Ferdinand Emmerich
Streifzüge durch Celebes
Ferdinand Emmerich

 << zurück weiter >> 

Viertes Kapitel.

Ein kleiner holländischer Dampfer versieht den Küstendienst auf Borneo, Celebes und Neuguinea. Einmal monatlich läuft er Singapore an. Ich hatte das unerwartete Glück, schon am dritten Tage meines Aufenthaltes in dem glutheißen, englischen Knotenpunkt den Dampfer einfahren zu sehen. Der Anker hatte kaum Grund gefaßt, da war ich schon an Bord. Ein Gewimmel, wie in einem Ameisenhaufen, herrschte dort und ehe ich noch die Frage ausgesprochen hatte, gab mir der malaiische Aufwärter bereits die Antwort, daß kein Bett mehr frei wäre. – Damit ließ ich mich natürlich nicht abspeisen. Ich spielte den großen Herrn und verlangte nach dem Kapitän. Da dieser noch mit den behördlichen Formalitäten zu tun hätte, konnte ich mir in aller Ruhe die Fahrgäste betrachten. Sie bestanden zum weitaus größten Teile aus jungen Soldaten, die für die Kolonialarmee der Holländer angeworben waren und allen möglichen Nationen, nur nicht Holland, entstammten. Leider fand ich auch über ein Dutzend Deutsche darunter. Sie waren aus der Heimat entflohen, um hier in Holländisch-Indien für fremde Interessen ihr Leben zu lassen, während daheim das Vaterland schwere Strafe für ihre Desertion über sie verhängte und ihnen die Rückkehr in die Heimat für lange Zeit untersagte. Die holländische Kolonialarmee hat viel Ähnlichkeit mit der französischen Fremdenlegion, allerdings mit dem großen Unterschied, daß die Behandlung in der ersteren bei weitem menschenwürdiger ist, als bei den Franzosen. Die Holländer sieben das sich ihnen anbietende Menschenmaterial auch. Sie vermeiden es tunlichst, Leute mit falschen Papieren oder gar Verbrecher in die Kolonialarmee einzureihen, während den Franzosen gerade die letzteren ganz willkommen sind. Sie sind sicher, daß diese nicht desertieren. Aber auch der holländische Kolonialsoldat muß es sich gefallen lassen, in der Höllenhitze der großen Sunda-Inseln gegen wilde, unbarmherzige Eingeborene geführt zu werden und dort für das Wohl eines ihm fremden Staates zu sterben. Denn selten nur kehrt einer gesund aus der Wildnis zurück. Fieber, Hitze und die vergifteten Waffen der um ihre Freiheit kämpfenden, sogenannten Wilden, fordern zahlreiche Opfer. Dazu kommt, daß – wenigstens damals – der holländische Kolonialsoldat von den ansässigen Europäern gemieden und als Mensch zweiter Klasse fast verächtlich behandelt wird.

Der Kapitän des »Billiton« ließ sich nach längerem Verhandeln dazu bereit finden, mich als Passagier »ohne Kabine« nach Menado auf Celebes mitzunehmen. «Er stellte es ganz in mein Ermessen, wie und wo ich an Bord schlafen wollte. Die Mahlzeiten durfte ich in der ersten Kajüte einnehmen. Im übrigen war ich freier Mann.

Ich war für dieses Entgegenkommen dankbar. Die Sorge um mein Nachtlager hat mich noch nie besonders in Anspruch genommen und in zu mannigfachen Lagen hatte ich das Problem schon zu lösen vermocht. Auch hier an Bord würde sich schon etwas Passendes finden. Es kam nur darauf an, die Sache am richtigen Ende anzupacken.

Als der »Billiton« einige Stunden später auslief, saß ich vergnügt auf meinen Habseligkeiten und wartete auf den Augenblick, wo sich die Aufregung unter den Fahrgästen gelegt und alles seinen früheren Platz wieder eingenommen haben würde. Ein Eckchen für mich würde sich dann schon finden.

Meine Rechnung war richtig. Der malaiische Oberaufwärter, den seine Vorgesetzten von dem neuen Fahrgast und dessen Überfahrtsbedingungen in Kenntnis setzen mußten, begriff mit der diesen Leuten eigenen Kombinationsgabe, daß hier ein paar Dollar nebenbei zu verdienen waren. – In dienstlicher Haltung näherte er sich mir und verlangte nach meinem Billet. Ich zeigte ihm mit lächelnder Miene einige Silberdollar und sagte ihm, daß ich nur zum Essen, nicht aber zum Schlafen an Bord gekommen sei.

Wo ich denn aber schlafen wollte?

Nun, einer der Soldaten würde mir gegen ein gutes Trinkgeld sein Bett für eine Nacht abtreten. Ein zweiter für die nächste Nacht usw.

»Wie? Der Tuwán will im Bett eines Soldaten schlafen?« Entsetzen spiegelte sich auf den Mienen des »Herrn« Oberaufwärters.

»Wenn ich kein anderes bekommen kann, muß ich auch damit fürlieb nehmen. Ich kann doch nicht acht Nächte lang wachen.«

»Oh, das darf ich nicht dulden. Ein weißer Tuwán, der mit dem Tuwán Kapitän an einem Tische ißt, darf nicht unter den Soldaten schlafen!« erwiderte der Mann mit wichtiger Miene.

»Und wo denn, wenn's beliebt?«

»Der Tuwán übergebe mir sein Gepäck, während der Tuwán beim Tiffin ist, werde ich eine Schlafgelegenheit für den Tuwán finden.«

Und er fand sie. Als ich vom Frühstück auf Deck trat, winkte mir der Malaie mit den Augen:

»Ich habe ein Bett für den Tuwán,« flüsterte er mir zu. »Der Tuwán wird gut schlafen können.«

»Brav, guter Freund! Was kostet es und wo ist es?«

»Der Tuwán wird sich am Tage, wenn er will, in meiner Kabine aufhalten und nachts im Salon schlafen. Dort ist ein Abteil für Damen reserviert und da keine Damen an Bord sind ...«

»Kann ich da schlafen! Recht so, mein Freund!«

Ich drückte ihm ein amerikanisches Zehndollargoldstück in die Hand und erwarb mir damit einen getreuen Sklaven für die ganze Reise.

Der »Billiton« zeigte einen mir neuen Schiffstyp. Die Kommandobrücke befand sich nicht, wie sonst üblich, mittschiffs, sondern vorn im Bug des Schiffes. Diese Anordnung erwies sich, besonders auf der Fahrt in den großen Strömen, als sehr praktisch und sollte, wie mir der Kapitän erzählte, schon manchen Zusammenstoß mit den oft unter Wasser treibenden Riesenstämmen vermieden haben. Auch die Angriffe der räuberischen Chinesen, die sich oft bis in die Celebes-See hineinwagen sollen, lassen sich von diesem ungehinderten Auslug aus frühzeitig bemerken.

Neun Tage später verließ ich in Menado den »Billiton«. In dem einzigen europäischen Gasthofe des Städtchens fand ich eine ganze Anzahl Europäer, die zum Teil von der Regierung gesandt, zum Teil auf eigene Rechnung auf der sehr fruchtbaren Halbinsel Minahassa Kaffee bauten. Auch aus dem entfernteren Buol waren Kaufleute in das Städtchen gekommen.

Eine bessere Gelegenheit, um Auskünfte über das Innere der Insel Celebes zu erhalten, konnte ich kaum finden. Ich befand mich auch bald mitten unter den Herren, die den Fremdling mit großer Herzlichkeit willkommen hießen. Als sie den Zweck meiner Reise erfuhren, mußte ich auch hier, wie in allen Teilen der Welt, das alte Lied hören. Schauergeschichten, mehr oder wenig grausig gefärbt, wechselten mit Warnungen vor den Alfuren, vor den Hassa und vor »unbekannten« Gefahren. Dieser kannte einen Fall, in dem harmlose Weiße ohne weiteres von den Alfuren am Strande erschlagen und verzehrt worden waren. Jener hatte von der Leiche eines Holländers gehört, die man ohne Kopf in nächster Nähe einer Kaffeepflanzung gefunden hatte. Trepangfischer ermordeten kürzlich in der Tominibucht eine ganze Bootsbesatzung...

