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Sickingens einziger Freund.

 

Und was ist Dein Beginnen? Hast Du Dir's
Auch redlich selbst bekannt? Du willst die Macht,
Die ruhig, sicher thronende, erschüttern,
Die in verjährt geheiligtem Besitz
In der Gewohnheit fest begründet ruht.

Schiller.

 

Dem Alchymisten entging die Gefahr nicht, welche aus der Ankunft des Schwagers für die Sinnesänderung Sickingens entspringen konnte. Philipp von Flersheim übte auf den Feldhauptmann außerordentlichen Einfluß, der sich nach dem Tode Hedwigs von Flersheim, des Weibes Sickingens, noch steigerte. Franz liebte nämlich seine Hedwig tief und innig, mit der ganzen Kraft seines feurigen Charakters. Oftmals vergoß diese eiserne, durch Waffenlärm und Kriegsläufte abgehärtete Natur Thränen bei der Erinnerung an sein zu frühe verblichenes treues Weib. Obwohl in den besten Mannesjahren stehend, vermochte keine Vorstellung der Freunde, den berühmten Ritter zur Eingehung einer zweiten Ehe zu bewegen; die zärtliche Neigung für Hedwig machte ihm dieß unmöglich. S. E. Münch. Leben. Th. Pl. u. Ausg. Fr. v. Sickingen. Th. II.

Das warnende, edle Bemühen Hedwigs, den kriegerischen Gatten von blutigen Fehden abzuhalten, war nach ihrem Tode gleichsam auf ihren Bruder Philipp übergegangen. Die ungemeine Aehnlichkeit des Domsängers in körperlicher, wie in geistiger Beziehung, sein klar denkender Geist, unterstützt durch viele Beredsamkeit, vermehrten seinen Einfluß auf Franz, den er wahrhaft liebte. – Bekanntlich gehören die großen Opfer und zuweilen gefährlichen Bemühungen Philipps für Sickingen und dessen Söhne zu den rühmlichsten Thatsachen der deutschen Geschichte.

Beim Eintritte des Kantors stand der Feldhauptmann sinnend vor einem Tische, über einer aufgezogenen Rolle brütend. Nach den forschenden, wägenden Blicken zu schließen, welche Franz in die Rolle warf, mußte dieselbe höchst wichtige Dinge enthalten. Neben dieser Rolle lag eine neugeprägte Schaumünze mit dem wohlgetroffenen Bildnisse Sickingens. Er saß auf einem Throne, auf dem Haupte die Krone des heil. römischen Reiches deutscher Nation, in der Linken den Reichsapfel und in der Rechten das Schwert.

Da Flersheim eintrat, fuhr Sickingen erschrocken auf, gleichsam ertappt bei einem Verbrechen. Diese Verwirrung steigerte sich beim Anblicke des Schwagers. Festgewurzelt stand er da, den Sänger mit scheuen Blicken anstarrend. Diese Bewegung war jedoch schnell vorübergehend. Er eilte dem Freunde entgegen, und nach herzlicher Umarmung wich das vorige düstere Hinbrüten des Ritters einer innigen Freude.

»Willkommen zu Landau, mein lieber Schwäher,« sprach Franz. »Lägen nicht überhäufte Geschäfte auf meinen Schultern, wäre ich längst zu Dir nach Speyer hinabgeritten. Bist Du eben angekommen?«

»Eben – Franz; Dir allein gilt mein Besuch!« entgegnete Philipp, und es schlich bei diesen Worten durch seine schönen, edlen Züge einiger Ernst.

Sickingen nöthigte den theuren Gast den weiten Oberrock abzulegen, und bald war der Tisch mit Erfrischungen bedeckt.

»Nun – mein lieber Philipp, was Neues am hohen Stifte zu Speyer?« sprach der muntere Gastwirth, indeß sie niedersaßen und er den Schwager mit wohlgefälligen Blicken betrachtete. »Man erzählt sich Wunderdinge aus Speyer. Des Augustiners Evangelium soll gar den Bischof angesteckt haben. Engelbrecht, der Weihbischof, lautet die Kunde, sei offen zu Luther übergetreten.« Remling's Gesch. d. Bisch. v. Sp. II. B. S. 249-51.

