Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Zweiter Teil.
Die jüngere Generation


 

1

Menelaos,« sagte Helena, »kann ich dich einmal sprechen?«

»Ich bin beschäftigt. Was wünschest du?«

»Ich möchte mit dir über Hermione sprechen.«

»Was ist denn mit ihr los?«

»Nichts ist mit ihr los. Ich möchte nur über ihre Zukunft beraten. Wir haben uns noch nicht viel darum bekümmert, und du mußt ebensogut wie ich fühlen, daß wir das Glück unseres Kindes einmal ins Auge fassen sollten.«

»Das hat Zeit«, sagte Menelaos. »Ich bin heute morgen mit Arbeit überhäuft. Die Sache ist jedenfalls nicht dringend; Hermione ist nicht unglücklich.«

»Mir ist sie dringend, Menelaos. Hermione ist wohl nicht gerade unglücklich – ich hoffe es wenigstens – aber wir haben sie doch sehr vernachlässigt. Nun wir zurückgekehrt sind, sollten wir ihren Charakter zu erkennen suchen und ihr zu dem Leben verhelfen, das das Beste in ihr zur Entwicklung bringt und ihr dauernde Befriedigung sichert. Ich weiß nicht, wie du diese Pflicht einen Augenblick länger aufschieben kannst.«

»Nun, dies ist vortrefflich!« rief Menelaos. »Wenn sie vernachlässigt wurde, so sag' mir doch gütigst, wer sie vernachlässigt hat! Du redest, als ob es meine Schuld wäre!«

»Wir verließen sie alle beide, obwohl aus verschiedenen Gründen«, sagte Helena. »Ich will meinethalben die Schuld auf mich nehmen, aber nun wir wieder hier sind, laß uns den Schaden gutmachen. Ich nehme an, daß dies auch dein Bestreben ist. Für mich gibt es heute morgen nichts Wichtigeres; wenn du augenblicklich zuviel zu tun hast, um darüber nachzudenken, willst du dann eine Zeit bestimmen, wo wir darüber sprechen können? Aber in Wirklichkeit hast du gar nichts Dringendes zu tun, Menelaos. Als ich eintrat, standest du da und sahst aus der Tür.«

»Ich wollte, du könntest begreifen, daß man sehr beschäftigt sein kann, auch wenn man still dasteht und aus der Tür sieht. Du erkennst nicht im geringsten das an, was ich leiste, Helena. Wenn ich nicht oft und angestrengt nachdächte, so würde hier alles aus den Fugen gehen. Es liegt alles sehr im Argen. Ich glaube vielmehr, daß ich für mein Kind am besten sorge, wenn ich den Besitz zusammenhalte.«

»Du bist ein guter Hausvater, Menelaos, niemand erkennt das mehr an als ich. Deshalb will ich ja auch mit dir über Hermione sprechen – wir brauchen deinen Rat, bevor sie sich zu weit einläßt.«

»Einläßt, worauf?«

»Nun zum Beispiel auf eine Heirat.«

»Oh, – mit Orest.«

»Das ist eine Möglichkeit«, sagte Helena. »Sie glaubt, ihn zu lieben.«

»Famos«, sagte Menelaos. »Dann ist die Sache abgemacht. Gibt es sonst noch etwas?«

»Wir sind noch nicht mit Orest fertig«, sagte Helena. »Ich finde es nicht famos, daß sie sich in ihn verliebt glaubt. Ich zweifle sehr, daß sie weiß, was Liebe ist. Sie ist entschlossen, ihn zu heiraten.«

»Darf ich noch einmal ›famos‹ sagen, da du mich um Rat fragst? Warum sollten sie sich nicht heiraten? Ich dachte, das hätten wir bereits vor vielen Jahren unter uns abgemacht.«

»Das ist es eben. Vor vielen Jahren. Wir haben seitdem sehr viel gelernt. Wozu hat man seine Erfahrung? Orest ist kein Gatte für mein Kind.«

»Meinst du unser Kind? Ich möchte mitzählen, wenn mein Rat gewünscht wird. Ich weiß nämlich ganz gut, Helena, wo du hinaus willst. Du hast schon irgendeinen Plan und willst ihn mir nun auf gute Manier beibringen. Ich kenne deine Art, mich um Rat zu fragen. Laß dir, bitte, ein für allemal gesagt sein, daß Orest mir als Schwiegersohn willkommen ist, wenn Hermione ihn will. Und ich habe nichts von irgendeinem Nebenbuhler gehört. Übrigens haben wir beide ihn lange nicht gesehen – wie lange ist es schon her? Wir würden ihn nicht wieder erkennen. Hermione kennt ihn viel besser als wir – sie sind beide durch den Krieg verwaist gewesen und durch ein gleiches Interesse zueinander geführt. Was sagt sie von ihm?«

»Sie sagt, daß sie ihn liebt. Nichts Genaueres weiter. Ich kenne ihn zwar nicht persönlich, aber ich kenne seine Mutter, und du kennst seinen Vater – um es höflich auszudrücken. Er muß einem von beiden ähnlich sein.«

»Ich kann nicht sagen, daß ich deine Schwester je leiden mochte,« sagte Menelaos, »allein man sollte erwarten, daß du mit mehr Achtung von Agamemnon sprächest; du stimmst ihm oft zu – wenigstens wenn es gegen mich geht, und er ist immer gleich zuvorkommend dir gegenüber. Er gehört tatsächlich zu deinen Bewunderern. Aber wie du auch über ihn und Klytemnestra denkst, es scheint mir ungerecht, es Orest entgelten zu lassen.«

»Blut verleugnet sich nicht«, sagte Helena. »Ich habe diesen Zweig immer für die schwache Seite der Familie gehalten.«

»Klytemnestra schwach?« rief Menelaos. »Kennst du denn deine Schwester? Vor vielen Jahren schon sagte ich zu Agamemnon, er wäre ein mutiger Mann, wenn er sie heiratete. Jetzt wird er mir glauben, – wenn er überhaupt einmal mit seinen Freudenfeuern da drüben fertig wird und nach Hause kommt. An dem Abend, als wir uns trennten, sagte ich zu ihm, er sei wohl nicht sehr darauf erpicht, seiner Frau wieder gegenüberzutreten. Er wird an diese Bemerkung denken.«

»Was in aller Welt meinst du?«

»Nun, ich mochte es dir nicht erzählen – sie ist ja deine Schwester – es war das, woran ich dachte, als du eintratst. Eteoneus sagt: Klytemnestra habe Agamemnon aufgegeben – sie hat ganz offenkundig mit Ägisth gelebt, und sie hat die Absicht, mit meinem Bruder abzurechnen, wenn er heimkommt. Es wird eine furchtbare Auseinandersetzung werden. Ägisth tut mir leid, wie es auch enden mag. Wenn ich nur wüßte, wo Agamemnon augenblicklich ist – als du kamst, sann ich darüber nach, wie ich ihm helfen könnte, ohne in auffallender Weise um Klytemnestras Haus herumzuschleichen.«

»Sie hat es nie verstanden, ihren Mann zu behandeln,« sagte Helena, »und wenn ich mir sonst auch nichts aus Agamemnon mache, so hat er mir in dieser Beziehung doch leid getan. Jeder Mann hat Anspruch auf einen gewissen Respekt von seiten seiner Frau. Wenn ihr das unmöglich ist, so sollte sie ihn verlassen. – Allein ich sehe nicht ein, wieso Klytemnestras Betragen ein Grund ist, unsre Tochter mit ihrem Sohn zu verheiraten.«

»Keineswegs,« sagte Menelaos, »aber auch kein Grund dagegen. Verurteile Orest nicht, bevor wir ihn kennen. Könnten wir den Jungen nicht einmal kommen lassen und ihn uns ansehen? Oder warten, bis er von selbst kommt – Eteoneus sagt: er müsse bald hier sein.«

»Wie kann er das wissen?«

»Er weiß es nicht gewiß, aber er sagt, Orest sei in regelmäßigen Zwischenräumen gekommen und man könne ihn nächstens erwarten.«

»So hat also Eteoneus die Sache hinter meinem Rücken begünstigt?«

»Das würdest du nicht denken, hörtest du ihn reden«, sagte Menelaos. »Er scheint Orest noch weniger leiden zu können als du. Sie haben Streit miteinander gehabt – sich wie Gassenbuben geschimpft, nach dem, was unser Torhüter sagt, und ich vermute, er hat mir das Schlimmste noch verschwiegen. Im ganzen ist er in dieser Sache auf deiner Seite.«

»Dann hat er dir wahrscheinlich irgendeinen vernünftigen Grund genannt, weshalb er Orest nicht mag. Was sagt er von ihm?«

»Wenn du es durchaus wissen willst,« sagte Menelaos, »er fürchtet, daß Orest dir zu ähnlich ist – das heißt, in seinen Anschauungen.«

»Die hat er von seiner Mutter«, sagte Helena. »Eteoneus hat mich nie verstanden. Ich bin sicher, der Junge ist Klytemnestra, wie sie leibt und lebt; die Söhne arten gewöhnlich nach der Mutter, wie die Töchter nach dem Vater.«

»Unsinn!« sagte Menelaos. »So einfach ist die Sache nicht. Außerdem käme das darauf hinaus, daß man die Kinder für ihre Eltern verantwortlich machte, und das wäre nicht billig. Tatsächlich betragen sie sich meistens viel vernünftiger.«

»Das ist selten ein Vorzug«, sagte Helena. »Das sollte man ihrer Unreife oder ihrer falschen Erziehung zur Last legen.«

»Das ist allerliebst!« rief Menelaos. »Nun sind wir richtig im Tollhause angelangt! Wie willst du einen Menschen, der bei Verstand ist, überzeugen, daß ein vernünftiges Betragen das Resultat einer schlechten Erziehung ist?«

»Man darf so jung noch nicht vernünftig sein,« sagte Helena, »das ist ein schlechtes Zeichen. Es heißt, am verkehrten Ende anfangen. Jugend soll damit anfangen, daß sie das Leben liebt. Vernunft ist eine Art Vorsicht, eine Beherrschung der Impulse – aber man muß Impulse haben, bevor man sie beherrschen kann. Wie kann man vorsichtig sein, ehe man eine gewisse Weltkenntnis erlangt hat? Und wie kann man Erfahrung sammeln, wenn man sie von vornherein meidet? Wenn man jung ist, kann man nichts Besseres in sich tragen als die Liebe zum Leben. Dies ist aber gerade das, was sie nicht haben und daher ist ihre Vernunft meiner Meinung nach eine taube Nuß.«

»Nach dem, was ich von den jungen Leuten gehört habe,« sagte Menelaos, »haben sie durchaus so viel Liebe zum Leben, wie wir nur wünschen können. Eteoneus ist dieser Ansicht über Hermione und Orest, und ich glaube wohl, daß er recht hat.«

»Seit wann holst du dir deine Lebensweisheit von deinem Torhüter, Menelaos? Eteoneus ist ein treuer Knecht – dafür habe ich ihn immer gehalten – und ein ganz unwissender Mensch. Er weiß soviel vom Leben, wie man von einer Türmatte aus übersehen kann. Ich habe das Gefühl, daß du mit mir scherzest. Willst du nicht ernsthaft reden?«

»Ich rede ernsthaft. Und will es noch mehr, wenn du es wirklich wünschest. Doch bevor wir anfangen, möchte ich dir sagen, daß ich mir nichts von Eteoneus holte, er kam zu mir. Er verläßt zuweilen seine Türmatte einen Augenblick, um meine Gesellschaft zu suchen, und wenn er auch nicht gerade die Gesellschaft ist, die ich mir wähle, so ist er doch kein Narr. Aber ernsthaft gesprochen – wie du es wünschest – da du mich nicht in Frieden lassen kannst: was meinst du mit Hermiones schlechter Erziehung und der Liebe zum Leben, die ihr fehlt, und was für einen Mann sollte sie denn heiraten? Ich bin heute morgen etwas zerstreut, Helena, durch die Nachricht über Agamemnon, und andere Dinge erscheinen mir daher vielleicht weniger wichtig als sie sind. Was wünschest du?«

»Ich wünsche deine Aufmerksamkeit,« sagte Helena, »und wenn ich sie jetzt nicht haben kann, will ich warten. Allein Hermione scheint mir in einer Gefahr, aus der wir sie retten könnten, wenn wir schnell einen Plan machten, und da ich fürchte, daß sie durch meine Schuld in diese Gefahr geraten ist, will ich alles daran setzen, sie nun zu retten; wenn wir es nicht verhindern, wird sie Orest heiraten, und ich bin sicher, daß diese Heirat ihr nichts als Elend bringen wird. Sie ist keinem jungen Mann ihres Alters begegnet außer Orest und Damastor, Charitas' Sohn, weißt du, der nicht viel wert ist. Neben ihm muß Orest ihr wie ein Gott vorkommen. Der Kontrast macht es in den meisten Fällen. Eines Tages wird sie einen wirklichen Mann kennenlernen und es bereuen, voreilig geheiratet zu haben.«

»Bei meiner Ehre!« rief Menelaos. »Bei – meiner – Ehre!«

»Was sie braucht, ist Erfahrung,« fuhr Helena fort, »Erfahrung – und das so bald wie möglich.«

»So, das ist es, was sie braucht?« fragte Menelaos. »Nun, vielleicht kann ich es in die Wege leiten, daß irgendeiner mit ihr durchgeht, und nach einer gewissen Zeit wird sie dann imstande sein, sich den Mann auszusuchen, dem sie nicht mehr durchgehen möchte. Betrachten wir das als abgemacht. Hast du irgendeinen bereit für die Probeflucht?«

»Das ist natürlich jetzt nicht dein Ernst«, sagte Helena. »Aber weißt du, das wäre gar keine schlechte Idee, wenn es sich machen ließe. Das tut es vermutlich nicht, und es geht auch etwas darüber hinaus, was ich gedacht habe. Außerdem würde es nicht viel nützen; sie würde nichts daraus lernen, es sei denn, daß es jemand gäbe, mit dem sie fliehen möchte, und ich glaube, es gibt niemand.«

»Ist dir das nicht ein erleichternder Gedanke?« fragte Menelaos. »Nach der Art, wie du redetest, glaubte ich, sie ginge uns schon heute nachmittag davon. Ich selbst habe von Hermione die Vorstellung, daß sie ernst und pflichttreu und zuverlässig ist. Sie ist für mich ein großer Trost. Warum willst du sie nicht ihr eigenes Leben leben lassen, wie du deins gelebt hast?«

»Menelaos, kannst du denn nichts, gar nichts einsehen? Das ist es ja gerade, was ich für sie wünsche, aber was sie nie tun wird. Wenn Hermione meine Natur hätte, so würde ich mich nicht um sie sorgen; ich wäre sicher, daß sie ihr eigenes Leben leben würde, wie du sagst; und ob sie nun dabei irrte oder nicht, sie würde nichts versäumen. Allein sie ist voll von Überzeugungen und Vorurteilen – was die Welt von ihr erwartet, als ob die Welt sich darum kümmerte – was sie sich selbst schuldig ist, als ob das Leben eine Schuldabtragung wäre – und was weiß sie denn von der Welt oder von sich? Ihre ganzen Vorstellungen sind flach und sentimental, rein abstrakt; sie hat sich nach ihrem kleinen Umkreis hier ein Weltbild konstruiert und glaubt, daß sie das Universum kennt. Das arme Kind! Ihr Herz schläft noch. Wenn sie eines Tages erwacht, kann sie furchtbar werden. Klytemnestra war als junges Mädchen genau so – rechthaberisch, töricht und empfindsam. Sie heiratete Agamemnon hauptsächlich aus dem Grunde, weil du mich heiratetest; die zwiefache Verbindung schien ihr romantisch. Ich bin sicher, Hermione findet es rührend und nett, wenn sie ihren Vetter heiratet und die Familie zusammenhält. Ich nenne sie nicht vernünftig – sie ist blind. Wenn sie ihrer Tante nicht so ähnlich wäre, würde ich mich nicht sorgen. Ein Mädchen ohne latente Charakterkraft könnte ebensogut jetzt heiraten, wen sie wollte, allmählich ihren Irrtum erkennen, und sich dann in ihres Lebens Enge so behaglich wie möglich einrichten, wie Charitas; die Welt ist voll von solchen Existenzen, und für solche ist wenigstens nichts zu fürchten. Doch wie ich mein Kind kenne, wird sie über ihren Irrtum klar werden, wenn sie eine große Leidenschaft in sich entdeckt, und sie wird nicht wissen, was sie damit anfangen soll – sie wird einfach Gewalt brauchen. Es ist schlimm für diese Art von Menschen, wenn die Liebe zum Leben sie packt und sie glauben, daß es zu spät ist.«

»Ich bin nicht sicher, ob ich verstehe, was die Liebe zum Leben ist«, sagte Menelaos. »Es ist eine Redensart, die du oft gebrauchst, und wie andre deiner Redensarten hat sie eine kritische Spitze, die gegen mich gerichtet zu sein scheint. Ich glaube, du meinst etwas, was mir deiner Ansicht nach fehlt. Aber ich bin überzeugt, daß ich das Leben ganz so liebe, wie ich sollte; ich habe nie den Wunsch gehabt zu sterben. Ich habe mein Volk und meine Heimat geliebt. Ich habe dich, Helena, einmal geliebt, so gut ich's verstand. Ich halte sehr viel von Hermione. Habe ich irgend etwas versäumt?«

»Auf deine Art hast du mich geliebt, glaube ich«, sagte Helena. »Ich gebe zu, daß es mehr ist als ich verdiene. Allein ich danke dir nicht dafür, Menelaos. Die Liebe ist etwas, was uns widerfährt, wir können uns nicht dagegen wehren, und von seiten des Liebenden ist wahre Leidenschaft nicht ein artiges Geschenk oder ein Zeichen von Großmut. Deine Güte und deine Geduld, wenn du mich nicht verstandest, das ist es, wofür ich dir danken kann. Wir sind nicht weiter voneinander entfernt als die meisten Eheleute, glaube ich, und wenn wir ans Ende unsrer Tage gelangen, so werden wir hauptsächlich daran denken, wie lange wir Gefährten waren. Aber, ach, Menelaos, ich wünsche so sehr, daß Hermione die wirkliche Liebe erfährt! Daß Liebe und Leid über sie kommen, solange sie jung ist, solange Körper und Geist nicht abgestumpft sind, solange die Ekstase der Sinne als Ekstase der Seele gefühlt wird! Um dann, wenn der Körper erschlafft und alt wird, gewahr zu werden, daß die Ekstase doch wirklich in der Seele ist und daß beide Seelen in jenem Feuer des Glücks in eins verschmolzen sind! Oder wenn sie zu dieser letzten Freude nicht gelangt, ihr wenigstens so nahe zu kommen, daß sie weiß, es gibt sie, und daß sie immer mit Sehnsucht an sie denkt und an ihr das Leben mißt. Es muß Menschen geben, denen diese Liebe zuteil wird, Menelaos, und ich wünsche es für sie. Wer sie hat, wird nie alt, glaube ich, verliert nie den Mut, stumpft nie ab; er leidet wohl, aber seine Welt bleibt schön. Er kann getrost seinem Herzen freien Lauf lassen – es hat keine Gefahr, daß es kalt oder verschrumpft oder runzlig wird.«

»Du bist freimütig«, sagte Menelaos. »Ich bin froh, daß du mir dies gesagt hast – ich glaube, ich bin froh darüber. Ich vermute, es ist nicht die junge Generation, von der du sprichst. Das also verstehst du unter Liebe zum Leben?«

»Nein, das ist Liebe«, sagte Helena.

