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Als Irma in I. aus dem Coupé stieg, schaute sie sich überall nach Gustav und Flora um, aber niemand war zu erblicken. Etwas enttäuscht nahm sie sich eine Droschke und ließ sich nach der kleinen, dicht vor der Stadt gelegenen Villa fahren, welche ihr Bruder bewohnte.

Es war ein schöner Tag zu Ende Februar; wie holde Frühlingsahnung zog es durch die Luft. Hier und da fingen einige geschützt stehende Büsche an zu knospen, und in dem Gärtchen vor dem Hause blühten gelbe und lila Krokus. Die Villa sah allerliebst aus; von dem hell gestrichenen Giebel hob sich der Fenster und Türen umrankende Efeu malerisch ab.

Irma klingelte, mußte aber lange warten; erst als sie zum zweiten Male die Glocke zog, wurde geöffnet, und eine mürrische Stimme brummte:

»Es wird doch wohl nich so 'ne Eile haben, ich komm schon.«

Eine dicke Dienstmagd in den fünfziger Jahren, mit aufgedunsenem, frechem Gesicht, pechschwarzem Haar und einem Anflug von Schnurrbart auf der Oberlippe ward sichtbar. Sie trug ein dunkles Wollkleid, aus dessen kurzen Puffärmeln die drallen, feuerroten Arme wie fest gestopfte Würste zum Vorschein kamen. Der Boden dröhnte unter ihren Schritten, und sie hatte ganz und gar das Aussehen eines verkleideten Dragoners.

»Ist die gnädige Frau zu Hause?« fragte Irma erschreckt und kleinlaut beim Anblick dieser martialischen Erscheinung.

»Jawohl.«

»Sagen Sie ihr, daß ich angekommen bin, Fräulein von Holten, die Schwester des Herrn.«

»Nicht nötig,« damit deutete sie auf eine Tür am Ende des Korridors. Diesem gebieterischen Winke gehorchend, beeilte Irma sich an die bezeichnete Türe zu klopfen. Kein »Herein« ertönte; sie schaute sich hilflos um, aber das Mannweib war verschwunden. Irma öffnete, prallte indes sofort zurück, denn das ganze Zimmer war mit Rauch erfüllt, der Qualm trieb ihr Tränen in die Augen und reizte sie zum Husten. Als sie nach einigen Augenblicken zögernd eintrat, konnte sie ein geräumiges Gemach unterscheiden mit eleganten, ganz modernen Möbeln. Sie sah Vorhänge und Wandbekleidungen von hellgrüner Seide, mit stilisierten Blumen durchwirkt, überall in künstlerischer Anordnung durch den ganzen Raum verstreut Büsten, Bilder und Kunstwerke jeder Art. Was Irma aber am meisten in Erstaunen setzte, war Flora selbst, die in einem lose hängenden, weißen Gewande vor dem Ofen kniete und augenscheinlich die verzweifeltsten Anstrengungen machte, das Feuer anzuzünden; es wollte nicht brennen, dicke blaue Rauchwolken stiegen aus den Steinkohlen in die Höhe und hüllten die junge Frau vollständig ein.

»Mein Himmel, Flora, was treibst du da?« rief Irma.

Die Angerufene kehrte sich um, ganz entsetzt beim Anblick ihrer Schwägerin.

»Ach Gott, ist's schon so spät? Ich wollte dich von der Bahn abholen und habe gar nicht auf die Zeit geachtet. Was soll ich nun machen? Das eklige Feuer will und will nicht brennen.«

»Eine nette Begrüßung,« meinte Irma lachend. »Komm aber wenigstens mal her und gib mir einen Kuß, und dann wollen wir das Fenster aufreißen, denn in diesem Rauch ersticken wir ja.«

»Wenn ein Luftzug hereinkommt, werden die Kohlen erst recht nicht anbrennen.« Und sofort kehrte Flora zum Ofen zurück.

»Aber Kind, warum rufst du nicht das Mädchen?«

»Ach, Irma, ich getraue mich nicht. Vor ein paar Stunden brannte das Feuer ganz gut; ich habe vergessen danach zu sehen, und nun wage ich nicht, sie noch einmal zu bemühen. Sie würde böse werden, und ich hab' solche Angst vor ihr.«

»Wenn es das Wesen ist, das mir aufmachte, dann glaube ich dir's. Die sah ja aus wie ein Mann. Wie konntest du nur so ein Mädchen nehmen, Flora?«

»Ach, sprich nicht davon; wir sind zwei Monate verheiratet, und dies ist schon die Fünfte.«

»So? Wie kommt denn das?«

»Ich weiß es nicht,« klagte Flora, immer noch das Feuer anblasend. »Ich glaube, ich verstehe nicht mit ihnen umzugehen. Die erste, die wir hatten, radelte leidenschaftlich und wollte nicht kochen; dann kam eine, die stahl wie ein Rabe, in zwei Tagen war das Wirtschaftsgeld alle, ohne daß ich es ausgegeben hätte; die dritte ging in einem meiner Kleider und mit meinem Hut spazieren; die vierte hatte eines Tages ihren Schatz und noch fünf oder sechs Soldaten in der Küche. Von dieser glaube ich, daß sie trinkt, denn sie flucht entsetzlich, und ich habe schreckliche Furcht vor ihr.«

»Und Gustav?« fragte Irma, die trotz allem lachen mußte.

