Martin Beradt
Die Verfolgten
Martin Beradt

 << zurück weiter >> 

Troll

Ich schreibe meine Bedenken hin, weil ich mich zu entladen hoffe. Wenn wirklich – aber ich wage noch nicht, es mit deutlichen Worten hinzusetzen – wenn wirklich dieses sich begeben sollte, würde ich jetzt in Stunden stehen, die ich bis zu meinen letzten Tagen übersinnen werde, immer die Welt-Beweggründe, die nun durch mich auf- und abschwebt, von neuem beschwörend: warum mich das Bellinische Gelb ihres Haares so erregt und der krankhafte Schimmer ihrer feingebogenen Nägel. Oder ob nicht das Erregendere dieser müde Sinn war, der mich jeder Aussprache überhob, bei dem ich nur ferne Tasten anzurühren brauchte, um ganz lange und seltsame Tonfolgen auszulösen.

Es ist das Belebende zwischen einem Herrn und einer Dame (ich mag nicht: einer Frau sagen), daß sie einander viel weniger zu sagen brauchen, als wenn sie mit ihrem eigenen Geschlechte zusammen sind, und doch viel raschere und undeutlichere Erlebnisse haben. Dieses Undeutliche ist die Hauptsache, ich glaube, nur dieses Undeutliche ist die Liebe.

In diesem Undeutlichen liegt wohl sehr viel Sinnlichkeit. Ich habe zu viel über sie nachgedacht, um sie nicht noch unter ihrer verblaßtesten Form zu entdecken. So 48 weiß ich mich ziemlich rein von einer Sinnlichkeit vor Kunstwerken, von der selbstverständlichen und nächsten abgesehen. Vielleicht kann man sich ihrer nicht sehr erwehren, wenn man geschlechtlich unbefriedigt ist. Aber sie fehlt mir völlig, auch wenn ich mich lange fern gehalten, wenn ich solche Bilder in Gegenwart eines anderen betrachte. Und dennoch habe ich, als ich die Akte, die Änne gemalt, mit ihr besah, ein erotisches Aroma in meinen Adern gespürt. Ich schreibe es hin, weil es mich verwirrt macht, weil es mir bezeugt, wie stark mich gerade meine Sinne zu ihr ziehen, und weil das mich unsicher werden läßt, ob man eine Frau heiraten darf, von der man im voraus weiß, daß die Beziehungen zu ihr sehr sinnlich sein werden.

Denn sinnlich ist sie selber sicher auch. Alle Künstlerinnen haben etwas von dieser starken Erregungsfähigkeit. Sie muß sie besonders haben, weil sie von alter Kultur ist und die Späten als Erbe immer die Kraft in Sinnlichkeit umgesetzt bekommen. Wodurch könnten sonst die Schwächsten immer die Sinnlichsten sein?

In mir klopft das Blut so laut, daß ich spüre, wie es um den einen Gedanken kreist, was ich ihr nachher sagen werde. Sie muß wissen, was mir im Sinne liegt. Mädchen ahnen immer alles, und sie versteht schon die kaum gedachten Dinge. Ich weiß, es wird halbdunkel sein, die Bilder werden unter einem dunklen Schleier liegen. Ich werde sie nicht ansehen können und die Augen an die Fransen eines Teppichs heften. Sie wird Tee bereiten, ich sehe alles, mir ein Glas reichen . . . Nein, das darf ich nicht mehr abwarten. Wenn sie das 49 getan, wenn sie mich mit ihrer Hand leise gestreift hat, so daß das Undeutliche wiederkommt, werde ich das nicht mehr sagen können, was ich ihr doch sagen muß.

Ich spüre mich erblassen, weil ich nicht anders kann als es ihr sagen. Ich schmecke den starken Geruch der Centifolien, die hier stehn; in irgend einem Buch, das ich auf dem Tische liegen habe, muß der Leim am Einband nicht getrocknet sein. Alles taucht in mir auf, was ich schon beruhigt glaubte: auch was ich empfinden werde, wenn sie mich nicht wird verstehen wollen. Ich kann mich heute nicht mit den sanften Gründen überreden wie bisher: daß meine Mittel, meine Unabhängigkeit, mein Geschmack, meine Verdienste sie bestimmen werden. Ich weiß, daß bei den Frauen das Undefinierbare entscheidet, der Duft, eine Bewegung, die Stimme; ich schäme mich, daß ich meine Verdienste überhaupt aufzähle, wie es ein Mittler täte, der das gewerbsmäßig treibt.

Ich bin von neuem unten und betäubt und fühle in diesem Augenblicke wieder deutlich, wie mir als dem Späten eines Geschlechts die Schwäche im Handeln hinterlassen ist, ohne daß ich mich dagegen wehren könnte. Ich muß die Blumen hinausstellen, sie bedrängen mich mit ihren üppigen Ausdünstungen, meine Nerven werden von ihnen ausgepeitscht. Ich muß mich beruhigen, an etwas anderes denken, an die Komtesse Ingelhofen, die mich geliebt hat, oder an solche Lust. Ja, das ist eine vergangene Zeit, als die Komtesse immer von meinen Händen sprach, von meinem blassen Gesicht und meinen angeblich starren Augen. Nun ist 50 sie verheiratet und hat mehrere Kinder. Wie? was schreibe ich da? Das habe ich nicht gedacht, das mit den Kindern . . . Gott, gib mir, daß ich nicht daran denke, damit ich nicht jede Handlungsfähigkeit verliere. Ich will an etwas denken, was mich festhält, unzweifelhaft fest. Ich werde mir Änne vorstellen, was ich nur tue, wenn ich einem Qualgefühl entrinnen will. Oh, sie wird schlank sein, schlank, ganz schlank. Ihre Seiten werden eine einzige steile Linie bilden. Und ihre Brüste . . . man weiß das bei keiner Frau bestimmt, die Scheuen wissen so geschickt zu unterschlagen, die anderen, so geschickt zu täuschen. Aber ich weiß: die ihrigen werden nur blasse Andeutungen sein, mit einem rosigen Punkt wie einer Fieberblüte, zart und unentfaltet wie bei einem Kinde. Darf ich das denken? Ich muß etwas tun, um mich zu beruhigen, um mich entschlossener zu machen. So, diesen schweren Likör werde ich trinken und dann Homer lesen. Bei ihm empfindet man, daß es etwas Zeitloses gibt, daß man in einer anderen, zeitlosen Welt leben kann, wenn einem die gegenwärtige zerschlagen wird. Dann werde ich in den Zirkus gehen, wenn es auch Sonntag ist, wenn auch alles Volk dort sein wird und zwei Kinder auf jedem Platze sitzen. Aber ich werde Pferde sehen und Athleten werden ringen. An ihrer Kraft werde ich mich berauschen, und wenn ich unmittelbar von dort zu ihr gehe, werde ich den Mut haben, den Mut haben, ihr zu sagen –

 

Ich beugte mich über die Logenbrüstung. Der Stallgeruch erregte mich, auch der Schweiß des Volks regte 51 mich auf. Aber ich wollte die Erregung nur durch die Athleten.

Dann rangen sie, endlich. Die Muskeln stiegen, und die Körper schwollen auf. Welche Beruhigung, die Athleten! Wenn ich einen jungen Menschen mit einem feinen Gesicht sehe, wende ich mich ab. Ich kenne ihn zu genau, ich weiß, was er empfindet oder was ihn bewegt. Einen Offfzier allenfalls lasse ich gelten. Vor anderen verteidige ich die Kultur, den Geschmack, den Esprit, belächle ich die robusten Leute, aber wenn ich dann einen Husarenoffizier über die Straße klirren höre, drehe ich mich heimlich nach ihm um wie ein junges Mädchen und drehe mich nach dem jungen Mädchen um, um zu sehen, ob sie sich nach dem jungen Offfzier umdreht. Ich verstehe die Frauen nicht, warum wählen sie nicht ausschließlich Offiziere? Ich habe auch Änne zuerst gefragt, ob sie Offiziere liebe. Ich habe immer die Frauen, an denen mir lag, zuerst danach gefragt, weil ich mich dann einen ungeeigneten Rivalen wußte.

Riesig muskulös waren die Athleten. Schließlich lag einer auf dem Rücken, und seine Schultern berührten den Sand. Ich konnte es genau sehen. Die Leute brüllten, klatschten, trampelten. Ja, man konnte da schon rasen. Das übertrug sich übrigens, ich klatschte selbst, das gab Kraft, ich fühlte meinen Körper leben. Alles schwatzte, wie erlöst, ja, wie aus dem Starrkrampf aufgeweckt, durcheinander, es war ein Lärm, wie bei einem Aufstand. Ich sah mich um, alle Ränge schwarz von Menschen. Das war kein Sprechen mehr, das war ein Rauschen. Wie falsch machen sie doch im Theater das 52 Volksgemurmel nach! So gewaltig habe ich es noch nicht gehört. Man müßte öfter am Sonntagnachmittag sich das ansehen oder anhören. Dieses Rauschen, das immer dröhnender wurde, sekundenlang abschwoll, um noch lauter anzuschwellen, regte mich unsagbar auf, machte mich eigentlich und im Grunde zittern. Die Leute waren alle glücklich. Waren im Zirkus, also bei einem königlichen Vergnügen, nachher tranken sie sich einen Rausch an, und dann zum Abend, wenn alles vorbei war, gingen sie in ihre Zimmer, in ihre Betten: Ich sah sie schon alle vor mir, wie sie den Abend beschlossen, und nur ich allein hatte das Schwere vor mir, hatte zu sagen . . .

Dann traten die Clowns auf. Das waren Verzerrungen, die ich nicht begreifen konnte. Ich verstand weder, was sie sagten, noch worin der Witz ihrer Sprünge lag. Aber das Volk tobte vor Vergnügen. Vor allem die Kinder schrieen. Noch dann, wenn schon alles nach einem Witz still geworden war, quiekte eines auf und weckte Echos.

Ich bekam einen Schreck. Der Stallgeruch war mir plötzlich widerwärtig. Aber das war es nicht. Der Schreck kam nicht von dort, er ging auch nicht vorbei, er blieb. Das war die Grundfrage: mußte ich ihr sagen, daß ich nie ein Kind haben wollte? Daß mein Kind degeneriert sein würde? Daß ich wüßte, wie in mir die letzten und subtilsten Potenzen meines Geschlechtes ausgegeben sind? Vier Geschlechter höchster Kultur hintereinander sind zuviel. Ein Onkel von mir ist entartet. Ich fühle, daß ein Kind von mir minderwertig sein muß, daß ich mich zu genau beobachte, um nicht 53 zu wissen, daß ich selbst schon viele Züge habe, die Degenerationssymptome sind. Ich wußte genau, wie sehr dieser Aufenthalt im Zirkus vor einer Erklärung selber ein solches Symptom war. Aber mußte ich ihr das sagen? Ich mußte immerfort es denken und unablässig auf die Clowns starren. Vielleicht mußte ich gerade das ihr vor allem mitteilen. Sie ist selbst so eine feine Blüte . . . diese senkrecht steile Linie . . . Wenn auch eine Frau durch ein hohes geistiges Niveau nie so degeneriert sein kann, wie ein Mann, so kann sie es körperlich um so leichter sein. Ich habe mich trotzdem dieser Leidenschaft hingegeben, weil ich auch von keiner Bauerndirne ein Kind hätte haben wollen. Ich hätte gefürchtet, auch da zu sehr der entscheidende Teil zu werden. Nun ist die Gefahr doppelt. Ich würde sündigen, wenn ich es nicht sagte.

