Otto Ernst
Vom grüngoldnen Baum
Otto Ernst

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Die späte Hochzeitsreise.

Als sie sieben Jahre verheiratet waren, machten sie ihre Hochzeitsreise. Es ging nicht eher. Sie hatten nämlich geheiratet, als er ein Einkommen von 1500 Mk. jährlich hatte. Das kann man Frechheit nennen; man kann es aber auch Liebe nennen. Zwar erhielt er nach etwa einem Jahr ein Schriftstellerhonorar, für das sie hätten reisen können, wenn nicht ein Kind gekommen wäre und sofort die Hand auf dieses Geld gelegt hätte. Im nächsten Jahre aber gelang es ihm, als Vorleser bei einem alten Herrn einen hübschen Nebenverdienst zu erwerben, der gerade für das zweite Kind reichte. Da fiel ihm im dritten Jahre ein Preis für eine wissenschaftliche Arbeit zu, für den sie sicher eine Reise gemacht hätten, wenn das diesjährige Kind das Geisteskind nicht aufgewogen hätte. Die nächsten zwei Jahre brachten keinen Nebenverdienst und nur ein Kind.

Als er dann aber zum zweiten Male einen Preis errang und als sein Gehalt um zweihundert Mark erhöht wurde, und als ihre Ehe schon zwei Jahre lang unfruchtbar gewesen war, da beschlossen sie, für dreihundert Mark eine Reise nach Thüringen zu machen.

»Deutschland ist das Herz Europas«, das hatte er als kleiner Junge in der Schule gehört. Es klang etwas anmaßend; aber ein Deutscher mocht' es immerhin glauben. Thüringen mußte nach allem, was er davon gehört und in Bildern gesehen hatte, das deutscheste Land der Deutschen, mußte das Herz des Herzens sein. Und dort zog es die beiden hin.

Siebenundfünfzig Abende hindurch arbeitete er an den Plänen, und bei allem mußte er denken: Was wird sie für Augen machen, wenn sie das sieht. Hätte er alle Genüsse dieser Gedankenreise bezahlen müssen – ein langes Leben voll Arbeit hätte nicht gereicht, die Zinsen dieser Schuld zu erzwingen. In den letzten Tagen ging er wirklich daran, die Kosten zu berechnen. Da fand sich, daß, wenn er sehr sparsam zu Werke gehe, etwa ein Zehntel seiner Pläne verwirklicht werden könne.

Und in den letzten Tagen wurde sein tapferes Weibchen feige. Der Junge habe so heiße Wangen und das Jüngste habe in der letzten Nacht einmal gehustet. Ihr Herz konnte sich nicht von den Kindern lösen. Er stellte ihr vor, wie sehr sie einer Erholung bedürfe – das verschlug gar nichts. Da spielte er mit roten Backen und glänzenden Augen den vollständig Angespannten, Übermüdeten, Niedergebrochenen. »Es gibt für eine Familie keine bessere Kapitalsanlage als die sorgfältigste Pflege des Ernährers,« machte er ihr klar. Das sah sie ein. Der Abschied von den Kindern, die unter der Obhut ihrer Schwester blieben, war nichtsdestoweniger noch eine Katastrophe und erschien ihr wie bethlehemitischer Kindermord.

Aber in der Eisenbahn wurde sie völlig anderen Sinnes. Es ist etwas Eigenes um die Eisenbahn. Sie hat etwas Fortreißendes, Unerbittliches, Unwiderrufliches. Aussteigen während der Fahrt ist bei Schnellzügen nicht anzuraten, und so findet man sich schnell in das Unabänderliche. Auch sie erfaßte nun der ganze, springende Jubel des Losgebundenseins, der den Reisebeginn zu einer so unvergleichlichen Freude macht, und die beiden benahmen sich wie ausgerissene Schulkinder. Zwei Minuten lang saßen sie rechts, drei Minuten lang links; fünf Minuten lang fuhren sie vorwärts, vier Minuten lang rückwärts; bald saß sie auf seinem Schoß, bald er auf ihrem, bis sie ihn aufstöhnend fortstieß: »Uff, geh' weg, du dicker Mensch.« – Dann lachten sie, dann küßten sie sich, dann tanzten sie, dann küßten sie sich wieder, kurz: es war ein großes Glück, daß sie das Abteil ganz für sich allein hatten.

Als der Zug zum ersten Male hielt, öffnete ein Mann die Tür und machte Miene einzusteigen. Das Gesicht der jungen Frau zeigte grenzenlose Überraschung, wie wenn jemand ungerufen bei einer Königin eingetreten wäre; seine Augen aber schleuderten Blicke, die auch der eingefleischteste Optimist nicht als Einladung auffassen konnte. Über das Gesicht des Fremden huschte ein lächelndes Verstehen: Aha – Hochzeitsreisende. Er schloß die Tür und suchte sich einen andern Platz.

»Das ist ein guter Mensch!« sprach sie mit frommer Rührung.

»Ein vornehmer Charakter,« bestätigte er.

Aber als sie weiterfuhren, kamen sie in eine Gegend mit gemeinen Charakteren, die einstiegen und lange sitzen blieben. Wann werden wir endlich Kupees für Hochzeitsreisende haben!

Auf dem Bahnhof einer großen Station nahmen sie das Mittagsmahl ein. Suppe, Fisch, Braten und Pudding für eine Mark fünfundsiebzig. Er betastete das dicke Portemonnaie in seiner Tasche und bestellte ½ Flasche Mosel.

»Hast du dir das jemals träumen lassen, daß wir noch einmal wie die Fürsten dinieren würden?« flüsterte er ihr ins Ohr.

»Nein.« sagte sie mit langsamem Kopfschütteln und blickte träumend über ihr Glas hinweg ins Weite.

Er kam sich vor wie ein Parvenu und gelobte sich, seinen Wohlstand mit Geschmack zu tragen.

Die Nichtswürdigkeit der Bevölkerung schien mit dem Quadrat der Entfernung zu wachsen; bald saß das ganze Kupee voll, und draußen im Schatten waren es 30 Grad. Zwei dicke Bauernweiber saßen da in dicken Wollkleidern und die Kopfe in dicke Wolltücher gewickelt; sie wollten nicht dulden, daß ein Fenster geöffnet werde. Darüber geriet ein cholerischer Herr in die größte Aufregung; aber unser Paar vermochte kein Mitgefühl für ihn aufzubringen; denn erstens: warum war er eingestiegen? und zweitens: wie kann man sich ärgern, wenn man durch lauter Sonne fährt, wenn man sozusagen geradeswegs in die Sonne hineinfährt?

So kamen sie nach Eisenach, und bevor sie ein Hotel suchten, suchten sie mit ihren Blicken die Wartburg. Da ragte sie aus Waldwipfeln empor ins Abendlicht. Welcher Deutsche sucht nicht schon in Kindertagen mit den Augen der Seele die Wartburg? Von weitem hörten sie die Stimme Walthers von der Vogelweide und Wolframs von Eschenbach, sahen sie das stille Gemach des Bibelübersetzers und sahen sie die flammenden Feuer der Burschenschaft wie brausenden Aufschwung junger Herzen in altgewordener, bittertrauriger Zeit.