»Ach, du siehst doch wohl ein, daß ich ihm mit dieser häuslichen Misere nicht lästig fallen kann. Er findet es so wie so schon merkwürdig, alle Augenblicke ein andres Gesicht zu sehen. Der Haushalt und das Mädchen gehören doch zu meinem Wirkungskreis.«

Das offenstehende Fenster schien dem Feuer bekömmlich zu sein; der Rauch verzog sich, und die Kohlen fingen an zu brennen. Mit einem Seufzer der Erleichterung stand Flora auf.

»Gott sei Dank,« sagte sie. »Es ist ja sehr schönes Wetter, aber ohne Feuer geht es doch noch nicht.«

»Warum hast du keine Füll- oder Gasöfen?« fragte Irma, »dann brauchtest du dich gar nicht darum zu kümmern.«

»Ach, die mag Gustav nicht. Er sagt, das sind häßliche, unkünstlerische Dinger; er will das Feuer und die Flammen sehen, das bringt ihn auf gute Gedanken und regt ihn an.«

»So! Aber sag' mal, Flora, du siehst eigentlich sonderbar aus. Gehst du immer in solch einem weißen Kleide?«

Floras Toilette war in der Tat höchst eigenartig. Ihr langes, schleppendes, weißes Gewand, am Halse ein wenig ausgeschnitten, mit weiten, hängenden Ärmeln, und ihr blondes, aufgelöstes Haar, das nur von einem schmalen, goldnen Bande zusammengehalten wurde, erinnerten sehr an Theater oder Maskenball.

»Findest du es nicht schön?« fragte sie, indem sie sich um sich selbst drehte, damit Irma sie von allen Seiten bewundern könne.

»Ja, es steht dir sehr gut, aber es ist doch ein bißchen komisch, sich so zu kleiden; ich finde es geziert und auffallend.«

»Gustav hat's gern, wenn ich mich so kleide und das Haar aufgelöst trage; dann bin ich in seinen Augen Elsa.«

»Wird er nun bald als Schwanenritter erscheinen?« fragte Irma spottend.

»Nein, das geht natürlich nicht, aber Gustav sagt, die Menschen, die alles, was ein bißchen vom Althergebrachten abweiche, geziert fänden, seien eben ganz und gar nicht künstlerisch veranlagt.«

Irma schaute ihre junge Schwägerin erstaunt an; aber sie sah sofort ein, daß Flora nicht beabsichtigt hatte, ihr etwas Anzügliches zu sagen. Sie wiederholte nur die Worte ihres Gatten wie eine auswendig gelernte Aufgabe.

Sie gingen jetzt zusammen nach oben, und Irma mußte das ganze Haus bewundern. Die Einrichtung war wirklich höchst geschmackvoll, aber sämtliche Zimmer und Schränke zeigten die Spuren weitgehendster Unordnung. Die mit hellen Seidenstoffen bezogenen Sessel und Sofas waren voll Flecken, und die unglaublichsten Dinge lagen überall umher. Im Schlafzimmer waren Notenbücher über den Boden verstreut, und auf dem ungemachten Bett mit herunterhängender Spitzendecke lagen Schreibmaterialien neben einem halb beschriebenen Notenblatt. Gustav hatte beim Ankleiden eine Eingebung gehabt und sofort seine Gedanken zu Papier gebracht, dann aber keine Zeit gefunden, die Arbeit durchzusehen. Nun durfte niemand daran rühren, ehe er heimkehrte. Irma war gewiß keine vollendete Haushälterin, aber bei Großmama Gontrau herrschte eine so tadellose Ordnung und anheimelnde Gemütlichkeit, daß sie sich unwillkürlich über dies tolle Durcheinander ärgerte.

»Wie kommt es, Flora, daß deine schönen Stühle schon so arg schmutzig sind?« fragte sie, als sie wieder unten waren.

