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Chartres

 

Der Hahn im Sarg

Wieder schwankte die vierhunderttürmige Antiochia, diesmal vom rhythmischen Geheul der wilden Trauerklagen, als schluchzende Edelleute ihren Prinzen: Bohemund, Graf Hauteville, Herzog von Tarent, in den riesigen, rohgezimmerten Holzsarg betteten. Es geschah auf jener offenen Terrasse des Palastes, von der die Treppen zu dem Hauptplatz niederstuften.

Unverkennbar, allen sichtbar, lag die berühmte Gestalt, starr gestreckt, die Wangen überschminkt wie üblich, um das entschwundene Leben vorzutäuschen.

»Schaut ihn noch einmal!« riefen seine Paladine der Menge zu. Auch viele griechische Spione verfolgten aufmerksam die Vorgänge. Dann senkte sich der Deckel. Doch Tancred, kahlgeschoren, mit zerrissenen Gewändern, warf sich dazwischen und über den verehrten Körper, zog etwas Verhülltes unter dem Mantel hervor, wohl eine letzte Liebesgabe in die Ewigkeit, um sie dem Toten auf die Brust zu legen.

Jetzt wurde vor allem Volk der Sarg geschlossen, auf die Schultern von acht Ehrenkavalieren gehoben und in feierlichem Zug, begleitet von vielen Tausenden, nach dem Hafen von Sankt Simeon gebracht zu einer Eilbireme.

Die byzantinische Flotte hielt eine Woche später das Trauerschiff auf hoher See an. Kantakuzen bestieg es selbst, ließ jeden Winkel untersuchen, ehe er die Weiterfahrt nach Italien freigab, damit die Leiche zu Salerno in der Familiengruft bestattet werden könne.

Schließlich ging der Admiral auch auf den Sarg zu, der Befehl, selbst diesen noch zu öffnen, blieb ihm jedoch im Halse stecken, ein derart überzeugendes Arom, daß der angegebene Inhalt stimme, ging von der schlechtgezimmerten Truhe aus. Das Taschentuch vor dem Gesicht, wies er entsetzt auf ungut-feuchte Stellen um die Fugen und riet der Ehrengarde, die ihre Lamentationen seinetwillen noch lange nicht unterbrochen hatte, doch um Himmels willen im nächsten Hafen einen Marmorsarg zu kaufen.

Da kam er aber übel an. Hochfahrend wie immer, wenn man Vernünftiges mit ihnen reden wollte, erklärten diese Nordmeernarren, es sei ihres toten Heros letzter Befehl gewesen, in eine Art verschlossener Holzbarke gelegt zu werden für die Überfahrt, damit, auch falls das Schiff versinken sollte, seine Leiche schwimmend in dem winzigen Seedrachen den Heimatstrand erreichen könne, wie jene Guiscards seines Vaters. In Apulien jedoch erwarte ein malachitner Sarkophag den Toten, so schwer und teuer wie die besten in den Kaisergrüften der Apostelkirche zu Byzanz.

Na schön, doch habe Bohemund im voraus nicht ahnen können, welch schlechte Arbeit die Balsamierer an ihm leisten würden. Wenigstens die Fugen solle man verkleben, das halte auch den Gondelsarg im Notfall besser über Wasser.

Nun tobten die ganz verheulten Ritter los: Byzanz möge unter dem feigen Vorwand einer Seekontrolle dem toten Feind die Schmach antun, seine Reste in solchem Zustand zu entblößen; doch die Bräuche der Bestattung selber gingen nur die Nächsten an, sonst niemand.

Dezenz verletzen lag dem Wesen des griechischen Granden fern, besonders wenn es unnötig wie hier. Daß dies der Fall war, wer konnte jetzt noch zweifeln? Beinahe hätte er sogar tief aufgeatmet, weil diese Pest von einem Wikinger endlich erledigt war, wenn nicht eben der Beweis dieser Erledigung ihm den Atem zu verschlagen drohte.