Und tief enttäuscht waren sie, als sie am folgenden Tage mit vielen andern durch die Räume der Burg geführt wurden und der »Führer« in schauderhaftem Deutsch allerlei ungewaschenes, unnützes Zeug schwatzte. Warum gab man den Besuchern nicht einen Zettel mit dem Nötigsten in die Hand? Wenn man ihnen schon ein Notwendiges zum Schauen nicht gewähren kann: Einsamkeit, warum gewährt man ihnen nicht wenigstens das Notwendigste: Schweigen? Wer spricht denn laut, wenn Wolfram singt und Dr. Martinus sinnt? Und wenn zwei Liebende das Geschenk solcher Stunden mit einem einzigen, einem verdoppelten Herzen empfangen, und wenn eines von ihnen, in der Furcht, es möchte dennoch dem andern ein Hauch des Glückes entgehen, den Mund auftun muß, wird er nicht flüstern vor der Gegenwart des Vergangenen? Wie wenig, deutsches Volk, kennst du deine Schätze, wenn du sie nicht besser zu zeigen verstehst.

So waren sie nicht in der Wartburg, als sie drinnen waren; erst als sie wieder bergab stiegen und zwischen grünem Laub nach ihr zurückschauten, da lag sie wieder vor ihnen im Morgenrot der Sage, da wagten sie wieder einzutreten und ein Jahrtausend lang durch ihre Räume zu wandeln.

Und Gott sei Dank. Vor dem Denkmal Johann Sebastians störte niemand den Zwiegesang ihrer Herzen, mischte sich niemand ein, als sie entrückten Ohres singen hörten: »Kommet, ihr Töchter, helft mir klagen« und »Wir setzen uns mit Tränen nieder.«

Auf dem Markte kauften sie Kirschen, und am Abend saßen sie am offenen Fenster ihres Hotelzimmers, sahen den Mond aus dem Hörselberge hervorsteigen und schoben die besten Kirschen, die sie fanden, einander in den Mund. Oder sie faßte den Stiel einer Kirsche mit den Zähnen, und er pflückte mit dem Munde die Frucht von ihren Lippen.

»Sind wir nicht viel zu verliebt für so alte Eheleute?« fragte sie furchtsam.

»Wenn du noch einmal so etwas sagst, benehme ich mich gesetzt,« drohte er.

»Hast du mich noch so lieb wie vor sieben Jahren?« fragte sie, die Hände auf seine Schultern legend.

»Sieben mal so toll,« sagte er. »Und so wird es weiter wachsen mit den Jahren.«

»Allmächtiger!« rief sie erschrocken. Aber dann schmiegte sie sich in seinen Arm und fragte: »Glaubst du, daß schon jemals ein Paar eine so schöne Hochzeitsreise gemacht hat?«

»Nie!« versetzte er mit vollkommener Bestimmtheit. Und er mußte wieder sinnend in die Vergangenheit blicken, die im Mondlicht auf den Bergen lag. Er machte eine Hochzeitsreise. Mit voller Börse. An der Seite eines solchen Weibes sah er Thüringen, die Wartburg, sollte er Weimar sehen, Weimar. Und jetzt, in diesem reizenden Hotelzimmer, saß er mit ihr allein am Fenster. Bei solchem Mondschein. Und aß die schönsten Kirschen. Du lieber Gott, wie viele Menschen gab's denn, denen das zuteil wurde.

»Und es ward aus Abend und Morgen ein Tag«; wer immer im Rausch ist, der bedarf kaum des Schlafes; sie nippten vom Schlaf wie Vögel aus dem Bach: ein Tröpfchen und husch – davon. Es war nicht ein Rausch wie vom Wein, nein: viel leichter und darum viel seliger, ein Luftrausch, ein Lichtrausch, ein Lebensrausch. Sie entschlummerten spät unter halbgeträumten Worten, und ihr frühes Erwachen war nur ein anderer Traum.

Freilich, im Lichtrausch kann man sich übernehmen, wenn es sich um physisches Licht handelt: das sollten sie erfahren. Sie hatten sich beim Frühstück verspätet – es plauschte sich so unendlich gut mit ihr beim Morgenimbiß – und machten sich erst um neun auf den Weg. Alles, wessen sie auf ihrer kurzen Reise bedurften, führten sie mit sich; eine strotzende Reisetasche hatte er sich umgehängt; ein Köfferchen trugen sie bald gemeinsam, bald trug er's allein. Sie hätten es wohl mit der Post vorausschicken können; aber man mußte sparsam sein. Es war eine seiner Schwächen, daß er sich ein Talent zum Sparen einbildete. So schritten sie schlank ein munteres Tal hinauf, ein Tal voll blinkender Wasser unter hängendem Gezweig, voll moosiger Felsen und blitzender Schwalben, ein Tal voll Sonntag. Die Burschen standen im Sonntagsputz vor den Türen zusammen und schmauchten mit feiertäglicher Umständlichkeit; die Mädchen schafften noch an Herd und Brunnen, im Gang und im Blick schon den kommenden Tanz. Was Wunder, daß unser Paar alsbald zu singen begann. Und was anders konnten sie singen als:

»Ich hört' ein Bächlein rauschen
Wohl aus dem Felsenquell,
Hinab zum Tale rauschen
So frisch und wunderhell«

und

»Eine Mühle seh ich blinken
Aus den Erlen heraus,
Durch Rauschen und Singen
Bricht Rädergebraus«

und das seltsame Lied mit der wundersamen Stelle:

»Und da sitz' ich in der großen Runde,
In der stillen, kühlen Feierstunde,
Und der Meister spricht zu allen:
Euer Werk hat mir gefallen«

ein Lied, das aus der Werkstatt kommt und wie aus einer Kirche klingt und uns mit unbegreiflichem Zauber offenbart, daß Arbeit Schönheit und daß Ruhe nach der Arbeit ein frommer Gesang ist. Nie begreift, wer es aus solchen Liedern nicht begreift, daß es ein eigenes Ding ist um das deutsche Vaterland. Ja, sie waren altmodisch, diese beiden Hochzeitsreisenden; sie sangen Franz Schubert und Wilhelm Müller, die man in unseren Konzerten kaum noch hört, weil sie nicht neu genug sind. Hier waren ihre Lieder jedenfalls neu; hier sprangen sie plätschernd aus dem Stein hervor; hier wuchsen sie ihnen von jedem Zweig wie Kirschen in den Mund; hier sang sie jeder Vogel, und jeder Fels hallte sie wieder. Da, vor dem Tor am Brunnen stand der Lindenbaum, und da – horch:

»Von der Straße her das Posthorn klingt!
Was hat es, daß es so hoch aufspringt,
Mein Herz?«

Und als der siebenjährige Ehemann im Walde sang:

»Durch den Hain, durch den Hain
Schalle heut ein Reim allein:
Die geliebte Müllerin ist mein, ist mein!«

da klang es so merkwürdig, daß die zwanzig Schritt vor ihm herwandelnde Geliebte stehen bleiben und sich nach ihm umschauen mußte, obwohl sie nie in ihrem Leben Müllerin gewesen war. Er aber machte die zwanzig Schritt in dreien, warf den Koffer ins Moos und gab ihr einen einzigen Kuß, der aber unter Verliebten seine zwölfe wert war.

