Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Windstein.

 

Laß uns, das Todesschwert ergreifend, wacker
Aufsteh'n für unser hingestürztes Recht.

Macbeth.

 

Unter höchst ungünstigen Verhältnissen bestieg im Jahre 1519 Carl V. den Thron des deutschen Reiches. Abgesehen von der drohenden Macht der Türken, welche die Marken im Osten und Süden verheerten, rüttelten im Innern noch weit gefährlichere Feinde an tausendjährigen Grundvesten des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Die fortwährend steigende Macht der Reichsfürsten war dem Kaiser selbst gefährlich geworden, ihre Hausmacht blühte immer kräftiger empor, die errungene Untheilbarkeit ihrer Ländereien und die Annahme der Fortpflanzung der Fürstengewalt auf den Erstgebornen, entwickelte und befestigte ihre Selbstständigkeit. Ehedem Vasallen des Kaisers und von diesem mit Land und Leuten belehnt, waren sie jetzt stark genug, dem Oberlehensherrn zu trotzen. Hiebei wurden die Fürsten unterstützt durch zahlreiche äußere Reichsfeinde, welche des Kaisers ganze Macht in Anspruch nahmen. Zwar leisteten sie dem Reichsoberhaupte in den blutigen Kämpfen gegen die Ottomanen und Franzosen bewaffneten Zuzug, aber nur für neue Zugeständnisse. – Während die Fürsten nach dieser Seite hin vollständige Unabhängigkeit anstrebten, suchten sie auf der andern Seite den niederen, reichsfreien Adel zu drücken, unter ihre Botmäßigkeit zu bringen. Hiezu gaben die Satzungen des ewigen Landfriedens den besten Vorwand. Die endlosen Fehden und Räubereien des niederen Adels hatten nämlich den Wormser Landfrieden hervorgerufen, wonach jeder Landfriedensbrecher mit der Reichsacht bestraft und dessen Güter eingezogen werden sollten. Die Fürsten säumten nicht, mit ihrem starken Schwerte den Wormser Satzungen Geltung zu verschaffen, nicht sowohl aus Achtung vor dem Gesetze selber, als zur Förderung eigennütziger Plane. Keiner vom Adel durfte wagen, Fehde zu beginnen, ohne mit Hab und Gut dem nächsten Reichsfürsten in die Hände zu fallen.

Der Adel erkannte recht gut die Begehrlichkeit der Fürsten und die Gefahr, in welche seine unabhängige Stellung durch den Wormser Landfrieden gerieth. Dazu wurde die Einrichtung schmerzlich empfunden, welche den Rittern und Herren nicht mehr gestattete, mit bewaffneter Hand ihre Fehden auszufechten; – sie sollten vor Rechtsgelehrten erscheinen, um sich aburtheilen zu lassen. Wo ehemals Schwert und Lanze Helfer gewesen, sollten hochweise Juristen den Spruch thun. Dies schien dem kriegerischen Geiste des Adels durchaus unritterlich und ehrwidrig. Schwerer Unwille traf deßhalb die Fürsten; denn sie hatten die Wormser Satzungen hervorgerufen. Zum tödtlichen Hasse steigerte diesen Unwillen der Gedanke, daß die Fürsten jene Satzungen lediglich zur Unterdrückung und Knechtung des Adels benützten.

Gleicher Zorn traf die Städte; denn sie hatten durch unausgesetzte Klagen über Beraubung ihrer Kaufleute den Landfrieden veranlaßt, während es doch dem Adel durchaus nicht ehrwidrig schien, Juden und judenmäßige Krämer niederzuwerfen, deren reiche Ladung wegzunehmen, gefangene Kaufleute nur gegen hohes Lösegeld zu entlassen. »Reuten und Rauben ist keine Schande, das thun die Besten im Lande!« hieß das Sprüchwort.

Die Geistlichkeit verdiente gleichfalls den Haß des Adels; denn Kirchen und Klöster waren ungemein reich, Ritter und Herren aber in Vermögensverhältnissen vielfach tief herabgekommen. Neu eingeführte Luxusartikel erzeugten neue Bedürfnisse, und statt an althergebrachter Genügsamkeit, trotz ausländischer Waaren, fest zu halten, griff die Sucht nach Prunkgegenständen und damit das Streben nach Mitteln zu deren Erwerb um sich. Aus diesem Grunde bildeten die reichen, wehrlosen Kirchen und Klöster für den Adel eine anziehende Lockspeise, indeß ihm jene Gesetze drückend erschienen, welche Beraubung der Kirche mit Acht und Bann belegten.

Diese und andere Umstände erzeugten dumpfe Unzufriedenheit unter dem Reichsadel. Nicht Wenige folterte ingrimmiger Haß gegen die Zustände in Deutschland und sehnsüchtiges Verlangen nach dem Umsturz des Bestehenden. Dabei fehlte es nicht an Hetzern, die aus eigennützigen Gründen wirkliche Mißbräuche weit übertrieben und glimmenden Mißmuth zu lichten Flammen anzublasen strebten. – Besonders thätig in dieser Beziehung war Ulrich von Hutten. Von seiner Familie zum geistlichen Stande bestimmt, hatte er im Kloster Fulda eine klassische Bildung genossen, die er nun, von seiner früheren Laufbahn verschlagen, zu reichsfeindlichen Zwecken benützte. Seine aufrührerischen, zahlreichen Schriften schilderten in grellen Farben die Knechtung des Adels, die Verkommenheit der Geistlichen, den Uebermuth der Fürsten. Alle freien Männer des ganzen deutschen Reiches rief er mit feuriger Beredsamkeit zu den Waffen, um den alten Glauben, die Freiheit und verbriefte Rechte zu schirmen. Selbst das gemeine Volk bearbeitete er, auf die Lasten und Zehnten hinweisend, mit denen es gedrückt wurde, und nur zu sehr gelang es ihm, Unzufriedenheit und Murren unter den gemeinen Leuten zu erregen. Außer Ulrich waren noch andere Schriftsteller zu gleichen Zwecken thätig; immer finsterer und drohender zog sich das Unwetter der Empörung über dem deutschen Reiche zusammen.

