Otto Ernst
Vom grüngoldnen Baum
Otto Ernst

 << zurück weiter >> 

Meine Damen!

Ein ernsthaftes Intermezzo.

Auf meinem Herzen hat sich wieder mancherlei angesammelt, das herunter muß. Ich hab's schon einmal gewagt, Ihnen allerlei Aufrichtiges zu sagen, und die tiefe Verehrung, die ich für Ihr Geschlecht hege, ist noch vertieft worden durch die Güte, mit der Sie es aufgenommen haben. Nach meiner verrückten Art von Galanterie wage ich es heute zum andern Male und darf es sicheren Mutes wagen, weil doch – Sie mögen sich maskieren, wie Sie wollen – Ihr innerstes und eigentlichstes Wesen die Güte ist. Ich bitte, schon hier betonen zu dürfen, daß das ernst gemeint ist.

Es ist ein Scheusal unter Ihnen aufgestanden: die Gleichmacherei. Und zwar ist sie erschienen in ihrer fürchterlichsten Gestalt: als Gleichmacherei der Geschlechter. In den Zeitungen las man vor einiger Zeit, daß die weiblichen Mitglieder des finnischen Parlaments sich durch entschiedenen Verzicht auf Anmut und Schönheit, überhaupt auf jeden weiblichen Reiz auszeichneten, daß sie in ihrem Auftreten und ihrer Erscheinung möglichste Unansehnlichkeit anstrebten und sich von den Männern nicht zu unterscheiden wünschten. Und die englischen »Suffragettes« mißhandeln Schutzleute und werfen den Ministern, die ihnen nicht das politische Stimmrecht gewähren wollen, die Fenster ein. Sie gestatten, daß ich hier zunächst einen längeren Schauder zu überwinden suche –

Es kann bei Heras Granatapfel keinen Menschen geben, der die Gleichwertigkeit des Weibes mit dem Manne ehrlicher anerkennte als ich, keinen, der dem Weibe freudiger den Weg eröffnen möchte zu jedem Beruf und jeder Tätigkeit, die es nach seiner Natur bewältigen kann. Die aktive Teilnahme an der Politik kann man dem Weibe nicht gewähren. Ich will das zu beweisen suchen, indem ich zunächst von einer anderen Tätigkeit spreche, an der ich noch deutlicher zeigen kann, daß das Weib nicht für alle Berufe des Mannes geschaffen ist. Ich meine die Tätigkeit des Richters. Es ist oberstes Erfordernis bei einem Richter, daß er ohne Ansehen der Person urteile. Und es ist natürlichste Eigentümlichkeit des Weibes, daß es von der Person nicht abzusehen vermag. (Selbstverständlich, meine Damen: So und so viele von Ihnen können es doch; es gibt Weiber mit männlichen und Männer mit weiblichen Anlagen, und emanzipierte Frauen forcieren ihre männlichen Eigenschaften – bei solchen Selbstverständlichkeiten wollen wir uns nicht aufhalten; es handelt sich hier nie um Einzelne, sondern um die ganzen Geschlechter.) Wo wäre das Weib, das dem Feinde seines Geliebten Gerechtigkeit widerfahren lassen könnte? Wenn es eins gibt, so ist es kein Weib mehr. Wie der Engländer sagt: Right or wrong – my country! so sagt das Weib: Recht oder Unrecht – mein Geliebter, mein Gatte, mein Kind! und so ist es recht. Wenn Lucius Junius Brutus seine rebellischen Söhne zum Tode verurteilt und vor seinen Augen hinrichten läßt, so erweckt das bei aller Furchtbarkeit unsere Bewunderung, ja unsere Verehrung – eine Mutter, die dasselbe vermöchte, könnte nur Entsetzen und Abscheu erregen. Denn das Weib ist in die Welt gesetzt, um die Grausamkeit der Tatsachen und Dinge zu mildern durch Menschlichkeit.

