Otto Ernst
Vom grüngoldnen Baum
Otto Ernst

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Warnung vor der Sommerfrische.

Schon in den äußerst frischen Tagen des Januar lagen sie mir täglich in den Ohren:

»Vater, gehen wir dies Jahr in die Sommerfrische?«

»Vater, wenn wir dies Jahr in die Sommerfrische gehen, wohin gehen wir dann wohl?«

»Vater, wenn wir wieder an die Nordsee gehen, wann reisen wir dann wohl?«

»Vater, wenn wir wieder reisen, fahren wir dann zu Schiff oder mit der Eisenbahn?«

»Vater, wenn wir mit der Eisenbahn fahren, nehmen wir dann wieder einen Zug mit Speisewagen?«

Man beachte, wie in diesen Fragen die Voraussetzungen immer positiver werden.

»Es ist noch sehr die Frage, ob wir überhaupt reisen,« sage ich. Das gibt für einen Tag Ruhe.

Am nächsten fragt das Jüngste, das als äußerster Posten vorgeschoben wird, in sehr bescheidenem Tone:

»Vater, hast du dich schon entschieden, ob wir diesen Sommer reisen?«

»Nein.«

»Vater, wenn wir dies Jahr wieder in die Sommerfrische gehen, ich meine nur: wenn wir es tun, wohin« usw. (Siehe oben.)

Im Grunde ist es ein Unfug, in die Sommerfrische zu gehen, wenn unser Dorf und unser großer Garten in Laub und Blüte prangen und Augen und Wangen der Kinder so sommerfrisch wie nur möglich erglänzen. Und vollends hat ein »freier Schriftsteller« keinen Anspruch auf dergleichen »Ausspannung«, wenn er so streng periodisch faulenzt wie ich und dafür so treffliche Worte wie »Meditation« und »innere Sammlung« zur Verfügung hat.

»Mutter hat eine Erholung sehr nötig,« sagt eines der Kinder.

Ach so.

Ich halte dieses Mitgefühl für höchstens fünfzigprozentig; aber der Satz hat seine Berechtigung. Der freie schaffende Schriftsteller hat, wenn er zufällig arbeitet, in eben dieser Arbeit die köstlichste Sommerfrische, oder er soll lieber nicht schreiben; das Weib aber, das die Danaidenarbeit der Hausfrau verrichtet – was sie ordnet, wird täglich wieder verwirrt; was sie reinigt, wird täglich wieder unsauber gemacht; was sie kocht, wird täglich wieder vertilgt, und um so sicherer, wenn es gut gekocht ist – das Weib also, das um die täglich schnurrende Spindel des Haushalts den immer gleichen, endlosen Faden dreht: das Weib muß hinaus.

Immerhin konnte man noch im Zweifel sein, ob die Gattin und Mutter in diesem Jahre durchaus erholungsbedürftig sei; sie selbst verneinte das entschieden; aber als sie die Vorbereitungen für die Reise und den fünfwöchigen Kuraufenthalt von sieben Personen getroffen hatte, da konnte nicht der geringste Zweifel mehr an ihrer gründlichen Erholungsbedürftigkeit bestehen. Man muß zugeben, daß es eigentlich nicht sehr sinnreich ist, durch wochenlanges ununterbrochenes Schneidern und Bügeln, Einkaufen und Besorgen, Aus- und Einpacken die hinreichende Abspannung und Nervosität für eine erfolgreiche Erfrischungskur erst zu schaffen; aber wie selten sind die Handlungen der Menschen sinnreich. Und da Kinder das Gute in der Nähe niemals finden, da sie immer in die Ferne schweifen wollen, da Kinder in ihrem Denken und Empfinden überhaupt fabelhaft ungoethisch sind und nur durch Schaden klug werden können, so müssen sie eben in die Sommerfrische.

Und das muß ich ja sagen: die Ausfahrt mit der Eisenbahn ist lautere Lust. Wir könnten auch zur See an unser Ziel gelangen, und ich für meine Person bin einigermaßen seefest; aber der bloße Gedanke an die bloße Möglichkeit einer Familienseekrankheit braucht mir nur aufzusteigen, und ich entscheide mich sofort für die Eisenbahn. Meine Frau und ich haben es so eingerichtet, daß die Familie gerade ein Wagenabteil füllt.