Aus besonderer Vorsicht ließ er die Bireme, damit die Heimfahrt nicht zu Unfug ausgebeutet werde, von zwei Kriegsschiffen auf Sehweite begleiten. Auch in jedem griechischen Hafen kam eine Kommission an Bord, ging aber wieder fluchtartig. Erst vor Korfu wendeten die beiden byzantinischen Chalandien. Noch nicht Anker hatte dort das Trauerschiff geworfen, als der Sarg zerbarst, die Leiche heraussprang und gleich über Bord ins glitzernd-blaue Wasser, daß die Fische spritzten. Vorher hatte sie mit Ekel noch etwas von der Brust geschleudert, Tancreds letztes Liebesangebinde: einen toten Hahn.

Die nächsten Tage briet der Auferstandene abwechselnd in der Sonne oder schwamm in der Salzflut umher, atmete und atmete nur immer zwerchfelltief die Wellen klarer Luft ein. Beroch sich oft, schnitt jedesmal eine Grimasse, rieb dann das Jod des Seetangs so tief in alle Poren, bis sich die Haut am ganzen Körper schälte. Krebsrot und windhundmager kam er aus der Wandlung, zog völlig neue Kleider an und begann wie toll zu essen, denn auf der Überfahrt hatten sie ihn nur ganz heimlich und selten füttern können. Auch war ihm in Gesellschaft des toten Hahnes nicht nach Speise. Hähne sind bekanntlich Virtuosen der Verwesung.

Jetzt aber erschien der hilfreiche Kadaver beinahe liebenswert. »Mein braver Morgenvogel«, so erzählte er, »wahrhaftig, in der Nacht vor Korfu hob er seine Flügel und hat die Auferstehung mir ins Herz gekräht.«

 

Vier Wochen später – das Barbarenbüro wußte über diese Ereignisse längst Bescheid – verzeichnete die Caesarissa Anna zu allen übrigen auch diesen jüngsten Streich der »Weltunruhe« in ihr Tagebuch: Unterlage für die künftige »Alexias«, das Geschichtswerk über die Regierung ihres Vaters. Es lag eben am Verderb der Zeit, daß man so ordinäre Leute mit so ordinärer »Téchne« beachten mußte, da es sie nun einmal leider gab.

Vorbildlich im Sinne des Thukydides verschwieg sie gar nichts, hatte eben mit angeekeltem Entzücken die Episode von dem toten Hahn geschildert und fuhr jetzt fort, jedoch gesteilt von echter Abwehr, bis ans Ende zu berichten:

»Erst in Korfu fühlte er sich endlich sicher, gleichsam mit einer schützenden Bergkette im Rücken noch selbst auf unzugänglicher Gipfelkuppe.

Als die Einwohner der Insel ihn dann durch ihre Straßen wandeln sahen, so fremd in fremdartiger Gewandung, frugen sie nach Herkunft und dem Ziel der Reise. Er aber behandelte sie mit Verachtung und verlangte nach dem Gouverneur, einem gewissen Alexios von den armenischen Themen, sah ihn dann hochmütig an und in Ton und Haltung überheblich, und mit hochgemuter Stimme, barbarischen Tonfalles, befahl er ihm, dem Kaiser von Byzanz zu melden, Wort für Wort: »Auf dieser Insel, wo Robert Guiscard zu so gelegener Zeit für Deine Majestät verstorben ist, bin ich, Bohemund, sein Sohn, wieder auferstanden zu sehr ungelegener Zeit für Dich. In verschlossenem Sarg durchbrach ich die Blockade. Doch nur um das römische Imperium zu vernichten, starb ich mein Leben und lebe nun meinen Tod. Tancred hält indessen Syrien, bis ich drüben den ganzen Kontinent, alle Männer der Lombarden, Franken, Italer, Deutschen, Vlamen und mein eigenes Volk gegen dich in Waffen stehen habe und komme, deine Länder zu füllen mit Mord und Blutvergießen, bis ich auf Byzantium selber meinen Speer gepflanzt.«

»Zu solchem Gipfel der Prahlerei verstieg sich der Barbar«, schloß die Prinzessin Anna den Bericht.

