Ferdinand Emmerich
Neuseeland
Ferdinand Emmerich

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Zu jener Zeit lebte in unserem Pa eine schöne Blume, Tiaia, die Tochter Otakis, die Schwester meines Freundes Tauato. Sie war in Liebe entbrannt für einen jungen Mann aus dem feindlichen Pa Pehia. Ehrlich offenbarte sie diese Liebe dem Vater, der mit mir darüber zu Rate ging, ob eine Verbindung mit den Ngaitahus im Dorfe Pehia erwünscht sei. Da ich Tiaia gern leiden mochte, sie auch wohl selbst zum Weibe genommen hätte, so berief ich die Ältesten und trug ihnen den Fall vor. Sie entschieden, daß Tiaia auf den Mann verzichten müsse und bedrohten sie mit Strafe, wenn sie den Verkehr aufrecht erhalte.

Tage vergingen. Da kam eines Tages ein junger Krieger mit der Meldung zu mir, er habe in der Nacht den Ngaitahu aus Tiaias Hütte kommen sehen. Er habe ihn verfolgt bis an den See, dort aber sei er in der Dunkelheit verschwunden. An dem gleichen Tage war mir die Nachricht zugegangen, daß die Männer von Pehia sich zu einem Angriff auf unser Dorf rüsten.

Der junge Krieger wiederholte die Anklage in der Versammlung der Männer. Otaki wollte sofort die Tochter für die Tat züchtigen, aber der Oberpriester hielt ihn zurück:

›Hört mich, ihr Männer der Ngatitoa, was die Geister der letzten Nacht mir verkündeten. Ich sah einen Leichnam auf der Erde liegen – es war Tiaia, die Tochter Otakis. Und ich sah unsern Pa aufgehen in Flammen, unsere Männer töten, unsere Frauen und Kinder von Fremdlingen gegessen. Und der große Geist Atua flüsterte mir die Worte ein:

›Erhebe dich, rufe die Männer der Ngatitoa zum Kampfe, damit das verderben nicht über euern Pa komme. Über dem See drüben wohnen die, die euch verderben wollen. Auf, schlaget sie und verzehret ihren Leib.‹

Alle unsere Männer begrüßten unsern Waffenruf mit lauter Freude. Die meisten wollten noch in der gleichen Nacht aufbrechen, aber der Oberpriester gebot Ruhe.

›Der große Atua muß aber ein Opfer haben,‹ fuhr er fort. ›Es ist Verrat begangen worden und der Schuldige sei ihm geweiht ...‹

Bei diesen Worten erhob sich großer Lärm:

›Wer ist es!‹ riefen alle durcheinander. ›Nenne uns den Schuldigen!‹

›Es ist Tiaia, die Tochter Otakis. Sie muß sterben.‹

Die Nachricht wirkte niederschmetternd auf uns alle. Jeder hatte das schöne stille Mädchen gern. Keiner wollte auch die Opferung vollziehen und wenn der Oberpriester nicht das Gebot Atuas verkündet haben würde, so wäre ihr das Leben geschenkt worden.«

Der Häuptling machte eine lange Pause, die durch keine Zwischenfrage gestört wurde. Er fuhr fort:

»Mich traf die Pflicht, das junge Weib zu opfern. Ich tat es mit schwerem Herzen. – In ihrer Hütte sagte mir der kleine Taua, der hier in unserm Kreise sitzt, seine Schwester sei an den See gegangen. Dorthin folgte ich ihr und dort sah ich sie, in Gedanken versunken, das träumende Auge dem jenseitigen Ufer zugekehrt, wo der Geliebte ihrer harrte.

Ich schlich mich heran – Atua wollte es so – hob die Jaspiskeule und zerschmetterte ihr das schöne Haupt. Ich kehrte zum Dorfe zurück und meldete das Geschehene dem Oberpriester. Dieser befahl mir, die Krieger zusammenzurufen und mit ihnen zum See zu gehen. Er wollte dort die Leiche den Göttern opfern. – An dieser Stelle wurde Tiaia aufgebahrt. Unsere Krieger sangen den brausenden Ngeri, tanzten den Kriegstanz und schworen Rache den Feinden. – Der Priester opferte die schönen Haare den Göttern. Dann befahl er ein großes Feuer und zwang unsere Sklaven, den Körper zu zerteilen und zu braten. Als er verzehrt war, wurden die Tapuweiber benachrichtigt, die Knochen zu sammeln und sie Otaki auszuliefern.

Wir aber setzten noch in der gleichen Nacht über den See, überfielen das Dorf Pehia im Schlafe und brannten es nieder. Wir töteten die Männer und nahmen Frauen und Kinder als Sklaven mit uns. Der erste Mataati (Erschlagene) wurde Atua geweiht. Wir schnitten ihm das Herz aus dem Leibe und steckten es auf einen Pfahl, damit der große Geist es genieße. Der zweite Erschlagene wurde für den Oberpriester gebraten. Andere fielen den Kriegern zu. Einige gefangene Weiber und junge Mädchen wurden unsern Frauen ausgeliefert. Diese stachen ihnen die Halsadern auf und tranken ihr warmes Blut. Dann wurden sie gebraten. Von den getöteten Männern durften die Weiber nicht essen, sondern deren Knochen wurden in den See geworfen ... Später folgten ihnen die Gebeine der weißen Ansiedler, die es gewagt hatten, den Worten Te Pehis Trotz zu bieten.«

Diese mit dem größten Gleichmute vorgetragene entsetzliche Erzählung machte keinerlei Eindruck auf die braunen Zuhörer. Höchstens die Schilderung der Siegesbeute ließ ihre Augen erglänzen. Auch Taua to gab keinerlei Zeichen innerer Erregung, als der Tod und das kannibalische Ende seiner Schwester erwähnt wurde. Er schien das ganz in der Ordnung zu finden.