»Das Letztere ist leider wahr; Luthers Lehren erhielten Engelbrechts Beifall,« antwortete der Cantor mit lebhaftem Bedauern in Ton und Blick. »Niemals aber wird Bischof Georg abtrünnig werden.«

»Sei nicht vorschnell, Philipp!« versetzte Franz. »Die Verheißungen des lautern Evangeliums sind zu lockend, um ganz unbeachtet zu bleiben.«

»Wie, Du hältst den Bischof Georg des Glaubensabfalls fähig?« sprach der Domherr nicht ohne Staunen.

»Ich will kein bestimmtes Urtheil über den Mann fällen,« antwortete Sickingen nach kurzem Bedenken. »Ich meine nur, der Krummstab von Speyer gebietet über ein schönes Land. Für Manchen dürfte es großen Reiz haben, unter dem Schutze des freien Evangeliums den dürren Bischofsstab zum sprossentreibenden Scepter zu erheben, – den Nachkommen ein erbliches Fürstenthum zu überlassen.«

»Von keinem Oberhirten der ganzen Kirche möchte ich so schlimm denken,« versetzte der Domherr.

Sickingen lächelte bitter. Wie Geheimniß leuchtete es durch seine Züge, aber mit keiner Silbe berührte er seine Verbindung mit dem Deutschmeister von Brandenburg, der wirklich von der römischen Kirche abfiel, um ein erbliches Fürstenthum zu gründen, oder mit dem Churfürsten von Mainz, welcher denselben Plan hegte.

»Um Gotteswillen, Franz, was ist das?« rief Flersheim betroffen, da er die Schaumünze gewahrte. »Dein wohlgetroffenes Bild im kaiserlichen Schmuck? Was soll dies bedeuten?«

»Spielerei!« antwortete Sickingen gleichgiltig. »Vorlaute Freunde ließen die Münze schlagen.«

Der Domsänger sah ihn schweigend und bedeutungsvoll an.

»Spielerei?« sprach er; »– wohl, – aber ein höchst gefährliches Spiel! Und Freunde? – o ich möchte diese Schurken peitschen, die also mit Dir spielen.«

»Wahr, – Keiner liebt mich so wahr und innig, wie mein Philipp,« schmeichelte Sickingen; »doch darum darfst Du meine Waffenbrüder nicht schmähen.«

»Franz,« – sprach der Domsänger sanft, indem er des Ritters Hand ergriff und ihm liebevoll in's Auge sah; »auch ich möchte die Meinung von mir haben, Dein bester, treuester Freund zu sein. Hältst Du mich fähig, Dir schlimmen Rath zu ertheilen?«

»Wozu die sonderbare Frage, Philipp?«

»Weil mich der Gedanke wirklich beunruhigt, ich möchte in Deinem Urtheile gesunken sein, erwiederte Flersheim. Drei Briefe schrieb ich Dir voll Bitten und Vorstellungen, Du möchtest auf der betretenen Bahn nicht weiter gehen; alle Gefahren für Deinen Ruf, Deine Ehre und Dein Leben stellte ich dar, so wie meine Liebe zu Dir mir's vorschrieb, – und Franz! All mein Flehen blieb unerhört.«

Dieses sprach der Sänger mit unbeschreiblicher Ruhe und Sanftmuth, noch erhöht durch den süßen Ton seiner mildklingenden Stimme. Er sah dem Freunde flehend in's Auge und durch die feinen, zarten Gesichtszüge schimmerten Trauer und Wehmuth. Der Ritter dagegen blickte finster und schien mit Widerwillen die Macht zu empfinden, welche Flersheim auf ihn übte.