»O, das haben die abscheulichen Mägde getan,« versetzte Flora. »Sag mal, Irma,« fuhr sie, ihre Schwägerin mit großen, erschrockenen Augen ansehend, fort, »findest du es hier nicht nett?«

»Na, um der Wahrheit die Ehre zu geben, wenn ich erst so kurze Zeit verheiratet wäre und so viele schöne Sachen hätte, würde ich sie doch mehr in acht nehmen.«

»Ich tue, was ich kann,« sagte Flora ernst, »aber es ist so schwer. Gustav meint, es käme darauf nicht an. Er selbst ist so zerstreut, er denkt nur an seine Musik, ist nie bei der Sache. Gestern z. B. goß er den Wein auf die Teller statt in die Gläser; er nimmt allerhand Dinge mit nach oben, die nicht in die Schlafstube gehören, und vergißt sie an ihren Platz zurückzustellen; ich will gern alles in Ordnung halten, aber ich bin so nervös, mache häufig Flecken, und zerbreche viel.«

»Das ist sehr schade,« meinte Irma.

»Das ärgste aber von allem sind die Dienstmädchen. Ich glaube, diese Lisa ist die fürchterlichste, die ich noch gehabt habe. Stelle dir vor, morgens tritt sie bei mir an und fragt mich allerlei, was ich nicht weiß. Ich habe doch keine blasse Ahnung, wieviel Fleisch oder Fisch oder Gemüse oder Butter ich brauche, und die Preise kenne ich erst recht nicht. Verstehst du das alles?«

»Alles nicht, aber so 'ne schwache Idee habe ich doch davon.«

»Ich nicht. Großmama Flora sagte immer, der Haushalt ginge von selbst, den brauchte man nicht zu lernen. Mama hat zwar in letzter Zeit versucht, mir einiges zu zeigen, aber ich war so von meiner Liebe zu Gustav erfüllt, daß ich nicht aufpaßte. Nun tut mir das leid. Jetzt, wo du hier bist, kannst du mich belehren, ja?«

»Viel wird das nicht sein; aber so gut ich kann, will ich dir gern helfen.«

»Wirst du dich auch vor Lisa fürchten?«

»Nein, sie ist doch nur die Magd.«

In diesem Augenblick trat die, von der sie soeben gesprochen, ins Zimmer.

»Es ist Zeit, den Tisch zu decken,« sagte sie barsch, und dann fuhr sie, zu Flora gewendet, fort:

»Geben Sie mir die Schlüssel zum Wäscheschrank und zum Weinkeller.«

Irma gab ihrer Schwägerin einen Wink, daß sie es verkehrt finde, dem Mädchen die Schlüssel zu überlassen, wandte sich aber verlegen ab und betrachtete aufmerksam einen Kupferstich an der Wand, als Lisa sie mit herausforderndem Blick ansah, und die Hände in die Seiten stemmte.

Die Magd füllte die ganze Stube mit ihren schwerfälligen, plumpen Bewegungen und ihrer Riesengestalt aus. Dröhnend ging sie hin und her und schaute immer wieder so drohend nach der Türe, daß den beiden Kindern angst und bange wurde, und sie, der gleichen Empfindung folgend, zusammen das Zimmer verließen.

Gustav kam nach Hause. Er hatte sich, seit Irma ihn zuletzt gesehen, wenig verändert. Seine träumerischen Augen starrten wie immer ins Blaue hinein. Sein Haar war gewachsen und ringelte sich bis in den Nacken. Er trug eine kurze Samtjoppe, einen Umlegekragen und eine breite, flatternde Krawatte. Als er eintrat, flog Flora ihm entgegen, und ohne von seiner Schwester die geringste Notiz zu nehmen, schloß er sein Weibchen in die Arme und küßte es. Diese Umarmung dauerte mindestens fünf Minuten. Irma vernahm alle möglichen Ausrufe, wie: »Mein blondgelockter Engel! Meine Elsa! Meine reine, weiße Lilie!« – und: »Mein Held! Mein Künstler! Mein liebes Männchen!« etc. Ihr wurde ganz schwach, und endlich rief sie:

»Hört mal, ich bin auch noch da!«

Nun hieß Gustav sie herzlich willkommen und ging dann in sein Zimmer. Auch hier herrschte eine geniale Unordnung. Stöße von Musikheften bedeckten den Flügel sowie sämtliche Stühle und selbst die Erde, sodaß es eine Kunst war, einen Weg durch dies Chaos zu finden.

Die gefürchtete Lisa meldete, daß das Essen fertig sei.

»Ich will nicht, daß alles kalt wird,« fügte sie hinzu; »sagen Sie also dem Herren, er soll gleich kommen.«

Gehorsam ging Flora, um ihren Mann zu rufen; er saß am Flügel und spielte. In den ersten zehn Minuten gab er auf die Bitte seiner jungen Frau überhaupt keine Antwort.

Endlich, als sie es wagte, leise näher zu treten und ihn auf ihre Anwesenheit aufmerksam zu machen, stand er träumerisch auf, fuhr mit der Hand durch sein langes Haar und folgte ihr.