So ging es eine ganze Weile weiter. Ich konnte kaum ein Lächeln verbergen. »Herzlichen Dank für die wohlgemeinten Warnungen, meine Herren,« sagte ich, indem ich mein Gesicht zu dem entsprechenden Ernste zwang, »ich bin leider nicht in der Lage, Ihre guten Ratschläge, soweit sie sich auf das Unterlassen meiner Reise beziehen, zu berücksichtigen. Man hat mich hierher gesandt, um die Eingeborenen und ihre Ethnographie zu erforschen, und diese Aufgabe muß ich erfüllen. Hindernisse müssen eben überwunden werden, wenn Sie mir meine Mission durch Ihren guten Rat erleichtern können, bin ich Ihnen besonders dankbar.«

Nachdem man noch eine Weile über die beste Art, den »Wilden« beizukommen, beraten hatte, einigten sich die Stimmen auf die Tomini-Bucht. Dort lebten die Alfuren noch im Naturzustande, waren aber schon mehrfach mit Weißen in Berührung gekommen und trieben sogar Handel, indem sie ihre »Trepang« den von Zeit zu Zeit in die Bucht kommenden Malaien und Chinesen im Tausche gegen Schmuck und Stoffe überließen.

Der nächste Tag fand mich auf der Suche nach einer Schiffsgelegenheit in die Tomini-Bucht. Zahlreiche Dschunken und Barken lagen im Hafen, keine aber, die nach dem von mir gewünschten Orte abging. Ich stand schon im Begriffe, mir eine kleine Barke für eigenen Gebrauch zu mieten, als sich der holländische Resident meiner erbarmte. Er bot mir an, mich von dem Staatsdampfer an einem Punkte in der Bucht an Land setzen zu lassen, wenn ich mich noch acht Tage gedulden wolle. Dann bringe der Regierungsdampfer Soldaten auf die verschiedenen Stationen. Auf der Rückfahrt könne er mich dann wieder abholen. Natürlich dürfe ich nicht allein reisen. Dazu könne er seine Erlaubnis nicht geben.

Ich glaube, es gab nicht mehr viel Leute in Menado, denen ich in den acht Tagen nicht die Stelle als Diener bei mir angeboten hatte. Anfangs war jeder dazu bereit, denn bei einem fremden weißen Tuwán gibt es immer etwas nebenbei zu verdienen. Als man aber hörte, um was es sich eigentlich handele, sprangen alle ab. Zu einer Fahrt in die Wildnis der Tomini-Bucht war keiner zu haben.

Als ich dem Residenten das Resultat meiner Bemühungen mitteilte, rührte ihn mein verzweifeltes Gesicht. Die empfehlenden Briefe des amerikanischen wissenschaftlichen Institutes mochten ihn wohl auch bestimmen, einmal seine Befugnisse zu überschreiten. Er versprach mir, seinerseits für die Begleitung Sorge zu tragen. Ich solle mich nur für den nächsten Morgen bereit halten.

Zwei holländische Kolonialsoldaten meldeten sich mit Tagesanbruch bei mir. »Zur Begleitung und Dienstleistung in der Tomini-Bucht befohlen,« lautete die in deutscher Sprache vorgebrachte Meldung. Der Resident hatte seine liebenswürdige Rücksichtnahme so weit getrieben, daß er mir Deutsche mitgab. Die Soldaten dienten bereits im dritten Jahre auf Celebes. Einer derselben, ein Bremer mit Namen Düwell, sprach fließend Malaiisch. Der andere, Liebert aus Pommern, ein Mann von seltener Körperstärke, verstand die Sprache einiger Eingeborenenstämme. Mit Alfuren war er allerdings noch nicht in Berührung gekommen.

Unter einem langgestreckten Höhenzuge, der bis hoch hinauf mit rauschendem Walde bedeckt war, suchte der kleine Dampfer einen passenden Landungsplatz in dem nördlichen Teile der Tomini- Bucht. Hoch und steil ragte das Ufer bis weit in das Meer hinaus, und schäumende kurze Spritzer warnten vor verräterischen Felsen unter der Oberfläche. Endlich zeigte sich eine lange, schmale Bucht, deren weißglänzender Strand uns zu einer Landung geeignet schien. Wir dampften vorsichtig an dem östlichen, steil abfallenden Ufer entlang bis zu einem Punkte, an dem undurchdringlicher Mangrovenwald dem Fahrzeuge weiteres Vordringen unmöglich machte. Hier drehte der Dampfer und setzte uns an dem gegenüberliegenden, sandigen Strande mit allem Gepäck ab. Den Ort unserer Landung sollte eine an sichtbarer Stelle angebrachte Flagge dem mit anderer Mannschaft zurückkehrenden Boote kenntlich machen. Für den Fall, daß uns ein unfreundlicher Empfang seitens der Eingeborenen zuteil werden würde, hatten wir ein kleines Kanoe zur Verfügung.

Unsere erste Sorge galt der Erkundung unserer weiteren Umgebung. Bis jetzt hatten wir längs der ganzen Küste keine Spur irgendeiner Ansiedlung wahrgenommen. Allerdings ließ auch die felsige Küste wenig Raum für menschliche Wohnungen. Von hier aus westlich trat aber das Gebirge zurück, und wenn überhaupt, so konnten Eingeborenendörfer nur auf diesem Landstriche zu finden sein.

Nachdem wir unser Zelt aufgerichtet und das Gepäck darin verstaut hatten, machte ich mit dem Pommern einen Streifzug in den inneren Teil der Bucht. Anfangs hinderte noch das Mangrovendickicht den Durchgang. Als dieses aber nach kurzer Wanderung durchquert war, traten wir in einen herrlichen Urwald ein. Tiefe, heilige Stille lag auf dem gewaltigen Dome, dessen hohes Blätterdach keinem Sonnenstrahl den Zugang zum Boden gestattete. Deshalb gedieh auch kein Unterholz und unserm ungehinderten Vordringen stellte sich kein Hindernis entgegen. Die wenigen Vögel, die sich auf dem Boden aufhielten, zeigten bei unserem Herannahen keinerlei Scheu. Sie wurden anscheinend nie gejagt oder sie kannten menschliche Wesen überhaupt nicht. Von Vierfüßlern fanden wir keine Spur.

Nach halbstündiger Wanderung gelangten wir an das Ende der Bucht. Hier ergoß sich ein etwa zehn Meter breiter, kristallklarer Fluß in das Meer. Sein nicht sehr tiefes Bett wimmelte von großen schöngezeichneten Süßwasserfischen, die natürlich eine Menge gewaltiger Raubfische aus dem Salzwasser hierher gelockt hatten. Auch die Flußfische blieben ganz ruhig an ihren Plätzen, als wir uns dem Ufer näherten. Einige davon schienen ein mutwilliges Spiel mit ihren Artgenossen in der Salzflut zu treiben. Wir konnten beobachten, daß sie sich mit dem Strome bis dicht an die Einmündung treiben ließen, um mit einer geschickten Wendung stromauf zu flüchten, wenn einer der »Seeräuber« auf sie zuschoß. Interessant war mir dabei die Wirkung, die das Flußwasser auf die Meeresbewohner hervorbrachte, wenn einer derselben in seiner gefräßigen Gier zu weit in das Süßwasser geriet – und das geschah recht oft –, so legte er sich plötzlich auf die Seite. Die Flossenbewegung war gehemmt und wie leblos wälzte der Fluß den Fisch wieder in sein Element zurück, wo er sofort unterging Wir hielten einen derartigen großen Fisch, mit dem Stock gegen das Ufer gepreßt, einige Minuten zurück. Als wir ihn dann freigaben, trieb er mit dem Bauche nach oben davon und – war gleich darauf von einem größeren Meeresbewohner verschlungen. Die Seefische konnten also keine drei Minuten im Süßwasser leben.

In einem weiten Bogen kehrten wir zu unserem Zelte zurück. Der Bremer hatte unsere Abwesenheit benutzt, um seinerseits den Strand bis zum Meere zu erkunden. Auch er fand nichts, was auf die Anwesenheit von Menschen hindeutete. Da die Nacht nicht mehr fern war, ließ sich vorderhand nichts unternehmen. Wir beratschlagten, welche Schritte wir am nächsten Tage unternehmen könnten, um ein Eingeborenendorf zu finden, dessen Bewohner noch möglichst wenig von europäischer Zivilisation angenommen hatten.

Die Antwort vermittelte uns die Nacht. Kaum hatte die Sonne ihre letzten Lichtstrahlen hinter den Bergen zusammengezogen, als im Innern der Buchten plötzlich heller Feuerschein aufblitzte. Überall, soweit das Auge die Küste verfolgen konnte, schwammen große Feuerbrände auf dem Wasser. Die weit am Horizont auftauchenden hüpften wie Irrlichter auf und ab. Je mehr sie sich unserer Bucht näherten, desto größer traten sie hervor. Das uns am nächsten liegende Feuerwerk schätzten wir auf zwei Seemeilen, etwa vier Kilometer entfernt.