»Du siehst die Sache schief an,« sprach er. »Der Adel fordert mit gewappneter Hand jene Rechte und Freiheiten zurück, welche durch List und Gewalt die Fürstenschaft ihm entriß. Was liegt hierin Ehrwidriges?«

»Sonst willst Du nichts, Franz?«

»Sonst nichts – nein!«

»Dann ist's wohl eine schmähliche Verläumdung, was man allenthalben Dir nachsagt; – Kaiser wollest Du werden, heißt es.«

Sickingen fuhr auf, eine dunkle Gluth ergoß sich über sein Gesicht, er konnte den ruhigen Blick des Domherrn nicht aushalten.

»Ich Kaiser werden?« rief er. »Davor sei Gott! Bin fast zu stolz, solch ein Kaiser zu sein, mit dem die Herren Fürsten spielen.«

»Lieber Schwager, Du bist doch offen gegen mich, – nicht wahr?« bat der Sänger. »Die ganze Welt ist voll, Du strebest nach der Krone; – Du wollest den tausendjährigen Bau in Trümmer werfen und nach eigenem Sinn ein neues Reich Dir gründen; – im engen Bunde mit dem Augustiner, habest Du geschworen, die letzte Spur der römischen Kirche in Deutschland zu vernichten, und Luther zum Papste einer neuen Kirche zu erheben; – alle Klöster und Stifte wollest Du aufheben und deren Vermögen mit Deinen Bundesgenossen theilen. Solche Reden gehen um. Mit Schmutz bewirft man Deine Ehre, und wie sehr mich dieses quält, weiß Gott im Himmel!«

Der überwältigende Schmerz erstickte seine Stimme, und mit solcher Aufrichtigkeit prägte sich in dem Angesichte des getreuen, edlen Mannes die innere Qual aus, daß Sickingen ergriffen wurde. Er stand auf und durchschritt in unruhigem Schweigen das Gemach, wobei er wiederholt auf Flersheim hinsah, der gebeugten Hauptes dasaß. Bei der täuschenden Aehnlichkeit des Bruders mit der Schwester mochte wohl dem Ritter die hingeschiedene Hedwig lebhaft vor die Seele treten; denn es zuckte wie Kummer und Wehe durch den eisernen Trotz seiner Züge.

»Wie man doch die besten Absichten entstellen kann!« sprach Sickingen, seinen Gang fortsetzend. »In der Kirche wie im Reiche ist Manches faul, die Vorsehung gab mir das Schwert zum Ausschneiden der Fäulniß in die Hand, – wohl ein dornenvoller aber kein strafbarer Beruf, dächte ich!«

»Täusche Dich nicht, Franz! Jede schlimme That hat ihre Entschuldigung; jeder Mörder, jeder Kronenräuber, jeder Stifter eines ungerechten blutigen Krieges weiß mit schönen Worten die Frucht seiner Bosheit oder seines Ehrgeizes zu behängen. Die Vorsehung berief Dich zu dem, was Du bist, – aber nicht zum Haupte einer Verschwörung gegen Kaiser und Reich. Hart mögen Dir meine Worte klingen, aber um Gotteswillen, Franz! es muß heraus, – eher wollte ich sterben, als Dich am finstern Abgrunde schwarzer Plane hinwandeln sehen und schweigen. O Franz, kehre um, ziehe heim auf Deine Burgen und habe mit der Umwälzung nichts zu schaffen!«

»Du könntest mich fast irre an mir selber machen, Philipp,« sprach Sickingen. »Heimziehen? Die herrschsüchtige Fürstenschaft wirthschaften lassen? Täglich den Adel entehren, sein Wappenschild unter die Füße treten sehen, – und heimziehen? Bei unserer Frau, – nein! Der Adel wählte mich zum Verfechter seiner Sache, ich hab' die Wahl angenommen und geschworen, nicht eher mein Schwert ruhen zu lassen, bis alle Ketten durchgehauen sind, womit Ränke und List der Fürsten den Adel knechteten. Und – bei meiner Ehre, den Eid will ich halten!«