Die Clowns traten ab, und das Volk raste von neuem. Nun traten ein Türke und ein Russe auf, um miteinander zu ringen. Ich konnte es mir noch nachher überlegen, ob ich es ihr heute sagen mußte. Aber dieser Russe! Das war Kraft. Herr! Gott! Ein Griff von ihm riß mich um. Ich glaubte, über die Brüstung zu fallen. Einen stärkeren Eindruck konnte ich nicht mehr empfangen. Ich ging fort . . . ganz rasch, daß ich den Eindruck nicht verlöre. Nahm meinen Mantel, meinen Hut . . . und ging zu ihr . . . Ach diese Luft! . . . Ich werde nie vergessen, wie diese Luft auf mich wirkte . . . so habe ich sie in mich aufgenommen, meine dürstenden Lungen mit ihr gefüllt!

 

Ich darf mir jetzt das Bellinische Gelb immer vorstellen, die feinen Nägel und ihren Mund. Daß 54 solcher blasse Mund so küssen kann! Ich hatte doch richtig ihre Sinne geahnt. Ahnungen sind wohl meine Stärke. Ich empfinde überhaupt jetzt so vieles Starke an mir. Der Gewinn solcher Liebe steigert vielleicht den Glauben.

Manche beneiden mich schon. Ganz seiner Liebe und seiner Kunst leben zu können, ist in der Tat ein Geschenk von göttlichen Gnaden. Oder mehr eine Gabe sorgsamer Ahnen. Ich weiß aber nicht, ob einer von denen, die das uns neiden, ahnt, welches Opfer wir für diese Gaben noch zu bringen haben. Ich habe es ihr noch nicht gesagt. Ich hätte es nicht gekonnt, als sie mir mit geschlossenen Augen die Lippen reichte. In diesen geschlossenen Augen lag die volle Hingabe. Man gibt die Lippen, ohne sich zu überzeugen, daß sie auch wirklich der nimmt, den man sie geben will. Man weiß es hinter geschlossenen Augen, daß es kein anderer sein kann, als der, dem man sie geben mag.

Ich habe sie dabei berührt, diese wunderbar steile Linie, und meine Hand verlor sich wie im Traum über andere Landschaften meiner Vorstellung.

Peter bringt den Blumenkorb herein, den der Gärtner zusammengestellt hat. Es sind nicht genügend dunkle Rosen darin. Unsere Liebe kann nur die stärksten Farben gebrauchen, die üppigsten sind für unseren Hunger gerade stark genug. Sie wird noch sinnlicher und heißer werden, wenn ich sie erst ganz für mich haben werde. In acht Wochen werde ich sie zu mir nehmen. Peter sieht mich dumm an. Aber er soll doch hinausgehen und noch einmal zum Gärtner laufen . . . 55

In mir habe ich abwechselnd eine unendliche Ruhe über meinen Besitz und eine Erregung, die mich wie ein Strom durchzieht. Als wir gestern durch den englischen Garten gingen, machte ich die erste Andeutung. Eine Nonne ging mit zwei kleinen Mädchen vorüber. Die Höschen guckten den Kleinen entzückend hervor, wie einst zur Biedermeierzeit den Erwachsenen. Das amüsierte mich, ich fragte sie, ob sie auch Kinder liebe. Sie wurde verlegen, sah zu mir auf und legte ihren Arm fester in den meinen. Ich fragte weiter, ob sie viele Kinder haben wolle. Sie empörte sich, wie ich es aussprechen könnte, eines höchstens, die ersten Jahre überhaupt keines. Wir wollten reisen, wenigstens hätte sie sich das so gedacht. Ich erwiderte, daß ich überhaupt kein Kind haben möchte, weil es ihre Schönheit zerstören könnte – oh, sie ist schön – und weil sie Schmerzen haben würde. Sie dunkelte ganz tief und sagte kein Wort, ließ auch mich nichts sagen. So konnte ich ihr meine wirklichen Gründe nicht mehr nennen.

Die Blätter waren ganz voll. Der Wasserbach quirlte. Große weiße Wolken lagen in einem blauen Himmel. Das Gras war genußreich grün, die Wiesen fruchtbar von großen fetten Blumen überstanden, die Vögel sangen alle durcheinander. Unsere Schritte hörten sich angenehm knirschend an. Es war eine Frische und eine Lieblichkeit, zu gehen. Ein alter Herr und eine alte Dame kamen, ein rührendes Paar, entgegen; einsam, nicht allzuweit, folgte ein altes Jungferchen, in ihre Einsamkeit verloren. Die Sonne schien ganz milde und beschien auch das alte Fräulein, bei dessen Anblick ich mich, 56 wie bei jeder unverheirateten Frau, ein wenig schuldig fühlte. Dann aber verschwand der Schatten. Denn ich fühlte Ännens Haut durch den dünnen Stoff, diese Haut, die so unendlich kühl ist. Oh, wie schön sind die sinnlichen Frauen mit kühler Haut! Ob sie ahnt, wie ich sie mir zuweilen vorstelle? Ich bin so völlig glücklich. Ich kann ihr alles sagen, was mich beschäftigt. Sie ahnt alles, noch mehr, als ich es glaubte. Nur das eine kann ich nicht sagen, und gerade dieses ahnt sie nicht. Aber ich kann sie nicht heiraten, ohne ihr das gesagt zu haben.

 

Ob ich es ihr schreibe? Man kann geschrieben alles so viel besser sagen, wie mir hier meine Gefühle klarer werden, als ich sie sonst empfinde. Worte würden sich auch dafür finden lassen, aber ob es richtig ist, so etwas zu schreiben? In mir sträubt sich vieles dagegen. Nein, ich werde es nicht tun und es ihr heute am Abend, nach dem Konzerte, mitteilen. Paganini wird sie aufrühren; wenn sie mich am meisten lieben wird, werde ich ihr dieses offenbaren.

 

Diese Mädchen sind die schönsten, deren Körper der Ausdruck reinster und blassester Vollkommenheit ist und deren Geist dabei alle Kulturen und selbst ihre Absonderlichkeiten begriff. Man findet sie unter den Künstlerinnen, die im Umgang mit etwas absonderlichen Menschen und in der Beschäftigung mit den verwandten sinnlichen Problemen, die die Kunst bietet, zu der Reise gekommen sind, die uns Männer im Innersten berühren muß. 57

 

Ich habe ihr alles sagen können und es nur anzudeuten gehabt. Sie kannte mich ganz genau. Sie weiß, wo die absteigenden Symptome an mir sind, sie liebt mich um derentwillen. Das ist eine Pervertierung, die bei hochentwickelten Naturen selbstverständlich ist. Sie begreift auch, daß wir nur eingewebte Maschen sind, daß wir nicht durch die Schöpfung verblödeter oder belasteter Kinder das Kleid zerreißen dürfen, in dem wir uns wohl fühlten. Sie will auf das Kind verzichten, das doch ihre Bestimmung ist, um meinetwillen, den sie für ihre Bestimmung hält . . .

Wir haben an diesem Abend noch lange weit draußen in einer Weinstube gesessen und schließlich jeder Trauer gehabt. Wegen des Opfers, mit dem wir nun unsere Liebe besiegeln? Oder wegen des erdrückenden Gefühls, daß wir am Ende eines Geschlechtes stehen und nicht mehr zu schöpfen wagen? Die Luft war schwer, als wir hinausgingen und ich sie schweigend nach Hause brachte. Eng gedrängte Paare gingen im Dunkel. Hinter einem Zaun oder einer Tür hörte man ein seliges Lachen, unseliges Stöhnen. Der Mond hing verhängt hinter Wolken. Eine Geige spielte aus irgend einer Schänke zur offenen Tür hinaus. Irgendwo hoch sah man hinter roten Vorhängen Licht. Aus dem Boden stieg fetter Erdgeruch. Ein Kater bekam eine Katze zu fassen. Ein Student, der vorübertorkelte, sang ein Lied von einem Mädchen, das ein Kind hatte. Dann kam ein feiner, rieselnder Regen, der wieder gut tat und befreite. Als ich ihr beim Abschied in die Augen sehen wollte, entzog sie mir ihren Blick, aber sie weinte nicht. Sie kann überhaupt nicht 58 weinen, ihre Stimme klang völlig fest. Es war nur die Abendstimmung, die sie bedrückte.

Ich zog langsam nach Haus. Ich hatte das nun hinter mir, vor dem ich so lange beklommen war. Aber eine Erleichterung spürte ich nicht, und auch der feuchte rieselnde Regen war nicht befähigt, mich zu erleichtern.

 

Ich liege platt auf einem Teppich in meinem Arbeitszimmer. Ich habe die Erdkugel aus dem Gestell genommen, um so bequem die Reisen zu übersinnen, die wir in einigen Wochen aufnehmen wollen. Vorläufig spiele ich mit der Kugel Haschen. Es macht mir ein Vergnügen, mich wie ein Kind zu benehmen. Die erwachsenen Menschen wissen gar nicht die Sinnlosigkeit zu schätzen. Musikalischen Menschen müßte eigentlich die Sinnlosigkeit näher liegen, aber ich habe auch bei ihnen die rechte Freude an dem bewußt unsinnig Gestalteten, die so übermäßig Kinder empfinden, noch nicht gefunden.

