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III.
Der Mensch.

Ein Mensch! ein Alltägliches, Gewöhnliches! Wo wir gehen und stehen, auf der Straße und auf dem Lande, sehen wir ihn ja in vielen Exemplaren, jung und alt, fröhlich und grämlich, reich und arm, schön und häßlich, laufen und stehen, reden und schweigen; sie eilen oder bummeln an uns vorbei, sehen uns gleichgültig an und wir sie; sind sie doch uns und wir ihnen das Allergewöhnlichste, was die Erde trägt. – Und doch ist jeder eine Welt für sich, hat seine ihm eigne Welt- und Lebensgeschichte, die ihm höchst wichtig, ja allein wichtig, und um welche sich für ihn das All dreht. – Wie der Chinese, übrigens mit ebensoviel Recht als der Engländer oder der Deutsche, sein Land für »das Reich der Mitte« hält; wie auf dem Forum in Rom der vergoldete Meilenstein stand, von dem aus alle Entfernungen bis ans Ende des Reiches in drei Weltteilen gemessen wurden, so ist jeder Mensch, der dir begegnet, ein Mittelpunkt seiner Welt, eine eigne Weltanschauung, ja diese seine Weltauffassung ist ihm »die Welt«.

Ein sonderbares Wesen, dieser Mensch! Wohl sagt von ihm Claudius:

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kommt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret
Und bringt sein Thränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr.
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret;
Hält nichts und alles wahr;
Erbauet und zerstöret,
Und quält sich immerdar.
Schläft, wachet, wächst und zehret;
Trägt braun und graues Haar;
Und alles dieses währet
Wenn's hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder
Und er kommt nimmer wieder.«

Und dennoch sind an ihm eine unverwüstliche Größe und unzerstörbare Züge des göttlichen Bildes, nach dem er einst geschaffen, immer noch zu erkennen. Was ist seit sechstausend Jahren Weltgeschichte, Kunst, Wissenschaft und Religion, Poesie und Prosa, alles Kriegführen und Friedenschließen, alles Regieren und Gehorchen, Erfinden und Entdecken, Bücherschreiben und Docieren, Lehren und Predigen, Ackerbauen und Städtegründen anders als die stete Offenbarung, das stete Sichaussprechen dieses wunderbaren Dinges, das Mensch heißt, vom Sanskrit »Manusch«, der Denkende. Warum ruht und rastet dieses Wesen nicht, muß forschen und erkennen, muß genießen und entbehren, muß und will leiden und sich freuen und ist seines Sehnens und Begehrens kein Ende? Und könnte sich's mit ein paar Kilo Nahrung täglich, wie der Ochs an der gefüllten Krippe, wohl sein lassen. Warum nicht? Das macht: Er ist Gottes Ebenbild und kann und mag nicht ruhen, bis er, wie das Bächlein im Meere, im ewigen unendlichen Gott Ruhe findet.

Diese vergängliche, meist ärmliche, oft erbärmliche und erbarmungswürdige irdische Erscheinung, die Mensch heißt, ist bei Licht besehen eine königliche Majestät. Auch der Dümmste und Bornierteste, der schlotternde und stotternde, halbkindische Greis sind die Sichtbarkeit von göttlichen Gesetzen, wie es im Weltall keine höheren gibt.

Denn Formel und Gesetz des Menschen ist das große Wort: »Lasset uns Menschen machen in unserm Bild und zu unserm Gleichnis« (Grundtext). Also dieser Mensch, diese göttliche Dreieinigkeit von Leib, Seele und Geist, ist ein Bild, ein Gleichnis, ein Porträt, ein Symbol Jehovahs; alles an ihm wichtig, bedeutungsvoll; sein Leib ein Abbild der göttlichen Schöpfung, ein Mikrokosmos, seine Seelen- und Geisteskräfte ein Abglanz der göttlichen Seele und der göttlichen Kräfte.

*

Das erste göttliche Gesetz im göttlichen Denken ist das große Gesetz der Ichheit, des uranfänglichen Eins, der göttlichen Individualität. » Ich bin, der ich bin,« nennt sich Jehovah.

Diese ewige, unveränderliche, allumfassende Ichheit Gottes ist die notwendige und unerläßliche Basis für jede andre Ichheit. Ist Gott der, der er ist, so gibt es einen Gott und ein Nichtgott nämlich seine Schöpfung, ein Gutes und damit auch ein Nichtgutes, ein Großes und ein Kleines, ein Oben und ein Unten; dann hat alles ein absolutes Sein, und das Dasein bekommt Kraft und Leben und Wert. Ohne diese göttliche Ichheit als Bedingung alles Seins und alles Wissens, verfällt der Mensch dem nebelhaften Buddhismus, dem grenzenlosen Subjektivismus, der gerade das Gegenteil ist von der wahren Ichheit, bei dem der bloße Begriff das Wesen ersetzt; die Erde wird ihm unter den Füßen zu Dunst und Nebel, der Himmel über ihm zu einer optischen Täuschung, und sein ganzes Leben zu einer selbsterfundenen Abstraktion. Wenn ein so verdienter Naturforscher wie Schleiden sagt: »Kraft und Stoff sind nichts als das Produkt unsrer Sinne. An und für sich existieren jene gar nicht, – die Materie ist an und für sich eigenschaftslos,« – so ist damit unsrer Existenz aller Sinn, Wert und Zweck abgesprochen, und wir sind Fantasmen, die mit selbstgemachten Schattenbildern und wesenlosen Gespenstern spielen.

Der Christ dagegen darf Gott nachsprechen: »Ich bin, der ich bin.« Denn auch er ist eine ewige Ichheit nach dem Bilde der göttlichen geschaffen, hat in sich alle Prinzipien der oberen.

Und wie die höchste Individualität auf Erden, ist dieser Mensch auch die härteste. Rohe Diamanten schleifen ist nichts gegen Erziehung, denn der Mensch ist härter noch als Diamant. Weder mit Worten wie Donnerkeile, noch mit Säuseln der reinsten, uneigennützigsten Liebe, weder durch Drohungen der Gehenna, noch Verheißungen des ewigen Lebens vermochte Christus so ein Pharisäerherz im mindesten zu rühren. – Sie spotteten seiner!

Dieses Gesetz der Individualität faßt auch in sich das Gesetz der Differenzierung. Je höher ein Organismus, ein Geschöpf ist, desto individueller, d. h. desto schärfer treten nicht nur die Unterschiede zwischen den einzelnen Individuen auf, sondern auch im Individuum selber individualisieren sich die verschiedenen Organe derart, daß immer mehr jeder seine Funktion übernimmt und nicht mehr als eine. So scheinen Infusorien, wie Amöben, mit und vermittelst der bloßen Haut alle Lebensfunktionen zu verrichten und Schaltiere mit dem »Fuß« zu fühlen, zu hören und selbst Lichteindrücke zu vernehmen. Beim höheren Tier scheiden sich streng diese verschiedenen Thätigkeiten der Seele und erfordern jede ein besonderes Organ. – So definiert die moderne Naturwissenschaft, so Herbert Spencer, die Evolution von den niedrigsten zu den höchsten Organismen als » a change through continuous differentiations«. – So muß der Mensch als höchstes Geschöpf schon a priori das am meisten differenzierte sein und ist es auch. Keine zwei unter den tausendfünfhundert Millionen Erdbewohnern, die gleich gehen und gleich hin stehen, die das gleiche Gesicht und die gleiche Stimme oder denselben Blick hätten; ja keine zwei, die gleich husten! – So ist auch im Geistigen Einförmigkeit Tod, Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit und jeder Gegensatz dagegen Leben und auch Schönheit. Je höher der Geist, desto kräftiger die Individualität, desto verschiedener von andern; und desto mehr erkennt diese Individualität verschiedenes an ihren Mitmenschen, desto mehr differenziert sie. Dem elementaren Menschen sind zwei Menschen eben Menschen, nur daß der eine ein Kaufmann und der andre ein Hofrat ist, und Frauen sind ihm eben Frauenzimmer oder eben Weiber. Der begabte Schriftsteller, der Psycholog, der Dichter, der Dramatiker zu allen Zeiten, so ein Dickens und Thackeray, Freytag und Scheffel und Gotthelf, sind in dem Maße groß, als bei ihnen kein Mensch ist wie ein andrer. Jeder ist eine Ichheit, eine Seele, ein Charakter, ein Unikum; nicht ein Exemplar der großen Auflage, ein Muster der Fabrikarbeit. Stets ist reiche Differenzierung das Kennzeichen reichen Geisteslebens. Während das Kind, das die ganze Welt der Erscheinungen bemeistern soll, noch nicht differenziert, sondern die allgemeinen Begriffe »Kind«, »Blume«, »Hund« zu begreifen sucht, und von allem, was es nicht scharf erfaßt, als von einem »Dinge« spricht, bezeichnet die Sprache tiefsinnig den Mangel an Differenzierung als Indifferenz (französ. und engl. indifference), als eine Gleichgültigkeit, Interesselosigkeit und geistige Apathie, als einen Schwäche- oder Krankheitszustand der Seele.

Auch in der Weltgeschichte ist Differenzierung das Zeichen bedeutender Völker, und ist oft (wie im zweiten Kapitel bemerkt) auf eine schöne natürliche Differenzierung und Gliederung ihres Landes, innerhalb einer geographischen Einheit aufgebaut. – Bei den Juden, diesem Volk aus einem Guß, mit geradezu furchtbarer Kohäsionskraft, war die ganze Differenzierung eine religiöse und bildete den Kern des mosaischen Gesetzes. – Prächtige Differenzierungen zeigen uns, wie ihr Land, auch die Griechen: Athen, Sparta, Korinth, Theben. Auch schöne die italienischen Republiken des Mittelalters, jedoch zu sehr, wie deutsche Zustände, in scharfe Gegensätze ausartend. Und doch ist es keine Frage, daß diese Differenzen das deutsche Wesen vertieft und bereichert haben. Unter einer gesunden und weisen Regierung müßte Frankreich vermöge der prächtigen Verschiedenheit von Klima, geologischer Beschaffenheit und Völkerrassen ein Bild einer schönen Differenzierung innerhalb einer großen, harmonischen Einheit bilden. Gerade das fehlt England, das zu sehr als Insel isoliert, durch Abgeschlossenheit stark, aber einseitig bleibt. Endlich ist in China eine ursprünglich großartig differenzierte Hierarchie aus Altersschwäche allmählich zu einem Petrefakt geworden, der bedenklich abzubröckeln anfängt.

Nordamerika dagegen bietet ein interessantes Beispiel von einem Lande, das es noch zu keiner Differenzierung gebracht hat. Dieses junge Volk, das überall noch generalisiert und verallgemeinert, das stolz darauf ist, daß es alle Unterschiede abschafft, alles nivelliert, das die alte Hierarchie und Gliederung aufheben möchte, dem Mann und Frau, Jüngling und Greis, Schusterjunge und Präsident gleich gelten, ahnt nicht, daß es sich damit nach obigem Naturgesetz als unreif und unfertig kennzeichnet, als ein Volk, das auf einer noch niedrigen Stufe einer kaum angefangenen psychologischen Evolution sich befindet, was auch sein ganzer Habitus bestätigt. So sprechen Deutsche, die ein halbes Leben in den Vereinigten Staaten zubrachten und dort viel herumreisten, von der Einförmigkeit des Lebens und der Leute, der Farmen und der Fenzen, des Essens und der Unterhaltung, der Sitten und der Gesellschaft, – wogegen die bekannte Vorliebe des Amerikaners für Adel und Titel eine unwillkürliche Anerkennung der ihm fehlenden Differenzierung in sich schließt – und selbst die Hinterwäldler und Kalifornier Bret Hartes u. a. lassen sich unschwer als die twinbrothers der Geschäftsleute von Chicago und Geldmacher von New-York erkennen.

Diese junge Nation, die kaum eine Vergangenheit, eine Geschichte und eine Litteratur, keine eigne Religion, außer Mormonismus, noch eigne Kunst, noch eigne Architektur, noch Ruinen hat, besitzt der Welt und dem Leben gegenüber die Unbefangenheit des Kindes mit der Ungeniertheit, der Oberflächlichkeit und dem Mangel an Verehrung der Flegeljahre verbunden, was dem Amerikaner den waghalsigen Mut gibt, den viele an ihm bewundern; auch seine flinke Begabung im Praktischen ist ein Vorzug, wie er bei einzelnen Kindern auffallend hervortritt. Aber vorzügliche Segeljachten, große eiserne Brücken und ein entwickeltes Eisenbahnnetz, eine großartige Fertigkeit im Halten von übrigens gehaltlosen öffentlichen Reden, eine zahlreiche und mittelmäßige Presse und immerwährende politische Streitigkeiten und Unruhen, sind noch keine Beweise von geistiger Reife. Nirgends tiefgreifende, bedeutsame und tausendjährige Gegensätze und Differenzierungen wie im nicht größeren Europa so schön zwischen Engländern und Spaniern, Norwegern und Italienern, Türken und Franzosen! weshalb Amerika noch lange uns nichts Geistiges zu geben vermag, sondern Ideen bei uns sich holen muß. Das Gesetz der Zeit kann der Mensch nicht ändern. Das Wachstum der Völker zählt nach Jahrhunderten, wie das des einzelnen nach Jahren, und wenn Alexander, Napoleon und Bismarck innerhalb Jahrzehnten Weltreiche gründen konnten, so ist es nur, weil sich dazu tausendjährige Elemente vorfanden.

Gott, der große Schöpfer und Künstler, ist auch der große Differenzierer. Immer wiederholt er dieselben ewigen Worte, und nie sagt er dasselbe zweimal; unermüdlich schafft er auf Erden nach einigen Grundtypen unendliches Leben, und noch niemals hat er sich kopiert, daher ist auch in der Religion, wie an den Propheten, Aposteln und Evangelisten zu sehen, die kräftige Differenzierung, die ausgesprochene Individualität ein Zeichen von gesundem Leben. Alle und jede Uniformierung und Schablone, jeder Methodismus und jede besondere Art der Frömmigkeit, jedes Betonen und Auferlegen äußerlicher Formen ist in der Gottseligkeit das Kennzeichen einer Geistesarmut, die fast unvermeidlich ein Sichbewundern im eignen Werk und die Überschätzung des eignen Thuns im Gefolge hat.

Zweck der Erlösung ist es, dieses verwischte Bild Jehovahs, diese besudelte Ichheit, dieses unter Sündenschlamm verdeckte, durch Staub, Blut und Schweiß und Runzeln entstellte Wesen der Ewigkeit, das Mensch heißt, als einen geschliffenen, reinen, harten Diamant der Ewigkeit wiederherzustellen. – Dazu und damit der Erlöste in allen Ewigkeiten sprechen darf: »Ich bin, der ich bitt,« muß hienieden die falsche, kleine und kleinliche, bornierte, blinde Ichheit abgestreift werden, und wenn auch Haut und Fleisch mitgehen. Die Reiche dieser Welt, ihre Könige und Herrscher, ihre Kronen und ihre Scepter sind nur schwache Abbilder, dunkle Ahnungen davon, daß des Menschen Beruf ist, ewiglich König und Priester zu sein und ewiglich zu regieren in einem Reich, dessen Gründung Gott im Auge hatte, als er die Welt schuf; wie geschrieben steht: »Ererbet das Königreich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt her« (Matth. 25, 34).

*

Das zweite göttliche Gesetz einer jeden göttlichen Ichheit ist das Gesetz der Offenbarung. Leben ist stete, sichtbare Offenbarung des Unsichtbaren; wird es auch im Himmel sein. Wie ein nicht geoffenbarter Gott kein Gott wäre, so ist das Wesen des Geschöpfs Offenbarung; wird ihm das abgesprochen, verwehrt, so stirbt es.

Wie Gottes erste That die Erschaffung eines Weltalls aus sich und eines Menschen nach seinem Bilde war, so ist es erste That der göttlichen Seele, dieses göttlichen Hauchs, der nimmermehr unthätig sein kann, sich schon im Mutterleib einen Leib zu schaffen, der ihr entspricht, eine Sichtbarkeit, womit sie der ganzen Schöpfung zurufen kann: »Sehet mich an! So sehe ich aus! So bin ich! Versteht ihr mein Bild und die Inschrift?«

Freilich begnügen sich manche Menschen mit Vorstellungen von Leib und Seele, wonach die Seele im Körper wie auf Miete in einem fremden, von allerlei zufälligen Faktoren erbauten Haus, Hütte oder Villa wohne; oder nach welchen sie im Leibe steckt wie ein Teufelchen in einer Schachtel, das bloß bei besonderen Gelegenheiten hervorgucke. – Daß allerlei Einflüsse mitgeholfen haben, unsern Leib zu schaffen, ist wahr; aber der erste und größte Faktor sind wir selber; wir sind der Besitzer und Hausherr und bauen uns eine Wohnung und möblieren und ändern sie nach unserm auch unbewußten Wesen und Wünschen; und es gibt kaum etwas, was von größerer geistiger Blindheit zeugt, als die Behauptung, daß nur der jeweilige physiognomische Ausdruck, nicht aber die Schädelform und die Gesichtszüge eines Goethe oder Bismarck oder Napoleon I. mit seinen geistigen Anlagen etwas zu schaffen hätten.

Mit diesem Körper sagt schon das kleinste Kind, was es ist und was es sein wird, und daß es nicht ist wie ein andres; schon sprechen sich darin die zwei großen Gegensätze von männlich und weiblich aus. Die Augen, in Finsternis entstanden, zeigen das tief geahnte Vorhandensein einer Welt von Licht, Farben und Formen; die Ohren das Bedürfnis der Seele, in der von ihr geahnten Welt des Schalls zu leben; der Mund und das daraus entstehende Schreien, das absolute Bedürfnis der Offenbarung durch den Schall, durch das Wort. Die Hände sind ein materialisierter Grundzug der Seele, die die Welt ergreifen, die thun, machen und handeln will, und der Arm ihrer Kraft, festzuhalten, hinzulangen und zu schlagen. Die Füße sagen unzweideutig die Macht dieser Seele, über den Raum zu herrschen u. s. w. So dient der Seele dieser Körper zum Erkennen dieser Welt und zum Beherrschen eines ihrer Kraft angemessenen Stücks davon.

Wir lernen aus diesem Gottesbilde, daß Gott nicht, wie so mancher annimmt, ein bloßer Geist ist, sondern eine höchste und individuellste, selbstbewußteste Persönlichkeit, von dem Ihn umgebenden, von ihm geschaffenen Weltall scharf getrennt. Ferner, daß dieser Körper, wie auch die ganze Natur, nicht Selbstzweck, nicht eine Verherrlichung des Menschlichen, sondern des Göttlichen ist und sein soll; ein Bild und eine Äußerung von Gottes Persönlichkeit. »Der Mensch,« sagt Böhme, »ist, weil nach Gottes Bild geschaffen, ein Mikrokosmos: das Inwendige oder Hohle im Leibe eines Menschen ist und bedeutet die Tiefe zwischen den Sternen; der ganze Leib bedeutet Himmel und Erde; das Fleisch bedeutet die Erde und ist auch von Erde; das Blut bedeutet Wasser und ist auch vom Wasser; der Odem bedeutet die Luft und ist auch Luft. Die Adern bedeuten die Kraftgänge der Sterne und sind auch die Kraftgänge der Sterne; das Eingeweide bedeutet der Sterne Wirkung oder Verzehrung alles, was sie selber gemacht haben, was aus ihrer Kraft geworden ist, das verzehren sie selber wieder. Der ganze Leib ist die Schöpfung bis an die Sterne. Das Haupt ist der Himmel. Wie der Himmel alle Sterne mit seiner Kraft anzündet, daß sie qualifizieren, jeder in seiner Art, also auch das Haupt oder Hirn des Menschen den ganzen Leib.«

So sind die Füße des Menschen nicht zunächst dazu geschaffen, daß er damit laufe, so sehr wir das auch glauben, sondern als eine Offenbarung vor den Engeln von der Beherrschung des Raumes, die in Gott ist, von Gottes Allgegenwart. Und Jehovah sprach: »Ich will nun hingehen und sehen, ob sie nach ihrem Geschrei völlig gethan haben« (1. Mos. 18, 20-21). – Die menschlichen Hände und Arme sind in erster Linie und vor allem ein Bild von Gottes Allmacht und Kraft und auch von seinem Thun und stetem Eingreifen in das Universum, in die Weltgeschichte: »Meine Hand hat alles gemacht« (Jes. 66, 2); und so spricht Gott auch zu Satan: »Siehe! er sei in deiner Hand!« (Hiob 2, 6). Das Haupt des Menschen soll uns davon ein Bild sein, daß in Gott ein Mittelpunkt der Macht und des Wollens ist, ja daß wie im Menschen Herz und Kopf, so auch in Gott zwei große Pole des Wollens und Erkennens sind, einerseits der Gerechtigkeit, andrerseits der Liebe, des herzlichen Erbarmens und des Gnädigseins, die durch den Sündenfall, diesen Riß in der Schöpfung, in Konflikt miteinander gerieten, bis Gott herrlich sich in Christo offenbarte und die Welt dadurch mit sich versöhnte, daß er ihre Schuld selbst trug. Uns ist der Kopf und sein Denken, seine Sophia, durch das Essen vom Baum der Erkenntnis getrübt. Deshalb darf er nicht mehr ausschließlich das Herz regieren, kann nicht mehr durch klare Erkenntnis ihm Stoff zum Lieben und Hassen geben. Ursprünglich war es anders. Wie nicht das Herz, sondern der Kopf in bedeutsamer Symbolik die menschliche Gestalt überragt und beherrscht, so ist in Gott das Prinzip, die Idee, das Gesetz, die Sophia und ewige Weisheit als schöpferische, so auch ursprüngliche Macht. Er spricht: »Es werde Licht!« Das ist Logos, Sprache, Macht, Haupt. – Dann sieht Er, daß es gut ist. Das ist Gefühl, Genuß, Herz. Die Sinne aber im Menschen, diese Thore, zu denen die Seele hinausschaut, sie sind ein Bild und ein Gleichnis davon, daß im ewigen Gott die Geister (Offenb. 4, 5) des Sehens und des Hörens und des Riechens u. s. w., ewig freudenreich und majestätisch auf- und abwogen! »Die Augen des Herrn sehen auf die Gerechten, und seine Ohren hören auf ihr Gebet« (1. Petr. 3, 12. Ps. 34, 16). »Neige deine Ohren, mein Gott, und höre, thue deine Augen auf und siehe, wie wir zerstöret sind« (Dan. 9, 18). Und ebenso: »Dampf ging auf von seiner Nase und verzehrend Feuer von seinem Munde, daß es davon blitzte« (Ps. 18, 9). »Und der Herr roch den lieblichen Geruch und sprach in seinem Herzen: Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen« (1. Mos. 10). – Das sind nicht bildliche Ausdrücke, die uns ein unvorstellbares Etwas wie ein Sehen und Hören, Riechen, Schmecken Gottes andeuten sollten, sondern unsre Sinne sind ein äußerst schwaches und mangelhaftes Bild von den wahren göttlichen Sinnen, wie David es majestätisch ausspricht: »Ihr Thoren, wann wollt ihr klug werden? Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gemacht hat, sollte der nicht sehen?« (Ps. 94, 8. 9). Nicht sollen wir Gott herabziehen und zu einem Menschen machen; sondern uns sollen wir in seinem Licht beschauen und darüber erstaunen, wie groß wir in seinem Bild und in seinem Gleichnis sind, und wie unbegreiflich schon unser Sehen, unser Hören, unser Riechen als ein Symbol, eine Offenbarung des göttlichen Sehens, Hörens und Riechens sind.