Es gibt ein wundervolles Beispiel für das Gewicht des Persönlichen im weiblichen Urteil und Interesse: ich denke an das Verhältnis der Frauen zur Kunst und zum Künstler. Während der Mann nicht selten über dem Kunstwerk den Künstler vergißt und gar nicht danach fragt, wer das Geigensolo so schön gespielt, wer den Romeo so herrlich dargestellt habe – eine Interesselosigkeit, die ich dem betreffenden Manne nicht als Vorzug anrechne – wird der Frau die Persönlichkeit des Künstlers meistens ebenso wichtig, nicht selten wichtiger als das Kunstwerk, jedenfalls aber immer wichtig und interessant sein. Damit soll den Frauen wahrhaftig nichts Übles nachgesagt sein. Ich sehe gern ab von den Ekstasen der Backfische, denen der Liebhaber Herr Meyer viel, viel wichtiger ist als der ganze Hamlet von Shakespeare, ja, denen Herr Meyer auch unendlich viel interessanter ist als seine Leistung; ich sehe ab von den Damen, die sich dem langbehaarten Pianisten heimlich mit der Schere nähern, um ihm eine, wenn auch niegekämmte Locke zu rauben, obwohl es immerhin bezeichnend ist, daß der Künstler- (und Künstlerinnen-) Kultus ganz vorwiegend von weiblichen Wesen gepflegt wird. Ich sehe endlich vollständig ab von eigentlich erotischen Interessen. Jenes intensive Interesse an der Persönlichkeit habe ich beobachtet und kann man fortdauernd beobachten an sehr ernsten, sehr vornehmen, an edelsten und keuschesten Frauen und Jungfrauen. Dieses intensive Interesse ist Liebe, meine Damen. Halten Sie Ihren Widerspruch noch zurück.

»Bewundern ist und lieben eins beim Weib;
Der mehr Bewunderte ist mehr geliebt,«

läßt Gutzkow seinen Ben Jochai sagen. Freilich: aus dem Ben Jochai spricht die Eifersucht, und was er sagt, ist die argwöhnische Übertreibung eines Eifersüchtigen. Aber doch enthalten seine Worte eine tiefe und feine Beobachtung. Das Weib kann nicht bewundern und verehren, ohne zugleich mit Liebe zu lohnen. Darum sind Frauen so oft die opfermutigsten und unermüdlichsten Apostel großer Männer gewesen. Und es ist eine Liebe, die Sie nicht zu leugnen brauchen, meine Damen, eine Liebe, die Gatten, Liebhaber, Kinder und alle Bevorrechteten in ihrem Besitz unangetastet läßt. Liebe ist nun doch einmal so heute wie zu Antigones Zeiten der Beruf des Weibes, und ein echtes, gesundes Frauenherz ist an Liebe unerschöpflich.

Im Kampf und Handel der Welt entscheiden bei allen Schlußabrechnungen nur die Dinge, nur die Tatsachen, nur das Recht. Mehr als unser Recht haben wir nicht zu verlangen; selten wird es uns ganz, und wenn uns unser vollgemessenes Recht wird, so bleibt noch das tiefe, traurige Wort bestehen, das summum jus summa injuria, daß das höchste Recht zugleich das höchste Unrecht ist. Denn nicht als Maschinen sind wir in die Welt gestellt, sondern als Menschen, die eine Persönlichkeit haben und denen höchstes Unrecht geschieht, wenn sie nur nach ihren Leistungen, nur nach ihren realen Erfolgen, nur nach ihrem Recht gewertet werden. Und wieder, wie immer bei tieferer Betrachtung, erkennen wir das wunderbare Gleichgewicht der Welt, in die das Weib gestellt ward, damit es – nicht etwa nur den Mann – nein, damit es den Menschen über sein Recht, über seine individuelle Einsamkeit und Kleinheit hinaus emporziehe an die Brust der Liebe.

