Martin Beradt
Die Verfolgten
Martin Beradt

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Die Nummer am Haus

Das Haus stand in der krummen Quergasse, bevor es abgeht nach dem Engelswisch. Ein wenig schief öffneten sich die Häuser an der Ecke auf das Himmelreich, dahinter dunkel die Gotteskirche von St. Markus aufsteht. Die goldene Schuhbrücke hinab, zur Linken, fiel die Stadt zum Hafen. Am frühen Morgen fuhr die Meerluft um die Häuser, und Salzzapfen schienen an dunklen Abenden von den Fensterborden herabzustarren, sodaß manche Armeleutezunge gern daran herumgewischt hätte, um die frische Bitternis zu dem trocknen Nachtmahl als Zugabe zu haben.

Das Haus besaß zwei Reihen Fenster, dreistöckig stieg ein Giebel darüber in die Luft, der, an den Seiten frei, durch die Jahrhunderte hätte schon öfter herunterfallen können. Er verzierte und verjüngte sich nach oben und sah einem großen Hute gleich, der einem kleinen Kopfe aufgesetzt ist. Im übrigen hatte er in seiner Kurve einen Zug, der das ganze Haus auffällig machte, wenn auch viele Häuser ringsherum die Merkwürdigkeit des Barocks besaßen.

Um einzutreten, mußte man drei steinerne Stufen ansteigen und eine bezinnte alte Tür von dunkler Eiche aufstoßen. Dann hatte man auf der Höhe der Stufen über 10 sich einen starken Kranz getriebenen Eisens, überzogen mit ausgewaschenem Gold, das ganze ein längst vergessenes Handwerkszeichen, darin am Abend eine Gasflamme beschaulich brannte. Die Flamme war übrigens nicht groß, und ihr Licht verlor sich in der Gasse.

Das Haus, das als das siebenunddreißigste in der Gasse gezählt wurde, gehörte einem Manne an, Fünfhausen. Fünfhausen war durch einen Zufall in die Stadt gekommen und hatte es dann zu einem guten Anfang gebracht, indem er auf einer Mühle große Bäume eines benachbarten Walds zu Brettern schneiden ließ und sie dann verkaufte. Obwohl seit drei Jahren verheiratet, wußte man wenig von seiner Herkunft und nichts von der Abkunft seiner Frau. Die Stadt war schwerflüssig, als altbeschränkt bekannt, und ein Zuzügler hatte es schwer, untergehakt über die Straße zu kommen. Auch wohnten beide, was dazu beitrug, sie abzusondern, in einer Gasse, die nicht angesehen war, weil sie kleine Leute beherbergte, wenn das Haus auch selbst durchaus ansehnlichen Wesens war und noch manches andere mit einer alten Vergangenheit in diese Zeit hineinragte, bedeutender, als es das unansehnliche Geschlecht verdiente, das gegenwärtig sein Wesen ausmachte. Fünfhausen jedenfalls verdiente Geld, und so lag ihm nichts daran, in einen Verkehr mit den würdigen Familien der Stadt zu kommen, der selten über ein leeres Hinbringen der Zeit hinauskam. Er lag viel auf den Eisenbahnen, weil es sein Geschäft verlangte, und war er in der Stadt, so war ihm erst recht viel Arbeit aufgeladen. Auch liebte er den Schlaf, weil er früher zu wenig davon gehabt 11 hatte; um recht alt zu werden, holte er ihn gründlich nach, und es gelang ihm leicht, da er zu jeder Zeit ohne besondere Vorkehrung einschlafen konnte. So brachte er den Sonntag auf solche Weise zu, daß er erst in der elften Stunde sich erhob, für eine halbe Stunde hinausfuhr zu der Mühle, dann zu Hause sich ein nicht weiter üppiges Mahl bereiten ließ und sich sofort wieder ausstreckte auf ein bequemes Sofa, wo er bis in die siebente, wohl auch achte Stunde dumpf und glücklich den Nachmittag über liegen blieb. Mußte er verreisen, so war er indessen bereit, auf jeden Schlaf zu verzichten, er reiste sogar mit Vorliebe an Sonntagnachmittagen fort, zum Leidwesen seiner Frau, und selbst zwei Nächte hintereinander durchzufahren war ihm gleich, wenn es etwa galt, einen Auftrag zu bekommen. Der Gedanke, daß er sich an seiner Jugend rächte, trieb ihn vorwärts, und über diesen Wunsch war er im übrigen bedürfnislos und arm.

Es war unklar, wie er zu seiner Frau gekommen war, zu der er übrigens niemals in irgendeiner Weise schlecht gewesen wäre. Er war zu ihr so, wie es seinem Wesen anstand, also durchaus nicht bösartig oder etwa kleinlich, wenn er sich auch nicht im geringsten damit abgab, anders zu sein als es ihm bequemte. So gab er ihr hinreichend Geld zum Wirtschaften, und wenn sie, von irgendeinem Schaustück angezogen, es erstand und in der Wohnung aufstellte, so brauchte sie sich nicht wie andere Frauen zu ängstigen, welches Gesicht er machen möchte, vielmehr glaubte er, sie verstünde ihren Teil davon, und es gefiel ihm, wenn sie ihre Kenntnis auch gebrauchte. 12

Die Frau hatte den Namen Marie und war von ihrer Seite etwas zage. Sie fügte sich ganz in ihren Mann, und wenn ihr etwas an ihm mißfiel, so machte sie nur große Augen, und eigentlich auch dies nur mit denen, welche dem Menschen innen sitzen, wenigstens bemerkte sie Fünfhausen nie. Ihre Ängstlichkeit aber war so groß, daß sie auch dann nicht aus der Furcht kam, wenn Fünfhausen zärtlich zu ihr wurde.

Sie hatte sehr darunter gelitten, daß ihr kein Kind geboren werden sollte. Im vierten Jahre ihrer Ehe wurde das Leid von ihr genommen, denn es stellten sich verschiedene Anzeichen einer Hoffnung ein. In dieser Zeit war Fünfhausen mehr unterwegs als sonst und dies mit sichtlichem Erfolge, so daß er Holzplätze hinzu kaufen konnte und neue Arbeiter anwerben mußte – es war offenbar, daß der Gedanke, einen Sohn zu bekommen, ihn auf das heftigste ergriff. So kam es ihm schwer an, als er bald darauf in der Zeitung bekannt geben mußte, ihm sei ein Mädchen geboren worden. Die Anzeige, die übrigens nicht, wie es sonst wohl üblich ist, Verstöße gegen die Sprache enthielt, wich in keinem Worte von den hergebrachten Formen ab und trug zum Ende, als Unterschrift, wie es der Brauch ist, die Namen der beiden Verdienten, des Mannes und nunmehr Vaters, und seiner Frau. Hierbei erfuhr man ihren Mädchennamen, der übrigens unauffällig war und Menzer lautete.

Nun war sie, so wenig sie es selber wußte, ein Wesen, das nicht in der krummen Quergasse nur bekannt war, sondern in allen Nachbargassen ebenso, mochte es nun 13 der Spiegelweg sein, die Weinfaßstraße, die Leitergasse, Goldgießen, die Rockgasse oder selbst das Himmelreich; denn so wenig sie auch auf der Straße aufsah und so sehr sie immer vor sich hinging, so fiel sie doch auf durch die reine Art, die aus der weichen und lichten Form ihres Antlitzes redete; auch lag ein Schein von Ernst auf dem Gesicht, den ihr helles und geradezu gutes Haar noch mehr verstärkte. Wenn aber jemand versehentlich ihr in den Weg trat, so daß sie aufsah, erstaunte er über die starke Glut in ihren, im übrigen nur grauen Augen, die niemand erwartet hätte, unter dieser Stirn zu finden. Doch war es vor allem wohl ihr Schritt, der sie bemerken ließ. Er war nicht bloß leise, sondern schier gar nicht zu hören, auch nicht auf den krummsten Steinen, doch hörte oder fühlte man in irgendeiner Weise, daß sie vorüberkam, mochte es nun ihr Haar sein, dessen Duft aufmerken ließ, oder die Bewegung, durch die sie mit ihrem mittelgroßen und zarten Körper die Luft zerteilte. Ihr Blick war im übrigen starr nach vorn gestellt und häufig richtete er sich auch suchend auf die Steine.

