Otto Ernst
Vom grüngoldnen Baum
Otto Ernst

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Von zweierlei Ruhm.

Manche Leute erweisen mir die Ehre, mich für berühmt zu halten. Und ich glaube sogar, daß ich es bin. Ich sage das ganz ungeniert, weil der Ruhm, um den es sich hier handelt, eigentlich gar kein Ruhm ist. Wirklicher Ruhm – wenigstens Dichterruhm – kann eigentlich erst nach dem Tode entstehen. Darin irren unsere Kritikaster (wenn sie es auch bestreiten werden): leisten kann ein Dichter schon bei Lebzeiten etwas; sogar Faust und Hamlet wurden vor dem Tode ihrer Verfasser geschrieben; aber berühmt, richtig berühmt kann ein Dichter erst nach seinem Hingang werden. Der Graf Zeppelin ist bei lebendigem Leibe berühmt geworden; denn der Wert eines brauchbaren Luftschiffes leuchtet ohne weiteres ein; Kunstwerke aber sind imaginäre Größen. »Herrlich,« sagt der eine, »scheußlich« der andere, und beweisen kann keiner von beiden, daß er recht habe. Erst wenn ein Kunstwerk nicht nur zu den Zeitgenossen, wenn es auch zum nachlebenden Geschlecht, ja zu mehreren Geschlechtern mit warmen Lippen gesprochen hat, erst wenn die Zeit, die alle vorlauten Meinungen belächelt, ihr anerkennendes Urteil gesprochen hat, erst dann beginnt den Grabstein des Künstlers jenes magische Licht zu umwittern, das wir mit andächtigem Schauer den »Ruhm« nennen.

Die andere Sorte von Ruhm darf uns mit geringerer Andacht erfüllen. Es ist nämlich die durch unser ausgedehntes Zeitungs- und Verkehrswesen ins Ungewöhnliche gesteigerte Bekanntheit des Namens. Ich wiederhole: des Namens. Die Namen Max Klinger und Wilhelm Raabe sind gewiß in weite Volkskreise gedrungen, und wenn man sie nennt, werden weiteste Volkskreise rufen: »Ah – Max Klinger. Alle Achtung. – Ooh – Wilhelm Raabe – das wollt' ich meinen!« Aber bei näherem Nachforschen wird man bald bemerken, daß große Massen dieser Kreise nicht genau wissen, ob Klinger und Raabe berühmte Parlamentarier oder berühmte Chemiker sind, oder ob sie gemeinsam eine berühmte Korsettfabrik betreiben. Nur, daß sie »berühmt« sind, das weiß man.

Ich wollte vor kurzem einen Freund besuchen, der in einem großen Bankhause beschäftigt ist. Ich wandte mich an einen Kollegen meines Freundes und sagte:

»Würden Sie die Güte haben, Herrn X. zu sagen, daß ich da bin? Mein Name ist Otto Ernst.«

»Ah,« rief er ehrfurchtsvoll, »der Komponist!?«

»Ganz richtig,« sagte ich, »der Komponist der Salome.«

»Aaah!« machte er mit tiefer Verbeugung, »darf ich bitten, Platz zu nehmen; ich werde Herrn X. sofort verständigen.«

Diese Art von Ruhm meinte ich mit der zweiten Sorte. Sie bekundet sich u. a. durch die mehr oder weniger stündlich einlaufenden Autogrammgesuche. Wenn man in einer Autographensammlung unter keinen Umständen fehlen darf, dann ist man unrettbar berühmt. Ich bin in keiner Hinsicht Sammler; aber ich kann es verstehen, daß jemand die Schriftzüge eines Menschen besitzen möchte, dessen Werke ihm lieb geworden sind; denn ein gewisses Charakteristikum des Menschen liegt wohl auch in seiner Schrift. Wenn ich merke, daß einer sich wirklich mit meinen Arbeiten befaßt hat, pflege ich deshalb seinen Wunsch nach einem Autogramm wohl zu erfüllen. Aber die Anrede »Hochverehrter Meister!« und die allgemeine Versicherung, daß man meine »sämtlichen Werke mit größter Begeisterung gelesen habe«, überzeugt mich nicht, besonders dann nicht, wenn der Briefschreiber mich konsequent »Herr Otto Erich« nennt. Die Autographensammlerei hat sich nämlich zu einem kompletten Blödsinn, zu einer förmlichen Landplage entwickelt, und 80 Prozent der Sammler denkt gar nicht daran, jemals einen Blick auf das Werk derer zu werfen, »deren Schriftzüge ihnen die kostbarste Bereicherung ihres Albums« sein würden. Die lieben kleinen Mädchen sind natürlich hier wie in all dergleichen Dingen die Geriebenen. Sie appellieren an die Eitelkeit des Mannes im Künstler; er soll ihnen glauben, daß sein Bild immer über ihrem Schreibtisch, über ihrem Bett hänge, daß ein Autogramm von ihm »der sehnlichste Wunsch ihres Lebens« sei und sie »unendlich selig« machen würde usw. usw. Man sieht förmlich die armen Wesen sich in schlaflosen Nächten auf den tränendurchnäßten Kissen wälzen und den Tag ihrer Geburt verfluchen, weil sie noch immer das Autogramm nicht haben. Es gibt allerdings auch andere. So schrieb eine – ohne jegliche Anrede –