Ich selbst aber nahm mir vor, auf den Besuch des Dorfes zu verzichten. Mehr, als mir diese Erzählung sagte, konnte ich auch im Dorfe nicht über neuseeländische Sitten erfahren. Der alte Mordgeselle war mir plötzlich so zuwider geworden, daß ich ihn nicht mehr anschauen konnte. Ich begrüßte daher freudig die Morgendämmerung, die meine ungebetenen Gäste zu ihren Geschäften zurückrief. Ich wußte es so einzurichten, daß ich nicht zur Stelle war, als die braunen Heiden unser Lager verließen. Um keinen Preis der Welt hätte ich meine Nase gegen die der Maori gewetzt.

An der Stelle, wo vor einem Menschenalter die schöne Tiaia unter Mörderhänden ihr junges Leben ausgehaucht hatte, schliefen wir einige Stunden. Sodann befahl ich den Aufbruch.

»Ich kann deinen Großvater nicht in seinem Pa besuchen,« erklärte ich Pu Nambu auf seine Frage. »Die Gründe erspare mir. Wenn du jedoch zu einem Besuche verpflichtet bist, so magst du hingehen. Ich erwarte dich jenseits des Sees im Walde, wo ich mich inzwischen mit der Versorgung mit Wildfleisch beschäftige.«

»Herr, ich muß zu dem Häuptling gehen. Er weiß jetzt, daß ich hier bin und er würde ...«

»Schon gut,« unterbrach ich die Rede. »Zeige uns den Weg zu einer passenden Stelle, an der wir ungestört von deinen Stammesbrüdern bis zu deiner Rückkehr lagern können, und dann ziehe mit Gott. Bist du in zwei Tagen nicht zurück, dann setzen wir unsern Weg fort.«

An einer mit fettem Weidegras bewachsenen Lichtung machten wir Halt. Wie die zahlreichen Obstbäume bewiesen, waren hier vor vielen Jahren die Ngaitahu angesiedelt, über deren tragisches Ende wir aus dem Munde das alten Häuptlings Kunde erhalten hatten. Pu Nambu verließ uns hier, um seiner Pflicht zu genügen. Ich gab ihm einige Geschenkartikel mit, damit er nicht gar zu sehr unter dem Zorne des durch die Verschmähung seiner Einladung beleidigten Alten zu leiden hatte.

Die Jagd in dieser, von Menschen selten betretenen Wäldern war überaus reich. Wir nahmen uns auch die nötige Zeit, um die besten Fleischstücke zu räuchern und für einen längeren Marsch haltbar zu machen. Pünktlich am nächsten Abend traf Pu Nambu wieder ein. Sein Großvater hatte geflucht und den Zorn Atuas auf die Weißen im allgemeinen und mich im besonderen herabgerufen. Schließlich habe er sich aber Glück gewünscht, daß ich seinen Pa nicht durch meine Anwesenheit befleckt hatte.

Da meine Gebirgswanderung nun ihren Zweck erreicht hatte, beschloß ich, die Straße wieder aufzusuchen und nach dem Gebiete der heißen Quellen zu reisen. – Auf diesem Wege traf ich mit einem alten Bekannten zusammen. Eines Abends brieten wir an unserm Lagerfeuer ein paar Enten und unterhielten uns über die Einsamkeit der Gegend. Nach den begangenen Wegen zu schließen, mußte das Land hier doch besiedelt sein. Trotzdem hatten wir seit zwei Tagen keinen Menschen gesehen. Eben war das letzte Wort darüber gesprochen, da rief uns eine menschliche Stimme an:

»Ist es erlaubt, an Ihr Feuer zu kommen?«

An der Aussprache erkannte ich sofort den Deutschen. Verwundert über das Zusammentreffen mit einem Landsmann, erwiderte ich in unserer Sprache:

»Seien Sie willkommen, Landsmann.«

»Gott sei Dank, dann bekomme ich wohl auch zu essen?«

Mit diesen Worten tauchte im Lichtkegel unseres Feuers ein ziemlich verwildert aussehender Geselle auf, der plötzlich seinen Schritt hemmte.