Besonders ergriffen von ihrer Erscheinung und ihr ergeben war ein Mann von annähernd vierzig Jahren. Er hieß Zachariae mit Namen, wohnte in ein und derselben Gasse, in einem kürzlich hingesetzten Haus, in einem kleinen und niedrigen Zimmer des oberen Stocks. Wenn dieser wußte, daß sie vorüberging, so stand er vorgebeugt im Fenster, die grünen Läden rechts und links wie Flügel sich zur Seite, und viele überflüssige Stunden brachte er damit zu, auf die Gasse 14 hinunterzublicken, wobei ihn nur der Gedanke an sie verführte, dem oft verdrießlichen Treiben zuzuschauen. Weniger gern begegnete er ihr selbst, mochte nun ihr Eindruck auf ihn zu stark sein oder er sich unwürdig dünken, in ihr Augenlicht zu fallen.

Dieser Mann hatte viele Sonderbarkeiten an sich, zu denen diese Stadt einem wohl verhalf. Er war von früh an mit einer ängstlichen Scheu behaftet, hinauszutreten, und seine vermögenden Eltern hatten diese Scheu verstärkt, indem sie in verschiedenen unerträglichen Berufen ihn viele Jahre hindurch beschäftigt und ihn so bis an die Wende der dreißig nicht für längere Zeit hatten aus der Stadt hinauskommen lassen. So hatten sie ihn, mit dem sie außerdem als mit ihrem einzigen Kinde zusammenwohnten, nicht bloß ängstlich, sondern geradezu kindlich bewahrt, was bei seiner Anlage gerade am wenigsten hätte geschehen dürfen, und waren dann, was sie nie gedacht hätten, in einem Jahre rasch hintereinander gestorben. Daß er ohne sie auch nur eine Woche lang durch die Welt fand, hätten sie nie geglaubt, aber es geschah; das beträchtliche Gut, das sie hinterließen, war bald vertan, einen erheblichen Teil zerstreute durch seine Untreue der Testamentsvollstrecker, das weitere vergeudete er selbst auf mehrjährigen Reisen, die er mit einem plötzlich erwachten Hang zur Selbständigkeit und zu üppigem Wesen verschwenderisch betrieb. Zuletzt, in der Nähe von Genf, hielt er sich zum ersten Male eine Geliebte, ein reizendes, aber wenig verläßliches Geschöpf, ihre Art und Schliche wurden von ihm erst erkannt, als sie seiner Lust zu geben sich schon reichlich angenommen 15 hatte; mit einer ihm noch später unerklärlichen Entschlossenheit floh er vor ihr nach Paris. Allein seine Flucht wäre besser nach jedem anderen Punkt der Erde gegangen, und selbst zu bleiben, würde ihm, auch wenn das Mädchen ihn noch so ausgeplündert hätte, besser bekommen sein. Denn in Paris verdarb er sich für sein Leben, und verändert kam er in die Stadt zurück. Sein Geld trug ihm noch gerade soviel Zins, daß er auf das kärgste davon leben konnte, das heißt einfach dasein konnte, ohne Arbeit und mit dem Recht, sich seinen Seltsamkeiten hinzugeben. So war er seit seiner Rückkehr aus Paris, das heißt seit einem halben Jahre, ein Mitbewohner dieser kleinbürgerlichen, verschrobenen Gasse, aber auch Nachbar der Marie Fünfhausen, die dicht dabei in der Nummer siebenunddreißig wohnte und an ihm einen Verehrer von einer tiefen Neigung hatte, weil er etwas kindlich zu verehren wünschte.

Zachariae nun und seinen Augen war nicht entgangen, was sich im Leben der Frau Fünfhausen vorbereitete, und wenn sie, nun schon ein wenig mitgenommen, in den letzten Tagen sanft über die Straße schritt, dann hätte es keinen Dienst gegeben, den er für sie sich zu unterfangen nicht entschlossen gewesen wäre. Sein ganzes Geld hätte er für einen Wagen hingegeben, der auf Gummirädern rollte und der unmerklich federte, damit sie darin und nicht zu Fuß ihre Besorgungen machte, und wenn sie ihm nicht begegnete, war er glücklich, denn daran erkannte er, daß sie sich schonte. Dann fand er eines Tages in der Zeitung jene Anzeige des Ereignisses. An diesem Morgen öffnete er seine Tür nicht, auch als 16 man an der Klinke rüttelte, um das Zimmer aufzuräumen; er verschloß sogar die Läden, so daß nur ein einziger Lichtspalt offen blieb, und bei diesem Scheine küßte er den Vornamen Marie, der unter der Anzeige, und den Geburtsnamen, der hinter Marie stand, wie für ihn bestimmt, als ein Verrat ihrer Herkunft. Im Verlaufe des Tages zeigte er sich mehrere Male, also auffällig oft für eine Gasse, vor ihrem Hause und starrte in Gedanken, die keiner richtig erkannte, dem er etwa auffiel, eine beträchtliche Weile dorthin, wo die Vorhänge geschlossen waren. Seinen Daumen preßte er mit einer geradezu mörderischen Gewalt gegen ein kleines Hölzchen, wie es die Kaufleute der Stadt bei Paketen an der Schnur befestigen, um das Tragen zu erleichtern. Denn er hatte die Sonderbarkeit oder wohl mehr schon Schwäche, häufig mit einer solchen Schnur oder einem solchen Hölzchen in der Hand auszugehen, weil den Knoten der Schnur oder das Ende des Hölzchens zu spüren seinen Fingern wohltat. Heute war es meist das Holz, das er gegen die Finger preßte, aber auch mit dem Knoten einer ziemlich dicken Schnur brachte er, ohne daß er es wollte, rötliche Striemen seiner Haut bei, indem er, soweit es anging, die Hand durch die Schlinge preßte.

Irgend jemand nun mußte die Absicht haben, ihm Übles anzutun oder einen Possen mit ihm zu treiben, denn am nächsten Tage bekam Fünfhausen einen Brief, in dem nichts weiter stak als ein kleines Blättchen; aber die Geburtsanzeige war darauf fest geklebt und die Unterschrift mit Tinte durchgestrichen, soweit es sich um den Namen Fünfhausen drehte. Statt dessen stand 17 W. A. Zachariae darüber geschrieben, so daß das ganze bedeutete, dieser und seine Frau Marie, gebürtige Menzel, beehrten sich, die jüngst erfolgte Geburt eines kleinen Mädchens bekanntzugeben.

Fünfhaufen, als er das Schreiben erhielt, litt noch unter seiner Enttäuschung und nahm es deshalb schwerer, als er sonst wohl einen namenlosen Brief genommen hätte. Seine Frau lag in ihren Kissen, so blaß, daß ihm der Eintritt noch nicht verstattet wurde, und um das von ihr zur Welt gebrachte Wesen war es auch nicht sonderlich bestellt. So kugelte er den Zettel, nicht verdrossen bloß, sondern schon eher wild zusammen, steckte ihn zu sich in eine Tasche und stieg oder stolperte hinunter, um seinen Geschäften nachzugehen. Aber so einfach, wie er sich es gedacht hatte, ging es nicht, er bekam Streit mit seinen Leuten und mußte, um nicht hingerissen zu werden, aus seinem Geschäft davongehen. So lief er durch die Stadt, und da es ihm unbekannt war, wie man plan- und ziellos Straßen abgehen konnte, machte er sich Wege und suchte Wirtschaften auf, um in den Blättern nachzusehen, ob da auch schon eine Hand am Werk gewesen. Es kam ihm darauf an, in Erfahrung zu bringen, ob nur ein einzelner den Gedanken hatte oder ob es ein allgemeines Gerede war, er sah auch auf der Straße den Leuten in die Augen, worauf sie es wieder mit ihm taten, er kannte wenige, war aber auch selbst nicht vielen bekannt, und kannte ihn jemand, so verwunderte er sich seines Benehmens und sah ihm merkwürdig nach, so daß er fast begann, an ein Gerücht zu glauben. 18

Ein Gerücht aber, sagte sich Fünfhausen, als er weiterging, konnte wahr sein oder falsch. Viel wichtiger daher als festzustellen, ob ein Gerede bereits bestand, war, ob die kleine Geburt eine Fünfhausen war oder nicht. Hier aber war er merkwürdig ruhig, denn seiner Frau war er in jedem Betrachte sicher, nicht weil er sie als eine Person von besonderer Reine und Sanftmut ansah, was ihm nicht einfiel, sondern weil solche Wege, welche die Sinnlichkeit sucht, als einer unsinnlichen Frau ihr nach seiner Ansicht fernlagen.

