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Vierundfünfzigstes Kapitel.
Flucht und Entdeckung.

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Es war an einem jener Märztage, wo die Sonne heiß scheint und der Wind kalt weht, wo es im Sonnenschein Sommer und im Schatten Winter ist. Wir hatten unsere Ueberröcke bei uns, und ich nahm einen Handnachtsack mit.

Wohin ich gehen, was ich thun oder wann ich zurückkehren werde, waren Fragen, deren Lösung mir vollkommen unbekannt war; auch beschäftigte sich mein Geist durchaus nicht mit ihnen, sondern ausschließlich nur mit Provis' Sicherheit. Ich dachte nur während eines rasch vorübergehenden Augenblickes, indem ich an der Thür still stand und zurückschaute, unter welchen veränderten Verhältnissen ich wohl diese Zimmer wiedersehen, falls ich sie überhaupt jemals wieder betreten würde.

Wir gingen langsam nach den Templestufen hinunter und blieben dort noch eine kleine Weile stehen, als hätten wir uns noch nicht ganz entschieden, ob wir überhaupt auf dem Wasser fahren sollten. Natürlich hatte ich Sorge getragen, daß das Boot in Bereitschaft und alles Uebrige in Ordnung sei, Nachdem wir eine Weile diese Unentschlossenheit zur Schau getragen, die zu sehen jedoch Niemand weiter anwesend war, als die zwei oder drei menschlichen Amphibien, die immer an den Templestufen waren, stiegen wir ins Boot und stießen ab: Herbert im Bug und ich am Steuerruder. Es war jetzt etwa um die Zeit des höchsten Wasserstandes – halb neun Uhr.

Unser Plan war folgender. Die Ebbe trat um neun Uhr ein und trieb uns bis drei Uhr; doch wollten wir auch dann noch, nachdem die Flut sich gewendet, bis zum Dunkelwerden gegen dieselbe weiter rudern. Wir hofften dann in jenen langen, geraden Flußstrecken unterhalb Gravesend zwischen Kent und Essex anzulangen, wo der Fluß breit und einsam ist, wenig Leute an den Flußufern wohnen, und hier und da abgelegene Wirthshäuser stehen, von denen wir uns eines zur Ruhestätte wählen konnten. Hier beabsichtigten wir dann für die Nacht vor Anker zu gehen.

Die Dampfboote, welche nach Hamburg und Rotterdam fuhren, sollten am Donnerstag Morgen um neun Uhr aus London abgehen und gegen Mittag in dem Theile des Flusses eintreffen, in welchem wir uns aufhalten wollten. Wir konnten je nach der Stelle, an der wir lagen, wissen, um welche Zeit wir sie zu erwarten hätten, und dann das erste von ihnen anrufen, damit uns, falls wir durch irgend eine Widerwärtigkeit an Bord zu gehen verhindert würden, noch eine zweite Chance bliebe. Wir hatten ein Taschenteleskop bei uns und kannten genau die unterscheidenden Kennzeichen jedes der beiden Schiffe.

Das Bewußtsein, endlich in der Ausführung unseres Vorhabens begriffen zu sein, wirkte so mächtig, daß es mir schwer wurde, mich in Gedanken wieder in den Zustand zu versetzen, in dem ich mich noch vor wenigen Stunden befunden hatte. Die säuselnde Luft, der Sonnenschein, das Leben auf dem Flusse, der bewegliche Fluß selbst – die mit uns gehende Straße, welche mit uns zu sympathisiren, uns zu beleben und zu ermuthigen schien – alles Dies erquickte mich mit neuer Hoffnung. Ich fühlte Verdruß darüber, daß ich von so geringem Nutzen im Boote war; aber es gab wenig bessere Ruderer, als meine beiden Freunde, und sie ruderten mit einem sichern Ruderschlage, den sie den ganzen Tag fortsetzen konnten.

Es war zu jener Zeit der Verkehr von Dampffahrzeugen auf der Themse, im Vergleich mit dem jetzigen, sehr unbedeutend; dagegen waren die Ruderboote weit zahlreicher. An Barken, segelnden Kohlenschiffen und Küstenfahrern gab es damals vielleicht schon ebenso viele, als jetzt, aber an Dampffahrzeugen, großen oder kleinen, wohl kaum den zehnten oder zwanzigsten Theil. So früh es auch noch war, so waren doch an diesem Morgen schon eine Menge von Kähnen in Bewegung, welche hier- und dorthin gingen, und eine Menge von Barken, die mit der Ebbe den Strom hinabliefen. Die Flußfahrt zwischen den Brücken in offenen Booten war zu jener Zeit viel leichter und allgemeiner, als sie es jetzt ist, und wir fuhren schnell unter einer Masse von Kähnen und Fährbooten dahin.

Wir hatten bald die alte London-Brücke hinter uns liegen, – dann den Billingsgate-Markt mit seinen Austernbooten und Holländern, den weißen Thurm und das Verrätherthor, und ruderten jetzt zwischen den dichten Reihen von Schiffen dahin. Hier lagen die Dampfschiffe, die zwischen London und Leith, Aberdeen und Glasgow hin- und herfahren und jetzt ihre Ladungen empfingen oder ausluden, und uns, indem wir an ihnen vorbeifuhren, unendlich hoch aus dem Wasser herauszuragen schienen; hier wieder lagen Dutzende über Dutzende von Kohlenschiffen, auf deren Verdecken Kohlenwipper sich an Gerüsten bewegten, um durch ihr Gegengewicht das Heraufwinden der Kohlensäcke, die dann über die Schiffsseiten ausgeschüttet wurden, zu erleichtern; hier lag an seinem Hafenplatze das Dampfschiff das am folgenden Tage nach Rotterdam ging, und das wir wohl in Augenschein nahmen; dort das Hamburger, unter dessen Bugspriet wir hinruderten; und jetzt konnte ich, da ich im Hintertheile des Bootes saß, mit schneller pochendem Herzen Mill Pond Bank und dessen Ufertreppe erblicken.