Hurrjeh! sie läuft so weit in eine Ecke, daß ich aufstehen muß, um sie zu holen. Ich kann doch nicht Peter klingeln, daß er sie mir reiche, und dabei platt auf dem Bauche liegen bleiben. Also aufgestanden, hergenommen und wieder hingestreckt! Diesmal strecke ich mich auf den Rücken und lasse die Kugel auf meinem Bauche balancieren, den ich garnicht habe. Man kann in dieser Stellung neben allem anderen wundervoll nachdenken, wenn man nachdenken will. Die Kugel erinnert übrigens an eine Massagekugel und ist so leicht, weil sie innen hohl ist, daß ich sie mit den Fingerspitzen regiere. 59

Also, wohin werden wir reisen? Da ich seit gestern Abend die schwere Erörterung hinter mir habe, fühle ich mich auf einmal so leicht, daß ich nur an das Reisen denken möchte. Ich werde sie nach Frankreich entführen und ihr den Reiz der dortigen Frauen zeigen. Sie hat nicht den Geschlechtsneid, den die gewöhnlichen Frauen hegen. Ich könnte sie selbst nach London führen und ihr die schönen Gestalten der Engländerinnen vor Augen stellen. Sie würde auch dort nicht neidisch sein, weil sie weiß, wie ich ihre fein abfallenden Schultern, ihre überschlanke, unendlich zarte Gestalt liebe. Wenn ich jetzt eine Zigarette hätte, würde ich in den Wolken sie in ihrer nackten Wirklichkeit, die ich noch garnicht kenne, zu sehen vermögen. Denn ich kenne den Körper aller Frauen ein wenig durch ihre Kleider. Man muß das können. Ich müßte aber aufstehen, um die Zigarette zu holen. Peter kann ich auch in der Rückenlage nicht herbeiklingeln. Aber ich sehe sie dennoch vor mir in dieser überschlanken Gestalt. Ich glaube, sie empfindet garnicht, daß sie sich selbst kein Kind wünschen dürfte, auch von einem anderen nicht, ohne Bedenken für ihre Unversehrtheit zu haben. Sie ist eine Fieberblume, und ich weiß nicht, ob ich sie nicht deshalb liebe. Ich liebe sie wegen ihrer abfallenden Schultern, obwohl ich weiß, daß dieses in jedem Sinn ein Abstieg ist. Aber ich liebe sie auch vor allem wegen ihres zarten Antlitzes, das wie die Möglichkeit eines zweiten Gesichtes ist, und wenn sie selbst alle Symptome des Niedersteigens hätte, ich würde sie alle mitlieben, wenn ich ihr Gesicht nicht ohne sie bekommen könnte. 60

Ich küsse sie mit meinen Lippen in die Luft. Die Spitzen balancieren sanft die Kugel. Aus der Ecke macht mein Papagei mit einem schmatzenden Geräusch die Küsse nach, die ich vergebe. Er wundert sich über den Menschen, der auf dem Teppich liegt, und findet es ungehörig.

Die Tür ist ganz leise aufgegangen und Änne eingetreten. Sie hat sich mit Peter verständigt, daß sie mich überraschen wollen. Sie hat furchtbar über mich gelacht, hat mir befohlen, liegen zu bleiben, ist dann in all ihren Sachen vor mir niedergekniet und hat mich lange geküßt!

In den kurzen Pausen, zwischen den Stößen ihres Atems, befiehlt sie mir, die Kugel festzuhalten, und ich balanciere sie noch, als sie mir sagt, daß die Luft gestern sehr schwül gewesen sei. Sie will wohl damit erklären, warum ich ihr nicht in die Augen habe sehen dürfen, und ihr ganzer Besuch ist ein Beweis, daß wir einig sind in allem.

 

Ich kann jetzt garnichts mehr niederschreiben. Wenn man mit einer so wundervollen Frau zusammenreisen, zusammenleben darf, dann findet man keine Zeit für andere Gedanken als für die an sie, und für diese sind die Stunden des Tages und der Nacht zu kurz, als daß man sie auch nur ausdenken könnte. Sie macht mich außerdem so verspielt, daß ich mich zu einer ernsten Arbeit, und wäre sie nur die schriftliche Reflexion, nicht aufzuraffen vermag.

Ich glaube, neben allem anderen behagt ihr auch das Grandseigneurleben, das wir in Frankreich führen. 61 Ich habe das freudige Gefühl, reiche Mittel zu besitzen, nie so stark gefühlt wie jetzt, wo ich sie für sie verschwenden darf. Sie hatte demgegenüber in beschränkten Verhältnissen gelebt. Es ist mir unbegreiflich, wie sich dieses Gesicht, diese schmale Gestalt, dieser so verfeinerte Sinn anders als in höchster und üppigster Kultur hat entwickeln können.

 

Paris ist eine große Stadt. Es sind drei Millionen Menschen in ihr. Man erstickt, wenn man die Fruchtbarkeit bedenkt, die erforderlich war, um diese Millionen zu erschaffen.

Wir saßen heute in einem der Restaurants, in denen mondäne Damen zu verkehren pflegen. Sie hatte nicht die Neugier, sie zu sehen, wie etwa junge Damen aus guter Familie sie empfinden, die man verheiratet hat. Es reizte sie nur, den berühmten französischen Typus der femmes amoureuses kennen zu lernen, den auch ich gern wieder einmal sah.

Es waren wundervolle Erscheinungen unter ihnen. Insbesondere fesselte uns ungemein eine große blonde Frau, die ihr rötlich blondes Haar hoch aufgebauscht trug. Sie saß in einem Kleid von stahlblauen Pailletten da, neben sich einen ganz kleinen, nicht einmal netten Dandy, dem sie ein, wie es schien, nicht bloß äußerliches Interesse zuwandte. Verschiedene Damen saßen allein an ihren Tischen, auf dem die Gazelampen leuchteten. Jedem eintretenden Herrn wandten sie den Kopf zu mit dem großen Hut, wobei sie durch ihre Wendung ihre Büste den anderen darboten. Es schien 62 mir trotzdem, als ob sie die Brust nicht so zur Schau trugen, wie bei uns.

Auch der kleine Herr wandte jedem Eintretenden das Gesicht zu, als ob er gern einen Bekannten fände, der das nicht bloß oberflächliche Interesse bemerkte, das ihm die rotblonde Dame zuwandte. Er sah dabei lächerlich dandyhaft darein.

Wir stritten während des Essens über den Typus Dandy und sprachen von Hetären. Ich sagte, daß jede Dame ein Dandy sei, was sie stutzig machte, weil ihr Dandy ein männlicher Begriff schien. Aber wenn man, wie man muß, unter ihm eine Verlegung der Persönlichkeitswerte vom Inneren auf das Äußere versteht, wenn man weiß, daß ein Dandy sein nichts anderes heißt, als seine äußeren Mittel, seinen Gang, seine Kleidung, seine Worte zu stilisieren, weil man seelisch nichts der besonderen Führung und Betonung und Stilisierung Würdiges findet, so wird man erkennen, daß unsere Damen wirklich zum größeren Teile Dandys sind. Desto einiger waren wir über den Begriff Hetäre. Wir haben in unserem Bürgertum viel zu wenig von ihnen, da die Mutter bei uns sie tötet. Vielleicht werde ich zu den wenigen gehören, die mit einer wirklichen Hetäre zusammenleben.

Wir hoben die Gläser mit Fréminet, und ich trank auf sie als auf meine Hetäre. Sie sah mich an aus ihren tiefen, blauen Augen, tief und blau, und sagte dann langsam, nachdenklicher, als ich erwartet hatte:

»Ja, ich bin es!«

Vielleicht stieß sie sich an dem Wort, daß sie darum zögerte. Ich schenkte ihr den Schaumwein ein, und der 63 Trunk machte sie ausgelassen. Sie wurde so lebhaft, daß ich sie fortführen mußte, fabelte von Rops und seinen Freundinnen, von Akten und Gazeschleiern und wollte in ein Café gehen, in dem Demimonde verkehrte. Ich wehrte mich, und sie gab ihren Wunsch auch leichthin auf. Im Hotel küßte sie mich ganz wild, und ich durfte sie dann, wie nun so oft schon, liebhaben.

Sie schlief dann ein, die Schultern offen. Ich blieb noch wach und dachte nach. Ich liebe sie noch mehr, als ich zu Anfang für möglich gehalten hätte. Ich merke daß die Letzten ihres Geschlechts, die nicht mehr den Mut zur Schöpfung finden, in anderer Weise gesegnet sind. Ich werde sie immer zur Geliebten haben und nicht über ihrer Liebe zu einem Kinde sie verlieren. Ein seliges Gefühl, daß ich in noch höherem Grade als andere zum Genuß und zum Glück bestimmt sei, faßt mich. Wer wie ich und wie sie die Genießerseele hat, muß eine vollkommene Gnade darin finden.

 

Der Verkehr in unserem Hause in München ist etwas eigen. Man begegnet Malern, die sie von früher kennt, Dichtern mit schwermütigen Augen, die meine Freunde sind, einigen massiven Gestalten, Hauptleuten von dem Leibregiment, deren Gegenwart mich beruhigt, einigen Söhnen aus guter Familie, die gut veranlagt sind und denen ich mich nicht ganz entziehen mag. Alle bewundern Änne. Ich ersehe es nicht aus den Worten, die doch nicht wahr sein würden, sondern aus gelegentlichen Blicken. Sie hat eine Art, sich ihnen zu geben und an ihnen vorüberzugleiten, daß ich nicht das Gefühl 64 empfinde und auch nicht empfinden werde, das so häufig Ehemänner haben: die Wachtposten ihrer Frau zu sein. Ich kann in Gesellschaft ihrer ganz vergessen, ich kann mich ganz unseren Gästen hingeben, ihnen meine Seltenheiten zeigen, zu denen ich in Paris vieles zugekauft habe, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, mit wem sie sich unterhält, mit dem kleinen Maler, der so mit den Händen fuchtelt, aber außerordentlich begabt ist, oder mit dem Hauptmann von Ostrotzki, dessen Schultern noch dann imponierend wären, wenn sie ausgestopft sein sollten. Plötzlich aber, wenn wir aneinander vorüberstreifen, vor einem der schweren Möbel, in einer Ecke, an einer Tür, trifft mich ein Blick, der mich unserer Einigkeit versichert. Um solcher Blicke willen allein wäre ich fähig, Gesellschaften zu geben. Aber sie ist nicht für sie eingenommen, und der Winter hat noch nicht stark genug eingesetzt, als daß schon Verpflichtungen für uns beständen.

 

Ich saß in meinem Arbeitssessel, Änne auf meinem Schoße. Ihr in großer Form gehaltenes Kleid schlug mir um die Füße, die Schleppe wickelte sich am Boden. Der Papagei, der frei herumging, beteuerte seine Anwesenheit.

Wohin gingen wir heute? Wohin gingen wir morgen? Sie verlangte nach den Ausstellungen. Die alte Uhr, bei der immer zu jeder Stunde ein anderes Tier erschien, gab eine Stunde an.

Ich spielte den alten Mann und erklärte, ich müsse mich schonen. Ich schriebe augenblicklich über Platons 65 Mystik, man fände aus seinem Ideenreich nicht so leicht zu den Realien zurück, eine Beobachtung, die der Papagei unterstützte.

Morgen tanzten hier zwei Schwestern. Sie wollte sie sehen, aber sie bat nicht darum, in unserer Ehe wird niemals jemand um etwas bitten. Wenn es dem anderen lästig ist, verzichtet er.