Doch die Prinzessin Anna konnte eben immer noch nicht schließen. So fügte sie dem in sich Abgeschlossenen noch als Postskriptum bei, was sie nicht unterdrücken konnte. Es war ein psychologisches Räsonnement und lautete:

»Ich meinerseits muß staunen, wie er, ein Lebendiger, die Belagerung seiner Nasenlöcher durch solchen Mißgeruch ertragen konnte, und habe aus dem Vorkommnis gelernt, daß die ganze barbarische Nation kaum abzubringen sei von einer Sache, die sie sich in den Kopf gesetzt, ihr auch nichts zu schwer erträglich scheint für das einmal begonnene harte Unternehmen, falls es vorher aus eigener freier Wahl beschlossen wurde.«

Dann sperrte sie das goldbeschriebene Purpurpergament in seine ziselierte Hülse und verließ den grünsilbernen Pavillon.

 

Die Herzgeschwister

Auf der Mole von Otranto wartete eine Frau, in weitem Abstand das Gefolge.

Landwind trieb sie immer weiter vor, hart an den Rand der aufgewühlten Wasser, hob ihr den möwengrauen Schleier von rückwärts hoch, so daß er wie der blasige Schild einer geblähten Kobra über ihrem schmalen Kopfe stand. Die Bireme vor dem Hafen kreuzte in der Gegenbrise auf. Der Mann an ihrem Bug sah lange schon herüber, so wie die Frau zu ihm hinaus, mit unbeirrbaren Augen. Keiner winkte oder grüßte, dazu waren sie zu lang getrennt gewesen. Endlich kam das Schiff mit gerefften Segeln nah genug, daß er an Land sprang. Nicht in offene Arme. Ohne Kuß oder auch nur einen Händedruck begannen sie sofort nebeneinander herzugehen. Vielmehr, sie gingen aufeinander ein. So vollkommen abgestimmt in Rhythmus und Gebärde, daß selbst die leere Luft zwischen ihren Körpern sich zu einer stets wechselnden, doch immer einigen Raumfigur aus schierer Harmonie zusammenfand. Sie genossen dieses schwingende Schreiten wie andere die Umarmung. Ein Gestrahl vollkommener Beglückung ging von ihnen aus.

Der Umwelt mochten sie manchmal erscheinen wie Wesen, gezogen an zwei Silberfäden von eines Dritten großer, überirdischer Hand. Oder wie die Schalen eines Waagebalkens, Belastung und Entlastung gegenseitig ausgleichend, manchmal auch wie ein paar Eidervögel, wenn sie mit vorgereckten Hälsen und langen Flügelschlägen ins rätselhaft gewußte Unbekannte eilen.

Im Hause der Marquise Emma Oede le Bon, Regentin zu Otranto, warfen sich die beiden auf zwei Ruhelager, getrennt durch ein Tischchen mit Erfrischungen. Diesmal auf die Ellbogen gestützt, die Körper zugewendet, leuchteten sie mit Feldherrn-Edelsteinaugen einer dem anderen ins Gesicht. Und wieder gebar die Raumfigur sich zwischen ihnen auf ganz neue Art, wie ein drittes Wesen aus allem und nichts zugleich.

Dann aßen sie von edlen Früchten, tranken sizilische Weine. Endlich begehrten auch die Stimmen, bei dem Feste mit dabei zu sein.

So begannen sie zu sprechen.

Erst später kam die Lust, auch auf einen Sinn im Klang zu horchen.

So begannen sie zu denken:

»Der Papst erwartet dich, und mit ihm ganz Italien.«

»Er wird noch etwas länger warten müssen. Erst als Eidam Frankreichs komme ich nach Rom; König Philipp bietet mir zur Wahl zwei seiner Töchter.«

»Gleich zwei?«

»Die andere soll er Tancred nach Antiochia schicken. Doch bin ich allererst hierhergekommen, dich um deine Zustimmung zu bitten.«

»Darf man fragen, welche du zu dieser ›anderen‹ bestimmt hast?«

»Oh, gewiß. Es ist Caecilie. Perlmutterblond und vierzehnjährig.«

»Und diese perlmutterblonde Vierzehnjährige wählst du nicht selbst?«

»Ich habe weder Lust noch Zeit, im Ehebett mit den Puppen meiner Gattin Versteck zu spielen. Dazu bin ich nicht mehr jung und noch nicht alt genug. Deinem Sohne taugt das.«

»Ist Tancred für eine Heirat nicht zu unreif?«

»Du würdest staunen, für wie vieles sich der schon reif hält. Die Sultansmätzchen haben aufzuhören.«