»Dort sind die Alfuren beim Trepangfischen,« rief Düwell, der diese Feuerzeichen zuerst bemerkte, »Wenn wir jetzt dorthin aufbrechen, sehen wir sie mitten in der Arbeit.«

Dazu hatte ich indes keine Lust. Ich wollte die Leute nicht bei Nacht aufsuchen. Kamen wir mit Tagesanbruch, so konnten beide Teile die Absichten des andern schon in deren Mienenspiel lesen. Man wußte dann gleich, wie man sich zu benehmen hatte. Wir sahen dem anregenden Schauspiel noch eine Weile zu und krochen bald ins Zelt, um uns für den Marsch durch vielleicht dichten Wald durch einen gesunden Schlaf zu kräftigen.

Vor Sonnenaufgang brachen wir schon das Zelt ab, beluden den Einbaum mit dem Gepäck und verlegten unser Lager an die Mündung des gestern entdeckten Flusses. Vorher befestigte Liebert noch das verabredete Flaggenzeichen an einer vom Meere gut sichtbaren Palme. Er tat dabei den Ausspruch:

»Damit die Regierung weiß, wo die Knochen ihrer Söldlinge bleichen.«

Auf meine Frage, wie er dazu käme, eine solche Äußerung zu tun, gab er zur Antwort:

»Das ist so Sitte, wenn man Kolonialsoldaten auf gefährliche Posten schickt. Man befiehlt ihnen, den Ort, an dem sie jeweils zu finden sind, mit einer kleinen Flagge zu bezeichnen. In den meisten Fällen findet man dann später nur noch die mehr oder weniger gut erhaltenen Überreste der Armen.«

»Nun, diesmal hoffe ich Sie glücklich wieder in Menado abzuliefern, denn ich bin kein Freund von Gewalttätigkeiten gegenüber Eingeborenen. Und wenn wir ihnen nicht feindselig entgegentreten, werden sie uns auch nicht als Feinde behandeln. Ich habe allerdings auch schon das Gegenteil erfahren, aber in dem Falle ....«

»Schießen Sie auch!« unterbrach er mich lachend. »Doch warten wir es ab! Das Prophezeien ist bei den hier herum hausenden Braunfellen immer eine mißliche Geschichte.«

Am Flußufer, hinter dem hier noch üppig wachsenden Buschwerk, bauten wir unsere Hütte auf. Wir nahmen ein tüchtiges Frühstück, zu dem die Flußfische einen ausgiebigen Beitrag liefern mußten und setzten uns dann in der Richtung auf die gestern abend gesichtete Ansiedelung in Marsch.

Der prächtige Hochwald nahm, je mehr wir uns wieder der Küste näherten, an Dichtigkeit ab. Die Sonnenstrahlen fanden schon kleine Öffnungen im Blätterdach und belebten durch dieselben die niedern Pflanzen, die sich mehr und mehr zu einem störenden Hindernis entwickelten. Gar bald befanden wir uns mitten in einem wahren Irrgarten von Vegetation. Scharen von Vögeln mit leuchtendem Gefieder flogen mit schrillem Geschrei vor uns auf. Hin und wieder krachte es im Unterholz. Wir blieben dann wohl lauschend stehen, bis wir fanden, daß irgendein größeres Tier vor uns die Flucht ergriffen hatte.

Bald wurde der Wald sumpfig. Schwärzliche, stehende Gewässer, von meterhohem Schilf umstanden, lagen in unserer Marschrichtung. Krokodile erhoben sich träge und blinzelten die Störenfriede mit ihren tückischen Augen herausfordernd an. Große Schlangen glitten langsam ins Gebüsch. Dann standen wir vor einem dicht mit Dornen bewachsenen Hügel, der sich wie eine Mauer in unsern Weg stellte.

»Hier können wir nicht durch, Leute,« sagte ich, nachdem ich den jeder Beschreibung spottenden Stachelwall genau untersucht hatte, »wir müssen uns südlich zur Küste wenden, die nicht mehr fern sein kann, denn man hört die Brandung herüber.«

»Diese Dornenbüsche kennen wir genau. Sie sind auf Celebes keine Seltenheit, wir haben sie auf unsern Märschen oft getroffen und eine Kompagnie Soldaten mußte oft stundenlang an einem kaum meterbreiten Gang arbeiten. Die Eingeborenen an der Nordküste benutzen sie gern als Schutzwall ihrer Dörfer, und es sollte mich gar nicht wundern, wenn auf der andern Seite des Hügels das gesuchte Dorf liegt.«

»Das mag sein, Düwell, aber diese Kenntnis nützt uns jetzt wenig. Ändern wir den Kurs und suchen wir die Küste zu erreichen!«

Ein Anflug von Mißmut hatte sich über unsere Gemüter gelegt. Die Sonne sandte ihre sengenden Strahlen mit aller Kraft auf unsere ungeschützten Körper. Auf der Umgebung lag ein dumpfer, faulender Brodem, der das Atmen erschwerte und einen wilden Drang nach frischer Luft in uns auslöste. Je weiter wir gegen das Meer vordrangen, um so mehr trat der Hochwald zurück. Wir kamen in ein Gebiet, das in seiner großartigen Vegetation alles übertraf, was wir bisher gesehen hatten. Die Schlinggewächse in den niedern Baumbeständen wucherten so üppig, daß die Füße nur selten den Boden erreichten. Oft fingen wir uns in dem Dickicht wie in einem Netz und es bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Nachfolgenden, um den Vordermann ohne allzu schmerzhafte Hautrisse aus dem Gewirr wieder herauszuhauen. So reihte sich Dickicht an Dickicht. Nirgendwo zeigte sich auch nur eine Handbreit Raum, um durchzukommen. Zu all diesen Widerwärtigkeiten gesellten sich auch noch die Millionen Insekten, die mit einer wahren Wut über uns herfielen und uns fast zur Raserei brachten.

Mit stiller Wut arbeiteten wir uns fast drei Stunden lang durch derartige Pflanzenwirrnisse, bis wir endlich vor einem breiten Sumpf standen, in dem ein halbes Dutzend Hirscheber ihr Schlammbad nahmen. Hier stießen wir endlich auf Spuren menschlicher Nachbarschaft. Zahlreiche Fußtritte waren dem zähen Uferschlamm eingeprägt, von denen einige noch frisch zu sein schienen.

Ein Seufzer der Erleichterung entrang sich unserer Brust, als wir endlich das ersehnte Dorf in der Nähe wußten. Höher schlugen meine Pulse und voll Freude klopfte ich dem pommerschen Landsmann auf die Achsel:

»Also doch geschafft, Liebert, he?« fragte ich ihn gutgelaunt. »Freuen Sie sich nicht auch, daß wir nun bald in dem Dorfe sind?«

»Hm, das kann ich nicht gerade behaupten. Ich würde mehr Freude empfinden, wenn wir erst wieder in unserm Zelte lägen. Düwell scheint es ebenso zu gehen, nicht wahr, Kamerad?«

»Offen gestanden, ja! Ich habe so manches über die Alfuren gehört.... aber das zu erzählen hat jetzt keinen Zweck mehr. Gehen wir!«

Wir folgten der deutlich sichtbaren Fährte etwa einen Kilometer weit, plötzlich standen wir vor einer großen Lichtung, auf der sich ein kleines Dorf von dem dornenbewehrten Hügel abhob. Es bestand aus fünf primitiven Hütten mit einer Einwohnerschaft von neunundzwanzig wilden Männern und Weibern. Die »Volkszählung« bot keine Schwierigkeit, denn alle kamen aus ihren Hütten, ehe wir fünf Schritte über den Platz zurückgelegt hatten. Sie waren vollkommen nackt, bis auf einen schmalen zerfaserten Grasgürtel. Einigen fehlte auch dieser.

Bei unserm Näherkommen verschwanden die vor Schmutz starrenden Weiber, während die Männer ihre Wurfspieße aufgriffen und erwartungsvoll vor den Hütten stehen blieben.

Ich hob die Hände zum Gruße und fragte, ob jemand Holländisch oder Englisch verstehe. Da keine Antwort erfolgte, wiederholte Düwell dieselbe Frage auf Malaiisch.

Nun erhob sich ein junger Bursche, der sich faul auf den Boden einer Hütte niedergestreckt hatte und antwortete in derselben Sprache. Düwell führte nun die Unterhaltung. Zunächst teilte er den Alfuren den Zweck unseres Kommens mit. Wir wollten ihre Sitten und Gebräuche kennenlernen, wollten ihre Waldtiere und die Insektenwelt studieren und Gegenstände, die von der Kunstfertigkeit der Alfuren zeugten, eintauschen.