»Nur heran, Landsmann. Eine Ente ist für Sie übrig.«

Er trat einen Schritt näher und fragte dann zögernd, als ob ich die Einladung rückgängig machen könnte:

»Sie kennen mich wohl nicht.«

»Ist auch nicht nötig,« antwortete ich, die Frage mißverstehend. »Jeder Hungrige kann mit mir teilen.«

»Sie sind doch der Herr, der auf der ›Solingen‹ war?«

Nun betrachtete ich mir den Mann genauer und erkannte in dem Bittsteller jenen Lehrer, oder was er war, der meine Begleitung damals ausgeschlagen hatte. Ich mußte lachend an diese Weigerung denken und sagte:

»Nun nehmen sie doch meine Begleitung an, nicht wahr?«

Die Worte machten einen entgegengesetzten Eindruck auf den Menschen. Ich beeilte mich, hinzuzusetzen:

»Nun essen sie vor allen Dingen erst diesen Entenvogel. Alles andere besprechen wir, wenn Sie satt sind. Ein Becher Whisky steht Ihnen auch zur Verfügung.«

An der Gier, mit der die Speise verschlungen wurde, erkannte ich, daß der Mensch am Ende seiner Barmittel war. Zunächst bot ich ihm noch ein großes Stück geräucherten Wildprets, das auch noch mit Appetit verzehrt wurde. Und dann ließ ich mir erzählen. Ich begann mit der Frage nach seinem Gepäck.

»Ausgeplündert!« war die lakonische Antwort.

»Also wollten sie Gold graben?«

»Suchen, nicht graben. Hier herum sollen goldhaltige Berge sein. Wenn ich eine Ader gefunden habe, dann verkaufe ich die Anteilscheine. Selbst graben – nee. Das tut Böhming nicht. Das können Dümmere besorgen.«

Verwundert blickte ich den Landsmann an. War der bei Sinnen?

»Wissen sie denn, wo diese goldhaltigen Berge sind?« fragte ich.

»Nun, hier herum. Bei den Vulkanen. Das ganze Gebirge führt Gold.«

»Lieber Herr, da irren sie sich aber gewaltig. Wer Ihnen das gesagt hat, der hat sich einen Scherz mit Ihnen erlaubt. Hier gibt es ganz gewiß kein Gold. Ich habe hier ein paar einwandfreie Zeugen. Sie sind beide hier geboren und in den Bergen aufgewachsen. Die müssen es wissen.«

Ich legte Pu Nambu und Toa die Frage vor. Beide verneinten auf das entschiedenste.

»Ha, die Maori werden sich hüten, uns das Geheimnis zu verraten. Die behalten ihr Gold selbst.«

»Glauben Sie, daß die Maori in die Fremde auswandern und niedere Arbeit verrichten würden, wenn sie daheim Gold hätten?«

»Absicht, verehrter Herr! Absicht.«

Nun gab ich es auf. Gegenüber solcher Verbohrtheit war jede Beweisführung verlorene Mühe. Ich bat ihn um Schilderung seiner bisherigen Erlebnisse, weil ich wissen wollte, wo eine Hilfe einzusetzen habe.

»Ich hatte mir in Napier ein paar Einheimische gemietet, die mich an die Vulkane begleiten sollten. Diese wollte ich als Tourist besichtigen. Später will ich dann die Adern aufsuchen. – Wir waren schon vierzehn Tage unterwegs, da begegneten uns eines Abends in einer Schenke ein paar Engländer. Sie führten Pickel, Brechstangen usw. und aus ihren Gesprächen merkte ich bald, daß sie ebenfalls nach dem edlen Metall suchen wollten. Wir wurden miteinander bekannt und wanderten in das Tal des Wanganui. Dort kannten die Engländer eine goldhaltige Schlucht. Natürlich mußte ich meine Diener ablohnen. Sie brauchten den Ort nicht kennen zu lernen. – Der ältere der beiden Einheimischen warnte mich allerdings vor den Kerlen. Er traue ihnen nicht. – Na ja, das sagen sie immer, wenn sie ihre Stelle verlieren. Diesmal hatte der Mann leider recht. Vor vier Tagen – wir schliefen am Flußufer – machten sich die beiden über meine gesamte Habe her. Von dem Lärm erwachte ich und nun mußte ich auch noch Geld und Waffen herausgeben. Sie verschwanden unter Mitnahme meines Pferdes in der Dunkelheit. – Seitdem irre ich nun in der Wildnis umher. Zum Glück fand ich sie, sonst wäre ich sicher verhungert ...«

»Nun sind Sie hoffentlich vom Goldfieber geheilt?«

»Goldfieber? Das habe ich nie gehabt. Ich weiß nur, daß ich von jetzt ab allein gehen werde. Da passiert mir das nicht mehr ...«

»Natürlich nicht. Denn was sollte man Ihnen jetzt noch nehmen?«

»Hm. Wenn Sie mir einen Revolver mit Munition und ein paar Pfund Sterling auf Schuldschein vorschießen möchten ...«

»Nein, lieber Böhming. Das würde Sie auch noch ins Gefängnis bringen. Ohne Waffenpaß dürfen Sie keine Waffen führen – oder haben Sie den Ihrigen noch?«

»Den nahmen die Engländer mit.«

»Also darf ich Ihnen den Revolver auch nicht geben. Und was wollen Sie hier mit Geld? Ich habe in den letzten Wochen noch keine Gelegenheit gehabt, auch nur einen Schilling auszugeben. – Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag. Legen Sie sich hier ans Feuer und schlafen Sie aus. Morgen reden wir weiter.«

Spät erst erwachte Böhming. Das Essen und der ausgiebige ruhige Schlaf hatte seinen Zügen das Krankhafte genommen. Er blickte wieder frischer in die Welt.

