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Ueberlistete Räuber.

 

Der streifte durch das ganze Land
Mit Wagen, Roß und Mann,
Und wo er was zu kapern fand,
Da macht' er frisch sich d'ran.
Wips! hat er's weg, wips! ging er durch,
Und schleppt' es heim auf seine Burg.

Bürger.

 

Bekanntlich ist es eine Eigenheit aller Hochstrebenden, im Falle ihre Leidenschaft durch Kühnheit und Thatkraft unterstützt wird, günstige Zeitverhältnisse zur Befriedigung ihres Stolzes zu benützen. Die angedeuteten Wirren im deutschen Reiche legten dem ehrgeizigen, waffenmächtigen Franz von Sickingen die Versuchung nahe, durch eigenes Verdienst den einfachen Edelmann zu erheben und die Eisenhaube des schlichten Ritters mit dem Fürstenhute zu vertauschen. Dazu kamen die fortwährenden Ermunterungen seiner Standesgenossen, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen und über die Streitkräfte einer Verbindung zu verfügen, welche, den Kern der Reichsmacht bildeten. Obwohl Sickingens geheimen Planen derlei Ansinnen entsprachen, ging er bisher doch nicht mit Ernst in die Sache ein, – nicht, weil ihm der Muth fehlte, sondern weil er die Schwierigkeit des Unternehmens kannte, und wahrscheinlich den rechten Zeitpunkt noch nicht angebrochen glaubte.

Nach der Rückkehr aus Frankreich schien Franz nicht ohne Ursache die Hohenburg zum Aufenthalte erwählt zu haben. Diese liegt an der Gränze des Waasgaues auf hoher steiler Bergstirne, emporsteigend über einem langen waldigen Rücken der Vogesen. Ganz in der Nähe und in gleicher Höhe trotzt der alte Lindenscheidt mit seinem grauen Thurme, die Reichsveste Wegelburg, und etwas tiefer der stolze Fleckenstein. Denn so arm jene Gegend an Naturerzeugnissen ist, so reich ist sie an natürlich festen Plätzen. Wo in Thälern auf kleinern kegelförmigen Hügeln nackte Felsenwände emporsteigen, oder wo sie hoch auf den Spitzen der Berge thronen, dienen sie festen Burgen zur Grundlage. Von den Thürmen der Hohenburg konnte man in geringer Entfernung über vierzehn adelige Burgsitze zählen, und kaum wurde Sickingens Anwesenheit auf seinem Schlosse bekannt, als unter dem Adel der Nachbarschaft eine ungewöhnliche Bewegung entstand. Dieses Strömen nach Hohenburg wuchs täglich. Bald gingen und kamen fremde Herren und Ritter aus weiter Ferne, so daß man hätte glauben sollen, Kaiser Carl selber halte eben Hoflager auf der einsamen Felsburg. Auch Männer im dunklen Predigerkleide wallfahrteten gegen Hohenburg, und die Verbindung zwischen diesem Schlosse und Wittenberg war eine lebhafte. Mehrere Häupter der religiösen Bewegung hatten bei Sickingen Schutz gefunden, was seiner Veste den Namen »Herberge der Gerechtigkeit« erwarb und nicht wenig beitrug, die religiöse Partei für den hochstrebenden Edelmann zu gewinnen.

Einige Wochen waren verflossen und die Zahl fremder Gäste auf Hohenburg wurde täglich größer. Sickingens Gastfreundschaft war eine glänzende. Oft schallte bis zum Morgengrau Lärmen und Zechen aus dem hellen Rittersaale in die stille Nacht hinaus; erst das Herannahen des jungen Tages verscheuchte die nächtlichen Zecher.

Die Schläfer mußten auch in vergangener Nacht wieder tüchtig gezecht haben; denn längst belebte geschäftiges Treiben die Weiler unten im Thale, indeß auf der Veste noch immer Todesstille herrschte. Vom rothen Gesteine des Schlosses hatte lange schon die Morgensonne den letzten Nebelflor hinweggescheucht, flüssiges Gold schwamm in den runden Fensterscheiben der hohen gothischen Fensterbogen und weit in die Lande hinaus strahlten sie ihren Glanz. Keine menschliche Stimme belebte die stolze Burg; in tiefer Ruhe trotzten ihre Mauern und die kühnen Thürme stiegen schweigend zum blauen Himmel. Der greise Thorwächter allein saß auf einem Steine, den Rücken an die Mauer gelehnt, und schaute hinab in's Thal auf das wogende Nebelmeer, indeß kühle Morgenluft ihm das graue Haar um die faltenreiche Stirne trieb. Immer zahlreicher tauchten die Bergesspitzen, gleich Inselgruppen, aus dem Nebelmeere auf, und endlich lag nur mehr in dem waldigen, engen Thale, das von Hohenburg nordöstlich hinzieht, ein milchweißer See. Auch dieser schmolz zum bläulichen Schleier zusammen und legte sich, wie Schutz suchend vor den zersetzenden Sonnenstrahlen, um das dichte Gebüsch des Saarbachs, welcher murrend über Felsstücke durch das Thal floß. Von den Bäumen fielen glänzende Thautropfen nieder, den grünen Wiesenteppich mit tausend Diamanten und Edelsteinen schmückend, die in schönen Farben flimmerten und funkelten. Zur Einsamkeit des Gebirgsthales kam die feierliche Ruhe des Sommermorgens, hie und da unterbrochen durch den kurzen Gruß des Rothkelchens, das, von Ast zu Ast hüpfend, die funkelnden Thauperlen losschlug.

Am dunklen Saume des Waldes hin lief in vielen Krümmungen um die Ecken des Thales ein rother Sandweg, bis er die Straße nach der festen Stadt Weißenburg erreichte. Auf der gegenüberliegenden Seite des Thales wiederhallte schallendes Gelächter, und im nächsten Augenblicke bogen um die nahe Waldesecke zwei Reiter, die in munterer Laune miteinander plauderten. Der eine trug einen grauen Mantel, unter dem das Weiße Ordensgewand der Cisterzienser hervorsah. Auf dem Kopfe saß ein breitkrämpiger Hut, das Gesicht gegen die Sonnenstrahlen schützend, und an die Füße waren zierlich ausgefütterte Sandalen geschnallt. Das weiße Unterkleid hielt um die Mitte des Leibes ein Gürtel zusammen, woran der kostbare Rosenkranz befestigt war, den der Mönch hie und da lachend durch die Hand zog. Das Geschirr seines Pferdes bedeckten silberne Knöpfe und Muschelwerk, und am Zaume glitzerten sogar einige Steine, die aber nicht ächt zu sein schienen. Dieser Reiter war der Mönch Albert aus der nahen Cisterzienser-Abtei Stürzelbronn. Er lachte und scherzte ohne Ende, so daß ihm die hellen Tropfen aus den Augen über sein rothes Vollmondsgesicht herabfielen.

