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Doctor Faust.

 

Ich will Deutschland wahrsagen, nicht aus dem Gestirn, sondern verkünde ihm Gottes Zorn aus der Theologie und Gottes Wort.

M. Luther.

 

Bekanntlich zeichnete Ulrich von Hutten eine leicht entzündbare, maßlose Leidenschaftlichkeit aus, die ihn zu manchen Racheplänen trieb, deren Entwürfe seine zahlreichen Pasquillen der Nachwelt überlieferten. Diese leicht erregbare Leidenschaftlichkeit Huttens steigerte sich zur glühendsten Eifersucht und zu tödtlichem Hasse gegen Windstein; denn der Junker war schön, durch Waffenthaten berühmt, sogar durch ein Gelübde der reizenden Margareth angetraut. Dazu kannte Hutten recht wohl des Fräuleins geringe Liebe zu ihm, er wußte, daß nur mißverstandener kindlicher Gehorsam die Braut an ihn kettete. Wie leicht mochte durch Windsteins Erscheinen auf Fleckenstein das zarte Gewebe zerrissen werden, welches seine Geschicklichkeit zusammengekünstelt!

Vernichtungsplane gegen den Nebenbuhler schmiedend, hatte Ulrich von Hutten den Schloßhof der Hohenburg erreicht und eilte die Wendeltreppe hinauf, seinen streitbaren Freund Sickingen aufzusuchen. Schon war er dessen Gemach nahe, da vertrat eine merkwürdige Erscheinung ihm den Weg. Der eilende Edelmann blieb stehen und machte eine tiefe Verbeugung vor der hohen, ehrfurchtgebietenden Gestalt. Obwohl die Tracht des Unbekannten vom gewöhnlichen Schnitte nicht abwich, zeigte sie doch Sonderbares genug. Das faltige Oberkleid war nämlich ganz übersät mit allerlei astrologischen Figuren. Da jede dieser Figuren andere Farben hatte, so glich in einiger Entfernung das Gewand dem buntgefleckten Fell irgend eines Wunderthieres. Auf der Brust prangten Sonne und Mond auf dunkelblauem Grunde; auf dem Rücken hing ein Planet mit langem Schweife bis zu den Fersen hinab. Diese hervorragenden Himmelskörper umgaben zahllose Gestirne, Schlangen, Drachen, Krebse, Böcke und andere Gestalten, in denen man keine bestimmte Thiergattung erkennen konnte. Um die Hüfte schlang sich ein breiter, kostbar gestickter Gürtel, in silbernen Figuren die Zeichen des Thierkreises enthaltend. Selbst die Fußbekleidung war nicht frei von geheimnißvollen Gebilden der Astrologie. Sein Barett bedeckten goldene Sterne und der ungewöhnlich große Schild, welcher zum Schutze der Augen konnte herabgelassen werden, war beschrieben mit Buchstaben unbekannter Schrift.

Der Gang des Mannes war ruhig und nicht ohne Würde. Das bleiche Angesicht hatte scharfgeschnittene Züge, in welchen lachender Hohn, Arglist und andere düstere Leidenschaften geschrieben standen. Man konnte mit dem Dichter von ihm sagen:

Dem steht es auf der Stirn geschrieben,
Daß er nicht mag eine Seele lieben.

Beim Anblicke Huttens blieb er stehen, kalt und ohne Entgegnung dessen tiefe Verbeugung hinnehmend. Er schien vorerst einiger Zeit zu bedürfen, aus den Gedanken sich zu reißen, in welche sein Geist sich versenkt hatte. Langsam fuhr seine Rechte durch den wallenden Bart, indeß sein stechender Blick auf dem Edelmanne ruhte, der seinerseits mit unverkennbarem Hohne die unstäten Augen über das bunte Gewand des Mannes gleiten ließ. Dieser bemerkte es und augenblicklich verschwand die vorige Ruhe aus seinem sprechenden Gesichte. Er nahm einen Theil des Schnurrbartes zwischen die Lippen, schob das Barett über die hohe Stirne zurück und maß den Edelmann mit Zeichen offenbarer Verachtung und kalten Hasses. Es standen sich zwei Todfeinde gegenüber, – dies erkannte man auf den ersten Blick.

Der Unbekannte war der berühmte Doktor und Schwarzkünstler Faust, der in der Volkssage und Dichtung eine so bedeutende Rolle spielt. Sickingens Vertrauen besaß er vollständig; denn der Doktor war scharfsinnig im Rathe und ein gewandter Astrolog. Ehedem bekleidete Faust eine Amtmannsstelle zu Kreuznach, die er bald verlassen mußte, um Sickingens Schutz gegen den Arm der Gerechtigkeit anzurufen; denn Faust hatte gefrevelt gegen die Sitte in der häßlichsten Weise. Er lebte nun zu Hohenburg, der Astrologie und andern geheimen Künsten ergeben. Nicht minder verlegte er sich auf das Studium der Philosophie, selbst der Theologie, und neben dem Menschenhasse, dem Grundzuge seines Charakters, fesselte ihn keine größere Leidenschaft, als der Durst nach Wissen. Selten machte er jedoch von den errungenen Kenntnissen Gebrauch, wenn nicht zum Schaden Jener, die seine Hülfe suchten.

Das Landvolk floh die Nähe des Schwarzkünstlers Faust, von dem man sich manche Wunderdinge zu erzählen wußte. Selbst die Lanzenknechte des Burgherrn waren vom Aberglauben nicht frei und scheuten den Doktor. Dem Astrologen schmeichelte der Nimbus, welchen der Volksglaube um ihn zog; denn Hochmuth hatte großen Antheil an ihm, und da er Andere zu sehr verachtete, um sein Wissen von ihnen bewundern zu lassen, sollten sie wenigstens mit Scheu auf ihn blicken.

Obwohl Faust und Hutten bittere Feindschaft gegen einander trugen, lag es doch im beiderseitigen Interesse, diese feindselige Gesinnung möglichst vor Anderen zu verbergen. Hutten kannte den Einfluß des Astrologen auf Sickingen, und Faust die innige Freundschaft Ulrichs mit Franz, beide aber bedurften des Burgherrn schützenden Armes.

Mit geringer Mühe glättete Hutten die Züge des Spottes, die wohl gegen seinen Willen auf dem Gesichte erschienen, verwandelte die Schrift des Hasses in jene des Wohlwollens, und sprach: »Ihr hattet einen klaren Himmel heute Nacht, Herr Doktor! Wie deutlich wird Euer kundiges Auge in der geheimnißvollen Schrift gelesen haben!«

»Allerdings etwas, doch nicht viel, mein gelehrter Herr Poet!« versetzte Faust, spöttisch den Edelmann musternd.

»Ich habe sicherlich kein Recht, eine freie Frage zu thun, Herr Doktor! Doch wißt Ihr, welches Gewicht ich stets auf Eure Rathschläge und Winke lege;« fuhr Hutten fort, da aus des Schwarzkünstlers höhnischem Lächeln etwas Bedeutungsvolles schimmerte. Faust stieg ohne Erwiederung zwei Stufen abwärts, was Ulrich sehr gelegen kam; denn er ließ ein schwer unterdrücktes Lachen über dem Rücken des Gelehrten weggleiten.

