Arthur Conan Doyle
Das Zeichen der Vier
Arthur Conan Doyle

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Das Ende des Insulaners

Wir hatten eine ausgezeichnete Mahlzeit. Wenn Holmes wollte, konnte er sehr unterhaltsam sein; und heute wollte er. Er befand sich in einem Zustand nervöser Erregung. Selten hatte ich ihn so brillant erlebt. In munterer Reihenfolge sprach er über eine Reihe von Themen – über Wundererscheinungen, mittelalterliche Töpferkunst, die Stradivari-Violine, den ceylonesischen Buddhismus und über Kriegsschiffe der Zukunft. Jedes Thema behandelte er so, als hätte er darüber spezielle Studien angestellt. Seine humorvolle Darstellung stand in deutlichem Kontrast zu den dunklen Depressionen der vergangenen Tage. Athelney Jones erwies sich bei inoffiziellen Treffen als geselliger Typ und genoß das Dinner. Ich selbst verspürte Begeisterung darüber, daß wir uns dem Ende des Abenteuers näherten und fing etwas von Holmes' Fröhlichkeit ein. Keiner von uns sprach während des Essens über die Umstände, die uns zu diesem zusammengeführt hatten.

Als die Speisen abgeräumt wurden, schaute Holmes auf die Uhr und füllte drei Gläser mit Portwein. »Einen Schluck auf den Erfolg unserer Expedition,« sagte er, »Und nun müssen wir uns beeilen. Watson, haben Sie eine Pistole dabei?«

»Mein Dienstrevolver ist im Schreibtisch.«

»Dann nehmen Sie ihn bitte. Wir müssen gewappnet sein. Die Droschke steht bereits vor der Tür. Ich habe sie für halb sieben bestellt.«

Es war kurz nach sieben Uhr als wir die Kaianlage von Westminster erreichten. Unser Boot war bereits dort. Holmes beäugte es kritisch.

»Kann man es als Polizeiboot erkennen?«

»Ja, am grünen Seitenlicht.«

»Dann nehmen Sie es weg.«

Diese kleine Veränderung wurde vorgenommen und wir gingen an Bord. Die Leinen wurden losgeworfen; ich setzte mich ins Heck. Ein Mann stand am Ruder, einer kümmerte sich um die Maschine, zwei stämmige Inspektoren saßen im Bugbereich.

»Wohin?« fragte Jones.

»Zum Tower. Sagen Sie ihnen, daß wir auf der anderen Seite vom Jacobson Yard anhalten werden.«

Wir hatten offensichtlich ein sehr schnelles Schiff. Wir schossen an der langen Kette beladener Kähne vorbei, als würden sie sich nicht durch das Wasser bewegen. Holmes lächelte zufrieden, als wir ein Dampfschiff überholten und hinter uns ließen.

»So können wir jeden auf dem Fluß erwischen,« sagte er.

»Nicht alle, aber nur wenige Dampfschiffe können uns schlagen.«

»Wir müssen die Aurora fangen, obwohl sie ein sehr schnelles Schiff ist. Ich sage Ihnen, wie sie aussieht, Watson. Erinnern Sie sich, wie ärgerlich ich über eine nichtige Sache wurde?«

»Ja«

»Nun, ich habe meinen Verstand durch eine chemische Analyse beruhigt. Einer unserer größten Staatsmänner hat gesagt, daß eine Veränderung der Arbeitsweise die beste Beruhigung ist. Das stimmt. Als ich die Kohlenwasserstoffe erfolgreich auflöste, kam ich zu unserem Sholto-Problem zurück und überdachte alles noch einmal. Die Jungen haben ohne Erfolg flußauf und flußab gesucht. Die Barkasse war an keinem Landeplatz, an keinem Kai und ist auch nicht zurückgekehrt. Und konnte auch nicht versenkt worden sein, um ihre Spuren zu verbergen – obwohl dies als mögliche Hypothese bleibt, wenn alles andere sich als falsch erweist. Small hat eine gewisse Art von Schläue, besitzt aber keine Veranlagung zu größerer Raffiniertheit. Dazu gehört normalerweise eine andere Ausbildung. Dann fiel mir auf, daß er schon länger in London gewesen sein mußte – da wir wissen, daß er Pondicherry Lodge längere Zeit beobachtete – und daß er mindestens einen Tag benötigte, um alles zu arrangieren.

