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11. Orlick und sein Opfer

Dreiundfünfzigstes Kapitel.
In Todesgefahr.

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Es war eine finstere Nacht, doch ging der Vollmond auf, als ich die eingezäunten Felder verließ und in die offenen Marschen hinauskam. Jenseit der dunklen Linie der letzteren lag ein Streifen klaren Himmels, doch war derselbe kaum breit genug für den großen rothen Mond. Nach wenigen Minuten war letzterer aus diesem hellen Felde in die hoch aufgethürmten Wolkengebirge hinauf gestiegen.

Es wehte ein melancholischer Wind und die Marschen hatten etwas sehr Düsteres. Auf einen Fremden würden sie einen unerträglichen Eindruck gemacht haben, und selbst auf mich wirkten sie so drückend, daß ich zögerte und halb geneigt war, wieder umzukehren. Doch war ich wohlbekannt mit ihnen und hätte selbst in einer noch dunklern Nacht meinen Weg gefunden, – deshalb hatte ich, da ich einmal dort war, keine Entschuldigung, wieder umzukehren. So wie ich gegen meine Neigung hergekommen, setzte ich gegen meine Neigung jetzt meinen Weg fort.

Die Richtung, welche ich einschlug, war weder die, in der meine ehemalige Heimat lag, noch die, in der wir einst die Sträflinge verfolgt hatten. Mein Rücken war den fernen Gefangenenschiffen zugewendet, als ich dahinwanderte, und obgleich ich die Lichter weithin auf den Landzungen sehen konnte, so war mir dies doch nur möglich, indem ich über meine Schulter hinblickte. Ich kannte die Kalköfen so gut, wie die alte Batterie, aber beide waren meilenweit von einander entfernt, so daß, wenn an diesem Abend an jedem der beiden Punkte ein Licht gebrannt hätte, ein langer Streifen leeren Horizontes zwischen den beiden hellen Punkten gelegen haben würde.

Anfangs hatte ich an verschiedenen Stellen Zaunthüren hinter mir zu schließen, und mußte hin und wieder still stehen, während die Rinder, welche in dem aufgedämmten Fußwege lagen, aufstanden und dann in das Gras und in das Schilf hineinstolperten. Aber nach einer kleinen Weile schien es, als habe ich die ganze Ebene für mich allein.

Es währte noch eine halbe Stunde, bevor ich mich den Kalköfen näherte. Der Kalk brannte mit einem schweren, erstickenden Geruche, aber die Feuer waren im Gange und keine Arbeiter zu sehen. Ganz in der Nähe war ein kleiner Steinbruch. Derselbe lag gerade in meinem Wege, und es war, wie ich nach den Werkzeugen und Schubkarren schließen durfte, welche umherlagen, an diesem Tage noch dann gearbeitet worden.

Als ich aus dieser Vertiefung wieder auf die Marschebene hinaufkam – denn der rauhe Fußpfad führte mich durch dieselbe hindurch – erblickte ich in dem alten Schleusenhause Licht. Ich beschleunigte meine Schritte und klopfte an die Thür. Während ich auf Antwort wartete, sah ich mich um und gewahrte, daß die Schleuse verlassen und zerbrochen und das Haus – ein hölzernes mit einem Ziegeldache – nicht lange mehr Schutz gegen das Wetter gewähren werde, wenn dies überhaupt jetzt noch der Fall war; und daß Morast und Schlamm mit Kalk überzogen waren und der erstickende Qualm des Kalkofens auf gespenstische Weise zu mir herangekrochen kam. Aber es erfolgte noch immer keine Antwort und ich klopfte deshalb noch einmal. Noch keine Antwort und ich versuchte die Klinke.

Dieselbe gab meinem Drucke nach und ich öffnete die Thür. Ich schaute hinein und sah auf dem Tische ein brennendes Licht stehen, und in der Stube eine Bank und eine Feldbettstelle mit einer Matratze. Da über mir eine Bodenluke war, rief ich: »Ist Jemand dort oben?« erhielt jedoch keine Antwort. Dann, sah ich auf meine Uhr und da ich fand, daß es bereits nach neun Uhr sei, rief ich noch ein Mal: »Ist Niemand hier?« Da noch immer keine Antwort erfolgte, ging ich zur Thüre hinaus, unentschlossen, was ich thun solle.

Es fing an, heftig zu regnen. Da ich draußen nichts sah, als was ich schon vorher gesehen hatte, ging ich ins Haus zurück und blieb eben innerhalb der Thür stehen und schaute in die Nacht hinaus. Während ich dastand und überlegte, daß noch vor Kurzem Jemand dort gewesen sein und bald zurückkommen müsse, kam mir der Gedanke, nachzusehen, ob der Docht lange gebrannt habe. Ich trat zu diesem Zwecke wieder hinein, und hatte das Licht vom Tische aufgenommen, als dasselbe durch einen heftigen Stoß ausgelöscht wurde, und das Nächste, dessen ich mir bewußt wurde, war, daß ich in einer starken Schlinge gefangen sei, welche mir von hinten über den Kopf geworfen wurde.

