Ferdinand Emmerich
Neuseeland
Ferdinand Emmerich

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Wenn ich von Tahiti hörte, dann schwebte mir immer eine kleine Inselstadt vor Augen, in denen die Eingeborenen noch den hervorragendsten Bestandteil der Bevölkerung ausmachten und Weiße nur in der Minderzahl vertreten waren. Hier aber erlitt ich eine arge Enttäuschung. Zwar war das angegebene Verhältnis der Bevölkerung zueinander noch vorhanden, aber die braunen Söhne und Töchter dieser prachtvollen Inselwelt hatten nichts mehr von ihrer Ursprünglichkeit. Sie sprachen kaum noch ihre Sprache. Dagegen machten sich Europäer und Mischlinge überall breit. Die meisten Kaufläden befanden sich in den Händen von Franzosen und Engländern. Ein paar deutsche Namen fand ich in der Nähe der Bootslandung vertreten, darunter auch eine Niederlassung des Hauses Godeffroy in Hamburg. Jener Firma, der ich während meiner ersten Reise in die Südsee so vieles zu verdanken hatte. (vergl. Band I Unter den Wilden der Südsee.) Leider war der eigentliche Chef des Hauses in Europa. Sein Vertreter, ein Mischling, der nur gebrochen deutsch sprach, machte aber einen so unangenehmen Eindruck auf mich, daß ich mich nicht länger bei ihm aufhielt.

Wie überall, wo Franzosen die Herrschaft an sich gerissen haben, gab es auch hier ein Grand Hotel de France. Der Besitzer, ein Mann mit einem ausgeprägten Sträflingsgesicht, suchte mich schon an Bord für seinen Gasthof zu gewinnen. Ich ließ ihn aber einstweilen im Unklaren über meine Absichten und beschloß, erst einmal einen Spaziergang durch die Stadt zu machen. Zu oft war ich schon in den tropischen Hotels mit dem hochtönenden Namen hereingefallen. Mit einigen Bordpassagieren landete ich denn auch, von dem Bummel durch die ausgedehnte Stadt ermüdet, in dem Speisesaal des genannten Hotels, wo sich sofort eine Schar gelbhäutiger Burschen in sehr fragwürdigen, einst weiß gewesenen Kitteln auf uns stürzten. Im Handumdrehen standen rissige Steingutteller, von Fliegen beschmutzte Gläser und einige Flaschen einer schwarzroten Flüssigkeit vor uns, die man uns als Vin de Bordeaux bezeichnete. – Es bedurfte nur einer kurzen Beratung unter uns, um unsern Entschluß, lieber gar nicht, als hier zu essen, zu fassen. Da wir aber einmal den Raum betreten hatten, forderten wir Whisky mit Soda, wobei ich dem bedienenden Boy ausdrücklich befahl, die Flasche mitzubringen. Die Vorsicht erwies sich als angebracht, denn obwohl der Kellner erst versichert hatte, das Getränk sei da, kam er nach langem Zaudern endlich mit einer Flasche Kognak unbekanntester Marke. – Da ich nicht mit Unrecht auf einen ähnlichen Zustand der Zimmer schloß, unterließ ich deren Besichtigung.

Nach dieser ersten schlechten Erfahrung begaben wir uns, mit einer großen Dosis Mißtrauen ausgerüstet, in die Rue de la Plage, wo wir das Schild eines American Hotel gesehen hatten. Hier trafen wir bereits einige Mitpassagiere vor einem Gericht gebratener Bananen, das sehr einladend aussah. Es schmeckte auch ganz gut. Der nächste Gang aber schüttelte uns die Gedärme durcheinander. Der Boy brachte ein Gericht, das einen Duft ausströmte, der mir unwillkürlich den alten Hafen von Marseille ins Gedächtnis rief. Nur dort konnte man dieses Gemisch von Knoblauch, Safran und – Stockfisch vertragen. Und das wurde uns hier serviert! Man denke, ausgerechnet in Tahiti Stockfisch! Auf einer Insel, deren Binnenwasser die feinsten Fische beherbergt, die nur je im weiten Weltmeer vorkommen. Ich kargte dem Wirt gegenüber auch nicht mit meiner Entrüstung über diese Zumutung. Achselzuckend erwiderte er: »Was wollen sie? Heute ist Freitag. Bei mir speisen die Offiziere der Garnison und die verlangen ihr Leibgericht, das Aijoli!«

Hungrigen Magens verließ ich die ungastliche Schwelle. Meine Gefährten zogen die Gesellschaft ihrer Landsleute vor. Sie blieben da, während ich weiter durch die in der Sonnenglut menschenleeren Straßen zog. – Schon wollte ich an Bord des »Washington« reumütig zurückkehren, da begegneten mir zwei Gestalten, die auf hundert Schritt den deutschen Seemann erkennen ließen. »Hummel, Hummel!« sprach ich sie lachend an und als sie ebenso vergnügten Antlitzes den berühmten Antwortspruch zurückgaben, entschuldigte ich mich zunächst wegen der Art der Ansprache und gestand dann, daß ich »bannigen Hunger« hätte, aber nicht wüßte, wo ich etwas Eßbares kaufen könnte.

»Waren Sie denn noch nicht bei Luten Struve?« fragte der Aeltere, der sich als Kapitän Kröger der im Hafen liegenden Bark »Pelikan« vorstellte.

»Wie soll ich den kennen? Ich bin ja erst seit drei Stunden auf dieser gesegneten Insel.«

»Luten Struve fühlt jeder Hamburger. Den braucht man nicht erst zu kennen,« antwortete Wichhorst, der erste Steuermann.

»Sind Sie auf dem ›Weiberkasten‹, der heute morgen einlief?«

»Gewesen! Ich habe Ueberfahrt bis Auckland bezahlt, gehe aber hier von Bord, weil ich es da nicht aushalten kann.«

»Das kann ich Ihnen nachfühlen,« sagte der Kapitän. »wenn man mich auf so einen Dampfer schickte, ließ ich ihn wahrhaftig auf Strand laufen, Wie kann ein echter Seemann bloß auf so einem Dampftrog gehen! Verstehen Sie das Wichhorst?«

Die ganze Verachtung des Segelschiffskapitäns gegen die Dampfer lag auf den Mienen der beiden Wasserratten ausgeprägt.

Aus der Hauptstraße bogen wir in eine ruhige Seitenstraße ein, in der sauber gehaltene einstöckige Häuser lebhaft an eine deutsche Kleinstadt erinnerten. In der Mitte der Straße stach ein schuppenähnlicher Bau von dem Gesamtbilde ab. Ein weiter Torweg ließ den Blick in einen schattigen Garten frei, in dessen Hintergrund eine breite Holzveranda sichtbar wurde.

»Hier wohnt Luten Struve,« sagte Kapitän Kröger, indem er in den Torweg einbog. »Unter diesen riesigen Mangobäumen habe ich schon vor dreißig Jahren als Schiffsjunge gesessen. Seitdem kehre ich immer hier ein, wenn ich in diese Inseln komme und das geschieht alle drei bis vier Jahre.«

Von der Veranda erhob sich eine breitschulterige Gestalt. Ein echt deutscher Mann von der Wasserkante, mit blauen Augen und grauem, einst blond gewesenen Barte. Er ging uns ein paar Schritte entgegen und begrüßte die beiden Seeleute herzlich.

