Ferdinand Emmerich
Streifzüge durch Celebes
Ferdinand Emmerich

 << zurück weiter >> 

Sechstes Kapitel.

Der späte Nachmittag fand uns hoch oben im Gebirge. Nach einem Gewaltmarsch war es uns gelungen, den menschenleeren Hochwald zu durchschreiten und in die bergige Region einzudringen. Hier oben hemmte kein Wald den freien Blick über die breite Bucht. Fern im Osten stieß ein rauchender Kegel seine Glutwolke in den weißen Äther; vor uns, südlich, zeichneten blaue Linien das jenseitige Ufer der Bucht in den Horizont. Kein Segel belebte das azurblaue Meer. Wandte man aber den Blick nach Norden oder Westen, dann ruhte das Auge bange auf gigantischen Felsenwänden. Es irrte suchend durch die drohenden Zacken und die scharfen Rücken, die nie eines Menschen Fuß betreten hatte, und in aller Augen las man die stumme, zweifelnde Frage: Wird es gelingen?

Im Schutze einer Nadelholzgruppe schlugen wir das Zelt auf. Hier brauchten wir nichts mehr zu fürchten. Kein Alfure würde sich in diese Steinwüste wagen. Die Nächte mußten kalt sein und die nackten Wilden fürchteten sich vor den Einwirkungen der nächtlichen Kühle.

»Düwell und Gyßler werden uns jetzt mit Fleisch versorgen, während Liebert Wasser und ich Brennholz suchen. Wir können ruhig unsere Büchsen knallen lassen, denn hier sind wir allein auf der Welt!« rief ich aus.

In demselben Augenblicke wurde ich Lügen gestraft. Der scharfe Knall eines Pistolenschusses drang aus der Höhe zu uns und ließ uns zusammenfahren. Gleich darauf folgte ein zweiter Schuß und ein menschlicher Ruf zitterte klagend durch die Wände.

»Noch ein Versprengter!« schrie Liebert, indem er geschmeidig wie ein Wiesel auf den nächsten Baum stieg und aufmerksam die Felspartien absuchte.

»Wenn der Mensch doch noch einmal schießen wollte, dann fände ich vielleicht die Stelle, wo er sich aufhält. So kann ich ihn unmöglich entdecken.«

»Vielleicht hat er keine Munition mehr,« meinte Gyßler.

»Oder er liegt verwundet und halb verschmachtet irgendwo im Gestein und betet um Rettung,« sprach Düwell.

»Wartet, ich frage einmal an, ob er uns gesehen hat!«

Donnernd rollte der Schall der beiden Schüsse durch das Gebirge. Es brach sich an den flachen Wänden und kroch durch die Spalten hinauf in die höchsten Zacken. Scheu floh ein Hirsch in mächtigen Sätzen dem schützenden Walde zu, aber es erfolgte keine Antwort mehr von dem unsichtbaren Menschen.

»Heute können wir nichts mehr unternehmen, Kameraden,« sagte ich. »Wir brauchen selbst Nahrung und es wird Zeit, daß wir uns danach umsehen. In einer Stunde ist es finstere Nacht.«

Die beiden Jäger schleppten einen feisten Hirsch zum Feuer. Der nagende Hunger und das seit vielen Tagen entbehrte frische Fleisch nahmen uns dann so in Anspruch, daß wir jeden Sinn für unsere Umgebung verloren hatten. Wir überhörten sogar einen lauten Ruf. Um so überraschter waren wir daher, als plötzlich aus nächster Nähe ein – deutscher Anruf an unser Ohr drang.

»Darf ich mithalten, Kameraden?« fragte eine Stimme aus dem Schatten der nächsten Felsen heraus.

»Selbstverständlich, Mann! Nur heran, Freund, wer Ihr auch seid. Speise ist genug vorhanden,« rief ich und gleich darauf trat ein Mensch an das Feuer, dessen Körper von Wunden bedeckt war. Er konnte sich kaum auf den Füßen halten und brach neben unserm Zelt erschöpft zusammen. Heiße Tränen liefen ihm über die bleichen Backen und konvulsivisches Zucken warf seinen Leib hin und her. –

Natürlich sprangen wir alle auf, um dem armen Kerl zu Hilfe zu eilen. Jeder nahm irgend etwas zur Hand, was er für nützlich hielt. Ich entnahm dem Rucksacke die Kognakflasche, die ich wie einen kostbaren Schatz hütete, und bat ihn zu trinken. Als er den Kopf hob und der volle Schein des Feuers über das Antlitz des Fremden zitterte, rief Gyßler erfreut aus:

»Becker – du! Gott sei Dank, daß du ebenfalls gerettet bist!«

Langsam schüttelte der Mann den Kopf:

»Wollte Gott, du hättest recht! Gerettet! Nennst du das Rettung, wenn du auf einer Insel sitzest und bist dem Hungertode ausgeliefert? Seit fünf Tagen irre ich durch den Wald, gehetzt von den blutgierigen Wilden und von bösartigen Tieren. Meine Nahrung bestand aus Früchten. Selbst diese mußte ich mir nachts holen, während ich die Tage in der Gluthitze des Dornenwalles verbrachte. Von Moskitos aufgefressen, Dornen im blutenden Leibe, halb geröstet von der sengenden Sonne harrte ich mit knurrendem Magen und verdorrter Kehle auf den kommenden Abend, auf die Schatten der Nacht, die meine Verfolger in ihre Hütten zurücktrieben.

Vorgestern Abend fand ich in einer Höhlung an einem Bache, nachdem ich eben einige Durianen verspeist, einen geladenen Revolver. Weiß der Himmel, wer ihn dort verlor. Er trägt unsern Kompagniestempel...«

»Und gehört mir,« unterbrach Gyßler. »Aber nur weiter!«

»Ich hatte ihn gerade zu mir gesteckt, als ein Geräusch in den Büschen mich in die Flucht trieb – in die Höhe. Ich wäre um keinen Preis mehr in den schützenden, höllischen Dornenbusch zurückgekehrt, am allerwenigsten jetzt, wo ich eine Waffe mit sechs Kugeln mein eigen nannte.

Der Hunger trieb mich, ein Schwein zu schießen. Ich befand mich oberhalb der Bucht, in der wir landeten. Unten auf dem Meere leuchteten zahlreiche Fackeln der Eingeborenen, die wohl fischten. Zu diesen muß wohl der Schall des Schusses hinuntergedrungen sein, denn sie stoben plötzlich nach allen Seiten auseinander... ich aber verzehrte mein Schwein roh! Trotz des Ekels würgte ich Bissen auf Bissen hinunter, bis mein Hunger gestillt war. Der Rest des Tieres, halb verwest, diente mir heute zur Nahrung. Schon faßte ich den Entschluß, meinem Leben ein Ende zu machen, da ich an jeder Möglichkeit des Entkommens verzweifelte, da erblickte ich zufällig das Zelt – Menschen – bekleidete Menschen... Da bin ich!«

Wortlos lauschten wir der Schilderung des Unglücklichen, der wieder in sich zusammensank und bitterlich weinte.

Ich winkte den Kameraden, ihn nicht zu stören. Die furchtbar überreizten Nerven mußten sich erst beruhigen. Je weniger wir die lindernde Tränenflut hinderten, desto eher wurde der Mann dem Leben zurückgegeben. Er fiel auch bald in einen tiefen Schlummer, den keiner von uns zu stören wagte, obwohl wir dadurch auf unsere wärmenden Decken verzichten mußten. Wir hatten den Kameraden bei seinem Erscheinen in die weichen Hüllen gebettet und sahen jetzt keine Möglichkeit, sie unter seinem Körper fortzuziehen, ohne ihn zu wecken. Und hierzu verstand sich keiner – lieber frieren.