»Diese Argumentation erscheint mir ein wenig schwach,« sagte ich. »Hätte er nicht alles arrangieren können, bevor er aufbrach?«

»Ich glaube nicht. Das Versteck wird er solange behalten, bis er weiß, daß er ohne das Versteck sein Ziel erreichen kann. Aber mir ist noch eine andere Sache aufgefallen. Jonathan Small muß erkannt haben, daß das ungewöhnliche Aussehen seines Begleiters trotz aller Verkleidung zu Gerüchten führen könnte, die mit dem Norwood Fall in Verbindung gebracht werden könnten. So scharfsichtig war er schon. Von ihrem Versteck aus sind sie in der Dunkelheit aufgebrochen und wollten vor Tageslicht zurück sein. Als sie bei der Barkasse ankamen, war es nach Aussage von Mrs. Smith bereits drei Uhr vorbei. Innerhalb einer Stunde wäre es hell und Leute kämen vorüber. Also nehme ich an, daß sie nicht weit kamen. Sie bezahlten Smith für sein Schweigen, reservierten sich die Barkasse für die spätere Flucht und verschwanden in ihrem Versteck mit dem Schatz. Während der nächsten paar Tage konnten sie die Nachrichten in den Zeitungen verfolgen und falls der Verdacht auf sie fiele, sich im Schutze der Nacht ihr Schiff in Gravesend oder in den Downs suchen, für das sie zweifellos schon eine Überfahrt nach Amerika oder in die Kolonien arrangiert hatten.«

»Aber sie konnten die Barkasse doch nicht mit in ihr Versteck nehmen.«

»So ist es. Ich vermutete das Schiff trotzt seiner Unsichtbarkeit ganz in dessen Nähe. Ich habe versucht, mich in Small hineinzuversetzen und es mit seinen Augen zu betrachten. Er hatte die Rückführung der Barkasse oder ihre Unterbringung an einem Kai verworfen, da ihre Entdeckung die Polizei leicht auf seine Spur führen könnte. Wie also konnte er das Schiff gleichzeitig verstecken und dennoch sofort zur Hand haben? Ich überlegte, was ich an seiner Stelle getan hätte; und ich konnte mir nur einen Weg vorstellen. Ich müßte sie zu einer Werft oder einem Reparaturbetrieb bringen und dort nur unwesentliche Reparaturen ausführen lassen. Die Barkasse wäre dann im Bootsschuppen oder Dock und damit gut verborgen. Doch gleichzeitig wäre sie in wenigen Stunden wieder betriebsbereit.«

»Das ist eine einleuchtende Erklärung.«

»Aber genau solche einfachen Sachen werden leicht übersehen. Ich beschloß, diese Idee weiter zu verfolgen. So begann ich in dieser Seemannskleidung alle Werften flußab zu befragen. Bis zur fünfzehnten waren es nur Fehlanzeigen, aber bei Jacobsen erfuhr ich, daß die Aurora ihnen von einem Mann mit Holzbein vor zwei Tagen überlassen worden war. Es sollten nur kleine Reparaturen am Ruder ausgeführt werden. ›Es war aber nichts am Ruder,‹ sagte mir der Vorarbeiter. ›Dort liegt sie, die mit den roten Streifen.‹ Und im gleichen Moment kam Mordecai Smith, der vermißte Besitzer. Er war stark angetrunken. Ich hatte ihn vorher zwar nie gesehen, aber er rief seinen Namen und den des Schiffes. ›Ich brauche sie heute abend um acht Uhr, und zwar pünktlich, denn ich habe zwei Gentlemen, die nicht warten mögen.‹ Man hatte ihn augenscheinlich gut bezahlt, denn er warf den Männern einige Shillinge zu. Ich folgte ihm in einiger Entfernung. Als er in einer Kneipe einkehrte, ging ich zur Werft zurück. Unterwegs traf ich auf einen Jungen meiner Gang und stellte ihn als Wache bei der Barkasse ab. Er steht dicht am Wasser und wird mit seinem Taschentuch winken, wenn sie ablegen. Wir werden mitten im Fluß liegen und es wäre schon sehr seltsam, wenn wir nicht die Männer und den Schatz fangen würden.«

»Sie haben alles sehr gewissenhaft geplant, egal ob es die richtigen oder die falschen Männer sind,« sagte Jones. »Aber wenn ich für den Fall verantwortlich wäre, hätte ich ein paar Polizisten auf Jacobson's Werft plaziert und sie sofort beim Erscheinen verhaftet.«

»Dann wären sie wohl nicht erschienen. Dieser Small ist ein schlauer Bursche. Er würde einen Späher vorausschicken und wenn ihm etwas verdächtig wäre, würde er gemütlich eine weitere Woche abwarten.«

»Aber wenn Sie bei Mordecai Smith geblieben wären, hätte dieser Sie zum Versteck führen können,« sagte ich.