»Hier, Luten, bring ich dir einen hungrigen Landsmann. Er führte sich mit unserm Hamburger Kennwort bei uns ein. Wirst du ihm was zu essen geben?«

»Tja, diesmal schon, weil du ihn bringst,« erwiderte der Mann langsam, während seine Augen an meiner Gestalt auf und ab liefen. »Für gewöhnlich gebe ich nur Kost einem deutschen Fahrensmann, weißt du. Und das ist keiner. – wo kommt denn der Herr her?«

»Von dem Vergnügungsdampfer, der heute einlief,« gab ich zur Antwort. »Aber ich halte es da nicht aus, darum gehe ich schon hier von Bord. – was übrigens den Fahrensmann anbetrifft, so bin ich auch vor dem Mast gefahren.« »So, so!?« Ungläubig streifte mich sein klares Auge, »wo denn und auf was für einem Schiff?«

»Zuerst von Rotterdam mit dem ›Konink Willem‹, der im Teifun bei den Paracelsus unterging, später war ich auf dem Schoner ›Matupi‹ mit Käpt'n Breckwoldt und dann mit Sutor auf dem ›Gustav‹«.

»Was, sie kennen Breckwoldt und Sutor?« riefen die drei wie aus einem Munde. »Dann seien sie herzlich willkommen bei Luten Struve. – seine Freunde sind meine Freunde! – Da setzen sie sich hin. In dem Sessel hat vor vier Wochen – oder sind es schon sechs? – mein alter Breckwoldt gesessen, der mit der »Gretchen Amsink« hier war.«

»Was, der alte Breckwoldt fährt immer noch?« rief ich erstaunt. »Der muß doch hoch in die sechzig sein.«

»Ja, er nahm Abschied für immer. Er wird nicht wiederkommen.«

Fast schien es, als wollte Struve eine Träne zerdrücken. So nahe ging ihm das Bewußtsein, einen lieben Freund für immer verloren zu haben.

»Kannten sie ihn länger?« fragte ich, um ihm Gelegenheit zu geben, in Gedanken bei dem Gegenstand zu verweilen.

»Seit der Steuermannsschule. Wir fuhren dann beide in der Südsee. Er für Godeffroy, ich für Herrnsheim. Oft lagen wir nebeneinander an den Menschenfresser-Inseln. Manches Jahr verbrachten wir da draußen. Dann gingen wir wieder gemeinschaftlich heimwärts. In Samoa nahmen wir Abschied, weil jeder auf einem andern Schiffe zurückkehren mußte. – Am gleichen Tage trafen wir auf der Elbe ein. – Das war eine Freude...« Sein Auge leuchtete in der Erinnerung an jene fernen Tage. – Er fuhr fort:

»Breckwoldt ruhte nicht eher, bis ich auch auf Godeffroysche Schiffe in die Südsee kam. Er kam als Kapitän auf die ›Matupi‹. Ich wurde Erster auf der ›Tafua‹ mit Sutor als Käpt'n. – Herr, das war ein Leben... Und dann bekam ich eines schönen Tages Streit mit einem Englischmann... Nun ja, wie es so geht... Sie wissen ja... kurz, ich ging aus der Fahrt und war einige Monate auf der Faktorei in Aitutaki auf den Cooks. Dann kam Breckwoldt mit seinem Schoner und holte mich wieder ab. Auf den englischen Inseln war ich nicht sicher... Und hier auf der Faktorei blieb ich, bis der junge Godeffroy selbst herauskam und die Geschäfte übernahm. – Jetzt lebe ich hier in Ruhe und Frieden, wenn mich deutsche Seeleute besuchen, und das tun sie alle, bin ich froh und heiße sie willkommen, sie finden Speise und Trank bei mir. Aber nur diese. Für andere ist Luten Struve nicht zu sprechen. – Wie lange bleiben sie hier?« fragte er unvermittelt.

Ich teilte ihm kurz meine Pläne mit.

»Dann wohnen sie auch bei mir. Allerdings brauchen sie die Erlaubnis der französischen Behörde, die jeder haben muß, der hier Wohnung nimmt. Deutsche sind zwar nicht gern gesehen, aber ich denke, daß man Ihnen keine Schwierigkeiten in den Weg legen wird. Uebrigens sorgen Sie dafür, daß der Dampfer sie richtig aus dem Bordmanifest streichen läßt, sonst macht man Ihnen deshalb noch Umstände.«

Nach dem vorzüglichen Essen begleitete mich Struve zu dem französischen Beamten, der mir auch nach kurzem Verhör einen » Permis de séjour« ausstellte. Damit waren alle Formalitäten erfüllt und ich durfte mich nun frei auf der Insel bewegen.

Noch vor Sonnenuntergang fuhren wir alle an Bord des ›Pelikan‹, um auch dort einen Besuch Zu machen. Es war ein schmuckes Schiff, dem man es nicht ansah, daß es schon zwei Jahre auf der Fahrt war. Alles war blitzblank gescheuert und geputzt und selbst die mit allerlei Bordarbeiten beschäftigten Matrosen kleideten sich sauber und aus den frischen Gesichtern las man die Freude am Beruf. – Jeder Kundige sah auf den ersten Blick, daß zwischen der Schiffsführung und den Leuten vor dem Mast ein gutes Einvernehmen herrschte. Unter »Leuten vor dem Mast« versteht man die Matrosen und Schiffsjungen, sie heißen so, weil ihr »Logis« (das Wort wird gesprochen, wie man es schreibt) vor dem ersten Mast liegt.

Vom Achterdeck des ›Pelikan‹ konnte man auf den »Washington« hinüber sehen. Gerade spielte sich dort eine Szene ab, die mir eine Pflicht ins Gedächtnis rief. Ich sah, daß die chilenischen Seeleute in einer Unterhaltung mit dem Kapitän und ersten Offizier begriffen waren und so wie ich die beiden letztgenannten kannte, wollten sie anscheinend die armen Matrosen übertölpeln. Da, wie ich wußte, niemand da drüben spanisch sprach, mußten die Chilenen den kürzeren ziehen. – Meine gespannte Aufmerksamkeit für den Disput da drüben veranlaßte Struve zu einer Frage.

»Mich dauern die drei chilenischen Matrosen,« sagte ich erklärend. »Der ›Washington‹ übersegelte unterwegs im Nebel einen Schoner, von dem er die drei Mann rettete. Der Rest ertrank. Jetzt sucht er wahrscheinlich die Leute zu einem falschen Rapport zu überreden. Es gab schon während der Reise deshalb Streit. Ich war als Dolmetscher hinzugezogen, als der einzige, der spanisch sprach. Hier will der Kapitän die Leute an Land setzen.«

»Das kann er doch nur, wenn er Verklarung belegt. Er muß hier vor der Seebehörde den Zusammenstoß zu Protokoll geben. Das weiß er doch!« rief der Kapitän, den meine Schilderung empörte.