»Da wir nun einmal bei dem Gegenstande sind, könntest du mir auch gleich alles sagen«, sagte Menelaos. »Willst du mir nicht kurz andeuten, was es ist, das der heutigen Jugend fehlt?«

»Ich meine einfach, daß sie das Leben nicht so lieben, wie sie sollten«, sagte Helena. »Wir nehmen gewöhnlich an, daß sie es tun, weil es natürlich scheint, sich an der Welt ringsum zu freuen, solange man jung ist. Allein sie nehmen sie sehr vorsichtig und ernst; hast du nicht beobachtet, daß sie immer als erstes die Fehler sehen und außerordentlich kritisch sind? Die Liebe zum Leben widerfährt uns nicht einfach, wie jene andere Liebe; ich halte sie für eine Kunst, die man erst durch viel Übung in langer Zeit lernen muß. Wenn wir sie endlich gelernt haben, ist es wahrscheinlich mit unsrer Jugend vorbei. Vielleicht kann man von diesen Kindern nicht erwarten, das sie lieben, was sie so wenig kennen. Sie fürchten sich vor dem Leben, – daß es ihnen nicht glückt, daß sie sich nicht verheiraten, daß irgend etwas fehlschlägt. Wenn ihre Furcht beseitigt ist, sind sie so erleichtert, daß sie es damit genug sein lassen und kein Wagnis mehr auf sich nehmen. Das ist die einzige Art, wie ich mir die meisten Leute, die mir begegnet sind, erklären kann.«

»Aber warum erklärst du dir Hermione auf diese Art? Soweit ich sehe, wird sie das Leben lieben, sobald sich ihr dazu eine Möglichkeit bietet; bis jetzt hat sie, wie du zugeben mußt, mehr Kummer und Sorge gehabt als für junge Menschen gut ist. Trotzdem weiß sie, soweit ich beurteilen kann, mit dem Leben ziemlich gut zurecht zu kommen. Wenn nicht, so wird Orest es sie wohl lehren, – ich höre, daß er ein unternehmender junger Mann ist, mit modernen Anschauungen.«

»O Menelaos, du begreifst absolut nicht, um was es sich handelt! Orest ist von einem unheilbaren Ernst und von einer gefährlichen Entschlossenheit, ohne jegliche Erfahrung, ohne jegliches Talent zum Leben, ohne jeglichen Sinn für Humor. Jeder sagt das von ihm. Vielleicht hältst du dies für einen Vorzug. Er gehört zu den jungen Menschen, die die Flecken im Leben sehen, bevor sie das Leben selbst sehen, und die zu gewissenhaft sind, um nicht sofort jeden Flecken, den sie sehen, zu beseitigen. Er wird seine Pflicht ohne jede Rücksicht auf andre um jeden Preis erfüllen; er wird das, was er für den Willen des Himmels hält, ausführen, selbst wenn er einen Menschen töten muß. Natürlich würde er den Mord mit den vortrefflichsten Gefühlen begehen, und mit größtem Widerstreben. Ich kenne diesen Typ. Er ist nicht der Mann, von dem Hermione lernen kann – er selbst ist unbelehrbar. Kannst du dir nicht vorstellen, was für ein elendes Leben er haben wird – und die Frau, die ihn heiratet mit ihm? Menelaos, ich bitte dich, hilf mir, Hermione davor zu bewahren!«

»Es ist zu schade, daß wir hier in der Nähe kein leuchtendes Vorbild für sie zur Hand haben, es sei denn, daß sie sich entschließen könnte, deinem Beispiel zu folgen.«

»Nein, ich wünsche nicht, daß sie meinem Beispiel folgt«, sagte Helena. »Ich wünsche ihr ein weit glänzenderes Los, ein glücklicheres, mit mehr Liebe. Sie schätzt mich nicht sehr, und ich mache ihr daraus keinen Vorwurf. Ich wollte, sie hätte mehr von Adrastes Temperament. Das ist ein Kind, das die Liebe zum Leben hat. Ich habe mir viel Mühe mit ihrer Erziehung gegeben.«

»Dann steh Gott ihr bei!« sagte Menelaos. »Wie ich die Sache ansehe, ist die Gefahr, in Not zu geraten, für sie weit größer als für Hermione.«

»Ich glaube, die Gefahr ist ungefähr gleich, obwohl aus verschiedenen Gründen. Dieser einfältige Junge der Charitas ist hinter ihr her, und auf häßliche, versteckte Weise. Er sagt seiner Mutter, es sei Hermione, die er liebt. Ich fürchte, Adraste sieht in ihm mehr, als da ist.«

»Hier wie überall,« sagte Menelaos, »verstehe ich deinen Gedankengang durchaus nicht. Du willst nicht, daß Hermione sich verliebt, weil ihr die Liebe zum Leben fehlt. Du willst nicht, daß Adraste sich verliebt, weil sie sie hat. Soll denn, überhaupt niemand sich verlieben?«

»Für eine Frau,« sagte Helena, »bedeutet sich verlieben: sich in einen Mann verlieben. Du übersiehst, wie gewöhnlich, den Hauptpunkt des Problems. Selbstverständlich möchte ich nicht, daß eine dieser beiden Mädchen sich einem nicht viel versprechenden Manne hingibt. Orest und Damastor sind sich in nichts gleich, außer daß sie beide unmöglich sind. Orest hat keine Liebe zum Leben; Adraste würde das auf den ersten Blick erkennen. Damastor tut so, als hätte er die Liebe zum Leben, aber im Grunde ist er der Feigling, den seine Mutter aus ihm gemacht hat. Ich hoffe, Adraste wird ihn zur rechten Zeit durchschauen. Ich wollte, Pyrrhus wäre hier.«

»Pyrrhus – der Sohn Achills?«

»Ja.«

»Was willst du mit Pyrrhus?«

»Ich möchte ihn zum Schwiegersohn«, sagte Helena.

»Nun, endlich sehen wir, wie der Hase läuft«, sagte Menelaos. »Aber würde Hermione ihn zum Mann wollen? Wir müssen ihr doch wohl die Wahl freistellen? Sie ist erwachsen, und sie hat Pyrrhus in ihrem Leben noch nicht gesehen.«

»Oh, aber die Gefahr bleibt immer, daß sie ihn irgendwann einmal sieht. Besser, sie sieht ihn jetzt, bevor es zu spät ist. Er hat das alles in sich – das, wovon ich eben sprach; und wenn Hermione ihn sieht, so wird sie es erkennen, ohne daß man es ihr sagt. Wenn sie nicht unrettbar verloren ist, so wird er ihr Herz erobern.«

»Ich habe ihn oft gesehen,« sagte Menelaos, »und er hat mein Herz nicht erobert. Es ist nichts Wunderbares an Pyrrhus.«

»Oh, meinst du?« sagte Helena. »Ich glaubte es wirklich. Ich hörte, daß du und Agamemnon ihn um Hilfe bitten mußtet, nachdem sein Vater gefallen war. Vielleicht war an Achill auch nichts Wunderbares. – Wir brauchen uns nicht um Worte zu streiten. Pyrrhus ist die Art von Wunder, die ich für Hermione wünsche. Wenn ich an jenes Ideal der Liebe denke, dann denke ich an diesen jungen Mann. Und mit Recht, denn er ist das Kind einer großen Liebe.«

»Ein Kind der Liebe, meinst du«, sagte Menelaos. »Etwas Zweifelhaftes, wie man es von Achill erwarten konnte. Seine Geburt war ein Skandal.«

»Das war sie nicht!«

»Das war sie doch!«

»Das war sie ganz gewiß nicht!«

»Nun, meinetwegen! Ich vermute, sie hat für dich etwas besonders Erbauliches. Er verkleidete sich als Mädchen und schlich sich so bei Lykomedes ein, als Gefährtin der Töchter des Hauses. Eine von ihnen wurde bald die Mutter des Pyrrhus. Ja, laß ihn uns so bald wie möglich bei Hermione einführen!«

»Du bist ungerecht, Menelaos! Es war Achills Mutter, die ihn als Mädchen aufzuziehen versuchte, weil sie wußte, daß er in der Schlacht sterben würde und die verzweifelte Hoffnung hegte, das Schicksal betrügen zu können. Ich billige ihre List nicht, aber jeder muß sie verstehen können. Als Achill alt genug war, um den Betrug zu erkennen, hat er sich keinen Augenblick mehr verstellt. Er hat nie etwas Hinterlistiges getan. Deidamia wurde von ihm weder betrogen noch verraten.«

»Sie allerdings nicht,« sagte Menelaos, »aber ihre Eltern. Diese beiden vortrefflichen jungen Leute waren eine saubere Bande.«

»Es ist niedrig von dir, so etwas zu sagen – du weißt es besser!« sagte Helena. »Sie wuchsen zusammen auf, enger verbunden in ihrer Kindheit als Bruder und Schwester. Als die Zeit für die Liebe kam und das Mysterium sie einhüllte, da glitten sie einander in die Arme, in einer Schönheit, wie sie in ihren Herzen und Träumen bereits eins geworden waren. Achill hat sie bis zu seinem Tode geliebt. Er verließ sie nur, weil du ihn batest, für dich und Agamemnon zu kämpfen. Er ließ sie bei ihrem Vater Lykomedes zurück, der ihn immer in Ehren hielt. Sie lehrte den kleinen Knaben, seinen abwesenden Vater wie einen Gott verehren; Achilles lebte nur im Gedanken an seinen Sohn. Ich sehe in alledem keine Spur von Schande. Ich sehe vielmehr den heldenhaften Jüngling, der ein kurzes glorreiches Leben einem langen alltäglichen Dasein vorzog. Ich sehe den Liebenden, der, als er die Geliebte seines Herzens fand, sie nahm, beglückt und beglückend. Wenn das Kind, das sie zeugten, nicht ein Wunder ist, so muß es doch nahezu eins sein – ihre Liebe war wunderbar vollkommen.«

»Jetzt darf ich wohl etwas dazu bemerken«, sagte Menelaos. »Rede, soviel du willst, von der Liebe zum Leben, und beweise meinetwegen, daß ich sie nicht habe. Aber was Achill anbetrifft, so kannte ich ihn ein gut Teil besser als du. Das ist wenigstens meine Überzeugung. Denn ich habe nie an die Geschichte geglaubt, die man sich im Heere zuflüsterte, daß du und er euch während der Belagerung heimlich getroffen habt.«

»Ich habe ihn nie in meinem Leben gesehen«, sagte Helena.

»Dessen bin ich sicher«, sagte Menelaos.

»Doch ich würde ihn getroffen haben, wenn es möglich gewesen wäre«, sagte Helena.

»Dessen bin ich ebenfalls sicher«, sagte Menelaos. »Allein wenn du ihn gekannt hättest, würdest du ihn nicht so übermäßig loben. Achill war eine Sage. Er war die Stütze des Heeres und als solcher unentbehrlich, aber nur für die psychologische Wirkung. Der Achill, den du zu kennen glaubst, war ein Mythos. Er sollte Deidamia bis in den Tod geliebt haben? Ei, unser ganzer Streit ging doch um jenes Weib, das er nicht herausgeben wollte, Briseis!«

»Gewiß, – oder auch um Agamemnons Gefangene Chryseis«, sagte Helena. »Der Streit ging um die Beute, und Frauen spielten eine Rolle dabei, aber von Liebe war bei beiden keine Rede. Du weißt sehr gut, daß Achill wenigstens mit Briseis nichts zu tun hatte. Seine Ehre, nicht sein Herz war gekränkt, als dein Bruder sie ihm fortnahm. Sie liebte natürlich Achill – das war unvermeidlich.«

»Wir werden uns schwerlich darüber einigen,« sagte Menelaos, »und die Geschichte ist jetzt längst veraltet. Jedenfalls, selbst wenn Achill auch alle Tugenden besessen hätte, woher diese Begeisterung für Pyrrhus? Du kannst Hermione nicht mit Achill verheiraten, und höchst wahrscheinlich wird Pyrrhus deiner gütigen Absicht, sie ihm aufzuhängen, sehr abgeneigt sein. Er will vielleicht von uns ebenso wenig wissen, wie ich von seiner Familie. Bevor du zuviel Hoffnungen auf ihn setzest, solltest du bedenken, daß er nicht sein Vater ist.«

»Ich bedenke, daß er der nächstbeste ist«, sagte Helena. »Er wird sich vielleicht, wenn wir ihn kennenlernen, sogar als der bedeutendere erweisen. Er zeigte denselben stolzen Sinn, als Odysseus in deinem Auftrage kam, um ihn zu holen, und als seine Mutter ihn nicht fortlassen wollte, damit ihn nicht das Schicksal seines Vaters träfe. Du wirst dich erinnern, wie der Knabe auf seinem Recht bestand, sein Schicksal zu erleben, weil er es für eine Schande hielt, sich in Sicherheit zu bergen, wenn du ihn brauchtest. Sein alter Großvater war stolz auf ihn und ließ ihn mit seinem Segen ziehen. Du wirst nicht leugnen, daß er den Krieg für euch beendete und ruhmbedeckt heimkehrte. Wenn er diesen Ruhm nicht verdiente, wie gewann er ihn denn? Wenn du und Agamemnon das, was er leistete, nicht geschätzt hättet, so würdet ihr ihm nicht unter andern Siegesbelohnungen Hektors Weib Andromache gegeben haben. Ich möchte, daß Hermione Pyrrhus kennenlernt, wenigstens Gelegenheit hat, mit ihm zu sprechen, zwanglos ein paar Tage im Hause mit ihm zu verkehren und selbst zu urteilen. Danach mag sie sich dann nach eigener Wahl entscheiden. Du hast recht, vielleicht mag er sie nicht, aber sein Besuch wird ihren Erfahrungskreis erweitern. Laß Pyrrhus kommen, Menelaos, – bitte, laß ihn sogleich kommen!«

»Ich werde mich hüten! Er und ich werden nicht unter demselben Dach schlafen.«

»Weshalb nicht, bitte?«

»Ich will ihn nicht im Hause haben, deshalb nicht! Ich wundere mich, daß ich mir das von dir bieten lasse, du – du –! Es ist unverzeihlich, daß ich deine Unverschämtheit anhöre, wenn du mir – du mir – deine erbaulichen Anschauungen über die wahre Liebe und ein glückliches Heim vorträgst! Bisher hat deine Schönheit dich vor dem bewahrt, was du verdientest – mögen die Götter sich dies selbst verzeihen! – allein du tust dein bestes, es noch jetzt zu weit zu treiben. Du bist von jeglichem Schamgefühl verlassen. Du überlistetest mich zu Anfang – ich meine heute morgen – mit deiner Besorgtheit um die Zukunft deines Kindes! Als ob dir an der Zukunft deines Kindes läge! Früher oder später wirst du dich wegwerfen – deine Liebesangelegenheiten, nicht Hermiones, soll ich in die Wege leiten! Jeder Mann ist dir recht, ob alt oder jung, vornehm oder gering, jeder beliebige, wenn dir die Laune kommt, ihn zum Narren zu haben. Du hast Achill geliebt und liebst ihn noch, ob tot oder lebendig, daher soll ich seinen Sohn zu uns einladen als den nächstbesten! Damit Hermione ihn sieht! Sie würde viel Aussicht haben, ihn zu sehen! Paris – Hektor – Achill – ich will nichts von deinen Jahren sagen, aber findest du nicht, daß du deine Zeit gehabt hast? Und was für eine! Alles hat seine Grenzen; beschränke dich, bitte, auf eine Generation!«

»Menelaos,« sagte Helena, »ich bin an deine schlechten Manieren, wenn du heftig wirst, gewöhnt, aber ich hatte keine Ahnung, daß du so eifersüchtig bist. Eifersucht ist Geistesgestörtheit und als solche beklagenswert, allein sie ist eine Form der Geistesgestörtheit, die unehrlich ist. Sie beginnt mit einer absichtlichen Verdrehung der Tatsachen. Wenn ich dir je irgendwelchen Anlaß zur Eifersucht gegeben hätte, und wenn du je eine gute Meinung von mir gehabt hättest, so würdest du deine edelmütige Kurzsichtigkeit beklagt haben, aber du würdest mich nicht verdammt haben, weil ich ich selbst war, und damit schon genug verdammt. Wenn du glaubtest, daß ich Pyrrhus liebte, so wärest du nicht damit zufrieden, ihn außer Reichweite von mir zu wissen; du könntest es nicht ertragen, mit mir zu leben, wenn du das glaubtest, was du soeben gesagt hast. Du erinnertest mich an unsere Jahre. Ja, es ist wohl zu spät, daß du dein Wesen änderst. Allein Lügen sind mir verhaßt, in jedem Alter. Versuche ehrlich gegen dich selbst zu sein, Menelaos, und versuche so offen gegen mich zu sein, wie ich es gegen dich bin. Ich will keine Beleidigungen von dir dulden – und du weißt, daß die Wahrheit mich nie beleidigt. Die Einzelheiten meines Lebens sind bekannt genug – zum großen Teil durch mein Bestreben, nichts zu verbergen. Dein Leben liegt leider nicht so offen da. Aber über diesen einen Punkt wollen wir uns vollkommen klar werden. Willst du, daß ich als dein Weib geehrt und geachtet bei dir bleibe? Es ist jetzt nicht die Rede von andern Männern; dies geht nur dich und mich an. Brauchst du mich? Oder möchtest du mich töten? Wenn du mich wirklich nicht brauchst, bleibe ich keinen Tag länger. Wenn du glaubst, besser daran zu sein, wenn du mich tötest, will ich dir gern dein tapferes Schwert bringen. Ich glaube, du ließest es im Eßzimmer. Aber wähle – eins oder das andere! Was von beiden willst du?«

»Ich habe nur gesagt, daß ich Pyrrhus nicht –«

»Was von beiden, Menelaos?«

»Wovon?«

»Es nützt nichts, Menelaos, du mußt mir antworten. Ich habe dies Haus schon einmal verlassen, und ich kann es zum zweitenmal tun. Wenn ich es diesmal verlasse, auf dein eigenes Geheiß, kannst du mich nicht zurückholen. Ich bleibe nur unter der einen Bedingung, daß du mich nicht mehr beleidigst. Willst du, daß ich bleibe?«

»Die Frage ist ziemlich kompliziert,« sagte Menelaos, »darf ich sie mir überlegen?«

»Sie ist kompliziert,« sagte Helena, »aber sie wird noch komplizierter, wenn du sie überlegst. Es ist besser, du entscheidest dich einfach und bist damit fertig.«

»Ob du jetzt fortgehst«, sagte Menelaos.