Es ist damit, wenn ich diesen Vergleich wählen darf, wie mit unserm Geburtstag. Daß ich geboren bin, das ist für die Welt und für mich vielleicht eine sehr belanglose Tatsache. Ein Wiener Zoologe soll denn auch gesagt haben: »Das Feiern von Geburtstagen und Jubiläen ist eine Sitte, die man bei den Tieren nicht beobachtet.« Nun, dann ist es eben eine menschliche Sitte, und zwar eine gute. Einmal im Jahre muß man dem Menschen sagen: Es ist doch gut, daß du da bist; einmal im Jahre muß er sich besonders geliebt, beachtet, verwöhnt, verhätschelt, überschätzt fühlen, damit er eine Entschädigung und Aufmunterung habe für die 364 Tage, da er in der großen Masse verschwindet. Freilich: Stoiker bedürfen dergleichen nicht; aber Stoiker sind seltener, als sie glauben. Wer aber ein tugendsam Weib hat, das (um Gottes willen!) nicht nur tugendsam, sondern auch freundlich und liebreich ist, der hat alle Tage Geburtstag. Und der Mensch, der aus dem feindlichen Leben nach Hause kommt, bedarf dessen; selbst Faust, der immer strebend sich bemühte und das Beste getan hatte, was Menschen tun können, selbst er bedurfte der Liebe, die von oben an ihm teilnahm; nicht mit eigener Schwingenkraft vermochte er den Himmel zu erfliegen; das ewig Weibliche zog ihn hinan.

Also nicht ein Mangel und eine Schwäche, nein, eine Kraft und Tugend der Frauen ist es, daß sie das Persönliche an ihren Mitmenschen mit besonderer, teilnehmender Liebe erfassen. Und ist es nun nicht ein wahrhaft göttlicher Beruf, die harte Gerechtigkeit der Welt durch Liebe zu ergänzen? Sollte dieser Beruf nicht wirklich schöner und bedeutungsvoller sein als die weibliche Teilnahme an der Politik oder das Auftreten weiblicher Richter, Staats- und Rechtsanwälte im »Paragraphenzirkus«?

Sie meinen, ob sich denn nicht beides sehr wohl vereinigen lasse? Nein, meine Damen, niemals. Mehr noch als von allen anderen Kämpfen gilt vom politischen Kampfe, daß in ihm nur die Realitäten und nicht die Persönlichkeiten entscheiden und entscheiden dürfen. In diesen heiligen Hallen kennt man die Liebe nicht. Und das ist in der Ordnung. In einem amerikanischen Witzblatt fand ich einst eine Karikatur, die die Folgen des Frauenstimmrechts illustrieren sollte. Links sah man auf einer Tribüne einen häßlichen Redner; er stand einsam und verlassen; rechts redete ein bildschöner Kerl: ihn umdrängte die weibliche Zuhörerschaft. Darunter stand: Der Schönste wird gewählt. Sie wissen schon, meine Damen, daß ich die weibliche Parteilichkeit nicht in diesem groben, herabsetzenden Sinne verstehe. Aber in einem feineren, edleren Sinne trifft die Satire zu. Eine Frau, die einen Bismarck bewundert, wird besinnungslos mit ihm durch Dick und Dünn gehen, und eine Frau, die Bebel verehrt, wird mit ihm dasselbe tun. Und das darf in der Politik nicht sein. Sie werden mir wieder einwenden, daß manche Männer es ebenso machten und manche Frauen es nicht so machen würden; aber dann muß ich Sie zum Überdruß wieder daran erinnern, daß es sich hier nicht um manche Männer und Frauen, sondern um viele Millionen Männer und um viele Millionen Frauen handelt. Und von Millionen Frauen gilt dies: der Anziehendste, der Gewinnendste (vielleicht durch die besten Eigenschaften Gewinnendste!), der meist Bewunderte – der »hat sie all unterm Hut«. Die Frauen mein ich. Wie es denn ja eine nicht genug zu beachtende Erscheinung ist, daß politische Frauen fast immer fanatisch sind. Die Frauen lassen sich – und das ist ihre von der Natur gewollte Funktion – mehr vom Gefühl als vom Verstande leiten; wo aber das Gefühl sich der Politik bemächtigt, ohne fortgesetzt vom Verstande reguliert zu werden, da entsteht Fanatismus. Daher nirgends soviel Fanatismus wie in der Religion und ihrer politischen Betätigung.

