Hans Dominik
Moderne Piraten
Hans Dominik

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9. Die Schlinge zieht sich zusammen

Die »Saravia«, Heimathafen Hamburg, Kapitän Lornsen, war auf der Fahrt nach Newyork seit zwei Tagen in See. In der Schiffsliste war unter den Fahrgästen der ersten Klasse ein Monsieur Konstantinos Megastopoulos, Kunsthändler aus Paris, eingetragen.

An diesem Vormittag blieb Monsieur Megastopoulos in seiner Koje liegen, denn die See war in einem bösen Aufruhr. Im Laufe der letzten vierundzwanzig Stunden war der Südost, mit dem die »Saravia« noch bei Cuxhaven die Elbe verlassen hatte, in einen steifen Nordost umgeschlagen. Kreuz und quer liefen die Wogen durcheinander und ließen den Zwanzigtausendtonnenleib der »Saravia« kräftig tanzen.

Auf seinen früheren Reisen hatte der Grieche kaum mit der Seekrankheit zu tun gehabt, doch jetzt lernte er die Nordsee mit allen ihren Tücken kennen. In empfindlichster Weise bekam er zu spüren, daß jene kurzen, unregelmäßigen Wellen, wie sie hier bei einem Wechsel der Windrichtung auftreten, hundertmal unangenehmer sind als die langen, gleichmäßigen Roller des Atlantik.

Die Fensterläden seiner Kabine waren geschlossen, und die Nachttischlampe verbreitete ein schwaches, unsicheres Licht im Raum. Regungslos lag er in seiner Koje. Nur wenn das würgende Gefühl in seinen Eingeweiden übermächtig wurde, brachte er den Kopf mit Mühe und Not über die Bettkante und beugte ihn über ein Blechgefäß, das der Steward in weiser Voraussicht kommender Ereignisse hingestellt hatte.

»Kommen Sie zu mir rüber, Jensen!« rief im Speisesaal Kapitän Lornsen dem Ersten Offizier zu. »Heute bleiben wir anscheinend unter uns. Ist kein Dinerwetter für Landratten. Da spart die Reederei mal wieder ordentlich an Verpflegung.«

Die beiden Seebären ließen sich durch das schlechte Wetter wenig stören und taten dem reichhaltigen Essen alle Ehre an. Munter flogen Rede und Gegenrede dabei hin und her, als plötzlich beide gleichzeitig aufmerkten.

»Alle Wetter, was ist das?« Der Kapitän warf das Mundtuch hin. »Die Maschinen stoppen, schlagen rückwärts.« Schon war er aufgesprungen und eilte, von dem Ersten Offizier gefolgt, auf die Kommandobrücke. »Was ist los, Wulf?« fragte er den Wachthabenden.

Dieser grüßte und meldete: »Treibender Ballonkorb Backbord neben uns. Wird eben an Bord gehißt.«

Der Kapitän begriff im Augenblick. Vierundzwanzig Stunden nach ihrer Ausfahrt hatte der Bordfunker ein Telegramm aus Norddeich aufgenommen, eine Mitteilung, daß der Freiballon »Greif« mit Insassen in die Nordsee abgetrieben sei. Alle Schiffe wurden gebeten, Ausschau danach zu halten.

»Einen Ballonkorb, Wulf? Haben Sie sich am Ende nicht geirrt und die »Saravia« um irgendeinen alten Äppelkorb stoppen lassen?«

»Nein, Herr Kapitän, es ist ein Ballonkorb.«

»Kommen Sie, Jensen!«

Zusammen mit seinem Ersten Offizier ging er nach dem Hinterschiff, wo einer der Bordkräne über die Reling ausgeschwenkt wurde.

»Haken faßt, laht de Winsch gahn!« schrie ein Matrose einem andern zu. Ratternd setzte sich das Windengetriebe in Bewegung. Die Krankette straffte sich. Triefend und schaukelnd stieg ein viereckiger gelber Korb neben der Schiffswand in die Höhe. Jetzt schwebte er über der Reling.

Lornsen packte seinen Ersten am Arm. »Dunnerschlag, Jensen! ›Greif‹, da steht's am Korb.«

Der Erste Offizier schüttelte den Kopf. »Ja, Käpten! Dat helpt uns man nich veel. Den Korb hätten wi woll, aber wo is de Ballon? De armen Lüt werden woll all versapen sind.«

Während Jensen derart seiner Meinung Ausdruck gab, hatten die Matrosen den Korb vom Kranhaken losgemacht und auf das Deck gestellt. Er war vollkommen leer, keine Spur von Instrumenten, Lebensmitteln oder Kleidungsstücken darin.

»Nix in, Käpten! Daor hett de Magistrat fegt«, meinte der Erste.

Der Kapitän schüttelte den Kopf. »Das wird wohl die See getan haben, Jensen. Aber sehn Sie mal hier« – er griff nach einem der Tragseile, das einen unversehrten Knebel an seinem Ende trug – »der Korb ist nicht abgerissen, der ist sauber ausgeknebelt worden. Das erklärt manches.«

Der Erste Offizier sah ihn fragend an.

Lornsen sprach weiter: »In der höchsten Not haben die Leute sich auf den Ballonring geflüchtet und den Korb ausgeknebelt, um neuen Auftrieb zu gewinnen, ihr Leben weiterzufristen, freilich nur für kurze Zeit. Von dem Korb entlastet, wird der Ballon noch mal einen gehörigen Sprung gemacht haben, ist vielleicht sogar noch mal tausend Meter hochgegangen. Aber danach muß ja doch der letzte unerbittliche Fall kommen, den nichts mehr aufhalten kann. Setzen Sie für alle Fälle noch einen zweiten Mann in den Ausguck! Eine treibende Ballonhülle ist weit zu sehen. Die Leute sollen scharf aufpassen. Sie können ihnen sagen, daß der Erfurter Verein eine anständige Belohnung für den Finder des Ballons ausgesetzt hat. Lassen Sie auch nach Norddeich funken, daß die ›Saravia‹ den Korb des ›Greif‹ geborgen hat. Geben Sie als Fundstelle das Mittagsbesteck an.« (Mittagsbesteck bedeutet den um Mittag mit astronomischen Mitteln festgestellten Standort des Schiffes.)

Der Kapitän ging in den Speisesaal zurück, während der Erste Offizier die erhaltenen Befehle ausführte. Für ihn lohnte es sich nicht mehr, zu dem inzwischen doch kalt gewordenen Kaffee zurückzukehren, da seine eigene Wache in wenigen Minuten begann. –

Im gewohnten Gleitschritt ging Jensen seit zwei Stunden auf der Brücke auf und ab. Nur gelegentlich unterbrach er seine Wanderung, um einen Blick ins Ruderhaus zu werfen und den Mann am Ruderrad zu beaufsichtigen. »Alle Wetter, Peters, passen Sie auf!« schnauzte er diesen jetzt an. »Der Kahn giert nach allen Richtungen. Halten Sie doch den angegebenen Kurs!«

Er wollte noch weiterreden, als von dem Ausguck am Fockmast her laute Rufe ertönten. Wie wild fuchtelten die beiden Leute, die er vor kurzem da hinaufgeschickt hatte, mit den Armen und schrien aus vollen Lungen. »Ballon halb Steuerbord voraus!«

Er blickte dorthin, suchte vergebens und griff nach dem scharfen Glas. Durch das sah er etwas Gelbliches, Kugeliges weit voraus dicht über dem Wasser. Flog's noch oder trieb's schon? Er konnte es nicht unterscheiden.

»Zwei Strich nach West!« kam sein Befehl an den Rudergänger. Dann griff er zum Telephon, und dann stand Lornsen neben ihm auf der Brücke. Unverwandt starrten die beiden Männer auf das gelbe Etwas, das im Laufe der nächsten Viertelstunde immer größer wurde und immer schärfere Formen gewann.

»Alle Wetter, Käpten, es ist der ›Greif‹!«

»Muß wohl, Jensen! Aber der treibt schon. Wenn er bei dem Wind noch flöge, könnten wir ihn nicht so schnell aufholen!« Er blickte auf die Schaumkronen rings umher. »Den Ballon werden wir, denke ich, bergen können. Aber die Leute . . . ich fürchte, Jensen, da kommen wir zu spät. Zu grob ist die See.«

Nur noch wenige hundert Meter trennten die »Saravia« von der treibenden Hülle des »Greif«.

»Sehen Sie das Schwarze an dem Netz, Jensen?«

»Wo Käpten?«

»Da! Etwa im ersten Drittel der Ballonhöhe unter dem E und dem I vom Namen Greif.«

Jensen versuchte sein Glas noch schärfer einzustellen. »Wahrhaftig, Sie haben recht! Das sieht fast wie ein Mensch aus. Als ob sich da einer von der Besatzung in das Netz gerettet und festgebunden hat. Nu ward dat aber Tid, wenn wir den noch lebendig kriegen wollen.« Er griff zum Telephon, denn der Befehl, den er geben wollte, stand nicht auf dem Maschinentelegraphen. »Äußerste Kraft voraus! Stärkste Zylinderfüllung!«

Kurze Rückfrage aus der Maschine und Bestätigung des Befehls. Ein Schüttern ging durch den Rumpf der »Saravia«. Wild peitschten ihre Schrauben die See, ihre Maschinen gaben das Letzte her.

Dann lag sie neben der halbgeblähten Hülle, während die Schrauben rückwärts schlugen. In halber Höhe mit einem Strick über der Brust in das Netz geknotet, hing regungslos ein Mensch, ein junger Mensch. Bisweilen erreichte ihn eine hohe Woge und übergoß ihn mit schäumendem Gischt.

Der Deckkran schwenkte aus. Auf seinem Haken stand ein Matrose, ein Seil in der freien Hand. Jetzt schwebte er neben dem Leblosen. Dann beugte er sich und griff zu. Ein scharfer Schnitt, die Fessel fiel, er hielt ihn im Arm.

»Hiß on, Tetje!«

Der Haken ging in die Höhe.

So kam Rudi an Bord der »Saravia«, besinnungslos, erschöpft bis zum äußersten, dicht an jener schmalen Grenze schon, die Tod und Leben voneinander scheidet. Als kräftige Arme nach ihm griffen und ihn unter Deck trugen, beförderte Monsieur Megastopoulos gerade wieder eine größere Portion, die früher einmal schwarzer Tee gewesen war, in seinen Blecheimer.