»Die ›Andere‹ kenn' ich jetzt; wer aber ist die ›Eine‹?«

»Constanze. Zwanzigjährig und Witwe.«

»Sie soll reizend sein, mit Lippen wie nasse Kirschen.«

»Ich mache mir nicht viel aus nassen Kirschen. Das nebenbei. Doch ist sie die einzige legitime Tochter Frankreichs, Erbin nach ihrer reichen holländischen Mutter und echte Schwester des Dauphin, wie du mein echtes Herzgeschwister bist, aus demselben Schoß hervorgegangen – nur das zählt. Ergibt die Bindung auch an den künftigen Beherrscher Frankreichs somit auf weite Sicht. Caecilie fehlen diese Vorzüge, schon als Kind der niemals von der Kirche anerkannten Verbindung Philipps mit Bertrade von Montfort, noch zu Lebzeiten seiner ersten Gattin.«

»Du also hast dich so lange aufgespart für die größte Allianz Europas; meinen Glückwunsch.«

»Nicht aufgespart, es traf sich eben so.« Wie sanft die Pagenecken seines sonst so harten Mundes werden konnten.

»Nun, ich gebe meine Zustimmung zu Tancreds Heirat und weiß dir Dank für die Vermittlung. Auch eine nicht voll anerkannte Tochter aus dem Hause Frankreich hätte der König nie einem schlichten Marquis Oede le Bon gegeben, wenn er nicht Lieblingsneffe des Prinzen von Antiochia wäre. Im übrigen, ohne dein syrisches Reich schmälen zu wollen, es ist doch sonderbar, wie diese drei Magiersilben: Mor-gen-land immer wieder Gier und Traum der Menschen an sich ziehen. Wie gebannt starren sie darauf, während doch in ihrem Rücken der rosenfarbene Atlantik seine langen, glasigen Brecher in unergründliche Verheißung hinausrollt. Atlantis heißt ein sagenhafter Kontinent, gegen Abend zu gelegen, vielleicht ragt er noch immer von seinen Kupferknien aufwärts aus dem Westmeer und hält Schätze bereit, neuere als Arabia, Lanka, India, Sina.

Zweimal schon sind unsere Vorfahren« – die Schwesterstimme wurde hart vor zärtlicher Entschlossenheit – »vom Grüneland abwärts getrieben worden an eine unbekannte Küste. Endlos schien sie. Nicht Inselluft, Wind wie über eine Wand von Ländern, eines hinter dem anderen, traf die Erstaunten. Heiße Berge, Ebenen voll blauen Grases und zottiger Wildstiere ahnten sie in Fernen. Die Unseren griffen dann noch Büschel Trauben von den Hängen, warfen sie in ihre Drachenboote und trieben wieder ab. Dorthin –«

Ein Riß ging durch das Doppelwesen; er hatte seine Schulter zur Wand geworfen, störrisch, unduldsam.

Sie löste, nachgebend, seinen Abwehrkrampf und holte ihn zurück in jene schiere Harmonie der Körperseelen, die ihr das Leben selbst bedeutete.

Beide schwiegen sich zusammen. Liefen dann das Meer entlang, jagten, plauderten. Nach zwei Tagen ritt er nach Norden. Erwähnte kein Wort von seinen tieferen Plänen, und doch, um von nichts anderem zu sprechen, das war der eigentliche Grund gewesen für die Landung in Otranto.

 

Die Kreuzzugspredigt

Ungeheure Erwartung drängte gegen die Kathedrale von Chartres, um dann in ihren gespitzten Mund: das Königstor, zu strömen. Sie füllte die farbige Finsternis der Schiffe, machte alle Kerzen flackern, staute sich dann um den Wald von grauen Pfeilern, die unbeteiligt in ewige Dämmerungen aufwärts schossen. Menschenmoos weste nur an ihren Wurzeln. Über Haupteshöhe hinaus begann ein All aus Stein und Luft.

Die Erwartung der illustren Gäste hier war heilig-höfischer Natur, denn heute gab der König von Frankreich im Dome seine Tochter dem interessantesten Mann der Christenheit. Berüchtigt wie berühmt.