»Deinem Kaiser schwurst Du Eid und Treue,« entgegnete Flersheim, »schwurst festzuhalten an der Reichsverfassung, niemals kannst Du ohne Eidbruch den Satzungen Eures Bundes folgen. Jeder biedere Edelmann wird auf die Seite des Rechtes treten, sobald Du die Fahne der Empörung erhebst, – ja Franz, Empörung – ist der eigentliche Name für Dein Beginnen. Rom wird seinen Blitzstrahl gegen Dich schleudern, die Reichsacht fällt auf Dein Haupt und die vereinten Fürsten werden alle Kräfte anspannen, Deine Vernichtung an Ehre, an Hab und Gut und Leben zu beschleunigen.«

»Sei's d'rum, mit Allen will ich's aufnehmen!« rief der Feldhauptmann trotzig. »Es bleibt dabei, dränge mich nicht weiter, Philipp! – Fest steht mein Entschluß.«

»Ich kenne Deinen festen, unbeugsamen Sinn,« sprach Flersheim ernst; »aber Du selbst kannst mich nicht glauben machen, daß er unverrückbar, mit eiserner Härte auf finstere Thaten hingerichtet ist. O Franz, verscheuche den Bann, welcher Deine Sinne umfängt! Noch ist kein Tropfen Blut geflossen, Deine Hand ist noch rein. Du stehst noch da als ehrsamer, biedertreuer Rittersmann, – keine That zeugt noch gegen Dich, und was bisher gesprochen wurde, steht auf Rechnung jener Elenden, deren Hetzen und Schüren die Flamme des Aufruhrs anbläst.«

»Ihr Flersheimer seid doch gefährliche Bettler, – meine zweite Hedwig!« sprach Sickingen mit steigender Aufregung. »Auch sie umgarnte mich mit ihren Bitten, und oft stieß ich auf ihr Flehen den schon gezückten Stahl in die Scheide zurück, – doch diesmal würde sie vergebens in mich dringen. Ich kann nicht zurück, vorwärts muß ich,« sprach er mehr zu sich selbst, und zwar in einem Tone, welcher die Gewißheit ihm selbst lästig erscheinen ließ. »Ja ich fühle es, mit feurigen Buchstaben steht es vor dem Auge meines Geistes geschrieben: Du kannst nicht mehr zurück, gehe muthig Deine Bahn!«

Die Erwähnung Hedwigs vermehrte des Sängers trübe Stimmung. Er überhörte des Schwagers Selbstgespräch, auf einige Augenblicke ganz dem Laufe seiner Gedanken hingegeben.

»Wie wohlthätig handelte Gottes Vorsehung mit Dir, getreue Hedwig, daß sie Dich hinwegnahm,« sprach er mit erhobenem Blicke. »Wie müßte der Schmerz Dich zermalmen, Deinen Franz von schwarzen Planen so ganz umstrickt zu sehen! O Hedwig, arme Hedwig, wie müßten Schmerz und Wehe Dein liebend treues Herz zerreißen!«

»Zum Teufel, schweig' mit Deinem weibischen Klagen!« rief der Feldhauptmann voll Unmuth.

»Nein – nein, ich will und darf nicht schweigen,« erhob Philipp seine Stimme, »gegen Pflicht und Gewissen wäre das. Oder soll ich reden, wenn Deine Faust die Kriegsfackel über dem Reiche geschwungen? Soll ich reden, wenn Alles aus dem Geleise gewichen, wenn Ströme unschuldigen Blutes geflossen durch Deine Hand? Wenn die Weltgeschichte Deinen gebrandmarkten Namen aufzeichnen muß?«

»Pah – pah, Einbildungen, Schwager!« unterbrach ihn der Feldhauptmann. »Hunden legt man straflos Ketten an, freie Männer wissen das auferlegte Joch abzuschütteln.«

»Hinweg mit diesen Lappen, womit Du Verrath zu behängen strebst,« rief Flersheim mit steigender Wärme und edler Entrüstung. »Franz, greife in Deine Brust, Dein besseres Bewußtsein straft Dich Lüge! Meineid, Abfall von dem Glauben unserer Väter, – Verbrechen und Blutschuld liegen auf der Bahn Deines Strebens.«

»Nun, mache sie kurz Deine Litanei, und sage gar, – der Hölle steure ich zu!« lachte Sickingen. »Fürwahr, Du treibst die Sache viel zu weit.«

»Nicht weiter, als meine Liebe zu Dir mich zwingt, die Wahrheit zu sagen,« entgegnete der Cantor des Hochstiftes.