Die Nacht war ziemlich frisch und nur das ununterbrochen in heller Glut erhaltene Feuer machte den Aufenthalt erträglich. Wir glaubten uns vor einer Verfolgung durch Alfuren geschützt. Es störte auch niemand unsere Nachtruhe. Nur wagte sich einige Male ein großer Vierfüßler bis dicht an unser Lager. Leider konnte ich nicht herausbringen, was es war. Es hatte die Größe eines starken Hundes und rotfunkelnde Lichter.

Unser neuer Gefährte schlief bis tief in den Tag hinein. Er war noch nicht erwacht, als ich mit Liebert und Gyßler von einem Erkundungsmarsche in östlicher Richtung zurückkehrte. Auf diesem Ausflug stellten wir fest, daß sich das Gebirge nach Norden zu in zwei fast parallel zu einander verlaufende Höhenzüge spaltete, von denen der eine, östliche, bis in die höchsten Erhebungen hinauf mit Wald bestanden war. Diesem beschlossen wir uns zuzuwenden.

In unserm Gepäck fanden wir eine kleine Karte von Celebes, die den Kolonialoffizieren mitgegeben wird. Auf dieser fand sich keine nähere Angabe über die Gebirgszüge im Innern der Insel. Das war auch nicht verwunderlich, da sich bis dahin noch keine offizielle Persönlichkeit mit der Erforschung befaßt hatte. Immerhin ließen die Aufzeichnungen der Karte erkennen, daß wir bei nur geringer Abweichung von unserer jetzigen Längenmessung (wir hatten sie an Bord des Dampfers erfahren) etwa in der Mitte zwischen dem Posten Budji und dem Cap Coffin die Nordküste erreichen würden. Diesen Teil der Küste kannten Düwell, Gyßler und Becker, die dort bereits Dienst getan hatten. Leider wichen ihre Angaben über die Bewohner des zwischen der Küste und dem Gebirge liegenden Landes voneinander ab.

Diese Informationen, so ungenau sie anmuteten, genügten mir, um den Marsch über den bewaldeten Höhenzug anzutreten. Inwieweit wir uns dabei der Talsenkung bedienen konnten, mußte der Zukunft vorbehalten bleiben.

Becker fühlte sich nach der ruhigen Nacht und der reichlichen Mahlzeit zu kurzen Fußmärschen imstande. Seine Wunden hielt ich, bis auf zwei stark eiternde Risse, für ungefährlich. Nach einem gründlichen Bade und entsprechender Behandlung hoffte ich, den Mann selbst auf größeren Märschen mitnehmen zu können. Im übrigen ist ja der Zwang die beste Triebfeder. Hierbleiben konnte er nicht, also mußte er mit uns gehen, ob mit oder ohne Schmerzen.

Der nun beginnende Gebirgsmarsch brachte uns in seiner ganzen langen Dauer eine Kette von Überraschungen. Daß wir die Strapazen überhaupt aushielten, verdanken wir nur der gesunden und gestählten Konstitution unserer Körper, sowie der richtigen Einteilung der Ruhepausen in die Arbeitsleistung. Nicht zum wenigsten auch der absoluten Unterordnung der Begleiter unter den Willen des Einen, sobald dieser als ausführbar erkannt worden war.

Nach einer Neuverteilung des Gepäcks begannen wir um zwei Uhr nachmittags den Anstieg in den felsigen Teil des Bergrückens, der uns von der erwähnten Talsenkung trennte. Becker hatte heute noch nichts zu tragen. Ihm sowohl wie jedem von uns war aber eine Traglast zugedacht, die nach Tunlichkeit die gleichen Gegenstände enthielt. Jeder mußte in der Lage sein, sich auch allein fortzubringen, wenn er von den übrigen getrennt werden sollte. Die notwendigsten Dinge – außer den Verteidigungsmitteln – sollten besonders gehütet werden. Dazu gehörten Streichhölzer, die ich bei Tage meist durch Brenngläser ersetzte. Feuer hielt ich für wichtiger als Nahrungsmittel. Dieser Ansicht gaben später die Umstände recht.

Von der Höhe des Bergrückens aus bot sich noch einmal eine wunderbare Fernsicht über die ganze Tomini-Bucht. Während wir uns das herrliche Panorama betrachteten, vernahmen wir vom Strande her eine Anzahl dumpfer Schläge, die von den Soldaten als Schüsse gedeutet wurden. Fast hätten uns diese veranlaßt, wieder in das untere Land hinabzusteigen. Da aber nirgendwo eine Spur eines Schiffes zu bemerken war, äußerte ich meine Meinung dahin, daß der Belgier mit seinem Freunde in Händel mit den Eingeborenen verwickelt worden sei, deren Resultat wir soeben gehört hätten. – So wird es auch wohl gewesen sein, denn beide wurden seitdem in den Listen der Armee als verschollen aufgeführt. – Übrigens erging es uns auch nicht besser. In den Büchern der Forschungsliteratur von 1886 bis 1887 wird man auch mich mit dem Vermerk: »Im Innern von Celebes verschollen« finden.

So arm die Südseite des Höhenzuges an Wild ist, so ergiebig gestaltete sich die Jagd auf der mit saftigem Gras bestandenen nördlichen Seite des Gebirges. Hier kam Liebert auf einen starken Schafbock zum Schuß. Das Tier trug ein paar sehr große, gebogene Hörner und ließ den Schützen so dicht an sich herankommen, daß ich ihm zurief, die Kugel zu sparen und dem Bock mit dem Beile zu Leibe zu gehen. Die menschliche Stimme hatte aber den Bock erschreckt. Er setzte mit einem starken Pfiff zum Sprunge über eine Kluft an und brach im Feuer zusammen, ehe er den andern Rand erreichte. Liebert rannte im Jagdeifer hinter ihm her. Auf dem Geröll glitt er aber aus und rutschte, lang auf dem Rücken liegend, seiner Beute in die Schlucht nach.

Noch lachten wir herzlich über das Komische der Situation, als plötzlich laute Hilferufe zu uns herauftönten. Wir eilten an den Rand der Kluft und erblickten nun ein Bild, das unsere Lachmuskeln noch mehr reizte. Unten lag Liebert auf den Knien und hielt den Kopf des Schafbockes krampfhaft in beiden Armen, während das Tier mit den Läufen wild um sich schlug und sich alle Mühe gab, seinen Widersacher mit den Zähnen zu erreichen. Es spuckte und fletschte die Zähne und entwickelte eine Kraft, die derjenigen des bärenstarken Liebert ebenbürtig war. Je mehr nun der Jäger schrie, desto wilder schlug der Bock um sich und versuchte mit aller Gewalt, sich aus der Umklammerung zu befreien.

Als sich die erste Lachlust etwas besänftigt hatte, riefen wir dem Kameraden zu, er solle das Tier loslassen. Wir würden es schießen, sobald wir nicht mehr fürchten müßten, auch ihn zu treffen. Er befolgte diesen Rat. Kaum fühlte aber der Bock sich frei, als er nicht, wie wir erwartet, davonlief, sondern anfing den armen Liebert mit den Zähnen, den Hörnern und den Füßen so zu bearbeiten, daß diesem Hören und Sehen verging. Wir mußten zu ihm hinuntersteigen und das wütende Tier durch Beilhiebe töten. Der arme Jäger trug noch tagelang blaue Flecken zur Erinnerung an diese Jagd.

In weiten Schleifenlinien stiegen wir nun auf die Talsohle hinunter. Der Blutgeruch des ausgeweideten Tieres rief eine große Anzahl gewaltiger Raubvögel in unsere Nähe. Manche dieser geierähnlichen Vögel trieben die Dreistigkeit so weit, daß sie versuchten, sich auf das Wild zu setzen, während zwei von uns es auf einer Stange zwischen sich trugen. Diese Furchtlosigkeit bewies uns, daß der Mensch in dieser Höhe keine Wohnstätte aufgeschlagen hatte.