»Ist er dort?« fragte Herbert.

»Noch nicht.«

»Ganz recht! Er sollte ja nicht eher kommen, als bis er uns sehen würde. Kannst Du sein Signal sehen?«

»Nicht gut von hier; aber ich glaube, ich sehe es. Jetzt sehe ich ihn. Setzt Beide ein! Sachte, Herbert! Beigelegt!«

Wir legten eine einzige Minute lang vor der Ufertreppe an, und gleich darauf war er am Bord und wir wieder unterwegs. Er hatte einen Bootsmantel und einen schwarzen Nachtsack bei sich und sah einem Flußlootsen so ähnlich, wie mein Herz es nur wünschen konnte.

»Lieber Junge!« sagte er, seinen Arm auf meine Schulter lehnend, indem er Platz an meiner Seite nahm; »getreuer, lieber Junge, Du hasts gut gemacht. Ich danke Dir, danke!«

Und abermals rudern wir zwischen den dichten Reihen von Schiffen dahin, hinüber und herüber, vermeiden rostige Kettenkabel, zerriebene Hanfseile und auf und ab tanzende Bojen, senken auf Augenblicke schwimmende zerbrochene Körbe, treiben schwimmende Holzspäne auseinander und theilen den schwarzen Kohlenschaum, – immer vorwärts, hinweg unter dem Brustbilde des John of Sunderland, der den Winden eine Rede hält (wie dies von vielen Johns gethan wird), und unter dem der Betsy von Darmouth, die eine feste Brustbildung besitzt und deren kugelartige Augen zwei Zoll weit aus ihrem Kopfe hervorstarren, – immer vorwärts, während auf den Schiffsbauplätzen Hämmer und Sägen rasseln, klappernde Maschinen an uns unbekannten Dingen arbeiten, die Pumpen auf leck gewordenen Schiffen im Gange sind, Schiffe in die See hinausgehen und ungehobelte Seeungeheuer den begegnenden Lichterschiffern über das Bollwerk hinüber Flüche zubrüllen, – immer vorwärts, hinaus endlich auf den offenen Fluß, wo die Schiffsjungen ihre Schutzbreter einziehen und nicht länger mit denselben über die Schiffsseite hinweg im trüben Wasser fischen, und wo bereits die festgemachten Segel im Winde flattern möchten.

An der Ufertreppe, an der wir Provis an Bord genommen, hatte ich mich fortwährend behutsam nach allen Seiten umgesehn, um zu wissen, ob wir auch beobachtet würden. Doch hatte ich nichts gesehen. Wir wurden zu jener Zeit bestimmt von keinem Boote weder begleitet noch verfolgt, noch waren wir es jetzt. Falls irgend ein Boot uns begleitet hätte, so würde ich ans Ufer hingesteuert und jenes weiterzufahren, oder sich über seine Absichten zu erklären genöthigt haben. Doch setzten wir unsern Weg ohne jeglichen Anschein von Belästigung fort.

Provis hatte seinen Bootsmantel umgeworfen und bildete, wie ich schon gesagt habe, einen natürlichen Theil des Ganzen. Es war auffallend (aber vielleicht ließ sich dies durch das jämmerliche Leben erklären, das er geführt hatte), daß er von uns Allen am wenigsten besorgt war. Er war nicht gleichgültig, denn er sagte zu mir, daß er es zu erleben hoffe, seinen Gentleman in einem fremden Lande als einen der ersten Gentlemen zu sehen; er war, so viel ich sehen konnte, nicht geneigt, passiv oder ergeben zu sein; aber er dachte nicht daran, der Gefahr auf halbem Wege entgegenzugehen. Wenn die Gefahr käme, so würde er derselben entgegentreten, aber sie mußte kommen, ehe er sich ihretwegen beunruhigte.

»Wenn Du wüßtest, was es heißt, lieber Junge,« sagte er zu mir, »hier so an meines lieben Jungen Seite zu sitzen und zu rauchen, nachdem ich so viele Tage hindurch in vier Wänden eingeschlossen war, da würdest Du mich beneiden. Aber das kannst Du nicht begreifen.«

»Ich glaube, ich kann mir denken, welche Glückseligkeit es ist, frei zu werden,« antwortete ich.

»Oh,« sagte er, indem er ernst den Kopf schüttelte, »Du kennst die Sache nicht, wie ich. Man muß unter Schloß und Riegel gelebt haben, lieber Junge, um dies so wie ich zu kennen; – aber, ich will nicht ordinär sein.«

Es erschien mir hiergegen als ein Widerspruch, daß er für irgend eine Idee seine Freiheit, ja selbst sein Leben in Gefahr zu bringen im Stande gewesen wäre. Aber ich überlegte, daß wahrscheinlich die Freiheit ohne Gefahr zu sehr von seiner ganzen Lebensgewohnheit getrennt gewesen, um für ihn das zu sein, was sie für einen andern Menschen gewesen sein würde. Ich hatte hierin nicht ganz Unrecht, denn nachdem er eine kleine Weile geraucht, sagte er:

»Siehst Du, lieber Junge, als ich noch da drüben war, am andern Ende der Welt, da sehnte ich mich stets danach, nach diesem Ende herzukommen, und es war mir da draußen langweilig, ungeachtet dessen, daß ich dort so reich wurde. Jedermann kannte Magwitch, und Magwitch konnte kommen und gehen, ohne daß sich irgend Einer um ihn kümmerte. Hier sind sie nicht so gleichgültig in Bezug auf mich, lieber Junge; wenigstens würden sie es nicht sein, wenn sie wüßten, wo ich bin.«