Sein Gefährte, ein hagerer, finsterer Mann, begleitete des Mönches lustiges Lachen zuweilen mit kaltem Verziehen der Lippen; sein ganzes Wesen bildete, im Gegensatze zu Alberts sorglosem Leichtsinne, das Gepräge verschlagener Ruhe. Auf dem Kopfe trug er ein sammtenes Barett, wie es römische Juristen und andere Gelehrte zu tragen pflegten. Hinten war selbes mit einem Schilde versehen, das nach Belieben herabgelassen oder aufgeschlagen werden konnte. Sein dunkelfarbiges langes Gewand hielten Schnüre über der Brust zusammen, und bis über die Knie herauf reichten die rothledernen Stiefel. Dieser Mann war der ehemalige Dominikanermönch Martin Bucer, dessen bedeutungsvolle Wirksamkeit aus der Reformationsgeschichte bekannt ist. S. Döllinger II. Bd. S. 25-43. Albert hatte ihn vor Jahren auf der Universität Heidelberg kennen gelernt, wo sie gute Freunde gewesen, und er bewahrte, wie es schien, die wohlwollende Gesinnung gegen Bucer, obgleich dieser zu Luthers eifrigsten Anhängern gehörte und das Mönchswesen verdammte. Ungefähr dreißig Schritte hinter Beiden folgte auf schwarzem Streithengste ein Ritter. Obschon die Julisonne höher stieg und heiße Strahlen in das Thal herabschoß, hatte der Krieger doch kein Stück seiner schweren Rüstung abgelegt. Gegen den Gebrauch jener Zeit, welche ungewöhnlich große Federbüsche auf die Helme steckte, flatterten auf dem seinigen nur einige rothe Federn. Aus dem aufgeschlagenen Visir sah ein schönes Jünglingsangesicht hervor, dessen große, schwarze Augen eben mit freudiger Spannung nach oben gerichtet waren, wo mehrere Raben einen Habicht verfolgten. Seine Rechte bedeckte der schuppige Eisenhandschuh und die Linke zügelte den feurigen Rappen, der unwillig über den langsamen Schritt schäumend die Zügel biß.

Unmittelbar auf den Gewappneten folgte ein Reitertroß, in dessen Mitte man schwerbeladene Maulthiere gewahrte, welche das Geld für veräußerte Güter der Abtei Stürzelbronn trugen. Der Ritter bildete mit seinen reisigen Knechten nur das zufällige Geleite des Geldes. In Landau nämlich waren sie mit Albert und dessen Klosterknechten zusammengetroffen, und priesen die Klosterleute den glücklichen Zufall, unter dem Schutze des tapfern Heinrich von Windstein die höchst unsichern Vogesenthäler zu durchziehen. Beim allgemeinen Waffenrufe Windsteins und dessen gefürchteter Lanze, konnten die Geleiteten ohne Sorge ihre Straße reisen.

Noch verdient der Reiter auf dem armseligen Klepper Erwähnung, der beständig neben den Geldsäcken herritt. Der großen Hitze zum Trotz stack er im langen, mit Pelz stark besetzten Ueberrocke, dessen Tuch sehr abgeschabt und verwettert aussah. Die Pelzmütze war ihm tief in die Stirne herabgedrückt, deren sorgenvolle Linien zu verbergen. Ein Paar kleine stechende Augen ruhten unablässig auf der theueren Last der Maulthiere, wenn sie nicht ängstlich die Umgegend durchstreiften. Wurde eine Burg sichtbar, dann gerieth der Mann in große Angst; die Geldsäcke und die Burg bildeten den steten Gegenstand seiner Beobachtungen. Verschwand endlich die Veste gefahrlos aus dem Gesichtskreise, dann fuhr er sichtlich erfreut über das bartlose, spitzige Kinn. Dieser Mann, für die Reisigen ein Gegenstand der Verachtung, war der reiche Jude Levi aus Trier.

»Es ist höchste Zeit, daß wir ein ernstes Gespräch anfangen,« sprach der Mönch, mit einem Tuche das Gesicht abwischend. »Sieh' nur! Alle Kräfte meines Leibes laufen mir als Thränen aus den Augen.«

»Und doch hast du alle Ursache ernst zu sein, entgegnen Bucer; erfährt dein Abt, du seiest vier Stunden in Gemeinschaft eines Ketzers gereist und habest dich obendrein trefflich mit ihm unterhalten, – dann wehe dir! Ich rathe dir, schon jetzt Bußpsalmen anzustimmen.«

»Spaß bei Seite, der Handel könnte mir allerdings einige Tage in cinere et cilicio eintragen,« erwiederte Albert.

»Heute noch klingt mir's in den Ohren, wie finsterer Traum: in cinere et cilicio!« sprach Bucer im Tone des Abscheues. »Pfui, über die elenden Quälereien des Klosterlebens! Eher wollte ich mir den Strick um den Hals, denn um eine Mönchskutte legen lassen.«

»Diese Gesinnung verdient allerdings den Strick! – Was, dem Klosterkeller Lebewohl sagen!« lachte der Cisterzienser. »Wie doch das lautere Evangelium den Leuten die Köpfe verrückt! Beim bloßen Gedanken an den köstlichen Trank klebt mir schon die Zunge am Gaumen. Höre Martin, – du mußt dich von mir einige Tage bewirthen lassen! Gefällt dir's bei uns nicht besser, als beim filzigen, sauertöpfischen Melanchthon, will ich in Zukunft statt der Krebse Kröten verschlucken. Alle Brüder werden dich mit offenen Armen empfangen; dem blinden Abte wirst du vorgestellt als armer, reisender Dominikaner, was dir des Alten Segen, ein reichliches Viaticum und uns einen herrlichen Spaß eintragen wird.«

Bucer beantwortete diese Einladung mit einem zweideutigen Lächeln, das ebensogut Bedauern, als Verachtung ausdrücken konnte.

»Da wüßte ich weit besseren Vorschlag, um meinen Rücken ganz sicher prügelfrei zu halten, und aus dir einen glücklichen Menschen zu machen,« sagte er nach kurzem Bedenken.