Es war ein ödes, steiniges Land, welches wir durchwanderten. Weißgebleichte Flächen verdorrenden Grases wechselten ab mit geröllbesäeten Steppen. Kein Baum, kein Strauch unterbrach das Einerlei der Gegend. Zu unserer Rechten stiegen glatte Felswände himmelwärts. In der Ferne quirlten Rauchwolken um den Gipfel eines Vulkanes. Drückendschwül lag eine kochende Sonne über dem ausgestorbenen Tale.

Becker wankte nur noch. Ich bemerkte schon seit längerer Zeit, daß er am liebsten auf den nächsten Stein niedergesunken wäre, aber ich durfte ihm nicht nachgeben. Wenn er hier oben in der kühl zu nennenden Luft nicht seine ganze Willenskraft daransetzte, die Strapazen zu überwinden, was sollte das erst werden, wenn wir in die tiefere Gegend kamen? Um fünf Uhr abends, eine Stunde vor Sonnenuntergang, fanden wir eine stark fließende Quelle, deren Wasser sich unweit davon in einem Becken sammelte. Hier im Schutze steiler Berglehnen schlugen wir das Zelt auf.

Becker warf sich sofort auf den nackten Boden. Fünf Minuten später schlief er fest, aber sehr unruhig. Sein Kopf brannte wie Feuer und wild jagte das Blut durch seine Adern. Ich rief Gyßler heran und fragte ihn aus:

»Ja, mein Kamerad hat die Malaria gehabt,« antwortete er. »Wir alle haben uns gewundert, daß man ihn mit zur Landung sandte, denn er gehörte noch zu der Abteilung der Erholungsbedürftigen. Der Oberst konnte aber die Deutschen nicht leiden. Wo er sie loswerden konnte, dahin sandte er sie. Und zu allem Überfluß wurden jeder Abteilung, in denen Deutsche in überwiegender Zahl waren, die Landsleute des Obersten als Führer beigegeben. Unser Leutnant und unser Unteroffizier waren Belgier. Den letzteren lernten Sie ja kennen. Der Leutnant aber übertraf den Unteroffizier noch an Brutalität und an Gesinnungsroheit. Nun, man soll den Toten nichts Übles nachreden, aber das Schicksal, das jene beiden ereilte, haben sie hundertfach verdient.«

»Hm, das ist ja eine nette Bescherung,« erwiderte ich. »Wenn der arme Mensch einen Rückfall bekommen sollte, dann weiß ich nicht, wie wir ihn bis an die Küste bringen wollen – vorausgesetzt, daß wir selbst sie erreichen. Aber das wird uns die Zukunft lehren. Verlassen werden wir den armen Becker auf keinen Fall.«

Bevor wir uns zur Ruhe begaben, verabreichte ich dem Kranken eine größere Gabe Chinin und veranlaßte Gyßler, sich mit mir in die Nachtwache bei dem Kranken zu teilen. Gegen Überraschungen glaubten wir hier oben sicher zu sein, da wir auch nicht die leisesten Anzeichen menschlicher Ansiedelungen entdeckt hatten. Und doch waren wir nicht allein in der steinreichen Einöde.

Mitternacht war vorüber. Um dem Kranken die kühlenden Umschläge zu erneuern, begab ich mich zu der nahen Quelle. Beim Hinaustreten aus dem Zelte bannte mich der Anblick des prachtvollen Sternenhimmels einen Augenblick an die Stelle. Eine helle Sternschuppe löste sich aus dem Zenith und beschrieb ihre feurige Bahn in einem großen Bogen über den ganzen nördlichen Horizont. Wie ich ihr so mit den Augen folgte, haftete mein Blick auf einer Unregelmäßigkeit in den Umrissen eines größeren Blockes, der vor Urzeiten von einer Vergletscherung zurückgeblieben sein mochte. Ich sah gewohnheitsmäßig schärfer dorthin. Bald schien es mir, als ob sich auf dem Steine etwas bewege. Die Konturen formten sich unter meinem Blicke zu einer menschlichen Gestalt...

Ich wollte Alarm geben. Eben setzte ich den Fuß in das Zelt zurück, als ein Speer haarscharf an meinem Kopfe vorbei fuhr und sich klirrend tief in das trockene Erdreich bohrte.

»Auf Kameraden,« schrie ich, »die Alfuren sind da!«

Hätte der Blitz unter uns eingeschlagen, er würde kaum die Wirkung hervorgebracht haben, die dieser Alarmruf auf meine Begleiter ausübte. Alles griff zu den Waffen. Selbst Becker wollte sich erheben.

»Nein, nein. Becker bleibt liegen. Gyßler bleibt bei ihm! Kommt ihr andern, den Mörder müssen wir haben!«

Von drei Seiten umfaßten wir den Felsblock, der soeben noch den Wilden in seinem Schutze gesehen hatte und liefen in großen Sätzen dem Teiche zu, dessen steinige Ufer die einzige Möglichkeit eines Versteckes boten. Wohlweislich hielten wir uns außer Reichweite der Speere. Wir konnten in der klaren Nacht die Mulde weithin übersehen und würden einen Fliehenden entdeckt haben, falls er nach dem Angriff sein Heil in der Flucht gesucht haben sollte.

Beim ersten Rundgang fanden wir trotz genauesten Suchens keine Spur eines menschlichen Wesens. Auch der Wasserspiegel lag glatt und unbeweglich. Die Sterne spiegelten sich ruhig und unverzerrt auf der schwarzen Fläche.

»Der Kerl kann nur unter dem Uferrande versteckt liegen,« sagte Liebert. »Wartet, ich krieche einmal hinüber. Paßt aber gut auf, und sobald er sich erhebt, um die Lanze zu schleudern – drauf!«

Mit schlagenden Pulsen verfolgten wir das Unternehmen Lieberts. Er hatte etwa fünfzig Meter auf dem Bauche rutschend zurückzulegen, und mit jedem Schritte wuchs die Gefahr für den kühnen Mann. Um ihn vor einem Überfall zu decken, begleiteten Düwell und ich, jeder an einer andern Stelle, mit angelegtem Gewehre die fortschreitende Bewegung des Gefährten...

Da, kurz vor dem Uferrand, bemerkte ich eine dunkle Masse, die sich zwar den Formen der Steine anzupassen versuchte, aber doch nicht unbeweglich genug war, um ein suchendes Auge zu täuschen.

»Achtung, Liebert! Vier Schritt rechts liegt der Wilde!« rief ich aus. Da schnellte dieser in die Höhe, schleuderte einen schweren Stein auf seinen, auf dem Boden liegenden Verfolger und stürzte sich mit einem Satze in den Teich.

Das alles war so blitzschnell vor sich gegangen, daß wir gar nicht Zeit zum Zielen fanden. Jetzt aber war uns der Wilde sicher. Aus dem Wasser gab es für ihn kein Entrinnen mehr.

»Düwell – nieder! Wenn er den Kopf zeigt – Feuer!« schrie ich dem Gefährten zu. Dann sprang ich zu Liebert, den ich stöhnend auf dem Grase fand.

»Sind sie verwundet?« fragte ich bestürzt, indem ich den Kameraden aufrichtete.

»Ich weiß es nicht. Getroffen hat mich der Hund, denn ich spüre starke Schmerzen im Rücken. Aber wart' Kerl, das zahle ich dir heim!«

Das Wort war kaum seinen Lippen entschlüpft, da schnellte Liebert den Oberkörper empor. Donnernd krachte der Schuß über den Wasserspiegel.

»Hurra, den haben wir!« schrie er und wollte aufspringen. Aber mit einem Schmerzenslaut sank er wieder in sich zusammen und griff sich ins Kreuz.

»Ai, ai!« jammerte er. »Das tut weh! Gerade an der Stelle hat mich der Bock schon so vermöbelt, und nun noch der...«

»Sie haben doch nichts gebrochen?« fragte ich bestürzt, ihm die Hand reichend.