Lisa brachte das Essen herein und bediente mit einem Gesicht wie eine dräuende Gewitterwolke. Das Mahl war gut zubereitet, aber es wurde in solchen Mengen aufgetragen, daß noch mindestens zehn Personen hätten mitspeisen können. Irma machte ein sehr erstauntes Gesicht.

»Was für ein kolossaler Rinderbraten, der würde für ein Waisenhaus genügen,« sagte sie, als Lisa das Riesenstück auf den Tisch stellte.

Das Mädchen warf ihr unter gerunzelten Brauen einen wütenden Blick zu, und Flora winkte ihr erschrocken, sie möchte schweigen.

»Aber Kind,« begann Irma, als das Schreckgespenst das Zimmer verlassen hatte, »warum bestellst du solche Riesenbraten? Nun müssen wir die ganze Woche von kaltem Fleisch leben.«

»O nein, davon ist morgen nichts mehr übrig.«

»Was!« rief Irma, mit vor Staunen weit aufgerissenen Augen.

»Ja, wo es hinkommt, weiß ich nicht.«

»Aber das ist doch unmöglich. Wir drei zu Hause essen nicht den zehnten Teil von dem, was hier aufgetischt wird; wo bleiben denn die Reste?«

»Auf den Tisch kommt nichts mehr davon.«

»Aber dann bringt Lisa sie beiseite.«

»Ums Himmels willen, sei doch still. Wenn sie das hörte!«

»Na, es ihr ins Gesicht zu sagen, würde ich freilich nicht wagen. Aber Gustav, du, der Herr des Hauses, solltest doch das Mädchen zur Rede stellen.«

»Um was handelt sich's denn?« fragte Gustav, der in seiner zerstreuten Art aß, auf nichts achtete, was um ihn her geschah, und nicht hörte, was gesprochen wurde.

Irma legte ihm den Fall vor.

Er schaute ebenso hilflos drein, wie sein kleines Frauchen, und sagte freundlich:

»Meine liebe Irma, was können wir da machen?«

»Nun, aufpassen und wenn nötig, sie ins Verhör nehmen.«

»O nein, das Frauenzimmer würde heulen, schreien und fluchen. Ich finde sie schon schrecklich genug, mit ihrer lauten Stimme und ihren unschönen Bewegungen. Ich möchte so gern ein Mädchen haben, das mit Floras poetischer Erscheinung mehr im Einklang stände. Was sie aber mit dem übriggebliebenen Essen macht, kann mir doch ganz egal sein.«

»Wenn du nach dem Mittagessen alles an einen bestimmten Platz stellen ließest, Flora.«

»O, liebste Irma, hier im Hause hat nichts seinen bestimmten Platz.«

»Du mußt meinem kleinen Liebling keinen Schreck einjagen, Schwesterchen,« sagte Gustav. »Sie bemüht sich nach Kräften, und ich habe ein bißchen geniale Unordnung gern.«

»Aber auf diese Weise seid ihr bald bettelarm.«

»Ach nein, wir besitzen noch einen großen Haufen Geld, und wenn das alle ist, komponiere ich meine neue Oper; mir stecken ja so viel Ideen und Melodien im Kopf. Und dann werden wir wieder reich, gelt, Florchen?«

Beide lachten so sorglos und herzlich, daß Irma, die von Natur wahrhaftig nicht ernst angelegt war, lustig mit einstimmte.

Ein paar Tage später wurde sogar Gustav aus seiner behaglichen Gleichgültigkeit wachgerüttelt. Seine Frau war mit Irma spazieren gegangen. Als er nach Hause kam, stand ein Haufen Menschen vor der Türe der kleinen Villa, und über dem Dach schwebte eine dichte schwarze Rauchwolke.

»Es brennt,« rief es von allen Seiten, und bei seinem Eintritt schlug ihm ein erstickender Qualm entgegen. Es war ein Schornsteinbrand, und in der Küche saß die gefürchtete Lisa mit dem Kopf auf dem Tisch und schnarchte, während eine geleerte Kognakflasche und ein Glas daneben deutlich erkennen ließen, woher sie so zur Unzeit ein Bedürfnis nach Ruhe überkommen hatte.

Fremde Leute drangen ins Haus; die Feuerwehr und die Polizei wurden alarmiert. Gustav war später außer Stande zu erzählen, wie alles sich zugetragen hatte; aber als Flora und Irma heimkehrten, fanden sie in der Küche eine fürchterliche Unordnung, und Lisa war von der heiligen Hermandad mit Sack und Pack aus dem Hause geschafft worden. Nur in höchst unzusammenhängender Weise vermochte Gustav ihnen das Geschehene zu erklären; dann standen sie alle drei und schauten sich bestürzt an, bis Flora endlich erleichtert aufatmete und Gott dankte, daß Lisa fort war, denn sie würde nie den Mut gefunden haben, ihr zu kündigen.

