Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Shakespeare oder der Dichter

Große Menschen zeichnen sich mehr durch den Umfang und Reichtum ihres Gebietes aus als durch ihre Originalität. Wenn wir nach jener Originalität begehren, die darin besteht, daß einer sein Gewebe wie die Spinne aus seinem eigenen Innern herauswebe, daß einer den Lehm selbst finde, daraus selbst Ziegel mache und das Haus baue, dann ist nie ein großer Mann original gewesen. Die wertvolle Originalität liegt auch gar nicht darin, daß man sich von den anderen Menschen unterscheide. Der Held ficht in den gedrängten Reihen der Ritter im dichtesten Gewühl der Ereignisse; hier erkennt er, wes die Menschen bedürfen, und während er den Wunsch aller teilt, fügt er aus eigenem die Weite des Blickes und die Länge des Armes hinzu, durch die der gewünschte Punkt auch wirklich erreicht wird. Das größte Genie ist auch der verschuldetste Mensch. Ein Dichter ist nicht etwa ein unruhiger Kopf, in dem es wirbelt, und der das ausspricht, was dabei auf die Zunge kommt, und der, weil er alles sagt, gelegentlich auch was Gutes sagt, sondern ein Herz, das mit seiner Zeit und seinem Lande völlig eins geworden ist. Seine Werke sind nicht die Erzeugnisse einer phantastischen Laune, sondern sicherer und trauriger Ernst, erfüllt von den tiefsten Überzeugungen und vom entschlossensten Streben vorwärts getrieben, das irgend ein Mensch oder eine ganze Klasse seiner Zeit kennt.

Der Geist unserer Epoche ist auf Individuen eifersüchtig und mag nicht gelten lassen, daß ein Individuum groß sein könne, außer durch die Masse, die es trägt. Das Genie hat ja keine Wahl. Der große Mann wacht nicht eines schönen Morgens auf und sagt: »Ich bin voll Lebenskraft, ich will zur See gehen und den antarktischen Kontinent entdecken«, oder »heute will ich die Quadratur des Zirkels finden, heute will ich das Pflanzenreich plündern und für die Menschheit ein neues Nahrungsmittel finden; ich hab' eine neue Architektur im Kopf; ich sehe eine neue mechanische Kraft voraus,« nein, sondern er befindet sich bereits in einem Strome von Gedanken und Ereignissen, und wird von den Ideen und Bedürfnissen seiner Zeitgenossen vorwärts getrieben. Er steht an einem Punkt, wo alle Leute nach einer Seite schauen und alle Hände in der Richtung ausstrecken, in welcher er gehen sollte. Die Kirche hat ihn aufgezogen inmitten ihres Pomps und ihrer feierlichen Gebräuche, und er führt nur den Plan aus, den ihre Musik ihm eingab, und baut die Kathedrale, deren sie für ihre Chorgesänge und Prozessionen bedurfte. Er findet einen tobenden Krieg vor, der Krieg erzieht ihn bei Trompetentönen in den Baracken, und er verbessert die Kampfesweise und das Reglement. Zwei Grafschaften machen tappende Versuche, Kohle, Mehl oder Fische vom Produktionsgebiet zum Absatzgebiet zu bringen, und er verfällt auf die Eisenbahn. Jeder Meister hat sein Material bereits gesammelt gefunden und seine Macht lag in seiner Sympathie für seine Mitmenschen und seiner Liebe für das Material, in dem er arbeitete. Welch eine Ökonomie der Kräfte! Und was für eine Kompensation für die Kürze des Lebens! Alles ist für seine Hände vorgearbeitet. Die Welt hat ihn so weit auf seinem Wege gebracht. Die ganze Menschheit ist vor ihm ausgezogen, hat die Hügel abgetragen, die Gräben gefüllt, die Ströme überbrückt. Männer, Nationen, Dichter, Handwerker, Frauen, alle haben für ihn gearbeitet, und er tritt in ihre Arbeit ein. Wählte er irgend eine andere Aufgabe, die außerhalb der großen Richtungslinie, außerhalb der nationalen Empfindung und Geschichte läge, er würde alles allein zu schaffen haben, und seine Kraft erschöpfte sich mit den ersten Vorbereitungsarbeiten. Ja, man möchte fast sagen, daß die Macht höchster Genialität darin bestehe, daß ihr alle Originalität fehle, daß sie vollkommen aufnehmend bleibe, alles die Welt thun lasse und nur den Geist der Stunde ungehindert durch den eigenen Geist wirken lasse.

Shakespeares Jugend fiel in eine Zeit, in welcher das englische Volk sich ungestüm zu dramatischen Unterhaltungen drängte. Der Hof nahm an politischen Anspielungen leicht Anstoß und versuchte sie zu unterdrücken. Die Puritaner, eine wachsende und energische Partei, sowie die Eifrigen unter den Bekennern der englischen Kirche wünschten ihre Abschaffung. Aber das Volk verlangte sie. Wirtshaushöfe, Häuser, denen die Dächer fehlten, improvisierte Schranken auf ländlichen Marktplätzen waren die schnellbereiten Bühnen der umherziehenden Schauspieler. Das Volk hatte dieses neue Vergnügen gekostet, und so wie wir heute nicht an die Möglichkeit denken könnten, die Zeitungen abzuschaffen – wahrlich auch nicht durch die stärkste Partei – so wenig konnten damals König, Prälat und Puritaner, allein oder verbunden, ein Organ unterdrücken, das Ballade, Epos, Zeitung, Lektüre, Klubsitzung, Witzblatt und Bibliothek zugleich war. Übrigens fanden König, Prälat und Puritaner vermutlich alle ihre Rechnung dabei. Es war durch alle Gründe ein Nationalinteresse geworden – allerdings durchaus nicht so auffällig, daß irgend ein großer Gelehrter daran gedacht hätte, es in einer englischen Geschichte zu behandeln – aber auch nicht um ein Gran minder bedeutungsvoll, weil es billig war und gering schien wie der Bäckerladen. Der beste Beweis seiner Lebenskraft war die Menge von Schriftstellern, die sich plötzlich auf dieses Feld stürzten: Kyd, Marlow, Greene, Jonson, Chapman, Decker, Webster, Heywood, Middleton, Peele, Ford, Massinger, Beaumont und Fletcher.