»Wenn Alles gut geht.« sagte ich, »so werden Sie in wenigen Stunden wieder vollkommen frei und in Sicherheit sein.«

»Nun,« sagte er, tief aufathmend, »ich hoffe es.«

»Und Sie glauben es?«

Er tauchte seine Hand über den Rand des Bootes hin ins Wasser, und sagte, indem er mit jenem weichern Gesichtsausdrucke, der mir nicht mehr neu war, lächelte:

»Nun ja, ich denke, daß ich es glaube, lieber Junge. Es würde uns schwer werden, ruhiger und behaglicher zu sein, als wir es in diesem Augenblicke sind. Aber – vielleicht brachte mich dies sanfte, angenehme Hingleiten auf dem Wasser auf diesen Gedanken – aber ich dachte, als ich eben meine Pfeife rauchte, daß wir doch ebensowenig den Grund der nächsten paar Stunden sehen können, wie den Grund dieses Flusses, dessen Wasser ich hier berühre. Und wir können ihren Lauf ebensowenig aufhalten, wie ich den Strom dieses Wassers hemmen kann. Das Wasser läuft durch meine Finger und fort, siehst Du!« sagte er, seine nasse Hand emporhaltend.

»Wenn nicht Ihr Gesicht dem widerspräche, so würde ich glauben, daß Sie ein wenig verzagt wären,« entgegnete ich.

»Nicht im geringsten, lieber Junge! Es macht, weil wir so ruhig dahin gleiten und das Plätschern des Wassers an der Bootsspitze wie eine Art Sonntagslied klingt. Außerdem werde ich vielleicht schon ein wenig alt.«

Er steckte mit einer Miene ungestörter Gemüthsruhe die Pfeife wieder in den Mund, und saß so gefaßt und ruhig da, als ob wir England bereits verlassen hätten. Und dennoch war er jedem Worte des Rathes so gehorsam, als wenn er in beständiger Angst gelebt hätte, denn als wir ans Land ruderten, um einige Flaschen Bier ins Boot zu schaffen, und er im Begriffe war, mit auszusteigen, ließ ich einen Wink fallen, daß ich es für sicherer halte, wenn er bliebe, wo er sei, und er sagte: »Glaubst Du das, lieber Junge?« und nahm dann ruhig seinen Platz wieder ein.

Die Luft auf dem Flusse war kalt, doch war es ein heller Tag, und der Sonnenschein hatte etwas Ermuthigendes für uns. Die Ebbe war stark, und ich trug Sorge, nichts von derselben zu verlieren, und unser sicheres Rudern brachte uns merklich vorwärts. Allmälig verloren wir, als die Ebbe schwächer wurde, immer mehr die näher gelegenen Hügel und Gehölze aus dem Gesicht und geriethen zwischen die Morastbänke hinein; doch war die Ebbe noch immer vorhanden, als wir auf der Höhe von Gravesend anlangten. Da unser Schützling noch in seinen Mantel gehüllt war, steuerte ich absichtlich innerhalb einer oder zweier Bootslängen an dem schwimmenden Zollhause vorbei und so wieder hinaus, um in die Strömung zu gerathen, an der Seite zweier Auswandererschiffe und unter dem Bug eines großen Transportschiffes vorbei, aus dem die Soldaten vom Vorcastell auf uns herabblickten. Bald aber fing die Ebbe an, abzunehmen, und die Fahrzeuge, welche vor Anker lagen, schwangen sich herum, und die Schiffe, welche die eintretende Flut benutzten, um bis zum Pool hinaufzusegeln, formirten sich zu einer Flotte um uns her. Deshalb hielten wir uns nahe am Ufer, und jetzt so viel, wie es uns möglich war, außerhalb der Strömung, indem wir sorgfältig alle seichten Stellen und Schlammbänke vermieden.

Unsere Ruderer waren, da sie das Boot gelegentlich auf ein paar Minuten mit der Ebbe hatte treiben lassen, so frisch und munter, daß eine Viertelstunde sich als hinlängliche Rast für sie erwies. Wir stiegen über schlüpfrige Steine ans Ufer, um Das, was wir zu essen und zu trinken bei uns hatten, zu verzehren und zugleich uns umzuschauen. Die Gegend glich der Marschgegend meiner Heimat, sie war flach, einförmig und hatte einen trüben Horizont; während der Fluß sich hin und her schlängelte und die großen schwimmenden Bojen auf demselben auf und ab tanzten und alles Uebrige gestrandet und still aussah. Denn jetzt segelte das letzte Schiff der Flotte um die letzte niedrige Landspitze herum, um die wir herumgerudert waren; und ihm folgte die letzte grüne, mit Stroh geladene Barke mit dem braunen Segel; und einige Ballast-Achterschiffe, die geformt waren, wie eines Kindes erste kunstlose Nachahmung eines Bootes, lagen tief im Schlamme; und ein untersetzter kleiner Leuchtthurm auf einem Pfeilergerüste stand wie auf Stelzen und Krücken krüppelhaft auf der Schlammbank; schlammige Pfosten ragten aus dem Morast heraus und schlammige Steine guckten daraus hervor, weiterhin zeigten sich rothe Landmarken und Flutmarken über dem Morast, daneben eine alte Landungstreppe und ein altes dachloses Gebäude, welches sich über den Morast spreizte. Alles um uns her war Fäulniß und Morast.