Diese Gründe erregten eine gewisse Heiterkeit unter den Dorfbewohnern, und ich beeilte mich, diese frohe Stimmung durch kleine Geschenke an die Bewohner zu fördern. Der erwähnte junge Bursche, der sich malaiisch Tebba nannte, und der, wie sich später herausstellte, auf einer Dschunke Matrose gewesen war, schien übrigens von diesen sonderbaren Liebhabereien der Weißen Kenntnis zu haben, denn er gab seinen Angehörigen anscheinend eine ausführliche Beschreibung, die die Lachmuskeln der Alfuren in ununterbrochene Tätigkeit versetzten. Die nachgesuchte Erlaubnis, die Nacht im Dorfe verbringen zu dürfen, wurde uns gern gewährt, wir hätten sogar in einer der Hütten unser Nachtlager aufschlagen dürfen, aber der Schmutz in denselben spottete jeder Beschreibung. Außerdem wollten wir uns auch nicht gleich von vornherein in die Gewalt der Alfuren begeben. – Eine Mahlzeit mußten wir jedoch mit den Leuten gemeinsam einnehmen. Das erforderte hier – wie bei allen Völkern der Welt – die Sitte. Natürlich bildete das Hauptgericht der Trepang. Mit Widerwillen mußte ich einige der langen, dicken, braungebratenen Würmer herunterwürgen, und dabei zwang mich die Höflichkeit gegen meine Gastgeber noch, eine freundliche Miene aufzusetzen. Die Alfuren vertilgten eine ungeheuere Menge dieser Meertiere und konnten sich nicht genug wundern, daß der weiße Mann so wenig davon aß. Auf das Trepanggericht folgte das Vorderteil eines Hirschebers. Die nicht ausgenommenen und natürlich ungewaschenen Eingeweide wurden in rohem Zustande den Weibern und Kindern vorgeworfen, die sich mit einem Wonnegeheul darum balgten. Mir wurde der halbgare Rüssel mit den die Oberlippe durchbohrenden Eckzähnen zuteil, letztere waren das für mich wertvollste an dem ganzen Essen.

Das Mahl zog sich sehr in die Länge. Die Menschen haben ja außer dem Trepangfang gar nichts zu tun. Was sie brauchen, liefert ihnen mühelos der Wald und das nahe Meer. Sie säen nicht und sie ernten nicht und sammeln auch keine Vorräte. Sorgen schien das Völkchen nicht zu kennen. Es könnte in dieser paradiesisch schönen Natur ein Leben wie – nun, wie im Paradiese führen. Es könnte im tiefsten äußern und innern Frieden leben, wenn – es den Nachbarn gefiele. Aber eben diese Nachbarn von nah und fern säen Haß und Zwietracht in die Herzen der Völker. Die Holländer nehmen die Insel als ihr Eigentum in Besitz. Ließen sie die Eingeborenen in Ruhe, so würden diese kaum etwas davon merken, da sie keinen Begriff von der Ausdehnung der Insel haben. Nein! Die glücklichen Wilden müssen »zivilisiert« werden. Tun sie dem Weißen nicht den Willen, dann kommt Militär und knallt sie nieder, wehe dann aber dem Weißen, der den Wilden nachher in die Hände fällt!....

Gegen Abend brach die kleine Gesellschaft auf, um dem Trepangfang obzuliegen. Auf dem Wege zum Meere begegneten wir noch einem Dorfe, dessen Bewohner uns weniger freundlich entgegenkamen. Die Männer schauten uns mit einem haßerfüllten Blicke an und vermieden, wo sie konnten, unsere Nähe. Sie unterhielten sich besonders eifrig mit Tebba, und aus den Mienen des letzteren glaubte ich lesen zu sollen, daß man ihn zu irgendeinem Streiche überreden wollte.

Düwell und Liebert teilten meine Ansicht. Wir kamen überein, uns nicht zu trennen und die Revolver stets schußfertig in den Taschen zu halten. Bis jetzt hatten wir die Waffen noch nicht gezeigt. Nur unsere Büchsen trugen wir zur Schau, und diese zogen die Blicke der Alfuren besonders an.

Auf dem Meere glänzte eine große Anzahl von Fackeln. Der Fang war bereits in vollem Gange, und wir erbaten und erhielten die Erlaubnis, uns mit einem Kanoe unter die Fischer zu mischen, um dem Treiben aus nächster Nähe zuzuschauen.

Unser Erscheinen rief unter den bereits anwesenden Fischern lebhaftes Erstaunen hervor. Sie unterbrachen ihren Fang und trieben ihre Boote, so weit es die Ausleger nur irgendwie gestatteten, an unser Kanoe heran. Jeder leuchtete uns mit seinem Kienspan ins Gesicht. Besonders diejenigen, die als Gelegenheitsarbeiter mit einer Trepangdschunke in die Häfen der Weißen gekommen waren suchten aufmerksam in unsern Zügen nach bekannten Gesichtern. Diese sprachen auch gebrochen Malaiisch. Die erste Frage war immer: »Seid ihr Soldaten? Kommt ihr von den Wolanda?« Tebba gab auf derartige Fragen stets eine Antwort, die ein ungläubiges Staunen auf den Gesichtern der Wilden hervorrief, warum er das mit einer gewissen Voreiligkeit tat, konnten wir im Augenblick nicht ergründen.

Nach der ersten Überraschung kehrten die Alfuren zum Fange zurück. Ich konnte dabei feststellen, daß stets zwei oder drei Männer zu einem Kanoe gehörten und nur für sich fischten. Einer blieb im Boote und leuchtete mit der Fackel, während die andern tauchten. Die Taucher waren mit langen, spitzen Eisenstäbchen, viele auch mit Bambussplittern versehen, mit denen sie die auf dem Meeresgrunde auf Algen lebenden Holothurien aufspießen. Das Tier muß in ungeheuerer Anzahl vorkommen, denn fast in jeder Sekunde tauchte irgendwo ein Kopf auf, der ein gefangenes Stück in sein Boot warf. Wenn man nun bedenkt, daß der Fang allabendlich stundenlang von vierzig Männern betrieben wurde und daß die ganze weite Bucht mit unzähligen Fackeln besäet war, so kann man sich ungefähr einen Begriff von der gewaltigen Masse dieser Seewalzen machen.

Die Holothurien besitzen die Form und Dicke einer großen, bis zu zwanzig Zentimeter langen Wurst. Ihre Haut ist lederartig von grauer, brauner oder schwarzer Farbe, mit braunen Punkten überstreut. Am Maule hängt ein Kranz von Fühlern. Nimmt man ein lebendes Tier in die Hand, so stellt sich nach kurzer Zeit ein Brennen oder Prickeln auf der Handfläche ein, das auf die Ausscheidungen des Tieres zurückzuführen ist. Die Haut der Holothurien enthält nämlich eine ölige Substanz, die sie vor dem Austrocknen schützt, wenn sie beim Sturm auf den Strand geworfen werden. Sie können dann selbst in der heißen Tropensonne eine kurze Zeit leben. Die Holothurie kommt getrocknet unter dem Namen Trepang in den Handel und wird namentlich nach China in großen Mengen ausgeführt. Malaiische Händler holen die Fänge von Zeit zu Zeit bei den Fischern ab und bringen ihnen im Tausch dafür Tabak, Messer und ähnliche Dinge.

Als nach Verlauf einiger Stunden die meisten Kanoes gefüllt waren, beschäftigten sich die Wilden wieder mit uns. Ein Alfure verlangte zu wissen, wo unser Boot versteckt sei. Man wollte es uns einfach nicht glauben, daß wir von einem Dampfer an der Ostspitze der Küste ans Land gesetzt worden seien und den Weg zu dem Alfurendorfe quer durch den Wald gemacht hätten.

Vorsichtshalber nannte Düwell unsern Ankerplatz nicht. Er blieb fest bei der Behauptung, daß unser Besuch nur ein Ausflug sei und daß uns der Dampfer vor Tagesanbruch wieder abholen würde.

»Ob der Dampfer Feuerwaffen führe?«

»Selbstverständlich. Kein Europäerschiff wird die Celebessee ohne Waffen befahren.«

Letzteres konnten die früheren Schiffsknechte bestätigen. Die Nachricht machte sichtlich Eindruck auf die Alfuren des Stranddorfes. Die Kunde von den Rachezügen der Weißen gegen mörderische Stämme war auch bis zu ihnen gedrungen. Sie mußten also gewärtigen, zuerst zur Rechenschaft gezogen zu werden, wenn den Weißen etwas zustieße.