Der sichere Besitz des Volksgeistes durch die Bühne ist für den Dichter, der für sie arbeitet, von höchster Wichtigkeit. Er verliert keine Zeit mit müßigen Experimenten. Er findet Zuhörer und Erwartung bereits vor. Im Fall Shakespeares jedoch lag die Sache noch weit günstiger. Zur Zeit, da er Stratford verließ und nach London kam, existierte eine große Masse von Schauspielen im Manuskript, die aus allen möglichen Jahren und von allen möglichen Verfassern herrührten, und die der Reihe nach auf den Brettern zur Aufführung gebracht wurden. Da war die Geschichte von Troja, von der die Zuhörer jede Woche ein Stück anhören konnten, der Tod Julius Cäsars und andere Stücke aus dem Plutarch, deren sie nie müde wurden, ein ganzes Gesims voll englischer Geschichte von den Chroniken von Brut und Arthur an bis herab zu den königlichen Heinrichs, die alle eifrig angehört wurden, und eine ganze Reihe leidvoller Tragödien, lustiger italienischer Schwanke und spanischer Reiseabenteuer, die jeder Lehrbursche in London auswendig wußte. Und dieser ganze Vorrat war mit mehr oder minderer Geschicklichkeit von jedem Schauspielschreiber behandelt worden, und der Souffleur besaß die fleckigen, zerfetzten Manuskripte. Niemand kann mehr sagen, wer sie zuerst geschrieben hat. Sie sind das Eigentum des Theaters seit so langer Zeit gewesen, und so viele auftauchende Genies haben sie umgearbeitet oder erweitert, eine Rede eingesetzt oder auch eine ganze Scene, oder ein Lied eingelegt, daß niemand mehr ein litterarisches Eigentum an diesen Werken Unzähliger beanspruchen kann. Zum Glück thut dies auch niemand. Die Nachfrage bewegt sich noch nicht in dieser Richtung. Wir haben nur wenig Leser, aber viele Zuschauer und Hörer. Die Stücke bleiben vorläufig am besten dort, wo sie sind.

Shakespeare hielt gleich seinen Kameraden die ganze Masse alter Schauspiele für ziemlich wertloses Material, mit dem jedes Experiment frei versucht werden konnte. Hätte das Prestige, das eine moderne Tragödie mit einer Art von Wall umgiebt, bereits existiert, so hätte nichts geschehen können. Das derbe, warme Blut des lebendigen Englands cirkulierte im Schauspiel wie in den Straßen-Balladen und gab den Leib, den er für seine luftige und majestätische Phantasie brauchte. Der Dichter bedarf eines Bodens in der Tradition des Volkes, auf dem er schaffen kann, und der wieder seine Kunst in gewissen nützlichen Schranken festhalten mag. Es verbindet ihn mit dem Volke, liefert ihm Grund für seine Gebäude und läßt, indem er ihm so viel Arbeit bereits gethan in die Hand legt, ihm Muße und volle Kraft für die Kühnheiten seiner Phantasie. Kurz der Dichter schuldet seiner Legende, was die Skulptur, dem Tempel schuldete. Die Skulptur entwickelte sich in Ägypten und Griechenland in Unterordnung unter die Architektur. Sie war nur Verzierung der Tempelwand, anfangs nichts als ein rohes Relief, das in den Giebel geschnitten wurde, dann wurde das Relief kühner, ein Kopf, ein Arm trat aus der Wand heraus, aber die Gruppen wurden immer noch in Beziehung auf das Gebäude geordnet, das Grund und Rahmen für die Figuren bildete; und als zuletzt die größte Freiheit in Stil und Behandlung erreicht war, zwang der immer noch vorherrschende architektonische Geist der Statue eine gewisse maßvolle Ruhe auf. Kaum aber begann man Statuen für sich allein und ohne Rücksicht auf Tempel oder Palast zu formen, als auch die Kunst zu verfallen begann und Grille, Extravaganz und Impressionismus an die Stelle der alten maßvollen Weise traten. Dieses Steigrad. das der Bildhauer in der Architektur fand, das fand die gefährliche Reizbarkeit des poetischen Talents in dem aufgehäuften dramatischen Material, an welches das Volk bereits gewöhnt war, und das eine gewisse Vortrefflichkeit besaß, die kein einzelnes Genie, wie außerordentlich es auch gewesen wäre, je hätte schaffen können.

Und thatsächlich zeigt sich, daß Shakespeare nach allen Seiten hin Schulden hatte und alles zu benützen verstand, was ihm unterkam, ja die Höhe seiner Schulden läßt sich ziffernmäßig aus den sorgfältigen Zählungen erschließen, die Malone hinsichtlich des ersten, zweiten und dritten Teiles von »Heinrich dem Sechsten« angestellt hat, in welchen von »6043 Zeilen 1771 von irgend einem Vorgänger Shakespeares verfaßt worden waren, 2373 von ihm, jedoch auf der Grundlage, die die Vorgänger gelegt, und nur 1899 völlig sein eigen waren.« Und die fortschreitende Forschung läßt kaum ein Drama bestehen, das absolut sein Werk wäre. Malones Urteil ist ein bedeutungsvolles Stück äußerer Geschichte. In »Heinrich dem Achten« glaube ich das Ausbrechen des Grundfelsens, auf den seine feineren Schichten gelegt wurden, deutlich verfolgen zu können. Das Urstück wurde von einem hochstehenden, denkenden Menschen verfaßt, dem es jedoch an einem seinen Ohre gebrach. Ich kann seine Verse bezeichne», und ihre Kadenz ist mir wohl bekannt. Man betrachte nur Wolseys Selbstgespräch und die darauf folgende Scene mit Cromwell, wo statt des Shakespeareschen Metrums, dessen Geheimnis es ist, daß der Gedanke die Melodie beherrscht, sodaß, wenn man es dem Sinne nach liest, der Rhythmus am besten zur Geltung kommt, die Verse nach einer gegebenen Melodie konstruiert sind und die Sprache sogar eine Spur vom Kanzeltone hat. Aber das Stück enthält durch seine ganze Länge unverkennbare Züge von Shakespeares Hand, und einige Stellen, zum Beispiel der Bericht von der Krönung, gleichen Autographen. Auffällig ist, daß das Kompliment für die Königin Elisabeth in schlechtem Rhythmus gehalten ist.