Ich gehe nun noch einen Schritt weiter und sage: In der Rechtspflege und in der Politik wie überall, wo es sich um Rechtsfragen und um vitale Interessen des Staates handelt, ist mit möglichster Strenge das Moment der Geschlechtigkeit auszuscheiden. (Die finnischen Parlamentarierinnen empfinden das mit völlig richtigem Instinkt.) An dieser Forderung sind freilich weit weniger die Frauen als die Männer schuld, dieses (nach dem Willen der Natur) erotisch entzündlichere und in dieser Hinsicht, wenn Sie wollen, schwächere Geschlecht. Es gibt eine französische Karikatur, auf der eine hübsche und sehr pikante Rechtsanwältin sich vor den Richtern – nun, sagen wir: erschöpfend dekolletiert mit den Worten: »Und hier, meine Herren, meine triftigsten Argumente.« Das ist sehr zynisch, aber sehr wahr. Ich glaube herzlich gern, daß unsere Richter in dieser Beziehung genau so unbestechlich sind wie in jeder anderen; aber ich bin nicht überzeugt, daß jeder männliche Richter vom Kopf bis zu den Füßen gewappnet wäre gegen die Reize einer bezaubernden Angeklagten oder Zeugin. Darum würde ich es – in diesem Falle abweichend von meiner Grundanschauung – für äußerst wünschenswert galten, daß zu allen Gerichtsverhandlungen, in denen Frauen eine wichtige oder gar entscheidende Rolle spielen, weibliche Schöffen hinzugezogen würden. Was die männlichen Richter einer schönen Frau gegenüber durch Milde sündigen würden, das würden die weiblichen durch Strenge wieder gut machen.

Wenn nun einige von Ihnen, meine Damen, durch die von mir vorgebrachten Gründe immer noch nicht überzeugt sein sollten, so bitte ich eben diese Beharrlichen, uns Männern einmal auszumalen, wie sie sich eigentlich das Familienleben unter den Fittichen einer politischen Frau vorstellen. Ich will nicht einmal annehmen, daß die mittägliche Suppe, die Hosen der Kinder und die Sauberkeit des Fußbodens unter der Politik der Hausfrau zu leiden hätten; ich will annehmen, daß die energisch politische Frau – denn politische Halbheit werden Sie ja doch nicht wünschen – ihren Mann und ihre Kinder nichts vermissen lasse. Wie denken Sie es sich, wenn der Mann die »Kreuzzeitung« hält und die Frau den »Vorwärts«, oder umgekehrt? Wenn der Mann einen Zeitungsartikel wütend in die Ecke schleudert mit Ausrufen wie »Zu dumm!« oder »Unglaubliche Frechheit!« und die Frau den Artikel hernimmt und liest und ausruft: »Glänzend! Großartig! Mir aus der Seele geschrieben!«? Wie denken Sie es sich, wenn die Frau für eine kräftige Steuer stimmt, die der Mann von seinem sauer erworbenen Gelde bezahlen muß; wenn der Mann einen liberalen Kandidaten unterstützt mit dem Gelde, das durch die sorgsame Wirtschaft der ultramontanen Gattin erübrigt wurde? Wie denken Sie es sich, wenn der Mann seinem Weibe entgegenschleudert: »Euer Kandidat ist ja ein Schwindler!« und die Frau erwidert: »Und der Eure ist ein Feigling!« und die wahlberechtigte Tochter kaltlächelnd hinzufügt: »Idioten sind sie beide!«? Gut, meine Damen, ich will einmal annehmen – Sie sehen, ich bin unerschöpflich in Zugeständnissen – daß der politische Ton sich allmählich verfeinern könne, sich durch den Einfluß der Frau vielleicht verfeinern würde, vielleicht! Man hat nämlich Beispiele vom Gegenteil. In England bewegt sich der politische Kampf der Männer in Formen, die auch unter entschiedensten Gegnern einen freundschaftlichen Verkehr ermöglichen sollen. Aber Freundschaft ist, wie Sie mir zugeben werden, noch lange keine Ehe. Und könnten Sie es in der Tat ersprießlich finden, wenn der Mann in der Armee die höchste Leistung, die Blüte und das Palladium seines Volkes erblickt, die Frau aber in eben dieser Armee nur eine Massenmordmaschine für die Zwecke des dynastischen Egoismus sieht? Wenn die mater familias Schulen von strengster Konfessionalität fordert, der pater familias aber mit der Glaubens- und Gewissensfreiheit Ernst machen und die Religion durchaus ins Privatleben verwiesen sehen will? Die konfessionellen Mischehen geben überall dort, wo der Gegensatz aufrecht erhalten oder gar künstlich verschärft wird, ein hinreichend abschreckendes Beispiel.