Daraus daß der Mensch an stofflicher Größe und Gewicht ziemlich die Mitte hält zwischen den lebenden Geschöpfen, während er an harmonischer Ausbildung der Sinne, an feiner Ausarbeitung sämtlicher Organe, so vor allem der Hand, mit der er die Welt erfaßt und anfaßt, sie übertrifft, sehen wir, daß er der auch materielle Maßstab der organischen Schöpfung ist. Daß sein Größen- und Massenverhältnis zur Erde und zu andern Organismen bedeutsam und durch irgend ein Gesetz normiert ist, ist sicher; aber dieses Gesetz kennen wir nicht, wissen nicht, warum er nicht hundert Meter oder auch bloß einen Centimeter hoch ist. Und ebensowenig kennen wir das Gesetz der Korrelation des Geistes zum Stoff, wissen nicht, warum der Mensch nicht, wie geistig, auch stofflich der größte Organismus, oder warum die Ameise den Walfisch an Intelligenz ganz bedeutend übertrifft, der Elefant dagegen ebensosehr die Schildkröte. Die stoffliche Größe und Masse eines Wesens, diese uns so bekannte Erscheinung, gehört zu den Rätseln dieser Welt. Und nicht minder die daraus hervorgehende allbekannte Thatsache, daß wenn ein Organismus »ausgewachsen« ist, er trotz aller Nahrungszufuhr eben nicht mehr wächst. – Warum? Schon das ist sonderbar, daß der Reiche, wenig Kraft Ausgebende und reichlich Essende durchaus nicht immer, weder an Kraft, noch an Körperfülle, noch an Statur den Armen übertrifft, ein Beweis unter vielen, wie falsch die materialistische Anschauung ist, die mit chemischen Vorgängen und stofflichen Gesetzen das Leben erklären will. Der Mensch ist nicht ein Hochofen, der bei Konsum von so und so viel Kubikmeter Sauerstoff so und so viel Guß von sich gibt, nicht eine Dampfmaschine, deren Kraftleistung sich nach Kohlenkonsum per Stunde messen läßt; weshalb alle so zur Mode gewordenen Nährwerttabellen nahezu wertlose Spielereien sind. Mancher Schwarzwälder Ackerknecht wird von Most und Kartoffeln baumstark und mancher Reiche verkümmert leiblich bei Beefsteak, Eiern und Fleischextraktsuppen. Man lese, wie Galeerensklaven früher bei dreißig Ackerbohnen täglich, etwas Schiffszwieback, schlechtem Essig und Wasser trotz furchtbarer Anstrengungen nicht nur kräftig blieben, sondern achtzig und neunzig Jahre alt wurden. – Luft und Sonne und manche uns noch nicht genügend bekannte die Erde durchströmende und umwehende Effluvien und Kräfte sind auch Nähr- und Kraftfaktoren. Aber der wichtigste ist der göttliche Hauch im Menschen, mit seiner Willens- und Gefühlskraft, welcher die materiellen Bedingungen der Existenz beherrscht und oft überwindet.

*

Zweierlei gibt der Mensch von sich, woraus man erkennen kann, wessen Kind er ist: Das Licht und den Schall, den Blick und das Wort. Dazu hat er das Auge und den Mund. Zu den Augen leuchtet uns ein das äußere Licht, und durch dasselbe auch das innere, und unsre Weltanschauung dringt uns zu den Augen ein. Wir verarbeiten sie, und machen daraus Blicke, in denen, ob wir es wollen und wissen oder nicht, eben diese Weltauffassung sich spiegelt. Es gibt nur, wie zweierlei Menschen, zweierlei Blicke. – »Die Lampe des Körpers ist das Auge; wenn nun dein Auge einfältig ist, so wird dein ganzer Körper licht sein; wenn aber dein Auge böse ist, so wird dein ganzer Körper finster sein« (Matth. 6, 22. 23).

Mit dem Mund ißt der Mensch, und mit dem Mund lobt er Gott; das ist nicht ohne Zusammenhang; sondern eine Wechselwirkung, Einnahme und Ausgabe, ist und soll sein ein Ein- und Ausatmen, ein stetes Pulsieren des Lebens. Wir essen die uns von Gott bereitete Nahrung und sie wird zur Lebenskraft; diese erzeugt Früchte, des Menschen Worte. Wie die Pflanze das tote Unorganische in sich aufnimmt und zum lebendigen Organismus verarbeitet, so nimmt der Mensch dieses Organische und Lebendige, denn von Unorganischem und Totem kann er nicht leben, in sich auf und verarbeitet es zu höherem Leben. Die Nahrung, die zum Munde einging, soll in der Rede als Frucht zum Munde ausgehen und thut es auch. – »Die Frucht der Lippen, die Gottes Namen segnen!« (Hebr. 13, 15), die alles Gute und Große und Schöne, was Er in seiner Schöpfung und an Menschen thut, hoch rühmen. – Doch gibt es Menschen, aus deren Mund Skorpionen hervorgehen, »deren Stachel im Schwanz sitzt«, Otterngezüchte, oder unreine Geister, »Frösche des Abgrunds« (Offenb. 16, 13), und die einen Schwefelgeruch der Hölle ausatmen. Aus andrerm Mund ergießt sich das Wort wie ein schlammiger, schwarzer Strom, ungut, bitter, sauer, ätzend, aus andrer wie ein Spülwasser von allem Nichtigen, Faden, Dummen, was sie täglich hören, geschäftig in sich aufnehmen und wieder von sich geben. Aus andrer Mund noch träufelt das Wort wie morgenfrische Tautropfen und Honigseim, krystallisiert zu Gold, Perlen und Edelsteinen. Doch nur ein Gott vermochte, was er aß und trank als »Worte des ewigen Lebens« wieder auszugeben, nur bei Ihm wird einst im Gericht das Wort zu einem flammenden Schwert werden, das »den dritten Teil der Menschheit tötet«.

*

Wie sehr dieser Mensch der Maßstab, die Blüte und die Frucht, das Haupt der irdischen Schöpfung ist, spricht er in der Sprache aus; ihre Hauptbegriffe hat sie von seiner Leiblichkeit und ihrem Thun. So davon, daß er aufrecht geht, die Aufrichtigkeit und das Aufrichten, von seinem Gang die hundertfältige Symbolik des Stehens und des Fallens, des Gut- und Schlechtgehens, des Lebenslaufs, des Fortgangs und Bildungsgangs u. s. w. Von Arm und Hand unzählige Worte vom Handeln und Verhandeln, Behandeln, Unterhandeln und Welthandel, von Handreichen und um die Hand anhalten und vom Handauflegen. Und welche Rolle spielen erst in der Sprache Herz und Kopf! Vom ersten so viele sinnige, tiefe Ausdrücke, die uns belehren, was Herz ist; denn die Sprache spricht nicht von ungefähr und wählt ihre Wörter nicht zufällig. Täglich sprechen wir von herzlich und herzlos und herzig, von herzen und ans Herz drücken, von Herzeleid und Herzensfreud, von herzzerreißend und herzerhebend und herzhaft, von Herzensangelegenheiten und Herzensangst und Herzensgrund und Herzenstrost; von: zu Herzen nehmen, am Herzen liegen, zu Herzen gehen, etwas auf dem Herzen haben, das Herz brechen, ein Herz und eine Seele sein, sich ein Herz fassen, jemand ins Herz schließen, von ganzem Herzen lieben. Und wieviel Treffendes, Tiefes weiß die Sprache vom Kopf; wie wir auch zum Zeichen der Bejahung mit dem Kopf nicken, d. h. uns beugen vor der größeren Einsicht, den Kopf schütteln dagegen um zu verneinen, um von einer lästigen Behauptung uns zu befreien, den Kopf entblößen vor Gott oder den Großen dieser Welt u. s. w. So weiß die Sprache fast Unzähliges von Auge und Ohr, von der Nase und vom Mund, von den Fingern und vom Daumen, bald symbolisch, bald humoristisch, derb und innig, aufrichtig und spöttisch anzudeuten.

Vom Blute aber, von dem uns die Bibel sagt, daß die Seele darin sei, wie auch Virgil vom verblutenden Krieger spricht: »Es ergoß sich die purpurne Seele«; von diesem Lebenssaft, der unaufhörlich, in der Stille der Nacht hörbar, durch deine Adern fließt und rauscht, spricht die Sprache mit scheuer Achtung und sagt: es ist Blutgeld, Blutschuld! bis aufs Blut, blutig ernst! – Blutige Thränen weinen ist höchster Schmerz, soll bei Gefolterten vorgekommen sein (vergl. Christi blutigen Schweiß); blutjung, da ist das Blut noch nicht recht zu Fleisch und Knochen geworden; »blutarm«, ein energisches Bild; blutdürstig ist leider der Mensch oft; blutfremd fühlt er sich in der weiten Welt, u. s. w.

Blut! Ein Geheimnisvolles! Als Gott den Menschen aus einem Erdenkloß machte und ihm eine lebendige Seele einhauchte, bekam diese Seele Macht, aus Wasser und etwas Eisen sich einen immerwährenden Leib zu schaffen und zu erneuern. In diesem Flüssigen hält sie sich auf; »die Seele ist im Blut«, spricht das mosaische Gesetz, und issest du Brot und Fleisch, so bildet sie daraus fast im Nu Millionen von Blutkörperchen, die Atome des Menschen, die Bausteine zum wunderbarsten Bau der Welt, zum menschlichen Körper, und bald nachdem du zu Mittag gegessen, fließen in deinen Adern viele Millionen neuer Blutkörperchen.

Und glaubst du nicht, daß Christi Blut dich von der Blutschuld erlöst, die uns in den Abgrund hinabdrückt, so fällt deine Seele im Tod, wie der nach Jericho, der Stadt des Verderbens, und nach dem Meer der Toten Wandernde, in die Hände der Räuber, der furchtbaren Geister der Finsternis und der ewig Verdammten, die nie selig werden, und sie werden dich verwunden und entblößen, dir das bißchen Wissen und Ehrlichkeit und Respektabilität entreißen, womit du auf Erden prangtest, und in Ewigkeit kommt kein Samariter und verbindet deine Wunden und führt dich in die Herberge, sondern ewig mußt du in deinem Blut in der ewigen Nacht liegen.

*

Dieser Mensch und Mikrokosmos schließt in sich, wie nicht anders zu erwarten, sämtliche organischen Formen, also auch sämtliche Gesetze seines Planeten. So ist er, leiblich aufgefaßt, ein dreiachsiger Krystall, unsymmetrisch nach oben und unten, nach hinten und vorn, symmetrisch nach rechts und links und wächst, wie der Krystall, diesen Achsen entsprechend. So bleibt z. B. die Spannweite beider Arme der totalen Höhe stets gleich. – Daß der Mensch einer Pflanze vergleichbar, ist einleuchtend, wie denn auch ein großer Naturforscher ihn »eine wandelnde Pflanze« genannt hat. Wie die Pflanze in eine über- und eine unterirdische nach oben und unten sich teilt, so auch der Mensch von der Herzgrube aus als dem nodus vitae. Die Füße samt ihren Zehen entsprechen unverkennbar den Wurzeln, der Leib dem Stamm, die Arme den Ästen, die Hände den Zweigen, die Haut der Rinde, das Blut dem Saft, und in wunderbarer Weise der Kopf der Frucht und das Gesicht der Blüte. Und auch hier handelt es sich nicht nur um eine poetische Vergleichung, sondern um wahre und tiefe Beziehungen, welche, wenn richtig erkannt, uns die richtige Behandlung der menschlichen Pflanze, die wahre Pädagogik erkennen lassen.

Noch weniger brauchen wir auszuführen, wie sehr der Mensch die Hauptideen der Tiere harmonisch vereinigt, wovon die ganze Sprache in Hunderten von bildlichen Ausdrücken zeugt. Merkwürdig ist aber, daß der Mensch höchstens vorübergehend in der Kindheit die wagerechte, das Beharren im Stoff anzeigende Haltung des Tiers annimmt. Bald richtet er sich empor zu der aufrechten Haltung, die das Streben nach oben und unten ausdrückt. Und daß dieses Streben normal nach oben gehen soll, das bezeugt klar die immer größer werdende, zum Kopf als zur Frucht reifende Vollkommenheit des Körpers nach oben.

So steht der Mensch da als dasjenige höchste Wesen auf Erden, von dem alle andern in der Schöpfung vorangegangenen nur Symbole waren, auf das sie alle als auf ihre Vollendung hinwiesen; er ist die Blüte und Frucht des Erdbaumes.

Der Mensch ist eine Welt schon durch seine Zusammensetzung; denn in ihm kommen die Hauptelemente der Erde vor: Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff und Kohlenstoff atmet er aus und ein; Eisenrost färbt sein Blut so rot, Kalk macht seine Knochen hart, Phosphor im Hirn und in den Nerven erhöht seine Denkfähigkeit. Ein Mensch von siebzig Kilogramm soll vierundvierzig Kilogramm Sauerstoff enthalten, = achtundzwanzig Kubikmeter. Das gibt einen Begriff von dem Raum, den ein vergaster Mensch einnehmen würde. Von diesem Menschenkörper schreibt Liebig: »Die Chemie hat uns bewiesen, daß der Mensch aus verdichteter Luft lebt und sich in verdichtete Luft kleidet, daß er seine Nahrung mit Hilfe von verdichteter Luft zubereitet und damit die größten Lasten mit der Schnelligkeit des Windes fortbewegt. Das Seltsamste hierbei ist, daß Tausende dieser auf zwei Beinen gehenden Gehäuse von verdichteter Luft sich zuweilen des Zuflusses und des Erwerbes von verdichteter Luft wegen, die sie zur Ernährung und Kleidung bedürfen, oder ihrer Ehre und Macht wegen, in großen Schlachten durch verdichtete Luft vernichten« (Chem. Briefe S. 69). – A. Buchner berechnet, daß bei fünfzehnhundert Millionen Erdbewohnern auf der Erde in Form von Menschen spazieren gehen: siebenundsechzigtausend Millionen Kilogramm Sauerstoff, tausendvierhundertunddreiundsiebzig Millionen Kilogramm Stickstoff, tausendeinhundertundfünfzig Millionen Kilogramm Chlor und fast ebensoviel Phosphor; nur hundertdreiundvierzig Millionen Kilogramm Fluor und nahezu ebensoviel Schwefel, aber siebzehntausend Millionen Kilogramm Kohlenstoff, nur hundertfünfzehn Millionen Kilogramm Kalium, und auch Natrium, einundsiebzig Millionen Kilogramm Magnesium, aber zweitausenddreihundert Millionen Kilogramm Calcium. – Wir sind also vorzugsweise aus Luftarten und Metallen aufgebaut. Noch bündiger, jedoch ohne Anspruch auf absolute wissenschaftliche Genauigkeit beschreibt ein Engländer den Menschen als fünfundvierzig Pfund Carbon und Nitrogen in fünfeinhalb Kübel Wasser aufgelöst! – Und Tag und Nacht gehen in diesem wunderbaren Leib allerlei chemische Prozesse unaufhörlich vor sich, zersetzen und umsetzen die eingenommenen Stoffe und scheiden sie aus, sondern Knochen- und Hirnsubstanzen ab und verwandeln allerlei Nahrungsstoffe in Fleisch und Blut, in Muskeln und Nerven. Wie die drei Grundformen des Stoffes in diesem Körper vereinigt sind, fest, flüssig und gasförmig, so gehen auch in ihnen alle physikalischen Vorgänge der gesamten Natur vor; alles Verdampfen und Kochen, Verbrennen, Festwerden und Erstarren, Absorption und Molekularkräfte, Capillarröhren, Pumpwerke und Dampfmaschinen, elektrische Ströme in den Nerven, alle Arten von Hebeln, Winden und Rollen sind im Körper vertreten, auch Saiten und Blasinstrumente; ein gesprochenes Wort, eine Geberde, das Ergreifen eines Buches sind mechanische Handlungen, wie keine von Menschen erfundene Maschine sie so vollkommen leistet. Die Muskelseile, die in den Knochenrollen laufen, ölen sich selbst, das Pumpwerk des Herzens ersetzt sich selber die abgenutzten Klappen. Wäre es eine Maschine aus Stahl und Diamant, so wäre sie gar bald abgenutzt; denn es schlägt fünfundsiebzig- bis neunundachtzigmal durchschnittlich in der Minute. Bist du fünfzig Jahre alt, so hat dein Herz, ohne je auszusetzen, noch müde zu werden, über zweitausendmillionenmal geschlagen. Bei Tag und bei Nacht, ob du daran denkst oder nicht, pumpt es das Blut durch die feinsten Adern bis in dein Gehirn hinauf und ernährt deinen ganzen Körper. Auch hast du in diesem Alter an die fünfhundertmillionenmal schon geatmet, und immer noch saugen unermüdlich deine Lungen durch Tausende von Zellen frische Luft ein, teilen sie dem Blute mit, nehmen ihm die unreine ab und atmen sie aus. Auch hat deine Zunge mehrere Millionen Wörter gesprochen. In deinem Hirn dienen sechshundert Millionen Zellen und mehrere tausend Millionen Fasern, nach Meynert (nach Beale noch viel mehr), zu deinem unaufhörlichen Denken und Träumen bei Tag und bei Nacht. Dein Magen hat über fünfundsiebenzigtausend Pfund feste und flüssige Nahrung zu Fleisch und Blut, zu Knochen und Haaren und Nägeln verarbeitet; und wie unzählige Millionen von Lichtwellen, wie viele Bilder hat dein Auge aufgenommen, diese Weltkugel von zartesten Nerven und Muskeln, die sich beim Sehen in die Ferne den Gesetzen des Fernglases, beim Sehen in die Nähe denen des Vergrößerungsglases anpaßt. Und ebenso das Ohr, in welchem dreitausend wunderbar feine Säulchen ( Corti) oder Harfensaiten dem Geist im Innern die Wunder des Schalles und des Wortes erzählen. Neben diesen Organen der Ernährung, des Blutumlaufes, des Atmens und der Sinne ist noch der Körper von einem Netz von feinen weißen Telegraphen- und Telephondrähten durchzogen, durch die die Empfindungen laufen und dem Hirn erzählen, was die große Zehe oder die Hand erlebt; zerschneidet man diese Drähte, so gelangt kein Bericht mehr an die Centralstation, und bei verbundenen Augen weiß und fühlt der Mensch nicht mehr, daß man ihm die Hand absägt oder den Fuß verbrennt.

Harmonisch, leise und präcis greifen alle diese Thätigkeiten ineinander; pünktlich versieht das Herz Nerven und Hirn mit Blut und empfängt von den Lungen mit Sauerstoff gereinigtes Blut; vom Magen aus wird die ganze Maschine mit Wasser und Kohle versehen, und alles das so sanft und sachte, daß der gesunde Mensch nicht merkt, wie diese wunderbaren Vorgänge zu dem einheitlichen Thun, das wir Leben nennen, sich vereinigen und dabei nur Wohlbehagen empfindet! Indessen wachsen unmerklich ruhig weiter, bei Tag und bei Nacht, wie Wälder auf den Bergen, die hundertfünfzigtausend Haare auf deinem Kopfe und auch die Nägel an deinen Fingern. Diese Gebilde spüren keinen Schmerz, scheinen nichts danach zu fragen, was im Innern vorgeht, was im Kopf für Gedanken, im Herzen für Wünsche wogen; und doch, wenn Schwindsucht die Lungen ergreift, zeigen es die Nägel dem erfahrenen Arzt an; und verzehren dich Gram und Kummer, so ergrauen deine Haare.

Ja, ein Großes, eine Welt ist unser Körper! Denken wir ihn uns unter einem englischen Mikroskop mit zwanzigtausendmaliger Vergrößerung. Darunter wäre er vierzig Kilometer lang, also größer als mancher der Planetoiden zwischen Mars und Jupiter. Diese Größe und dieses Bild wären an sich gerade so wahr als das von uns geschaute, ja für eines der Infusorien, die wir mit eben diesem Mikroskop noch wahrnehmen, und von denen manche mit Augen begabt scheinen, das einzig richtige. Von einigen solchen Wesen, sogenannten Monaden, wissen wir, daß sie durch unsre Hand hindurch schwimmen, ohne daß wir es merken; wir sind ihnen ein bewohnbarer Planet. Betrachten wir uns selbst im Geist mit ihren Augen! Da sind unsre Knochen gewaltige Felsmassen und ganze Kalkgebirge; um sie dehnen sich große Kontinente und durch diese, um diese Berge herum und dem schäumenden und tobenden Blutocean des Herzens zu, fließen heiße Bächlein und Flüsse und Ströme, und in diesen roten Fluten schwimmen wie Fische Millionen und Millionen von Blutkörperchen, in den Adern eines Erwachsenen an sechzig Billionen (!) von diesen bald farblosen, bald orangefarbigen glatten Scheibchen mit erhöhtem Mittelpunkt. An ihre Ufer aber setzen diese roten Flüsse in jedem Augenblick Millionen von solchen Körperchen ab, neue Quader zum Körperbau; spülen ebenso Millionen von abgenutzten Zellentrümmern weg und reißen sie mit sich ins große Centralfeuer, in die Lunge. In diesem, von einem hereinsausenden Sturm von Sauerstoff gespeisten Hochofen wird alles Unbrauchbare und Abgenutzte verzehrt und fährt in Wolken von Kohlensäure zum Riesenschlot, der Luftröhre, wieder hinaus. Im Hirn aber türmen sich in jeder Sekunde Tausende von Zellen zu merkwürdigen Gebilden auf, fast wie die aus Tausenden von Wohnungen bestehenden Weltstädte; und ebenso unaufhörlich zerfallen tausend andre. Diese Zellen vermitteln dein unaufhörliches Denken.

Kolossales, rastloses Leben durchzuckt diese Welt; unaufhörlich entstehen neue Gebilde; ein Geschwürchen, eine Pustel, ein Hautausschlag, das ist eine Bildung von ganzen Hügeln und Bergketten; ein Erröten bedeutet eine Überflutung ganzer Kontinente, ein Erbleichen das Trockenlegen andrer; während im chemischen Laboratorium, dem Magen, die Stoffe so energisch aufgelöst, abgesondert und verarbeitet werden, daß eine bis zwei Stunden nach der Mahlzeit in jedem Tröpfchen Blut schon ein bis zwei Millionen neue Blutkörperchen sich zeigen! Aber auch feine, unwägbare Kräfte bewirken Großes in dieser Welt des Körpers, so der Geruch, der Geschmack. Verbieten diese Könige nach ihrem Dafürhalten irgend einem Stoff den Zugang, dann bäumt sich der Magen auf und es widerstrebt der ganze Körper.

Darum ist die Jugend so anziehend, weil noch die junge Seele mit fast unwiderstehlicher Lust und Wucht die ganze Welt zu ihrer Leiblichkeit zu verwerten sucht. Darum spricht der Greis lebenssatt vom Wesen dieser Welt: mit diesem vergänglichen Stoff kann ich nimmermehr ein genügendes Bildnis meiner ewigen Seele aufbauen! – Dennoch will Gott, daß wir es versuchen, solange wir leben, und wer diese Aufgabe von sich weist, verzichtet als Selbstmörder auf das Recht der stofflichen Existenz und mag zusehen, wie es ihm in der Auferstehung geht.

Wie vieler tausend Pfund Stoff bedarf ein menschliches Wesen, um seine Statue sechzig Jahre lang darzustellen; wie vieler Millionen durch alle Sinnenthore eingesaugter Vorstellungen, um ebensolange sein Seelenleben zu fristen! Trotz diesem beständigen Stoffwechsel im Körper hält die Seele merkwürdig fest an ihrer einmaligen Auffassung und erzeugt immer wieder mit frischem Stoff die alten Formen, auch die alten Wunden und die Narben wollen nicht heilen. Ja, bis übers Grab hinaus geht es. Christus trug am auferstandenen Leibe die Spuren seiner Marter, vielleicht unvergängliche Zeichen seiner Liebe und der Menschen Haß.

Also nicht ein Seiendes ist unser Körper, sondern ein stets Werdendes, ein Fließendes, ein immer sich verändernder Atomwirbel, in dessen Centrum die mächtige Seele sitzt und die um sie kreisenden Stoffe zusammenhält. Energisch sagt davon Carlyle in Sartor resartus: »Weg mit der Illusion der Zeit! Fassen wir fünfundsiebzig Jahre in drei Minuten zusammen! Was sind wir alsdann? Was anders als die reinsten Geistererscheinungen? Aus nichts werden wir, nehmen eine Gestalt an, fahren durch den Stoff und verschwinden wieder. Jener Krieger auf seinem starken Renner mit blitzendem Auge, Kraft im Arm und im Herzen, was ist er? – Ein Gesicht, eine geoffenbarte Kraft, sonst nichts. – Noch ein Augenblick und er ist nicht mehr. – Tausend Millionen Geister, vorübergehend in Stoff gekleidet, wandeln jetzt über die Erde. Vor wenig Jahren waren sie nicht; in wenig Jahren sind sie nicht mehr! Etwa fünfzig derselben werden verschwunden sein von der Erde, fünfzig andre auf derselben erscheinen, bis deine Taschenuhr nur zweimal tickt.«

Entflieht im Tode die Beherrscherin dieses Leibes, die Seele, so hören alsbald wie faule Knechte, deren Herr weggegangen, Herz und Lungen auf Blut und Luft zu pumpen, und Magen, Hirn, Leber und Nieren stellen die Arbeit ein. Auch die chemischen Vorgänge arbeiten nur jeder für sich, voneinander unabhängig; es entstehen Verwesungsprodukte, und bald wird dieser Körper zu Luft, Wasser, Erde; denn die Seele hat ihre Atome fahren lassen. In der Auferstehung wird sie aus dem wahren Stoff wahre Atome an sich ziehen, sie, wie Feuer das Eisen, ganz durchglühen, und daraus ein lichtes, ewiges, treffendes und wahres Bild ihrer selbst aufbauen.