»Nun, Landsmann, wollen Sie mit uns reisen? Wir können abwechselnd reiten. Sie kommen dann jedenfalls schneller zum Ziel.«

»Ich möchte nach Napier zurückkehren und mich neu ausrüsten,« gab er zur Antwort. »Wenn ich nur den Weg wüßte.«

»Den werden meine Leute kennen. He, Pu Nambu, kennst du den Weg nach Napier. Der Herr will zur Küste wandern?«

»Das wird der Herr nicht können. Es ist sehr weit von hier. Aber wir werden in zwei oder drei Tagen ein Dorf erreichen. Die Bewohner verkaufen Matten und Stricke nach der Stadt. Von da aus ist oft Gelegenheit, mit Pferd oder Wagen nach Napier zu gelangen.«

»Ich möchte doch meinen eigenen Weg gehen ...«

»Nun, dann wandern Sie mit Gott. Hier haben Sie ein paar Pfunde, damit sie nicht ganz mittellos sind. Auf Wiedersehen.«

Wir waren kaum zwanzig Schritte entfernt, da kam dem Starrkopf doch die Einsicht. Er lief uns nach und bat um Mitnahme bis zu dem Maoridorfe.

Von dem neuen Begleiter war ich keineswegs erbaut. So schweigsam der Mann auf dem Schiffe gewesen, so redselig wurde er jetzt. Immer war seine Ansicht die richtige. Alles wußte er besser. Sogar den Maori wollte er die Kenntnis ihrer eigenen Gebräuche abstreiten. Am ersten Abend schon bereute ich es, den Mann mitgenommen zu haben. Ich hatte oft das abweisende Wort auf der Zunge, aber immer wieder siegte das Mitleid. Schließlich konnte der Mann ja nicht aus seiner Haut und – es war ein unpraktischer Landsmann, dem ich half.

Die Goldadern spukten immer weiter in seinem Hirn. Wenn wir an einem Gebirgswasser lagerten, um der Mittagsrast zu pflegen, stieg Böhming in den Felsen herum und suchte »Adern«. Dabei ging ihm jede geologische Vorbildung ab. Er hörte nicht auf Warnungen und hörte jede Beweisführung mit überlegenem Lächeln an.

Ich war froh, als wir am dritten Tage ein Maoridorf antrafen. Hier war Coa bekannt und seiner Fürsprache gelang es, die Flachsbauern zur Mitnahme Böhmings an die Küste zu bestimmen. Nun aber wollte dieser nichts mehr von der Reise wissen. Er wollte Gold suchen.

Unsere Maori sprachen natürlich von der fixen Idee meines Landsmannes. Unglücklicherweise war nun unter den Bauern ein Mann, der behauptete, in einem alten Krater in der Nähe befinde sich tatsächlich Gold. Vor längerer Zeit seien ein paar Weiße dort gewesen, die ganz ansehnliche Stücke losgebrochen und mitgenommen hätten. Sie seien aber nicht wiedergekommen.

»Also war es kein Gold, das sie fanden,« warf ich ein.

»Im Gegenteil. Sie sind auf dem Rückwege umgekommen,« sagte Böhming in seiner überlegenen Weise. »Jetzt werde ich die Ader für mich eintragen lassen. – Aber auch Sie sollen nicht leer ausgehen. Ich trete Ihnen einen Artikel gratis ab.«

»Nein, nein, ich danke. Ich suche mir mein Gold auf anderm Gebiete. Uebrigens, verkaufen Sie das Fell nicht, bevor Sie den Bären haben.«

»Habe ich, habe ich!« rief er. »Der Mann führt mich an die Stelle. Dann werde ich Ihnen die gelben Klumpen zeigen. Oder gehen Sie mit?«

»Ich muß dankend ablehnen. Aber meine Diener sollen Sie begleiten, für den Fall, daß Sie irgend etwas brauchen.«

»Ach ja. Und ein Pferd, das die Ausbeute herunterschafft.«

»Auch das sollen Sie haben,« rief ich belustigt.

Mit dem ersten Morgengrauen zogen Böhming und meine beiden Maori in den mit dichtem Nebel behangenen Wald. Was an Pickeln, Brecheisen und Seilen aufzutreiben war, wurde auf ein Pferd geladen und mitgenommen. Auch Mundvorrat für zwei Tage ließ Böhming sich geben, denn solange wollte er »graben«. Meinen Leuten aber befahl ich, unter allen Umständen an dem gleichen Abend noch zurückzukehren, wie auch immer das Ergebnis ausfallen möge.

Ich selbst benutzte die Ruhezeit, um meine Sammlungen zu ordnen, das Tagebuch nachzutragen und Briefe zu schreiben, die ich von hier aus an die Küste senden konnte. Dann sah ich mir die wunderbaren Erzeugnisse an, die von den Maori aus den Fasern der Flachslilie hergestellt werden: künstlerisch verzierte Kleidungsstücke für den eigenen Gebrauch, schön gemusterte Matten, Netze, Stricke und sogar ein fast armdickes Tau lag versandtbereit.