Oder wollen Sie mir einwenden, daß sich in der Praxis alles »nicht so schlimm« gestalten werde, daß sich in der Regel Mann und Frau auf eine Welt- und Staatsanschauung einigen würden? So war es in der Tat bis heute. In der alles umfassenden Liebe, mit der das Weib die ganze Persönlichkeit des Mannes umfing, erschienen ihr auch seine Anschauungen und Grundsätze, einschließlich der politischen, wahr und gut, und ohne daß er es zu verlangen brauchte, stand sie auch in politischen Fragen, soweit sie daran Anteil nahm, an der Seite ihres Gatten. Der Mann aber war glücklich und dankbar, wenn seine Anschauungen im seelischen Verkehr mit der Gattin eine Berichtigung, eine Läuterung und Veredlung erfuhren; denn das echte Weib gibt immer, indem es nimmt. Wenn es nach Einführung des Stimmrechts so bleiben würde (und unter uns gesagt: im wesentlichen würde es so bleiben), dann hätten wir also, abgesehen von Frauenfragen, nur eine Verdoppelung der Stimmen und damit wäre nichts geschafft. In vier westlichen Staaten der Union ist seit längerer Zeit das Frauenstimmrecht eingeführt, und die Männer, die seine Einführung befürwortet haben, erklären jetzt, daß die Resultate sie vollkommen enttäuscht hätten; sie seien gleich Null. Daß aber die Frauen im Staate der Zukunft eine »Nichts als Frauen-Partei« bilden sollten, die nur Frauenrechte vertritt und sonst nichts, das werden auch Sie, meine Damen, für ein Unding halten.

Indessen werden Sie verlangen, daß die Frau ihrem Gatten gegenüber unentwegt ihre eigene Ansicht behaupte, ja, um nicht für eine gefügige »Sklavin« ihres Mannes zu gelten, wird sie möglichst entgegengesetzte Prinzipien möglichst hartnäckig verteidigen müssen; auch im zärtlichsten Zusammensein wird das Parteiprogramm nicht dahinschmelzen dürfen in der Glut des Gefühls, und Romeo und Julia in künftiger Zeit werden, bevor der Morgen sie scheidet, weniger über Nachtigall und Lerche als über Schutzzoll und Freihandel streiten. Ich muß gestehen, daß mir Vernunft, Gefühl, Phantasie und Erfahrung die heilige Gemeinschaft von Mann und Weib von jeher in andern Bildern gezeigt haben.