»Geht nicht fort, Meister Faust, – was Neues auf Hohenburg? Euer Gesicht leuchtet ja, wie jenes der Seherin Pythia.«

»Die vier Ritterkantone haben für den Tag zu Landau sich entschieden, – werdet's wohl wissen,« warf der Doktor gleichgültig hin.

»Was? Davon sagt Ihr mir das erste Wort!« rief der Junker überrascht. »Gottlob! Zu Deutschlands Größe ist der erste Schritt gethan.«

Indeß den leichtbeweglichen Hutten die erhaltene Kunde leidenschaftlich erregte, glitt über des Astrologen Angesicht ein überraschender Zug von Bosheit und Haß. Lachender Hohn thronte auf seiner Stirne und aus den Augen blitzte unheimliches, verzehrendes Feuer, indem er sagte: »Eure Weisheit, Herr Poet, sprach allerdings ein wahres Wort, – der erste Schritt ist gethan.«

»Und zwar zu Deutschlands Größe,« ergänzte Hutten.

Faust sah eine Weile dem Edelmann schweigend mit der größten Verachtung in's Gesicht, wobei sein ganzes Wesen dergestalt der sprechende Ausdruck von Haß und Tücke wurde, daß Ulrich unwillkührlich zurückwich und nicht ohne Scheu den teuflischen Triumph gewahrte, der eben in des Doktors Zügen feierte. Jede Spur von Ernst und ruhiger Würde, wodurch Faust kurz vorher Jedem Achtung abnöthigte, war verschwunden. Selbst Hutten, der wohl niemals sittliche Betrachtungen anstellte, mochte augenblicklich der Gedanke kommen, wie entstellend und verwüstend düstere Leidenschaften auf des Menschen Wesen einwirken.

»Ihr seid ein vortrefflicher Wahrsager,« flüsterte der unheimliche Mann höhnisch. »Nicht wahr, Meister Ulrich, wir kennen uns ja von länger her, und alte Bekannte sind vor Allem sich Offenheit schuldig. Darum hört,« – er stieg eine Stufe höher, legte seinen Mund an Huttens Ohr und sprach leise, aber mit schneidender Betonung: »Zu Deutschlands Untergang ist der erste Schritt gethan.«

Ulrich fuhr zurück, als hätte ihn ein Scorpion gestochen, während Faust ruhig den Platz behauptete, mit grinsender Freude an des Feindes Verwirrung sich weidend.

»Ihr steht fast da, Herr Poet, wie ein Wesen, das eben von den Sternen niederfiel, wenn anders die Sage wahr, daß den kleinsten Himmelskörper Mondkälber bewohnen.«

»Herr Doktor, – ich bitte, nehmt Euch zusammen! Es möchte Euch etwas begegnen, was Ihr in den Sternen nicht gelesen habt.«

»Ei, – allerliebst!« spöttelte Faust. »Den armen Doktor möchte gar des grimmen Ritters Eisen fressen. Wozu die Ziererei? Hinweg damit! Ich sagte schon: wir kennen uns. Wir sind so ziemlich über den Begriff von Ehre einig, – ein freier Geist weiß auch dieses Zwangs sich zu entschlagen, und ist viel zu klug, um dieses Götzen willen die Galle sich in's Blut zu jagen, oder das liebe Fleisch vom Schwerte sich zerhauen zu lassen. Denkt an die Vergangenheit, Herr Poet, und denkt weiter, daß Faust vor Euch steht.«

Huttens Hand glitt langsam vom Hefte des Dolches. Wie ein gebannter Geist stand er vor seinem Meister.

»Ihr habt Recht, Faust!« sprach er; »doch hierin täuscht Ihr Euch, – mit Deutschlands Wohl ist mir's wirklich ernst.«

»Ernst? Wer zweifelt an Eurem Ernst? Aber sagt nur nicht, es sei Euch mit Deutschlands Wohl Ernst, zu märchenhaft klingt das in Huttens Mund. – Oder wäre es möglich?« fuhr er fort, nicht ohne Verwunderung den Unwillen in Ulrichs Zügen lesend. »Dieser Mann sollte das eigene Selbst nicht kennen? Seht, Herr Ulrich, es gibt Dinge in der Schöpfung, welche niemals bauen, nur zerstören können. Das Leben der Flamme ist Zerstörung, und Euer Wesen ist ganz von diesem Elemente erfüllt. Sogar der Gegenstand Eurer Liebe, spöttelte Faust, wird verzehrt in Euerer Umarmung.« Ulrich von Hutten litt bekanntlich an der Lustseuche, deren Verlauf er selbst in klassischem Latein beschrieb.

»Verstanden, Faust!« sprach Hutten mit verhaltenem Aerger. »Doch hierin irrt Ihr Euch. – des Reiches Untergang will ich nicht.«

»So – nicht? Wie sonderbar, – dieser Mann arbeitet mit aller Kraft, ohne zu wissen was! Er gehört zum Bunde der Humanisten, zählt gar als das helldenkendste Glied dieses Bundes, und will Deutschlands Untergang nicht, – ha! Wie es doch zum Lachen ist. Nicht wahr, bester Ulrich, fällt heute ein Feuerregen auf Kirchen und Klöster nieder, versinkt heute die stolze Pfaffenschaft in ein Nichts, – verschwindet völlig des Nazaräers Lehre, welche dem freien Geiste Fesseln schmiedet, – kehren heute Pan, Merkur, die ganze Götterwelt, – vor Allen Frau Venus für unsern Ulrich, – auf die Erde zurück, nicht wahr, Herr Poet, dann ist Deutschland glücklich?«

»Nun ja, der Anfang wäre gemacht! Aber Faust, Ihr sprecht zu frei von Euren Humaniora,« flüsterte Hutten, beinahe ängstlich umherschauend. »Bedenkt, man würde uns als Heiden, Ketzer, Gottesläugner verbrennen! Vor Allem beleidigt damit des Sickingers Ohren nicht – religiöser Aberglaube ist ja seine schwächste Seite, wie Ihr wißt.«

»Wirst den grauen Fuchs nicht Schlauheit lehren wollen, Knabe!« entgegnete der Doktor. »Seid unbesorgt, Herr Ulrich, für's beschworene Ziel sind wir geschworene Freunde, und dieses Ziel ist vor Allem: – des deutschen Reiches Vernichtung.«

»Bei allen Göttern, bei Deiner Vernunft, Faust!« rief Hutten nicht ohne Entrüstung. »Ihr thut mir schreiendes Unrecht! Rein und wahr ist meine Vaterlandsliebe. Wie könnte ich sonst mit Aufopferung meines Vermögens, mit Gefahr meines Lebens gethan haben, was ich that?«

»Viel, sehr viel habt Ihr gethan für's große Werk,« unterbrach ihn Faust mit langgezogenem spöttelnden Tone. »Ich müßte Eure Dunkelmänner nicht gelesen haben, und hundert andere solche Dingelchen von Euch. Eine Schrift, in welcher Ulrich von Hutten in beißender Weise die kathol. Kirche und ihre Geistlichkeit verfolgt. Wer kann es läugnen? Euer Beitrag ist nicht gering, Luthers Ausspruch wahr zu machen: ›Wir setzen dem Papst das Messer an die Gurgel und würgen ihn; wir wollen die Gans an den Spieß stecken.‹ Luth. Tischr. L. A. S. 320. V. – Steckt nun wirklich die Gans am Spieße, ist sie erst gar aufgezehrt, dann ist's aus mit Eurem schönen deutschen Reiche, mein schwärmerischer Vaterlandsfreund.«

»Ei was, – albernes Gerede!« sprach Hutten. »Der Sturz der Römlinge ist die Grundlage zu Deutschlands Größe, und Ihr seht darin des Reiches Untergang? Beim Teufel, Faust, wie mag ein Mann von Eurem Scharfsinn also urtheilen?«

Der Doktor betrachtete Hutten wie einen Menschen, der etwas recht Dummes gesagt hat, an dessen Fassungskraft man aber zweifelt, ob er die Sache begreifen werde.