Shakespeare wußte, daß die Überlieferung eine bessere Fabel giebt, als die beste Erfindung geben könnte. Wenn er so jeden Ruhm der Erfindung verlor, so vermehrte er dafür seinen Reichtum, und damals wurde unser ungestümes Verlangen nach Originalität noch nicht so nachdrücklich und aufdringlich erhoben. Es gab noch keine Litteratur für Millionen. Das allgemeine Lesen, der billige Druck waren unbekannt. Ein großer Dichter, der in ungelehrter Zeit auftritt, zieht alles Licht in seine Sphäre, das irgend woher strahlen möge. Jedes geistige Juwel, jede Blüte des Gefühls seinem Volke zu vermitteln, ist sein schönes Amt, und er kommt dahin, sein Gedächtnis ebenso hoch wie seine Erfindungsgabe zu schätzen. Es liegt ihm daher wenig daran, wie er zu seinen Gedanken gekommen ist, ob durch Übersetzung, ob durch die Tradition, durch Reisen in fernen Ländern, ob durch die eigene Inspiration; aus welcher Quelle sie stammen mögen, sie sind seiner unkritischen Zuhörerschaft stets gleich willkommen. Ja, er borgt sogar in der nächsten Nähe des eigenen Hauses. Andere Leute sagen kluge Dinge so gut wie er, nur sagen sie auch viel thörichtes Zeug, und sie wissen es nicht, wenn sie weise gesprochen haben. Er aber kennt das Funkeln des echten Steins und bringt ihn an seine hohe Stelle, wo immer er ihn findet. Das war vielleicht auch die glückliche Lage Homers, die Chaucers, die Saadis. Sie fühlten, daß aller Witz ihr Witz sei. Und sie sind Bibliothekare und Historiographen so gut wie Dichter. Jeder Romanzendichter war Erbe und Herr über all die hundert Erzählungen der Welt.

»Brachte von Theben und Pelops Berichte
Und der göttlichen Troja Geschichte.«

Der Einfluß Chaucers ist in unserer ganzen frühen Literatur deutlich erkennbar, und in neuerer Zeit sind ihm nicht nur Pope und Dryden verpflichtet gewesen, sondern in der ganzen Schar englischer Schriftsteller läßt sich eine mächtige uneingestandene Schuld deutlich verfolgen. Man entzückt sich an dem Reichtum, der so viele Kostgänger speist. Aber Chaucer ist selbst ein Borger im ungeheuersten Stil. Chaucer, so scheint es, schöpfte unaufhörlich, durch Lydgate und Caxton, aus Guido von Colonna, dessen lateinische Romanze vom trojanischen Krieg ihrerseits eine Kompilation aus Dares Phrygius, Ovid und Statius war. Weiterhin sind Petrarca, Boccacio und die provençalischen Dichter seine Wohlthäter; die Romanze von der Rose ist nur eine verständige Übersetzung nach Wilhelm von Lorris und Jean de Meun; Troilus und Creseide nach Lollius von Urbino, der Hahn und der Fuchs nach der »Lais« Maries; das Haus des Ruhmes ist aus dem französischen oder italienischen, und den armen Gower benutzt er, als ob er nur eine Ziegelei oder ein Steinbruch wäre, aus dem er sein Haus bauen möchte. Er stiehlt mit der Rechtfertigung, daß das, was er nimmt, keinen Wert hat, wo er es findet, und den größten dort, wo er es läßt. Es ist thatsächlich zu einer Art Regel in der Litteratur geworden, daß ein Mann, der sich einmal fähig gezeigt hat. originell zu schreiben, hinfort berechtigt ist, nach Gutdünken aus den Schriften anderer zu stehlen. Gedanken sind das Eigentum dessen, der sie beherbergen kann, und dessen, der sie entsprechend verwerten kann. Eine gewisse Unbeholfenheit verrät entlehnte Gedanken, aber sobald wir gelernt haben, sie unterzubringen, werden sie unser Eigentum.

Und darum ist alle Originalität nur eine relative. Jeder Denker ist retrospektiv. Die wohlunterrichteten Parlamentsmitglieder zu Westminster oder Washington sprechen und stimmen für Tausende. Wenn wir einen Blick auf die Wählerschaft werfen und all die bisher unsichtbaren Kanäle entdecken, durch welche der Senator ihre Wünsche erfährt, die Menge praktischer und erhobener Leute, die ihn brieflich oder gesprächsweise mit Beweisen, Mitteilungen, Anekdoten und Berechnungen füttern, dann könnte seine stattliche Haltung und sein energischer Widerstand einiges von ihrer Imposantheit einbüßen. Sowie Sir Robert Peel und Mr. Webster für Tausende stimmen, so denken Rousseau und Locke für Tausende, und so gab es Quellen rund um Homer, Meun, Saadi und Milton, aus denen sie schöpften; Freunde, Geliebte, Bücher, Traditionen und Sprichwörter, – die heute längst verschwunden sind –und die, ans Licht gebracht, das Staunen verringern würden. Sprach der Sänger im Bewußtsein seiner Autorität? Oder fühlte er, daß einer seiner Gefährten ihm überlegen sei? Die Frage ist stets an das Bewußtsein des Autors selbst gerichtet. Lag zum mindesten in seiner Brust ein Delphi, das er über jede Sache und jeden Gedanken befragen konnte, ob sie sich thatsächlich so verhielten, ja oder nein? Und von dem er eine Antwort erhalten konnte, der er vertrauen durfte? Alle Schulden, die ein solcher bei fremdem Witze macht, werden sein Originalitätsbewußtsein niemals stören; denn all die Ministrantendienste, die Bücher und fremde Köpfe ihm leisten, sind wie Rauchwölkchen im Vergleich zu jenem geheimsten Wesen, mit dem er sich besprochen, von dem er geschöpft hat.

Es ist leicht zu sehen, daß alle Geisteswerke, die in dieser Welt am vorzüglichsten geschrieben oder gethan wurden, nicht eines Menschen Werk waren, sondern durch viele gemeinschaftliche Arbeit entstanden, dadurch daß Tausende gleich einem arbeiteten, weil sie dem gleichen Impulse gehorchten. Unsere englische Bibel ist ein wundervoller Beweis für die Kraft und Musik der englischen Sprache. Aber sie ist nicht von einem Manne, noch zu einer bestimmten Zeit verfaßt worden, sondern Jahrhunderte und ganze Kirchen haben sie zu ihrer Vollkommenheit gebracht. Es gab keine Zeit, in der es nicht irgend eine Übersetzung gegeben hätte. Die Liturgie mit ihrer vielbewunderten Energie und ihrem Pathos ist eine Anthologie der Frömmigkeit von Zeitaltern und Nationen, eine Übersetzung der Gebete und Formeln der katholischen Kirche – die selbst wieder in langen Zeiträumen aus den Gebeten und Meditationen aller Heiligen und Kirchenschriftsteller der weiten Welt zusammengestellt waren. Grotius bemerkt gleicherweise bezüglich des »Vaterunsers«, daß die einzelnen Absätze, aus denen es besteht, bereits zur Zeit Christi in den rabbinischen Formeln in Gebrauch standen. Er klaubte die Goldkörner heraus. Die nervige Sprache unseres bürgerlichen Gesetzes, die eindrucksvollen Formalitäten unserer Gerichtshöfe, die Präcision und substantielle Wahrhaftigkeit unserer gesetzlichen Definitionen sind Beiträge aller scharfsichtigen und starkgeistigen Männer der Länder, in welchen die Gesetze herrschen. Die Plutarchübersetzung ist eine so vorzügliche, weil sie die letzte Übersetzung einer ganzen Reihe von solchen ist. Es gab keine Zeit, in der es keine gab. Alle wahrhaft der Volkssprache kongenialen und nationalen Ausdrücke werden beibehalten, alle anderen der Reihe nach ausgelesen und ausgeschieden. Ja, ein ähnlicher Prozeß war schon lange vorher mit den Originalen dieser Bücher vor sich gegangen. Mit Weltbüchern erlaubt die Welt sich manche Freiheit. Die Bedas, die äsopischen Fabeln, Pilpay, die Tausend und eine Nacht, der Cid, die Ilias, Robin Hood und die schottischen Minstrellieder sind nicht das Werk einzelner. Bei der Komposition solcher Werke denkt die Zeit mit, der Markt mit, der Maurer, der Zimmermann, der Kaufmann, der Bauer, der Geck, alle denken für uns. Jedes Buch liefert seiner Zeit ein gutes Wort, so auch jedes Gemeindegesetz, jedes Geschäft, jeder Narrenstreich des Tages, und das katholische Genie des ganzen Geschlechts, das sich nicht fürchtet noch schämt, seine Originalität der Originalität aller zu verdanken, steht vor dem nächsten Zeitalter als Archivar und Verkörperung des seinigen.

