen, damit er ihn von einem lästigen Weibe befreie – er hätte ihn gut dafür bezahlen müssen – er selbst wäre eigens deswegen fortgereist, um die Sache zu erleichtern – die Möbel wären nicht gestohlen worden, sondern bei dem Handel draufgegeben. Eine derartige Keckheit hätte Paris zu Grunde gerichtet – und mich natürlich auch. Aber in diesem Fall hättest du dich entschließen müssen, mich für immer aufzugeben. Das konntest du nicht, nicht wahr, Menelaos? Du wolltest mich als eine Ausgestoßene brandmarken, und zugleich wolltest du mich als Weib wiederhaben. Du tust mir leid. Jetzt ist es zu spät, den rauhen Helden zu spielen; du wirst nur daran denken müssen, wie schwach du warst, und versuchen, dich dadurch zu entschädigen, daß du mich ärgerst, an den Türen horchst und dich meinen besten Plänen für Hermiones Wohl widersetzest. Ob du nun Achill mochtest oder nicht, kannst du nicht wenigstens ehrlich sein gegen ihn und den Gegensatz zwischen euch beiden zugeben? Siehst du nicht ein, daß er selbstlos für euch kämpfte, bis du und Agamemnon mit ihm Streit anfingt? Wie offen liegt sein Charakter da! Es ist nicht überraschend, daß ich ihn bewundere; das Traurige ist nur, daß du es nicht tust.«

»Du meinst also, ich sollte zu Agamemnon gehen?« fragte Menelaos.

»Ich habe dir geraten, dies nicht zu tun«, sagte Helena.

»Warum nicht«?

»Das weißt du sehr gut: weil es gefährlich ist hinzugehen und weil die Möglichkeit besteht, daß du dich lächerlich machst.«

»Du meinst, daß Achill oder seinesgleichen hingehen würde, auch wenn man ihm abriete?«

»Es gibt für einen jeden von uns Dinge, Menelaos, in denen wir uns nicht raten lassen können. Keine Frau hätte Achill vor einer Gefahr warnen können – die existierte für ihn nicht. Und es wäre Achill – und auch irgendjemandem sonst – nie eingefallen, daß er sich lächerlich machen könnte.«

»Ich werde zu meinem Bruder gehen«, sagte Menelaos. »Es ist nicht zu spät, ich selbst zu sein, wie du es nennst.«

»Es ist jemand an der Tür«, sagte Hermione.

»Wer ist an der Tür?« rief Menelaos. »Herein! – Ach, du bist es, Eteoneus. Warum klopftest du nicht? Die Unterhaltung ging nur uns an, und ich bin kein Freund vom Horchen.«

 

3

Ich zögerte hereinzukommen«, sagte Eteoneus. »Ich wäre überhaupt lieber nicht gekommen.«

»Was ist denn geschehen?« fragte Menelaos.

»Es ist Nachricht angekommen,« sagte Eteoneus, »und es wird mir schwer, sie zu melden.«

»Sag' sie uns, Eteoneus,« sagte Helena, »laß uns nicht warten! Wir werden gefaßt sein, ob sie nun gut oder schlecht ist!«

»Agamemnon ist tot«, sagte Eteoneus.

»Menelaos!« rief Helena und trat an seine Seite.

»Mein Bruder ist tot!« wiederholte Menelaos.

»Ich mochte es dir nicht sagen«, sagte Eteoneus.

»Wer – wie starb er?« fragte Menelaos.

»Er wurde getötet«, sagte Eteoneus. »Ägisth tötete ihn.«

»Unmöglich!« rief Menelaos. »Das muß ein Irrtum sein. Ägisth konnte meinem Bruder keinen Augenblick in ehrlichem Kampfe standhalten!«

»Nein, das konnte er nicht,« sagte Eteoneus, »aber es war kein ehrlicher Kampf. Agamemnon ging ins Haus, wie der Händler uns berichtete, und da er sich in seinem Hause sicher glaubte, nahm er seine Rüstung ab und hängte das Schwert an die Wand. Dann töteten sie ihn.«

»Sie? Wer war es denn sonst noch?« rief Helena.

»Ich wollte die Nachricht nicht bringen«, sagte Eteoneus. »Wenn ich einen anderen hätte schicken können, wäre ich draußen am Tor geblieben.«

»Sag' uns alles!« gebot Menelaos. »Wer tötete meinen Bruder?«

»Ich glaube, Ägisth ist der Hauptschuldige«, sagte Eteoneus. »Orest verfolgt ihn, und vielleicht hat er jetzt schon seinen Lohn. Der Bote sagt, Klytemnestra sei mit in die Sache verwickelt.«

»Meine Schwester! Ich wußte es!« rief Helena.

»Was wußtest du, Helena?« fragte Menelaos.

»Mein Herz sagte mir, daß sie ihn eines Tages morden würde. Sie ist die eigentliche Täterin, nicht Ägisth! Eteoneus will mich schonen, aber das ist die Tatsache.«

»Helena,« sagte Menelaos, »wir haben schwere Augenblicke in unserm gemeinsamen Leben gehabt, und ich habe dir harte Dinge ins Gesicht gesagt, aber ich glaube nicht, daß eine Schwester von dir eine solche Tat verüben könnte. Ich kann es nicht glauben von einer Frau, die uns so nahe steht, die eines Blutes mit dir ist. Dieser Mord ist gerade das, was man einem so hinterlistigen Feigling wie Ägisth zutrauen kann. Wäre Klytemnestra die Anstifterin gewesen, so wären sie kühn und dramatisch zu Werke gegangen. Ich könnte mir vorstellen, daß sie es draußen vor aller Augen täte und sich dessen noch rühmte, aber nicht, daß sie ihm so feige eine Falle stellte. Mein Bruder! Er sagte, wir würden uns nie wiedersehen!«

»Ich glaube, Vater hat recht«, sagte Hermione. »Tante ist immer furchtbar leidenschaftlich, aber wenn sie im Zorn ist, wie gegen Agamemnon, so ist sie, wie Orest sagt, geradezu eine Furie. Dieser heimliche Mord sieht ihr nicht ähnlich und wäre auch nicht in ihrem Interesse; er würde ihre gerechte Sache zu einer ungerechten machen. Wenn sie Agamemnon hätte töten wollen, so hätte sie daraus eine öffentliche Hinrichtung gemacht, denn sie betrachtet ihn als den Mörder ihres Kindes, der er ja war. Aber dadurch, daß sie ihn von hinten erdolchte, hätte sie ihre Sache in ein falsches Licht gestellt.«