Wir stießen bald wieder ab und ruderten nach Kräften weiter. Es war jetzt weit schwerere Arbeit, aber Herbert und Startop blieben beharrlich dabei und ruderten, ruderten, ruderten, bis die Sonne sank. Um diese Zeit hatte der Fluß uns ein wenig gehoben, so daß wir über das Ufer hinsehen konnten. Dort war die rothe Sonne auf der flachen Ebene des Ufers in einem blauen Dunste, der sich schnell in Dunkelheit verwandelte; und dort das öde, flache Marschland; und weit in der Ferne lagen die Hügel, und zwischen uns und ihnen schien es kein Leben zu geben, außer daß sich hier und da im Vordergrunde eine einsame Seemöve erblicken ließ.

Da die Nacht jetzt schnell hereinbrach und der Mond, welcher bereits wieder im Abnehmen war, nicht sehr bald aufgehen konnte, so hielten wir einen kleinen Kriegsrath; derselbe war nur kurz, denn unser bestes Verfahren war offenbar, daß wir in dem ersten abgelegenen Wirthshause einkehrten, welches wir finden würden. Deshalb wurden die Ruder wieder aufgenommen, während ich mich nach einem Hause umschaute. Auf diese Weise fuhren wir, wenig sprechend, wohl vier bis fünf langweilige Meilen weiter. Es war sehr kalt, und ein Kohlenschiff, das mit rauchendem, flackerndem Kajütenfeuer an uns vorbeisegelte, hatte ein wahrhaft gemüthliches Aussehen für uns. Die Nacht war jetzt sehr finster, und versprach es bis zum Morgen zu bleiben, und das Licht, welches wir überhaupt hatten, schien mehr aus dem Flusse, als vom Himmel zu kommen, indem die Ruder beim Einsetzen die wenigen dort reflectirten Sterne trafen.

Um diese traurige Zeit waren wir offenbar Alle in der Idee befangen, daß wir verfolgt würden. Wie die Flut stieg, schlug sie in unregelmäßigen Zwischenräumen von Zeit zu Zeit schwer gegen das Ufer; und jedes Mal, wenn sich ein solcher Schall hören ließ, fuhr einer oder der Andere von uns zusammen und schaute in die Richtung hin, aus der derselbe kam. Hie und da hatte die Strömung kleine Buchten in dem hohen Ufer hervorgebracht, und solche Stellen machten uns Alle argwöhnisch und wir beobachteten sie voller Besorgniß. Zuweilen sagte wohl Einer von uns: »Welch ein Rauschen war das im Wasser?« Oder ein Anderer: »Ist das ein Boot dort?« Und dann verfielen wir wieder in tiefes Schweigen, und ich dachte voll Ungeduld, mit welch ungewöhnlichem Aufwande von Geräusch die Ruder zwischen ihren Ruderpflöcken hin und hergearbeitet würden.

Endlich erblickten wir ein Licht und ein Dach, und legten bald darauf an einem kleinen Damme an, der von Steinen gebaut war, die man in der Nähe aufgesammelt hatte. Ich stieg, während die Uebrigen im Boote zurückblieben, ans Land und fand, daß das Licht durch das Fenster eines Wirthshauses kam. Es war ein recht unsauberer Aufenthalt und, wie ich mir denke, nicht ganz unbekannt mit Schmugglerabenteuern; aber es brannte ein gutes Feuer in der Küche, und es gab Speck und Eier zu essen und verschiedene geistige Getränke zu trinken. Auch waren zwei Schlafzimmer vorhanden und in jedem derselben zwei Betten, – wie sie nun eben sind, sagte der Wirth. Es war außer dem Wirthe, seiner Frau und einem schmutzbefleckten männlichen Geschöpfe, dem »Jack« des kleinen Hafenplatzes, der so schlammig und schmierig war, daß er einer Ebbwassermarke glich, Niemand im Hause anwesend.

Mit diesem letztern Gehülfen ging ich wieder nach dem Boote hinunter, worauf wir dann Alle ans Land kamen und die Ruder, das Steuerruder, den Bootshaken und alles Uebrige mitnahmen, und das Boot selbst für die Nacht aufs Trockene legten. Wir nahmen eine sehr gute Mahlzeit vor dem Küchenfeuer ein und vertheilten dann die Schlafstuben; Herbert und Startop erhielten die eine, und ich und mein Schützling die andere. Wir fanden, daß man aus beiden Zimmern so sorgfältig die Luft ausgeschlossen hatte, wie wenn frische Luft tödtlich gewesen wäre; und in alten Schachteln unter den Betten befanden sich mehr schmutzige Kleidungsstücke, als ich überhaupt im Besitze der Familie gewähnt haben würde. Dessenungeachtet aber hielten wir uns für gut untergebracht, denn wir hätten schwerlich einen einsameren Aufenthalt finden können.

Während wir nach beendeter Mahlzeit vor dem Feuer saßen und uns wärmten, fragte mich der Jack – der, während wir mit unserm Speck und unsern Eiern beschäftigt waren, in einem Winkel saß und ein aufgequollenes Paar Schuhe trug, interessante Reliquien, die er vor einigen Tagen von den Füßen eines ertrunkenen Matrosen genommen, den die Wellen ans Ufer gespült hatten – ob ich eine vierruderige Galeere mit der Flut den Fluß habe hinauf rudern sehen? Als ich nein sagte, meinte er, dann müsse sie wohl stromabwärts gegangen sein, und doch habe es geschienen, als sei sie aufwärts gesteuert, als sie von hier fortgegangen.

»Sie müssen aus einem oder dem anderen Grunde ihren Plan geändert haben,« sagte Jack, »und stromabwärts gegangen sein.«

»Eine vierruderige Galeere, wie?« sagte ich.