»Immerhin!« fiel ihm der Ritter in's Wort. »Liebst Du mich, Philipp, dann schweige von dem Handel. Oft nanntest Du mich im Schwanke »Stahlhaube« wegen meines trotzigen Sinnes, der nicht will fahren lassen, was er einmal erfaßte. – Sieh', lieber Schwager, Krieg hab' ich mir einmal in den Kopf gesetzt, und Krieg muß werden im lieben Deutschland. Freilich ist der Krieg ein übel Ding, aber es gibt Dinge, die noch viel übler sind und die mit der Schärfe des Schwertes müssen klein gehauen werden.«

Und so redete er noch eine Weile fort, absichtlich den Domsänger nicht zum Worte kommen lassend, dessen Mienen sich in dem Maße verdüsterten, als die Wendung, welche Sickingen dem Gegenstande zu geben suchte, gleichgiltiger und oberflächlicher wurde. Hiedurch hoffte er den derben Wahrheiten des lästigen Mahners zu entgehen, die für ihn um so empfindlicher wurden, je unabweisbarer und rücksichtsvoller die Person war, welche sie machte. Jedem Andern würde der Feldhauptmann trotzig gegenüber getreten sein, gegen Philipp aber, dessen zartfühlende edle Neigungen ihm Achtung erzwangen, fehlten ihm alle Waffen.

Flersheim entging die ausbeugende Absicht des Ritters nicht, und fester wurde er von der Stärke des Vorsatzes überzeugt, mit welcher Franz an seinen gefahrvollen Planen hing. Er schickte sich an, den äußersten Versuch zu machen, der nach seiner Berechnung, soweit er den Schwager kannte, von Erfolg sein mochte.

»Bevor ich von Dir scheide, unglücklicher Schwager,« begann er in tiefster Niedergeschlagenheit, – »vergönne mir das letzte Wort! – Nach der verhängnißvollen Lage Deutschlands gelingt es Dir vielleicht auf den Königsstuhl Dich emporzuschwingen, – wäre es auch nur, um bald mit Schmach beladen als Rebell wieder herabgestürzt zu werden. Solche Beispiele kennt zwar die Geschichte der Heiden manche, die der Deutschen – keines, weil nicht einmal ein Lanzenknecht um Verlust von Ehre und Treue jenes gleißende Ding erlangen wollte, das man Königskrone nennt.«

Hier folgte eine längere Pause. Des Sängers Haupt beugte sich tief herab, niedergedrückt durch die Last seines Kummers.

»Wie blutig der Weg des neuen Kronenräubers wird, dessen Namen die Geschichte fluchbeladen kommenden Geschlechtern überliefert, – das weiß Gott, der seiner armen Seele möge gnädig sein.«

Und abermals schwieg Flersheim, durch die erschütternde geistige Erregung zu längerer Pause gezwungen, um weiter fahren zu können. Sickingen machte eine Bewegung zu sprechen, Philipp aber kam ihm zuvor.

»Mit Ruhm bestand bisher das mir verwandte Wappenschild der Sickinger, in Zukunft wird es durch Meineid geschändet sein« –

Der Ritter fuhr auf und dumpfe Töne entwanden sich seiner Brust.