»Es ist etwas in Klytemnestras Charakter,« sagte Helena, »das ich nie verstanden und dem ich nie getraut habe. Sie ist in gewisser Weise empfindsam, und man könnte sie für weich halten, aber dabei hatte ich doch immer halb unbewußt das widrige Gefühl, daß sie im Grunde grausam ist. Ich gäbe alles darum, zu hören, daß sie Agamemnon nicht gemordet hat, aber ich bin vollkommen sicher, daß sie es tat.«

»Wenn sie es getan hätte,« sagte Menelaos, »so hätte das Volk sie längst aus Rache getötet. Mein Bruder war zwar nie, was man populär nennt, aber seine Leute waren ihm treu ergeben, und sie müssen zu der Zeit um ihn gewesen sein. Es ist mir ganz klar, daß Ägisth die Schlinge stellte, und nun heißt es, Klytemnestra habe dabei geholfen. Das ist die Folge ihrer unrechtmäßigen Verbindung mit ihm; jetzt denkt man natürlich, daß sie die Anstifterin ist.«

»Dazu kommt noch eins«, sagte Hermione. »Klytemnestra mußte wissen, daß dieser Mord irgendwie gerächt werden wird. Orest wird an Ägisth furchtbare Rache nehmen, aber wenn Klytemnestra darin verwickelt wäre, so müßte er auch sie strafen. Sie mußte begreifen, wohin eine solche Tat führen würde.«

»Orest würde seine Mutter nicht töten«, sagte Menelaos. »Im übrigen stimme ich dir zu. Ich glaube, Helena ist ungerecht gegen ihre Schwester … Eteoneus, berichtete der Bote noch Einzelheiten?«

»Ich habe dir die Einzelheiten noch nicht erzählt«, sagte Eteoneus. »Ich berichtete nur die Hauptsache.«

»So hast du noch mehr zu berichten?« rief Helena.

»Die Einzelheiten sind folgende«, sagte Eteoneus. »Der Bote sagt, Agamemnon sei ins Haus gegangen, wie schon der Händler erzählte, und nach einiger Zeit zerstreuten sich die Leute, da es nichts Neues mehr zu sehen gab. Darauf ließ Klytemnestra alle zurückrufen und kam heraus, um ihnen eine Rede zu halten. Sie sagte, sie habe sich mit ihren Nachbarn immer so ausgezeichnet gestanden, daß kein Grund vorhanden sei, sie jetzt nicht ins Vertrauen zu ziehen. Sie habe soeben ihren Gatten getötet. Wahrscheinlich wüßten sie, daß sie und Ägisth miteinander gelebt hätten, sie hätten sich vor den Augen der Götter als Mann und Weib betrachtet. Sie habe gezweifelt, daß Agamemnon zurückkehren würde, oder habe vielmehr gehofft, daß er es nicht täte, denn er habe ihre Tochter ermordet; sie sei durch fromme Pflicht genötigt gewesen, den Mörder ihres Kindes zu töten, worin sie ihr gewiß zustimmen würden. Sie betonte, daß sie Agamemnon getötet habe, um Iphigenie zu rächen, nicht, um weiter mit Ägisth leben zu können; diese Liebe sei eine mittelbare Folge dessen, was Agamemnon getan. Sie bekannte, die Pflicht, ihr Kind zu rächen, sei ihr dadurch erschwert worden, daß der Mörder ihr gesetzmäßiger Gatte gewesen sei und sie ihn einst geliebt habe. Sie bekannte auch, daß er ihre Skrupel durch die Art seiner Rückkehr gänzlich beseitigt habe: er habe tatsächlich Kassandra als Kebsweib heimgebracht. Sie habe ihn daher in einen abgelegenen Teil des Hauses geführt, habe ihn aufgefordert, sich zur Ruhe zu legen, und als er seine Rüstung abgenommen, habe sie ihn getötet. In einem Anfall von Eifersucht, den sie bedaure, habe sie auch Kassandra getötet. Es sei ihr jetzt klar, sagte sie, daß dieser zweite Mord überflüssig gewesen sei, allein es sei schwer, alles gleich richtig zu bedenken. Sie wünsche, daß jeder wisse, erstens: sie selbst habe es getan, ohne irgend jemandes Hilfe, und zweitens: sie sei stolz darauf und brauche sich wegen nichts zu entschuldigen. Sie wolle jetzt Ägisth zum gesetzmäßigen Gatten nehmen; sie habe sich bei der Ermordung Agamemnons nicht von ihm helfen lassen, denn es habe sich dabei einzig und allein um die Rache für ihre Tochter gehandelt, und nicht um ihre Liebesangelegenheiten. Ägisth sei vollkommen unschuldig. Wenn jemand schuldig sei, so sei sie es, doch sei sie der Ansicht, daß sie durch diese Tat eher eine fremde Schuld ausgelöscht als selbst eine auf sich geladen habe. – Der Bote fand ihre Rede großartig,« fügte Eteoneus hinzu, »und zuerst wurde sie auch gut aufgenommen, aber dann sagte man sich doch, daß sie in Wirklichkeit nur Ägisth zu schützen und die Schuld dahin zu schieben suchte, wohin keine Rache treffen würde. Der Bote sagt, wenn es Orest gelingt, Ägisth zu töten, so wird das Volk auf seiner Seite sein, aber im andern Falle werden sie wahrscheinlich zu Klytemnestra halten – sie hat die Lage vollkommen in der Hand.«

»Natürlich hat sie das«, sagte Helena. »Sie hat zweifellos alles längst geplant, sogar die Rede. Sie überläßt dem Zufall nichts. Sie hat ihn ermordet. Ich bin froh, daß sie das wenigstens nicht leugnet.«

»Ich kann es nicht glauben, auch jetzt noch nicht«, sagte Menelaos. »Es übersteigt meine schlimmsten Befürchtungen.«

»Meine auch,« sagte Helena, »obwohl ich Schlimmes von Klytemnestra fürchtete. Es ist furchtbar für dich, Menelaos, und auch für mich; ich habe das Gefühl, als ob die Schande, die meine Schwester auf sich geladen, auch auf mich fällt … Wenn sie nur mit Ägisth leben wollte, so hätte sie ja mit ihm davongehen und Agamemnon sich selbst überlassen können. Aber in seinem Hause zu bleiben, sein Brot zu essen und mit diesem Tunichtgut Ägisth seine Habe zu verzehren, und dann, wenn Agamemnon zurückkehrt, ein liebevolles Willkommen zu heucheln, ihn in Sicherheit zu wiegen und endlich zu erdolchen – das ist echt Klytemnestra!«

»Ich bin erstaunt, daß du so streng über deine eigene Schwester urteilst«, sagte Menelaos. »Ich empfinde natürlich ebenso, aber ich hätte erwartet, daß du sie verteidigen würdest.«

»Ich habe meine Gründe«, sagte Helena.