Wir sind den Altertumsforschern und der Shakespeare-Gesellschaft für die Untersuchungen zu Dank verpflichtet, durch welche sie den Weg des englischen Dramas Schritt für Schritt festgestellt haben, von den in Kirchen und von Geistlichen gefeierten Mysterien angefangen, von der endgiltigen Loslösung von der Kirche und der Vollendung weltlicher Schauspiele, von Ferrex und Porrex und Mutter Gurtons Nadel bis herab zur Beherrschung der Bühne durch eben die Stücke, die Shakespeare abänderte, umformte und zuletzt zu seinen eigenen machte. Stolz auf diesen Erfolg und angespornt von dem wachsenden Interesse an dem Probleme, haben sie kein Büchergestell undurchsucht, keinen Schrank in einer Dachkammer ungeöffnet, kein Bündel alter vergilbter Rechnungen in Feuchte und Wurmfraß verfaulen lassen, so eifrig hofften sie zu entdecken, ob Shakespeare als Junge wilddiebte oder nicht, ob er die Pferde hielt am Theaterportal, ob er Schulmeister war, und warum er in seinem Testament der Anna Hathaway, seiner Frau, nur sein zweitbestes Bett hinterließ.

Es liegt etwas Rührendes in dem Wahnsinn, mit welchem die lebende Generation fehlgreift in der Wahl des Gegenstandes, auf den alle Kerzen scheinen, nach dem alle Augen sich wenden; die Sorge, mit welcher sie jede Kleinigkeit verzeichnet, die sich auf Königin Elisabeth und König Jacob, aus die Essex, Leicester, Burleigh und Buckinghams bezieht, und ohne eine einzige brauchbare Notiz den Gründer einer ganz anderen Dynastie übergeht, der allein es zu verdanken sein wird, wenn die Dynastie der Tudors nie in Vergessenheit sinken wird: – den Mann, der kraft der Inspiration, die ihn nährt, die ganze sächsische Rasse in sich trägt, von deren Gedanken sich noch durch Generationen die ersten Köpfe der Welt nähren werden, dessen treibendes Übergewicht allein die Geister noch lange bewegen wird. Ein volkstümlicher Schauspieler – kein Mensch hatte eine Ahnung, daß er der Dichter der Menschheit war; und das Geheimnis wurde genau so treu vor Dichtern und denkenden Leuten, wie vor Höflingen und den Frivolen bewahrt, Bacon, der das Inventar des menschlichen Verstandes für seine Zeit aufnahm, hat seinen Namen nie erwähnt, Ben Jonson, ob wir schon seine wenigen Worte der Achtung und des Lobes aufs höchste schrauben, hatte keine Ahnung von dem elastischen Ruhme, dessen erste Schwingungen er selbst versuchte, Er hielt das Lob, das er Shakespeare gönnte, ohne Zweifel für großmütig und betrachtete sich fraglos als den größeren Dichter von beiden.

Wenn es des Witzes bedarf, um Witz zu erkennen, wie das Sprichwort sagt, dann hätte Shakespeares Zeit wohl fähig sein sollen, ihn zu erkennen. Sir Henry Wotton wurde vier Jahre nach Shakespeare geboren und starb dreiundzwanzig Jahre nach ihm, und unter seinen Korrespondenten und Bekannten finde ich folgende Personen: Theodor Beza, Isaac Casaubon, Sir Philip Sidney, den Grafen von Essex, Lord Bacon, Sir Walter Raleigh, John Milton, Sir Henry Vane, Isaac Walton, Dr. Donne, Abraham Cowley, Bellarmin, Charles Cotton, John Pym, John Hales, Kepler, Vieta, Albericus Gentilis, Paul Sarpi, Arminius; von seinem Verkehr mit all diesen sind Anzeichen vorhanden, aber wir könnten noch viele aufzählen, die er ganz zweifellos gekannt: – Shakespeare, Spenser, Jonson, Beaumont, Massinger, beide Herberts, Marlow, Chapman, und die übrigen alle. Seit der Konstellation großer Menschen, die in Griechenland zur Zeit des Perikles auftauchte, hat es keine gleiche Gesellschaft gegeben, und doch befähigte all ihr Geist sie nicht dazu, den besten Kopf der Welt ausfindig zu machen. Die Maske unseres Dichters war undurchdringlich. Man kann den Berg nicht in der Nähe sehen. Es brauchte ein Jahrhundert, ehe nur der Verdacht anfing, und nicht bevor zwei Jahrhunderte nach seinem Tode dahingegangen waren, begann eine Kritik, die uns entsprechend scheinen könnte, vernehmlich zu werden. Es war nicht möglich, vor unserer Zeit eine Geschichte Shakespeares zu schreiben; denn er ist der Vater der deutschen Litteratur; mit der Einführung Shakespeares in Deutschland durch Lessing und der Übersetzung seiner Werke durch Wieland und Schlegel war der reißende Aufschwung der deutschen Litteratur aufs innigste verbunden. Nicht vor dem neunzehnten Jahrhundert, dessen spekulativer Genius eine Art lebenden Hamlets ist, konnte die Tragödie Hamlets so staunende Leser finden. Heute sind Litteratur, Philosophie, ja unser ganzes Denken shakespearisiert. Sein Geist ist der Horizont, über den wir für den Augenblick nicht hinaussehen. Seine Rhythmen erziehen unser Ohr zur Musik. Coleridge und Goethe sind die einzigen Kritiker, die unsere Ansicht mit annähernder Treue ausgesprochen haben; aber allen gebildeten Geistern ist eine schweigende Schätzung seiner übergroßen Kraft und Schönheit gemein, welche, gleich dem Christentum, die Epoche qualifiziert.