»So laß einmal deinen Vorschlag hören! Wiegt er mehr, als einen Krug Deidesheimer, dann soll er meine Einwilligung verdienen.«

»Vorausgesetzt du trägst noch das alte Herz im Leibe, welches dich zu Heidelberg nicht vom schwarzen Brette brachte,« fuhr Bucer fort, und seine listigen, düstern Züge belebten sich. »Vor Allem, – wie hoch schlägst du die Ungnade oder gar die Verwünschungen deines Abtes an?«

»Ungefähr ebenso hoch, wie Luther des Papstes Bannbulle,« antwortete Albert.

»Gut, höre!« sprach Bucer wichtig, dem Mönche so nahe, als möglich zur Seite reitend. »So viel Scharfsinn wirst du besitzen, um einzusehen, daß es mit dem Mönchswesen bald aus ist. Luther zerbrach die entehrenden Fesseln des Mönchthums, er hat alle Thore der Klostergräber aufgethan und die lebendig Begrabenen zum Leben gerufen.«

»Das mag Alles sein, aber,« – und der Cisterzienser fuhr über seine umfangreiche Gestalt, »kein Mensch wird mir ansehen, daß ich seit Jahren im Grabe liege.«

»Gewiß nicht; – wird aber euer Kloster eines schönen Morgens nach der jetzt üblichen Manier aufgehoben, – sage, Freund Albert, was gedenkst du darnach anzufangen?«

Der Mönch zog bedenklich seinen Rosenkranz durch die Finger, was in Augenblicken der Verlegenheit immer geschah.

»Daran hab' ich wirklich noch nicht gedacht,« sagte er. »Meinst du, dies könnte möglich sein?«

»Ob das könnte möglich sein?« rief Bucer erstaunt. »Da sieht man wieder das verfluchte Klosterwesen, Alles unbeachtet zu lassen, was nicht in den vier Mauern vorgeht, die von der Welt abschließen sollen. Ueber zwei Jahre sind Klostergüter Jedes Eigenthum, der sie nehmen mag, und du fragst: ob für Euer Kloster das gewöhnliche Loos könnte möglich sein?«

»Unser Kloster macht von der gewöhnlichen Regel eine Ausnahme,« entgegnete Albert in herabgestimmtem Tone. »Keinem Mönche kommt in den Sinn, das Kloster zu verlassen, so lange die Weinfässer nicht leer und die Speicher voll sind. Freilich haben wir am Monitor Fidelis einen argen Quälgeist: immerfort plaudert er vom Verfall der Disciplin, vom Ruhme alter Klosterzucht und dergleichen veralteten Dingen. Fidelis ist aber, Gott sei Dank, großentheils außerhalb beschäftigt und läßt uns in Ruhe das Leben genießen. Der alte Abt sieht nicht mehr, und sein Gehör ist so weit herabgekommen, daß er nur den vollen Chor zu hören vermag, der auch regelmäßig gehalten wird, d. h. wenn die Gegenwart des Abtes ihn nothwendig macht. Im Uebrigen leben wir im Garten Eden, und es gehört schon ein ziemliches Stück Narrheit dazu, aus dem Paradiese zu laufen.«

»An Euren schönen Stunden zweifle ich unter solchen Umständen nicht, sagte Bucer, auch nicht an Eurer Bereitwilligkeit, bis zum jüngsten Tage im Kloster zu bleiben, – allein darauf kommt es nicht an. Gefällt es dem nächsten armen Ritter, am Reichthume Eures Klosters sich zu erholen, wer will es ihm wehren?«

»Wer es ihm wehren will?« rief Albert, indem er sich kühn im Sattel ausrichtete. »Sind achtzig kräftige Mönchsfäuste nicht stark genug, solchen Wagehals gehörig heimzuschicken? Haben nicht Manche aus uns ehedem das Kriegshandwerk getrieben? Hab' ich nicht selbst jahrelang Schwert und Lanze geführt, bevor ich testamentarisch zum Mönchswesen bestimmt wurde? Im ganzen Waasgau ist keine Lanze, die wir zu fürchten hätten, – den jungen Löwen dahinten abgerechnet, und der ist ein frommer Junge.«

»Eine Lanze nicht, – aber viele,« entgegnete Bucer. »Du stehst vor der Höhle des Löwen und hörst sein Gebrüll nicht; vigilate, quia leo rugiens circuit, quaerens quem devoret!« erhob er drohend und bedeutungsvoll den Zeigfinger.

»Pah, es war von jeher Deine Gewohnheit, schwarz zu sehen,« sagte der Mönch; »ich fürchte das Gebiß Deines Löwen nicht.«

»Und läge bereits Dein Kopf in dessen Rachen! Ganz in der Nähe steigt das schwere Unwetter auf, welches über das deutsche Reich hinziehen wird und Du siehst es nicht, – ganz Deine Art!« bemerkte Bucer ernst und mit vielsagender Miene.

»Beim hl. Kreuz!« rief der Cisterzienser verdrießlich, als er den Sinn dieser Worte mit dem Tone verglich, worin sie gesprochen wurden. »Wir sind ja in ein wahres Miserere hineingerathen! Und wäre Dein Hirngespinnst der leibhaftige Teufel, – er soll mir keine trübe Stunde machen. Kehren wir zu unserem Humor zurück und lassen Beelzebub auf Stelzen einhergehen.«

Bucer schüttelte mißvergnügt den Kopf.

»Sogar das Mönchswesen hat den Flattergeist Dir nicht ausgetrieben,« sprach er. »Höre! – Freundschaft macht es mir zur Pflicht, auf das Elend hinzuweisen, welchem Du nur durch einen kühnen Entschluß entgehen kannst. Der ganze Adel der vier Ritterkantone sammelt sich unter Sickingens Fahne zu einem Bunde. Von Straßburg bis Kreuznach, im Schwarzwalde, in der Eifel, wie in den Vogesen, ist fast kein Degen, welcher dem Bunde nicht angehört. Dein Monitor Fidelis würde von seinem Standpunkte sagen: das ist eine Verschwörung gegen Kaiser und Reich! Jeder Vernünftige aber, der unsere Zeit versteht, wird sagen: dieser Ritterbund ist der Anfang zu Deutschlands Größe und Freiheit. Die allseitige Begründung zu dieser Behauptung will ich jetzt übergehen und nur das berühren, was zunächst Dich angeht. Das Klosterwesen ist morsch und faul, Luther hat ihm den Todesstoß versetzt und der heranbrausende Sturm wird des Papstes Macht im Reiche für immer vernichten; sogar wenige Churhüte sollen unbeschnitten sitzen bleiben. Bist Du gegenwärtig in der Lage, außerhalb Deiner Klostermauern ein sorgloses Leben führen zu können, dann magst Du ruhig und furchtlos dem Ungewitter entgegensehen!«

Wie es bei Menschen vorkommt, die ganz vom warmen oder kalten Laufe ihres Blutes abhängen, so hatte auch den Mönch die Rede seines Freundes dergestalt abgekühlt und in trübes Nachsinnen versenkt, daß er Windstein nicht bemerkte, welcher eben an seine Seite geritten war. Bucer schaute absichtlich, wie es schien, an die andere Seite des Thales hinüber. Dem Krieger schwebte eine Anrede auf den Lippen, die er jedoch unterdrückte, als ihm das Unerwünschte seiner Gegenwart bemerklich wurde. Das Pferd zügelnd, folgte er einige Schritte hinter Beiden.