»Dann hätte ich den ganzen Tag verschwendet. Ich wette hundert zu eins, daß er nicht weiß, wo sie sich aufhalten. Solange er Schnaps und Geld hat, wird er keine Fragen stellen. Sie benachrichtigen ihn, was er zu tun hat. Ich habe alle Möglichkeiten in Erwägung gezogen und diese ist am wahrscheinlichsten.«

Während unserer Unterhaltung waren wir unter einer Reihe von Themsebrücken hindurchgeschossen. Als wir am Stadtzentrum vorbeikamen, schmückten die letzten Strahlen der Sonne das Kreuz auf der Kuppel der St. Paul's Kathedrale. Es war Dämmerung, bevor wir den Tower erreichten.

»Dort ist Jacobson's Werft,« sagte Holmes und zeigte auf eine Ansammlung von Masten und Takelage auf der Surrey-Seite des Flusses. »Fahren sie langsam im Schutz dieser Reihe von Lichtern hin und her.« Er nahm ein Nachtsichtglas aus seiner Tasche und starrte einige Zeit ans Ufer. »Meine Wache steht auf ihrem Posten,« bemerkte er, »aber kein Zeichen eines Taschentuchs.«

»Wie wäre es, wenn wir ein Stück flußabwärts fahren und ihnen dort auflauern,« sagte Jones beflissen. Mittlerweile waren wir alle ungeduldig geworden, die Polizisten und Heizer eingeschlossen, die nur eine vage Ahnung von dem hatten, was hier vorging.

»Wir können nichts als gesichert betrachten,« antwortete Holmes. »Es steht zehn zu eins, daß sie flußabwärts wollen, aber wir können nicht sicher sein. Von hier aus sehen wir die Einfahrt der Werft und sie können uns nicht sehen. Die Nacht ist wolkenlos und wir haben genügend Licht. Wir bleiben, wo wir sind. Sehen Sie nur, wieviel Leute unter den Gaslaternen passieren.«

»Sie kommen alle von ihrer Arbeit auf der Werft.«

»Dreckige Schurken, aber jeder hat einen unsterblichen Funken in sich verborgen. Man kann es ihnen nicht ansehen. Es gibt keine a-priori Wahrscheinlichkeit dafür. Welch seltsames Rätsel ist der Mensch!«

»Jemand nannte es ›die Seele im Tier‹,« schlug ich vor.

»Winwood Reade hat darüber gut geschrieben,« sagte Holmes. »Er sagte, daß der einzelne Mensch ein unlösbares Puzzle darstellt. Aber in der Gesamtheit gesehen ist er eine berechenbare Größe. So kann man nie vorhersagen, was ein Mensch gerade tun wird; aber ab einer gewissen Zahl können Sie es präzise vorhersagen. Die Individuen variieren, aber die Prozentzahlen bleiben konstant – sagt der Statistiker. Aber sehe ich dort nicht ein Taschentuch? Dort flattert doch etwas weißes.«

»Ja, es ist ihr Junge,« rief ich. »Ich kann ihn genau erkennen.«

»Und dort ist die Aurora,« rief Holmes, »und fährt wie der Teufel! Volle Kraft voraus! Folgen Sie der Barkasse mit dem gelben Licht. Um Himmels willen, ich verzeihe es mir nie, wenn wir ihr nicht auf den Fersen bleiben können!«

Die Barkasse war unbemerkt durch das kleine Werfttor geschlüpft, passierte hinter einigen kleineren Schiffen und hatte Fahrt aufgenommen, bevor wir sie entdeckten. Nun flog sie flußabwärts, dicht am Ufer entlang und mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Jones sah sie besorgt an und schüttelte den Kopf.