Und da sitzen sie nun mit ihren zehn blanken Augen voll Fernenlust und Erwartungsjubel. Ich weiß nicht: ich muß mich immer hüten, daß mir die Augen nicht feucht werden, wenn ich so viel jugendliche Erwartungsfreude sehe. Wenn ich sage: »Da sitzen sie,« so ist das übrigens eine Beschönigung. Wenn sie sitzen, so sitzen sie doch alle fünf Minuten auf einem andern Platze; im übrigen machen sie sich soviel Bewegung, wie der Raum nicht zuläßt. Jede Telegraphenstange ist etwas Neues, jeder Steinkohlenschuppen etwas Schönes, jeder aufspringende Hase ist ein Abenteuer, jeder Bahnwärter eine interessante Bekanntschaft und jeder Kartoffelacker eine Landschaft, oder, wie die Kleinste sagt: eine »Lampschaft« Indessen: so eine Reise dauert sieben Stunden, und im Verlaufe von sieben Stunden verlieren auch Telegraphenpfähle ihren Reiz. Ja, selbst Hasen ziehen nicht mehr. Dann muß ich für die Hasen einspringen.

»Vater, mach' mal wieder Witze.«

Dieses Verlangen ist nicht so grausam, wie es sich der Leser wohl denkt. Unter »Witzen« ist hier nicht zu verstehen, was man in der Literatur darunter begreift. Ein dummes Gesicht zum Beispiel, das ich in verschiedenen Variationen ganz ausgezeichnet zu machen verstehe, ist ein sehr guter Witz, und so alte Anekdoten gibt es nicht, daß diese unverbrauchten Zwerchfelle nicht darauf reagierten. Ich habe vermutlich gerade wieder einen glänzenden »Witz« gemacht; das ganze Coupé »wälzt« sich; das Jüngste liegt oben im Gepäcknetz und strampelt jauchzend mit den Beinen – da öffnet ein Husarenleutnant die Tür, um einzusteigen. Die fünf »angeregten« Kinder erblicken und mit dem Ausruf »Barmherziger Himmel!« die Tür wieder zuschlagen, ist das Werk einer halben Sekunde. Ich kann es ihm so tief nachempfinden, und doch halt' ich unter den vielen Imperativen unserer Tage nur wenige für so befolgenswert wie den Imperativ: Reise mit Kindern.

Wohlverstanden: Ich habe nicht hinzugefügt: »In die Sommerfrische.« Denn das würde heißen: Reise mit 84 Hemden, 98 Unterhosen, 120 Paar Strümpfen, 280 Schnupftüchern usw. (Der Leser ergänze das andere nach Proportionalrechnung.) Wie meint der Leser? Man brauche nicht so viel mitzunehmen, man könne ja an Ort und Stelle etwas zur Wäsche geben? Gewiß kann man das; aber der geneigte Leser versuche mal, es wieder zu bekommen. Sollte er ein Verhältnis mit der Wäscherin haben und seine Sachen infolgedessen noch vor Weihnachten zurückerhalten, so werden sie nach einer Schmierseife riechen, daß er lieber ungeschneuzt durchs Leben wandelt als solch ein Taschentuch an die Nase zu führen.

