Ferdinand Emmerich
Streifzüge durch Celebes
Ferdinand Emmerich

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Fünftes Kapitel.

Es waren keine Segenswünsche, die wir dem Kapitän und dem Oberst nachsandten, als wir uns verlassen und verraten sahen, verlassen in nächster Nähe einer wilden, grausamen Bevölkerung; in einem Urwald, aus dem ein Entrinnen ein Wunder genannt werden mußte.

Der Eindruck, den diese Schurkerei eines deutschenhassenden Belgiers auf uns machte, war niederschmetternd. Besonders Lieberts Gesicht hatte eine Leichenfarbe angenommen. Seine Augen schienen wie verglast. Hörbar schlugen die Zähne aufeinander.

Düwell machte seinem Zorn in den gräßlichsten Verwünschungen Luft. Er schwur dem Obersten blutige Rache, drohte mit den schwersten Anklagen – und wußte kaum, ob er jemals diesen Ort verlassen könnte.

Mich empörte die Handlungsweise der Schiffsbemannung ebenfalls auf das höchste. Ich empfand aber bald, daß wir damit unsere Lage nicht um ein Haar verbesserten. Es galt jetzt zu handeln, und zwar sofort! Es blieb uns wohl die Hoffnung auf den aus dem Süden, aus der Boni-Bucht, zurückkehrenden Dampfer, der uns hier abgesetzt hatte, aber der konnte noch vierzehn Tage ausbleiben. So lange durften wir auf keinen Fall hier liegen bleiben. Die Alfuren würden uns bald aufgespürt haben. Und dann?

Diese Worte hatte ich meinen Kameraden zugerufen, und nun bat ich sie, die Lage ruhig mit mir zu besprechen. Aus dem Studium der Karte wußte ich, daß uns ein Weg von etwa sechzig bis achtzig Kilometern von der Nordküste der Insel trennte. Allerdings lag zwischen dieser Bucht und jener Küste ein unerforschtes, vulkanisches Gebirge, dessen Übergang, soviel die beiden Soldaten wußten, noch nie versucht worden war. Düwell, der lange in Kwandang in Garnison war, glaubte gehört zu haben, daß eben jene Berge von wilden Völkern bewohnt seien, an die sich die holländische Regierung bis jetzt noch nicht herangewagt hatte.

»Und östlich? Der Küste entlang?«

»Alfuren, und wieder Alfuren!« rief Liebert. »Dort kommen wir nicht weit.«

»Nun, dann versuchen wir das Gebirge zu überschreiten. Schlimmeres, als uns hier bevorsteht, kann uns dort auch nicht passieren, wer weiß, ob die Wilden dort oben nicht menschenfreundlicher sind, als der verd– Belgier.«

Lange berieten wir noch hin und her. Endlich entschlossen wir uns schweren Herzens, den Marsch über das Gebirge anzutreten, wir wollten dem Flusse folgen, an dessen Ufern wir unser Zelt aufgestellt hatten. Ehe wir den Weg durch die kleine Bucht zum dritten Male antraten, befestigten wir eine Flasche unter der kleinen Flagge. Sie enthielt in kurzen Worten eine Anklage gegen den Oberst sowie die Marschrichtung, zu der wir uns entschließen mußten. Man wußte dann wenigstens, was aus uns geworden war, wenn wir nicht nach Menado zurückkehrten. – Ein schwacher Trost!

Ungefährdet erreichten wir die Flußmündung. Als wir die friedliche Stille des Waldes auf uns einwirken fühlten, machte sich ein starkes Schlafbedürfnis geltend. Mechanisch verrichteten wir die notwendigen Handreichungen, um das Gepäck aus dem Einbaume auf das Land zurückzubringen, wir taumelten schlaftrunken der Stelle zu, wo das Zelt gestanden....

Liebert warf sich neben seinen Rucksack:

»Ich kann nicht mehr. Ich muß schlafen. Nur eine einzige Stunde! Und wenn ich denn wirklich in diesen Wäldern mein Leben beschließen muß – dann, o Herr, bitte gleich hier – im Schlafe.«

Ich öffnete bereits die Lippen, um ihm Mut zuzusprechen, als unvermittelt ein lautes, dumpfes Krachen, dem ein matter Donner folgte, durch den Wald dröhnte. Mit einem gewaltigen Satze war Liebert wieder auf den Beinen, und beide fragten hastig nach der Ursache dieses Lärms.

Lachend erwiderte ich:

»Dasselbe Geräusch hat auch mir einmal in Südamerika den Schlaf vertrieben. Einer der gewaltigen Urwaldbäume hat soeben sein vielhundertjähriges Leben beendet. Er ist zusammengestürzt, um neuem Leben Raum zu schaffen.«

»Auch mir ist der Schlaf vergangen,« sagte Liebert. »Ich möchte jetzt aber fort von hier, weiter hinein in den Wald ....«

»Lassen wir das Kanoe hier?« wollte Düwell wissen.

»Ich halte es für besser,« sagte ich. »wenn die Alfuren wirklich noch Spuren suchen sollten, so wird sie das Auffinden des Einbaumes in den Glauben versetzen, wir seien mit dem Dampfer abgefahren. Außerdem wüßte ich auch nicht, wozu uns das Kanoe noch nützen kann. Der Fluß kommt aus den Bergen und wird kaum befahrbar sein.«

»Wie Sie meinen,« erwiderte Düwell. »Wenn wir an eine Lagune oder gar einen See kommen sollten, wären wir froh um das Fahrzeug. Ich habe solche Fälle schon erlebt.«

»Hm, wenn es uns nur nicht gar zu sehr aufhält, wir müssen beweglich bleiben. Kommen wir an eine Stromschnelle oder stoßen wir nur an einen größeren Stein und das Kanoe kentert, dann ist unser Gepäck verloren ...«

»Ja, es gibt Gründe für und wider,« sagte nun Liebert, »lassen wir das Ding nur ruhig hier liegen und brechen wir auf, denn die Nacht ist nicht mehr fern, und die möchte ich nicht gern hier in der Nähe zubringen.