Den kräftigsten Bundesgenossen fand der mißvergnügte Adel an dem Augustiner Martin Luther. Dieser lag im Streite mit der römischen Kirche, deckte eingeschlichene Mißbräuche rücksichtlos auf, schilderte in derber Sprache die Sittenlosigkeit vieler Mönche, und griff sogar die heiligsten Glaubenssätze seiner Kirche an. Die Häupter der Adelspartei erkannten in dem muthigen Augustiner sogleich das vortrefflichste Rüstzeug für die eigenen Plane. Luther wurde in den Bund der Verschwörung hereingezogen, was dem wehrlosen Doktor höchst gelegen kam; denn er war mit dem bisherigen Schutzherrn, dem Churfürsten von Sachsen, zerfallen und im Begriffe, nach Böhmen zu den Hussiten zu flüchten. Unter dem Schutze der waffenmächtigen Bundesgenossen vom Adel begann der Reformator freier und kräftiger an seinem Werke zu bauen. Studien u. Skizzen zur Geschichte der Reform. S. 179-181. Mit größerer Heftigkeit griff er die alte Kirche an und erklärte es geradezu für ein verdienstliches Werk, Klostergüter einzuziehen und an der Vernichtung des römischen Wesens rüstig zu arbeiten. Natürlich kam diese Lehre den Verbündeten des beutelustigen Adels höchst erwünscht. Nachdem Luther die Verderbtheit und Nutzlosigkeit des Mönchthums dargethan und sogar aus der Bibel die Erlaubtheit bewiesen hatte, Kirchengüter zu rauben, fiel jene religiöse Scheu weg, welche Viele bisher verhinderte, wehrlose Klöster zu plündern.

Immer fester und ausgebreiteter gestaltete sich das Gewebe der Verschwörung. Nur das Haupt der Bewegung und der günstige Augenblick zum Losbruche fehlten noch. Längst fielen Aller Augen auf Franz von Sickingen, – das mächtigste und schlagfertigste Glied des niederen Reichsadels. Sickingen besaß vielen persönlichen Muth, große Reichthümer, manche feste Burgen und war mit einem großen Theile des Adels durch Bande des Blutes, der Verschwägerung und Freundschaft verbunden. Obwohl auch ihm Fehler der Zeit anklebten, namentlich die Sucht nach Reichthümern und ein unersättlicher Geiz, besaß er doch viele Einsicht, gepaart mit hohem Freiheitsgefühl und dabei einen unbändigen Ehrgeiz, der ihn zu Neuerungen trieb. Sein Waffenruhm war allgemein bekannt. Aus eigenen Mitteln vermochte er, große Heere auszurüsten, und wenn des Sickingers Werber sich nur regten, liefen Landsknechte und Reisige in Menge herbei. Sogar Reichsfürsten hatte Franz im offenen Felde besiegt, die Herzoge von Württemberg und Lothringen überwunden, den Landgrafen Philipp von Hessen bewältigt, und stolze Reichsstädte niedergebeugt. Anderntheils verschmähte er nicht, Kaufleute niederzuwerfen und zu berauben, was ihm wiederholt des Reiches Acht zugezogen. Eben kehrte er als kaiserlicher Feldhauptmann aus einem Feldzuge gegen Frankreich zurück, der jedoch wegen der heldenmüthigen Vertheidigung der Stadt Meziers unglücklich abschloß.

Diese kurze Darstellung der Zeitverhältnisse schien zum Verständnisse der folgenden Geschichte nothwendig, die in jenem Theile des Reiches beginnt, wo sehr viele Glieder des niederen Adels ansässig waren. Fast jede Bergkuppe des alten Waasgau zierten starke, trotzige Burgen. Die natürlich feste Lage, auf unzugänglichen Höhen und Felsen, machte diese Adelssitze unbezwinglich und zu sicheren Zufluchtsstätten im Falle des Mißlingens einer Empörung gegen Kaiser und Reich.