»Da ich eine eifrige Autographensammlerin bin, so bitte ich höflichst um Ihre Schriftzüge.

Erna . . . .«

Es fehlt nur noch der Zusatz: »widrigenfalls unverzüglich zur Pfändung geschritten werden wird.«

Sehr viel Freude hatte ich auch an dem Brief einer kleinen Engländerin. Sie schrieb:

»Im Anschluß, der von Ihnen so entzuckenden geschriebenen Schriftstucken kann ich es nicht unterlassen, einige Zeilen an Sie hochgeehrter Herr zu richten. Schon lange war es mein sehnlichster Wunsch (siehe da!) ein Autogramm von ihnen zu besitzen« usw. usw.

Als ich meine Schreibweise von einer solchen Kennerin unserer Sprache anerkannt sah, kam ich mir ungemein berühmt vor.

Was diesen Bittgesuchen noch eine besondere Pikanterie verleiht, ist, daß sie häufig mit Strafporto belastet sind. Eine Zugabe, die auch viele der täglich einlaufenden, zur Beurteilung eingesandten Dramen, Romane und Gedichte auszeichnet.

Die Begleitbriefe dieser Sendungen fangen so gut wie ausnahmslos folgendermaßen an:

»Sie werden sich fragen, wie ich, ein Ihnen völlig Unbekannter, dazu komme, Ihnen, der Sie gewiß mit ähnlichen Anliegen überschwemmt werden, beschwerlich zu fallen (ach nein, ich frage mich schon gar nicht mehr; ich kenne meine Antwort) und Ihre gewiß kostbare Zeit (er schickt aber doch!) für die wohlwollende Prüfung des beifolgenden Dramas in Anspruch zu nehmen. Ich würde es auch nicht wagen, wenn ich mir nicht sagen dürfte, daß hier ein Fall vorliegt –«

Der Fall liegt nämlich immer vor. Ich kann aber ohne Übertreibung versichern, daß ich, wenn ich alle diese »Ausnahmefälle« lesen und gewissenhaft prüfen wollte, auf jede eigene Produktion verzichten müßte. »Nu, wenn schon –« werden manche der Einsender denken; aber so denke ich eben nicht. Man tut ja, was man kann; obwohl Gustav Falke recht hatte, als er mich vor kurzem fragte:

»Hast du denn deine Erstlinge an Berühmtheiten zur Prüfung geschickt?«

»Nein,« sagte ich.

»Na also; ich auch nicht,« sagte Falke.

Aber gleichwohl, man tut, was man kann, wenn einem die »Berühmtheit« nicht gar zu sauer gemacht wird. Das kommt aber vor. Einer z. B. verlangte dieser Tage achterlei von mir: Ich sollte

  1. sein Stück lesen,
  2. dessen Mängel beseitigen,
  3. es bei einer Bühne anbringen,
  4. einen Verleger besorgen,
  5. die Höhe der mutmaßlichen Tantièmen angeben,
  6. mich bei gewissen Zeitungen für ihn verwenden usw. usw.

Vorschuß verlangte er von mir nicht. Aber auch das gibt es. Zu einem meiner Freunde kam ein Mann und sagte:

»Ich habe eine glänzende Schwankidee; die könnten wir gemeinsam bearbeiten. Der Erfolg ist sicher.« (Ist immer sicher.) »Solch ein Schwank bringt erfahrungsgemäß 60 000 M. ein. Strecken Sie mir meine 30 000 M. vor.«

»Wieso?« sagte mein Freund, »strecken Sie mir meine 30 000 M. vor.« Aber so sicher schien dem Männe der Erfolg nicht. Er hatte wohl auch nicht so viel bei sich.