*

Wunderbar sind auch die Sinne des Menschen. Aus einem, dem Tastsinn, entstanden, dem einzigen bei niederen Organismen, die das Licht und den Klang, wie oben gesagt, mit dem Fuß fühlen, haben sie sich, höheren Geistern im Menschen entsprechend, in ihrer Thätigkeit, auf ihrem Gebiet so abgesondert, daß wir sie als unabhängige Kräfte der stofflichen Erkenntnis betrachten und erstaunt sind, wenn man uns sagt, daß das Auge das Licht hört, und das Ohr den Schall sieht. Beide nehmen aber stoffliche Vibrationen wahr, und unser Hirn konstruiert aus Lichtwellen die sichtbare Welt und aus Schallwellen den Klang und das Wort. Doch wie der Äther so viele millionenmal feiner und nach neuerer Anschauung soviel kraftreicher ist als die Luft, so steht auch das geistige Schauen viel höher als das Hören. – Hienieden ruft uns Gott zu: »Höret meine Stimme!« Drüben heißt es: »Sie werden Gott schauen!« So steht das Auge auch in der Feinheit und im Reichtum seines Baues hoch über dem Ohr. – Wie vermag es, so zart und empfindsam, dennoch das furchtbare und unaufhörliche Anprallen von Ätherwellen auszuhalten, die mit einer buchstäblich blitzartigen Geschwindigkeit von fünfundsiebzigtausend Meilen in der Sekunde darauf anstürmen, wie rasende Wellen gegen einen Felsen? – In dieser nervenreichen zarten Pupille wollen neue Ärzte untrügliche Spuren aller Krankheit oder Unfälle entdecken, die je den Betreffenden betroffen haben, oder an denen er noch leidet. Mag wohl sein, läßt doch Gott, als Gegengewicht zum vernichtenden Gefühl der Vergänglichkeit, die sich mit den Jahrhunderten immer mehr seiner Menschheit bemächtigt, uns auch immer mehr erkennen, wie bleibend, unvertilgbar unser Thun, selbst im Stoff. Wie der Schnitt am Baum und die Narbe am Menschen trotz allem Stoffwechsel und noch so häufiger Erneuerung der Rinde und der Haut lebenslänglich bleibt, so scheint es, daß jede unsrer Thaten sich in unsern Körper festsetzt und unauslöschliche Spur und Narbe hinterläßt, daraus allmählich die Physiognomie unsers Thuns entsteht, und der Griesgrämige eben einen solchen Mund, der Sorgenvolle kleinliche Sorgenlinien ums Auge, der Jähzornige blutunterlaufene, rote Blutgefäße im Augapfel trägt. Ist es also, so muß jeder Sinneneindruck, jede Form und Farbe, jede noch so schwache Regung unsrer Seele, jedes daraus entspringende Wort, ein plötzliches Erschrecken oder Erstaunen, ein freudiger Ausruf, ein Gefühl des Abscheues oder des Wunsches, ja jeder Gedanke an unsrer Leiblichkeit arbeiten und ändern, sich in den hundert Millionen Zellen unsres Hirnes einprägen und einen stofflichen Eindruck, eine Marke hinterlassen, einige von den Billionen von Atomen, aus denen unser Leib und Mikrokosmos gebaut ist, anders stellen als vorher, dahin und dorthin rücken, so oder so drehen, und allmählich und bleibend diese Architektur verändern und die Fassade unsrer Leiblichkeit verschönern oder verunstalten; Lichtscheu kann die Fenster verengern, kleinliche Umständlichkeit die schönen Räume durch allerlei Querwände hemmen, geistige Oberflächlichkeit und Gleichgültigkeit den ganzen Bau verkommen lassen; geistige Übung ihn festen und stärken. Unsre Seele arbeitet Tag und Nacht an der Herstellung eines dem groben stofflichen entsprechenden, guten oder bösen, himmlischen oder höllischen Leibes eigensten Stiles, höchst interessant einst zu schauen und zu durchschauen. Am seelischsten und am geheimnisvollsten unter den Sinnen sind Geruch und Geschmack, entsprechen feinen Regungen der Seele, sind ein zartes Fühlen des innersten Seins, des wesentlichen Hauches, den jedes Wesen stets von sich ausströmt, entsprechen dem Riechen und Schmecken des Geistes. Wer keinen leiblichen Geschmack noch Geruchsinn hat, hat auch keinen geistigen; wer einen grobsinnlichen oder einen feinen und zarten, hat einen ebensolchen seelischen, für Kunst und Litteratur, für alles Hohe und Schöne und Gute, auch für göttliche Schönheit und Güte. Und alles in der Welt hat Geruch und Geschmack, wie an Sensitiven, Somnambulen, Nerven- und andern Kranken zu sehen, zieht an und stößt zurück, regt auf und an, oder beruhigt. So riecht und schmeckt ein jedes Wort und der Ton, in dem es gesprochen, nach dem Geist, der drinnen sitzt. So hat selbst Metall und Stein seinen eignen Geschmack und regt anders unsre Seele an. So gehört es zum Merkwürdigsten in der Welt, daß mein bester Freund, mit dem ich ein Herz und eine Seele, rote Rüben nicht ausstehen kann, und ich sie gern rieche und schmecke, oder warum er so gern Lavendel riecht, ich aber nicht; und so vielleicht auch meine Frau; ja das aus uns geborene Kind hat einen ganz andern Geschmack als wir beide: – Warum? Und so tief und uns selbst verborgen die Begründung dieser individuellen Eigentümlichkeiten unsrer Seele, so fest sind sie begründet; keine Belehrung und keine Logik, kein Beispiel und keine Zucht vermag etwas daran zu ändern, und je einen Menschen dahin zu bringen, daß er gern genießt, was er einmal nicht mag. Warum aber mag ich dieses und jenes nicht? – Davon weiß ich nicht das Mindeste. Ich kenne mich nicht, kann nicht in die eigne Seele schauen.

Daß diese Sinne alle so stumpf, und nur ein bißchen vom Licht sehen, noch weniger vom Schall hören, und die Dinge um uns fast gar nicht riechen noch schmecken, ist eine Wohlthat für unsern geschwächten, nervenkranken Geist; haben wir doch schon fast zu viel an den durch diese Sinne uns vermittelten Eindrücken! Wo bliebe sonst noch unsre eigne Existenz und das Körnchen Selbständigkeit?

Könnten wir richtig unsern Körper verstehen, die Gesetze, nach welchen er gebaut, die Kräfte, die ihn beleben, und die Prinzipien, die in ihm zur Offenbarung und Veranschaulichung kommen, so bedürften wir keines andern Studiums, denn er ist, schon weil im Gleichnis Gottes geschaffen, in Wahrheit ein Mikrokosmos und enthält in nuce alle Kräfte und alle Gesetze, alle Prinzipien und auch alle Vorgänge des Weltalls. Im herrlichen Leib der Auferstehung werden wir uns selbst an- und durchsehen, und mit höchster Bewunderung und Wonne in uns selbst alle Ideen der Erde und der Schöpfung finden, anstatt wie hier sie erst mühsam und unvollständig an der äußeren Natur erlernen zu müssen. Denn nicht der Krystall enthält in höchster Vollkommenheit die Gesetze der symmetrischen Anordnung, sondern der menschliche Körper; nicht die Pflanze, sondern der Mensch offenbart das vollkommene Gesetz des Wachstums; nicht das Tier, sondern er, das des Essens und der Ernährung.

Alle Körper, das sagt uns schon die Logik der Physik, sind Selbstleuchter, hauptsächlich die organischen; das sagen auch viele Somnambulen, wovon einzelne im Winter die lebenden von den toten Bäumen an diesem Lichtausströmen unterscheiden. So leuchtet in absoluter Finsternis jeder Mensch mehr oder weniger; der gesunde nach Reichenbach in weißem, der Kranke in rotem Odlicht, ein Licht, das auch mit geschlossenen Augen (also ein Röntgensches) und in einem Fall von einem Blindgeborenen gesehen wurde. Auf dieses auch schon den Alten bekannte Ausströmen von Odlicht beruht der sicherlich von einzelnen wirklich wahrgenommene Heiligenschein bei Christo. So wird auch vom Philosophen Proclus berichtet, daß während seines Vortrages sein Haupt von Licht umflossen erschien (Zeller, Philosophie der Griechen). Auch Alexander der Große soll in der Aufregung der Schlacht odisch geleuchtet haben. (S. Dr. Karl du Prel, in der Zukunft, 1896.)

Nach der Auferstehung sind wir selbst Mittelpunkte des Lichtes und der Kraft; wir wirken dort auf die Elemente ein, nicht sie auf uns; von uns gehen die Gesetze der organischen und unorganischen Himmelswelt aus, nicht wir sind ihnen unterthan! – Das heißt König und Priester sein und mit Christo regieren. – Diese menschliche Gestalt ist fast unfaßlich erhöht und geadelt durch die Thatsache, daß Gott diese schon von Anfang nach seinem Bild und Ähnlichkeit geschaffene Figur adoptiert hat zu seiner nicht bloß zeitlichen, sondern ewigen Offenbarung im Sohne. Oder sagen wir richtiger, diese Gestalt ist von jeher ein wunderbares Symbol, ein Tempel der Gottheit. Die Bibel lehrt uns, daß sie die Form ist, in der der unsichtbare Gott, »den niemand je gesehen hat«, sich im Sohn geoffenbart hat, die Gestalt, in der er auch die Engel und Erzengel (Dan. 8, 15; 9, 21 und 10, 5), die Fürsten des Lichtes und Söhne Gottes im Bilde Gottes, geschaffen hat. Wie tiefwichtig in allen ihren Einzelheiten erscheint sie uns alsdann! Und in der That spricht die Bibel oft von der wunderbaren Bedeutung aller ihrer Teile, und davon, daß, wie der Mensch mit seinem Kopfe denkt und mit dem Herzen liebt oder haßt, er auch mit den Augen sieht und geistig schaut, mit dem Ohr horcht und gehorcht, mit der Nase Odem des Lebens atmet, vor Zorn und Entrüstung schnaubt und des Friedens Wohlgerüche aufnimmt, mit den Eingeweiden Freude und Schrecken empfindet, mit den Nieren scheidet und sichtet. »Wer hat Weisheit in die Nieren gelegt?« fragt Gott den Hiob; und David ruft aus: »Meine Nieren lehren mich!« Kein Teil, keine Faser noch Fiber dieses Körpers, die nicht ihre Entsprechung in der Seele und ihrem Leben im Weltall, in den göttlichen Prinzipien, in den Kräften der Sternenwelt und in den Himmeln habe. – So wird die Neugeburt des Christen auch leiblich zu einer großartigen That des Heiligen Geistes, der, wie er einst über der finsteren Tiefe schwebte, um daraus die jetzige Welt der Terra zu erzeugen, also auch über einer abgefallenen, verfinsterten, von giftigen Kräften des ewigen Todes durchwühlten Leiblichkeit wie ein heiliger Adler Gottes brütend sitzt, jene Kräfte tötend, den Verwesungsprozeß aufhebend, diese Totengebeine wieder belebend, und ewige Kräfte einer Wiedergeburt und eines neuen Lebens durch alle Zellen und Fasern und Muskeln bis in das Mark ihrer Knochen rieseln läßt, um daraus einen unverweslichen, herrlichen, kraftvollen Leib wieder herzustellen.

*

Noch wunderbarer als der Körper des Menschen ist seine Seele. In ihrem Durst nach Leiblichkeit und Offenbarung, in ihrer schöpferischen Macht des Imaginierens, in ihrem seelenrettenden und verderbenden, die ganze Erde beherrschenden Wort, in ihrer die Vergangenheit bannenden Erinnerung, in der magischen Kraft ihres Wollens, in ihrem blitzartigen Erkennen und Schauen des Wahren, in der plastischen Kraft, womit sie die stets dahinfließende Leiblichkeit zu ihrer beweglichen Photographie macht, ist diese »lebende Seele« in allen Stücken wunderbar und ein Bild, ja ein Stück Gottes; denn sie ist sein Hauch!

Diese Seele ist nicht inhaltslos, auch nicht eine mit Protoplasma gefüllte Urzelle; worin bestände denn ihre Persönlichkeit? Sondern schon beim Eintritt in die Welt eine volle, vom göttlichen Hauch erfüllte, in sich bestehende Ichheit, sich bewußt, daß sie wohl des umgebenden Alls zur leiblichen und seelischen Offenbarung bedarf, nach der sie schreit, aber daß sie ein ganz andres ist als diese, ihr oft recht unangenehme und sie beengende Umgebung. Sie fühlt sich von vornherein als ein Ich und Eins dem Nichtich und dem Vielen dieser Welt, und andern Seelen gegenüber als eine in ihrer Art einzige Gleichung und Moleküle mit eigenartiger Zusammensetzung, deren höchstes Gut eben diese Eigenart, dieser Charakter ist. Jeder Angriff auf diese ihre verbürgte Ichheit ist ihr höchstes Unrecht, denn ihr höchstes Recht ist eben die zu sein, die sie ist. Wie im wunderbaren Eins die ganze Zahl im Keim verborgen liegt, so auch in diesem Bewußtsein ihre ganze künftige Evolution, wobei die Hauptrolle nicht die allmählich sich ansammelnden Vorstellungen, noch der Schulunterricht, sondern der stete Zufluß des göttlichen Geistes als Seelenlebenskraft die Hauptrolle spielt. So wird die Seele nicht zu etwas, zu einem Charakter, zu einer Persönlichkeit; sondern sie ist das von vornherein; kein Produkt, sondern eine Ur-Sache mit Ur-Kräften begabt. Woher sonst die großartige Verschiedenheit der Schulprodukte in derselben Klasse, bei gleicher Unterrichtsmethode, ja der Geschwister? Daher sind von jeher bei jeder Unterrichts- und Erziehungsmethode, und ebenso ohne Unterricht und ohne Erziehung kleine und große, gute und böse Menschen in der Welt gewesen. Die Seele ist der Same, der Boden ist Zeit und Ort, Familie, Umgebung, Umstände und Verhältnisse; und zuletzt erst kommt der Gärtner, kann gießen und pflegen und zustutzen; aber nicht aus einer Tollkirsche Weizen und nicht einmal aus einem Apfel eine Birne machen. Und das Einpfropfen des edeln Reises, die Bekehrung, hat sich Gott vorbehalten.

Das Kind, wie schon seine so bedeutende Hirnmasse anzeigt, ist flüssiger, geistiger und intellektueller als der immer mehr erstarrende Erwachsene; und wer nicht an demselben hinaufschaut, ist noch kein Pädagog. Wann werden wir wieder lernen, mit dem Kind einfach, natürlich, menschlich zu verkehren? – Je mehr unsre Pädagogik zur methodischen Wissenschaft wird, desto geringer ihre Erfolge. – Hat denn der große Pädagog, als Er auf Erden herabstieg, um uns, seinen Kindern zu sagen, was wir thun und lassen sollen und was zu unserm Frieden dient, Methodik getrieben?

Wie mag wohl die erste, von keiner Sünde befleckte, geschwächte, entweihte Menschenseele gewesen sein? – Wie wahrhaft lebendig, himmlisch rein, wie in sich und in Gott selig, wie über alles Erschaffene mächtig, wie kindlich freudenreich dem ihr neuen paradiesischen Leben entgegen jauchzend! Das kleine Lebensflämmchen und Hauch des Allmächtigen, das im Menschen zittert und flackert, das der nächsten Sekunde nicht sicher ist, ist das Höchste, was die Erde bietet, ja beherrscht diese Erde und wird sie überleben. Diese kleine Seele, gleichviel ob die des größten Staatsmannes oder des ärmsten Tagelöhners, sie webt mit an der Weltgeschichte, sie spielt mit in diesem großen Drama, dem Engel und Teufel gespannt zuschauen, und wirkt mit Vergänglichem Unvergängliches. Wie beherrscht sie schon den Stoff und baut daraus ihre Wohnung, Häuser, Hütten und Paläste, Brücken und Straßen, verbindet Meere durch Kanäle, gräbt Tunnels unter Flüssen und Meeresarmen, umspannt die Erde mit eisernem Netz, auf dem das Feuer, dieses Element, über das sie allein Macht hat, sie gehorsam von Ort zu Ort ziehen muß; spannt Drähte über Kontinente hin und unter Oceanen durch und sendet ihre Gedanken, ihre Worte von einem Ende der Welt zum andern. Will sie sich aber schützen und wehren und den Feind vernichten, dann ruft sie alle Naturkräfte herbei und auch die heimlichsten müssen ihrem Zorn dienen.

Auch das Leben auf Erden beherrscht sie! versetzt dahin und dorthin jede Pflanze, züchtet und zähmt, bezwingt und tötet jedes Tier, und keins darunter, das sie fragen dürfte: warum? »Eure Furcht und Schrecken sei über alle Tiere auf Erden, über alle Vögel unter dem Himmel und über alles, was auf dem Erdboden kreucht, und alle Fische im Meer seien in eure Hände gegeben« (1. Mos. 9, 2). Ein großes Wort!

Von Stimmungen, diesem geistigen Wetter, wird diese Seele bewegt, ach wie sehr! – Was sie umgibt und anrührt, was sie sieht und was sie hört, der vorüberhuschende Schatten und der verhallende Klang, ein welkes Blatt und ein Insekt, alles regt sie an und auf, die arme, ruhelose, sensitiv empfindsame Psyche, die in uns immer zuckt und bebt und zittert und hofft und fürchtet und wünscht und verzagt, und findet nirgends Frieden. – Und dazu kommen die Einflüsse der Geister: bald wehen sie uns friedlich fröhlich an, bald stürmen andre düster, die Seele erschütternd daher – »und die Götter,« sagt Frithjof, »senden von oben Gedanken, die mir die Seele umdüstern!« – Wie aber das junge Bäumchen, auf sturmumtobter Höhe gepflanzt, durch diese Stürme fest Wurzel faßt und lernt dem Sturm trotzen, so soll auch die Seele durch alle ihre Stimmungen hindurch Herrin dieser Stimmungen werden. Denn zum Herrschen und Regieren ist sie geboren. Wie aber soll sie beherrschen, wenn sie sich nicht beherrscht, wie andres und andre regieren, die Welt sich groß ansehen und Gottes große Stimme hören und vernehmen, wenn sie wegen eines verlorenen Markstücks oder einer zerbrochenen Scheibe, eines spöttischen Worts oder eines seltsamen Hutes das Gleichgewicht verliert und erst nach langem Schwanken wiederfindet? – Im ewigen Wirbel der Erscheinungen kann nur der fest auf Gott, dieses allein ruhige Centrum des Alls, gerichtete Blick ihr Ruhe geben, und den festen Punkt, von dem aus ein Archimedes die Welt aus den Fugen heben wollte.

Wie an unserm Körper die göttlichen Prinzipien und Gesetze der stofflichen Schöpfung, so sind an unsrer Seele die des göttlichen Seelenlebens erkenntlich, und wie im persönlichen Gott auf unendlich höhere Art Seelengesetze wogen und wallen, der Liebe und des Zorns, der Gerechtigkeit und des Eifers, der Barmherzigkeit und der Langmut und Geduld, der Freude und der Majestät und auch der Betrübnis über die Sünden der Menschen.

»Niemand,« steht geschrieben, »hat Gott je gesehen.« Auch da wieder eine Ähnlichkeit der menschlichen Seele mit der göttlichen. Das Wesen der Seele ist Unsichtbarkeit. – Wie aber Gottes Seele sich in der Natur stets offenbart, so offenbart sich die Menschenseele unaufhaltsam nach außen. Wie Gott das Weltall schuf, um, soviel wir davon verstehen, sich in demselben zu beschauen, so ist auch das Leben des Menschen nichts andres als die Befriedigung des Bedürfnisses der unsichtbaren Seele, sich sichtbar zu machen. Böhme sagt: »Das Innere drängt stets zur Offenbarung«; die menschliche Seele dürstet nach Sichtbarkeit und Leiblichkeit. Die ganze stoffliche Welt muß dazu ihr dienen, ihr innerstes Denken greifbar und sichtbar darzustellen; nach außen und für jeden klar darzuthun, was sie ist und was sie will und sich möglichst schön, groß, mächtig zu gestalten. Das ist der Grund alles irdischen Thuns und Treibens, alles Bauens und Malens und Schreibens und Sprechens. Dazu haben von jeher die Herrscher und Gewaltigen, die Pharaonen und Nimrod und Nebukadnezar und Ludwig XIV. Paläste und Türme, Burgen, Schlösser und Städte gebaut, Gärten gepflanzt und Teiche gegraben, wollten sich darin offenbaren und damit sich einen größeren Körper und Leib anschaffen. – Wo der Mensch geht und steht, und wie er geht und steht, wie und was er ißt und wie und was er trinkt, ob er spricht oder verstummt, etwas oder nichts thut, so ist jede Einzelheit seiner Erscheinung, seines Anzugs, seiner Haushaltung und seines Zimmers ein immerwährendes, unbewußtes Sichoffenbaren seines Innern. Dieses Streben der Seele ist ein berechtigtes, denn diese Welt hat ihr Gott zur Offenbarung ihrer selbst und zur Selbsterkenntnis gegeben. – Hat sie sie durchforscht und durchdacht, so wird es ihr klar, daß hier nicht das wahre Sein, sondern nur ein mühevolles, ewiges Werden ist, daraus sie abnehmen kann, daß diese noch so reiche Welt nicht das ist, was sie sein soll, und daß sie in dieser Offenbarung ihrer Ichheit durch und in dem Stoff doch keine Genugthuung, keinen Frieden finden kann. Dann dringt sie durch den Stoff zum Geist hindurch, durch die Gabe zu dem Geber, durch die Schöpfung zu dem Schöpfer und kehrt von der langen Wanderung heim zu dem Gott, aus dem sie hervorgegangen ist. Es ist ihr nicht mehr um den Teil zu thun, sondern um das Ganze; nun will sie nicht mehr sich, sondern Gott offenbaren; und in Ihm, als im All, auch ihre vollkommene Offenbarung finden.

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Gottes ewige Kräfte sollen wir an den Kräften unsrer Seele erkennen. Aus der unermeßlichen Fülle seines Wollens, Fühlens, Erkennens, Imaginierens und Schöpfens hat der ewige Gott uns einiges Wollen und Fühlen und Erkennen zur irdischen Pilgerfahrt geschenkt.

Diese Eigenschaften und Kräfte der Seele sind auch ihre Gesetze. Unsre Eigenschaften regieren uns, zäunen unser Reich und Gebiet ein. Die Eigenschaft und die Kraft der Schwere ist zugleich das Gesetz der Anziehung. Gesetze der Seele sind ihr Wollen, Fühlen, Erkennen, Imaginieren schon deshalb, weil sie absolut nicht, und wenn sie es noch so sehr wollte, ohne zu wollen, zu fühlen, zu erkennen und zu imaginieren, auch nur einen Augenblick existieren kann.

Diese Kräfte entsprechen denen des Körpers. So die Erkenntnis den Sinnen; das seelische Fühlen dem leiblichen, die Willenskraft der körperlichen Lebenskraft und die Imagination der plastischen, womit der Leib sich eine eigne Gestalt und Physiognomik schafft und überhaupt »aussieht«.

Aus Gottes starkem Wollen ist das Weltall entstanden; weil Er will, besteht es, und wann Er will, wird es vergehen! Sein starkes Wollen hält und treibt in ihren Bahnen Sonnen und Weltkörper. Die Welt und wir darin sind nichts als der krystallisierte, sichtbar und greifbar gewordene Wille Gottes, und fragt ein kleines Kind, warum das Gras wächst, und seine Mutter antwortet ihm: »Weil Gott will«, so hat sie damit den Inbegriff aller Menschenweisheit, den tiefsten Grund des Seins getroffen. Weiter bringen es auch die Cherubim im Himmel nicht, die anbetend rufen: »Herr! Du bist würdig zu nehmen Preis, Ehre und Kraft, denn du hast alle Dinge geschaffen, und durch deinen Willen haben sie das Wesen und sind geschaffen« (Offenb. 4, 16).

Alles Wollen aller Menschen ist ein verschwindend kleiner Bruchteil des heiligen und unwiderstehlichen Wollens Gottes. Und wie das Weltall durch das stete starke Wollen Gottes, so wird die Geschichte der Menschheit durch das starke Wollen einzelner Menschen regiert, wie im kleinen jede Familie durch das ernste Wollen des Vaters. – So wollte Kolumbus sechzehn Jahre lang, durch Armut und Wanderungen, auf westlicher Fahrt nach Indien gelangen und die goldene »Cypango« trotz allen Widerspruchs entdecken; denn Wollen ist Glauben. – Jahrelang wollte Kepler die von ihm geahnten Gesetze der Planetenbahnen entdecken, und vierundsechzigmal fing er seine langwierigen Berechnungen wieder an, bis er durch sein starkes Wollen einen großen Eckstein zum geistigen Bau der Menschheit beitrug. Und während Millionen Deutsche jahrzehntelang im Bierhaus ein einiges, starkes Deutschland besprachen, erwünschten und erhofften, über die ungünstigen Zeitumstände und Verhältnisse und über die Fürsten seufzten und wacker schimpften, wollte Bismarck eines und hat es fertig gebracht; denn der starke Wille macht und regiert die Umstände, während die schwache Seele sich darunter, wenn auch seufzend und widerwillig, beugt. Wer sagt: »Ich habe einmal gewollt«, weiß nicht, was wollen heißt; wer will, will nicht einmal, sondern immer, bei Tag und bei Nacht, will solange er atmet, solange er lebt, und setzt nichts weniger als alles daran; sonst will er nicht, er möchte bloß. Das Zeitwort »wollen« hat kein Präteritum und kein Futurum, sondern nur ein Präsens. So will der Sklave des Mammons reich werden. So muß der Christ selig werden wollen.