»Hm, wenn er die Wahrheit sagt, wird es ihm die Goldtressen kosten,« entgegnete ich. »Schuld hat er an der Kollision. Er gab weder Nebelsignale, noch war der Ausguck doppelt besetzt. Ich machte ihn erst auf das Nebelhorn des Gegenseglers aufmerksam.«

»Ist das möglich?« rief Struve aus. »so leichtsinnig kann doch kein Kapitän sein, waren denn die Steuerleute nicht da?«

»Alle waren auf Deck. Aber der Kommandant wollte die Passagiere nicht erschrecken. Darum unterblieben die Signale.«

»Und er mordete dadurch ein Dutzend Menschen! Hören sie, lieber Herr, das müssen sie anzeigen. Der Dampfer darf nicht weg, bevor das nicht klar gestellt ist. Kommen Sie mit mir an Land. Ich kenne den Hafenkapitän gut. Bin neugierig, ob der etwas davon weiß.«

»Aber, Herr Struve, ich möchte mich wirklich nicht in diese heikle Angelegenheit mischen.«

Erstaunt blickte mich dieser an. Dann rief er:

»Sie waren deutscher Seemann und reden so! Mann, Mann, besinnen Sie sich...«

»Das muß gemeldet werden,« stimmte auch Wichhorst bei. Eine solche Gewissenlosigkeit muß exemplarisch bestraft werden, wir alle sind dabei beteiligt. Wenn noch mehrere solcher Kapitäne auf dem Ozean fahren, dann sind wir alle dem gleichen Schicksal ausgesetzt. Ueberwinden sie Ihre Scheu und gehen sie mit Luten Struve.«

»Sie haben recht. Ich dachte daran nicht. Kommen Sie, ich werde meine Anzeige machen.«

Der Hafenkapitän saß auf der Terrasse des American Hotel vor einem Brandy mit Soda. Er saugte die eisgekühlte Flüssigkeit mit einem Strohhalm und ließ sein Auge mit Wohlgefallen über die Damenwelt schweifen, die zu dieser Stunde die Promenade belebte, um die kühle Seebrise zu genießen und um – gesehen zu werden.

In der Meinung, wir würden ihm helfen die Langeweile zu vertreiben, lud er Struve und mich an seinen Tisch und bestellte, wie das in den Tropen üblich, ein Getränk für uns.

Struve fiel nach den ersten Begrüßungen mit der Tür ins Haus.

»Hat Ihnen der amerikanische Dampfer Verklarung belegt?« fragte er. »Das nicht. Ein Offizier war da und wollte mir drei mittellose Seeleute übergeben, die sein Schiff unterwegs aufgepickt hat. – Wir haben aber für solche Leute kein Geld, und da auch kein Konsul hier ist, so verweigerte ich die Abnahme. Er soll sie irgendwo anders abladen.«

Diese Darstellung erregte meinen Zorn.

»Wenn der Offizier Ihnen das so darstellte, wie sie sagen, dann hat er nur einen Teil der Wahrheit gesagt,« erwiderte ich. »Die Dinge liegen wesentlich anders. Ich war auf dem ›Washington‹ und habe den ganzen Vorgang genau verfolgt. Nach meinem Dafürhalten war der ›Washington‹ schuld an der Kollision.«

Jetzt horchte der Beamte auf.

»Eine Kollision hatte der Dampfer? Davon sagte mir der Offizier kein Wort. – wissen Sie das gewiß? Ist kein Irrtum möglich?«

»Herr Kapitän, ich war selbst Seemann. Zur kritischen Zeit befand ich mich auf Deck!« Und nun erzählte ich die bereits geschilderten Vorgänge mit allen Einzelheiten, wobei ich auch nicht zu erwähnen vergaß, daß ich selbst als Dolmetscher tätig gewesen war.

Meine Erzählung versetzte nicht nur Struve, sondern auch den Hafenkapitän in nicht geringe Aufregung. Er sprang auf und griff nach seinem Hute.

»Der Dampfer will heute abend noch auslaufen. Er darf den Hafen nicht verlassen, bis die Angelegenheit geklärt ist. Ich werde sofort mit dem amerikanischen Konsul reden. – wo wohnen Sie?«

»Bei mir, Kapitän,« beeilte sich Struve zu erwidern. »Er steht Ihnen jederzeit zur Verfügung.« Zu mir gewendet, sagte er:

»Jo, jetzt kehren wir aus den ›Pelikan‹ zurück. Nun wird uns das Bier noch mal so gut schmecken, sie haben wirklich ein gutes Werk getan. Nicht nur gegenüber den armen Matrosen, sondern auch für die ganze Schiffahrt.«

Am Strande pfiff Struve dem Boote des ›Pelikan‹, während wir dort warteten, ertönte vom »Washington« der erste Sirenenruf. Die säumigen Passagiere sollten an Bord kommen. Einige standen bereits an der breiten Holztreppe, an der die Regierungsboote anzulegen pflegen. Sie riefen mir einen Gruß zu und boten mir in ihrem Boote einen Platz an.

»Danke sehr. Ich bleibe hier,« rief ich zurück. Die Antwort löste wirkliches Bedauern aus. Bei den meisten wohl nur, weil ihnen damit die Erklärung so manches Unbekannten vorenthalten blieb. Einige jedoch, darunter die Damen Price und Gould, vermißten ihren täglichen Begleiter wirklich. Erstere, die nach dem Abenteuer auf Hereheretue nicht mehr an Deck gekommen war, traf gerade bei den andern ein, als ich meine Absage hinüberrief, sie wollte es nicht glauben, weil ich ihr versprochen hatte, mit ihrer Gesellschaft nach den neuseeländischen Geysern zu gehen.

In wenigen Sprüngen stand sie neben mir: »Ist das wahr, daß sie nicht mehr an Bord des »Washington« zurückkehren?«

»Ja, Miß, das ist wahr. Ich habe so manches Unangenehme dort erfahren, daß ich die Reise nicht fortsetzen kann. Ich werde eine spätere Gelegenheit benutzen, um nach Auckland zu reisen.«

»Oh, das tut mir aber sehr leid,« rief sie aus und man sah, daß sie es aufrichtig meinte, »wann werden sie dann in Auckland ankommen?«

»Das weiß ich noch nicht, Miß Price. Es kann vierzehn Tage dauern, ehe hier ein Schiff nach Neuseeland anläuft. Die Geyser laufen mir übrigens nicht weg.«

»Vergessen Sie, daß Sie uns dorthin führen wollten?«

»Keineswegs, wenn Sie bei meinem Eintreffen noch dort find, löse ich mein Versprechen ein.«

»Ich werde dort sein. Fragen sie bei unserem Konsul nach mir. Auf Wiedersehen! Eben ruft die Sirene wieder. Ich muß eilen.«

»Jetzt geht der Dampfer dem Hafenmeister doch durch die Lappen,« sagte ich, zu Struve gewendet. »Das täte mir wegen der Chilenen leid.«

»Nee, der geht nicht aus. Dort liegt ja noch das Boot der Hafenbehörde. Ehe er die Papiere nicht hat, darf er nicht fort. – Wo mag denn unser Boot bleiben? ... Halloh, ›Pelikan‹ ahoi!«

Aus dem Gewirr der Fahrzeuge schob sich das breite Schiffsboot an den Strand. Im Begriff einzusteigen, hielt mich ein Mann an, in dem ich einen der Chilenen erkannte. Auf seinem Gesichte prägte sich die Freude über das Zusammentreffen aus.

»Oh, Señor, wie haben wir Euch gesucht,« rief er aus. »Kein Mensch will uns hier verstehen. Bitte, helft uns doch!« Es lag so viel Verzagtheit in den wenigen Worten, die auch Struve, der spanisch sprach, verstand, daß ich nicht umhin konnte, dem Manne Rede zu stehen.

»Wo sind deine Kameraden?« fragte ich.