Einige dieser Herren Kollegen bestimmen gleich die Zeit, innerhalb deren die Prüfungsarbeit zu leisten ist.

»Soeben meine Komödie beendet,« heißt es in einem solchen Schreiben mit kühner Partizipialkonstruktion, »richte ich an Sie die ergebenste Bitte, ob Sie gewillt wären, mit mir dieses Stück einmal an Abenden nächster Woche durchzugehen.« Und um sein Vorgehen zu rechtfertigen, schreibt derselbe Herr:

»Hat Schiller, Deutschlands Lieblingsdichter, nicht immer seine Werke nach der Beendigung erst seinem Freunde, dem geistvollen Goethe zur Durchsicht gegeben? – ja, und Letzterer nahm diese Ehre auch mit großem Danke an.« (Die Folgerung ergibt sich von selbst.) »Gleiches taten noch ferner viele andere Dichterfürsten.«

»Wer kann da widerstehen?« hat er sich gedacht. Am hübschesten hab ich in diesem Briefe immer den »geistvollen Goethe« gefunden. Es ist so, als wenn man sagte: »Der strebsame Beethoven« oder »der anstellige Bismarck«.

Die resolutesten Herrschaften dieser Art schreiben einfach: »Ich werde mir erlauben, am nächsten Sonntag zu Ihnen zu kommen und Ihnen das Stück vorzulesen.« Darauf pflege ich freilich zu antworten: »Sie werden nicht, mein Herr oder meine Gnädige.« Ich halte das für qualifizierte Erpressung. Einmal habe ich das durchlebt. Es war ein armes Weib, dem ich nichts Angenehmes sagen konnte und nichts Unangenehmes sagen mochte. Die Martern des Guatimozin sind ein Sonnenbad gegen solche Qualen. Seitdem bringt mich ein Besucher dieser Art nicht mehr zum Sitzen.

Ganz etwas anderes ist es, wenn, wie vor einigen Jahren, ein Mann zu mir kommt und erklärt: »Ich bin ein Dichter, wie er in hundert Jahren nur einmal vorkommt. Mit Dichterlingen wie Hauptmann und Sudermann bitte ich mich nicht zu verwechseln. Mein Stück steht auf gleicher Höhe mit dem »Hamlet«, nur, daß es weit dramatischer ist.« Eine solche Unterstützung vereinfacht die Arbeit bedeutend; man stimmt einfach zu.

Und ebenso klar lagen die Verhältnisse bei einem jungen Mädchen, das mir schrieb:

»Hiermit erlaube ich mir, Ihnen sechs meiner von mir verfaßten Gedichte zu übermitteln; ich schrieb dieselben ohne jegliches Vorstudium und brauchte für jedes Gedicht zirka zehn Minuten . . . . Wenn ich mich der Schriftstellerei vollständig widme, werde ich nur humoristische Skizzen schreiben, da ich auf dem humoristischen Gebiet zu Hause bin.«

Das ist sie ohne Zweifel, und das hab' ich ihr auch geschrieben.

Die feste Überzeugtheit ist auch ein durchgehendes Merkmal derer, die nicht mit fertigen Schöpfungen, sondern mit »brillanten Stoffen« an den »Berühmten« herantreten. »Das ist wirklich passiert!« – mit diesem Satze glauben sie jeden Einwand beseitigt.

»Das ist Wort für Wort Tatsache!« erklärte mir solch ein Mann. »Sie glauben gar nicht, wie gemein sich die Verwandten meiner Frau gegen sie benommen haben.«

»Das kann ich mir denken,« sagte ich höflich.

»Nein, das können Sie sich gar nicht denken.«

»Dscha – wenn Sie meinen –«

»Ja, und nun wollten wir gern 'n Roman daraus gemacht haben. Meine Frau könnte das ja auch machen; aber sie hat keine Zeit zu so was.«

»Und nun meinten Sie, daß ich . . .«

»Ja.«

»Na – schreiben Sie einmal alles auf, was Sie erfahren haben, recht klar und wohl geordnet« (in diesem Augenblick bemerkt man regelmäßig auf dem Gesicht des Besuchers eine deutliche Enttäuschung) »und dann schicken Sie's mir durch die Post; dann werde ich Ihnen ebenfalls durch die Post meine Meinung schreiben.« Dies ist die einfachste Methode.