»Jetzt,« sagte eine unterdrückte Stimme mit einem Fluche, »jetzt hab ich Dich!«

»Was heißt dies?« rief ich, indem ich mich frei zu machen kämpfte. »Wer ist dies? Hülfe, Hülfe, Hülfe!«

Es waren nicht nur meine Arme dicht an meine Seiten geschnürt, sondern der Druck auf meinen kranken Arm verursachte mir die empfindlichsten Schmerzen. Zuweilen war es die Hand und zuweilen die Brust eines starken Mannes, die auf meinen Mund gedrückt wurde, um mein Schreien zu ersticken, und während mich ein heißer Athem anwehte, kämpfte ich ohne Erfolg im Finstern, während ich an der Wand festgemacht wurde.

»Und jetzt,« sagte die unterdrückte Stimme nochmals mit einem Fluche, »schrei noch ein Mal und ich will Dir bald ein Ende machen!«

Da mir durch den Schmerz in meinem verletzten Arme matt und übel wurde, und ich durch die Ueberraschung ganz verwirrt und mir dennoch bewußt war, wie leicht diese Drohung auszuführen sei, so ließ ich ab, und versuchte, meinem wunden Arm – wenn auch noch so geringe – Erleichterung zu verschaffen. Doch war derselbe zu fest gebunden, und es war mir, als ob er, nachdem er zuvor verbrannt worden, jetzt gekocht würde.

Das plötzliche Verschwinden des schwachen Schimmers von draußen und die statt seiner eintretende schwarze Finsterniß sagte mir, daß der Mann die Fensterläden geschlossen habe. Nachdem er eine Weile umhergetappt, fand er den Stahl und Feuerstein, die er suchte, und fing an, Feuer zu schlagen. Ich heftete meine Augen mit angestrengter Aufmerksamkeit auf die Funken, welche auf den Zunder fielen und auf die er blies und blies, während er ein Zündhölzchen in der Hand hielt; doch konnte ich nichts sehen, als seine Lippen und die blaue Spitze des Zündhölzchens; und auch diese nur hin und wieder ein Mal. Der Zunder war feucht und das war an diesem Orte nicht zum Verwundern – und die Funken erloschen einer nach dem anderen.

Der Mann war in keiner großen Eile, und fing wieder mit dem Stahl und Feuersteine zu schlagen an. Als die Funken jetzt dicht und hell um ihn herum flogen, konnte ich seine Hände und stellenweise sein Gesicht sehen und bemerken, daß er saß und sich über den Tisch hinbeugte; doch weiter nichts. Bald aber sah ich seine blauen Lippen abermals auf den Zunder blasen, und dann fuhr eine Flamme empor und zeigte mir Orlick.

Ich weiß nicht, wen ich zu sehen erwartet hatte. Ihn hatte ich nicht zu sehen erwartet. Da ich ihn aber erblickte, fühlte ich, daß ich in der That in einer gefährlichen Lage sei, und heftete deshalb meine Blicke fest auf ihn.

Er zündete das Licht mit großer Ruhe an dem flackernden Zündhölzchen an, warf dann letzteres auf den Boden und trat es mit dem Fuße aus. Dann schob er das Licht auf dem Tische von sich fort, so daß er mich sehen konnte, legte seine verschlungenen Arme auf den Tisch und betrachtete mich. Ich bemerkte, daß ich an einer starken, senkrechten Leiter befestigt sei, welche wenige Zoll von der Wand im Fußboden feststand, und zu dem Boden hinaufführte.

»Jetzt,« sagte er, nachdem wir einander eine Weile angeschaut, »jetzt hab ich Dich!«

»Binde mich los. Laß mich gehen!«

»Ah!« erwiederte er, »ich will Dich schon gehen lassen. Ich will Dich nach dem Monde gehen lassen, und nach den Sternen hinauf. Aber Alles mit der Zeit.«

»Weshalb hast Du mich hierher gelockt?«

»Weißt Du das nicht?« sagte er mit einem tödtlichen Blicke.

»Warum hast Du mich im Finstern überfallen?«

»Weil ich Alles allein zu thun beabsichtige. Einer bewahrt ein Geheimniß besser, als Zweie. O, Du Feind, Du Feind!«

Seine Freude an meinem Anblicke hatte, als er, mit verschlungenen Armen sich auf den Tisch stützend, dasaß und den Kopf gegen mich schüttelte, etwas so Boshaftes, daß sie mich erbeben machte. Während ich ihn schweigend betrachtete, griff er mit der Hand zur Seite in die Ecke und nahm eine Flinte mit messingbeschlagenem Schafte hervor.

»Kennst Du dies?« sagte er, indem er that, als ziele er auf mich. »Weißt Du, wo Du dies früher schon gesehen hast? Sprich, Wolf!«

»Ja!« antwortete ich.