»Hoffentlich nicht! Aber bitte, sehen Sie nach, ob ich das Braunfell getroffen habe. Düwell sucht an einer verkehrten Stelle.«

Düwell hatte sich auf meinen Ruf hin zur Erde geworfen und gewann dadurch einen bessern Überblick über den Wasserspiegel. Gleichzeitig mit Liebert bemerkte er das Auftauchen des Wilden und beobachtete auch die Wirkung der Rehposten aus des Gefährten Gewehr. Als er nun zu der Stelle hinlaufen wollte, wo er den Getroffenen vermutete, bemerkte er am andern Ende des Teiches eine zweite dunkle Gestalt. Diese strebte hastig dem Ufer zu und suchte sich der Verfolgung durch die Flucht zu entziehen. Auf diese Art der Kriegführung waren aber die Soldaten besonders gedrillt. Ehe der Schwarze die schützenden Steine erreichte, traf ihn Düwells Kugel und warf ihn zurück in die Flut.

Bei dem Schusse erhob sich Liebert:

»Wie? Sollte ich den Wilden gefehlt haben?« fragte er.

Ich rief Düwell die Frage zu.

»Nein, nein! Aber es sind zwei Alfuren hier – oder richtiger hier gewesen, denn beide liegen tot im Teiche. Es fragt sich nur, ob noch mehrere der Sorte hier herumstreifen.«

»Das wäre freilich fatal! Doch kommen Sie hier herüber, Düwell, damit wir Liebert ins Zelt tragen, er kann nicht allein aufstehen.«

»Was? Ist Liebert verwundet? Ich komme sofort.«

Mitten im Laufe sah ich den Gefährten plötzlich stutzen. Ein leichter Schrei zitterte durch die Nacht, dann fiel er, wie gefällt, zu Boden.

»Was ist denn da los?« rief ich, griff das entfallene Gewehr auf und sprang in großen Sätzen der Stelle zu, wo Düwell zu Boden gestürzt war.

Ich kam gerade zur rechten Zeit. Ein Wilder lag im Ringkampfe mit Düwell und hatte sich eben aus der Umklammerung meines Kameraden frei gemacht. Der nächste Augenblick hätte dessen Schicksal besiegelt. Mit einem wuchtigen Kolbenschlage befreite ich Düwell aus seiner gefährlichen Lage, und nun war der Wilde dem Tode verfallen. Ich versuchte allerdings ihn zu retten, indem ich Düwell vorschlug, den Alfuren zum Führer zu pressen, doch sah ich ein, daß die Soldaten andere Maßregeln anwenden mußten.

Mehr als drei Alfuren schienen nicht in dem Tale anwesend zu sein. Wie sie in diese Höhen gelangten, ob sie zu dem bestraften Küstenstamme gehörten, konnten wir nicht feststellen. Wir zogen aber aus dem Vorfall die Lehre, von nun an vorsichtiger zu sein.

Lieberts Wunde erwies sich als eine schmerzhafte Quetschung, die ihn am raschen Gehen hinderte. Becker war ohne Fieber, wie das bei Malaria vorzukommen pflegt. Temperaturschwankungen von 41° auf 36° sind bei dieser tückischen Krankheit häufig.

So angenehm die Umgebung als Lagerplatz war, so unheimlich schien sie uns nach dem Vorgefallenen. Die beiden Kranken drängten energisch auf die Verlegung unserer Raststätte nach einem Punkte, der das Gelände frei beherrschte. Wenn irgendmöglich sollte ich einen Ort ausfindig machen, den die Alfuren nicht mit ihren Lanzen bewerfen konnten.

Wir brauchten einen ganzen Tag, um in eine geschützte Talfalte zu gelangen, die allen Anforderungen entsprach, die man an ein Lager stellen muß. Hier erhöhten wir die Sicherheit unseres Lagers durch einen Steinwall. Mit dem Rücken an eine Felswand gelehnt, stand das Zelt, für Lanzenwürfe unerreichbar, neben einem schwach sickernden Quell. Wasser war den Kranken am unentbehrlichsten.

In der nun folgenden Nacht blieben wir von jeder Störung verschont. Der werdende Tag aber zeigte uns, daß die Wilden auf unsern Fersen blieben. Zwar wagten sie sich nicht in den Bereich unserer Gewehre, aber sie hinderten uns, den so nötigen Proviant herbeizuschaffen. Gerade die grasreiche Mulde, in der wir zahlreiche Wildschweine in der Nacht gesichtet hatten, war von den dunklen Gestalten durchschwärmt, die jedesmal blitzschnell zwischen den Halmen untertauchten, wenn sich einer von uns vor dem Zelte sehen ließ.

Gyßler wollte es dennoch wagen, ein junges Ferkel herbeizuschaffen, wenn wir ihn von unserm erhöhten Stande aus mit den Gewehren den Rückweg offen hielten. Als wir uns jedoch vor dem Zelte aufstellten und der Schweizer Miene machte, den Hang hinabzusteigen, brachen die Wilden in ein so furchtbares Geheul aus, daß die Schweine in voller Flucht davonjagten. Er mußte unverrichteter Dinge zurückkehren. Dieser Mißerfolg versetzte uns alle in eine begreifliche Wut. Liebert, der gern zu Gewalttaten neigte, schien nicht übel Lust zu haben, mit einer Kugel in die Büsche zu feuern – nur um seinem Groll Luft zu machen.

»Sparen Sie lieber die Kugeln,« riet ich ihm. »Unser Weg ist noch weit und wer weiß, wie nötig wir sie noch brauchen können.«

»Allerdings – aber ich bin überzeugt, daß uns die Schwarzen Raum geben, sobald sie merken, daß wir ihnen selbst auf die Entfernung gefährlich werden. Sie sollten das zwar ohnehin wissen...«

»Das hier sind keine Alfuren von der Küste,« unterbrach Gyßler den Sprecher. »Diese Menschen haben eine viel hellere Haut. Auch tragen einige Männer Felle um die Schulter geschlagen. Das beweist, daß sie hier oben ihren ständigen Wohnsitz haben.«

»Dann sind es auch nicht Stammesangehörige der Kerle, die uns in der vorletzten Nacht überfielen, denn das waren bestimmt Alfuren von der Küste,« sagte Düwell, der ja nahe Bekanntschaft mit den Burschen gemacht hatte.

»Nun, das ist schließlich auch einerlei,« rief Liebert, »ob uns Schwarze oder Braune zu Leibe gehen. Feinde sind es jedenfalls, und da wir hier nicht ewig liegenbleiben können, müssen wir uns Luft schaffen.«

»Können Sie denn überhaupt heute schon marschieren?« fragte ich. »Wir dürfen diesen Ort nicht eher verlassen, bis Sie und Becker gesund sind.«

»Auf mich brauchen Sie nicht zu warten,« sagte Becker, indem ein schmerzliches Lächeln über seine eingefallenen Züge glitt. »Ich werde niemals die Küste wiedersehen, und es ist daher einerlei, ob ich hier oder einige Tagereisen weiter sterbe...«

»So dürfen Sie nicht reden, Becker! Behalten Sie den Kopf hoch und trachten Sie danach recht bald mit uns weiterzuziehen. Wir verlassen Sie nicht, was auch immer kommen mag. Aber auch Sie dürfen uns nicht verlassen. Wenn Sie den Willen zum Leben haben, werden Sie auch gesund werden. Und wie wertvoll für uns eine Mannesfaust ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen. Haben Sie das Chinin schon genommen?«

Der Kranke öffnete den Mund zur Antwort, als plötzlich der scharfe Knall eines Schusses durch das Tal donnerte. Erschreckt sprang ich vor das Zelt und sah, wie Liebert, auf dem Bauche in der Sonne liegend, eben einem starken Wildschwein den Garaus gemacht hatte. – Lächelnd reichte er mir das Gewehr und sagte:

»Wenn Sie gesehen hätten, wie die Wilden ausrissen, als ich ihnen den Eber vor der Nase wegschoß! Ein halbes Dutzend der Braunfelle – es sind wahrhaftig ganz Braune – waren gerade in die Mulde heruntergestiegen, um uns den Braten zu vergrämen. Erst wollte ich einen von ihnen zu seinen Vätern versammeln. Der Braten aber erschien mir wichtiger. Wer holt jetzt das Vieh?«

»Für einen wird der Eber zu schwer sein,« meinte Düwell, »sonst würde ich es riskieren.«

»Und zwei Gewehre können wir nicht entbehren,« rief Liebert. »Wenn man das Vieh bei einem Lauf packt, kann man es schon eine Strecke weit schleifen. Das Fell darf ruhig ein paar Löcher bekommen.«

»Ich werde gehen,« sagte ich, den Revolver umschnallend. »Legen Sie sich nur so hinter den Wall, daß Sie mich von allen Seiten decken können. Becker wird meinen Winchester nehmen. Acht Kugeln sind noch in der Kammer – aber feuert sparsam und zielt gut, Kameraden!«

Durch die Steine gedeckt, lief ich bis an den Rand des Hanges. Dort, hinter niedrigem Myrthengesträuch, konnte ich die ganze Mulde übersehen. Weder zwischen den Steinen des jenseitigen Bergabhanges noch in dem hohen Grase zeigte sich eine Spur von Leben. Leise strich der Wind über die hohen Halme und zauberte auf ihren Spitzen goldflimmernde Wellenschläge hervor. Die Bäume des gegenüberliegenden Hügelrückens blickten finster und unbeweglich ins Tal hinab. Sie verrieten mir nicht, ob der tückische Verfolger, in ihrem Schatten verborgen, auf mein Erscheinen lauerte.

Nur einige Augenblicke zauderte ich. Dann ging ich aufrecht den Berg hinunter und ließ die Sonne mit dem blanken Laufe meines Revolvers spielen. Von der Jagdbeute trennten mich etwa achtzig Meter. Doppelt so weit lag der andere Rücken entfernt.

Oben am Zelt lagen die Kameraden, den Blick scharf auf die Grasfläche und den jenseitigen Hang gerichtet. Durch Zurufe unterrichteten sie mich von ihren Wahrnehmungen.

So kam ich bis auf etwa zehn Meter an das Schwein heran. Da schrie eine Stimme:

»Niederlegen – Deckung nehmen!«

Auf das Kommando ließ ich mich zu Boden fallen und kroch schnell an den Körper des Schweines heran. Er bildete die einzige Deckung in der Mulde. Dann blieb alles ruhig.

Ich begann das Tier neben mir herzuschleifen, wobei ich ängstlich darauf bedacht war, mich so dicht als möglich an den Kadaver anzuschmiegen. Den Revolver trug ich am Riemen in der rechten Hand. Da ich mir den Ruf Düwells nicht zu erklären vermochte, weil ihm kein Schuß folgte, wagte ich es, den Kopf zu heben, um mich nach den Kameraden umzusehen. In demselben Augenblick hob sich auch an der andern Seite des toten Körpers ein grell bemaltes Gesicht. Schnell wie der Blitz verschwand es wieder. Aber nicht schnell genug, um meinem Schusse zuvorzukommen. Mit dem Krach blitzte zwar eine Messerklinge auf, aber sie erreichte ihr Ziel nicht mehr.

Der Schuß gab das Signal zu einem wahren Höllenlärm. Aus der Mulde stürzten zahlreiche Wilde, die sich, wie auf ein Kommando, nach allen Richtungen verteilten und bald wie in den Boden hinein verschwunden waren.

»Kommen Sie schnell zurück!« schrie man mir von oben zu. »Laufen Sie so rasch Sie können, es sind zu viele.«

Natürlich ließ ich mir das nicht zweimal sagen. Ich flog förmlich über den Boden, gehetzt von einem vielstimmigen Wutgeheul der Verfolger, die jetzt, da kein Schuß fiel, sich erhoben und Jagd auf mich machten. Darauf aber hatten die Soldaten nur gewartet. Schuß auf Schuß klatschte in die Mulde. Keiner verfehlte sein Ziel. Nach der dritten Salve sah ich keinen Wilden mehr aufrecht. Ihrer Angriffsmethode folgend, raschelten sie wie die Schlangen durch das Gras, bestrebt, mich noch an dem schützenden Hang zu vernichten.

An dem ersten größeren Block am Fuße unseres Bergrückens hielt ich, um Atem zu schöpfen. Eine frische Brise fächelte mir Kühlung zu. Sie gab mir aber auch einen rettenden Gedanken ein. Hastig riß ich mein Feuerzeug aus der Tasche. Das erste Hölzchen blies der Wind aus. Das zweite fing die Flamme und setzte das rasch zusammengeraffte dürre Gras in Brand... Immer dringender wurden die Rufe der Kameraden. Ein Schuß schlug dicht neben mir Splitter aus den Steinen. In den wogenden Halmen sah ich braune Striche heranschleichen... da faßte der Brand die Wiese mit gigantischer Kraft. Mit Windeseile jagte die verzehrende Flamme, sich gierig über die Mulde ausbreitend, dahin.

Das nun entstehende ohrenbetäubende Geheul der überraschten Wilden läßt sich nicht beschreiben. Nach allen Richtungen stoben sie auseinander, mancher Fliehende wurde von der dahinrasenden Flamme überrascht und sank mit einem wilden Aufschrei zu Boden.

Ich hatte inzwischen das Zelt erreicht und warf mich erschöpft nieder.

»Das war die einzig mögliche Rettung für uns,« sagte Becker. »Ich glaube nicht, daß wir der Masse der Angreifer hätten Widerstand leisten können. Das Gras wimmelte förmlich davon. Jetzt, wo den Wilden die Deckung fehlt, werden sie uns nicht mehr belästigen. Sehen Sie dorthin! Der Wald brennt sogar schon.«

Wirklich leckten die Flammen eben an den harzreichen Stämmen empor und wüteten in wilder Vernichtungssucht von Baum zu Baum. Eine furchtbare Gluthitze legte sich über den Hang, und bald mußten auch wir den Schutz des Zeltes aufsuchen und mit nassen Tüchern den vereinten Anstrengugen von Sonne und Feuer entgegenwirken.

Gyßler sprang auf und rief:

»Donnerwetter, wie riecht das gebratene Wildschwein gut! Ich hole uns ein paar Pfund herauf, Liebert, paß gut auf!«

Ohne eine Widerrede abzuwarten, lief er den Berg hinunter. Mit großen Sprüngen warf er sich über der glimmenden Asche vorwärts. Dann riß er das Tier in die Höhe und schleifte mit lautem Johlen die Beute ins Zelt.

»Gott sei Dank, daß Sie wieder da sind,« rief ich ihm entgegen. »Es war ein unverzeihlicher Leichtsinn, so ohne jede Waffe in das Tal zu laufen...«

»Bah, die Wilden, die dort noch sind, tun uns nichts mehr,« gab er mit leichtem Schaudern zurück. »Aber sehen Sie sich mal den Braten an. Da ist nur wenig noch zu tun übrig. Den können wir bald essen. Übrigens rate ich, das Zelt so rasch als möglich abzubrechen und die Gegend zu meiden. Morgen werden die Aasgeier das vertilgen, was die Schakale oder ähnliches Viehzeug in der Nacht übriglassen. Und den Anblick habe ich einmal genossen, aber nie im Leben möchte ich es ein zweites Mal sehen.«

Das leuchtete uns allen ein. Die Schwierigkeit bestand nur in der Art des Umzuges. Wie sollten wir die beiden kranken Kameraden fortbringen. Liebert konnte zwar langsam gehen, wenn auch unter Schmerzen. Bei Becker begann aber das Fieber wieder auszubrechen. In dem Zustande war er nicht imstande, einen Schritt zu machen.