»Eine vierruderige,« sagte Jack, »und zwei Drinsitzende.«

»Kamen sie hier ans Land?«

»Sie kamen mit einem achtquartigen steinernen Kruge, um sich Bier von uns zu holen. Ich hätte mit Vergnügen das Bier vergiftet, oder wenigstens ein recht gehöriges Brechmittel hineingethan.«

»Warum?«

»Ich weiß wohl warum.« sagte Jack. Er sprach mit belegter Stimme, als wenn ihm viel Schlamm in den Hals gespült worden sei.

»Er meint,« sagte der Wirth – ein schwächlich aussehender Mann mit einem blöden Auge, der großes Zutrauen in seinen Jack zu setzen schien – »er meint, sie waren, was sie doch nicht waren.«

»Ich weiß schon, was ich meine,« sagte der Jack.

»Du denkst, sie sind vom Zollhaus, Jack?« sagte der Wirth.

»Das thu ich,« sagte der Jack.

»Dann hast Du Unrecht, Jack.«

» So?«

In der unendlichen Bedeutungstiefe dieser Erwiderung und in seinem unbegrenzten Vertrauen auf die Haltbarkeit seiner Ansichten, zog der Jack den einen seiner aufgequollenen Schuhe aus, guckte in denselben hinein, klopfte auf dem Küchenherde ein paar Steine aus ihm heraus, und zog ihn wieder an. Er that dies mit der Miene eines Jack, der in dem Grade Recht zu haben glaubt, daß er alles Mögliche thun zu können meint.

»Was glaubst Du, hätten sie dann wohl mit ihren Knöpfen angefangen, Jack?« fragte der Wirth mit schwächlicher Stimme.

»Was sie mit ihren Knöpfen angefangen haben?« entgegnete der Jack. »Haben sie über Bord geworfen; haben sie verschluckt; haben sie gesäet, daß sie als Salat aufgehen. Was sie mit ihren Knöpfen angefangen haben!«

»Sei nicht impertinent, Jack!« sagte der Wirth in melancholischer, pathetisch sein sollender Weise.

»Ein Zollbeamter weiß schon, was er mit seinen Knöpfen anzufangen hat,« sagte Jack, indem er das gehässige Wort mit der größten Verachtung wiederholte, »wenn sie ihm irgendwo im Wege sind. Eine Vierruderige mit zwei Einsitzenden schwimmt und wackelt nicht mit der einen Flut herauf und mit der andern wieder hinunter, sowohl mit ihr als gegen sie, wenn nicht das Zollamt zum Grunde liegt.« Hierauf ging Jack, mit Widerwillen erfüllt, hinaus, und der Wirth, der jetzt Niemand hatte, auf den er sich stützen konnte, sah ein, daß es unthunlich sei, den Gegenstand noch ferner zu verfolgen.

Dies Zwiegespräch machte uns Alle unruhig, und mich noch unruhiger als die Uebrigen. Der traurige Wind schlich murmelnd um das Haus herum, die Wellen schlugen an das Ufer und ich hatte ein Gefühl, als ob wir eingesperrt und in Gefahr wären. Eine vierruderige Galeere, die auf so ungewöhnliche Weise umherruderte, daß sie diese Aufmerksamkeit auf sich zog, war ein häßlicher Umstand, und ich konnte mich des Gedankens an ihn nicht entschlagen. Als ich Provis überredet hatte, hinauf und zu Bette zu gehen, ging ich mit meinen beiden Gefährten hinaus (Startop war jetzt mit der ganzen Sachlage bekannt gemacht) und wir gingen abermals zu Rathe. Die Frage war, ob wir bis gegen die Zeit, um die das Dampfboot anlangen würde, was etwa um Ein Uhr nach Mittag war, in diesem Hause bleiben, oder lieber früh am folgenden Morgen aufbrechen sollten. Im Ganzen schien es uns das Beste, wenn wir ruhig blieben, wo wir waren, bis etwa eine Stunde vor der Ankunft des Dampfbootes, und dann in die Bahn desselben hinausruderten und gemächlich mit der Flut stromabwärts trieben. Nachdem wir dies einstimmig beschlossen, kehrten wir ins Haus zurück und gingen zu Bette.

Ich legte mich zum grüßten Theil angekleidet aufs Bette und schlief gut während einiger Stunden. Als ich erwachte, wurde ich gewahr, daß sich der Wind erhoben hatte, und das Aushängeschild des Hauses, ein Schiff, knarrte und klapperte mit einem Lärm hin und her, der mich zusammenfahren machte. Ich stand leise auf, denn mein Schützling lag im festen Schlafe, und schaute aus dem Fenster. Dasselbe bot eine Aussicht auf den Damm, auf welchem wir unser Boot trocken gelegt hatten, und als meine Augen sich an das Mondlicht gewöhnt hatten, sah ich, daß zwei Männer das Boot betrachteten. Sie gingen, ohne sonst noch irgend Etwas anzusehen, unter dem Fenster vorbei, aber nicht nach dem Landungsplatze, von dem ich deutlich erkennen konnte, daß er leer sei, sondern über die Marschen in der Richtung des Meeres hin.

Mein erster Impuls war, Herbert zu rufen und ihm die beiden fortgehenden Männer zu zeigen. Aber auf dem Wege nach seinem Zimmer, welches auf der Hinterseite des Hauses und dem meinigen zunächst lag, überlegte ich, daß er und Startop einen schwerern Tag gehabt, als ich, und daß sie ermüdet seien, weshalb ich es unterließ. Da ich wieder an mein Fenster trat, konnte ich noch immer die beiden Männer über die Marschen dahingehen sehen. Doch entschwanden sie im Dunkel bald meinen Blicken, und da es mich sehr zu frieren anfing, legte ich mich wieder aufs Bett, um über die Sache nachzudenken, schlief aber statt dessen wieder ein.