Als er sich lange umhergetrieben hatte und zu Hause ankam, nahm die Hebamme ihn auf die Seite und machte ihn damit vertraut, daß die kleine Fünfhausen sich wieder davon gemacht hatte und seit einer Stunde kalt und leblos dalag. Er sah die Gevatterin an, ohne etwas zu sagen, blickte dann fast kindlich seiner kleinen Tochter in das Gesicht, weil sie mit ihrem kurzen Aufenthalt ihm schon so viel Verdruß bereitet hatte, und ging dann für längere Zeit auf seine Stube, wobei es unklar blieb, was er drinnen anstellte; es mochte sein, daß er wegen der Torheit des ihm Widerfahrenen schlief, aber auch, daß er grimmig darüber nachdachte, was alles an bösem ihm an einem Tage angetan war. Zum Abend ging er aus, um Vorkehrungen zu treffen, welche die neue Lage erforderte.

Unterwegs stieß ihm auf: wenn seine Frau auch keinen sonstwie gearteten Umgang mit einem anderen hatte, so mußte sie mindestens doch einen Herrn des Namens Zachariae kennen, ohne daß er um diese Bekanntschaft wußte. Der Name war genau in dem Schreiben angegeben, 19 selbst die Vornamen waren nicht verschwiegen, und grundlos konnte solche Deutlichkeit nicht sein. Er wollte den Mann ermitteln und schlug das Adreßbuch nach, doch wies das Adreßbuch ihn nicht auf. Schließlich fiel ihm ein, daß er der Öffentlichkeit schon wieder etwas mitzuteilen hatte, und ging zum Trotz auf eine Zeitungsstube, wo er die ihm widerfahrene Heimsuchung bekannt gab. Es kam ihm seltsam an, als er seine Unterschrift darunter stellte, aus Widersetzlichkeit wollte er sie absichtlich noch fetter setzen lassen, schließlich schwächte er sie unter dem Anfall eines Zweifels zu dünnen Haarstrichen ab, aber auch dabei klang ihm der Name Zachariaes in den Ohren.

Schon am nächsten Nachmittag fuhr eine beträchtliche Kutsche, in der ein Kindersarg auf einer besonderen Bank hinter dem Kutscher thronte, innen aber Fünfhausen saß, an dem Himmelreich vorüber zu der krummen Quergasse hinaus. Es schloß sich niemand zur Begleitung an, wie denn allgemein die Ehemänner die Fehlgeburten ihrer Frauen allein dem Friedhof überliefern. Ingrimmig über diese Tatenlosigkeit saß Fünfhausen an seinem Platz, und er hätte am liebsten irgend etwas Unerhörtes unternommen, indes der Wagen mit einer Feierlichkeit, die bei dem kurzen Vorfall übertrieben war, dahinfuhr, Schritt vor Schritt, wie um den Leuten darzutun, daß sein Begleiter es durchaus nicht eilig hatte, sich von dem hingegangenen Geschöpf zu trennen. Schließlich hielt Fünfhausen es nicht länger aus; nachdem er sich erst zurückgelehnt hatte, weil die Gassenjungen herumsprangen und den Sargvater sehen wollten, rief er 20 fuchsig zu dem Schlag hinaus, der Kutscher solle endlich im Galopp fahren. Ob die Pferde sich gleich, zwei gute Tiere, ins Geschirr legten und mächtig ihre vollen Brüste vorstemmten, ging es ihm nicht schnell genug, und er behielt noch viel Zeit, darüber nachzudenken, wie schlecht es für ihn um einen leiblichen Erben aussah, wenn er im vierten Jahr gezwungen war, diese Fahrt zu machen, und er auch noch heute seine Frau nicht zu Gesicht bekam.

Obwohl er es glaubte, machte Fünfhausen nicht die Fahrt allein. Zachariae half ihm, die kleine Windgeburt in die Erde geben. Er hatte am Morgen die umränderte Nachricht in der Zeitung gelesen und war davon, er wußte eigentlich nicht weshalb, zugleich erschrocken und beglückt. Als er sich gefaßt hatte, übergoß sich sein Gesicht, mehr: sein ganzer Körper mit einer siedenden Hitze bei dem Gedanken, ob er sich dem Leichenzug anschließen dürfe. Wenn er es tat, so geschah das Äußerste, dünkte ihn, was ein Mann bei einer verheirateten Frau erreichen konnte, etwas zu Ahndendes, was das Auge des Mannes meiden mußte. So entschloß er sich, diesen folgenschweren Schritt nur dann zu tun, wenn das Gefolge groß sein sollte, und da die Stunde der Beerdigung nicht angegeben war, konnte man Zachariae den ganzen Tag in seinem Zimmer, angetan mit einem schwarzen Rock und bekleidet mit einem hohen Hute, sehen, wie er, von einer Gardine verborgen, auf die Gasse hinunterschielte. Als der Leichenwagen vorfuhr und sich überhaupt kein Gefolge einstellte, setzte er sich im Zimmer nieder und machte inwendig den Vorgang 21 mit. Er fuhr innen mit im Schritt und fiel den ganzen Weg über nicht in eine andere Gangart, fuhr durch alle Gassen, durch die Straßen, über die Chaussee, hob mit an und wollte den Sarg mitschultern, was ihm freilich die Dazwischenkunft eines näher Stehenden verwies, dafür schaufelte er aber, als der eigentlich Zugehörige die kleine Statt verlassen hatte, noch eine geraume Weile fort und schlug ganz zum Schluß umständlich und sorgsam mit dem Spaten die Erde glatt, damit sie nicht wie eilig hingeschüttet aussähe. Er war dabei zu gleicher Zeit wo anders, stand an dem Bett einer Frau und sprach mit ihr, wenn man ein sanftes Flüstern also nennen wollte, drehte ihr aber achtungsvoll den Rücken zu, oder er sprach gar nicht, sondern war einfach da, um anzusagen, daß sich zwar bei einem solchen Umstand nicht reden ließe, daß er aber erbötig sei, mit seiner Person für sie einzustehen und alles durchzuhalten. Worauf jemand sanft, aber innig aus seinen Kissen auflächelte und dann, als sei es schon zu viel des Einverständnisses, sich zur Wand herumdrehte, so daß er sich schlechterdings empfehlen mußte und zu Hause befriedigt den hohen Hut abstellen konnte, den er freilich so unglücklich in das Futteral schob, daß der untere Teil zuerst hineinging und ein Unglück sich nicht vermied.

Marie Fünfhausen hatte von der Angelegenheit noch des längeren einen leiblichen Schaden, und der Arzt, der sich unter Fünfhausens Mißtrauen täglich des ein- oder mehrfachen einstellte, machte ein überaus verärgertes Gesicht, wenn er ausgeholt wurde. Mochte die Frau in einem Fieber irgend etwas ausgesagt haben, was 22 diese Stellungnahme begründete, jedenfalls verbot er dem Mann, mit Recht oder nicht, sie vorerst zu sehen. Da er es zu Hause andererseits nicht aushielt, wo er bald über eine Pflegerin stolperte, bald über den Arzt, machte er weniger dringliche Geschäfte dringlich und fuhr mit dem nächsten raschen Zuge, der recht weit fort ging, in das Land.