An diesem Mittag speisten sie in einem Restaurant und unterhielten sich köstlich. Am folgenden Morgen machten Irma und Flora die Betten und lachten sich über ihre Ungeschicklichkeit gegenseitig aus. Während ihnen bei ihrer ungewohnten Beschäftigung die Stunden im Fluge vergingen, waren sie ausgelassen lustig, wie zwei Kinder, die das Wirtschaften als Spiel betreiben, bis Gustav heimkehrte und ihnen erzählte, daß des Abends eine Anzahl Herren zum Musizieren kommen und zum Nachtessen bleiben würden.

Irma prustete los, aber Flora machte ein ganz entsetztes Gesicht.

»Männchen, wie konntest du sie heute einladen? Wir haben doch noch kein Mädchen, es ist unmöglich.«

»Daran hab' ich nicht gedacht,« versetzte Gustav ganz geknickt. »Aber absagen kann ich nicht. Dr. Schweinfurt und der Direktor des Konservatoriums, Raabe, wollten so gern deine Bekanntschaft machen; sie bringen beide ihre Frauen mit.«

»Wie soll das nur werden?«

»Das weiß ich nicht, Kindchen, denke dir etwas Gescheites aus.« Doch Flora war nicht erfinderisch. Hülflos schaute sie sich um, und das Weinen war ihr näher als das Lachen.

»Bist du ängstlich,« rief Irma, »deshalb gleich den Kopf hängen zu lassen. Weißt du was, ich werde mich als Magd verkleiden, den Gästen aufmachen und sie bedienen. Das kann einen köstlichen Spaß geben. Wir wollen uns gleich an die Arbeit machen.«

Gustav stimmte diesem Plane freudig zu, und die beiden jungen Damen begaben sich an die Ausführung. Er sollte im Musikzimmer aufräumen, aber als nach einer Stunde Irma einmal sehen wollte, was er eigentlich trieb, fand sie ihn auf der Erde sitzend und in einer interessanten Partitur blätternd, die er unter den Notenheften gefunden hatte. Darüber hatte er natürlich alles vergessen, auch die ihm aufgetragene Arbeit.

Irma zupfte ihn an den Ohren und rief Flora herbei. Zuerst bekam er tüchtig Schelte, dann wurde im Rat der Frauen beschlossen, ihn auszuschicken, um die Einkäufe zu besorgen, denn hier im Hause würde er den Wirrwarr doch nur vergrößern. Sie gaben ihm einen Zettel, auf dem alles, was sie zum Abendessen brauchten, verzeichnet stand, und er ging willig fort, mit dem Versprechen, nichts zu vergessen.

Nun machte Irma sich mit vollem Ernst ans Werk, und Flora half tapfer. Das Musikzimmer und der Salon wurden aufgeräumt, das heißt, alles was nicht hinein gehörte, hinter die großen Möbelstücke gepackt. Als der Berg von Büchern, Zigarrenkisten und andern Gegenständen so mächtig anwuchs, daß er drohte, über den Flügel und das Sofa hinauszuragen, warf Irma mit anmutiger Nachlässigkeit einen bunten Teppich darüber, der nach Floras maßgebender Meinung in der Ecke eine sehr hübsche Wirkung hervorbrachte. Inzwischen kehrte Gustav heim, gefolgt von einem kleinen Jungen, der einen Korb mit allerhand guten Sachen trug; der Hausherr wurde gelobt und abermals ausgeschickt, um einige Blumen zu besorgen. Er kam mit einer Menge von lila und weißem Flieder, duftenden Maiglöckchen und großen Büscheln Goldregen zurück, die er selbst, höchst künstlerisch, in den schlanken Vasen ordnete. Es sah wirklich alles sehr hübsch aus. Im Eßzimmer wurde die Tafel gedeckt. Flora wußte von keinem Geschirr, wo es seinen Platz hatte; die Champagnergläser fanden sich im Wäscheschrank, und das blaue Porzellan stand unter dem Bett; auch entdeckten die jungen Eheleute bei dieser Gelegenheit, daß schon vieles fehlte und verschiedene Dinge zerbrochen waren, aber das regte sie weiter nicht auf. In der Küche herrschte solch ein Durcheinander, daß Irma erklärte, sie wollten nur die Türe zulassen und gar nicht hinein sehen, sonst müßten sie verzweifeln. Nach unendlich vielem Suchen, Lachen und Hin- und Herlaufen war die Tafel gedeckt, und wenn sie auch nicht so aussah, daß eine perfekte Hausfrau damit zufrieden gewesen wäre, die Gäste mußten eben vorlieb nehmen. Da es nur Künstler unter sich waren, kam es ja nicht so genau darauf an. Gustav erklärte es für höchst gemütlich und sehr hübsch.