Oder ich schicke sie, in dem christlichen Gefühl, daß man auch seinen Kollegen ein Vergnügen gönnen soll, zu einem andern. »Gehen Sie mal nach Blankenese, da wohnt Gustav Frenssen, der macht es Ihnen sofort, oder, wenn der nicht will, gehen Sie zu Liliencron, der tut's sicher. Grüßen Sie die Herren von mir.«

Sehr nett war auch der Mann, der mit der ungemein dramatischen Idee »Grün Tuch« zu mir kam.

»Im ersten Akt,« rief er begeistert, »ist es das grüne Tuch des Försters. Im zweiten das grüne Tuch des Bureautisches. Im dritten das grüne Tuch von Monte Carlo. Im vierten« – hier wurde er schmelzend – »das grüne Tuch der Natur – Frühling. – verstehen Sie?«

»Vollkommen. Und –?«

»Das wird kolossalen Erfolg haben, Sie werden sehen. Wollen Sie das bearbeiten? – Ich würde Ihnen natürlich einen Teil der Einnahmen abgeben!«

Immerhin war dieser grüne Stoff noch reichlicher bemessen als der »Stoff« eines Jünglings, der mir schrieb:

»Ein talentvoller junger Mann, dem es seine Eltern an Ausbildung nicht haben fehlen lassen, der aber besonderer Umstände halber trotzdem das väterliche Geschäft erlernt, glaubt auf Grund seiner Fähigkeiten zu etwas Höherem geboren zu sein, wird aber durch seine Eltern jedesmal abgehalten und gezwungen, sein Geschäft weiter zu verrichten. Die Lösung dieser Frage bleibt ja nun dem Bearbeiter dieses Werkes (nämlich mir) überlassen, und ist der Phantasie weitester Spielraum gelassen.«

Unverkennbar. Diese Sublieferanten haben aber mitunter noch eine Kehrseite. Nehmen wir an – nicht dieser junge Mann; ich kenne ihn nicht und will ihm nicht unrecht tun – aber irgend einer wäre mit derselben Idee zu Schillern gekommen und Schiller hätte dann seine Jungfrau von Orleans geschrieben, so hätte Schiller ganz wohl erleben können, daß jener ihn öffentlich des Plagiats oder doch der unlauteren Benutzung seiner Ideen bezichtigt hätte. Man hat Beispiele.

Natürlich sind alle solche Petenten »begeisterte Verehrer und Bewunderer« unserer sämtlichen Werke. Und es ist nett, wenn man dann gelegentlich merkt, daß sie einen mit Tolstoi oder mit der Verfasserin der »Berliner Range« verwechseln. Das Hübscheste leistete aber doch der Ungar, der mich übersetzen wollte. Er schrieb mir:

»Ich bin einer Ihrer Schwärmer und möchte gern Ihr reizendes Stück »In Behandlung« übersetzen.«

Nun ist »In Behandlung« wirklich ein reizendes Stück; aber es ist von Max Dreyer. Ich schrieb denn auch zurück, daß ich gegen die Übersetzung nicht das Geringste einzuwenden hätte.

Und da wir einmal bei der österreichisch-ungarischen Monarchie sind, so will ich noch erzählen, was sich – sagen wir: in Graz ereignete. Es war nicht Graz; aber sagen wir eben deswegen »in Graz«. Ich hatte eine Vorlesung gehalten, und nach der Vorlesung kam ein stürmischer Student zu mir, ein jugendlicher Idealist. und bat mich, ich möchte doch mit ihm zur Frau v. G. kommen, sie sei sehr geistreich und eine große Verehrerin von mir; sie lasse mich zum Souper bitten; es kämen noch sechs oder sieben andere Herrschaften, die alle darauf brennten, mich persönlich kennen zu lernen. Ich hatte meine Erfahrungen, sträubte mich heftig und erklärte, daß ich viel lieber mit ihm und seinen Kommilitonen einem zwangloseren Vergnügen obliegen würde; aber ich merkte bald, daß ein Preis auf meinen Kopf gesetzt war und daß er sich anheischig gemacht hatte, mich tot oder lebendig einzuliefern. Ich wurde schwach und ließ mich hinschleifen. Es waren auch wirklich eine ganze Anzahl Damen und Herren da, die mich sämtlich, einer nach dem andern, fragten, ob ich schon einmal in Graz gewesen sei. Natürlich mit Abwechslung in der Form, aber mit merkwürdiger Übereinstimmung des Grundgedankens:

»Sind Sie zum erstenmal in Graz?« oder

»Waren Sie schon mal in Graz?« oder

»Sie sind wohl nicht zum erstenmal in Graz?« usw.