»Dann tragen wir ihn,« entschied Düwell. »Das Zelt wird an zwei Stangen gehängt und dient als Bahre – ganz wie bei der glorreichen Kolonialarmee. Aber fort müssen wir, der Ansicht bin auch ich!« –

»Hm – wenn nun aber die Wilden wiederkommen?«

»Dann sehen wir, was sich tun läßt, lieber Becker. Jetzt darüber zu beraten, halte ich für verfrüht und daher zwecklos. Hier, essen Sie mal das Stück Fleisch, und dann brechen wir auf.«

Die Wilden hinderten uns nicht beim Abbruch des Lagers. Sehr wahrscheinlich waren sie abgezogen, um Hilfe herbeizurufen. Um ihnen möglichst aus dem Wege zu gehen, hatten wir beschlossen, uns wieder westlich zu wenden. Wir rechneten mit der bekannten Feindschaft der Stämme untereinander und hofften, die Angreifer von heute dadurch loszuwerden. Daß wir dabei vom Regen in die Traufe kommen konnten, war anzunehmen.

Es war ein beschwerlicher Zug, der sich in der mondlosen Oktobernacht in dem wilden Gebirge vorwärtsbewegte. Der Kranke hing, stark fiebernd, in die Zeltbahn gewickelt, zwischen zwei Trägern, auf deren Arm sich der kranke Liebert stützte. Der fünfte Mann hatte die verantwortungsreiche Aufgabe, den Zug zu decken.

Solange wir uns durch die abgebrannte Wiese fortbewegten, war meine Aufgabe als Führer nicht schwer. Bald aber stellten sich Hindernisse in unsern Weg. Steinige Hänge zogen sich wie Barrikaden quer über die Talmulde und zwangen uns zu Kletterpartien, die am hellen Tage ihre Schwierigkeiten gehabt hätten – wie viel mehr in der nur durch das Sternenlicht erhellten Nacht! Dabei zwang uns das Gelände immer weiter in die nördliche Richtung, aus der massige Berge drohend zu uns herüberblickten. Kurz nach Mitternacht machten wir in einem Walde eine kurze Rast. Nach meiner Berechnung befanden wir uns über fünfzehn Kilometer von unserm letzten Lagerplatz entfernt. Wenn wir das Glück gehabt hatten, in das Gebiet eines anderen Stammes eingedrungen zu sein, so durften wir uns eine Nachtruhe gönnen.

Die Ansichten darüber gingen auseinander. Besonders Liebert drang auf den Weitermarsch. Er wollte in der kühlen Nacht marschieren und den Tag in einem schattigen Versteck verschlafen. Des kranken Kameraden wegen stimmte auch ich schließlich dem Vorschlage zu.

Während wir am Rande des Waldes hinwanderten, kamen wir aus der fieberhaften Aufregung gar nicht heraus. Bei jedem Knacken im Gebüsch hielten wir den Atem an, stets gewärtig, den Kopf eines Wilden vor uns auftauchen zu sehen. Seltsame Geräusche drangen an unser Ohr. Das emsige Leben und Wirken der zahllosen nächtlichen Urwaldbewohner ließ uns hinter jedem stärkeren Baume den verräterischen Feind sehen. Jeder besonders große Leuchtkäfer täuschte uns fernen Feuerschein vor, den wir als lohenden Punkt im Tale unter uns zu bemerken glaubten. – Einen gewaltigen Schrecken jagte uns ein großer schwarzer Affe ein, der plötzlich aus dem Boden wuchs und sich aufrecht an einem Stamm emporreckte. Sein heißer Atem streifte mein Gesicht, und als ich scheu zur Seite wich, zog er sich an seinen langen Armen in die Äste und begleitete uns lautlos eine ganze Strecke weit. Was den seltsamen Vierhänder zu seinem Nachtspaziergange veranlaßt haben mochte, konnte ich natürlich nicht ergründen. Unter den Soldaten herrscht die Ansicht, daß eine auf Celebes heimische Affenart nur des Nachts auszieht, um seine Nahrung zu suchen. Die Eingeborenen nennen sie »Empon« und schreiben ihnen übernatürliche Kräfte zu.

Der Wald stieg höher und höher ins Gebirge hinauf, wir folgten den Unebenheiten des Bodens so gut es ging. Einige Male zwangen uns sumpfige Stellen zu größeren Umwegen, dann wieder drängte uns das stachelige Unterholz tief in das nächtliche Dunkel der Bäume. Bei jedem Schritte jagten wir schlafende Tiere aus ihrem Lager, die piepend, schreiend oder lautlos flatternd in dem nahen Buschwerk Schutz suchten. Zuweilen tönte in der Ferne ein Brechen und Knacken, als wenn das Unterholz von flüchtenden Tieren gewaltsam beiseite gedrängt wurde. Einmal trat ein rotfunkelndes Augenpaar in unsern Weg und zwang uns zum Halten. Von den Umrissen des Geschöpfes ließ sich in der herrschenden Finsternis nichts erkennen. Nur die glühenden Feuerkugeln blickten starr zu uns herüber. In den Augen lag keine Spur von Furcht oder Neugierde, eher entschlossener Mut. Gyßler zweifelte an der Existenz eines Vierfüßlers in der Größe des Tieres vor uns und sprach die Erscheinung für einen Leuchtkäfer an. Ich sah aber zu deutlich, wie sich die Lider von Zeit zu Zeit über die Augen legten. Hätte ich es wagen dürfen zu schießen, so wäre ich bald über die Natur des Tieres aufgeklärt gewesen – ich mußte leider auf die Entdeckung eines vielleicht unbekannten Vierfüßlers verzichten.

Nach längerer Pause setzten wir unsern Marsch fort. Die rätselhaften Lichter blieben verschwunden. Kein Laut verriet die Spur des Tieres. – So wanderten wir, bis mit den ersten Strahlen der Sonne das Leben im Walde erwachte. Nun durften auch wir daran denken, unsere müden Knochen in einem Versteck zur Ruhe auszustrecken. Zuvor mußte allerdings die nähere Umgebung erkundet werden. – Es war nicht schwer. Rings um uns her reckten sich hohe Felsen in Zacken oder Kegelform in den reinen Äther. Den nordwestlichen Horizont schloß ein hoher, pyramidenförmiger Gipfel ab, um dessen Spitze dunkle Wolken zogen – vielleicht war es ein Vulkan –. Urwald, soweit das Auge reichte.

Wir wählten uns einen idyllischen Platz für unser Lager aus. An einem klaren Bächlein, auf dessen anderer Seite eine etwa zehn Meter hohe Felswand schroff und steil emporwuchs, hieben wir uns einen freien Raum in die breitblätterigen Pflanzen. Dort hinein, zwischen zwei prachtvollen Palmen, bauten wir das Zelt, das sich so dem Walde anpaßte, das es von keiner Seite wahrgenommen werden konnte, von der Felswand hingen zwei mächtige Blattgewächse in ihren bizarren, an Elefantenohren erinnernde Formen über die Lichtung hinüber und dünne Schößlinge bildeten die natürliche Stütze eines schattenspendenden Laubdaches. Die Stelle war geschaffen für ein heimliches Versteck.

Hier oben, umfächelt von erfrischenden Winden, fern von jeder menschlichen Wohnstätte, verbrachten wir eine ganze Woche. Während dieser Zeit rang der arme Becker täglich mit dem Tode. Auf fieberfreie Tage folgten Perioden höchster Temperaturanspannung. – Am sechsten Tage endlich schien die Krankheit bezwungen. Der Kranke nahm einiges Wildbret zu sich, das wir stets in der Schlinge fingen, und verzehrte mit Genuß eine frische Frucht. Dem Sonnenuntergang sah er mit leuchtenden Augen zu. Als sich der Feuerball dem Horizonte näherte, sagte er mit verklärter Miene:

»Jetzt geht die Sonne in unserer Heimat auf. Ob meine Lieben ahnen, daß sie ihnen meine letzten Grüße bringt?«

Eine Stunde später hauchte der Ärmste seinen Geist aus.