Wir standen früh auf. Während wir alle Vier vor dem Frühstücke auf und ab gingen, hielt ich es für recht, die Uebrigen von Dem, was ich gesehen, zu unterrichten. Und wiederum war unser Schützling der am wenigsten Aengstliche von uns Allen. Er sagte ganz ruhig, es sei sehr wahrscheinlich, daß jene Männer zum Zollamte gehörten, und daß sie an uns gar nicht dächten. Ich versuchte mir einzureden, daß dem in der That so sei; und es war dies wirklich sehr leicht möglich. Doch schlug ich vor, daß Provis und ich zu Fuße bis an eine gewisse entfernte Landspitze gingen, die wir sehen konnten, und daß das Boot uns dort, oder der Stelle so nahe, wie dies sich als thunlich erweisen würde, etwa um Mittag wieder aufnehmen solle. Da dies als eine gute Vorsichtsmaßregel angesehen wurde, machten er und ich uns bald nach dem Frühstücke, ohne daß wir in dem Wirthshause ein Wort von unserer Absicht sagten, auf den Weg.

Auf unserm Wege rauchte Provis seine Pfeife und stand hin und wieder still, um mir auf die Schulter zu klopfen, oder meine Hand zu drücken. Man hätte glauben können, daß ich Derjenige gewesen, der in Gefahr schwebte, und nicht er, und daß er mir Muth einzusprechen suche. Wir sprachen sehr wenig. Als wir uns der Stelle nahten, bat ich ihn, an einem geschützten Orte zurückzubleiben, während ich vorangehen und recognosciren würde; denn es war dies die Richtung, in welcher ich Nachts die Männer hatte hingehen sehen. Er willigte ein, und ich ging ohne ihn weiter. Es lag kein Boot auf der Höhe der Landspitze, noch war irgendwo in der Nähe eines aufs Land gezogen; ebenso wenig wie irgend welche Anzeichen vorhanden waren, daß die Männer sich hier eingeschifft hätten. Aber allerdings war es jetzt hohe Flutzeit und es hätten Fußspuren unter dem Wasser sein können.

Als Provis aus seinem Versteck in die Ferne hinausschaute und sah, daß ich ihm mit meinem Hute zuwinkte, kam er zu mir, und wartete dann mit mir; zuweilen lagen wir eine Weile in unsere Mäntel gehüllt auf dem hohen Ufer, und dann wieder gingen wir auf und ab, um uns zu erwärmen, bis wir das Boot um die Landspitze herum kommen sahen. Wir stiegen mit Leichtigkeit an Bord und ruderten dann in das Fahrwasser des Dampfschiffes hinaus. Es fehlten um diese Zeit nur noch zehn Minuten an Ein Uhr, und wir fingen an, nach dem Rauche desselben auszuschauen.

Doch war es bereits halb zwei Uhr, ehe wir diesen Rauch erblickten, und bald darauf erspähten wir hinter demselben auch schon den des andern Dampfschiffes. Da das Schiff mit großer Schnelligkeit herankam, nahmen wir unsere beiden Handnachtsäcke auf und sagten zugleich Herbert und Startop Lebewohl. Wir hatten einander Alle herzlich die Hände gedrückt, und weder Herberts Augen noch die meinen waren thränenleer geblieben, als ich nur eine kurze Strecke weit vor uns eine vierruderige Galeere von dem Ufer hervorschießen und in dasselbe Fahrwasser herausrudern sah.

Es hatte bisher wegen der Biegungen und Windungen des Flusses noch eine Strecke Uferlandes zwischen uns und dem Rauche des Dampfschiffes gelegen; jetzt aber wurde letzteres sichtbar, wie es geradewegs herankam. Ich rief Herbert und Startop zu, sich vor der Flut zu halten, damit man uns vom Schiffe aus auf dasselbe warten sehe, und ich beschwor Provis, in seinen Mantel gehüllt still zu sitzen. Er entgegnete ganz munter: »Verlaß Dich auf mich, lieber Junge,« und saß still, wie eine Statue. Inzwischen war die Galeere, welche von sehr geschickter Hand gesteuert wurde, zu uns herangekommen, an uns vorbeigefahren, und dann Bord an Bord mit uns gekommen. Indem ihre Mannschaft gerade Raum genug für das Spiel der Ruder zwischen uns ließ, hielt sie sich an unserer Seite, indem sie mit der Strömung dahintrieb, sowie wir dies thaten, und ein paar Ruderschläge that, wenn wir ruderten. Von den beiden darin Sitzenden hielt der Eine die Steuerruderleinen und beobachtete uns aufmerksam – sowie auch die Ruderer dies thaten. Der andere Mitfahrende war, ungefähr wie Provis, eingehüllt, und schien zusammen zu schrecken, dann aber dem Fremden, nachdem er uns beobachtet, eine Instruction zuzuflüstern. In keinem der beiden Boote wurde ein Wort gesprochen.

Startop konnte nach wenigen Minuten erkennen, welches das erste der beiden Dampfschiffe sei, und rief mir, da wir einander gegenüber saßen, mit leiser Stimme das Wort Hamburg zu. Das Schiff kam mit großer Schnelligkeit an uns heran, und das Einschlagen seiner Räder wurde immer lauter. Es war mir, als ob sein Schatten völlig auf uns falle, als die Galeere uns anrief. Ich antwortete.