Alle diese Erwägungen ließen sich aus dem Mienen- und Gebärdenspiel der Alfuren, mehr noch aus den gelegentlichen Fragen, leicht entnehmen. Während dieser Debatten schlossen die Wilden den Kreis immer enger um unser Fahrzeug. Ich versuchte zwar durch gelegentliche Ruderschläge der Umzingelung zu entgehen, doch gelang es mir nicht, den Rückweg nach dem Lande offen zu halten. Immer lagen wieder Kanoes vor uns.

Längst schon war ich mit meinen Begleitern übereingekommen, uns der Umklammerung, wenn sie einen bösartigen Charakter anzunehmen drohte, durch Anwendung von Gewalt zu entziehen. Wir befanden uns zwar der großen Zahl der Alfuren gegenüber im Nachteil, hofften aber, sie durch plötzliches Schnellfeuer aus unsern Revolvern solange fernzuhalten, bis wir auf festes Land gelangten. Einmal in den Büschen, waren wir vor Verfolgung ziemlich geschützt. Der Alfure geht nachts nur sehr ungern in den Wald. Er fürchtet Geister, die in einer großen Affenart, die nur nachts auf die Nahrungssuche gehen sollen, verkörpert sind.

Um eine Entscheidung herbeizuführen, ließ ich durch Tebba seine Stammesbrüder fragen, wann sie nach ihrem Dorfe aufzubrechen gedächten, wir wären müde und wollten unser Nachtlager aufsuchen.

Diese unerwartete Frage rief eine Bewegung unter den Wilden hervor. Offenbar mußte der Dolmetscher erst den Rat der Strandbewohner einholen, denn diese riefen und schrien durcheinander, als ob sie den ärgsten Streit auszufechten hätten. Man beruhigte sich auch noch nicht, als Tebba uns die Antwort gab, es sei noch zu früh zur Heimkehr. Man erwarte noch Nachbarn, um mit denen den Fang fortzusetzen.

Düwell gab nun der Bitte Ausdruck, man möge uns allein in das Dorf zurückkehren lassen. In wenigen Stunden müsse der Dampfer hier vor dem Stranddorfe ankommen, und wenn man dann fände, daß die drei weißen Männer nicht geschlafen und gegessen hätten, dann würde der weiße Herr des Dampfers keine Geschenke für die Alfuren zurücklassen.

Wiederum erhob sich ein lebhafter Streit zwischen den Dörflern. Offenbar schwankten sie zwischen der Beraubung unserer Person und der Aussicht auf die Geschenke des weißen Herrn. Letztere schienen besonders der von Tebba vertretenen Partei begehrenswerter. Wahrscheinlich weil sie dabei keine Strafe zu befürchten hatten. Als wir dann aus den Reden und dem Gebärdenspiel schlossen, daß Tebba einen Augenblick lang die Oberhand hatte, riefen wir ihm zu, er möge uns den Weg zum Lande frei machen. Gleichzeitig versprachen wir ihm ein besonders reiches Geschenk.

Diesmal galt sein Ruf den Insassen der beiden Kanoes, die zwischen uns und dem Ufer lagen. Jedes derselben war mit drei Mann besetzt, die ihre Harpunen nicht aus der Hand legten. Eines der Fahrzeuge leistete dem Befehl Folge. Die Insassen des uns am nächsten liegenden Kanoes erhoben aber mit lautem Geschrei Einspruch und suchten das abtreibende Fahrzeug an seinem Ausleger festzuhalten. Diesen günstigen Augenblick ließen wir nicht unbenutzt. Wir drängten unser Boot gegen den Ausleger des andern und schoben dadurch beide Einbäume bis dicht an den Strand. Leider war die Entfernung von unserem Bord über den Ausleger hinweg in das gegnerische für einen Sprung zu groß. Wir hatten nun aber Raum bekommen und uns eine Öffnung in der Kette geschaffen, die es uns ermöglichte, an dem hinderlichen Kanoe entlang in die Dunkelheit abzustoßen.

Dieses Manöver nahm nicht viel Zeit in Anspruch. Jedenfalls stritt Tebba noch lebhaft mit den andern herum, als wir schon aus dem Bereiche der Fackeln auf den Strand fuhren. Mit wenigen Sätzen hatten wir den Saum der Küste erreicht und nun liefen wir, so schnell uns die Füße trugen, ostwärts.

Wir kamen nicht sehr weit. Eine zerrissene Felsenzunge setzte unserem Marsche ein Ziel und wir waren nun gezwungen, in dem nächtlichen Dunkel einen Schlupfwinkel zu suchen, der uns bis Tagesanbruch Schutz vor den Verfolgern bieten konnte. Diese waren natürlich auch nicht untätig gewesen. Die regellos über die Wasserfläche schwankenden Lichter zeigten uns, daß man uns auf dem Meere suchte. Andere Feuerbrände erleuchteten den Wald landeinwärts, in der Richtung auf das Dorf unserer Gastgeber, während einige wenige dem Küstensaum folgten.

Liebert war es gelungen, auf dem Rücken des in das Meer hineinragenden Grates festen Fuß zu fassen. Er bot mir die Hand und zog mich mit der Unterstützung Düwells zu sich empor. Düwell selbst mußte jedoch Schutz in der Brandung suchen, denn in diesem Augenblick näherten sich die Alfuren unserm Versteck. Wir konnten im Scheine der Fackeln deutlich die zornigen Gesichter unterscheiden und waren uns nicht mehr darüber im Zweifel, daß wir es mit Feinden zu tun hatten.

Den Finger am Drücker, lagen wir, fest an den Stein geschmiegt, in atemloser Spannung. Das Licht der Fackeln irrte suchend über Buschwerk und Stein. Traf es uns, dann mußten uns unsere hellen Kleider den Gegnern verraten. Dann kam es wohl darauf an, wer schneller war, die Harpune oder die Kugel.

Die Alfuren schienen uns indessen im Busche zu vermuten. Sie sammelten sich vor einer bestimmten Stelle und ließen das Licht vor dem Dickicht hin und her laufen. Dabei entfuhren ihnen kurz abgehackte gellende Schreie, die von fern erwidert wurden. Einer der Wilden hob seinen Speer, zielte eine Sekunde und schleuderte ihn, unter dem erwartungsvollen Schweigen der Umstehenden, mit gewaltiger Kraft in die Dornen. Die Wirkung war für alle verblüffend. Ein Krachen und Brechen folgte dem Wurf und wie aus einer Kanone geschossen, flog ein gewaltiges Krokodil mitten zwischen die nun laut aufschreienden Wilden. Wie vom Sturme weggefegt, flohen sie in langen Sätzen ihrem Dorfe zu, und noch lange hörte man die gellenden Schreie.

Das Reptil hatte die Lanze, dicht über dem linken Vorderfuß, tief im Körper stecken und lag, wütend mit den gewaltigen Kiefern schnappend, den hellbrennenden Fackeln gegenüber. Auf der Flucht hatten die entsetzten Alfuren diese dem Krokodil entgegengeschleudert, um es von der Verfolgung abzuhalten.

So willkommen uns das Dazwischentreten des Reptils auch war, so setzte es uns doch in bange Sorge um unsern Kameraden. Weit konnte er nicht sein. Kam er, durch den Abzug der Wilden ermutigt, jedoch in nächster Nähe des Krokodils aus seinem Versteck, so lief er ernste Gefahr, die Beute des gereizten Tieres zu werden.

Wir entschlossen uns zu rufen. Erst mit gedämpfter Stimme. Dann, die Brandung übertönend, lauter. Wir erhielten Antwort. Über die Richtung konnten wir uns jedoch nicht einigen, und da nun immer dringender unverständliche deutsche Worte von der frischen Morgenbrise auf unsere hohe Warte getragen wurden, entschloß sich Liebert, den Kameraden zu suchen. Daß er dabei in die Nähe des Krokodils geriet, hielt ihn nicht ab. Er verließ sich auf seine Gewandheit und noch mehr auf seine gute Büchse.

Mit drei Sätzen stand er unten. Beim Geräusch des Aufspringens auf den Sand hatte sich das Reptil mit einem schnellen Ruck bis zum halben Leibe in die Brandung vorgeschnellt. Dort blieb es liegen und schnappte mit den scharf bewehrten Kinnladen wütend um sich, während der Schweif den Sand hoch aufpeitschte.

Düwell hatte sich, in einer Höhlung des Felsens bis zu den Knien in der Brandung stehend, vor den Alfuren in Sicherheit gebracht. Der enge Raum hatte jedoch nur den einen Zugang, und als er diesen nun plötzlich durch den Körper des Ungeheuers gesperrt fand, rief er um Hilfe. Die Rufe trafen rein zufällig mit den unsern zusammen.