Bucer gewahrte indessen mit Wohlgefallen den Eindruck seiner Vorstellung und setzte in höchst verbindlichem, freundschaftlichem Tone das Gespräch fort.

»Fürchte übrigens nichts, Albert! Der Herr wird Dich aus den Händen Deiner Feinde erretten, sobald Du willens bist, meinen Vorschlag anzunehmen.«

»Stehen die Sachen so,« sprach der Cisterzienser tief aufathmend, »dann will ich Alles thun, was zur Sicherheit meines künftigen Lebens nothwendig ist, – d. h. wenn dies ohne viel Mühe und Beschwerde geschehen kann.«

»Hast weiter nichts zu thun,« versetzte der Rathgeber, »als die Geldsäcke dort hinten für Dich in Sicherheit zu bringen. Obwohl mein Weg von dem Deinigen sich bald trennen sollte, will ich aus Freundschaft dennoch an deiner Seite bleiben und das Unternehmen mit Dir theilen.«

»Die Geldsäcke?« wiederholte der Mönch und sah den Freund verwundert an.

»Höre nur, wie ich die Sache mir ausgedacht! Wir reiten an der Burg Deines Oheims vorüber. Der Ritter führt längst einen Gewaltstreich gegen die Abtei im Schilde, wie ich aus sicherer Quelle weiß und wird mit Vergnügen jeden Anlaß zu Feindseligkeiten mit dem Kloster ergreifen. Durch Vermittlung Deines Oheims das Geld in Deinen Besitz zu bringen, steht nichts im Wege, als unser bisheriger Beschützer. Eine kleine List setzt uns über diese Schwierigkeit hinweg: in der Nähe des Arnsberg, wo sich ohnehin sein Weg von dem unsrigen scheidet, erklärst Du, noch einige dringende Geschäfte mit Deinem Oheim abmachen zu müssen. Das kleine Geschenk Deines Rosenkranzes etwa, wird den eisernen Herrn obendrein so geschmeidig machen, daß er zu Deinem Geschäfte Dir Glück wünscht. Die Klosterknechte, des Reitens in solcher Hitze überdrüssig, werden mit größtem Vergnügen von einem Besuche auf der Burg hören, wo die Gastfreundschaft ihnen volle Humpen reicht. – Der Plan ist in der Ausführung von der größten Leichtigkeit, wie Du siehst. Die Verfolgungen des Abtes kannst Du auf der Veste des Oheims verachten, zumal in kurzer Zeit die ganze Abtei den Angriffen ihrer Feinde erliegen muß. Und so bist Du im Besitze von Mitteln, welche Dich für alle Zukunft jeder Sorge überheben.«

Während Bucer mit eindringlichen Worten den Freund berieth, gewahrte er Windstein nicht, der ihm fast zur Seite geritten war und bei einiger Aufmerksamkeit jedes Wort verstehen konnte. Mit Schrecken erfüllte nun Bucer die nicht geahnte Nähe des Edelmannes.

»Ei, Herr Ritter,« sprach er in seinem freundlichsten Tone, »Ihr laßt uns ja ganz allein!«

»Ich wollte die Herren im ernsten Gespräche nicht stören,« antwortete in edler Entrüstung erglühend der Jüngling.

»Allerdings, Ihr habt Recht, – unser Gespräch war sehr ernst,« entgegnete Bucer. »Wir sprachen von der tiefgehenden Bewegung der Zeit und der nahen Umwälzung im deutschen Reiche. Gewiß hättet Ihr mit vielem Interesse an solchem Gespräche Antheil genommen, und Euer Urtheil über die jetzigen Zustände uns nicht vorenthalten.«

»Mein kurzsichtiges Urtheil darf in solchen Dingen keinen Anspruch erheben,« antwortete der Junker. »Uebrigens bin ich jederzeit bereit, mein Schwert in die Wagschale des Rechtes zu werfen.«

Diese bescheidene und zugleich feste Sprache gefiel dem Doktor und er fuhr mit süßlichem Lächeln fort: »Dem Ritterstande ist in der kommenden Bewegung jedenfalls eine wichtige Rolle vorbehalten. Möchte der Geist der Einheit diesen edlen Stand beseelen und jedes Glied zu dem großen Werke begeistern, dessen Gelingen nur bei festem Zusammenhalten möglich ist.«

»Ich weiß nicht, was Ihr damit sagen wollt, Herr Doktor!« versetzte Windstein. »Meine Rolle ist entschieden: Treue dem Kaiser und Schutz dem Schwachen!«

»Eine schöne Rolle, eine treffliche Rolle, – eine ganz musterhafte Rolle!« lobte der Doktor, jedoch mit der Miene großen Mißbehagens. »Schutz dem Schwachen, – prächtig! Albert wäre ohne Euren Schutz mit seinen Schätzen gewiß nicht unangefochten durchgekommen.«

»Mag sein! Die Wege sind unsicher,« sprach der Edelmann. »Da mich ohnehin empfangene Freundschaftsbeweise der Abtei Stürzelbronn verbinden, so muß es meine Sorge sein, die Gelder wohlbehalten in des Abtes Hände zu befördern.«

»Euer Wohlwollen gegen die Abtei verdient alle Anerkennung,« bemerkte Bucer; »indessen macht die Wachsamkeit des ehrwürdigen Vaters Albert Eure fernere Bemühung überflüssig.«

Der Gewappnete warf dem Prediger einen verächtlichen Blick zu und schwieg. Dann sagte er, auf eine Burg hindeutend, welche eben aus einem Seitenthal hervortrat: »Ich habe dort Oben ein Wort zu reden, – meine Knechte werden bis zur Klosterpforte das Geld begleiten.«

»Nicht nöthig, – höchst unnöthig!« ereiferte sich Bucer. »So nahe am Ziele, sind keine weiteren Ueberfälle zu befürchten. Unmöglich können wir das angebotene Geleite annehmen, – zu viel Güte!«

»Seid nicht zu voreilig, Herr Doktor!« erwiederte Windstein mit scharfer Betonung. »Nicht bloß den Adel schändet heute Raub und Plünderung, sondern auch Leute, deren Beruf es ist, durch Wort und That das Wegelagern zu verdammen. Es bleibt dabei, – meine Knechte werden das Geld nicht eher verlassen, bis es in Sicherheit ist.«

Dies sprach er in einem Tone, der jede weitere Einwendung ausschloß, schwenkte sein Pferd und nahm durch eine geringe Verbeugung von den Geistlichen Abschied. Der geschmeidige Doktor sagte noch einige Worte der Höflichkeit und des Dankes und setzte darauf die Reise mit seinen Gefährten fort.