»Auf dem Dampfer. Man will uns hier an Land nicht aufnehmen und der Kapitän will uns nicht mehr mitnehmen. Er gibt uns jedem zehn Dollars, was sollen wir damit?«

»Warum habt ihr die Kollision nicht angezeigt?«

»Es versteht ja niemand unsere Sprache. – Oh, Señor, verlaßt uns nicht!«

»Habt keine Angst. Ich habe Anzeige erstattet und ihr werdet sicher die Aufenthaltserlaubnis erhalten. Der Dampfer wird den Hafen nicht verlassen, bis euere Ansprüche nicht voll geregelt sind ...«

»Da kommt gerade der Hafenkapitän,« sagte Struve. »Der kann den Chilenen gleich sagen, wo sie Unterkunft finden.« – Er trennte sich von uns und ging zur Treppe, wo er den Beamten anhielt. Eine kurze Unterhaltung folgte, dann trat er wieder zu uns. Zu dem Chilenen sagte er:

»Natürlich bekommt ihr Wohnung an Land, bis euch ein Schiff in die Heimat mitnimmt. Aber heute abend ist das nicht mehr möglich. Ihr müßt die Nacht auf dem Dampfer verbringen ... oder noch besser: hole deine Kameraden und komme an Bord der Bark »Pelikan«, die neben dem Dampfer liegt. Dort könnt ihr für eine Nacht Unterkunft finden.«

Nach einigen näheren Erklärungen drückten wir dem Manne ein paar Silberlinge in die Hand und liehen uns an Bord rudern. »Sie haben ein paar glückliche Menschen geschaffen, Struve,« sagte ich, als das Boot seine glühenden Furchen durch das nächtliche Meer zog. »Die Leute werden sie segnen.«

»Und Ihnen wird das Gegenteil in reichstem Maße zuteil werden, wenn der Herr Kommandant des »Washington« den Besuch seines Konsuls und der Hafenbehörde empfangen hat. – Leichten Kaufes wird er nicht davon kommen. Der Hafenkapitän ist froh, daß endlich einmal ein recht interessanter Fall seiner Entscheidung unterstellt wird, wie ich ihn kenne, zieht er die Untersuchung in die Länge, damit nur recht viel Staub aufgewirbelt wird. Das macht seinen Namen bekannt und er hofft dadurch endlich abberufen und nach Frankreich zurückversetzt zu werden, viel Ruhe wird er auch Ihnen nicht gönnen.«

»Das ist mir recht, wo bleibt aber der Dampfer inzwischen?«

»Hier natürlich. Die Fahrgäste werden Gelegenheit und Zeit haben, den ganzen Archipel zu besuchen! – Achtung! Klar bei dem Fallreep!«

Kapitän Kröger war natürlich gern bereit, die Chilenen über Nacht auf seinem Schiffe zu beherbergen. Er gab sofort die nötigen Befehle in das Logis und da seine Mannschaft bereits das Abendessen bekommen hatte, mußte der Koch noch Reis mit Speck bereithalten, um die Matrosen, die jedenfalls hungrig waren, noch zu beköstigen. Das Fallreep wurde heruntergelassen und eine Laterne bezeichnete die Stelle, wo es hing.

Eine halbe Stunde nachher rief die Wache den Kapitän an Deck. Dort standen drei triefende Gestalten, in der Hand ein Bündel Kleider, und blickten ratlos um sich. Sie erkannten sofort den Kapitän in dem Ankommenden und zögernd brachten sie die Mitteilung hervor, daß man ihnen hier an Bord Unterkunft versprochen habe.

Der Anblick der dem Meere entstiegenen nackten Männer entlockte dem Kapitän ein Lächeln. Er kramte sein ganzes Spanisch aus und hieß sie willkommen. Da bei der Rede ein gut Teil Hamburger Plattdeutsch mit unterlief und er selbst lachen mußte, stimmte auch die Deckswache in die Heiterkeit ein. Dadurch wurden auch Struve und ich aufmerksam. Wir gingen nach oben. Kaum hatte ich, hinter Struve gehend, den Kopf aus dem Kajütsluk gesteckt, da stürzten die drei auf mich zu und gaben ihrer unverhohlenen Freude in überschwenglichster Weise Ausdruck.

»Wie ein Hund, der seinen verlorenen Herrn wiederfindet,« sagte Kröger nachher.

»Kleidet euch erst mal an und dann eßt ordentlich, später kommt ihr dann aufs Achterdeck und erzählt, wie es euch drüben noch ergangen ist,« befahl Struve, indem er die Schiffbrüchigen dem Bootsmann übergab.

»Die armen Teufel sind ganz ausgehungert, Kapitän,« meldete der Koch. »Darf ich ihnen noch die Kartoffeln geben, die für morgen mittag zurückgesetzt sind?«

»Ja, Koch, gib ihnen so viel, daß sie satt werden. Es sind arme Schiffbrüchige und denen darfst du nichts versagen. Denk immer, daß auch wir Seeleute sind.«

Nach einer guten Stunde kam Gonzales, der Sprecher der Chilenen. Er erging sich in Danksagungen, die aber Kapitän Kröger kurz abschnitt.

»Warum seid ihr an Bord geschwommen? War kein Boot da?«

»Der Kapitän hat uns gedroht, uns über Bord werfen zu lassen, wenn wir sein Schiff nicht sofort verließen. Boote waren nicht da, und da sind wir über Bord gesprungen und hierher geschwommen.«

Kapitän Kröger unterdrückte ein hartes Wort über diese grausame Handlungsweise des Amerikaners, wie leicht hätten die Leute eine Beute der Haifische werden können.

»Was veranlaßte denn den Kapitän zu dem grausamen Befehl?«

»Soviel ich verstand, darf er nicht auslaufen. Es waren Beamte da, die ihm drei Soldaten an Deck stellten.«

»Aha,« rief ich aus. »Morgen werden euere Ansprüche voll befriedigt werden. Gebt bei dem Verhör nur genau nach der Wahrheit den Hergang der Kollision an. Ihr müßt es beschwören.«

Tiefe Stille lag über dem Binnensee, als ich mit Struve zu später Stunde an den Strand zurückruderte. Der ›Washington‹ hatte seine Seitenlichter eingezogen und dafür die Ankerlaternen ausgebracht. Aus dem Salon drangen die Töne gelangweilten Klavierspieles, aber nichts deutete darauf hin, daß der Riesendampfer über siebzig Vergnügungsreisende an Bord hatte. Er lag wie ausgestorben. Nur die erleuchteten Kabinenfenster zeigten das pulsierende Leben an.

Am Strande trat ein Polizist an uns heran. Er verlangte von mir den Ausweis, daß ich an Land wohne. Struve kannte er.

»Was hat denn das zu bedeuten?« fragte ich, als uns der Mann wieder verlassen hatte.

»Ein alter Zopf, solange ich hier bin, und das sind viele Jahre, besteht die Verordnung, daß jeder fremde Europäer, der nach dem Zapfenstreich auf der Straße getroffen wird, sich ausweisen muß. Das Warum? kann Ihnen weder der Gouverneur noch sonst ein Beamter erklären. Es ist einmal Vorschrift. Daß sie im höchsten Grade lächerlich ist, sieht jeder ein, aber kein Mensch hat den Mut, den Zopf abzuschneiden.«

»Wenn nun einmal ein fremder Seemann ohne Papiere betroffen wird, was geschieht mit dem?«

»Nichts. Der Polizist merkt sich den Namen und damit ist der Fall erledigt!«

Wir hatten unterdessen Struves Haus erreicht. Bevor mir mein freundlicher Wirt das einfach, aber sehr bequem eingerichtete Zimmer anwies, holte er noch die Likörflasche.

»Ich habe die Gewohnheit, mit einer »Nachtmütze« schlafen zu gehen, hier, nehmen Sie auch eine. – Es ist echter Nordhäuser Korn.«

In dieser Nacht schlief ich nach langer Zeit wieder einmal in einem Bett, das nicht hin und her gewiegt wurde. Auch hörte ich das Plätschern der Wellen an den Wänden nicht. Tiefste Ruhe herrschte ringsum. Und doch erfreute ich mich keines ruhigen Schlafes. Ich stand noch zu sehr im Banne der Schiffsschraube, wie man auf der Seereise sofort aus tiefstem Schlafe erwacht, wenn plötzlich die Schraube nicht mehr arbeitet, so fuhr auch ich in der Nacht mehrmals auf und hob lauschend den Kopf, bis ich soweit wach wurde, daß ich mich auf meine Umgebung besinnen konnte. Dann warf ich mich in die Kissen zurück und schlief, dank der vielen genossenen »Nachtmützen«, rasch wieder ein.