Unter den alten Leuten sah ich auch schön tatuierte Gestalten. Diese künstlerisch schönen Zeichnungen erhöhen den Reiz der an sich schon hübschen, kraftvollen Menschen mit den glänzenden, durchdringenden Augen, den regelmäßigen Gesichtszügen und den langen, schwarzen Haaren. Der jüngere Nachwuchs hatte bereits die Sitte des Tatauierens abgelegt. – Gegen Mittag kamen die Frauen von der Feldarbeit, im Herrensitz beritten, nach Hause. Es waren unter ihnen Schönheiten, wie man sie in Europa nur selten findet. – Ich wurde zum Essen eingeladen und freute mich aufrichtig, in Gesellschaft der liebenswürdigen Menschen von reinlichen, reich verzierten, geflochtenen Mattentellern eine auf Maoriart gekochte Fleischspeise verzehren zu dürfen. Selten hat mir eine Speise so gemundet, wie jener Braten und die schmackhaften Fische.

Nach dem Essen warf ich mich in eine eben gekaufte Hängematte und pflog der Siesta. Da kam plötzlich Toa auf schweißbedecktem Pferde den Berg hinuntergesprengt und rief schon von weitem:

»Ein Unglück, Herr! Der weiße Mann ist verunglückt. Rasch, lange Stricke und Männer!«

Ich war sofort auf den Beinen und suchte aus dem ganz ausgepumpten Menschen näheres zu erfahren. Auch einige der Bauern waren herbeigeeilt, da sie aus dem ungewöhnlich scharfen Ritt schon die wahre Ursache entnahmen.

Endlich war Toa soweit, daß er berichten konnte.

»Der Aufstieg zu dem Berge war ziemlich schwierig. Des Pferdes wegen mußten wir oft Umwege machen. Der Weiße war aber ungeduldig und drang mit den Bauern quer durch den Wald. An dem Kraterrande fanden wir sie wieder. Der Weiße suchte jeden Winkel in den Wänden des Kessels ab, wobei ihm der Maori von oben her zurief. Lange blieb das Suchen vergeblich, bis der Weiße endlich in der Tiefe das gelbe Metall entdeckte. Wir alle mußten ihm bestätigen, daß es wirklich Gold ist, das da zutage tritt. – Es sieht auch so aus. Aber die Stelle, wo es sitzt, ist an einer völlig glatten Wand, zu der man unmöglich hingehen konnte. Nun suchte der Weiße die ganze obere Kante nach einer Abstiegmöglichkeit ab. Als er sie nicht fand, nahm er ein langes Seil, ließ es sich um den Leib binden und an einem Baum befestigen. Pu Nambu sollte ihn herunterlassen. Aber dieser weigerte sich, weil er es für Wahnsinn hielt. Dann ist er allein in den Krater hinuntergegangen.

Während wir andern oben im Walde lagen und uns über das Tolle des Unternehmens unterhielten, hörten wir auf einmal dringende Hilferufe. Wir fanden das Seil zerrissen, an den scharfen Steinen durchgescheuert, und der Weiße? Er steht auf einem handbreiten Felsstück, fast frei in der Luft. – Ich bin sofort hierher geritten. Was tun wir nun?«

Ja, was tun wir nun? Die Maori schüttelten bedenklich den Kopf, als ihnen Toa die Erzählung in ihrer Sprache wiederholte.

»Wir müssen unter allen Umständen hinauf, und Hilfe leisten«, rief ich. »Ein paar Männer müssen mit. Ihre Mühe werde ich reich belohnen.«

Toa übersetzte das, und es fanden sich auch hilfsbereite Hände, die den Ernst der Lage begriffen. Eine halbe Stunde später waren wir mit Tragmatten und Stricken unterwegs. Da es schon spät und der Weg weit war, schonten wir die Pferde nicht. Ohne Pfad hasteten wir quer durch das Unterholz aufwärts. Oft hielten uns Schlingpflanzen auf, die sich wie Schlangen um den Leib legten. Dornen zerfetzten meine Kleidung. In Zwischenräumen gab ich einen Schuß ab, um unsere Annäherung und den Weg, den wir nahmen, anzuzeigen. Nach vierstündigem Ritt standen wir endlich vor dem Krater. Kein Laut war weit und breit zu hören. Wir riefen mit aller Kraft unserer Lungen. Schauerlich gab der Abgrund das Echo zurück. Nichts regte sich.

Ein Schauer durchrieselte mich. Ich dachte an die entsetzlichen Todesqualen, die Böhming erlitten haben mußte, bevor er bei vollen Sinnen in den Abgrund stürzte. Herr, sei ihm gnädig!

Aber noch gab ich nicht alle Hoffnung auf. Ich wanderte weiter mit den Leuten. Ich wollte die Stelle finden, wo das gerissene Seil am Baum hing. Vielleicht konnte Böhming doch noch gerettet werden.

Je weiter wir marschierten, desto geringer wurde der Baumbestand. Zweifellos waren wir an der unrichtigen Seite. Toa mußte sich verirrt haben. – Er gab das auch unumwunden zu. In der Aufregung hatte er die Richtung verloren.

Nun feuerte ich wieder einen Schuß ab, dessen Echo von den Wänden vielfach wiedergegeben wurde. – Und dann hörten wir auch aus weiter Ferne rufen. Jetzt hinderte uns auch die hereinbrechende Nacht nicht mehr. Die waldvertrauten Maoris liefen wie die Hasen durch das Buschwerk. Ich konnte nur langsamer folgen und stieß etwas später auf Pu Nambu, der mir sagte, daß Böhming noch lebe, aber sich kaum noch lange halten könne.