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Ein zweites Gesetz und göttliche Kraft der menschlichen Seele ist das Gefühl, das Vermögen, Freude und Schmerz zu empfinden. – Schmerz! Was ist denn das? und wie unterscheidet sich das von der Freude? – Wir wissen es nicht, können diese tiefsten Empfindungen unsrer Seele nicht näher erfassen, begreifen noch zergliedern; mit allen Worten, womit wir Ähnliches sagen, Qual, Pein, Leid, Gram, Kummer, Glück, Heiterkeit, Wohlsein und Wohlbehagen erklären wir sie nicht, sagen eben immer wieder: Freude, Schmerz! – Schmerz! Ein Riese mit verhülltem Antlitz, wandelt er durch die Welt, und wen er anrührt, der krümmt sich in Weh. – Ach, was für Schmerzen gibt es auf dieser Erde und welche unsäglichen Qualen des Leibes und der Seele haben schon Menschen erduldet und ihre Mitmenschen erdulden lassen! Wenn man liest von Tyrannen, wie Iwan der Schreckliche u. a., von der Inquisition und den Hexenprozessen, wie da Menschen mit teuflischer Grausamkeit ihre Mitmenschen so ausgesucht, so unbarmherzig, tage-, wochenlang mit Feuer und Eisen quälten und ihnen nicht den Tod gönnten, nach dem die Elenden verzweiflungsvoll schrieen, ja sie dazwischen sorgfältig pflegten und durch gute Speisen stärkten, damit sie neue und ausgesuchtere Qualen ertrügen und wie die Henker weither geholt wurden, die Meister waren in der furchtbaren Kunst, entsetzlich zu foltern ohne zu töten; da fühlt die umdüsterte Seele die Gegenwart Satans und fleht zu Gott, daß ihr der Glaube an die ewige Liebe nicht wanke. – In welche unbekannten Tiefen muß die Seele solcher ohne Rast Gemarterten hinabgestiegen sein und sich geflüchtet haben, die das sogen. Maleficium taciturnitatis zeigten, denen keine noch so entsetzliche, ausgesuchte Qual auch nur ein Wort mehr, ein Ja oder Nein entreißen konnte – die Seele war vor Entsetzen taub und stumm geworden! starrte nur noch mit wahnsinnigem Blick ihre Peiniger an.

Und doch ist der Schmerz, auch der leibliche, noch mehr der seelische, ein Großes und ein Heiliges, und wahr sagt davon der Dichter:

»Wer nie sein Brot mit Thränen aß,
Wer nie die kummervollen Nächte
Auf seinem Bette weinend saß,
Der kennt euch nicht, ihr himmlischen Mächte!«

Der Schmerz drückt den Menschen nieder und erhebt ihn zugleich; er zerreißt unbarmherzig die eiteln, selbstgefälligen Hüllen, die uns alle Wahrheit verdecken, zerstört die Eitelkeit und den Egoismus, diese zwei Grundübel unsrer Seele, diese zwei Schößlinge derselben Wurzel, er läßt uns in die Tiefen unsrer Seele schauen und erhebt uns wie auf Adlersflügeln über den Staub und Kehricht, über die Nichtigkeiten, Ärmlichkeiten und Armseligkeiten des Lebens; zeigt uns die Hohlheit und die Leere so mancher Formen und Konventionen, leider allzuoft auch so vieler Menschenherzen.

Was ist der Mensch, der nicht gelitten hat? Wohlwollend mag er sein, aber er ist nicht gut; vielleicht gescheit, aber er ist nicht weise; ehrlich mag er sein, aber er ist nicht wahrlich wahr. Als zur Charakterentartung führende Einflüsse betrachtet der Psychiater Prof. Flechsig alle diejenigen, die vorübergehend oder dauernd das Schmerzgefühl aufheben, und fährt fort: »Das Schmerzgefühl ist ein wichtiger, ein fundamentaler moralischer Faktor. Ohne eignes Schmerzgefühl vermögen wir weder Mitleid zu empfinden, noch aus der Erfahrung zu lernen; der Schmerz, an sich die gröbste Form aller Unlustgefühle, ist die Basis zahlreicher feinster und edelster Gefühlsnüancen, und diese gehen sämtlich verloren durch die Einflüsse, welche die Schmerzempfindung im allgemeinen aufheben,« wozu in erster Linie das Morphium, dann aber sämtliche Narcotica und auch der Alkohol gehören. – Deshalb spendet Gott den Schmerz, diese bittere und köstliche Gabe den auserwählten Seelen, seinen Kindern, seinen Heiligen, seinen Propheten, seinem Sohn selbst! – Und doch bleibt der Schmerz selbst für diejenigen, deren Lebensgefährte er geworden ist, ein dunkles Geheimnis. Erst in der Ewigkeit werden wir verstehen, warum Gott ihn geschaffen hat; hienieden müssen wir lernen, ihn als einen ernsten und heiligen Freund zu achten.

Von dem Gegensatz des Schmerzes, der Freude, wissen wir etwas weniger. Einst leuchtete sie im Paradies im Antlitz des neuerschaffenen Menschen göttlich hervor und spiegelte sich im Auge jedes Tieres und in jeder Blume wieder. Freude war in der Luft und freudenreich und freudevoll war damals das Leben. Aber als Adam von Gott, in dem die Freude ewig ist, abfiel, da erlosch ihm auch dieses Licht und glimmt nur so fort unter der Asche im heutigen irdischen Leben, und wo am meisten und am lautesten gelacht wird, ist sie oft am wenigsten; denn schon der Römer wußte es: Ernst ist die wahre Freude! Und versammeln sich die Menschen und möchten gern Freudenfeste feiern, so wird ihnen meist bald so zu Mut, daß sie außer Essen und Trinken nicht recht wissen, worüber sie sich eigentlich freuen sollen. – Doch auch hierin hat Gott seiner Menschheit nicht vergessen und im ziemlich freudenlosen irdischen Leben ist immerhin freudenreich der Anblick der aufgehenden Sonne, freudenreich ist das Licht und das krystallhelle Wasser; der im Frühling blühende Baum und grünende Wald und die Blume, das Antlitz des Kindes, die Unschuld und die Mutterliebe; freudenreich ist jede schöne That, jedes edle Wort und jedes Hervorbrechen des herzlichen Erbarmens. Und eine ewige Freude hat uns Gott geschenkt, davon den Hirten in der heiligen Nacht der Engel sang: »Siehe, ich verkündige euch große Freude, die aller Welt widerfahren ist, euch ist der Heiland geboren!«

Aus der Empfindung von Schmerz und Freude besteht das Gefühl, ein Wort, das heutzutage eine große Rolle spielt. Aber das Gefühlsleben ist kraft- und wertlos, wenn nicht mit der nötigen Willenskraft, noch mit der richtigen Erkenntnis gepaart. So sehr eine wahre Philanthropie als Erfüllung des großen Gebots: »Du sollst deinen Nächsten lieben als dich selbst«, schön und gut ist, so sehr droht heutzutage eine falsche, sentimentale, auf Weltschmerz fußende, die den Wert der Entbehrung und des Schmerzes verkennt und vor jedem Kampf und jedem Kreuz, vor jedem Leid und jeder Qual, für sich und für andre feig zurückscheut, zum Fluch für die Welt zu werden. Früher waren die Menschen zu hart, jetzt sind sie zu weich. Die göttliche Erziehung aber, besonders der großen Männer, zeigt, daß bei Härte mehr und Besseres herauskommt, als bei Weichheit und Weichherzigkeit. »Werde hart, Landgraf!« Wir glauben merkwürdig wohlwollend und human zu sein, weil wir es nicht mehr ertragen, wenn ein elender Stromer, der an Frauen und Kindern seinen satanischen Grimm ausgelassen, sogleich, unbeschadet des Gerichts, fünfundzwanzig gesalzene Hiebe bekäme. Wir machen gemeine Verbrecher zu Modehelden, und gute Frauenseelen schicken einem zum Tode verurteilten Mörder Blumen und Auerbachs Dorfgeschichten, »damit er sich nicht langweile«! ( sic!) Wenn aber bei der Nachricht irgend eines großen Unglücks, wie daß vor einigen Jahren bei Ischia zweitausend Menschen vom Erdbeben verschüttet worden seien, weitere Tausende teils verwundet, alle ruiniert, heulend in den Trümmern umherirrten und ihre Toten suchten, sofort in Paris ein glänzender Wohlthätigkeitsball veranstaltet wurde, auf dem Herren und Damen, mit Orden und Diamanten geschmückt, bis zum frühen Morgen lachten, tanzten und Champagner tranken, alles zum Besten der Verunglückten; so ist das nicht Mitgefühl, sondern Herzlosigkeit! Es steht geschrieben: »Weinet mit den Weinenden!«

Überhaupt ersetzt diese oft als Sport getriebene Wohlthätigkeit das persönliche Geben nicht. Auge ins Auge und von Hand zu Hand, mit einem Wort: von Herz zu Herz soll die Gabe geschehen, sonst ermangelt sie des Dufts, der unmittelbaren magnetischen Kraft und schafft keinen Seelenverband und keine wahre Dankbarkeit, wie trotz aller Wohlthätigkeitsbälle und -Bazare die Unzufriedenheit immer mehr wächst, und jede Gabe nur als eine schuldige Abschlagszahlung aufgefaßt wird. – Von der Sentimentalität, stets ein Zeichen von Egoismus, die sich heutzutage so breit macht, sagt der alte Matthias in seiner frischen, kräftigen Weise: »Du hast recht, Vetter! Es wird in diesen Jahren mit Empfindungen und Rührungen ein Unfug getrieben, daß sich ein ehrlicher Mensch fast schämen muß, gerührt zu sein; indessen sind wahre Empfindungen eine Gabe Gottes und ein großer Reichtum, Geld und Ehre sind nichts gegen sie.« – Auch in Beziehung auf das Gefühl soll die Bibel unser Führer sein. Sie kennt das Wort »Gefühl« nicht als ein Etwas, das wie eine Saite, um zu klingen, erst angeschlagen werden müsse; sondern in ihrer prächtigen und tiefen Seelenlehre nur einen Zustand und eine Anlage des Herzens, ein herzliches Erbarmen, das wie eine nie versiegende Quelle ewig fließt und wie eine Sonne alles erwärmt und alles Erschaffene umfaßt: »Ziehet an,« spricht Paulus, »als die Auserwählten Gottes, herzliches Erbarmen, Freundlichkeit, Demut, Sanftmut, Geduld« (Col. 3, 12). – Ja, herzliches Erbarmen! – Flöße mehr von diesem Öl in das Räderwerk der Lebens- und Weltmaschine, und wäre in den Menschenherzen nicht so viel Säure, wieviel leiser und leichter liefe sie!

Indessen verheißt uns die Bibel, wie sie alle wahren Ideale des Menschen kennt und ihr Himmel nichts andres ist, als deren vollkommene Verwirklichung, auch eine Welt, wo das Gefühl zur absoluten Geltung kommen wird, und wo nicht mehr Mitleid, sondern nur Mitfreude empfunden wird. »Es wird nicht mehr sein Leid, noch Geschrei, noch Schmerzen« (Offenb. 21, 4). »Freude und Wonne wird die Erlösten Jehovahs ergreifen; Kummer und Seufzen werden entfliehen!« (Esa. 35, 10). In Gott allein sind die Quellen des Gefühls, in ihm allein wahres Gefühl, treue Liebe, vernichtender Zorn und ein göttliches Erbarmen, so hoch über dem aller Vaterherzen, so viel weiter als alle Mutterliebe, wie der Himmel hoch ist über der Erde und der Osten vom Westen entfernt.

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Das dritte göttliche Gesetz der Seele heißt: Erkennen. – Da der Mensch aus Leib, Seele und Geist besteht, so gibt es auch ein dreifaches Erkennen. Zuerst das leibliche oder sinnliche; ich sehe mit meinen Augen, daß der Baum grün ist, der Himmel blau und der Turm hoch. Dieses Erkennen durch die Sinne bildet die Grundlage alles Erkennens und ist ein Bild des höheren und vollkommeneren Schauens und Hörens im auferstandenen Leib. Das zweite Erkennen ist das der Seele, oder was wir das intelligente nennen möchten, geschieht vermittelst des Aneinanderreihens der Thatsachen, des Schlusses und des Beweises, ist also das wissenschaftliche Erkennen, auf das heutzutage in dieser Ära mehr des Verstandes als des Geistes so viel gehalten wird, und das viele als das höchste, ja einzig zuverlässige preisen. So praktisch und nützlich, ja unentbehrlich auch der Beweis für das tägliche Leben ist, müssen wir bei genauer Prüfung diese Art des Erkennens als eine nur mittelbare und unvollkommene bezeichnen. Der wissenschaftliche Beweis ist im besten Fall nur die Leiter, um den Baum der Erkenntnis zu besteigen; der Baum selber ist er nicht und noch weniger die Frucht. Je größer aber der Mensch, desto weniger bedarf er der Leiter. Was ist ein Beweis anders als eine Deduktion, zu deutsch eine Ableitung oder Schlußfolgerung von etwas anderm, was als bekannt und wahr vorausgesetzt wird; also nur ein logischer Hinweis auf eine höhere Wahrheit, die nach der Forderung der Wissenschaft auch selber bewiesen werden müßte, ehe man sie glaubt. Steigen wir aber auf diese Art die geistige Stufenleiter hinauf, so kommen wir auf die Grundwahrheiten des Seins, als da sind: Zeit, Raum, Stoff, Geist, Zahl, Sein und Werden, Ichheit und Gottheit. Diese Elemente alles Denkens aber, diese Ausgangspunkte alles Beweisens können nicht bewiesen werden. Was nützt es da viel, mit noch so künstlichem und ästhetischem Gesims und Säulen den Oberbau zu schmücken, während die Grundmauer auf Sand, ja auf Luft gegründet ist. – Darin schon leuchtet uns die Größe der Bibel entgegen, daß sie anstatt mit einer Appellierung an das Gewissen oder an die Seelenbedürfnisse des Menschen, oder mit einem Hinweis auf die umgebende Natur anzufangen, gleich das große und unbewiesene Wort hinstellt: »Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde.« – So auch Christus! – Ewige Wahrheiten stellt er wie Felsen hin und bemüht sich nicht dieselben zu beweisen: »Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich!« So lehrt die Bibel durchaus als Quelle der wahren, höheren Erkenntnis die Erleuchtung durch den Heiligen Geist, die Gott jedem verspricht, der darum bittet.

Wie begrenzt das Gebiet des wissenschaftlichen Beweises, erweist der Streit der Gelehrten über die Hauptfragen der Wissenschaft. Mit Erstaunen sieht der Laie, nachdem er die Gründlichkeit und das Umfassende ihrer Untersuchungen bewundert, wie sie schließlich gerade über die Prinzipien so unsicher und so uneinig sind. – So Anthropologen über die Einheit des Menschengeschlechts; so Sprachforscher über die Frage, ob mehrere unabhängige Sprachanfänge oder ob eine Ursprache. – So oscilliert die Geologie zwischen Plutonismus und Neptunismus und ebenso zwischen der Theorie von großen periodischen Umwälzungen und der Lyellschen, übrigens von neueren vulkanischen Katastrophen widerlegten, von nur gewöhnlichen, aber Jahrmillionen hindurch wirkenden Kräften. Steigen wir höher hinauf bis zu den Fragen, von denen jeder gestehen muß, daß sie die wichtigsten für die Menschheit sind, so die Unsterblichkeit der Seele, die Entstehung des Universums und die Existenz Gottes, so verläßt uns hierin der Beweis völlig, einem Führer ähnlich, der zwar uns durch die Dschungeln und Dickichte der Niederungen und auch durch die Wälder der Abhänge richtig leitete, vor den ewig unerreichbaren, im Licht prangenden Schneegipfeln des Himalaja aber Halt macht, seine Ohnmacht bekennend. – Hier kann der Mensch nur schauen und bewundern.

Heutzutage haben viele Menschen den Sinn für unvermittelte, unmittelbare Wahrheit verloren, von der Christus sagt: »Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme,« und ihr ganzes Seelenleben bewegt sich in lauter »Wenn« und »Warum« und »Aber«. – »Wie beweisen Sie das?« – »Wer hat es Ihnen gesagt?« – »Woher wissen Sie das?« – Ohne selbständige geistige Anschauung noch Seelenwurzeln gleichen sie den Algenmassen, die bald längs der afrikanischen Küste schwimmen, bald vom Golfstrom erfaßt nach dem Mexikanischen Meerbusen oder nach der Küste Floridas hingeschwemmt werden, um bei Neufundland zu stranden; sind der Spielball jeder Kritik, jedes Menschenspruchs, jedes neuen Buchs. Solchen Blinden dünkt es ein Wahn, sagt man ihnen, daß wie es ein äußeres Auge, es auch ein inneres gibt, das für die Wahrheit geschaffen, diese schaut, wo sie ist. Hat doch schon ein Tier so viel Wahrheitssinn, daß es einsieht, was Nahrung und was Gift, wie es sein Nest oder seinen Bau einrichten, wie es sich gegen seine Feinde schützen soll; also was zweckmäßig, was wahr, was gut und böse ist. – Soll, sprach Hiob, nicht das Ohr das Wort prüfen, wie der Gaumen für sich die Speise kostet? (Hiob 12, 11.)

Wir glauben nicht an das Veralten der Ideen. »Überwundener Standpunkt!« ein beliebter Ausdruck derjenigen, die keinen haben und alljährlich oder nach jedem neuen Buch ihren vermeintlichen Standpunkt in Wissenschaft, Kunst und Religion mit größter Leichtigkeit überwinden. – Es gibt keine überwundene Standpunkte, sondern nur eine gewisse Zahl von Ideen, in deren Bahnen die Menschheit wie die Weltkörper vom Perihelium zum Aphelium immer wieder kreist, ihr gegeben, damit sie daran ihre Denkkraft erprobe und bilde, und das Gute vom Bösen, das Wahre vom Falschen unterscheiden lerne. – Auch ein Kopernikus hat die alte Weltanschauung nicht überwunden. Er hat sie erweitert und berichtigt; aber unsern geocentrischen Standpunkt hat er nicht überwunden, weil er der einzig richtige ist. So wahr es ist, daß die Terra sich um die Sonne dreht, so wird, solange wir auf Erden leben, diese Erde der ruhende feste Mittelpunkt unsrer Existenz und unsres Thuns bleiben. Der größte Sternenkundige kann sich mit dem besten Willen nicht auf den Mars oder den Jupiter versetzen, um von dort aus oder uranocentrisch das Weltall zu beurteilen; ebenso wie geistig die Welt des größten Verehrers Bismarcks sich dennoch nicht um Bismarck, sondern um seine eigne Wenigkeit dreht.

Es wäre an der Zeit, das von der ganzen Weltgeschichte widerlegte Märchen, als ob die Anlagen der Menschenseele, ihr Sehnen und ihr Denken, sich seit sechstausend Jahren irgendwie abgeändert hätten, aufzugeben.

Wann werden wir armen, stolzen Menschenkinder erkennen, daß unsre Vernunft, unser Verstand, unsre Intelligenz uns nicht erleuchten können, weil sie nicht das Licht sind. »Wohin,« sagt der große Chirurg Th. Billroth, »werden wir noch geraten bei der Abgötterei, die wir mit unsrer Intelligenz treiben?« Wir sind einmal, das ist eine naturhistorische Thatsache, finstere, für das Licht undurchsichtige Körper, die, um zu glänzen, wie die Erden und die Monde, der Bestrahlung einer Sonne bedürfen, die, um fruchtbar zu werden, die befruchtende Kraft dieser Sonne nötig haben. Erleuchtet, erwärmt und befruchtet uns diese Sonne und dieser Mittelpunkt des Alls, Gott, so können wir in und kraft dieser Sonnenstrahlung auch leuchten, erwärmen und Früchte tragen. Dann geht unsre Vernunft, nicht mehr hochmütige Königin, sondern demütige Magd dessen, der sie geschaffen, nicht mehr irre, sondern dient uns dazu, die Bausteine, den Sand, den Mörtel herbeizuschaffen, mit denen der göttliche Geist in uns seinen herrlichen Bau, einen Tempel Gottes aufführen will. Alles andre ist Nebel, Dunst, Luftspiegelung, wird wie Dunst und Nebel vergehen, wenn das Gewitter der Strafe, des Todes und des Gerichts über die Erde brausen wird, kann nicht retten vor der Gehenna, kann nicht vor den ewigen Gesetzen bestehen, wird einst fliehen wie Erd und Himmel vor dem Angesicht dessen, der auf dem großen weißen Throne sitzt. Philosophien und Systeme und Erklärungen des Welt- und Gottesbegriffs, welke Blätter, die einst der göttliche Orkan ins ewige Nichts fegen wird und ihr Ort wird nicht mehr gefunden! Uns aber wird in Ewigkeit das ewige Licht leuchten, und in diesem Licht werden wir das Licht sehen! – Im Himmel gibt es keinen finsteren, undurchsichtigen Körper, sondern der Geist schaut alles und sich selbst durch und durch und ist ihm nichts mehr verborgen.

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Wie Gott Schöpfer ist, so auch die Seele. Wie Gott das Universum und seine Geschöpfe sich in unendlicher Mannigfaltigkeit denkt und sie stehen da und der Gestaltung der Wesen ist kein Ende, so besitzt auch die menschliche Seele eine Kraft, die frei wie der Wind weht, wohin sie will, und sich immer neue Welten schafft: die schöpferische Imagination; auch ein Gesetz und eine Bereicherung ihres Daseins. Gering denkt mancher von ihr als von einem wesen- und folgenlosen Träumen über dieses und jenes; aber mit Recht spricht Jakob Böhme oft und viel von einem »Imaginieren« der Seele ins Gute und Böse und davon, was darin für eine Macht liegt. Wer hätte es nicht an sich erlebt, wie die Seele sich in eine erfaßte Idee versenkt, sich Gedanken darüber macht und nicht mehr aus dieser selbstgeschaffenen Welt heraus kann; und aus den Gedanken werden Worte und aus den Worten Thaten. Wie imaginiert manchmal ein armer Mensch in seine täglichen Nahrungssorgen hinein und denkt sich's, wie es wäre, wenn er krank und arbeitsunfähig würde; und die Frau und die vielen Kinder! und sieht nicht mehr den blauen Himmel über sich und die Vöglein, die sorgenlos fröhlich hin- und herfliegen, die Lilien, wie sie wachsen und blühen, und säen und ernten nicht; und es packt ihn die Verzweiflung und er greift zum Gift oder Strick und tötet die Kindlein und sich, um nicht Hungers zu sterben! – In das Geld imaginiert der Geizige, weiß wohl, daß er durch Entbehrungen aller Art sein Leben verkürzt, weiß ebensogut, daß er im Sterben auch nicht einen Thaler mitnimmt, und doch imaginiert seine Seele darin und kann nicht davon lassen; und eines Tages findet man ihn in einer Dachkammer tot, abgemagert, verhungert; und unter Lumpen in einer Ecke einen Strumpf voll Gold, und in einem alten Buch lauter Hundertmarkscheine. Und wieder ein andrer imaginiert in den Zorn und in den Haß hinein; einst hat ihm, vielleicht absichtslos und unbewußt, der Nachbar ein kleines Unrecht angethan; wie leicht wäre damals Verzeihen und Vergessen gewesen; aber er imaginierte in das kleine Unrecht hinein; immer größer und wichtiger wurde es seiner Seele, und er sann Tag und Nacht, wie er jenem auch einen Torten anthun könnte; und auf das hin antwortete der andre gereizt durch andre Beleidigungen und so wächst aus kleinem Samen ein großer Giftbaum und überschattet das Leben beider.

Dieses Imaginieren der Seele sehen wir am Pessimismus und Optimismus. Jeder Mensch ist, ob er's weiß oder nicht, Pessimist oder Optimist; der erste nicht notwendig einer, der, von Unglück gebeugt oder unter eigner Schuld seufzend, das Leben trüb und freudenlos findet; sondern, und gleichviel, ob er krank oder gesund, reich oder arm, ja den äußeren Umständen nach glücklich oder unglücklich, ist der Pessimist einer, der in Gottes Zorn imaginiert, wie an Schwermütigen oft in ergreifender Weise zu sehen, und auf dem oft ein großer und tiefer Ernst einer richtigen Erkenntnis der ungeheuren Sünde und der Schäden der Menschheit liegt. – Der Optimist dagegen imaginiert auch unbewußt in Gottes Liebe und sieht vorzugsweise diese in der Schöpfung.