»Oder ob du mich tötest«, sagte Helena.

»Es würde sehr schwer sein,« sagte Menelaos, »es den Leuten zu erklären. Es sähe etwas nach Wankelmut aus.«

»Oh, das könntest du leicht erklären,« sagte Helena, »sag ihnen die Wahrheit. Die Wahrheit überwindet alles – oder sagt man dies von der Liebe? Die Wahrheit hat jedenfalls die gleiche Kraft. Sag ihnen, daß ich Paris liebte und mit ihm entfloh – dich verließ – Jahre in seinen Armen verbrachte – und du verziehst mir und führtest mich wieder in dein Heim. Und dann sage ihnen, du hättest nachher erfahren, daß ich Achill bewunderte, der tot ist und den ich nie gesehen – da mußtest du mich natürlich hinauswerfen oder töten, um deine Ehre von diesem Flecken zu reinigen. Sie werden dich verstehen.«

»Das bezweifle ich«, sagte Menelaos. »Paris würde es verstehen, oder irgend jemand, der dein Talent, einen Menschen ins Unrecht zu setzen, kennt, aber die meisten Menschen werden, glaube ich, immer denken, es lebt sich so schön und ruhig mit dir, wie du aussiehst. Ich will lieber dich die Frage entscheiden lassen. Bleib, wenn du willst, oder geh fort. Wenn du bleibst und wenn du mich nicht zu sehr reizen willst, will ich versuchen, nicht zu sagen, was ich denke.«

»Das genügt nicht,« sagte Helena, »du darfst es nicht denken.«

»Ich will es versuchen,« sagte Menelaos, »mehr kann ich nicht tun.«

»Mehr verlange ich auch nicht,« sagte Helena. »Ich habe es gelernt, mich zu bescheiden. Jetzt will ich dir über die andern Männer vollständige Klarheit geben. Ich liebte Paris. Darüber war nie ein Zweifel. Ich achtete, ja, ich verehrte Hektor, aber lieben konnte ich ihn nicht. Er war das schönste Beispiel eines Typus, den ich nicht mag. Er kannte keine Fröhlichkeit, auch vor dem Kriege nicht. Von der Liebe zum Leben, von der wir sprachen, hatte er keine Spur, alles Düstre schien ihm Pflicht zu sein. Er machte sich Vorwürfe wegen jeder Beschwerde und Not, die ihm erspart wurde. Natürlich genoß er das Leben mehr als er sich eingestehen wollte. Er sagte, jener Krieg wäre tragisch und würde schlimm enden, und im selben Atem betete er, daß sein kleiner Sohn zu einem noch berühmteren Krieger, als er selbst war, heranwachsen möge. Was Achill anbetrifft – bitte, bleib' ruhig – so würde ich ihn, wenn ich ihn gekannt hätte, sicher geliebt haben, ihn allein, für immer. Wir müssen das Beste lieben – es gibt keine andre Sünde in der Liebe als dies zu versäumen – und er war der Größte von euch allen. Wäre er einer meiner Bewerber gewesen und hätte ich damals genug vom Leben gewußt, so hätte ich ihn genommen. Es ist weder deine noch meine Schuld, und du wirst gerecht genug sein zuzugeben, daß ich nur das von ihm denke, was die ganze Welt denkt. Ich hoffe, du wirst mir auch die Gerechtigkeit widerfahren lassen, zuzugeben, daß ich seinen Sohn nicht für mich, sondern für meine Tochter begehre.«

»Willst du mir die Gerechtigkeit widerfahren lassen,« sagte Menelaos, »zu bedenken, daß auch ich meine Anschauungen über das Leben und die Liebe haben darf? Daß auch ich, wenn ich auch weniger hervorragend bin als Achill und du, meine Rolle in der Welt zu spielen habe, die wenigstens mir selber wichtig erscheint? Wenn zwei Menschen heiraten, von denen der eine eine besonders glänzende Erscheinung ist, so ist es von dem obskuren Gatten doch wohl genug verlangt, daß er stolz auf sein Weib sei, ihr in allem diene und sich loyal im Hintergrund halte. Dafür verdient er irgendeine Belohnung, sollte ich meinen.«

»Das tut er,« sagte Helena, »und er kann auch sicher sein, die Belohnung zu bekommen, die er verdient. Er wird sein Weib verlieren. Die Ärmste! Sie glaubte, einen Mann zu heiraten, einen bedeutenden Mann, einen ihresgleichen, nicht einen Sklaven. Sie hat wahrscheinlich seine Verdienste übertrieben, wie er ihre, aber sie wird, solange sie kann, an ihre Täuschung glauben wollen. Erst wenn er anfängt zu betonen, daß er nichts ist im Vergleich zu ihr, ist alles aus.«

»Was ist aus?« fragte Menelaos.

»Ihr Zusammenleben«, sagte Helena.

»Aber nehmen wir an, theoretisch gesprochen,« sagte Menelaos, »nehmen wir an, der verlassene Gatte folgte ihr und brächte sie zurück, so würde das die Sache verbessern, nicht wahr? Dann würde sie anfangen, mehr von ihm zu halten, nicht wahr?«

»Theoretisch gesprochen, ja«, sagte Helena, – »besonders wenn er imstande gewesen wäre, alles allein fertig zu bringen.«

»Bei meiner Ehre!« sagte Menelaos.

»Du wirst also Pyrrhus sofort einladen?« fragte Helena.

»Weder sofort noch später«, sagte Menelaos.

»Sofort brauchen wir ihn«, sagte Helena.

»Er wird nie mein Haus betreten!« sagte Menelaos.

»Über die Einzelheiten können wir nachher sprechen«, sagte Helena. »Das Wichtigste ist, daß er sobald wie möglich kommt.«

 

2

Hermione, komm einmal her, mein Kind«, sagte Menelaos. »Ich muß dich etwas fragen. Setz dich. Hast du die Liebe zum Leben?«

»Was ist das?« fragte Hermione.

»Komm mir nicht mit schwierigen Fragen, beantworte meine«, sagte ihr Vater. »Liebst du das Leben?«

»O ja, gewiß!« sagte Hermione.

»Gut also, liebst du es genug?«

»Wie kann ich das wissen? Was heißt genug?«

»Wir wollen einmal die Probe machen«, sagte Menelaos. »Hast du ernstlich den Wunsch, Orest zu heiraten?«

»Ja, den habe ich«, sagte Hermione.

»Das ist entscheidend. Dir fehlt die Liebe zum Leben.«

»Ich weiß nicht, inwiefern das ein Beweis dafür ist«, sagte Hermione.

»Ich auch nicht,« sagte Menelaos, »aber deiner Mutter genügt dieser Beweis, und sie versteht mehr von diesen Dingen als wir. Ich hoffe, du richtest dich danach.«

»Vater, ich wollte, du scherztest nicht über etwas, was für mich – und ich denke für jeden – eine ernste Sache ist!«

»Was ist eine ernste Sache?« fragte Menelaos.

»Eine Heirat natürlich!«

»Die ist allerdings ernst,« sagte ihr Vater, »aber so weit war ich noch nicht. Ich wollte feststellen, ob du die Liebe zum Leben hättest; denn wenn du die hast, so kannst du jeden Augenblick heiraten, auch wenn du nicht den Richtigen heiratest, aber wenn du sie nicht hast, mußt du die Hochzeit aufschieben, selbst wenn es der Richtige ist.«

»Ich wollte, du erklärtest mir, was du meinst«, sagte Hermione.

»Alles zu seiner Zeit«, sagte Menelaos. »Ich muß zuvor noch ein paar Fragen an dich richten. Gibt es irgend jemand, mit dem du durchgehen möchtest?«

»Ich möchte nicht durchgehen! ich möchte Orest heiraten.«

»Wieder zu vorschnell«, sagte Menelaos. »Erst solltest du durchgehen. Deine Mutter meint, daß dies nötig ist, sie fürchtet allerdings, daß du es nicht tust.«

»Mutter will, daß ich durchgehe?« rief Hermione. »Warum?«

»Ich glaube, sie hat die Vorstellung, daß man früher oder später durchgeht, und nachdem sie es später versucht hat, ist sie zu der Ansicht gekommen, daß es besser früher geschieht. Genug davon. Möchtest du Pyrrhus ein paar Tage sehen?«

»Wer ist Pyrrhus?«

»Du weißt, Achills Sohn.«

»Warum sollte ich ihn ein paar Tage sehen wollen?«

»Es wäre gut für dich, für deine allgemeine Lebenserfahrung. Pyrrhus ist ein Heilmittel gegen dein wohlbehütetes Leben. Wenn du unsre hohe Meinung von dir rechtfertigst, so verliebst du dich in ihn.«

»Ich liebe ja schon Orest, Vater!«

»Dann könntest du mit Pyrrhus durchgehen, deinen Irrtum entdecken und nachher Orest heiraten.«

»Ich finde dies nicht scherzhaft«, sagte Hermione. »Es verletzt mich. Darf ich gehen?«

»Nein, meine Tochter, das darfst du nicht. Komm und setz' dich wieder hierher. Hilf mir, meine fünf Sinne wieder zu sammeln. Ich habe mit deiner Mutter über dich und Orest gesprochen und bin ziemlich fertig. Sie sorgt sich in dem Gedanken, er könnte für dich doch nicht der rechte sein, und ich glaube, wir sollten uns die Sache noch einmal überlegen. Deine Mutter wird dir ihre Anschauungen wahrscheinlich selbst unterbreiten, ich habe sie nur im groben gezeichnet. Von mir aus habe ich nichts gegen Orest, und wir beide verstehen einander gut genug, um ganz offen und, wie ich hoffe, ohne Aufregung über ihn zu sprechen. Sag mir, was für eine Art Mensch aus ihm geworden ist.«

»Er ist ziemlich groß und sieht wirklich sehr gut aus,« sagte Hermione, »und er hat ein einnehmendes Wesen. Ich glaube nicht, daß ich parteiisch bin; ich bin sicher, du wirst ihn gern mögen.«

»Natürlich«, sagte Menelaos. »Lassen wir seine Reize und kommen wir zu seinen Tugenden. Wie ist sein Charakter, sein Temperament usw.?«

»Er ist sehr nachdenklich,« sagte Hermione, »vielleicht ein bißchen zu ernst, allein das ist etwas, was man einen guten Fehler nennen könnte. Er ist viel grüblerischer als man von einem jungen Manne erwarten sollte, und er hat ein strenges Pflichtgefühl. Ich komme mir ganz oberflächlich vor, wenn ich mit ihm zusammen bin. Er ist viel zu gut für mich.«

»Das letztere bezweifle ich«, sagte Menelaos. »Ich will dir etwas sagen, Hermione, dieser Bericht über ihn ist recht schön und gut für mich, aber gib ihn nicht deiner Mutter. Du tust besser, ihr seine weniger zahmen Seiten zu schildern, seine Fehler. Welches sind seine schlimmsten?«

»Er hat – nun, ich will nicht sagen, daß er gar keine hat, da jeder Mensch welche hat, aber er ist so gut und rücksichtsvoll gegen mich, so voll kindlicher Pietät gegen seine Eltern, so besorgt um meinen Ruf und um den seinen, daß ich nicht weiß, wo man einen schlimmen Fehler an ihm entdecken könnte.«

»Er ist offenbar ein vortrefflicher junger Mann,« sagte Menelaos, »aber das kann ich dir sagen, deine Mutter wird ihn nie mögen. Du mußt am Ende noch zwischen deiner Mutter und Orest wählen.«

»Dann wähle ich jetzt schon unbedingt Orest«, sagte Hermione.

»Ich stimme dir zu,« sagte Menelaos, »allein ich bin nicht sicher, daß deine Mutter nicht ihren Willen durchsetzt. Sagtest du nicht, daß er sehr an seinen Eltern hängt?«

»Er verehrt seinen Vater«, sagte Hermione.

»Wie steht er zu der Sache seiner Mutter?«

»Du hast also davon gehört?« fragte Hermione. »Ich wußte nicht, daß die Geschichte schon allgemein bekannt ist, und ich wollte lieber nicht die erste sein, die sie dir erzählte. Natürlich ist er sehr bekümmert über den Lebenswandel seiner Mutter, aber sie ist doch schließlich seine Mutter, und Agamemnon hat nicht recht an ihr gehandelt. Orest ist furchtbar unglücklich. Ich habe ihn immer beraten – er hat sonst keinen, mit dem er sich darüber aussprechen kann.«

»Was ist denn mit seiner Schwester – wie heißt sie doch – Elektra?« fragte Menelaos.

»Er sieht sie nie mehr«, sagte Hermione. »Sie ist zu Hause, in einer sehr gefährlichen Lage, und hofft, ihren Vater warnen oder ihm helfen zu können, wenn er zurückkehrt. Sie brachte Orest in Sicherheit, sobald Ägisth Herr im Hause wurde; sie sagte, Ägisth würde ihn nicht am Leben lassen als den einstigen Rächer. Daher führt er ein so unstetes Leben; er verbirgt sich und wartet auf den Augenblick, wo sein Vater zurückkehrt und ihn braucht.«

»Wie lange dauert dies alles schon, Hermione?«

»Ach, mehrere Jahre. Wann eigentlich Klytemnestra anfing, es mit Ägisth zu halten, weiß natürlich niemand genau, aber geredet hat man schon lange davon, und etwa vor drei Jahren, glaube ich, stellte sie ihn allen als ihren rechtmäßigen Gatten vor. Damals war es, als er öffentlich Besitz von Agamemnons Eigentum ergriff und Elektra Orest aus dem Wege schaffte. Er kam zu mir und fragte, was er tun sollte. Unser alter Torhüter wollte ihn nicht einlassen.«

»Ich habe gehört, daß der Besuch doch stattfand, und auch noch weitere Besuche«, sagte Menelaos. »Eteoneus bedauert den unangenehmen Auftritt. Allein ich muß dir sagen, falls du es nicht weißt, daß Orest keinen günstigen Eindruck auf den Torhüter machte. Wie erklärst du das? Dein Vetter ist tatsächlich nicht beliebt hier. Du möchtest doch nicht einen Mann heiraten, der mit den Leuten nicht umzugehen weiß. Als deine Mutter Kritik an ihm übte, trat ich natürlich für ihn ein; sie hat kein Urteil über Männer. Aber ich mußte die ganze Zeit an Eteoneus' Auffassung denken, und der Alte hat einen ziemlich scharfen Blick. Versteh' mich recht, Hermione, ich habe nichts gegen Orest, allein man muß die Sache von jedem Gesichtspunkt aus betrachten.«

»Eteoneus ist zu alt, Vater. Er denkt, er kann über alle Dinge in der Welt urteilen, und dabei hat er von der Welt nicht mehr gesehen als das, was durch deine Tür kommt. Wie kann er den Standpunkt junger Menschen verstehen, die aufgewachsen sind wie Orest und ich?«

»Ich möchte, daß du mir sagtest, wie ihr aufgewachsen seid«, sagte Menelaos; »es würde deine Mutter vielleicht beruhigen.«

»Ich meine, wir sind auf uns selbst angewiesen gewesen, und wir wissen, was wir wollen. Es ist jetzt zu spät, uns an der Hand zu führen. Unsere Eltern haben die Ordnung der Dinge verletzt; wir sind die wahren Konservativen. Wie hätte Eteoneus helfen sollen, die Last zu erleichtern, die Orest trägt?«