An der Unglücksstelle angekommen, warf ich mich zu Boden und kroch an den Rand des Abgrundes.

»Böhming, hören Sie mich?«

»Gottlob, daß Sie da sind. Bitte, helfen Sie mir schnell. Meine Finger sind schon ganz steif. Wenn ich loslasse, stürze ich in den bodenlosen Abgrund.«

»Haben Sie denn keinen Halt?«

»Nur die Wurzel einer Schlingpflanze. Bewegen darf ich mich nicht. Gibt es denn gar keine Rettung?«

»Warten Sie; ich lasse ein Seil hinunter, wenn Sie das fassen können, binden Sie sich fest.«

Das Seil aber half ihm auch nichts. Er konnte es mit einer Hand fassen, aber da er die andere Hand nicht loslassen durfte, konnte er sich nicht anbinden. Er mußte es wieder fahren lassen, da ihn das Gewicht hinabzuschleudern drohte.

Nun brach die Nacht voll herein. Tiefe Finsternis legte sich über den Kessel. Böhming sah selbst ein, daß jetzt jede Rettungsaktion ihm nur den Tod bringen konnte.

»Verlassen Sie mich nicht. Bleiben Sie in der Nähe!« jammerte er. Und ich sprach ihm ununterbrochen, die ganze Nacht hindurch, Trost zu. Nach und nach wurde Böhming ruhiger, und ich fürchtete schon, der Schlaf würde ihn übermannen. Dann rief ich ihn öfter an.

»Ich bete zu Gott um Rettung; bitte, unterstützen Sie mich,« flehte er. Ich kam seinem Wunsche nach, und es war mir möglich, ihn während der ganzen Nacht zu beschäftigen, um ihn vor dem Einschlafen und dadurch vor dem sicheren Tode zu bewahren.

Die Maori arbeiteten unterdessen an der Herstellung eines Rettungskorbes. Sie flochten um ein Querholz einen breiten Sitz und zwei zur Aufnahme der Schenkel dienende Schlingen. Auf diesem Gestell wollten sie ihn bei Tagesanbruch heraufholen. Aber der Verstiegene mußte noch manche qualvolle Stunde in seiner entsetzlichen Lage ausharren, bis sich die Baumwipfel von dem dämmernden Morgenhimmel abhoben.

Ein Maori erbot sich, zu Böhming herabzusteigen und ihn auf dem hergestellten Sitz zu befestigen. Mit peinlicher Genauigkeit prüfte er die starken Flachsseile und deren Befestigung an den Bäumen. Dort, wo sie auf den Kraterrand zu liegen kamen, ließ er Baumrindenstücke daran befestigen. Endlich schlang er sich ein Seil um den Leib und rutschte, auf dem Querholz sitzend, an der steilen Wand hinunter. Wir alle sicherten ihn durch vorsichtiges Gleitenlassen des Strickes.

Ich blickte über den Rand, um die erforderlichen Weisungen zu geben. Böhming rief ich zu, sich nicht zu rühren; es käme ein Retter. Er versprach es auch. Dennoch ließ er in dem Augenblick, als der Maori neben ihm erschien, die Wurzel los und machte eine halbe Drehung nach dem Manne hinüber. Diese Bewegung hätte ihm um ein Haar das Leben gekostet, wenn ihn nicht der Maori blitzschnell ergriffen und recht unsanft gegen die Wand gepreßt hätte.

Böhming verlor in diesem Moment das Bewußtsein. Das erleichterte dem Eingeborenen wesentlich die Rettung, denn nun konnte er ihm die Schleifen über die Oberschenkel streifen, wobei wir von oben her dadurch Hilfe leisteten, daß wir das Seil nach den Angaben des Retters nach Bedarf hoben oder senkten. Manch gefährliche Situation mußte indessen überwunden werden. Aber die unerschütterliche Ruhe, mit der der Maori zu Werke ging, half ihm über alle Gefahren hinweg.

Endlich war Böhming auf dem Querholz befestigt. Der Maori hing sich in eine Seilschleife und gab Befehl zum Aufziehen. Langsam, Hand um Hand, zogen wir das Seil herauf. Bange Minuten verbrachten wir, denn ich hatte gesehen, daß der Retter einen leblosen Körper an dem Seile befestigt hatte; war er gestorben?

Da erschien der Kopf des Maori. Mit den Füßen stieß er sich und seine Last von der Wand ab. Blut klebte an seinem hageren Leibe. Noch ein Ruck. Bleich, mit Totenfarbe übergossen, den Kopf schlaff zur Seite geneigt, kam jetzt Böhming herauf, seine Hände umklammerten krampfhaft ein Stück Wurzel. ...