Noch ein zweites Mal ging der Kranhaken nach unten und stieg wieder empor. Dann lagen auch Netz und Hülle des »Greif« geborgen auf dem Deck.

Lange Zeit dauerte es, bis mit endlosem Reiben und Massieren und mit viel heißem Tee der Bewußtlose wieder in das Leben zurückgerufen war. Bis auf den Tod hatte die fürchterliche Sturmfahrt ihn erschöpft, schwer hatten die Brecher der groben See ihn mitgenommen. Doch Lornsen griff selber tatkräftig zu, feuerte den Schiffsarzt und seine Sanitäter zu immer neuen Bemühungen an und ließ nicht nach, bis nach Stunden wieder Leben in die erstarrten Glieder zurückkehrte, das Rettungswerk gelungen und der Geborgene außer Gefahr war.

Ein langer, tiefer Schlaf, ein wohltätiger Schweißausbruch, dann war die Krisis überwunden. Und dann saß der Kapitän lange neben der Koje des Geretteten und hörte, was dieser erzählte. Allmählich nur begriff er, daß es keine reine Ausgeburt einer wilden Fieberphantasie gewesen war, was der junge Mensch da zuallererst unter den Händen seiner Retter gestöhnt und gestammelt hatte, sondern grausige Wirklichkeit.

Dann flogen aus der Antenne der »Saravia« Depeschen durch den Äther. Die eine war für Norddeich bestimmt, eine Meldung, daß auch die Hülle des »Greif« geborgen sei. Von einer Rettung Überlebender stand nichts darin. Die zweite Depesche war für Paris bestimmt. Ihre Adresse lautete: Doktor Gransfeld, zurzeit Waldorf-Astoria-Hotel.

*

Die Funkdepesche von der »Saravia« veranlaßte Gransfeld zur sofortigen Abreise. Mit dem Nachtzug verließ er Paris und erreichte bei anbrechender Morgendämmerung Cherbourg. Unmittelbar nach der Ankunft begab er sich zum Hafen. Hier war das dröhnende Leben des Werktages noch nicht erwacht. Verlassen und menschenleer dehnten sich die weiten Kaianlagen im bleigrauen Morgenlicht. Ein leichter Nebel lag über dem Wasser und behinderte die Fernsicht. Er blieb einen Augenblick stehen und blickte sich suchend um, als das Aufheulen einer Dampfpfeife ihm den weiteren Weg wies. Noch eine Strecke von wenigen hundert Metern, und er gelangte an einen Zollschuppen. Unmittelbar davor hatte der Tender festgemacht, auf dem sich schon ein halbes Hundert Personen befanden.

Fragend wandte er sich an einen Matrosen, der am Pier stand. »L'aviso pour la ›Saravia‹?«

»Oui, Monsieur, pour la ›Saravia‹ et pour la ›Moravia‹.«

Über den Laufsteg ging er an Bord und machte es sich auf dem Vorderdeck bequem. Es war noch reichlich Zeit bis zum Abgang des Tenders, und während eine Viertelstunde nach der andern verstrich, kamen immer noch mehr Leute auf das Schiff. Endlich heulte die Pfeife zum dritten Male, das Boot machte los und dampfte durch den Hafen hinaus auf die offene Reede. Fast eine Stunde währte die Fahrt, dann setzten die Maschinen aus. In der wogenden Dünung auf und ab schaukelnd, blieb der Tender auf einer Stelle liegen. Leicht fröstelnd zog sich Gransfeld den Mantel dichter um die Schultern. »Reichlich viel Zeit lassen sich die Leute hier«, murmelte er vor sich hin and zündete sich eine neue Zigarette an.

Wieder und wieder schrie die Dampfpfeife des Tenders in immer kürzeren Pausen heiser und grell auf. Und dann klang's plötzlich wie ein gewaltiges dunkles Echo aus der nebligen Ferne. Von irgendwoher antwortete die mächtige Sirene eines großen Seedampfers im tiefen Baß auf das heisere Kläffen der Tenderpfeife. Mit Ruf und Gegenruf ging das Spiel hin und her, während die Maschine wieder zu arbeiten begann. Aus nächster Nähe brüllte jetzt der Riesenbaß, und dann tauchten ganz plötzlich die gewaltigen Formen eines Ozeanriesen aus dem Nebel auf.

Der Tender kam längsseit an die »Saravia« heran. Leinen wurden geworfen und schwere Taue daran nachgezogen. Wie durch Zauberhand öffnete sich eine breite Pforte am Riesenleib der »Saravia« in Deckhöhe des kleinen Tenders, und eine Laufbrücke wurde von Schiff zu Schiff geschoben. Unter den ersten, die die »Saravia« betraten, war Gransfeld.

Eine Gestalt sprang ihm entgegen. »Herr Doktor!«

»Rudi! Mein lieber Junge!«

Im nächsten Augenblick warf dieser die Arme um ihn, und herzhaft erwiderte Gransfeld die Umarmung.

Er wollte sprechen, wollte fragen, doch Rudi ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Schnell zum Kapitän, Herr Doktor! Es ist viel geschehen! Oh, wenn Sie das alles wüßten! Sie werden sich nicht schlecht wundern.«

Während Gransfeld ihm folgte, hörte er mit Fragen nicht auf. »Was ist, Junge? Was ist geschehen? Sprich doch!«

Rudi verhielt den Schritt. »Herr Doktor, Megastopoulos ist an Bord.«

»Was? Wie? Unmöglich!«

»Doch, doch, Herr Doktor! Kommen Sie nur gleich zum Kapitän«, er zog den Zaudernden mit sich, »da werden Sie alles erfahren.«

Über die große Treppe eilten sie auf das Oberdeck, und dann stand Gransfeld vor Lornsen.

»Herr Kapitän, wie soll ich Ihnen danken? Sie – Ihr Schiff – Ihre Mannschaft – den Jungen haben Sie mir aus höchster Not gerettet.«

Seine Worte brachten den alten Seebären in Verlegenheit. Der versuchte ihn zu unterbrechen und den Dank abzuwehren »Schon gut, Herr Doktor! Keine Ursache. Unsere Pflicht. Seemannspflicht. War allerdings hohe Zeit, daß wir ihn fanden. War schon so ziemlich Matthäi am letzten mit dem Jungen.«

Noch einmal setzte Gransfeld an, um seinen Dank in zusammenhängenden Worten auszudrücken. Da ging Kapitän Lornsen zu einem Regal. Wieder fiel er Gransfeld in die Rede. »Kennen Sie das, Herr Doktor?« Dabei zog er den Vorhang vor dem Regal zur Seite. Eine Statuette stand da, ein Bildwerk aus grün geädertem Nephritstein. Ägyptisch war der Stil. Irgendeinen alten Gott oder Herrscher mochte sie wohl darstellen.

Einen Augenblick hatte Gransfeld das Gefühl, als wanke der Boden unter ihm. »Die Statuette des Sethos! Meine Statuette! Mein Eigentum! Wie kommt sie hierher?«

Lornsen bot ihm einen Stuhl an. »Setzen Sie sich, Herr Doktor! Die Geschichte ist zu lang, um im Stehen erzählt und angehört zu werden.« Auch der Kapitän setzte sich und begann zu berichten. »Als wir Ihren Jungen wieder einigermaßen flott hatten, da erzählte er tolle Geschichten. Erst hielt ich's immer noch für Fieberphantasien und wollte es nicht glauben. Aber endlich mußte ich's glauben. Braver Kerl, ein Mordskerl!« Er schlug Rudi anerkennend auf die Schulter. »Alle Wetter, was hat der Junge alles erlebt und mitgemacht. Erzählte von Morton und van Holsten, von Altmüller und der ganzen Verbrecherbande. Als er aber den Namen Megastopoulos nannte, da fiel mir ein, daß der ja in unserer Schiffsliste stand! Halt! dachte ich bei mir, hier kannst du die Probe aufs Exempel machen, ob der Junge die Wahrheit sagt. Auf der Nordsee ging allerdings das, was ich mir vorgenommen hatte, nicht, weil der Grieche die ganze Zeit seekrank in seiner Koje lag. Aber im Kanal wurde das Wetter besser. Da kam er rausgekrochen, und ich habe die erste Gelegenheit benutzt, um seine Kabine mal sehr gründlich zu durchsuchen. Nette Sachen mußte ich da entdecken!«

»Und dabei haben Sie die Statuette gefunden?« fiel ihm Gransfeld ins Wort.

Lornsen schüttelte den Kopf. »Nein, aber Rauschgifte, pfundweise, kiloweise! Morphium, Kokain, Heroin, alles war da, was man sich nur wünschen konnte.