»O Kuß in eines Walds geheimstem Grund!
Fernoben über Wipfeln rauscht die Welt
Und weiß es nicht, daß unten, Mund auf Mund,
Zwei Welt- und Selbstvergessene versinken!
Der Lippen Duft wie junges Tannengrün,
Und tief im trunken-stillen Blick ein Licht,
Das hoch herab von heiliger Wölbung fällt!
O sternendunkler Abgrund, ende nicht
Und laß uns ewig deine Dämmerung trinken –«

Indessen: der Abgrund tat ihnen nicht den Gefallen; sie traten aus dem Hain auf eine Chaussee. Chausseen können sehr schön sein, wenn sie wollen; aber gewöhnlich wollen sie nicht. Es war Mittag geworden, und bis zu dem Orte, wo sie die Eisenbahn erreichen wollten, waren es noch zwei Stunden. Nach ungefährer Schätzung mußten es jetzt einige Grade über dreißig im Schatten sein; aber das interessierte hier um deswillen nicht, weil die Chaussee keinen Schatten hatte. Immerhin konnte man, wenn man nicht kurzsichtig war, das Ende der Landstraße absehen, und dann – überhaupt: konnte man sie mit Sonnenschein schrecken? »Sonne ist gerade was Feines,« riefen sie und schritten mit höhnischem Trotz in den Zügen fürbaß. Sie schätzten die in weißglitzerndem Lichte vor ihnen liegende Straße auf eine gute Viertelstunde; aber man unterschätzt diese Landstraßen. Nach einer guten halben Stunde erreichten sie das Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang.

»So knüpfen ans fröhliche Ende
Den fröhlichen Anfang wir an«

sang er, und sie schritten weiter. Vorsichtiger geworden, schätzten sie das vor ihnen liegende Stück auf eine kleine halbe Stunde; aber man unterschätzt diese Landstraßen. Nach ¾ Stunden kamen sie endlich ans Ende; aber dieses Ende war ein neuer Anfang. Sie waren offenbar auf einen weiten Umweg geraten; die Augen eines jungen Weibes sind eben keine Landkarte. Sie schritten weiter; aber singen tat er nicht mehr; das Klima war der Stimme nicht günstig. Immerhin war es ein Trost, daß das Stück vor ihnen höchstens eine halbe Stunde sein konnte; aber man unterschätzt diese Landstraßen. Selbstverständlich trug der sparsame Mann schon seit langem das ganze Gepäck; aber das drückte ihn nicht; ihn drückte das Gefühl: sie überanstrengt sich. Freilich versicherte sie auf seine Fragen immer wieder lachenden Gesichts, sie fühle sich vollkommen wohl und frisch; aber das beruhigte ihn nicht; sie, die Wahrhaftigkeit selbst, konnte, wenn es ihm Beschwerden zu verbergen galt, lügen wie ein Dichter, das wußte er. Nach dreiviertel Stunden sahen sie Dächer. Ha, das Ziel. Als sie aber an das Dorf kamen, da hieß es ganz anders. Sie erfuhren, daß sie bis zu ihrem Ziel »nur« noch eine halbe Stunde zu gehen hätten. Er wollte sie überreden, in diesem allerdings wenig versprechenden Dorfe zu rasten; aber sie sagte: »Wenn ich jetzt sitze, steh ich nicht wieder auf. Jetzt halten wir schon aus bis ans Ende.« So war sie. Wenn sie die Ausdrucksweise der Landbewohner besser gekannt hätten, hätten sie gewußt, daß diese immer nur halb mit der Sprache herauskommen. Nach einer halben Stunde sahen sie den ersehnten Ort aus der Ferne. Er vertrieb ihr und sich die Zeit mit einem anmutigen Spiel. Bei jedem fünften Schritt nickte er mit dem Kopfe, und dann fiel von seiner Stirn ein Schweißtropfen in den Sand. Eins, zwei, drei, vier, fünf – ein Tropfen; eins, zwei, drei, vier, fünf – ein Tropfen usw. Sie lachte, und so kamen sie endlich in den erstrebten Ort, in das erhoffte Wirtshaus, in die ersehnte schattige Stube und auf die in visionären Wüstenträumen erschaute Bank. So. Der Rest war Schweigen. Hier wollten sie den Rest ihrer Tage verbringen. Hier sollte man sie abholen, wenn man sie einmal begraben wollte.

Sie stützten den Kopf in beide Hände und starrten einander an wie zwei, die sich schon irgendwo einmal gesehen haben müssen. Der Kellner fragte, ob die Herrschaften etwas zu speisen beliebten.

»Trinken,« gurgelte er.

»Wasser,« sagte sie drei Minuten später.

»Mit Kognak!« fügte er nach zwei Minuten schnell hinzu.

Dann schob er ihr ein Stückchen von dem dreimal wöchentlich erscheinenden Kreisblatt zu, das auf dem Tische lag und das heute, am Sonntag, mit zwei Seiten Text und vier Seiten Anzeigen erschienen war. Er las, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen wolle. Sie las, daß Dr. Miquel einen Urlaub angetreten habe. Dann las er, daß Frau Hasenbek seine Herrenwäsche übernehme. Und dann las sie, daß der Amtsgerichtssekretär Ranke in den Ruhestand getreten sei. Und dann las er wieder, daß der Bauer Henneberg ein Paar Ochsen billig verkaufen wolle; denn vordem hatte er es nicht ganz erfaßt. So saßen sie zwei Stunden lang einander gegenüber. Dann dachten sie ans Essen und erhoben sich, um sich von dem Staub der Wanderung zu befreien. Als sie zur Tür schritten, machten sie in ihren Bewegungen jenen rührenden Eindruck, den wir bei Betrachtung Philemons und seiner Baucis empfangen.

»An diesem Tage gingen sie nicht weiter.« Sie fuhren mit der Eisenbahn, und als sie in ihr Zimmer geführt wurden, erlebten sie ein Wunder. Unter ihrem Fenster, unter mächtigen Bäumen rauschte der Bach über ein breites Wehr. Da standen sie nun und waren ganz befangen von solchem Zauber. Der Niederdeutsche kennt kein rauschendes Wasser. Er hat breite, stillfließende Wasser und brüllende, donnernde Meerflut; aber er kennt nicht den ewigen Gesang rauschender Bäche, kennt nicht diese unermüdlichen Märchenerzähler des Gebirgs, die von den Höhen, aus den Wäldern kommen mit immer neuer, nie gehörter Sage. Und so konnten sie sich, so müde sie waren, nicht satt trinken an diesem Gesang, aus dem sie immer und immer wieder deutliche Worte zu vernehmen glaubten, und als sie sich schon zur Ruhe gelegt hatten und sie leise vor sich hinsang:

»Was sag' ich denn vom Rauschen?«

da fiel er sogleich ein:

»Das mag kein Rauschen sein!
Es singen wohl die Nixen
Tief unten ihren Reih'n –«

und so verflocht sich ihnen der sanfte Zauber des Abends mit dem frohen Wanderglück der Frühe, und es ward aus Abend und Morgen ein andrer Tag.

Auf der nächsten Station ihrer Reise stürzten sie nach dem Postamt. Es waren Briefe da vom Hause. Auch einer von ihrer Schwester. Sie riß das Kuvert auf und las. Er stand ein wenig hinter ihr und sah, wie ihr eine dicke Träne die Wange herunterlief.

»Ist was geschehen?« rief er.

»Nein, nein!« rief sie lächelnd.