»Verzeiht, mein gelehrter Herr Poet, daß ich Euch zugemuthet habe, außer Virgil auch den Aristoteles zu kennen. Denkt Euch, dieser Mann behauptet: – Religion sei des Staates Grundlage. Ihr geht d'rauf los, die Religion der Deutschen zu vernichten; – habt doch die Güte, die Schlußfolgerung zu ziehen.«

»Euer Vordersatz ist falsch!« rief Ulrich. »Keineswegs zerstöre ich die Religion, wie mir zur Genüge vorgeworfen wird; – denn das dumme Volk muß seinen Götzen haben,« fügte er halblaut hinzu. »Ich möchte nur an die Stelle des Irrthums Wahrheit setzen, Gewissensfreiheit für knechtischen Zwang, Luthers Lehre für römischen Betrug.«

Der Doktor brach hier in schallendes Gelächter aus, womit er so lange anhielt, bis die Röthe des Aergers über Huttens Stirne zog. Nun hielt er ein, sah den Edelmann mit verächtlichem Kopfschütteln an, indeß jede Falte seines Angesichtes lachender Hohn häßlich verzerrte.

»Beim Siebengestirn, Ihr seid noch klüger, als ich dachte!« begann er. »Luthers Lehre soll Roms Dogmen ersetzen? Dieser tolle Augustiner soll jenes Feld behaupten, worauf ein Thomas von Aquin seine Lanzen brach? Was? Ihr wollt den heirathslustigen Tollhäusler, dieses verrückte Hirn, Roms Doktoren vorziehen, – Männern voll Scharfsinn und Gelehrsamkeit? Ha, ha? Luther neben Thomas, neben Skotus, – es ist doch gar zu lächerlich.«

»Will ich denn Luthers Weisheit verfechten?« erhitzte sich Hutten. »Ich sage nur, sein Kauderwelsch mag beim Volke wenigstens den römischen Tand ersetzen. Ich läugne auch nicht, daß gewaltige Geister, wie Euer Thomas, römische Lehren bis zur tiefsten Tiefe des Scharfsinnes ausbeuteten; – kann aber Thorheit nicht über Weisheit siegen, wenn Thorheit zu Gericht sitzt? Zudem ist Luthers Lehre gerade nicht so lächerlich, dumm, wie Ihr sie machen möchtet. Seine Behauptung, der Mensch habe keinen freien Willen, er sei für Himmel oder Hölle geschaffen, je nachdem Gott oder Satan auf ihm reite, – diese Lehre ist ja, nur in etwas veränderter Form, die heidnische Lehre vom Fatum. Luther schrieb ein ganzes Buch, um zu beweisen, daß der Mensch keinen freien Willen habe, nämlich sein Werk: de servo arbitrio. Huldigten aber nicht die größten Weisen des Alterthums dieser Lehre? Werden Luthers neue Sittengesetze, welche der Sinnlichkeit schmeicheln und alle Zügel schießen lassen, beim Volke nicht über Roms Lehren triumphiren, die vom Fasten und Casteien predigen?«

»Ihr schwatzt ja wie ein Papagei!« sprach Faust. »Wer hätte das geglaubt? Der Augustiner hat wirklich mehr Hirn im Kopf, als Ihr, – Ihr baccalaureus, ruhmgekrönt durch kaiserliche Hand!«

»Ein recht unzeitiger, sinnloser Spott!« zürnte Hutten.

»Nicht so ganz sinnlos, mein bester Poet! Wirklich, in allem Ernst: Luther versteht seine Rolle besser als Ihr. Mein scharfsinniger Freigeist glaubte, den ausgesprungenen Mönch für seine Plane zu benützen, am Ende ist's umgekehrt, – Ihr seid in des Pfaffen Hand nur der Kehrbesen, römische Cloaken auszufegen.«

»Hol' Dich der Teufel Faust!« fluchte der Edelmann.

»Hilft Alles nichts, Herr Ulrich! Jetzt erst müßt Ihr sehen, daß Euch und Euren schönen Stand, den ruhmreichen, stahlbeschuppten, ahnenalten Ritterstand, ein dummer Mönch zu eigenen Zwecken gebraucht. – Sagt, was begeisterte in Luthers letztem Briefe besonders unseren Franz?«

»Nun ja, sein Rath, Klöster und Kirchen aufzuheben!« antwortete Hutten.

»Ein schöner Rath, nicht wahr? Ein vortrefflicher Reformator für den armen oder geldfreundlichen Adelsstand – he! Wie doch der dumme Mönch – vir obscurus, – mit Speck die adeligen Mäuse fängt! Wie werden da manch' tapfere Lanzen sich erheben für's lautere, freie Evangelium! Fürwahr, der Luther ist ein Witzkopf ohne gleichen, – hetzt meisterlich mit güld'nem Spruch den treuen Adel gegen Kaiser, Papst und Reich.«

»Des Augustiners Interesse läuft mit jenem des Adels zusammen, – das ist Alles,« sprach Ulrich. »Wir kämpfen vereint gegen Roms Macht im deutschen Reiche. Wir verderben Roms Sendlinge, die Mönche, diese Grundpfeiler pfäffischer Herrschaft.«

»Jawohl, ganz Recht, – Ihr grabt vereint durch Roms Sturz dem lieben deutschen Reich die Grube!« sprach Faust mit vieler Befriedigung. »Nun gafft mich nur nicht so großäugig an, will Euch das Ding beweisen. Daß doch der überspannte Astrolog dem hellsten Kopf im Adel auf die Spur helfen muß, ein großes Armuthszeugniß fürwahr! – Merkt auf, Herr Ulrich, ich lehr' Euch ein ABC! – Vor vielen Jahren schickte Rom seine Handwerksleute in die Wälder Germaniens und legte den Grund zu dem, was Deutschland wurde und ist. – Nur nicht den Kopf so dumm geschüttelt, Herr Poet, es bleibt dabei, – Roms Geist baute die deutsche Reichsburg! Nun weiter! Der große Carl erkannte klar, daß nur in Verbindung mit dem Papste dort, wie in Gallien und Italien, der einmal aufgeführte Bau könne erhalten werden. Darum ließ er die alte Herrlichkeit der römischen Imperatoren christlich aufwärmen und schloß das kühn ersonnene Schutz- und Trutzbündniß mit dem Nachfolger des Menschenfischers zu Rom. Carl und seine verständigen Nachfolger im deutschen Reiche erkannten recht gut, daß die verschiedenartigen Interessen, die widersprechendsten Sitten und Gewohnheiten deutscher Volksstämme nur durch ein mächtiges Band zur Einheit konnten verknüpft werden. Und dieses Band, – hört Ihr? Dieses Einheitsband ist die Lehre und Gewalt des Stuhles zu Rom, in Verbindung mit dem Schwerte des Kaisers. Zerreißt dieses Band, und Ihr habt ein Chaos im deutschen Reiche!«