Die Shakespeare-Gesellschaft hat Forschungen nach allen Richtungen angestellt, die fehlenden Thatsachen bekannt gegeben, Geld für jede Information geboten, die zu irgend einem Nachweis führen würde: und mit welchem Resultat? Außer einigen richtigen Aufklärungen über die Geschichte der englischen Bühne, auf welche ich bereits eingegangen bin, haben sie einige wenige Thatsachen ausgelesen, welche sich auf die Habseligkeiten des Dichters und Verfügungen über seine Habseligkeiten beziehen. Es ergab sich, daß er von Jahr zu Jahr einen reichlicheren Anteil am Blackfriars-Theater befaß, daß die Garderobe und anderer Zubehör des Theaters ihm zu eigen gehörte; daß er mit seinem Einkommen als Schriftsteller und Anteilhaber ein Gut in seinem Heimatsdorf kaufte, daß er im besten Hause zu Stratford wohnte, von seinen Nachbarn mit Austrägen für London, wie Geld für sie zu entlehnen u. dergl. betraut wurde, daß er ein wahrhafter Landwirt war. Um die Zeit, da er an Macbeth schreibt, belangt er Philip Rogers beim Marktgericht von Stratford um fünfunddreißig Schilling zehn Pence für zu verschiedenen Zeiten geliefertes Korn, und er zeigt sich in jeder Weise als guter Hauswirt, dem keinerlei Excentricitäten oder Excesse nachgesagt werden. Er war ein gutartiger Mensch, ein Schauspieler und Anteilhaber am Theater, der sich von anderen Schauspielern und Regisseuren nicht auffällig unterschied. Ich will die Wichtigkeit dieser Informationen zugeben. Sie waren die Mühe wohl wert, die genommen wurde, sie zu verschaffen.

Aber welche Schnitzel von seiner wirklichen Lebensgeschichte diese Nachforschungen auch gerettet haben mögen, sie können dennoch kein Licht aus jene unendliche Phantasie werfen, den verborgenen Magneten, der eine solche Anziehung auf uns ausübt. Wir sind recht plumpe Geschichtschreiber. Wir verzeichnen chronologisch Abstammung, Geburt, Geburtsort, Unterricht, Schulmeister, Geldverdienst und Heirat, das Erscheinen der Bücher, Berühmtheit und Tod; und wenn wir mit diesem Klatsche zu Ende gekommen sind, zeigt sich kein Strahl der Beziehung zwischen den armen Taten und dem Sohn der Göttin, und fast scheint es, als ob, wenn wir auf gut Glück in den »Modernen Plutarch« gegriffen und irgend eine andere Lebensgeschichte gelesen hätten, sie zu den Gedichten genau so gut gepaßt hätte. Es ist das Wesen der Poesie wie der Regenbogen eine Tochter des Wunders, aus dem Unsichtbaren aufzutauchen, die Vergangenheit zu vernichten und alle Entstehungsgeschichte zu weigern. Malone, Warburton, Dyce und Collier haben ihr Öl verschwendet. Die berühmten Theater, Covent-Garden, Drury-Lane, das Park-Theater und Tremont haben vergeblich Beihilfe geleistet. Betterton, Garrick, Kemble, Kean und Macready widmen diesem Genius ihr Leben, ihn krönen und erläutern, ihm folgen sie, ihm verleihen sie Ausdruck. Aber der Genius kennt sie nicht. Die Recitation beginnt, und ein goldenes Wort hüpft unsterblich aus all dieser aufgefärbten Pedanterie hervor und quält uns mit süßer Sehnsucht nach seiner eigenen unzugänglichen Heimat. Ich erinnere mich, wie ich einst ins Theater ging, um den Hamlet eines berühmten Darstellers zu sehen, eines Mannes, der der Stolz der englischen Bühne war, und alles, was ich von dem Tragöden damals hörte, und alles, was mir von ihm in Erinnerung geblieben ist, war das, woran der Tragöde keinen Anteil hatte, einfach die Frage Hamlets an den Geist:

Was mag dies heißen,
Daß du als Leichnam kommst, in Stahl gerüstet,
Des Mondes Flimmern wieder zu besuchen?

Jene Phantasie, die das Kämmerchen, in dem er schrieb, zur Welt erweitert und es mit Mächten und Wesen jeder Art in Rang und Ordnung füllt, zieht ebenso rasch die ganze große Wirklichkeit in ein Flimmern des Mondes zusammen. Diese Wunderwerke seines Zaubers zerstören uns die Illusion des schauspielerischen Kostüms. Welche Biographie könnte ein Licht über die Örtlichkeiten verbreiten, in die uns der Sommernachtstraum führt? Vertraute Shakespeare irgend einem Notar oder Gemeindeschreiber, irgend einem Sakristan oder Gemeindevertreter in Stratford die Genesis dieser zarten Schöpfung an? Der Forst von Arden, die fliehenden Lüfte von Scone Castle, das Mondlicht auf Portias Villa, »die weiten Grotten und die tragen Wüsten,« in denen Othello gefangen war – wo lebte der Vetter im dritten Glied oder der Großneffe, in welchem Gerichtsarchiv sollte ein Bündel Rechnungen oder wo ein Privatbrief liegen, der ein Wort dieser transcendenten Geheimnisse bewahrt hätte? In diesen Dramen wie in allen großen Kunstwerken – in der cyklopischen Architektur Ägyptens und Indiens, in den Bildwerken des Phidias, den gotischen Münstern, der italienischen Malerei, den Balladen Spaniens und Schottlands zieht der Genius, sobald das schöpferische Zeitalter zum Himmel verschwebt ist, die Leiter nach sich empor und macht einem neuen Zeitalter Platz, das die Werke sieht und vergeblich nach ihrer Geschichte fragt.

Shakespeare ist der einzige Biograph Shakespeares, und selbst er vermag nichts zu sagen, außer zu dem Shakespeare in uns, das heißt unserer empfänglichsten, sympathieerfülltesten Stunde. Er kann von seinem Dreifuß nicht heruntersteigen und uns Anekdoten über seine Inspirationen mitteilen. Man lese die antiken Dokumente, entwirrt, analysiert und verglichen von dem emsigen Dyce und Collier – und dann lese man eine jener himmlischen Tendenzen, Aërolithen, die vom Firmaments hernieder gefallen scheinen, und die nicht unsere Erfahrung, sondern der Mensch in unserer Brust als Schicksalsworte aufgenommen hat; und dann sage mir einer, ob die beiden sich decken, ob die ersteren irgendwie die letzteren erklären können, oder welche von beiden den historischeren Einblick in das Wesen des Mannes gewähren.