Ach so! Die Schwester berichtete natürlich über die Kinder, und da regten sich Sehnsucht, Heimweh und Gewissen im Herzen dieser neuen Medea, dieser Doppel-Medea; denn sie hatte vier Kinder. Er sagte sich, daß er als Reisemarschall diesem Rückfall durch besondere Munterkeit und ein besonders hinreißendes Tagesprogramm begegnen müsse. Sie reichte ihm den Brief; er war zur Bestätigung der Angaben der Tante von sämtlichen Kindern »eigenhändig« unterzeichnet, auch vom zweijährigen.

»Fabelhaft begabtes Geschlecht!« rief er.

Aber die Kindesmörderin aus Vergnügungssucht reagierte nicht auf seinen Scherz; sie wandte sich ab und befaßte sich eingehend mit ihrem Schnupftuch. Und – o weh! – als sie wieder ins Freie traten, da weinte auch der Himmel über seine Kinder! Und ganz im Verhältnis ihrer Anzahl! Flucht ins Hotel – das war der einzige annehmbare Gedanke.

Da saßen sie nun am offenen Fenster und freuten sich am Regen und freuten sich, wenn die Bergkuppen aus den Wolken hervordrangen und wenn sie wieder verschwanden. Es gibt Menschen, die nur klare Bergspitzen und weite Fernsichten lieben. Und es gibt Menschen, die auch zu umwölkten Höhen mit ahnender Andacht hinaufschauen, die es lieben, wenn Berge mit Wolken ringen. Solcher Art waren sie. Stundenlang schauten sie hinein in das wogende Grau, das ihren Augen nichts weniger war denn ein Einerlei. Sie hatte leise ihre Hand in die seine gelegt; da mußte er daran denken, wie sie an jedem Abend seine Hand suchte, bevor sie entschlummerte. Er erhob sich, ging an den Tisch und begann zu schreiben. Nach einiger Zeit kam er mit einem Blatt zu ihr und sagte:

»Ich hab' was.«

»Ja?!« rief sie leuchtenden Auges. Sie wußte, was er habe; sie schmiegte sich in seinen Arm und er las:

Was Ortrun sprach.

              Gib wie immer deine liebe Hand,
Eh' ich eintret in des Schlummers Land.
Sollst im Dunkel mir zur Seite stehen,
Mit mir durch des Traumes Garten gehen.

Sieh' das ist das Süßeste vom Tag,
Daß ich deine Hand noch fassen mag,
Wenn des Tages Ängste von mir sinken
Und des Schlummers milde Schatten winken.

»Meine Zuflucht«, klingt in mir ein Wort,
»Meine Zuflucht«, klingt es immerfort.
Alle, die dich lieben, die dich hassen,
Endlich müssen sie dich mir nun lassen.

Deine Hand nur fühl ich noch allein;
Alles Andre mag verloren sein.
Ach, in mancher Nacht war mir's verliehen,
Dich im Traum mit mir hinwegzuziehen:

Auf den Lippen noch ein Wort vom Tag –
Leise dann des Traumes Flügelschlag –:
Schon mit dir in schweigendem Umschlingen
Hört' ich ewig-stumme Sterne singen.

Und in fernen Himmeln noch empfand
Ich den leisen Druck der teuren Hand,
Wie ein volles, heiliges Umfassen:
»Schreite fest, ich will dich nicht verlassen.«

Soll mir deine Hand erhalten sein,
Tret ich gern in jedes Dunkel ein;
Muß es doch nach allen Schrecken bringen
Einen Traum, in dem die Sterne singen. –

Er schwieg und fragte dann zärtlich: »Ist es so?«

»So ist es,« sagte sie leise, ihm voll in die Augen blickend. »Woher wißt ihr's nur, ihr Dichter, ihr Schrecklichen?«

Als er nun sah, daß er ihr Herz getroffen hatte, da ergriff ihn das Lyriker-Delirium. Der gewöhnliche, friedliche Bürger hat keine Vorstellung von dem Freudenwahnsinn, der den Menschen ergreift, wenn er meint, daß ihm ein Lied gelungen sei. Ein Lyriker mag mit Bühnenwerken die reichsten Lorbeeren errungen, er mag für seine Romane alles empfangen haben, was die Mitwelt zu geben vermag; er mag als Staatsmann ein Reich gegründet, als Feldherr ein Dutzend Schlachten gewonnen und als Erfinder einen vollkommenen Flugapparat erdacht haben – kein Triumph und kein Flugapparat wird ihn so hoch erheben wie der Gedanke: ein Lied, ein Lied ist mir gelungen. Ein Lied ist ihm das Köstlichste, was er vom Himmel empfangen, und das Köstlichste, was er an seine Mitmenschen weitergeben kann. Ein großer Lyriker war es, der eines Tages sagte: »Wenn mir ein Gedicht geglückt ist, kann ich mich vor Jubel nicht fassen; ich muß etwas haben, das ich umarme, und wenn ich keinen Menschen habe, so nehme ich einen Stuhl und press' ihn ans Herz.« Man sagt, daß die Frauen nach der Geburt eines Kindes ein Gefühl unendlichen Jubels und seligster Ermattung überkomme. Genau so ist es den Lyrikern nach der Entbindung; nur daß sie durch nichts in der Welt zu bewegen sein würden, still zu liegen wie die Frauen. Wenn unser junger Ehemann ein Gedicht vollendet hatte, dann tanzte der hohe Wöchner von einem Zimmer ins andere, vom untern Stockwerk ins obere und vom oberen wieder ins untere, küßte sein Weib und seine Kinder ab, tanzte mit ihnen Ringelreihen, um sie plötzlich loszulassen und wieder abzuküssen, holte die Flasche Wein aus dem Keller, wenn sie noch da war, machte an dem Turnreck zwanzigmal die Bauch- und die Rückenwelle, spielte durch Haus und Garten Haschen mit Weib und Kindern und schrie dabei wie in seinen blühendsten Flegeljahren, und wenn er ausgegangen war, kehrte er mit Geschenken für die Seinigen beladen wieder heim. Der Gedanke: »Ein Denkmal habe ich mir errichtet, dauernder denn Erz«, läßt keine ökonomischen Bedenken aufkommen; wer ein Gedicht gemacht hat, ist der reichste Mann des Weltalls, wenn er sich auch 48 Stunden später überzeugt, daß es mit dem neuen Gedicht verteufelt wenig auf sich habe.

Als die Tischglocke ertönte, sprangen sie Hand in Hand die Treppen hinunter, und da sie ihn noch immer strahlend anblickte, fragte er heimlich: »Also hat's dir gefallen?« Und als sie vielsagend eifrig nickte und ihm unter dem Tische die Hand drückte, daß es weh tat, da rief er:

»Na, dann, Kellner, eine ganze Flasche Markobrunner.« Am Notwendigsten sparte er nicht gern.