Schon ging es gegen Nachmittag, während diese Hauptfigur noch immer fehlte. Doch auch sehr große Herren warteten geduldig. Man wußte: von Asia war er in einem Sarg auf abenteuerlicher Fahrt erst in Italien gelandet, dann quer durch das jubelnde Europa geritten, hatte sogar Rom mit dem harrenden Papst links liegengelassen, um am lang vorherbestimmten Tag den Ort der Trauung zu erreichen. Eilkuriere meldeten auf der gesamten Strecke, wie er die Etappen eingehalten. Eine spontane Huldigung von unvorhergesehenem Ausmaß am letzten Rastort trug Schuld an der Verspätung.

Um drei Uhr traf er ein.

Über dem Hals der schaumbedeckten Berberstute sah die Festgesellschaft sein silberziseliertes Gesicht. Tiefblau, rotgesäumt, wehte der eckige Normannenmantel. Nicht als prinzlicher Parvenu des Morgenlandes, als Wikinger war er hierhergekommen.

Nun konnte sich der Hochzeitszug formieren.

Später, während der ausladenden Zeremonie, dachte so mancher, wie es schade sei, daß man von dem mit soviel Spannung Umzitterten noch durch Stunden nichts als die kurze Silbe »Ja« vernehmen würde, statt der Wunderdinge, die er sicher unter seiner Zunge trug.

Da, gleich nach dem Ringwechsel, geschieht ein noch nicht Dagewesenes: Der Bräutigam stürzt vom Altar weg, weg von der Braut, deren nasse Kirschenlippen sich öffnen zu einem stummen Schrei, rast durch das Mittelschiff, erstürmt die Orgelgalerie, steht dort oben: ein gotischer Löwenengel in der Farbenrose von Chartres, fängt gleichsam an ihr Feuer, brennt auf und beginnt zu predigen.

Predigt seinen Hochzeitsgästen, also allem, was da in Europa Macht und Rang besitzt, den Kreuzzug.

Nicht gegen kindliche Heiden. Nicht gegen tapfere Mohammedaner. Nicht gegen offen Ungläubige. Nein, gegen den Antichrist in seiner heimlich schwelenden, herzvergiftenden, perfidesten Gestalt: Byzanz.

Nie kann eine befreite Hierosolyma in Frieden leben, immer wieder wird das edelste Blut umsonst für sie vergossen sein, solange dieser Urfeind die Völker Asiens heimlich aufhetzt gegen alles rechtgläubige Rittertum, das längst verlorene Gesicht scheinheilig verborgen hinter seinem falscharmigen Kreuz. Zweimalhunderttausend Lombarden vom Ketzerkaiser absichtlich in die Irre geführt, verwesen soeben in den Steppen oben am Schwarzen Meer, nur damit sein Verbündeter, der Kalif von Kairuan, unterdessen die von aller Hilfe entblößten Heiligen Stätten Palästinas dem Christentum entreißen könne.

Und nun bricht der Entflammer aus in niemals noch erhörten Furor der Beredsamkeit. Jede Gebärde wird Beschwörung. Und das Seltsamste: die welttragenden, weltentfaltenden, weltverwandelnden Worte scheinen nicht aus ihm zu kommen; er selber hatte sich ganz andere schlau zurechtgelegt, um mit ihnen Neid, Geiz, Eitelkeit der habgierigen Hörer in sein eigenes Garn zu locken.

Statt dessen schließt er: »Damit dieser verruchte Thron des Antichrist nicht weiteres Unheil stifte oder gar Zwietracht zwischen Kreuzrittern, so soll ihn niemand mehr besteigen. Wir wollen ihn nicht haben, wir wollen ihn zerbrechen.«

Über sich hinausgerissen, stimmten die Hochzeitsgäste ein.

Am meisten staunten jene, die einen skrupellosen, hochbegabten Abenteurer von Antiochia her zu kennen geglaubt, wie die Grafen von Flandern und von der Normandie, von Roussillon und von Oranien, jetzt über den wilden Engel, wie er ihnen dort oben in der schrägen Abendsonne erschien. Denn Licht flammte durch sein Fleisch, und er sprach mit Zungen.

Daß dieser Maßlose spontan hier, in der Kathedrale von Chartres, den Ehrgeiz abgeschworen, dessen man ihn so lange verdächtigt: selbst Kaiser des Morgenlandes zu werden, mit einem Schlag zerhieb er so das ungeheure Mißtrauen gegen seine eigene Person. Ohne Zweifel, das war der eine, der einzige, der rechte Führer des Kreuzzuges gegen Byzanz, das niemand noch vor ihm in seiner wirklichen Gestalt, als Antichrist, erkannt hatte.