Wir begannen nun einen Marsch, an den ich noch lange, lange nachher mit Grauen gedacht habe. Dem linken Flußufer aufwärts folgend, liefen wir schnellen Schrittes durch den Wald, der hier einem gewaltigen Dome glich. Die schlanken, bis dreißig Meter astlos in die Höhe strebenden Stämme vereinigten ihre Kronen zu einem dichten Blätterdache, das ein mystisches Halbdunkel schuf, unter dessen Wirkung jedes Unterholz unterdrückt wurde. Solange noch ebener Boden vor uns lag, spürten wir die Last unseres Gepäcks nicht sonderlich. Auch trug der weiche Laubteppich viel dazu bei, uns das Ungewohnte der Traglasten vergessen zu machen. Gar bald aber drang das Rauschen eines Wasserfalles an unser Ohr, das uns als Vorbote des Gebirges unangenehm berührte. Große Steine traten nun aus vereinzelten Dornenbüschen heraus. Die Ufer des Flusses brachten großblätterige Schlingpflanzen und saftiges Gras, und allmählich machte sich das Zusammenwirken von Sonne und Wasser in einem üppigen Pflanzenwuchs bemerkbar.

Da die meisten tropischen Buschgewächse mehr oder minder stachelbewehrt sind, zwang uns die Vegetation zu oft größeren Umwegen. Aus leicht begreiflichen Gründen wollten wir das Durchschlagen der Gesträuche vermeiden. Dadurch gerieten wir erst in einen sumpfigen Teil des Waldes und, diesen umgehend, in eine Steppe, die mit meterhohem Grase bestanden war. Von dem Wasserfalle hörten wir hier nichts mehr.

Mitten in diesem Grasmeer überfiel uns die Nacht, der hier, unter dem Äquator, bekanntlich keine Dämmerung vorangeht.

»So, das hat uns gerade noch gefehlt! « rief Liebert, indem er seine Last zu Boden warf. »Das Unglück verfolgt uns heute. Ausgerechnet an dem ungünstigsten Platze in der ganzen Gegend zwingt uns die Nacht zu rasten, wir können kein Feuer anzünden, haben kein Wasser in der Nähe und die Wilden brauchen sich gar keine Mühe zu geben, geräuschlos heranzukommen. In dem hohen Grase sieht man sie nicht einmal.«

»Aber Liebert, warum sind Sie denn gar so mutlos. Sobald der Mond aufgeht, verlassen wir diesen Platz und wandern dem Flusse zu. Dort finden wir schon ein passendes Versteck. Nur ein bißchen Mut, Freund! Es wird noch alles gut werden.«

»Ja, ja, Mut! An dem fehlt es mir nicht. Ich denke, das habe ich hundertfach bewiesen, wenn ich aber irgendwo wie ein Stück Wild abgestochen werden soll, ohne daß ich Gelegenheit habe, mich zu verteidigen, da tue ich nicht mit. Ich hätte große Lust, das Gras anzuzünden und bei dem Feuerschein nach einem passenden Lagerplatz zu suchen. Der Mond geht erst gegen elf Uhr auf, und jetzt ist es sechs.«

Düwell beteiligte sich an unserm Gespräche nicht. Seine Aufmerksamkeit war auf das vor uns liegende Waldstück gerichtet, aus dem er unbekannte Laute gehört haben wollte. Die Nacht war zu dunkel, um etwas auf die Entfernung hin unterscheiden zu können, und dennoch hatten wir alle, nachdem wir einmal darauf hingewiesen waren, das Gefühl, daß dort eine Gefahr drohe.

Bisher war unsere Unterhaltung laut geführt worden. Jetzt flüsterten wir. »Wir wollen uns bis an den Sumpf zurückziehen,« schlug ich vor. »Dort in den Büschen haben wir Rückendeckung ....«

»Und Krokodile!« unterbrach Liebert. »Dies Viehzeug scheint mich besonders gern zu haben. Da schlage ich eher einen Marsch nach rechts in den Wald vor. Das Gras deckt uns. Was da vor uns auch immer sein mag, im Walde stehen wir ihm ebenbürtig, sogar durch unsere Waffen überlegen, gegenüber.«

Unser Rückzug in der angedeuteten Richtung ging indessen nicht so glatt vonstatten als wir dachten. Nach etwa hundert Meter stießen wir auf eine Hirscheberfamilie, die plötzlich vor unsern Füßen aufschreckte und unter lautem Grunzen auseinanderstieb. Das Männchen schien sich sogar zur Wehr setzen zu wollen. Es schnaubte zornig und wich erst, als Düwell sich aufrichtete.

Bei dem durch die Schweine verursachten Geräusche hielten wir unwillkürlich den Atem an. Gespannt horchten wir nach dem Walde hinüber, in der Erwartung, von dort die Feinde hervorbrechen zu sehen. Es rührte sich aber nichts. Nur das Grunzen der aufgescheuchten Hirscheberfamilie unterbrach die Stille der Nacht. Wir wollten eben beruhigter unsern Marsch fortsetzen, als uns das laute Quieken eines Ferkels wieder an die Stelle bannte. Das Schreien kam aus der Richtung, in der wir die Gefahr vermuteten und es verstummte auch nicht, als die ganze Tierfamilie in rasendem Laufe wieder auf uns zukam. In wenigen Augenblicken sahen wir uns aufs neue von den Schweinen umringt. Die blinde Angst mußte ihnen indessen unsere regungslosen Körper verborgen haben, denn sie umkreisten uns einige Male, bevor sie die Flucht in den Wald fortsetzten.