Auf Grund dieses Fundes habe ich mich dann für berechtigt gehalten, im Laderaum das große Gepäck dieses bedenklichen Fahrgastes einer sehr ausgiebigen Untersuchung zu unterziehen. Da fanden sich auch noch Rauschgifte über Rauschgifte, und außerdem entdeckte ich die Statuette da, von der Ihr Junge mir erzählt hatte. Es wäre vorteilhaft, wenn Sie sich als der rechtmäßige Besitzer ausweisen könnten.«

»Das kann gleich geschehen, Herr Kapitän. Ich trage die Beweise stets bei mir. Hier« – er legte ein Schriftstück auf den Tisch – »ist der Kaufvertrag meines verstorbenen Oheims mit einem ägyptischen Händler, von dem er die Statuette erworben hat, und hier« – er fügte einige Photos hinzu – »sind die Aufnahmen, die die Echtheit des Bildwerkes dartun.«

Lornsen las den Vertrag und gab ihn Gransfeld zurück. »Wenn ich Sie recht verstanden habe, Herr Doktor, beschuldigen Sie diesen Monsieur Megastopoulos des Diebstahls.«

»So ist es, ich beschuldige ihn des Diebstahls dieser Statuette. Ich beschuldige ihn außerdem des Mordversuches, und ich beschuldige ihn – des Mordes!«

»Das vereinfacht die Angelegenheit. Ich könnte den Kerl in Newyork den amerikanischen Behörden übergeben als verdächtig des Rauschgifthandels. Mit Samthandschuhen würden die ihn sicher nicht anfassen. Aber ich habe keine Lust, den Menschen erst noch bis Newyork mitzuschleppen. Nachdem Sie als Ankläger bei mir aufgetreten sind, geht die Sache einfacher und bequemer.«

»Wollen Sie ihn hier den französischen Behörden ausliefern, Herr Kapitän?« fragte Gransfeld. »Dann müßte ich wohl für die Dauer des Prozesses in Frankreich bleiben.«

Lornsen schüttelte den Kopf. »Ich denke nicht daran, Herr Doktor. Auf Ihre Anklage hin werde ich ihn mit dem nächsten deutschen Schiff nach Hamburg zurückschicken. Unser Schwesterschiff, die ›Moravia‹, von Newyork kommend, soll sich planmäßig hier auf der Reede mit uns treffen und unsere Post für Deutschland übernehmen. Die kann den Kerl auch mitnehmen.«

»Dann werden auch wir mit der ›Moravia‹ nach Hamburg fahren, Rudi!«

Gransfeld ließ sich noch einmal nieder und zog Scheckbuch und Füllfederhalter aus der Tasche. Die Feder flog über das Papier. Eine anständige Summe war es, die da in Ziffern und Buchstaben geschrieben wurde. »Gestatten Sie mir, Herr Kapitän, als Zeichen meiner Dankbarkeit, bitte, dies für Ihre Leute, die mir den Jungen gerettet haben.«

»Nicht für die, Herr Doktor! Die werden ihre Belohnung von dem Erfurter Verein für die Bergung des Ballons bekommen. Für das Seemannshaus in Hamburg nehme ich Ihren Scheck gern.«

»Wie Sie wünschen, Herr Kapitän.« Lornsen nahm den Scheck und verschloß ihn in einem Safe.

Ein Händedruck, Gransfeld und Rudi verließen die Kapitänskabine.

Als sie auf Deck kamen, brummte eine andere tiefe Sirene durch den lichter werdenden Nebel. Die »Moravia« kam heran und legte nur wenige hundert Meter von der »Saravia« entfernt still. –

Monsieur Megastopoulos war kein Frühaufsteher. Er lag noch im Bett, als es dauernd und kräftig an seine Kabinentür klopfte.

»Dammie! D'ont trouble me!« rief er schlaftrunken, in der Meinung, daß irgendein ungeschickter Steward ihn in seiner Morgenruhe störte.

»Öffnen Sie Ihre Tür, Herr Megastopoulos!« tönte es von draußen zurück.

»Ich denke gar nicht daran. Ich verbitte mir die Störung«, antwortete er, inzwischen völlig munter geworden. »Was ist das für eine gemeine Art, die Fahrgäste aus dem besten Schlaf zu holen!«

»Im Namen des Gesetzes, öffnen Sie, oder ich lasse die Tür aufbrechen.«

Dem Griechen stockte der Herzschlag. Im Namen des Gesetzes? Was war das? War französische Polizei an Bord? Verlangte diese etwa seine Auslieferung? Fieberhaft überschlug er sein Sündenregister. Das war wahrhaftig nicht kurz, aber Frankreich kam kaum darin vor. Unmöglich, daß die französische Polizei etwas von ihm wollte. Ein Irrtum mußte das sein, der sich gewiß schnell aufklären würde. Etwas beruhigt sprang er auf und begann sich anzukleiden.

»Wollen Sie öffnen, oder . . .«

Noch ehe er antworten konnte, gab's einen kurzen, scharfen Stoß, der den Riegel sprengte. Die Tür ging auf, der Erste Offizier trat in die Kabine.

»Mein Herr, ich protestiere! Das grenzt an Vergewaltigung. Ich werde mich beschweren«, schrie Megastopoulos den Eintretenden wütend an.

»Ziehen Sie sich man erst die Buxen an, Herr Megastopoulos! Nachher können Sie ja weiter protestieren«, unterbrach ihn Jensen gleichmütig.

Während der Grieche in seine Beinkleider schlüpfte, fuhr er fort zu schimpfen. »Unerhört ist das! Wie kommen Sie dazu, gewaltsam bei mir einzudringen?«

»Dat wird Ihnen unser Käpten gleich selber seggen, Herr Megastopoulos. Ziehen Sie sich man ein büschen fix weiter an, dat Sie ihn anständig empfangen können.«

Mit zitternden Fingern knüpfte der Grieche sich den Schlips und warf den Rock über.

»So, nu geit dat ja, Herr Megastopoulos. Nu, kommen Sie man ein büschen mit!«

Der Grieche hatte inzwischen mit Erleichterung festgestellt, daß nirgends französische Polizeiuniformen sichtbar waren.

»Ich denke gar nicht daran, Herr – Herr . . .«

»Jensen ist mein Name, Herr Megastopoulos.«

». . . Herr Jensen. Wenn jemand von mir etwas will, so soll er gefälligst zu mir kommen.«

»Dat möten Sei schon unsen Käpten överlaten, wie hei dat maken will. Der läßt Sie recht herzlich in seine Kabine einladen. Ik glöv, de hett allerhand to vertellen.«

Monsieur Megastopoulos machte keine Miene, dieser so treuherzig vorgebrachten Einladung zu folgen, sondern fuhr fort, seinem Herzen kräftig Luft zu machen.

Da winkte Jensen den Gang entlang. »Hallo, Hein! Hallo, Tetje! Kommt mal ein büschen hierher!«

Im nächsten Augenblick tauchten zwei recht handfest gebaute Matrosen neben ihm auf.

»Na, Herr Megastopoulos! Geiht dat nu bald gutwillig, oder . . .?«

Der Grieche sah ein, daß Widerstand vergeblich war. Einen Matrosen an jeder Seite, folgte er dem Ersten Offizier durch den Gang zu der Kapitänskabine. Jensen ließ ihn eintreten und ging mit den Matrosen gleich wieder hinaus. Der Grieche blieb mit dem Kapitän allein im Raum.

»Guten Morgen, Herr Megastopoulos!«

»Ich danke für Ihren guten Morgen. Ein schöner Morgengruß, wenn man so rücksichtslos aus dem Schlaf geholt wird! Ich verlange Aufklärung! Was soll das bedeuten? Unerhört! Ich werde mich bei der Reederei beschweren, Herr Kapitän. Freiheitsberaubung – Vergewaltigung . . .«

Lornsen ließ ihn ruhig reden, bis es klopfte. Jensen, in den Händen ein Tablett, auf dem sich eine Anzahl von Blechdosen und Beuteln befanden, kam herein und stellte sich hinter Megastopoulos. Jetzt unterbrach der Kapitän den Griechen. »Herr Megastopoulos, wenn Sie mit Ihrem Verzähl fertig sind, dann können Sie mir vielleicht sagen, was das da zu bedeuten hat?«

Dem weisenden Finger Lornsens folgend, drehte der Grieche sich um. Wie auf den Mund geschlagen verstummte er. Alles, was er an Rauschgiften in seinem großen Gepäck sowohl wie in seinem kleinen Koffer mit auf das Schiff genommen hatte, lag da auf dem Tablett fein säuberlich ausgebreitet vor seinen Augen.

»Ich erwarte eine Aufklärung von Ihnen, Herr Megastopoulos.«

Der Gefragte schwieg.

»Es dürfte Ihnen bekannt sein, Herr Megastopoulos, daß die Mitnahme derartiger Rauschgiftmengen gegen die Beförderungsbestimmungen verstößt. Wie haben Sie sich das eigentlich in Newyork gedacht? Sie wollen mir doch nicht vorreden, daß Sie das Zeug da auf rechtmäßigem Wege durch die Zollsperre bringen können? Wollen Sie sich nicht rechtfertigen?«

Ein drückendes Schweigen herrschte in der Kabine.

»Es ist höchste Zeit, Herr Megastopoulos. Wenn Sie etwas zu Ihrer Entschuldigung zu sagen haben, müssen Sie es jetzt sagen. Sonst müßte ich Sie als überführten Rauschgiftschmuggler behandeln.«

Der Grieche versuchte zu sprechen, stammelte, brachte endlich Worte heraus. »Unerhört, Herr Kapitän! Ich bin kein Schmuggler, ich bin Kunsthändler, wie es in der Passagierliste steht.«

»Soso, Herr Megastopoulos! Gehört das auch zum Kunsthandel?«

Lornsen zeigte auf das Tablett, das Jensen dem Griechen schmunzelnd vor die Nase hielt.

»Das – das sind meine Privatangelegenheiten. Unglaublich, die Sachen hinter meinem Rücken aus dem Gepäck zu nehmen! Sie wissen ja gar nicht, was ich damit vorhabe, ob ich nicht die Absicht hatte, die Sachen mitten im Atlantik über Bord zu werfen. Unerhört, mich des Schmuggels zu verdächtigen!«

»Hm, hm! Merkwürdiger Einfall, einen halben Zentner Rauschgift mitzunehmen, bloß um die Fische damit zu füttern. Na, das wird ja Sache der Polizei sein, ob sie Ihnen das glauben will oder nicht.«

»Sie haben kein Recht, Herr Kapitän, die Polizei mit dieser Sache zu befassen. Bis jetzt habe ich keinesfalls etwas getan, was strafbar wäre.«

Lornsen zog den Vorhang vor dem Regal zurück. »Kennen Sie das da, Herr Megastopoulos?«

»Meine Statuette, das Sethosbild! Unglaublich! Wie kommen Sie dazu, mein Herr, dies Stück aus meinem Gepäck zu nehmen?«

»Weil gut begründete Anklage gegen Sie vorgebracht worden ist, Herr Megastopoulos, daß Sie die Statuette gestohlen haben.«

»Gestohlen? Lächerlich! Ich soll mein Eigentum gestohlen haben? Wer wagt es, diese läppische Behauptung vorzubringen?«

Lornsen öffnete die Tür zum Nebenraum. »Bitte, Herr Doktor!«

Gransfeld trat in die Kabine.

»Ich weiß nicht, ob sich die Herren bereits persönlich kennen?« fragte Lornsen.

»O ja, Herr Kapitän, wir sind in letzter Zeit häufiger miteinander in Berührung gekommen.«

Leichenblaß war der Grieche beim Anblick Gransfelds geworden. Er wankte, mußte sich an dem Tisch festhalten und ließ sich kraftlos in einen Sessel sinken.