Der Edelmann hielt zur Stelle, bis die Reisigen herankamen; er rief zwei derselben herbei, und winkte den Uebrigen vorüberzureiten.

»Curd!« redete Windstein den ziemlich bejahrten Krieger an, aus dessen Augen es wie List und Kühnheit blitzte, wenn er den röthlichen Schnurrbart drehte; »jene beiden Herren wollen sich des Geldes bemächtigen, wie ich zufällig erfuhr. Der saubere Mönch beabsichtigt, es auf den Arnsberg zu bringen unter dem Vorgeben, dringende Geschäfte mit seinem Oheim abmachen zu müssen. Merke Dir also: Will man Dich in der Nähe des Arnsberg verabschieden, dann erkläre einfach, Du habest von mir den Auftrag, das Geld nach Stürzelbronn zu begleiten; zeigen die Herren dann noch Lust, gegen Arnsberg zu reiten, so mögen sie es immerhin thun. Das ist mein Befehl, Curd, – führe ihn mit Deiner erprobten Schlauheit aus, und Du sollst einige Humpen vom Besten haben. – Du, Veit, begleitest mich nach Fleckenstein!«

»Mit Eurer Gunst, Herr!« sagte Curd nach augenblicklichem Bedenken; »die Sache hat doch ihren Hacken. Gesetzt, der Arnsberger weiß vom Handel, dann wird er aus seinen Mauern hervorbrechen und mit seinen Lanzen den Diebstahl des sauberen Neffen unterstützen. Ich sage dies nicht aus Furcht vor dem Einäugigen und dessen Hähnen, – möchte nur wissen, ob ich selbe mit blutigen Köpfen heimschicken darf, da wir mit dem Ritter in keiner Fehde liegen.«

»Dieser Fall wird nicht eintreffen,« entgegnete Heinrich. »Der Arnsberger weiß vom Raube nichts, der eben erst im Kopfe jenes abtrünnigen Pfaffen reif wurde.«

»Mit Eurer Erlaubniß, Herr! – die auf dem Arnsberg sitzen den ganzen Tag auf Raub vor dem Luginsland, wie Ihr wißt; – da ich nun Zeit brauche, um mich aufzudrängen, werden sie gewiß von der Sache erfahren; zum Ueberfluß könnte noch der Mönch des Arnsbergers Hülfe anrufen. Nach meinem schwachen Verstande wäre es d'rum rathsamer, durch einen Handstreich das Geld wegzunehmen, Ihr mögt es dann nach Gutbefinden dem Abt zustellen.«

»Kannst Recht haben!« sprach der Ritter nach kurzem Besinnen. »Deiner Klugheit sei freie Hand gelassen, – jedenfalls rette mir das Geld.«

Curd versicherte alle Vorsicht. Windstein bot ihm die eiserne Rechte, was bei wichtigen Aufträgen immer geschah. Der Edelmann setzte das Pferd in schnellen Trapp und eilte in Begleitung Veits dem Fleckenstein zu. Curd folgte dem Zuge, welcher bereits einen großen Vorsprung gewonnen hatte, indem die beiden Herren an der Spitze ihre Pferde stark antrieben.

Der Jude Levi gewahrte zum größten Schrecken Windsteins Entfernung vom Zuge; denn er schrieb es einzig dem Waffenruhme jenes Ritters zu, daß seine Geldsäcke von Raub und Ueberfall bisher verschont geblieben. Kaum war nun Curd an des Juden Seite geritten, als dieser seine Klagen begann.

»Der Gott Abrahams steh' uns bei!« rief er voll Angst. »Fort ist die Stärke unseres Armes, – fort ist der Schrecken unserer Feinde, – man wird uns überfallen, – die Söhne Moabs werden uns in Ketten schlagen.«

»Halt's Maul, Jude, mit Deinem Geheul!« fuhr Curd den zitternden Levi an. »Obschon Deine Wucherhaut Prügel verdiente, soll Dir doch kein Haar gekrümmt werden, so lange Du unter meines Herrn Schutz stehst.«

»Ihr habt Recht, tapferer Freund!« sprach Levi. »Ich habe das Wort Eures Herrn, das Wort des schönsten, tapfersten, berühmtesten Ritters im ganzen Reiche, dies Wort genügt, einen armen Mann zu beruhigen.«

Curd vernahm wohlgefällig das übertriebene Lob seines Herrn, und sein Widerwille gegen die Söhne Israels schien sogar hiedurch besiegt zu werden; denn er setzte mit ungewöhnlicher Herablassung das Gespräch fort und würdigte sich, den beängstigten Levi durch alle nur möglichen Trostgründe zu ermuthigen. Dies würde ihm auch ziemlich gelungen sein, hätte nicht die hart an der Straße gelegene Burg Lützelhard den Juden neuerdings in große Angst versetzt. Dieser ließ eben wieder seine Blicke von den Lastthieren durch die Umgegend streifen, als er plötzlich einen solchen Schrei des Schreckens ausstieß, daß die Lanzenknechte beim Anblicke der jämmerlichen Geberden Levis hell auflachten.