Daher haben wir, obgleich unsere äußeren Daten so ärmlich sind, sobald wir, anstatt Aubrey's und Rowe's, Shakespeare selbst als Biographen benutzen, all jene Information, die uns wirklich wichtig ist, die, wenn wir dem Manne begegnen könnten und mit ihm zu thun hätten, uns zu wissen am wichtigsten wäre. Denn es sind uns all seine Überzeugungen aufgezeichnet über jene Fragen, die an jedes Herz um Antwort klopfen – seine Ansichten über Leben und Tod, über Liebe, über Reichtum und Armut, über die Preise des Lebens und die Wege, auf denen sie errungen werden, über die Charaktere der Menschen und die verborgenen sowie die sichtbaren Einflüsse, die ihr Geschick lenken, und über jene geheimnisvollen und dämonischen Mächte, die unseres Wissens spotten, und die doch ihre Bosheit und ihre Gaben in unsere hellsten Stunden verflechten. Wer las je den Band seiner Sonette, ohne zu erkennen, daß der Poet hier unter Masken, die für den Verständigen keine Masken sind, die Lehre von Freundschaft und Liebe offenbart hat, die Verwirrung der Gefühle in dem empfindungsfähigsten und zugleich geistig entwickeltsten aller Menschen? Welchen Zug seines eigensten Geistes hat er in feinen Dramen verborgen? Aus seinen reichen Gemälden des Edelmannes und Königs läßt sich erkennen, welche Formen, welche Menschen ihm wohlgefielen, sein Entzücken an zahlreichen Freunden, an reicher Gastlichkeit, an fröhlichem Geben. Möge Timon, Marwick, möge Antonio, der Kaufmann, für sein großes Herz sprechen. Weit entfernt davon, daß Shakespeares Persönlichkeit die unbekannteste wäre, ist sie vielmehr die einzige der Neuzeit, die uns wirklich bekannt ist. Welche Frage der Sitte, der Manieren, der Wirtschaft, der Philosophie, der Religion, des Geschmacks, der Lebensführung hat er nicht erledigt? Von welchem Geheimnis hat er nicht seine Kenntnis bezeugt? Welches Amt, welche Funktionen, welches Gebiet menschlicher Thätigkeit hat er unerörtert gelassen? Welchen König hat er nicht im königlichen Auftreten unterwiesen, wie Talma Napoleon unterwiesen hat? Welches Mädchen hat ihn nicht feiner als ihre zarteste Empfindung gefunden? Welchen Liebenden hat er nicht im Lieben, welchen Weisen nicht im Erkennen übertroffen? Welchen Gentleman hat er nicht in seinem Betragen beschämt?

Es giebt tüchtige und urteilsfähige Kritiker, die kein Urteil über Shakespeare für wertvoll halten, das sich nicht durchaus auf seine Bedeutung als Dramatiker stützt; die es für verfehlt halten, ihn als Dichter und Philosophen zu beurteilen. Ich schätze seine dramatischen Verdienste nicht weniger als diese Kritiker sie schätzen, halte sie aber dennoch für sekundär. Er war ein ganzer, ein übervoller Mensch, der zu sprechen liebte, ein Hirn, dem Gedanken und Bilder entströmten, die, da sie Luft suchten, das Drama als nächstliegendes Ventil fanden. Wäre er geringer gewesen, als er war, dann hätten wir zu betrachten, wie gut er seinen Platz ausfüllte, was für ein guter Dramatiker er war, – und er ist der beste in der Welt. Aber es zeigt sich, daß das, was er zu sagen hat, von solchem Gewicht ist, daß es einen guten Teil der Aufmerksamkeit von dem Vehikel seiner Gedanken ablenkte, und er ist wie ein Heiliger, dessen Geschichte in alle Sprachen übergeht, in Vers und Prosa, in Gesänge und Bilder und zu Sprichwörtern zerschnitten wird, sodaß die Gelegenheit, die dem Gedanken des Heiligen die Form eines Gesprächs oder eines Gebetes oder eines Gesetzbuches gab, neben der Universalität seiner Anwendung verschwindet. So ergeht es auch mit dem weisen Shakespeare und seinem Buche des Lebens. Er schrieb die Melodien für alle Musik der modernen Zeit, er schrieb den Text des modernen Lebens, den Text unseres Betragens; er zeichnete den Menschen von England und Europa, den Vater des Menschen von Amerika; er zeichnete den Menschen und beschrieb den Tag und was am Tage geschieht; er las die Herzen der Männer und Weiber, ihre Ehrlichkeit wie ihre Hintergedanken und ihre Arglist; die Listen der Unschuld und die Übergänge, durch welche Tugenden und Laster in ihr Gegenteil gleiten; er konnte den Anteil des Vaters von dem der Mutter im Gesicht des Kindes trennen und die feinen Grenzlinien zwischen Schicksal und Freiheit ziehen, er kannte die Gesetze der Reaktion, die die Politik der Natur bilden; und alles Süße und alle Schrecken des Menschenloses lagen in seinem Geiste so wahr und sanft, wie die Landschaft im Auge sich spiegelt. Und die Fülle seiner Lebensweisheit verdrängt die Form, ob Drama, ob Epos, gänzlich aus der Beachtung. Es ist, als wollte man eine Untersuchung über das Papier anstellen, auf welchem die Botschaft eines Königs geschrieben steht.