»Eteoneus,« sagte Hermione, »glaubst du, daß Orest allein mit Ägisth fertig werden kann?«

»Ich fragte den Boten danach,« sagte Eteoneus, »aber er konnte es mir nicht sagen. Man weiß nicht viel von Ägisth. Vielleicht ist er der Schwächling, der er scheint, das bloße Echo Klytemnestras, vielleicht ist er der Anstifter des Ganzen. Es ist schwer zu sagen.«

»Meinst du nicht, du solltest ihm helfen, Vater?« fragte Hermione.

»Ich werde sofort aufbrechen, – ich habe mich soeben, während wir sprachen, dazu entschlossen«, sagte Menelaos.

»Wohin willst du?« fragte Helena.

»Ich will Orest helfen, sich an Ägisth zu rächen.«

»Und an Klytemnestra?«

»O Himmel, nein!« sagte Menelaos. »Die überlassen wir ihrem schuldigen Gewissen. Aber Ägisth ist der Schurke, dessen bin ich um so sicherer, als sie ihn so energisch verteidigt. Wir werden schon sehen, daß er seine Schuld büßt. Ich komme sofort zurück und werde rechtzeitig hier sein, um Pyrrhus zu empfangen.«

»Bring' Orest mit,« sagte Helena, »dann kann die Hochzeit ohne Aufschub erfolgen. Die Verbindung mit deiner Tochter wird diesen Zweig der Familie rehabilitieren, ich meine, gesellschaftlich, und der arme Junge wird dadurch am besten über sein entsetzliches Leid hinwegkommen.«

»Diese Hochzeit kann warten«, sagte Menelaos.

»Natürlich kann sie das«, sagte Helena. »Was willst du indessen tun, wenn du Klytemnestra jetzt begegnest? Wird es nicht ziemlich peinlich für dich sein, sie zu begrüßen, während du drauf und dran bist, ihren Geliebten zu töten? Und wird es nachher nicht noch peinlicher sein? Du solltest die Sache von allen Seiten betrachten, Menelaos. Diesmal will ich dich nicht drängen, Gefahr oder Lächerlichkeit zu meiden; ich denke nur, jetzt, da Agamemnon tot ist, mußt du dich an Klytemnestra als Orests Mutter wenden, um die Einzelheiten von Hermiones Hochzeit zu besprechen, und daher wäre es vielleicht klüger, du hieltest dich von dem Streit fern, – besonders da Orest Manns genug zu sein scheint, ihrer Wut zu begegnen.«

»Das sehe ich durchaus nicht ein«, sagte Hermione. »Vater kann sich nicht von dem Streit fernhalten; er kann nicht mit Klytemnestra über mich noch über irgend etwas sprechen, ohne daran zu denken, wer Agamemnon tötete. Es ist das beste, er geht jetzt hin und hilft Orest; ich brauche Klytemnestras Einwilligung nicht – sie braucht überhaupt nicht gefragt zu werden. Ich will ihre Einwilligung gar nicht haben. Ich will nichts mit ihr zu tun haben.«

»Du kannst deine Schwiegermutter nicht übergehen«, sagte Menelaos. »Ich freue mich, daß du ihr gegenüber so empfindest, aber du wirst in eine schwierige Lage kommen, wenn du ihren Sohn heiratest. Weißt du, Hermione, es ist vielleicht doch klug, wenn wir uns die Sache noch einmal überlegen. Ich habe Orest zwar ganz gern, aber in der Ehe hat man mit der Verwandtschaft zu rechnen. Die Ehe ist eine schrecklich soziale Einrichtung. Und ich habe gar keine sozialen Neigungen nach Klytemnestras Seite hin.«

»Vater, willst du von Orest und mir abfallen?« fragte Hermione.

»Das will ich natürlich nicht,« sagte Menelaos, »aber du mußt selbst einsehen, wie die Sache liegt. Ich hätte die Heirat mit Agamemnon abmachen und meine Abneigung gegen seine Frau unterdrücken können; aber jetzt ist die Frau das Haupt der Familie. Das ist ganz etwas anderes. Ich kann keine Schritte tun, meine Tochter mit dem Sohn der Mörderin meines Bruders zu verheiraten!«

»Mit dem Sohn deines Bruders«, sagte Hermione.

»Das ist alles recht gut,« sagte Menelaos, »aber ich sehe ihn von der andern Seite. Wie wäre es, wenn wir die ganze Sache einstweilen fallen ließen? Orest hat jetzt ohnehin an andere Dinge zu denken, und es eilt nicht damit.«

»Ich kann Orest nicht fallen lassen, wenn du das meinst«, sagte Hermione. »Ich bin ihm lebenslänglich verpflichtet; ich habe mich ihm verlobt, ihm mein Wort gegeben. Ich habe meinen Sinn in keiner Beziehung geändert. Wenn er mich nehmen will, bin ich sein. Ich glaubte, du wüßtest dies, Vater. Ich möchte gern mit deinem Segen heiraten, aber ich werde Orest auf jeden Fall heiraten. Ich wollte, du hülfest ihm im Kampf mit Ägisth; doch er wird wahrscheinlich auch allein mit ihm fertig.«

»Ich finde das nicht ehrerbietig«, sagte Menelaos. »Du solltest auf den Rat deines Vaters hören. Wir pflegten Hochachtung vor unsern Eltern zu haben.«

»Ich habe auch Hochachtung vor deinen Eltern,« sagte Hermione, »aber du brichst mir dein Wort, nur weil Klytemnestra Agamemnon tötete. Mutter hat dich herumgebracht, ohne daß du es gemerkt hast. Sie und ihre Familie würden mein Leben ruinieren, wenn ich sie gewähren ließe.«