Ein Kanonenschuß weckte mich. – Auch ein alter Zopf. Bei Sonnenauf- und -untergang wird oben auf dem alten Fort ein Kanonenschuß abgefeuert. »Damit die Soldaten wissen, wann es Tag und wann es Nacht wird,« erläuterte mit sarkastischem Lächeln mein Gastfreund. In Wirklichkeit soll es vor vielen Jahren ein Zeichen für die Eingeborenen gewesen sein, die nur in der Zeit des Sonnenlichtes die Stadt betreten durften.

Da die Stadt mir nichts Sehenswürdiges zu bieten vermochte, so beschloß ich, einen Ausflug gegen das Gebirge zu machen. Einesteils wollte ich dadurch dem vielen Fragen der Dampferreisenden aus dem Wege gehen, die sich natürlich über die Stadt zerstreuen würden, andererseits glaubte ich den Chilenen und den Amerikanern bei der Seegerichtsverhandlung Gelegenheit geben zu sollen, sich unter sich nach Herzenslust auszusprechen. Ich wollte dann später mein Zeugnis ablegen. Nach dem Frühstück ließ ich mich von Struve auf wenig begangenen Seitenwegen aus dem Weichbilde der Stadt herausführen.

»Wirtshäuser finden sie nirgends, aber Guiaven, Bananen und herrliche Orangen gibt es genug. Erstere wachsen wild, die beiden letztgenannten Früchte haben einen Eigentümer. Ich sage das nur, weil man nie unterscheiden kann, ob man in der Wildnis oder in einem Eingeborenengarten ist. Beides ist gleich wenig gepflegt.«

Dort, wo die Hütten der Eingeborenen seltener werden, verließ mich Luten Struve. Er bezeichnete mir einen Pfad, der mich ins Gebirge führen würde. Allerdings fügte er gleich hinzu, daß er selbst noch nie auf der Landseite die Stadt verlassen hatte, da bekanntlich Seeleute nicht gern klettern. Aber in halber Höhe wohne ein Deutscher, ehemaliger Fremdenlegionär, der ihm oft den Weg zu seiner Behausung beschrieben hätte. Ich könnte gar nicht fehl gehen.

Ich war Struve sehr dankbar für diese Mitteilung. Ich beschloß, diesem Menschen bestimmt aus dem Wege zu gehen, denn ich habe es einem Deutschen nie verzeihen können, daß er ausgerechnet unserm Erbfeinde, dem Franzosen, Kriegsdienste leistet. Wenn ein gehetzter Verbrecher in dieser zweifelhaften Legion Schutz sucht und findet, so kann ich das vom rein menschlichen Standpunkte aus verstehen, wenn aber ein Deutscher, der sich auch in seinem Vaterlande erhobenen Hauptes sehen lassen kann, dem tückischen Franzmann Blut und Leben zu dessen Eroberungen darbringt, dann kann ich keine Achtung mehr für ihn haben. Viele ehemalige Legionäre fühlen das auch selbst, wenn ihnen der Franzose erst einmal seine Verachtung unverblümt ins Gesicht geschleudert hat. Sie kehren dann nicht mehr in die alte Heimat zurück und führen in Frankreich oder sonstwo im Auslande als Geächtete ein bedauernswertes Leben.

Auch diesem Legionär wollte ich nicht begegnen. Ich verließ daher in der ersten Lichtung den Pfad und suchte mir einen Weg durch die zu dichten Gebüschen zusammengewachsenen Guiaven. Die Früchte waren gerade reif und wenn ich auch noch keinen Hunger verspürte, so lockte mich doch das saftige rote Fleisch der Frucht. Um sie unbeschädigt zu bekommen, stieg ich aus die niederen Bäume und pflückte die schönsten ab, die ich dann vorsichtig ins Gras gleiten ließ. Dabei passierte mir folgendes komische Mißgeschick:

Ich saß auf einem der strauchartigen Bäume, der sich etwas mehr als die andern aus dem buschigen Unterholze erhob und brach mir die größten und schönsten der überreifen Früchte ab. Um sie nicht in der Tasche zu zerdrücken, ließ ich sie, wie gesagt, vorsichtig am Stamme entlang, in das hohe Gras fallen, wo auch mein Rucksack lag. Der Baum war bald leer gepflückt. Ich stieg herab und bückte mich nach meiner Ausbeute. Aber soviel ich auch suchte, die Guiaven waren nicht da. Kopfschüttelnd nahm ich meinen Sack und suchte mir einen anderen Baum. Ich fand ihn in der Rahe. Auch diesmal ließ ich etwa zehn der schönsten Aepfel in das Gras gleiten, wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich auch diese nicht wiederfand?

Mein erster Gedanke war an einen räuberischen Indianer. Ich verwarf ihn jedoch sofort, denn was sollte diesen veranlassen, meine Früchte zu nehmen, wo ihm doch Hunderte in den Mund wuchsen. Spuren menschlicher Anwesenheit fand ich ebensowenig.

Ich versuchte es zum dritten Male. Diesmal wählte ich einen Baum ohne Unterholz, der mir den Blick nach unten frei ließ. Ich brach eine Guiave und ließ sie hinuntergleiten. Goldgelb leuchtete mir die Schale entgegen, als ich mich wieder nach oben reckte, um eine zweite zu pflücken. Eben beugte ich mich vor, um auch diese fallen zu lassen, da bemerkte ich, daß die erste verschwunden war.

»Daß dich der ... Diesmal kommst du mir nicht aus, du Satan du!« rief ich wütend.

Kaum kollerte die Frucht in das Gras, da erschien auch schon ein rauhborstiger, schwarzer Kopf, stürzte sich auf die Beute und verschwand ebenso rasch wieder im Unterholz.

Sekundenlang blickte ich überrascht auf die Stelle, wo die Erscheinung verschwunden war. Ich hatte, von der Sonne geblendet, nicht so schnell ausmachen können, welcher Art eigentlich der Räuber war. Jetzt rutschte ich aber schnell am Stamme hinunter und bog die Büsche auseinander. Ein drohender Laut ließ mich anstatt der Hände den Stock nehmen – da stand er denn vor mir, der Dieb. Ein sehr großes, aber bis auf die Knochen abgemagertes schwarzes Schwein!

Lachend gab ich die Ernte an dieser Stelle auf.

Nach kurzer Wanderung kam ich in einen Orangengarten. Auch diese Bäume hingen voll der schönsten Früchte in allen Stadien der Reife. Eingedenk der Warnung Struves bezwang ich meine Lust und spürte nach einem Pfade, der mich der Hütte des Eigentümers zuführen sollte. Ich suchte jedoch vergeblich. Ich arbeitete mich durch das fast meterhohe Unkraut nach allen vier Himmelsrichtungen – eine Hütte fand ich nicht. Endlich geriet ich in eine dichte Wand kräftiger Pisangpflanzen und als ich an dieser mit vielem Geräusch entlang strich, hörte ich plötzlich eine menschliche Stimme. Was man mir zurief, verstand ich natürlich nicht. Ich antwortete mit dem einzigen Worte aus meinem Sprachschatze, dem Gruß.