»Ein Chaos? Nein!« erwiederte der Junker feurig. »Dies Band zerreißen heißt, römischer Herrschsucht den Todesstoß versetzen. Ha, nicht länger sollen unsere Fürsten vor dem römischen Pfaffen sich beugen, ihm gar den Mordstahl schwingen helfen gegen Jene, welche das heilige Gericht als Ketzer verdammt.«

»O wie gelehrt!« spöttelte Faust. »Meint Ihr, die Staatsgewalt habe deshalb Irrlehrer verbrannt, um Rom einen Gefallen zu erweisen? Sie that es ganz zum eig'nen Besten; Roms Feinde waren des Reiches natürliche Gegner. Nehmt ein Beispiel, – nehmt den Huß. Er wurde von der Kirche ausgeschlossen und vom Kaiser verbrannt, weil der gute Mann lehrte: ›Jedes Amt in einer Todsünde ausgeübt, ist verfallen!‹ Ergo: hat das Amt nur eine persönliche Würde, keine von Gott. Kaiser und Papst sind es nur so lange, als Todsünden keine Gemeinschaft mit ihnen haben. Luthers Lehre steht auf den Füßen des Huß, und Ihr werdet so scharfsinnig sein, die hübschen Consequenzen für das Reich aus diesem einzigen Punkte zu ziehen. Also, mein gelehrter Herr Poet, könnt Ihr ohne den Rath der Sterne prophezeien, daß zu vielen Trümmern das mächtige Deutschland zerfallen muß, sobald die heiligen Majestäten zu Rom und Aachen verschwunden sind.«

»Ihr redet also römischer Herrschsucht das Wort, Herr Doktor?«

»Bitte um Vergebung, Herr Poet! Bin nicht gesonnen, Roms Gebrechen zu kuriren. Naturen, wie die unserigen, fühlen keine Lust, zu heilen. Welch' Götterfest, wenn Burgen, Klöster, Kirchen, Adel, Volk und Geistlichkeit in der Verheerung untergehen, woran Ritter und Herren, Poeten und Pfaffen fleißig schüren! Wäre mein Auge nur die Sonne, könnte ich doch allen Jammer zumal überschauen, der über dieses stolze deutsche Reich hereinbricht! Noch mehr, – könnte ich mich laben an Schmerzen und Qualen, welche in die verbitterten Züge des Einzelnen treten! Könnte ich dabei sein, wenn die Fackeln des Fanatismus brennen und Luthers Knechte mit Feuer und Schwert die Päpstler würgen! Ha, ha, – du stolzes deutsches Reich, wie mögen deine riesigen Gliedmaßen schmählich hinstürzen und verbluten!«

»Abscheulich, – häßlich! Ein wahrer Teufel seid Ihr Faust!« sprach Hutten, voll Abscheu in des Doktors haßerfülltes hohnlachendes Gesicht blickend.

»Doch muß es so nicht nothwendig kommen,« fuhr der Astrologe fort, dermaßen in sein teuflisches Entzücken versunken, daß er Ulrichs Vorwurf überhörte. »Das deutsche Reich muß nothwendig nicht mit einem Schlage untergehen. Schöner wär's, wenn dieser Riesenleib der Auszehrung verfiele, wenn Glied um Glied ihm langsam abfaulte, – wenn das Gift der Trennung, der Zwietracht seine Adern durchströmte, ha! wenn die Glieder sich selber würden auseinander reißen, und so die ehemals weltbeherrschende Germania zur Metze würde, für Jeden feil, – bis zuletzt sie Keiner mehr haben möchte! Ich schwelge in solchen Gedanken; – und sage mir keiner, Luther sei ein dummer Mönch, ein vir obscurus. Hört Ihr, Herr Poet? Luther und ich, wir sind geschworene Freunde; denn mein wackerer Augustiner braut das Gift, um Schwindsucht, Aussatz und Zerfall dem schönen deutschen Reiche einzuimpfen.«

»So schämt Euch doch vor diesen kahlen Mauern!« schalt Hutten. »Satan selber könnte in Haß nicht gründlicher schwelgen, als Ihr.«

»Schämen? Warum denn schämen? Haß ist Tugend, – wollt Ihr das verneinen?«

»Nicht so laut, Herr Doktor, unser Häuflein ist noch klein,« antwortete der Edelmann scheu umsehend. »Grundsätzlich kann ich Euern Haß nicht schelten, einem freien Geist ist Haß und Liebe gleich; denn wir kennen keinen heiligen Gott, der Liebe auf Gesetzestafeln befehlend eingegraben. Die Welt ist unser Gott, wir selbst sind Götter. Unser Wille ist höchstes, heiligstes Gesetz. Nur mein' ich, Faust, Ihr solltet einen bessern Geschmack haben und der Liebe den Vorzug geben.«

»Ah so, ganz Recht! Wollt Ihr die schöne Greth vom Fleckenstein mir empfehlen?« spöttelte der Doktor. »Seht zu,« setzte er bedeutungsvoll bei, »daß Euch selber die Margareth nicht entwischt!«

»Was soll das heißen Faust?«

»Nur dies, – versteht, ich las es in den Sternen heute Nacht! – ein Ritter, schön von Angesicht und Wuchs, frühstückte mit Eurer Grethe diesen Morgen, beide aber wurden hungrig, indem sie aßen.«

Der Astrologe machte eine höhnische Bewegung und schritt die Stiege hinab.

»Man möchte fast an seine schwarzen Künste glauben,« sprach Hutten, seinen Gang fortsetzend. »Verflucht! – Sie aßen und wurden hungrig. Dieser Ausdruck des Gauners spielt nur zu deutlich auf einen Fall an, der mich könnte rasend machen. Hölle und Teufel! Doch still jetzt, still – gequältes Herz! Der Ritter Franz versteht von dieser Sprache nichts, und doch soll er mir Rache schaffen.«

Finstere Gedanken schwebten noch auf Huttens Stirne, als er die Thüre öffnete und Sickingen ihm entgegenrief: »Bist Du endlich da, Landstreicher? Wie eine Stecknadel hab' ich Dich gesucht! Wo Teufel treibst Du Dich herum?«

»In allen Dörfern des Waasgau; ich predigte trotz einem Kapuziner und habe manche Bauernfaust gewonnen.«

»Sieh' da, Freund Ulrich! Mit einem Schlage entschieden sich Schwaben, Franken und Rheinstrom für den Tag zu Landau.«

Hutten durchlief die dargebotenen Schreiben mit leuchtenden Augen, indeß der Ritter mit verschränkten Armen vor ihm stand und lächelnd in die frohe Miene des Freundes sah.