»Du brachtest mich um jene Stelle. Das thatest Du. Sprich!«

»Was konnte ich Anderes thun?«

»Das thatest Du, und das wäre schon genug, wenn Du weiter gar nichts gethan hättest. Wie konntest Du Dich unterstehen, zwischen mich und ein junges Frauenzimmer zu kommen, das ich gern hatte?«

»Wann habe ich das gethan?«

»Wann hast Du's nicht gethan? Du warst es, der stets den Orlick bei ihr herabsetzte.«

»Das hast Du selbst gethan; Du hast Dir selbst einen schlechten Namen bei ihr erworben. Ich hätte Dir nicht schaden können, wenn Du Dir nicht selbst geschadet hättest.«

»Du bist ein Lügner. Und Du willst weder Geld, noch Mühe sparen, um mich aus diesem Lande zu vertreiben, wie?« sagte er, indem er wiederholte, was ich bei unserer letzten Unterredung zu Biddy gesagt hatte. »Jetzt will ich Dir etwas sagen. Es wäre im Leben noch nie so sehr für Dich der Mühe werth gewesen, mich aus dem Lande geschafft zu haben, als heute Abend. Ja wohl! Und wäre es um all Dein Geld bis zum letzten Heller, und noch zwanzig Mal mehr, als Du hast!«

Während er seine schwere Faust gegen mich schüttelte und wie ein Tiger knurrte, fühlte ich, daß er die Wahrheit sprach.

»Was willst Du mit mir thun?«

»Ich will,« sagte er, indem er mit der Faust einen schweren Schlag auf den Tisch that und aufstand, als der Schlag fiel, um demselben um so größere Kraft zu geben, »ich will Dein Leben haben!«

Er lehnte sich vorwärts und stierte mich an, öffnete langsam die Finger seiner Hand und fuhr sich mit dieser über den Mund, wie wenn ihm der Mund nach mir wässere, und setzte sich dann wieder.

»Du warst dem alten Orlick stets im Wege, schon als Du noch ein kleines Kind warst. Diese gegenwärtige Nacht wirst Du ihm den Weg räumen. Er will nichts mehr von Dir wissen. Du bist so gut wie todt!«

Ich fühlte, daß ich an dem Rande meines Grabes stand. Für einen Augenblick schaute ich mich in meiner Fallgrube wild nach einer Gelegenheit zur Flucht um; aber ich konnte keine erspähen.

»Ja, noch mehr,« sagte er, nochmals seine verschlungenen Arme auf den Tisch lehnend; »ich will nicht, daß auch nur ein Fetzen oder ein Knochen von Dir auf der Erde zurückbleibt. Ich werde Deinen Leichnam in den Kalkofen werfen – ich könnte wohl zwei Solche, wie Du bist, auf meinem Rücken dorthin tragen – und dann können die Leute sich von Dir denken, was sie wollen, – sie sollen nie etwas erfahren.«

Mein Geist ging mit unglaublicher Geschwindigkeit alle Folgen eines solchen Todes durch. Estellas Vater würde glauben, ich habe ihn verlassen, würde verhaftet werden und mich sterbend verwünschen; selbst Herbert würde irre an mir werden, wenn er den Brief, welchen ich für ihn zurückgelassen, mit der Thatsache verglich, daß ich nur auf einen Augenblick an Miß Havishams Thore vorgesprochen hatte; Joe und Biddy würden niemals erfahren, wie weh mir in dieser Nacht das Herz um sie gethan; es würde Niemand jemals erfahren, wie sehr ich gelitten, wie aufrichtig meine Gesinnungen gewesen, welche Qualen ich ertragen. Die mir bevorstehende Todesart war eine fürchterliche; aber noch weit schrecklicher, als der Tod, war die Furcht, daß man sich meiner nach meinem Tode in einem falschen Lichte erinnern würde. Und so schnell waren meine Gedanken, daß ich mich von ungeborenen Generationen – von Estellas Kindern und Kindeskindern – verachtet sah, während der Bösewicht noch kaum zu Ende geredet hatte.

»Jetzt, Wolf,« sagte er, »will ich, ehe ich Dich wie sonst ein anderes Thier umbringe – was ich zu thun beabsichtige und wozu ich Dich festgebunden habe – Dich noch einmal ordentlich betrachten und ordentlich ärgern. O, Du Erzfeind!«

Es war mir der Gedanke durch den Kopf geflogen, noch ein Mal um Hülfe zu rufen, obgleich Wenige so gut wie ich wußten, wie abgelegen der Ort und wie hoffnungslos es sei, hier Hülfe zu erwarten. Doch als ich ihn dasitzen und sich an meinem Anblicke weiden sah, überkam mich ein verachtungsvoller Abscheu gegen ihn, der mir Kraft gab und meine Lippen versiegelte. Vor allen Dingen beschloß ich, ihn nicht um mein Leben zu bitten, und nicht ohne den geringen Widerstand, den ich zu leisten im Stande war, zu sterben. Wie bewegt auch in dieser äußersten Noth meine Gedanken gegen alle übrigen Menschen waren, wie demüthig ich mir auch vom Himmel Vergebung erflehte, und wie weh mirs auch im Herzen war bei dem Gedanken, daß ich Niemand Lebewohl gesagt, und jetzt nie, nie mehr würde Abschied nehmen können von Denen, die mir theuer waren, oder mich ihnen erklären, oder sie um Nachsicht für meine erbärmlichen Fehler bitten, so würde ich, falls ich Orlick sterbend hätte tödten können, dies gewiß gethan haben.