Ich lehnte nicht ab, morgen zu den tanzenden Schwestern zu gehen, doch sie hatte schon wieder Angst, daß ich mir zuviel zumute. Aber es ginge mir doch gut, wandte ich ein. »Ich glaube überhaupt, daß du viel gesünder wirst«, sagte sie. Ich fragte, ob sie es nur äußerlich meine. »Nein, nicht nur äußerlich. Auch geistig«, sagte sie. »Das ist der Platon«, entgegnete ich nun. Sie beharrte aber darin, es sei wer anderes. Ich fragte, wer das sei. »Wer wird das sein?«, lächelte sie zurück.

Wir hatten uns jetzt zu küssen, und der Papagei widersprach nicht.

Ich legte alsdann eine traurige Miene an, trauriger, als sie Philosophen annehmen, wenn sie von der Hoffnungslosigkeit des Denkens sprechen.

»Nun liebst du mich nicht mehr?« fragte ich. Sie, indessen lächelte ganz fein: »Warum nicht?« »Du liebtest mich doch nur um meiner absteigenden Symptome willen«, erwiderte ich, »oft genug hast du es gesagt!« Ihre Lippen verschoben sich nicht, sondern blieben eine Linie.

»Ist dem nicht so?« fragte ich also wieder. Sie erwiderte: »Findest du nicht auch, daß diese Merkmale 66 abnehmen?« Der Kopf lag bei diesen Worten ein wenig zur Seite, wie unentschlossen, wie weit sie gehen dürfte.

»Das mag schon sein«, sagte ich zurück und lächelte sie an. Ich dachte, wie wundervoll blaß die Linie ihres Halses sei.

Sie nahm eine schmollende Miene an und sagte: »Ja, mit dir ist nichts mehr anzufangen, du bist nicht einmal mehr degeneriert.« Wir lachten beide.

»Es ist wirklich so«, beteuerte sie noch einmal.

Es wurde mir lästig. So erheblich waren die Zeichen des Niederganges an mir noch nicht gewesen, daß man ihr Zurückgehen so betonen mußte. Ich berief mich, um Zwischenraum zu schaffen, auf Platon, der mich riefe; sie erhob sich und verschwand.

 

Ich habe ihr ein Atelier eingerichtet und sie hat Monate hindurch recht gut gemalt. Jetzt läßt sie die Bilder liegen und rührt keine Farbe an.

Ich erkläre es mit einem Ekel an dem technischen Mittel. Es geht mir mit dem Sprechen verschiedentlich so. Zu wissen, daß diese Regel diesen Satzbau nach sich zieht, erregt mich zuweilen so, daß ich jedes Wort vermeide. Vielleicht ist es etwas Ähnliches bei ihr.

Aber sie will auch nicht mehr in Gesellschaft gehen. Auch dies mag seine einfache Erklärung in der Übersättigung finden. Wenn man in den gesellschaftlichen und künstlerischen Kreisen Münchens viel verkehrt hat, kommt man leicht in einen drückenden Umgang hinein.

Aber mir will scheinen, als ob auch ihre Empfindungen zu mir um ein weniges verändert seien. Ich 67 kann es nicht begreifen, da ich sie stärker liebe als je und sie auch an mir immer noch neue Seiten findet, die sie als Weib erregen. Die erste Minute des Mißverstehens war an jenem Tage, an dem sie von dem Rückgang jener Merkmale sprach, worauf sie inzwischen noch wiederholt zurückgekommen ist. Seitdem ist zuweilen ein Hauch, der mich lehrt, daß ich nicht all ihre Gedanken habe. Wenn ich sie in ihrem Zimmer überrasche, finde ich sie zuweilen in die Luft starren. Eine Frau, die den Mann, den sie liebt, jederzeit erreichen kann, darf das nicht tun.

Sollte sie die Abnahme der Degenerationsmerkmale erwähnt haben, weil sie ein Kind haben möchte und mich dadurch bewegen zu können glaubt, mich meines Entschlusses zu begeben? Diese Symptome sind doch innerlich viel zu befestigt, als daß ein minderes äußeres Hervortreten ihren Rückgang bewiese.

Aber ich führe, irre geworden, ihre Stimmungen sicher auf eine falsche Ursache zurück. Sie wird sicher selbst ein Kind nicht wollen. Das verbieten auch ihr zu viele Gründe. Ihre ganze Gestalt vertrüge solchen Ansturm nicht, und auch ihre Malerei würde unter der Pflege eines Kindes leiden. Ich befinde mich einfach auf einem Irrweg.

 

Wir kommen aus einer Gesellschaft vom Hauptmann von Ostrotzki. Wir hatten nicht absagen können, wie wenig sie auch Lust hatte, auf die Soiree zu gehen. Der Abend war schön. Ich habe mich selten mit einer Dame so gut unterhalten wie mit Frau von Rezewinski, die 68 man mir als Tischdame gegeben hatte. Eine ganz scharmante und eine überraschend feinsinnige Frau, die man mir ausgesucht hatte.

Änne hatte den Wunsch, zu Fuß nach Haus zu gehen. Ich war dazu bereit, das Ende zu gehen; denn auch ich wollte mich durch den Gang erfrischen.

Ich packte sie fest in ihren champagnerfarbenen Abendmantel. Ihr blondes Haar sah unter dem bordeauxroten Tuch verblaßt hervor. Ich hielt ihren Arm in meinem. Aber der Mantel machte sie so unförmig, daß ich ihn nur undeutlich spürte, fern.

Ich erzählte ihr von Frau von Rezewinski, mit der ich mich lebhaft unterhalten hätte.

»Du bist überhaupt viel lebhafter«, sagte sie. Meinte sie das, weil ich etwas gewaltsam in mancher Stunde bin?

»So ein lebhaftes Gespräch ist wie eine Massage«, sagte ich zurück. »Ich finde, man fühlt sich nach einem angeregten Gespräch auch körperlich wohler.«

»Du sprichst gar nicht vom Hauptmann von Ostrotzki«, fuhr ich nach einer Weile fort, als wir eine Reihe Häuser weiter waren. »Hat er dich bei Tisch gelangweilt?«

Ein elegantes Paar, das ernstlich kaum verbunden war, streifte vorüber.

»O nein, er langweilt nicht.«

Sie zog den Arm etwas lockerer, wohl weil der Abendmantel ihr beschwerlich wurde.

»Ja, ich wundere mich auch, wenn ich immer wieder an ihm Esprit bemerke«, nahm ich ihre Worte auf. »Ich finde es immer so eigentümlich, ja widersinnig, wenn 69 solche massiven Gestalten Geist besitzen. Ich kann mir eine so mächtige Figur gar nicht lesend vorstellen. Marschieren, reiten, lieben – vielleicht das zumeist. Aber lesen – fast finde ich es absonderlich.«

Ich lachte. Ich wußte nicht, ob sie das begreifen konnte. Es gehört eine gewisse outrierte Anlage zu solchen Empfindungen. Auch gefällt ihr der Hauptmann von Ostrotzki. Frauen können, wenn ihnen jemand persönlich gefällt, nicht das grundsätzlich abzulehnende an ihm erkennen.

»Ist es nicht amüsant, die Liebesbeziehungen zu beobachten, die sich zwischen fremden Menschen knüpfen?« sagte ich zu ihr, da sie schwieg, nach vorne auf das Paar blickend, in der Hoffnung sie damit angenehm zu unterhalten.

»Der Hauptmann von Ostrotzki fand dich übrigens verändert«, sagte sie, nicht dort, sondern in anderen Gedanken. »Habt ihr euch von mir unterhalten?« »Nebenbei.« »Und hauptsächlich? Wovon spracht ihr vorzugsweise? Aber du brauchst es nicht zu sagen, wenn du nicht magst . . .«

»Warum sollte ich davon nicht sprechen? Er hat von seinen Kindern viel erzählt.«

Die Dame vor mir schmiegte sich superb an ihren Herrn. Vielleicht war es der Frost? Die Residenz hatte etwas Reif. Die eisernen Löwen mußten jetzt spüren, daß sie nicht in der Wüste saßen. Der Posten blieb stehen und sah auf. Dann kam wieder gleichmäßig sein Tritt, auf den er sich besonnen hatte. Ich mußte an den Hauptmann von Ostrotzki denken, der den Schritt 70 eingeübt haben mochte; aber von seinen Kindern hatten sie gesprochen. Sie fuhr fort, davon zu erzählen, und rühmte seine Liebe zu diesen Kindern.

Sprach sie nicht ein wenig melancholisch?

»Er hat eine ganz unausstehliche Frau«, gab ich zurück. »Daher kommt wohl diese außerordentliche Liebe. Das verschiebt die Verhältnisse.«

Für das Paar vor uns gab es jetzt keine Hindernisse mehr. Das merkte man. So sah der weibliche Teil zu dem anderen auf.

. . . Als Änne in ihrer weißesten Wäsche war, nahm sie eine merkwürdige Miene an und sagte zu mir, auf meinem Schoße sitzend, den Kopf hinten an meinem Nacken, so daß ich sie nicht sah: »Ich möchte ein Kind von dir haben«, und nach einer Pause noch einmal dasselbe. Sie sagte es leidenschaftlich, stieß es heraus, als ob ich sie vor etwas retten sollte. Ich wurde unruhig, weil ich merkte, daß doch der Gedanke sie stärker beschäftigte, als ich geglaubt hatte.

Ich machte den Scherz, daß ich verblödet sei und daß es nicht ginge, und ich beruhigte sie auch damit gemach. Sie kam nicht mehr darauf zurück. Doch blieb ich in dieser Nacht sehr lange an eine Frage hingegeben.

Wir gaben bald darauf eine kleine Gesellschaft, bei der es recht gemütlich zuging. Es waren alle Intimen da mit Ausnahme von Ostrotzkis. Änne wollte sie durchaus nicht haben. Ich scheine mich doch in ihren Gefühlen gegen ihn zu täuschen. Ich hatte geglaubt, daß er gerade ihr gefalle.

Frau von Rezewinski nahm ich wieder zur Tischdame. Es ist nicht das geringste Erotische zwischen uns. Aber 71 ich finde es dennoch von Änne schön, daß sie nicht die geringste Eifersucht bezeigt. Eifersucht erniedrigt so.

 

Der Winter ist ganz vorbei. Er war Schnee und Frost. Wir halten jetzt im Frühling, und ich habe lange nichts aufgeschrieben.