»Das ist wirklich mehr, als wir erwarten konnten,« rief Hutten. »Sogar die Grafen von Fürstenberg, von Solms, von der Mark und von Zollern; welche doch anfangs schwankten. Auch hier der wilde Graf Emich von Leiningen; und da Hilchen von Lorch und Christoffel von Oberstein, die Vasallen des Churfürsten von Mainz. Vortrefflich! Auch die Grafen von Eberstein und Löwenstein, – tapferer Eberstein kannst Deine Hauer wetzen! Und welche Menge ritterlicher Namen! Mir dünkt, in ganz Franken, Schwaben und am Rhein pocht jedes deutsche Männerherz dem großen Freiheitskampfe entgegen. O Franz! Ich möchte schwärmen beim Anblicke all dieser Heldennamen, welche sich um ihren Hermann schaaren. Nehmt Euch zusammen Courtisanen, Romanisten, verfluchte Pfaffenschaft, – und ihr Henker deutscher Freiheit, ihr aufgeschoss'nen Pilze, ihr Herzoge und Fürsten, ihr Land- und Pfalzgrafen! Seht her, der Tag bricht an, – das goldne Morgenroth der Freiheit flammt über Deutschlands Marken! – Mußt mich nicht belächeln, Franz, wegen dieser kindischen Schwärmerei.«

»Weiß Gott, die Botschaft möchte kälteres Blut erhitzen, als das Deine,« erwiederte Sickingen. »Wir dürfen uns mit diesen vom Adel schon sehen lassen im Felde. – Aber wie steht's mit der Bauernschaft? Können wir auf diesen Bundesgenossen zählen?«

»Vollkommen, Franz! Sollt'st nur sehen, wie's da kocht und gährt. Beim ersten Wink stehen sie auf wie ein Mann, das Joch der Knechtschaft abzuschütteln. Zu Kleeburg, zu Dambach, zu Reichshofen, – überall wurde ich mit Freude, ja mit Begeisterung angehört. Uebrigens haben Luthers Schriften die Massen schon ziemlich bearbeitet. Allenthalben fühlen sie lebhaft den Druck der Frohnden und Zehnten, überall beginnen sie die Mönche zu verhöhnen, und beschimpfen in rohen Bildern die ganze Clerisei.«

»Ich fürchte nur,« sprach Sickingen, nachdem er mehrmal sinnend das Gemach durchschritten, »die Bauern könnten eines Tages Spieß und Keule gegen den Adel selber kehren. Der einmal wachgerufene Haß gegen die Grundherrschaft wird zwischen Adel und Geistlichkeit nicht unterscheiden.«

»Pah!« machte Hutten verächtlich. »Haben die schlagfertigen Bauernrotten ausgedient, dann sticht man sie ab, wie eine alte, ausgediente Mähre.«

Der Junker wurde hier durch einen Gegenstand unterbrochen, der aus der Ferne seine Aufmerksamkeit fesselte.

»Sieh', was jagt dort für ein Reitertroß am Hange hin?« sprach er, an den Berg hinüberweisend. »Ei, – wie diese reiten, – mir schwindelt! Sieh nur, wie waghalsig die Gesellen über Felsenwänden daher galoppiren!«

»Der Schauenberg ist's, am rothen Helmbusch und der riesigen Gestalt erkenn' ich ihn,« sprach Sickingen, seine Augen anstrengend. »Die Burschen reiten wirklich gegen alle Manier; – sie müssen Eile haben.«

»Beim Himmel, sogar über den Teufelsstein sprengen sie weg, – ein Fehltritt, und Mann und Roß liegen in der Tiefe begraben! Gib Acht, Franz, die bringen Neuigkeiten! Der Kaiser soll stark gegen Welschland rüsten, wie ich hörte; vielleicht tragen sie gar ein kaiserliches Mandat für Dich in der Tasche. Kannst noch einmal Feldhauptmann werden, Franz,« fügte Ulrich mit Laune bei.

»Und nähme der Franzose dem Kaiser Krone und Leben,« rief Sickingen, »bis ich meinen rückständigen Sold habe, bleibt mein Schwert in der Scheide.« Sickingen verlangte 76,500 Goldgulden und 150 Centner Kupfer als Entschädigung für seinen mißlungenen Feldzug gegen Frankreich. S. Stud. u. Skizz. S. 207.

»Oder sollten sie von Luther Nachricht bringen?« fuhr Hutten fort, die Reiter beobachtend. »So viel ich weiß, floh der Reformator in die Wartburg. Macht nur der Sachsenfürst keine dummen Streiche! Um keinen Preis möchte ich den Mönch verlieren, so wenig als ein Schäfer den Leithammel der Heerde. Oder ist der Teufel gar schon los? Die Bauern des Speyerer Bischofs juckt's lange schon; jedenfalls bringen sie wichtige Neuigkeiten.«

»Wollen sehen!« sprach der Burgherr. »Aber Ulrich, beinahe hätte ich was vergessen,« – und er blieb schlau lächelnd vor ihm stehen, legte Hutten die Rechte auf die Schulter und sagte gedehnt: »Wir sind daran, dem Churfürsten von Trier die Falle zu stellen!«

»Ah – endlich! Und wie ist's eingefädelt?« forschte Ulrich überrascht.

»Ganz einfach; – Kaufleute seines Sprengels ziehen nächster Tage von Straßburg herab.«

»Und Du selber willst sie aufheben?«

»Bei Leibe nicht! Oberstein übernimmt den Span; der Ritter ist mit seinen Lanzen auf Morgen angesagt.«

»Und wie weiter Franz, wie weiter?« horchte der Junker.

»Wieder ganz einfach! Oberstein hebt die Krämer auf, – ich lege mich in's Mittel; auf meine Bürgschaft hin läßt er sie frei, jedoch unter der Bedingung, daß sie in gewisser Frist 5000 Dukaten Lösegeld erlegen, – sie oder ihr Fürst, der Richard. Natürlich wird der stolze Churfürst die freche Zumuthung des Raubritters von Oberstein zurückweisen. Er zahlt weder 5000 Dukaten, noch überliefert er seine Unterthanen der Haft. Nun tritt Oberstein klagend vor mich. Auf meine Bürgschaft entließ er die Gefangenen, und ich muß natürlich dem Ritter seine 5000 Dukaten schaffen, – verstehst Du? Mein Wort zu lösen, zieh' ich nun mit 2000 Lanzen gegen Trier, dem Churfürsten den Text zu lesen.« E. Münch. I. B. – Stud. u. Skizz. S. 221.

»Vortrefflich ausgedacht!« lobte Hutten. »Wäre es aber nicht besser, mit dem hessischen Landgrafen anzufangen?«

»Nein; wir jagen gleich den Löwen der Fürstenschaft. Ist der Mächtigste gefallen, so haben wir mit den Uebrigen leichtes Spiel. – Eben kommen die Herren,« schloß Sickingen, da Waffengerassel und eilende Tritte durch den Gang schallten.

Der Burgherr öffnete eigenhändig und empfing die Fremden mit jener gastfreundlichen Miene, die seinem kriegerischen Angesicht so wohl stand. Dazu erfreute ihn der stattliche Anblick der Krieger, die bis zu den Zähnen in blankem Stahl und Eisen stacken. Besondere Aufmerksamkeit erzeigte Franz Einem der Angekommenen, welcher durch seine gigantische Gestalt aus Allen hervorragte. Dieser deutsche Goliath war Melchior von Schauenberg, ein streitlustiger Degen und alter Waffenbruder des Sickingers.