Das laute Quietschen des jungen Ferkels und das fortgesetzte Grunzen beschwor eine neue Gefahr herauf. Während wir noch in unserer gebückten Stellung verharrten und auf ein Lebenszeichen aus der verdächtigen Waldecke lauschten, raschelte es neben uns im Grase. Ein durchdringender, widerlicher Geruch legte sich wie betäubend auf unsere Nerven, und ehe ich noch eine Warnung aussprechen konnte, öffnete sich leise das Gras und ein paar grünfunkelnde Punkte wurden sichtbar.

»Auf – fort!« rief ich den Gefährten zu. »Krokodile!«

Und während ich den neben mir liegenden Rucksack dem Reptil auf den Kopf warf, packte ich Liebert am Arme und riß ihn hoch. In weiten Sätzen flüchteten wir ohne Rücksicht auf etwaige Verfolger in den Wald.

Dort hinter den ersten Baumstämmen riß ich die Büchse herunter und rief:

»Nun laßt uns die Entscheidung herbeiführen, Kameraden. So oder so. Den Zustand halte ich einfach nicht länger aus.«

Meine Gefährten stimmten mir bei. Nun, wo wir kein Anschleichen aus einem Hinterhalte mehr zu fürchten hatten, war auch Liebert wieder der alte, kühne Soldat. Er legte sein Gepäck ab und lehnte es gegen den Baumstamm. Dann holte er die Brotbüchse hervor und begann in aller Seelenruhe zu essen.

»Wenn ich fertig bin, übernehme ich die Wache und ihr esset. Jetzt achtet nur gut auf jeden anschleichenden Schatten. Ohne langes Fragen feuert – das weitere findet sich dann.«

Liebert reichte auch uns ein Stück des harten Brotes, dessen ausgedörrte Kruste unsere Speichelabsonderung förderte und das Durstgefühl unterdrückte. Gleichzeitig verhinderte die anstrengende Kauarbeit, daß uns die Augen zufielen.

So standen wir abwechselnd in der Horchstellung, bis der aufgehende Mond die Grasfläche in ein silbernes, fast taghelles Licht tauchte. In unserm Rücken blieb der Wald dunkel, und der schwarze Schatten der Randbäume begrub uns förmlich vor fremden Augen. Nun hinderte uns nichts, einige Stunden Schlaf unter dem wachsamen Schutze des Kameraden zu suchen. – Auf seine dringende Bitte überließen wir Liebert die ersten Stunden. Düwell konnte sich nach einer Stunde auch nicht mehr aufrechterhalten. Er sank, ohne es zu wollen, zu Boden und nun fiel mir die Aufgabe zu, die Ruhe der beiden Gefährten zu sichern.

Nun ist es ein eigenes Gefühl, wenn man, von Müdigkeit überwältigt, sich inmitten einer feindlichen Umgebung wach halten muß. Das suchende Auge erlahmt gar bald. Die Lider senken sich unwillkürlich und aufschreckend glaubt man Dinge wahrzunehmen, die sich als ein Phantasiegebilde nur zu bald herausstellen. So ging es auch mir in jener Nacht. Die Büsche am fernen Sumpf nahmen Leben an. Riesengroß wuchsen die Gestalten der Feinde. Sie formierten sich zu Gruppen und bereiteten mit vorgestreckten Speeren einen Angriff vor. –

Ich sprang zurück und bückte mich, um den Kameraden zu wecken. Zum Glück schlief er fest. Als ich den Kopf wieder aufrichtete, war das Bild verändert. Die drohenden Alfuren waren verschwunden und friedlich leuchtete das Strauchwerk aus der Ebene.

Liebert erwachte ohne mein Zutun. Das Unterbewußtsein der Gefahr ließ ihn erwachen, als der Körper seine Kräfte wieder gesammelt hatte. Dann legte ich mich zum Schlafen, bis die ersten Sonnenstrahlen das tierische Leben des Waldes mit all seinem Lärmen weckten.

Ohne weitere Störung war die Nacht vorübergegangen. Meine erste Sorge galt meinem Rucksack, der außer der Kleidung auch Patronen barg. Kriechend erreichte ich die Stelle. Zum Glück hatte das Krokodil den Bissen verschmäht.

Mit dem Gefühle der Verdrossenheit, das sich im Gefolge unruhig verbrachter Nächte einzustellen pflegt, setzten wir unsere Wanderung fort, wir mußten den Fluß wieder erreichen, da wir ohne Wasser in diesem fruchtbaren Walde verloren waren. Das Gelände stieg an. Damit gewann die Sonne Zutritt zu dem üppigen Nährboden und zauberte eine Vegetation hervor, die unter andern Verhältnissen meine ungeteilte Bewunderung hervorgerufen hätte. Hier aber war alles danach angetan, selbst einen Heiligen zum Fluchen zu bringen – und wir waren keine!

Die Baumriesen traten mehr vereinzelt auf. Dafür trugen sie ein Geranke von Schlinggewächsen und dünnen, aber glasharten Palmenschößlingen, die zum Überfluß noch mit harten, spitzen Stacheln versehen waren und sich bei jedem Schritt in die Kleider hingen. Große Nepentes oder Kannenpflanzen mit ihren, wie eine Wasserkanne geformten grünroten Blüten gossen Schwärme von graugrünen Ameisen herab. Dann wieder sperrte der Tepanbaum den Weg, dessen Äste wie Luftwurzeln dem Boden zustreben und in dessen Stamm zahlreiche, bienenartige Insekten hausen, die den Vermessenen, der es wagt, in ihren Bereich zu kommen, unbarmherzig stechen.