»Sie ist sehr schnell,« sagte er, »ich bezweifle, daß wir sie einholen können.«

»Wir müssen sie einholen!« rief Holmes zwischen den Zähnen hindurch. »Schaufeln Sie, Heizer! Holen Sie alles aus ihr heraus! Und wenn auch die Kessel platzen, wir müssen sie haben!«

Wir waren ihr jetzt ziemlich nahe. Die Brennöfen bullerten und die mächtigen Maschinen zischten und rasselten wie ein gewaltiges metallisches Herz. Der spitze, steile Bug zerschnitt das Wasser des Flusses und erzeugte auf beiden Seiten mächtige, sich brechende Wellen. Mit jedem Klopfen der Maschine hüpfte und zitterte das Schiff wie ein lebendiges Wesen. Eine große gelbe Laterne an unserem Bug warf ihren langen, flackernden Lichtkegel voraus. Genau voraus zeigt ein dunkler Fleck auf dem Wasser die Position der Aurora. Der hinter ihr aufgewirbelte weiße Schaum verriet das Tempo, mit dem sie vorwärtsschoß. Wir durchkreuzten den Kurs von kleinen Barken, Dampfschiffen, bald vorbei, bald dazwischen oder drum herum. Es hagelte Flüche aus der Dunkelheit; die Aurora donnerte voran und wir folgten ihr dicht dahinter.

»Mehr Kohlen, mehr Kohlen!« schrie Holmes, als er in den Maschinenraum sah. Die Glut der Öfen beleuchtete sein ungeduldiges Adlergesicht. »Machen Sie Dampf, soviel nur geht.«

»Ich glaube, wir haben ein wenig aufgeholt,« sagte Jones, der die Aurora beobachtete.

»Ich glaube auch,« sagte ich. »Wir werden sie in ein paar Minuten eingeholt haben.«

Wie es das Schicksal wollte, kam in diesem Moment ein Schlepper mit drei Lastkähnen im Schlepptau genau zwischen uns. Nur durch hartes Ruderlegen wurde ein Zusammenstoß vermieden, aber bevor wir den Schleppzug umrundeten, hatte die Aurora mehr als zweihundert Yards gewonnen. Aber sie war immer noch in guter Sichtweite und die unsichere Dämmerung verwandelte sich in eine sternklare Nacht. Unsere Kessel waren bis zum Äußersten beansprucht und der zerbrechliche Rumpf vibrierte und knarrte unter den gewaltigen Kräften, die uns vorantrieben. Wir hatten den Pool passiert, waren schon hinter den West India Docks, die lange Deptford Reach entlang und umrundeten die Isle of Dogs. Der dunkle Fleck vor uns löste sich auf und verwandelte sich zusehends in die zierliche Aurora. Jones richtete unsere Suchlampe auf sie, und wir konnten deutlich die Personen an Bord erkennen. Ein Mann saß im Heck und beugte sich über einen schwarzen Gegenstand zwischen seinen Knien. Neben ihm lag ein dunkles Etwas, das wie ein Neufundländer aussah. Der junge Smith hielt die Pinne. Im rotglänzenden Schein der Öfen sah ich den bis zur Hüfte nackten alten Smith, wie er um sein Leben Kohlen schaufelte. Sie mochten zuerst gezweifelt haben, ob wir ihnen wirklich folgten. Aber nun konnte kein Zweifel mehr daran sein, da wir ihnen bei jeder Wendung und Drehung folgten. In Höhe von Greenwich waren wir nur noch dreihundert Schritt von ihnen entfernt, in Blackwell waren es nur noch zweihundertfünfzig. In meinem wechselvollen Leben habe ich viele Kreaturen in den unterschiedlichsten Ländern gejagt, aber noch nie hatte der Jagdsport mir einen so aufregenden Nervenkitzel gegeben wie in dieser verrückten Menschenjagd auf der Themse. Yard um Yard kamen wir ihnen näher. In der nächtlichen Stille konnten wir das Keuchen und Stampfen ihrer Maschinen hören. Der Mann im Heck kauerte noch immer auf dem Deck und seine Arme bewegten sich geschäftig. Ab und zu schaute er hoch und maß die Entfernung zwischen den Schiffen. Wir kamen näher und näher. Jones rief ihnen zu, die Maschinen zu stoppen. Wir waren nur noch vier Bootslängen hinter ihnen, beide Schiffe mit einer gewaltigen Geschwindigkeit. Hier war der Flußverlauf ohne Biegungen, Barking Level auf der einen und die eintönigen Plumstead Marshes auf der anderen Seite. Auf unseren Zuruf hin sprang der Mann im Heck vom Deck auf, schüttelte seine geballten Fäuste gegen uns und fluchte in einer hohen, sich überschlagenden Stimme. Er war ein stämmiger, großer Mann. Als er sich an Deck ausbalancierte, sah ich, daß er auf der rechten Seite vom Oberschenkel an einen hölzernen Stumpf hatte. Beim Klang seiner scharfen, bösartigen Flüche bewegte sich das Bündel an Deck. Es richtete sich auf und wurde zu einem kleinen schwarzen Mann – dem kleinsten, den ich je gesehen hatte – mit einem großen, mißgestalteten Kopf und einem Büschel verfilzter, zerzauster Haare. Holmes hatte schon seinen Revolver gezogen und beim Anblick dieser wilden, verformten Kreatur zog auch ich meinen Revolver. Er war in eine Art dunkle Decke eingehüllt, die nur sein Gesicht freiließ; aber dieses Gesicht genügte, um jemanden schlaflose Nächte zu bescheren. Nie zuvor hatte ich solche Bestialität und Grausamkeit in einem Gesicht gesehen. Seine kleinen Augen glühten und brannten in düsterem Licht, seine dicken Lippen stülpten sich vor die Zähne, die uns mit nahezu tierischer Wut angrinsten und losschnatterten.