Der Kellner verneigte sich mit gütigem Lächeln und flüsterte dem Wirt ins Ohr: »Eine Markobrunner – für die Hochzeitsreisenden.«

Als der Wein eingeschenkt war, führte er sein Glas mit der Miene des Kenners an die Nase. Es war Markobrunner für Hochzeitsreisende; aber unser Freund schien von dem Resultat der Untersuchung äußerst befriedigt, und er sagte leuchtenden Auges:

»Herz, laß uns darauf trinken, daß es unsern Kindern einmal ebenso ergehe. Aber« – fügte er schnell hinzu – »es soll ihnen nicht in den Schoß fallen; sie sollen sich's erkämpfen wie wir; das ist das Köstlichste, was wir ihnen wünschen können.«

Dann brachte er ihr zu Ehren einen Damentoast aus; dann trank sie auf sein jüngstes Gedicht; dann tranken sie auf die Freunde, die »leider« nicht dabei sein könnten, und endlich rief er:

»Von der Quelle bis ans Meer
Mahlet manche Mühle;
Und das Wohl der ganzen Welt
Ist's, worauf ich ziele.«

Und dann sprangen sie anmutig beschwipst – es war ein kräftiger Markobrunner gewesen – wieder hinauf in ihr Zimmer und holten aus ihrem Gepäck ein Bändchen Goethe hervor.

Der Himmel schien noch heute bis auf den letzten Tropfen bezahlen zu wollen, was die Hitze der vorhergehenden Tage an Feuchtigkeiten kontrahiert hatte. Und seltsam: es war unsern Reisenden gar nicht mehr unlieb. Wenn zwei Liebende sechs Jahre lang von sehr lebendigen Kindern und sehr lebendigen Pflichten, Sorgen und Mühen umschwirrt gewesen sind und sich dann plötzlich in der Ferne, eingeregnet, in einem Hotelzimmer einander gegenüber finden, dann erwacht in ihnen ein seltsames, ein ungeahntes Gefühl, das Gefühl: Endlich allein. Eine Empfindung bemächtigt sich ihrer, daß ihre innersten Seelen seit langem eigentlich nicht miteinander gesprochen haben, daß sie sich viel und mancherlei zu sagen haben, von dem sie selbst nicht gewußt haben, daß es in ihnen sei. Während sie einander nahe gegenübersaßen, sie ihm gelegentlich sanft mit der Hand über die Stirn strich, er ihr gelegentlich zärtlich die schmale Hand streichelte und einer des andern Bild mit inniger forschendem Blick zu erfassen suchte, sprachen sie Ernstes und Fröhliches, Lautes und Leises, das in einsamen Stunden in ihnen erwacht und ihnen wohl auch auf die Lippen gekommen, dort aber vom schnellen Strom des täglichen Lebens hinweggeschwemmt worden war. Und als der Abend herannahte, da fanden sie, daß kein Tag ihrer Reise schöner gewesen sei als dieser »verlorene«. Und als sie wieder einmal gemeinsam in den Himmel schauten – da entfuhr ihnen gleichzeitig ein halblauter Freudenruf: im Westen blickte durch das Grau ein winzig Stücklein erhellten Himmels, wie ein verweintes Auge, das, noch unter Tränenschleiern, zum ersten Male wieder aufmerksam ins Leben starrt, noch nicht wünschend, noch weniger hoffend, nur erst wieder betrachtend mit kaum bewußter Teilnahme. Und das himmlische Auge ward größer und größer, klarer und klarer, heitrer und heitrer, und unser Paar schritt mit aufjauchzenden Herzen hinaus in eine wiedergeborene, schöpfungsfrohe Natur.

Und diesen Abend machten sie einen Fund, der ihm köstlicher denn Gold und Perlen war. Sie fanden eine Wiese, an einem sanft abfallenden Hügelhang, von jungen und alten Bäumen umstanden. Über diese Wiese finden wir in seinem Tagebuche folgende Zeilen:

»Im Thüringer Wald ist eine Wiese, die alles zur Ruhe singt, was in dir an Sorgen und Bangen ist. Ja, sie singt; denn ihr Grün, ihre Schatten und ihre Lichter, ihre Bewegung und ihr Schweigen sind ein ununterbrochener seliger Gesang. In diesem Gesange sah ich goldene Stunden meiner Vergangenheit wandeln, die ich vergessen hatte, Stunden und Tage mit ihrem eigensten Gesicht, ihrem eigensten Ton und Gange. Am Rande, im Schatten der Bäume, sah ich die höchsten und heiligsten Gedanken meines Lebens ruhen, sah ihre Züge, ihre Augen im Glanze der Minute, da ich sie empfangen, verstanden und ans Herz gedrückt hatte. Und über den abendlich glimmenden Wipfeln der Bäume zogen selig schwebend dahin meine Hoffnungen, meine Ahnungen, die aus dieser Erdenenge hinaufstreben in eine größere Welt. Auf dieser Wiese grünt der Glaube; wer sie erschaut, der trinkt sich Glauben an die Heiligkeit der Welt für ewige Tage. Die Welt, die solche Augen hat, kann im Grund ihrer Seele nicht lügen.

Ich sage nicht, wo diese Wiese liegt; denn sogleich würden Tausende kommen und rufen: »Wo ist das Besondere? Das können wir auch anderswo sehen!« O Ihr Blinden! Nichts kann man auch anderswo sehen. Jedes Stück der Welt, das zwischen zwei Augenlidern Platz hat, ist ein Wesen wie ich und wie jedes von Euch, mit eigener Seele und eigener Stimme, mit Zügen und Augen, die niemals wiederkehren. Und die doch, wenn sie vergangen sind, wie wir vergehen, ewig aufbewahrt bleiben im Weltall. Alles ist einzig und alles ist ewig.

In den morgenfrischen Bäumen
Hing ein letzter Hauch der Nacht,
Und die Blumen machten Augen
Wie ein Kind, wenn es erwacht. –

Holder Schreck entriß mich plötzlich
Lächelnder Versunkenheit –:
Eine Rose hat geduftet
Wie ein Lied aus Kinderzeit.

Eilends sucht' ich: Welche war es? –
Duft und Blüte weit und breit. –
Doch nicht andren Duft vernahm ich;
Aufgetan die Seele weit,

Ging ich atmend, dürstend, sehnend
Durch des Gartens Herrlichkeit –
Und ich hab' sie nicht gefunden,
Die mich rief aus ferner Zeit.

O, ich seh' es, euer Lachen,
Schnell und klug zum Spott bereit!
Seid gewiß, in regen Lüften
Weiß mein Herz von je Bescheid.

Aufgehoben bleibt im Ganzen
Jedes Atems leises Weh'n;
Einst an einem großen Morgen
Wirst du's lächelnd wiederseh'n.

Eine Rose hat geduftet
Wie ein Klang aus Kinderzeit;
Duft und Klingen, Heut' und Gestern
Weben all' an einem Kleid.

Niemals hab' ich Schillers Klage um die Entgötterung der Natur verstanden.

»Diese Höhen füllten Oreaden,
Eine Dryas lebt' in jenem Baum,
Aus den Urnen lieblicher Najaden
Sprang der Ströme Silberschaum.«

Ist das nicht heut' wie einst? Seht ihr's nicht wandeln auf den Bergen, hört ihr's nicht lachen und seufzen aus jedem Baum, hört ihr's nicht singen an jeder Quelle mit überirdischer Stimme? Ihr vernehmt es mit höheren Sinnen, und mit leiblichen Sinnen vernahmen's auch die Griechen nicht.

Nein, o nein, keine Philosophie und keine Religion kann die Natur entgöttern; denn sie ist selber Gott.

