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Fünfzigstes Kapitel.
Die Entdeckung.

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Es dämmerte bereits, als ich Miß Havisham verließ und in die natürliche Luft hinausging. Ich rief der Frau, welche mich zum Thore hereingelassen hatte, zu, ich wolle sie noch nicht bemühen, sondern, ehe ich ginge, erst einen Gang durch die Gebäude und den Garten machen. Denn ich hatte eine Ahnung, daß ich nie wieder hierher kommen, und das Local am passendsten zum letzten Male in dem sterbenden Lichte sehen würde.

Durch das Labyrinth von Tonnen hindurch, auf denen ich vor langer Zeit umher gewandert war, und auf die seitdem der Regen Jahre lang gefallen war, indem er viele der Tonnen faulen gemacht und auf anderen, welche aufrecht standen, kleine Moräste und Wasserpfützen zurückgelassen hatte, ging ich nach dem wüsten Garten. Ich machte die Runde durch denselben, nach dem Winkel hin, wo ich mich mit Herbert geschlagen, und die Pfade entlang, auf denen Estella und ich gewandelt waren. Alles so kalt, so einsam, so öde!

Indem ich auf dem Rückwege durch die Brauerei gehen wollte, drückte ich die rostige Klinke einer kleinen Thür am Gartenende derselben auf und ging hinein. Ich war im Begriffe, zu der Thür am entgegengesetzten Ende hinauszugehen – die jetzt nicht leicht zu öffnen war, denn das feuchte Holz war gesprungen und gequollen, und die Angeln kamen aus ihren Fugen, und die Schwelle war mit Moos und Schwamm überwachsen – als ich den Kopf umwandte, um zurückzublicken. Eine kindische Einbildung lebte mit wunderbarer Gewalt in dem Augenblicke der unbedeutenden Bewegung wieder in mir auf, und es war mir, als sähe ich abermals Miß Havisham an dem Balken hängen. So tief war der Eindruck, daß ich am ganzen Körper schaudernd unter dem Balken stand, ehe ich wußte, daß es Einbildung sei – obgleich ich allerdings in einer Secunde dort war.

Das Traurige des Ortes und des Augenblickes und das Grausen, das mir diese Sinnestäuschung verursachte, obgleich dieselbe nur einen Augenblick währte, erfüllten mich mit einem unbeschreiblichen Gefühl der Angst, als ich durch das offene hölzerne Thor herauskam, wo ich einst mein Haar zerraufte, nachdem Estella mir das Herz zerrissen. Als ich in den vordern Hof hineinging, zögerte ich, unschlüssig, ob ich die Frau rufen solle, damit sie mich durch das verschlossene Thor hinausließe, von dem sie den Schlüssel besaß, oder ob ich erst hinaufgehen und mich überzeugen solle, ob Miß Havisham noch so sicher und wohl sei, wie ich sie verlassen hatte. Ich wählte Letzteres und ging hinauf.

Ich blickte in das Zimmer hinein, wo ich sie verlassen hatte, und sah sie in dem zerrissenen Stuhle dicht vor dem Feuer am Kamine sitzen, den Rücken mir zugekehrt. In dem Augenblicke, als ich den Kopf zurückzog, um still wieder fortzugehen, sah ich ein großes flammendes Licht auflodern. In demselben Augenblicke lief sie auch schon schreiend und von einer Feuersäule umgeben, welche wenigstens ebenso viele Fuß, als sie selbst groß war, über ihrem Kopfe emporragte, auf mich zu.

Ich trug einen Ueberrock mit doppeltem Kragen, und über meinem Arme noch einen anderen Rock von dickem Wollenstoffe. Daß ich beide abwarf, sie umschlang, sie nieder und dann die Röcke über sie warf; daß ich das große Tischtuch zu demselben Zwecke vom Tische herunterriß, und mit ihm den ganzen Haufen von Fäulniß, sowie all die häßlichen Sachen, die derselbe trug; daß wir Beide im tollen Kampfe wie zwei Todfeinde am Boden lagen, und sie, je fester ich sie einhüllte, um so wilderes Geschrei ausstieß und sich von mir loszureißen suchte; daß alles Dies sich zutrug, weiß ich wohl durch den Erfolg, nicht aber durch irgend etwas, das ich in dem Augenblicke fühlte, dachte, oder wissentlich that. Ich wußte nichts, bis ich erkannte, daß wir neben dem großen Tische am Boden lagen, und daß Fetzen Zunder, die einen Augenblick vorher ihr vergilbtes Hochzeitskleid gewesen, in der räucherigen Luft umherflogen.