Gestern habe ich Frau von Rezewinski getroffen, in der Pinakothek. Sie ging in einem tabakbraunen Kostüm, schon völlig frühlingsmäßig. »Da nun wieder Frühling ist, Leute«, sagte ich aufmerksam mit einem Kuß auf ihre Hand. »Das ist eine gefährliche Zeit«, sagte Frau von Rezewinski, die so eine Art zu reden hat. »Sie meinen die Amouren«, sagte ich, indem ich, vielleicht ein wenig zu bereitwillig, auf diesen Ton einging, der wohl ein wenig Frivolität besitzt. »Ja, jetzt heißt es sich beherrschen«, sagte sie und drohte. »Ich glaube, nur das Volk ist so im Frühling«, erklärte ich mit Vorsicht, aber Frau von Rezewinski wollte weiter wissen, warum ich dieses annähme. »Wir aus der Gesellschaft sehen einander mehr im Winter«, erwiderte ich, gar nicht sehr klug, auf Gesellschaften mache sich der erste Anbeginn leichter. Frau von Rezewinski dachte nach. Damen mit schwarzem Haar, fand ich, kleide die Nachdenklichkeit. Ich glaube, Frau von Rezewinski wußte, daß sie die Nachdenklichkeit kleidete. Wir saßen auf einem ledergepolsterten Rondell.

»Die Amouren vom Winter sind jetzt also weiter, schon im dritten Monat«, sagte sie nachdenklich.

»Oder im vierten«, fiel ich ein, auf ihren allerdings gewagten Ton mit einem Lächeln eingehend. »Von 72 unseren Bekannten haben Sie nichts gehört?« sagte ich dann und versuchte abzulenken. Ich wußte, man versteht sich am besten, wenn man über seine Bekannten sich verständigen kann. »Vorhin traf ich den Hauptmann von Ostrotzki«, sagte die schöne Frau von Rezewinski und sah mich eigentümlich an.

»Sie hatten doch kein Rendezvous mit ihm?« mußte ich sie wegen des eigentümlichen Blickes fragen. Ich wußte, sie nahm mir eine solche Frage durchaus nicht übel, die schöne Frau von Rezewinski. »Haben Sie das wirklich angenommen?« fragte sie etwas seltsam.

»Aber nein«, lächelte ich und küßte das graue Leder ihres Handschuhs, um ihre Verzeihung nachzusuchen.

»Sie wären im anderen Falle blind«, sagte Frau von Rezewinski, während ich noch über ihrem Handschuh lag.

Wir standen vor einem Bilde von Piglheim und bewunderten das rote Feld, durch das die Blinde schreitet.

Frau von Rezewinski mußte sich verabschieden, was sie bereits wieder mit völligem Gleichmut tat. Ich liebe Änne, aber ich finde Frau von Rezewinski schön, eine Empfindung, die ich kaum einen Anlaß haben werde mir vorzuwerfen, obwohl ich ihr lange nachblickte, wie sie die offenen Türen einer Flucht von Sälen ganz genau in der Mitte durchschritt.

 

Änne ist sichtlich blaß. Das einzige, was mich beruhigt, ist, daß sie etwas voller zu werden scheint. Ich müßte sonst um sie in Ängsten sein.

Von ihrem Befinden abgesehen, gibt es keine Klage. Sie ist zu mir rührend. Ich merke, wie es ihr zuweilen 73 körperliche Beschwerde macht, mit mir zu reden. Aber wir sprechen auch wohl zu viel über entfernte Dinge, über griechische Kultur, über indische Religionen. Ich müßte gegenständlichere Stoffe wählen, die sie müheloser beschäftigen würden. Die indischen Religionen besonders bewegen sie sehr. Der Fruchtbarkeitsmythus erregt sie vielleicht, weil unser beider Leben ihm so fern ist. Ich erkenne auch allmählich, wie schwer ihr der Verzicht auf jenen Segen fällt. Es ist nicht, daß sie ihn bei anderen sieht. Sie ist in ihrer ganzen Empfindungswelt viel zu eigenwillig und viel zu wählerisch in ihren Genüssen, als daß sie ein Vergleich berühren könnte. Aber es scheint doch etwas instinktives noch in der begabtesten Frau zu stecken, das durch nichts, durch keine Vernunft niederzuhalten ist. Diesen zartesten Körper müßte dabei die Natur doch selbst nicht mit Frucht zu füllen geneigt sein. Aber die Natur kennt eben nur Gesetze und Verordnungen für Allgemeinheiten, nicht für einzelne.

Ich fange gar nicht an, davon zu reden, weil man sie nur aufwühlen würde, wenn man sie daran erinnerte, daß sie kein Kind bekommen wird. Aber es beginnt mich zu quälen, und auch in Nächten, in denen sie zuweilen schlaflos neben mir liegt und ich mich schlafend stelle, martere ich mich damit, daß sie vielleicht ihrem Gemüte nach nicht ausschließlich zur Geliebten bestimmt sei. Die Frauen entwickeln sich oft in Ehen eigentümlich. Von ihr, mit ihrer aufrechten, schönen, nur der Kunst zugewandten Art hätte ich niemals angenommen, daß sie des Kindes zur Zufriedenheit bedürfte. Nun stehe ich vor einem Konflikt, für den es eine Lösung gar 74 nicht gibt. Ich kann mich doch nicht an einem Kind versündigen!

Es fällt mir manchmal schwer, mich bei solchen Gedanken weiter schlafend zu stellen, so überziehen mich die Schauer, wenn ich an Kretins, an Trolle und ähnliche Wesen denke.

 

Ich werde in diesem Sommer auf drei Monate nach London gehen, um auf der Bibliothek zu arbeiten. Ich möchte noch Handschriften einsehen, die ich in München nicht bekomme, und wenn ich die Wahl zwischen Berlin und London habe, ziehe ich London vor. Ich habe in Berlin Bekannte, die mich stören würden, während ich in London vor ihnen geschützt bin. Ich fühle auch das dringende Bedürfnis, wieder einmal dauernd allein zu sein. Ich habe vor meiner Ehe viele Monate in vollkommener Einsamkeit gelebt, weil sie meinem melancholischen Temperament allein entspricht, und ich habe mich genug gewundert, daß ich so lange habe, wenn auch mit der geliebtesten Frau, zusammenleben können. Ich brauche endlich Konzentration, wenn ich neben meinem Buche über Platon meine Sammlung tragischer Novellen zustande bringen will.

Sie soll überdies mehrere Monate in vollständiger Ruhe leben. Sie hätte sie, wenn ich mit ihr zusammenbliebe, nicht so sehr. Eine Schwester, an der sie hängt und die ich nur wenig kenne, wird sie ins Gebirge begleiten. Eine Frau kann lautloser um eine Frau sein als ein Mann.

Im September werden wir wieder in München zusammen sein. Ich freue mich schon, im Herbst mit ihr 75 in unserm Park zu sitzen und auf die gereiften Früchte zu starren. Sie wird dann leicht auf einer Leiter in das Geäst der Bäume steigen und mit den Händen die Äste schütteln, und ich werde die Früchte fangen, die sie mir zuwirft.

 

Der Oktober war der schlimmste Monat meines Lebens. Ich schreibe nichts weiter hin als das, weil es Dinge gibt, die man nicht hinschreiben kann, und weil ich Bücher füllen müßte, wenn ich auch nur die Gedanken wiedergäbe, die mich an einem Tag durchschießen. Dieser Oktober ist die Wende in einem bisher glücklichen Leben geworden. Ich fühle, wie das Leben nun niedergeht für mich und es kein Aufhalten gibt. Ich habe gelesen, daß Selbstmord Schwäche sei. Aber dann müßte ich Selbstmord begehen.

 

Ich muß jetzt immerfort Homer lesen, um das Gefühl von Zeitlosigkeit zu bekommen. Sonst arbeite ich an Platon, von dem ein Teil bereits zum Druck geht. Ich müßte die tragischen Novellen auch sogleich vollenden, denn diese Stimmung kommt hoffentlich nie wieder. Ich lache bitter auf, wie man als Schriftsteller noch aus seinem Unglück Kapital zieht. Der Papagei schlägt erschrocken mit den Flügeln, er kennt mich nicht mehr. Ja, ich selbst erkenne mich ja nicht mehr.

Zuweilen lege ich die Wange an den Globus. Das kühlt. Wenn die Uhr schlägt, erschrecke ich, weil ich in die Zeit zurückgerufen werde.

Ich möchte noch einmal so selig werden, daß ich mich vor Freude auf den Boden strecke und die 76 Erdkugel mit den Fingerspitzen auf dem Bauche balanciere. Aber man kann wohl im Leben nicht zweimal selig sein –.

 

Mitunter schreie ich laut auf in der Nacht. Ich wünsche dann, daß wir nicht getrennt schliefen, so daß sie hörte, was sie mir bereitet hat. Ich glaube, ähnlich muß mein Onkel geschrieen haben, ehe sie ihn in eine Anstalt brachten. Ich fürchte, daß es mir noch ähnlich ergehen wird, denn die Ruhe, die ich am Tage habe, ist nur eine Erregung, die ich unterdrücke, und diese ist gefährlicher, als der tollste Ausbruch, sie schlägt sich ins Blut und unterspült die Nerven. Aber sollte ich gewalttätig sein? Die Möbel zerschlagen, meine Porzellane zerschmettern, meine Inkunabeln verbrennen? Zuweilen belächle ich die Kultur, auf die ich stolz bin, und lese systematisch über den betrogenen Ehemann nach. Ich sehe mir alte Holzschnitte an, auf denen er Hörner hat, und lese Bücher, in denen er vorkommt. Aber es erleichtert mich nicht, was es freilich auch nicht soll. Ich weiß selbst nicht, warum ich es tue, vielleicht bloß, weil ich verwandte Gestalten suche, um über mein Unglück nachzudenken. Denn ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich denken soll. Anschauungen gehen einem immer verloren, wenn man sie braucht.

 

Ich nehme mir jetzt oft einen Schlitten und fahre hinaus. Dem Kutscher nenne ich irgendeinen Ort, der mir einfällt, dann fahren wir los. Wenn ich zu weit gegriffen habe, kommen wir erst spät in der Nacht nach Hause. Die Landschaft ist ganz weiß, man vergißt alles 77 bei ihrem Anblick. Vor allem betäubt die frische Luft, so daß die Gedanken einschlafen. Nur die Augen leben mit. Sie sehen die Tiefen und Höhen, die verschneiten Bäume, die eingedeckten Häuser, die belasteten Fuhrwerke, die kaum unterscheidbaren Schienen, die Fuhrknechte mit den weißen Schnurrbärten und den geweißten Mützen. Plötzlich spüre ich dazwischen, daß meine Ohren frieren, und denke daran, daß sie wieder warm werden möchten. Wenn sie warm geworden, sehe ich wieder hinaus und fliege in die Zeitlosigkeit hinein. Mitunter spreche ich dabei vor mich hin, laut, da ich weiß, daß der Schall verschlungen wird, sage »Platon!« und frage, wer das ist, oder »Änne« und frage dasselbe, fliege immer weiter und komme zum Abend nach Haus und fahre am Morgen wieder davon. Und sage wieder »Platon« und weiß nicht, wer das ist, und sage »Änne« und entsinne mich nicht, wer das war. Und der Schnee treibt mir das Wasser in die Augen.