Von Angst getrieben, kam er nach zwei Tagen zurück und fuhr gleich wieder fort, als er hörte, daß sich der Zustand besserte. Als er wiederkehrte, sagte ihm der Arzt, das Befinden befriedige noch nicht und mache für einige Zeit noch eine ununterbrochene Ruhe nötig. Er war beirrt; nicht länger zurückzuhalten, trat er in die Tür, erschrocken fuhr die Frau zurück und redete irre aus dem Schlaf; so wurde er geduldiger für den Rat des Arztes, daß seine Anwesenheit, auch wenn er sich noch so still verhielte, eine Störung sei, zumal man ihm versprach, daß seiner Frau jede Sorgfalt würde.

Fünfhausen zögerte trotzdem, fortzureisen, weil ihr Erschrecken ihm wieder den Namen Zachariaes auf die Lippen gebracht hatte. Da die Spannung in ihm bedrohlicher wurde und er fürchtete, er werde, sobald er sie nur sprach, diesen fürchterlichen Namen ihr entgegenhalten und ihren Zustand dadurch ärger machen, fuhr er schließlich für mehrere Wochen aus der Stadt. Sein Geschäft konnte ihn so lange nicht in Anspruch nehmen, so hielt er sich einige Zeit in einer vergnügten Stadt auf und brachte die Tage in einer Weise zu, daß er nicht davon erzählte; doch blieb es gleich, da er auch sonst über sein Leben nicht zu sprechen liebte. 23

Als er zurückkam, fand er seine Frau schon auf im Zimmer; sie war seit längeren Tagen außer Bett, dabei voller Angst, daß er nicht käme. Als sie ihn nun sah, faßte sie seine Hand, um sie zu küssen, wobei ihr ein Strom des besten Blutes vom Herzen in das Gesicht lief. Fünfhausen ward zunächst betroffen, dachte aber sodann, es sei ein Mittel, ihn zu beschwichtigen, und wollte schon den biblischen Namen ihr entgegenschleudern. Da strahlte ihn ihre Blässe an, die ihr Gesicht zu Wachs machte, und statt seine Anklage vorzubringen, brachte er einen Stuhl für sie, darauf zu sitzen. Da saß sie nun, und als sie wieder die Kraft hatte, ihn aus den Augen anzusehen, geschah es voller Scham, weil sie eine Windgeburt hervorgebracht hatte und nicht imstande war, ein Wesen herzugeben, wie man es brauchte, indessen er ihr den Unterhalt gab und zu wohnen und zu kleiden. Fünfhausen ertrug nicht diesen Blick, er lief um sie herum, wie um eine Erscheinung, mit der nichts anzufangen war und mit der dennoch etwas geschehen mußte, und ging endlich, ohne etwas zu sagen, aus dem Zimmer und aus dem Haus.

Dieses unerklärliche Verhalten ängstigte sie sehr, zumal es sich an dem nächsten und an dem zweiten Tage wiederholte. Sie suchte sich daher zu kräftigen, denn sie fühlte, daß er irgend etwas ihr verbarg, weil er sie noch nicht für imstande hielt, es anzuhören. Obwohl es sie bei dem Gedanken daran bis ins Innerste durchfuhr und sie auch so schwach war, daß ein sonst ihr fremdes Mitleid mit sich selbst sie überkam, zeigte sie sich doch vor ihrem Manne hergestellter. Mochte er sie 24 aber für schwächer halten, als sie sich gab, oder etwas anderes ihn zurückhalten, er verschob den Entschluß zu reden immer weiter, und da sie andererseits sich nicht zu fragen traute, stand es nach einer Woche sonderbar um sie, und abseits und für sich wurde sie von auffälligen, die Welt verwandelnden Gesichten überfallen. Es geschah, daß die Gardinen für sie nicht Gardinen blieben, daß sie eine Leiter nahm und sie von der Stange abhieb und um sich breitete als Schatz und Schleppe, womit sie als Braut die Stufen aufschritt in die Kirche. Langsam fegte der Wind dahinter, es regnete zugleich in dichten Strömen, wie es bei ihrer Hochzeit geschehen war. Um sie nicht durchnässen zu lassen, zog sie die Kleider etwas hoch, was vorn den Spann sehen ließ, hinten aber die Ferse, wessen sie sich nicht zu schämen brauchte. Bald darauf wurde sie von etwas anderem gelockt, schloß ein Fenster auf und brach die Eiszapfen von den Borden, deren sie mehrere lächelnd in den Mund nahm; das Wasser rann gegen die Zähne, und ihr Zahnfleisch brach in Schrecken aus, daß einige Blutlinien sich über die Lippen schnürten. Dennoch dachte sie auch in solchen Augenblicken an ihren Mann, ob er wohl käme. Sie hatte ein kleines Ohr; da sie nun horchte, nahm sie, sich zu beruhigen, das Läppchen, das von weichem Samt war, zwischen zwei Finger ihrer Hand, zwischen den Daumen und den nächsten, und streichelte sanft herum in seiner Mulde, so wie sie sich wohl selbst von ihrem Mann gern hätte streicheln lassen. Aber ob sie gleich bei solcher Art in einen leichten Schlaf kam, hörten die Gesichte nicht zu kommen auf. Die Dinge, die ihr 25 geschahen, waren merkwürdig, und sie wurde tief davon betroffen. An den nächsten Tagen wurde es nicht anders, nach wie vor ging vieles für sie ineinander über, und sie selbst, Marie Fünfhausen, ward sehr verwundert.

Alsdann ließ der Lauf der Dinge von keiner Seite sich weiter aufhalten, ihr Mann nannte einen Namen, den sie nicht kannte, und brachte ihn zuletzt in eine Verbindung mit dem ihrigen, wohl in die schamloseste, die je in dieser Stadt gedacht worden, seitdem die ersten Häuser, bald nach 1000, in ihr errichtet worden waren. Eine Antwort hierauf zu geben, wollte ihr nicht gelingen, so daß er unruhig wurde und seine Stimme wuchs. Unter einem ungeheuren Losstoßen entlud sich sein Unwille, der Groll über die Geburt des Mädchens fuhr mit, die Wut über dessen Tod, auch die üble Laune über ihre Krankheit und die Mißbilligung ihres Verhaltens auf seine Zumutung; denn er mochte noch immer nicht an sie glauben. Da er aber nicht vorwärts kam, verließ er sie, und als er nach seiner Rückkehr sie noch entgeisterter anfand und durchaus nicht wußte, was mit ihr anstellen, fuhr er dieses Mal gleich für mehrere Tage und in erheblichen Geschäften in das Land.

Marie Fünfhausen tat, was junge Frauen bei solcher Gelegenheit wohl anfangen, sie legte sich ins Bett, daß, wenn die Welt von allen Seiten auf sie losschlüge, es hin geschähe zu dem Ort, wo sie dem am tüchtigsten begegnen konnte. Sie lag sechsunddreißig Stunden, bis gegen die Dämmerung des nächsten Abends, und ließ sich kaum mit dem Nötigsten versehen von einem 26 Mädchen, das mit aufrichtiger Hingebung ab- und zulief. Merkwürdig war die Schwäche, die so heftig sie überfiel, daß sie dachte, nun müsse alles von ihr lassen, und dann doch einer körperlichen Stärke wich, deren Herkunft nicht zu begreifen war, denn in ihrem leiblichen Befinden war sie nicht begründet. Auch ihre Gedanken, zuerst von dem Vorkommnis ganz hingenommen, rangen sich schließlich los und gingen entfernte Wege, wie wenn sie nur gesunden könne, wenn sie sich mit Entlegenem und Entgegengesetztem abgab. In ihrem Kopf blühten die Feuer, Blutwirbel quirlten durch sie hin, und es waren süße und wilde Dinge, die sie beschäftigten. Schließlich wurde sie von deutlicheren Träumen heimgesucht, deren leidenschaftliche Bildkraft sie verdüsterte und wiederum ermattete, und als sie nach sechsunddreißig Stunden aufstand, fühlte sie sich immer noch dunkel durchwühlt von diesen Träumen, ohne daß sie sich jedoch vorstellen konnte, welche Träume oder auch nur Träume welcher Art ihr denn begegnet wären. Aber auch was sie in das Bett getrieben hatte, war ihr nicht mehr gegenwärtig oder stand jedenfalls nun weit von ihr ab.