»Der da ist Konstantinos Megastopoulos, der meinen verstorbenen Oheim in Syut bestohlen« – wie gebannt hingen die Blicke des Griechen am Munde des Arztes – »und, wie ich fürchte, auch ermordet hat.«

Megastopoulos begann zu zittern. Hörbar schlugen seine Zähne zusammen, als die schwere Anklage von Gransfelds Lippen kam. Dieser sprach weiter.

»Der da ist Konstantinos Megastopoulos, der in Genf einen Mordversuch gegen mich und den Jungen unternommen hat. Komm herein, Rudi!«

Mit verglasten Augen stierte Megastopoulos auf die Tür, durch die Rudi hereinkam.

»Kennst du den Mann da wieder? Aus dem Boot damals, das uns rammte?«

Nur einen Blick hatte Rudi auf den Griechen geworfen. »Er ist's, Herr Doktor! Er ist's! Genau erkenne ich ihn wieder.«

Lornsen trat dicht an den halb Bewußtlosen heran. »Herr Megastopoulos, kraft der Polizeigewalt, die ich als Kapitän dieses Schiffes über Mannschaft und Fahrgäste habe, verhafte ich Sie als dringend verdächtig des Diebstahls, des Rauschgiftschmuggels, des Mordversuches und des Mordes.«

Der Grieche versuchte zu sprechen. Nur undeutliche Worte vermochten die bebenden Lippen zu lallen.

Lornsen fuhr fort: »Es ist alles vorbereitet, Herr Megastopoulos. Ich lasse Sie auf die ›Moravia‹ bringen. Sie gehen als Polizeigefangener nach Hamburg zurück.«

Zehn Minuten später schwangen die Davits auf Deck der »Saravia« ein Rettungsboot aus und ließen es zu Wasser. Man vermied es, den Gefangenen auf den französischen Tender zu bringen. Das deutsche Boot setzte ihn von der »Saravia« zur »Moravia« über, die ihn nach Hamburg vor seine Richter bringen sollte. Mit dem Tender fuhren Gransfeld und Rudi zur »Moravia«, um ebenfalls nach Hamburg zurückzukehren.

Si quid fecisti, nega! (Wenn du etwas ausgefressen hast, gib's nicht zu!) Nach diesem alten Grundsatz richtete Monsieur Megastopoulos in Hamburg seine Verteidigung vor dem Untersuchungsrichter ein. Mit Nachdruck beteuerte er trotz der erdrückenden Beweise bei jeder neuen Vernehmung seine vollkommene Unschuld.

Die Statuette des Sethos? Mon Dieu, was wollte dieser deutsche Richter von ihm? Er war Kunsthändler und hatte sie ehrlich erworben. Der Kaufvertrag darüber? Bedauerlich, er war ihm auf seinen vielen Reisen abhanden gekommen. Die Rauschgiftmengen in seinem Gepäck? Unerklärlich, ihm selber unerklärlich! Irgendein Feind mußte sie ihm heimlich hineingeschmuggelt haben. Von nichts wußte Monsieur Megastopoulos, auf nichts konnte er sich besinnen. Als einziges blieb, daß er zugab, Konstantinos Megastopoulos zu heißen. Also – dachte sich der Untersuchungsrichter Landgerichtsrat Bergmann, der in langjähriger Praxis hinreichende Erfahrungen mit Leuten vom Schlage des Monsieur Megastopoulos gesammelt hatte – also wird dieser Name höchstwahrscheinlich falsch sein. Wer weiß, unter welchem andern Namen der Mann schon was auf dem Kerbholz hat. Er ließ Fingerabdrücke von dem verstockten Griechen nehmen und schickte sie an die Polizeibehörden aller europäischen Großstädte. Aber auch diese Maßnahme half ihm nicht weiter. Man kannte Monsieur Megastopoulos nirgends. Es war in der Tat das erstemal, daß er trotz seines mehr als bewegten Lebenswandels in die Netze der Justiz geraten war, und er war entschlossen, diesen Umstand bis zum äußersten zu seinem Vorteil auszunutzen.

So kam es, daß Gransfeld und Rudi wieder und immer wieder zu Vernehmungen und zu Gegenüberstellungen mit dem Gefangenen auf das Gericht mußten und daß das Ende ihres Hamburger Aufenthaltes vorläufig nicht abzusehen war. Nicht nur die Sache contra Megastopoulos hielt sie hier fest, sondern auch die andere contra Henke.

Wahrheitsgetreu hatte Rudi auf der Hamburger Polizei sein Ballonabenteuer geschildert, und ein neues Aktenstück mit dem Titel »Strafsache gegen den unverehelichten Fabrikarbeiter Gustav Henke, Aufenthalt zurzeit unbekannt« war darauf entstanden. Das wanderte vom Büro der Kriminalpolizei in das des Untersuchungsrichters und wurde ständig dicker, denn von Tag zu Tag kamen neue Schriftstücke aus Gorla hinzu über die Verhöre, die Altmüller dort zu bestehen hatte, und über die Geständnisse, die der völlig Zusammengebrochene ablegte und die den flüchtigen Henke auf das schwerste belasteten. Schon hatte der Staatsanwalt ein gewisses rotes Formular ausgefüllt, und an tausend Stellen in Deutschland klebten Plakate mit der verhängnisvollen Überschrift »Steckbrief«, in denen für jedermann, der den p. p. Henke in das nächste Untersuchungsgefängnis ablieferte, eine Belohnung von tausend Mark in Aussicht gestellt wurde.

Tausend Mark sind eine schöne Summe, und gar mancher hätte sie sich wohl gerne verdient. Aber Herr Gustav Henke schien durchaus keinen Wert auf eine Bekanntschaft mit der Polizei zu legen. Er war so spurlos verschwunden, als ob ihn wirklich, wie man ja zuerst annahm, die Nordsee verschluckt hätte.

Gransfeld und Rudi saßen im Zimmer des Untersuchungsrichters zwecks Vernehmung in der Strafsache Henke. Ausführlich hatte Rudi den eigenartigen Vorfall mit dem Kessel im Gorlaer Werk erzählen müssen, während die Feder des Gerichtsschreibers über das Papier lief und Wort für Wort mitschrieb.

Landgerichtsrat Bergmann blickte von seinem Aktenstück auf. »Ihr Bericht deckt sich vollkommen mit den Aussagen des Altmüller in Gorla. Das sieht auch stark nach einem Mordversuch aus, aber trotzdem, es wird schwerhalten, dem Angeklagten diesen Fall zu beweisen, wenn wir ihn endlich einmal haben.«

Er lehnte sich zurück und legte die Hände auf das Aktenbündel.

»Der Bursche macht's unserer Polizei in der Tat schwer. Das ist ein Verbrecher von Format. Fast fürchte ich, daß er schon längst irgendwohin über die Grenze entwischt ist und wir das Nachsehen haben.«

»Ich glaube doch nicht, Herr Landgerichtsrat«, sagte Gransfeld, »ich habe triftige Gründe für die Annahme, daß Henke noch in Deutschland ist.«

»Ihre Meinung in Ehren, Herr Doktor, aber damit bekommen wir ihn auch nicht zur Stelle.«

»Vielleicht doch, Herr Landgerichtsrat. Ich bat Sie heute früh am Telephon um einige Feststellungen. Darf ich fragen, was ermittelt worden ist?«

Der Untersuchungsrichter griff nach einem Notizblock. »Ich habe Ihren Wunsch erfüllt, Herr Doktor, obwohl mir nicht ganz klar ist, was das mit der vorliegenden Sache zu tun hat. Die Nummer, die Sie mir am Apparat angaben, gehört zum Kraftwagen eines Herrn Rasmussen, eines hiesigen Großkaufmannes, der sich des besten Leumundes erfreut. Der Chauffeur, der den Wagen regelmäßig fährt, ist ein gewisser Andreas Müller, erst seit zehn Tagen in seiner Stellung. Etwas Nachteiliges ist der Polizei über ihn nicht bekannt geworden.«

»Ich danke Ihnen für Ihre Mühewaltung, Herr Landgerichtsrat. Der erste Teil Ihrer Mitteilung dürfte wohl stimmen, fast möchte ich sagen: leider stimmen.« Der Untersuchungsrichter sah ihn erstaunt an. Gransfeld fuhr langsam und jedes Wort betonend fort: »Der zweite Teil Ihrer Auskunft stimmt nicht!«

Der Untersuchungsrichter griff noch einmal nach dem Notizblock, als wollte er sich versichern, daß er den Namen richtig gelesen habe.

»Ich verstehe Sie nicht, Herr Doktor. Der Chauffeur heißt Andreas Müller. Hier steht die polizeiliche Auskunft.«

»Sie ist falsch, Herr Landgerichtsrat. Der Chauffeur heißt Gustav Henke.«

»Wie, Herr Doktor?« Der Richter war aufgesprungen. »Sprechen Sie im Ernst?«

»Ich habe keinen Grund zum Scherzen. Verhaften Sie den Chauffeur dieses Wagens, und Sie haben den Henke, den Sie seit vierzehn Tagen vergebens suchen.«

Bergmann ließ sich wieder in seinen Sessel nieder. »Das ist eine schwerwiegende Mitteilung, Herr Doktor, für die Sie die Verantwortung übernehmen müssen. Es wäre äußerst bedauerlich, wenn wir vielleicht einen Unbeteiligten verhafteten.«

»Ich übernehme die Verantwortung; übrigens ich nicht allein. Bitte, Rudi, sage dem Herrn Untersuchungsrichter, was du gesehen hast.«

»Es war Henke, Herr Richter, der am Steuer des Wagens saß. Gestern und vorgestern habe ich ihn gesehen.«

Der Richter wandte sich zu Rudi. »Sind Sie Ihrer Sache unbedingt sicher?«

»Vollkommen, Herr Amtsgerichtsrat. Den Henke kenne ich doch schon von Gorla her ganz genau. Totsicher war er es, der den Wagen gefahren hat.«

Der Untersuchungsrichter wechselte einen Blick mit dem Gerichtsschreiber. Ein kaum merkliches Nicken von beiden Seiten. Der Sekretär griff nach einem Formular und füllte es aus. Bergmann setzte seinen Namen darunter. »Meine Herren, die heutige Vernehmung ist beendet. Ich ersuche Sie, sich auch weiterhin zur Verfügung des Gerichtes zu halten.«

Gransfeld und Rudi gingen aus dem Zimmer. –

Ein Hupensignal erklang. Der Pförtner der Rasmussenschen Villa in Uhlenhorst riß die schmiedeeisernen Flügel des Gartentores auf. Ein Kraftwagen rollte von der Straße her herein und hielt vor der Hauspforte. Rasmussen entstieg ihm und verschwand, auf Susannes Arm gestützt, in der Villa. Der Wagen fuhr etwas weiter auf das Grundstück herauf zum Schuppen.