Zu diesen kühnen Rittersitzen gehörte auch der altersgraue Windstein, dessen Ruinen heute noch bei Niederbronn im Unterelsaß in das Thal hinabtrotzen. Ein hoher Felsen hatte sich am langen Bergrücken bis zur äußersten Spitze vorgeschoben, so daß eine Höhe von nahezu fünfhundert Fuß auf drei Seiten den Felsen umgibt; nur auf der südlichen Seite hängt er mit dem Berge zusammen. Auf dieser Felsenveste ruht der Windstein. Keine Ringmauer, kein Graben schützt ihn. Wo er an den Berg stößt, den einzig zugänglichen Punkt, steigt ein gewaltiger Thurm empor, zu welchem eine Zugbrücke führt. Der Felsen ist tief ausgehöhlt, verschiedene Gänge, Gewölbe und Verließe bildend. Der Scheitel des grauen Gesteines ist von Mauern eingefaßt, in denen zuerst kleine Fensteröffnungen unregelmäßig durcheinanderlaufen, bis etwas höher in gerader Linie fünf prächtige Spitzbogenfenster aus dem Gemäuer hervorsehen. Hie und da gewahrt man noch einige kleine Gebäude, oft wie Schwalbennester am Felsen hängend. Aber mitten heraus ragt schlank und frei, als wolle er in die Wolken steigen, der Wartthurm. Von hier zählt man auf umliegenden Bergkuppen manchen kühnen Adelssitz, dessen röthliches Gemäuer trotzig gegen Himmel aufsteigt. Ganz nahe liegt Burg Schöneck, von welchem das Thal seinen Namen trägt, auch der Falkenstein, die Arnsburg und der alte Wasenstein, wo nach der Sage der grimme Hagen Herrn Walther aus Spanien erschlug. Nibelungenlied. Braunfels. S. 551. Schon etwas entfernter, von leichtem, bläulichen Schleier umzogen, thront des Sickingers stolze Hohenburg, und nahe daran die alte Reichsveste Wegelburg. Gegen Süden hin breitet sich das flache Land aus, reich an Dörfern und Weilern, zwischen denen manchmal auf reizenden Anhöhen ernste Klöster hervorragen. Wo auf der vorderen Seite der Felsen jäh abstürzt, und dieser Sturz gleichsam eine Hügelwelle schlägt, lehnt am Felsengrunde der Burg eine kleine Kapelle, in deren Gruft die heimgegangenen Herren von Windstein ruhen.

Herrliche Buchen- und Eichenwälder umgeben den kühnen Rittersitz; nur das schmale, südlich hinziehende Thal ist angebaut, und die wenigen Häuser des nahen Weilers liegen zwischen blühenden Obstbäumen versteckt. Mühevoll konnte dem herrschenden Forste einiges Ackerland abgetrotzt werden, und dieses brachte nur die nothdürftigsten Erzeugnisse hervor. Um so üppiger sprossen und grünen die Wiesenmatten, welche das Thal bedecken und von einem hellen Gebirgswasser durchschnitten werden. Dem schnellen Laufe des Baches folgend, wird das Thal immer enger, zuletzt einem hellgrünen Streifen gleichend, der im dunklen Forste verschwindet. Am Schlusse des Wiesengrundes breitet eine stolze Eiche die riesigen Arme weit aus, und gewährt unter ihrem grünen Laubdache zwei Männern Schutz gegen die fast senkrecht niederfallenden Strahlen der Mittagssonne.

Der eine dieser Männer ist vollständig gewappnet. Der glänzende, durch einen wallenden Federbusch gezierte Helm lehnt am Stamme der Eiche. Schwerlich würde der Pinsel des Malers im Stande sein, eine stattlichere, vollkommnere Kriegergestalt zu entwerfen, als sie der Gewappnete bietet. Seine Körpergröße übersteigt das gewöhnliche Maß, und obwohl schlank gebaut, scheint der Mann dennoch außerordentliche Kraft zu besitzen, wie die ungemein starke und gewichtige Rüstung schließen läßt. Metallstücke bedecken ihm Füße, Beine und Arme, während Brust und Rücken ein glänzender, mit Gold- und Silberfiguren eingelegter Panzer schirmt. Selbst die Hände bekleiden Stahlschuppen, zierlich zu Handschuhen geformt. An der Seite hängt ihm ein breites Schlachtschwert, oder es steht vielmehr seiner Länge wegen auf dem Boden. Der Dolch, in buntfarbiger Scheide, hat einen reichen Griff, mit kleinen Goldplättchen belegt, und schließt mit einem leuchtenden Steine. Unter dieser Wucht von Stahl und Eisen bewegt sich der Gewappnete mit einer Leichtigkeit, als trage er die Kleidung gewöhnlicher Menschen. Seine edle Gesichtsbildung und deren kriegerischer Ausdruck stimmen zur Art dieses Mannes von Stahl und Eisen. Ein Paar hellblaue blitzende Augen sehen kühn in die Welt und wird der Mann aufgeregt, so ist dessen stechender, glühender Blick kaum zu ertragen. Ueber die freie, hohe Stirn zieht eine Narbe, nicht im Geringsten entstellend, sondern den kriegerischen Ausdruck des Gesichtes erhöhend. Die gekrümmte Adlersnase, vom röthlichen Schnurrbart umschattet, steigert den trotzigen um den Mund schwebenden Zug. Nußbraunes Haar bedeckt in dichten Locken das Haupt und will sich fast nicht unter die Wölbung des Helms bergen lassen.

Sein Gefährte ist von schmächtigem Wuchse, wenn anders der Vergleich neben dem Gewappneten nicht täuscht. Er hat die Rüstung abgelegt und steht im Lederkleide vor dem Genossen, mit vieler Lebhaftigkeit das Gespräch fortsetzend. Sein bleiches Gesicht beleben zwei geistreiche Augen, die unstät und schalkhaft umherspähen, – neben dem ruhigen, trotzigen Löwenblick seines Gefährten Schlangenaugen nicht unähnlich. Dabei liegt Verschlagenheit und ein gewisses, unheimliches Etwas in seinem ganzen Wesen; allein die schön dahinfließende Rede des Kriegers und das Angenehme seiner Unterhaltung verwischen ziemlich alle ungünstigen Eindrücke seiner Erscheinung.