»Joranna!«

Es wurde etwas erstaunt erwidert. Darauf folgte ein Knacken und in der Umrahmung der großen Blätter erschien ein lieblicher Mädchenkopf. Die großen Augen blickten erstaunt auf den Weißen und die hervorgestoßenen Worte bedeuteten jedenfalls die Frage:

»Wo kommst denn du eigentlich her?«

Mit ein paar Gesten beantwortete ich die Anrede in diesem Sinne und ich mußte wohl das Richtige getroffen haben, denn nun schüttelte das Mädchen den Kopf und trat beiseite, um mir den unsichtbaren Pfad durch die Bananen frei zu geben. Im Vorübergehen lächelte ich ihr freundlich zu.

Auf der anderen Seite der grünen Wand stand die Hütte, deren einziger Raum ein paar Töpfe, eine Hängematte und in der Ecke ein mit ein paar Decken verhülltes Blätterlager aufwies. Steine vertraten die Stühle. Eine größere Kiste diente als Tisch, Schrank usw. Auf dem kleinen vor der Hütte aus Steinen aufgeführten Herde kochte irgendeine Speise, an der ich anscheinend Anteil nehmen sollte, denn die Maid hob den Deckel und sprach mit bedauernden Blicken ein paar Worte. – Um eine Unterhaltung anzubahnen, sprach ich das Mädel in französischer spräche an. Sie kannte nur wenige Worte. Ebenso erging es mit dem Englischen. Ich sprach nun, um etwas zu sagen, deutsch. Das begriff sie eher, weil sie in meinem Mienenspiel den Sinn erriet. Sie stand auf und führte mich durch den Orangenhain bis zu einem klaren Bache, an dessen rechter Seite ein Fußweg entlang führte. Zum Dank für die Freundlichkeit schenkte ich der jungen Dame ein Fünffrankenstück. Die Gabe schien ihr so groß, daß sie sie erst gar nicht nehmen wollte. Erst als ich ihr das Geld fest in die Hand preßte, wußte sie, daß der Reichtum ihr Eigentum war. Nun zögerte ich auch nicht, mir ein paar Orangen von den Bäumen zu brechen, was sichtlich den Beifall der Schönen fand. Mit einem freundlichen Joranna setzte ich meine Wanderung fort.

Der Bach führte kristallklares Wasser, in dem dunkle Fische mit großen roten Flecken eilig hin- und herschossen. Anfangs waren die beiden Ufer noch mit Fruchtgärten bestanden, in denen wohl die Hütten ebenso versteckt lagen, wie die vorbeschriebene. Gar bald aber wurde der Pflanzenwuchs seltener und nach kaum einer Viertelstunde befand ich mich inmitten eines Tales, dessen Wände sich, je höher ich stieg, mehr und mehr einander näherten, bis sie schließlich eine so enge Schlucht bildeten, daß das Sonnenlicht keinen Eingang mehr fand. Nichtsdestoweniger waren die Wände mit einer Ranke bedeckt, die sich mit seinen Widerhaken an dem glatten Felsen festhielt.

Während ich mir noch die Frage vorlegte, was ich eigentlich in dieser Sackgasse zu tun beabsichtigte, hörte ich, wie sich hinter mir ein Stein löste. Zurückblickend bemerkte ich drei Farbige, die jeder einen dicken Knüppel trugen und, als sie sich entdeckt sahen, eifrig auf dem steinigen Boden herumsuchten, und glauben machen wollten, daß sie dort irgendeine Beschäftigung ausübten. Das ganze Aeußere der Burschen ließ mich auf den ersten Blick erkennen, daß ich es mit den Müßiggängern zu tun hatte, die sich in allen französischen Kolonien unangenehm bemerkbar machen. Um sie möglichst schnell los zu werden, fragte ich sie in französischer spräche, was sie dort zu suchen hätten. Die Frage kam ihnen wohl überraschend. Einer aber besaß die Frechheit zu antworten, sie hätten gesehen, daß ich hier in diese gefährliche Gegend ginge und da wären sie mir gefolgt, um mir beizustehen, falls mir ein unangenehmes Abenteuer begegnete. Mit diesen Worten kam er näher, seine Kumpane folgten ihm.

»Halt!« rief ich und zog den Revolver. »Das unangenehme Abenteuer haben wir bereits. Es fragt sich nur, wer die Folgen zu tragen hat, Ihr drei oder ich! Kehrt so rasch als möglich um, sonst knallt's! Verstanden?«

Sie mochten wohl an meinem Gesichte sehen, daß es mir mit meiner Drohung ernst war, denn sie wichen sofort um zehn Schritt zurück. Da sie sich nun außer Treffweite wähnten, begannen sie mit den lästerlichsten Flüchen zu schimpfen, wobei sie die Drohung ausstießen, daß sie schon Mittel fänden, mir das heimzuzahlen. Ich stand im Begriff, auf den Nächststehenden abzudrücken, als mir noch einfiel, daß ich mich ja auf französischem Gebiete befand und daß ich es in den Strolchen mit Franzosen zu tun hatte, vor Gericht hätte ich als Deutscher also den kürzeren gezogen. Ich müßte mich auf andere weise aus der Schlinge ziehen.

Ich kehrte auf der Stelle um und folgte daher den Strolchen, ohne es zu wollen. Da sie meine Beweggründe nicht kennen konnten, das böse Gewissen ihnen aber wer weiß was eingab, so beschleunigten sie ihre Schritte, als sie sahen, daß ich ihnen mutig zu Leibe ging. Der Revolver ließ sie für ihr kostbares Leben bangen.

So kamen wir endlich an den Ausgang der Schlucht und in das dicht bewachsene Tal. Hier machten sie von der günstigen Gelegenheit Gebrauch und tauchten in die Fruchtgärten unter. Aber auch ich verließ den Pfad, überschritt den Bach und suchte mich durch die Baumbestände nach der Stadt durchzuschlagen. Solange ich in den Orangen- und Zitronen-Pflanzungen war, kam ich rasch vorwärts. Bald aber sah ich mich wieder in den Guiaven und nun mußte ich mir durch hohes Gras, dichtes Unterholz und Verwachsungen von zahlreichen Sträuchern einen Weg suchen. Zu allem Unheil kam nun auch noch eines jener Tropengewitter, die von gewaltigen Wolkenbrüchen begleitet zu sein pflegen. Sie ziehen mit Windeseile heran. Kaum, daß sie sich als Wolkenfetzen am Firmament angekündigt haben, verteilen sie sich mit rasender Schnelligkeit über den ganzen Horizont. Der Tag weicht nächtlicher Dunkelheit und dann blitzt und donnert es rings um den ganzen Horizont, als sei der jüngste Tag angebrochen. Der Regen wird von dem orkanartigen Sturm mit gewaltiger Kraft heruntergepeitscht und wehe dem Wanderer, der dann kein schützendes Dach über sich hat. In weniger als einer Minute ist er naß bis auf die Haut und der Sturm spielt mit ihm Fangball, da Menschenkraft nicht immer ausreicht, sich gegen den Anprall zu wehren.

Einer dieser zyklonartigen Wetterbrüche überraschte mich in jenem Dickicht. Sobald ich die Gefahr erkannt hatte, eilte ich zurück in den Orangenhain und wandte mich nach Süden, wo ich die Hütten vermutete. Meine Führerin hatte mich heute vormittag in nördlicher Richtung geleitet, also durfte ich hoffen, in entgegengesetztem Wege wieder in menschliche Ansiedlungen zu geraten. – schon bogen sich die Bäume unter dem Druck des Windes bis fast zum Boden. Laut prasselnd flogen die reifen Früchte zu Hunderten in das dürre Laub. Da entlud sich die Spitze der heraufziehenden Wetterwolke und sandte einen ersten Guß, der im Handumdrehen das trockene Erdreich mit einer Wasserschicht überzog und mich bis auf die Haut durchnäßte. – Diese kleine Sintflut hatte aber auch ihr Gutes, sie trieb das vagabundierende Geflügel zum häuslichen Stalle und gleich nach den ersten Tropfen zeigte mir ein flüchtender Hahn den Weg. Wenige Minuten später stand ich vor einer Hütte und bat dringend um Obdach. von innen wurde der Pflock gelöst und die Tür flog knarrend auf. Ich stand wieder vor derselben Indianerin, die mir wenige Stunden vorher bereits helfend beigesprungen war.