Die Eisenbahn oder das Schiff bringen uns nicht bis an den Ort unserer Erholung; da wir Ruhe und Abgeschiedenheit suchen, ist das ja soweit in Ordnung. Aber der Weg, den wir nun noch mittels Kleinbahn und Wagen zurücklegen müssen, ist keineswegs in Ordnung. Vermutlich hat der Leser einmal gesehen und gehört, wie ein schwerer, mit Hunderten von losen Eisenstangen und Blechplatten beladener Lastwagen über ein holperiges Straßenpflaster fährt. Der geneigte Leser setze sich in Gedanken oben auf diese Eisenstangen und Blechplatten, und er hat die Fahrt mit unserer Kleinbahn. Wenn er seiner Frau ins Ohr brüllt: »Wie geht es dir, mein Schatz?« dann wird sie etwas zurückschreien wie »Montag!« oder »Brasilien!« oder dergleichen. Diese Fahrt dauert eine Stunde. Man darf sie eben noch nicht als Sommerfrische, sondern muß sie als Präparation auf die Sommerfrische betrachten. Dann folgt eine Stunde Wagenfahrt. Wer diese hinter sich hat, ist unter allen Umständen erholungsbedürftig. Wenn man Erbsen auf eine Trommel legt und dann auf dem Fell einen Wirbel schlägt, so hüpfen die Erbsen genau wie Reisende, die diese Wagenfahrt machen. Die Kinder finden das zunächst sehr lustig und verlangen keine Witze mehr von mir; ich wäre auch nicht in der Lage. Aber schließlich werden sie müde und verlangen ins Bett. Zum Schlafengehen bedarf es freilich noch verschiedener Dinge, die in den Koffern sind. Und die Koffer werden, wie uns der händereibende Wirt beruhigend versichert, spätestens morgen früh nachkommen. . . .

»Um 10 Uhr ist alles vorbei« – das ist ein trostreiches Wort bei den Theaterleuten. Es gilt auch für Badereisende, nur daß es gewöhnlich mehrere Stunden später wird und dann auch noch nicht alles vorbei ist. Meine Frau hat die Zierdecken von den Betten genommen, und –»mich faßt ein längst entwohnter Schauer«. Als Kind mußte ich eine Zeitlang Lebertran nehmen. Ich war um die Stunde des Einnehmens mit Vorliebe nicht anwesend, mußte immer erst förmlich verhaftet werden, und wenn man mich dann auf den Rücken legte, mir Arme und Beine fest und die Nase zuhielt, dann nahm ich den Tran, weil ich ihn wohl oder übel – häufiger übel als wohl – nehmen mußte. Ich schwelge gern in den Erinnerungen meiner Kindheit; aber um den Lebertran macht die Erinnerung noch heute mit zugehaltener Nase einen weiten Bogen. Diese Betten hier riechen nach Tran. Bettlaken, Überzüge, Handtücher, Servietten – alles ist mit einer Seife gewaschen, die man mit Tran bereitet hat. Meine Frau versprengt eine Unmenge Parfüm; aber dadurch kommt ein Mischgeruch heraus, der noch abscheulicher wirkt. Zum Glück hat die Natur das menschliche Riechorgan so eingerichtet, daß es gegen Gerüche bald abstumpft. Es hilft ja auch alles nichts: endlich muß man doch liegen und schlafen, und wir schlüpfen ins Bett.

Auf dem Hofe schlägt irgendwo eine Tür. In der Sommerfrische schlagen immer Türen. Wenn die Tür noch so liebenswürdig sein wollte, in regelmäßigen Zwischenräumen zu schlagen, so hätte ich nichts dagegen. An rhythmische Geräusche gewöhnt man sich; sie haben sogar etwas Einschläferndes. Aber nein; fünf Minuten lang denke ich ununterbrochen: jetzt hat sie sich beruhigt, und wenn ich dann zufrieden die Augen schließe, dann knallt sie. Ich werde morgen natürlich unsere Wirte ersuchen, die Tür zu befestigen; aber es wird wenig ausmachen; denn morgen wird dafür eine andere Tür oder ein Fenster schlagen. Während ich stundenlang zwischen Schlaf und Wachen liege, beschleicht mich überdies ein wachsendes Unbehagen, das ich mir anfangs nicht erklären kann. Endlich hab' ich's heraus: mich friert. Wenn die Bettdecke so warm wäre, wie sie schwer ist, dann wäre sie die wärmste Decke der Welt. Dazu kommt, daß durch die offenbar nicht völlig schließenden Fenster der in diesen Himmelsstrichen übliche Wind mit ermunternder Frische hereindrängt. Ich sage mir ja, daß es Sommerfrische ist; aber ich steige schließlich doch wieder aus dem Bett heraus und suche, was an Mänteln und Decken vorhanden ist, zusammen, um damit die Fenster zu verhängen und mein Bett zu ergänzen. O mein heimisches Bett – nur nicht dran denken – nicht dran denken –! Man geht ja in die Sommerfrische, »um alles hinter sich zu lassen, was usw.«