In einiger Entfernung von Beiden lagern reisige Knechte, ungefähr zwanzig an der Zahl, unter dem Schatten der Bäume. In der Mitte des Kreises liegt ein kleines Faß, aus dem nahen Kloster hiehergebracht, dessen Inhalt die Gesellen in munterer Laune erhält. Sie trinken, singen und plaudern, wenn nicht Einer den Uebrigen irgend ein Kriegsabenteuer zum Besten gibt. Die Stahlhauben und Panzer stehen in schöner Ordnung um sie her. Einige haben das Lederwamms abgeworfen und das zurückgeschobene Hemd läßt die breite, mit Narben überzogene Brust sehen, indeß der Kopf auf dem sehnigen Arm ruht. – Im jungen Grase der Wiese gehen die Pferde zügel- und sattellos, und recht gut ist der starke Streithengst des Gewappneten unter dem weidenden Troß herauszufinden.

Der Junker im Lederkleide trat zu den Knechten heran, füllte aus dem Faß einen Humpen und kehrte zum Gefährten zurück, der nachdenkend auf der emporspringenden Wurzel der Eiche saß.

»Ein göttlicher Nektar!« rief er, den Wein vor das leuchtende Auge haltend. »Die Klosterpfaffen sind fürwahr keine Narren, liegt doch in allen Kellern der ganzen Reichsritterschaft kein solcher Trank. Nimm nur, Franz! Schwerlich trugen jemals Deine Weinberge Rebensaft von solchem Feuer.«

Der Gewappnete that einen langen Zug und gab schweigend das Gefäß zurück.

Der Andere erhob den Humpen, sein Auge leuchtete heller auf, er besann sich einige Augenblicke und sprach in munterer Laune:

» Veni creator Bachius,
Mentes tuorum visita;
Imple jocoso apice,
Quae renovasti pectora.
«

In langen Zügen leerte er den Krug.

»Zum Danke für solch' herrlichen Genuß,« scherzte er, »wollte ich dem feisten Propst täglich einen Spaziergang über diesen verfluchten Berg wünschen; nach zwei Monaten sollte er gewiß den beschwerlichen Wanst los sein.«

Franz beachtete ein Gerede nicht, das seinen trüben Ernst verscheuchen sollte. Das Haupt auf die Hand gestützt, saß er da, immer tiefer in düsteres Nachsinnen sich versenkend. Zuweilen bog er den Bart zwischen die Zähne, während das blitzende, stechende Auge den Rasen zu entflammen drohte.

Abermals stand der Dichter obiger Verse mit vollem Humpen vor dem Ritter und begleitete diesmal seinen Zuspruch mit beißendem Witze auf das ernste Wesen seines Genossen. Vergebens! Die trübe Stimmung des Eisernen blieb.

»Wann hat dieser grimmige Löwe denn einmal ausgetrotzt?« sprach er, halb Scherz halb Ernst, indem er sich an der Seite des Freundes niederließ und seinen Arm über dessen breite Schultern legte. »Laß mich die Fratze des Verdrusses ziehen, Franz, für den Spott jener Carthäuser; – ich bin der beschimpfte Mann, nicht du.« Gegen die Mönche der Carthause Schlettstadt wurde die Anklage erhoben, Huttens Bildniß beschimpft zu haben, wovon Franz von Sickingen Anlaß nahm, jenes Kloster zu brandschatzen. Stud. u. Sk. z. Gesch. d. Ref. S. 206.

»Kaum der Rede werth!« entgegnete der Ritter gleichgültig.

»So – was? Eine Eselshaut über mein Standbild gezogen, – kaum der Rede werth?«

»Dort liegt deine Entschädigung, Ulrich!« versetzte Franz, auf einen vollen Säckel hinweisend. »Den fetten Mönchen wird der Spaß auf viele Jahre vergangen sein, – denk' ich! Zudem konnten jene tollen Pfaffen deine Ritterehre nicht besudeln, – ich allein bin der Beschimpfte. So abziehen müssen, – ohne Schwertstreich fast! Von welschen Laffen hinter Maulwurf-Haufen sich äffen und trotzen lassen, – o!« er ballte die Faust und sein Auge funkelte licht auf.

»Die beiden Grafen tragen alle Schuld, nicht der geringste Flecken hängt an deinen Lorbeeren,« erwiederte Ulrich. »Warst du nicht gehemmt bei jedem Schritte? Konntest du nach Willen die Belagerung leiten? Kaum warst du Herr deiner eigenen Kriegsgesellen. Ohne Zweifel, – wäre die Fehde nach deiner Kriegskunst geleitet worden, der stolze Bayard hätte vor uns den Nacken beugen müssen.«

»Leider wahr!« – versetzte Franz bitter. »Zwei Aufpasser, die alle meine Tritte belauschen sollten, zwei Bleiklötze, die sich hemmend an meine Spannkraft hängten, hat der Kaiser in jenen beiden Grafen mir beigegeben. Aber Geduld! Dafür will ich Carl zur Zeit ein Lied singen.«