Fragt man, welche von beiden Anschauungen die meist berechtigte sei, so kann die Antwort nicht zweifelhaft sein. Schon die Sprache nennt den Pessimisten Schwarzseher; Gott aber hat seine Welt nicht schwarz angemalt, sondern hell und bunt, und von jeher hat man den gelobt, der mit hellem Blick in die Welt schaut. Daher war auch nie ein wahrhaft großer Mann Pessimist; wie könnte ein solcher andre führen, stärken, trösten, so ein General, der von vornherein die Schlacht für verloren hält; wie sollte er erziehen, denn das Kind ist vor allem Optimist, seine junge Seele dürstet nach Positivem und Erfreulichem, nach Bejahung, nicht Verneinung des Seins, will nicht Todes- sondern Lebensgedanken, will glauben, hoffen, lieben; und eine pessimistische Weltanschauung ist für sie, was ein schädlicher Mehltau einem zarten Pflänzchen. Wohl mag der Optimist das Böse im Menschen und in der Welt zu leicht nehmen, aber er hat in sich anregende, unternehmende und schöpferische Macht, ist zum Führer, Tröster und Aufrichter geeignet, hält die Welt im Fluß. Der Optimist ist auch allein Humorist. Wahrer Humor, – nicht Bierwitz noch Kneiphumor – wie wir ihn bei Sokrates und Hannibal, Shakespeare, Cervantes, Dante, Luther finden, ist Zeichen der geistigen Gesundheit und der Überlegenheit zugleich, ist so wenig dem herzlichen Mitleid, dem wahren Erbarmen fremd, daß vielmehr, wie Ed. Paulus treffend sagt, »die Humoristen das tiefste, leidendste, lachendste Herz aller Erdbewohner haben«.

So hat Gott die Pessimisten geschaffen, damit der Menschheit das Ernste ihrer Lage nicht verkannt bleibe, die Optimisten aber, damit die Welt nicht im Trübsinn stillstehe.

Wohl redet Gottes Wort von Gottes Zorn, aber es ruft aus: Gott ist die Liebe! – »einen Augenblick währt sein Zorn; ein Leben lang seine Gunst«. » Man wird erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und seinen Zorn an seinen Feinden!« (Jes. 66, 14.) Hier haben wir's! Pessimistisch ist Gottes Wort für alle, die von Gott nichts wollen, ihn hassen und verachten. Ihre Freude soll in Traurigkeit verwandelt werden, ihren Reichtum werden die Motten fressen, ihre Ehre und ihre Pracht, ihre Schönheit und ihre Anschläge wird das Grab verschlingen, und ewige Pein werden sie leiden. – Mag also immerhin die Welt pessimistisch denken, dazu hat sie volles Recht und kann es nicht genug thun, denn fürchtet sie auch stets das Allerschlimmste, so wird dennoch ihr Ende noch schlimmer sein, und Gott selber weiß ihr keinen Rat. – Wie optimistisch aber die Bibel für die Kinder Gottes! – Da ist lauter Sonnenschein. Keine Furcht noch Bangen des menschlichen Herzens, keine Lage noch Umstände des Lebens, für die nicht ein Trostwort vorhanden; keine Regung des Unglaubens, keine Einwendung der Vernunft, des Fleisches und Blutes, kein Spott der ungläubigen Welt, den er nicht mit dem Schwert des Wortes niederhauen könne. Wie soll da ein Christ nicht ein Optimist sein! Kann er sich noch mehr wünschen, oder könnte Gott noch mehr für ihn thun, als er ihm für Zeit und Ewigkeit in seinem Wort verheißt? – So ist es Christenpflicht einer mit Recht immer mehr pessimistisch angehauchten Welt gegenüber, durch einen großartigen, in allen Dingen und Lagen des Lebens sich bewährenden Optimismus seinen felsenfesten Glauben an einen Gott zu predigen, der allmächtig und allgütig einst alle Thränen von unsern Augen abwischen will und wird! – »Wer nicht die Freude der Ewigkeit im Herzen trägt,« sagt Calvin, »hat nicht die wahre Religion.«

Ja, mächtig ist das Imaginieren der Seele! und drüben, wenn einst diese Sichtbarkeit aufhört und die Seele die Früchte ihrer Werke zu essen bekommt, bleibt dies Gesetz, und eben das, worin sie imaginiert hat, wird ihre Nahrung sein. »Der Mensch,« sagt Swedenborg, »bleibt in Ewigkeit seine Liebe«. »Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz.« »Was die Seele allhier,« sagt J. Böhme, dieser mächtige Gottesmann, »in dieser Zeit machet, darinnen sie sich entwickelt, das sie in ihren Willen nimmt, dasselbe nimmt sie auch in ihrem Willen mit und kann's nach dem Sterben des Leibes nicht los werden; denn sie hat hernach nichts mehr als dasselbige; und wenn sie gleich in dasselbige fähret und es entzündet und suchet mit Fleiß, so ist's nur eine Aufwicklung desselben Wesens und muß sich die arme Seele nur daran genügen lassen; allein in Zeit des Leibes kann sie ein Ding, das sie in ihren Willen hat gewickelt, zerbrechen, daß es ist wie ein zerbrochenes Rad und nichts nütze mehr, darin keine Seele mehr hineingeht, und sucht auch nichts mehr darinnen.« Der selige Geist, der schon hienieden in Gott imaginierte, wird es drüben auch ferner thun, und was er sich dann mit starkem Denken vorstellt, wird alsbald zur freudigen That werden, Form und Wesen haben, eine neue Schöpfung zu Gottes Ehre und zu eigner Wonne in Ewigkeit, und auch er wird es ansehen und sprechen: »Es ist sehr gut!«

Die Menschenseele aber, die schon auf Erden in sich keine Macht mehr hat, in etwas zu imaginieren, die sich keine geistige Welt und Heimlichkeit schaffen kann, fällt der Langeweile anheim, diesem Seelenzustand der Öde und Dürre, der Schwäche und Ohnmacht, eine Eigentümlichkeit des zwischen Gutem und Bösem schwebenden Menschen; denn die Engel und die Dämonen kennen ihn nicht. Nicht ein bloß neutraler, wohl unangenehmer, aber unschuldiger Zustand; sondern diese geistige Appetitlosigkeit ist das Kennzeichen des erbärmlichen Daseins, von dem Christus ruft: »Ach, daß du kalt oder warm wärest! Nun du aber lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Munde! (Off. 3, 15.) Diese, den modernen Menschen in ihren grauen Mantel einhüllende, ihn zum Selbstmord treibende Langeweile zeigt an, daß ihm die göttliche Schöpfung und alle Gaben Gottes schal und geschmacklos geworden sind, und er stirbt an Magenschwäche und geistiger Blutarmut mitten in einer Welt voll Kraft und Nahrung.

Wie Gott ein unwandelbarer Gott ist, derselbe gestern, heute und in Ewigkeit, so sind auch diese Gesetze und Grundkräfte der Seele ewig. – Es glaubt so mancher denen, die da predigen, Fortschritt, Aufklärung und Wissenschaft hätten die Welt aus ihren Angeln gehoben und eine neue Zeit geschaffen. »Sieh«, rufen diese, »das Alte ist vergangen, wir machen alles neu! Erst seit zwanzig, fünfzig Jahren wissen wir, was die Naturkräfte und der Mensch, was Geist und was Stoff, was Gesundheit und Krankheit, Wissenschaft, Industrie und Gewerbe, Philosophie und Psychologie, Staatsökonomie, ja was Recht und Religion sind! Ein neues Geschlecht, eine neue Menschheit wird jetzt geboren. Wir sind gescheidter, denn unsre Väter alle!« – Aber das ist nicht wahr. Wer tief schaut, erkennt, wie fest und unveränderlich die Kräfte der Seele ihr eingepflanzt sind. Wie die Menschen ihrer leiblichen Größe keine Elle zufügen können, ebenso auch nicht ihrer Seele, können sich keine andre Eigenschaften aneignen. Sondern selbst in der Ewigkeit wird jeder derselbe bleiben; auch dort wird die Seele nach ihrer individuellen Formel wollen, fühlen, erkennen und schöpfend imaginieren, wird von Hohem und Großem große Eindrücke, von Kleinem kleine bekommen, wird von Gleichartigem angezogen und vom Gegensatz zurückgestoßen, wird aus sich als Centrum und Mittelpunkt das All um sich beurteilen, nach ihrer eignen Größe es bemessen und nach ihrer Genußfähigkeit genußreich finden. Geistesgesetze sind ewig.

So hat diese Menschenseele in sich alle Kräfte der Gottheit, aus der sie geschaffen, und ist in Wahrheit ein Bild und ein Gleichnis derselben. Wie in Gott, und nach denselben göttlichen Gesetzen wie in der Gottheit selbst, entsteht in ihr das Denken, gestaltet sich das Wort, geschieht die That. Welche Freiheit und welche Macht, wenn einst die schweren Ketten und die Bande fallen, die sie fast unbeweglich, betäubt und abgestumpft im düsteren Kerker an die Wand fesseln!

Wie Gott aus drei verschiebbaren Achsen die unendliche Welt der Krystallformen schuf, so auch aus diesen vier Faktoren in verschiedener Mischung die endlos verschiedenen Seelen. Größe, Menge und Verhältnis des einen zum andern bestimmen ihren Charakter, ihre individuelle Formel, so unwandelbar für eine jede wie SO3 für Schwefelsäure, oder: x²/a² + y²/b² = 1 für die Ellipse; diamanthart, ewig, und doch endlose, geistige Evolution ermöglichend.

Aber zum Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf sprach Gott auch zu dieser Seele wie zu allem Erschaffenen: » Du sollst anbeten!« – Auch der Sohn Gottes stand auf Erden vor dieser Alternative: »So du mich anbetest,« spricht Satan zu ihm; und er antwortet: »Es steht geschrieben, du sollst anbeten Gott deinen Herrn und ihm allein dienen.«

Und auch dieses Gesetz der Seele ist ihr Leben. Nur solange der Mensch etwas höher preist als sich selbst, sich unter und vor etwas oder jemanden beugt, hat seine Existenz für ihn einen Wert. Kennt er nichts Höheres als sich selbst, so jagt er sich am liebsten eine Kugel durch den Kopf, denn dann ist ihm Leben nicht nur zwecklos, sondern Qual.

Und so war es von jeher und so ist es und wird es sein, solange die Erde steht. Schon bei den Menschen der Steinzeit und in den Pfahlbauten finden sich Amulette und Götzenbilder; und die Franzosen zur Zeit der Revolution setzten wohl Gott ab, aber dafür die Göttin Vernunft ein. Ebenso heutzutage; gleichviel, ob einer den Stoff oder die Naturkräfte oder die Intelligenz, die Wissenschaft oder » la gloire«, oder den Beruf, die Pflicht oder die Freiheit, die Humanität oder den Geldsack oder die Genußsucht ehrt, etwas muß jeder Mensch haben, was er höher achtet als sich selbst, vor dem er sich beugt, zu dem er hinaufsieht und dem er im ernsten Gottes- oder Götzendienst sich, seine Zeit, seine Kräfte, seine Gesundheit, sein Leben, ja seine Seele zum Opfer bringt, soll sein Leben nicht wertlos und nichtig ihm erscheinen. So spricht der Amerikaner mit aufrichtigem Respekt von dem »Gott Dollar«; so nennt sich mit Stolz mancher Gelehrte »Priester der Wissenschaft«, und im Nekrolog wird gerühmt, wie er auf ihrem »Altar« Gesundheit und Leben geopfert habe; so suchen alljährlich Hunderte freiwillig den Tod, weil diese ihre Götzen, Ehre, Geld, Gut u. a., ihnen genommen wurden; und fast wie heilige Einfalt klingt es, wenn in Paris Menschen, die in grimmigem Haß jeder Religion und jedem Gottesdienst den Krieg geschworen und » ni Dieu ni maître« zu ihrem Wahlspruch gemacht, an bestimmten Tagen zusammen kommen, um vor einem Altar, auf dem die mit Lorbeeren gekrönten Büsten Robespierres und Marats aufgestellt sind, andächtig die Marseillaise zu singen! So wenig entgeht der Mensch dem Seelengesetz: »Eines sollst du anbeten!«

Auch dieses Gesetz ist ewig. Auch in der Ewigkeit wird die Seele anbeten, entweder freiwillig Gott und mit den Cherubimen rufen: »Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth!« und in dieser Anbetung ihr Endziel und den Zweck ihrer Erschaffung finden und volle Wonne fühlen; oder sie wird verzweiflungsvoll mit Wutgeheul und Zähneknirschen den finstern Fürsten der Hölle ewig anbeten müssen. Denn angebetet zu sein, das ist Satans Herzenswunsch und Endziel. – »Wenn du mich anbetest, so will ich sie dir geben, die Weltreiche alle und ihre Macht!« – Und diesen Wunsch wird ihm Gott gewähren; was liegt Ihm daran, zu wem die Verworfenen beten? – »Weichet von mir, ihr Übelthäter! Ich habe euch nie erkannt!«

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Zum Aussprechen ihres Wollens, Fühlens und Erkennens, zum Hörbar- und Sichtbarmachen alles ihres Denkens besitzt wie Gott die menschliche Seele eine herrliche Offenbarung, die Sprache. »Am Anfang war das Wort.« – »Und Gott sprach!« – Wie alle plastische Kunst auf Erden davon ihren Ursprung hat, daß Gott einst aus einem Erdenkloß den Menschen machte, so alle Tonkünste daher, daß Er ihm einen Odem des Lebens in seine Nase einblies. Wohl fabeln einige davon, der Mensch habe sich allmählich die Sprache aneignen müssen! – Eine menschliche Seele, die sich nicht ausdrücken kann! Ein Hauch Gottes, der nicht sich wieder aushauchen könnte! – Sagen wir lieber gleich: ein Licht, das erst das Leuchten lernen muß, ein Feuer, das noch nicht das Brennen los hat!

Jedes Wort ist Schall. – Diese größte Offenbarung der Seele kann nur vermöge der Luft geschehen. Daß der allmächtige Gott sich der Luft bedient, um seine Stimme erschallen zu lassen (Ps. 29), ist ein schönes Bild und Symbol davon, daß die Luftschichte oder Atmosphäre, womit Er die Erde umgab, auch zur Äußerung aller Stimmen aller Kreaturen, zur Vermehrung alles Halls und Schalls auf Erden dienen soll. Auf dem luftlosen Mond wäre die Seele ewig stumm, verzehrte sich in vergeblichen Versuchen, auf anderm Wege all ihr Denken und Sehnen auszusprechen, nicht nur andern, auch vor sich selbst; – auch ein Alexander Selkirch auf öder Insel sprach, weinte, betete, sang laut vor sich hin. – Wie jauchzt auf und schreit vor Freude, aber auch vor Leid und Schmerz schon das kleinste Kind; und wo ist auf Erden eine Freude, die ohne Schall und Klang sich äußerte? Wo ist ein Fest zu allen Zeiten und bei allen Völkern, wo nicht als notwendige Äußerung der Freude Jauchzen, Singen, Trompetenschall, Musik, Glockengeläute oder Kanonendonner sich einstellt? Mit Donner und göttlichen Posaunen verkündigt Gott auf Sinai sein Gesetz; vor den Posaunen Israels fallen die Mauern Jerichos; wie ein sanftes Säuseln offenbart sich Jehovah seinem Propheten auf Horeb, und einst werden die sieben Donner und die sieben Posaunen die Gerichte ankündigen, und die »letzte Posaune« mit schmetterndem Klang selbst die Toten im Scheol erwecken. Einstweilen ist der Schall, der von der durch den Weltraum eilenden Terra stets hinaufsteigt, schmerzlich, ist Klage und Murren und Lästerung, und von unsern Weltstädten heißt es, wie Dante singt, als er sich der Stadt der ewigen Schmerzen näherte: »Es erklangen durch die sternenlose Luft Seufzer, Weinen und großes Weh, verschiedene Sprachen, schreckliche Worte, Laute des Schmerzes, Rufe des Zorns; große Stimmen und schwache wirbelten ohne Ruh in dieser trüben Luft, wie Sand vom Sturm emporgewirbelt« ( Inferno, Canto III).

Wie wunderbar dieser Hall, wenn er zur Sprache wird! – Ich setze durch meine Zungenmuskeln etwas Luft in Bewegung; diese Schallwellen, lediglich nur Luftschwingungen, schlagen an die gespannte Haut des Trommelfells eines andern, und sofort steht ihm meine Seele vor dem geistigen Auge offen; sie regen in ihm Liebe, Zorn, Hochmut, Trotz, Furcht an; er lauscht, ist interessiert oder abgestoßen, weint, lacht, wird gerührt oder erfreut oder gelangweilt; neue, noch nie gehabte Gedanken steigen in ihm auf, neue Pläne und Entwürfe in seinem Hirn, und diese unsichtbaren Luftwellen haben vielleicht für Zeit und Ewigkeit seinem ganzen Leben eine andre Richtung gegeben!

Wie es von Gott bei der Schöpfung zu allererst heißt: Und er sprach: »Es werde Licht und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht,« so war es auch Adams erste That, die ihm von Gott vorgeführten Tiere des Feldes und Gevögel des Himmels zu nennen. – Eine große That! und Einsetzung des Menschen zum Stellvertreter Gottes auf Erden! – Das Nennen hat etwas auf sich. Das fühlt schon das Kind, das seine Puppe nennen will. Wie hält die ganze Bibel so viel auf den Namen, bestimmt im voraus den des Cyrus, des Johannes, sagt: »Jesus soll er heißen!« und verspricht dem Überwinder als großen Lohn »einen neuen Namen«. Zur Benennung der Wesen ist vor allem die Sprache da, drückt, wir meinen hiermit die wahre Sprache, mit dem Namen den gesamten Charakter eines Wesens aus, zieht damit um ihn einen magischen Kreis und Grenze seines Thuns und Seins und ist ihm, so er den eignen Namen versteht, eine große Offenbarung von dem, was in ihm liegt und von dem, was er vermag und werden kann und soll.

Deshalb ist der Name das » Hauptwort«, Substantiv, von »Substanz«; er ist der Eckstein, der rocher de bronze, auf dem die ganze Sprache sich aufbaut, der Ausdruck des Seins; ist nicht an Raum- und Zeitformen gebunden, kennt nur die Einheit und die Vielheit und die zwei großen Gegensätze von männlich und weiblich. Tief liegen die Beziehungen der Sprache zum Geist, ja die Sprache ist nichts andres als hörbarer Geist; ihre Formen haben alle einen unergründlichen Hintergrund und ihre Gesetze waren vor Grundlegung der Welt in dem göttlichen Wort enthalten. So finden wir im ersten Kapitel der Bibel, daß dort Gott als Schöpfer sich im Hauptwort offenbart. Da treten sie der Reihe nach auf, die ersten noch nie dagewesenen Hauptwörter und Wesenheiten. Gott spricht sie aus, nennt sie und siehe, sie sind: Himmel, Erde, Tiefe, Geist, Wasser, Licht, Finsternis, Luft, Festland, Meer, Gras, Kraut, Baum, Samen, Sonne, Mond, Sterne, Fisch, Vogel, Tier, Mensch; und die Engel sehen staunend diese neuen Schöpfungen und beten an. Alle Adjektive aber faßt Gott in einem zusammen. Nicht spricht er zum Licht: sei hell, zum Löwen: sei kühn, zum Baum: sei grün, sondern über alle diese von ihm ausgesprochenen Hauptwörter und Wesen wiederholt er das einzige, alle Eigenschaften in sich fassende Eigenschaftswort »gut« aus, und erkennt sie damit als ein Teil von ihm, dem einzigen Guten (Marc. 10, 18). Und es stund da die Schöpfung: ein gutes Sein.

Wer des Hauptworts mächtig ist und alles beim wahren Namen nennt, dessen Rede hat Sicherheit und Festigkeit, Einfachheit und Macht. – »Du bist ein Mann!« – »Das ist Wahrheit!«

Die zweite Säule der Sprache ist das Zeitwort, lat. verbum; also das Wort überhaupt, der Ausdruck des Werdens; welches besagt, was diese Wesen- und Hauptwörter oder Namen thun und leiden. Ist das Hauptwort ewig: Licht, Kraft, Pflanze, Tier, Mensch, Teufel, so ist das Zeitwort vor allem zeitlich. Christus, der nicht als Schöpfer in die Welt kam, der in seinem irdischen Leben nicht ein Sandkörnchen, nicht einen Grashalm schuf, hat auch nicht ein neues Hauptwort in die Sprache gebracht. Sondern er, der in die Zeitlichkeit kam, um vom Menschentum in derselben und in der Ewigkeit zu reden, stellt zwar zuerst fest, daß er ist die Auferstehung, das Licht, das Leben, der Weg, die Wahrheit; mit und von den Menschen aber spricht er stets mit und im Zeitwort. »Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke!« – »Wer an mich glaubt, der wird leben, ob er gleich stürbe, und wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben! Glaubst du das?« (Joh. 11, 25. 26.) – Und auch Er führt alle Eigenschaften auf gut und böse, ja die ganze Sprache auf ja und nein zurück. Als Eigenschaftswort kennt er das Wort »schön« nicht, – ein Wink unsern Ästhetikern! Bin ich in der Wahrheit, so ergibt sich das Schöne von selbst.

Das Zeitwort zergliedert sich nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft; auch nach der großen Dreiheit: ich, du, er, alle Verhältnisse des einen zum andern ausdrückend. Im Infinitiv ist es noch allgemein, weit, frei, unendlich, ein reiner Begriff: leben, thun, lieben! – Aber aus diesem Keim entwickelt sich der ganze Baum! Im Indikativ wird es bestimmter, persönlicher, stellt kalt, unparteiisch die Thatsache fest: er lebt, sie spricht; im Konditionalis wird das Thun und Sein an ein andres durch das Wörtchen »wenn« festgebunden und demselben untergeordnet; durch den Konjunktiv weht alles Wünschen, Mögen, Fürchten, Hoffen des Herzens; im Imperativ wird das Wort kurz, hart, fest, gebietend: Geh! Nimm! – Wieviel Haupt- und Zeitwort allein besagen, zeigt die lateinische Sprache. So im schönen Wahlspruch der Familie Hope (Hoffnung): Orbe fracto, spes illaesa! »Zertrümmert liegt die Welt, unversehrt bleibt die Hoffnung.«

Weil es im Grunde nur ein Sein und ein Thun gibt, welche beide nur im Ja oder im Nein, im Guten oder im Bösen geschehen können, so gibt es auch nur zwei Formalstufen für den Unterricht der Menschheit. Sie lerne in der Schöpfung Gottes des Vaters die Wesen und ihr Sein kennen, und zwar nicht in gesuchten Anknüpfungen und erzwungener Konzentration, sondern soviel an uns liegt, in ihrem absoluten Wesen. Dann lerne sie im Thun Gottes des Sohnes, was sie thun soll, daß sie das ewige Leben habe.

Au diesen zwei Säulen der Sprache, Haupt- und Zeitwort, ranken die andern hinauf und dienen zur Verschönerung, Näherbezeichnung und Begrenzung. Eine höhere Sprache dürfte nur die beiden brauchen. Nennt der Araber den Löwen »den Verzehrenden«, so vereinigt er Wesen, Thun und Eigenschaft. In unsern Sprachen aber bildet das Adjektiv den Schmuck der Sprache; denn es ist individuell. Am Hauptwort kann der Mensch nichts ändern; Licht, Wasser, Stein; die Wahl des Adjektivs aber steht ihm frei; damit drückt er seine persönliche Auffassung aus; wie überhaupt das Eigenschaftswort als Definition und Hervorhebung einer Seite der Substanz und des Wesens stets auch eine Begrenzung, Beengung und oft eine Schwächung desselben bedeutet, weshalb Voltaire sagen konnte: L'adjectif est l'ennemi du substantif. Wer dasselbe beherrscht, gibt der Rede Farbe, malt mit Worten und spricht wie er ist, treffend, weise, klar, anschaulich, anregend, rührend, richtig, gerecht, so Homer, Dante, Shakespeare, Goethe. – In der falschen Anwendung des Adjektivs, in der steten Wiederholung eines einzigen, wie: »gräßlich!« »reizend!« oder gar »pompös, grandios,« und in der Verschwendung der Superlative spricht sich am meisten die Geistesarmseligkeit aus.

Unveränderlich, unbeugsam, eine unerbittliche Wahrheit, steht das Zahlwort da, jedes davon eine in sich abgeschlossene Einheit, ist Gesetz und Norm und Zollstab der ganzen Natur, fängt so klein und unscheinbar an, daß jedes Kind es meistern kann; und wächst in Raum und Zeit, wächst über die Vorstellungskraft der kühnsten irdischen Geister bis ins Unendliche hinaus und hinunter und hinauf; und reihte auch ein Mensch von Kindesbeinen an bis ins graue Alter Null an Null, so wäre er nicht um einen Schritt der Grenze der Zahl näher gekommen, welche ist ein Vorbild der Unendlichkeit Gottes.