Nun wurde die Kostümfrage für Irma beraten. In dieser Beziehung war die Kleine geschickt, und sie überraschte Flora durch ihre ungewöhnliche Findigkeit.

Ihre eigene Garderobe sowie die ihrer Schwägerin wurden eingehend durchgesehen, wobei ein einfaches rosa und weiß gestreiftes Kattunkleid mit kurzen Ärmeln aus Floras Mädchenzeit zum Vorschein kam. Irma zog weiße Strümpfe und schwarze Lackschuhe mit Kreuzbändern an, über den gestreiften Rock band sie eine Leinenschürze, mit roten Borten gestickt; ihr schönes, blondes Haar legte sie in dicken Flechten um den Kopf, und aus einem Spitzenschlips verfertigte sie mit Hilfe einiger Nadeln ein Häubchen. In diesem Anzug zeigte sie sich dem jungen Ehepaare, das vor Entzücken in die Hände klatschte. Sie hatte nichts von einem Dienstmädchen an sich, sondern sah aus wie ein Zöfchen aus einem französischen Lustspiel; aber sie war so reizend, daß Gustav sie einige Augenblicke sprachlos anstarrte, und dann erklärte, es sei ein Genuß, sie anzusehen; wenn er nur solch ein Dienstmädchen bekommen könnte, dann möchte sie in Gottes Namen radeln, stehlen, trinken, ja sogar Brand stiften. Flora hatte ihr gewöhnliches weißes Hauskleid mit einem ähnlichen Gewande von schmiegsamem Stoff und unbestimmter zartlila Farbe vertauscht, das am Halse ein wenig ausgeschnitten und mit echten Spitzen garniert war. Sie sah in dem durch seidene Lampenschirme etwas gedämpften Licht des Musikzimmers, das manche Unordnung mitleidig verhüllte, wirklich reizend poetisch aus. Gustav meinte nämlich, ein mattes Dämmerlicht erhöhe die Stimmung. Er war sehr zufrieden, da nun alles so recht nach seinem Wunsche ging; hätte er einen von den abscheulichen Küchendragonern im Hause gehabt, so wäre nie ein so wohltuendes Ganzes zustande gekommen.

Während Irma das junge Paar zum Schluß noch ermahnte, nicht zu lachen, sondern ernst zu bleiben, wenn sie bei Tisch bediente, klingelte es. Voll Jubel über die Rolle, die sie spielte, lief sie hinaus und öffnete.

Ein langer, hagerer Herr mit einer goldenen Brille trat ein. Sein kahles Haupt, das nur im Nacken einen Kranz langer Haare zeigte, erinnerte Irma lebhaft an eine Billardkugel mit Fransen. Ihm zur Seite schritt sein alter ego, eine sehr stattliche Dame mit lauter Stimme. Sie trug ein schwarzes Atlaskleid und eine schwere, dreifache Goldkette um den Hals. Ihre kleinen, gutmütigen Augen schauten mit großem Staunen auf Irma, und noch bevor sie den Salon erreichten, flüsterte sie ihrem Gatten zu, sie hätte nie geglaubt, daß in I. solch ein Dienstmädchen zu finden sei.

Irma meldete Herrn und Frau Dr. Raabe. Gustav, der die Verkleidung schon längst wieder vergessen hatte, benahm sich angemessen, aber Flora preßte die Lippen auf einander, um nicht laut loszuprusten. Dann kam ein junger Mann, der, während Irma ihm half seinen Überzieher ablegen, sie unters Kinn faßte und ihr zuflüsterte, daß sie ein paar Prachtaugen habe. Das war weniger angenehm, aber ihre Rolle mußte sie durchführen, so schaute sie ihn nur entrüstet an und drehte ihm den Rücken. Nach und nach erschienen alle Gäste, und dieser Teil des Programms verlief ohne irgend ein Unglück. Flora schenkte den Tee ein, den Irma herumreichte, und die beiden vergnügten sich dabei göttlich. Frau Schweinfurt, eine schmachtende Dame mittleren Alters in himmelblauer Seide, starrte Irma beharrlich an und machte die anderen flüsternd auf ihre weißen Händchen und anmutigen Bewegungen aufmerksam. Schließlich fragte sie Flora, woher sie das Mädchen habe, und diese rettete sich aus ihrer Verlegenheit durch den Einfall, es sei ihre Milchschwester, die ihr aus der Heimat gefolgt wäre. Gustav mußte sich abwenden, um sich nicht zu verraten, und Irma flüchtete ins Eßzimmer, wo sie einen solchen Lachanfall bekam, daß sie in den nächsten fünf Minuten nicht imstande war, den Salon wieder zu betreten.