Dort, wo unser Zelt stand, betteten wir den lieben schlichten Kameraden in die kühle Erde. Über seiner letzten Ruhestätte häuft sich ein großer Steinhügel und ein einfaches Kreuz deutet zum Himmel. Zu beiden Seiten des Grabes ragen hohe Palmen und schütteln ihre Federkronen im Winde.

Das Ableben des Gefährten versetzte uns in aufrichtige Trauer. Hinterläßt schon der Tod eines Freundes im gewöhnlichen Leben eine schmerzliche Lücke, um so fühlbarer wird der Verlust inmitten einer Wildnis, umringt von tausend unbekannten Gefahren und in einem Häuflein Menschen, das auf jede hilfreiche Hand angewiesen ist.

Liebert war wieder hergestellt. Auf ihm wie auf uns allen lagerte der Druck des eingetretenen Ereignisses, und unwillkürlich drängte sich jedem die Frage auf: »Wer wird der nächste sein?«

Nach dem Verlassen des Grabes schlugen wir einen nördlichen Kurs ein. Das Gebirge, so drohend es von unserm Lagerplatze aus herüberwinkte, schien mir an mehr als einem Punkte passierbar. Mit dem Fernrohr konnte ich in der klaren Luft fast jeden Felszacken, jede Pflanzengruppe bis zu ihren höchsten Grenzen verfolgen. Dabei entdeckte ich zwei Einschnitte, in denen sich der diesseitige Wald mit dem jenseitigen vereinigte. Dort war zweifellos ein Übergang möglich. Auf diesen Punkt lenkten wir unsere Schritte.

Dem Zuge des Waldes talwärts folgend, erreichten wir am Abend eine herrliche Niederung, die uns nach der Wanderung durch die früher beschriebenen Täler wie ein Paradies vorkam. Ein munterer Bach plätscherte über Kiesel und Sand durch eine saftgrüne Matte. An seinen Ufern bauten schöne Schwimmvögel ihre Nester. Blitzende Fische glitten durch das klare Element und große Schildkröten lagen träge auf den Sandbänken. Der spärliche Pflanzenwuchs bestand in der Hauptsache aus Fruchtbäumen verschiedenster Art und selbst wilde Ananas wuchsen in den Senkungen des Berges. – Unwillkürlich hielten wir Umschau nach den Bewohnern dieses reizenden Erdenwinkels. Er war jedoch unbewohnt. Das unbekümmerte Gebahren der Vögel bewies es uns zur Genüge. Die Tiere ließen uns ruhig an ihre Nester herankommen und gebärdeten sich so zutraulich, daß wir manchen von ihnen – den Hals umdrehen konnten.

Liebert gelang es, mit einer der erbeuteten Lanzen einen jungen Hirsch zu erlegen. Wir konnten uns daher an diesem Abend eine Mahlzeit herstellen, wie wir sie lange nicht genossen hatten. Gebratenes Hirschfleisch, Entenbraten und frische Eier waren für uns seltene Genüsse. Der nächste Tag bescherte uns sogar Fische, Schildkröte und Früchte zu den übrigen Delikatessen.

Daß wir in diesem Paradies einen Tag länger verweilten, kann man uns nachfühlen. Die Zeit wurde damit ausgefüllt, Proviant anzusammeln. In der Hauptsache bestand er aus gebratenem Geflügel und aus hart gekochten Eiern. Das übrige hielt sich in der heißen Tageszeit nicht.

Wir folgten dem Laufe des Flusses aufwärts, bis uns ein zerklüftetes, unwegsames Steingewirr auf einen andern Weg verwies. Dieser brachte uns nach längerer Wanderung auf eines jener Gebiete, die in der Regenzeit unter Wasser stehen, späterhin jedoch austrocknen. Der dadurch hervorgerufene Humusboden zeigte noch eine schlüpfrige Oberfläche, auf der das Wandern zur Qual wurde. Das Trostlose der Landschaft erhöhten noch die zahlreichen schwarzen Geier, die in dem Schlamme nach dem Aas verendeter Tiere suchten, sowie der starke Fäulnisgeruch, der in Schwaden dem Boden entströmte. Eine lautlose Stille erhöhte den schaurigen Eindruck, den das Tal auf uns machte und der nach dem eben verlassenen Paradiese wie ein aufdringliches Memento mori wirkte.

Mehrere Stunden dauerte der Marsch durch diese entsetzliche Einöde. Sie mußte aber durchschritten werden, denn am Ende winkte das gesuchte Ziel, der Übergang über das Gebirge.

Endlich betraten wir wieder üppiges Gras. Blumige Wiesen zogen sich den Hang hinauf. Ein Wasserfall warf diamantenen Sprühregen in die grünende Pflanzenwelt. Auch Lebewesen zeigten sich. Eine kleine Antilopenart ging bei unserer Annäherung flüchtig.

»Aha, jetzt nähern wir uns wieder dem Menschen,« bemerkte Gyßler, auf das flüchtende Wild deutend. »Die würden nicht so ausreißen, wenn sie nicht gejagt würden.«

»Darin können Sie recht haben, Gyßler. Die Gegend hat auch so etwas an sich, das unwillkürlich an den Menschen gemahnt. Wenn sie in ihrem Wesen nur der Gegend entsprechen, will ich zufrieden sein,« erwiderte ich.

»Meinen Sie den Sumpf oder diese wohlriechende Wiese?« fragte Düwell.

»Diese Wiese meine ich natürlich. Und ich schlage vor, wir bauen gleich hier unser Nachtlager auf. Dort, in der Nähe des Wasserfalles, sind wir ›rückenfrei‹ und genießen zugleich die Annehmlichkeiten einer Dusche.«

Die anstrengende Wanderung durch das schlammige Tal hatte uns alle dermaßen ermüdet, daß wir uns mit einem kalten Abendbrot – dem nur das Brot fehlte – begnügten. Kaum war der letzte Bissen verzehrt, da sanken die drei, denen das Los Befreiung von der ersten Wache beschieden hatte, in festen Schlaf. Dem Beispiel folgte, von unwiderstehlicher Schlafsucht befallen, auch Düwell, der Wächter!

Der neue Tag brachte uns eine große Überraschung. Ich erwachte zuerst. Rings um mich her lagen die Gefährten noch in tiefem Schlafe, und vor dem Zelte – es dauerte eine Weile, bis ich feststellte, daß mich kein Traumbild narrte –, saß auf einem Steine ein gelbhäutiger Eingeborener und blickte verwundert auf die ihm unbekannten Menschengebilde. Neben ihm im Grase lag eine lange Lanze, sowie ein Bogen mit Pfeilen.

Als er mich erwacht sah, richtete er sich auf und legte die rechte Hand an die Stirn, während er mir ein paar unbekannte Worte zurief. Natürlich machte ich dieselbe Geste und rief ihm lachend ein:

»Guten Morgen, Herr Nachbar!« zu.

Der freundliche Empfang gefiel dem Manne augenscheinlich. Er lachte ebenfalls und sprudelte eine Flut von Kehllauten hervor, aus denen ich schloß, daß der gute Wilde den Wunsch hatte, uns der Frau Gemahlin, den Töchtern und der sonstigen Verwandtschaft vorzustellen. Da ich angesichts der Biederkeit des Wilden hiergegen nichts einzuwenden wußte, deutete ich auf meine Gefährten und sagte:

»Wenn wir Toilette gemacht haben, kommen wir!«

Als ob der Mann meine Worte verstanden hätte, nickte er freundlich und verschwand im Dickicht. Seinen Bogen ließ er achtlos liegen.