Nämlich so. Es gibt in Literatur und Tagesphilosophie einen Snobismus, der alle politischen Anstrengungen mit Geringschätzung belächelt, weil er es für unsagbar beschränkt hält, von politischen Veränderungen irgend etwas für die Menschheit oder gar für den Einzelnen zu erwarten. Ich teile diese Ansicht natürlich in keiner Hinsicht. Die Politiker erwerben sich ein großes Verdienst um ihre Mitmenschen, indem sie unablässig an den Mauern, Gräben und Dämmen bauen und bessern, die unsere ewigen Rechte und Güter schützen; ihre Arbeit ist die unerläßliche Voraussetzung auch für die allerfeinsten und allersublimsten Kulturen; sie sind in höherem, allgemeinerem Sinne eine Polizei, die für Ordnung und Ruhe durch das Gesetz sorgt, und selbst die »differenziertesten« Snobs könnten ihr wundersames Dasein nicht entfalten, wenn die Männer der Politik nicht für sie arbeiteten. Die politische Betätigung ist eine Wehr- und Steuerpflicht des Mannes. Aber politische Arbeit ist harte Arbeit, ist nicht selten häßliche und widrige Arbeit, und sie ist auch nicht die höchste und letzte Aufgabe des Menschen. Der rechte Politiker weiß, daß es höhere und dauerndere Gedanken und Institutionen gibt als selbst das Wahlrecht und die Verfassung, ja, er weiß, daß es eben jene höheren und dauernderen Güter sind, um deretwillen er die Lasten und die Widerwärtigkeiten des politischen Kampfes auf sich nimmt. Der also kämpfende Mensch nun will wenigstens eine Stätte wissen, wohin der Streit und Zank des Tages nicht dringt, einen Ort will er wissen, wo Mensch mit Mensch sich in reineren Höhen, in ewigen Gedanken und verklärten Gefühlen vereint. Dem Gläubigen sind Kirchen und Tempel ein solcher Ort, dem Kunstsinnigen sind es die Bereiche der Kunst; alle Menschen aber haben Anspruch auf den Gottesfrieden des Hauses. Mit Recht empört sich das Gefühl des Menschen dagegen, von der Kanzel den Lärm des Tages widerhallen zu hören; mit gleichem Recht sucht er nicht Kampf und Streit, sondern Sammlung und Erhebung im Tempel seines Hauses. Und die Priesterin dieses Tempels, die Hüterin seines Gottesfriedens ist das Weib, die Gattin, die Mutter. Nicht, daß sie nicht Verständnis und Teilnahme haben sollte für die Sorgen und Kämpfe ihres Gatten und ihrer Kinder; aber von ihrer Stirn soll allen die tröstliche Versicherung erglänzen, daß in höheren Bezirken ein Glück und ein Seelenfrieden aufgehoben sind, die alle Kämpfe und Sorgen überdauern. Das, meine Damen, das sei die Politik, die hohe Politik des Weibes.