Als sie sich anzog und wählen sollte, welches Kleid sie überstreife, fiel ihr ein, sie könne auf die Gasse gehen und ein wenig die so lange nicht betretene ab- und widerwandeln. Durch das Fenster blickend bemerkte sie, daß ein leiser zerteilter Regen niederspritzte, aber statt sie abzuhalten, verführte er sie, weil sie unversehens an die Laternen dachte, die im Regen leuchteten. Sie liebte die Schaufensterscheiben, die von dicken Regentropfen übersprüht waren und in die man kleine Punkte oder ganze 27 Buchstaben mit dem Fingern zog; war man jung, so hinterließ man für die Neugier der Folgenden wohl ganze Worte, wenn nicht Sätze. So machte sie sich fertig, und ehe viel Zeit verstrich, war sie unten und schritt aus, als wenn ihr nichts geschehen wäre. Beinahe munter ging sie hin, und da es seit längerem zum erstenmal geschah, erfolgte es nicht ohne Anteilnahme der kleinen Leute von links und rechts, einen Anteil, den sie nicht bemerkte, und noch auf der Weinfaßstraße, der Leitergasse und auf dem Himmelreich wurden lange Hälse nach ihr ausgestreckt zu allen Fenstern.

Es war schon gegen Abend, daß dieser Gang unternommen wurde, der an vielen Gassenköpfen vorbei zu den Krämerläden führte. Von vielen Häuserschlünden das Dunkel drängte sich heran und wollte sie selber finster machen, doch wandte sie sich ab und nahm sich die Lichtpunkte vor, die von dem Regen in das Siebenfache und mehr gespiegelt wurden. Allmählich wand die Stadt sich aus den Gassen in eine breite, regelmäßig hingezogene Straße, darin das Licht aus allen Fenstern ausbrach wie das Leben. Marie Fünfhausen stellte sich vor einen Laden, dessen Fenster so übergossen waren, daß alles darin verzerrt war, obwohl es Briefpapier und Hüllen und Spielzeug und anderer Tand von außen schien. Es erging ihr ähnlich noch vor anderen Läden, denn sie hatte es durchaus nicht eilig und hielt vor jedem an; bei dem letzten verspürte sie, daß sie eigentlich einen Schirm gebrauchen sollte, den sie aber, unbegreiflich, nicht mitgenommen hatte. Der Regen trommelte nun dunkel, wenn auch sachte, auf dem 28 Haarfilz ihres Hutes, doch ließ sie sich auf ihrem Wege nicht behindern. Der Weg führte jetzt zu einem offenen Stand in einer Häuserdiele, darin eine Frau Maronen über dem Feuer röstete und aus dem Dampf heraus in die Hand verkaufte. Marie mochte Maronen nicht recht leiden, so war es ausgeschlossen, daß sie einige erstand; ungeachtet dessen blieb sie stehen und sah weniger den Maronen oder der Händlerin als den Dämpfen zu, die leise über den Kohlen in die feuchte Luft hinaufwölkten. Dabei waren ihre Augen starr, und irgendwie benommen, schien sie an dem Platze festzuwachsen, als plötzlich ein Wind vom Norden einen Regenschauer vorpeitschte und sie tiefer in das Haus drängte, wo ein Schildermaler, sich zu rühmen und Kunden anzulocken, Schilder hatte ausgestellt der mannigfachsten Art. Es standen darauf stadtbekannte Namen, eingebrannt oder auch nur aufgemalt, daneben verwiesen Inschriften auf einen Vordereingang oder zu einer Hintertreppe, auch wurde in gleicher Weise ein »rechts« und ein »links« und ein »geradeaus« befohlen, endlich waren Häusernummern da, scheinbar sinnlos in den Zahlen, aber vielleicht doch zusammengestellt von einer lenkenden Hand. Jedenfalls geschah etwas Merkwürdiges Marie Fünfhausen: als sie der Schilder ansichtig wurde und ihr innerer Sinn von der einen Aufschrift zu der anderen getrieben wurde, von einer Nummer zu der nächsten, ging ihr, als bestünden keine Wände mehr für sie, mit jeder Inschrift das Leben eines Menschen oder eines Hauses auf, was sie betroffen und sehr abwendig machte. 29

Dann wurde ihr Augenmerk unversehens hingezogen zu einer Nummer, die keine andere war wie die ihres eigenes Hauses. Während die Nummer an ihrem Hause aber wie bei bürgerlichen Häusern auf einen Untergrund von Email gebrannt war, war die Zahl hier nur mit einem schlechten Pinsel auf ein quadratisches, durchsichtiges Glas gemalt, beinahe gelb, offenbar weil die Deckfarbe nur einmal aufgetragen worden war. Nun reichten viele Straßen bis zu dieser Zahl von Häusern, und es war kaum Sonderliches, daß diese Nummer dahing und darauf wartete, erlöst zu werden an ein Haus. Ihre Anteilnahme wäre denn auch gering gewesen, wenn sie nicht noch einmal, die Zahlenreihen übersehend, auf dieselbe Zahl gestoßen wäre, abermals auf Glas gemalt und in ganz derselben Weise wie die andere geschrieben. Da geschah es, daß in ihr sich die Dinge überstürzten und sie plötzlich die beiden Glasscheiben aneinanderstellte auf jene merkwürdige Art und Weise, wie sie sie einmal in Paris gesehen hatte. Zugleich fiel ihr ein, wie ihr auf ihrer Hochzeitsreise ihr Mann sie durch abseitige Gassen der Stadt geführt hatte, wo, als ein nur den Eingeweihten geläufiges Zeichen, sich vor gewissen Häusern die Nummer des Hauses zweimal über der Tür fand, aus zwei Schildern, deren Kanten gegeneinanderstanden, eine Gasflamme brannte in dem Winkel.

Noch bestürzt, daß ihr diese Erinnerung kam, die sie beschämte, fiel ihr die Ungeheuerlichkeit ein, die ihr nachgeredet wurde, die Verdächtigung, die ihr Mann ihr ins Gesicht geschleudert hatte, und unversehens fühlte sie sich durch die Beschimpfung einem Wesen gleich, das in 30 einem solchen Hause wohnte. Sie wollte sofort, weil sie die Gefahr bemerkte, die Vorstellung auslöschen und machte mit zwei Fingern jene Bewegung, mit der man wohl den Kopf eines brennenden Streichholzes zusammendrückt. Aber es gelang ihr unvollständig, die Vorstellung hatte ihren Körper schon ergriffen, in Flammen prasselte sie aus ihr heraus und durchdornte ihren Rücken. Ohnmächtig, dagegen anzukommen, trat sie getrieben in den Laden und erstand die Schilder nicht minder unfreiwillig. Der Mann fing ein Gespräch an über das Wetter, dann auch über die Unzuverlässigkeit des Hausbesitzers, der sie für ein Eckhaus hatte fertigen lassen und ihre Abnahme dann verweigert hatte, sie unterbrach ihn, indem sie beide Schilder verbunden wünschte. Bei der Erörterung der Art, wie das geschehen sollte, trat sie mit dem Verlangen hervor nach jener Form, was zunächst eine Verlegenheit bei dem Mann hervorrief; schließlich stand er nicht an, ihr zu versprechen, sie in einer Verbindung von Draht binnen längstens einer Stunde ihr zu senden.