Er hatte getrunken und seine Augen waren roth und mit Blut unterlaufen. Um seinen Nacken trug er an einem Bande eine zinnerne Flasche, wie ich ihn früher oft sein Proviantbündel hatte tragen sehen. Er führte die Flasche an seine Lippen und nahm einen feurigen Trunk daraus, und ich konnte den Spiritus riechen, den ich in seinem Gesichte aufflammen sah.

»Wolf!« sagte er, abermals die Arme in einander legend, »der alte Orlick wird Dir etwas sagen. Du warst Derjenige, der Deiner keifenden Schwester ein Ende machte.«

Wiederum hatte mein Geist, noch ehe Orlick in seiner langsamen, zögernden Redeweise zu Ende gesprochen, mit der vorigen unglaublichen Geschwindigkeit alle Umstände: den Angriff auf meine Schwester, ihre Krankheit, ihren Tod erschöpft.

»Du warst es, Schurke!« sagte ich.

»Ich sage Dir, es war Deine That – ich sage Dir, es geschah durch Dich,« erwiederte er, indem er die Flinte ergriff und mit dem Kolben in die leere Luft zwischen uns hineinhieb. »Ich kam von hinten zu an sie heran, wie ich heute Abend an Dich herankam. Dann gab ich ihr Eines! Ich ließ sie für todt liegen, und hätte ich für sie einen Kalkofen so nahe gehabt, wie ich ihn heute Abend für Dich habe, so wäre sie nicht wieder ins Leben zurückgekehrt. Aber es war nicht der alte Orlick, der es that, sondern Du. Du wurdest verzogen und ich gescholten und geschlagen. Der alte Orlick wurde gescholten und geschlagen, wie? Jetzt sollst Du mir dafür bezahlen. Du hast es gethan, jetzt sollst Du's büßen.«

Er trank noch einmal und wurde immer wüthender. Ich sah an der Art, wie er die Flasche hielt, daß nicht viel mehr darin war. Ich begriff vollkommen, daß er sich in den Zustand hineinarbeitete, um mir das Leben zu nehmen. Ich wußte, daß jeder Tropfen, den die Flasche enthielt, ein Tropfen meines Lebens sei. Ich wußte, daß er es, sobald ich zu einem Theile jenes Qualmes geworden sein würde, den ich vor erst ganz kurzer Zeit wie ein warnendes Gespenst zu mir hatte heranschleichen sehen, wieder gerade so machen würde, wie er es in dem meine Schwester betreffenden Falle gemacht hatte, nämlich, mit möglichster Schnelligkeit nach der Stadt eilen und sich dort in den Straßen und Bierhäusern zeigen. Meine geflügelten Gedanken folgten ihm nach der Stadt, machten sich ein Bild von der Straße, in der er ging, und verglichen die Helligkeit und das Leben in derselben mit den einsamen Marschen, über die der Qualm hinkroch, in den ich aufgelöst werden sollte.

Die Schnelligkeit meiner Gedanken erstreckte sich nicht nur darauf, daß ich viele, viele Jahre hätte zusammenfassen können, während er ein Dutzend Worte sprach, sondern ging so weit, daß Das, was er sagte, sich mir in Bildern zeigte und nicht bloß in den Worten. In dem aufgeregten Zustande meines Gehirns konnte ich nicht an irgend einen Ort denken, ohne ihn zu erblicken, und an keine Person, ohne auch sie zu sehen. Es ist unmöglich, sich eine größere Lebhaftigkeit der Einbildung zu denken, und dennoch war ich während all der Zeit so aufmerksam auf ihn selbst – wer würde wohl nicht mit gespannter Aufmerksamkeit den Tiger beobachten, der zum Sprunge bereit vor ihm niederkauert! – daß ich mir der allergeringsten Bewegung seiner Finger bewußt war.

Als er das zweite Mal getrunken hatte, erhob er sich von der Bank, auf der er saß, und schob den Tisch auf die Seite. Dann nahm er das Licht vom Tische, und stellte sich, indem er seine mörderische Hand so dahinter hielt, daß das ganze Licht auf mein Gesicht fiel, vor mich hin, um mich zu betrachten und sich an meinem Anblicke zu freuen.

»Wolf, ich will Dir noch Eines sagen. Es war der alte Orlick, über den Du in jener Nacht auf der Treppe stolpertest.«

Ich sah die Treppe mit ihren ausgelöschten Lampen. Ich sah die Schatten des schwerfälligen Treppengeländers, welche des Nachtwächters Laterne auf die Wand warf. Ich sah die Zimmer, die ich niemals wiedersehen sollte: hier eine halbgeöffnete Thür, dort eine geschlossene, und das Zimmergeräth rings umher.