Der Pförtner schickte sich eben an, die Torflügel wieder zu schließen, als von der andern Straßenseite her zwei Herren über den Damm kamen und an ihn herantraten. Ein paar kurze Worte. Der eine der beiden Fremden lüftete für einen Augenblick seinen Rockaufschlag. Dann gingen sie weiter auf den Autoschuppen zu. Der Pförtner vergaß vor Staunen die Torflügel zu schließen und starrte ihnen unverwandt nach.

Der Chauffeur hatte den Wagen in den Schuppen gebracht und machte sich, einen Schraubenschlüssel in der Hand, am Werktisch zu schaffen, als die beiden Fremden eintraten. Mißtrauisch blickte er sie an.

»Sie sind der neue Chauffeur von Herrn Rasmussen, Andreas Müller?«

»Der bin ich. Was wollen Sie hier? Wie kommen Sie überhaupt herein?«

Wieder hob der eine den Rockaufschlag. Etwas Blankes, Metallisches blitzte da auf der Innenseite. »Kriminalpol . . .«

Er brachte das Wort nicht zu Ende. Mit einem Satz sprang der Chauffeur ihn an und wollte ihm den schweren Schraubenschlüssel auf den Schädel schmettern.

Kaum eine Zehntelsekunde dauerte das Ganze. Schnell wie der Blitz fuhr die Faust des Dritten dazwischen. Ein krachender Schlag traf die Kinnspitze des Angreifers von unten und warf ihn betäubt in die Ecke.

Der zugeschlagen hatte, besah sich seine Handknöchel. »Ein schwerer Junge, Herr Kommissar. Wollen ihm gleich die Armbänder anlegen.« Er beugte sich über den Liegenden. Dann klang es, wie wenn Stahl gegen Stahl schnappt, starke Handschellen umschlossen dessen Gelenke.

Der Kommissar nickte. »Besser ist besser, Maschke. Jedenfalls sind wir jetzt sicher, daß wir keinen Falschen gefaßt haben. Verdammt scharfer Junge! Selbst wenn's nicht der Gesuchte ist, auf dem Kerbholz hat der bestimmt allerhand.«

In der Ecke regte es sich. Der Niedergeschlagene machte Bewegungen, stierte verständnislos um sich und kam dann allmählich wieder zum Bewußtsein.

Der Kommissar sprach mit seinem Begleiter. »Hätte es Herrn Rasmussen gern erspart und die Sache lieber unauffällig gemacht. Aber jetzt hilft nichts. Lassen Sie den Wagen hierherkommen!«

Der Wachtmeister verließ den Schuppen und ging auf die Straße zurück. Zwei Minuten später mußte der Pförtner die Flügel noch einmal öffnen. Ein geschlossener Kraftwagen fuhr hinein; er war schön grün lackiert und hatte vergitterte Fenster.

»Ägitt, ägitt! Der grüne August! Der grüne August auf unserm Grundstück!« stöhnte der fassungslose Pförtner. »Was wird bloß Herr Rasmussen dazu sagen?«

Vorläufig sagte nur der Kommissar etwas. »Na, Herr Andreas Müller, alias Herr Gustav Henke, wenn Sie sich ein bißchen ermuntert haben, möchte ich Ihnen einen Platz in meinem Auto anbieten.«

Vier kräftige Arme griffen zu. Ein Schlüssel schnappte in einem Schloß. In Begleitung zweier Kriminalbeamten unternahm Gustav Henke eine Autofahrt, die nach mehreren Haltestellen schließlich in Fuhlsbüttel (Hamburger Zuchthaus) enden sollte!

»Allright, Mynheer van der Meeren. Ihre Propositionen tun uns konvenieren. Wir werden machen zusammen eine schöne große Geschäft. Wir werden organisieren den Transport für die ganze große Amérique méridionale.«

Während der erste Gesandtschaftsrat der konkaraguanischen Vertretung in Port Said dies sagte, blinzelte er van Holsten listig durch die Gläser seiner großen Hornbrille an.

»Allright, Don Alfonso! Freut mich, daß unsere Bedingungen Ihnen passen. Ihre Kuriere erhalten die Ware von uns in Deutschland und Holland. Sie übernehmen den Transport nach Ägypten und Südamerika gegen eine Tantième von zehn vom Hundert. Zahlbar dort bei Ablieferung der Ware.«

»Quite right, Sir! Das ist der sense von unsere treaty. Wir werden können machen keine geschriebene treaty.« Wieder spielte es verschmitzt um seine Mienen. »Well, werden wir machen ein gentlemens agreement. Well, Sir!«

Er streckte die Rechte hin, van Holsten schlug kräftig ein. Durch den Handschlag war das mündliche Abkommen besiegelt und für beide verbindlich geworden.

Van Holsten erhob sich und wollte gehen, doch Don Alfonso hielt ihn zurück.

»Wünschen Sie noch etwas?« fragte der Holländer.

»Si señor! Wir müssen treffen unsere Vorbereitungen, wir werden haben große Unkosten dafür. Wir brauchen eine kleine Anzahlung von Ihre Firma.«

Verdammter Gauner! dachte van Holsten im stillen. Wir geben ihnen unsere teure Ware ohne Sicherheit, und die Bande will auch noch einen Vorschuß.

»Eine kleine Anzahlung, Mister van der Meeren! Vor meinem Geschäftsfreunde ich habe keine Geheimnis mehr. Unsere Gesandtschaftskasse ist leer. Vielleicht tausend Pfund Anzahlung. Sonst wir nicht werden haben die Mittel, um vorzubereiten.«

Dreidrähtige, ausgekochte Gaunerbande! dachte ingrimmig van Holsten, während er sein Scheckbuch zog und den Betrag anwies. »Ich bitte um Ihre Quittung über den Betrag, Don Alfonso. Ich muß meine Ausgaben unserer Gesellschaft belegen.«

Lange widerstrebte Don Alfonso der Forderung. Er wand sich und wollte durchaus nichts Geschriebenes aus den Händen geben. Aber der Holländer hielt seinen Scheck fest, so sehnsüchtig der Konkaraguaner auch danach schielte, und gab nicht eher nach, bis er die Quittung erhielt. Dann verließ er die Gesandtschaft und kehrte in das Splendidhotel zurück, in dem er zu wohnen pflegte, wenn er nach Port Said kam.

Im Teeraum des Hotels suchte er sich ein stilles Eckchen aus und machte es sich in einem Klubsessel bequem. Während der Kellner eisgekühlte Erfrischungen vor ihm aufbaute, zog er ein Notizbuch aus der Tasche und überflog die Eintragungen der letzten Tage. Befriedigt ließ er das Buch wieder in der Brusttasche verschwinden. Alles in allem konnte er mit seinen Erfolgen in Port Said ganz zufrieden sein. Noch einmal zog er die Summe. Vertreter von zwei exotischen Gesandtschaften waren für den Vertrieb der Ware fest gewonnen, aussichtsvolle Verhandlungen mit drei andern angeknüpft – die Sache konnte werden. Nur die Vorschüsse, die diese Herrschaften sich auszahlen ließen, beunruhigten und ärgerten ihn. Grundsätzlich zog der Holländer Geschäfte vor, bei denen er die andern von Anfang an in der Hand hatte. Daß es hier umgekehrt war, ging ihm gegen den Strich. – Aber – es war halt nicht anders zu machen gewesen, und schließlich würden die Gauner schon im eigenen Interesse ehrlich sein müssen. Ehrlichkeit unter Spitzbuben nannte man das wohl in der sogenannten bürgerlichen Welt Sie würden ehrlich sein müssen, weil sie nur dann auf große, dauernde Einnahmen aus dem dunklen Geschäft rechnen konnten. – Ah bah! Die Sache mit den Vorschüssen war nicht so schlimm, selbst wenn jeder von diesen fünf Exoten tausend Pfund verlangte. Was bedeuteten hunderttausend Mark in dem großen Unternehmen Mac Andrews, das täglich ganz andere Beträge umsetzte!

Ärgerlich blieb die Sache mit dem neuen Polizeikommandeur. Die zweite Instanz zögerte, machte Ausflüchte, schien nicht recht Farbe bekennen zu wollen. Nun, diesem Efendi oder Bimbaschi oder was sonst für einen Titel der Mann hatte, dem hatte er gestern deutlich zu verstehen gegeben, daß die Sache jetzt zu einem Ende gebracht werden müßte. Er hatte ihn für heute hierher gebeten. Würde er kommen? Würde es endlich klappen?

Van Holsten holte sein Scheckbuch aus der innern Tasche und überflog die letzten Zahlungen. Ein unverschämtes Geld hatte der Schuft ihn bereits gekostet. Wenn's so weiterging, würde die Organisation ein kleines Vermögen anwenden müssen, um überhaupt nur in die Nähe des Kommandeurs zu kommen.

Das Geräusch nahender Schritte unterbrach seine Gedanken. Ah, da kam der Efendi ja doch! Dieser zeigte schon von weitem ein Gesicht, das van Holsten vom Gelingen des Unternehmens überzeugte.

Der Ägypter kam heran und ließ sich mit der Geste eines Mannes nieder, dem eine schwere Arbeit endlich geglückt ist. Im Flüsterton wurde die Unterhaltung zwischen den beiden geführt.