»Hermione,« sagte Helena, »du solltest so nicht zu deinem Vater sprechen. Er hat ganz recht: du solltest ehrerbietig gegen deine Eltern sein. Die Frage ist nicht, ob sie Höflichkeit verdienen, darüber zu urteilen ist nicht deine Sache; die Frage ist, ob du innerlich vornehm genug bist, eine höfliche Form vorzuziehen … Ich möchte dich auch daran erinnern, daß du meine volle Erlaubnis hast, Orest zu heiraten. Ich redete dir nur zu, Pyrrhus zu sehen; auch daran liegt mir jetzt nichts mehr. Meinetwegen heirate Orest, wann du willst; du mußt die Sache allein mit deinem Vater abmachen.«

»Alles, was ich dabei abmachen werde,« sagte Menelaos, »ist, daß die ganze Sache verschoben wird. Jetzt werde ich erst einmal tun, was ich kann, um dem Jungen zu helfen; nachher werden wir sehen.«

»Du kannst warten, wie du sagst,« sagte Hermione, »aber ich wiederhole dir ganz offen, daß ich mit dem Warten nichts gewinne. Ich habe meinen Entschluß gefaßt, und ich fühle, ich gehöre jetzt um so mehr zu Orest, als er in Not ist.«

»O Hermione, begreifst du denn nicht?« sagte Helena. »Dein Vater wird jetzt Orest helfen und gerade aus dieser Hilfe wird die Hochzeit ganz selbstverständlich erfolgen. Wenn du nur wartest, wirst du schon sehen.«

»Sie wird nichts dergleichen sehen,« sagte Menelaos, »das ist durchaus nicht selbstverständlich! Die Verhältnisse liegen ganz klar. Wenn ich das nicht wüßte, würde ich Orest seine Sache allein machen lassen! Er soll sich lieber nicht einbilden, daß ich ihm lebenslänglich verpflichtet bin, wie Hermione von sich sagt, nur weil ich ihm helfe, den Mord meines Bruders zu rächen!«

 

4

Du meinst also, er geht nicht hin?« fragte Hermione.

»Ich bin dessen sicher«, sagte Eteoneus.

»Ich möchte meinen Vater nicht für feige halten,« sagte Hermione, »aber es ist schwer, sein Zuhausebleiben zu erklären. Nicht nur, daß sein Neffe seiner Hilfe bedarf, der Ermordete ist sein eigener Bruder, und der Anstand fordert, daß er den Mord rächt.«

»Er ist kein Feigling, wenigstens nicht im gewöhnlichen Sinne«, sagte Eteoneus. »Deine Mutter riet ihm ab. Du hast selbst gehört, wie sie es machte. Als sie anfing, ihm zuzureden, er solle Orest helfen, damit die Heirat um so schneller zustande käme, und als sie ihn daran erinnerte, daß er die Hochzeitsangelegenheit mit Klytemnestra besprechen müßte, wußte ich, daß weder aus der Hilfe für Orest noch aus der Hochzeit etwas werden würde. Ich gehöre nicht zu den unbedingten Verehrern deiner Mutter – ich stehe in allen Dingen zu deinem Vater –, aber man muß zugeben, daß sie klug ist.«

»Das ist kein Grund, weshalb Vater nicht hingehen sollte. Er weiß, ich kann die Heirat ohne ihn bewerkstelligen; er kann Klytemnestra vollständig übergehen.«

»Ich weiß nicht, ob er sie bei seiner Rache übergehen kann«, sagte Eteoneus. »Fandest du nicht, daß deine Eltern etwas um diese Frage herumgingen? Sie wurde aufgeworfen, aber sie gingen nicht weiter darauf ein. Rechtmäßigerweise müßte Klytemnestra wegen Gattenmordes bestraft werden. Deine Mutter wollte nicht gern für ihre Schwester bitten, wenigstens nicht geradezu, aber natürlich will sie nicht, daß ihr eigener Mann ihre Schwester tötet. Die Situation ist äußerst schwierig. Orest wird seine Mutter sicher nicht töten; wenn also jemand Rache an ihr üben soll, so muß es Menelaos sein. Was für Zustände würden entstehen, wenn er heimkäme und uns sagte, der Geist Agamemnons sei durch das Blut seiner Mörder Ägisth und Klytemnestra versöhnt! Meinst du, daß er und Helena sich danach behaglich zu Tische setzen und über das plaudern könnten, was inzwischen im Hause vorgefallen? Helena verurteilt ihre Schwester streng, aber Menelaos weiß, daß er gut daran tut, seine Hand nicht gegen Klytemnestra zu erheben.«

»Eteoneus, glaubst du, daß Orest stark genug ist, mit Ägisth zu kämpfen?«

»Mit Ägisth allein, ja; doch wenn Klytemnestra ihrem Geliebten hilft, sollte Orest sich in acht nehmen. Die beiden zusammen waren Agamemnon über. Das ist noch ein Grund, glaube ich, weshalb Menelaos hierbleiben wird. Selbst wenn sie Klytemnestra in Ruhe lassen, so ist es nicht wahrscheinlich, daß sie zum Dank dafür sich nicht in den Streit mischt. Sobald dein Vater sich Ägisth feindlich nahte, würde sie ihm mit Freuden ein Messer in den Rücken stoßen. Sie sollten ihr lieber erst den Hals abschneiden, bevor sie sich an Ägisth machten.«

»Wie blutdürstig du bist, Eteoneus!« sagte Hermione. »Du hättest ein zweiter Pyrrhus werden können, wenn du es darauf angelegt hättest.«

»Das soll wohl nicht gerade ein Kompliment sein?« fragte Eteoneus. »Was hat denn Pyrrhus verbrochen?«

»Er ist ein roher Mensch«, sagte Hermione. »Er macht sich nicht das geringste daraus, eine Frau zu töten; ja, ich glaube, wenn er an Orests Stelle wäre, so würde er lieber Klytemnestra töten und Ägisth frei ausgehen lassen.«

»Dieser Standpunkt hat etwas für sich«, sagte Eteoneus. »Sie ist die Schuldige, und sie ist eine Frau.«

»Darum gerade sollte er sie schonen«, sagte Hermione.