Vorsichtig betteten wir den Leblosen auf das Gras. Die qualvoll verzerrten Gesichtszüge drückten noch die ausgestandene Todesangst aus. Die Fingernägel der linken Hand hatten sich tief in das Fleisch eingegraben. Die rechte Hand zeigte an der Stelle der Nägel nur noch blutige Stümpfe. – Mit Hilfe der Maori stellte ich sofort Wiederbelebungsversuche an, die erst nach vieler Mühe von Erfolg gekrönt waren. Böhming schlug die Augen auf, schien jedoch keinen von uns zu erkennen. – Dann hoben regelmäßige Atemzüge seine Brust. Aus dem Schlafe schreckten ihn aber wüste Traumbilder auf. Mit lautem Schrei fuhr er empor, setzte sich aufrecht hin und verfiel in heftige Weinkrämpfe. – Während Pu Nambu sich mit Böhming beschäftigte, öffnete ich meine Reiseapotheke, doch der Retter wehrte mit einer bezeichnenden Gebärde ab. Er wollte damit andeuten, daß sie besser mit derlei Wunden umzugehen verständen, als die klugen, weißen Männer.

Erst am Spätnachmittag erlaubte der Zustand des Böhming den Transport ins Dorf. Die Maori hatten ihn für sich in Beschlag genommen und betteten ihn unten auch in eine ihrer Hütten. Der Retter versprach mir, die Pflege zu übernehmen.

Als ich am andern Morgen reisefertig war, suchte ich Böhming auf. Er war noch sehr schwach, aber außer Lebensgefahr. Er schien um zehn Jahre gealtert. Von seinem Goldfieber war er gründlich geheilt. Er flüsterte mir noch zu, daß das Metall, das er für Gold angesehen hatte, Antimonerz war. Ich gab ihm noch den guten Rat mit auf den Weg, nach der Küste zurückzukehren und sich nach Auckland zu begeben; dort fände er leicht sein Brot. – Ob er es tat?

Nach dem Abschied von dem verblendeten Landsmann hatte ich noch eine Dankesschuld abzutragen. Ich suchte die an dem Rettungswerke beteiligten Maori auf, um ihnen mit einigen Goldstücken für ihre Hilfeleistung zu danken. Zu meinem Erstaunen fand ich überall freundliche, aber entschiedene Ablehnung. Sie betrachteten Böhming jetzt als ihren Gast, und ihre Anschauungen von den Pflichten der Gastfreundschaft erlaubten ihnen nicht, irgend etwas als Entgelt anzunehmen. – Hoffentlich hat sich Böhming später der Rücksichten würdig gezeigt.

Ich verließ nun das Hochland und stieg in die große Zone der vulkanischen Bildungen hinab. In der Geologie ist dieser Landstrich als die Taupozone bekannt, die ihren Namen von dem großen Binnensee Taupo bekommen hat. Schon am nächsten Morgen genoß ich den großartigen Anblick der in den klaren Morgenhimmel ragenden beiden höchsten Berge Neuseelands. Zu meiner Linken erhob sich der erloschene Vulkan Ruapehu (2851 Meter). Seine vulkanische Natur wird durch die aus der Ferne gut wahrnehmbaren zerrissenen Wände um seinen schneebedeckten Gipfel herum gekennzeichnet. Rechts von mir grollte der kleinere der beiden Berge, der 1950 Meter hohe Tongariro. Um seine beiden Häupter wallten in unruhigen Bewegungen sich erschöpfende Dampfwolken. Wie ich später hörte, sollte er gerade in diesen Tagen glühende Lava ausgestoßen haben. Von meiner hohen Warte aus konnte ich noch zahllose kleinere Vulkane in ihrer Tätigkeit sehen. Es sind eigentlich keine Berge mehr, sondern mehr oder weniger hohe Bodenerhebungen, aus denen weiße und dunkle Dämpfe, gleich Atemstößen, in die Luft geschleudert werden. Sie ziehen sich wie eine Kette vom Fuße des Tongariro bis weit in die graue Ferne und sollen – wie ich bereits erwähnte – mit dem Wakari-Vulkan auf der »Weißen Insel« die Auspufföffnungen eines einzigen unterirdischen Feuersees bilden.

Mit dem Eintritt in das Seengebiet näherten wir uns auch wieder der europäischen Zivilisation. In den wenigen Dörfern gingen die Eingeborenen in europäischer Kleidung. Sie bezogen ihre Lebensbedürfnisse aus Kaufläden, die englische Firmen trugen. Englische Missionen und neuseeländische uniformierte Beamte führten das Regiment. Als ich am Abend unseres Eintreffens am Fuße des Ruapehu mit meinen Leuten im Freien lagerte und am offenen Lagerfeuer ein Stück Wild briet, kamen ein paar berittene Polizisten und hätten uns um ein Haar als »Landstreicher« in das Gefängnis eines fünf Meilen entfernten Dorfes eingeliefert. Hier half mir wieder die Empfehlung des Sergeanten und seiner Soldaten. Mehr jedenfalls, als der von der Regierung in Auckland ausgestellte Schutzbrief.

Mein Interesse an dieser, mit so großen Erwartungen ersehnten Gegend war durch die mannigfachen Zwischenfälle bedeutend herabgestimmt. Ich glaubte hier in voller Freiheit mich bewegen zu können und fand überall Hindernisse. Schon bei der Besteigung eines der kleineren Vulkane, des Karakameha, an dessen Fuße ich meine Pferde unter der Aufsicht Toas warten ließ, während ich oben mit Pu Nambu einige Lavagebilde losbrach, kamen mir wiederum ein paar Wächter der öffentlichen Sicherheit nachgesetzt und verlangten von mir Ausweise. Zu allen Sammlungen seien Erlaubnisscheine nötig! Daß ich unter solchen Umständen auf den Besuch der immerhin vom wissenschaftlichen Gesichtspunkte interessanten kleinen Vulkane (Pi Hanga, Hau Hanga, Kuharua) verzichtete, kann man mir nachfühlen.