Auf den erhitzten Gesichtern der Edelleute lag es, wie wichtige Trauerbotschaft, und ihr freundlicher Gruß that ihnen, mit ihrem Innern nicht übereinstimmend, sichtbar Zwang an. Kaum ergriff nun Schauenberg das Wort, so wich jeder Lichtstrahl aus den Zügen der Ritter und machte finsterm Ernste Platz, indeß Melchiors tiefe Baßstimme im Gemache, wie auf einem Resonanzboden dumpf wiedertönte. Je länger der Redner sprach, desto heftiger wurden seine Bewegungen, wobei er manchmal dem Flusse seiner Ansprache durch Stöße des Schwertes auf den Estrich Nachdruck gab.

»Wir sind hergeritten,« sprach er, »um Euch Botschaft zu bringen von Eurem Freund und Waffenbruder Conrad von Stangen. Der Ritter wurde endlich aus dem Kerker befreit, in den sie ihn geworfen, weil er einige Krämer und Juden gerupft hatte.«

»Ist er frei?« frohlockte Hutten. »Nimmt mich Wunder, daß die Federfuchser noch so viel Gerechtigkeitsgefühl haben.«

»Ja, Conrads Fesseln sind gebrochen!« – brummte Schauenberg. »Auf Befehl des Reichsregiments wurde Stangen enthauptet.«

»Allmächtiger Gott!« rief Hutten einen Schritt zurücktretend.

»Die Nachricht trifft schwer, allein sie kommt nicht unerwartet,« sprach Sickingen finster blickend.

»Bin noch lange nicht fertig, meine werthen Herren,« fuhr Melchior fort, da Huttens Angesicht dunkelroth aufflammte und er im Begriffe stand, seinem Zorn freien Lauf zu lassen. »Der Span mehrerer Edeln des Hundsrückens mit zwei Klöstern ihrer Gegend ist Euch bekannt. Die Herrn von Hochstein trieben endlich die ganze Pfaffenschaft jener Klöster auseinander und zogen deren Güter ein, wie's ja heute männiglich der Brauch und durch's freie Evangelium geboten ist. Der Handel hetzte den Rittern das Kammergericht auf den Hals; sie wurden vorgeladen, erschienen aber, wie's freien Männern ziemt, vor dem Rathe nicht. Darauf verfielen sie der Acht. Mehrere Wochen waren vergangen und wir dachten nicht mehr an die Sache. Da erschienen mit einem Male jene von Greiffenklau, als Vollstrecker der Acht, vor dem Hochstein. Die Burg wurde gebrochen und Hans nach Trier abgeführt.«

»Und warum nach Trier?« fragte Sickingen heftig.

»Weil in des Churfürsten Sprengel die Klöster lagen und Richard obendrein vom Kaiser scharfe Mandate erhielt.«

»O ich kenne diesen Richard von Greiffenklau!« rief Franz drohend. »Und was machte Seine Gnaden mit dem gefangenen Ritter?«

»Er behandelte ihn sehr gnädig,« brummte Schauenberg fort und seine Stimme wurde immer rauher und hohler. »Nach zwei Tagen ritterlicher Haft wurde der freigeborne Hans von Hochstein, gleich einem gemeinen Strauchmörder,« – hier stieß Melchior das Schwert auf den Boden, daß die Ketten des Wehrgehänges rasselten, und donnerte so gewaltig, daß Allen die Ohren gellten, – »auf dem Marktplatze zu Trier nicht enthauptet, sondern aufgehängt wurde er, – aufgehängt, wie ein Hund!«

Melchior schwieg, aber seine eiserne Stimme dröhnte noch einige Sekunden im Gemache fort, und als sie in ihrer letzten Schwingung ausgezittert, unterbrachen nur dumpfe, unterdrückte Laute der eisernen Gestalten das tiefe Schweigen. Hutten überließ sich ganz den Eindrücken seines leidenschaftlichen Wesens, dem er jedoch nur in Mienen und Geberden Ausdruck verlieh. Sickingens Augen begannen zu lodern und sein Flammenblick ruhte schweigend auf dem Kreise der eisernen Männer, indeß seine Rechte nach dem Schwerte fuhr.

»So weit muß es kommen!« begann er mit einer Ruhe, welche dem Nahen eines schweren Wetters glich, das sich in aller Stille tief auf die Landschaft herabgesenkt. »Der Henker muß mit seinem Strick den Adel aus trägem Hinliegen herausgeißeln. Hab' ich damals meine Stimme nicht laut genug erhoben, als der edle Stangen zu Heidelberg in Ketten lag? Hab' ich damals nicht mit scharfen Worten dem Adel diese Schmach an's Herz gelegt? Rieth ich damals nicht, vor des Pfalzgrafen Burg zu ziehen und diesen Schinder des Adels zu züchtigen? Ja,« – und er ging aus der bisherigen Entrüstung in schneidende Bitterkeit über; »damals sah der Franz zu schwarz, war er doch selbst den Waffenbrüdern ein unersättlicher Raufdegen, der um eines Mannes willen die ganze Welt bewegen möchte. Damals wollten die Herren nicht begreifen, wie man dem ganzen Adel eine Grube gräbt. – Doch ich hoffe,« schloß Franz in gemäßigtem Tone, die vorige Heftigkeit gleichsam begütigend, »es wird für den Adel noch eine Oeffnung werden, und sollten wir diese mit Schwert und Speer, Zoll um Zoll erfechten müssen.«

»Fürwahr, das ist ein Wort, Eurer Ritterehre werth,« sprach Melchior. »Zum voraus bürgt es mir die Gewährung unseres Fürspruchs; denn wißt, nicht wie Klageweiber sind wir gegen Hohenburg geritten, um mit Todesnachrichten Euren Ohren weh zu thun. Den Kaspar müssen wir heraushauen. Also bitten wir um Euren Zuzug, den geächteten Kaspar von Hochstein zu retten. Ohne Zweifel werden Die von Greiffenklau sich vor des Ritters Veste legen und ihn, wie seinen Gesellen Hans, dem Galgen überliefern.«

»Sagtet Ihr nicht, der vom Hochstein wäre auf kaiserlichen Befehl hingerichtet worden?« fragte Sickingen, trat an den Tisch, schrieb einige Worte und flüsterte dem herbeigerufenen Diener zu: »Schnell, – an Meister Faust!«

»Das ist er, ja,« antwortete Schauenburg. »Auch Kaspar ist nach des Kaisers Mandat dem Tode verfallen; aber sie müssen ihn erst haben, – müssen erst durch unsere Lanzen brechen.«

»Was?« that Sickingen überrascht. »Ihr wollt das Schwert ziehen gegen Euren Oberlehnsherrn?«

»Gegen den Teufel selber!« rief der jugendliche Wilhelm von Seckhendorf.

Franz sah einen Augenblick nieder, wobei ein bitteres Lächeln durch seine Züge schlich.