»Es ist gelungen, Mynheer, endlich! In einer – schwachen Minute hat er endlich eingewilligt. Wir müssen das Eisen schmieden, solange es warm ist. Sie müssen ihm gleich ein angemessenes Honorar zukommen lassen. Ich denke . . .«

Van Holsten unterbrach ihn. »Well, Mister Efendi, soll geschehen! Ich werde zu ihm gehen und ihm einen anständigen Scheck bringen.«

Abwehrend hob der Ägypter die Hände. »No, Sir! Impossible! Auf keinen Fall dürfen Sie das tun. Sie würden alles verderben. Das muß ganz vorsichtig geschehen, und das Geld muß vorläufig durch meine Hände gehen.« Er flüsterte dem Holländer eine Summe ins Ohr.

Dieser zuckte zusammen. »Das ist aber viel, Sir, außerordentlich viel.«

»Im Gegenteil, Mynheer! Je mehr er gleich das erstemal nimmt, desto sicherer haben Sie ihn. Was heißt hier viel? Wenn Sie ihn auf Ihrer Seite haben, kann Ihre Gesellschaft ohne jede Gefahr das Zehnfache der Summe in einer Woche verdienen.«

Nur wenige Sekunden überlegte van Holsten. Die Worte, die Mac Andrew zuletzt in Duncan-Castle zu ihm gesagt hatte, kamen ihm in die Erinnerung. »Das Geld ist da; benutzen Sie es zweckmäßig!« Er zog das vielgeprüfte Scheckbuch und schrieb den gewünschten Betrag ein.

Der Ägypter nahm das Papier in Empfang. Im Augenblick war es zwischen seinen gewandten Fingern verschwunden. »Well, Mynheer, Sie werden weiter von mir hören. Morgen um dieselbe Zeit wieder hier.« Er verneigte sich nach orientalischer Sitte vor van Holsten und verließ den Raum.

In der Empfangshalle standen zwei Herren in europäischer Kleidung. Im Vorbeigehen blickte der Ägypter sie kurz an und nickte leicht mit dem Kopf.

»Allright, Sir?« kam eine leise Frage von dem einen.

»Allright, Sir!« antwortete der Ägypter ebenso leise und trat aus dem Hotel auf die Straße.

Nach dessen Fortgang hatte van Holsten seine Brieftasche herausgenommen und mehrere Papiere vor sich ausgebreitet. Was für ein Erfolg, daß dieser Glasberg endlich erklommen, das störende Hindernis aus dem Wege geräumt war! Nun mußte hier im Lande ein Riesengeschäft in Gang kommen. Hunderte von Agenten und Unteragenten schrien ja schon seit Wochen nach frischer Ware.

Er zog den Bleistift und warf Zahlenreihen auf das Papier. Auf der einen Seite verzeichnete er die Mengen von Rauschgiften, mit denen die Gesellschaft das Land jetzt wieder überschwemmen konnte, auf der andern die Gewinne, die ihr hieraus erwachsen mußten. Was bedeuteten dagegen die paar hunderttausende Mark, die auf Nimmerwiedersehen in das Geschäft gesteckt worden waren! So sehr vertiefte er sich in seine Aufzeichnungen und Berechnungen, daß er seine Umgebung darüber vollkommen vergaß. Die Rechnung ging gut aus und schloß mit einem Riesensaldo zugunsten der Organisation. Befriedigt wollte er die Papiere wieder zusammenfalten, als er eine Berührung auf seiner linken Schulter spürte. Noch ehe er sich aufrichten und umdrehen konnte, lag die Hand eines Mannes schwer auf seiner Schulter.

»You are the man!« – dies war die alte Formel, mit der die englische Polizei Verhaftungen vornimmt – drang an sein Ohr.

Endlich war es ihm gelungen, sich umzudrehen. Er blickte in das Gesicht eines Geheimpolizisten, das er aus früherer Zeit her kannte. Eine andere Stimme erklang in seinem Rücken. »Folgen Sie uns unauffällig, Mister van Holsten!«

Er fuhr zurück. Der zweite Geheimpolizist stand hinter ihm.

In ihrer Begleitung verließ er das Hotel und stieg in den wartenden Kraftwagen.

Van Holsten hatte sich geirrt, als er glaubte, den Glasberg erklommen zu haben.

»Führen Sie den Henke vor!« befahl Landgerichtsrat Bergmann dem Justizwachtmeister.

»Zu Befehl, Herr Landgerichtsrat!« Der Wachtmeister ging hinaus.

Mißmutig blätterte der Richter in seinen Akten. Unwillkürlich fühlte er, daß ihm hier eine große Sache in die Hand gegeben war. Ein Sensationsprozeß konnte es werden, konnte ihm Ruhm und Beförderung bringen, wenn es ihm glückte, die dunklen Zusammenhänge aufzudecken und die ganze gefährliche Bande, an deren Vorhandensein nicht mehr zu zweifeln war, zu fassen und zu überführen.

Aber zähe Vögel waren es, die er da gegriffen hatte. Kaum einen Schritt war er mit diesem Griechen weiter gekommen, der nun schon seit drei Wochen in Untersuchungshaft saß, und fast noch halsstarriger war der andere, der Henke, der in unverschämtester Weise alles leugnete.

Der Justizwachtmeister brachte den Gefangenen in das Zimmer und blieb auf einen Wink des Richters in dessen Nähe.

»Sie würden Ihre Lage durch ein Geständnis wesentlich verbessern, Henke. Sie wissen, welcher Verfehlungen Sie verdächtigt werden. Wollen Sie sich nicht endlich offen dazu äußern?«

Henke warf dem Untersuchungsrichter einen tückischen Blick zu und schwieg.

»Ihr Schweigen ist zwecklos, Henke. Die Aussagen Ihres Mitschuldigen Altmüller belasten Sie auf das schwerste.« Er schlug das vor ihm liegende Aktenstück auf. »Nach der Aussage Altmüllers haben Sie vor zwei Jahren in der Nacht vom fünfzehnten zum sechzehnten Juni unter Benutzung von mitgebrachtem Werkzeug die Zapfstelle an der Heroinleitung zur Tablettiermaschine angelegt. Ja oder nein?«

Henke zuckte die Achseln. »Altmüller gehört in eine Irrenanstalt«, stieß er halblaut heraus.

»Was wollen Sie damit sagen?«

»Was ich damit sagen will? Daß der Altmüller völlig verrückt ist. Der bildet sich Sachen ein, die es gar nicht gibt.«

»Die Zapfstelle ist aber gefunden worden, Henke. Wollen Sie behaupten, daß sie von selbst entstanden ist?«

»Gar nichts behaupte ich. Ich weiß von keiner Zapfstelle.«

»Altmüller behauptet etwas anderes. Nach seiner Aussage haben Sie – Sie allein, Henke – jede Nacht ein bis zwei Kilogramm Heroin aus dieser Stelle entwendet.«

»Das lügt der Schuft. Er hat auch . . .« Henke biß sich auf die Lippen.

»Was hat Altmüller auch?«

»Nichts. Ich weiß von nichts.«

»Nach der Aussage Altmüllers haben Sie die Diebstähle noch bis in die Nacht vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Mai dieses Jahres fortgesetzt, in der letzten Nacht haben Sie eine besonders bedeutende Menge Heroin gestohlen – gestohlen, Henke. Dann sind Sie mit dem Ballon ›Greif‹ aus dem Werk flüchtig geworden, übrigens eine Leistung, auf die Sie sich etwas einbilden können. De Herren vom Erfurter Luftschifferverein wundern sich heute noch darüber, wie Sie allein mit dem Ballon fertig geworden sind. Nun, was sagen Sie dazu?«

»Daß Altmüller völlig verrückt ist, wenn er so etwas behauptet. Ich habe den Ballon ›Greif‹ nie zu Gesicht bekommen.«

»Sie haben mich mißverstanden. Daß Sie mit dem Ballon weggeflogen sind, behauptet nicht Altmüller, das behaupten andere.«

»Was? Andere? Ich wäre neugierig, die kennenzulernen. Ist ja Unsinn, das zu behaupten.«

»Vielleicht werde ich Ihre Neugierde später befriedigen. Hören Sie den weiteren Tatbestand! Sie sind mit gutem Südostwind in drei Stunden von Gorla bis in die Nähe von Harburg gekommen. Dort sind Sie gelandet.«

Mit Gewalt suchte Henke den Schreck zu verbergen, der ihn bei dieser Mitteilung überkam. Mit gut gespielter Gleichgültigkeit antwortete er: »Ist ja eine interessante Geschichte. Wenn da wirklich einer gelandet wäre, dann müßte der Ballon doch auch gefunden worden sein.«

»Nein, Henke, der Ballon ist wieder in die Höhe gegangen und vom Wind in die Nordsee abgetrieben worden.«

»So so! In die Nordsee? Die Sache wird ja immer schöner. Da ist der Ballon natürlich irgendwo versackt, und nachher wird mir die Sache in die Schuhe geschoben.«

»Der Ballon ist nicht versackt, Henke.«

Auf einen Wink des Richters nahm der Justizwachtmeister ein Tuch fort, das im Hintergrund des Zimmers über einen tischähnlichen Gegenstand gebreitet war.

»Drehen Sie sich einmal am, Henke! Sehen Sie sich das da mal an!«

Henke tat es und fühlte, wie er erblaßte. Da stand der Korb des »Greif« dicht vor ihm.

»Nun, Henke, wollen Sie sich immer noch nicht zu einem Geständnis bequemen?«

Dieser hatte sich inzwischen zu der alten Frechheit durchgerungen. »Ich weiß nicht, was ich gestehen soll. Ist ja sehr schön, daß der Korb wieder da ist. Die Erfurter werden sich darüber freuen. Mir kann's gleich sein. Mich geht's nichts an.«

»Sie sind ja Fachmann auf dem Gebiet, Henke. Sehen Sie mal die Korbleinen an! Der Korb ist über der Nordsee vom Netzring abgeknebelt worden. Also muß noch eine zweite Person in dem Korb gewesen sein.«

»Kann sein. Ich weiß nichts davon.«

»Henke, in der Nacht vom zwanzigsten zum einundzwanzigsten Mai ist auch ein gewisser Wagner aus dem Gorlaer Werk verschwunden. Davon wissen Sie wohl auch nichts?«

Henke schüttelte den Kopf.