Marie Fünfhausen tauchte wieder aus der Gasse auf, nun von jener Vorstellung in einer Weise hingenommen, die ihr Wesen vom Grunde änderte; denn was sie bisher nur allgemein ergriffen, durchfuhr sie nun mit allen grauenhaften Einzelheiten. Es war also, daß sie nach der Behandlung durch ihren Mann nichts anderes als eine von jenen Frauen war, die in den Winkelgassen von Paris in jenen Häusern wohnten, und so dachte sie auch zu sein wie sie, und wie eine andere sich zur Nonne entschließt, entschloß sie sich zu diesem anderen Dasein. 31 Während sie erglüht und fremd sich selbst durch die Straßen wandelte, schien ihr Mund ihr gierig, der Hals voll Hoffart wie es Sitte bei diesem Stande ist, und sich ganz dafür bereit zu machen, begann sie sogleich mit einer Sachlichkeit, die erschrecken ließ. Rote Schminke, die sie noch nie angewandt, erschien ihr als erstes notwendig, um einen Liebhaber anzulocken. So begab sie sich in eine Drogerie und erstand eine Dose mit dem Geheimnis des Feuers und des Blutes, das in das Gesicht hinaufgetäuscht wird. Aber einmal damit beschäftigt, sich auszustatten, beließ sie es nicht bei diesem halben, sie nahm eine wohlriechende Seife mit; die Schminke aufzutragen, forderte sie eine Quaste; dann einen sanften Puder, die Erregung fortzuwischen, und einen Creme, ihn darauf festzuhalten; die schönen Stücke betrachtend, erstand sie weiter eine scharfe Flüssigkeit, die Haare spröde, und eine fette, die Haare weich zu machen, auf gutes Zureden auch einen hellen Kamm, um sie zu streichen, und eine scharfe Bürste, die Kopfhaut besser zu beleben. Auch widerstand sie nicht der Versuchung, eine Feile zu erstehen, um die Nägel abzurunden, und nahm auch einen zur Färbung der Nägel nützlichen Stein und ein Eisen, um das Fleisch zurückzudrängen. Sie suchte das alles nicht zusammen, sondern fand es sofort und ging von dort aus in einen anderen Laden, um Wäsche, in einen dritten, um Weine, und in einen vierten, um Tabake einzukaufen – dann erkannte sie ohne Bedauern, daß das alles nichts als Vorsätze waren und sie in Wirklichkeit in keinen Laden, ausgenommen des Schildermachers, getreten war. Rasch und 32 aufgeregt, immer aber mit zurückgehaltenem und nur einmal, wenigstens dünkte es sie so, mit herausgewölbtem Körper, ging sie durch die Stadt, durch irgendeine Winkelgasse, die von Dunkel troff, und trieb die Stunde hin, die sie auf die Sendung warten mußte. Viele Menschen sahen auf ihren Schritt, aber sie war nicht dort, sondern ging spazieren in ihrem Innern, wenn nicht in Paris oder in ihrem neuen Leben. Der Regen blinzelte nur noch wenig herunter, wie wenn er sie jetzt schonen mußte, da sie eine Aufgabe zu erfüllen hatte, aber manchmal machte eine Häuserwand, gegen die sie anstreifte, ihr Kleid ganz naß. Die Leute wandten sich ihr zu, denn es wurde spät, die ersten Rolläden rasselten schon herunter vor den Läden. Indessen konnte dies sie nicht auf ihren Wegen hindern, da sie nun schon weniger sie aus sich heraustat, denn daß es mit ihr geschah, und als sie nach einer Stunde in ihr Haus trat, halb verwundert, daß sie da war, fühlte sie, daß nun ihr Schicksal sich bereite.

Sie traf die Schilder in der anbefohlenen Weise bereits verbunden vor und fand eine neue Bestätigung darin, daß sie auf dem Wege war. So ging sie denn hinauf, verordnete dem Mädchen, daß es hinunterspringe und in dem schweren Eisenkranz die beiden vom Draht zusammengehaltenen Schilder mit einer starken Schnur um die Gasflamme befestige und von innen her bescheinen lasse. Das Mädchen wunderte sich darüber, da schon ein anderes, sie deuchte besseres, Schild neben dem Torweg hing, führte den Befehl aber ohne weiteres aus. Sie dachte dabei ohne Leiter auszukommen, da sie aber klein gewachsen war und es ihr nicht gelang, packte ein 33 anderes Mädchen von der Gasse sie um die Röcke und hielt sie zu dem Kranz hinauf, von welchem Verfahren die Arbeit nicht gerade besonders gut gedeihen konnte, und in der Tat wurden die Nummern ziemlich schief im Kranze angebracht; da die Gasflamme aber richtig zwischen ihnen beiden brannte, so nahm es ihnen nicht die Bedeutung noch die Erkennbarkeit, und weil das Mädchen starke Hände hatte, versprach auch der Knoten, bis zum jüngsten Tag zu halten, wenn es nicht Herrn Fünfhausen etwa anders und gegensätzlich gefiele.

Von dem Augenblick an, wo das Mädchen die Verrichtung meldete, befand sich Marie Fünfhausen in einem unbekannten Fieber. Sie befahl dem Mädchen, sich in die hinteren Räume zu verfügen, zündete alle Lampen an in den vorderen Zimmern, zog die Vorhänge vor die Fenster, ließ sie in der Mitte aber nur bis auf einen bedeutungsvollen Spalt zusammengehen; obwohl die Jahreszeit vorgeschritten war, öffnete sie in einem Zimmer nach der Straße zu ein Fenster und ging zum Korridor, um auch die Tür zu der Wohnung aufzusperren, damit jeder Einlaß hätte, den danach verlangte. Nun befand sie sich aber in einem durchaus ungeeigneten Gewand, das sich für einen Ausgang schicken mochte, doch nicht für diese Bestimmung; zog sie ein anderes über, mochte jemand sie überraschen, was sie mit solchem Herzklopfen erfüllte, daß sie wiederum daran fast verstarb. Dessenungeachtet holte sie ein helles, fliederfarbenes und duftiges Kleid hervor, und da sie das Unterzeug dem anpassen mußte, geschah es, daß sie bei diesem Zustand der Wohnung, angesichts 34 der Möglichkeit, von einem Besucher auf der Stelle betroffen zu werden, eine Weile in der Stube fast entblößt stand, länger als es nötig war, weil ihre zitternden Hände nicht die Verschlüsse fanden. Als dieses erledigt war, wovon sie für eine Weile aber hilflos wurde, setzte sie sich in einen alten großen Stuhl, mit dem Rücken zu dem Fenster, damit die Ohren jedes Geräusch von der Gasse hörten, mit dem Gesicht zur Tür, daß die Augen den Eintretenden sofort bemerkten. Aber häufig hatte sie, ohne daß sie es merkte, die Augen, die sie der Tür zukehrte, geschlossen, ihre Lider freilich waren, sei es so durchsichtig, sei es zart, daß sie einen Besucher sofort, wenn auch als Schatten nur erkannt hätte. Doch obwohl unten die Gasflamme und oben die Lampen brannten, kam niemand, sie selbst fror um die Schultern in dem am Hals entblößten Kleide, trotzdem das Lampenlicht die schon warmen Zimmer stärker wärmte. Statt weiter hinauszuhorchen auf die Gasse, fiel ihr Kopf nach vorn, und ihr Kinn rührte fast an die zarten Brüste.

Inzwischen hatte der Regen wieder eingesetzt, und zwar stürmischer als vorher, so daß eine aufgeregte Phantasie seine Schritte wohl mit den Schritten von Männern verwechseln konnte. Marie Fünfhausen, während sie dasaß, wurde daher von Täuschungen heimgesucht, sie vernahm Schritte auf den Steinstufen, die langsam zu dem Haus hinaufführten und wiederholt sich die Treppen empor bis zur Wohnung fortsetzten. Dann machten sie Halt, die Tür wurde nicht geöffnet, und so mußten aus einer Scheu wohl vor dem Namen dieses Hauses die Besucher mitten auf dem Wege umgekehrt sein. 35

Allein Marie fand, daß sie es sich bequem machte wenn sie diese unberechtigte Hochachtung benützte und jeden, der schon den Versuch unternahm, vor der Schwelle umkehren ließ. Sie stellte sich daher an dem Fenster auf, schlug einen Vorhang zurück und sah hinunter auf die Gasse, um die Zögernden aufzumuntern, ohne daß sie aber mehr als den gegenüberliegenden Teil der Gasse überblicken konnte. Es geschah aber selten, daß jemand jenen Teil benutzte, der ohne Läden und überhaupt besonders dürftig war, wie denn häufig die eine Seite einer Straße aus unerklärlichen Gründen vor der anderen bevorzugt wird. Wurde jemand aber wirklich auf jener Seite vorübergeschlagen, so ging er, um bei dem Regen voranzukommen, in einem für die Verhältnisse der Stadt beschleunigten Schritt vorbei. Ob jemand unter ihr die Nummern bestarrte und sich hinaufzuschleichen scheute, weil ihm das Haus nicht dazu geeignet schien, konnte sie nicht sehen; es zu ermitteln, hätte sie die Treppe hinuntersteigen müssen: und sich diesem zu unterziehen, fühlte sie sich trotz allem außerstande.