Mein Diener Toa war in dieser Gegend aufgewachsen und übernahm es, mich abseits der Landstraße auf Umwegen zu den Ufern des Tauposees zu geleiten. Wir brauchten zu den hundertfünfzig Kilometern sechs Tage, aber jeder Tag bot mir neue prachtvolle Ausblicke. Oft befanden wir uns in einem finstern Tannenforste, durch dessen hundertjährigen Baumbestand der leise Morgenwind den Schneehauch des Ruapehu trug und uns zwang, die Decken fester um die Schultern zu ziehen, und dann standen wir unvermittelt vor einem der zahlreichen Geiser, der in meterhohen Wassersäulen heilkräftige, kochende Wasser in die Luft schleuderte und eine der Atmosphäre wohlige Wärme mitteilte. – Buntschillernde kleine Seen, bis an den Rand gefüllt mit heißem, durchsichtig klarem Wasser und eingefaßt mit blendendweißem Kalksinter, krönten die Gipfel von Miniaturbergen. – An anderer Stelle wieder lauerten tückische, unergründliche Bodenrisse des arglosen Wanderers. Aus ihren dampferfüllten Innern träufelten bläuliche Rauchwölkchen empor, liefen wie im neckischen Spiele an den Rändern entlang und schmiegten sich an seltsam glänzendem Gestein empor, ihre Bahn durch goldgelbe Schwefelablagerungen andeutend. – Schauerliche Moore, von krächzenden Rabenvögeln belebt, hatte sich der erloschene Rauka Hanga als Schutzwehr um seinen Fuß gelegt. Brodelnde Schlammkessel verbargen sich in gelbrotem Haidekraut und gaben Zeugnis von dem im Innern noch glühenden Feuer.

Die Eingeborenen, die in vereinzelt stehenden Familienhütten diese einzig in der Welt dastehende Gegend bewohnen, ohne jedoch Sinn für deren Reiz zu haben, wissen sich der heilkräftigen Quellen zu bedienen. Sie führen ihre Hütten meist neben den kleinen Heißwasserbecken auf und baden allmorgendlich mit Kind und Kegel in dem klaren Wasser. Auch ich machte von der Gelegenheit Gebrauch. Allerdings erst, nachdem der regelmäßig emporsteigende Sprudel das Wasser wieder zur Kristallhelle geklärt hatte. Man mußte auch die Vorsicht gebrauchen, den Sprudel wieder »absterben« zu lassen, bevor man in das Becken trat, denn nach Angaben der Eingeborenen soll sich beim Erscheinen des quellenden Strahles eine größere Oeffnung auf dem Grunde des Beckens bilden und den Vermessenen, der es wagt, in diesem Augenblick hineinzutreten, verschlingen. Wenn das nun auch der Wahrscheinlichkeit entbehrt, so glaube ich doch, daß man sich Verbrennungen zuziehen kann, wenn man gerade da steht, wo sich der erste Auswurf betätigt. Ich selbst spürte auf dem klaren Sande jedesmal ein starkes Kribbeln, verbunden mit erhöhter Temperatur unter den Füßen, wenn ein neuer Ausbruch bevorstand. Da ich immer sofort auf die Warnung reagierte, weiß ich über ein Oeffnen des Bodens nichts zu sagen. – Uebrigens befinden sich unter den Quellbecken auch solche, deren Wasser Siedehitze haben. Diese werfen dann auch meist den Strahl über den Rand ihrer natürlichen Einfassung hinaus. Die Tiefe der Quellgruben soll sehr verschieden sein. Später, am Rotomahanasee, fand ich solche, deren Tiefe unergründlich zu sein schien. Es waren jedenfalls die Erdrohre, die mit dem unterirdischen Bassin, das diese Heißwasservulkane speist, in direkter Verbindung stehen.

Meinen Aufenthalt in der Taupozone habe ich an anderer Stelle ausführlich beschrieben, so daß ich hier nicht weiter darauf eingehen kann. Ich erwähne hier nur noch, daß meine Reise durch Neuseeland mit der Besichtigung des Rotomahanasees eigentlich ihr Ende fand. Die herrlichen, jeder Beschreibung spottenden Kalksinterterrassen, mit ihren kristallhellen, kreisrunden Becken, die wie blaue Kinderaugen in den Aether blickten, finden nur ein Gegenstück im Yellowstonepark. Für die heutige und die späteren Generationen allerdings sind sie verloren. Im Juni l896 entstanden plötzlich gewaltige unterirdische Explosionen unter den Rotomahanabecken und schleuderten sie in die Luft. – Damit sind sie vorläufig zerstört. Im gleichen Jahre verschwand auch ein anderes Unikum vulkanischen Ursprungs. Der in meinem sechsten Bande beschriebene Feuersee auf Hawaii versank plötzlich in die Tiefe.


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