Inmitten dieser, von den herrlichsten Blumen und Blüten überschütteten, fast undurchdringlichen Wildnis hausen die Bewohner des Waldes. Affen und wilde Katzen, Vögel in den buntesten Farben, Schmetterlinge in prachtvollem Schmelz, Insekten in jeder Form und Größe. Am meisten litten wir unter den Stichen einer großen Vogelspinne, die ihre wagenradgroßen Netze mitten durch die Schlingpflanzen zog und bei Berührung des Fadens blitzschnell herbeischoß....

Durch ein solches Chaos mußten wir uns stundenlang mit Beil und Messer hindurcharbeiten, bis wir endlich das Rauschen des Flusses unter uns hörten. Dieses Brausen tönte uns wie Äolsharfen in die Ohren – wußten wir doch, daß es dort ein Frühstück gab; daß wir dort den peinigenden Durst zu löschen imstande waren! – Es bedurfte aber auch dieses Antriebes, um uns an der Durchbrechung der gewaltigen Pflanzenmauer nicht verzweifeln zu lassen, die uns, je mehr wir uns dem Flusse näherten, entgegentrat. Aber auch der Boden wurde trügerischer. Oft trat der Fuß auf eine elastische Grasdecke, die sich über vermodertes Laub hinzog und plötzlich unter dem Gewicht des Mannes nachgab. Mit unsäglicher Mühe zogen wir dann den Kameraden wieder auf festen Boden und befreiten ihn von den eklen, vielbeinigen Kriechtieren, die sich mit unheimlicher Geschwindigkeit in seine Kleidung eingenistet hatten. Mich packte bei einem solchen Unfall eine große Vogelspinne und biß sich fest in meinen kleinen Finger ein, so daß wir das Tier zerschneiden mußten, um mich aus den Mandibeln zu befreien. Die so entstandene Wunde heilte nur sehr schwer und unter bedeutenden Schwellungen.

Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht, als wir aus dem Walde heraustraten und neben uns den silbernen Arm eines Wasserfalles erblickten. Jubelnd begrüßten wir das ersehnte Naß. Dann aber bannte uns die wahrhaft großartige Aussicht, die wir hier genossen, an die Stelle.

Tief unten, zu unsern Füßen breitete sich die tiefgrüne, unabsehbare Tominibucht aus, auf der jetzt ein reges Leben herrschte. Unzählige Einbäume drängten von allen Richtungen auf die kleine Bucht zu, die gestern der Schauplatz der grausamen Rache eines unbesiegbaren Eroberers war. Eine grüne Laubwand verdeckte uns das abgebrannte Land, doch ließ sich dieses unschwer erraten, da ein blauer, rauchiger Dunst in leichten Wellenlinien über der Gegend zitterte.

»Das Feuer hat doch eine gewaltige Ausdehnung angenommen,« sagte ich, auf die mehrere Kilometer lange Rauchlinie deutend. »Das war sicherlich nicht nötig, gleich einen ganzen Landstrich zu verwüsten, um ein einziges Dorf zu strafen.«

»Was die Kolonialsoldaten zerstören sollen, das wird gründlich vernichtet,« erwiderte Liebert, »wir häufen mit der Zeit so viel Rachedurst gegen die Eingeborenen in uns auf, daß wir jede Grenze überschreiten, wenn uns einmal Gelegenheit geboten wird, gegen die Eingeborenen vorzugehen. Daß das, vom rein menschlichen Standpunkte betrachtet, grausam und barbarisch ist, das fühlen wir selbst. Immer aber erst, wenn es zu spät ist. – Übrigens wäre es mir ganz recht, wenn wir uns hier oben ein Versteck suchten. Ich habe wahnsinnigen Hunger und bedarf noch einiger Stunden Schlaf. Hier oben haben wir kaum den Vesuch der Alfuren zu fürchten.«

»Eben wollte ich denselben Vorschlag machen,« stimmte Düwell ein. »Ich glaube sogar etwas passendes gefunden zu haben, wenn ich mich nicht täusche, ist dort in dem Bachbett eine Höhlung. Und ein Durianbaum steht daneben, so daß es uns an ›Himbeermarmelade‹ auch nicht fehlt.«

Düwell hatte recht. Die wilden Wasser der Regenzeit schufen im Laufe der Jahrhunderte tiefe Ausbuchtungen in dem felsigen Hang. Jetzt lagen sie trocken und wir hätten uns nichts besseres wünschen können, wenn die Höhlen nicht gar so versteckt gelegen hätten. Zwar bot sich uns eine kleine Auswahl solcher Zufluchtsorte, aber bei allen war irgend etwas auszusetzen, vor allen Dingen brauchten wir freien Ausblick und Rückendeckung.

So stiegen wir suchend in den Felsen aufwärts. Die glühende Sonne warf ihre sengenden Strahlen fast senkrecht auf uns herab und das Gestein begann so warm zu werden, daß wir nur ungern die Zacken benutzten, um die Hindernisse in unserer Kletterei zu überwinden.

Plötzlich rief Liebert, der voran stieg:

»Achtung! Umschau halten! Hier waren vor ganz kurzer Zeit Menschen!«

Betreten blieben wir an den Fleck gebannt.

»Wie? Menschen? Woraus schließen Sie das?« fragte ich.