Shakespeare steht genau so außerhalb der Reihe hervorragender Schriftsteller, wie er außerhalb der Menge steht. Er ist unfaßbar weise, die Weisheit der anderen ist eine faßbare. Ein guter Leser kann sich in das Hirn Platos gewissermaßen einnisten und von dort aus denken, aber nicht in das Shakespeares. Wir stehen immer noch vor den Thüren. Was die Kunst der Ausführung, was schöpferische Kraft anbelangt, ist Shakespeare einzig. Kein Mensch kann es sich besser gemacht denken. Er bezeichnet die äußerste Grenze, welche die subtilste Erkenntnis erreichen kann, die mit einem individuellen Ich noch vereinbar ist – er ist der subtilste aller Autoren, er liegt genau an der Möglichkeitsgrenze der Kunst. Mit dieser Lebensweisheit geht eine gleiche Begabung mit Phantasie und lyrischem Ausdruck Hand in Hand. Er bekleidete die Gestalten seiner Fabel mit lebendiger Form und mit Empfindungen, als ob sie Leute wären, die unter seinem Dach gelebt hätten; und wenig wirkliche Menschen haben so scharf gezeichnete Charaktere hinterlassen wie Shakespeares Erfindungen. Und sie redeten in einer Sprache, die eben so süß wie einzig angemessen war. Dennoch ließ er sich von so vielen Talenten niemals verführen, mit einem zu prunken, noch spielte er je mit nur einer Saite. Eine allgegenwärtige Menschlichkeit verwendet all seine Fähigkeiten gleichmäßig als Mittel. Wenn ein begabter Mensch eine Geschichte zu erzählen hat, tritt sofort seine Eigentümlichkeit zu Tage. Er verfügt über gewisse Beobachtungen, Meinungen, Gesprächsthemen, die irgend einen zufälligen Vorzug haben, und er verwendet sie alle, um zu wirken. Er überladet einen Abschnitt und läßt den anderen verkümmern, denn er richtet sich nicht nach dem Wesen des Gegenstandes, sondern nach seinem eigenen Wesen und Können. Aber Shakespeare hat keine Eigentümlichkeit, kein vordringliches Lieblingsthema, sondern er giebt alles, wie es an die Reihe kommt; er hat keine glücklichen Momente, keine Bizarrerien, er ist kein Kuhmaler, kein Vogel-Phantast, kein Manierist, es ist absolut kein Hervorheben der eigenen Person bei ihm zu entdecken; er erzählt das Große groß, das Kleine an seiner Stelle. Er ist weise ohne Emphase, ohne nachdrückliche Betonung; er ist stark, wie die Natur stark ist, die das Festland ebenso mühelos zu Berglehnen aufwirft, und nach denselben Gesetzen, nach denen sie eine Seifenblase in die Luft schweben läßt, und die das eine so gern thut wie das andere. Dies bewirkt jene gleiche Mächtigkeit und Vollendung in der Posse wie in der Tragödie, in erzählenden Teilen wie im Liebeslied – ein Können, das so intensiv ist, so nirgends nachläßt, daß kein Leser glauben mag, daß Andere es ebenso wahrnehmen wie er.

Diese Gewalt des Ausdrucks, diese Fähigkeit, die innerste Wahrheit der Dinge in Musik und Vers zu übertragen, macht ihn zum Typus des Dichters und hat der Metaphysik ein neues Problem zur Lösung vorgelegt. Diese Gabe ist es, die ihn zu einem Gegenstand der Naturgeschichte der Erde macht, als eines der merkwürdigsten Produkte unseres Globus, als eine Erscheinung, die eine neue Aera und neuartigen Fortschritt verkündet. Die Dinge spiegelten sich in seiner Poesie fleckenlos und ohne Einbuße an Wahrheit; er konnte das feinste Detail mit sicherer Genauigkeit, das Große mit gewaltigen Linien malen, das Tragische wie das Komische gelang ihm in gleicher Weise, ohne Verzerrung, ohne ungerechte Vorliebe. Er verwendete die ganze Macht seiner Ausführung auf das kleinste Detail, er traf auf Haarbreite; er zeichnet eine Augenwimper, ein Grübchen so fest und genau, wie er die Linien eines Berges führt, und gleich den Werken der Natur werden beide, mit dem Sonnenmikroskop untersucht, keinen Fehler zeigen.

Kurz, er liefert den treffendsten Beweis dafür, daß der Umfang der Produktion, die Zahl der Bilder ganz gleichgiltig sind. Er besaß die Gabe, ein Bild zu zeichnen. Daguerre brachte es zustande, eine Blume ihr Bild in seine Jodin-Platte ätzen zu lassen, und nun konnte er mit Leichtigkeit eine Million Blumen ätzen. Gegenstände giebt es allezeit, aber Darstellung gab es nie. Hier nun erschien endlich die vollkommene Darstellung, und nun mag die Welt mit all ihren Gestalten zum Portrait sitzen. Wir können freilich kein Rezept geben, wie man einen Shakespeare macht, aber die Möglichkeit der Übersetzung der Welt in Gesang ist bewiesen.

Seine lyrische Kraft liegt immer im Geiste des ganzen Stückes. Seine Sonette, obschon ihre Vorzüglichkeit neben dem Glanz der Dramen verschwindet, sind ebenso unnachahmlich wie diese, und zwar liegt dies nicht in den einzelnen Zeilen, sondern im ganzen Wesen des Gedichts; so wie das Organ eines unvergleichlichen Menschen, so sind sie die Stimme poetischer Wesen, und jede Strophe ist heute so unmöglich nachzumachen wie ein ganzes Gedicht.

Obgleich die Reden in den Schauspielen und auch die einzelnen Verse von einer Schönheit sind, die das Ohr versucht, schon des bloßen Wohllauts wegen bei ihnen zu verweilen, ist doch ihr Sinn so mit Bedeutung gesättigt und mit dem Vorausgehenden und Nachfolgenden so verkettet, daß jeder Logiker sich befriedigt erklären müßte. Seine Mittel sind so wunderbar wie seine Ziele; jede untergeordnete Erfindung, deren er sich bedient, um unvereinbare Gegensätze zu vermitteln, ist selbst ein Gedicht. Er hat es niemals nötig abzusteigen und zu Fuß zu gehen, weil die Pferde mit ihm durchgehen wollen, – er reitet stets und sicher.

Die feinste Poesie war ursprünglich Erfahrung; aber der Gedanke hat eine Umwandlung durchgemacht, seitdem er eine Erfahrung war. Gebildete Leute erreichen oft einen hohen Grad von Geschicklichkeit im Versemachen; aber es ist leicht, durch ihre Gedichte hindurch ihre persönliche Geschichte zu lesen: jeder, der die Gesellschaft kennt, kann jede Gestalt nennen: dies soll Andreas sein und dies Rahel. Und so bleibt der Sinn ein prosaischer. Es ist eine Raupe mit Flügeln, aber noch lange kein Schmetterling. In dem Geist des Dichters ist das Tatsächliche völlig in das neue Gedankenelement übergegangen und hat alle Puppenschalen abgestreift. Diese Hoheit ist bei Shakespeare immer vorhanden. So wahr und so intim seine Bilder sind, daß wir sagen möchten, er habe seine Lektion auswendig gelernt, ist dennoch nirgends eine Spur von seinem Ich zu bemerken.