Plötzlich bewegte vorübergehend sich ein deutlicher Lärm über die Gasse, johlte vor ihrem Hause auf und entschloß sich dann weiter die Gasse hinab. Kaum war er zu ihrem Schrecken vorübergegangen, als zwei Männer ankamen in lautem, offenbar angeheitertem Gespräch, und obwohl das Doppelwesen sie auf Tod und Leben erschreckte, setzte Marie Fünfhausen, über und über durchschauert, ihre Hoffnung nun auf dieses. Als aber auch dieses Paar, zwei wohlerprobte Gemeindeverordnete, vorüberging, wurde sie mißmutig, und enttäuscht lehnte 36 sie ihre Stirn gegen die Scheibe, schon entschlossen, binnen kurzem das ganze Wesen einzustellen.

So, die Stirn gegen die Scheibe gedrückt, sah sie W. A. Zachariae, der nicht viel später vorüberkam. Er hatte einen üblen Tag hinter sich, mehr von innen heraus, als von dem Regen, unter dem er aber wie stets unter einem tiefhängenden Himmel litt. Er war zum Abend ausgegangen, nicht um die Beine frisch zu halten, sondern um die Abendstunden und seine tote Laune aus der Wohnung fortzuschaffen. Er trug einen schiefgeknöpften Mantel, dessen Seitentaschen abstanden, als wenn sie aufgenäht wären, weil er sie mit vielen Schnüren und Hölzern zu füllen pflegte und wohl auch heute damit gefüllt hatte. Dazu hatte er in der Hand einen geschlossenen, aber feuchten und oben nicht zusammengenommenen Schirm, der für ihn ein Gegenstand war, durch den er jede Gemütsbewegung deutlich kundtat. Da es gegen das Ende des Jahres war, wo er sich Rechenschaft zu legen pflegte, was dieses Mal recht übel abging, hatte er sich gerade sehr am eigenen Ohr gehabt, wie er seit einiger Zeit sich darin gefiel, sich in Selbsterniedrigung zu zerreißen; oftmals nannte er sich so ein Tier, wenn ihm dies in Anbetracht der Hunde nicht zu hoch schien und er nicht noch weiter hinab die Stufenleiter ging, als wenn es wirklich eine gab, und ein Holz weniger oder ein Stück Eisen nicht ebensoviel bedeutete, wie ein Mensch. Aber wie dem auch war, er griff sich an in dieser Weise, er war sein eigener Feind und sein stärkster Hasser, und jenes durch einen Zufall und jedenfalls ohne eine Schuld zugezogene Leiden, das ihm verbot, 37 sich ernstlich einem Menschen zu nähern, durfte wohl auch in ihm die Bitterkeit und damit den Hang erzeugen, sich zu zerstören.

Leicht war seine Stimmung dennoch von dem Gedanken an eine ihm unnahbare Frau überglänzt, der sich zu nähern er nicht gedachte. Es gab ein Alter, wo man seine heiligsten Gegenstände sich ganz weit fern hält, weil die Anbetung davon reiner wird und die Andacht nicht mehr durch die Mißverständnisse trübbar ist einer immer allen Fährnissen ausgesetzten Wirklichkeit. Es war ihm leicht gemacht, diesen Dienst zu üben in die Ferne, wo jede Annährung, wie ihn dünkte, mit unüberwindlichen Schwierigkeiten verknüpft war und er außerdem das geringste Anrecht darauf hatte.

Als er also an dem Haus vorüberkam, zunächst dicht an den Stufen, lenkte er seinen Blick gewohnheitsmäßig daran hinauf, und da er jede Kleinigkeit aufzuspüren pflegte, entging ihm das neue an dem Kranz befestigte helle Zeichen nicht. Zunächst betrachtete er dessen Körperlichkeit, und seine Eigenschaft als Zeichen ging ihm nicht auf. Plötzlich stürzte es über ihn, als wäre ein Schneeberg in Bewegung gekommen hinter seinem Rücken und schlüge seinen Erd- und Schneerutsch ihm ins Kreuz. Jenes Zeichen wurde nicht nur von ihm verstanden, sein eigenes Leiden überfiel ihn in Verbindung damit stärker, er kam sich zugleich wie ein Wüstling vor im geheimen, daß er dieses Zeichen, das nicht bestehen konnte, an dem Haus zu sehen glaubte und es mit seiner verderbten Phantasie also daran heftete. Er langte indessen mit der Hand hinauf, und da er das Glas fühlte, wußte er 38 nicht mehr, wie weit er einer Täuschung unterlag, da er sonst soweit gegangen wäre, unkörperhafte Dinge körperlich zu greifen. Er trat also zurück in die Gasse und sah von dort an dem Haus hinauf. Da fand er jetzt Licht, einen offenen Torweg, geöffnet auch ein Fenster, an einem anderen aber ihre Erscheinung, die in einem am Halse offenen Kleide, freilich die Stirn gesenkt, so daß die Augen ihn nicht sahen, dastand. Von nun an gingen mit einer unglaubwürdigen Schnelle viele Veränderungen mit ihm vor; er glaubte dem Tatbestand und glaubte ihm wieder nicht, er faßte in die Tasche, um mit einem festen Holz seine Nerven auszupeitschen, sah dann die Frau wieder oben lehnen, und da er von neuem es nicht glaubte, fand er sich verrucht, weil er auch diese Anbetung herabzog. Verweilend, benommen oder mehr betrunken verfiel er in Ratlosigkeit, fürchtete dann, er lasse die Stunde und die Gelegenheit verfließen, und entschloß sich unter einem ungeheuren Herzpochen, das ausreichte, einen eisernen Panzer zu zersprengen, hinaufzugehen. Er begann, die Stufen hinaufzuschreiten, wie er aber unter dem Kranz stand, faßte ihn ein Herzkrampf diesmal so stark, daß er fast umsank und kaum imstande war, die Füße weiter in die Diele zu setzen. Schließlich tat er es doch, ging sogar, ohne zu wissen, was er begänne, wenn er oben anlangte, die ersten Stufen der Treppe empor, zuerst leise, dann taumelnd, schließlich so laut, daß die Treppenfugen einschnappten und aufächzten, Geräusche, die, versunken, die Frau im Gemach nicht hörte, und war nun drauf und dran, oben anzulangen, wo vielleicht jemand mit einem Dolche 39 stand, der sein Herz durchstieß: als er auf einmal in der grausamsten Weise zur Besinnung kam. Mit einer unerbittlichen Schärfe wurde ihm klar, daß seine rege ungesäuberte Vorstellung ihm diesen Spuk vorgetäuscht haben mußte, welcher in dieser sorgsamen und beruhigten Stadt einem vollkommenen Wahnsinn glich. Entsetzt, daß er in dieser Weise seine heiligste Angelegenheit beschmutzte und die ihm so viel heilige herabwürdigte, wurde er von tausend Bitternissen und von tiefster Schwermut erfaßt, er begann den Gang als eine Sünde an seinem Leben anzusehen, die ihn nicht weiter dasein ließ, da er nicht wußte, wovon er nach diesem Sturz noch einen Aufschwung nehmen sollte, und kam aus einer vollkommenen inneren Erschlagenheit schließlich zu einem wilden Entschluß. Er legte seinen Regenschirm, der ihn nicht verlassen hatte, auf der Treppe ab, mochte er gefunden werden, lehnte den Mantel über den Rücken des schweren Geländers, das er nun zum erstenmal in seiner ernsten Bereitschaft erkannte, die stützen wollte, leise und schaurig fuhr der Mantel die schräge Bahn hinab, er selbst ging rasch die aufseufzenden Stufen wieder hinunter, die Hände von jenen Schnüren voll, von denen die Seitentaschen des Mantels gefüllt gewesen waren. Ehe er eine kräftige benutzte, steckte er noch seine Hand durch ihre Schlinge und peinigte seine Haut zu einer ungestümen Wollust, drückte auch die Knoten den Fingern in das Fleisch und zerrieb sich den Verstand fast mit der Wildheit des hineingepreßten Schmerzes. Dann schlang er, halb leblos, in der Diele angelangt, eine Schnur um den Kranz herum, an die Schilder stoßend, so daß 40 abermals sich ihre Wirklichkeit ihm vortäuschte und er noch einmal die Unentrinnbarkeit seiner sinnlich ausgearteten Phantasie erkannte. Er holte den Mantel von dem Geländer, der ihm also doch noch nützen sollte, und machte einen ziemlich hohen Haufen daraus, darauf zu treten. Grauenhaft war dann der ungeschickte Stoß, mit dem er, als er die Schlinge um den Hals getan, den Mantel mit dem Fuße wegstieß, als wenn er damit das ihm leidgewordene Leben fortwürfe. Er mußte, mit den Bewegungen seiner Finger, oder es mußte der Strick den Gashahn berührt haben, denn ehe es ihm selbst geschah, ging der Gasflamme die Lebenszufuhr aus, und mit einem wilden Flammen in allen Farben, orangegelb und violett, erlosch sie. So war es dunkel und blieb es eine Weile.