»Feuern Sie, wenn er die Hand hebt,« sagte Holmes ruhig. Wir waren weniger als eine Bootslänge entfernt und konnten unsere Beute fast berühren. Ich konnte beide jetzt deutlich sehen, der Weiße mit seinen weit gespreizten Beinen, Geschrei und Flüche ausstoßend und daneben der heidnische Zwerg mit dem häßlichen Gesicht, dessen kräftige gelbe Zähne im Licht unserer Lampe knirschten.

Es war vorteilhaft, daß wir ihn so deutlich sehen konnten. Trotz unseres Zusehens zog er aus seiner Körperbedeckung ein kurzes, rundes Holzstück hervor, das wie ein Zeigestock aussah und führte es an seine Lippen. Unsere Pistolen erklangen gleichzeitig. Er wirbelte herum, warf die Arme hoch und fiel mit einem würgenden Husten seitlich ins Wasser. Inmitten der weißen Wasserwirbel fing ich einen Blick seiner giftigen, drohenden Augen auf. Im gleichen Moment sprang der Mann mit dem Holzbein ans Ruder und riß es herum. Das Boot schoß aufs südliche Ufer zu, während wir knapp an seinem Heck im Abstand von wenigen Fuß vorbeischossen. Im nächsten Moment waren wir hinter dem Schiff, es war aber schon dicht an der Böschung. Es war ein wilder und öder Ort, der Mond beschien eine breite sumpfige Stelle, flaches stehendes Wasser und Sumpf mit absterbender Vegetation. Mit einem dumpfen Geräusch rutschte die Barkasse eine Schlammbank hinauf; der Bug ragte in die Luft, das Heck ins Wasser. Der Flüchtige sprang hinaus, aber sein Holzstumpf versank sofort im schlammigen Boden. Er kämpfte vergeblich, denn er konnte weder einen Schritt vorwärts noch einen Schritt zurück machen. Er schrie in ohnmächtiger Wut und trat mit dem gesunden Fuß krampfhaft in den Schlamm. Doch sein hölzerner Schaft sank nur immer weiter in den Schlamm. Als wir unsere Barkasse längsseits brachten, war er so fest im Schlick verankert, daß wir ihn nur herausziehen konnten, indem wir ein Seil über seine Schultern warfen. Wir konnten ihn wie einen großen Fisch über die Bordwand einholen. Die beiden Smiths, Vater und Sohn, saßen mürrisch auf dem Schiff und kamen auf unseren Befehl hin ohne Widerstreben an Bord. Wir zogen die Aurora von der Schlickbank und vertäuten sie an unserem Heck. Eine solide Truhe indischer Fabrikation stand an Deck. Sie mußte zweifellos den fluchbeladenen Schatz der Sholtos enthalten. Ein Schlüssel war nicht vorhanden und wir mußten das schwere Teil vorsichtig in unsere Kabine bugsieren. Während wir langsam wieder stromaufwärts dampften, leuchteten wir mit unserer Suchlampe in alle Richtungen, konnten aber keine Spur des Insulaner finden. Irgendwo im Schlamm am Boden der Themse liegen die Knochen dieses seltsamen Besuchers unserer Insel.

»Schauen Sie,« sagte Holmes und zeigte zur hölzernen Luke. »Wir waren gerade schnell genug mit unseren Pistolen.« Und genau dort, wo wir vorhin gestanden hatten, steckte eines der mörderischen Geschosse, die wir so gut kannten. Es muß im gleichen Augenblick zwischen uns geflogen sein, als wir unsere Pistolen abfeuerten. Holmes lächelte darüber und zuckte in seiner leichtfertigen Art mit den Schultern. Aber ich gestehe, daß es mich krank machte, an den schrecklichen Tod zu denken, der uns diese Nacht so knapp verfehlt hatte.


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