»Kommen Sie herauf und urteilen Sie selbst. Aber reichen Sie mir erst einmal mein Gewehr. In den Büschen ist es nicht geheuer.«

In zwei Sprüngen standen wir neben dem Gefährten. Er deutete auf einen Haufen Schalen der Durianfrucht und machte uns darauf aufmerksam, daß das weiße Fleisch derselben noch nicht Zeit gefunden hatte, zu welken.

Ich nahm eine Schale in die Hand und fand sie noch frisch. Immerhin mußte nicht gerade ein Mensch die Frucht genossen haben. Ich gab diesem Gedanken Ausdruck.

»Affen fressen die Frucht nicht. Höchstens Zibetkatzen und ob es solche hier gibt, ist fraglich. Demnach kommt nur der Mensch in Frage,« sagte Liebert.

»Die müßten also hier gewesen sein, als wir dort unten aus dem Walde traten,« erwiderte ich. »In dem Falle werden wir nicht lange auf einen Besuch zu warten haben.«

»Was tun wir also?« fragte Düwell.

»Hier bleiben und uns verteidigen!« schlug ich vor. »Dort geht ein Felsband bis an die Schlucht, von der Seite sind wir vor einem Überfall sicher. Jedenfalls kann ihn einer von uns leicht abschlagen, wenn die Wilden von dort herkommen sollten. Im übrigen bleiben wir in der Höhle versteckt und achten genau auf die Umgebung. Sobald sich etwas Verdächtiges zeigt, greifen wir an, oder steigen höher ins Gebirge. Jeder Zacken bietet uns Deckung.«

Liebert stieß einen derben Fluch aus. Er warf sein Bündel in die Ecke und rief: »Ich gehe keinen Schritt weiter. Ich kann einfach nicht mehr. Erst muß ich essen und dann schlafen – schlafen – und wenn es mein letzter Schlaf ist.«

»Aber Liebert, bedenke doch, daß unser Leben auf dem Spiele steht...«

»Ich weiß, Düwell! Wenn du nicht bei mir ausharren willst, dann ziehe weiter. Ich glaube ohnehin nicht an eine Rettung aus dieser Falle.«

»Unsinn, Liebert!« rief ich unwillig. »Natürlich bleiben wir bei Ihnen, wenn Sie wirklich nicht weiter können. Aber verlieren Sie nur nicht den Mut. Ich habe schon in ganz andern Zwickmühlen gesessen. Wir werden uns auch hier aus der Schlinge ziehen.«

Brummend nahm er den Vorwurf hin. Dann versuchte er, den Packen wieder aufzugreifen, aber es gelang ihm nicht. Die immer wachsende Hitze schien den Mann niedergeworfen zu haben. Ich trat daher zu ihm und sagte:

»Legen Sie sich hin, Liebert. Wickeln Sie sich in die Decke und schlafen Sie sich aus. Wir wachen unterdessen. Düwell besorgt uns Durianen und ich koche unsere Konserven – gute Ruhe, Freund!«

Auch unser Nahrungsbedürfnis machte sich immer dringender bemerkbar. Noch hatten wir uns keine Zeit zu einem Frühstück genommen und die wenigen Früchte, die wir im Vorbeigehen von den Zweigen rissen, genügten nur dem Augenblick. Ich überlegte, ob ich ein Feuer anzünden konnte, ohne vom Strande aus bemerkt zu werden. Dürres Holz gab es genug in den Felslöchern.

Düwell, der mit einem Arm voll Durianen zurückkam, hatte keine Bedenken:

»Über dem Walde liegt bereits Rauch. Außerdem brennt die Sonne so grell, daß auch eine Flamme nicht gesehen werden kann. Versuchen wir es!« –

Während die Fleischportionen in den Blechbüchsen langsam warm wurden, nahm ich die Durianen und sammelte ihre Fruchtböden in einem Blechbecher. Diese, meines Wissens nur auf den Sundainseln heimische Frucht, verdient eine nähere Beschreibung. Die Früchte des mit großen roten Blumen blühenden Durianbaumes erreichen die Größe einer Kegelkugel. Ihre dicke, harte Schale ist mit grünen, blattartigen Auswüchsen bedeckt und zeigt fünf gleichgroße Flächen, die sich bei völliger Reife der Frucht öffnen. Das unter der Schale sitzende Fleisch ist von blendendweißer Farbe, aber – es strömt einen wahrhaft entsetzlichen Leichengeruch aus, der den Nichtkenner sofort die Frucht mit Abscheu weit von sich schleudern läßt. Entfernt man jedoch diesen weißen Pulp, dann kommt ein rosaroter, weicher Brei zum Vorschein, in dem vier Kerne eingebettet liegen. Dieser weiche Brei ist von geradezu köstlichem, erfrischenden Geschmack und von einem Aroma, das an die begehrtesten Gewürze erinnert. Unter den Soldaten nennt man ihn daher scherzweise »Himbeermarmelade« oder auch wohl »Rote Grütze mit Vanillensoße«.

Diese Delikatesse würzte den ziemlich abgestandenen Geschmack des Konservenfleisches und sättigte uns völlig. Ein starker, schwarzer Kaffee bildete den Schluß des Mahles.

Stunden vergingen ohne Zwischenfall. Ich hatte einen kurzen Schlummer gewagt und zwang gegen fünf Uhr nachmittags auch Düwell sich niederzulegen. In der Nacht brauchten wir ausgeruhte Körper, wenn, wie ich erwartete, die Alfuren zum Angriff übergehen würden. Ich benutzte die Zeit, um alle unsere Waffen gründlich nachzusehen und die Munition dazu handgerecht bereit zu legen.