»Wenn nur das Lied nicht wieder eine verstimmte Melodie hat, wie das eben abgesungene,« sprach Ulrich. »Nach meinem Rathe hättest du des Kaisers Anerbieten gar nicht annehmen sollen. Viel, unendlich viel haben wir dadurch verloren. Dein bloßer Name schon glänzte wie ein Hoffnungsstern unserm geknechteten Stande, auf allen Burgen des Reiches wurde Sickingen erhoben und gepriesen. Doch, was geschieht? Dieser gefeierte Sickingen greift zu den Waffen als kaiserlicher Feldhauptmann, er befehdet den eigenen Bundesgenossen und zwar auf Carls Befehl. Franz von Sickingen hatte mit König Franz I. von Frankreich ein Bündniß geschlossen, dem zufolge er einen Jahrgehalt von 5,000 £. bezog, wofür Sickingen dem Bewerben des Königs für die deutsche Kaiserkrone behülflich sein sollte. Daselbst S. 157. Er läßt sich vom Spanier besolden und gar noch unter die Grafen von Nassau und Fürstenberg stellen! Welche Erniedrigung! Kein Wunder, wenn die Freunde mißtrauisch und schwankend geworden, andere gar abgefallen sind. Nur von meiner Wenigkeit zu reden, – manche Schrift wäre in dieser langen Zeit aus meiner Feder geflossen, wo ich nichts that, als Schanzen bauen und Hasen jagen. In mancher deutschen Brust hätte ich den geknechteten Geist der Freiheit wach gerufen, oder gar schon am hellen Tage das Hermannsbanner auf den Zinnen der Burgen aufgesteckt.« Das. S. 134-149.

»Schon wieder der Hitzkopf!« sprach Sickingen. »Wäre nur aus diesem Schwärmer ein verständiger Mensch zu machen.«

»Nun gut, was haben wir gewonnen? Beim kältesten Verstande kann ich's nicht begreifen!« erhitzte sich Herr Ulrich.

»Wir haben wenigstens nichts verloren,« antwortete Franz. »Nichts ohne Ursache! Da wir mit unsern Lanzen bei Worms standen, indeß Luther auf dem Reichstage den Teufel beschwor, wurde mir hinterbracht, dem Kaiser sei unser ganzer Anschlag verrathen, – sogar die Mitglieder des Ritterbundes habe er aufgeschrieben. Ich merkte mir die Sache, und als an mich der Ruf zum Kriege gegen Frankreich erging, erkannte ich sogleich die Falle, welche der schlaue Spanier mir stellte. Hätte ich den Kommandostab zurückgewiesen, dann wäre des Kaisers ganze Macht gegen einen Mann zu Felde gezogen, der offen mit dem Reiche gebrochen hatte und der Acht verfallen war. Jetzt aber kehre ich, wenn auch gekränkt, so doch von Acht befreit, als hochgeehrter kaiserlicher Feldhauptmann zurück, kann Ansprüche machen und neue Pläne schmieden. – Verstehst Du's, Junge?«

»Vortrefflich, – bist ein rechter Eber, wirfst immer den rechten Grund auf!« lachte Ulrich. »Hast recht, mein Eisenfresser, wir ziehen auf unsere Burgen, Du wirfst reiche Kaufleute und Klöster nieder, und ich schreibe und dichte nach Herzenslust.«

Abermals griff er zum Wein und war sichtlich froh, seinen Gefährten dem trüben Nachsinnen entrissen zu haben.

»Sieh' nur Franz, welch herrliches Thal! Nimmt mich Wunder, daß die schelmischen Benediktiner, Dominikaner oder kahlköpfigen Bettelmönche ihre Schlemmer- und Faulenzerhütten hier nicht aufgeschlagen haben, – wissen doch sonst immer die schönsten Plätze für sich wegzunehmen. Ist dort jener graue Streifen hinter dem Hügel nicht die Zinne einer Burg?«

»Der Schöneck ist's!« antwortete Franz. »Willst Du aber ein rechtes Adlernest sehen, dann gehe um diese Waldesecke und der Windstein liegt vor Dir!«

»Wer? Der Windstein?« rief Ulrich und eine sonderbare Bewegung flog über sein bleiches Gesicht.

»Ja, der Windstein, worauf ehedem der tapferste Degen aller deutschen Lande saß. Trägt sein Junge auch nur 'ne Ader vom alten Bären an sich, werden ihm wenige Lanzen gewachsen sein.«

Ulrich wandte sich um, wie ein Mensch, der vor Verlangen brennt, etwas zu sehen, dennoch aber dessen Anblick scheut. Sickingen sah ihm verwundert nach, und schritt dann gegen die Reisigen hin, deren lautes Gelage durch die Wälder schallte. Manches »Hoch« hatten diese auf Sickingen, auf dessen Waffenfreunde, und alle wackern Landsknechte ausgebracht. Lustige Reiterlieder wechselten mit Erzählung bestandener Abenteuer und Schwänke, wobei sie oft ein schallendes Gelächter aufschlugen.

Wohl in Folge fleißigen Weingenusses, der bekanntlich ohnedies offenen Gemüthern die letzten Geheimnisse austreibt, erhob sich Kaspar aus der Mitte des Kreises, nahte mit gewichtiger Miene seinem Mantelsack und zog daraus einen prächtigen goldenen Kelch hervor, den er triumphirend in der Rechten schwang.

»Wo hast Du den her, Schnapphahn?« riefen zugleich mehrere Stimmen.

Der Knecht antwortete mit schlauem Lächeln, und füllte bis zum Rande den goldenen Becher. Er stand mitten im Kreise, blickte seine erwartungsvollen Kameraden schmunzelnd an und war eben im Begriffe, einen Trinkspruch auszubringen, als ihn des Sickingers Eisenstimme so gewaltig andonnerte, daß der Kelch seiner Hand entfiel.