Das kurze Fürwort aber, in einzelnen Sprachen nur ein Buchstabe, wandelt durch die Rede wie der Schatten, wie ein geheimnisvolles, geisterhaftes Abbild des mächtigen Hauptworts: »er«, »sie«, worauf man fragt: »wer denn?« Und doch, wieviel liegt in dem »ich«! – Ich bin der ich bin, spricht Jehovah. Welcher Maßstab der ganzen Welt für jedes Geschöpf! – Im »du« liegt die ganze Nächstenpflicht, das Gesetz und die Propheten; und in »er«, »sie« die Menschheit als ein außer und neben mir Dahinschreitendes.

Und das unscheinbare Adverb hat Macht, die That, alles Geschehene, beliebig in Zeit und Raum dahin und dorthin zu versetzen, ja sie zu verweigern, zu vernichten oder zu verewigen: gestern, heute, immer, niemals, ewig; beschleunigt oder verzögert, billigt oder verdammt sie: »Gut gesagt!« »Schlecht gehandelt!« – Die Präpositionen aber ordnen die Dinge, türmen sie auf, werfen sie hinunter, schieben sie hinten hinaus oder stellen sie vorn oder mitten hinein. – Die Konjunktionen binden alles zusammen, sind Stricke und Seile der Rede. In der Bibel wird die Geschichte der Menschheit mit fortlaufendem »und« erzählt, nicht bloß eine hebräische Redeform, sondern ein Zeichen davon, daß sie ein zusammenhängendes Ganze ist, ein jedes darin zugleich Wirkung des Vorhergehenden und Ursache des Folgenden. Das Sepher Thorah (Buch des Gesetzes) sagen die Kabbalisten, bilde gleichsam nur einen einzigen großen Satz, weshalb dasselbe ohne Punktuation und Worttrennung fortlaufend geschrieben sein müsse, um seine Unendlichkeit für die Anschauung nicht zu verlieren. »Der Mensch,« meint Molitor, »würde in seinem ganzen Leben nur einen einzigen fortlaufenden Satz denken, und ebenso nur ein einziges, in sich zusammenhängendes Kunstwerk schaffen, wäre er nicht aus der Einheit heraus in die Zersplitterung gefallen.« Die Interjektion aber zeugt davon, daß es in der Seele Regungen gibt und ein unaussprechliches Seufzen des Geistes, wofür das irdische Wort unzulänglich und die nur mit der Farbe und Musik der Vokale einigermaßen sich andeuten lassen.

So ist die menschliche Sprache ein tiefes Symbol und Abbild von dem Wort, das im Anfang bei Gott war und selber Gott war. – Wie großartig einfach die Mittel, wie wenige die Steine, aus denen dieser gewaltige Bau besteht! Was gab Gott Adam, um alle Wesen des Paradieses zu nennen? Womit drückt seit sechstausend Jahren die ganze Menschheit all ihr Denken, ihre Freude und ihr Leid, ihren Haß und ihre Liebe, ihre Gesetze, ihre Kunst und Wissenschaft, ihre Poesie und ihre Langeweile, ihr Beten und ihr Fluchen, ihr ganzes Wollen, Fühlen und Erkennen in Tausenden von Sprachen und Dialekten aus, und womit wird sie es bis ans Ende der Welt thun? – Mit etwa fünfundzwanzig Konsonanten und fünf Vokalen! – Die ersten entsprechen der Form, dem Umriß, dem Gefäß, dem Werden, sind die Gefäße und Behälter des Geistes; die Vokale dagegen entsprechen der Farbe, dem Stoff, dem Inhalt, dem Sein; sind Kräfte und Prinzipien Gottes, sind zugleich wichtiger, selbständiger (Selbstlaut), wesentlicher, tiefer, was auch daran zu sehen, daß verschiedene Sprachen mancher Konsonanten entbehren, alle aber sämtliche Vokale besitzen; zu diesen fünf kann der so vieles erfindende Mensch nie einen weiteren erfinden; Beweis genug, wie tief ihr Ursprung! – Groß sind diese Vokale; das A ist der aktive Anfang der That und der Lebenskraft; das O das große, volle Erkennen; ist das Bild des Auges, oeil, occhio, ocho u. s. w. Immer und überall bedeutet das I, wie schon in seiner äußeren Gestalt den Menschen und den aufgehobenen Finger, die spitzige Ichheit, wie das E mehr die seiende, wehende Seele; und mit Recht machten die Kelten, dieser poetische Volksstamm, der das Weib wie kein andrer verstand, das stumme E zum Zeichen des Weiblichen. Das U aber ist der dunkle, duldende Urgrund, der Schlund.

Und wie viele Kombinationen gestatten diese wenigen Zeilen! Es gibt wenig Wunderbareres als ein Buch. – Einige Blätter aus Lumpen oder Holzfasern, auf denen immer wieder dieselben fünfundzwanzig Zeichen schwarz gedruckt! Für den des Lesens Unkundigen nur ein Päckchen Zeug; lese ich aber, so fängt es an zu leben, erzählt mir, lehrt und belehrt, lacht, weint und ich muß mit lachen und weinen; ärgere mich und möchte wieder aufjauchzen, ich freue mich und werde betrübt, und meine unsterbliche Seele nährt sich und wächst in mir vom bloßen Ansehen dieser schwarzen Mückenfüßchen. Ja, diese fünfundzwanzig wunderbaren mystischen Zeichen können, je nachdem sie so oder so geordnet sind, Seelen erlösen vom zweiten Tod, von der ewigen Verdammnis oder sie hineinstürzen! – Denn sie sind krystallisierter Geist!

Nehme ich diese fünfundzwanzig kleinen Metallstäbe aus einem Setzerkasten, so halte ich in der Hand, denn alle Sprachen der Welt lassen sich schließlich mit gotischen oder lateinischen Buchstaben ausdrücken, – nicht nur alle Papyrus und Inschriften, Pergamente und Manuskripte, Bücher und ganze Bibliotheken, Zeitungen, Zeitschriften und Artikel und Reden, die jemals in irgend einer Sprache auf Erden gedruckt, geschrieben, gelesen und gesprochen wurden, sondern auch alle, die je noch erdacht, von noch nicht geborenen Menschen geschrieben, gedruckt und gesprochen werden. Durch einfache Transposition dieser Buchstaben könnten wir uns ebenso genaue Beschreibungen von allen noch nicht erfundenen Maschinen und andern Erfindungen und Entdeckungen, Besprechungen von gesellschaftlichen, civilisatorischen und staatlichen Zuständen in allen Staaten der Welt verschaffen, die wir nicht erleben werden!

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Wie erstaunlich, daß die Menschen, die doch, bei allen scheinbaren und oberflächlichen Unterschieden, so ganz dieselben sind, in ihrer Liebe und in ihrem Haß, in ihrem Wissensdrang und ihrer Genußsucht, und in allen Kräften und Eigenschaften ihrer Seele; daß sie, die doch alle mit denselben fünf Vokalen und mit denselben zwanzig Konsonanten, allen Hall ihrer Seele ausdrücken; deren Rede überall und von jeher innerhalb der zehn obigen Wortarten und ihrer Einteilung geschieht und nach denselben architektonischen Gesetzen aufgebaut wird, doch so viele und vielerlei Sprachen sprechen; daß sie für die einfachsten Thatsachen, so daß der Himmel blau und der Baum grün, oder für ich und du, oder eins und zwei, was sie doch mit demselben, allen civilisierten Völkern verständlichen Schriftzeichen ausdrücken, nicht auch ein und dasselbe Wort haben! Darüber haben sich in der That viele Denker gewundert und darunter gerade die Sprachforscher am meisten.

Unter vielen sagt Herder: »die Verschiedenheit der Sprachen ist ein Problem, das sich durch bloße Wanderungen der Völker nicht erklären läßt, auch wenn ich Klima, Land, Lebensart, Sitten als Ursache dazu rechne … Da muß etwas Positives vorgegangen sein, was diese Köpfe auseinanderwarf; philosophische Deduktionen thun kein Genüge« (Geist der ebr. Poesie). F. Eichhoff sagt in seinem Parallèle des langues de l'Europe et de l'Inde: »Die vervollkommnete Linguistik wird nach gewonnenem Überblick aller Sprachen die ursprüngliche Einheit des Menschengeschlechtes bestätigen.«

Überall führt die Abirrung von Gott, von dem großen Eins, einerseits zur Zersplitterung und andrerseits im dunkeln Gefühl dieser unseligen Trennung zur mechanischen Gleichmachung aller göttlichen, gewollten, schönen, segensreichen Gegensätze. – Dagegen deutete die wunderbare Sprachengabe durch den Heiligen Geist an Pfingsten auf die Wiederherstellung der Ursprache und zugleich auf die Einheit aller Völker in Christo.

Wie das Volk Israel aus zwölf Stämmen bestand, und es siebzig Seelen waren, die nach Ägypten zogen, so wählte Christus zwölf Apostel und siebzig Jünger, und die Juden stützten sich auf den Spruch 5. Mos. 32, 8 und lehrten, daß es auf Erden siebzig Völker gibt mit siebzig Stammsprachen, eine Ansicht, der man auch sonstwo begegnet; denn daß sich die tausendachthundert bis zweitausend Sprachen der Welt und besonders die übergroße Anzahl der Neger- und amerikanischen Dialekte leicht auf weit weniger zurückführen lassen, geben bedeutende Sprachforscher zu. An der Sprache kann und muß der Geist eines jeden Volkes immerhin arbeiten; aber die Sprache selbst kann er sich so wenig geben, als einen neuen Vokal erfinden. Schön sagt Prof. Seb. Mutzl: die erste Strafe über den Menschen sei durch die Erde verhängt worden: der Acker wird dir Dornen und Disteln tragen; die zweite durch das Wasser, die Sintflut; die dritte durch die Luft, die Trägerin der Sprache; die vierte, zukünftige und letzte durch das Feuer. – Babel, Verwirrung, heißt die Stätte, da solches geschah; ein Bild von allem Thun des Menschen. Josephus schreibt ausdrücklich: »Denn die Juden nennen die Verwirrung babel« ( Antiq. Ind. I, 5); vom chaldäischen » balbal« verwirren, stammeln (verwandt mit unserm babbeln, franz. balbutier, engl. to babble); und nicht wie Voltaire und ihm nach einige Deutsche es haben wollen: Bab-bel Thor oder Stadt des Bel.

Von dieser Sprachverwirrung an gab es Zungen und Völker und Nationen, durch Sprache voneinander getrennt, die, selbst wenn sie das Gleiche wollen, einander anfeinden, denn » keiner versteht mehr des andern Sprache«. Ein großes Wort, und von schwerer Bedeutung! Denn eine solche Sprachverwirrung hängt notwendig mit einer großen Begriffsverwirrung zusammen, kann nur von einer solchen herrühren. Die ursprüngliche, von Gott dem Menschen gegebene Sprache, darin Adam alle Tiere nannte, war ein großer Spiegel, darin die ganze Natur, diese sichtbare Offenbarung des unsichtbaren Gottes sich getreulich abspiegelte und dem Menschen sichtbar und erkenntlich ward. Nun zerbrach Gott den Spiegel, und nun hat jedes Volk nur eine Scherbe davon, das eine eine größere, das andre eine kleinere, je nachdem sein geistiger Standpunkt ein höherer oder niedriger ist, und sieht etwas vom Ganzen, nimmermehr das Ganze selbst. Deshalb weichen die Auffassungen der Nationen in Weltgeschichte, Religion und Philosophie, Kunst und Wissenschaft voneinander ab. So ist die historische Wurzel der Völkerkriege die Sprachverwirrung. Denken wir uns zehn Geschwister in demselben Hause, und keins vernähme die Sprache des andern, wie stände es da um den Familienfrieden? – Darum müßten die Friedensapostel vor allem eine Weltsprache erfinden und sie allen Völkern, nötigenfalls mit Waffengewalt, octroyieren. Aber wie kläglich und wie bald sind Volapük und Pan- und Puralingua verschollen, diese unverständigen Versuche, einen lebenden Organismus zu fabrizieren! Aber auch innerhalb desselben Volkes versteht der Deutsche den Deutschen und der Franzose den Franzosen nicht; der Bauer versteht die Sprache des Gelehrten und der Künstler die des Tagelöhners nicht. Die Menschen verstehen einander nicht, kommen zusammen und streiten stundenlang beim Bier und sonstwo über Politik, Kunst und Gewerbe, Wissenschaft und Religion, werden nie einig und keiner vermag den andern zu überzeugen. Auch so in der Familie; wie mancher geht grollend, verschlossen, eingeschüchtert, unglücklich umher, meint, er habe doch das Herz voll Liebe und Wohlwollen für seine Mitmenschen, und diese verstehen ihn nicht, wollen ihn nicht verstehen; der Vater versteht den Sohn nicht, noch der Mann die Frau, noch der Freund den Freund, und es ist eitel Mißverständnis unter den Menschen. Das macht, einst sprach Gott beim Turmbau zu Babel: » Lasset uns ihre Sprache verwirren, daß keiner mehr des andern Sprache vernehme

Und wir werden mit der eignen Sprache nicht fertig. Sie ist ein ungeschicktes Werkzeug geworden, das weder die ganz feinen, noch die gewaltigsten Regungen unsrer Seele ausdrücken kann. Wer alles, was er denkt, sieht, empfindet und erlebt, sagen kann, muß schon ein recht geringer, oberflächlicher Mensch sein. Das Kupfergeld unsrer Seele mögen wir im täglichen Verkehr auf dem Markte des Lebens ausgeben, Nickel und Kleinsilber und viel Papiergeld in der Gesellschaft und im Verein, manchen Thaler im vertrauten Umgang mit Weib und Freund, aber das echte, rote, ungeprägte Gold, das in harten Quarzgängen des Herzens steckt, können wir hienieden nicht schmelzen, noch münzen, dazu ist seit dem Sündenfall die Sprache zu schwach und nur die Himmlischen werden es fertig bringen.

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Woher kommt dieser Mensch und wohin geht er? Wie ein Sturmwind fegte jüngst über die Erde der Darwinismus, und seine Anhänger lehrten mit Begeisterung, daß wir von einer Urzelle herstammen. Schon verklingt das Getöse und, wie wir in einem ersten Band, »Naturstudium und Christentum« zeigten, beweisen nun auch durchaus bibelungläubige Gelehrte, daß die Affen- und Tierabstammung des Menschen den Thatsachen nicht entspricht, daß der Darwinismus nicht vor der Geologie bestehen kann und ein wissenschaftlich überwundener Standpunkt ist. – Es ist merkwürdig, wie kleinlicher und ärmlicher alle Vorstellungen des Menschen werden, wie alle seine Ideen und Ideale welken und verdorren, wenn er von Gott, dem Geber alles Guten abfällt und nicht mehr aus dieser Urquelle schöpft. Dem Ungläubigen schrumpft alles zusammen und erstarrt oder zerfließt; die schönste Marmorstatue wird ihm zur hohlen, lackierten Gipskopie, die duftigste Blume zu einer papierenen und selbst das Schwert wird ein hölzernes; das Leben entweicht, der Duft verfliegt, die Flamme erlöscht, die Sphärenharmonien schweigen – ihm! – und der Arme glaubt, weil er sie nicht sieht und nicht hört, sie seien nicht da, seien nie dagewesen; und dieser Farbenblinde verhöhnt den Leichtgläubigen, der ihm von Farbenpracht und -glut erzählt!

So weiß er von seinem großen göttlichen Ursprung und seiner großen göttlichen Urkunft nichts mehr; vermutet nur, denn Gewisses gibt ihm seine ganze Wissenschaft darüber nicht, daß er ein degenerierter, civilisierter Affe ist, der infolge von ungünstigen Umständen und endloser Zuchtwahl seine ursprüngliche Kraft und Gewandtheit eingebüßt und seinen Schwanz verloren hat und nun so schwaches und ungereimtes Zeug über sich und die Welt behauptet, wie täglich zu sehen. Von der Gegenwart predigt er mit viel Zank und Streit, daß Wohl und Wehe und Existenz und Glück der Menschen von Korn- und Eisenzöllen und Handelsverträgen, von Zündhölzchen- oder Tabaks- oder Alkoholmonopol und noch mehr Industrie und noch mehr Handel abhängt und ihre Kraft und ihr Leben von der Anwendung des Heilserums oder der Wasserkur. Von der Zukunft weiß er nur zu melden, daß einst elektrische Bahnen mit unglaublich billigem Zonentarif die Menschen von einem elektrisch beleuchteten und mit Ascensor versehenen Grand-Hotel in ein andres führen werden, und daß an den Riesen-Tables-d'hôte vielleicht »Brote, welche aus märkischem Sand gewonnen, oder ein saftiges Beefsteak, aus Torf destilliert« (!) aufgetragen werden! – Ja, was wollt ihr aber nach dem Diner anfangen, ihr armen Menschen mit dem leeren Herzen und dem müden Kopf? – Eben wie jetzt, um die Last eures Daseins zu vergessen, stundenlang mit Papierstückchen Whist oder Skat spielen? Oder euren Nächsten verleumden und allerlei platten, sauren und bitteren Klatsch weiter kolportieren? Oder wollt ihr von Gründungen und Staatsanleihen, vom Geldmarkt und Börsenspekulationen wichtig und endlos reden? – Was nützt euch schließlich alle eure Wissenschaft? Gesteht doch melancholisch selbst ein Gelehrter wie Renan: »Die Reste unsrer Tugend verdanken wir Formeln, die wir abgestoßen haben. Wir leben von einem Schatten, vom Wohlgeruch eines leergewordenen Gefäßes. Nach uns wird man vom Schatten eines Schattens leben.« Was hilft eurer sich vor Leere und Langeweile verzehrenden, verzweifelnden Seele der noch so vollständig photographisch entworfene Katalog der Doppelsterne oder Tabellen über den hygrometrischen Gehalt der höheren Luftschichten und die Windrichtung? Seid ihr mit diesem eurem Wissen glücklicher als der starke Noachide, wie er einst die Erde bebaute, Wein pflanzte und trank, das Fleisch seiner Ochsen aß, mit der Wolle seiner Schafe und Kamele sich kleidete und mit seinen vielen starken, gesunden Kindern unter seinem Feigenbaum und seiner Rebe saß? – Und was für ärmliche Bilder der Zukunft gaukelt ihr uns vor? – Noch mehr Fabriken und noch mehr Maschinen? Noch mehr Eisenbahnen und Dampfschiffe und Telephone? Noch mehr schlechte Romane und unsittliche Bühnenstücke; noch mehr Gelehrte, Zeitungen, Politiker, Fortschrittsapostel und emanzipierte Frauen; noch mehr Theorien und Systeme, Reden und Phrasen? – Ach! wir sind deren so müde! Wo finden wir Ruhe für unsre Seelen? – Und noch mehr Blasiertheit, Unzufriedenheit, Nervosität und Geisteskrankheit, … bis die große astronomische Welterstarrung anfängt und allem Fortschritt und aller Aufklärung ein langsames, aber unvermeidliches Ende bereitet; – und alles ist auf ewig aus! – und alles ist ganz umsonst gewesen!

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Das weiß unsre Bibel besser! Als Gott eine Lichtwelt, die Himmel, geschaffen hatte, fiel Lucifer und seine Heerscharen von Ihm ab; vielleicht, wie der englische Dichter singt, weil sie den Sohn nicht anbeten wollten, vor dem einst sich alle Knie auf der Erde und unter der Erde dennoch beugen müssen. Da schonte Gott der Engel nicht, »die ihren ersten Zustand nicht bewahrt, sondern ihre Behausung verlassen hatten, und verwahrte sie zum Gericht des großen Tages mit ewigen Ketten der Finsternis« (Judä 1, 6). Auf ihren Wohnsitz aber, der nunmehr »wüste und leer« war, »ein Chaos, das uns den Morgen nach dem Schlachtfeld darstellt«, wie St. Martin sagt, schuf Gott ein Neues, pflanzte einen paradiesischen Garten darin, daraus ein neues Wesen, »in seinem Bilde geschaffen«, allmählich die ganze Erde als Vicekönig Gottes zurückerobern und einnehmen sollte. – Aber er fiel, ein Opfer dem grimmigen Neid Satans, und als der Cherubim Adam und Eva zum Paradiese hinauswies, breitete sich bald über die weite Erde ein trotziges Geschlecht von Giganten aus, die sich rasch entwickelten und vermehrten, und in der Fülle ihrer Kraft acht bis neun Jahrhunderte lang sich ihres Lebens freuten.

Haben wir auch nur einen Beweis gegen die Wahrheit dieser Angaben? – Nein! – Wissen wir überhaupt, welche die normale Lebenszeit des Menschen ist? – Ebensowenig. – Kann die Wissenschaft uns darüber etwas sagen? – Mit nichten! Wohl aber haben wir dafür zahlreiche Beweise in den Überlieferungen der verschiedensten Völker; so wenn die Perser berichten, Dschem-Schyd, der Gründer ihres Reiches (wahrscheinlich der Sem der Schrift), habe dreihundert Jahre regiert. Freilich wollte schon die Kritik diese Thatsachen mit sogen. »Mondjahren« = einem Monat, womit jene Menschen gerechnet hätten, wegerklären. Sie übersah dabei, zu welchen Absurditäten diese Annahme führt. Dann hätten nach 1. Mos. 5 Kenan mit sieben Jahren, Mahalaleel mit sechseinhalb Jahren schon Söhne gezeugt; ja die Noachiden Arpaksad, Schelach, Heber und Peleg, die fünf- bis vierhundert Jahre lebten, hätten schon, dreißig bis fünfunddreißig Monate alt, also im zweiten bis dritten Jahre Kinder gehabt! (1. Mos. 11, 13-20). Dazu kommt die regelmäßige Abnahme der Lebenszeit von Noah mit neunhundertfünfzig Jahren bis zu Reghu mit zweihundertneununddreißig Jahren, und Jakob klagt dem Pharao: »Die Tage meiner Fremdlingschaft sind hundertdreißig Jahre; wenig und böse waren die Tage meiner Lebensjahre, und haben nicht erreicht die Tage der Lebensjahre meiner Väter!« Oder hat er noch mit Mondjahren gerechnet? Wäre also, als er dies sagte, ein zwölfjähriges Büblein gewesen! – Man lasse die Bibel stehen, wenn man an dieselbe nicht glauben kann noch will; aber man verschone uns mit so kindischen Erklärungsversuchen.

Also von Adam bis zur Sintflut nur neun Geschlechter, aber mit vielen Millionen Abkömmlingen. Obige Zahlen und ihre Geschlechtsregister zeigen, daß sie fast ebenso rasch wie wir sich entwickelten, dagegen viele Jahrhunderte in ihrer Kraft beharrten und alle, weder durch Krankheit noch durch Unfall weggerafft, nahezu das ihnen vorgesetzte Lebensziel, tausend Jahre, erreichten. – Wenn wir uns vorstellen, was ein Jahrhundert in der Weltgeschichte bedeutet, wie vieles es bringt und erzeugt und verändert, so stehen wir erstaunt vor dem geistigen Bilde eines nahezu tausendjährigen Menschen und können es nicht fassen. Was hatte ein solcher Mann alles erfahren, durchlebt, in Gefahren und Kämpfen, an Freud und Leid, an That und Besitz; wie weit und tief in die Natur, das Leben und die Menschen geschaut! Wie klar, fest, ruhig, sicher war nunmehr sein Denken, wie ungeheuer groß seine Weltanschauung! Er war eine gewaltige, markige, in sich abgeschlossene, ehrfurchtgebietende, kolossale Individualität mit scharfen, eigenartigen, ausdrucksvollen Zügen, wie etwa der Moses von Michel Angelo. All sein Wissen eigner Besitz, alles selbsterlebt; seine Sprache eine große, hellleuchtende Krystallisation einer Welt von Gedachtem und Durchgemachtem! Mit Muße sah sich zuerst ein solcher vorsintflutlicher Riese und Held diese Erde an, durchmaß sie mit starken Schritten ein paar Jahrhunderte lang, wählte sich dann frei einen Wohnplatz und Besitz, mochte ein halbes Jahrhundert an der festen und starken Burg bauen und saß dann noch etliche Jahrhunderte da, wie ein Bananenbaum starke Wurzeln fassend und unzählige Sprossen um sich verbreitend, Tausende und Zehntausende, deren Vater und Ahnherr und Herr und König er war, eine Nation, aus seinen Lenden hervorgegangen, Familie und Staat zugleich! So haben Silberschlag u. a., auf das Alter der vorsintflutlichen Patriarchen und mäßige Zunahme – je nach einundvierzig Jahren die doppelte Anzahl – gestützt, mehrere tausend Millionen Menschen vor der Sintflut berechnet!