»Sie haben dort einen zurückgekehrten Deportirten,« sagte der Mann, welcher die Steuerleinen hielt. »Jener dort, der sich in den Mantel gehüllt hat, ist der Mann. Sein Name ist Abel Magwitch, alias Provis. Ich arretire den Mann und fordere ihn auf, sich zu ergeben, und Sie, mir Beistand zu leisten.«

In demselben Augenblicke, und ohne seiner Mannschaft einen hörbaren Befehl zu ertheilen, ließ er die Galeere an unser Boot heranfahren. Sie war uns durch einen plötzlichen Ruderschlag vorausgeschossen, hatte ihre Ruder eingezogen, sich quer vor uns gelegt, und die Mannschaft faßte unsern Dahlbord, ehe wir noch wissen konnten, was sie im Sinne hatte. Dies verursachte eine große Verwirrung am Bord des Dampfschiffes, und ich hörte, wie man uns von dort zurief, und Befehl ertheilte, die Räder anzuhalten. Ich bemerkte, daß dieselben anhielten, und fühlte zugleich, wie dennoch das Schiff mit unwiderstehlicher Gewalt sich uns näherte. In demselben Augenblicke sah ich, wie der Steuermann in der Galeere seinem Gefangenen die Hand auf die Schulter legte, sah, wie beide Boote durch die Gewalt der Strömung herumgeschwungen wurden, und wie alle Mann am Bord des Dampfschiffes vollkommen außer sich nach vorn stürzten. Und ebenfalls in demselben Augenblicke sah ich den Gefangenen aufspringen, sich über Denjenigen, der ihn gefangen genommen, hinbeugen und dem zurückbebenden Vermummten den Mantel von den Schultern ziehen. Und noch in demselben Augenblicke sah ich, daß das entblößte Gesicht das des andern Sträflings aus jener längstvergangenen Zeit sei. Im nächsten Augenblicke sah ich den verhüllten Mann mit einem bleichen Entsetzen, das ich nimmer vergessen werde, rückwärts stürzen, hörte ein lautes Schreien am Bord des Dampfschiffes und ein lautes Platschen im Wasser, und fühlte das Boot unter mir versinken.

Es währte nur einen Augenblick, daß es mir schien, als kämpfe ich mit tausend Mühlenwehren und tausend Blitzen; sowie dieser Augenblick vorüber, ward ich von der Galeere an Bord genommen. Herbert war hier und Startop: aber unser Boot war fort und die beiden Sträflinge waren verschwunden.

In dem Geschrei auf dem Dampfschiffe, dem brausenden Herauslassen seines Dampfes, seinem Weitertreiben und unserm Weitertreiben, vermochte ich zuerst nicht den Himmel vom Wasser, oder das eine Ufer vom andern zu unterscheiden; aber die Mannschaft der Galeere legte dieselbe mit großer Geschwindigkeit wieder herum, und nachdem sie ein paar schnelle, kräftige Schläge gethan, die sie vorwärts brachten, ruhte sie auf ihren Rudern, wobei Jedermann schweigend und gespannt in das Wasser hinter dem Boote schaute. In Kurzem wurde hier ein dunkler Gegenstand sichtbar, den die Strömung zu uns herantrieb. Niemand sprach, aber der Steuermann hielt seine Hand in die Höhe, und Alle begannen leise rückwärts zu rudern, und hielten das Boot gerade und richtig vor dem Gegenstande. Als derselbe näher kam, sah ich, daß es Magwitch sei, welcher zu uns heranschwamm. Er wurde an Bord genommen und augenblicklich an Händen und Füßen gefesselt.

Die Galeere wurde ruhig gehalten und Alle begannen abermals schweigend und aufmerksam auf das Wasser hinauszuschauen. Doch jetzt kam das nach Rotterdam fahrende Dampfschiff nahe, und zwar, da man auf ihm anscheinend nichts von Dem verstand, was sich zugetragen, kam es in voller Schnelligkeit. Als es nun angerufen und angehalten worden, trieben beide Dampfschiffe von uns fort, und wir stiegen und sanken in ihrem unruhig bewegten Fahrwasser. Es wurde noch lange, nachdem Alles wieder ruhig geworden und die beiden Dampfschiffe verschwunden waren, ausgeschaut, aber es wußte Jeder, daß dies jetzt hoffnungslos sei.

Endlich gaben wir den Versunkenen auf und ruderten am Ufer entlang dem Wirthshause zu, welches wir vor Kurzem erst verließen und wo wir mit nicht geringem Erstaunen empfangen wurden. Hier war ich im Stande, Magwitch – denn er hieß jetzt nicht mehr Provis – einige Bequemlichkeiten zu verschaffen. Er hatte einige sehr bedenkliche Verletzungen an der Brust erlitten und eine tiefe Wunde am Kopfe.

Er sagte mir, er glaube unter den Kiel des Dampfschiffes gekommen zu sein und sich, indem er sich erhoben, an demselben den Kopf zerschlagen zu haben. Die Verletzung an seiner Brust (die ihm beim Athmen große Schmerzen verursachte) glaubte er an der Seite der Galeere erhalten zu haben. Er fügte hinzu, er könne durchaus nicht sagen, was er Compeyson möglicherweise gethan oder nicht gethan habe, aber der Schurke sei in dem Augenblicke, in welchem er die Hand auf seinen Mantel gelegt, um ihn zu identificiren, aufgesprungen und zurückgetaumelt, und Beide seien dann mit einander über Bord gefallen, wobei dann durch Magwitchs plötzlichen Sturz aus unserm Boote und die Bemühung des verhaftenden Mannes, ihn fest zu halten, unser Boot umgeschlagen war. Er erzählte mir flüsternd, daß sie fest umschlungen Beide zusammen untergegangen, daß unter dem Wasser ein Kampf zwischen ihnen Statt gefunden, und daß er sich losgemacht und ausgegriffen habe und davon geschwommen sei.

Ich habe niemals Ursache gehabt, die Wahrhaftigkeit Dessen, was er mir auf diese Weise erzählte, zu bezweifeln. Der Polizeibeamte, welcher die Galeere steuerte, gab denselben Bericht über die Art und Weise, in der sie über Bord gefallen waren, ab.