»Und durch Raub und Mord und alle Gräuel eines blutigen Rebellenkrieges!«

»Alle Teufel, – der Mensch bringt mich von Sinnen!« tobte Franz, und seine Hand fuhr über das glühende Gesicht. »Auf meinem Schilde Eidbruch? – Hölle und Teufel!« schrie er und stürmte wild durch das Gemach. Dann lachte er laut auf und sagte: »Was ich doch für ein thörichter Knabe bin, lasse ich mich so in Harnisch jagen! Hört Philipp von Flersheim – ohne Widerrede – es bleibt dabei! – Aber das ist zum toll werden, – ziehe nur Dein Gesicht nicht gar so jämmerlich zusammen, wie ein weinerliches Weib! Fürwahr, wie meine Hedwig schaut er d'rein, als sie vom Zuge gegen Worms mich abmahnte, und doch war dieß eine höchst gerechte Fehde. Dem Notar Slör schaffte ich Recht, – und jetzt will ich dem ganzen Adel Recht schaffen, so wahr mir Gott helfe und St. Georg!«

»Und übermorgen zieht Ihr gegen Marienthal, die erste That der Empörung zu vollbringen,« erhob Flersheim strafend seine Stimme. »Ein Nonnenkloster brennt Ihr nieder, – überlaßt dessen Bewohner der Lust schamloser Buben, – zieht nach des Bundes Satzungen das Vermögen ein; – und so geht's fort von Kloster zu Kloster, von Stift zu Stift, bis die wilde Fluth ganz Deutschland überschwemmt. Mönche, Priester, Bischöfe, welche treu an ihrer Kirche hängen, frißt nach dem Befehle des lautern Evangeliums das Schwert. Auf die Zinnen deutscher Dome steckt Ihr die schmutzige Fahne jenes bethörten Augustiners, – wahrhaftig ein treuer Bundesgenosse!«

Hier veränderte sich plötzlich sein strafender Ton und flehend setzte der Sänger hinzu: »O Franz – Franz – ich beschwöre Dich – kehre um!«

»Nimmermehr!« rief Sickingen mit furchtbarer Entschlossenheit.

Philipp von Flersheim verlor nun allen Muth. Ein langer, schmerzlicher Blick seines seelenvollen Auges fiel auf Sickingen, wobei ihm die Lippen bebten und Thränen über seine Wangen rollten. – Er ging. An der Thüre wandte er sich nochmals um und winkte ein stummes Lebewohl. Dann verschwand seine männlich schöne Gestalt unter dem Eingange und allmählig verhallten seine Tritte.

Der Feldhauptmann hatte durch keine Bewegung den stummen Abschiedsgruß des tiefgebeugten Freundes erwiedert, seine außerordentliche Aufregung ließ das nicht zu. Wie Nacht und Sturm jagte es über sein Gesicht. Alle Geister des Stolzes, der Ehrsucht, und jene, die als Verbündete weiter ausspinnen, was diese gewaltigen Lenker der Menschen ausgesonnen, – sie alle geriethen in Aufruhr gegen den Geist des Guten, welcher aus dem Sänger gesprochen und den Ritter im Innersten erschüttert hatte. Oder ohne Bild gesprochen: – vor die Seele des Mannes trat in ganzer Wucht das Bedeutungsvolle, das Gefährliche, das Ungerechte seiner Plane. Alle Entschuldigungen, womit er sein weittragendes Beginnen umkleidet, verschwanden wie Nacht und Finsterniß vor der lichten Erkenntniß des Guten. Der verscheuchte Schutzgeist, welcher nach des Himmels Willen die Schritte kurzsichtiger Sterblicher zum Bessern lenkt, schien mit eindringlicher Warnung an Sickingens Seite getreten zu sein, um das Vermessene seines Strebens ihm vorzuhalten. Der nackte Treubruch mit seinen blutigen Folgen, ein wilder Bürgerkrieg und alle Greuel der Verwüstung stierten den hochstrebenden Mann an als sein Werk.

Nach kurzem, aber furchtbarem Kampfe trat er an den Tisch. Die Schaumünze glitzerte ihm verführerisch entgegen; er schob sie bei Seite, als fürchtete er deren Anblick. Dann griff er nach der Rolle. Sie enthielt den Vertrag, welchen der Feldhauptmann beschworen und durch Anhängen seines Siegels bekräftigt hatte. Er riß das Siegel ab.

In diesem Augenblicke öffnete sich die Thüre und die Reformatoren traten herein; etwas später folgte Doktor Faust.



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