»Und warum war der alte Orlick dort? Ich will Dir noch etwas sagen, Wolf. Du und sie, Ihr Beide habt mich schon so ziemlich aus diesem Lande hinausgetrieben, wenigstens was einen bequemern Lebensunterhalt betrifft, und ich habe mir neue Kameraden angeschafft. Einige von ihnen schreiben meine Briefe, wenn ich solche zu schreiben habe – verstehst Du mich? – schreiben meine Briefe, Wolf! Sie schreiben wohl fünfzig verschiedene Handschriften; sie sind nicht wie Du, erbärmlicher Schleicher, der nur eine schreibt. Ich habe die feste Absicht und den festen Willen gehabt, Dir das Leben zu nehmen, seitdem Du zu Deiner Schwester Begräbniß hier warst. Ich fand nur bis jetzt kein Mittel, Dich sicher zu fassen, obwohl ich Dir überall aufpaßte und Dir beim Kommen und Gehen auflauerte. Denn, sagte der alte Orlick zu sich selbst, auf eine oder die andere Art will ich ihn haben! Hei! Und wie ich Dich suche, finde ich Deinen Onkel Provis!«

Mill Pond Bank und Chinks Basin und die alte grüne, Kupfer-Seilerbahn, Alles so klar und deutlich vor mir! Provis in seinen Zimmern, und das Signal, das jetzt nichts mehr nützen sollte, die hübsche Clara, die gute mütterliche Frau, der alte Bill Barley, der auf dem Rücken lag – Alles schwamm an mir vorüber, wie auf dem schnellen Strome meines Lebens, der dem Meere zueilte!

»Dich und Deinen Onkel dazu! Ich kannte Dich ja schon bei Gargery, als Du noch ein so kleiner Wolf warst, daß ich mit zwei Fingern Deine Luftröhre hätte packen und Dich todt fortwerfen können (wie ich wohl manches Mal zu thun Lust hatte, wenn ich Dich Sonntags unter den Weidenstümpfen umherlungern sah), und damals hattest Du noch keinen Onkel gefunden. Nein, das fiel Dir gar nicht ein! Als der alte Orlick aber hörte, daß Dein Onkel Provis wahrscheinlich das Fußeisen getragen hatte, welches der alte Orlick auflas und auseinanderfeilte, hier auf diesen Marschen vor wer weiß wie viel Jahren, und es dann aufbewahrte, bis er Deine Schwester damit zu Boden schlug, wie einen Stier, und wie er Dich gleich zu Boden schlagen wird – hei? als er das hörte – hei?«

In seinem Wuthausbruche fuhr er mit dem Lichte so nahe vor meinem Gesichte herum, daß ich dasselbe abwandte, um es vor der Flamme zu bewahren.

»Ah!« rief er lachend aus, nachdem er dies nochmals wiederholt, »das verbrannte Kind scheut das Feuer! Der alte Orlick wußte, daß Du Dich verbrannt hattest, der alte Orlick wußte, daß Du Deinen Onkel Provis fortschmuggeln wolltest, der alte Orlick ist Dir gewachsen und wußte, daß Du heute Abend kommen würdest! Jetzt will ich Dir noch Eines sagen, Wolf, und das ist das Letzte. Es giebt Leute, die ebenso sehr Deinem Onkel Provis gewachsen sind, wie der alte Orlick es Dir ist. Laß ihn sich vor ihnen in Acht nehmen, wenn er seinen Neffen los sein wird! Laß ihn sich vor ihnen in Acht nehmen, wenn kein Fetzen von seines lieben Verwandten Kleidung und kein Knochen von seinem Körper zu finden sein wird. Es giebt Leute, die Magwitch – ja wohl, ich weiß den Namen! – nicht in einem Lande mit sich leben lassen können, oder wollen, und die solche zuverlässige Nachrichten über ihn gehabt haben, als er noch in einem andern Lande lebte, daß er dasselbe nicht ohne ihr Wissen verlassen konnte, um sie in Gefahr zu bringen. Vielleicht sind dies die Leute, die fünfzig verschiedene Handschriften schreiben, nicht wie Du, erbärmlicher Schleicher, der nur eine schreiben kann. Hüte Dich vor Compeyson, Magwitch, und vor dem Galgen!«

Er fuhr nochmals mit dem Lichte vor meinem Gesichte hin und her, wobei er mir das Haar versengte und mich auf einen Augenblick blendete, und wandte mir seinen breiten Rücken zu, indem er das Licht wieder auf den Tisch stellte. Ehe er sich wieder zu mir umwandte, hatte ich im Herzen ein Gebet gesprochen und war bei Joe, Biddy und Herbert gewesen.

Es lag ein leerer Raum von ein paar Fuß zwischen dem Tische und der entgegengesetzten Wand, in welchem er jetzt schlurfend auf und ab ging. Seine große Kraft erschien noch stärker in ihm als vorher, indem er so mit lose und schwer an den Seiten herabhängenden Händen, finstere Blicke auf mich werfend, hin und her ging. Es blieb mir kein Funken von Hoffnung mehr. Welch wilde Hast auch in mir war und wie wunderbar die Lebendigkeit der Bilder, welche anstatt der Gedanken meinen Geist durchflogen, so konnte ich doch vollkommen begreifen, daß er mir nimmermehr gesagt haben würde, was er mir sagte, wenn er nicht fest beschlossen gehabt, daß ich in wenigen Minuten spurlos aus der Welt verschwunden sein solle.