»Ich weiß, daß feine Sitte dies vorschreibt, aber ich halte es nicht für richtig. Die Frauen richten am meisten Unheil in der Welt an, und in meinen Augen ist es Schwäche, ihnen die Strafe zu ersparen. Dann tun sie schließlich alles, was sie wollen.«

»Du redest Unsinn, Eteoneus, und das weißt du ganz gut. Das Leben der Frauen ist eine endlose Folge von Leid und Sorgen. Eine Frau zu sein ist schon an sich ein hartes Los, aber die Männer machen es ihr noch unendlich viel schwerer.«

»Das sehe ich durchaus nicht ein«, sagte Eteoneus. »Soweit ich es beurteilen kann, sind die Männer und ihre Art den Frauen gerade so recht: sie wollen sie roh, sie tun ihr Möglichstes, sie so zu machen. Wenn eine Frau mir sagt, daß ihr Los hart ist, so sage ich: ›Ja, da hast du recht,‹ oder so etwas, und dann sind wir beide zufrieden. Es ist Einbildung.«

»Du willst doch nicht sagen, es sei Einbildung, daß Pyrrhus mit Polyxena übel verfuhr, als er sie auf dem Grabe seines Vaters opferte?«

»Nicht übler als mit den Männern, die er bei der Zerstörung Trojas tötete.«

»Aber sie konnten sich verteidigen!«

»Das konnte sie auch.«

»Frauen sind den Männern gegenüber wehrlos«, sagte Hermione.

»Wirklich!« sagte Eteoneus. »Und Klytemnestra?«

»Das ist ein besonderer Fall, davon rede ich nicht«, sagte Hermione.

»Es ist der jüngste Fall,« sagte Eteoneus, »und nicht der erste seinesgleichen. Alle Frauen sind Unheilstifterinnen.«

»Ob Andromache auch wohl dieser Ansicht ist?« sagte Hermione. »Pyrrhus brachte sie als seine Sklavin heim, und die Frau, die Hektors Gattin gewesen war, mußte sich die rohen Zärtlichkeiten dieses Mörders gefallen lassen. Man sagt, daß sie ein Kind erwartet.«

»Sagt Andromache, daß seine Zärtlichkeiten roh sind?« fragte Eteoneus. »Wenn du auf diese Frage Gewicht legst, so solltest du Andromache selbst fragen. Du solltest wirklich nicht über Pyrrhus reden, bevor du dich genau erkundigt hast. Woher weißt du, daß sie ihn nicht mag? Du sagst, du möchtest Pyrrhus nicht heiraten, weil er Andromache schlecht behandelt hat. Du scheinst von den Frauen nicht viel zu wissen, Hermione, und ich vermute, daß du von den Männern ebensowenig weißt. Der wahre Grund, weshalb du Pyrrhus nicht heiraten solltest, ist, daß Andromache eifersüchtig auf dich sein würde; sie würde es wahrscheinlich mit dir machen, wie Klytemnestra mit Kassandra.«

»Du weißt ebensowenig von Andromache wie ich«, sagte Hermione; »aber angenommen, du hättest recht, so bleibe ich doch bei meiner Behauptung: die Frauen haben im allgemeinen ein schweres Leben, und die Männer behandeln uns so schlecht, daß wir die Achtung vor ihnen verlieren.«

»Das gibt es nicht«, sagte Eteoneus. »Man kann eine Frau nicht so schlecht behandeln, daß man ihre Achtung verliert – solange man nämlich etwas Interesse für sie zeigt.«

»Du meinst also, eine Frau ist glücklich, ja, sie fühlt sich vielleicht tief geschmeichelt, wenn einer von deinem vortrefflichen Geschlecht ihr den Hof macht, sie verführt und endlich verläßt. Denn das ist die Tragödie vieler Frauen, wenn ihr Männer es auch nicht wahr haben wollt.«

»Ich glaube, daß sie wohl nicht gern von ihm verlassen werden,« sagte Eteoneus, – »das heißt, solange sie den Mann lieben; wenn sie seiner überdrüssig sind, kann er sie nicht früh genug verlassen. Aber im allgemeinen wollt ihr Frauen, daß man euch beachtet. Was den andern Teil der von dir geschilderten Tragödie anbetrifft, so ist das alles Schwindel, Hermione. Eine Frau wird nicht verführt. Ich weiß, was ich sage. Sie will den Mann, und der Mann will sie. Beide bekommen, was sie wollen; und soweit ich sehe, kommt der Mann am schlechtesten dabei weg.«

»Ich hatte keine Ahnung, daß du ein solcher Frauenhasser bist«, sagte Hermione. »So hartherzig! Ich dachte, daß Erfahrung milder machte.«

»Ich bin kein Frauenhasser«, sagte Eteoneus. »Ich besitze nur zufällig etwas von der Erfahrung, die du meinst. Lehre mich die Frauen kennen!«

»Du bist doch, soviel ich weiß, nie verheiratet gewesen«, sagte Hermione.

»Schließt du daraus, daß ich nichts von Frauen weiß?« fragte Eteoneus. »Das ist nur ein Beweis meiner Klugheit.«

»Das läßt sich als Scherz ganz gut hören, Eteoneus, aber die Tatsache, daß du die Frauen gemieden hast, beweist nicht, daß du verstehen kannst, was sie unter der Behandlung der Männer fühlen und leiden.«

»Ich sehe, ich muß deutlicher werden, wenn ich mich begreiflich machen soll«, sagte Eteoneus. »Ich fürchte zwar, ich werde dadurch nicht in deiner Gunst steigen, aber die Sache ist die, Hermione, daß ich zu der älteren und zäheren Generation gehöre, die du verachtest. Bevor das Alter mich auf den Torhüterposten beschränkte, war mein Betragen zwar nach den Anschauungen unsrer Zeit ganz korrekt, aber dir würde es – wie sagtest du doch? – brutal erscheinen. Ich habe die Frauen nicht gemieden. Du hast mich mißverstanden; ich vermied nur die Heirat.«

»Oh!« sagte Hermione … »Leider gibt es ja noch heute eine Anzahl von Männern, die ein solches Leben führen.«

»Ja, eine Anzahl von Männern,« sagte Eteoneus, »und einige Frauen in deiner Familie.«

»Findest du es nicht unrecht?« fragte Hermione. »Ich dachte immer, du mißbilligtest das Betragen meiner Mutter.«