Nun, da man so reinen Herzens einen heiligen Entschluß gefaßt, war es keine Schande, sich der mannigfachen Vorteile einer Zerstückelung des schätzehortenden Kolosses innezuwerden, in der Überzeugung, dabei ein erlösendes Werk zu tun.

Dem höchsten Adel warf er, parzelliert, so viele neue Prinzentümer ab, daß sie für alle reichten. Vielleicht brauchte man persönlich gar nicht mitzutun bei dem schweren Krieg – man gab nur dem Normannen Truppen, dann wurden nach einem Schlüssel die Provinzen aufgeteilt.

Für den höchsten Klerus wieder war es nicht Teilung, vielmehr im Gegenteil Vereinigung der zum Unheil in Ost und West gespaltenen Kirche, was ihn dem Plan gewogen machte. Der niedere Klerus mit seinen Mönchsorden hingegen sah schon den Reliquienschatz des »Heiligen Palastes« seine Wunder aus ihren eigenen Klöstern heraus an die Gläubigen verströmen.

Und auf das Gold freuten sie sich schließlich alle.

Nicht wenig zum praktischen Erfolg der kühnen Predigt trug die Haltung des Papstlegaten Bruno bei. Er war es, der den neuen Eidam Frankreichs nach Rom begleitete. Dank seinem Einfluß bei Paskal II. wurde es ein richtiger Kreuzzug, vom Papst beglaubigt, für die Teilnehmer verbunden mit allen Privilegien eines solchen, wie Straffreiheit für begangene Verbrechen, Erlassung von Pachtzins, Indulgenzien, Absolution.

Des Legaten berühmte Altersweisheit, verbunden mit der Stoßkraft des alles mit sich reißenden Kriegshelden, brachte bald wieder auf Kosten ganz Europas Heere, Flotten, Pferde, Kriegsmaterial, Geld zusammen.

Als Bruno seinen Teil am Werke fast vollendet hatte, sprach er sich einmal auf bemerkenswerte Weise darüber in camera caritatis aus. Es war bei seinem Freund, dem Hüter der Lateranischen Bibliothek, verschwiegen wie der Staub auf den Folianten.

»Ich glaube nicht an das Gelingen dieses Kreuzzuges«, sprach der weltüberhobene Fürst der Kirche und richtete die tiefen Augen mit den Greisenringen in die Ferne. »Ich glaube nicht an das Antichristentum der Kaiser von Byzanz, glaube nicht einmal an diesen beflügelten Normannen; doch weiß ich, daß seine Predigt inspiriert war, dort oben in der Farbenrose. Das hat mir zu genügen. Denn Gottes Wille geschehe –« schloß er bedauernd.

Der bibliophile Freund des Papstlegaten, Durchstöberer alten Heidenkrames, geriet in Eifer:

»Fast genau, was Seneca schon meinte, wenn er sagt: Wer dem Schicksal folgt, den führt es, wer sich sträubt, den schleift es.«

»Nenn' es Schicksal, wenn du dich so leichter tust.«

 

Die Seeschlacht

Als Alexios von der tödlichen Bedrohung durch den unheimlich anschwellenden Kreuzzugswillen Europas gegen Byzanz erfuhr, zog er ein mächtiges Geschwader von Syrien ab und sandte es in die adriatischen Gewässer, um gegen eine vorzeitige Landung an der Ostküste auf der Hut zu sein. Wo Bohemund seine Hand im Spiel hatte, war man am Bosporus auf alles gefaßt.

Kontostephanos, der »Thalassokrator«, erhielt strengen Befehl, auch nicht ein einziges Transportschiff durchschlüpfen zu lassen, sonst würden ihm die Augen ausgestochen. Daß der Hauptstoß direkt über Illyrien versucht würde, wie zu Zeiten Guiscards, daran zweifelte weder der Generalstab aus strategischen noch das Barbarenbüro aus psychologischen Gründen.

Der Admiral hatte die süditalischen Häfen zu überwachen, nicht anzugreifen.