Dann blickte ich auf und sah die gestörten Käfer und Spinnen über den Fußboden hinlaufen und die Dienerschaft mit athemlosem Geschrei zur Thür hereinkommen. Ich hielt sie noch immer mit Gewalt und all meiner Kraft fest, wie einen Gefangenen, der mir hätte entwischen wollen, und ich bezweifle, ob selbst ich wußte, wer sie sei, oder weshalb wir gekämpft hatten, oder daß sie gebrannt hatte, oder daß die Flammen gelöscht waren, bis ich die Zunderfetzen in schwarzen Flocken um uns her zu Boden fallen sah.

Sie war bewußtlos, und ich fürchtete mich, sie aufnehmen oder auch nur anrühren zu lassen. Es wurde ärztliche Hülse herbeigerufen, und ich hielt sie fest, bis dieselbe kam, wie wenn ich unverständigerweise geglaubt hätte, daß, falls ich sie losließe, das Feuer wieder ausbrechen und sie verzehren würde (und ich glaube fast, daß ich mir dies einbildete). Als ich aufstand, da der Wundarzt mit anderer Hülfe an sie herantrat, war ich erstaunt, zu sehen, daß meine beiden Hände verbrannt waren; denn ich war mir dessen durch das Gefühl nicht bewußt geworden.

Nach einer Untersuchung sprach der Arzt seine Ansicht dahin aus, daß Miß Havisham ernstliche Beschädigungen erlitten, die jedoch an sich nicht hoffnungslos seien; die Gefahr liege hauptsächlich in der Nervenerschütterung. Auf des Arztes Befehl wurde ihr Bett in dieses Zimmer gebracht und auf den großen Tisch gelegt, welcher zufälligerweise besonders bequem für das Verbinden ihrer Verletzungen war. Als ich sie eine Stunde später wiedersah, lag sie in der That an der Stelle, die ich sie mit ihrem Stocke hatte bezeichnen sehen, indem sie gesagt, sie werde eines Tages dort liegen.

Obgleich, wie man mir sagte, jedes Ueberbleibsel ihres Kleides verbrannt war, so hatte sie doch noch immer etwas von ihrem gespenstigen, hochzeitlichen Aussehen; denn man hatte sie bis zum Halse hinan mit weißer Baumwolle bedeckt, worüber noch eine leichte weiße Leinwanddecke lag, und als sie so dalag, umgab sie noch immer das Phantom von Dem, was sie gewesen, und was jetzt verändert war.

Ich erfuhr, indem ich die Dienerschaft befragte, daß Estella in Paris sei, und erhielt von dem Arzte das Versprechen, daß er ihr mit nächster Post dorthin schreiben werde. Miß Havishams Familie von dem Unfalle in Kenntniß zu setzen, übernahm ich selbst, indem ich Mr. Matthew Pocket allein davon zu unterrichten und es ihm zu überlassen beabsichtigte, nach Gutdünken in Bezug auf die Uebrigen zu verfahren. Ich that dies am folgenden Tage durch Herberts Vermittelung, sobald ich nach London zurückgekehrt war.

Miß Havisham hatte am Abende eine Zeit, wo sie mit Fassung, obgleich mit einer gewissen fürchterlichen Lebhaftigkeit, über Das, was sich zugetragen, sprach. Gegen Mitternacht fing sie an, irre zu reden, und dann verfiel sie allmälig in den Zustand, in welchem sie zu unzähligen Malen mit leiser, feierlicher Stimme sagte: »Was hab ich gethan! Was hab ich gethan!« Und dann: »Als sie zuerst kam, wollte ich sie nur davor schützen, gleiches Elend wie ich zu erfahren.« Und dann: »Nimm den Bleistift und schreibe unter meinen Namen: Ich vergebe ihr.« Sie wechselte die Reihenfolge dieser drei Reden niemals, aber sie ließ hier und dort in einer oder der andern derselben zuweilen ein Wort aus, welches sie nie ergänzte, indem sie mit dem nächsten Worte fortfuhr.