Er hatte zuvor wohl noch vergehend aufgeseufzt oder der nahe Vorgang mußte auf jene übersinnliche Weise, die es gibt, zu ihr hinauf gedrungen sein. Marie Fünfhausen fühlte sich überschauert und wie gerufen; in den Schultern frierend, ging sie durch das Zimmer in die Tür und horchte hinab, wo in diesem Augenblick der Schirm umfiel, so daß sie wie verrückt zurückfloh in das Zimmer. Dann wurde sie mit mehr Ernst dessen inne, was ihr zustand, ging kalkweiß auf die Treppe, ging sie hinunter, fand den Schirm, staunte, nahm ihn in die Hand, als müsse man davon sterben, hielt die andere Hand vor die Brust wie ein Sakrament, und ging, da irgend etwas sie dahin führte, weiter hinein in die Diele. Als sie in der Luft etwas hängen und es leise schwanken sah, wurde sie ohnmächtig, schrie auf und fiel hin, dabei einige Schritte nach vorne fallend, so daß sie ganz nahe 41 den Anzug streifte, in dem ein Mensch, wie in einer Hülle, zwischen Himmel und Erde hing und auf seine Grablegung wartete.

Durch den Schrei gerufen und auch durch den Anblick des Gehängten gelockt, sammelten sich sehr bald Menschen vor dem Hause an, so viel, daß die Gassenbreite zwischen dem Engelswisch und der goldenen Schuhbrücke nicht sie aufzunehmen reichte. Nachdem zunächst die Bürgermeisterei verständigt worden war, wurde von der Polizei der Menschenstrom entfernt, für die Lebende gesorgt und der andere zur Aufklärung des Falls nach dem Schauhaus überführt. Ungeheuer war am nächsten Morgen die Aufregung in der Stadt, als der Vorfall bekannt wurde. Der Versuch einer Erklärung blieb aussichtslos, obwohl das Unmöglichste im Enträtseln unternommen wurde. Die Leiche W. A. Zachariaes mußte freigegeben werden, als ein Arzt erklärte, Marie Fünfhausen sei irre geworden und werde nie bekunden können, ob ein Verbrechen vorläge. Sie wurde in ein Haus gebracht, das für Menschen mit verworrenem Verstand gebaut ist, und ihr Mann brachte sie selbst hin, als er zurückgerufen sie versunken in der finstersten Stube des Hauses antraf.

Ihn selbst wäre der Vorfall wohl geeignet gewesen um den Verstand zu bringen, mußte er doch an die Untreue seiner Frau glauben, da es tatsächlich W. A. Zachariae war, der hier gestorben und um dessentwillen seine Frau in Wahnsinn verfallen war. Die Entdeckung ihres Verkehrs, so war es wohl gekommen, hatte ihn zum Selbstmord und dann sie in den lebendigen Tod getrieben. Auskünfte, die er einzog, machten diese 42 Annahme indessen unwahrscheinlich, man schilderte ihm den Toten als einen scheuen, ungewandten Menschen, den niemand, auch das Dienstmädchen nicht, je in einem Verkehr mit seiner Frau betroffen hatte. Durch Zufall erfuhr er noch von seinem Leiden, nachdenklich machte, daß Marie zunächst körperlich nicht verfiel, und so blieb für ihn zunächst alles tief im Dunkel.

Weil er von solchen Vorgängen sich nicht beirren ließ, die mit dem Hause nichts zu tun hatten, lebte er, obwohl man es ihm verdachte, fürs erste weiter in dem Hause. Indessen schienen zuweilen die Sehnen der Handgelenke ihm verletzt, er wußte manchmal nicht mehr, warum arbeiten, wiederholt nicht, wie die freie Zeit nun hinbringen. Vor einem leichteren Leben, dem er begonnen hatte, sich zuzuwenden, scheute er zurück, wenigstens in dieser Stadt, auch hinderte ihn zum mindesten ein wenig wohl sein Unglück, das ihn nicht sofort dazu bereit fand. Als sein Leben ihm verdrießlich wurde, sich auch wegen des Maßes seiner eigenen Verstricktheit in die Vorgänge ein Verdacht zu regen begann, der in Unfreundlichkeit der Nachbarn hervortrat und in Aufsässigkeit der Arbeiter, verkaufte er kurz entschlossen sein Geschäft und verließ die Stadt, um in einer anderen wieder aufzutauchen.

In dieser lebte er zunächst, den Markt beobachtend, unentschlossen, welchem Geschäftszweig er sich zuwenden sollte. Allein untätig wollte er nicht bleiben und, wie ein Makler versicherte, der ihm dabei behilflich, war er halb entschlossen, binnen kurzem wieder ein Geschäft zu treiben, das ihn trägt, nach Äußerungen zu schließen, auch bald wieder eine andere Frau zu besitzen, förmlich 43 oder nicht, die für ihn sorgt. Zwar könnte auch sie in ihr Unglück gehen, wie vor Marie Fünfhausen wohl schon eine andere hineingegangen ist, aber es gibt Naturen, die allen, die ihnen näherkommen, zum Unglück werden, ohne daß sie sich deshalb in ihrem Auftreten behindert fühlen. Marie Fünfhausen wenigstens wurde, wenn sie in gesunden Augenblicken aus ihrem Dasein eines Pariser Fräuleins aufwachte, von solchen Vorstellungen einer schlimmen Nachfolge und einer nicht minder schlimmen Vorgängerschaft in sehr bestimmter Weise heimgesucht.

Der in jener Zeitungsnachricht übrigens den Namen umgefälscht hatte, ein Mann in den besten Jahren, meldete sich nicht, ja machte sich nicht einmal einen sonderlichen Vorwurf über die Zuschickung, die er sich scherzweise gedacht hatte. Er hielt sie hinterher vielmehr für zutreffend und bewunderte oft für sich seinen Scharfsinn, ja, rühmte bei gelegentlichen Unterredungen, wenn er auch die Sendung nicht erwähnte, seinen Spürsinn im allgemeinen. Es ist denkbar, daß er an dieser Selbstüberschätzung und Eitelkeit nach Jahren noch zugrunde geht, wie an dieser Eigenschaft so viele andere scheitern, wenn auch nichts nach dieser Richtung vorauszusagen ist. Er hieß Emil Starck, war Bäcker auf derselben Gasse, nur zwölf Häuser weiter, in Nummer 25, wo er noch heute ein leidliches Geschäft betreibt, nicht unbekannt, da er es äußerlich ansprechend auszustatten weiß und zuweilen Vergnügungsreisende rasch im Vorübergehen eine Semmel oder ein Stück Kuchen bei ihm kaufen, weil er sie in einer Form bäckt, die das Wahrzeichen der Stadt hat, die sie anlockte.



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