Plötzlich stand er still, nahm den Kork aus seiner Flasche und warf ihn fort. So leicht derselbe war, so hörte ich ihn doch fallen, als wenn er ein Bleiloth gewesen wäre. Er schluckte langsam, indem er die Flasche allmälig höher hob, und dann schaute er mich nicht mehr an. Die letzten wenigen Tropfen des Getränks goß er in seine Handfläche und leckte sie dann auf. Darauf schleuderte er mit einer plötzlichen Hast und Heftigkeit und unter furchtbarem Fluchen die Flasche von sich, und ich erblickte in seiner Hand einen Steinhammer mit einem langen schweren Stiele.

Der Entschluß, den ich gefaßt, verließ mich nicht, denn ohne auch nur ein Wort unnützer Bitte an ihn zu verlieren, schrie und kämpfte ich mit aller Gewalt. Ich konnte nichts weiter rühren, als meinen Kopf und meine Beine, aber damit kämpfte ich mit all der Kraft, die, mir bisher unbekannt, in mir lag. In demselben Augenblicke hörte ich antwortendes Rufen, sah ich Gestalten und einen Lichtstrahl durch die Thür hereinbrechen, sah Orlick aus einem Kampfe mit Männern wie einen Wassersturz hervorbrechen, über den Tisch springen und in die Nacht hinaus fliehen.

Ich wurde bewußtlos und fand, als ich wieder erwachte, daß ich entfesselt am Boden lag und mein Kopf auf Jemandes Schooße ruhte. Meine Augen waren auf die Leiter an der Wand geheftet, als ich zu mir kam – sie waren längst geöffnet gewesen, ehe mein Geist etwas sah – und so wußte ich, daß ich noch an derselben Stelle sei, wo ich die Besinnung verloren hatte.

Zu gleichgültig, um mich umzuschauen und zu erfahren, wer meinen Kopf halte, lag ich und sah die Leiter an, als zwischen mich und sie ein Gesicht kam, das Gesicht von Trabbs Lehrjungen!

»Ich glaube, er erholt sich wieder!« sagte Trabbs Lehrjunge mit halblauter Stimme; »aber er ist furchtbar blaß!«

Bei diesen Worten beugte sich das Gesicht Dessen, der meinen Kopf hielt, über das meinige hin und ich erkannte –

»Herbert! Gütiger Himmel!«

»Ruhig,« sagte Herbert; »ruhig. Händel, sei nicht zu hastig!«

»Und unser alter Kamerad, Startop!« rief ich, als auch er sich über mich beugte.

»Erinnere Dich, worin er uns helfen wird,« sagte Herbert, »und sei ruhig.«

Diese Andeutung machte mich aufspringen, obgleich der Schmerz in meinem Arme mich augenblicklich wieder zurücksinken ließ. »Die Zeit ist doch nicht schon verstrichen, Herbert, wie? Welche Nacht ist diese? Wie lange bin ich schon hier?« – Ich hatte ein seltsames, lebhaftes Gefühl, als habe ich dort eine lange Weile gelegen – einen Tag und eine Nacht – zwei Tage und zwei Nächte – oder noch länger.

»Die Zeit ist nicht verstrichen; es ist erst Montag Nacht.«

»Gott sei Dank!«

»Und Du hast den ganzen Tag morgen, Dienstag, um Dich zu erholen,« sagte Herbert. »Aber Du mußt fortwährend stöhnen, mein lieber Händel. Welche Verletzung hast Du erlitten? Kannst Du stehen?«

»Ja, ja,« sagte ich; »ich kann gehen, ich habe keine anderen Verletzungen erlitten, als die in diesem zuckenden Arme.«

Sie entblößten denselben und thaten, was sie konnten. Der Arm war stark geschwollen und entzündet, und ich konnte es kaum ertragen, wenn man ihn berührte. Sie zerrissen ihre Taschentücher, um frische Verbände zu machen, und legten ihn vorsichtig in die Schlinge zurück, bis wir in der Stadt anlangen und uns ein kühlendes Bad dafür würden verschaffen können.

In kurzer Zeit hatten wir die Thür des finstern, leeren Schleusenhauses geschlossen und traten durch den Steinbruch unsern Rückweg nach der Stadt an. Trabbs Lehrjunge – jetzt Trabbs sehr ausgewachsener junger Mann – ging mit einer Laterne vor uns her, die das Licht enthielt, welches ich durch die Thür hatte hereinbrechen sehen. Aber der Mond stand wenigstens um zwei Stunden höher am Himmel, als da ich ihn zuletzt gesehen, und die Nacht war, obgleich es regnete, doch viel heller. Der weiße Qualm des Kalkofens wich hinter uns zurück, als wir vorübergingen, und wie ich vorhin im Herzen ein Gebet um Rettung gesprochen, so sprach ich jetzt ein Dankgebet.