 

Ich lese auch zuweilen rührende Bücher. Die Hoffnungslosigkeit der Dänen kann so offenbarend und so tröstend wirken. Was kann alle systematische Lehre im Vergleich zu diesen melancholisch müden Schriften sein?

Zuweilen meine ich, daß ich mich ermannen und jemanden fordern müßte. Aber dann lächle ich über die antiquierten Anschauungen, in die ich falle. Doch es ist seltsam, man verteidigt immer die neuen Anschauungen, und wenn man etwas erfährt, möchte man nach den alten handeln. 78

Aber ich wundere mich, daß ich solche abstrakten Sätze überhaupt noch formen kann. Denn in mir ist alles wüst wie auf einer Trümmerstätte. Vielleicht würde es minder schwer für mich sein, wenn wir uns aussprächen. Aber wir sind anders geartet als jene Eheleute, bei denen der Mann den Treubruch seiner Frau verzeiht, und sie dann jahrelang beschimpft und stichelt. Wenn wir zusammen sind, was bei ihrem Zustand und jenem Vorkommnis nur selten ist, verkehren wir in allen Formen der Gesellschaft; nur daß wir über einen Punkt nicht sprechen, daß ich das Kind nicht sehe und wir überhaupt eine Aussprache vermeiden, bis wir miteinander innerlich fertig sein werden. Ich fühle den Tag nicht mehr fern, an dem sie mir sagen wird, und an dem ich ihr sagen werde . . .

Sie ist noch so krank. Wer könnte ihr da etwas sagen? Wie sie gelitten haben und sich gewunden haben muß!

 

Frau von Rezewinski traf ich heute auf der Ludwigstraße. Sie trug ein tiefrotes Kleid und lächelte mir schon von ferne zu. Sie war die erste, die mich beglückwünschte, obwohl das Ereignis nun schon zwei Monate her ist. Es war auch schwer, persönlich die Gelegenheit zu finden. In meiner Wohnung ließ ich mich nicht sprechen, und auf der Straße sah man mich nur im Wagen.

»Wie geht es der Armen?« fragte mich Frau von Rezewinski.

»O, sehr gut, sie erholt sich!« gab ich zur Antwort. 79

»Wissen Sie, diese zarte Person hätte kein Kind bekommen dürfen,« warf sie mir vor. »Sie sind ein böser Mensch. Merken Sie sich das!«

Frau von Rezewinski hatte noch immer so eine Art, zu reden, die ich sehr fatal fand. Ich sah sie genau an, ob sie etwa lächelte. Unser damaliges Gespräch von der Pinakothek schien mir fast dafür zu sprechen, daß sie etwas ahnte. Aber sie sagte das alles völlig ernst. So war es wohl nur Einbildung, und es wußte überhaupt kein Mensch davon. Nur einen natürlich ausgenommen.

Es war grimmig kalt, und die Frauen sahen in ihren Pelzen wunderschön aus. Sie sehen alle immer wunderschön aus, aber wohl nur zum Leidwesen der Männer. Frau von Rezewinski sah auch so wunderschön aus. Sie stand schon auf der anderen Seite der Straße vor einem Laden, als ich den ersten selbständigen Gedanken wieder fassen konnte. Aber ich liebe Änne doch viel zu sehr, als daß ich die Frau von Rezewinski irgendwie fände, daß ich irgend etwas an ihr schätzte.

 

Das kleine Mädchen, sagte mir der Arzt heute, sei überaus kräftig. Ich bekam einen Schreck und wußte nicht warum.

Ja, man habe das öfter, fuhr er fort zu sagen, daß Kinder viel kräftiger sind als ihre Eltern; wir seien ja beide etwas zart. Ich wich aus. Aber dann hob er leise hervor, daß meine Frau sich schonen müßte, nicht immer ginge das so ab. Wenn es noch einmal der Fall sein sollte, könne es immerhin bedenklich werden. Er schloß 80 mit einem Räuspern und der Bemerkung, er glaube sich verstanden.

Ich wußte hinterher nicht recht, was ich mit ihm gesprochen hatte. Ich empfinde solche Gespräche oft als unwirklich. Ich rief es mir zurück, ich saß im Salon, in dem ich ihn empfangen hatte, in einem Empiresessel von grauer Seide, und hielt den Kopf hinten steif gegen die Lehne. Oben an der Decke spielten Amoretten. Worte, daß sie das überstanden habe und daß das Kind recht kräftig sei, gewisse Bruchstücke wurden mir gegenwärtig. Eine massive Figur fiel mir darüber ein. Vielleicht waren die Schultern doch nicht ausgestopft? Wir werden jetzt miteinander jedenfalls darüber reden müssen. Vielleicht hat sie sich nur eingelassen, um eines Kindes zu genesen, was ich mir so oft in diesen Monaten versucht habe, zu sagen? Aber vielleicht ist es unrichtig, vielleicht will sie mit ihm zusammen leben. Dann müßte ich . . . Doch es läßt sich nicht so einfach in ganzen Sätzen solches denken.

 

Wir saßen auf demselben Sofa in dem gleichen Salon. Ich glaubte, sie würde reden. Denn es war schwül zwischen uns beiden, auch war es dunkel.

Sie rückte nahe heran und sagte dann stockend und so leise, daß ich sie nicht verstand, zwei Worte.

So peinlich es auch war, ich mußte sie fragen, was sie eben zu mir gesagt habe.

»Nur einmal«, hauchte sie dann.

Ich verstand nicht sogleich, begriff dann aber.

»Ich mußte ein Kind haben«, sagte sie weiter. In 81 mir schwang sich etwas, was ich schon tot geglaubt, wieder lebendig. Also war es so, wie ich es in meinen besten Augenblicken erhofft hatte.

Ich strich leise über ihr Haar.

Sie kniete vor mir nieder, auf dem Teppich mit den Rosen. Sie legte ihr Gesicht mir in den Schoß. Weinte sie nicht auch?

Ich strich mit der Hand über ihr Haar, mit beiden Händen, auch über ihre Wangen. Ich hatte seit Monaten sie nicht mehr gefühlt. Ich entsann mich wieder: so waren ihre Wangen, so war ihre Haut.

Ihr Kleid knisterte weich. Ich mußte daran denken, wie es geknistert haben mochte, als nicht ich neben ihr saß.

»Und du hast ihn nicht geliebt?«, mußte ich sie rauh darauf fragen.

Sie hob das weiße Gesicht. Ihre Augen waren groß vor Staunen:

»Geliebt?«

So konnte nur eine reine Seele sprechen. Es war ganz dunkel, ein Dunkel, das nicht schwer war, sondern leicht, wie schwebend. Die Amoretten waren darin aufgegangen.

Ganz leise hörte ich sie noch fragen aus einem hochgehobenen Gesicht:

»Darf ich dich einmal küssen?«

Dann lag sie in meinen Armen, und wir zerdrückten ein ganzes Jahr dazwischen.

 

Ich habe ihr gar nichts zu vergeben. Sie hat in meinen Augen nichts begangen. Aber es ist, als ob die uns übermachten Dinge stärker sind als wir. Wir sind 82 beide gedrückt, wenn wir uns sprechen, und unsere Zärtlichkeiten sind nur spärlich. Es ist so, als ob wir nicht mehr genügend Gewandtheit danach hätten, miteinander zu verkehren. Wir weichen uns aus, ohne es zu wollen. Und das Kind verbirgt sie vor mir, als ob ich nicht imstande wäre, es zu sehen.

 

Sie will mich nicht über ihrem Kind vergessen. Es gibt nichts, wozu sie nicht bereit ist, obwohl ihr Körper doch geschwächt sein muß. Sie wird noch schöner durch den frauenhaften Reiz, der jetzt über sie ergossen ist. Wenn ich sie jetzt liebe, ist es eine ganz andere, als der ich mich verlobte. Von der herben stolzen Art, die mich an ihr fesselte, ist nichts an ihr geblieben. Sie hat eine weiche, opfervolle Fraulichkeit, die gern über alles ordnend und begütigend streicht. Wenn sie mit mir in ein Theater geht oder eine Galerie aufsucht, habe ich das Gefühl, daß sie sich nur durch mich und für mich freue. Entweder liegt das in der Mütterlichkeit einer jeden Frau, oder sie besonders glaubt, sie müsse eine Schuld büßen. Aber obwohl wir kein Wort über jenen Vorfall miteinander reden, muß sie fühlen, daß sie in meinen Augen nicht zu büßen hat. Sie bedurfte eines Kindes und sie schaffte sich eines; da es von mir nicht zu erlangen war, von einem anderen.

Zuweilen lache ich über den Hauptmann und frage mich, ob er wohl weiß, wozu er benutzt worden ist. Fast möchte ich glauben, daß sie ihm gesagt hat, was er für sie sei. Aber dann denke ich wieder, sie müßte dann mehr von mir erzählt haben, als sie getan haben 83 kann, und meine, sie werde ihm deshalb doch eine brennende Liebe vorgespielt haben, um nachher, nach einer Hingabe, nicht mehr mit ihm zusammenzutreffen. Dieses Liebesspiel, das sie gespielt haben muß, wenn auch nur einmal, macht mich eifersüchtiger als ich möchte. Aber ich frage sie nicht danach, wie sehr mich auch diese Frage quält. Und so gehen wir nebeneinander her, lieben uns und haben eine Welt von fremden Gedanken, die sich zumeist mit dem anderen beschäftigen und vor ihm gerade verheimlicht werden, zwischen uns.

 

Das Mädchen ist ein blühender Engel mit vollen Formen, eine kleine gepolsterte Madonna mit sehr viel blondem Haar und sehr großen Augen. Wenn ich bitter lache, werde ich versucht zu sagen, sie gehöre der Rubensschen Schule an, wenn nicht einem unbekannten Meister. Ich sitze öfter an ihrem Wagen und denke über die Empfindungen nach, die ich vor ihr spüre. Es ist die Liebe, wie man sie für einen kleinen ruhenden Engel empfindet, vielleicht als Oheim für das Kind seines Bruders. Die persönliche, leibliche Liebe zum Eigensten fehlt. Ich glaube, man kann es so sagen: ich werde dieses kleine Mädchen, wenn es zur Dame erwachsen, anschwärmen können. Aber würde man seine eigene Tochter jemals anschwärmen?

 

Wir gingen zu der Uraufführung eines exzentrischen Stücks. Der Winter ist fast vorbei.

Vor der Residenz sahen wir entfernt einen Militär uns entgegenkommen, eine massive Figur mit hohen Schultern. 84

Sie ging, ehe sie uns erreichte, über den Fahrdamm auf die andere Seite.

»Ich habe dich so lieb,« sagte Änne leise, schmiegte sich an mich an und hatte keinen Blick für einen anderen.

In dem Stück wurde ein Ehemann sehr betrogen. Änne bewies mir fortwährend, wie sehr sie mir gehörte. Während der beiden ersten Akte blieb sie immer durch irgendeinen Teil ihres Körpers mit mir verbunden.