Sie fragen, wie Sie denn Ihre Frauenrechte vertreten und durchsetzen sollen, wenn Sie keine politische Macht besitzen? Ei, nach dieser Logik müßten auch die Kinder das Wahlrecht haben, denn eines der wichtigsten Rechte, eines der Rechte, deren Verletzung sich am empfindlichsten rächt, ist das Recht des Kindes. Wollen Sie Kinder wählen lassen und ins Parlament schicken? Und wollen Sie anderseits leugnen, daß das Recht des Kindes immer mehr erkannt worden ist und sich in der Gesetzgebung immer mehr Geltung verschafft hat? Es geht auch ohne einen formalen Rechtstitel. Und sollte Ihnen, gerade Ihnen, meine Damen, unbekannt sein, daß die reale Macht so oft anderswo liegt als die formale, die tatsächliche anderswo als die scheinbare? Daß es absolute Staats- und Familienherrscher gibt, die die ohnmächtigsten Menschen ihres Bereiches sind, ja, daß es sogar Parlamente gibt, die trotz aller Reden nichts zu sagen haben? Jemand hat behauptet, es sei recht gut, wenn Frauen auf dem Throne säßen, weil dann wenigstens Männer regierten, während die männlichen Fürsten gewöhnlich von Weibern beherrscht würden. Ich aber rede auch hier wiederum nicht nur im Scherz, sondern im tiefsten Ernst; ich denke nicht nur an die Gewalt der weißen Händchen und der schmalen Füßchen, nein, ich denke zugleich und denke vor allem an die wunderbare seelische Gewalt des Weibes, wenn ich sage: Es gibt nichts Stärkeres als das Weib. Das Weib ist ein Heiligstes in der Menschheit; wenn sie nicht mehr an das Weib als an einen letzten Hort des Guten glaubt, dann glaubt sie an sich selbst nicht mehr. Das Weib ist das Gewissen der Menschheit. »Die Frau muß besser sein als der Mann; sonst taugt sie nichts«, sagt Anzengruber. Selten hat germanische Frauenverehrung einen überzeugteren Ausdruck gefunden.

Gewiß: die germanische Frauenverehrung hat nicht verhindert, daß die Frau in deutschen wie in allen andern Landen jahrtausendelang unter ihrem Wert geschätzt und behandelt wurde. Und Sie, meine Damen, sind endlich mutig hervorgetreten, haben den kleinen Mund aufgetan und Ihr Recht verlangt. Und nur ein Narr könnte ihnen das verübeln. Aber können Sie leugnen, daß nun auch alsbald so manches besser geworden ist, und können Sie zweifeln, daß noch vieles besser werden wird? Macht geht vor Recht, jawohl; aber Recht kommt hinterdrein. Auch das Recht ist eine Macht, und immer kommt eine Zeit, da diese Macht die brutale Macht einholt und verdrängt. So ist immer die Entwicklung gewesen; sonst gäbe es noch heute kein Recht in der Welt. So hat sich auch das Recht des Kindes durchgesetzt, abgesehen von Schutzgesetzen, die aus reinen Zweckmäßigkeitsgründen erwachsen sind. Sollten Sie aber doch auf ganz abnorme Schwierigkeiten stoßen, sollten besonders beschränkte und böse Parteien und Männer Ihnen gar zu hartnäckig Ihr gutes Recht weigern, dann – immerhin – holen Sie aus der Lade, gewissermaßen als »schwarze Frau«, das finnische Mannweib oder die Londoner »Suffragette« hervor, und Sie werden sehen – es kommt eigentlich auf dasselbe hinaus wie das Lysistratamotiv – man bewilligt Ihnen alles.