»O weh, – weh!« rief er, fest an die nächsten Geldsäcke sich anklammernd. »Sie kommen, – sie werden uns erwürgen, – sie werden unsere Säckels nehmen!«

Wirklich entstand auf der Burg große Bewegung, die Zugbrücke wurde niedergelassen und mehrere Bewaffnete ritten aus dem dunklen Burgthor. Curd schien über diese Erscheinung mehr Freude, als Besorgniß zu empfinden; denn er sprach mit lachendem Munde zum Ungetauften, welcher vor Schrecken starr im Sattel saß: »Diesmal kann's just was absetzen; laßt Ihr mich aber ruhig gewähren, dann sollen die Lützelhardter statt Säckels blutige Köpfe davontragen.«

»Um Gotteswillen, edler Herr, thut nach Gefallen!« jammerte Levi. »Kommen wir nur diesmal davon, dann will ich Euch zu einem Manne machen, der keines Andern Diener mehr zu sein braucht.«

Der reisige Knecht zog über diese wohlgemeinte Rede finster die Stirne zusammen, wobei er den Juden anfuhr: »Still mit Deinem tollen Gewäsch! Ich bin der freie Knecht meines Herrn, wollte nicht um die ganze Welt mit Dir tauschen, der Du ein Sklave Deines Geizes und Wuchers bist.«

Levis Entschuldigung überhörend, rief Curd die Knechte an und gab durch einige gemessene Befehle dem Zuge eine ganz andere Ordnung. Die Klosterknechte verloren hiedurch ihre Plätze bei den Maulthieren und bildeten die vorderste Reihe. Nach den Klosterleuten kamen drei Glieder reisiger Knechte und auf diese folgten die Lastthiere mit dem Gelde, wovon jedes am Zaume von einem Reisigen geführt wurde. Der Rücken des ganzen Zuges wurde nur durch zwei Bewaffnete gedeckt. Im Falle eines feindlichen Ueberfalls wäre diese Ordnung höchst ungeschickt gewesen, weßhalb wohl der schlaue Curd zu andern Planen seine Leute in solcher Weise gestellt haben mochte.

Der Zug war in die Nähe der Burg gekommen. Die feindlichen Reiter hielten am Fuße des Berges, worauf das Schloß stand und schienen die Ankommenden zu erwarten. Durch keine Bewegung schlimme Absichten verrathend, begnügten sie sich mit derben Spottreden gegen den Cisterzienser und dessen Begleiter, als beide an ihnen vorüberritten.

»Beim Teufel! Das sind ja die schwarzen Gesellen des Windsteiners!« rief einer aus ihnen.

»Grüß Gott, Curd!« rief ein Anderer. »Auch wieder im Waasgau? Ihr bringt ja herrliche Beute mit! Bei uns ist nichts mehr zu haben.«

»Ihr werdet Neuigkeiten hören, Kameraden!« rief ein Dritter. »Es geht bald an die Geldsäcke der Klosterpfaffen, – behält nur der wackere Hutten noch zwei Monate das Leben.«

Curd und dessen Kameraden winkten lachend hinüber, wie alte Bekannte beim Wiedersehen zu thun pflegen. Nachdem der Troß vorbeigezogen, ritten die Lützelhardter auf die Straße und schlugen den Weg ein, woher die Windsteiner gekommen waren.

Levi schwebte indessen in der peinlichsten Lage; jeden Augenblick erwartete er den Anfall des Feindes. Da nun die Sache so ruhig ablief und er den freundschaftlichen Verkehr der Krieger bemerkte, überfiel ihn der quälende Gedanke, bereits in Räuberhände gerathen zu sein. Finstern, argwöhnischen Blickes empfing er Curd, welcher eben wieder ihm zur Seite ritt.

»Die Hauptgefahr kommt erst noch, Meister Levi!« begann der schlaue Knecht.

»Kommt erst noch?« rief der Jude erschreckt, wobei sein Mund offen blieb und sein glanzloses Auge Curd anstarrte.

»Sie wird jedoch ebenso schadlos vorübergehen, wie alle übrigen,« fuhr der Reisige fort. »Ihr seid gewiß schon aufgehoben worden, da Ihr solche Furcht vor Burgen und Lanzen habt!«

»Der Gott unserer Väter weiß es!« – jammerte Levi. »Die Herren Lanzenknechte haben mich zu einem armen Manne gemacht. Schon viermal mußte ich Lösegeld zahlen, und jetzt müßte ich eher meine alten Knochen im Kerker verfaulen lassen, bis ich einen Gulden aufbrächte.«

»Warum habt Ihr nicht Klage geführt beim Reichskammergericht?« fragte Curd. »Wir haben schon manchen Rauf- und Raubdegen gezwungen, wieder auszuspeien, was er verschluckt hatte.«

»Wahrhaftig, – wie der Herr, so der Knecht!« lobte Levi. »Berühmt im ganzen Reiche ist Euer edler Herr wegen seiner Gerechtigkeit, und Ihr scheint gleiche Gesinnung zu haben. Heiliger Abraham, – Gerechtigkeit! Wo ist heute Gerechtigkeit? Wird doch selbst dem Kaiser vor den Kopf gestoßen, wie sollte man den armen Juden nicht drücken und treten dürfen? Früher gab's Galgen für Räuber und für Mörder gab es Schwerter, heute aber gelten die zehn Gebote nichts mehr; der Rabbi von Wittenberg hat die Gesetztafeln ausgelöscht und Rauben und Morden unter die guten Werke gestellt.«

»Nimm Dich in Acht, Jude!« warnte Curd. »Sprichst Du Lutherischen solches zum Gehör, werden sie Dir den Hals brechen.«

»Alle Plagen Aegyptens über diese Kinder Belials!« fluchte Levi, dessen Haß diesmal seine Furchtsamkeit überstieg; sogar die Geldsäcke schien er augenblicklich zu vergessen, und sein leidenschaftlich glühender Blick nahm den Ausdruck tiefen Abscheu's an. »Fluch über diese Söhne Magogs! Sie rühmen sich ihrer Frevel und sinnen auf Bosheit! Ihr Tisch werde ihnen zum Fallstricke und zur Vergeltung! Getilgt werden sie aus dem Buche der Lebendigen und ihr Platz sei bei den Missethätern.«

»Fluche nicht über Christen, Unbeschnittener! Dies werde ich nicht dulden,« rief Curd.

»Ueber Christen? Was ist ein Christ? Der Gott unserer Väter goß die Schale seines Zornes aus über Kanaaniter, Moabiter und Amalekiter, und doch waren diese Götzendiener nicht so schlimm, als jene, die Ihr Christen heißt. Haben sie mich zu Wittenberg nicht mit Füßen getreten und mit Ruthen gepeitscht? Haben mich die losen Buben nicht am Barte gezupft und in mein Gesicht Unflath geworfen? Und das Alles thaten sie vor Rabbi Luthers Augen, welcher die Bande des Gesetzes zerbrochen hat, und den Menschen frei laufen läßt wie das Gethier der Wüste. Ja, – dies thaten sie auf Geheiß jenes Sohnes Belial, welcher voll Blutdurst das Volk aufstachelte gegen die wehrlosen Söhne Israels.« Luth. Schc. B. V. S. 360, 461, 479-480. Luther sagt in dieser Predigt: »Darum wisse lieber Christ und zweifle nicht daran, daß Du nach dem Teufel keinen bitterem, giftigeren und heftigeren Feind habest, denn einen rechten Juden, darum wo Du einen rechten Juden siehst, magst Du mit gutem Gewissen ein Kreuz schlagen, und frei sicher sprechen: Da geht ein leibhaftiger Teufel.«

»Der Einäugige dort oben würde noch schlimmer mit Dir umspringen, als die Lutherischen zu Wittenberg,« sprach Curd und zeigte gegen den Arnsberg, ein damals berüchtigtes Raubnest, der eben in geringer Entfernung aus den Krümmungen des Thales hervortrat. Beim Anblicke des grauen, drohenden Gemäuers verschwand Levis Zorn vollständig und die Sorge für sein Geld kehrte in verstärktem Maße zurück.