Es wäre jedem von uns nur ein leichtes gewesen, dem Krokodil mit einer Kugel den Garaus zu machen. Der Schuß verriet den Alfuren dann aber unsern Schlupfwinkel. Das mußten wir schon deshalb vermeiden, weil wir bei dem ungewissen Lichte der klaren Tropennacht keinen unbedingt sichern Schutz in unsern Feuerwaffen sahen. Ein genaues Zielen war nicht möglich und unsere Sicherheit gegenüber der großen Anzahl der Alfuren bestand nur in guten Treffern.

Liebert glaubte, daß das ernstlich verwundete Reptil dem Krepieren nahe sei und versuchte, es durch Steinwürfe zur Flucht in das Meer zu veranlassen. Er täuschte sich jedoch in der Zählebigkeit desselben. Ehe er es sich versah, hatte es kehrt gemacht und rannte mit einer Schnelligkeit über den Sand, die auf die Dauer jedenfalls dem Gefährten verderblich geworden wäre. Dieser kannte aber aus seiner langen Dienstzeit in der Wildnis die Schwächen der Krokodile. Nach einem kürzeren Laufe in gerader Richtung, sprang er die etwas erhöhte Uferbank hinauf und kehrte auf demselben Wege zum Ausgangspunkt zurück. Den Augenblick hatte Düwell benutzt, um sich aus seiner höchst ungemütlichen Lage zu befreien. Mit einem lauten Rufe der Erleichterung reckte er seine »eingeschlafenen« Glieder und stampfte mit den Füßen den Sand, um den Blutumlauf wieder herzustellen.

Liebert kam unterdessen zurück und drängte nun in uns, den Felsen zu überklettern und uns der Küste entlang zu unserm Boote durchzuarbeiten. Der Tag war nicht mehr fern, und wenn die Alfuren mit den ersten Sonnenstrahlen den vorgeschwindelten Dampfer nirgendwo auf der weiten Wasserfläche entdeckten, würden sie ernstlich zum Angriff übergehen. Diese Gründe leuchteten uns ein. Die Überkletterung des Felsengrates erwies sich indessen viel schwieriger, als es in der Dunkelheit den Anschein hatte. Der Rücken setzte sich aus einer ununterbrochenen Reihe scharfer Zacken zusammen, die oft mehrere Meter steil abfielen und uns gefährlich werden konnten. Wir sahen bald ein, daß ein Abstieg nach der andern Seite nur bei vollem Tageslicht möglich war.

Die Stunde bis zum Anbruch des Tages kam uns wie eine Ewigkeit vor. Das untätige Warten, die schon durch den anstrengenden Tagesmarsch ermüdeten Glieder und das ewige Einerlei der Brandung riefen eine derartige Sehnsucht nach einem kurzen Schlaf hervor, daß wir förmlich Gewalt anwenden mußten, um uns wach zu halten.

Da – mit einem Schlage wich die Nacht dem Tageslicht! Mit dem ersten Strahl des aus dem Ozean steigenden Sonnenballes erwachte das Tierleben des Waldes. Die gefiederten Sänger schmetterten ihr Liedchen zu Gottes Lob und Preis in den klaren Morgen und muntere Delphine trieben ihr keckes Spiel in der goldüberhauchten weiten Bucht.

Wir erhoben uns, um den Abstieg zu beginnen. Gewohnheitsmäßig ließ ich den Blick über die nächste Umgebung schweifen und entdeckte nun in dem hohen Schilfe eines entfernteren Sumpfes eine ungewöhnliche Bewegung. Das Schilf neigte sich nicht, wie es beim Durchgang eines Tieres der Fall zu sein pflegt, nach einer bestimmten Richtung, sondern an mehreren Stellen zugleich und unregelmäßig.

Düwell, der meinem Blicke gefolgt war, rief plötzlich: »Ha – eine Lanzenspitze. Achtung! Jetzt geht's los!«

Liebert, der etwas höher stand, erkletterte vollends den höchsten Zacken und zählte nun mit lauter Stimme die Speere, die sich von dem glänzenden Bronzeton des Schilfes abhoben.

»Düwell!« rief er herunter, »wie weit schätzest du die Entfernung, tragen die groben Schrote bis dahin?«

»Gewiß, Liebert, versuche es nur einmal. Den Effekt werden wir dann rasch wahrnehmen!«

»Nein, nein, Leute! Schießt noch nicht, wir wissen noch nicht, ob die Alfuren uns angreifen werden!« wehrte ich ab.

»Da kennen Sie diese Wilden schlecht!« rief Düwell. »Wir Soldaten haben da mehr Erfahrung. Entschuldigen Sie den Widerspruch, aber es geht jetzt auch um unsern Kopf! Gib es ihnen, Liebert!«

Vier Schrotschüsse gossen ihre Ladung in den Schilfbruch und entfesselten dort ein wahrhaft höllisches Wutgeheul. Überall tauchten die schwarzbraunen Leiber der Alfuren auf und suchten in wilden Sprüngen das Dornengestrüpp zu durchdringen, um ihre Speere und Pfeile auf uns schleudern zu können.

Ich beteiligte mich nun auch an dem Feuer auf die regellos durcheinanderlaufenden Wilden, die sich der vielen kleinen Kugeln nicht zu erwehren vermochten. Um freieren Überblick zu haben, hatten wir uns aufrecht auf die Zacken gestellt und sandten ruhig, wie nach der Scheibe, eine Schrotladung nach der andern in das Schilf. Das Echo der Schüsse verhundertfachte sich in den Urwäldern und rief den Eindruck einer rollenden Salve hervor.

Da plötzlich gellte ein einziger, furchtbarer Schrei durch den Busch. Wir sahen die Alfuren mit allen Zeichen der Angst davonlaufen, und ehe wir uns noch von unserm Staunen erholt hatten – hallte der dumpfe Ton einer Dampfsirene über die Bucht.

Ein Dampfer!

Verwundert schauten wir uns an. Äffte uns ein Spuk? –

»Das ist ja unser Truppenschiff! Richtig, heute wird der 1. Oktober sein. Der kommt mit der Ablösung von Gorontalo. Hurra, jetzt geben wirs den Wilden!« schrien Liebert und Düwell, indem sie lebhaft mit den Hüten winkten.

Wieder rollte der Sirenenton über den Wasserspiegel und grollte dröhnend unter den Waldbäumen weiter. Dann sahen wir, wie das Schiff die Fahrt hemmte und langsam gegen die Küste trieb.

»Nun, wenn das kein Zufall ist...« rief Liebert aus. »Gestern redeten wir uns auf einen Dampfer aus, der uns abholen würde und nun ist er auch wirklich da.«

»Allerdings ist das ein Zufall, mehr noch, eine Fügung des Himmels,« erwiderte ich, »denn wer weiß, wie das Abenteuer abgelaufen wäre, wenn diese unerwartete Hilfe nicht so recht zur gewünschten Zeit eingetroffen wäre.«

Der Dampfer erwies sich tatsächlich als ein Truppentransportschiff, das alle sechs Monate die verschiedenen Truppendetachements in gefährlichen Bezirken ablöst. Das Deck wimmelte von Soldaten, die alle nach den drei Europäern herüberschauten, die ein so anhaltendes Salvenfeuer – wie sich einer der Fahrgäste später ausdrückte – abgaben.

Eine Verständigung durch Rufen war nicht möglich. Man setzte daher ein Boot aus, das mit einem Offizier und sechs Matrosen bemannt, sich vorsichtig dem Felsen näherte. Als es in Rufweite herangekommen war, zeigten wir dem Steurer die Landungsstelle und kletterten an den Strand, um die Retter zu empfangen. Bei dieser Gelegenheit hätte Liebert um ein Haar doch noch mit dem Krokodil nähere Bekanntschaft gemacht. Es lag immer noch in dem Buschwerk und schnappte wütend um sich. Zum Angriff fehlte ihm indeß die Kraft.

Ich mußte nun vor allen Dingen dafür sorgen, daß der Offizier über die Anwesenheit meiner beiden Begleiter, die ihm bekannt waren, aufgeklärt wurde. Sie konnten sich zwar selbst über ihre Abkommandierung ausweisen, aber es lag mir daran, auch meine Berechtigung zu dieser Expedition nachzuweisen. Zu dem Zwecke mußten wir aber zu unserm Zelte zurückkehren. Ich stellte auch eine dahinlautende Bitte, aber der Offizier durfte das nicht ohne bestimmten Befehl zugeben. Ihm lag zunächst an der Bestrafung der Alfuren, die sich tätlich an Weißen vergriffen hatten. Das läßt die Regierung nicht ungeahndet hingehen. Auf seine Einladung, im Befehlston gegeben, fuhren wir nach dem Dampfer hinüber. Dort nahm uns ein Oberst in Empfang, der meinen Bericht mit regem Interesse anhörte. Es tat ihm sichtlich wohl, als ich die Tapferkeit seiner beiden Soldaten besonders unterstrich und ausdrücklich betonte, daß das Gelingen unserer Flucht nur der Kaltblütigkeit der beiden Begleiter zuzuschreiben sei.