In der Pause wurde sie von vielen als wieder auferstanden begrüßt. Frau von Rezewinski kam auf sie zu und rief, mich dünkte, viel zu laut:

»Aber Sie blühen richtig auf, meine Liebe! Wie gut das Kind Ihnen bekommt!«

Änne lächelte etwas hilflos.

Es verlautete gerüchtweise, das Stück sei so exzentrisch, daß der Ehemann auch in dem dritten Akt betrogen und nicht in seine Rechte eingesetzt werde. Alle Frauen waren leidenschaftlich von dieser Aussicht eingenommen, und man witzelte darüber. Änne bestand darauf, daß wir gingen.

Wir gingen still nach Hause und soupierten zusammen.

Änne konnte nicht demütig genug dabei sein. Sie war ganz verliebt, bot sich geradezu an. Ich spürte, sie glaubte gutmachen zu müssen, daß ein Dichter die Weltordnung einem geschäftlichen Einfall zuliebe anders arrangierte.

Zwischen den Kissen noch sagte sie, daß sie auf Frau von Rezewinski im vorigen Jahre eifersüchtig gewesen 85 sei und nur davon nichts gezeigt habe, weil sie sich damals zur Äußerung solcher Eifersucht nicht für befugt gehalten habe.

»Nicht davon sprechen«, sagte ich und küßte sie.

»Nein«, sagte sie und küßte sich in mich ein.

Wir finden doch noch einmal wieder zueinander, möchte ich glauben.

 

Die schönste Liebe der Frauen ist die stumme. Änne treibt jetzt einen stummen Dienst mit mir. Wenn der Hauptmann sie sähe, würde er sie nicht erkennen . . .

Das Kind sieht übrigens nur ihr ähnlich, nicht ihm. In einem Photographenkasten der Theatinerstraße ist ein Bild des Hauptmanns ausgestellt. Ich stehe alle Woche einmal davor, präge mir die Züge ein, schließe die Augen, stelle mir das Gesicht der Kleinen vor und finde nicht die entfernteste Ähnlichkeit zwischen beiden. Neulich bin ich dem Kindermädchen, das den Wagen schob, gefolgt und habe ihn in der Theatinerstraße vor dem Photographenkasten halten lassen, um besser zu vergleichen, und fand wieder, nein, es besteht nicht die entfernteste Ähnlichkeit zwischen ihnen. Es ist nur Ännes Kind, und ich neige mich der Ansicht zu, daß es auch seine Gesundheit und seine Stärke nur von ihr habe. Heutzutage tut Pflege ja so viel. Man kann als ein schwaches Kind auf die Welt kommen und ein kräftiger Mensch werden und kann sehr kräftig als Neugeborener sein und doch bald eingehen, Dinge, die jede Mutter weiß und die gar nicht bewiesen zu werden brauchen. Vielleicht hätte ich nicht so zaghaft sein und mir ein 86 Kind von ihr schenken lassen sollen? Ich überdenke das jetzt oft, nicht nur, wenn ich in der Theatinerstraße vor dem Photographenkasten stehe oder in den Kinderwagen gucke, für dessen blonden Insassen viele Vorübergehende liebreiche Blicke haben.

Aber ich verschiebe das Problem: nicht die körperliche Stärke wird abgehandelt. Auch einen schwachen Körper mit einem starken Geist würde ich bedenkenlos erzeugen. Aber wer verschafft mir die Gewähr, daß mein Kind nicht gerade ein starkes Kind mit einem schwachen Geiste wird?

Jetzt ist es außerdem zu spät. Der Arzt hat mich gewarnt, die Gefahr noch einmal zu beschwören.

 

Sie leidet unter jeder Andeutung. Vater mit Sohn aus einem Gemälde, jeder Hinweis eines Gastes auf eine Ähnlichkeit zwischen dem Kind und mir erregt sie. Ich habe dafür immer nur ein belustigtes Lächeln. Unser Fall liegt doch so anders, daß eine Kränkung völlig fehlt.

Aber zuweilen packt es mich doch und ich laufe in den Abend hinaus. Schließlich ist doch das, was mir und mir allein gehört, entweiht worden. Ich möchte jemandem an die Gurgel gehen oder plötzlich weinen. Nachher teilt sich wohl mein Zorn allmählich. Allein ich glaube: wiewohl ich ihr gar nichts nachtrage und gar nichts nachzutragen habe, ich liebe sie nicht mehr so, wie ich sie geliebt. Wenn ich in meinem Tagebuch nachschlage, wie ich sie liebte, ehe sie mir gehörte, so kommt mir dieses frühere Gefühl sehr fremd und unverständlich 87 vor. Vielleicht ist diese geschwächte Neigung nur die Folge des längeren Zusammenlebens; vielleicht entfließt sie diesem immerhin doch bitteren Vorgang; vielleicht ist meine Psyche zu schwach, um ein großes Gefühl dauernd zu bewahren – aber geschwächt ist die Neigung jedenfalls. An jenem Tage, an dem ich das deutlich spürte, schien mir die Welt erkaltet. Und noch heute, wo ich es, mit einer Scham und unter Beklommenheit, niederschreibe, scheint mir alles um mich herum zerklopft und wie zerschlagen.

 

Es ist mir damit etwas verlorengegangen, ohne daß ich etwas dafür gewinnen könnte. Wenn ich in einer Loge hinter einer schönen Frau sitze, sehe ich über ihren Nacken gleichgültig hinweg. Auch in einem wiederum tabakbraunen Kostüm reizt mich Frau von Rezewinski nicht. Der Maler mit den lebhaften Gesten lädt mich oft zu sich und ich finde bei ihm zuweilen schöne, etwas extravagante Frauen. Aber keine von ihnen übt auf mich irgendeinen Reiz. Ich liebe nicht etwa meine Frau nicht mehr und kann nunmehr eine andere lieben. Sondern ich habe meine Frau geliebt und kann nunmehr überhaupt nicht lieben. Oder liebe ich sie noch und bin so zerstört, weil diese Liebe nicht mehr ihre alte Glut hat?

 

Änne gleitet wie in einem Traume neben mir hin. Es ist, als wenn sie sich in einem Reiche bewegte, das sie sich selbst aus ihrem Inneren erschüfe. Zuweilen meine ich, es sei ein Reich, in dem sie sich um etwas härme, zuweilen ein Reich, in dem alles tot sei. Zuweilen 88 aber tritt sie aus ihrem Reiche heraus und wird wieder ein lebendiges Wesen, das lebendige Sinne hat. Sie möchte mich auf ein Sofa drängen oder sich zu mir auf einen Sessel setzen. Sie tut es auch, aber ich merke ihr eine Scheu an, als ob sie irgendeinen Gedanken mir verbärge. Ich selbst möchte die alte Geneigtheit ungemindert zwischen uns walten sehen. Aber es gibt Dinge, die verschweben.

Ich werde darum nicht unachtsam zu ihr. Ich küsse sie manchmal, wie sie es zu Stunden tut, und wenn ihre Wünsche weitergehen, füge ich mich ihnen. Aber im Platon gibt es Dinge, die schöner sind, und ich gehörte bisher nicht zu denen, die die Seltsamkeiten eines Buches höher schätzten als die Heimlichkeiten einer Frau.

 

Dieses sprengt mir einfach den Kopf, ich gehe mit einem dumpfen Druck durch meine Tage. Denn das ist keine schwüle Nacht gewesen, die mich verführt hat, das sind ganz bewußte Zwecke, die wir verfolgen.

Sie fühlt, wie sie mich verliert, glaubt, eine Schuld auf sich geladen zu haben, und hofft, mich wiederzugewinnen und ihre Schuld abzutragen, wenn sie ein Kind auch von mir empfängt. Wir haben anfangs wie zwei Feinde gekämpft, Stirn an Stirn und Auge in Auge, und ich habe einen Schauder wie vor der Unzucht verspürt. Aber dann hat mich das wollüstige Verlangen gepackt, ein eigenes Kind zu haben. Blutnebel haben mich durchzogen; alles, was ich hundertmal durchdacht, schob in einem unendlichen Zuge durch mich hin; und dennoch dämmerte mir dies als die einzige Erlösung, 89 die es für uns gab. Als ich schon alle Vorwürfe in mir betäubt hatte und für sie gewonnen war, schwebte das halbe Wort zu mir heran, das mir der Arzt gesagt hatte. Nein, es war nicht erträumt, sondern gesprochen. Im ersten Ansturm ihrer Arme, die mich heiß umpreßten, während in ihren Augen eine fremde Glut stand und die Angst um ihre Lippen hing, hatte ich vor, ihr nicht zu sagen, daß der Arzt vor einem zweiten Kindbett mich für sie gewarnt hatte. So berauschte mich der Gedanke, ein Kind von ihr zu erhalten, daß ich alle Bedenken davonjagen wollte, alles, was ein überspanntes Hirn allzu ängstlich erklügelt hatte. Aber im nächsten Augenblick faßte mich auch schon die Scham, sagte ich ihr, was mir der Arzt gesagt hatte, und entwand ich mich ihr mit gewaltsamem Riß. Sie entfärbte sich sichtbar, wankte mir nach, hängte sich an mich, kniete vor mir und wimmerte, sie wolle ein Kind von mir haben.

Ich wurde erdrückt von dieser Aufopferung. Wenn ich Himmel zu verheißen hätte, würde ich auf dieses Wort hin ihr einen Himmel versprochen haben. Alles, was ich schon verloren glaubte, schwoll wieder zu mir heran. Ich spürte, daß meine Liebe mich wieder faßte wie in den ersten Tagen, da ich sie sah. Ich konnte sie nur leise küssen und sagen, daß wir das überlegen und überprüfen wollten.

Aber am nächsten Tage hatte sie keine Angst mehr um die Lippen, und mit einem Lächeln sagte sie, daß ein Arzt nichts wisse, daß er aus übertriebener Vorsicht gesprochen, daß sie sich nicht fürchte, daß sie bereit sei, worauf sie mich küßte. Seit diesem Augenblick habe ich 90 wieder eine Geliebte, der ich Teppiche sticken möchte, daß sie ihre Füße auf sie setze, und elfenbeinerne Figürchen drehen, daß sie sie zertrete. Seit diesem Augenblick habe ich eine Geliebte, die ich stündlich fürchte, nach einer Reihe Monden zu verlieren. Und meine Angst, einen Troll zum Kind zu bekommen, verschwindet hinter der Angst, sie selbst um dieses Kind entbehren zu müssen. Ich überwache sie zu jeder Minute, daß sie aus Unvorsicht nicht die geringste Fahrlässigkeit begehe, aber in den Augenblicken, in denen ich allein bin, und in den Stunden, in denen ich ihren Schlaf behüte, treibt es mich hoch, macht es mich abwechselnd heiß und kalt, komme ich mir wie ein Mörder vor und möchte mich erdrosseln. Ich lebe unter einem einzigen Druck und weiß nicht, wie ich das durch Monate ertragen soll. Wenn es nicht anders werden sollte, wenn es so weiter meine Nerven, weiter mein Blut und meine Stirn belastet, wird es kommen, daß ich dann, wenn es so weit sein wird, selbst nicht mehr fähig sein werde, alles zu ertragen.