Da ich ihr keine Dienste leisten konnte, und in Bezug auf Provis dringenden Grund zur Besorgniß und Furcht hatte, welche selbst ihre irren Reden nicht ganz aus meinem Geiste verbannen konnten, so beschloß ich im Verlaufe der Nacht, mit der nächsten Morgenpost zurückzukehren, indem ich etwa eine Meile vorausginge und mich dann außerhalb der Stadt aufnehmen ließe. Um sechs Uhr Morgens beugte ich mich daher über sie und berührte ihre Lippen mit den meinigen, gerade als sie, ohne wegen dieser Berührung innezuhalten, sagte: »Nimm den Bleistift und schreibe unter meinen Namen: Ich vergebe ihr.«

Es war dies das erste und letzte Mal, daß ich sie auf diese Weise berührte. Ich sah sie niemals wieder.

Meine Hände waren während der Nacht zwei oder drei Mal und dann Morgens noch ein Mal verbunden worden. Mein linker Arm war bis zum Ellnbogen hinauf ziemlich bedeutend verbrannt, und von da an weniger schwer bis zur Schulter hinauf; die Wunde war sehr schmerzhaft, denn die Flammen waren eben in dieser Richtung hingeschlagen, und ich war sehr dankbar, daß es nicht schlimmer geworden. Meine rechte Hand war nicht so sehr verletzt, daß ich nicht die Finger hätte bewegen können. Dieselbe war natürlich verbunden, aber auf weit weniger unbequeme Weise, als mein linker Arm und meine linke Hand, welche ich in einer Schlinge tragen mußte; ich konnte meinen Rock nur wie einen Mantel, lose um die Schultern geschlungen und am Halse befestigt, tragen. Mein Haar war von dem Feuer erfaßt worden, doch mein Gesicht und Kopf unberührt geblieben.

Nachdem Herbert nach Hammersmith hinausgegangen war und seinen Vater gesehen hatte, kam er zu mir in unsere Wohnung zurück und widmete den Tag meiner Pflege. Er war der angenehmste Krankenwärter, nahm zu gewissen Zeiten die Verbände ab, tränkte sie in der kühlenden Flüssigkeit, die zu dem Zwecke bereit stand, und legte sie dann mit einer so großen Sorgfalt und Zärtlichkeit wieder an, daß ich ihm dafür innig dankbar war.

Anfangs, als ich ruhig auf dem Sopha lag, wurde es mir peinlich schwer, ja ich möchte fast sagen: unmöglich, die Vorstellung von der Glut der Flammen, der Wuth und dem Getöse derselben, sowie von dem fürchterlichen Brandgeruche loszuwerden. Wenn ich auf eine Minute einschlummerte, so erweckte mich gleich wieder Miß Havishams Geschrei und ihr Aufmichzustürzen mit der hohen Feuersäule über ihrem Haupte. Dieser Schmerz des Geistes war weit schwerer zu unterdrücken, als all die körperlichen Schmerzen, die ich erduldete, und da Herbert dies wahrnahm, that er sein Möglichstes, um meine Aufmerksamkeit anderweitig zu beschäftigen.

Es sprach Keiner von uns von dem Boote, doch dachten wir Beide daran. Es zeigte sich dies in unserm Vermeiden des Gegenstandes und darin, daß wir übereinkamen – ohne ein Wort der Verständigung – daß die Wiederherstellung meiner Hände nur Sache mehrer Stunden, und nicht mehrer Wochen sein dürfe.

Meine erste Frage, als ich Herbert wiedergesehen, war natürlich die gewesen, ob unten am Flußufer Alles in Richtigkeit sei? Da er dies mit vollkommener Sicherheit und Heiterkeit bejahte, kehrten wir nicht eher zu dem Gegenstande zurück, als bis der Tag zu sinken anfing. Dann aber, als Herbert mehr beim Lichte des Kaminfeuers, als bei dem des Tages die Verbände wechselte, kam er von selbst darauf zurück.