Geht hin und suche jeder seine Himmelswiese; denn jedem liegt sie anderswo. Auch meinem Weibe, auch meinen Kindern, und das ist ein Weh in allem Glück. Aber meine Geliebte verstand mein Schweigen und ehrte mein Gebet.«

Als sie auf der nächsten Poststation ihre Briefe in Empfang nahmen, die wieder erfreuliche Nachricht vom Hause brachten, da fiel ihm aus einer eingeschriebenen Sendung eine Banknote in die Hände. Ein Honorar! Fünfzig Mark, auf die er gar nicht gerechnet hatte. Er hielt ihr das hübsche Stück Papier vor die Augen und schrie ganz leise »Juhuhuuu!!« Und als sie ins Hotel zurückgekehrt waren, zog er den Wirt auf die Seite und redete vertraulich mit ihm. Der Wirt hörte ihm offenbar mit Vergnügen zu und eilte dienstbereit von dannen.

»Wollen wir nicht aufbrechen?« fragte sie.

Er hob geheimnisvoll den Finger, machte ein hohenpriesterliches Gesicht und sagte dunkel: »Noch nicht.«

Als sie nach einigen Minuten wieder fragte: »Warum gehen wir denn nicht, du Schlingel?« da hob er noch geheimnisvoller den Finger, machte ein noch hohenpriesterlicheres Gesicht und sagte noch dunkler: »Noch nicht.«

Und dann fuhr ein schöner Landauer mit zwei tatenfrohen Braunen vor.

Sie sah ihn mit ungläubigem Lächeln an. Er aber rief:

»Jehann, nu spann de Schimmels an!
Nu fahrt wi mit de Brut!
Un hebbt wi nix as brune Per,
Jehann, so is't ok gut!«

und lud sie mit seiner galantesten Handbewegung zum Einsteigen ein.

Während er noch mit dem Kutscher sprach, konnte sie mit den strahlenden Augen nicht von ihm lassen. Wer kennt nicht die herrliche »Hochzeitsreise« von Moritz von Schwind, kennt darin nicht den anmutigen Zug, wie die junge Frau zur Seite rückt und dem geliebten Gefährten gar bereitwillig Platz macht in Erwartung gemeinsamer Freude! So drückte sie sich in die Ecke und konnte kaum erwarten, daß er einstieg.

Der Wirt, ein Mann von etwas familiärem, aber vortrefflich gemeintem Benehmen, wünschte ihnen noch, daß der Fortgang ihrer Ehe so fröhlich sein möge wie der Anfang.

»Also haben Sie gemerkt, daß wir Hochzeitsreisende sind?« fragte unser Freund.

»Freilich,« versetzte der Alte, »dafür bekommt unsereins einen Blick.«

»Jaja,« rief der Ehemann lachend, »wir sind allerdings noch in den ersten Flitterjahren. Hü, Kutscher.« Die Pferde zogen an.

»Du ahnst nicht, wie dankbar ich dir bin,« flüsterte sie an seinem Ohr, »ich war ein wenig übermüdet – nun bin ich selig.«

Und freilich – fußwandern bleibt zwar immer das Schönste – aber nächstdem gibt es nichts Leib- und Seelenvergnüglicheres als zu zweien im Wagen eng aneinander geschmiegt durch die Lande zu rollen. Sie fuhren durch stundenlangen Tannenwald; in unabsehbaren Reihen ragten die streng emporstrebenden Stämme in den Himmel, eine meilenlange Orgel, aus der der Wind das Morgenlied der Schöpfung spielte. O, ein geheimnisvolles Ding, mit munteren Rossen durch tiefen Wald zu fahren. Dem seitwärts schweifenden Blick erschienen in fernsten, niebetretenen Waldgründen seltsamgestaltige Wunder, die scheu wieder ins Dunkel tauchten, wenn das Auge sie fester erfassen wollte; mit großen Augen lugte es hinter düsteren Stämmen hervor – ein Reh? – eine Dryas? – das verzauberte Brüderlein der treuen Schwester? – oder war es Schmerzenreich, das Kind der armen Pfalzgräfin? Und manchmal schaute zwischen fernen, fernen Tannen ein Stück des Himmels in die Schauer der Waldnacht herein, dann war es ihnen, sie sähen einen gotischen Dom mit riesenhohen, bunten Fenstern und sie wären dem Tempel nah, der die smaragdne Schale vom Tisch des Heilands birgt und der ewigen Frieden bringt denen, die ihn finden. Wenn aber der Wagen lautlos über moosigen Grund fuhr, dann vernahmen sie dumpfes, fernes Stimmengewirr versammelter Männer. Ihr wißt, daß man in stillen, dichten Wäldern die Stimmen einer unsichtbaren Versammlung hört. Das ist das Thing derer aus Niflheim und Jötunheim; sie beraten über den großen Kampf, in dem sie die Einherier vernichten wollen, die Einherier, die über den Wipfeln lächelnd dahinziehn.

Als sie aber nun über eine sonnige Hochfläche fuhren und Wiesen und Äcker in allen Farben vor ihren Blicken lagen, da ergriff ihn ein lustiger Größenwahn; er sprang von seinem Sitz in die Höhe, beschrieb mit der Linken einen weiten Bogen und rief:

»Sieh, Herz, alles unser! alles dein. Ein Teppich für deine Füße! Wer kann sich das leisten!«

Und sie ergriff seine Rechte, zog sie an die Lippen und flüsterte mit ihrem schalkhaftesten Lächeln:

»Mein sparsamer Mann. Mein unverbesserlicher Geizhals. Mein Harpagon.«

Und so kamen sie nach Ilmenau. –

»Anmutig Tal, du immergrüner Hain,
Mein Herz begrüßt euch wieder auf das beste.«

Schon dieser Anfang hatte ihm immer zu den Wundern der Kunst gehört. Mit zwei Worten erschließt ein Dichter ein heiteres Gefild, und mit einem einzigen Griff bringt er die Harfe des Waldes zum Klingen, und alles horcht auf und flüstert: »Still – still. Der da beginnt, das muß ein großer Meister sein.«

Und die Herzen voll dieses Klangs, durchschritten sie das anmutige Tal und stiegen den immergrünen Hain hinauf zu jener Höhe, wo der herrliche Wanderer sein Nachtlied an die Wand eines Bretterhäuschens geschrieben hatte. An Stelle des niedergebrannten Häuschens hat man dort, in nachgeahmter Dürftigkeit, ein neues »altes« Häuschen errichtet. Sie gingen nicht hinein; sie wollten es nicht sehen; sie wandten ihm den Rücken zu und schauten über das abendlich beglänzte Wipfelmeer in die Ferne. Keines sprach ein Wort; aber im stillen Herzen sprachen's wohl beide:

Ȇber allen Gipfeln
Ist Ruh,
In allen Wipfeln
Spürest du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur, balde
Ruhest du auch.«

31 Jahre war er alt gewesen. als sich dies Lied aus seiner Seele gelöst hatte, ein glückverwöhnter, blühender Mann, die Schöpfungsgewalt für eine neue Welt hinter der Stirn, die Flügelspannung eines emporschwebenden Adlers im Hirn und in der Brust. Groß war die Welt, groß und schön und berauschend süß. Aber vielleicht das Beste nach allem war die Ruhe.