Ich habe meine Virtuosität im Faulenzen gerühmt. Aber immer faulenzen, das ist dasselbe, wie ununterbrochen Rebhühner essen. Ich pflege deshalb in der Sommerfrische des Morgens zu arbeiten, um den Nachmittag mit der heiteren Ruhe eines pflichttreuen Mannes totschlagen zu können.

Es ist Morgen, und ich will also arbeiten. Trotz der miserablen Nacht bin ich in geradezu schaffenswütiger Stimmung; irgend eine Frucht in mir ist im neunten Monat. Ich eile in fiebernder Hast an die Kommode, in der mein Schreibpapier liegt. Die Schublade läßt sich nicht öffnen. Sommerfrischenschubladen lassen sich nie öffnen, diese aber schon gar nicht. Ich reiße und zerre, klopfe und drücke – vergebens. Jetzt ist mir warm – heut' Nacht wär' es mir lieber gewesen. Noch ein verzweifelter, sozusagen tobsüchtiger Angriff – ich liege mitten in der Stube und die Schublade oben auf mir. So was macht Stimmung.

Nun die Tinte. Es ist nicht einmal ein Tintenfaß da. Ich will die Klingel ziehen – ach so, sie geht ja nicht. Sie ging ja schon 1904 nicht; jetzt haben wir 1908. Der gesunde Sinn der Landbevölkerung ist konservativ; die nervöse Hast des Großstädters liegt ihm fern. Er denkt so wie jener Kieler Theaterdirektor, der, als sein Regisseur ihn mahnte, doch endlich einmal zur Hervorbringung nötiger Bühnenmusiken ein Klavier anzuschaffen, entgegnete: »Ach, wozu denn? Die Leute hier sind gar nicht für das Übertriebene.«

Ich steige hinunter in die Region der Wirte. Nach langem Suchen finde ich die Wirtin am Waschkübel. Feder und Tinte sollen sofort hinaufgebracht werden. Gut.

Der preußische Minister von Puttkamer hat einmal erklärt, »sofort« könne auch »nach drei Monaten« bedeuten. Er war auch Landbewohner. Aber die Tinte ist schon nach einer halben Stunde da.

Ich tauche mit großem Schwunge die Feder ein, um die Überschrift zu schreiben – kein Strich. Ich gucke ins Tintenglas: auf seinem Grunde sitzt eine schwarze Kruste, die vor Jahren einmal Tinte gewesen sein kann. Ich also wieder hinunter zur Wirtin, um ihr die »Tinte« zu zeigen.

»Ja, wir schreiben ja nicht,« bemerkt sie achselzuckend, und aus ihrem Tone klingt ein unverkennbarer Vorwurf gegen mich heraus.

»Ja, wie bekomm' ich denn nun Tinte?« frage ich bescheiden.

»Sowie mein Mann zur Stadt geht, soll er Tinte mitbringen.«

»Wann geht Ihr Mann zur Stadt?«

»Jeden Sonnabend,« versichert sie beruhigenden Tones. (Heute ist Dienstag.) Und die Frau sagt das mit einem sonnigen Lächeln, als wenn die deutsche Literatur ruhig warten und man die Geburt eines Kindes nach Belieben um fünf Tage hinausschieben könnte.

Ich werde also zum Bleistift greifen müssen. Das ist mir fürchterlich; ich muß schöne, tiefschwarze Schriftzüge auf blütenweißem Papier vor mir sehen, das regt mich an. Mit Bleistift kann ich nicht dichten. Aber in der Not . . .

Ich bin gewohnt, beim Arbeiten zu rauchen, habe mir denn auch ein ansehnliches Quantum erlesenster Zigarren mitgenommen. Ich entzünde eine davon – sie schmeckt nach Anchovis. Alles nimmt hier Seesalzgeschmack an, die Zigarren aber besonders. Man entzünde einen gesalzenen Hering und versuche, zu rauchen – es schmeckt nicht.