»Ich saß gestern zwei gute Stunden bei Provis, Händel.«

»Wo war Clara?«

»Das arme, kleine Herz!« sagte Herbert. »Sie hatte den ganzen Abend bei dem alten Isegrim ab- und zuzugehen. Sowie sie nur aus seinen Augen schwand, fing er wieder auf den Boden zu hämmern an. Ich glaube übrigens kaum, daß er noch lange aushalten wird. Durch all den Rum und Pfeffer – und Pfeffer und Rum – denke ich, wird sein Hämmern bald ein Ende nehmen.«

»Und dann werdet Ihr Euch heirathen, Herbert?«

»Wie könnte ich das liebe Kind wohl anders schützen? – Lege Deinen Arm hier auf die Lehne des Sophas, mein lieber Junge, und ich will mich hierher setzen und den Verband so sanft abnehmen, daß Du nicht wissen sollst, wann es geschieht. Ich sprach eben von Provis. Weißt Du was, Händel, er ändert sich zu seinem Vortheile?«

»Ich sagte Dir wohl, es scheine mir, als ob er sanfter geworden, da ich ihn das letzte Mal sah.«

»Das thatest Du. Und es ist der Fall. Er war gestern Abend sehr gesprächig und erzählte mir mehr über sein vergangenes Leben. Entsinnst Du Dich wohl, wie er hier abbrach, da er einer Frau erwähnt, mit der er große Noth gehabt? – Habe ich Dir wehe gethan?«

Ich war zusammengefahren, doch nicht wegen seiner Berührung. Seine Worte hatten es bewirkt.

»Ich hatte das vergessen, Herbert, doch erinnere ich mich dessen wohl, jetzt, da Du davon sprichst.«

»Nun gut! Er sprach von jenem Theile seines Lebens, und es ist in der That ein finsterer, wilder Theil. Soll ich Dir davon erzählen? Oder würde es Dich jetzt sehr angreifen, davon zu hören?«

»Erzähle mirs auf jeden Fall. Wort für Wort wo möglich!«

Herbert beugte sich vorwärts, um mich näher zu betrachten, als ob meine Antwort etwas hastiger und begieriger gewesen sei, als er wohl begreifen konnte.

»Ist Dein Kopf kühl?« sagte er, seine Hand auf meine Stirn legend.

»Vollkommen,« sagte ich. »Erzähle mir, was Provis Dir sagte, mein lieber Herbert.«

»Es scheint,« erwiederte Herbert, – »da ist der Verband auf die angenehmste Weise herunter, und jetzt kommt der kühle – das macht Dich zuerst etwas zusammenzucken, mein armer, lieber Junge, wie? Aber es wird gleich besser werden; – es scheint also, daß jene Frau eine junge Frau war, und eine eifersüchtige Frau, und eine rachsüchtige Frau; rachsüchtig, Händel, im höchsten Grade.«

»Bis zu welchem Grade?«

»Bis zum Morde. – Fällt es zu kühl auf die empfindliche Stelle?«

»Ich fühle es gar nicht. Wie beging sie einen Mord? Wen ermordete sie?«

»Nun, die That mag vielleicht nicht ganz einen so fürchterlichen Namen verdient haben,« sagte Herbert, »aber sie wurde darauf angeklagt und Jaggers vertheidigte sie, und durch das Aufsehen, das seine Vertheidigung machte, wurde er Provis zuerst bekannt. Das Opfer war ein anderes, stärkeres Weib, und es hatte ein Kampf Statt gefunden – in einer Scheune. Wer denselben begann, und wie ehrlich oder unehrlich der Kampf war, ist vielleicht zweifelhaft; jedenfalls ist es nicht zweifelhaft, wie er endete, denn das Opfer wurde erwürgt gefunden.«

»Wurde die Frau für schuldig erklärt?«

»Nein; sie wurde freigesprochen. – Mein armer Händel, habe ich Dir wehe gethan?«

»Man kann unmöglich zarter sein, Herbert. Nun? was weiter?«

»Diese freigesprochene junge Frau und Provis hatten ein kleines Kind,« sagte Herbert, »welches Provis außerordentlich lieb hatte. An dem Abende derselben Nacht, in welcher der Gegenstand ihrer Eifersucht erdrosselt wurde, wie ich Dir erzählt habe, zeigte das junge Weib sich einen Augenblick vor Provis und schwor, sie wolle das Kind umbringen (welches in ihren Händen war) und er solle es niemals wiedersehen, und dann verschwand sie. – So, da ist der schlimmste Arm wieder gemächlich in seiner Schlinge, und es bleibt uns nur noch die rechte Hand, mit der viel leichter fertig zu werden ist. Ich kann es bei diesem Lichte weit besser machen, als bei einem Hellern, denn meine Hand ist sicherer, wenn ich die armen wunden Stellen nicht zu deutlich sehe. – Du glaubst doch nicht, daß Dir das Athemholen schwerer wird, lieber Junge? Du scheinst mir sehr schnell zu athmen.«