»Laßt uns andere Wege einschlagen,« bat er – »laßt uns um Gotteswillen dem Ritter nicht unter die Augen kommen.«

»Das geht nicht! Der Mönch Albert möchte bei seinem Oheim Einkehr nehmen,« erwiederte Curd, wobei es ihm gar schlau aus den Augen blitzte.

»Was sagt Ihr?« rief der Jude entsetzt. »Sollen wir dem Wolf in den Rachen laufen?«

»Allerdings! Mir dünkt fast, der Mönch wolle dem Arnsberger das Geld zum Aufbewahren geben; denn eher wird der Habicht eine Taube aus den Klauen fahren lassen, als der Einäugige solchen fetten Fang.«

Levi brach in lautes Klagen aus und wollte den Cisterzienser mit Vorstellungen gegen den beabsichtigten Besuch bestürmen. Der Reisige hielt ihn zurück.

»Spart alle Mühe!« sagte er. »Eure Thränen, Klagen und Bücklinge werden Albert nicht umstimmen. Vertraut nur mir, – der Schalk soll Eure Säcke um keinen Heller leichter machen. Ihr habt das Wort meines Herrn und ein Schuft will ich sein, wenn jene Schelme solches Wort zu Schanden machen. Bleibt auf Eurem Posten, indeß ich meinen Leuten sage, was sie zu thun haben.«

Er überließ Levi den quälenden Gefühlen nahen Ueberfalls und Raubes, die immer stärker wurden, je näher die finstern Thürme des Arnsberg heranrückten. Schon glaubte er das Schlaggitter aufziehen und die Zugbrücke niederrasseln zu hören, wobei es seine Glieder krampfhaft durchzuckte, als würden dieselben bereits durch die schon öfter empfundene Last von Ketten und Banden gequält.

In geringer Entfernung von der Burg, wo ein Waldweg von der Straße ab in ein wildes Thal führte, schwenkten plötzlich Bucer und Albert ihre Pferde, und erwarteten Curd, der an der Spitze des Zuges ritt. Die Straße bildet an jener Stelle einen Hohlweg, indem sie die Spitze des Hügels durchschneidet, der wie eine Landzunge in das Thal hereinläuft, durch das die Reisenden bisher zogen.

»Wir können Euch länger nicht belästigen, wackere Leute,« begann Bucer mit sehr freundlicher Miene. »Reitet nun in Gottes Namen gegen Windstein, wir werden mit Hülfe des Allmächtigen auch an's Ziel kommen.«

»Hier trinkt mit Euren Gesellen einige Humpen auf unser Wohl,« sprach der Cisterzienser, dem Knechte eine volle Börse hinreichend. »Kommt Ihr nach Stürzelbronn, sollt Ihr obendrein aus dem Klosterkeller trefflichen Trank haben.«

Curd griff nach dem Beutel, dankte für die Einladung, und seine schalkhaften, listigen Augen schweiften gegen Arnsberg, während er sprach: »Eure Ehrwürden versteht gut zu belohnen, – meiner Treu! Nicht für mein Leben möchte ich Euch allein durch den Mönchwald reiten lassen. Da gibt's allerlei Raubthiere, die Eure Geldsäcke um ein Tüchtiges erleichtern würden. Nehmt mir's nicht ungnädig, – wir müssen sogleich durch den Hohlweg; denn es verdeckt uns der Hügel eine Burg, in deren Gestein allerlei Raubvögel horsten.«

Hiebei ritt er durch den Hohlweg und ließ sich erst am Ende desselben durch Bucers Einwendungen bestimmen, Halt zu machen. Vom ganzen Zuge erblickte man nur die Klosterknechte an dessen Spitze, und einige unmittelbar auf sie folgende Reisige; denn der Hohlweg hatte eine starke Krümmung, welche den übrigen Troß und die Lastthiere verdeckte.

»Eure weitere Begleitung ist durchaus überflüssig,« sagte Bucer bestimmt und fast ärgerlich. »Wir wollen den Ritter da drüben besuchen, der für unsere Sicherheit sorgen wird.«

»Den Arnsberger?« lachte Curd bedeutungsvoll. »Ganz gewiß, der versteht es trefflich mit der Sicherheit, besonders wann Geld und reiche Beute aufgehoben werden sollen.«

»Was, – loser Knecht, Du schmähst meinen Oheim?« drohte Albert.

»Schmähen? Ganz gewiß nicht!« versetzte Curd. »Euer Oheim wird hierin durchaus keine Schmach finden; denn ›Reuten und Rauben ist keine Schande, das thun die Besten im Lande,‹ lautet sein Wahlsprüchlein.«

Kaum erfuhr Levi die Ursache des Aufenthaltes, als ihn die Furcht, dem Arnsberger überliefert zu werden, von seinem Platze bei den Geldsäcken trieb.

»Meine hochedlen Herren, hört die Bitten Eures Knechtes!« begann er mit einer so übermäßig tiefen Verbeugung, daß er beinahe vom Pferde herabfiel. »Unter des Allmächtigen Schutz kamen wir sicher ohne Verlust an Hab und Gut bis hieher, – stürzen wir uns nicht vermessen in Gefahr! Es steht ja geschrieben in den Büchern unserer Väter, die meine gelehrten, hochedlen Herren Bibel nennen, Du sollst Gott in Vermessenheit nicht versuchen.«

»Still, ungläubiger Schelm!« fuhr Bucer den Juden an. »Wage es nicht, durch Deinen ungewaschenen Mund die Worte der heiligen Schrift zu beschmutzen!«

»Seid nicht erzürnt über Euren Knecht!« bat Levi. »Die edlen Herren brauchen den Rath ihres unterwürfigen Dieners nicht, Eure Weisheit erkennt, daß wir in der Nacht reiten müßten, wollten die hochedlen Herren d'rüben einkehren, – und verzeiht Eurem Knechte, es wäre unklug, Nachts zu reiten, da man am Tage nicht sicher ist.«

»Das verstehst Du nicht!« sprach Bucer. »Die Sitte gestattet nicht, ohne Einkehr an der Burg des Oheims vorbeizureiten. Deinetwegen wollen wir uns keiner Grobheit schuldig machen.«

Levi erkannte die Fruchtlosigkeit aller Bitten und Bücklinge vor den Raublustigen. Er wandte sich darum an Curd, der fortwährend die Burg im Auge behielt.