»Hallo, Kameraden, aufstehen! Wir sind beim Könige dieses Landes zur Audienz befohlen,« rief ich mit lauter Stimme ins Zelt. »Sehen Sie, Düwell, das kommt davon, wenn man auf Posten schläft!«

Natürlich dauerte es eine Weile, bis sich die Gefährten davon überzeugt hatten, daß ich keinen Scherz trieb. Die Waffen bestätigten übrigens meine Erzählung.

Liebert fragte:

»Was halten Sie von der Geschichte?«

»Die Leute scheinen harmlos zu sein. Der Mann war so freundlich, daß ich eine feindliche Stimmung für ausgeschlossen halte. Es fragt sich nur, ob sie überhaupt Weiße kennen. Jedenfalls wollen wir uns vor Unvorsichtigkeiten hüten.«

Wir waren mitten in den Vorbereitungen für Besuch, das heißt, wir standen alle unter der kühlen Dusche im Wasserfalle, als plötzlich der wilde »König« aus den Büschen tauchte. Mit einem Laute, der wohl höchstes Erstaunen ausdrücken sollte, starrte er auf die Gruppe der unbekleideten weißen Männer. Dann wandte er sich um, und nun drangen laute, dringende Rufe, das Rauschen des Wassers übertönend, an unser Ohr.

»Haben Sie das Gesicht des Alten beobachtet?« fragte Gyßler lachend. »So etwas hat der in seinem Leben noch nicht gesehen. Passen Sie auf, diese Wilden werden uns feierlichst empfangen, wenn wir sie besuchen.«

Der Schweizer sprach noch, als sich wieder die Büsche teilten. Diesmal drängten sich aber Männer, Frauen und Kinder in den engen Raum. Bewundernd blickten sie die nie gesehenen weißen Männer an und mancher Ruf des Erstaunens durchlief die neugierige Schar. – In den Mienen der Wilden zeigte sich indessen keine Spur von Feindseligkeit. Im Gegenteil, die Leute kamen so zutraulich in unsere Nähe, daß wir uns ihren Freundschaftsbeweisen nur mit Mühe entziehen konnten.

Liebert und Gyßler, beide große kräftige Männer mit blondem Haar und Bart, zogen die Blicke der Wilden am meisten auf sich. Blonde Menschenhaare gab es in ihrer Welt nicht. Und da wir alle seit Wochen weder Haar noch Bart geschnitten hatten, wucherte die Manneszier in der der Örtlichkeit angepaßten Urwüchsigkeit in unseren kupferfarbigen Gesichtern.

Liebert entzog sich der bewundernden Aufmerksamkeit durch einen Sprung in das Zelt, indem er ausrief:

»Doktor, unterhalten Sie doch die hohen Gäste, bis ich wenigstens einen Faden über meinen Körper gestreift habe. Ich fühle mich wirklich nicht angezogen genug, um diplomatische Verhandlungen zu führen, bevor ich nicht wenigstens im Hemd und Beinkleid stecke.«

Gyßler wollte dem Beispiel des Kameraden folgen. Ich hielt ihn aber fest und wies lachend auf die Schar der Eingeborenen:

»Wie Sie sehen, tragen wir ja die Landestracht. Unser ›Geburtstagskleid‹ ist also hierzulande modern. Versuchen Sie einmal, ob Sie mit Hilfe Ihrer verschiedenen Eingeborenendialekte eine Verständigung mit dem Völkchen zustande bringen können.«

Der Schweizer gab lachend nach. Er wandte sich der ihm zunächst stehenden Gruppe der Männer zu und sprach sie in den Dialekten der Nordküste an. Die Wilden horchten wohl auf, als sie in den Worten Laute fanden, die ihrem Ohr vertrauter erschienen als das harte Deutsch, das sie bisher aus unserer Unterhaltung vernahmen. Aber eine Verständigung schien nicht möglich. Gyßler ging nun dazu über, einige Gegenstände des täglichen Gebrauches zu benennen, und siehe da! Bei manchen Geräten deckten sich die Worte Gyßlers mit der Benennung der Wilden. Diese Entdeckung rief ein freudiges Erstaunen unter den Männern hervor, das sich dadurch äußerte, daß sie den Schweizer herzlich mit der flachen Hand auf den Oberarm klopften.

Ein kreischendes, schallendes Gelächter ließ mich nach dem Zelte blicken. Dort stand Liebert mit Hemd, Hose und Schuhen bekleidet und starrte mit einem so verblüfften Gesichtsausdruck auf die lachende Jugend, daß ich selbst einen Heiterkeitsausdruck mit Mühe unterdrückte.

»Was habt ihr denn nur zu lachen, ihr Sappermentsvolk?« rief er, indem er vollends ins Freie trat und mich fragend anblickte.

Im Nu war er von dem jungen Völkchen umringt, und nun erkannte er selbst die Ursache der Heiterkeit. Die Wilden begriffen nicht, warum er seinen Körper »eingehüllt« hatte. Besonders die Ärmel, die Röhren für die Beine, und am allermeisten die Schuhe erregten ungebändigte Lachlust bei dem Völkchen.

Düwell, der gerade im Begriff stand, sich anzukleiden, warf den Rock wieder auf die Matte und rief:

»Gott sei Dank, daß ich endlich einmal Menschen gefunden habe, die mit einem wirklich reinen Sinn auf der Welt leben, solange ich hier bin, werde ich mich nicht mehr anders als in der Landestracht zeigen.«

»Die ist mir zu luftig,« erwiderte ich. »Meine Decke muß ich mindestens umhängen, sonst vertrage ich das Klima vielleicht nicht.«

»Na, na, Sie kultivierter Europäer. Läßt Sie die Kinderstube selbst hier bei den Wilden nicht los? – Aber schauen Sie mal hinüber. Die jungen Wilden scheinen die Zollrevision bei unserm Gepäck vorzunehmen. – Hallo, Liebert, gib doch auf unsere Säcke acht.«

In der Tat hatte eine Anzahl neugieriger Mädchen unsern Proviantsack geöffnet und machte sich mit einer Schachtel Streichhölzer zu schaffen. Sie waren sich augenscheinlich nicht bewußt, etwas Unrechtes zu begehen. Ich bat Gyßler, den Kindern das wertvolle Spielzeug fortzunehmen, ohne ihnen zu zeigen, um was es sich dabei handele. Denn ich wollte es vermeiden, die Wilden mit Dingen bekannt zu machen, die für sie von größtem Nutzen sein konnten. Wer weiß, ob ihre Habsucht sie nicht zu Angriffen auf uns veranlaßt hätte. Alle diese Wilden sehen in der Vernichtung eines Menschen kein Unrecht, wenn sie sich dadurch in den Besitz eines Dinges bringen können, das der andere nicht gutwillig hergeben will. – Gyßler schenkte der mutwilligen Schar dafür seinen Taschenspiegel und erreichte durch die Gabe seinen Zweck vollkommen. Nach der ersten Überraschung stürzte die glückliche Beschenkte mit dem ihr unbekannten Schatze davon, und hinterdrein tollte die wilde Jagd der gelben Jugend.

Aus den Zeichen und Geberden der Eingeborenen entnahmen wir deren Aufforderung, mit in ihr Dorf hinunter zu steigen. Dem Verlangen konnten wir uns jetzt nicht gut mehr widersetzen. Ich beauftragte Düwell und Liebert mit dem Abbruch des Zeltes und kleidete mich selbst notdürftig an, damit sich wenigstens der Revolver verbergen ließ. Gyßler folgte meinem Beispiele. Zum Glück entfernten sich die Wilden, als sie unsere Vorbereitungen zum Aufbruch bemerkten und ließen nur zwei Mädchen zurück, die wohl als Führer ausersehen waren.


 << zurück weiter >>