»Gewiß«, sagte Eteoneus. »Alle Ordnungswidrigkeiten sollten bestraft werden, wenn die Gesellschaft bestehen soll, aber dabei bleiben sie doch etwas Natürliches. Ich sage dir, Hermione, ich war gar nicht sehr überrascht, als deine Mutter mit Paris durchging; einer Frau ist alles zuzutrauen. Was mich überraschte, war, daß dein Vater ihr verzieh.«

»Dachtest du in deiner wilden Jugend ebenso, als du die Mädchen zum Unrecht verführtest?«

»Unsinn! die Mädchen werden zu nichts verführt! Ja, ich dachte immer so. Unrecht ist Unrecht, aber bisweilen ist es das Natürliche. Man hätte mich wohl bestrafen sollen. Man tat es nicht. Es wäre schon die Strafe wert gewesen.«

»Ich darf solche Reden nicht anhören«, sagte Hermione. »Ich wußte, daß es Männer gibt, die so denken wie du, aber ich war bisher noch nie einem begegnet. Du machst mich schaudern. Da habe ich dich nun von klein auf gekannt, und du hast uns alle immer so behütet, und doch hast du so unsittliche Anschauungen! Das hätte ich nie gedacht.«

»Ich hatte diese letzten Jahre, während ich die Familie diese Hauses beobachtete, Anlaß genug, über Moral nachzudenken«, sagte Eteoneus. »Vorher hatte ich die Welt genommen, wie sie war, und getan, was andere taten – die ich schätzte. Ich muß sagen, ich sehe nicht, daß die moderne Art sehr verschieden von unsrer ist oder zu erfreulicheren Ergebnissen führt. Ich stehe auf dem Standpunkt, daß die Frauen dieselben sind wie zu meiner Zeit – und die Männer gleichfalls. Ich finde es höchst überflüssig, daß man sich heutzutage neue Theorien über sie macht. Du sagst zum Beispiel, ich sei unsittlich, und es mache dich schaudern, wenn du mich anhörst. Vielleicht. Aber dennoch hörtest du mich an – weil es dich interessierte. So sind die Frauen immer gewesen. Du weißt, wie wir nach dem Kampf mit ihnen verfuhren, wenn wir eine Stadt eingenommen hatten. Deine Generation nennt es barbarisch, aber als ich jung war, galt es für ganz in der Ordnung, und niemand beklagte sich darüber. Wir pflegten die Männer zu töten und die Frauen zu nehmen. Die meisten Frauen habe ich bei solchen Gelegenheiten kennengelernt. Du findest ein solches Verfahren grausam gegen die Frauen, nicht wahr? Nun, ich habe nie ein Mädchen auf diese Weise besessen, die besonders unglücklich darüber zu sein schien; ihr Sträuben war eine bloße Form. Sie liefen weg, und man fing sie und trug sie an einen stillen Platz und – nun, damit war die Sache fertig. Ich sehe nicht ein, daß es mit der Heirat viel anders ist, außer daß die Werbung etwas länger dauert. Und das ging im Kriege alles ganz rechtlich zu; die Frauen wußten vorher, was mit ihnen geschehen würde, wenn ihre Seite unterlag: sie würden mit einem Fremden verheiratet werden, aber dafür auch mit einem überlegenen Mann. Nun sollen sich Achill und einige von den Jüngeren ja anders benommen haben; Chryseis war seine Gefangene, aber er hatte nichts mit ihr zu tun. Er konnte natürlich tun und lassen, was er wollte, aber ich sehe in solchem Betragen nichts besonders Verdienstliches. Pyrrhus und Agamemnon stehen noch auf dem alten Standpunkt. Agamemnon war Ein bedeutender Mann. Er hat nur einen Fehler gemacht.«

»Aber Eteoneus, nach deinen Grundsätzen hat ja Paris ganz recht gehandelt!«

»Ich sage auch nicht, daß er unrecht tat, wenn er ein so gefährliches Spiel wagen wollte. Du weißt, daß man ihn tötete. Die ganze Sache wäre zu meiner Zeit auch nicht anders verlaufen, nur daß deine Mutter nicht zurückgekehrt wäre.«

»Du willst doch nicht sagen, daß mein Vater sie hätte töten sollen?«

»Nun, dergleichen ist schon vorgekommen«, sagte Eteoneus. »Es ist natürlich peinlich, die Sache grundsätzlich zu erörtern, besonders da deine Mutter hier ist. Ich bin weit davon entfernt, jetzt ihren Tod zu wollen, obwohl es mich immer etwas aus dem Konzept bringt, wenn ich sie sehe – es ist, als lebte man mit einer Toten.«

»Sag' einmal, Eteoneus, – du meinst doch nicht, daß Orest oder mein Vater Klytemnestra töten sollte?«

»Sicher nicht Orest; es wäre Sünde, wollte er seine eigene Mutter töten. Wenn sie sein Weib wäre, wäre es etwas anderes. Agamemnon hätte sie töten sollen. Das war der Fehler, den er machte. Sie war treulos.«

»Und was soll mit den Männern geschehen, die treulos sind?« fragte Hermione. »Du bekennst, daß du ein Leben geführt hast, das ich schlecht und grausam nennen würde, und du hast dich nie gebessert; du bist einfach zu alt für solchen Lebenswandel geworden. Warum wäre es nicht in der Ordnung, wenn eine von den Frauen, die du verlassen hast, dich getötet hätte? Die Treue sollte nicht nur auf einer Seite sein.«

»Das war auch Klytemnestras Anschauung«, sagte Eteoneus. »Diese Frau ist merkwürdig modern für ihr Alter.«

»Alter!« sagte Hermione. »Du wankst dem Grabe zu mit den brutalsten Anschauungen, die ich je gehört habe. Wenn Pyrrhus dir gleicht, so bestätigen sich meine schlimmsten Befürchtungen über ihn. Ich bin froh, daß ich zu einer andern Generation gehöre!«

 

5

Ich wollte Helena besuchen«, sagte Charitas.