»Dann müssen wir allein reisen, lieber Freund, und nach dem Befehle Eures edlen Herrn! – (Gott erhalte ihn und gieße aus über sein Haupt die Fülle des Segens!) – das Geld wohlbehalten nach Stürzelbronn bringen.«

»Was?« rief Albert grimmig, da er Curds Bereitwilligkeit gewahrte, den Befehl zum Aufbruche zu geben. »Sollen wir uns von Juden narren lassen? Sogleich sollst Du und der übermüthige Knecht da sehen, daß mein Wille allein gilt. He Damian!« rief er einem Klosterknecht zu: »schnell hinüber zu meinem Oheim, entbiete ihm meinen Gruß, mit der Bitte, uns von diesem lästigen Gesindel zu befreien.«

»Langsam, Herr Mönch!« rief Curd, dem das Gesicht bei der Beschimpfung dunkelroth glühte. »An dem Katzenbuckel Eures Burschen könnt Ihr sehen, daß der arme Schelm wund geritten ist, erspart Ihm den sauren Ritt. Schneller werde ich Eurem Oheim Botschaft bringen, als ein Vogel fliegen kann; und säße er bei Wein und Würfel, soll er aufspringen und herüber kommen.«

Hiebei griff er nach dem Horn, welches an messingener Kette um seine Schultern hing und stieß mit solcher Gewalt hinein, daß weithin der Ruf erklang. Dieses Zeichen galt weniger dem angegebenen Zwecke, als der Verabredung, welche der kluge Rottmeister mit den Lanzenknechten getroffen hatte. Die Führer der Maulthiere befanden sich noch jenseits des Hohlweges. Jetzt lenkten sie beim Klange des Hornes augenblicklich in den Weg ein, der nach Windstein führt, wobei sie die Thiere in schnellen Lauf setzten. Von dieser Bewegung gewahrte man jenseits des Hohlweges nichts. Während Curd absichtlich mit dem Mönche herumstritt, hatten seine Kameraden bereits den nahen Windstein im Gesichte.

»Ihr seht wohl guter Freund, da ist ohne Blutvergießen nicht durchzukommen,« sprach Curd zu Levi, nachdem Albert durch seine Leute den Weg versperren ließ, und des Oheims Ankunft erwartete, der jeden Augenblick auf dem Platze erscheinen konnte. »Diese rechtschaffenen Herren mögen Euch schützen. Ueber das Geld laßt Euch keine grauen Haare wachsen, – es ist gut aufgehoben. Weder dieser fromme Mönch, noch sein Oheim sollen davon einen Heller haben.«

Der Cisterzienser sah bei dieser Rede Bucer betroffen an, und eine Ahnung des Geschehenen stieg in ihm auf, da Curd mit seinen Leuten schnell davonritt.

Levi erschien zuerst auf der andern Seite des Hohlweges, in lautes Klagen und Jammern ausbrechend, da von den Schätzen alle Spur verschwunden war. Der arme Mann schlug die Hände zusammen, raufte verzweifelt das Haar und stieß schreckliche Verwünschungen aus. Der Mönch starrte sprachlos in das wilde Thal hinein, wo eben Curd in eiliger Flucht verschwand. Bucer allein bewahrte die gewöhnliche Kaltblütigkeit, einigen Aerger abgerechnet, der seine scharfgeschnittenen, düstern Züge überschattete.

»Das war also der Befehl, welchen der Schuft von seinem Herrn empfing?« sprach er. »Schon gut! – Himmel und Erde will ich gegen den Räuber in Bewegung setzen, bis der letzte Heller zurückerstattet ist.«

Der Mönch schaute seinen Freund zweifelnd an und sagte: »Nur die Hälfte des Geldes ist für das Kloster verloren, die andere trifft den Juden.«

»Hört Freund Levi!« sprach Bucer. »Nehmt jetzt Euren Kopf zusammen und stellt das weibische Gejammer und Haarausraufen ein; dies Alles wird Euch nicht zu Eurem Eigenthum verhelfen. Handeln müssen wir, wie's Männern ziemt. Wir reiten deshalb für's Erste nach dem Arnsberg hinüber und setzen den Ritter vom Handel in Kenntniß.«

»Glaubt mir, Freunde,« rief Albert, »mein Oheim wird keinen Augenblick säumen, die Räuber zu verfolgen. Fluch über die Schurken! Maledictus, qui bona rapit ecclesiae!«

»Spare Deine Bannflüche!« versetzte Bucer. »Sie werden hier so wenig helfen, wie Deines Oheims Lanzen. Den Windstein zu berennen, müßten andere Kräfte aufgeboten werden, und wäre dies das einzige Mittel, in den Besitz unserer Habe zu kommen, müßten wir an dem Erfolge verzweifeln. – Da weiß ich bessern Rath! Der Windsteiner befindet sich auf dem Fleckenstein!« – und er legte den Zeigefinger bedächtig an die Nase, was der gelehrte Doktor bei Lösung schwieriger Aufgaben immer zu thun pflegte. »Der Fleckensteiner gehört aber zum Ritterbunde; – auf meinen Wink wird der Freiherr seinen Gast so lange hinhalten, bis ich mit Franz von Sickingen Maßregeln getroffen, den Windsteiner in unsere Gewalt zu bringen. Haben wir ihn aber beim Schopf, dann soll der edle Herr nicht bloß das Unsrige herausgeben, sondern auch obendrein ein schönes Lösegeld erlegen, das hinreicht, uns für den bestandenen Schrecken zu entschädigen.«

»Wenn aber der vom Windstein heute Abend schon heimkehrt?« meinte Levi, den Bucers Vorschlag wieder zur Vernunft brachte.

»Das wird er nicht,« antwortete der Doktor. »Wer auf den Fleckenstein kommt, kann so schnell nicht weg. Wäre er auch nicht mehr so jung und halb so schön, wie der Windsteiner, so müßte er doch einige Tage des Freiherrn Talisman bewundern und sich alle Mühe geben, von ihm bewundert zu werden.«

Levi warf noch einen schmerzlichen Blick in die Gegend, wo sich jetzt seine Gelder befinden mochten, und eilte seinen Gefährten nach, den Arnsberg zu erreichen.



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