»Woher der Kelch, verfluchter Schurke?«

Banges Schweigen im Kreise. Der Angedonnerte wurde bleich. Er schien bereits den Strick am Halse zu fühlen.

»Wird's bald? Woher der Kelch?« wiederholte Sickingen drohend

»Aus Schlettstadt, – Herr!« antwortete kaum vernehmbar der Reisige.

»Hier stehen Bäume genug, nach Verdienst Dich aufzuhängen,« sprach Sickingen finster. »Meine Befehle kennen, und sie dennoch übertreten, was soll das heißen?«

Die Reisigen zitterten für ihren Kameraden, und erwarteten schon den unwiderruflichen Befehl zur Ausführung des gestrengen Urtheils. Keiner wagte eine Bitte um Schonung, denn sie wußten aus Erfahrung, dies würde nur das Gegentheil bewirken. Eine lange Pause des tiefsten Stillschweigens. Nur die tausend Zungen der Bäume ringsum flüsterten unverständliche Reden über dem ernsten Kreise. Franz blickte in finsterem Unmuthe in das ältliche, von einer breiten Schramme durchzogene Gesicht des Knechtes. Ein Hauch des Mitleids belebte seine eisernen Züge, und im nämlichen Augenblicke erhob Kaspar das auf die Brust gesunkene Haupt.

»Vergönnt mir ein Wort, Herr!«

Sickingen nickte bejahend.

»Wenn Ihr mich aufhängen laßt, dann hab' ich den Tod verdient, – laßt Ihr mich leben, bin ich unschuldig, – in keinem Falle wollte ich Eure Befehle übertreten.«

»Nicht, – so? Und dennoch that'st Du's?«

»Ihr standet mit den geizigen Pfaffen noch in Unterhandlung, da ich den Kelch und das kostbare Kreuzlein wegnahm.«

»Das Kreuz, wo ist's?« unterbrach ihn Franz.

Kaspar zog ein kleines Päckchen hervor und überreichte es seinem Herrn.

»Dann hättest Du nach dem Vertrage die Sachen zurückstellen sollen,« sprach Sickingen, das Papier entfaltend. Ein goldenes Kreuz von sehr feiner Arbeit und mit kostbaren Steinen besetzt, lag in seiner Hand, und je mehr sein Blick in das helle Wasser und glühende Feuer der Steine fiel, desto mehr erheiterte sich die gefurchte Stirne. Kaspar bemerkte dies mit Freuden und gab seinen Kameraden einen geheimen Wink.

»Das Kreuz ist wohl manchen Goldgulden werth!« sprach Franz vor sich hin.

»Für mich ist's keinen Heller werth,« entgegnete der Knecht mit schalkhaftem Lächeln. »Argen Kummer hat's mir verursacht, weil's schuld ist, daß mein Herr auf mich zürnt, deßhalb mag ich's auch gar nicht mehr. Bin doch schon ein alter Reitknecht, hab' lange Jahre schon bei Eurem gestrengen Vater gedient, hab' manchen Kaufmann niedergeworfen, hab' seit dem Rumor, welchen der Wittenberger Mönch angefangen, Eurer Gestrengen manches Kloster plündern helfen. Hab' auch schon mit Glimpf manchen Kelch in Eurer Gestrengen Kammer gebracht, – aber niemals hat mich Euer Zorn so schwer getroffen, wie heute, wo ich ihn am wenigsten zu verdienen meinte.«

»Ich weiß, Du bist ein wackerer Geselle,« sprach Sickingen, das Kreuz einschiebend. »Aber du hättest dir nicht sollen beigehen lassen, Leuten etwas zu nehmen, die uns den Frieden abgekauft haben. Wo unser Fehdebrief hingelaufen, magst du plündern und freibeuten nach Belieben, und wär's bei St. Peter zu Rom, – sonst aber nirgends. Juden und Kaufleute magst du niederwerfen; denn diese Schurken verweichlichen deutsche Sitten durch welsche Artikel und verdienen unsern ganzen Zorn.«

»Bei meiner Seel'!« sagte Kaspar, nachdem Sickingen weggegangen; »das Baumeln stand mir nahe. Aber ich kenne unsern Herrn! Der grimme Eber wird mild, wenn man ihm vorhält, was funkelt und glänzt, und den güldenen Schrein füllt. Sein seliger Vater hatte fast die gleiche Art.«

Die Zecher ließen neuerdings den Humpen fleißig kreisen, sobald sie merkten, daß Sickingen mit Herrn Ulrich in lebhaftem Gespräche verkehrte.

Ulrich kehrte nämlich ernst sinnend zurück, was Franz befremdete. Er wartete einige Zeit in der Hoffnung, Hutten werde sich erklären. Als dieser jedoch anfing, am Helme zu putzen und gleichgültige Dinge sagte, begann der Ritter, indem er seinen Gefährten scharf in's Auge faßte:

»Sag', Ulrich, was lief dir vorhin beim Namen Windstein über die Leber? Ich habe deine Bewegung deutlich bemerkt.«

»Nun, es kam mir ein ähnlicher Name in den Sinn, der mir früher viel zu schaffen machte,« versetzte ausweichend Herr Ulrich. – »Aber Franz! Das ist eine Burg, so stolz und kühn, daß selbst die Feldschlangen sie vergeblich würden anspeien.«

Sickingen schüttelte unzufrieden das Haupt.

»Ulrich, Offenheit will ich von Dir! Du hast mir die Wahrheit nicht gesagt«, sprach er bestimmt und ernst.