Nach einem kurzen Kriegsrat hieß es, man wolle landen und die Dörfer der Alfuren niederbrennen. Wenn möglich, solle auch der eine oder der andere gefangen genommen werden, damit er in Menado vor ein Kriegsgericht gestellt würde. Als ich von diesem Beschluß Kenntnis erhielt, verwendete ich mich für das Dorf unserer Gastgeber, dessen Einwohner meiner Überzeugung nach nicht an dem Überfall beteiligt waren. Der Oberst gab nur widerstrebend meiner Bitte Gehör. Nach seiner Ansicht könne man gar nicht genug von dem räuberischen Gesindel ausrotten.

Gern hätte ich dem Manne eine Antwort auf diese menschenfreundlichen Ausführungen gegeben, allein es wäre ebenso nutzlos wie unklug von mir gewesen. So zog ich vor, meine Gedanken für mich zu behalten.

Der Dampfer lief langsam vor das Stranddorf. Bevor er die Feindseligkeiten eröffnete, ließ er die Dampfsirene ertönen, um die Alfuren womöglich aus ihren Verstecken herauszulocken. Diese hielten sich jedoch sämtlich versteckt. Das Dorf, in dem es vor wenigen Stunden noch wie in einem Ameisenhaufen wimmelte, schien ausgestorben. Selbst die Frauen und Kinder waren geflohen.

Ein Offizier wurde mit zehn Bewaffneten an das Land gerudert. Ihm war das Heldenstück zugemutet worden, ein Dorf wehrloser Wilder vom Boden zu vertilgen. An der Art, wie er dieses Kommando aufnahm, sah ich, daß er seiner Aufgabe gründlich gerecht werden würde. Er war ein Belgier!

Beim Betreten des Strandes schickte er seine Leute rechts und links in die Dornenumwallung. Mit vier Mann begab er sich selbst, Revolver in der Faust, in die erste Hütte. Als er dort nichts Lebendes vorfand, wurde er kühner und dehnte seine Untersuchung auf noch vier oder fünf weitere Hütten aus. Damit hatte er der Vorschrift, Frauen und Kinder vor dem Niederbrennen aus dem Dorfe zu entfernen, Genüge geleistet. Er setzte seine Signalflöte an die Lippen und gab das Zeichen zum Anzünden der Hütten und ihrer undurchdringlichen Umwallung.

Hui, wie das aufflammte! In wenigen Sekunden fraß die gierige Flamme das ausgedörrte Buschwerk, von der leichten Morgenbrise angefacht, raste der Brand über die Ansiedlung. In das Knattern der Schilfstangen mischte sich das Angstgeheul der von ihren Brutplätzen vertriebenen Tiere. Dichter Qualm lagerte sich auf dem Strand und hüllte bald die Stätte des Strafgerichtes in eine dicke, undurchsichtige Wolkenwand. Die Hitze steigerte sich derart, daß der Dampfer seinen Standort um einige hundert Meter weiter in die See verlegen mußte.

»Zum Henker, wo bleiben denn die Soldaten?« wetterte der Oberst, als er bemerkte, daß die Feuersbrunst gewaltige Dimensionen anzunehmen begann. »Der Leutnant wird doch nicht die Unklugheit begangen haben, die landeinwärts gelegenen Dörfer auch niederzubrennen!«

Der Dampfer ließ die Sirene ertönen. Ein Hornist blies das Signal zum Rückzug. Vom Lande her kam jedoch kein Lebenszeichen. – Plötzlich löste sich ein heller Schein aus dem weißblauen Qualm. Drei aneinandergebundene Kanoes trieben brennend auf den Dampfer zu.

»Gebt acht, Leute, daß uns die Brander nicht längsseit kommen. Sie können uns gefährlich werden. Herr Oberst, ich muß noch weiter nach See zu dampfen. Hier laufen wir Gefahr zu verbrennen!« rief der Kapitän dem Kommandeur der Truppen zu.

Dieser lief aufgeregt auf Deck hin und her. Von Zeit zu Zeit streifte mich ein böser Blick, gleichsam als wolle er mich für seine Anordnungen verantwortlich machen.

Das Feuer war inzwischen den Strand entlang gelaufen und hatte fast den Felsen erreicht, auf dem wir die Nacht verbrachten. Der Schilfbruch, in dem ich die Alfuren vermutete, war noch unversehrt. Jeden Augenblick mußten die Flammen ihn erreichen und ich bedauerte die zahlreichen Vierfüßer, die in dem schützenden Sumpfe ihre Lagerstätte zu suchen pflegten.

Da erscholl ein Knattern, wie wenn eine Truppe Schnellfeuer gibt. Der Oberst flog förmlich auf die Brücke. Er bebte an allen Gliedern. Mit heiserer Stimme rief er nach seinem Major.

»Wer zum Henker hat dem Leutnant Befehl gegeben, mit der Waffe anzugreifen? Wie kann er sich auf ein Feuergefecht einlassen? Nieder mit den Booten. Sofort landen noch zwanzig Mann...«

Das Knattern dauerte an. Der Major rannte an mir vorüber, um den Befehl seines Vorgesetzten auszuführen. Bevor aber noch die Boote aus ihren Lagern gehoben waren, trat ich an ihn heran, und sagte ihm, daß das Knattern nicht vom Gewehrfeuer, sondern von der Explosion der einzelnen Schilfrohrstangen herrühre. – Er starrte mich an, als ob ich verrückt geworden sei:

»Mein Herr, lehren Sie uns nicht das Knattern der Gewehre kennen, wir haben Erfahrung darin.«

Damit ließ er mich stehen. Achselzuckend trat ich zu Liebert, der sich von einem Deckstuhl aus die Feuersbrunst in aller Ruhe ansah.

»Was halten Sie von der Abteilung, die dort drüben so barbarisch gehaust hat?« fragte ich ihn.

»Nicht viel,« erwiderte er. »Die müssen besonderes Glück haben, wenn die dieses Schiff nochmal betreten.«

»Wieso?«

»Nun, das ist doch klar, daß die den Alfuren in die Fänge geraten sind. Ich glaube kaum, daß man sie dort allzu zärtlich behandeln wird. Übrigens...«

Ein langer, entsetzlicher Schrei, dem ein wildes Geheul folgte, unterbrach die Rede meines Begleiters, vom Sumpfe her ertönte unaufhörlich das Knattern der Schilfstangen. Je weiter das Feuer um sich fraß, desto dicker wurde die Wolke, die sich wie eine Nebelbank vor den Strand legte...

Wir waren alle erschrocken aufgesprungen und lehnten an der Reling, um möglichst einen Blick nach dem Orte zu gewinnen, an dem sich soeben ein Drama – wie es bei der Kolonialarmee oft genug vorkommt – abspielte. Die Wolke verhinderte jedoch jede Fernsicht. Im Gegenteil, in dem feuchten Buschwerk, das den Sumpf umgab, nahm der Qualm eher zu. In dicken Türmen stand er vor dem Walde und drohte auch die Wipfel der Riesenbäume in seinen Bann zu ziehen.

Die Soldaten waren unterdessen in ihre Boote gegangen. Der dort als Befehlshaber fungierende Leutnant sah sich ratlos um und wußte nicht, wohin er sein Fahrzeug lenken sollte, um den Strand an geeigneter Stelle zu erreichen.

»Düwell, Liebert!« donnerte da die Stimme des Obersten. »Könnt ihr mit einem Boote umgehen, könnt ihr steuern?«

»Nein, Herr Oberst!« antworteten beide wie aus einem Munde.