Auch bin ich gewohnt, beim Arbeiten unaufhörlich auf und ab zu gehen. Hier knarren die Dielen. Sämtliche Fußböden in sämtlichen Sommerfrischen knarren ohne Ausnahme. Unmöglich, einen Gedanken zu fassen. Ich kann nichts anderes denken als: »Jetzt kommt gleich wieder das knarrende Brett.« Ich suche einen andern Weg durch das Zimmer. Da rummelt es. Jedesmal, wenn ich an eine bestimmte Stelle komme, macht irgend etwas: »Rumbumbumbumbum«. Eine halbe Stunde lang suche ich nach der Ursache dieses impertinenten Geräusches. Ist es das »schauerlich gedrehte« Weib im »Jugendstil« unserer Galanteriewarenläden, das auf der Kommode steht? Ich nehm' es und bette es weich in die Ecke des Plüschsofas – das Geräusch bleibt. Ich nehme von dem »Phantasieschrank« sämtliche Nippes herunter und lege sie zu der Dame aufs Sofa – es rummelt weiter. Halt. Der »Phantasieschrank« hat oben zwei wundervoll gedrehte Zierknöpfe; solche Knöpfe sitzen in Sommerfrischen immer lose – richtig: ich brauche nur leise an den Schrank zu stoßen und sie fallen mir wie reife Früchte in die Hand – ich lege sie zu dem Übrigen. Das Geräusch dauert fort.

Unterdessen fault die Frucht meines Geistes auf dem Halme. Denn jetzt wäre ich allenfalls in der Stimmung, einige Menschen zu ermorden, nicht aber, einem Kunstwerk das Leben zu geben.

Und zu Hause habe ich ein Arbeitszimmer – oh, – von Norden und Süden blicken blauer Himmel und grüne Bäume herein, vom Süden außerdem die Sonne; am Tage hilft mir die Drossel, am Abend die Nachtigall bei meinem Werk; da knarrt nichts, da rummelt nichts; es ist die Ruhe, die Sammlung selbst; es ist eine beständige Inspiration; mein Barbier, wenn er mich rasieren kommt, sagt jedesmal: »Ja – hier könnte ich auch dichten.« – kurz: ich werde mich hüten, es weiter zu beschreiben; der Leser würde sonst ausrufen: »Aber dann sind Sie doch ein Quadrat-E—«

Nein, geneigter Leser, Kubik-, bitte, Kubik-! Aber was hilft diese Einsicht? Das Beste ist: nicht dran denken, nicht dran denken. Man geht ja ins Bad, um »alles hinter sich zu lassen, was usw.«

Nach solchem nützlich verbrachten Morgen geht man zum Essen. Wir gehen ins beste Hotel dieses Kurortes. Es gibt den bekannten internationalen Hotelfraß (Pardon: aber jede Milde wäre hier wirklich unangebracht). Eine Speise soll ein Kunstwerk sein, und nun stelle man sich ein Kunstwerk vor, das ein Publikum von Japan bis San Francisco, vom Lyriker bis zum Ochsenkommissionär befriedigt. Die Suppe schmeckt genau wie der Pudding, der Gurkensalat genau wie der Rehrücken. Und die Sauce, diese weltumspannende Grand Hotel-Sauce, die, wenn man in Hammerfest den Teller kippt, im nächsten Augenblick in Messina ist! Warmes Wasser, in das man ein paar Tropfen Kaffee schüttet, würde dieselben Dienste tun. Aber eines erfreut uns doch, mein Weib und mich: die Kinder, die Kinder! Man erlebt sein blaues Wunder! Sie, die zu Hause oft die leckersten Dinge verschmähen, hier finden sie alles herrlich und himmlisch, auch den ausgesprochensten Buchbinderpudding. Und wenn sie daheim durch keinen Zwang und keine Überredung zu bewegen sind, Hammelfleisch zu essen – hier essen sie Hammelfleisch. Es ist ja etwas Anderes, etwas Fremdes, etwas Neues. Außerdem heißt es hier Mouton.