Sie sprachen auch nur wenige, abgebrochene Worte, während sie zu Tale stiegen. Das Dunkel brach herein. Da legte er den Arm um ihre Hüfte und sprach: »Wie wird's uns sein, wenn wir nach Weimar kommen!«

Und sie kamen nach Weimar. Der Weimarer Bahnhof – darüber kann keine Meinungsverschiedenheit bestehen – hat weder etwas Imponierendes noch Feierliches, noch Stimmungsvolles, oder sonst Angenehmes. Aber als sie ihren Fuß auf den Bahnsteig setzten, hatten sie das Gefühl: »Ziehe deine Schuhe aus von deinen Füßen; denn das Land, darauf du stehest, ist ein heiliges Land.« Sie gingen schon durch die Sophienstraße, aber sie gingen vollends über den Viadukt und durch die Rollgasse, als das alte Weimar vor ihnen auftauchte, mit den zitternden Herzen der Kinder am Weihnachtabend dahin. Es war auch Abend und schon so spät, daß sie das Hotel nicht mehr verließen. Viele Stunden lang lag er schlaflos in seinem Bette: er war nun da, wirklich da, er selbst, an der tausendmal ersehnten Stätte seines heiligsten Knaben- und Jünglingslebens; er atmete mit den erhabenen Genien dieses Ortes dieselbe ambrosische Luft. Denn das war das Seltsame: in diesem neuen Weimar stand unversehrt das alte und drängte jenes in den Hintergrund; was vor 70, vor 100 Jahren gestorben und untergegangen war, das lebte, stand und wandelte hier so gegenwärtig wie nur je – die Häuser, Straßen und Menschen von heute aber waren Schatten. Es war eine schlaflose, heilige Nacht; erst gegen Morgen schlief er ein paar Stunden und erhob sich dann mit einem fröhlichen Kraftgefühl, das ihm die Geister seiner Jugend gebracht hatten.

Die beiden machten zunächst einen Orientierungsspaziergang durch die Stadt, und dieser Anfang verlief nicht allzu erhebend. Vor dem Doppeldenkmal trat nämlich ein überaus freundlicher alter Herr mit höflichem Gruß auf sie zu und sagte:

»Dies sind nu also die beiden kreeßten Tichter, wo mir ha'm. Links is Keethe, un rechts is Schiller. Schiller is, wie Se seh'n, ä bißchen kreeßer als Keethe; aber dafier is der Keethe widder breider in de Schuldern. Was se da in der Hand halten, das is ä Lorbeergranz. Keethe will Schillern den Lorbeergranz iberreichen; awer Schiller sagt: »Nee, behalt du'n.« Der Schiller is immer ä sehr edler Mensch gewäsen. – Da hinder den beiden säh'n Se das alde Dheader, wo noch de kreeßten Machwerge von den beiden sin aufgeführt wor'n.«

Unser Freund dankte verbindlich für die Belehrung und lüftete zum Abschied höflich den Hut.

Als sie an der Ecke des Theaterplatzes vor dem Wittumspalais standen, stand der gastliche Fremde wieder neben ihnen.

»Das is nu also das sogenannte Widmungsbalais, wo de Herzogin Anna Amalchje dadrinn kewohnt hat.«

»Soso!« machte unser Freund. »Sagen Sie mal, warum heißt es eigentlich »Widmungspalais«?«

»Nu, das is ja sehr einfach. Das hat nämlich der tamaliche Kroßherzog, der hat es also der Anna Amalchje kewidmet, damit daß se drin wohnen soll.«

»Aha!« machte unser Freund, »aha!« lüftete abermals den Hut und sagte »Adieu!«

Aber der menschenfreundliche Herr nahm keine Notiz davon; er geleitete sie vor das Schillerhaus und sagte:

»Dies is also nu das Haus, wo der unschterbliche Schiller kewohnt hat –«

»Jawohl, jawohl!« riefen unsere beiden und schritten eilends weiter. Sie gelangten zum Fürstenplatz, und als sie vor dem Reiterstandbilde Carl August's standen, hörten sie hinter sich eine Stimme:

»Dies is nu also der Fürscht, der wo die sämtlichen Tichter eichentlich erst ins Läben gerufen hat.«

»Schick ihn doch weg,« flüsterte sie.

»Ja, aber wie? Ich werd ihm Geld anbieten.«

»Ach nein, das geht doch nicht!« flüsterte sie errötend.

Aber es ging. Der gefällige Bürger steckte die dargebotene Mark Lösegeld ein und empfahl sich. Der Typus war ihnen ganz neu; denn in Norddeutschland lungert man nicht.

»Endlich allein!« jubelte sie, und nun zogen sie in Frieden weiter. Nur noch einmal kamen sie in Gefahr, »geführt« zu werden. Im Sterbezimmer Schillers hörten sie einen Erklärer reden, der von der Armut Schillers in einem so ergreifenden Tremolo sprach, als wenn er selbst darunter noch heute zu leiden habe und hier daher erhöhte Trinkgelder am Platze seien. Unser Paar wartete, bis die betreffende »Tour« zu Ende war und trat dann allein in das Heiligtum.

Die Deutschen haben keinen heiligeren Ort. »Wieviel Marmor,« dachte unser Freund, »wieviel Gold und Elfenbein, wieviel Seide, Samt und Edelgestein müßte wohl ein prachtliebender Fürst aufeinanderhäufen, um einen Raum zu schaffen von solcher Hoheit und von solchem Glanz. Wem hier nicht Tränen der Sehnsucht, Tränen des Triumphes ins Auge treten, dem ist der tiefste Quell seiner Seele versiegt. »Der wahre Bettler ist doch einzig und allein der wahre König.« Der dies göttliche Wort sprach, war auch solch ein Bettler.

Mit umflortem Blick betrachtete unser Paar die Gegenstände. die der erhabene Mann durch seine Berührung geadelt hatte. Sie hatten beide keine Begabung für den Fetischdienst, und gegen Götter- und Götzendienst empörte sich von je sein menschlicher Stolz. Aber die Geister, die diese Stadt erhellten, waren nicht Götter in Wohlsein und Müßiggang, waren nicht in Allmacht und ambrosischen Leibes geboren; sie hatten gelitten und gerungen, gerungen mit ihren eigenen Mängeln und Gebrechen und waren aus Menschen Götter geworden. Vor solchen Heiligen ist Verehrung nicht Erniedrigung, ist Verehrung eigener Triumph.

Gerade als sie diese Stätte verlassen wollten, kam der Führer zurück und begann im Grabestone des fest angestellten Leidtragenden: »In diesem ärmlichen Gemache –«

Aber unser Freund drückte schnell seine Hand in die des Mannes und sagte gedämpften Tones: »Ich weiß alles.«