Als ich den Polizeibeamten um Erlaubniß bat, des Gefangenen nasse Kleider wechseln zu dürfen, indem ich solche überflüssige Kleidungsstücke, wie sie in dem Wirthshause zu haben waren, für ihn kaufte, gab er mir dieselbe mit Bereitwilligkeit, indem er bloß bemerkte, daß er Alles, was sein Gefangener bei sich trage, unter seine Obhut nehmen müsse. Auf diese Weise ging das Taschenbuch, welches einst in meinen Händen gewesen war, in die des Polizeibeamten über. Er gestattete mir außerdem, den Gefangenen nach London zu begleiten, schlug diese Vergünstigung meinen beiden Freunden jedoch ab.

Der Jack in dem Wirthshause zum »Schiff« erhielt Instructionen darüber, an welcher Stelle der Ertrunkene hinabgesunken sei, und unterzog sich der Pflicht, an denjenigen Stellen, an denen man mit der größten Wahrscheinlichkeit erwarten durfte, daß der Leichnam heraufkommen würde, nach demselben zu suchen. Sein Interesse an dem Auffinden desselben schien um ein Bedeutendes zu steigen, als er hörte, daß der Ertrunkene Strümpfe angehabt habe. Es erforderte wahrscheinlich eines Dutzend Ertrunkener, um ihn vollständig einzukleiden, und das mag vielleicht der Grund gewesen sein, weshalb seine verschiedenen Kleidungsstücke sich in verschiedenen Stadien des Verfalles zeigten.

Wir blieben bis zur Flutzeit in dem Wirthshause, und dann wurde Magwitch an die Galeere hinunter getragen und an Bord gebracht. Herbert und Startop sollten, sobald ihnen dies möglich sein würde, zu Lande nach London zurückkehren. Es war ein kummervolles Scheiden, und als ich mich an Magwitchs Seite setzte, fühlte ich, daß dies fortan mein Platz sei, so lange er leben würde.

Denn jetzt war mein ganzer Widerwille gegen ihn dahingeschmolzen, und in dem gehetzten, verwundeten und gefesselten Geschöpf, dessen Hand die meinige hielt, sah ich nur noch den Mann, der mein Wohlthäter hatte sein wollen, und der mit großer Treue während einer Reihe von Jahren nichts als Liebe, Dankbarkeit und Großmuth für mich gefühlt hatte. Ich erkannte in ihm einen weit bessern Mann, als ich gegen Joe gewesen war.

Das Athmen wurde ihm, als die Nacht hereinbrach, immer schwerer und schmerzhafter, und oft konnte er ein Stöhnen nicht unterdrücken. Ich versuchte, ihm auf dem Arme, den ich gebrauchen konnte, eine bequeme Lage zu bereiten; doch war es ein fürchterlicher Gedanke, daß ich im Grunde meines Herzens kein Bedauern für seine Verletzungen fühlen konnte, da es unfraglich besser war, wenn er stürbe. Ich konnte nicht daran zweifeln, daß noch Leute genug am Leben seien, die bereit und im Stande sein würden, ihn zu identificiren. Ich durfte nicht hoffen, daß ihm Gnade erzeigt werden würde; ihm, der bei seinem Verhör in dem schlimmsten Lichte dargestellt worden, der darauf aus dem Gefängnisse entsprungen und nochmals vor die Richter gestellt worden war, der nach seiner Verurtheilung zu lebenslänglicher Verbannung aus derselben zurückgekehrt war und endlich den Tod des Mannes verursachte, der seine Verhaftung bewerkstelligt hatte.

Als wir, der untergehenden Sonne entgegen, die wir gestern hinter uns zurückgelassen hatten, zurückkehrten, und als der ganze Strom unserer Hoffnungen hinter uns davonzueilen schien, sagte ich Magwitch, wie tief ich mich bekümmere, daß er um meinetwillen zurückgekommen sei.

»Lieber Junge,« entgegnete er, »ich bin's vollkommen zufrieden, zu nehmen, was da kommen mag. Ich habe meinen lieben Jungen gesehen, und er wird auch ohne mich ein Gentleman sein.«

Ich hatte bereits hieran gedacht, während ich an seiner Seite saß. Ganz abgesehen von meinen eigenen Wünschen, verstand ich jetzt Wemmicks Wink. Ich sah voraus, daß sein Eigenthum, da er ein bestrafter Verbrecher gewesen, der Krone verfallen sein würde.

»Siehe, lieber Junge,« sagte er, »es ist besser, daß ein Gentleman jetzt nicht mehr in meiner Gesellschaft gesehen wird. Komm nur hin und besuche mich, als wenn Du zufällig mit Wemmick kämest. Setze Dich, wenn man zum letzten Male nach so vielen Malen gegen mich aussagt, so, daß ich Dich sehen kann, und ich verlange nichts mehr.«

»Ich will nie von Ihrer Seite weichen,« sagte ich, »so lange es mir gestattet sein wird, bei Ihnen zu bleiben. So Gott will, werde ich so treu gegen Sie sein, wie Sie es gegen mich gewesen sind!«

Ich fühlte seine Hand in der meinigen erbeben, und er wandte, am Boden des Bootes liegend, sein Gesicht ab und ich hörte jenen seltsamen Laut in seinem Halse – doch weicher jetzt, wie alles Uebrige an ihm. Es war gut, daß er diesen Punkt berührte, denn er erinnerte mich dadurch an Etwas, woran ich sonst vielleicht erst zu spät gedacht hätte: daß er nämlich nie zu erfahren brauche, daß seine Hoffnungen, mich reich zu machen, alle vernichtet worden seien.

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