Ein Knacken in den Büschen unter uns schreckte mich auf. Vorsichtig schlich ich mich über den Wasserlauf bis zu dem äußeren Zacken, der eine freie Aussicht auf das Gelände zu unsern Füßen bot und lauschte. Als ich den Gewehrlauf auf den Stein schob, löste sich ein wenig Sand aus den Fugen. Mit kaum vernehmbaren Geräusche tröpfelte er in die Tiefe. Dieser leise Ton mußte aber zu den Ohren des – Menschen oder Tieres gedrungen sein, denn die Bewegungen hörten sofort auf. Erst nach geraumer Zeit merkte ich an dem Zittern der Baumkronen, daß die Furcht des Unsichtbaren geschwunden war. Deutlich konnte ich nun den Weg des rätselhaften Wesens verfolgen. Es zog sich langsam, in Spiralen, den Berg hinan, immer die dichtesten Pflanzenwände als Deckung benutzend.

Die Sonne neigte sich rasch ihrem Untergange zu, als etwa hundert Meter von unserer Höhle eine dunkle Gestalt zwischen den Büschen sichtbar wurde. Nur auf Sekunden ließen die Lücken in der grünen Wand den Blick frei. Doch gelang es mir festzustellen, daß sich die Gestalt, bald aufrecht stehend, bald gebückt, aufwärts bewegte.

Ich überlegte noch, ob ich die Gefährten wecken sollte, da hob sich die schwarze Masse plötzlich an einem Baume empor. Sie hing frei in der Luft – ein großer Affe!

»Gibt es hier Orang-Utans?« fuhr es mir durch den Kopf. In diesem Augenblick entdeckte mich das Tier und stieß einen dumpfen Kehllaut aus. Dann schritt es langsam, aufrecht, sich mit den Händen in den Zweigen haltend, von Baum zu Baum bis in unsere Nähe. Mit neugierigen Blicken musterte es den wohl nie gesehenen Menschen, ohne jedoch die geringste Furcht zu zeigen. Die Körpergröße und die langen Arme mochten ihm wohl das Gefühl der eigenen Kraft verleihen. Ich glaube auch kaum, daß ein waffenloser Mann imstande wäre, diesen Affen zu besiegen.

Jetzt fiel mir ein, daß die Alfuren in einem großen Affen die Verkörperung eines bösen Geistes fürchteten. Deshalb vermieden sie es, nachts im Walde zu streifen. Wenn dieser Affe, den ich in der wachsenden Dunkelheit für einen Orang-Utang hieltSie sollen auf Celebes äußerst selten vorkommen. Anm. des Verf., mit dem gefürchteten identisch war, dann durften wir uns während der kommenden Nacht unbedingt in Sicherheit wähnen. – Um das Tier möglichst an unser Versteck zu fesseln, nahm ich ein Stück Zwieback, biß es an und warf es auf den Stein in die Nähe des Baumes. – Eine kleine Weile flogen die Augen mißtrauisch von dem Hartbrot zu mir. Dann stieg der Affe bedächtig hinunter und hob mit einer schnellen Bewegung das Stück auf. Er betrachtete es erst von allen Seiten, roch daran und steckte es in den Mund. Ob es ihm als Geschenk willkommen war, konnte ich nicht mehr beobachten, denn in diesem Augenblick hüllte die Nacht die ganze Umgebung in ihre dunklen Schatten. Eine Weile glaubte ich noch den schwachen rötlichen Schimmer eines Augenpaares zu unterscheiden, als ich mich aber umwandte und dann den Blick wieder auf die Stelle richtete, sah ich nichts mehr.

Ich kochte im Schutze der Felsen eine neue Ration Konserven und weckte dann den Kameraden Liebert. Als ich ihn anfaßte, fuhr er wild auf und packte mich mit einem solch festen Griff an der Kehle, daß mir der Atem ausging. Mühsam brachte ich noch seinen Namen hervor. Das rief ihn in die Wirklichkeit zurück.

»Donnerwetter, Liebert, Sie wecke ich nie wieder! Auf ein Haar wäre ich als Leiche unter ihren Händen geblieben.«

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung. Daran ist mein Traum schuld. Ich wurde gerade von Alfuren überfallen...«

»Na, schon gut, Liebert. Hier essen Sie mal tüchtig und dann übernehmen Sie die erste Wache. Um Mitternacht wecken Sie dann mich oder Düwell.« Hierauf machte ich ihn mit dem Affenerlebnis bekannt. Er hatte in seinen früheren Garnisonen bereits die Bekanntschaft mit Orang-Utangs gemacht. Er hielt sie für harmlos, solange man sie nicht angriff.

Düwell weckte mich um zwei Uhr. Er hatte Liebert um zehn Uhr abgelöst, als er zufällig erwachte und den Kameraden mit dem Schlafe kämpfen sah. Bis jetzt hatte kein außergewöhnliches Geräusch die Ruhe gestört.

Die glänzende Mondsichel lockte mich aus der Höhle auf das erwähnte Felsenband. Dort blickte ich gedankenvoll über den schlafenden Wald und zählte die Fackeln, die darauf hindeuteten, daß die Alfuren sich bereits mit ihrem Schicksal abgefunden hatten und jetzt schon wieder dem Holothurienfang oblagen. Plötzlich drang ein Geräusch an mein Ohr, als ob ein schlafender Vogel aufgestört worden sei. Ich unterschied deutlich den flatternden Flügelschlag und ein unterdrücktes »Kück«. Rasch griff ich das Gewehr auf und kehrte zu der Höhle zurück. Im Schatten des als Brustwehr dienenden Steines kniete ich nieder und harrte der Dinge, die etwa kommen würden. In der Stille der Nacht ließ sich jedes Geräusch deutlich unterscheiden. Ich hörte, wie vorsichtig die Zweige auseinandergebogen wurden und wieder zusammenschlugen. Raschelndes Laub verriet mir die Annäherung eines nächtlichen Besuchers. Bald vernahm ich auch den keuchenden Atem eines Menschen. Ich machte mich fertig zum Schuß...