Ja, dieses Schillerhaus, dieses Goethehaus, dieses Wittumspalais, dieser Park mit seinem Gartenhäuschen, diese unsichtbare Stadt, vor der man die sichtbare nicht sah: das war Elysium. Ein besseres, höheres, heiligeres Elysium als das der Alten. Ein Elysium der Arbeit. Gewiß: das gab diesen kleinen, niedrigen, bescheidenen, selbst in den Schlössern bescheidenen Räumen, die an Luxus manchmal hinter der Wohnung eines Handwerksmeisters von heute zurückstehen: das gab ihnen jene unvergleichliche Vornehmheit, daß der hohe Geist der Tätigkeit niemals aus ihnen gewichen war; aus der seligen Welt der Gedanken fällt noch heute ein Strahl in diese Gemächer und Gänge und umspielt die bestaubten Schokoladentäßchen, die verstummten Lauten und Spinette, die verlassenen Spieltische und die verwaisten Maskeradenkostüme mit einem fernher scheinenden Sternenlicht. Das machte auch das Arbeitszimmer am Frauenplan, dieses andere Allerheiligste der Deutschen, zu einer Insel der Seligen. 50 Jahre lang hatte er hier wirken, schaffen und ringen dürfen. 50 Jahre lang hatte er hier verkehren dürfen mit den freundlichsten und besten Geistern, die zu den Irdischen herniedersteigen. Kein Fleck der Erde hat ein reicheres und höheres Glück gesehen als dieses Zimmer. O, unsere Liebesleute wußten sehr wohl, daß Kleinheit und Häßlichkeit, daß Dummheit und Neid an diese Männer herangekrochen waren wie an andre und mehr als an andre Menschen; sie waren nicht unerfahren genug, um zu glauben, daß es ein Leben ohne Alltag gebe; es war ein kleines Nest gewesen, das Weimar von damals, und die Gewöhnlichkeit macht sich um so breiter, je enger sie mit der Größe zusammenwohnt. Aber das blieb bestehen: Kein Fleck der Erde hatte ein höheres und reicheres Glück gesehen als dieses Zimmer.

Und dann standen sie in der Fürstengruft an den Särgen der Dioskuren. Es gibt ein Gedicht von Nepomuk Vogl, in dem erzählt wird, wie ein Mann sich vom Totengräber das Grab der Mutter zeigen läßt. Als er davor steht, spricht er:

»Ihr irrt, hier wohnt die Tote nicht.
Wie schlöss' ein Raum so eng und klein
Die Liebe einer Mutter ein.«

In erweitertem und erhöhtem Maße hatten sie dies Gefühl vor den Sarkophagen Schillers und Goethes. Das Grauen, das uns vor den Gräbern vergänglicher Menschen befängt – hier hat es keine Stätte. Fast hätten sie gelächelt, als ihnen der alte Mann, der sie in die Gruft begleitet hatte, allen Ernstes versicherte, in diesen Särgen ruhten Goethe und Schiller. Sie kamen ja her von den Stätten, wo sie lebten und wirkten im Licht der Sonne. Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg?

Und noch an einem andern Grabe verweilten sie in freundlicher Trauer: an der Ruhestatt Christianens auf dem alten Jakobskirchhof. »Wenn ich zu befehlen hätte,« sagte unser Freund, »so ruhte sie neben ihm in der Fürstengruft.« Und sein junges Weib ergriff seine herabhängende Hand und drückte sie fest, sehr fest und gar lange. Es war das Weib, das ihm dankte.

Als sie zum ersten Male den Park besuchten, führte sie ein halbidiotischer Gärtnerlehrling durch Goethes Gartenhaus. Er schien nur substantive Begriffe zu haben; denn er sagte nichts als »Arbeitszimmer!« – »Schlafzimmer!« – »Küche!« und stieß diese Worte mit einer mürrischen Vehemenz hervor. Nur als die junge Frau einmal fragte: »Wohin geht es denn da?« da gebrauchte er das Adverbium »Raus!!« Sie hatten sonst wohl erlebt, von Halbidioten durch die Werke Goethes geführt zu werden; aber denen hatte der wohltuende Lakonismus des Gärtnerburschen gefehlt. Es fragte sich, ob die Verallgemeinerung dieser Einrichtung nicht zum Segen aller Besucher geweihter Stätten gereichen würde.

Sie wanderten hinaus nach Belvedere, nach Ettersburg und vor allem nach Tiefurt. Der Park von Tiefurt – wenn etwas, so gehörte er zu diesem Elysium. Es war ein trüber Tag, und doch – gibt es Wolken oder Nebel, die den Frohsinn dieser Stätte verhüllen können? Er strahlt und kichert durch alle Decken hervor. Ja, das war's, was diese »Lustigen von Weimar«, diese prachtvolle Anna Amalie und ihren Geniehof kennzeichnete: ihr Wirken war nicht finstere Rastlosigkeit, ihr Vergnügen nicht fauler Genuß; Arbeit adelte ihren Frohsinn, Frohsinn adelte ihre Arbeit. So macht man das Leben zum ewigen Fest, und ein ewiges Fest liegt über den Bäumen und Fluren dieses Parks.

Und doch mußte unser Freund fluchen, grimmig fluchen, als sie vor dem mächtigen Steine standen, der in Lapidarschrift den Namen

Herder

trägt. Ein Schuft hatte seinen Namen daneben geschmiert. Die Besudelung des Steines ließ sich wohl entfernen; aber wer entfernte den Dreck aus solch einer Seele! Welch ein Abgrund naiver Gemeinheit lag in diesem Frevel. »Weiß Gott,« rief unser Freund, »ich bin ein Feind der Prügelstrafe; aber Ausnahmen gibt es doch. In diesem Falle würde ich mit Freuden der Vollziehende sein, und der Hallunke sollte sich über keine Unterschlagung zu beklagen haben.«

Sie hatte große Mühe, ihn zu beruhigen; aber bald verwischte ein seltsam freundliches Erlebnis völlig den widrigen Eindruck. Sie hatten sich dem Schlößchen dieses Parks genähert, und im selben Augenblick, als sie durch den grünumrankten Torbogen in den Schloßhof traten, schlug eine Turmuhr drei Schläge und die Sonne durchbrach siegreich den Nebel. Glücklich überrascht sahen sie einander ins Gesicht: Hieß das nicht »Willkommen«?!

Der letzte Abend ihres Weimarer Aufenthalts gehörte natürlich noch einmal dem Park »am Stern«. Die Bürger von Weimar waren ordnungsmäßig zum Abendessen gegangen; unsere Beiden hatten den Park, hatten die Welt für sich allein; völlig einsam schritten sie am Gartenhause, an der Reitbahn vorüber auf dem breiten Wege, der nach Oberweimar führt. Köstliche Stille ringsum. Da standen auch sie stille – eine Nachtigall schlug liebeselig aus nahem Gebüsch. Und im Osten stand ein herrlicher Stern, so lebendig funkelnd, als ob er zur Erde reden möchte. Da war die Zeit ausgelöscht – nicht anders war die Welt gewesen, als der Bewohner jenes Gartenhauses noch hier wandelte – er war gegenwärtig – unser Freund zeigte nach dem Stern und flüsterte: »Sieh, Herz, das ist Er. Die Nachtigall hat ihn erkannt.«

Von Weimar fuhren sie heim. Sie waren sehr still auf dieser Fahrt; denn die Vorfreude der Heimkehr war noch größer als die Vorfreude der Ausfahrt. Sie hatten Hirn und Sinne voll zu tun; denn von vier Kindern und zwei Eltern mußten sie sich ausmalen, was sie heute dachten, hofften, wünschten und wie sie sich freuen würden.

Als ihr Wagen in die Straße einbog, in der sie wohnten, sahen sie alle Viere im Sonntagskleide vor der Tür stehen.

»Da sind sie.« rief er aufspringend, »alle vier. Vier Kinder, Liebling! Wieviel Hochzeitsreisende gibt's denn, die sich das leisten können!«

Und doch schrie er, als der Wagen vorfuhr, mit furchtbarer Stimme: »Zurück. Zurück. Wollt Ihr zurück, alle Wetter.« Sie wären nämlich unter die Hufe des Pferdes und unter die Räder gerannt, um nur schnell in die Arme der Mutter zu fliegen.


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