»So, Henke? Dann haben Sie bei Ihrem schlechten Gedächtnis natürlich auch vergessen, daß Sie den jungen Menschen gefesselt und hilflos im Ballonkorb zurückgelassen haben?«

Henke griff nach seinem Taschentuch und trocknete sich den Schweiß von der Stirn. Er hatte das Gefühl, als ob er unrettbar einem Abgrund entgegentreibe. Schwer atmend sank er in seinem Stuhl zusammen. Im Wirbel jagten sich seine Gedanken. Wie war es möglich, daß der Richter um sein Verbrechen gegen Rudi wußte? Hatte man auch durch Zufall dessen Leichnam gefunden? Es konnte nicht sein, war unmöglich. Das Ganze war sicherlich nur ein Versuch des Richters, ihn zu überlisten. Mühsam raffte er sich zusammen, setzte an und stockte wieder, sprach endlich mit heiserer Stimme: »Ich kenne keinen, der Wagner hieß.«

Von Henke unbemerkt, hatte der Richter dem Wachtmeister einen Wink gegeben. Ganz plötzlich, unvermittelt, unvermutet stand Rudi vor Henke.

Mit einem Schrei brach dieser zusammen und preßte die Hände vor die Augen. »Mein Gott, mein Gott, werden die Toten wieder lebendig? Tot, ertrunken – weit draußen in der Nordsee . . .« Er war vornüber auf den Tisch gesunken und verbarg den Kopf zwischen den Armen. Auf eine Handbewegung des Richters ging Rudi leise aus dem Zimmer.

Minuten verstrichen, bis Henke wieder Fassung gewann. Stockend begann er. »Ist es noch da, das Gespenst? Ein Gespenst war's doch, kein Lebender mehr!« Er hatte die letzten Worte herausgeschrien, blickte wild wie ein gehetztes Tier um sich.

Der Richter erkannte, daß der entscheidende psychologische Augenblick gekommen war »Erleichtern Sie Ihr Herz, Henke! Ein offenes Geständnis kann Ihnen milde Richter schaffen.«

Henkes Verstocktheit war gebrochen. Zögernd zuerst, dann immer leichter und fließender begann er die Fragen des Richters zu beantworten. Glied an Glied fügten sich seine Aussagen zu einer wohlgeschlossenen Kette. Mit seiner Einführung in das Gorla-Werk durch Rasmussen begann sein Geständnis, mit seiner Flucht zu Rasmussen schloß es.

»Wachtmeister, bringen Sie Henke in seine Zelle zurück!«

Der Richter ließ Gransfeld und Rudi hereinrufen.

»Endlich ist es gelungen, Herr Doktor. Er hat alles eingestanden. Es wird nicht mehr notwendig sein, ihn Wagner gegenüberzustellen. Aber . . .«

»Wie meinen Sie, Herr Landgerichtsrat? Ist noch ein Aber dabei?«

»Leider, Herr Doktor, ein recht unangenehmes Aber. Seine Aussagen belasten den hiesigen Großkaufmann C. F. Rasmussen in einer derartigen Weise, daß ich pflichtgemäß . . .«

»Himmel, das habe ich gefürchtet«, unterbrach ihn Gransfeld. »Schon seit langem habe ich es gefürchtet. Dabei habe ich den Eindruck, daß Rasmussen mehr ein Opfer der Bande als ein tätiges Mitglied ist. Überdies ist er leidend. Jede Aufregung kann ihm den Tod bringen. Professor Morelle in Paris, den ich auf Wunsch seiner Tochter aufsuchte, hat es mir selber gesagt.«

»Sie kennen die Familie, Herr Doktor?«

»Ich lernte sie in Genf kennen. Der Vater ist irgendwie – gegen seinen Willen, wie es mir scheint – mit der Bande verstrickt. Die Tochter, Fräulein Susanne Rasmussen – dafür lege ich meine Hand ins Feuer – hat mit allen diesen Dingen nicht das geringste zu tun.«

Der Richter blickte unschlüssig in die Akten. »Eine unangenehme Geschichte, Herr Doktor. Pflichtgemäß muß ich Herrn Rasmussen vernehmen und Haussuchung bei ihm halten lassen.«

»Oh, eine Haussuchung? Das könnte ihn töten. Ist das unbedingt notwendig?«

Der Richter zuckte die Achseln. »Herr Doktor, bei den Akten liegen mehrere chiffrierte Briefe, deren Entzifferung für die weitere Untersuchung von größter Wichtigkeit ist. Es besteht die Möglichkeit, daß Rasmussen den Chiffreschlüssel besitzt. Selbstverständlich beabsichtige ich mit der größten Schonung vorzugehen.«

»Herr Landgerichtsrat, wollen wir zusammen hingehen? Vielleicht ließe sich das Ganze dann so unauffällig bewerkstelligen, daß Herr Rasmussen wenig davon merkt. Wollen wir es nicht versuchen? Es hieße Menschenfreundlichkeit mit dem strengen Amt des Richters verbinden.«

Bergmann überlegte kurze Zeit. »Ihr Vorschlag erscheint mir annehmbar, Herr Doktor. Einen meiner Beamten müßte ich allerdings für die Haussuchung mitnehmen. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir gleich zusammen hinfahren. Je schneller wir die Sache hinter uns haben, umso besser.« –

Rasmussens Diener John geleitete Gransfeld in den Empfangssalon. »Ich werde Ihre Karte dem gnädigen Fräulein bringen, Herr Doktor. Wollen Sie sich, bitte, kurze Zeit gedulden!«

Verwundert blickte ihm Gransfeld nach. Der Mann trug ein verstörtes Wesen zur Schau, das für einen herrschaftlichen Diener zum mindesten auffallend war. Wenige Minuten später trat Susanne in den Salon. Gransfeld eilte ihr entgegen.

»Mein liebes, gnädiges Fräulein . . .« Er stutzte. Susanne sah bleich und verweint aus. Hatte sie irgendwie schon etwas von der schlimmen Botschaft erfahren, die er bringen mußte?

Er ergriff ihre beiden Hände. »Mein liebes Fräulein Susanne, es ist schrecklich, daß . . .«

»Schrecklich, Herr Doktor.« Schluchzend brachte sie die Worte hervor und griff nach dem Taschentuch, um die strömenden Tränen zu trocknen. »Mein armer Vater – wer hätte das gedacht, daß . . .« Sie drückte das Tuch wieder vor die Augen.

»Liebes Fräulein, liebe Susanne, niemand bedauert es mehr als ich. Ich bitte Sie, fassen Sie sich! Versuchen Sie, stark zu sein! Ich hoffe, es kann noch alles gut werden.«

»Niemals! Niemals wieder!« Schluchzen erstickte ihre Stimme. »Mein guter Vater – er ist mir genommen – für immer entrissen – tot!« Von neuem flossen ihre Tränen.

»O Gott, Ihr Vater ist tot? Liebe, arme Susanne!« Er faßte die Schluchzende und führte sie zu einem Sessel. Wie einem kranken Kinde strich er ihr über das Haar und streichelte ihre Hände, während er weiter tröstend auf sie einsprach.

Nur allmählich gewann sie ihre Fassung zurück, vermochte ihn anzublicken und seinen Fragen zu antworten.

»Die entsetzliche Aufregung der letzten Tage, Herr Doktor! Sie werden nichts davon wissen; man hat unsern neuen Chauffeur verhaftet, ich weiß nicht, warum. Furchtbar hat es meinen Vater mitgenommen. Sein armes Herz war der Erregung nicht mehr gewachsen; ein letzter schwerer Anfall heute früh, dann ist er sanft eingeschlafen.«

Wieder ergriff Gransfeld ihre Hände. Schweigend ließ sie es geschehen. Vorsichtig sprach er weiter. »Mein liebes Fräulein Susanne, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen in diesen schweren Stunden zur Seite stehe. Ihr armer Vater! Er hat wohl nicht gewußt, daß dieser neue Chauffeur ein von der Polizei gesuchter Verbrecher war. Ich kam hierher, um Sie schonend darauf vorzubereiten, daß die Polizei eine Durchsuchung seiner Sachen vornehmen muß.«

»Grauenhaft! Entsetzlich! Wenn mein armer Vater das noch erlebt hätte! Polizei in unserm Hause! Undenkbar.«

Er ließ ihre Hände. »Ich lasse Sie für kurze Zeit allein, liebe Susanne. Ich muß die Beamten von der veränderten Lage in Kenntnis setzen und will dafür sorgen, daß sie ihre Pflicht so schnell und unauffällig wie möglich tun. Dann komme ich wieder zu Ihnen zurück.«

Längst hatten die Beamten das Haus wieder verlassen, doch noch lange blieb Gransfeld. Als ergebener Freund stand er der Verwaisten in den kommenden schweren Tagen zur Seite. –

Nicht viel brachte der Landgerichtsrat Bergmann von seinem Besuch in Rasmussens Haus mit. Nur ein schmales Büchelchen war es, aber dieses unscheinbare Bändchen enthielt den so lange gesuchten Chiffreschlüssel. Jetzt konnten die Briefe gelesen werden, die immer noch unentziffert bei den Akten lagen, alle jene Briefe, die man in Henkes Wohnung in Gorla beschlagnahmt hatte, die Briefe, die dort noch nach seiner Flucht auf dem Postamt angekommen waren, und zuletzt auch den Brief, den Megastopoulos in Genf für Morton schrieb und in dem er ihm den Befehl des Chefs mitteilte, sofort nach Duncan-Castle zu kommen.

Kopien der entschlüsselten Briefe wurden verschickt, und die Polizei aller Länder bekam neue Arbeit.

»Der Teufel soll Sie holen, Jefferson, wenn mir das noch einmal vorkommt.«

Während Mac Andrew das sagte, hielt er in der Rechten eine gläserne Tube mit weißen Tabletten, die er eben zwischen Sitz und Lehne eines Klubsessels herausgezogen hatte. »Der Teufel soll Sie holen, Jefferson, wenn ich so etwas noch einmal entdecke.« Ärgerlich schüttelte er die Faust gegen ein menschliches Wrack. Lose schlotterten die Kleider um den Körper des Gescholtenen, an einen Totenkopf erinnerte das bleigraue, skelettartig abgemagerte Gesicht.

»Mon Dieu, Mac Andrew, haben Sie Nachsicht!« fiel ihm die Dimitriescu ins Wort. »Der arme Jefferson leidet sehr unter der Entziehung der Betäubungsmittel.«

»Schöne Entziehung, wenn er überall seine Pülverchen hat«, knurrte Morton dazwischen.