Ein bizarrer Geist fragte mich, in welchem Hotel ich abgestiegen sei. Nun hab' ich gar nichts gegen solche Fragen als Gesprächseinleitung; aber die ganze Unterhaltung bestand aus solchen Einleitungen. Es fiel mir auch auf, daß die Dame des Hauses mich als »Herr Otto« vorstellte – so vertraut waren wir doch noch gar nicht – aber ich dachte mir: sie hat sich versprochen. Das Essen in diesem reichen Haufe war deprimierend, niederschmetternd und überzeugte mich davon, daß die gnädige Frau mich nur sehr oberflächlich kennen müsse. Der stürmische Student tat, was ich selbstverständlich niemals tue: er brachte das Gespräch auf meine Schriften, und ich bemerkte deutlich, daß die gnädige Frau an meiner Seite unruhig wurde. Aus Mitleid mit ihr suchte ich dem Gespräch eine andere Wendung zu geben; aber der Student war hartnäckig; er faßte immer wieder nach. Da sah ich es plötzlich hell aufleuchten im Antlitz der Dame, ein erlösender Gedanke mußte ihr gekommen sein.

»Sie sind doch gewiß aus einer Waldgegend, nicht wahr?« sprach sie zu mir mit begeistertem Lächeln.

Ich blickte unwillkürlich an mir hinunter, ob ich etwas Waldmenschliches an mir hätte. »Warum meinen Sie das, gnädige Frau?«

»Nun, Ihr neuestes Stück spielt doch mitten im Walde, nicht wahr? Ich konnte leider nicht zur Premiere kommen –«

»Im Walde?« wiederholte ich staunend.

»Theo!« rief sie jetzt ihren Gatten an, der bereits vor Verlegenheit schlotterte und die Augen verdrehte, »du erzähltest mir doch von dem Förster und dem Gutsherrn, die im Streit miteinander liegen, und der Förster schießt dann den Sohn des andern tot . . .«

Die ganze Gesellschaft saß »kalt durchgraut«, und Theo starrte sein Weib an wie Belsazar die Wand mit der Flammenschrift. Die Bejammernswürdige meinte den »Erbförster«. Meine Verehrerin hielt mich für dessen Verfasser, der allerdings auch Otto heißt.

Ich glaube, daß ich nun deutlich genug jene mumpiziöse Art des Ruhmes gekennzeichnet habe, die mit dem Menschen, seinem Werk und seinem Verdienst nicht das Geringste zu tun hat, die nichts ist als eine Resonanz in hohlen Köpfen und offenen Mäulern, und die deshalb allerdings vortrefflich in unsere Zeit paßt. Und ich hoffe, nicht den Verdacht erweckt zu haben, als wollte ich Erhabenheit über die Anerkennung der Mitlebenden posieren. Die Dichter, die uns versichern, daß es ihnen vollkommen gleichgültig sei, ob ihre Bücher gekauft und gelesen würden, bewundere ich aus innerstem Herzen; aber ich glaube ihnen nicht. Ich las noch in diesen Tagen wieder die herrlichen Briefe Th. Fontanes an seine Familie. Der feine, bescheidene, adlige Mann freute sich von Herzen jedes ehrlichen Lobes, und erhielt mit bittersten, kräftigsten Worten nicht zurück, wo Unverstand und Bosheit es ihm versagten.

Der Tagesruhm – das hab' ich zu sagen vergessen – zerfällt eben auch wieder in zwei Unterabteilungen. Als ein zeitgenössischer Dichter nach der Première seines Stückes die Räume eines deutschen Hoftheaters verließ, fiel ihm ein junges, fremdes und obendrein hübsches Mädchen um den Hals und drückte ihm einen kräftigen Kuß auf die Lippen. Solch eine Trophäe würde ich bis ans Lebensende bewahren und keinem andern gönnen. Den »Ruhm« aber, den ich in dieser Plauderei beschrieben habe, würde ich an etwaige Reflektanten mit Vergnügen abgeben. Ohne Entgelt. Bei Abnahme des ganzen Postens liefere ich frei ins Haus.


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