»Es liegt etwas Wahres in dem, was du sagst,« sagte Menelaos, »aber du hast die Frage noch nicht ganz beantwortet. Selbst wenn wir zugeben, daß Orest ein unverschuldetes Elend trägt und daß er weiß, was er will, so kann er doch der unrechte Gatte für dich sein. Was soll aus alledem werden? Wie soll ich die Hochzeit für dich in die Wege leiten? Ich kann mich mit Ägisth nicht einlassen, und ich möchte nicht mit Klytemnestra in ein und derselben Stadt gesehen werden. Wir müssen warten, bis Agamemnon zurückkehrt und in seinem Hause Ordnung macht; dann sehen wir, woran wir sind. Wäre es nicht besser, du wartetest noch etwas, bis du dich für Orest entscheidest? O ja, ich weiß, du liebst ihn – ich habe gar nichts dagegen – aber tu nichts Übereiltes. Ich lasse mich nicht von Helenas Vorurteilen beeinflussen, aber je mehr ich Orest schätze, desto mehr wünsche ich, er gehörte einer andern Familie an. Du sollst glücklich werden, soweit deine Mutter und ich dafür sorgen können. Und ich muß gestehen, ich möchte erst einmal wieder zu mir selber kommen, bevor es von neuem Streit gibt.«

»Sag einmal, Vater, wie kamst du und Mutter darauf, mich so plötzlich verheiraten zu wollen? In den ganzen fünf Jahren, bevor ihr beide zurückkehrtet, habe ich nicht soviel an Heiraten gedacht, wie in den letzten paar Tagen, wo ihr mich dazu gebracht habt. Meine Gedanken waren bei dir und ihr und deinem Kummer, und ich war darauf bedacht, den Ruf der Familie zu retten; dazu hatte ich mir um Orest und seine Pflichten den Kopf zu zerbrechen und was ich ihm raten sollte. Ich habe wirklich an mich selbst überhaupt nicht gedacht. Ich war mir im allgemeinen bewußt, daß ich Orest später einmal heiraten würde, wenn alle diese andern Dinge in Ordnung wären; inzwischen war er mein bester Freund, mein einziger Gefährte. Ich glaube, wir sind füreinander geschaffen. Als Mutter mich fragte, ob ich ihn liebte, sagte ich ja und daß ich ihn zu heiraten gedächte. Ich kam mir ziemlich frech vor, als ich es ihr geradeheraus sagte, aber sie drang so in mich. Ich fühlte instinktiv, daß sie ihn ablehnte; natürlich lehnt auch er sie durchaus ab. Ich war ganz betroffen, als sie mir Vorwürfe machte, daß ich ihr meine Absichten nicht offen sagte. Hast du sie einmal über die Tugend vollkommener Offenheit reden hören? Aber ich muß sagen, Vater, du bist mir jetzt fast ebenso unverständlich wie sie; du fragst mich, ob ich die Liebe zum Leben habe, und andere komische Dinge, und dann wirst du plötzlich ernst und rätst mir, es mir zu überlegen und Orest nicht übereilt zu heiraten. Wie kommst du darauf, daß ich ihn übereilt heiraten könnte? Willst du mir nicht offen sagen, um mit Mutter zu reden, was du eigentlich von mir willst? Soll ich überhaupt nicht heiraten? Gut, wenn du mich zu Hause brauchst, dann tu ich es nicht. Ich glaube, Orest wird auch fürs erste noch nicht ans Heiraten denken können. Oder bist du gegen Orest eingenommen, weil seine Eltern nicht glücklich miteinander sind? Diese Folgerung scheint mir sehr ungerecht.«

»Wenn ich die Wahrheit sagen soll,« sagte Menelaos, »so muß ich gestehen, daß ich selbst nicht viel an deine Verheiratung gedacht hatte – vielleicht lange nicht genug –, bis Helena zu mir darüber sprach; wir dachten, du würdest früher oder später Orest heiraten, und inzwischen war ich froh, dich hier bei mir im Hause zu haben. Doch andrerseits weiß ich wohl, daß du alt genug bist, ein eigenes Heim zu haben und dein eigenes Leben zu leben; Mutter und ich vergessen allzuleicht, wie die Jahre dahingegangen sind und daß du kein Kind mehr bist. Daher will ich natürlich auch, daß du heiratest. Ich habe gar nichts gegen Orest, absolut nichts, und im Ernst mache ich ihn nicht für seine Eltern verantwortlich. Aber Klytemnestra verdirbt mir wirklich die ganze Sache, das muß ich sagen. Ich wollte, ich fände einen zuverlässigen jungen Mann, dessen Mutter nicht zu schön ist.«

»Es nützt nichts, Vater, Damastor heirate ich auf keinen Fall!«

»Wer verlangt denn das von dir?«

»Mutter deutete es an, und aus dem, was du soeben sagtest, entnehme ich, daß du einverstanden bist.«

»Deine Mutter will, daß du Damastor heiratest?«

»Nun, das will ich nicht behaupten, Vater – sie warf es nur so hin und meinte, ich könnte eine schlimmere Wahl treffen; aber ich bezweifle, daß sie ihn mag; ich fand ihren Ton ziemlich satirisch. Ich kenne Mutter nicht genug, um ihre Absichten immer gleich zu verstehen.«

»Ich auch nicht,« sagte Menelaos, »aber dies eine weiß ich gewiß: Damastor ist es nicht, mit dem sie dich verheiraten will!«

»Wer ist es denn?«

»Sie wird es dir auf ihre Weise sagen. Vergiß nicht, vollkommen überrascht zu sein, wenn sie damit herauskommt. Aber um dich auf Unerwartetes vorzubereiten, will ich dir jetzt einen Wink geben: sie will dich mit Pyrrhus verheiraten.«

»Aber ich kenne den Menschen nicht! Ich will ihn nicht! Und höchstwahrscheinlich will er mich auch nicht!«

»Merkwürdig,« sagte Menelaos, »dieselben Gedanken sind mir auch gekommen, als sie den Vorschlag machte.«

»Warum beharrt sie denn auf einem so verrückten Plan?«

»Frag lieber, warum sie überhaupt Pläne macht,« sagte Menelaos. »Ich glaube, deine Mutter wird alt. Sie sieht nicht so aus, das gebe ich zu, aber sie ist in den Vierzigern und hat viel durchgemacht. Dies ganze Gerede über die Liebe zum Leben ist ein schlechtes Zeichen. Ebenso die Heiratsideen. Man sollte denken, sie hätte mittlerweile vom Heiraten genug. Das hat sie auch, für sich, aber darum eben fängt sie an, Heiraten für andere zu stiften. Wenn wir selbst keine führende Rolle mehr spielen, so versuchen wir, Schicksal zu spielen und die neuen Spieler zu leiten. Es ist eine Abschiedsgeste.«

»Sieht Pyrrhus gut aus?« fragte Hermione.

»Sehr«, sagte Menelaos.

»Ich bin nicht so sicher über die Abschiedsgeste«, sagte Hermione. »Wenn Mutter Gefallen an ihm fände, könnte ihre Jugend leicht wieder aufleben.«

»Der Gedanke kommt dir auch?«

»Wieso auch, Vater?«

»Ich meine, du glaubst, sie könnte sich in Pyrrhus verlieben?«

»Oh, ich weiß nur, was du mir gesagt hast, aber ich finde nicht, daß Mutter alt wird. Im Gegenteil. Sie ist so – wie soll ich sagen – so lebensstark, man hat, wenn man mit ihr spricht, das Gefühl, als ob sie einen auf ihre Flügel nähme und mit sich forttrüge, ob man will oder nicht.«

»Ich will Pyrrhus nicht hier haben, das steht fest«, sagte Menelaos. »Später meinetwegen, aber, wie du sagst –«

»Das meinte ich eigentlich nicht«, sagte Hermione. »Es ist schwer, etwas Bestimmtes über sie zu sagen. In bezug auf meine Heirat glaube ich nun wirklich, daß sie es sehr ernst meint. Ich glaube wirklich, daß sie aufrichtig ist. Aber sie kann unmöglich ahnen, welche Wirkung sie auf manche Menschen hat. Ich habe ihre Schwächen zu deutlich gesehen, um in ihren Bann zu geraten, aber ich bin doch froh, ihren Ernst zu empfinden. Mutter ist tatsächlich zu ernst. Es fehlt ihr an Humor, und das ist das Schlimme. Du hast Humor, und ich habe, dem Himmel sei Dank, etwas davon geerbt, aber sie hat gar keinen.«

»Du hast's getroffen!« rief Menelaos. »Ich wollte, das wäre mir eingefallen, als sie mir ihre Reden über die junge Generation hielt. Hermione, das ist die absolute Wahrheit – sie nimmt alles furchtbar ernst, und da sie keinen Sinn für Humor hat, tut sie es leicht in der verkehrten Richtung.«

»Und sie hat solchen Tatendrang«, sagte Hermione. »Wenn sie mich erst glücklich verheiratet hat, so soll mich wundern, was sie sich dann in den Kopf setzt. Ich verstehe nicht, wie jemand, der so gelassen, ja zuweilen sanft aussieht, solch ein Wunder an Tatkraft sein kann. Diese Offenheit, von der sie immer redet, ist nur ein Vorwand, etwas in Gang zu bringen. Ich fange jetzt an, zu verstehen, was die alten Sagen meinen, wenn sie von einer verheerenden Schönheit sprechen.«

»Ja, das ist deine Mutter«, sagte Menelaos. »Ich glaube, es ist Schicksal. Es hat keinen Sinn, ihr daraus einen Vorwurf zu machen.«

»Aber sie sollte sich mittlerweile kennen«, sagte Hermione. »Sie sollte bedenken, welchen Einfluß sie auf empfängliche Menschen hat. Wenn man ihr auch alles andere zugesteht, so kann man ihr doch nicht ganz verzeihen, daß sie die Unschuldigen und Ahnungslosen irreführt.«

»O nein, das ist etwas zu stark ausgedrückt«, sagte Menelaos. »Sie führt dich nicht irre, die du doch unschuldig bist, und niemand, der sie kennt, ist ahnungslos ihr gegenüber. Jeder, vom Torhüter bis zu den klatschsüchtigen Nachbarn, möchte das Schlimmste von ihr glauben. Außerdem ist das Merkwürdige bei der Sache, daß sie ihre größten Erfolge gerade bei den Gewitzigten hatte. Wenigstens bei den Verheirateten. Und Paris war weder unschuldig noch ahnungslos.«

»Ich dachte an Adraste, das Mädchen, von dem sie so viel hält«, sagte Hermione. »Ich mag den Typ nicht, aber sie schwärmt für meine Mutter und wird, fürchte ich, alle ihre Fehler nachahmen.«

»Was für ein Typ ist es?« fragte Menelaos. »Bisweilen machst du es genau wie deine Mutter – du redest von etwas, was nur du weißt, als ob jeder, der nicht ein Narr ist, es wissen müßte. Ich weiß nicht, was für Typen es gibt und zu welchem Adraste gehört.«

»Oh, sie hat das, was Mutter die Liebe zum Leben nennen würde, glaube ich«, sagte Hermione. »Offen gesagt, sie scheint mir – man sagt es nicht gern von einem Mädchen, aber ich glaube, sie ist ziemlich leidenschaftlich. Du weißt, was ich meine – im schlimmen Sinne. Wenn irgendein Mann da wäre, den sie liebte, würde sie sich ihm ohne weiteres hingeben.«

»Irgendeinem?« fragte Menelaos. »Oder handelt es sich um einen bestimmten?«

»Ich glaube, es könnte irgendeiner sein«, sagte Hermione. »Versteh mich, bitte, recht, ich will nichts gegen sie sagen. Ich werfe ihr überhaupt nichts vor, es ist alles Mutters Schuld. Wenn Mutter sie gelehrt hätte, sich zu beherrschen, züchtig zu warten, bis die Liebe in ihr Leben eintritt, sittsam und mädchenhaft zu sein! Aber nach gewissen Bemerkungen, die Adraste in meiner Gegenwart fallen ließ, glaube ich, hält sie alles Romantische für gerechtfertigt. Ich konnte natürlich nicht mit ihr darüber streiten – wenn man an Mutters Beispiel denkt.«

»Dein Verhältnis zu Orest ist auch nicht ganz der Etikette gemäß, nicht wahr?« fragte Menelaos.

»Das ist etwas anderes«, sagte Hermione. »Unser Verhältnis war ein Ausnahmefall, aber durchaus schicklich. Es ist mir, als hätten wir überhaupt kaum von Liebe gesprochen; wir gingen so bald dazu über, unsre Familienangelegenheiten zu beraten. Du machst dir keine Vorstellung davon, was für ein vortrefflicher Mensch Orest ist; ich freue mich, daß ich ihn zuerst unter so traurigen Umständen kennengelernt habe – er zeigt sich am besten, wenn er in Not ist. Natürlich haben wir uns allein gesprochen, wenn Eteoneus nichts davon wußte, aber du warst fort, und wir betrachteten uns als längst für einander bestimmt.«

»An diese Bestimmung wirst du deine Mutter erinnern müssen«, sagte Menelaos. »Doch, um wieder auf Adraste zu kommen, ich bin froh, daß zur Zeit kein junger Mann hier in der Nähe ist, abgesehen von Damastor. Helena meint, er machte Adraste den Hof.«

»Unsinn!« sagte Hermione. »Seine Mutter hat mir mehrmals gesagt, daß er mich gern hat – was vielleicht ziemlich töricht von ihm ist, aber zeigt, welchen Typ er schätzt. Er ist sehr sorgfältig erzogen, und außerdem ist er noch ein Knabe. Ich bezweifle, daß er eine nicht standesgemäße Ehe schließen möchte, und selbst wenn er daran dächte, würde er es doch seiner Mutter gegenüber nicht wagen, Adraste den Hof zu machen; dazu hat er nicht Charakterfestigkeit genug. Die Art Mann, die ich im Sinne hatte, wäre vielleicht Pyrrhus; du könntest ihn am Ende doch einladen und mit Adraste verheiraten. Dann hätte Mutter ihn im Familienkreise, wie sie es wünscht, und ich könnte Orest in Frieden heiraten.«

»Ich will Pyrrhus nicht hier haben«, sagte Menelaos. »Ich werde ihr dies sagen, sowie ich sie sehe.«

»Sag' es ihr jetzt,« sagte Hermione, »da kommt sie!«

 

3

Helena,« sagte Menelaos, »ich sag' es dir noch einmal, ich will Pyrrhus nicht hier haben!«

»Ich bin froh, daß du Pyrrhus erwähnst,« sagte Helena, »ich möchte mit Hermione über ihn sprechen, und so sind wir gleich bei der Sache.«

»Dann laß mich dir gleich sagen, Mutter,« sagte Hermione, »daß ich Pyrrhus nicht heirate – und auch Damastor nicht!«

»Damastor? das verhüte der Himmel!« sagte Helena.

»Sagtest du nicht, sie solle ihn heiraten?« fragte Menelaos. »Sie hat dich so verstanden.«

»In meinem Leben nicht«, sagte Helena. »Ich sagte ihr, daß Charitas mir erzählt hätte, er sei in sie verliebt, und ich bemerkte, daß sie schlimmer fahren könnte, als wenn sie ihn nähme. Das ist auch wahr. Aber ich möchte, daß sie vielmehr besser führe als schlimmer. Ich suchte damals herauszubekommen, ob Damastor Hermione den Hof gemacht hatte, wie Charitas glaubte. Ich erfuhr, was ich vermutete, daß der Junge seine Mutter täuscht. An Damastor liegt mir wenig. Was Pyrrhus betrifft, so habe ich nicht von Hermione verlangt, daß sie ihn heiraten soll, und werde es auch nicht verlangen. Sie kann den heiraten, den sie wählt. Und das wird sie auf jeden Fall. Ja, ich habe ihn ihr gegenüber nie erwähnt, aber ich war im Begriff, ihr zu sagen, daß sie ihn kennenlernen sollte, bevor sie ihre endgültige Wahl träfe. Du hast ihr über unsre Unterredung berichtet, nicht wahr?«

»Ja«, sagte Menelaos. »Ich sagte ihr, daß du dir Pyrrhus zum Schwiegersohn wünschest und den Vorschlag gemacht hast, ihn einzuladen.«

»Dieser Bericht ließ jedenfalls deine Auffassung der Sache deutlich genug erkennen«, sagte Helena. »Es ist die übliche Art, wie wir zusammenarbeiten. Nun Hermione, was hältst du von der Idee?«

»Hermione stimmt mit mir überein,« sagte Menelaos, »daß es zu gefährlich ist, Pyrrhus hierher einzuladen.«

»Zu gefährlich?« sagte Helena. »Wer sollte ihm etwas zuleide tun? Gäste sind immer außer Gefahr.«

»Aber der Wirt nicht, heutzutage«, sagte Menelaos. »Wir haben uns entschlossen, einmal deine Freimütigkeit zu üben. Hermione meint, ebenso wie ich, daß für sie und mich bei Pyrrhus' Besuch nicht viel herauskommen würde. Wo du hier bist, würde sie nicht viel von ihm sehen. Er würde entzückt sein, natürlich – so bezaubert, daß er die Existenz deiner Tochter – oder deines Mannes – gar nicht bemerken würde. Das geht nicht an, Helena. Du bist ganz auf deine Kosten gekommen; fortan bleiben wir lieber unter uns!«

»Mutter, das ist nicht ganz das, was ich sagte. Ich –«

»Das weiß ich, mein Kind«, sagte Helena. »Weiter, Menelaos.«

»Weiter wollte ich nichts sagen«, sagte Menelaos.