Auch unter diesen Menschen entstanden Gebräuche und Sitten, aus denen allmählich Gesetze wurden, und ebenso Kampf und Streit, mit einer ihrer Kraft entsprechenden Energie und Rücksichtslosigkeit geführt. »Die Erde war voll Gewaltthat durch sie!« Gewalt und Verderben war das Thun der meisten und unerträgliche Tyrannei, vor der sicherlich die schwächeren und entarteten Stämme sich in die entferntesten, weniger fruchtbaren und rauheren Länder flüchteten; sind wohl zum Teil die Höhlenmenschen, deren Überreste sich noch finden. Denn gewiß war nicht die ganze vorsintflutliche Menschheit eine hochbegabte, an Geist und Thatkraft gleichgestellte, sondern schon damals gab es wilde und fast tierische Völker. – Und damals schon, sagt Christus, aßen und tranken die Menschen, kauften und verkauften, freieten und ließen sich freien. Das sind die Grundbedingungen des menschlichen Daseins, daran ändert keine Civilisation und kein Fortschritt etwas.

Und doch hatte das vorsintflutliche Leben ein andres Gepräge als das unsrige. Nicht nur gab ihnen das Bewußtsein, die Erde gesund und stark und mächtig und lange zu beherrschen, eine Sicherheit und Selbständigkeit, ein Selbstgefühl geistiger Macht und Größe, und auch einen Trotz und eine Todesverachtung, von denen wir keine Ahnung haben, sondern Gott ließ ihnen äußerlich volle Freiheit, gab nur das eine Gesetz: Mehret euch und füllet die Erde und machet sie euch unterthan. Jener Hochmut und diese von Gott noch anerkannte Selbständigkeit tritt uns im Leben Kains entgegen. Mit ehernem Trotz antwortete der Mörder: »Ich weiß es nicht! Bin ich der Hüter meines Bruders?« und hält Gott vor, wie hart Er ihn strafe; und Gott geht darauf ein und schützt ihn gegen die Lynchjustiz seiner Mitmenschen. Welch unbändiger Übermut klingt uns aus dem Kriegslied Lamechs entgegen: »Ihr Weiber Lamechs, horcht auf meine Rede. Will Gott Kain siebenmal rächen, so will ich mich selber siebzigmal siebenmal rächen! Für eine mir zugefügte Wunde soll ein Mann sterben, für eine Beule ein Jüngling!« – Ebensogroß waren sie nach dem Gesetz der Gegensätze im Guten. Mitten unter diesem ungeschlachten Geschlecht wandelt ein Henoch dreihundertfünfundsechzig Jahre nicht bloß vor, sondern mit Gott, überschaut in prophetischen Visionen die Weltgeschichte und ihren Abschluß und warnt furchtlos die wilden Recken: »Siehe! der Herr kommt mit seinen heiligen Tausenden, zu richten euch Gottlose wegen aller eurer Gottlosigkeit und wegen aller harten Worte, die ihr gottlosen Sünder wider Ihn geredet habt.« – Und wie groß sein Ende! – »Er ward nicht mehr gesehen, denn Gott nahm ihn hinweg.« – Denn noch blieb Gott in persönlichem Verkehr mit diesen seinen Menschen, hatte noch nicht sein Angesicht von ihnen abgewendet. Noch war die Terra nicht von der natürlichen Verbindung mit ihren Schwestererden, zunächst Merkur, Venus und Mars ausgeschlossen, und dieselben Söhne Gottes, von denen Er selber sagt, daß sie bei der Gründung der Erde jauchzten (Hiob 38, 7), stiegen immer noch hernieder und besuchten die Menschen (1. Mos. 6, 2), und wer weiß, was für Einflüsse und Effluvien hin und her fluteten, denn alle Planeten sind Geschwister und Söhne desselben Vaters. Auf dieser Menschheit lastete noch nicht sechstausendjährige Schuld noch Gottesmord. Wohl lebten sie im Gefühl ihrer Kraft ein freies übermütiges, gottloses Leben, aber der versauerte und verbitterte und feige Gotteshaß, dem wir heutzutage begegnen, war ihnen fremd. Darum tötete Gott sie zwar, um sie zweitausend Jahre in Ketten der Finsternis schmachten zu lassen, aber durch Wasser, nicht durch Feuer, und sorgte dafür, daß Christus nach seinem großen Sieg über Tod und Hölle ihnen die Botschaft des Heils brachte, eine Predigt, sicherlich nicht ohne Erfolg.

Und ihr Andenken lebt noch! – Überall, im Norden und Süden, wo wir die Völker nach ihren Ahnen fragen, wo wir ehrwürdigen Sagen lauschen, in der Edda und bei den Hindus und Persern und Griechen und Römern, überall stehen an dem vom Cherub mit dem Flammenschwert gehüteten Eingangsthor der Weltgeschichte riesige Schatten der Toten, große, uns weit überragende Gestalten von einem trotzigen Geschlecht der Giganten, stets der Götter Feinde, ihnen übermütig trotzend, von Riesen, ewigen Krieg mit den Asen der Walhalla führend, von Titanen, die den Himmel erstürmen wollten, durch ein furchtbares Gottesgericht vernichtet. Alle Völker erzählen uns noch von diesen »Helden, die von alters her Männer von Ruhm gewesen sind« (1. Mos. 6, 4, Grundtext), von diesen, wir sahen es oben, »Halbgöttern« aller Mythologien. Davon singen alle alten Dichter, und Homer nennt neben den Cyklopen die Giganten »ein trotziges Volk gewaltigen Wuchses« (Od. VII, 59, 240).

Ihre gewaltigen Leiber, ihre starken Muskeln sind längst zu Staub geworden. Aber sie leben noch. Während du dieses liesest, existieren, denken, sprechen drüben miteinander noch der trotzige Lamech und Ada und Zillah, Kenan und der alte Methusalah; erinnern sich sehr wohl der geschehenen Thaten und des Untergangs, überschauen, wie niemals auf Erden ihr ganzes Leben, haben seitdem sich mit Gott versöhnt und vor dem Sohn die Knie gebeugt, oder sind in finsterem Trotz immer weiter in die äußerste Finsternis hinausgewandert. Und einst werden wir, du und ich, sie schauen, und der einst dreihundertfünfundsechzigjährige, jetzt viel tausendjährige Skalde und Seher Enoch wird uns in der wahren Walhalla auf goldener Harfe, schön wie niemals selbst ein Homer, von der großen vorsintflutlichen Welt, von einer großen Menschheit singen, wie er sie warnte und wie sie fiel und starb, und er von Gott ohne Tod hinweggenommen wurde; und wonnevoll werden wir dem Liede lauschen.

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Wie dein Leben, so dein Sterben! Auch von Völkern gilt das Wort! Groß und gewaltig war das vorsintflutliche Leben, und groß und gewaltig war das Gericht, das ihm ein Ende machte. Groß, einfach, voll Selbstsucht und Selbstbewußtsein lebten die vorsintflutlichen Riesen; großartig einfach war auch, was Gott von ihnen verlangte: »Fürchtet Gott und gebet Ihm die Ehre und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und das Meer und die Wasserbrunnen.« Dazu verkündigte Henoch, der Prophet, das Endgericht. Und Noah baute unverdrossen, unbekümmert um den Spott der Zuschauer, mit Hunderten von vielleicht widerwillig ihm Untergebenen an der ungeheuren Arche, größer als alle unsre Panzerschiffe! Aber die vielhundertjährigen Riesen hörten nicht auf Wort und That, schrieen überlaut, tobten die einen wider die andern. Da sprach Gott: » Das Ende alles Fleisches ist vor mich gekommen; die Menschen wollen sich von meinem Geist nicht mehr strafen lassen

Tag um Tag, Stunde um Stunde, Minute um Minute zerrann die 120jährige Frist. Und immer noch lachten die Menschen, aßen und tranken, sprachen sicher und kühn davon, was sie alles in den nächsten Jahrhunderten thun und treiben wollten; der Jüngling freite die Jungfrau, der Mann baute sich ein festes Haus, die Mutter herzte ihr Kind, und sie alle wußten es nicht, daß das Ende alles Fleisches vor Gott gekommen war. Da, am siebzehnten Tage des zweiten Monats, im sechshundertsten Jahre des Lebens Noah, umwölkte sich zum erstenmal der immer blaue Himmel; von den Meeren her ertönte fernes Brausen, und zum erstenmal – denn es hatte noch nicht geregnet auf Erden (1. Mos. 2, 5. 6) – fielen vom Himmel große Wassertropfen, wie Thränen der Engel über eine dem Untergang geweihte Welt. Wie mögen da, erstaunt und trotzig, die Helden und die Riesen aufgeschaut und zuerst gemeint haben, auch etwas Himmelswasser fürchten sie nicht! Aber an den Meeresküsten brandeten schon wild empört gewaltige Wellen, stiegen immer höher, brachen immer weiter landeinwärts und wälzten bald Tausende von Menschen- und Tierleichen und viele Trümmer daher. Da erhob sich gen Himmel das Geschrei der fliehenden Millionen, denn die Wasser stiegen gewaltig und rasch; und als atemlose Flüchtlinge die Kunde brachten, die Quellen der Tiefe seien aufgebrochen und die Meere folgten ihnen auf der Ferse nach, und als von jedem Fels und Berg trüb schäumende, immer mehr anschwellende Bäche sich ergossen, da ergriffen wohl die vielhundertjährigen Recken mit starkem Arm Weib und Kind, erkletterten die Berge, schlugen mit der Faust den Löwen und den Bären nieder, die ihnen im Wege standen, wähnten sich gerettet und lachten wieder in altem Trotz. Und mancher fast tausendjährige Greis mag, wie Methusalah, dessen Todesjahr in das der Sintflut fällt, lebenssatt die Flucht verschmäht haben, ließ sich unentwegt von den Wassern umspülen und starb ohne Klage.

Und fürchterlich, in bisher nicht gekannte Finsternis gehüllt, waren die Nächte für die noch lebenden Bewohner höher gelegener Länder und Hochebenen; unablässig, unerbittlich strömte der ungewohnte kalte Regen von oben; immer näher und deutlicher hörte man das Brausen der heranstürmenden Gewässer und harrte bangend auf des Tages Licht. Aber so oft ein trüber Schein die von Dunst erfüllte Luft wieder durchdrang, war des Wassers mehr und des Landes weniger geworden; ganze Länder waren verschwunden, und erschöpft, keuchend kamen von unten Tausende von flüchtenden Menschen und Tieren. – Und immer noch kein Erbarmen! Am grauen Himmel kein lichter Fleck! Immer wuchsen die Wasser, immer strömte der Regen herab, und erbebend erkannte die Menschheit, ihr Todestag sei gekommen. Erschütternd übertönte den Sturm das Schreien der sterbenden Väter, der ertrinkenden Mütter und der Kinder; heißes Flehen, wildes Fluchen schallte empor; aber am grauen Himmel war auf Fluch und Gebet keine Stimme noch Antwort; denn nach fünfzehnhundertjähriger Geduld hatte Gott endlich sein Antlitz abgewandt, und die Erde den Engeln des Gerichts überlassen. Und nun lachten auch die Riesen und Gewaltigen nicht mehr; bleich und stumm, vor Hunger und Kälte halb erstarrt, schauten sie einander an; kämpften verzweifelnd in Sturm und Nacht um einen rettenden Baumstamm oder um einen Platz auf dem noch nicht überfluteten Fels; erbarmungslos schlug der Starke den Schwachen nieder in die Flut, und zum erstenmal zerrissen sie in rasendem Hunger Tiere und tranken ihr Blut. Aber unaufhaltsam, unerbittlich stiegen die Gewässer; bald sanken auch die letzten der Starken mit einem letzten Schrei unter. Und jetzt wurde es stiller auf Erden; die Millionen waren gestorben, und mit ihnen waren verschwunden der starke Löwe und der mächtige Elefant, das edle Pferd und der schnelle Hirsch. Aus den nunmehr ruhigeren Wassern ragten nur noch Berge wie immer kleiner werdende Inseln heraus, und um die öden Gipfel flatterten noch in wildem, zerrissenem Flug Scharen von Adlern und andern starken Vögeln, und auf den treibenden Hölzern saßen Geier und fraßen mit heiserem Gekrächze sich satt am Aas. Aber immer noch fiel der Regen, und nicht lange, so verschwanden auch die letzten Gipfel; müde flatterten noch einige Vögel umher, fielen dann entkräftet ins Wasser; schlugen matt mit den Flügeln und starben.

Da ward es ganz still auf Erden, totenstill, wie in einer Leichenkammer. Der Sturm hatte sich gelegt; unter dem grauen Himmel erstreckte sich, unübersehbar, uferlos, eine weite graue Wasserfläche, spiegelglatt, denn auch die Winde ruhten (1. Mos. 8, 1); und darauf schwamm die Arche wie ein großer schwarzer Sarg. – Eine Welt war in ihren Sünden gestorben! – Die erste Epoche der Weltgeschichte mit ihren großen Patriarchalreichen, kolossalen Bevölkerungen, eigentümlichen Civilisationen und weltbeherrschenden Geschlechtern war vorbei. Gott hatte sie aus dem Buche der Lebendigen gestrichen.

Aber vor solchen Gottesgerichten bäumt sich der ganze Stolz des gottlosen Sünders auf! – Daß ein Naturereignis, ein Kometenschweif etwa, das gethan, das ginge noch an; daß aber ein gerechter Gott in gerechtem Zorn also, wenn auch nur zeitlich, seine Geschöpfe vernichte, das kann er sich nicht gefallen lassen! – So ein armer Sünder und hochmütiger Tropf meint, eine ihm applicierte Ohrfeige, ja eine über ihn gemachte verächtliche Bemerkung fordere blutige Satisfaktion, nur ein Menschenleben könne solche Beleidigung sühnen! Das sei er seiner Ehre schuldig! – Aber nach der millionenfach beleidigten, beschimpften, besudelten, frech zu Füßen getretenen Ehre des ewigen Gottes fragt er nichts; ja, er weiß gar nicht einmal, daß dieser Gott auch eine Ehre hat! – Fünfzehn Jahrhunderte hindurch sah dieser langmütige Gott zu, wie diese seine Menschen, die Er schuf, die auf seiner Erde, in und von seinem Sonnenschein, von den Früchten, von dem Korn und Öl und Wein, die Er ihnen wachsen ließ, in der Kraft und Gesundheit und mit den Sinnen lebten, die sie von Ihm hatten, seine Gaben mißbrauchten, sein Recht übertraten, sein Wort verlachten, Ihn selber verhöhnten. – Da sammelte sich ungeheure Schuld! – Tag und Nacht wuchs sie, wie die Tropfen des unaufhaltsam, gleichmäßig fallenden Regens, bis der Thalkessel voll, und die Gewässer den Damm zersprengen und allen Verderben bringen. – Nicht so viele Regentropfen fielen in die Flut, als diese tausend Millionen Menschen in fünfzehn Jahrhunderten Gott oft beleidigt hatten! Was konnte Er dafür, daß sie dennoch genügten, um fünfzehn Ellen hoch alle Berge zu bedecken und die Sünder in dem Wasser der Schuld zu ertränken. – Denn nicht Gott, sondern unsre Werke strafen uns. – Könnte Satan Thränen der Buße weinen, so nähme ihn Gott wie den verlorenen Sohn an sein Herz. Aber die Quelle der Thränen ist ihm in verzehrendem Hochmut versiegt, und tritt er mit den Söhnen Gottes vor den Ewigen, so ergrimmt er beim bloßen Namen des Gerechten und ruft Gott mit geballter Faust zähneknirschend zu: »Laß mich ihn nur anrühren! Was gilt's? Er wird dir noch ins Angesicht fluchen!« Da lodert in ihm selbstentzündete, seelenversengende Höllenglut und Qual auf!

So spricht der gerechte Gott: »Die Sünde der Kananiter ist noch nicht voll; noch vierhundert Jahre sollen sie sie häufen, dann bricht das Gericht los.« Ein großes Geheimnis, dieses Gesetz vom Häufen von Schuld und Segen. Daß es aber in Wahrheit sich so verhält, zeigt die Geschichte der Welt, der Völker und des einzelnen. Und wie der einzelne zu Schuld und Strafe steht, daran wird das Prinzip erkannt, in dem er lebt, und ob er für Gott oder wider Gott eifert.

Wie stimmt auch hier die Bibel, diese, selbst abgesehen von ihrer göttlichen Inspiration, ehrwürdigste und bewährteste Urkunde der Menschheit mit den Überlieferungen von Hunderten von Volksstämmen, vom Nord- zum Südpol, von Ost nach West, aus der alten und neuen Welt überein. Kein Ereignis der Weltgeschichte ist uns mit solcher Bestimmtheit und Allgemeinheit überliefert als diese Sint- oder Sündflut und ihre Einzelheiten: In einem großen Schiffe werden acht Personen, ein Mann mit drei Söhnen, bei dem Untergang einer sündigen Welt gerettet, und auch die sieben Arten Tiere, die Taube und der Rabe fehlen gewöhnlich nicht. Noah ist der aus den Wassern mit seiner Familie gerettete Fohi der Chinesen, der Mann oder Me-Nu und Satyavrata der Inder, der Einführer des Opfers, der Übriggebliebene der großen Flut, von dem berichtet wird: seine drei Söhne hießen Schem oder Scherma, Charma und Yapeti; er trank Met und fluchte dem Charma; er ist der zu der von der Bibel angegebenen Zeit lebende Xisutros der Chaldäer, der zehnte Stammvater nach Aluros (Noah, der zehnte nach Adam), der indische Dew-Kali und der Deukalion der Griechen, der nach der Sage Arabien und Indien durchreisende, Pflug und Gesetz überall verbreitende Osiris der Ägypter, der Dwiwan der Kelten, der mit seiner Frau Dwiwach im Schiff ohne Segel mit einem Paar aller Tiere sich rettete ( M. de Serres, Cosmogonie), der mexikanische Kox-Kox, der mit seinem Weib Koxaguatl sich in einem Nachen auf den Berg Kolhuakan rettete, und deren Kinder je eine verschiedene Sprache von einer Taube lernten! ( Clavigero, Hist. del Mexico II, 6); er ist der Bergelmir der Skandinavier, der Mitschapu und Wessu Nordamerikas u. s. w. Überall hat er den Menschen den Acker- und Weinbau gelehrt. Überall erzählen die Völker wie die Bibel: Aus den drei Söhnen dieses Mannes ist das ganze Menschengeschlecht auf Erden entsprossen. Aus diesen schieden sich die Völker auf Erden nach der Flut (1. Mos. 9, 18. 19 u. 10, 32). Die Irokesen und die Indianer Floridas, Kubas, Mexikos erzählen von der großen Flut. – »Warum zankest du mit mir?« fragte ein Indianer vom Stamme der Atschagua auf Cuba einen der ersten der gelandeten Spanier, Cabrera, »warum zankest du? Sind wir nicht Brüder und stammst du nicht, gleich mir, von jenem ab, der das große Schiff baute und unser Geschlecht rettete?« Und er erzählte vom großen Boot und wie nachher der Greis dem einen gegen ihn frech gewesenen Sohn fluchte und den andern segnete. Sie selbst, erzählten ferner die Wilden, stammten vom ersten und müßten deshalb nackt gehen, während die Spanier gewiß vom Stamm des Gesegneten wären. – Den Regenbogen verehrten die Peruaner als Erinnerungszeichen an das Aufhören der Weltflut. »Aus der Höhle Pakaritanibo,« erzählten sie, »sind nach der Flut sieben Inkas hervorgegangen und haben allein das Menschengeschlecht erneut.« – Und auf den Sandwichinseln wurde der Fischer, der die Weltflut verursachte (wie kommen die Bewohner einer Insel im Weltmeer zu dieser scheinbar unmöglichen Vorstellung?), mit seiner Frau auf den Mauna Loa vom Geist der Wasser versetzt, wo er das Fallen der Wasser abwartete. Und so weiter! – Immer wird der höchste Berg angeführt. Und selbst das Datum ist durch die Übereinstimmung der Völker beglaubigt. Wie die Chinesen den Fohi oder Noah 2360 v. Chr. setzen, so lassen die Hindu ihr Kali-juga oder jetziges Zeitalter von der Sintflut an, 2380 Jahre v. Chr., entstehen, und der Chaldäer Berosus berechnet dieselbe, auf Sonnenjahre reduziert, genau zur biblischen Zeit, 2328 v. Chr. So sagten auch die Ägypter, das Reich der Menschen habe gegen 2400 v. Chr. angefangen; vorher hätten die Götter geherrscht. Überhaupt reicht die Geschichte keines Volkes über 2100 Jahre v. Chr. hinauf, also vor rund 2000 Jahren! Darüber hinaus fangen die Sagen von Halbgöttern an, sagt Prof. S. Mutzl (Die Urgeschichte. Landshut. 1843). Endlich erkennt dieser ausgezeichnete Kenner der alten Geschichte Bilder der Sintflut in den chaldäischen Sternbildern des Wasserstroms (Eridanus), der Arche (Argo), des Centaurs oder Wolkenmanns, des Bechers, den Weinbau und die Trunkenheit Noahs andeutend, des Raben und der Taube in den Plejaden der Alten.

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Auch dieser Noah und seine Nachkommen mögen immer noch gewaltige Existenzen, Helden und Recken gewesen sein. Vielleicht rühren von ihnen die über die Erde zerstreuten, so in Afrika und Kleinasien, am Mittelländischen Meer und in der Bretagne noch befindlichen, ganz ähnlichen, riesigen Denkmäler unbekannten Ursprungs her, so die Menhir und Dolmen (keltisch Inselsteine und Hochsteine), wie die tausendzweihundert Obelisken von Carnac, hohe Felsenstücke von ungeheurem Gewicht, tief in den Boden eingesenkt, deren Herbeischaffung und Aufstellung mit bloßer Handkraft als übermenschliche Leistungen überall von den Völkern den Riesen der Vorzeit zugeschrieben wird. So erzählt P. Loti in seinem Buch » La Galilée« von den Unterbauten Balbecks (Heliopolis oder Palmyra im Hauran): »Kolossale Steinquader bis zu sechzig Fuß Länge (!) bei zwanzig Fuß und mehr Höhe liegen da, die aufgerichtet, allein einen hohen Turm bildeten. Andre Monolithen, bis zu fünfundvierzig und fünfzig Fuß Höhe, also wie ein drei- bis vierstöckiges Haus, bilden Thürpfeiler. Und von den Erbauern keine Kunde! Keine Sage, kein Lied, keine Tradition gibt nur einen Wink, woher sie kamen, wer sie waren, wie ihr Name!« – »Vor diesen schrecklichen Bauten,« fährt er fort, »begreift man nicht mehr, wie der Mensch sie bauen, noch wie die Zeit sie stürzen konnte. Wie nunmehr ewig unbewegliche Felsen stehen sie da. Man fühlt sich erdrückt durch das Bewußtsein, daß die heutigen Menschen nicht nur nichts Ähnliches erzeugen könnten, sondern auch unfähig wären, dieses Chaos von erschreckenden Trümmern wieder aufzurichten. – Auf ihnen haben die Römer für uns immer noch riesenhafte, aber viel kleinere Bauten aufgeführt, so den unnachahmlichen Sonnentempel, mit achtzig Fuß hohen marmornen Säulen, zweimal höher als unsre Stadthäuser. Dann kamen Sarazenen und bauten kleiner noch, aber immer noch größer als wir. Die Abnahme der menschlichen Kraft ist schon an den angewandten Steinen sichtbar. Vor obigen Grundmauern nehmen sich alle unsre Paläste, Burgen, Kathedralen kleinlich, vergänglich aus, und wie aus Kieselsteinen, aus Brosamen zusammengesetzt!« – Oder sind das noch Reste von vorsintflutlichen Bauten? Und haben die ungeheuren Wellen, die furchtbaren Wirbel und Strömungen der Weltflut die so kolossalen Bauten halb weggespült?

Sehr interessant sind die Untersuchungen des obenangeführten Prof. der Geschichte, Seb. Mutzl, über die Noachiden. Er glaubt, daß dieser Noah, der in der Bibel so auffallend nach der Sintflut vom Schauplatz verschwindet, obgleich er noch dritthalb Jahrhunderte lebte, in diesen Jahrhunderten wohl mit zahlreichen Söhnen und Enkeln, zuerst nach Ägypten kam, als der Osiris, von dem der Römer Tibull singt: »Kunstreich hat Osiris den Pflug, der erste, geschaffen – Und mit dem Eisen dem Grund lockere Schollen entwühlt; – Dieser lehrt an den Pfahl die schlanke Rebe zu binden, – Ihm auch träuften zum erstenmal mit dem Fuß gekeltert, – Reife Trauben des Weins herzerfreuenden Saft« ( Carm. I, 1 eleg. 8).