Wenn Sie nicht gar zu viel fordern. O ja, auch das kommt vor. Aus dem Westen, besonders ans dem ferneren Westen, wo die germanische Frauenverehrung zur Parodie geworden ist, kommt ein Frauenideal, nach dem die Frau alles zu verlangen und nichts zu leisten hat. Nach dieser Auffassung erscheint das Weib gewissermaßen als ein anspruchsvolles Luxustierchen, als eine Art Prachtfink oder Zierpapagei, nur daß das Kleid dieser Tierchen bloß einmalige Anschaffungskosten erfordert und sie außerdem nicht göttliche Verehrung beanspruchen. Viel weiter als man wohl ahnt, ist auch in unserer »Gesellschaft« der Typus der weiblichen Drohne verbreitet, deren Tag mit Toilettemachen, Konditoreibesuch, shopping, five-o-clock-tea, Tanz und Theater vollkommen ausgefüllt ist. Pardon: fast hätt' ich die Wohltätigkeit vergessen, also richtig: Tanz, Theater und Wohltätigkeit. Sie gibt bis zu 20 Mark Eintrittsgeld für ein amüsantes Wohltätigkeitsfest, o ja. Natürlich: die Rechnungen beim Seidenhaus sind etwas höher. Wenn der Mann nach verzweifeltem Ringen Konkurs anmeldet, präsentiert das Modemagazin Rechnungen von 25 000 M. . . . Nun, vielleicht müssen im großen Garten der Welt auch solche Blumen sein, dann bin ich aber dafür, sie nur sehr vereinzelt zu züchten. In Ihrer Frauenbewegung aber, meine Damen – die Angeredeten sind immer ausgenommen – sind deutliche Neigungen vorhanden, jene Zucht zu begünstigen. Es gibt auf Ihrer Seite Frauen, die uns tiefsinnig versichern, daß die häusliche Arbeit der Frau oft kleinlich, eintönig, banal, nicht selten häßlich und immer sehr ermüdend sei. Und die stillschweigende Ergänzung ist dann, daß die Arbeit des Mannes immer oder doch vorwiegend großzügig, abwechslungsreich, poesievoll, anmutig und erquicklich wäre. Haben Sie einmal, meine Damen, zehnstündige Kommissionssitzungen mitgemacht? Haben Sie als Richter einmal sieben Stunden lang Bagatellsachen verhandelt? Sind Sie als Ärzte einmal einen halben Tag lang treppauf und -ab gestiegen und haben Schnupfen, Rheumatismus und Migräne behandelt? Haben Sie einmal Rekruten ausgebildet? Haben Sie einmal mit unfähigen Schauspielern Rollen einstudiert? Haben Sie einmal Schülerhefte korrigiert oder Musikunterricht gegeben? Sind Sie einmal Journalist gewesen? »Der Ärger mit den Dienstboten!« seufzen Sie. Aber Sie ärgern sich doch nur an Untergebenen, die Sie entlassen können. Haben Sie's einmal versucht, sich an Untergebenen und Vorgesetzten zu ärgern? Wissen Sie, daß ein Mann zuweilen unter sich und über sich Dienstboten hat? Nein, meine Gnädigste, sehen Sie einmal Ihrem Kind ins Auge, wenn es kräftig hineinbeißt in das gute Brot, das Sie ihm reichen, betrachten Sie das aufatmende Behagen Ihres Gatten, wenn er ermüdet heimkehrt, und sehen Sie ihn stark und ermuntert wieder von dannen gehen, und Sie werden begreifen, daß Sie die großzügigste, kurzweiligste, anmutigste und dankbarste Arbeit tun, die sich denken läßt. Und dann noch eines: Wenn Sie verheiratet sind, haben Sie eigentlich nur einen Beruf: Das Glück Ihres Hauses. So ward Ihnen das große Glück, etwas ganz sein zu können und sich ein Leben zu bauen, das klar und entschieden, harmonisch und ruhevoll ist. Ein Mann ist immer zerrissen. Wollen Sie Politiker, wollen Sie Auchmänner werden, damit Sie ebenfalls zwei, drei oder mehr Seelen in Ihrer Brust fühlen?

Im Wasserfalle Franangr fingen die Asen den verhaßten Loki. Sie fesselten ihn mit den Därmen seines Sohnes Wali und befestigten über seinem Haupte eine giftige Schlange, so daß das Gift auf Lokis Antlitz tropfte. Aber Sigün, Lokis Frau, saß neben ihm und fing das Gift in einer Schale auf, und wenn die Schale voll war, schüttete sie sie aus.

Es gibt keinen gewaltigeren und tieferen Mythos des Weibes als diesen. Die Politik ist giftig. Das Weib soll Gift abwenden, nicht Gift verbreiten.

Ich bin am Ende, meine Damen, und zweifle, ob ich Sie überzeugt habe. Aber das Eine hoffe ich bewiesen zu haben: Man kann gegen die politische Betätigung der Frauen sein, weil einem das Weib für die Politik nicht zu gering, sondern weil einem das Weib für die Politik zu gut ist.


 << zurück weiter >>