Die Freude des unerwarteten Wiedersehens war gegenseitig. Das Mädchen zog mich in die Hütte und begann mit bedauernder Miene und unter einem eifrigen Redeschwall mich des nassen Rockes und des Flanellhemdes zu entledigen, die sie neben dem Feuer ausbreitete. Da sie selbst den Oberkörper unbedeckt trug, machte ich keinerlei Schwierigkeiten. Dann aber suchte ich ihr begreiflich zu machen, daß ich eines ihrer Röcke bedürfe, da wir Europäer nicht gewöhnt seien, uns unbedeckt den Witterungseinflüssen auszusetzen. Da wir uns gegenseitig nur mangelhaft verständlich machen konnten – jedes sprach seine Sprache – so gerieten wir in ein Pantomimenspiel, daß der Komik nicht entbehrte. Bald lachten wir so, daß selbst die dröhnenden Donnerschläge kaum beachtet wurden.

Am Feuer, das nun im Innern brannte, stand wieder, oder immer noch, der Topf mit der undefinierbaren Flüssigkeit. Da mich infolge des reichlich genossenen Sturzbades und der ungewohnten Verhüllung fröstelte, entschloß ich mich, uns einen echt norddeutschen steifen Grog zu brauen. Aus meinem Sack brachte ich die blecherne Feldflasche zum Vorschein und ließ unter scherzhaften Pantomimen das Mädchen an der Oeffnung riechen, schaudernd wandte sie sich ab. Die Sorte »Feuerwasser« – es war echter Jamaika-Rum – war ihr unbekannt. Ich nahm einen gründlichen Schluck und holte dann meinen Trinkbecher hervor, den ich aus der Kalabasse in der Ecke mit Wasser füllte. Darin ließ ich ein Stück Zucker zergehen und goß nunmehr den Rum bedächtig darüber. Jede meiner Bewegungen hatte das Mädchen mit großer Spannung verfolgt. Als sie das Behagen sah, mit dem ich den etwas stark geratenen kalten Grog langsam schlürfte und sich das Aroma des Branntweins in der engen Hütte verbreitete, wurden die Augen meiner jungen Wirtin verlangender. Sie streckte die Hand nach der Flasche aus und sog langsam den Geruch der kräftigen Flüssigkeit ein. – Nun reichte ich ihr den Becher, vorsichtig nippte sie, trank einen kleinen Schluck, den sie prüfend über die Zunge gleiten ließ, und goß dann den ganzen Inhalt des Bechers in einem Zuge hinunter. Ich wollte ihr wehren, kam aber zu spät.

»Donnerwetter, Mädel, das kann gut werden. Das mache ich Dir nicht nach. Den Katzenjammer ...«

Sie begriff, daß sie etwas getan hatte, was sie nicht hätte sollen, und zog nun ein so zerknirschtes Gesicht, daß mein Unmut rasch verflogen war. Ich füllte den Becher wiederum mit Wasser und schob ihn in die heiße Asche, um das Wasser anzuwärmen. Unterdessen suchte ich nach meinen mitgenommenen Lebensmitteln und packte den vom ›Pelikan‹ stammenden Edamer Käse und ein Stück Weißbrot aus. Höflicherweise bot ich ihr beides an. Den Käse kannte sie nicht und wies ihn zurück, wofür ich ihr besonders dankbar war. Das Brot fand Beifall und war bald verzehrt.

Mittlerweile hatte auch das Wasser den erforderlichen Wärmegrad erreicht und ich ging nun an die Bereitung eines echten steifen Grogs, zu dem auch noch der Saft der frischen Zitronen kam. Diesmal brauchte ich nicht lang zu bitten. Der heiße Trunk mundete der Indianerin noch besser als der kalte. Nur bekam sie nicht mehr, als ich glaubte, ihr noch verabfolgen zu dürfen.

Draußen lagerte sich die Dunkelheit über die Obstgärten und noch immer regnete es in Strömen. An ein Aufbrechen konnte ich nicht denken, da ich allein den Weg schwerlich gefunden haben würde. Ich klammerte mich an die Hoffnung, daß der Mann oder wer sonst der männliche Beschützer der jungen Dame war, nun bald nach Hause kommen würde und daß dieser durch Geld und gute Worte bewegen werden könnte, mich bis zur Stadt zu begleiten.

Die Indianerin bemerkte meine nachdenkliche Miene und schloß sehr richtig, daß ich an den Heimweg dachte. Sie ergriff meinen Rock und zeigte mir, daß er noch nicht gebrauchsfähig war. Die Gesten und die wenigen französischen Worte luden mich zu längerem Verweilen ein, wobei vielleicht die Rumflasche die Triebfeder war. Ich packte sie daher in meinen Rucksack und bedeutete dem Mädchen, daß für heute Schluß mit dem Grog gemacht würde.

Nun wollte die braune Dame sich ihrerseits als Wirtin zeigen. Sie zog den Topf vom Feuer, holte ein paar Holzscheiben und zwei Gabeln hervor und fischte aus der Flüssigkeit ein paar Fleischstücke heraus, die sich, trotz meiner zoologischen Kenntnisse, in keine Tierklasse einzureihen wußte. Sie sahen übrigens appetitlich aus und um die so lieb gebotene Speise nicht zurückweisen zu müssen, beschloß ich sie zu essen. – Ich hatte in meinem langen Leben unter wilden Völkern so manches Unbekannte essen müssen, daß ich auch hier keine langen Umstände machte. Das Fleisch war etwas zähe, obwohl es sehr lange gekocht hatte, und schmeckte wie Hühnerbrust, allerdings mit einem tranigen Beigeschmack. Auch war es sehr fett. Meine Frage nach der Herkunft des Tieres verstand die Indianerin nicht. Sie aß übrigens nicht viel und nötigte auch mich nicht, ein zweites Mal zu nehmen. Den Topf hing sie unter die Decke, die zugleich das Dach bildete und streifte dann mit wehmütigem Blick meinen Rucksack.

»Du hast recht, Kind. Auf den fetten Schmaus gehört ein Schnaps,« rief ich und brachte die Flasche zum Vorschein. In demselben Augenblick rückte das Mädel auch schon den gefüllten Becher zum Feuer und klatschte vor Vergnügen in die Hände. – Es half nichts, ich mußte ihr den Gefallen tun und noch einen Grog brauen.

Das Feuer brannte herunter. Trockenes Holz war nicht mehr in der Hütte und da auch nichts vorhanden war, womit man den Raum hätte beleuchten können, so saßen wir nach einer Weile im Dunklen, tranken Grog und starrten in die verglimmenden Kohlen. Die Müdigkeit, unterstützt durch die Finsternis, machte sich geltend. Der Mann kam immer noch nicht. Ich nahm mir endlich die Hängematte, hing sie in die dazu bestimmten Haken und warf mich hinein.