Da ich Herbert anflehte, mir zu sagen, auf welche Weise er zu meiner Rettung herbeigekommen sei – was er anfangs entschieden sich weigerte zu thun, indem er darauf bestand, daß ich mich ruhig verhalten solle – erfuhr ich, daß ich in der Eile den empfangenen Brief in unserer Wohnung hatte fallen lassen, wo Herbert ihn, als er mit Startop, dem er auf dem Rückwege zu mir auf der Straße begegnet war, heimkam, bald nach meinem Fortgehen gefunden hatte.

Der Ton des Briefes hatte ihn beunruhigt, und noch viel mehr der Widerspruch, der zwischen ihm und dem hastigen Billet lag, das ich für ihn zurückgelassen hatte. Da seine Unruhe nach einem viertelstündigen Nachdenken, anstatt abzunehmen, immer größer wurde, so ging er mit Startop, der sich ihn zu begleiten erbot, nach dem Posthofe, um sich zu erkundigen, wann die nächste Postkutsche abfahren werde.

Als er hörte, daß die Nachmittagskutsche bereits abgefahren sei, und seine Unruhe jetzt geradezu bis zur Angst gestiegen war durch die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten, so beschloß er, mir mit Extrapost nachzufahren. Und so langten er und Startop im »blauen Eber« an, wo sie entweder mich zu finden oder doch von mir zu hören erwarteten; da aber weder das Eine noch das Andere der Fall war, gingen sie nach Miß Havishams Hause, wo sie dann meine Spur verloren. Hierauf kehrten sie nach dem Gasthofe zurück (ohne Zweifel genau um die Zeit, als ich die volksthümliche Version von meiner eigenen Lebensgeschichte anhörte), um eine Erfrischung einzunehmen, und dann Jemand aufzusuchen, der sie würde nach den Marschen hinausführen können. Unter den Müssiggängern im Thorwege des Ebers befand sich zufällig Trabbs Lehrjunge – seiner alten Gewohnheit getreu, stets überall da zu sein, wo er nichts zu thun hatte – und Trabbs Junge hatte mich von Miß Havishams Hause in die Richtung des Gasthofes gehen sehen, wo ich gespeist hatte. Auf diese Weise wurde Trabbs Junge ihr Führer, und mit ihm gingen sie nach dem Schleusenhause hinaus, aber auf dem Wege, der direct von der Stadt nach den Marschen führt, und den ich vermieden hatte. Als sie nun dahin gingen, überlegte Herbert, daß ich am Ende doch dorthin bestellt sein könne, um etwas wirklich Nützliches in Bezug auf Provis' Sicherheit zu erfahren, und indem er bedachte, daß eine Störung in diesem Falle Unheil anrichten könne, ließ er Startop und seinen Führer am Rande des Steinbruches zurück, ging allein weiter und schlich zwei oder drei Mal rund um das Haus herum, um wo möglich zu erfahren, ob drinnen Alles in Ordnung sei. Da er nichts weiter hören konnte, als die undeutlichen Laute einer einzigen tiefen, rauhen Stimme (dies war zur Zeit, wo mein Geist so sehr beschäftigt war), begann er endlich sogar zu bezweifeln, ob ich dort sei, als ich plötzlich laut zu schreien anfing, worauf er mein Rufen beantwortete und hereinstürzte, und die anderen Beiden ihm auf dem Fuße folgten.

Als ich Herbert erzählte, was sich im Innern des Hauses zugetragen habe, war er der Ansicht, daß wir augenblicklich, so späte Nacht es auch bereits war, zu einer Magistratsperson gehen und uns von ihr einen Verhaftsbefehl gegen Orlick verschaffen müßten. Aber ich hatte schon bei mir überlegt, daß ein solches Verfahren unheilbringend für Provis werden könne, wenn wir dadurch aufgehalten oder genöthigt würden, zurückzukehren. Diese Schwierigkeit war nicht zu bestreiten, und wir gaben für den Augenblick jede Verfolgung Orlicks auf. Wir hielten es unter den gegebenen Verhältnissen auch fürs Beste, der Sache gegen Trabbs Lehrjungen keine Bedeutung beizulegen; es würde ihm, wie ich glaube, einen wirklichen Schmerz verursacht haben, hätte er erfahren, daß seine Dazwischenkunft mich von dem Kalkofen gerettet; nicht, weil Trabbs Junge einen boshaften Charakter hatte, sondern weil er viel Lebhaftigkeit besaß, und es in seiner Constitution lag, Abwechselung und Aufregung zu lieben, auf wessen Kosten dies immer sein mochte. Als wir von ihm schieden, beschenkte ich ihn mit zwei Guineen (was seinen Wünschen zu entsprechen schien), und sagte ihm, es thue mir leid, je eine schlechte Meinung von ihm gehegt zu haben (was durchaus gar keinen Eindruck auf ihn machte).