Ferner findet Prof. Mutzl die Spuren Noahs in China, wohin er sich am Ende seines Lebens, wie auch Whiston, Bedford, Gatterer u. a. vermuten, sich über Mittelasien begab, und wo er vielleicht starb, als Abraham schon achtundfünfzig Jahre alt war. Er wäre der oben erwähnte Fo-Hi, » der Sohn des Regenbogens«, von dem die Chinesen erzählen: »Er hatte keinen Vater (ein schönes Bild seiner Abstammung aus einer untergegangenen Welt), sondern der Regenbogen hatte seine Mutter umfangen. Er baute das Land und pflanzte Weinberge. Er pflegte dem höchsten Geist Opfer zu bringen von sieben Arten von Tieren, daher sein Name; denn Fo-Hi heißt der Opferer« (vergl. 1. Mos. 8, 20). Sein Reich zeichnete sich durch die Reinheit seiner Moral und dadurch aus, daß in China allein bis 67 nach Chr. keine Abgötterei, kein Götzenbild zu finden war und nur der Eine Gott verehrt wurde. Er hätte das erste astronomische Observatorium errichtet. Endlich stimmt, wie schon gesagt, die chinesische Angabe seiner Lebenszeit genau mit der Bibel überein. Ferner erzählen die Chinesen vom Fall der Engel, dem Paradiese, den vier Flüssen, dem goldenen Weltalter, dem Falle des Menschen durch unmäßige Begier des Wissens, worauf die Tiere gegen ihn Krieg begannen und in drei oder fünf Stunden sich der Himmel veränderte und der Mensch nicht mehr derselbe war; endlich von einem Baum des Lebens und von der Sintflut. (Siehe auch v. Stolberg, Geschichte der Religionen.) Woher wissen sie das alles? – Und ebenso feiert Japan alljährlich gegen Ende August eine Totenfeier wegen der in der Sintflut umgekommenen Menschen ( M. de Serres, Cosmogonie).

Fragt man, aus welchen Menschen das Reich Noahs bestand, so ist die Antwort einfach: aus seinen Nachkommen. – Von der ungeheuren Vermehrung der Menschheit, sobald der Tod sie nicht hemmt und die Hälfte schon unter sieben Jahren wegrafft, machen wir uns keine rechte Vorstellung. Hatte Noah fünfzig Jahre nach der Sintflut nur zehn Kinder, und jedes zeugete wieder innerhalb des ersten Jahrhunderts seines Lebens zehn, und sie blieben alle am Leben, so läßt sich leicht berechnen, daß wir nach dreihundertundfünfzig Jahren schon in die mehrfach Zehnmillionen kommen. Eine schöne Erfüllung des Befehls Gottes an Noah: Mehret euch und »wimmelt« (Grundtext) auf der Erde und füllet sie.

Eigentümlich mutet uns die Annahme an, daß China, dieses Riesenreich, an Alter das ehrwürdigste, ein Viertel der Menschheit umfassend, vom Altvater Noah gegründet worden sei. Wohl ist es jetzt fast nur noch eine Mumie; aber als Germanen, Kelten und Angeln dem Namen nach noch nicht existierten, ein Jahrtausend ehe Romulus den Platz umpflügte, wo einst Rom stehen sollte, stand es schon da, von der übrigen Welt abgeschieden, mächtig und groß und civilisiert, mit starker Hierarchie und festem Verband, weisen Einrichtungen und patriarchalischen Gesetzen, eigner Religion und Kunst, mit großem Luxus und Pracht, brannte Steinkohlen, fabrizierte Schießpulver, trieb vorzügliche Industrie, Feldbau und Fischzucht. – Wo sind nun das alte Rom, Memphis und Babylon? – Peking steht noch und mitten in dieser ungeheuren, nach den vier magnetischen Weltgegenden regelmäßig orientierten, fest umwallten Weltstadt, mit ihren endlosen, streng nach Rang und Stand und Beruf geschiedenen roten und gelben Städten erhebt sich immer noch hinter langen hohen Mauern in alter Pracht und fabelhaftem Reichtum der unzugängliche Palast des »Sohns des Himmels«, des Verehrers Fo-hi's.

Nach Mutzl hätte sich der Noachide Sem, der erst im sechshundertsten Jahre starb, als Isaak schon hundertundzehn Jahre alt war, nach Südost gewendet, und wäre der Dschem-Schyd (Schyd bedeutet Glanz, ist also nur ein Attribut, wie Ammon-Rha) der Perser, der Scherma der Hindu, von dem sie sagen, er habe die Höhlenstadt Schem-Bamiyan gegründet, später Buddh-Bamian, mit zwei, 120 Fuß und 57 Fuß hohen, in Felsen gehauenen Statuen, vielleicht ein Abbild des Sem! Wie Fl. Josephus von einer Schrift Sems spricht, die zu seiner Zeit noch in Syrien existierte. Ausdrücklich erzählen die Orientalen, daß Persien noch menschenleer gewesen sei, als der mächtige Dschem-Schyd von Nordost herunterzog. Sein Reich, sagen sie, war sehr groß; er grub Metalle aus, baute Städte, kelterte zuerst Wein und regierte mit Kraft und Weisheit dreihundert Jahre. – Wir wissen nach der Bibel, daß er bis 1826 vor Christo lebte. Als er, der Vorsintflutliche, Vielgewanderte, Reichegründende, die Menschheit Jahrhunderte lang Unterrichtende, endlich, sechshundert Jahre alt starb, blühten bereits Babylon, Assyrien, Sidon als mächtige Staaten, in Griechenland war bereits Argos gegründet, in Italien saßen schon die Liguren, Etrusker u. s. w., in Syrien stand schon Damaskus, und der alte Noachide hatte zahllose Enkelgeschlechter überlebt; so nacheinander Arpaksad, seinen Sohn, dann Schelach, Heber, Peleg, Reghu, Serup, diese Semiten mit teils über vierhundertjähriger Lebensdauer; und selbst Nahor, Tarah und Abraham waren »zu ihren Vätern versammelt« und Isaak schon hundertundzehn Jahre alt!

Cham wendete sich nach Ägypten, wie der Name, »das Land des Cham«, zeigt (Ps. 104, 23. 27; 105, 22 u. a.); bei Plutarch heißt Ägypten Chemia; im Koptischen Chemi, Memphis von Menu oder Menes, Noah oder ein Noachide, gebaut. »Die Dynastienregister übereinander gestellt,« sagt Mutzl, »reichen über 5684 Jahre v. Chr. hinauf; ungefähr so, wie wenn wir die gleichzeitigen Regenten in den verschiedenen Staaten Deutschlands übereinander stellen wollten!« Champollion bewundert den hohen Grad von Kunstfertigkeit, welcher sich in den allerältesten Bauüberresten Ägyptens ausspricht. Dieses Rätsel löst sich auf dem biblischen Standpunkt von selbst; denn die Noachiden waren kein Geschlecht »von gestern her«; Cham selbst war noch ein Sohn der Urwelt, hatte ihre Städte und Staaten gekannt, hatte selbst mit seinen Söhnen am Bau Babels teil genommen, und von rohen Anfängen und einer geistigen Kindheit kann unter solchen Umständen nicht die Rede sein. Wie lange noch werden wir uns wundern über das, was Ägyptens älteste Denkmäler zu uns reden, und fabeln, daß der Zustand der Wildheit der erste des Menschen auf Erden gewesen sei? Chams Spuren und die seiner Nachkommen weist S. Mutzl bis an die Gibraltarstraße nach und führt manches an, das dafür spricht, Amerika sei von Chamiten zuerst bevölkert worden. (Vergl. obigen Ausspruch des Cubaners.)

Solche großartige, gewaltige Bilder der Vergangenheit zeichnen uns Bibel und Weltgeschichte; von solchen großen Männern von Ruhm, so erzählen einstimmig die Sage und die Überlieferungen aller Völker, stammen wir ab, und brauchen uns also nicht unsres Geschlechts zu schämen. – Wie abgeschmackt nimmt sich gegenüber dieser imposanten Übereinstimmung von Millionen von Zeugen und Aussagen der Streit moderner Gelehrter darüber aus, ob einige Feuersteinsplitter schon vor fünfzigtausend Jahren vom Urmenschen geschliffen wurden, oder ob sie, wie andre Gelehrte behaupten, nur fünftausend, oder nach noch andern erst zwölfhundert Jahre alt sind!

Schön war noch das damalige Leben. Diese Menschen durften die Folgen ihres Thuns erleben und genießen, ihren Willen, ihre Ideen der Welt, ihrem Geschlecht und ihrem Volk aufprägen und viele nachkommende Generationen nach ihrem Bild gestalten. – Wir pflanzen Bäume und essen nicht ihre Früchte, Weinberge und trinken nicht ihren Wein, bauen Häuser und wohnen nicht darin, freien ein Weib, eine Idee, Ideale, und ein andrer führt sie heim. Wir zeugen Kinder und verlassen sie; und sie folgen nicht unsern Fußstapfen; und ehe der Hall aus unserm Mund verhallt, sind wir nicht mehr da! – Man frägt nach uns und erfährt, wir seien schon tot. – Denn je mehr wir uns von dem Prinzip der Ewigkeit entfernen, desto vergänglicher! Bald werden wir mit sechs Jahren keine Kinder mehr sein, mit zwölf nervöse Jünglinge, mit dreißig überarbeitete Männer, mit fünfzig abgeschaffte, lebensmüde Greise. – Und das heißen wir Fortschritt! – So ein starker Noachide herrschte dreihundert bis vierhundert Jahre lang über große Völker; wo sind heute, nach kaum hundert Jahren, die Napoleoniden? Und das nennen wir Dynastien!

Wohl uns, daß uns ein Leben auf der neuen Erde verheißen ist, in dem wir nicht mehr vorüberhuschende Schatten sind, sondern noch ganz anders als Noachiden festen Besitz von der Gotteswelt ergreifen werden, und behaglich, Äonen hindurch sie beherrschen. – »Sie sollen das Erdreich besitzen!«

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Was sagt uns nun diese Bibel vom jetzigen Zustand der Menschheit? – Sie haben ihren Weg verkehrt; sie sind alle von Gott abgewichen; da ist keiner der Gutes thut, auch nicht einer! – Die Welt liegt im Argen, und ihre Freundschaft ist Feindschaft wider Gott! – »Das sind harte Worte, wer mag sie hören?« – Aber sehen wir uns in dieser Welt um, so sieht die Menschheit doch ganz so aus, wie ein kränkelnder, welkender Baum, dem der Lebenssaft abgeschnitten. Nicht sowohl wir Christen sagen es, als vielmehr die Kinder dieser Welt, die sich die vornehme Welt, die gute Gesellschaft, le grand monde, le beau monde, nennen. Sie selber rufen es laut, daß sie nichts mehr lieben, nichts mehr glauben, nichts mehr hoffen; daß sie blind und taub geworden sind für alles Göttliche, daß ihr Leben sich nur um Augenlust, Fleischeslust und hoffärtiges Wesen dreht, daß die Kräfte der zukünftigen Welt sie völlig kalt und gleichgültig lassen, daß die Welt ihnen eine Maschine geworden und sie sich wie eine hölzerne Uhr vorkommen, die still steht, wenn das Gewicht abgelaufen oder abgerissen ist. Sie sind es, die über sich und gegen sich zeugen. Warum sollen wir ihr Zeugnis, das so auffallend mit der Bibel stimmt, nicht annehmen? – Dabei spielen sie mit der Sünde, wie ein Idiot mit einer Klapperschlange, die ihn schon tödlich gestochen hat, und er merkt es nicht. – Und sie verzweifeln alle, die Ibsenisten und die Sudermannisten, die Naturalisten und die Ästhetiker, die Sociologen und die Weltverbesserer, die Fortschrittler und die Aufgeklärten, die Romanschreiber und die Bühnenautoren. Ihr Lachen klingt hohl; ihr Witz ist Galgenhumor. Sie haben keinen Frieden; wie könnten sie uns welchen geben? Sie wissen keinen Rat; wie sollen sie uns raten? Sie fürchten sich selbst vor dem grausigen Fatum; wie sollen sie uns trösten? Sie seufzen wie wir alle unter eigner Schuld; wie sollen sie uns unsre abnehmen? Sie pfeifen uns ein Liedlein vor, das uns ein Stündchen lang unser Elend vergessen läßt; und ist die Posse aus, so sind wir noch ärmer, leerer, fried- und ruheloser, irrer an uns, an Gott und an der Welt, denn zuvor! – Das leugne, wer kann!

Dabei nennen sie sich die »Vorurteilsfreien« und »Vorurteilslosen« und sind wie keiner voll von Vorurteilen, sind gegen alles Göttliche und Religiöse eingenommen, gegen alles Hoffen und Glauben, gegen alles, was Jahrtausende den Millionen Trost, Kraft, Frieden gab; sind gefangen und gefesselt in geistigen oder vielmehr geistlosen Moden, in vorgefaßten Meinungen und entlehnten Redensarten und Schlagwörtern, leben im blinden, prüfungslosen, beseligenden Glauben, daß es sechstausend – nein! fünfzigtausend oder dreihunderttausend Jahre lang, – genau wissen sie es nicht, – nur Dummköpfe auf Erden gab, und daß wir erst jetzt entdeckt haben, daß das Wasser näßt und das Feuer brennt, daß das Gras grün und der Himmel blau ist.

Doch sind sie gottlob nur eine, freilich viele um sich her berückende Minorität, so sehr sie sich als die Menschheit gebärden. Die vielen Millionen, die auf der weiten Erde wohnen, merken im ganzen wenig und wollen wenig wissen von diesen Weisen und ihrer gottfeindlichen Weisheit, und Gott erhält sie durch eine oft scheinbar harte Zucht der Arbeit und der Not in gesunder Berührung mit der gesunden Natur und ihren gesunden Gesetzen, in der Einfachheit und Einfalt ihrer Sitten und in der Furcht eines Gottes, den sie freilich mehr nur ahnen als kennen.

Und neben und inmitten dieser millionenfachen stets wirbelnden Weltgeschichte, die sich in scheinbar planlosem Gewirr von Tausenden von widerstreitenden Faktoren bewegt und durch diplomatische Verwicklungen, Welthandel, Kolonial- und innere Politik, Erfindungen und Neuerungen, durch Kriege und Umwälzungen hindurch einem unbekannten Ziele zueilt; über diesem Kampf ums Dasein und hinter den Coulissen dieses Chaos und Gewühls auf dem Markt des Lebens waltet eine unheimliche und eine heilige Geisterwelt; Boten und Diener und Gewalten des Lichts und der Finsternis beeinflussen und lenken die Thaten und Gedanken der Menschen, ziehen und weben an den unsichtbaren Fäden, die, uns unbemerkt und stark wie diamantene Ketten, uns dorthin und dahin leiten.

Im feurigen Mittelpunkt und Lebenscentrum dieser Terra sitzt im Zornfeuer ihres und seines Herzens Diabolos, ihr Gott; ein Fürst der Finsternis und der Luft und inspiriert Tag und Nacht alle Geschöpfe, die auf Erden wohnen; und täglich, nächtlich umschwärmen seine Geister die Großen und die Kleinen und suchen zu fällen Leib und Seele. Sie schüren den Hochmut und mehren die geistige Blindheit und flüstern den Menschen Gotteslästerung zu; und mit ausgestreckter Hand fliegen sie dem Menschen nach und harren der Stunde, wo der Zeiger fallen und die Uhr stille stehen soll; denn sie dienen dem, der den Menschen in harte Fesseln der Krankheit bindet und der die Gewalt des Todes hat! – »Soll man nicht,« fragt Christus, »lösen diese Tochter Abrahams, die Satanas gebunden hat diese achtzehn Jahre?« – Dann schlägt hier einer den Menschen mit der Faust an die Stirn, daß er zurücktaumelt und niederstürzt, oder greift ihm mit eiskalter Hand ins Herz, daß es zuckt und still steht, und er fällt und stirbt – und seine Mitmenschen sind sehr betroffen ob dem so unerwarteten Schlaganfall! – oder da bläst einer den Menschen an – der erblaßt, seine Lebenskraft ist gebrochen, er siecht dahin und stirbt; der Arzt seciert ihn und weiß genau, woran er gestorben: Hypertrophie des Herzen oder Unterleibstuberkulose. – Ha! wie lachen da so höhnisch die Dämonen! Und noch andre toben in den Lüften, wehen Städte um und richten Schiffe zu Grunde; oder in unterirdischem Feuer und erschüttern die Erde in ihren Zornausbrüchen, daß Tausende von Leichen das Land oder das Meer bedecken. Dann sprechen die Menschen klug von blinden Naturkräften und von elementaren Ereignissen. – Wie grinsen da die Unseligen!

Aber andre sind da, die Sklaven des lebendigen Gottes, mächtige Fürsten des Lichts, die einundzwanzig Tage kämpften mit den Fürsten der Finsternis, die Reiche und Völker ins Verderben stürzen wollten (Dan. 10, 13, 20-11, 1) und stehen den Königen als Helfer und Schutz bei; und leiten die Geschicke der Nationen und entscheiden nach dem Rat der Sehenden in den oberen Himmeln, ob auf Erden Krieg oder Frieden, ob Reiche und ihre Herrscher entstehen oder vergehen sollen, und alles Toben und Wogen der Völker ist ein schwacher Widerhall ihres mächtigen Thuns, denn sie sind die wahren Staatslenker und Diplomaten.

Und diese durch die Abgründe des Raums dahinfliegende Menschheit begleiten auch mitfliegende Scharen von dienenden Engeln, darunter die der Kleinen, die stets das Angesicht des Vaters schauen. Sie trauern, daß wir, ihre Brüder, blind und taub so emsig Sand und Spreu sammeln, nach Goldfliegen und roten Schmetterlingen jagen und uns wütend um einige Quadratfuß der Erdoberfläche bekämpfen, und der Ewigkeit vergessen. – Aber in Treue und Liebe verrichten sie ihres Vaters Geschäfte, schweben in Gottes Frieden um die dunkle Erde. Wo das Ebenbild Gottes, der Mensch, sich müht und klagt und weint, betet, hofft und liebt, sind sie ungesehen da, tröstend und stärkend, auf dem sturmbedrohten Schiff und in Bergeseinsamkeit, in den Hütten und in den Dachkammern oft, in Palästen selten; und an manchem hellerleuchteten Bau, aus dem Musik und Gesang erschallt, gehen sie mit abgewendetem Angesicht vorbei; denn schon erglüht auf der Schwelle das Zeichen des zweiten Todes. Aber ihre Haupt- und Lieblingsaufgabe ist, denen zu dienen, die die ewige Seligkeit ererben sollen, ihnen zu bringen Himmelsbrot, sie zu stärken in bangster Stunde und auf ihre Stirne den Buchstaben Tau (Hes. 9, 4-6) zu zeichnen, damit sie im Orkan des Gerichts vor den Engeln des Verderbens unantastbar dastehen!

Denn stets arbeitet der Heilige Geist unsichtbar an der Herstellung und Absonderung und Heiligung der großen Schar aus allen Völkern, Nationen und Sprachen, die einst in weißen Kleidern vor Gottes Thron stehen werden, hervorgegangen aus großer Trübsal. Einstweilen wandeln sie in schlichtem oder schlechtem Gewand, vielfach gebeugt und gebückt, in mancher Schwäche und vielen Irrtümern und Fehlern, und von der zukünftigen Herrlichkeit ist an ihnen nichts zu sehen. Sie sind Narren und doch weise, arm und doch reich, schwach und voll Kraft, sind ohnmächtig und schützen die Welt. Sie sind tot, und ihr Leben ist in Christo verborgen.

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Wohin fährt dieser Mensch, dieses wunderbarste aller Geschöpfe Gottes auf Erden, mit seinem Leid, mit seiner Freude, mit seinem Hoffen und Bangen, sorglos und mühevoll, getrost und verzweifelnd, alles und nichts glaubend?

Wie er sich mit erdichteten und unzähligen Jahrhunderttausenden über die Thatsache seiner vor kaum sechstausend Jahren, einer Sekunde der Ewigkeit, geschehenen göttlichen Erschaffung zu täuschen sucht und täuschen möchte, weil er vor jeder Berührung mit Gott zusammenschaudert und sich hinter alle Bäume des Gartens versteckt, wenn er seine Stimme hört, so möchte er sich durch einige eingebildete Jahrmillionen zukünftiger Existenz auf dieser dunkeln Erde beruhigen vor den Schrecken des kommenden Gerichts. Setzt auch die Bibel keinen Termin für die Dauer der Erde fest, so deutet Daniel mit seinen vier Weltreichen, – in der Fortsetzung des vierten, des römischen, leben wir – »nach welchen der Herr Gott ein ewiges Reich errichten wird, das nie vergehen wird«, auf einen nicht mehr sehr entfernten Abschluß der Weltgeschichte. – Auch hier würde der Mensch ein Naturereignis dem persönlichen Eingreifen Gottes vorziehen. – In allerlei phantastischen Beschreibungen wird uns die Zerstörung der Erde durch Zusammenstoß mit einem Kometen geschildert, eine Vorstellung, der wir bei verschiedenen Völkern, auch schon im Altertum begegnen. »Wenn einst Ahriman, sagen die Perser, den Kometen Gurzcher auf die Erde wirft, so verbrennt Himmel, Erde und Hölle in einem großen Weltbrand. Aber dadurch wird das Weltall gereinigt werden.« – Ebenso sagen die Verehrer des Schiwa in Indien: Schiwa wird mit zehn Geistern der Zerstörung einen Kometen zwischen dem Mond und der Erde herrollen, worauf die Welt in Asche sinken wird. – Ist diese heutzutage so oft wiederkehrende Vorstellung schon eine Ahnung des nahen Endes? – Denn Gott kann ein solches astronomisches Ereignis wohl mit seinem Gericht und mit dem Erscheinen des Menschensohnes in seiner Zukunft coincidieren lassen. Dann sieht Er und seine starken Engel mit Ihm, schon von Anfang an diesen flammenden Diener, den Er zum Gericht und zur Vernichtung schuf, wie er mit Windeseile, aus fernen Sternenräumen immer schneller auf die Erde stürzt, auf die durch das Weltall Gottes Finger ihn weist, uns noch unsichtbar, und doch wer weiß, ob nur noch zwei, ob ein Jahrhundert noch entfernt! am Himmel einige Schritte! ein paar Sekunden!

Auch dieses Ende der Erde durch das Feuer glauben die verschiedensten Völker. So sagten die Mexikaner, »wir befänden uns im vierten Zeitalter, das mit einem allgemeinen Ausbruch des Feuers aus allen Schlünden der Erde enden werde« (Professor S. Mutzl). Denselben Glauben haben wir in der isländischen Saga gefunden. Schon Seneka und Ovid lehren den endlichen Weltbrand, wie selbst ein bibelungläubiger Carus Sterne schreibt, daß der Naturforscher ebenso wie der Christ dasselbe annehme. Davon spricht der Apostel Petrus ein ernstes Wort: »In den letzten Tagen werden Spötter kommen, die nach ihren eignen Lüsten wandeln und sagen: Wo ist die Verheißung seiner Zukunft? Denn seitdem die Väter entschlafen sind, bleibt alles so von Anfang der Schöpfung an. Denn nach ihrem eignen Willen ist ihnen dies verborgen, daß von alters her Himmel und Erde waren, und eine Erde entstehend aus Wasser und im Wasser durch das Wort Gottes, durch welche [Wasser] die damalige Welt, vom Wasser überschwemmt, unterging. Die jetzigen Himmel aber und die Erde sind durch sein Werk aufbewahrt, für das Feuer behalten auf den Tag des Gerichts und des Verderbens der gottlosen Menschen. Es wird aber der Tag des Herrn kommen wie ein Dieb, an welchem die Himmel vergehen werden mit gewaltigem Geräusch, die Elemente aber im Brande werden aufgelöst und die Erde und ihre Werke auf ihr verbrannt werden (2. Petri 3, 3-10).

Eingehender spricht davon die Offenbarung, dieses Buch des Endes, das mit dem Buch des Anfangs es gemeinschaftlich hat, daß es sich von den Menschen als Märchen verspotten lassen muß.

Ist aber vollendet, was darin geschrieben steht, so ist die irdische Geschichte vorbei – ein Vergangenes, eine Erinnerung nur, ja ein Vergessenes! (Jes. 65, 17); ein Nebensatz in Klammern in der großen, endlosen Rede Gottes, eine kleine Episode im großen göttlichen Lustspiel, ein Zeitliches und Vergängliches zwischen zwei unvergänglichen Ewigkeiten, ein Wölkchen, das über die Sonne zog, ein Augenblick des Leids und der Sünde. Und nun ist auf ewig der Mensch das, als was er einst geschaffen, ein Abbild Jehovahs, sein Vicekönig und Stellvertreter auf der neuen Erde, voll Macht und Weisheit und Pracht; nicht mehr ein Sklave der Natur, sondern ihr unumschränkter Gebieter. Ihm erglänzt nun ewig die ewige Sonne des Lebens in alter und ewiger Pracht; vergessen ist Leid und Geschrei, Arbeit und Tod; die Sphären drehen sich mit ewigem Gesang, der Harfendonner der Erlösten ertönt ewiglich, die starken Engel fliegen in ihrer Kraft von Sonnen zu Sonnen und verkünden Gottes Befehle, und die Cherubim und Seraphim verdecken ihr Angesicht und beten an. – Der Name Gottes ist geheiligt, Sein Reich ist gekommen; Sein Wille geschieht auf der neuen Erde wie im Himmel; und Sein ist die Kraft, das Reich und die Herrlichkeit in den Ewigkeiten der Ewigkeiten. Amen!

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