Jefferson war vor der drohenden Bewegung Mac Andrews zurückgewichen und hatte sich hinter einen andern Sessel geflüchtet. Da stand er, ließ den Unterkiefer blöde hängen und schielte Mac Andrew halb furchtsam, halb tückisch an.

»Wird wohl nicht das einzige Versteck sein, was Sie da durch Zufall entdeckt haben, Mac Andrew«, fuhr Morton fort. »Vermute, der hat sich noch mehr auf Vorrat gelegt.«

Während Morton sprach, beugte Jefferson sich über die Sessellehne und umklammerte sie mit beiden Armen.

»Oho, Mac Andrew! Sieht ganz so aus, als hätte er da noch mehr.«

»Meinen Sie, Morton? Wäre doch toll.«

Mit schnellen Schritten ging Mac Andrew auf den Sessel zu. Ohne sich weiter um Jefferson zu kümmern, griff er in die Fugen zwischen Sitz und Lehne. »Verdammt, Sie haben recht, da ist noch was.«

Er beugte sich hinab, um noch tiefer in die Fuge hineingreifen zu können. Gespannt folgten die Dimitriescu und Morton seinen Bewegungen.

»Ha, Räuber, Dieb!« Mit undeutlichen Schreien durchmischt kam's aus Jeffersons Munde. Im Augenblick war er über Mac Andrew. Sein Arm fuhr durch die Luft, etwas Blankes blitzte in seiner Hand. Zu spät sprang Morton dazwischen. Zu spät schleuderte sein Faustschlag den tobenden Jefferson in einen Winkel. Denn schneller als die andern es begreifen konnten, war's schon geschehen; ein Messer stak bis zum Griff zwischen den Schultern Mac Andrews. Schwerfällig sank er hintenüber auf den Teppich. Ein paar krampfartige Zuckungen noch, dann lag sein Körper regungslos.

Die Dimitriescu schrie gellend auf und wandte sich ab. Morton kniete neben dem Liegenden nieder und rief ihn an. »Hallo, Mac Andrew, wie steht's?«

Er schob seinen Arm unter dessen Nacken und hob den Rumpf an. Kraftlos fiel der Kopf Mac Andrews zur Seite. »Dammie, dammie, böse getroffen!« Er griff nach Mac Andrews Hand, versuchte den Puls zu fühlen. Der Puls stand still.

»Kommen Sie, Miß Dimitriescu, helfen Sie mir! Wir müssen ihn auf irgendein Lager bringen. – Was war das? Hat jemand geklopft?«

Schon öfter als einmal hatte es an der Tür geklopft. In der Aufregung der letzten Minute hatten sie es alle überhört. Noch einmal und stärker wurde jetzt an die Tür gepocht.

»Come in!« rief Morton.

Die Tür sprang auf. Fünf Polizisten, den Gummiknüppel an der Seite, drangen durch die einzige Tür in den Raum.

Mit einem Sprung wollte Morton sie überrennen, ihre Reihe durchbrechen, den Weg ins Freie gewinnen.

»Hands up!« Im selben Augenblick sah er in drohende Revolvermündungen. Ein kurzes Klicken und Schnappen, und Handschellen saßen an seinen Gelenken.

»Well, Mister Morton, Scotlandyard braucht Sie – in der Picadilly-Street ist mancherlei ins reine zu bringen – und Sie auch, Miß Dimitriescu. Ich denke, Sie ersparen uns die Notwendigkeit, Ihnen ebenfalls die Handschellen anzulegen.«

Der Polizeioffizier trat an den Liegenden heran. Auf einen Wink von ihm hoben zwei seiner Leute Mac Andrew auf ein Ruhebett.

»Vom Rücken her ins Herz getroffen, Sir«, meldete einer der Polizisten. »Er muß sofort tot gewesen sein.«

»Erstochen? Von wem? Von seinem Genossen?« Der Offizier sagte es mit einem Blick auf Morton.

»Nonsense!« knurrte der. »Da drüben in der Ecke liegt der Schuft, der's getan hat.«

Erst jetzt sahen die Polizisten Jefferson, der wie ein regungsloses Bündel in einer dunklen Ecke zwischen einem Schrank und dem Kamin lag. Als sie ihn aufhoben und zu einem Sessel trugen, gab er Lebenszeichen von sich.

»Wer ist das?« fragte der Offizier.

»A damned crazy fool!« knirschte Morton.

»Ein armer Kranker, der hier eine Entziehungskur durchmachen sollte«, sagte die Dimitriescu.

Ein Flüstern zwischen dem Offizier und seinen Leuten.

Eine Entziehungskur? In Duncan-Castle? Im Hause des Mannes, der ganz Europa, ja die halbe Welt mit Rauschgiften überschwemmt hatte? Der Mann tot – gefällt von der Hand jenes andern, dem Rauschgift Verfallenen!

Ein langes, drückendes Schweigen trat ein. Sie fühlten das Walten einer höheren, rächenden Macht, die hier ein Urteil gefällt und vollzogen hatte.

*

Der Vorsitzende des Gerichtshofes erhob sich und setzte das Barett auf. »Erkannt und verkündet: Der Angeklagte Heinrich Altmüller wird wegen fortgesetzten Diebstahls und Vergehens gegen das Rauschgiftgesetz zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt, von der zwei Monate als verbüßt durch die Untersuchungshaft gelten. Für zwei weitere Monate hat das Gericht ihm eine dreijährige Bewährungsfrist zugebilligt. – Nehmen Sie das Urteil an, Angeklagter?«

Altmüller stierte den Richter verständnislos an.

»Haben Sie verstanden, Angeklagter? Sie sollen noch acht Wochen sitzen, sind Sie damit einverstanden?«

»Noch acht Wochen?« Ein Schein des Verständnisses glitt über Altmüllers Gesicht. »Bloß noch acht Wochen? Dann kann ich wieder raus?«

»Ja! Aber Sie dürfen sich während der nächsten drei Jahre nichts zu schulden kommen lassen, sonst müssen Sie wieder rein. Sind Sie damit einverstanden?«

»Ja, ja, Herr Rat!«

»Gerichtsschreiber, schreiben Sie: ›Der Angeklagte nimmt das Urteil an. Die Verhandlung ist geschlossen.‹«

Das Publikum verließ das Gorlaer Gerichtsgebäude und verlief sich auf der Straße. Nur drei Menschen standen noch auf der großen Freitreppe.

»Na, Gransfeld, bist du mit dem Urteil zufrieden? Ich finde, der Mann ist eigentlich zu billig weggekommen.«

»Laß es gut sein, Rübesam! Er ist aus Schwäche gestrauchelt. Die Strafe trifft ihn immer noch schwer genug. Du kannst sicher sein, die andern, die wirklich Schuldigen, wird man nicht so leichten Kaufes davonkommen lassen. Unserm Freunde Henke dürfte eine recht unangenehme Dauersitzung bevorstehen, und den Monsieur Megastopoulos wird man auch nicht mit Samthandschuhen anfassen. Ganz zu schweigen von denen, die man in England und Port Said gefaßt hat. – Die Verhandlung in Hamburg ist für die nächste Woche angesetzt. Rudi und ich werden hin müssen, denn wir sind als Zeugen geladen.«

»Viel Glück auf die Reise, und überhaupt viel Glück in Hamburg! Eine Frage, Gransfeld. Darf man dir schon gratulieren?«

»Du darfst es, Rübesam, Susanne und ich sind verlobt. Wegen der Trauer um ihren Vater haben wir von einer Veröffentlichung abgesehen.«

Rübesam ergriff seine Rechte und drückte sie. »Nimm meine herzlichsten Glückwünsche, mein lieber alter Freund, und alles Gute auf euren Lebensweg!«

»Ich danke dir, Rübesam. Ein wenig hast auch du zu dieser Verlobung mitgeholfen. Übers Jahr bei der Hochzeit in Hamburg darfst du mir nicht fehlen.«

»Werde ich auch nicht, Gransfeld. Habt übrigens verdammt dicht mit der Sache gehalten. Brauchst dir aber nicht einzubilden, daß ich nicht auch ein Geheimnis bewahren könnte.«

Gransfeld sah ihn fragend an. »Ein Geheimnis, das uns angeht?«

Rübesam lachte verschmitzt. »Das sollte ich wohl meinen.«

»Dann raus damit, Rübesam! Was ist's denn? Seit wann weißt du's denn?«

»Oh, mein lieber Gransfeld, ich weiß es schon seit acht Tagen, und angehen tut's hauptsächlich unsern Freund Rudi.«

»Mich, Herr Rübesam? Was kann denn das sein? Sagen Sie es doch, bitte!«

»Ja, Rudi, mein lieber Junge, es hängt mit unserm Geheimrat Scheffer zusammen. Dem haben deine Verkleidungskünste so gewaltigen Eindruck gemacht, daß er dich auf jeden Fall für das Werk behalten will.«

Rudi machte einen Freudensprung, daß er beinahe die Stufen der Freitreppe heruntergefallen wäre. »Dauernd im Werk? Eine Stellung hier? Fein! Großartig, Herr Rübesam! Aber als was soll ich denn eintreten?«

»Junge, versprich mir erst, daß du nicht größenwahnsinnig wirst, wenn ich dir das sage. Der Geheimrat meint nämlich, daß du viel schlauer bist als alle die Detektive, die er sich früher von Berlin verschrieben hat. Darum will er dir eine Stellung geben, in der du dich einerseits zu einem brauchbaren Kaufmann entwickeln kannst, anderseits aber – nebenamtlich sozusagen – deine Augen im Werke offenhalten sollst, denn es könnte ja am Ende mal wieder Henkes und Altmüllers bei uns geben.«

Ein neuer Freudensprung von Rudi war die Antwort, und diesmal wäre der würdige Chefchemiker der Gorlaer Werke beinahe mit ins Rollen geraten. Als er sein Gleichgewicht wiedergewonnen hatte, drohte er schmunzelnd mit dem Finger. »Aber das bitte ich mir aus, Rudi, mein Kleiderschrank und mein Frisierbeutel müssen künftig Ruhe vor dir haben.«

Lachend gab ihm Rudi das Versprechen, mit der festen Absicht, es nicht zu halten.

 


 


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