»Das ist unmöglich«, sagte Helena. »Kein Mann kann so zu seiner Frau sprechen, und in Gegenwart seiner Tochter, ohne noch sehr viel hinzuzufügen. Dies ist die Art, wie du mich das letztemal, als wir über die Sache sprachen, beleidigtest. Ich sagte dir damals, daß ich nicht bei dir bleiben würde, wenn du die Beleidigung wiederholtest. Jetzt werde ich dich verlassen. Es tut mir leid, Hermione, daß du Zeuge so unseliger Zusammenstöße zwischen deinen Eltern werden mußtest, aber da dein Vater es durchaus so will, ist es vielleicht besser, du erfährst die Sache direkt von mir. Ich bat deinen Vater, Pyrrhus einzuladen, damit deine Menschenkenntnis sich erweitere, bevor du endgültig einen Gatten wählst. Dein Vater beschuldigte mich, Achill geliebt zu haben. Ich erinnerte Menelaos daran, daß ich Achill, der jetzt im Grabe liegt, nie gesehen habe, sagte aber, ich würde ihn sicher geliebt haben, wäre er mir begegnet, denn er war der größte Mann seiner Zeit und der liebenswerteste. Wir müssen das Höchste lieben, wenn wir es sehen, und wenn wir es nicht lieben wollen, ist es besser, wir sehen es nicht. Ich glaube, daß Pyrrhus seinem Vater gleicht; soweit meine Kenntnis reicht, ist er jetzt der Herrlichste aller Menschen. Vielleicht wäre es gütiger an dir gehandelt, wenn man ihn nicht hierher lüde; wenn man nur sicher sein könnte, daß du ihn nicht zufällig anderswo träfest; denn du und Orest, ihr seid augenscheinlich miteinander sehr zufrieden. Allein eines Tages wirst du Pyrrhus sehen, das ist fast gewiß, und was soll dann werden, wenn du schon an einen andern Mann gebunden bist? Ich wollte dir dies aus meinem besorgten Herzen heraus sagen und dich zu bewegen suchen, daß du Pyrrhus hier willkommen heißest. Ich wollte noch hinzufügen, daß ich ihn zwar für bedeutender als Orest halte, aber ich habe Orest ja nicht gesehen und kann mich irren. Wenn du Pyrrhus siehst, findest du ihn vielleicht weniger bezaubernd als ich. Ob das nun ein Fehler meines oder deines Geschmacks ist, gilt dann gleich; die Sache ist damit erledigt. Du kannst dann wählen, welchen du willst. Aber, Hermione, ich bitte dich, weise Pyrrhus nicht ungesehen zurück, um Orest zu heiraten! Der Glaube an deinen Mann wird dann von Anfang an vergiftet sein. Du wirst daran denken, daß du ihn nicht an einem andern Mann hast messen wollen; du wirst dich fragen, was geschehen wäre, wenn du Pyrrhus gesehen hättest. Zuerst wirst du beten, daß er dir nie begegne, dann wirst du wünschen, daß es doch geschehe, und endlich wird es natürlich geschehen. Das wollte ich dir sagen. Aber nun mußt du mit deinem Vater diese Dinge nach eigenem Ermessen entscheiden. Ich verlasse dies Haus für immer. Es war zwischen mir und Menelaos abgemacht, daß ich fortgehen sollte, falls er wieder in solchen Ausdrücken zu mir redete.«

»Oh, laß das, Helena,« sagte Menelaos, »ich vergaß mich.«

»Nein, du vergaßest dich nicht,« sagte Helena, »obgleich das keine Entschuldigung wäre; ich finde die Beleidigung nicht weniger kränkend, wenn sie spontan war. Aber nachdem du mir eben versprochen hattest, solche Reden nicht zu wiederholen, gingst du hin und sagtest dasselbe meiner eigenen Tochter; nun sagst du mir in ihrer Gegenwart, daß sie dir zustimmt, und das Kind muß sich verteidigen und mir sagen, daß sie es nicht tut. Wir sind fertig miteinander, Menelaos; ich gehe meinen Weg und du deinen. Hermione, ich bitte dich bei deiner Ehre, dafür zu sorgen, daß dein Vater keine Geschichten aufbringt über ein Liebesverhältnis zwischen mir und Achill oder ähnliche Lügen, um mein Fortgehen zu erklären. Was mich veranlaßt zu gehen, ist einzig und allein die eigentümliche Sinnesart deines Vaters.«

»Ich vermute, daß die Schande, die auf uns beide fällt, in deinen Augen nicht viel bedeutet«, sagte Menelaos. »Aber du solltest wenigstens daran denken, daß du auch Schande über Hermione bringst, die gänzlich unschuldig ist.«

»Auf sie wird keine Schande fallen«, sagte Helena. »Man wird sie nur um so mehr beklagen, weil sie mit ihren Eltern soviel Unglück hat. Wenn Schande kommt – und das wird natürlich geschehen – so fällt sie allein auf mich.«

»Das sollte sie sicher,« sagte Menelaos, »aber das wird sie nicht – nicht auf dich allein. Ich werde auch etwas abbekommen.«

»Durchaus nicht«, sagte Helena. »Es wird einfach heißen, dein Weib habe dich zum zweitenmal verlassen. Mich trifft die Schande und dich die Lächerlichkeit.«

»Das sehe ich nicht ein«, sagte Menelaos.

»Das wird sicher geschehen«, sagte Helena. »Wenn eine Frau ihrem Manne wegläuft oder umgekehrt, so erntet der gekränkte Teil wohl Mitleid, aber keine Bewunderung, selbst wenn es zum erstenmal geschieht. Menschen, die Liebe einzuflößen wissen, läßt man nicht im Stich. Allein wenn das Verlassenwerden zur Gewohnheit wird, so kann man auch nicht einmal auf Mitleid rechnen. Der wiederholt Verlassene wird ausgelacht.«

»Du darfst nicht fort, Helena,« sagte Menelaos, »wirklich, du darfst nicht!«

»Ich gehe,« sagte Helena, »und ich bitte dich, dabei deine Würde wenigstens äußerlich etwas zu wahren und keine Worte zu machen. Adraste und ich können morgen fertig sein. Ich weiß verschiedene Orte, wo man mich wahrscheinlich willkommen heißen wird. Idomeneus zum Beispiel –«

»Helena,« sagte Menelaos, »ich will nicht versuchen, dich mit Gewalt zurückzuhalten; es würde mir vielleicht nichts nützen, wenn du so fest entschlossen bist, wie du sagst. Aber ich bitte dich dringend, bleib hier! Ich ergebe mich unbedingt. Ich gebe zu, in Gegenwart von Hermione, daß ich vollständig im Unrecht bin. Ich habe unwürdig gehandelt, ich habe –«

»Leb' wohl,« sagte Helena. »Das hast du. Aber ich gehe.«

»Mutter,« sagte Hermione, »wenn du bleibst, will ich tun, was du von mir verlangst. Ich will Pyrrhus hier im Hause willkommen heißen, bevor ich Orest heirate.«

»Das solltest du jedenfalls in deinem eigenen Interesse tun, ob ich bleibe oder nicht«, sagte Helena; »und ich vermute, dein Vater wird bereit sein, ihn einzuladen, sobald ich fort bin. Dann hat es ja keine Gefahr mehr.«

»Er wird nicht kommen, wenn er hört, daß ihr schon wieder entzweit seid«, sagte Hermione. »Ich bin sicher, er wird denken, daß Vater seine Hilfe für einen neuen Krieg braucht.«

»Ich zweifle nicht, daß er genau das denken wird«, sagte Helena. »Ich höre ihn schon jetzt. Er hat das herzliche Lachen seines Vaters.«

»Ich sehe, ich muß nachgeben«, sagte Menelaos. »Wenn du bleibst, so schicke ich die Einladung an Pyrrhus sofort ab.«

»Du solltest sie sofort abschicken, ob ich bleibe, oder nicht«, sagte Helena. »Das weißt du ganz gut. Ich lasse mich auf keinen Handel wieder mit dir ein. Lade ihn ein oder nicht. Du allein hast darüber zu entscheiden. Vor einer Stunde war ich dein Weib und versuchte, mit dir über das Glück unsres Kindes zu beraten. Jetzt bist du ein freier Mann, der allein entscheidet und allein verantwortlich ist.«

»Ich will es anders herum wenden«, sagte Menelaos. »Wenn ich ihn einlade, bleibst du dann?«

»Du hast wohl nicht gehört, was ich sagte. Ich lasse mich auf keinen Handel ein.«'

»Nun denn,« sagte Menelaos, »du sollst deinen Willen haben. Ich lade Pyrrhus sofort ein. Hast du verstanden? Sofort. Ganz aus eigenem Entschluß. Ich selbst will es so. Niemand kann mich davon abbringen. Ich schicke sofort den Boten … Bleibst du nun?«

»Du hast einen weisen Entschluß gefaßt,« sagte Helena, »und du tätest gut, den Boten jetzt abzuschicken.«

»Und du bleibst? Darauf kommt es allein an!« sagte Menelaos.

»Ah, so ist es gemeint?« sagte Helena. »So war es doch ein Handel? In diesem Fall bleibe ich nicht.«

»Bei meiner Ehre, welch ein Weib!« rief Menelaos. »Ich gehe hin und schicke den Boten.«

»Mutter, du läßt mich nicht allein, bis Pyrrhus hier gewesen ist?« bat Hermione. »Ich konnte es nicht sagen, solange Vater dabei war; aber es ist mir schrecklich, unter dem Gesichtspunkt der Heiratsmöglichkeit gemustert zu werden, und ich kann nach all diesem Gerede Pyrrhus gegenüber auch nicht natürlich sein. Außerdem werde ich mir heuchlerisch vorkommen, da ich mich schon für Orest entschieden habe.«

»Ich verspreche dir, wenigstens so lange hier zu bleiben, bis Pyrrhus kommt, oder bis Orest kommt«, sagte Helena. »Denn wenn ich verlange, daß du Pyrrhus vor deiner Entscheidung siehst, so ist es nur gerecht, wenn ich auch Orest eine Möglichkeit gebe, sich als der zu erweisen, für den du ihn hältst. Dein Vater schickt jetzt die Einladung an Pyrrhus, aber der ist weit fort und kann nicht so bald hier sein. Inzwischen hätte ich gern deinen Vetter hier. Willst du dafür sorgen, daß er kommt?«

»Ich täte nichts lieber als das,« sagte Hermione, »allein ich weiß nicht, wo er ist. Ich weiß das nie. Er verbirgt sich vor Ägisth. Wir werden warten müssen, bis er kommt.«

»Hätte er dir nicht sein Geheimnis anvertrauen können?« fragte Helena. »Das finde ich sehr schade. Er verliert die beste Gelegenheit, die er je haben wird, wenn wir ihn im kritischen Augenblick nicht finden können. Du hast keine Möglichkeit, ihm Botschaft zu schicken?«

»Nicht die geringste«, sagte Hermione. »Aber du darfst ihm daraus keinen Vorwurf machen; er wollte mir sagen, wo er sich verbirgt, doch ich hinderte ihn daran. Er hatte mir schon zuviel von seinen Geheimnissen anvertraut, und sein Leben hing an diesem. Außerdem hatte sein geheimnisvolles Kommen und Gehen einen eigentümlichen Reiz für mich; es war wie bei einem richtigen Liebesverhältnis – kein richtig verabredeter Besuch, sondern ein durch Zufall oder Vorsehung oder Impuls herbeigeführter.«

»Ich verstehe deine Art«, sagte Helena. »Mir persönlich würde es nichts vom Zauber der Romantik nehmen, wenn ich wüßte, wo mein Geliebter wäre. Wir müssen also warten, bis Orest kommt. Ich hoffe wirklich, daß es bald sein wird. Und ich muß dir noch sagen, Hermione, daß ich deine Bereitwilligkeit, meinem Wunsch, der Pyrrhus gilt, zu willfahren, sehr anerkenne.«

»Bevor ich gehe,« sagte Hermione, »möchte ich gern wissen – ich bin schrecklich neugierig – wer jener Idomeneus war. Vater wurde ganz aufgeregt als du seinen Namen nanntest.«

»Er war einer meiner Bewerber,« sagte Helena, »und ich sollte dir vielleicht von ihm erzählen; denn eigentlich dachte ich an ihn, als ich wollte, daß du Pyrrhus sähest. Als ich heiraten sollte, galt noch die alte Sitte, daß die Bewerber nicht persönlich erschienen, sondern Geschenke mit der Werbung sandten, und das Mädchen und die Eltern hatten daraufhin zu entscheiden. Natürlich entschied man sich für jemanden, den man kannte oder von dem man gehört hatte. Idomeneus ist ein sehr origineller Mensch. Er war immer seiner Zeit voraus. Er kam selbst mit seinen Geschenken und sagte, wenn er das Glück hätte, mich zu erringen, so sollte niemand anderer als er selbst das Glück haben, das Jawort zu hören, und niemand als er selbst sollte die Ehre haben, mich in sein Heim zu führen. Weißt du, Hermione, ich war damals noch so unerfahren, daß ich diesen Verstoß gegen die allgemeine Sitte um einer sentimentalen Regung willen sehr ungeschliffen fand. Ich wies ihn von allen zuerst ab und schickte ihn allein heim. Dann wog ich die abwesenden Bewerber gegeneinander ab, gewissenhaft, nach herkömmlichen Vorurteilen, und ich empfand das Ganze als sehr romantisch. Ich entschied mich für Menelaos. Idomeneus ist noch heute ein Sonderling. Er hat nie geheiratet. Aber gerade im Gedanken an ihn glaube ich, daß ein Mädchen alle Möglichkeiten sehen sollte – ob es sich nun um Bewerber handelt oder nicht – bevor sie sich bindet. Selbst im besten Falle übersehen wir so viel!«

 

4

Den ganzen Tag habe ich an dich gedacht, Adraste«, sagte Damastor. »Du gehst mir im Kopf herum wie eine Melodie, und was auch sonst weniger Angenehmes um mich her vorgehen mag, ich horche still glücklich in mich hinein.«

»Ich freue mich, wenn du das sagst, Damastor. Es ist wunderbar, wie du jedesmal, wenn wir uns sehen, etwas so Schönes zu sagen weißt und dich dabei nie wiederholst! Für mich bist du nicht Musik, sondern ein Bild; ich träume von dir, so lebhaft, daß ich fast fürchte, die andern sehen auch, was ich sehe, und erfahren mein Geheimnis.«

»Was siehst du, Adraste?«

»Kannst du danach fragen, Geliebter? … Damastor, deine Lippen sind kalt! Armer Junge!«

»Komm tiefer in den Schatten, Adraste – man sieht uns, wenn wir im Mondschein gehen. Ich habe noch nie einen solchen Vollmond gesehen. Hier auf dieser Gartenbank können wir sitzen und in Ruhe miteinander plaudern.«

»Der Mond war noch nie so schön, Damastor, aber ich glaube, der Glanz bist du. Ich bin in solchen Nächten allein hierher gekommen, um den Garten in seinem Zauber zu sehen und an das zu denken – an das, woran wir denken; aber eine solche Helle war nie da. Ich wollte, sie wäre noch größer und jeder könnte uns darin wandeln sehen. Unser Glück ist zu schön, um sich zu verbergen. Ich bin so stolz auf dich, Damastor … Damastor, hast du mich so lieb, wie du sagtest?«

»Ich habe dich noch viel, ach, so viel lieber! Fühlst du nicht, wie lieb ich dich habe? Bedarf es für uns der Worte?«

»Ich höre so gern, wenn du es mir sagst, Damastor; niemand könnte es so sagen. Als du mir zum erstenmal sagtest, daß du mich liebtest – ich werde nie vergessen, wie du das sagtest!«

»Ich erinnere mich an kein einziges Wort mehr, Adraste, ich erinnere mich nur an das Schweigen, das folgte. Ich hatte eine solche Angst, daß du schon einen andern lieb haben könntest, und du gabst mir zu verstehen, du hättest einen lieb, und als ich schon glaubte, sterben zu müssen, begriff ich, daß ich dieser eine sei.«

»Ja, Schäfchen, du begriffst! Ich mußte es dir sagen.«

»Du mir sagen! Das ist gut! Wir sahen einander nur an und sagten nichts. Ich war nie in meinem Leben so glücklich; ich werde nie wieder so glücklich sein.«

»Oh, aber ich, Damastor. Ich genoß jenes Schweigen gar nicht. Ich wußte, daß du mich liebtest, du Unschuld, und ich mußte warten, bis du mit dem Gedanken fertig wurdest; und für mich war es nichts Neues, daß dir mein Herz gehörte, wie neu es dir auch sein mochte. Ich war ganz ärgerlich auf dich, wie du da standest, gelähmt von deiner großen Entdeckung, und nicht wußtest, was du tun solltest.«

»Wenn ich stumm war, Adraste, so war es vor Glück. Und dann bat ich dich um einen Kuß, weißt du noch?«

»Ich weiß, das war genau die Zahl, um die du batest.«

»Aber du gewährtest mir mehr als einen, Adraste. Ich wußte nicht, was Küsse sind.«

»Sie erschreckten dich etwas, armer Damastor, nicht wahr? Du schienst zu glauben, daß es nur eine gewisse Anzahl von Küssen in der Welt gäbe, und wenn wir sie an jenem Tage alle nähmen, würde es keine mehr geben. Wir wollten sie lieber etwas aufsparen, sagtest du. Wir gaben uns das Versprechen, lange, lange Zeit aufeinander zu warten.«

»Wie jung mir das jetzt vorkommt! Wir waren beide so jung, Adraste!«

»Ja, es war vor einigen Monaten. Und jetzt sind wir – was sind wir jetzt, Geliebter? – in den mittleren Jahren? Wenigstens so alt, daß ich anfange, zurückzublicken und sentimental zu werden, und dich bitte, mir noch einmal zu sagen, daß du mich liebst, wie zu der Zeit, da wir jung waren.«

»Ich müßte ein Dichter sein, um dir zu sagen –«

»Aber das bist du ja, Geliebter!«

»Ach nein! Wenn ich es wäre, so könnte ich mein Herzweh in Worte fassen. Es ist Herzweh! Ich weiß nicht, wie es kommt – ich meine, warum das Glück etwas dem Schmerz so Verwandtes mit sich bringt! Ich kann meine Liebe nicht fassen, Adraste – ich kann dich nicht wirklich fassen. Meine Hand hält deine kleinen Finger, fühlt deine weiche, kühle Wange, ich halte deine ganze Weichheit in meinen Armen – aber du, die ich wirklich liebe, entgleitest mir. Hier im Schatten bist du mehr wirklich als manches Mal, wenn ich dich am hellen Tage sehe. Wenn du neben mir sitzest und ich deine Stimme höre, kann ich an die Freude um mich her glauben; bei Tage denke ich oft, daß alles nur ein Traum ist. Ich sehe dich an und versuche an alles zu denken, was geschehen ist, und ich kann es nicht glauben. Aber ich kann mir dein Bild zurückrufen, wie ich es vor langer Zeit sah – in der Erinnerung oder im Traum ist das Bild der Geliebten klar, aber der gegenwärtige Augenblick erscheint uns oft als Täuschung. Geht es dir ebenso, Adraste?«