»Wäre der Geächtete mein eigener Sohn,« sprach er, »hätte ihn der Henker schon am Galgen aufgeknüpft, – gegen des Kaisers Willen würde ich den Strick nicht abschneiden, stände es auch zehnmal in meiner Macht. Will Ihre Majestät auf meinen freien Nacken den Fuß setzen, – gut! Er mag es thun.«

Sickingen sprach dies mit einer Miene, als müßte er die bittersten Pillen verschlucken. In der That fiel es einem von Natur offenen, trotzigen Charakter, wie Sickingen, außerordentlich schwer, eine Erklärung abzugeben, die er heuchelte, die ihm nur der Ehrgeiz abnöthigte. Die Verwirrung der Zeit und das Wanken aller Verhältnisse legten nämlich dem kühnen, hochstrebenden Manne den Gedanken nach Krone und Reichsapfel in die stolze Seele. Obwohl er dieses vermessene Gelüsten niemals deutlich ausgesprochen, war es doch allgemein bekannt. Mit schlauer Berechnung benützte darum Franz jede Gelegenheit, die gährende Erbitterung unter dem Adel, welche eigentlich nur die Fürsten traf, gegen Kaiser Carl selbst zu leiten. Mit vielem Wohlgefallen las er auch jetzt in den Mienen der Edelleute Aerger und Unwillen gegen die eben ausgesprochene knechtische Unterwürfigkeit unter das Reichsoberhaupt. Schauenbergs ohnedies rauhe Gesichtszüge wurden so hart, als wären sie aus dem Metall seines Helmes geschnitten. Seit vielen Jahren erkannte er in Franz einen Mann, dem wenig an des Kaisers Zorn oder Wohlwollen lag, und der oft im Reiche schaltete, als gäbe es keinen Schirmherrn der Reichsverfassung. Um so unangenehmer mußte ihn nun die scheinbare Sinnesänderung des alten Waffenfreundes berühren.

»Wie ist das möglich, – Franz von Sickingen ein Knecht des Kaisers?« rief er mit Staunen und Aerger.

»Nun ja, meine Herren, mit den Zeiten müssen sich die Leute ändern,« antwortete achselzuckend der Burgherr. »Kniet doch Alles vor Carl, warum sollte ich allein es nicht? Der Kaiser hilft mit eigener Hand dem treuen Adel Schlingen um den Hals werfen, seine Freiheiten ihm entziehen, unter die Botmäßigkeit der Fürsten ihn bringen, in Gottes Namen! Des Kaisers Wille geschehe.«

»Mit Verlaub, solche Rede hätte ich mir von Euch nicht träumen lassen,« sprach Schauenberg. »Hätte mir ein Anderer durch Eid und Ritterwort bekräftigt, was Ihr eben von Euch selbst gesagt, – einen gemeinen Buben hätte ich ihn gescholten und mit Schwert und Lanze Eure Ehre durchgefochten. Da nun mein eigenes Ohr aus Eurem Munde solche Rede vernahm, werde ich gegen keinen in die Schranken treten, welcher sagt: Sickingen verläßt Freunde in der Noth und verhüllt seine Schande mit Purpurlappen. – Kommt Gesellen!« wandte er sich an seine Gefährten. »Leistet uns auch der mächtige Franz keinen Beistand, so wollen wir auf eigene Faust den Handel bestehen.«

»Was ist das meine Herren?« rief der Hohenburger, als die eisernen Männer mit großem Geräusch das Gemach verlassen wollten. »Genügt Euch schon ein bloßes Mißverständniß, jenen Mann zu verurtheilen, der männiglich als Landesfriedensbrecher bekannt ist, weil er verlassenen, rechtslosen Geächteten mit seinem guten Schwert zu Recht verhalf? Hast Du den Wormser Krieg vergessen, Melchior? Ist die Frankfurter Fehde Dir aus dem Sinn gekommen, Seckhendorf? Sind Euch die Fehden mit Lothringen, – mit Hessen, – mit Württemberg, mit Mainz aus dem Gedächtniß ganz entschwunden? War meine Lanze darum für Gerechtigkeit niemals müßig, um zuletzt von Freunden so schmählich verkannt zu werden? Aber nein, – keine Vertheidigung! Habt Ihr Gründe, so verurtheilt mich; geht! – Verschmäht sogar den Morgenimbiß auf Hohenburg.«

Sickingen sprach mit fester Stimme, aber ohne Heftigkeit, wobei sein hellblaues Auge gewaltig blitzte und seine männliche Gestalt kühn und würdevoll sich erhob. Die adeligen Gäste sahen ihn betroffen an und wußten nicht, sollten sie gehen oder bleiben. Der riesige Schauenberg drehte sich langsam um, klirrte mit dem Sporn und brummte etwas in den Bart, das wie eine Entschuldigung klang.

»Haben wir uns geirrt,« sprach er, »so möcht Ihr's zu gut halten. Eure Worte lauteten übrigens verteufelt sauer.«

»Liegt es in meiner Macht, das Unvermeidliche zu ändern?« entgegnete Sickingen. »Soll mein eigenes Haupt fallen auf des Kaisers Befehl, – steht es mir zu, das Schwert zu ziehen gegen seine Majestät? Dem Teufel selber möcht' ich trotzen und mein Leben Glied für Glied aus seinen Krallen hauen, – wo aber Eid und Treue Gehorsam erzwingen, – dort sind meine Waffen stumpf. Ich weiß recht gut,« setzte er bedauernd hinzu, »daß kaiserliche Majestät seinen getreuen Adel elend verderben läßt; – aber die hochstrebende, saubere Fürstenschaft ist's, welche den unbefangenen Sinn des jungen Herrn erbittert gegen seine Vasallen. Weiß Gott, wie schwer die Sache mir auf dem Herzen liegt! Bin ja selber schuld, daß Carl V. auf dem Throne sitzt, gut, – will auch d'rum geduldig tragen an der Schmach.«

»Nein nein, Franz, so weit geht unsere Eidespflicht gegen Kaiser und Reich nicht!« rief Melchior. »Der freie Mann ist kein Hund, der sich von seinem Herrn nach Willkühr hängen läßt.«

»Hielten nicht die alten Franken, unsere Ahnen, viel auf Eid und Lehenspflicht, wenn anders mein Kaplan die Geschichte kennt?« fiel Seckhendorf ein. »Ich vergleiche nicht unseren Carl mit seinem Namensgleichen Carl dem Einfältigen, – aber mich dünkt, die Ritterschaft darf ebensowenig einfältig werden, sonst verdient sie in der That, daß man ihr Wappenschild in den Koth schmeißt.«

»Ist Euer Ausspruch wahr, tapferer Franz,« sagte Paul von Wurtlingen, ein magerer aber knochiger Herr, mit feuerrothem Barte; »ist Carl V. nur ein schwaches Werkzeug in der Fürsten Hand, wächst diesen Churhüten wegen des Kaisers Unfähigkeit Stolz und Trotz zum Verderben des Adels, bei meinem Schwert! dann ist der Carl nicht werth, die Reichskrone zu tragen!«

»Das war ein Wort!« rief Hutten feurig. »Fürwahr Paul, Dein ächter deutscher Sinn beschämt so manchen Herrn, der nur den Muth noch hat, kaiserlicher Majestät schmutzigen Schuh zu küssen. Es gab eine Zeit, wo der Adel seine ruhmreichsten Kaiser nicht im Palaste, sondern am Vogelbauer fand, und heute möchte ein Mann, der keine Fürstenkrone trägt, wohl aber ein siegreiches Schwert, das deutsche Reich zu Glanz und Ruhm erheben.«

Huttens Blick ruhte bedeutungsvoll auf Sickingen und alle schienen mit Wohlgefallen Ulrich zu verstehen. Der Hohenburger verbarg die freudige Bewegung unter einer derben Einsprache gegen Huttens Bemerkung, ließ jedoch nicht im Geringsten durchblicken, als habe er die Anspielung auf seine Person verstanden.