»Aber nein! Wegen eines einzelnen Mannes schießt du nicht,« dachte ich. »Den überwältigst du auch ohne eine Kugel zu verfeuern.«

Leise ließ ich das Gewehr sinken. Atemlos erwartete ich von Sekunde zu Sekunde den Alfuren. Ich reckte die Arme zum Schlage...

Da schob sich ein Kopf aus dem Dickicht. Obwohl er im Schatten der Felsen und drei Schritt von mir entfernt lag, unterschied ich doch die Umrisse. Dem Kopf folgte ein Körper. «Einen lichten Schein zeichnete der Mond auf die Stelle, wo sich der Mann geräuschlos der Höhle zuschob. Jetzt hatte er den Wasserlauf erreicht...

Mit einem Satz saß ich ihm im Nacken und preßte seinen Mund in das Wasser. «Ein gurgelnder Laut, ein lebhaftes Umsichschlagen mit Händen und Füßen. Da erst bemerkte ich, daß der Mann Kleider trug.

Ich ließ ihn los.

»Godverdommich!« keuchte er, indem er sich bemühte, das geschluckte Wasser auszuspeien. »Ihr habt eine gesunde Faust.«

Ein Weißer – ein Soldat!

Erstaunt half ich dem Manne beim Aufstehen. Dann fragte ich ihn aus. Er antwortete, daß er zu der Landungsabteilung des Dampfers gehöre, die das Dorf niederzubrennen hatte. Sein Offizier und sieben seiner Kameraden seien bei einem Angriffe der Alfuren gefallen. Er selbst habe sich mit zwei Kameraden ins Gebirge gerettet. Sie hatten die vergangene Nacht in dieser Höhle verbracht, während des ganzen Tages lagen sie versteckt im Gebirge. Sein Kamerad habe menschliche Stimmen vernommen und Alfuren auf einer Streife nach ihnen vermutet.

»Warum kamen Sie eigentlich hierher zurück?« fragte ich, nachdem ich ihn mit unserm Schicksal bekannt gemacht hatte.

»Ich will meinen Revolver holen, den ich in der Höhle liegen ließ,« antwortete er.

»Einen Revolver? Wir haben ihn nicht vorgefunden, als wir heute früh von der Höhle Besitz ergriffen,« erwiderte ich.

»Nicht vorgefunden? Das ist doch nicht möglich?« rief er, aufspringend. »Dann müßten also doch noch andere Menschen hier gewesen sein!«

»Wir fanden nur einen Haufen frischer Durianschalen, die jedenfalls von Ihnen hier verzehrt wurden.«

»Keiner von uns hat Durianen gegessen!« sagte der Soldat, ein Schweizer, kopfschüttelnd, »wir haben es also doch mit Alfuren zu tun, die sich bekanntlich nachts nicht in den Wald wagen. Mit Sonnenaufgang wird dann wohl der Tanz losgehen, Sie werden uns natürlich erlauben, uns mit Ihnen zu vereinigen?«

»Selbstverständlich!«

»Dann laufe ich, meine Kameraden zu benachrichtigen, denn der Tag ist nicht mehr fern.«

Nachdem sich der Schweizer entfernt hatte, hielt ich es für zweckmäßig, die Gefährten zu wecken. Helles Erstaunen prägte sich in ihren Mienen aus, als ich ihnen von dem nächtlichen Besucher erzählte. Mit großer Bestürzung vernahmen sie auch die Geschichte von dem fehlenden Revolver und den Durianen.

»Da hätten wir also richtig die schwarze Bande auf dem Halse,« rief Liebert. »Ein Glück nur, daß sie uns Zeit ließen, unsere Kräfte zu sammeln. Nun laßt sie nur kommen! Wir sechs werden mit dem Gesindel schon fertig!«

»Wenn unsere Munition so lange ausreicht!« warf ich ein.

»Bah, Munition ist genügend vorhanden. Die Soldaten werden meistens mit hundert Kugeln behangen, wir haben kaum weniger. Und Ihr Winchester?«

»Hat leider nur fünfzig Schuß. Dafür aber führe ich Jagdpatronen in genügender Menge. Auf nahe Entfernung wirken sie ja als Kugelschuß.«

Kurz vor Sonnenaufgang erschienen die drei Versprengten. Außer dem Schweizer, ein Pole und ein Belgier. Die armen Kerle sahen bös aus. Ihre Kleider hatten durch die Flammen gelitten und die Flucht durch das Buschwerk hinterließ bedenkliche Risse, von denen auch die Haut eine erkleckliche Anzahl aufwies. Zum Glück führte ich unter meinem Gepäck das nötige Verbandszeug. So konnte ich eine klaffende Fleischwunde des Belgiers durch Nähen und Desinfizieren vor der drohenden Verunreinigung durch Insekten usw. bewahren.

Die Ankömmlinge besaßen natürlich außer ihren Waffen und der Munition nichts. Sie waren herzlich froh, als wir ihnen einen Blechbecher heißen Kaffees nebst etwas Hartbrot reichten. Während dieses Frühstücks besprachen wir mit den Versprengten unsern Fluchtplan. Ich legte die Unmöglichkeit dar, zur See fortzukommen, weil die ganze Küste von Minahassen oder Alfuren besiedelt sei, die uns sicherlich überfallen würden. Von einer Überschreitung des Gebirges versprach ich mir sichere Rettung, wenn – uns die Wilden der Nordküste ruhig ziehen ließen.