»Du bist ein Dichter, das habe ich immer gesagt, Damastor – du hast so viel Phantasie und du spielst mit deinen Erlebnissen, forschest daran herum und versuchst, Worte dafür zu finden. Ich bin ein sehr simples Geschöpf, – ich liebe dich einfach, bin ganz Liebe. Für mich ist es der schönste Traum, wenn ich dich sehe, hier im Schatten oder im Mondschein oder im Sonnenschein. Wenn ich dich nur sehe, an deiner Seite bin, deine Nähe fühle«'

»Weißt du noch, Adraste, wie wir uns zum erstenmal sahen – das heißt, wirklich sahen? Wie meine Mutter mich mit dem Krug zum Brunnen schickte und dir zurief, daß du mir helfen solltest, und wie du so sittsam daherkamst?«

»Deine Mutter würde mir jetzt gewiß nicht mehr zurufen, dir zu helfen! Erinnerst du dich an jenes andere Mal, als Helena mich mit zu deiner Mutter nahm und deine Mutter mich ans andere Ende des Gartens schickte und es auf diese Weise, gegen ihren Willen, selber so einrichtete, daß du herauskommen und mit mir plaudern konntest?«

»Ob ich mich daran erinnere! Meine Mutter wird sich nie davon erholen, so war sie erschrocken. Sie meint noch immer, Adraste, ich wäre dir vorher nicht begegnet; sie behauptet, sie hätte dich nie gebeten, mir bei dem Wasserkrug zu helfen.«

»Nun, wenn wir uns auch vorher nicht begegnet wären, so hättest du darum doch herauskommen können.«

»Mutter meint nein – sie meint du habest mich behext, durch irgendeinen Zauber herbeigezogen. In einer Weise hat sie recht. Aber sie sollte nicht sagen, daß sie dich damals nicht gerufen hätte.«

»Sie hat mich weiter nicht beachtet, Damastor – sie dachte an den Wasserkrug.«

»Du meinst, sie hat nicht beachtet, wie schön du bist. Als sie das gewahrte, damals im Garten, hatte sie Angst vor dir.«

»Bin ich so furchtbar, Damastor?«

»Verhängnisvoll, würde ich sagen.«

»Die Liebe ist es, die verhängnisvoll ist, Damastor. Damastor, hast du schon einen Plan für uns gefaßt – was wir tun können?«

»Ich denke die ganze Zeit daran, Adraste. Das Beste scheint mir, wir warten noch ein wenig und behalten unser Glück, unser beglückendes Geheimnis, für uns. Wir könnten nicht glücklicher werden als wir waren und noch sind, nicht wahr? Ich trage die Verantwortung, und ich glaube, ich werde mit meinen Eltern am besten fertig, wenn ich ihnen die Sache nicht so plötzlich beibringe; sie sind beide schwer zugänglich, wenn eine unerwünschte Nachricht sie unerwartet trifft. Ich weiß nicht, was ich sonst tun könnte.«

»Damastor, mein Geliebter, ja, es ist ein glückliches Geheimnis, aber – ich kann es nicht viel länger wahren.«

»Du meinst – du meinst –«

»Natürlich meine ich das! Nun, sei nicht so erschrocken! Ich habe es dir ja gesagt, und nun wird es dir allmählich klar, wie damals unsre Liebe – und unsre Liebe ist es hier ja auch! Über ein Weilchen wird jeder es wissen. Warum auch nicht? Ich bin glücklich und stolz, Damastor, es ist so wunderbar schön! Aber ich wollte, es wäre kein Geheimnis! Warum sollten wir nicht hingehen und jedem, der es hören will, erzählen, daß Damastor und Adraste sich angehören, sich für immer angehören durch ihre Liebe? Ich weiß nicht, was sie andres tun können als uns beneiden. Deine Mutter würde mich zuerst nicht mögen, – sie liebt dich zu sehr, um irgendein Mädchen, das dich ihr fortnimmt, zu lieben, – aber mit der Zeit könnte ich ihre Liebe gewinnen. Dein Vater würde gut gegen uns sein.«

»Vater würde gut sein, wenn er allein wäre,« sagte Damastor, »aber Mutter wird schwerer zu bekehren sein als du denkst. Deine Schönheit war ihr gleich verdächtig; sie meint, daß alle schönen Frauen nichts taugen, und wenn sie wüßte, was – was du mir eben gesagt hast –, so würde das ihr Vorurteil bestätigen. Es tut mir leid, Adraste, aber es ist so. Sie würde es nicht verstehen. Ich hoffe immer noch, daß wir einen Ausweg finden, wenn wir warten. Wenn ich es ihr jetzt sage, gibt es keinen.«

»Sage mir eins, Damastor – glaubst du, daß ich ein schlechtes Mädchen bin? Finden die Ansichten deiner Mutter irgendwelchen Anklang bei dir? Reut dich unsre Liebe?«

»O Adraste, wie kannst du so fragen?«

»Wie ich das kann, Liebster? Weil du mir die Frage nahelegst. Du redest jetzt nicht wie damals, als du mich zuerst begehrtest, als du sagtest, wir wollten zusammen dem Leben Trotz bieten, als alles andere dir gleichgültig war, wenn wir nur einander angehörten! Damals warst du nicht so vorsichtig – wenigstens nicht für mich, nicht wahr? Ich sage nicht, daß ich mich dir nicht hingeben wollte – ich meine nur, du warst damals am meisten du selbst, als du mich nahmst, als du dein Leben in deine eigene Hand nahmst, wie ich glaubte, jeder Gefahr Trotz botest, der Armut, selbst dem Zorn deiner Mutter, um ganz du selbst zu sein. Würdest du es noch einmal tun, Damastor, wenn dies alles noch nicht geschehen wäre?«

»Adraste, ich liebe dich so sehr; was du sagst, tut mir weh, als ob du mich der Untreue anklagtest. Könnte ich es dir deutlicher zeigen als ich es getan habe, wie sehr ich dich für mich allein begehre, fürs ganze Leben eins mit dir werden möchte? Ich weiß nicht, womit ich dich enttäuscht haben kann!«

»In gewisser Weise hast du das getan, wenigstens scheint es mir so, und ich wünsche nichts sehnlicher als daß du mir beweisest, daß ich mich irre. Ich glaubte, du wüßtest, was du wolltest, als du mich anflehtest, mich dir hinzugeben – ich glaubte, daß auch du dich ganz hingäbest. Mit einem solchen Manne könnte ich allem Trotz bieten. Du kannst nicht wissen, Damastor, wie grenzenlos ich dich bewunderte. Ich wußte, daß deine Mutter mich nicht mochte, aber wir waren beide der Ansicht, daß wir das Recht hätten, selbst zu wählen und unser eigenes Leben zu leben. Ich bildete mir ein, du würdest zu ihr hingehen und ihr ganz einfach, mit aller Liebe und Ehrfurcht, sagen, daß wir uns liebten, daß alles abgemacht sei; und du würdest es ihr mit so wunderbar klugen Worten sagen, daß deine Mutter, selbst wenn es sie betrübte, uns doch verstehen könnte, oder wenn dies nicht der Fall sein sollte, so würdest du doch den Trost haben, offen und aufrichtig vorgegangen zu sein. Damastor, ich bin enttäuscht, daß du gar nichts tust – einfach wartest. Das ist weder so tapfer noch so klug, wie ich es von dir erwartete, und bisweilen fürchte ich, du bist deiner nicht mehr so sicher wie damals. Habe ich dich falsch beurteilt? Oder hast du mich einst geliebt und bist nun ein anderer geworden?«

»Ich will mein Leben daran setzen, Adraste, dir zu zeigen, wie sehr ich dich liebe. Wenn ich bisher gezögert habe, so geschah es nicht aus Feigheit, Es gehört Mut dazu, meiner Mutter alles zu sagen, aber sobald ich sicher bin, daß es der richtige Augenblick ist, spreche ich mit ihr. Hast du es Helena gesagt?«

»Kein Wort.«

»Ahnt sie etwas?«

»Damastor, Helena scheint immer alles zu wissen, was um sie her vorgeht; daher vermute ich, daß sie es schon lange erraten hat, aber sie hat nichts zu mir gesagt, und natürlich habe ich auch geschwiegen.«

»Wenn du Helena gegenüber dies Gefühl hast, so solltest du verstehen, warum auch ich es noch eine Weile geheimhalten möchte.«

»Ich möchte es niemandem gegenüber geheimhalten, Damastor, aber ich möchte, daß du es sagtest. Ich möchte, daß du dich dessen rühmtest und stolz darauf wärest, so daß ich stolz auf dich sein kann.«

»Bist du nicht stolz auf mich, Adraste?«

»Damastor, ich glaube, kein Mann weiß so recht, weshalb eine Frau ihn liebt, wenigstens hast du, soweit ich nach deinen Worten urteilen kann, keine Ahnung, was es ist, weswegen ich dich liebe. Ich liebe an dir, daß du mutig deinen Weg gehst, dein eigenes Schicksal auf dich nimmst. Die meisten Menschen ahmen einander nach, ohne zu bedenken, ob das, was sie tun, das ist, was sie wirklich von sich aus tun möchten. Du hast das, wovon Helena oft spricht, die Liebe zum Leben; du versuchst, die Dinge zu sehen, wie sie wirklich sind; Ausflüchte und Heuchelei sind dir verhaßt, du möchtest ehrlich sein gegen dich selbst und andere. Deshalb liebe ich dich, Damastor – ich könnte nie einen Menschen lieben, der anders ist, du darfst diesen hohen Vorzug nicht verlieren, Damastor; wenn du dich wandeltest, könnte ich nicht stolz auf dich sein – ich würde dich immer lieb haben, aber ach, ich würde so betrübt um dich sein! Es handelt sich nicht nur um diesen einen Punkt, weißt du – es handelt sich um dein ganzes Leben; denn wenn du jetzt anfängst, deine Gedanken und Gefühle zu verbergen und dich zu beugen vor den Meinungen andrer, so bist du verloren – dessen bin ich sicher, Damastor. Es ist so furchtbar einfach; ich glaubte, du von allen andern Menschen würdest es verstehen. Wenn du das, was du getan hast, jetzt für unrecht hältst, so mußt du natürlich damit aufhören und das tun, was du jetzt für recht hältst. Deshalb fragte ich dich, ob du unsre Liebe bereutest. Aber wenn das, was wir getan haben, in deinen Augen immer noch recht ist, so gibt es auf der Welt keinen Grund, es vor irgend jemand zu verbergen. Wenn andern das, was wir tun und sind, nicht recht ist, so ist uns dies natürlich schmerzlich, aber früher oder später müssen wir uns doch entscheiden, wer über unser Leben bestimmen soll, wir selbst oder diese andern. Als ich dachte, wir beide wollten mutig unsern eigenen Weg gehen, da war ich stolz auf dich, Damastor.«

»Ich will es dir verzeihen, daß du mich verkennst, Adraste, aber du verkennst mich wirklich. Ich habe dir wieder und wieder gesagt, daß ich niemand, auch nicht einmal meine Eltern, über mein Schicksal bestimmen lassen würde. Wenn ich jetzt zu ihnen gehen könnte, wie du es von mir verlangst, und ihnen sagen, daß ich dich zum Weibe erwählt habe, ob es ihnen nun recht ist oder nicht, und wenn sie sich ruhig darein finden würden, wie du zu hoffen geneigt bist, dann würdest du vermutlich von meiner Charakterfestigkeit überzeugt sein. Aber wenn ich meinem Vater die Sache erzähle, wo Mutter so in ihre Vorurteile verrannt ist, wird er mich aus dem Hause weisen – und wohin sollen wir dann gehen? Ich sehe darin kein Heldentum. Liebe zum Leben, jawohl, aber zuerst muß man doch einmal leben. Einstweilen wenigstens sind wir beide besser daran, als wir es sein würden, wenn meine Eltern mich fortjagten und ich dir weder Obdach noch Schutz bieten könnte.«

»Ist es wirklich das Wichtigste, Damastor, daß man lebt? Ich würde lieber sagen, wie man lebt. Ich meine, zur Liebe zum Leben gehört eine gewisse Unbekümmertheit, eine Entschlossenheit, keinen zu hohen Preis für das bloße Dasein zu zahlen – nicht mit unsrer Seele zu zahlen. Wenn es nach mir ginge, so würden wir jetzt Hand in Hand hinaustreten und ihnen alles sagen. Zuerst würden wir zu Helena gehen, dann zu deinen Eltern; und wenn sie uns verstießen, wie du erwartest, dann würden wir buchstäblich zusammen unsre Straße ziehn, bis irgend etwas geschähe – irgendein Glück oder vielleicht ein Unglück. Das wäre der geradeste und schönste Weg für uns. Würde dein Herz nicht glücklich sein, wenn du ihn mit mir gingst, Damastor? Wollen wir es tun – noch in dieser Stunde?«

»Was für eine tolle Idee, Adraste! Wie zwei Vagabunden davonzuziehen! Du würdest es nicht aushalten, du würdest sterben, bevor wir weit gekommen wären!«

»Ich werde hier auch sterben. Aber ich möchte lieber auf jene Art sterben, mit dem Mann an meiner Seite, mit dem ich mich eins glaubte. Damastor, jetzt weiß ich, daß ich dich verloren habe.«

»Ich werde dich nie verlassen, Adraste! Du bist heute abend voll von düstern Gedanken und Befürchtungen, aber du hast keinen Grund dafür, außer daß du nicht ganz du selbst bist. Morgen früh, wenn du ausgeschlafen hast und an alle die schrecklichen Dinge denkst, die du zu mir gesagt hast, wirst du über deine Sorgen lachen. Ich werde dich immer lieben, Adraste; ich liebe dich schrankenlos und unbedingt. Du wirst noch stolz auf mich sein, wenn nur erst der rechte Augenblick für die Aussprache gekommen ist; dann wirst du sehen, daß ich recht hatte … Geh noch nicht fort! Ich hatte gedacht, wir wollten recht glücklich miteinander sein, und nun haben wir die ganze schöne Zeit mit diesen dummen Dingen verloren.«

»Willst du mich nach Hause begleiten, Damastor, oder soll ich lieber allein heimgehen? Möglicherweise könnte Helena uns sehen, oder Menelaos, oder Hermione.«

 

5

Nun, da ich ihn eingeladen habe,« sagte Menelaos, »möchte ich dir eines sagen. Wenn ich, meinetwegen, auch im Unrecht war, so hattest du doch nicht das Recht, die Sache so rücksichtslos in Gegenwart unsres Kindes zu verhandeln. Wie soll man die Autorität in einem Hause wahren, wo derlei Zwistigkeiten offen vor sich gehen? Mir ist nichts so zuwider wie Zank in der Familie, und nun gar zwischen Eltern, wenn die eigenen Kinder dabei sind.«

»Auch mir war es unangenehm,« sagte Helena, »aber es schien mir besser als die Beleidigung, die du mir in Gegenwart meiner Tochter zufügtest, schweigend hinzunehmen. Du hast eine merkwürdige Art, die Dinge anzusehen, Menelaos. Es scheint, du brachtest mich heim, um dir die Genugtuung zu verschaffen, mir Zeit meines Lebens die unerhörtesten Dinge zu sagen, und du scheinst zu glauben, daß ich es mir gefallen lasse. Du denkst wohl, daß es gut für dein Kind und für deine Dienerschaft ist, Zeuge solches unfeinen Benehmens zu sein. Ja, du machst jedesmal, wenn du mich beleidigst, den Eindruck, als ob du dich selbst dadurch sittlich gehoben fühltest.«

»Helena, ich habe niemals ein Wort in Gegenwart der Dienerschaft gesagt; kein Mann, der etwas auf sich hält, würde dies tun. Als Eteoneus davon anfangen wollte, ließ ich ihn nicht ausreden.«

»Wovon wollte er anfangen?« fragte Helena.

»Das ist längst erledigt«, sagte Menelaos. »Ich war ein Narr, daß ich es erwähnte.«

»Das warst du«, sagte Helena; »aber da du es nun einmal erwähnt hast, wirst du mir hoffentlich sagen, was es war.«

»Es tut mir leid, Helena, aber das kann ich nicht. Es war jedenfalls nichts Wichtiges.«

»Ich vermute, es war etwas sehr Wichtiges, Menelaos. Jedenfalls betrifft es mich und ist etwas, was du mir lieber verbergen möchtest.«

»Nun, ich kann es dir nicht sagen, damit basta. Ich habe erstens keine Lust, und wenn ich dir seine Bemerkungen wiederholte, würdest du mich beschuldigen, dich beleidigt zu haben, und um des lieben Friedens müßte ich noch einen zweiten Gast ins Haus laden. Wir haben dafür nicht Vorräte genug; du weißt, es war eine schlechte Ernte.«

»So lasse ich mich nicht abfertigen«, sagte Helena. »Wenn du es mir durchaus nicht sagen willst, werde ich Eteoneus fragen.«

»Seit wann holst du dir Informationen über deinen eigenen Ruf beim Torhüter, Helena? Etwas Schimpflicheres könntest du tatsächlich nicht tun als unsre Angelegenheiten mit den Dienstboten besprechen!«

»Ich habe nicht die Absicht, über unsre Angelegenheiten zu sprechen – ich will ihn nur fragen, was er Geheimnisvolles über mich gesagt hat.«

»Das wird er dir grade erzählen!« sagte Menelaos.