Ein noch königlicherer Zug gehört dem Dichter recht eigentlich an. Ich meine seine Fröhlichkeit, ohne die ein Mensch kein Dichter sein kann – denn sein Ziel ist die Schönheit. Er liebt auch das sittlich Vortreffliche, aber nicht weil es Pflicht ist, sondern weil es anmutig und vornehm ist: er schwelgt in Entzücken an der Welt, am Manne, am Weibe, um des lieblichen Lichtes willen, das von ihnen funkelt. Schönheit, den Geist der Wonne und Heiterkeit, gießt er über das Weltall aus. Epikurus erzählt, daß die Poesie solche Reize habe, daß ein Verliebter sein Mädchen verlassen könnte, um ihrer teilhaft zu werden. Und die wahren Sänger sind immer um ihre feste und fröhliche Gemütsstimmung berühmt geworden. Homer liegt in Sonnenlicht; Chaucer ist aufrecht und froh; und Saadi sagt: »Man hat das Gerücht verbreitet, daß ich büße, aber was hätte ich mit Reue und Buße zu thun?« Nicht minder souverän und fröhlich – ja noch weit souveräner und fröhlicher ist der Ton Shakespeares. Sein Name selbst erregt in den Herzen der Menschen das Gefühl von Befreiung und Freude. Wenn er in irgend einer Gesellschaft von Menschenseelen erschiene, wer würde nicht in seinem Gefolge schreiten wollen? Er kann kein Ding berühren, das nicht Gesundheit und Fortdauer von seinem festlichen Stile entlehnen würde.

 

Und nun! Wie steht die Rechnung der Menschheit mit diesem Sänger und Wohlthäter, wenn wir in der Einsamkeit, die Ohren dem unendlichen Hall seines Ruhmes verschließend, die Bilanz zu ziehen versuchen? Die Einsamkeit ist voll strenger Lehren, sie kann uns lehren, der Helden wie der Dichter zu entraten; sie wägt Shakespeare wie die anderen und findet, daß auch er die Halbheit und Unvollkommenheit alles Menschlichen teilt.

Shakespeare, Homer, Dante, Chaucer erkannten das glänzende Licht tieferer Bedeutung, das die sichtbare Welt umspielt; sie wußten, daß der Baum einen anderen Zweck hat, als Äpfel zu tragen, daß das Korn nicht da ist, um uns Mehl zu geben, noch die Erdkugel für unseren Pflug und unsere Straßen; daß all diese Dinge eine zweite, schönere Ernte dem Geiste bringen, weil sie die Sinnbilder seiner Gedanken sind, und in ihrer Naturgeschichte eine Art stummen Kommentars zum Leben der Menschen liefern. Shakespeare verwendete sie als Farben, um sein Bild zusammenzusetzen. Er begnügte sich mit ihrer Schönheit, und nie that er den Schritt, der doch bei solchem Genie unvermeidlich scheinen sollte, nie unternahm er den Versuch, die Kraft zu erforschen, die in diesen Symbolen wohnt und ihnen solche Macht giebt – zu fragen, was sie selber uns sagen. Er verwendete die Elemente, die seines Befehles harrten, zu Unterhaltungszwecken. Er ward der maître de plaisir der Menschheit. Ist es nicht, als ob ein Mensch durch die Gewalt majestätischen Wissens die Kometen in seine Macht bekommen hätte oder den Mond und alle Planeten, und sie nun aus ihren Kreisen zöge, um sie an einem Feiertag abends beim Stadtfeuerwerk leuchten zu lassen, und in allen Städten anzeigen würde: »Heute abend findet eine noch nicht dagewesene pyrotechnische Produktion statt!« Sind die Kräfte der Natur und die Macht sie zu verstehen nicht mehr wert als ein Parkkonzert oder der Rauch einer Cigarre? Wieder tritt uns jener Posaunentext im Koran in Erinnerung: »Die Himmel und die Erde und alles was zwischen ihnen ist – glaubt ihr, daß wir sie zum Scherze geschaffen?« So lange vom Talent, von geistiger Kraft die Rede ist, hat die Menschenwelt nicht seinesgleichen aufzuweisen. Aber wenn es sich um das Leben handelt, um den Stoff dieses Lebens und wahrhafte Hilfe – was nützt er uns? Was bedeutet das Ganze? Es ist nur ein Dreikönigstag, ein Sommernachtstraum, ein Wintermärchen: was will da ein Bild mehr oder weniger bedeuten? Der ägyptische Ausspruch der Shakespeare-Gesellschaften kommt uns in Erinnerung, daß er ein fröhlicher Schauspieler und Theater-Direktor gewesen. Ich kann diese Thatsache nicht mit seinen Versen vermählen. Andere Menschen haben ein Leben geführt, das doch irgendwie in einem Verhältnis zu ihrem Denken stand, aber das dieses Menschen war im fernsten Kontrast dazu. Wenn er ein Geringerer gewesen wäre, wenn er nur das gewöhnliche Maß großer Autoren erreicht hätte, die Höhe eines Bacon, Milton, Tasso, Cervantes, wir könnten die Thatsache im Zwielicht des menschlichen Schicksals lassen: aber daß dieser Mensch der Menschen, er, der unserer Kenntnis menschlicher Geisteskraft einen neuen, reicheren Stoff gab als je existiert hatte, der die Fahne der Menschheit um einige Wegmaße weiter ins Chaos getragen hatte – daß der für sich nicht weise gewesen – es muß in der Weltgeschichte verzeichnet werden, daß der größte aller Dichter ein obskures und profanes Leben geführt und seinen Genius zur Unterhaltung der Menge gebrauchte.

Wohl, andere Menschen, Priester und Propheten, Israeliten, Deutsche und Schweden, sahen dieselben Gegenstände, sahen gleichfalls durch sie und schauten, was sie enthielten. Und was war die Folge? Sogleich verschwand alle Schönheit: sie lasen Gebote, eine alles ausschließende, berghohe Pflicht; ein Zwang, eine Trauer wie von aufeinander lastenden Bergen fiel auf sie, das Leben wurde gespenstisch, freudlos, eine Pilgerfahrt, eine Prüfungszeit, ringsum eingeschlossen von wehevollen Gedichten, von Adams Fall und Adams Fluch hinter uns, von jüngsten Gerichten, von Feg- und Höllenfeuer vor uns; und das Herz des Sehers wie das Herz des Hörers entsank ihnen.

Es muß zugegeben werden, daß dies halbe Anschauungen halber Menschen sind. Die Welt harrt noch des Dichter-Priesters, eines Versöhners, der nicht tändeln darf wie der Schauspieler Shakespeare, noch in Gräbern tappen wie der trauernde Swedenborg, sondern schauen und sprechen und thun muß in gleicher ungebrochener Inspiration. Denn das Wissen wird das Sonnenlicht nur noch glänzender machen; das Recht ist schöner als alle Gemütsbewegung des einzelnen; und mit der reichsten Weltweisheit ist die Liebe vereinbar.


 << zurück weiter >>