Sie selbst ist von einer Gelassenheit, die ich nicht fasse, und hat eine so milde Art, nimmt alles so selbstverständlich hin, als ob sie weiß, was kommen müsse, so daß ich erschauere, wie jemand diese Heldenhaftigkeit besitzen kann. So müssen die Nonnen gewesen sein, die sich zu Tod kasteiten.

Dabei ist sie, so oft ich es will, das Gegenteil davon. Es ist, als ob sie mir noch die seligsten Stunden bereiten will, ehe sie dahinscheidet. Ich weiß ganz genau, daß sie dieses für möglich, nein für sicher hält, und ich möchte 91 mir alle Bußen auferlegen, die überhitzte Priester ersonnen haben, wenn ich das Wort unausgesprochen machen könnte, das ich ihr von dem Arzte nacherzählte.

Zuweilen sitzt sie bei mir, ich halte sie vorsichtig, ihre Lippen sind weiß und sie lächelt mich an. Ich lächle zurück, aber wenn sie nicht neben mir säße, würde ich in solchen Augenblicken aufweinen, laut, furchtbar und schaurig, wie nur das Weinen von Männern sein kann, die in ihrem Leben zweimal weinen, beim Tode ihrer Mutter und bei dem ihrer Frau.

 

Der Arzt sagte mir heute, als ich ihm das Geschehnis berichtete, daß er es so ernst nicht gemeint habe. Aber er ist ein Menschenkenner, der sich nach den Fakten einrichtet. Hätte ich nicht von einer feststehenden Tatsache gesprochen, sondern eine Möglichkeit erörtert, hätte er sie sicherlich verneint. Ich habe mir das wohl gedacht; aber ich habe nicht den Mut besessen, so zu fragen.

Die kleine Thea beginnt jetzt, lieblich zu lächeln. Sie lächelt zuweilen auf eine schwermütige Weise, als wollte sie fragen, warum ich noch ein anderes Kind haben wolle und ihre Mutter, die sie noch so nötig habe, so unglücklich mache.

 

Ich habe sie nie so geliebt, wie in diesen Zeiten. Wenn sie unsere Liebe wiederaufbauen wollte, so hat sie es erreicht.

Zuweilen meine ich, daß sie eine Puppe, ein Spielzeug, unmöglich aber die schaffende und tragende Kreatur sei. Ich schließe sie in meine Arme, und wir sprechen 92 die verliebten Worte junger Verliebter, wir sagen uns die schönsten Worte, die die großen Küsser ersannen. Aber mitten, wenn die Worte sich vor verliebter Torheit überschlagen, fahren wir auseinander. Es hat dann nur der Papagei seine Töne etwas anders geschnarrt, aber wir glauben die Gewalt zu spüren, die uns trennen wird. Und wir fassen uns, ängstlich, erneut und fester, und es mag sein, daß einer von uns eine Träne hinunterschluckt. Oder sind es schon beide, die sie verbergen müssen?

 

Das schlimmste ist, zuweilen zu denken, daß wir beide ein Werkzeug einer wahnsinnig nach Fruchtbarkeit lüsternen Natur sind. Die Entstehung dieses neuen Wesens ist psychisch doch wirklich überaus verwickelt, und denken zu müssen, daß die Natur selbst solche unglaublich dunklen Labyrinthgänge nicht scheut, um ein neues Wesen zu erzeugen, kann einen mit Grauen überziehen. In solchen Augenblicken fühle ich mich dem Rätsel der Schöpfung zugleich näher und fern.

 

Wenn man einen Schmerz hat und kann ihn betäuben, einen Gram hat und weiß, in einigen Wochen geht er zu Ende, wenn man sterben muß und weiß, das Sterben wird in längstens drei Wochen vorüber sein – so ist schließlich alles zu ertragen. Aber wenn man Monat um Monat warten soll und den Umlauf der Zeit nicht beschleunigen kann, so muß dies das Grauen ins unerträgliche recken. Sie lächelt zwar immer, daß es ist, als ob ihre Gedanken vollends heiter seien. Aber wenn es in ihr auch nur entfernt so aussieht wie in mir, dann 93 muß dieses dumpfe Grauen während dieser langen Monate sie so niederbrechen, daß sie, selbst wenn sie kräftig wäre – ich kann es nicht hinschreiben. Ich schlage mich vor die Brust, und es fehlt nicht viel, daß ich moralisch Bankerott mache.

 

Ich bin wohl schon etwas abgestumpft. Wenn ich sie ansehe, zwinge ich mich, sie mir begraben vorzustellen. Wenn man mit seinen Gedanken rascher ist als das Schicksal, kann es nicht so stark auf einen niederwuchten. Ich bewerfe mich hinterher mit Vorwürfen: daß ich mich planmäßig abstumpfe, um einem zu großen Schmerz zuvorzukommen, daß ich, statt sie mit der sklavischsten Liebe zu umgeben, mich mit dem Gedanken an ihren Hingang abzufinden trachte. Aber vielleicht sind diese Vorwürfe ungerecht und solche Gedanken bei überreizten Naturen selbstverständlich. Wenn ich nur wüßte, wie es in ihr selbst steht. Sie hat noch immer die lächelnde Maske, und ich habe nicht die Macht, dahinter zu lesen.

 

Wir sind verreist gewesen, ich weiß es kaum. Wir haben den Herbst gehabt, im Ernst? Wenn es hier nicht stünde, ich wüßte es nicht. Ich erlebe nichts mehr, oder doch nichts wirklich. Alles ist in das Unwirkliche durch jenen Druck, der auf mir lastet, transponiert. Ich muß auf den Schnee sehen, der meine Fenstersimse beschwert und den großen Baum vor dem Fenster erdrückt, um mir zurückzurufen, daß es Winter ist. Ja, es ist Winter, und es ist nicht mehr lange, bis mein Schicksal sich entscheidet. Ich muß gearbeitet haben, daß die Zeit 94 verging, oder es muß in der Zeit liegen, daß sie vergeht. Jedenfalls ist es nun nicht mehr weit, sondern eher nah. Sie fühlt sich ganz wohl, aber ich – wenn es sich nicht sehr rasch entscheidet, so . . .

 

Nebenan! O Gott, nebenan!

 

Sie ist ganz wohl. Es ist ihr nichts geschehen, und es wird ihr nichts geschehen. Und der kleine Sohn, der mich zum Vater gemacht hat, ist ebenfalls ganz wohl und außerdem völlig kräftig. Ich müßte mich, glaube ich, sehr freuen, mich auf dem Teppich wälzen und alte Spiele aufnehmen. Aber man muß kräftig sein, um sich zu freuen, und ich bin es nicht. Doch ist es gleich, ob ich mich freue. Eine Wolke ist vor uns entschwebt, die schon an unsere Häupter rührte.

Mein Papagei schnarrt so, als ob er wüßte, wie ich frohlocken müßte. Ja, ich habe nur nicht die Kraft dazu. Aber er hat recht: so müßte man sich freuen. Es ist etwas ganz Überwältigendes.

 

Ich sitze jetzt ganze Stunden an dem Wagen, in dem mein Sohn schläft. Es geht ihm völlig gut. Sein Gesicht ist etwas klein, und die Augen und die Ohren sind zu groß. Aber es ist bei allen kleinen Kindern so.

Änne ist in eitel Seligkeit. Wenn es eine Erlösung auf Erden gibt, so geht sie von einem selbst aus. Änne hat sich selbst erlöst.

Was ich doch für ein Bedenklicher gewesen bin! Wozu habe ich Änne alles genötigt, weil ich von 95 Bedenken ganz durchsetzt war! Die Gewissenhaften sind immer die Schädlinge. Es ist furchtbar, so etwas allgemein zu sagen. Aber der Wahnsinn meiner einstigen Bedenken zwingt mich, gebietet, an Verachtung dieser Schädlichkeit in nichts zu sparen . . . Ich bin noch seliger als Änne.

 

Ich weiß nicht, wie lange es her ist, daß ich in dieses Buch etwas eingetragen habe. Ich weiß nicht, ob ich jene Tatsache noch gebucht, nach der ich überhaupt nichts mehr zu Berichtendes erlebt habe: daß wir einen Kretin zum Sohn haben. Änne ist völlig glücklich, wenn man das und daneben völlig unglücklich sein kann. Sie spielt den ganzen Tag um unseren guten Troll und wird die nächsten zehn Jahre weiter um ihn spielen, falls er diese vollen zehn Jahre noch erleben wird.

Nur ich gehe tot umher und frage mich zu wiederholten Malen, warum man nicht Anklage gegen mich erhebt. Ich weiß nicht, wie das Delikt heißt und ob es überhaupt es gibt. Aber es muß es doch wohl geben.

Ich lebe weiter, o ja, ich lebe. Aber das erleben zu müssen, ist tausend Tode.

Wenn ich wüßte, daß mich das Schicksal mißbraucht hat, würde ich gegen das Schicksal wüten. Wenn ich aber selbst der Schuldige wäre, habe ich mir die Vorwürfe zu machen. Es ist keine andere Frage, als die der Willensbeschränktheit oder Willensfreiheit. Sie erforsche ich jetzt täglich, und ein Buch entblüht darüber meinen Händen. Aber ich muß wie ein Irrsinniger 96 darüber lachen, wie man seine Erlebnisse mißbraucht: zu einem Bande Novellen und zu einem Bande System.

Von nebenher kommen die dumpfen Laute eines Kindes von acht Jahren, das noch nicht sprechen kann.

 

Es ist seltsam – und ich denke Tag für Tag darüber nach –, warum ich meine Frau nicht liebe. Wenn eines die glückliche Folge dieser Begebnisse hätte sein müssen, so wäre es die Liebe zu ihr, die sie mit ihrer Liebe zu unserem Trollein sich täglich neu verdient. Aber es muß etwas Seltsames um die Liebe sein. Sie kommt und geht nach Gesetzen, die wir nicht erkennen. Was ich heute für sie fühle, ist die unlösliche Verkettung von Treuverbundenen. Aber Treue und Liebe sind so verschieden, daß sie nicht einmal Geschwister zu heißen verdienen.

Und sowenig es einen Menschen auf Erden gibt, vor dem ich mich tiefer erniedrigen möchte: seit ich den Kretin in meinem Sohn erkannt habe, kann ich seine Mutter nicht mehr lieben.



 << zurück weiter >>