»Sie ist nicht zu Hause«, sagte Eteoneus. »Kann ich irgend etwas bestellen?«

»Nicht zu Hause!« sagte Charitas. »Ist sie denn überhaupt je zu Hause? Ich möchte sie persönlich sprechen. Bist du sicher, daß sie ausgegangen ist? Sie ist nie da, wenn ich komme. Ich muß gestehen, daß dies etwas nach Absicht aussieht.«

»Jetzt ist sie sicher nicht zu Hause. Es wird ihr leid tun, dich verfehlt zu haben.«

»Das möchte ich wirklich wissen«, sagte Charitas. »Deine Herrin behandelt ihre alten Freundinnen nicht gerade gut.«

»Es wird ihr leid tun zu hören, daß du dies findest«, sagte Eteoneus. »Ich werde es ihr bestellen, sobald sie nach Hause kommt.«

»O nein, das sollst du nicht! Ich habe die größte Hochachtung vor ihr, sonst wäre ich nicht hier. Aber ich mag nicht immer umsonst kommen. Wir erhielten soeben die Nachricht von dem armen Agamemnon, und ich wollte ihr nur zeigen, daß ich ihr gegenüber dieselbe bleibe, was auch in ihrer Familie vorfällt. Ich finde, sie sollte zu solchen Zeiten eigentlich zu Hause sein. Es scheint mir, sie hält sich jetzt immer außer dem Hause auf. Hast du das bemerkt?«

»Es ist zu arg, daß du den Weg umsonst machen mußtest«, sagte Eteoneus. »Sie wird deine Aufmerksamkeit zu würdigen wissen. Sie war in der letzten Zeit sehr in Anspruch genommen.«

»Das kann ich mir denken, bei all dem Schrecklichen, das eins nach dem andern passiert ist! Die Familie ist natürlich auf Agamemnons Seite?«

»Agamemnon ist tot«, sagte Eteoneus. »Ich weiß nicht, was du damit meinst, daß sie auf seiner Seite ist?«

»Nun, Klytemnestra und er waren doch im Streit miteinander, nicht wahr?«

»Ich habe nie gehört, daß sie auch nur ein unfreundliches Wort miteinander wechselten«, sagte Eteoneus. »Man kann doch sterben, ohne mit seiner Frau Streit zu haben.«

»Du weißt, was ich meine – Klytemnestra war ihm untreu.«

»Ach so, das meinst du!« sagte Eteoneus. »Ja, ich habe davon gehört, aber ich bezweifle, daß er es wußte. Sein Tod kam so plötzlich, sie hatte wahrscheinlich keine Zeit, es ihm zu sagen.«

»Er muß es gewußt haben!« sagte Charitas. »Ich hörte, er hätte versucht, sie zu töten, und das mit Recht, aber sie rief so laut, das Ägisth ihr zu Hilfe kam, und dann ermordeten sie Agamemnon zusammen.«

»Das ist ja eine ganz interessante Geschichte, wenn sie nur wahr ist«, sagte Eteoneus. »Wer hat dir das erzählt?«

»Sie wurde uns aus diesem Hause zugetragen, die Dienstboten haben es sich erzählt«, sagte Charitas. »Ich hatte gehofft, die Tatsachen von Helena zu erfahren.«

»Sobald sie nach Hause kommt,« sagte Eteoneus, »werde ich ihr sagen, du möchtest wissen, ob Agamemnon zuerst versuchte, ihre Schwester zu töten, oder ob ihre Schwester stracks auf Agamemnon losging und ihn tötete.«

»Oh, geschah es auf diese Weise? Diese Fassung kannte ich noch nicht. Wer hat das erzählt, Eteoneus?«

»Ich glaube, es waren vor dir schon andere Freunde da. Das einzige, was wir wissen, ist, daß Agamemnon kurz nach seiner Rückkehr starb.«

»Er muß von ihrem Betragen gehört haben, und er konnte furchtbar in Wut geraten, nicht wahr?«

»Nun, das weiß ich nicht«, sagte Eteoneus. »Ich habe nicht versucht, dies festzustellen, wenn er hierher kam. Er erschien mir immer als ein hervorragender Mann. Auch sie war eine hervorragende Frau, nicht nur durch ihre Schönheit.«

»Ja,« sagte Charitas, »manche fanden sie viel schöner als Helena. Der Unterschied, den man von jeher zwischen ihnen machte, zeigt, wie zufällig Ruhm und Erfolg sind. Jeder hat von Helenas Schönheit gehört; wenige wissen etwas von Klytemnestra. Helena führte ein höchst skandalöses Leben mit einem andern Mann, und ihr Gatte nahm sie wieder zu sich – unbegreiflicherweise –; und Klytemnestras Betragen hat zu Mord geführt … Du meinst, sie hat ihn nicht aus Notwehr getötet?«

»Durch Notwehr läßt sich vieles rechtfertigen«, sagte Eteoneus. »Ich weiß nur nicht, daß jemand sie angegriffen hätte, und ich sagte auch nicht, daß sie Agamemnon getötet hat. Er ist tot, das ist alles, was ich sagte. Hast du noch sonst etwas an Helena zu bestellen?«

»Ich habe noch nichts an sie bestellt«, sagte Charitas. »Sag' ihr natürlich, daß ich hier war … Eteoneus, findest du nicht, daß Menelaos und sein Bruder sonderbare Vorstellungen von ihren Frauen hatten?«

»Sie hatten außergewöhnliche Frauen,« sagte Eteoneus, »aber ich weiß nicht, was für Vorstellungen du meinst.«

»Sie waren merkwürdig leichtgläubig, das meine ich. Du scheinst der Ansicht zu sein – und du mußt es ja am besten wissen –, daß Agamemnon ganz ahnungslos heimkehrte. Man stelle sich so etwas vor!«

»Oh, dabei ist nichts zu verwundern; Eheleute wissen in Wirklichkeit wenig voneinander, wenn sie zu Hause sind; und wenn einer von ihnen fort ist, verlieren sie die Fährte vollständig. Du, zum Beispiel, weißt nicht, ob dein Mann dir treu ist.«

»Was unterstehst du dich, Eteoneus! Ich werde mit Menelaos sprechen. Du vergißt, was sich für deine Stellung ziemt. Mein Mann ist mir durchaus treu.«

»Ich will es gern glauben«, sagte Eteoneus. »Ich möchte wahrlich nicht, daß du auf meine Bemerkung nach Hause gehst und ihn ermordest. Natürlich ist er treu. Ich wies nur daraufhin, daß du nicht wissen kannst, ob er es ist. Du solltest verstehen, wie es mit Agamemnon war. Er hielt seine Frau für besser, als sie war. Das ist ein allgemeiner Fehler.«

»Ich weiß nicht, warum ich mit dir rede, Eteoneus; du bist unhöflich und anmaßend. Ich kam nur, um –«