Um das Diner zu vergessen, legt man sich zum Mittagsschlafe nieder. Die Überschüsse aus den Sommergästen werden gewöhnlich zunächst in einem Klavier angelegt. (Unrecht Gut gedeihet nicht.) Um diese Stunde übt das Wirtstöchterlein. Es spielt: »Siehste wohl, da kimmt er, große Schritte nimmt er«, und bei diesen großen Schritten tritt »er« immer auf f statt auf fis. Außerdem »kimmt« er im schleppendsten Trauermarschtempo. Man könnte ja allenfalls dabei einschlafen, wenn nicht immer dieses verdammte f wäre. Bums, da ist es wieder. – Jetzt spielt sie was anderes. »Ich bin der kleine Postillon.« In A-dur ohne Kreuze. Also schlafen ist nicht. Rauchen ist auch nicht; hinunter an den Strand, zu den Meinigen.

Ich sage nichts gegen das Meer. Ich sage auch nichts dafür; es braucht keinen Fürsprecher. Aber hier ist kein Meer, hier ist Jungfernstieg, Friedrichstraße, Kärntnerstraße. In dem von der Kurverwaltung herausgegebenen Prospekt heißt es »Strandidyll«. Überhaupt diese Kurprospekte. Wenn irgendein Nest am Wasser liegt und eine Papierfabrik hat, dann heißt es »das nordische Amalfi«. Was von der Kultur in den Wohnungen und an der Hoteltafel gilt, das gilt auch hier: viel zu viel und viel zu wenig. Ich habe alles gesagt, wenn ich sage, daß ein lieber Schneck von einem Kurgast ein Grammophon mitgebracht hat.

Dazwischen hör' ich von links:

»Der Caruso kriegt für jeden Abend 10 000 Mark.« und von rechts:

»Solange die Konsols nicht mindestens 83 stehen, ist nix zu wollen.«

Dabei ist dies einer der stillsten, abgeschiedensten Kurorte. Und Kinder sind hier, Kinder –! Ich kann ja verstehen, daß man fünf Kinder hat; aber sechs? Oder noch mehr?! Ich liebe Kinder außerordentlich, aber nicht ohne alle Auswahl. Es gibt Kinder, deren Eltern ich gern zweimal täglich, einmal morgens und einmal abends durchprügeln würde, Kinder, deren soziales Empfinden, deren Eigentumsbegriffe, deren gesellschaftliche Möglichkeit überhaupt vollkommen unentwickelt geblieben sind. Diese Sommer-Frischlinge zerstören mit inniger Freude, was friedliche Kinder gebaut haben, und zeigen eine heftige Anziehungskraft für fremde Schaufeln, Eimer und sonstiges Spielzeug. Also wenn ich oben gesagt habe: Reise mit Kindern! so ist diese Aufforderung nicht an alle Eltern gerichtet. Wenn man die Eltern solcher Kinder darauf aufmerksam macht, daß die Spielgeräte in den Händen ihrer Kleinen eine verzweifelte Ähnlichkeit mit gewissen, kürzlich abhanden gekommenen zeigten, so erfährt man zu seiner großen Überraschung, daß bei diesen Kindern jede Unart ausgeschlossen sei. Gewisse Behauptungen wirken stärker als alle Beweise. Man schweigt und kauft neue Schaufeln. Ich habe schon ein kleines Vermögen für Strandspielzeug geopfert. In dem Prospekt der Badeverwaltung wird dieser Kurort natürlich auch gegen Gelbsucht empfohlen; aber ich will mir sie lieber gar nicht erst zulegen.