»Ob er es tun wird oder nicht, jedenfalls kann ich ihn fragen. Ich hörte es natürlich lieber von dir, aber da die Dienstboten über mich reden und du mir deine Kenntnis davon nicht mitteilen willst, werde ich mir irgendwie Aufklärung darüber verschaffen.«

»Ich sehe, Helena, du nimmst die Sache wichtiger als sie ist. Ich will sie dir darum kurz erzählen. Bei meiner Rückkehr fragte Eteoneus mich, wie die Dienstboten sich dir gegenüber verhalten sollten. Sie wären überrascht, sagte er, daß du überhaupt zurückgekommen bist, und noch mehr, daß du deinen Platz wieder eingenommen hast, als ob – nun, als ob du nie fortgewesen wärst. Sie hätten sich darauf vorbereitet gehabt, mich in meiner Einsamkeit zu trösten, sagte er, aber sie wüßten nicht, wie sie sich in einer Situation benehmen sollten, in der augenscheinlich weder von Einsamkeit noch Trostbedürfnis die Rede sein könnte. Sie hätten das Gefühl, sagte er …«

»Wo war es, wo du ihn anhieltst – ihn nicht weiterreden ließest?« fragte Helena. »Dies war schon eine ganz ordentliche Rede.«

»Sie kam gegen meinen Willen und stückweise heraus«, sagte Menelaos. »Ich gebot ihm wiederholt, zur Sache zu reden, aber er schweifte immer wieder ab und …«

»Was war denn das für eine Sache, von der er reden sollte?« fragte Helena.

»Nun, er wollte eigentlich über Hermione sprechen«, sagte Menelaos.

»Was?«

»Über Hermione und Orest«, sagte Menelaos. »Er machte sich Sorge über ihre Vertraulichkeit.«

»Ich traue meinen Ohren nicht, Menelaos«, sagte Helena. »Du sprichst nicht mit deinen Dienstboten über deine Frau, du sprichst nur über deine Tochter mit ihnen – über deine Tochter und ihre Liebesangelegenheiten! Es wird wohl ein Unterschied sein, nur kann ich ihn nicht sehen. Menelaos, ich hatte keine Ahnung, daß du so ganz ohne jegliches Feingefühl bist! Das warst du doch sonst nicht, was ist nur mit dir geschehen? Und wohin sollen wir da kommen? Wenn du in deinen Jahren anfängst, solche Schwächen zu entwickeln, wirst du bald rettungslos herunterkommen, und dein Einfluß auf Hermione wird höchst verderblich sein. Gegen Unvornehmheit gibt es kein Mittel.«

»Wenn du dabei gewesen wärst, als Eteoneus sprach,« sagte Menelaos, »so würdest du sehr wohl wissen, daß ich nicht über meine Familie schwatzte, weder über meine Frau noch über meine Tochter – noch über meinen Bruder oder seine Frau oder seinen Sohn. Ich sage dies ausdrücklich, damit du nicht etwa denkst, ich wolle dir etwas verbergen. Eteoneus mag Orest nicht, und er kam, um mich gegen den Knaben einzunehmen. Von Orest kam er natürlich auf Hermione zu sprechen; er erzählte mir, daß die jungen Leute sich während unsrer Abwesenheit beständig getroffen hätten. Ich sagte ihm, sie seien schon lange füreinander bestimmt, und ich hätte das vollste Vertrauen zu meiner Tochter; er sei ein unverschämter alter Schnüffler. Ich schickte ihn an seinen Posten, allein er ist ein hartnäckiger Bursche, und es dauerte etwas, bis ich ihn los wurde. Dabei redete er die ganze Zeit und versuchte, etwas über dich aus mir herauszubekommen. Ich wollte ihn nicht anhören, aber bis ich ihn hinaushatte, hatte er mir seinen Standpunkt deutlich genug klargemacht. Was ich dir sagte, war eine kurze Zusammenfassung seiner Bemerkungen. Er fühlt, daß die Welt die Traditionen, in denen er aufgewachsen ist, nicht mehr achtet; was er eigentlich wollte, war, sich Trost holen, daß er alt geworden ist und sich in der Welt nicht mehr zurechtfinden kann.«

»Er hat vielleicht recht in bezug auf Orest,« sagte Helena, »und die Welt hat sich in der Tat gewandelt. Es tut mir leid, daß es so ist. Konservative Art und herkömmliche Sitten sind im Grunde doch das beste. Es kann nötig sein, von ihnen abzuweichen, aber wer das tut, muß einen hohen Preis dafür bezahlen. Deshalb schmerzt es mich, wenn ich sehe, daß du deine alte ritterliche Art verlierst, Menelaos. Sie war einer deiner schönsten Vorzüge, und wenn auch heutzutage ein rauheres, rücksichtsloseres Benehmen Mode zu werden scheint, so wird es dich, meiner Meinung nach, nie so gut kleiden. Ich bemerkte diese Veränderung sofort an dem Abend, als wir uns in Troja wiedersahen. Ich schätzte es an Agamemnon, daß er dablieb, um weitere Opfer zu bringen. Es zeugte gewissermaßen von dem Einfluß, den eine gute Erziehung auf ihn übte. Es tat mir leid, daß du nicht seinem Beispiel folgtest. Unsre Heimkehr war nicht so glücklich, wie sie hätte sein sollen. Du warst von Anfang an nicht in der richtigen Stimmung.«

»Das sehe ich durchaus nicht ein«, sagte Menelaos. »Unsre Leiden haben ihren Grund in uns selbst, glaube ich. Ich habe nichts gegen Opfer, ich opferte einen ganzen Tag lang mit Agamemnon. Aber wenn man so etwas übertreibt, so ist es nicht mehr Frömmigkeit oder Ehrfurcht gegen das Herkommen, sondern Fanatismus oder einfach Torheit. Der Krieg war zu Ende, und nun schien mir unsre Aufgabe, unser altes Leben wieder aufzunehmen. Ich weiß nicht, was Agamemnon einfiel, er ist doch sonst nicht so auf Riten und Zeremonien erpicht. Ich neckte ihn etwas mit Klytemnestra – sagte, er fürchte sich wohl, heimzukommen und ihr gegenüberzutreten. Wenn ich bedenke, was nun tatsächlich in seinem Hause geschehen ist, dann wollte ich freilich, ich hätte nicht gerade das gesagt. Er wird sich daran erinnern, wenn er heimkommt, und vielleicht wird er glauben, ich stände in dieser argen Sache auf Seiten seiner Frau. Aber er ist noch nicht zurück – beachte das wohl, Helena! Wir kamen ganz gut heim, abgesehen von der Verzögerung durch die Windstille, aber von ihm hat man noch nichts gehört. Wenn es auf unser Verhalten beim Opfer ankäme, so hätte er früher nach Hause kommen müssen; meinst du nicht auch?«

»Ich habe nie geglaubt, daß die Opfer die Schnelligkeit des Schiffes beförderten«, sagte Helena. »Ich meinte, sie sollten bewirken, daß wir überhaupt heimgelangten. Du weißt, daß du nicht viel ausrichtetest, bevor du die regelrechten Opfer in Ägypten darbrachtest. Agamemnon wird ohne Zweifel bald zurückkehren, und wir werden einen triftigen Grund für seine Verspätung erfahren.«

»Wenn er Zeit gehabt hat, etwas zur Ruhe zu kommen,« sagte Menelaos, »wollen wir ihn einladen, damit wir miteinander über Hermione und Orest reden.«

»Also noch ein Gast«, sagte Helena. »Menelaos, hast du auch wirklich Pyrrhus eingeladen, wie du versprachst?«

»Gewiß, der Bote ging noch in derselben Stunde fort. Du weißt aber, Pyrrhus kommt nur zu einem freundschaftlichen Besuch, mehr haben wir nicht abgemacht, und Orest soll auch kommen. Natürlich nicht zur gleichen Zeit – vorher, nicht wahr?«

»Ich würde Orest gern sehen, wenn er zu finden wäre,« sagte Helena, »aber Hermione weiß nicht, wo er sich aufhält. Ich habe wie du das Gefühl, daß wir ihn sehen sollten, bevor wir eine Entscheidung treffen. Und gegen Agamemnons Besuch habe ich selbstverständlich auch nichts. Da wir früher immer alle miteinander über die Heirat der Kinder gesprochen haben, sollten meiner Meinung nach auch jetzt beide Teile an der Besprechung teilnehmen. … Da kommt der Torhüter den Weg herauf. Soll ich euch allein lassen?«

»Nein, bleib'«, sagte Menelaos. »Ich weiß nicht, was er will. Urteile selbst, ob ich zu vertraulich mit ihm rede!«

»Menelaos, soll ich ihn fragen nach – dem, was er von mir sagte?«

»Nein, das sollst du nicht«, sagte Menelaos.

»Warum nicht? Stimmte deine Fassung nicht?«

»Meine was? Ach so, du meinst, ich hätte die Geschichte für eigene Zwecke erfunden? Glaub', was du willst! Aber ich sagte die Wahrheit.«

»Menelaos,« sagte Eteoneus, »ich erwartete, dich allein zu finden. Ich bitte um Verzeihung.«

»Vielleicht bin ich im Wege, Menelaos«, sagte Helena. »Ich komme wieder, wenn du frei bist.«

»Hör' einmal, Eteoneus, was fällt dir ein, zu sagen, daß du mich allein zu finden erwartetest? Was ist denn in dich gefahren? Willst du es mir verübeln, wenn ich in meinem eigenen Hause mit meiner eigenen Frau spreche?«

»Ich maße mir nicht an, dir irgend etwas zu verübeln. Menelaos,« sagte Eteoneus, »wie ich auch darüber denken mag.«

»Das geht nicht an, Eteoneus«, sagte Menelaos. »Ich habe dir neulich geboten, dich einer höflichen Sprechweise zu befleißigen, wenn du von irgendeinem Mitgliede meiner Familie sprichst. Ich denke, du hast mich deutlich verstanden?«

»Nein, Menelaos,« sagte der Torhüter, »ich habe zwar die Worte deutlich gehört, aber verstanden habe ich dich nicht … Doch es ist besser, wir reden nicht weiter darüber – in Gegenwart der Herrin.«

»Eteoneus,« sagte Helena, »ich höre dich immer gern, was du auch zu sagen hast. Tu, als ob ich nicht hier wäre – es sei denn, daß es sich um eine Privatangelegenheit meines Mannes handelte, von der ich nichts wissen darf. Du bist ein alter Freund, und ich habe seit meiner Rückkehr noch nicht viel von dir gesehen. Wie geht es dir?«

»Gesundheitlich ausgezeichnet,« sagte Eteoneus, »aber ich bin innerlich bedrückt.«

»Das tut mir leid,« sagte Helena, »bei deinen treuen Diensten solltest du in deinem Alter ein ruhiges Gewissen haben.«

»Oh, mein Gewissen ist ganz in Ordnung. Was mich bedrückt, ist nicht eigenes Unrecht.«

»Eteoneus,« sagte Menelaos, »was führt dich her? Was wünschest du von mir?«

»Einen Augenblick, Menelaos«, sagte Helena. »Habe ich recht verstanden, so fühlt Eteoneus sich von dem Unrecht bedrückt, das andere getan haben?«

»So ist es«, sagte Eteoneus.

»Du meinst, Unrecht, das sie dir persönlich zugefügt haben?« fragte Helena. »Ich möchte natürlich nicht indiskret sein.«

»Oh, so war es nicht gemeint«, sagte Eteoneus. »Es handelt sich nicht um ein mir persönlich zugefügtes Unrecht.«

»Nun,« sagte Helena, »Unrecht, das andere an andern begangen haben, gibt es so entsetzlich viel in der Welt. Wenn du dir das alles zu Herzen nimmst, Eteoneus, mußt du eine wahre Manie haben, dich zu grämen.«

»Eteoneus,« sagte Menelaos, »ich bestehe darauf, zu wissen, was …

»Verzeih, Menelaos«, sagte Helena. »Ich wußte nicht, daß es dich verstimmt, wenn ich mit Eteoneus rede.«

»Durchaus nicht«, sagte Menelaos. »Sprich mit ihm, soviel du willst, aber zu einer andern Zeit. Jetzt möchte ich hören, was er will.«

»Ich wollte dir nur eine Nachricht bringen,« sagte Eteoneus, »die dir zu andern Zeiten angenehm zu hören gewesen wäre.«

»Du willst doch nicht sagen, daß Pyrrhus die Einladung abgelehnt hat?«

»Er hat sie noch nicht erhalten. Nein, meine Nachricht betrifft deinen Bruder.«

»Ist er zurückgekehrt?«

»Jawohl«, sagte Eteoneus. »Die Nachricht ist soeben gekommen, daß er wieder daheim ist, gesund und wohlbehalten. Der Mann, der es mir sagte – er kam etwa vor einer Stunde hier vorbei – hat ihn selbst gesehen, wie er vor seiner Tür hielt, mit seinen Wagen, dem ganzen Gepäck und der Kriegsbeute und mit Kassandra, seiner schönen Sklavin. Der Mann sagte, Kassandra sei wunderbar schön.«

»Das soll sie sein«, erwiderte Menelaos. »Was geschah dann?«

»Nichts. Sie gingen alle ins Haus. Nachdem die Türen geschlossen waren, wartete die Menge natürlich noch ein Weilchen und zerstreute sich dann allmählich. Und auch der Mann ging seines Weges.«

»Ich möchte wissen, was hinter jenen Türen vor sich ging«, sagte Menelaos.

»Ich auch,« sagte Eteoneus, »allein der Mann schien sich über die Bedeutung des Augenblicks nicht klar zu sein. Es war ein Handelsmann, der zufällig durch die Stadt kam und von Klytemnestras Betragen nichts gehört hatte. Er war ganz überrascht, als ich ihm davon erzählte, und bedauerte sehr, gerade im kritischen Augenblick fortgegangen zu sein.«

»Hat er denn Klytemnestra gar nicht gesehen?« fragte Menelaos.

»O ja, sie kam heraus, um Agamemnon zu begrüßen, wie der Mann sagte, und führte ihn ins Haus. Sie begrüßte auch Kassandra mit großer Höflichkeit.«

»Tat sie das wirklich?« fragte Menelaos. »Und war auch Ägisth bei der Begrüßung zugegen?«

»Der Mann hat ihn nicht gesehen – überhaupt nichts von ihm gehört«, sagte der Torhüter. »Das kommt, weil er so eilig weiterging.«

»Eteoneus,« sagte Menelaos, »als du mir zuerst die Geschichte von Klytemnestra und Ägisth erzähltest, dachte ich, das Ganze könnte ein leeres Gerücht sein, und ich sagte es dir auch. Nun scheint mir meine Vermutung ganz richtig gewesen zu sein. Wenn Ägisth Herr des Hauses wäre, so würde Klytemnestra Agamemnon nicht auf so ehrerbietige Weise begrüßt haben. Wenn die Skandalgeschichte wahr wäre, so hätte der Mann davon gehört, wenn er auch noch so schnell weiterging.«

»Ach Unsinn, Menelaos«, sagte Helena; »du versuchst, dich selbst zu täuschen. Orest hat doch Hermione die ganze Sache erzählt; Hermione hat es mir selbst gesagt, und dir gewiß auch. Eteoneus hat früher als wir alle darum gewußt. Nein, meine Schwester lebt mit Ägisth, und ihr Gatte ist heimgekommen. Der Händler ging offenbar zu schnell weiter. Inzwischen werden sie alle zu irgendeiner Verständigung gekommen sein. Wenn man doch wüßte, auf welche Art!«

»Es gibt nur eine Art von Verständigung«, sagte Menelaos. »Mein Bruder wird Ägisth töten, und Klytemnestra wird Kassandra töten wollen. Eteoneus, laß alles sofort zur Reise richten. Ich will unverzüglich zu meinem Bruder.«

»Wenn du zu ihm mußt,« sagte Helena, »will ich nicht versuchen, dich zurückzuhalten; aber ich habe das Gefühl, daß es besser wäre, du bliebst hier. Was auch geschehen ist, geschehen ist es nun bereits; du würdest mit deiner Hilfe zu spät kommen. Es werden sicher bald genauere Nachrichten eintreffen. Ich würde an deiner Stelle hier bleiben.«

»Du magst in einer Weise recht haben, Helena, aber ich muß doch hin. Ich muß selbst sehen, wie die Sache entschieden ist.«

»Wenn du dich um Agamemnon beunruhigst,« sagte Helena, »so würde ich an deiner Stelle sofort einen Boten um Nachricht schicken, aber ich würde nicht selbst hinfahren. Du könntest ihm im Fall der Not nicht helfen, wenn du nicht eine beträchtliche Schar deiner Leute mitnähmest; und falls nun Agamemnon und Klytemnestra sich geeinigt haben, würdest du dich ziemlich lächerlich machen, wenn du mit deinen Truppen aufmarschiert kämest.«

»Sie können sich nicht geeinigt haben«, sagte Menelaos.

»Oh, das will ich nicht sagen«, sagte Helena. »In dieser Welt ist alles möglich. Sende Agamemnon deinen Gruß, als ob du nichts von der Geschichte mit Ägisth wüßtest; bitte ihn, bei der ersten Gelegenheit zu uns zu kommen. Seine Antwort wird dir sagen, was geschehen ist und was du zu tun hast.«

»Und wenn er sich nun mit Klytemnestra ausgesöhnt hat und sie mitbringt?« fragte Menelaos.