»Es wird Helena leid tun, daß sie nicht zu Hause war«, sagte Eteoneus. »Soll eins von den Mädchen dich mit dem Sonnenschirm zurückbegleiten? Es ist warm zu gehen.«

»Ach Eteoneus, vielleicht kannst du mir sagen – was für ein Mädchen ist diese Adraste, die immer um Helena ist?«

»Sie ist Helenas Zofe und ein schönes Mädchen, das muß ich sagen. Helena hat gern schöne Mädchen um sich.«

»Ich meine natürlich, was für einen Charakter sie hat. Daß das Mädel gut aussieht, sieht jeder. Ist sie zuverlässig und ungefährlich – für Männer, meine ich?«

»Ungefährlich!« sagte Eteoneus. »Das glaube ich kaum. Im Gegenteil! sie wird mehr Herzen brechen als irgendeine – von Helena selbst abgesehen. Ich mag sie sehr gern; sie ist allgemein beliebt, selbst bei uns Alten. Dein Sohn schätzt sie sehr; er kann dir Näheres über sie berichten, besser als ich.«

»Das ist das Schlimmste, was du mir sagen kannst! Das gerade fürchtete ich, Eteoneus! Ich kann meinen Jungen sich nicht in das Mädchen verlieben lassen! Unmöglich!«

»Nun, er hat es ohne deine Erlaubnis fertiggebracht«, sagte Eteoneus. »Er ist in sie verliebt und sie in ihn, und man kann ihm dazu Glück wünschen, er findet nicht zum zweitenmal ein so schönes Mädchen, das ihn haben will.«

»Aber sie ist nichts Besseres als ein Dienstbote!« sagte Charitas.

»Nun, er ist noch nicht einmal das«, sagte Eteoneus. »Er ist ein netter Junge, aber bis jetzt gänzlich nutzlos; und das Beste, was ich von ihm weiß, ist, daß sie ihn schätzt. Was regst du dich darüber auf? Laß sie glücklich sein!«

»Ich bin sicher, sie bringt ihn ins Unglück«, sagte Charitas. »Er ist unerfahren, und sie hat nicht umsonst in Helenas Nähe gelebt; sie wird Absichten auf ihn haben.«

»Ich habe in meinem Leben genug Schlechtigkeiten gesehen,« sagte Eteoneus, »und manche finden, daß ich selbst allerlei auf dem Kerbholz habe; aber soweit ich mich auf Höllenkünste verstehe, kann ich mir nicht vorstellen, wie dies Mädchen es anfangen sollte, deinen Jungen ins Unglück zu bringen. Wenn ich die Verantwortung für sie hätte, würde ich deinen Jungen fürchten, aber sie kann ihm nichts zuleide tun.«

»Doch, das kann sie,« sagte Charitas, »sie kann ihm sein Leben zerstören – sie kann ihn heiraten.«

»Das ist schon möglich,« sagte Eteoneus, »aber eine Heirat braucht ja nicht notwendig zum Unheil zu führen. Er wird seinem Vater nacharten und ein fügsamer Gatte werden, und dazu wird er bei einer solchen Frau auch allen Grund haben.«

»Du redest, als ob die ganze Sache schon abgemacht wäre.«

»Es wäre gut, sie würde bald abgemacht«, sagte Eteoneus. »Im ganzen Hause redet man darüber, daß sie sich als Mann und Frau betrachten, und wenn zwei verliebte junge Menschen so zueinander stehen, so ist die Sache praktisch abgemacht.«

»Meinst du, daß sie schon jetzt zusammenleben?«

»Ich kann es nicht beweisen,« sagte Eteoneus, »aber ich glaube es allerdings, und wir finden alle, daß Damastor einen sehr guten Geschmack hat.«

»So, hat er das? Findet ihr das? Er soll ihr nicht wieder vor die Augen kommen! Dafür werde ich noch heute sorgen. Ich werde den Jungen in Sicherheit bringen, bis er kuriert ist. Ich wußte gleich, was geschehen würde, wenn Helena tun könnte, was sie wollte! Menelaos hat viel zu verantworten! Das ist der Gipfel – einen solchen Knaben in solch ein Haus zu locken!«

»Hör' einmal, das ist etwas stark, wenn du überhaupt weißt, was du redest!« sagte Eteoneus. »Niemand hat deinen Sohn hierher gelockt. Ich konnte ihn nicht fernhalten, obgleich Helena es mir gebot. Und mir scheint, du handelst ziemlich erbärmlich, wenn du sie jetzt trennst. Der Junge ist hinter ihr her gewesen und hat sie so weit gebracht: und vielleicht ist gerade jetzt die Zeit, wo er sie nicht im Stich lassen sollte. Es wäre nicht anständig von ihm.«

»Was ihr euch hier einbildet, mir von Anständigkeit zu reden!« sagte Charitas. »War es anständig von Helena, das Mädchen zu mir zu bringen und sie in den hinteren Teil des Gartens zu schicken, wo sie ungestört mit ihm plaudern konnte? Das hat sie nämlich getan – da fing es an, unter meinen Augen! War es anständig –«

»Wenn du ihre Liebe entstehen sahst, auf deinem eigenen Grund und Boden und unter deinen Augen,« sagte Eteoneus, »so mußt du es ja die ganze Zeit gewußt haben, und solltest die Verantwortung für das, was dein Junge etwa getan hat, mit ihm teilen. Dies Haus hat sich nichts vorzuwerfen – in diesem Falle wenigstens. Ich bin zu altmodisch, um mich mit dem, was früher geschah, zu befreunden, aber ich werde in allen Dingen fest zu diesem Hause stehen. Die jungen Leute verlieben sich heutzutage, just so, wie sie es immer getan haben, und manche von den Alten haben vergessen, wie es damit ist. Wenn du den Jungen jetzt fortschaffst, so bist du das erbärmlichste Weib, das mir je im Leben begegnet ist, und ich habe allerlei Erfahrungen gemacht.«

»Dies geht zu weit«, sagte Charitas. »Wenn mein Mann hört, wie du zu mir gesprochen hast, wird er es Menelaos sagen.«

»Das wird er, wenn ich ihn einlasse«, sagte Eteoneus; »sonst kann er von seinem Sohn lernen, wie man sich hinten bei den Dienstboten einschleicht!«


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