Nun setzte der Gastgeber sich an den Flügel, und sobald die ersten Akkorde erklangen, wurden alle still und lauschten andächtig dem meisterhaften Spiel. Hinter der Türe horchte Irma auf das Spiel ihres Bruders; sie vergaß alles, die Rolle, die sie zu spielen hatte, und auch das angenehme Gefühl befriedigter Eitelkeit über ihr reizendes Aussehen. Tränen traten ihr in die Augen, eine große Sehnsucht nach Otto ergriff sie, und ihr war, als wäre ihr Herz zu klein, um alle Gefühle der Liebe, des Glückes und der Wehmut, die auf sie einstürmten, zu fassen. Als die letzten Töne verhallten und die Gäste noch immer den gewaltigen Eindruck der herrlichen Musik in sich nachwirken ließen, und zu ergriffen waren, um in lautes Beifallklatschen auszubrechen, zeigte sich Irma als das echte Kind aus einer Familie von Künstlern. Einer augenblicklichen Eingebung folgend, flog sie auf ihren Bruder zu, umarmte ihn, und rief:

»O Gustav, das war himmlisch!«

»Aber Irma,« schrie Flora entsetzt; die andern, plötzlich aus ihrer Verzückung erwachend, schauten mit erstaunten, halb spöttischen, halb entrüsteten Mienen das vermeintliche Dienstmädchen an.

Einen Augenblick war es Irma, als müsse die Erde sich öffnen und sie verschlingen; sie wünschte sich meilenweit fort; dann aber tat sie das klügste, was sie tun konnte, und fing herzlich an zu lachen.

»Ja, nun bleibt uns nichts übrig, als alles zu verraten,« rief sie, und sie und Flora erzählten abwechselnd ihre Abenteuer mit Lisa. Weit entfernt, daß die gute Laune dadurch getrübt worden wäre, begann es nun erst recht nett und gemütlich zu werden. Natürlich hatte jeder sofort gemerkt, daß es mit diesem Dienstmädchen eine ganz eigene Bewandtnis haben müsse. Ungesucht wurde sie die Heldin des Abends. Alle wollten beim Bedienen helfen; einige Herren rannten nach der Küche, und die dort herrschende Unordnung war in Gefahr verraten zu werden, aber Irma hatte die Geistesgegenwart, das Gas schnell auszudrehen. Große Verwirrung und heller Jubel! Der junge Mann, der beim Kommen schon galant gegen das schöne Dienstmädchen gewesen war, stolperte über einen Eimer. Zum Glück tat er sich nicht weh; Irma hatte auch nicht das geringste Mitleid mit ihm und erklärte lachend, daß er nur seinen verdienten Lohn ernte.

Frau Schweinfurt, die sich ärgerte, daß man soviel Wesens von dem koketten Ding machte, wie sie Irma später benannte, erhob sich und gab ihrem Gatten einen Wink, sich ans Klavier zu setzen und sie zu begleiten. Für eine Weile zog ihr dünner Sopran die Aufmerksamkeit von der kleinen Holten ab. Das Konzert wurde hierauf fortgesetzt und nur dann und wann durch einige Scherze unterbrochen. Beim Souper erst erreichte die allgemeine Heiterkeit ihren Höhepunkt.

Die tollsten Dinge wurden getrieben; die Herren machten Kappen aus ihren Servietten und liefen mit den Tellern und Schüsseln in langem Zuge durchs Haus, der größte voraus, der kleinste zum Schluß, unter Absingung eines bekannten Marsches aus einer Operette. Alle tollten durcheinander, um noch etwas Vergessenes zu suchen. Flora und Gustav, ohne sich irgendwie verstimmt und verlegen zu fühlen, lärmten mit. Alle Räume wurden festlich beleuchtet, und was unten nicht zu finden war, kam im Schlafzimmer aus dem einen oder andern Schrank zum Vorschein. Ein jeder beteiligte sich beim Bedienen, schnitt vor oder schenkte ein. Leute, die sich bisher nur wenig gekannt hatten, streiften alle Förmlichkeit ab und benahmen sich mit einer Ungezwungenheit, als ob sie seit Jahren im engsten Verkehr mit einander gestanden hätten.

Das Fest dauerte bis spät in die Nacht hinein, und alle waren ausgelassen wie Kinder, die das ganze Haus auf den Kopf stellen, wenn Papa und Mama verreist sind. Nur die gutmütige, dicke Frau Raabe fühlte endlich Mitleid mit der jugendlichen Gastgeberin und ihrer reizenden Schwägerin, namentlich wenn sie an das Durcheinander dachte, das am nächsten Morgen in Ordnung gebracht werden mußte. Als es ihr an der Zeit zu sein schien, stand sie, ihr Sektglas in der Hand, auf, brachte das Wohl der drei Holtens aus und fügte das Versprechen hinzu, für ein tüchtiges Dienstmädchen zu sorgen, das alle schlechten Streiche der Vorgängerinnen durch seine vortrefflichen Leistungen gut machen sollte.