Einmal, kreuzend in der Straße von Otranto, sichtete er eine kleine apulische Flotte mit Kriegsmaterial, offensichtlich, bestrebt, nicht von ihm bemerkt zu werden. Er versuchte, ihr den Rückweg abzuschneiden, sie aber wendete rechtzeitig und floh ihrer Heimat zu, sehr geschickt befehligt von einer Frau, wie Kontostephanos deutlich erkennen konnte.

Im Eifer der Verfolgung fuhr das byzantinische Geschwader in den Hafen von Otranto selbst hinein. Er war, leer bis auf die eben hereingeflüchteten Schiffe. Jene mit Kontrebande beladenen gleich hier zu kapern, schien ein leichtes. Eben damit beschäftigt bemerkten die Sieger, wie das Volk ihnen zuzujubeln anhub, gleich Befreiern. Alles eilte auf die Mole und forderte die Byzantiner auf, sich als Landsleute die Stadt zu nehmen. Bei diesem Anblick ging Kontostephanos das Herz durch. Da konnte man es wieder sehen, wie dieser uralt-griechische Stamm heimbegehrte in das Reich und nur von einem verwegenen Häufchen fremder Abenteurer mit frecher Faust zurückgehalten wurde. Doch selbst die wenigen Normannen der schwachen Garnison schienen nicht besonders kampfgeladen.

Nun lautete zwar der Befehl, italische Häfen nicht gewaltsam anzugreifen, doch, lautete auch kein Verbot, freiwillig geöffnete zu meiden. Wunderbarerweise ergab sich dieser wichtige Hafen im Verfolg der Pflichterfüllung, alle verdächtigen Transportschiffe aufzubringen. Nun, ein echter »Thalassokrator«, wahrer »Herr der Meere«, fing sie sich noch aus dem Hafenbecken selbst heraus: das gab seiner Aktion die unvorhergesehene Weiterung.

Die Admiralin vom apulischen Flaggschiff hatte unterdessen auf einer Barke das Ufer längst erreicht. Sie und ihre schmale Garde sah man jetzt umringt von gestikulierender Bevölkerung. Fast wie eine Bühnenszene wirkte das. Den Kaiserlichen schien es angebracht, die Entwicklung der Dinge vorerst hier abzuwarten. Sie warfen also Anker, ganz wenige außerhalb verbliebene Einheiten ausgenommen. Und richtig, nach geraumer Zeit kam eine Botschaft von jener befehlenden Frau, daß sie verhandeln wolle. Wieder verging geraume Zeit, bis man sich geeinigt über den Ort der Unterredung, denn ein Betreten des feindlichen Admiralschiffes lehnte die Regentin begreiflicherweise ab. Doch zum Beweis ihres Entgegenkommens wollte sie gestatten, daß Kontostephanos seine gesamte Besatzung mit an Land brächte, was er hochgeschwollenen Kammes tat.

Zahlenmäßig stattlich nahm sich diese Machtentfaltung aus, kam sie auch mehr durch Marineure zustand als richtig bewaffnete Landsoldaten.

Eine bezaubernde Edeldame übrigens diese Marquise Oede le Bon, und welch zähe Feilscherin, was die Übergabe betraf. Es erwies sich, daß ihr Ehrgeiz so nebenbei auf gewisse byzantinische Titel losging, mit denen erkleckliche Jahresrenten in Verbindung standen. Eine wirklich bemerkenswerte Frau. Wie bereits ein Bruder dieses Bohemund, jener Überläufer Guy, Graf von Conversano, längst kaiserlicher Seneschal, sich hatte kaufen lassen, so plante die Schwester jetzt im günstigsten Augenblick wohl ähnlichen Verrat. Die Hautevillesche Sippe lag sich, Gott sei Dank, ja immer in den Haaren. Schließlich bat die Regentin noch um ein weniges Geduld, während sie im Regierungspalast einen Vertragsentwurf vorbereiten wolle. Der Eminentissimus habe jedoch unterdessen volle Freiheit, sich in Otranto umzutun.