»Nun, wenn er sich mit ihr ausgesöhnt hat, kann er sie auch mitbringen«, sagte Helena. »Sie ist doch schließlich meine Schwester, und sie ist die Mutter des jungen Mannes, den du zum Schwiegersohn erwählt hast. Du kannst sie nicht übergehen. Wenn du meiner Ansicht gewesen wärst und dich für Pyrrhus eingesetzt hättest, so hättest du dir diese Verlegenheit erspart.«

»Ich habe Klytemnestra nie leiden können«, sagte Menelaos. »Ob sie nun ausgesöhnt sind oder nicht, ich werde an ihrem Betragen immer Anstoß nehmen … Ich glaube auch, daß es das Richtige ist, den Boten zu schicken – Eteoneus, laß einen der Leute sich bereit machen. Sofort.« – – –

»Nun, Helena, wie denkst du über die Sache?«

»Ich weiß nicht, Menelaos. Es ist dein Bruder und meine Schwester. Was es für uns bedeuten wird, weiß ich nicht.«

»Ich denke nicht an uns«, sagte Menelaos. »Wir werden schon jedem Schlage standhalten. Ich wollte meine Gefühle nicht vor Eteoneus zeigen. Es werden schreckliche Dinge dort im Hause vorgehen … meinst du nicht auch?«

»Ich glaube, sie sind inzwischen schon vor sich gegangen«, sagte Helena. »Es tut mir leid um Elektra und um Orest. Und auch um Hermione. Sie wird es sich sehr zu Herzen nehmen, und ein junges Mädchen sollte sich nicht mit solchen Sachen zu quälen haben … Menelaos, was hältst du von der Geschichte mit dem Händler, die Eteoneus vorbrachte?«

»Was sollte ich davon halten? Das, was Eteoneus uns sagte.«

»Du glaubtest also seinem Bericht. Das dachte ich mir. Ich nicht. Eteoneus weiß mehr als er uns sagte, oder der Händler wußte mehr als er Eteoneus sagte. Wie du selbst sagtest, würde jeder Händler von der Skandalgeschichte hören, wie kurze Zeit er sich auch dort aufhielte, und wenn er sie hörte, würde er nicht so achtlos weitergehen.«

»Du glaubst, daß Eteoneus mehr weiß als er sagte?«

»Er oder der Händler.«

»Ich werde ihn sogleich rufen und ausfragen.«

»Frag ihn, ob ich nicht recht hatte, wenn ich dir riet zu Hause zu bleiben«, sagte Helena. »Und frag ihn, aus welchem Grunde. Ich will zu Hermione gehen und ihr die Nachricht bringen. Sie ist vielleicht am meisten davon betroffen.« – –

»Menelaos,« sagte Eteoneus, »ich habe gewartet, bis deine Frau hinausging. Nun kann ich mit dir allein sprechen. Ich habe dir nicht alles gesagt.«

»Dann sag es mir jetzt – was gibt es sonst noch?«

»Der Händler kannte die Skandalgeschichte ganz gut, – wenn ich anders sagte, so war das meine Erfindung. Er wollte dableiben, um zu sehen, was geschehen würde, aber er sagte, jeder habe ihm geraten fortzugehen, wenn ihm seine Gesundheit lieb wäre.«

»Seine Gesundheit?«

»Sein Leben, um es deutlich zu sagen. Der Händler sagte, Klytemnestra und Ägisth hätten die Falle für Agamemnon gestellt und wollten keinen Zeugen dabei haben, wenn sie zuschlüge.«

»Rufe die Leute zusammen, Eteoneus! Ich will sofort aufbrechen.«

»Das würde ich an deiner Stelle nicht tun, Menelaos. Ich hoffe, es ist nicht nötig. Ich habe versucht, Orest zu finden, und ich glaube, er hat die Nachricht bekommen. Vielmehr, ich bin dessen sicher. Er wird die Sache in die Hand nehmen. Er hält mich nicht für seinen Freund, aber in einer solchen Not stehe ich zu ihm, und er hat jetzt Gelegenheit zu zeigen, was für ein Sohn er ist. Er gehört jetzt mehr als du an Agamemnons Seite. Wenn ich mich nicht irre, ist er bereits unterwegs. Du tust besser daran, hierzubleiben, den Boten zu schicken und die Antwort abzuwarten.«

»Wo war Orest? Ich dachte, er wäre nicht zu finden?«

»Ich wollte ihn vorher nicht finden«, sagte Eteoneus. »Es ist sein Geheimnis, daher will ich nicht verraten, wo er war; aber jetzt werden wir sehen, aus welchem Holz er ist. Es ist dir hoffentlich recht, ich rüstete ihn mit deinen besten Waffen aus. Es bleibt ja in der Familie, wie ich zu ihm sagte.«

 

6

Meine liebe Hermione, ich bin gleich herübergekommen, sowie ich die Nachricht hörte. Helena ist hoffentlich zu Hause?«

»Leider nicht, Charitas, sie ist heute nachmittag ausgegangen. Komm herein und nimm mich als notdürftigen Ersatz.«

»Nicht notdürftig, liebes Kind! Aber dies ist schon das zweitemal, daß ich sie verfehle. Wenn ich deine Mutter nicht so gut kennte, würde ich den Verdacht hegen, daß sie sich verleugnen ließe. Sag' ihr, wie enttäuscht ich bin! Sowie ich hörte, daß Agamemnon zurück sei, sagte ich: ich muß gleich hin und Helena sagen, wie froh ich bin. Ach Gott ja! … Ihr habt wohl Nachricht von eurer Tante?«

»Nein, wir haben noch keine direkten Nachrichten von ihnen. Ein Mann brachte die Kunde, daß Agamemnon heimgekehrt sei. Mutter sagte es mir. Vater hat Agamemnon bitten lassen, auf ein paar Tage zu uns zu kommen, sobald er Zeit hätte.«

»Dein Oheim ist ein bedeutender Mann, Hermione. Du kannst stolz auf ihn sein. Ich meine natürlich nicht, daß dein Vater nicht auch bedeutend ist, aber Agamemnon hatte immer … nun, er hatte etwas Besonderes an sich. Es ist schwer, so etwas zu definieren. Ich habe nie begreifen können, daß deine Tante ihr Glück nicht zu würdigen wußte – die meisten Frauen würden sich glücklich schätzen an der Seite eines solchen Gatten.«

»Vielleicht ist es ihr um ein solches Glück gar nicht zu tun«, sagte Hermione. »Mutter mag es auch nicht hören, wenn man das behagliche Glück eines ruhigen und gesicherten Lebens preist. Sie scheinen ihre eigene Auffassung vom Glück zu haben. Aber vielleicht sollte ich dies nicht von meiner Tante sagen. Ich glaube, daß sie ihren Gatten doch schätzt – soweit sie ihn kennt. Ich weiß nichts, was dagegen spricht.«

»Mein liebes Kind, du willst doch nicht behaupten, daß du nichts von Klytemnestras ganzem Tun und Treiben gehört hast! Natürlich hast du das! Es ist längst der allgemeine Gesprächsstoff bei all euren Freunden und Bekannten. Ich weiß nicht, wie eine Frau den Mut zu solchen Dingen findet. Nicht etwa, daß ich sie um solchen Mut beneidete! Aber du kannst nicht sagen, daß sie Agamemnon schätzt, wenn sie mit Ägisth lebt.«

»Ich verstehe nicht viel von solchen Dingen, Charitas, aber ich glaube, daß ich die Ansicht meiner Tante wenigstens bis zu einem gewissen Grade verstehe. Ich will ihr anstößiges Leben nicht verteidigen, allein sie hat ihre schätzenswerten Eigenschaften. Orest – mein Vetter, weißt du – hängt sehr an ihr, und ich sage mir immer, daß ein so vortrefflicher Mensch nicht jemanden lieben würde, der von allen Tugenden verlassen ist.«

»Vielleicht ist es bei ihm nur Pflichtgefühl«, sagte Charitas. »Jedenfalls freut es mich, dies von Orest zu hören; ich dachte, er hätte etwas zu moderne Anschauungen. Du weißt, daß er nicht nach Troja ging, obwohl er ein gefürchteter Kämpfer sein soll. Irgend jemand sagte mir – wer war es doch? –, daß er daheim geblieben sei, weil er den Krieg mißbillige. Ich fürchtete, daß es ihm an Pflichtgefühl fehle. Allein Klytemnestra scheint mir ohne Zweifel – dein Oheim wird sie doch nicht wieder in sein Haus aufnehmen? Du sagtest, du hättest nichts darüber gehört.«

»Sie ist ja in seinem Hause«, sagte Hermione. »Sie war doch nie fort. Ich glaube wohl, daß es eine Auseinandersetzung zwischen ihnen geben wird, aber ich wiederhole, Klytemnestra hat auch ein gewisses Recht auf ihrer Seite, und ich behalte mir mein Urteil vor, bis ich mehr über die ganze Sache weiß.«

»Ah, Klytemnestra hat ein gewisses Recht auf ihrer Seite? Das wußte ich nicht. Agamemnon hat also –? Nun, das ist nicht zu verwundern; so machen es die Männer alle. Erzähle mir die Sache doch, Hermione! Ich habe gar nichts davon gehört – ich bin absolut nicht im Bilde.«

»Es ist ganz einfach, wenn man beide kennt«, sagte Hermione. »Agamemnon ist hochfahrend und Klytemnestra ist hochmütig. Was braucht es mehr, damit es Streit gibt? Orest sagt, seine Mutter hätte es Agamemnon übel genommen, daß er soviel Aufhebens von der Flucht meiner Mutter machte. Man könnte denken, sie sei eifersüchtig gewesen, aber Orest sagt, das sei nicht der Fall; er sagt, seine Mutter hätte den Kriegszug nach Troja etwas – nun, etwas außer Verhältnis gefunden. Dazu kam die Sache mit Iphigenie. Hast du davon nicht gehört? Das war vor langer Zeit, damals, als die Flotte in Aulis lag. Mein Oheim schickte von dort Botschaft, Iphigenie solle kommen, er wolle sie mit Achill verheiraten. Meine Tante war natürlich entzückt über diese Verbindung und schickte sich an, ihre Tochter zu begleiten, als Agamemnon ihr sagen ließ, er wolle nur die Tochter – die Mutter solle nicht kommen. Das war nun ziemlich arg, nicht wahr? Klytemnestra wollte ihre Tochter gern gut verheiratet sehen, aber sie wollte natürlich auch zur Hochzeit geladen werden. Du glaubst nicht, wie brutal Agamemnon damals vorging, er sagte: wenn Klytemnestra käme, so würde nichts aus der Heirat; sie solle nicht weiter fragen, er wolle ihr nachher, wenn er heimkäme, alles erklären. Um Iphigeniens Glück nicht im Wege zu sein, schickte sie sie allein nach Aulis – und bei alledem wurde nichts aus der Heirat. Klytemnestra fand, daß ein solcher Verrat alle Bande zwischen ihr und Agamemnon löste, und ich kann ihr darin nicht Unrecht geben.«

»Ich sehe nicht ein, daß sie, weil die Hochzeit ins Wasser fiel, nun gleich ihr Heim zerstören mußte«, sagte Charitas. »Wenn ich jedesmal, wo mein Mann nicht hält, was er mir versprochen, mit einem andern Mann durchginge, so würde ich – nun, so würde ich nicht die sein, die ich bin. Iphigenie konnte einen andern heiraten.«

»Nein, das konnte sie nicht«, sagte Hermione. »Sie taten nämlich etwas Entsetzliches – sie opferten sie, um günstigen Wind zu bekommen.«

»Hermione! Wie furchtbar! – Und dabei erreichten sie vermutlich noch nicht einmal, was sie wollten.«

»O doch«, sagte Hermione. »Es war damals, als sie nach Troja aufbrachen. Aber vielleicht wurde Iphigenie gar nicht wirklich getötet. Ich hatte immer an diese Tötung geglaubt, aber jetzt will das niemand mehr wahr haben, und neuerdings erzählt man, Iphigenie sei noch am Leben, an irgendeinem unbekannten Ort. Weshalb sie dann nicht heimkehrt, ahne ich nicht. Aber was auch mit ihr geschehen sein mag, ich hoffe, mein Oheim hat inzwischen alles befriedigend aufgeklärt, und ich hoffe sehr, daß er auch eingesehen hat, wie Klytemnestras Verhalten dadurch gerechtfertigt wird, daß er die Erklärung so lange hinausgeschoben hat. Orest sagt –«

»Liebe Hermione, ich bezweifle sehr, daß Orest einen guten Einfluß auf dich hat; er scheint gerade so zu reden – und zu denken –, wie man es von dem Sohn seiner Mutter erwarten muß. Du würdest niemals solche verwegenen Anschauungen äußern, wenn sie dir nicht von irgend jemand eingegeben wären; sie entsprechen nicht deiner feinen weiblichen Art. Ich habe Orest in Verdacht. Ich hoffe, du gehst in deiner Bewunderung für ihn nicht zu weit.«

»Ich glaube nicht, daß ich in meiner Bewunderung für ihn zu weit gehe«, sagte Hermione.

»Sicherlich nicht«, sagte Charitas. »Es ist wirklich ein Wunder, Hermione, wie du in deinen Lebensanschauungen so unbeirrbar und auf der Höhe geblieben bist, bei alledem, was um dich her vorging. Du weißt, daß ich deine Mutter liebe, aber – ich darf wohl aussprechen, was selbst die, die ihr am nächsten stehen, zugeben – sie ist keine ideale Mutter. Ihr ganzes Denken dreht sich um Liebe, als ob es darauf allein im Leben ankäme. Auf gesunden Menschenverstand kommt es weit mehr an, glaub' mir! Und auf etwas Umsicht und Erfindungsgeist. Die Leute, die sich in ihrem Gefühl gehen lassen, Hermione, sind einfach eine Plage für uns andere. Ihre Instinkte und Triebe sind ihnen geradezu heilig! Ich hoffe, du läßt dich nicht auf solche Wege locken. Ich versuche immer, Damastors Triebe zu unterdrücken oder wenigstens seine Gedanken davon abzulenken. Bis jetzt ist es mir, glaube ich, auch gelungen. Findest du nicht, daß er ein lieber Junge ist, Hermione?«

»Ich kenne ihn nicht genug, Charitas, um zu wissen, ob er ein lieber Junge ist. Er ist immer sehr höflich gegen mich.«

»Höflich? O Hermione, er liebt dich – er ist wirklich bis über die Ohren in dich verliebt! Du brauchst doch mir gegenüber nicht verschämt zu tun, ich bin ja seine Mutter und deine alte Freundin. Ich kenne seine Gefühle in dieser Beziehung. Der Junge erzählt mir alles. Er kommt oft zu mir ins Zimmer, um mit mir zu sprechen, wenn er dich besucht hat.«

»Was erzählt er dir denn, Charitas? Er kommt nämlich nie zu mir herüber. Ich habe seit vielen Wochen kein Wort mit ihm gewechselt.«

»Hermione! Ich falle in Ohnmacht! Damastor! … Das ist ja unmöglich. Der Junge würde mich doch nicht täuschen!«

»Es tut mir leid, daß ich es dir sagen muß, Charitas, aber du deutetest schon einmal oder mehrmals an, daß Damastor in mich verliebt wäre. Ich konnte auf eine solche Andeutung nicht eingehen, aber sie verdroß mich, da Damastor mir nie irgendwelches Interesse gezeigt hat. Es war mir unangenehm, daß du einen falschen Eindruck hattest.«

»Er sagte mir – das sagt er immer – daß er hierher wollte, um dich zu besuchen. Ich glaubte, er hätte die Absicht –«

»Ich glaube, er hatte auch die Absicht herzukommen«, sagte Hermione. »Ich zweifle auch nicht, daß er hergekommen ist. Und ich zweifle nicht, daß er verliebt ist. Es sind noch andere Frauen hier im Hause, Charitas.«

»Um des Himmels willen! Es ist doch nicht – deine Mutter!«

»Nein, merkwürdigerweise ist sie es nicht. Ich vermute – ich weiß es natürlich nicht sicher –, daß es Adraste ist.«

»Und wer ist Adraste?«

»Das weißt du doch – du hast sie ja gesehen, – das Mädchen, das meine Mutter bedient.«

»Die, die mit Helena zu mir in den Garten kam? Hermione! Sie ist sehr schön!«

»Das ist sie gewiß – wenn man den Typ mag.«

»Wie furchtbar! Ein Mädchen ganz ohne Stand! Und eine, die immer um Helena ist! … Hermione, wie kommst du darauf, daß Damastor in sie verliebt ist?«

»Sie sind viel zusammen, ich habe sie oft miteinander gehen und reden sehen, wenn sie sich allein glaubten. Er ist noch ein Knabe, Charitas, und sie ist ein intrigantes kleines Ding, wenn ich sie richtig beurteile. Sie kennt ihre Reize und möchte sie um keinen Preis ungenutzt lassen; ich glaube auch, daß es mit ihrer Tugend nicht weit her ist. Vielleicht irre ich mich, aber es scheint mir, daß Damastor sich von ihr hat einfangen lassen.«

»Mein armer Junge! Mein armer Junge! Ich hätte es wissen können. Dahinter steckt deine Mutter, Hermione! Ich würde gern deine Gefühle schonen, aber ich muß sagen, diese Frau hat mir übel vergolten, was ich für sie getan habe – obgleich ich wußte, daß sie es nicht verdiente. Was für ein Recht hat sie, wieder ehrbare Frauen aufzusuchen, die vielleicht Schlimmeres von ihrem Gatten erduldet haben, als ihr je widerfuhr, und mit der Miene einer Göttin über menschliche Begriffe von Recht und Unrecht abzuurteilen – und diese kleine Schlange mitzubringen, daß sie unsre Söhne von uns fortlockt und unser Leben vergiftet! Wenn deine Mutter doch ihren gerechten Lohn bekommen hätte, Hermione! Aber noch kann ich Damastor retten. Ich werde ihn fortschicken, an einen Ort, wo er vor diesem Mädchen sicher ist. Er wird sie vergessen, sobald er etwas mehr von der Welt sieht. Er soll zu meinem Bruder auf Besuch. Wenn sie je wieder Gelegenheit hat, mit ihm zu sprechen, so wird das nicht eher sein als bei meiner Bestattung!«

»Ich glaube, daß du klug handelst«, sagte Hermione. »Es ist ein Jammer, wenn ein so netter Junge wie Damastor einem solchen Mädchen zum Opfer fällt. Jeder gut erzogene junge Mensch, der auf sie hereinfiele, würde mir leidtun. Ich bin froh, daß Orest, soweit er sie kennt, sie durchaus ablehnt.«


 << zurück weiter >>