Der Belgier verwarf meinen Plan. Er habe genug von dem Gebirge. Sie hätten bis jetzt in Gorontalo in Garnison gelegen und von dort aus seien unzählige Strafexpeditionen gegen die Wilden in den Bergen unternommen worden. Er wisse genau, daß man dort nicht durchkomme. Außerdem sei er Matrose und zöge eine Reise zu Wasser vor. Es fehle ihm nur ein Boot.

»Ein Kanoe, einen Einbaum, haben wir unten an der Küste versteckt,« sagte Liebert, der den Soldaten mit feindlichem Blick anschaute. »Wenn Sie sich von uns trennen wollen, so schenken wir Ihnen das Ding – nicht wahr, Doktor?«

»Gern – denn wir werden es nicht benutzen. Ich möchte meinen Kopf noch einige Tage spazieren tragen und das ist nur möglich, wenn wir durch das Innere an die Nordküste zu gelangen suchen.«

»Ich bin der Ansicht des Belgiers,« sagte nun der Pole. »Auch ich habe mehr Vertrauen zu einer Flucht über das Meer. Wir werden sicher von vorüberfahrenden Seglern aufgenommen werden.«

»Und Sie?« fragte ich den Schweizer.

»Komische Frage. Als Schweizer bin ich mit dem Gebirge vertraut, also gehe ich mit Ihnen.«

»Vor allen Dingen müssen wir nun solange hier bleiben, bis wir uns mit den Alfuren auseinandergesetzt haben. Dann erst können wir an eine Fortsetzung unserer Flucht denken,« mahnte ich.

Der Tag verlief wider alles Erwarten ruhig. Mehrfach war der eine oder der andere von uns auf Erkundung ausgezogen, jedoch ohne auf Wilde oder deren Spuren zu stoßen. Auch die Nacht verging ohne andere Störung, als die durch Meinungsverschiedenheiten zwischen Liebert und dem Belgier hervorgerufenen unliebsamen Szenen. Letzterer, seinem Range nach Unteroffizier, wollte meinen beiden Begleitern gegenüber den Vorgesetzten herauskehren, was Liebert sich nicht gefallen ließ. Es kam dabei zu ärgerlichen Auftritten, denen ich nur dadurch ein Ende machen konnte, daß ich drohte, ihnen das Kanoe nicht auszuliefern, wenn nicht sofort die Feindseligkeiten eingestellt würden.

Kurz vor Tagesanbruch trat der Pole an mich heran und bat um das Boot. Er habe kein Vertrauen zu der Flucht über das Gebirge. Ich möge ihn doch nicht dazu zwingen, denn er fühle, daß er nur auf dem Seewege Rettung fände. Ich glaubte mich verpflichtet, ihm den Gedanken auszureden. Ich deutete auf die zahlreichen Kanoes hin, die gestern Abend wieder dem Trepangfang oblagen – umsonst! Es mußte ihm wohl von seinem Schicksal bestimmt sein, den Kampf mit dem Unmöglichen aufzunehmen!

Endlich gab ich nach und erklärte den beiden das Versteck des Bootes:

»Folgen Sie dem Laufe dieses Flusses. An seiner Mündung liegt im Schilf versteckt der Einbaum. Mit dessen Hilfe gelangen Sie durch ein Manglarengewirr in offenes Wasser, vielleicht können Sie sich ein paar Tage an der Lagune versteckt halten und den Dampfer von Boni erwarten, der uns abholen wollte. Im übrigen rate ich zu dringender Vorsicht vor Krokodilen, wie vor Wilden. Reisen Sie nur nachts...«

»Das sehen wir schon selbst, wenn wir erst das Boot haben,« sagte der Belgier in hochfahrendem Tone. »Wir haben ganz andere Dinge geleistet...«

»Also, dann gute Reise!« rief ich und wandte mich meinen Gefährten zu, die froh waren, den anmaßenden Patron los zu sein.

»Nun schnell das Gepäck aufgeladen und fort!« mahnte ich, als der Busch hinter den beiden zusammenschlug. »In zehn Minuten müssen wir den Platz weit hinter uns haben.«

»Aber warum denn so schnell?« fragte Düwell verwundert.

»Weil ich dem Belgier alles zutraue. Der Kerl verrät uns mit Wonne, wenn er auf Wilde stößt. Kann er seine Haut nur dadurch nur eine Stunde länger retten, dann macht er sogar den Führer. Ebenso sein sauberer Kumpan.«

»Das ist auch meine Ansicht,« rief Liebert, indem er seinen Sack auflud, »vorwärts! Hier auf der rechten Seite des Baches steigt es sich sehr bequem.«

»Nein, mein Freund, wir dürfen hier den Aufstieg nicht wagen. Diese Richtung haben wir vor dem Belgier zu gründlich durchgesprochen. Laßt uns einige Stunden in östlicher Richtung weitermarschieren. Wir entfernen uns dadurch aus dem Bereich dieses Alfurenstammes...«

».... um dafür einem andern in die Finger zu laufen!« ergänzte Liebert.

»Möglich – aber nicht gewiß. Jedenfalls weiß der andere Stamm nichts von dem Strafgericht, oder, wenn schon, freut er sich darüber. Alle diese Stämme sind sich feindlich gesinnt und freuen sich, wenn es dem lieben Nachbarn schlecht geht. Das ist bei den rohesten Wilden nicht anders als bei den kultiviertesten Völkern. Das muß also in der menschlichen Natur liegen!«


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