»Gut! Du sollst die Wahrheit hören, – ich habe keine Geheimnisse vor Dir. Aber versprechen mußt Du, ohne Unterbrechung bis zum Schlusse mich anzuhören.«

Franz nickte. Herr Ulrich begann mit vielem Ernste seine Erzählung.

»Im vorigen Monate war's ein Jahr, als ich, wie Du weißt, auf die beiden Legaten des Papstes weglagerte. Der Ausgang des Unternehmens ist Dir bekannt, nicht aber die Ursache des unglücklichen Erfolges, die ich, – offen gestanden, verschwieg aus Furcht, Deinen Unwillen zu erregen. Höre! – Wir lagen von Morgens fünf bis Nachmittags zwei Uhr auf einer buschigen Anhöhe. Die Straße konnte man weithin wie ein gelbes Band die Ebene durchziehen sehen. Von den Legaten keine Spur. Schon gaben wir die Hoffnung auf, da wurde in der Ferne ein schwarzer Punkt sichtbar, der immer größer anwuchs und nach einer halben Stunde erkannten wir die Cardinäle, an der Spitze weniger Reiter dahertrabend. Wahrscheinlich hielten sie den Adel noch für zu dumm, daß er's wagen könnte, auf Seiner päpstlichen Heiligkeit Legaten zu fahnden; sonst hätten sie wohl besser sich vorgesehen. Wir führten aus der der andern Seite des Hügels die Pferde hinab, saßen auf und nach kurzem Ritte hielten wir den Gesandten gegenüber. Ich hielt es nicht der Mühe werth, das Schwert zu ziehen, da bei unserer Ueberzahl und der Welschen Feigheit an Kampf nicht zu denken war. Auf meine Erklärung: die Herren möchten sich bequemen, einen kleinen Abstecher auf die Ebernburg zu machen, – schauten sie mich erstaunt an. Endlich begriffen sie ihre Lage und verboten sogar den Knechten, zur Vertheidigung ihrer Person das Schwert zu ziehen, was übrigens unnöthig war; denn ihre Trabanten schienen größere Furcht vor Blut zu haben, als sie selbst.«

»Marini nahm eine Miene an, die ernst und strafend sein sollte, mich aber zum Lachen reizte, da er sprach: »Herr Ritter, Ihr seid im Begriffe, ein schweres Verbrechen zu begehen; denkt an die Strafdrohung unserer heil. Kirche und an Gottes Gerechtigkeit!« – Ich citirte als Antwort eine belobende Stelle aus Luther's Brief, dem ich vorher meinen Plan mitgetheilt, und der nach seiner feurigen Art mich darin bestärkte. Der berühmte Reformator äußerte seine Freude über Herrn Ulrichs Vorhaben mit den Worten: » Gaudeo Huttenum prodiisse, atque utinam Marinum aut Alexandrum intercepisset.« Das. S. 197. Darauf ordnete ich den Zug, da jede Verzögerung böse Folgen haben konnte, indem das Kammergericht auf Freibeuter Streifzüge anbefohlen hatte. Die Legaten welschten Unverständliches miteinander. Ich fühlte keine Lust, durch ihr schlechtes Mönchslatein meine Ohren quälen zu lassen, ritt voraus und schon tauchten in der Ferne die Thürme deiner Ebernburg empor.«

»Aber plötzlich änderte sich unerwartet die Lage. Der Weg zog bisher am Fuße einer kleinen Anhöhe hin, und wir kamen allmälig der Spitze nahe, wo die Straße um den Hügel krümmt. Da dröhnte es wie ferner Donner, ich hielt mein Roß an; wirklich zitterte die Erde. Im nämlichen Augenblicke sprengte um das Eck des Hügels ein Ritter. Seine Rüstung schien schwarz wie die Nacht, auf dem Helme flackerte eine lichte Flamme, – feuerrothe Federn. Hinter ihm her jagte ein Trupp ebenso schwarzer Gesellen. Kaum blieb so viele Zeit, die Knechte anzurufen, als der Ritter mit solcher Gewalt auf mich anrannte, daß ich ohnmächtig in den Sand kollerte. Ich hörte seine furchtbaren Schwertschläge, kurzes Getümmel, – dann war's stille. Mühevoll raffte ich meine lahmen Glieder auf. Drei meiner Knechte lagen auf dem Platze, der eine in den letzten Zügen röchelnd. Der Feind verfolgte die Flüchtigen; die Cardinäle waren in die Kniee gesunken und schrieen zum Himmel. Leicht konnte ich entfliehen, aber ich mochte nicht; Wuth, Schaam und Zorn durchwühlten mir die Brust. Ganz nahe bei den Legaten blieb ich hinter einer Hecke stehen. Jetzt kam der Ritter zurück, stieg ab und kniete vor den Alten nieder, die ihm segnend ihre Hände auf's Haupt legten. Er hatte seinen Helm abgenommen – kehrte mir den Rücken – ich stand ganz nahe bei ihm, – wie ein Blitz fuhr mir's durch den Kopf, meinen Feind zu verderben. Ich sprang mit gezogenem Schwert hinter dem Busche hervor, faßte es mit beiden Händen, holte weit aus« –

Eine rothe Gluth überflog des Sickingers Angesicht.

»Hölle und Teufel!« schrie er. »Was hast Du gethan? Kein Jude wäre so verfahren!«

Was hast Du gethan? Kein Jude wäre so verfahren!