»Aber ich kann es, Herr Oberst!« rief ich. »Wenn Sie mir die Führung des Bootes anvertrauen wollen, so bringe ich Ihre Leute in den Rücken des Feuers und damit vielleicht auch zu den andern Soldaten, wir haben ohnehin unser Zeltlager noch drüben im Walde. Das müssen wir auf alle Fälle holen.«

Der Oberst sah mich mit einem Blicke an, als wollte er mich erwürgen. Er besprach sich aber doch mit den Offizieren und knurrte dann:

»Nun denn, wenn Sie helfen wollen, sei es Ihnen unbenommen. Das Kommando führt natürlich der Herr Leutnant. Um Ihre Privatsachen können wir uns jedoch nicht kümmern.«

»Das ist auch nicht nötig, Herr Oberst. Ich bitte nur, uns an Bord zu nehmen, wenn ich mit meinen Begleitern und unserm Gepäck in einem Kanoe an das Schiff komme. Etwa zwei bis drei Meilen an der Küste aufwärts wird der Kapitän eine kleine holländische Flagge sehen. Dort werden wir zu finden sein.«

In dem Boote angekommen, setzten wir sogleich das Segel und steuerten jenem Einschnitt zu, den wir vorgestern für unsere Landung gewählt hatten. Bis dorthin hatten die Flammen ihren Weg noch nicht gefunden. – Da ein tieferes Eindringen in die kleine Bucht wegen der Mangroven nicht möglich war, überließ ich es dem Ermessen des Offiziers, ob er uns bis zu unserm Zelte folgen, oder hier an Ort und Stelle den Marsch zu dem vermuteten Aufenthaltsorte seiner Kameraden beginnen wollte.

Er wählte das letztere. Mit dem guten Rate, sein Boot von ein paar Mann bewachen zu lassen, trennten wir uns von ihm.

Wir beeilten uns, den Weg bis zu der Einmündung des Flusses so rasch als möglich zurückzulegen. Je früher wir unsere Habe an die Küste schafften, um so weniger liefen wir Gefahr, mit den Alfuren zusammenzutreffen. Die jüngst in das Dickicht geschlagene Lücke tat uns dabei vortreffliche Dienste. Der, wenn auch wieder verwachsene Pfad bot nur wenig Hindernisse und, was besonders ins Gewicht fiel, er ermöglichte uns ein geräuschloses Vordringen.

Den Soldaten gelang das nicht. Die Schläge ihrer schweren Buschmesser dröhnten laut durch den Wald und mußten den Alfuren die Annäherung der Truppe schon auf weite Entfernung hin melden.

Meine beiden Begleiter schüttelten die Köpfe über diese Art des »Anschleichens«. Düwell gab seiner Verwunderung darüber offen Ausdruck:

»Fast glaube ich, daß der Leutnant aus lauter Angst einen solchen Lärm macht,« sagte er. »Es geht ihm ähnlich wie den Buben, die sich im Dunkeln fürchten und deshalb pfeifen, wenn er aber glaubt, die Alfuren dadurch einzuschüchtern, dann täuscht er sich. Er erreicht gerade das Gegenteil.«

»Was kümmert es uns?« warf Liebert ein. »Mag er Erfolg oder Mißerfolg haben, wir sind diesmal zum Glück nicht beteiligt, wenn wir nur unser Gepäck glücklich auf den Dampfer retten und uns dazu, dann bin ich zufrieden.«

»Ja – wenn...!«

Nach halbstündigem Marsch schimmerte die graue Leinendecke des Zeltes durch die Büsche. Allem Anscheine nach war diese Gegend von den Alfuren bis jetzt noch nicht besucht worden. Immerhin hieß es vorsichtig sein. Ich veranlaßte meine Gefährten, sich ebenfalls platt auf den Boden zu legen und ruhig und aufmerksam auf alles zu achten, was um uns her vor sich ging. Nur so konnten wir einem Hinterhalte entgehen.

Lautlose Stille umgab uns. Nur das Plätschern des nahen Flusses und das gelegentliche rauhe Krächzen eines Huhnes unterbrach die tiefe Ruhe. Drüben am andern Ufer der Bucht, neben unserm Kanoe, ruhten zwei Krokodile, den Rachen weit aufgesperrt, unbeweglich im Rohr. Ein bunter, spechtartiger Vogel bearbeitete emsig das modernde Laub auf der Suche nach Insekten...

So vergingen etwa zehn Minuten. Ein Knacken in den Büschen zu unserer Linken ließ uns den Griff unserer Revolver fester umklammern. Gespannt lauschten wir auf das sich vorsichtig nähernde Geräusch. Da – ein dunkler Schimmer überflog das matte Weißgrün der Dornenbüsche. Noch eine Minute. Dann trat ein Wildschwein in ruhigster Gangart aus dem Unterholz und trabte dem Flusse zu. –

»In dieser Gegend sind wir vor den Wilden sicher,« sagte Liebert, indem er sich erhob. »Das Schwein wäre sonst nicht so unbesorgt durch den Busch getrottet. – Nun rasch, benutzen wir die Zeit und suchen wir bald an den Strand zurückzugelangen. Ich habe so eine Ahnung...«

»Aber Liebert!« fiel Düwell ihm lachend ins Wort, »seit wann arbeitest du denn mit Ahnungen? Wenn du schon abergläubisch bist, dann sei es lieber nach der frohen Seite. Du kennst doch den Spruch: ›Begegnet dir eine Sau, so hast du Glück. Je größer das Schwein, um so größer das Glück‹.«

»Meinetwegen auch das, Düwell. Aber trotzdem wäre ich lieber an Bord als hier in dem vertrackten Wald.«

In kaum einer Viertelstunde waren unsere Packen geschnürt. Schwieriger gestaltete sich das Verstauen in den Einbaum. In seiner unmittelbaren Nähe lagerten drei Krokodile halb auf dem Ufer der Bucht. Drei andere bewachten das Kanoe von der Wasserseite aus. – Liebert näherte sich dem Ufer und versuchte die Bestien durch ein paar hingeworfene Äste zu verscheuchen. Er erreichte damit aber nur das Gegenteil seiner Absicht. Die Krokodile schoben sich noch weiter auf den Strand.

»Herrgott, Burschen, wenn ich schießen dürfte, wäret ihr bald erledigt. Gibt es denn gar kein Mittel, diese Bestien ins Wasser zu jagen?« rief er zornig aus.

»Werfen Sie ihm das Messer in den Rachen, Liebert!« rief ich. »Wenn Sie ihn gut treffen, genügt das auch schon.«

»Recht so! Düwell, schnell ein Beil her! – So – jetzt paß' auf, du Ungeheuer!«

Liebert trat einen Schritt zurück, holte weit aus und warf das Beil mit seiner Bärenkraft dem einen Krokodil in die Weichen. Kaum war das geschehen, da rauschte das Schilf. Das Wasser spritzte hoch auf und wogte dann auf und nieder, als wäre ein Sturm darüber gebraust. Aufsteigende Blasen und blutiger Schaum zeigten die Stelle, wo das Tier im Versteck lag.

»Nun schnell fort!« trieb Liebert, als wir das Kanoe beladen in die Mitte der Bucht schoben, »Wir haben alle darin Platz,« fügte er hinzu, als sich Düwell entschloß, zu Fuß vorauszueilen.

In dem Strome des Flußwassers trieb das Kanoe rasch vorwärts. Ein Gewirr dicht verschlungener Zweige, das uns oft zwang, uns auf die Bordwand zu bücken, bildete kaum ein Hindernis für das kleine Fahrzeug. Erst als die Mangrovenbüsche die unbedingte Herrschaft des Seewassers anzeigten, verlangsamte sich die Fahrt. Wir mußten nun mit Stangen arbeiten und uns teils durch Schieben, teils durch Rudern durch das Wurzelwerk hindurcharbeiten.

Mitten in dem Mangrovenhindernis hörten wir plötzlich von dem Meere her den dumpfen Ton der Dampfsirene.

»Nanu, der wird doch noch nicht abdampfen?« rief ich, indem ich mich bemühte, einen Blick durch das dichte Blätterwerk auf die See zu gewinnen.

»Sicher nicht!« erwiderte Liebert. »Das Signal treibt uns wohl nur zur Eile an. Seine Soldaten können doch auch noch nicht an Bord sein.«

Trotzdem arbeiteten wir aber mit verdoppeltem Eifer. Wir hieben wie rasend in die hindernden Luftwurzeln und erreichten endlich das offene Wasser, als wieder ein langgezogener Sirenenton über den Strand tönte.

»Wahrhaftig, die Soldaten sind bereits an Bord!« rief Düwell, der ein Stück vorausgelaufen war. Hier lag das Boot – es ist fort!«

»Da soll denn doch....! Vorwärts, Leute, schnell an den Strand. Die dürfen uns hier nicht sitzen lassen!« schrie ich: »Laufen Sie voraus, Düwell, und geben Sie ein Zeichen, daß wir kommen.«

Düwell gab sich alle Mühe, die Aufmerksamkeit des Dampfers auf uns zu lenken. Er schrie und winkte... Auch Liebert, der ebenfalls aus dem Kahn gesprungen war, tat sein Bestes, um die Kameraden an Bord auf uns aufmerksam zu machen ... vergebens! Mit voller Fahrt verließ der Dampfer die Bucht, ohne sich um uns weiter zu bekümmern.


 << zurück weiter >>