So drangen die Byzantiner tiefer in die Stadt, bis Feuerschein in ihrem Rücken aufbrach. Das eigene Geschwader lohte gegen Himmel, zugleich fiel aus den inneren Forts, verstärkt durch rasch herbeigerufene Truppen der Umgebung, eine echte Normannengarnison über die Gelandeten her. Nur weil die gutbewaffneten Offiziere sich sämtlich für ihren Admiral zusammenhauen ließen, fand dieser Zeit, die Mole zu erreichen. Und in einem Boot auf offenem Meer den kargen Rest der Flotte.

Viele Gefangene gab es nicht.

Doch gerade über ein Dutzend blöd-wilder Kerle, nur tierischer Laute fähig und in der christlichen Heilslehre durchaus unbewandert, zeigte die Marquise sich ganz entzückt. Es waren Petschenegen von jenseits der Donau, eines der vielen gelegentlichen Hilfsvölker für Byzanz.

Ungetauft und in Bestienfellen, wie die Frischerbeuteten waren, sandte die Regentin sie sofort dem Papst nach Rom, um diesem von Bohemund als Muster des byzantinischen Heeres vorgeführt zu werden, als Beweis, mit was für Horden dieser Ketzerkaiser Krieg führe gegen Christenvolk. Und sie taten ihre Wirkung.

Dann hastete der Kreuzzugsführer seine Armeen, Pferde und Kriegsmaterialien nach Apulien zur Überquerung der Meeresstraße, um die Deroute der byzantinischen Blokadeflotte durch Emmas gewonnenen Streich zu nützen. Auch das gelang. Ehe ein neues Geschwader aus Syrien herübersegeln konnte, war der gesamte Transport in Avlona gelandet. Die paar restlichen Schiffe des Kontostephanos konnten keinen Angriff wagen.

Vor dem Abschied in Otranto liefen die Herzgeschwister ein letztes Mal die Mole auf und ab.

Er war es diesmal, der immer wieder sie in jene schiere Harmonie der Körperseelen einzuholen suchte, als deren Abbild sich zwischen ihnen die stets wechselnde, doch einige Raumfigur aus Luft zusammenfand.

Was seine Schulterdrehung vor Monaten störrisch-unduldsam zerrissen hatte: ihre Schicksalsfrage an ihn – jetzt kam die reife Antwort:

»Ich habe einen blauen Sturm im Rücken, der mich ins Grenzenlose treibt. Ins Anderste. Warum dann nicht nach Westen auf den langen, glasigen Brechern des rosenfarbenen Atlantik reiten, warum mich nicht auf die Bronzeknie des Riesenkontinents Atlantis schwingen, über seine heißen Berge weg, Ebenen voll blauen Grases, Länder hinter Länder – wo läge Grenzenloses freier? Eben darum wäre dieser Weg meinem Weltgefühl zu billig, solange es noch irgendwo ein Beharrendes zu überwinden gibt.

Wir Wikinger sind die ewig Ruhelosen. Sucher, Finder und Erfinder. Das Beharrende ist unser Todfeind, erhebt es darauf Anspruch, als Ewigkeit verehrt zu werden, während es nur trag gestaute Zeit ist. Entweder wir zerbrechen dieses kummerlos Beharrende oder es erdrückt uns. Darum muß ich ins Morgenland, nach Osten, nicht weil es hinter Syrien noch Persia, India, Sina zu erobern gibt. Nein, weil es dort Byzanz gibt. Du fragst: gerade Byzanz, dessen Grazie und Kultur, dessen Etikette und Zeremonie Geschenke an alle Völker austeilt? Trotzdem muß es vernichtet werden, denn ich kann nicht atmen, niemand kann frei atmen, solange sein goldener Kuppelkäfig das Leben, wenn, auch noch so bewundernswert, gefangen hält. Nenne das Wahn. Besser als fremde Wahrheit taugt mir eigener Irrtum.«

Vollendet abgestimmt in Rhythmus und Gebärde erreichten sie den Rand der aufgewühlten Wasser. Dann sprang er leicht hinüber auf die Eilbireme.

Wieder ging Landbrise, diesmal günstig für die Fahrt, denn sie trieb die riesige Transportflotte hinüber nach Illyrien.

Wieder hob auf der Mole bewegte Luft den mövengrauen Schleier der Frau, so daß er wie der Schild einer geblähten Kobra über ihrem schmalen Kopfe stand.

Der Mann am Bug aber sah es diesmal nicht. Er hatte seinen blauen Sturm im Rücken.


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