Heller Sonnenschein weckte mich. Mit einem Satze stand ich in der offenen Türe. Das Mädchen war bereits aufgestanden und kam eben mit einem Korbe frischer Orangen und Bananen aus dem Obstgarten zurück. Auch auf ihren Zügen lag sonnige Freude. Keine Spur des gefürchteten Katzenjammers. Ich verzehrte mehrere der mir gebotenen Früchte und sah mich dann nach Wasser um. Das allmorgendliche Bad wollte ich auch hier nicht entbehren. Ich hoffte sogar in dem nahen Bache Gelegenheit zu finden nach den vielen Bädern im Meerwasser, mich einmal gründlich in frischem Wasser erquicken zu können. – Das Mädchen verstand meine Frage. Sie führte mich durch die unvermeidlichen Guiaven in einen Garten, in dem riesige Mangobäume ein schattiges Dach über einem Teiche bildeten. Das Wasser war trotz des niedergegangenen schweren Regens schon wieder kristallklar. Es wurde von einer auf dem Grunde aufwirbelnden Quelle erneuert und besaß eine Temperatur, die mir Zähneklappern verursachte. Der Weiher war übrigens der Badeplatz für die ganze Einwohnerschaft der umliegenden Hütten, denn während ich noch im Wasser war, kamen einige Weiber, die sich ohne viel Rücksichtnahme von einem Aste aus in den Teich warfen und lustig darin herumplätscherten. Von mir nahmen sie erst Notiz, als meine Wirtin mich als ihren Gast vorstellte. Jetzt wurde ich auch die Zielscheibe ihrer Ausgelassenheit, so daß ich mich beeilte, nach der Hütte und zu meinen Kleidern zu gelangen.

Das Mädchen erbot sich, mich bis zu den ersten Häusern der Stadt zu begleiten. Da ich weder einen Mann gesehen, noch die Spuren irgendeines Gewerbes entdeckt hatte, wußte ich nicht, ob ich eine reiche Frau vor mir hatte, oder ob ich dem Mädchen eine Bezahlung der genossenen Gastfreundschaft nach den ortsüblichen Preisen anbieten mußte. Den Fünffrankentaler, den ich ihr gestern geschenkt, hatte sie in ihrer Hütte hinter zwei Bambusstäben in der Art eines Wandschmuckes eingeklemmt. Daraus wollte ich den Schluß ziehen, daß sie Geld nicht dringend nötig hatte. Um aus dem Zwiespalt herauszukommen, fragte ich sie, teils deutsch, teils pantomimisch, ob ich ihr Ohrringe, Fingerringe oder anderen Schmuck besorgen solle. Derartiges lieben ja alle Naturvölker, sie blieb aber bei der Erwähnung der Dinge ziemlich kalt. Nun zog ich ein Zwanzigfrankenstück hervor und bot es ihr. Vorsichtig, als sei es zerbrechlich, nahm sie es zur Hand, betrachtete es genau und reichte es mir zurück. Mit einem amerikanischen Zehndollarstück erzielte ich auch keine größere Wirkung. Da ich schon die ersten Häuser durch die Räume schimmern sah, mußte ich mich beeilen. Ich nahm einige Fünffrankentaler und drückte sie ihr zum Abschied in die Hand, sie behielt nur einen und gab mir die andern zurück. Dahingegen griff sie nach meiner Uhrkette, ließ sie durch die Finger gleiten und sprang mit kurzem Gruße davon. Nun wußte ich, wie ich meine Schuld abtragen konnte. Ich kaufte ihr eine Halskette und überbrachte ihr, in Begleitung von Tuten Struve, noch an demselben Nachmittag das Geschenk. Ihre Hütte war leicht zu erfragen, da ich beim Bade gehört hatte, das man das Mädchen Tahiwa gerufen hatte. Nun erfuhr ich auch, daß das junge Weib allein in der Hütte wohnte. Ihr Mann war vor Jahresfrist beim Fischen ertrunken, und solange sie nicht selbst durch gewisse Bräuche kundtat, daß sie eine neue Ehe eingehen wollte, näherte sich ihr kein Mann. Da das Mädchen aus den besseren Eingeborenenkreisen stammte, hielt sie den alten Brauch der Gastfreundschaft noch heilig und nie würde sie eine Bezahlung für ihre Dienste angenommen haben. Die Geschenke erfreuten sie über alle Maßen, und ich fand später noch öfter Gelegenheit, ihr in Begleitung meiner Freunde Besuche zu machen. Die Verhandlungen vor dem Seegericht zogen sich in die Länge. Auf mein Zeugnis hatte man verzichtet, da die eigene Mannschaft so belastend gegen den Kapitän aussagte, daß dieser vorzog, sein Kommando freiwillig niederzulegen. Der Erste Offizier brachte den ›Washington‹, nachdem er fünf Tage in Papeete gelegen hatte, nach Neuseeland.

Die Inseln, so lieblich sie sich auch vom Meere aus dem Auge darbieten, konnten mich nicht fesseln. Sie waren zu sehr zivilisiert und noch dazu von einem Volke, in dessen Gefolgschaft sich die Sittenlosigkeit besonders breit macht. Auch Fauna und Flora boten mir nichts von Belang und so fing ich bald an, mich herzlich zu langweilen. Hätte nicht Struve mit seinem trockenen Humor die Stimmung zu heben gewußt, so wäre ich mit einem vorübergehend eingelaufenen Schoner nach den Cook's-Inseln gegangen. Kapitän Kröger machte mir einen Vorschlag:

»Wenn sie nicht an eine bestimmte Zeit gebunden sind, dann kommen sie doch mit mir nach Sydney, von dort finden sie leicht Gelegenheit nach Neuseeland. Fast jeden Tag geht ein Dampfer nach Auckland.«

»Hm, das Angebot will überlegt sein. Ich gehe zwar mit dem Gedanken um, eine der Cook's-Inseln zu besuchen, weil ich dort noch Eingeborene zu finden hoffe, die ihre Ursprünglichkeit bewahrt haben...«

»Dann sagen sie nur ja,« fiel Struve ein. »Denn auf den Cook's-Inseln erleben sie dieselbe Enttäuschung wie hier, da die Engländer sich in Rudeln dort niedergelassen haben...«

»Und dann fährt auch unser ›Pelikan‹ dorthin,« ergänzte Wichhorst. »Wir bekommen in Aitutaki etwa hundert Fässer Palmöl, die man als ersten Versuch dort gewonnen hat. sie haben demnach reichlich Zeit, sich davon zu überzeugen, daß die schönen Südsee-Inseln, wenigstens soweit sie Engländern und Franzosen gehören, der Vergangenheit angehören.«

»Das würde ich auf das tiefste bedauern,« erwiderte ich, »denn gerade das Leben und Treiben der Eingeborenen verlieh den Inseln ihren bezaubernden Reiz. Nimmt sich erst die Kultur ihrer an, dann sind die armen Völker verloren. Hier auf Tahiti haben Sie den Beweis dafür. Die einstige edle Rasse geht in der Vermischung mit den Franzosen unter.«

Der Abschied von Luten Struve fiel mir sehr schwer. Galt es doch eine Trennung für immer. Im allgemeinen hatte ich ja in meinem langen Forscherleben gelernt, rasch gewonnene Bekannte auch plötzlich wieder zu verlassen. Nur wenige Freunde ließen mich einen wirklichen, tiefergehenden Trennungsschmerz empfinden, und merkwürdigerweise waren es immer mir an Jahren überlegene Seefahrer. Und so wie ich sie, hatten auch sie mich ins Herz geschlossen. Auch Struve begleitete den ›Pelikan‹, der mich von seiner Insel entführte, bis weit außerhalb der Riffe. Immer und immer wieder winkte er mir ein Lebewohl zu. Erst als uns hinter der Insel Eimeo die frische Brise schäumend durchs Wasser jagte, blieb er mit seiner Segeljacht zurück.


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