»Ich verdiene Deinen ganzen Unwillen, Franz; aber Du wolltest mich nicht unterbrechen, – höre nur. In demselben Augenblicke, als der Schlag niederfuhr, erhob sich der Ritter, indem die Legaten entsetzlich schrieen. Der Hieb verlor durch diese Bewegung des Gewappneten sein Ziel und sauste mit solcher Gewalt auf dessen eiserne Schultern nieder, daß mein Eisen wie Glas in zwei Stücke zerbrach. Schnell griff ich nach dem Dolche, um mich wüthend auf den Feind zu werfen. Doch aller Muth verging mir, als der Ritter, gegen meine Erwartung, nicht zum Schwerte griff, sondern mit aller Ruhe sich umwandte und mir ein Gesicht zeigte, daß ich geschworen hätte, die leibhaftige Göttin Pallas Athene stehe vor mir. Seine großen, schwarzen Augen ruhten voll Staunen und Unwillen auf mir, sein wunderschönes Gesicht überzog eine dunkle Gluth; dann setzte er den Helm auf die schwarzen Locken und wandte sich stolz ab, ohne ein Wort zu verlieren. Alle Sinne vergingen mir, – diese Schmach hätte ich zehnmal mit dem Leben losgekauft.

Unterdessen kamen die Uebrigen von der Verfolgung zurück, lauter sonnenverbrannte muthige Burschen. Keinen Mann hatten sie verloren, von den meinigen war einer geblieben. Wie ich hernach erfuhr, hatte der Ritter mit flacher Klinge d'reingeschlagen, wahrscheinlich, um vor den römischen Priestern kein Blut zu vergießen. Ich stand immer auf demselben Fleck, wie angewurzelt; verächtliche Blicke, zornige Mienen warfen mir die Burschen zu, aber keiner sprach ein Wort. Die Cardinäle bestiegen mit Hilfe ihres Beschützers die Maulthiere, der Zug setzte sich in Bewegung und jetzt erst nahte mein unbegreiflicher Feind.

»Obwohl Landfriedensbrecher, möcht Ihr diesmal gehen,« sprach er, »weil die ehrwürdigen Väter wünschen, Ihr möchtet Buße thun für Euer Vergehen.«

Nach diesen Worten schwenkte er seinen Rappen. Ich fiel unwillkührlich dem Pferde in die Zügel. Fragend schaute er mich an, ohne den geringsten Unmuth zu verrathen. Dieser Mensch hatte durch sein ganzes Wesen einen sonderbaren Eindruck auf mich gemacht. Ich war weich gestimmt wie ein Kind, und sagte stotternd: »Leben und Freiheit sollen mir künftig theurer sein, weil beide Dein Geschenk sind, schöner Jüngling.«

»Wollte Gott, Ihr legtet das Räuberhandwerk, und würdet ein braver Rittersmann,« entgegnete er ernst. »Niemand freute dies mehr, als mich, Heinrich von Windstein.«

Darauf spornte er das Pferd und eilte den Seinigen nach. – Begreifst Du Franz, weshalb mich der Name Windstein in Bewegung setzte?«

»Dieses Benehmen sieht ganz den Windsteinern gleich, – der Junge schlägt nicht aus der Art, sprach Sickingen. Du aber hättest nicht schmählicher handeln können! Pfui Ulrich, pfui!«

»Mein Verfahren verdient Verachtung, vielleicht auch Entschuldigung, betrachtet man die unüberlegte, im Sturme der Leidenschaft verübte That.«

»Verlorene Mühe!« sagte Franz, nicht ohne Verachtung. »Keine Wortfechterei wird den Schmutz ausklopfen, der in Deinem Rittermantel sitzt.«

»Gewiß aber Dein Spott,« entgegnete Ulrich verletzt. »Deine scharfe Lauge könnte alle Schandthaten ausmerzen, die jemals unter Ritterhelmen erdacht wurden. Uebrigens würde jener schöne Jüngling, aus dem Geschlechte der ritterlichen Windsteiner, gewiß meinen ehrbaren Franz von Sickingen auch einen ›Räuber oder unritterlichen Gesellen‹ heißen, falls er ihn bei Plünderung von Kirchen und Klöstern träfe.«

»Niemals hab' ich ein Kloster meuchlings angefallen,« antwortete Sickingen; »in meinen Fehdebriefen ist sogar Tag und Stunde angesetzt, wenn ich zu erwarten bin, – somit ist mein Benehmen nicht ehrwidrig.«

»Natürlich! – schickst Du dem Teufel oder gar unserm Herrgott einen Fehdebrief und fällst ihn mit blanken Waffen an, so ist Dein Benehmen nicht unritterlich,« rief Ulrich lachend. »Verstehst Du, Franz, wir Beide haben nur etwas verschiedene Begriffe von dem, was im Leben Ehre heißt. Deine Ehre ist's, unsern Feind nach Löwenart anzufallen und ihm zuvor noch durch Gebrüll deine Ankunft zu verkünden. Meine Ehre ist's, durch alle Mittel der Klugheit und List denselben Feind zu verderben. Du schreitest einher, wie ein löwenherziger Würger, und ich schleiche unter Dornen und Rosen, wie eine Schlange.«

»Jetzt aber reiten wir gleich einer Heerde hungriger Wölfe auf die Hohenburg,« sprach Sickingen, indem er aufstand und seinen Kriegsknechten das Zeichen zum Aufbruche gab.

Nach einer Viertelstunde war der Troß hinter der nächsten Krümmung des Thales verschwunden.



 << zurück weiter >>