Unter allgemeiner Zustimmung nahmen die Gäste Abschied, nachdem sie noch ein wenig beim Aufräumen geholfen hatten, und Irma und Flora konnten sich übermüdet, wie sie waren, gleich zur Ruhe begeben.

Frau Direktor Raabe hielt Wort. Sie kam am folgenden Morgen selber, um zu helfen, und verrichtete in ein paar Stunden wahre Wunderdinge, wobei ihr Frau von Holten und ihre Schwägerin tapfer beistanden. Unter ihren praktischen, aufmunternden Anweisungen zeigten sie erstaunliches Geschick und griffen überall wacker selbst mit an. Sie sorgte auch für ein gutes Mädchen, das in wenig Tagen den ganzen Haushalt wie durch Zauberei umgestaltete und Ordnung und Sauberkeit einführte, ohne die Ansprüche und Untugenden ihrer Vorgängerinnen zu besitzen. Gustavs Schönheitssinn befriedigte sie zwar nicht – sie war eine einfache Person mittleren Alters und von ganz gewöhnlichem Aussehen, sauber und anspruchslos gekleidet – aber es gefiel ihm, Ordnung und Nettigkeit, wenn sie nicht in kleinliche Pedanterie ausarteten, um sich zu sehen. Es berührte ihn sehr angenehm, bei seiner Heimkehr die Mahlzeiten zierlich aufgetragen und schmackhaft bereitet zu finden, und von seinem kleinen Frauchen keine Klagen und Seufzer, sondern nur lebhafte Lobpreisungen des Mädchens zu hören. Da auch in seinen Ausgaben sich der Unterschied sehr bemerkbar machte, war er der guten Frau seines Direktors aufrichtig dankbar.

Irma blieb noch einige Wochen bei dem jungen Paar, und unterhielt sich ausgezeichnet. Es war ein Genuß für sie, mit dem Bruder, den sie eigentlich so wenig kannte, einmal länger zusammen zu sein. Sie lernte seine guten Eigenschaften, seine Herzlichkeit, seine Milde schätzen und verzieh ihm dafür gern seine Zerstreutheit, sein träumerisches und ein bißchen überspanntes Wesen, das er ja mit vielen Künstlern gemein hatte. Auch Flora war ihr sehr lieb geworden, aber ihr Geheimnis Otto betreffend verriet sie nicht; daß sie es nicht tat, nicht einmal die Versuchung fühlte, war ihr selbst auffallend. Schon früher hatte sie den Baron Hochstein flehentlich gebeten, eine passende Gelegenheit zu suchen und ihrem Bruder seinen Besuch zu machen; von der Landpartie her kannte er doch Gustav und seine kleine Frau. Sie hätte einen Verkehr Ottos mit ihrer Familie doch schon wie eine halbe Erfüllung ihrer Zukunftshoffnungen angesehen. Von der Hand gewiesen hatte der junge Baron diesen Plan auch nicht, ja er hatte ihn sogar recht vernünftig gefunden, aber zur Ausführung war er trotzdem nicht gekommen. Als Irma nun bei Holtens zu Besuch weilte und in den ersten Tagen ihres Aufenthaltes in I. eine Gelegenheit fand, Otto auf der Straße zu sprechen, drang sie ernstlich in ihn einen Vorwand zu ersinnen und endlich seinen Besuch zu machen. Sie könne es dann leicht einrichten, daß Flora ihn einmal zum Essen einlüde, und fände es himmlisch, auf diese Weise sich öfter sehen und sprechen zu können. Otto sagte, daß er das von Herzen gern tun möchte, aber jetzt so viel zum Examen zu arbeiten hätte, daß es ihm wirklich an Zeit fehle. Sie beruhigte sich und dachte, wie gut und lieb es von ihrem Anbeter wäre, sich um ihretwillen derartig anzustrengen.

Otto vermied es sogar, ihr zu begegnen, wenn sie mit Flora oder Gustav ausging. Die arme Irma hatte sich eingebildet, sie werde ihn während ihres Aufenthaltes in I. häufig zu sehen bekommen, und die Enttäuschung, daß es nicht geschah, war groß; traf sie ihn aber dann und wann einmal zufällig auf einige Minuten, so blieb er sich in seinen zärtlichen und leidenschaftlichen Liebesbeteuerungen immer gleich. Die trübe Zeit der Heimlichkeit würde ja nun bald vorüber sein; in vier bis fünf Monaten – ein Monat war schon wieder verstrichen – machte er sein Examen, dann begann ihr Glück, dessen war sie sicher. Sie ließ sich immer wieder durch die schönen Zukunftsbilder, die er ihr vorspiegelte, täuschen; sie glaubte und vertraute – eher würde sie an den Untergang der Welt gedacht haben, als daran, daß Otto von Hochstein kein ehrliches Spiel mit ihr triebe.

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