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Ins Grenzenlose

Als erster begrüßte den so hart Vereidigten ein Jüngling, fast noch Knabe, von geistesprinzlicher Haltung: Johann »kalos«, jetzt Mitkaiser.

Aus dem Wimpernkranz seiner Ikonenaugen sah er bezaubernd zu dem bleichen Athletenhalbgott vor ihm auf.

»Es macht Uns glücklich, Euch, da dies nun angängig geworden, gleich mit den herrlichsten Provinzen Unseres Reiches zu belehnen. Wie ist das schön.«

Es war die lieblich-würdigste Besitzergreifung. Denn daß es Besitzergreifung bedeutete, hatten alle im kaiserlichen Lager zu Colonea bald erfaßt.

Sicher würde das Temperament dieses hochbegabten Barbaren ihn immer wieder zu ungemeinen Taten treiben, so sicher, wie es durch die Fesseln des heutigen Diktates dem Orbis Byzantinus zur alleinigen Auswertung war abgeliefert worden. Schon bisher hatte der Normanne mit den Seinen ganz Syrien samt Zilizien der Oberhoheit des Neuen Rom zurückgewonnen, so daß dieses beinahe wieder die Grenzen wie im zweiten goldenen Zeitalter besaß, vor hundertfünfzig Jahren. Durch diesen gezähmten Erzfeind kehrte wohl noch bald Ägypten heim unter das geheiligte Szepter, wo es im ersten goldenen Zeitalter gewesen, jenem des großen Justinian. So war zu hoffen auf den Anbruch einer dritten goldenen Weltzeit.

Den neuen Archivasall umschmeicheln also alle. Der Kaiser und die Seinen sind bezaubernd gegen ihn, voll Takt und Trost. Es gibt genügend Geld, Geschenke, Feste.

Wieder halten ihn die grünen Mandelaugen der Kaiserin Irene mütterlich umfangen, Annas Schwalbenkörperchen umfegt ihn; wieder sieht er die hohen, schön gehenden Beine in goldenen Wickelgamaschen, während der starre Mantel nachschleppt wie ein Pfauenschweif. Römer ohne Ecken, Grieche plus Theologie, umplaudert ihn ihr Gatte, der zartbrüstige Caesar.

Doch der Vielgefeierte, der Herr in Syrien, Zilizien, Mesopotamien, reicher als ein europäischer König, bleibt tief verstimmt, und niemand weiß um seine Seele.

Sobald es irgend angeht, erbittet er sich Urlaub nach Apulien.

Fährt bis Otranto.

Löscht plötzlich aus.

Man spricht von Gift.

In Stunden aus Fieber und Traum hatte seine gestirnbestimmte Substanz ihn dieser farbigen und klirrenden, kindlichen und heroischen Historie verhaftet. Freigestorben aus der Vasallenschaft, kehrt er nun heim ins Grenzenlose.

 


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