Da Mittwoch uns so nahe war, beschlossen wir, schon in dieser Nacht alle Drei mit der Extrapost nach London zurückzukehren, und zwar um so mehr, als wir dann auf und davon kamen, ehe das Gerücht von unserm nächtlichen Abenteuer in Umlauf sein würde. Herbert verschaffte mir eine große Flasche kühlender Flüssigkeit für meinen Arm, und indem ich die ganze Nacht hindurch davon auf die Verletzungen tröpfelte, war ich im Stande, den Schmerz während der Reise zu ertragen. Der Tag war bereits angebrochen, als wir im Temple anlangten; ich ging sogleich zu Bett und blieb den ganzen Tag ruhig liegen.

Während ich so da lag, hatte ich eine furchtbare Angst, daß ich krank und für den nächsten Tag unbrauchbar werden würde, daß es mich nur Wunder nimmt, nicht dadurch allein schon handlungsunfähig geworden zu sein. Es würde dies in Verbindung mit den geistigen Erschütterungen, die ich erlitten hatte, ziemlich wahrscheinlich der Fall gewesen sein, wären nicht meine Nerven auf so unnatürliche Weise durch den Gedanken an den kommenden Tag angespannt gewesen; an den Tag, der so lange ersehnt war, der solche Bedeutung für mich hatte, und dessen Folgen mir so unerforschlich, obgleich so nahe waren!

Es konnte nichts einleuchtender sein, als die Notwendigkeit, uns für diesen Tag allen Verkehrs mit Provis zu enthalten; aber auch dies vermehrte meine Ruhelosigkeit. Ich fuhr bei jedem Fußtritte, bei jedem Laute zusammen, indem ich glaubte, er sei entdeckt und gefangen, und jetzt komme der Bote, um mich davon in Kenntniß zu setzen. Ich überredete mich, daß ich wisse, er sei gefangen; daß mehr als bloße Furcht oder Ahnung auf meinem Gemüthe laste; daß die Thatsache geschehen und ich auf geheimnißvolle Weise davon in Kenntniß gesetzt worden. Als der Tag verging, ohne daß schlimme Nachrichten kamen, als endlich die Dunkelheit hereinbrach, überwältigte mich förmlich die Furcht, daß ich krank und für den kommenden Tag handlungsunfähig werden könne. Es klopfte in meinem brennenden Arme und hämmerte in meinem brennenden Kopfe, und es war mir, als finge mein Geist an, irre zu werden. Ich zählte bis zu hohen Zahlen hinauf, um mich zu überzeugen, daß ich noch meiner Sinne mächtig, und sagte lange Stellen aus Büchern in Prosa und in Versen her. Es ereignete sich hin und wieder, daß ich aus bloßer Erschlaffung meines ermüdeten Geistes auf ein paar Augenblicke einschlief oder Alles vergaß, und dann sagte ich mir, indem ich heftig zusammenfuhr: »Jetzt kommt es, ich fange an zu phantasiren!«

Man trug Sorge, daß ich mich die ganze Zeit über ruhig verhielt, daß mein Arm fortwährend gut verbunden war und ich kühlende Getränke genoß. Jedes Mal, wenn ich eingeschlafen war, erwachte ich mit der Idee, die ich im Schleusenhause gehabt hatte, daß nämlich eine lange Zeit verstrichen und die Gelegenheit, Provis zu retten, uns verloren sei. Etwa um Mitternacht stieg ich aus dem Bette und ging zu Herbert, in der festen Ueberzeugung, daß ich vierundzwanzig Stunden geschlafen habe, und daß der Mittwoch vergangen sei. Es war dies die letzte erschöpfende Anstrengung meiner aufgereizten Nerven, denn als ich mich darauf wieder zu Bette legte, schlief ich fest und ungestört.

Und der Mittwoch Morgen graute, als ich durchs Fenster hinaussah. Die blinkenden Lichter auf den Brücken fingen bereits zu erblassen an, die kommende Sonne glich einer Feuerebene am Horizont. Ueber dem Flusse, der noch dunkel und geheimnißvoll da lag, erhoben sich die Bogen der Brücken, welche ein kaltes und graues Aussehen annahmen, und nur hier und dort auf den höchsten Punkten einen warmen Strich von dem brennenden Himmel erhielten.

Als ich auf den wirren Haufen von Dächern hinausschaute und auf die Kirchen und Thürme, welche in die ungewöhnlich klare Luft hinaufragten, stieg die Sonne auf. Ein Schleier schien von dem Flusse abgezogen zu werden, und auf seinen Wellen tanzten Millionen von Funken. Auch mir schien ein Schleier abgenommen zu sein, und ich fühlte mich kräftig und wohl.

Herbert lag schlafend in seinem Bette, und unser alter Schulkamerad ebenso auf dem Sopha. Ich konnte mich ohne Hülfe nicht ankleiden, aber ich schürte das Feuer, das noch brannte, und machte Kaffee für sie. In Kurzem erwachten auch sie kräftig und wohl aus ihrem Schlafe, und wir ließen die scharfe Morgenluft zum Fenster herein und schauten auf die Flut, die uns jetzt entgegenströmte.

»Wenn die Flut um neun Uhr zurückkehrt,« sagte Herbert fröhlich, »so schaue nur nach uns aus, und halte Dich bereit, Du da unten in Mill Pond Bank!«

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