»Mit Freuden opfere ich meine ganze Kraft dem Wohle des Adels,« sprach er, »und auch der geächtete Hochstein, unser liebwerther Waffenbruder, soll meiner Hilfe nicht entbehren. Was Fürsten und Reich betrifft, nun, der gesammte niedere Adel wird's auf dem nahen Tage zu Landau in seiner Weisheit berathen. Ich halte dafür, keine Macht der Welt mag die Durchführung dessen hindern, was der Adel zu thun für gut finden wird. Uebrigens, meine lieben Gesellen, – Alles zur rechten Zeit!«

Der Burgherr hieß seine Gäste abermals willkommen und ersuchte sie, die Rüstungen abzulegen. Reichgekleidete Diener führten die Herren in prachtvoll ausgestattete Gemächer, welche den Reichthum Sickingens bekundeten. Auch Herr Ulrich verließ das Zimmer, indem er darauf bestand, dem erprobten Freunde, Paul von Wurtlingen, Knappendienste bei Ablegung der Rüstung zu thun.

Kaum befand sich Sickingen allein, als an der Wand eine verborgene Thüre aufging und Faust mit einer Rolle hereintrat. Durch den offenen Eingang der geheimen Thüre sah man den Anfang einer schmalen Treppe, welche mit des Astrologen Laboratorium in Verbindung stand. Der Doktor grüßte schweigend durch eine leichte Verbeugung den Burgherrn und schritt in achtunggebietender Haltung, mit ernsten, geheimnißreichen Zügen, ganz der Würde des Meisters geheimer Wissenschaften angemessen, dem Tische zu, auf welchem er die Rolle ausbreitete.

»Die Constellation dieser Nacht!« sprach er.

Sickingen nahte der Rolle wie einem Heiligthum. Sein Auge ruhte beinahe ehrfurchtsvoll auf den sonderbaren astrologischen Figuren. Von allen berühmten Männern der Weltgeschichte, welche der Astrologie huldigten und am gestirnten Himmel Rath für weitgehende Plane suchten, gab es wohl Keinen, der unbedingteres Vertrauen in diese Kunst setzte, als Franz von Sickingen. E. Münch. Th. II S. 320. Tief über die Rolle herabgebeugt, verglich er mit kundigem Auge die Stellung der Figuren, bis er plötzlich mit lautem Ausrufe der Verwunderung das bisherige Schweigen brach.

»Da seht, Meister Faust, wie entschieden Mars sich unserm Löwen naht! Und hier der Bär, – wahrhaftig, der Schelm bleibt in der Bahn! Nun steht's fest, – es kommt zum Kriege mit Richard.«

»Wahr,« sagte Faust ruhig. »Ueberseht aber ja hier den Krebs im Schlangenkreise nicht. – Der Planet übt unheilvollen Einfluß auf die ganze Konstellation.«

»Was mag dies sein?« sprach Sickingen, beinahe furchtsam die Linien und Zeichen betrachtend. »Hier steht uns ein Feind auf.«

»Nach meiner Ansicht keineswegs,« entgegnete Faust. »Es gilt nur, alte Freunde zu erhalten. Der Einfluß von Mars und Löwe hebt diese zweideutige Stellung auf, sobald Ihr wollt. Ihr müßt das Bündniß mit dem Reformator und seiner Partei mehr beeinflussen; beobachtet dann selber das Gestirn, ob diese hinkende Constellation nicht weicht.«

»Was kann ich noch mehr thun, den Pfaffen zu gefallen?« versetzte Franz. »Ist doch fast die Hälfte der Reformatoren bei mir stets zu Gast; habe das lautere Evangelium in meinen Besitzungen eingeführt, – nein Faust! Daher rührt diese schiefe Stellung unserer Sterne nicht.«

Der Astrologe sah schweigend Sickingen an, wie etwa der Meister den Schüler, der es wagte, ihm eine ungeschickte Einwendung zu machen.

»Wie oft soll ich Euch noch wiederholen,« sagte Faust, »daß Luther ganz unter dem Einflusse jener Sternenbilder steht, welche Trotz, Stolz und Eigendünkel hervorrufen? Wollt Ihr Luther zum Freunde haben, dann schmeichelt seinem Stolze! – Nicht einmal die scharfsinnige Abhandlung habt Ihr gelesen, welche der gelehrte Augustiner Euch übersandte.«

»Es ist wahr; ich muß die Sache nachholen!« sprach der Burgherr.

»Nur in bester Form!« ergänzte Faust.

»Und wie meint Ihr?«

»Gebt dem Ding den feierlichsten Anstrich; laßt die vier Reformatoren sich versammeln, legt ihnen Luthers Schriften vor, – doch ja nicht zur Begutachtung! Nein, – in aller Demuth und Bescheidenheit bittet Ihr um Aufklärung dieser oder jener dunklen Stelle. Ihr lobt des Augustiners heilige Gelehrsamkeit, nennt ihn einen zweiten Paulus, ja noch mehr; kurz Ihr zeigt das lebendigste Interesse für den Mann und seine Lehre. Bevor Ihr noch mit Luther in Landau zusammentrefft, kennt er Eure Begeisterung für ihn, und Ihr könnt sicher erwarten, daß jener stürmische Mann für Euren großen Plan mit allem Eifer thätig ist.«

»Gut! Euer Rath ist klug, wie immer; er soll befolgt werden,« sagte Franz. »Doch, was haltet Ihr vom Handel mit Hochstein? Liegt es wohl im Willen des Himmels hier einzugreifen?«

»Ohne Zweifel!« antwortete Faust, das Papier zusammenrollend. »Nothwendig ist es aber nicht, um dieser einzigen Sache willen das Schwert zu ziehen. Der bald losbrechende Krieg wird Hochstein befreien und Euch die Stufen legen zu jener erhabenen Stellung, welche dem Günstlinge der Gestirne bestimmt ist.«

Nach diesen Worten kehrte Faust auf demselben Wege zurück, den er kam. Sickingen schritt nachdenkend im Gemache auf und nieder, lebhaft mit Gedanken seiner hochstrebenden Plane beschäftigt.

»Ein saures Stück Arbeit,« sprach er, »Begeisterung für diesen tollen Augustiner zu heucheln. Daß mir diese Rolle der Heuchelei auch gar so bitter schmeckt! Doch immerhin, – der Luther wird täglich mehr der Mann des Volkes; ich brauche ihn. Zudem kann mein Thron nicht fest begründet sein, so lange Rom in Deutschland herrscht. Luther eben ist es wieder, der Roms heiligste Glaubenssätze vernichtet, der aus dem Papste gar den Teufel macht, der mit vielem Glück und Geschick die Herzen des Volkes mit Haß gegen Rom erfüllt. Ja, – der Luther ist mein Mann! Wir beide vereint, gründen aus den Trümmern des alten deutschen Reiches eine neue gewaltige Macht.«

Er blieb vor dem Fenster stehen und hing den schönsten Bildern seines Ehrgeizes nach, bis ein Diener meldete, die adeligen Gäste seien in der Halle zum Imbiß versammelt.



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