So schwer es auch fällt, sie sich vom Leibe zu halten, wenn das Bett jeden Abend wieder nach Tran riecht, wenn immer wieder eine Tür schlägt, eine Klinke kreischt, eine Schublade nicht auf- und, wenn sie offen ist, nicht zugeht, wenn alle drei Tage ein Kurgast im anstoßenden Pavillon bis zwei Uhr nachts »Geburtstag« feiert usw. usw. Prompt sind die Leute hier nur in einem Punkte: die Rechnung erscheint mit astronomischer Pünktlichkeit. Und wenn ich mir die Rechnung betrachte, dann muß ich mir allerdings sagen, daß ich mir zu Hause für dasselbe Geld nicht entfernt so viel Unbequemlichkeiten verschaffen könnte.

Damit will ich ja gewiß nicht sagen, daß man hier nicht auch heitere, sonnige Augenblicke verlebte, wie zum Beispiel damals, als ich mit dem biedern Sönke Harmssen (das steht auch immer in den Kurprospekten, daß die Einwohner ein biederer Menschenschlag seien) eine Segelpartie machte. Ich erzählte ihm, daß ich vor kurzem mit Peter Paysen eine Fahrt gemacht hätte, daß aber Peter Paysen nicht allzu viel vom Segeln zu verstehen scheine.

»Der?« lachte er, »der is noch dümmer als 'n Kurgast!«

»Na na, nun übertreiben Sie,« sagte ich.

»Nee!« rief er und verzog den Mund bis an die Ohren, »der is wiß un wahraftig noch dümmer als 'n Kurgast, hähähä!«

»Hähähä,« machte auch ich.

Solche Augenblicke entschädigen ja für vieles; aber sie sind doch nur vereinzelt.

Von einer Sommerfrische aber muß ich noch besonders erzählen.

Ich bezog nur ein kleines Gehalt und war trotzdem sehr erholungsbedürftig; noch erholungsbedürftiger war mein armes Weib, das kurz vorher ein schweres Leid erfahren hatte, und am allererholungsbedürftigsten war unser jüngstes Kind, das schon drei Jahre lebte und doch nicht lebte, weil es noch keinen Tag gesund gewesen war. Auf den Rat eines Freundes gingen wir mit Sack und Pack in ein kleines, weltverlassenes Fischerdorf an einer Bucht der Nordsee. Bei einem kleinen Bauern hatten wir uns auf vier Wochen in Kost und Logis gegeben. Ich weiß nicht mehr, was ich zahlen mußte; aber es war auch nicht mehr wert. Das Meer sahen wir nicht; wir sahen nur die Bucht, und die war eigentlich nichts weiter als ein großer, langweiliger, trübseliger Tümpel. Die zwei Zimmer, die uns zur Verfügung standen, waren wenig über halb so hoch wie unsere Zimmer daheim; dafür enthielten sie aber eine sehr riechbare Luft, während unsere Luft zu Hause nach gar nichts roch. Man kennt ja das hübsche Wort, daß die Luft auf dem Lande deshalb so gut ist, weil die Bauern die Fenster nicht öffnen. Das stimmte hier nicht; wenn man die Fenster öffnete, dann wurde die Luft im Zimmer noch schlechter; denn rings um das ganze Gewese stand eine zehn Meter dicke Mauer von Stallgeruch. Unser Söhnchen freilich faßte vom ersten Tage an eine tiefe Neigung zu dem Kuh- Schaf- Pferde- Schweine- Gänse- Hühnerstall; aber er entfremdete sich das Herz seiner Eltern durch das zusammengesetzte Parfüm, das er von dorther mitbrachte. Wenn man sich durch Zimmer- und Stallgeruch hindurchgerungen hatte, dann kam man in eine dritte Zone, die des Fischgeruchs. Der Geruch von Dorschen beherrschte das ganze Dorf und seine Umgebung. Obwohl nun meiner Frau wie auch mir der Fischgeruch äußerst unsympathisch war, hätten wir diese gemäßigte Zone dennoch den beiden andern vorgezogen, wenn nicht während unseres ganzen Aufenthaltes mit geringen Atempausen ein Sturm gewütet hätte, gegen den sich Erwachsene nur mit größter Mühe, Kinder aber gar nicht auf den Beinen zu halten vermochten. Wir hätten uns ja vielleicht auf allen Vieren fortbewegen können, wenn da nicht noch ein anderes Hindernis gewesen wäre: der Regen. Es regnete täglich 25 Stunden, und unser guter Wirt sagte selbst: »Wir haben ja schon manche schlechte Sommers gehabt; aber diesen Sommer regent es ja pergament!« Das war das treffende Wort: dieser Regen war ausdauernd wie Schweinsleder. Trotz alledem gingen wir mit den Kindern, auch mit dem jüngsten, so oft an den Strand, wie es irgend durchzusetzen war, dann freilich bis an die Zähne bewaffnet mit Wintermänteln, Tüchern und doppeltem Unterzeug. Den größten Teil der Zeit aber mußten wir im Zimmer verbringen, und da hatten wir denn reichlich Muße, über das Sinnreiche dieser ganzen Unternehmung nachzudenken. Ich las in diesen Wochen viel Spinoza, das erfüllt mit einer großen Resignation und Geduld. Nur hin und wieder wurde ich durch unser krankes Kindchen unterbrochen, das am Boden kroch und die Ärmchen nach mir ausstreckte. Dann mußte ich es auf meiner Schulter reiten lassen und dazu in der Stube auf und abgehend singen:

Alles neu
Macht der Mai
Macht die Seele frisch und frei!

und wir machten die Beobachtung, daß es immer öfter nach diesem Spiel verlangte und, während es sonst verdrießlich, weinerlich und meistens teilnahmlos gewesen war, immer häufiger lächelte. Außerdem hatte ich die Aufgabe, meiner tief darniedergedrückten Frau die umgebenden Verhältnisse als äußerst befriedigend darzustellen. Unser Zimmer nannte ich »traulich« und »altväterisch behaglich«; den Stall fand ich für unsern Jungen sehr »anschauungs- und lehrreich«, und den Stallgeruch »ländlich gesund«, den Fischgeruch bezeichnete ich als »eigenartig« und den Regensturm als »gewaltig« usw. usw. Sie hörte mich auch freundlich und dankbar lächelnd an; nur als ich gewisse rötliche Anschwellungen auf meiner Haut als »die Reaktion auf die Einwirkungen des Seewassers« bezeichnete, wurden ihre Blicke starr. Sie stürzte nach meinem Bett und stellte nach kurzer Untersuchung die Diagnose: »Das sind Wanzen!!«

Als wir unsern Wirt deswegen zur Rede stellten, erklärte er mit verletzter Würde, in dieser Gegend gebe es überhaupt keine Wohnung ohne Wanzen. Wir versicherten ihm, daß wir dann für diese Gegend weiter kein Interesse hätten und lösten den Kontrakt.

Ich halte meine Frau für sehr geschickt in allen Zweigen ihres Hausfrauenberufs; aber mit solcher Gewandtheit hab' ich sie niemals einpacken sehen wie an diesem Tage. Am nächsten Morgen stand der Wagen mit unsern Koffern vor der Tür, und wir verabschiedeten uns in glänzender Laune von unsern Wirten, nachdem wir drei Viertel unserer Sommerfrische verbüßt hatten.

Während ich dies schreibe, klingt vom Wohnzimmer herüber das erinnerungsvoll lächelnde Adagio aus Mozarts C-moll-Sonate. Unwiderstehlich angezogen von diesem Vergangenheitsliede, geh ich hinüber – die Tür ist halb geöffnet – durch den Spalt seh' ich eine meiner Töchter am Flügel sitzen. Festliche Sonne fällt durch helles Lindenlaub herein und spielt um ihren Scheitel, die dasitzt: ein Bild gesunden, blühenden, lächelnden Lebens, ein verkörperter Jubelgesang der Jugend.

Das ist sie, die die mageren Ärmchen nach mir ausstreckte, die drei Jahre lang nicht leben und nicht sterben konnte. . . .

Und von Stund' an, als wir in jenem elenden Fischernest gewesen waren, genas sie zusehends und ward frisch und lebendig an Leib und Seele.

Ich habe ja auch nichts gegen die Sommerfrische gesagt. Nur gegen die Menschen hab' ich gesprochen, gegen die Menschen, die sie uns und sich selbst so jammervoll verderben.


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