»Vielleicht ein wenig, Herbert. Hat das Weib seinen Schwur gehalten?«

»Das ist die dunkelste Stelle in Provis Leben. Sie hielt ihn.«

»Das heißt, er sagte, sie hielt ihn.«

»Nun, natürlich, mein lieber Junge,« entgegnete Herbert, in erstauntem Tone und sich nochmals vorwärts beugend, um mich näher zu betrachten. »Es ist Alles seine Erzählung. Ich habe keine andere Kenntniß von der Sache.«

»Nein, natürlich, das ist wahr.«

»Ob er nun«, fuhr Herbert fort, »die Mutter des Kindes gut behandelt, oder ob er sie schlecht behandelt hat, darüber sagte Provis nichts; aber sie hatte etwa vier bis fünf Jahre des elenden Lebens mit ihm getheilt, das er uns vier vor unserm Kaminfeuer beschrieb, und er scheint Mitleid und Nachsicht für sie gefühlt zu haben. Aus Furcht daher, daß man ihn ausfordern werde, eine Angabe über sein getödtetes Kind zu machen, und dadurch die Ursache ihres Todes zu werden (wie sehr er auch um sein Kind trauerte), hielt er sich, wie er sagte, versteckt, blieb aus dem Wege und aus dem Verhöre, und wurde nur unbestimmter Weise, als ein gewisser Mann, Namens Abel, erwähnt, um den die Eifersucht entstanden. Nach ihrer Freisprechung verschwand die Frau, und auf diese Weise verlor er das Kind und die Mutter.«

»Ich möchte wissen …«

»Einen Augenblick, mein lieber Junge,« sagte Herbert, »und dann bin ich zu Ende. Jener böse Compeyson, der schlimmste aller Schurken, hielt seine Kenntniß davon, daß Provis sich zu jener Zeit versteckt gehalten, und die Kenntniß der Gründe, weshalb er dies gethan, wie ein Schwert über seinem Haupte, als ein Mittel, ihn arm zu erhalten und schwerer arbeiten zu machen. Es wurde mir gestern Abend klar, daß dies den Angelpunkt in Provis Hasse bildet.«

»Ich möchte wissen,« sagte ich, »und zwar ganz genau, Herbert, falls er es Dir gesagt hat, wann sich dies zutrug?«

»Ganz genau? Dann laß mich wiederholen, was er in Bezug darauf gesagt hat. Seine Worte waren: ›es sind runde zwanzig Jahre her, und war fast gleich, nachdem ich mit Compeyson zusammengetreten war.‹ Wie alt warest Du, als Du auf dem kleinen Kirchhofe mit ihm zusammentrafest?«

»In meinem siebenten Jahre, glaube ich.«

»Ja wohl. Es waren damals vielleicht vier Jahre danach vergangen, sagte er, und Du riefest ihm das auf so traurige Weise verlorene kleine Mädchen in die Erinnerung zurück, da sie eben in Deinem Alter gewesen sein würde.«

»Herbert,« sagte ich nach einem kurzen Schweigen, auf etwas hastige Weise, »kannst Du mich besser bei dem Lichte des Fensters oder bei dem des Feuers sehen?«

»Beim Lichte des Feuers,« antwortete Herbert, sich abermals zu mir herbeugend. »Sieh mich an.«

»Ich sehe Dich, mein lieber Junge.«

»Berühre mich.«

»Ich berühre Dich, mein lieber Junge.«

»Du fürchtest nicht, daß ich Fieber habe, oder daß mein Kopf durch das Unglück von gestern Abend besonders afficirt ist?«

»Nein, mein lieber Junge,« sagte Herbert, nachdem er sich Zeit gelassen, mich wohl zu prüfen. »Du bist etwas aufgeregt, aber vollkommen Deiner Sinne Herr.«

»Ich weiß, ich bin Herr meiner selbst; und der Mann, den wir unten am Flusse versteckt halten, ist Estellas Vater.«

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