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Heymar's Dichterschule.

Erster Gesang.

Unterricht nach Gemählden und Erzählungen.

Zueignung an die Sänger der Nacht.

Nie werde ich den Klarenberg vergessen, wie da der Frühling sein Himmelblau über die Erde und alle ihre heimlichen Knospen ausspannt, daß alle Keime schnell wie Pfeile emportreiben: die Zeit übereilt sich dann und scheint unsern Dank nur bey der Erinnerung zu suchen. – Wo ich nun das Blau aus den Winternebeln vorblicken sehe, da sucht mich dieser Frühlingstraum, und ich suchte ihn zu meinem Troste, als die flüchtigen Bothen des Winters von den Wipfeln der Berge und die flammenden Streifen am Himmel, von den vertriebenen Vögeln durchzogen, uns bey der Freude der Weinlese im Thale mahnten, nicht lange mehr der Wärme zu trauen, die einem Geiste gleich ihre Stunde der Erscheinung und des Verschwindens halten muß. Die Bäume bewahren ihr gelbes Laub, und lassen es vom Wintersturme nicht rauben, wie er auch hindurchrauschen mag, es ist ihre Erinnerung des Frühlings, und so bewahre auch ich jene Bilder vom Klarenberge, das helle Grün in den Waldkrümmen der Donau von dem strahlenden Abendrothe durchbrochen und den Anhauch der milden Luft, wie sie zum ersten Mahle frey durch die Winterwohnungen der Menschen streicht, wenn das Feuer des Heerdes nicht mehr den Blick zu sich zieht, der über die wechselnden Farben der Flur hinschwelgt. – Immerhin mag ein Herbsttag aus meinem Leben verwehen, immerhin mag das Leben eines Jahres mit tiefem Widerstreben und unerfüllter Sehnsucht verwelken, ich feyre noch einmahl den Josephstag, ich höre wieder wie damahls am Fenstergitter des alten Klostergebäudes den Glockenklang und die Gesänge aus den unzähligen Dörfern im Thale, die zerstreuet, wie einzelne nährende Wurzelfasern zu dem Hauptstamme der Wienstadt, vor mir ausgebreitet liegen: – O warum muß das Alles nur Erinnerung seyn! – Die schöne einfache Melodie des Kirchengesanges, wie sie von der kleinen Orgel der Klosterkirche tönt und aus dem Munde der Wirthinn in den herrlichen Worten wiedertönt! – Und singt ihr auch nicht kunstreich, so singt ihr doch wie der Vogel im Morgenglanz, wie die Biene über Blüthen summt, wie ein Seufzer unverständlich und leise verstanden wird, wo alle Sprache uns verläßt. – O warum waren es nur Augenblicke, dieses leichte, herrliche Leben, wo Alles erfreuet und nichts störet, wo ich mich bey dem Goldfische verlieren konnte, der in seinem Glase mit den Strahlen der Abendsonne prunkte, mit dem Kanarienvogel zu hüpfen glaubte, von einem Zimmer seines kleinen Pallastes ins andere, die alle mit den ersten grünen Gaben des Frühlings geschmückt sind. Dankbar läßt er das mühsam ausgesuchte Blatt fallen, um mich mit seinen kleinen Liedern zu erfreuen, und ich sollte den Frühling genießen und ihn undankbar nicht preisen, nicht feyern, sondern wie eine verbothene Lust verschweigen? Nein, meine Brüder im Thale, laut rufe ich zu euch, klimmet hinan die Berge und sehet den Frühling; nicht die Knospen der mannigfaltigen Bäume allein brechen in seiner Berührung auf, auch die Knospe des Gesangs erschließt sich in eurem Herzen und die weite Welt tritt in naher Bedeutsamkeit zu euch hin und aus euch hervor; wie der Schnee schmilzt und in den kleinen Bächen das frische Grün sich abspiegelt, so spiegelt sich dann in eurem Gemüthe eine neue Welt, sie spiegelt sich darin um bald aus dem befruchteten Boden in reicher Ernte hervorzutreten, die kleinen Bäche sind nicht vergebens zerronnen, das Grün hat sich nicht vergebens darin gespiegelt! –

Wer hier gesäet hat, wer weiß es, aber die Ernte ist euer.

O lass't es euch sagen aus dem Munde der tiefsinnigen, kindischen Alten, was der Frühling ist, meine Sprache hat für ihn keine Worte, und meine Zunge keine Töne; die Sprache lehrt nur ihr ewiges Einerley, und welche Zunge erreichte den Urgesang der herrlichen Natur, ich tanze herab ihren lebenvollesten Reihen, gut oder schlecht, wie das allgewaltige Schicksal aufspielt, und so treu, wie das Lärmen der regsamen Welt ihn zu hören gestattet. Höret jeden, meine Brüder, aber höret genau was euch die tiefsinnigen Alten sagen, jedes stille Leben schließt in Kindheit, und es ist die Kindheit eines höheren Lebens, höret auch meinen stillen, sinnenden, alten Hauswirth. Er trat heute mit freudigem Lächeln zu mir und fragte leise: »Hast Du die heiligen drey Könige gesehen, sie sind herabgestiegen heute, als Sonne und Mond zugleich schienen, dieser erbleichte und jene schien heller und der Morgenstern blickte noch vor; sie kommen den Erlöser im Frühling zu begrüßen

Ich habe sie gesehen und ihr könnt sie auch sehen. Alles regt sich von den angekommenen Zugvögeln, es ist noch nicht Winter, wo sie wegziehen, noch nicht Herbst, wo sie ihr Haus bestellen, es ist ganz Frühling außer mir wie in mir, die Blätter sind nicht gelb, nicht verwelkt, mein Leben ist frisch und flammend, und meine Worte sind Flammenzüge, die mir in der Nacht leuchten, mir das frische Grün der Bäume, die Schneeglöckchen und alles das liebe Gewimmel wiederzeigen, was schon die Nacht mit ihrem Mantel decket; sie erwecken wie Morgenglanz Alles umher und schlagen dann zu den Sternen auf. – Höre, meine Seele, sie hören dich, sie sehen dich, sie tönen wie menschliche Stimme zu mir, höre ihre Stimme unter mir aus der Tiefe der frohen Erde.

»Der Morgen weht mit freyem Glanz,
Der Abend säet Sterne,
So leitet heller Strahlentanz
Aus Lust und Hoffnungsferne,
Vom hohen Sitz den hohen Mann
Vor allen weit gesehen.
Er geht, er schaut, wie keiner kann,
Ich blieb in Demuth stehen;
Da redet er mich freundlich an,
Und ich muß mit ihm gehen.
Da geht es über Feld und Wald,
Die Augen geh'n mir über
Vom scharfen Wind der uns umwallt,
Sein Blick wird heller, lieber!« –
Bald sind die Wolken unter mir,
Bald ist der Wind zerronnen,
Verrinnen sah ich ihn auch hier,
Er hat den Fels gewonnen.
Ich stehe in der leeren Luft,
Und kann ihn noch nicht fassen:
O lieber Geist im goldnen Duft,
Willst du mich hier verlassen?
»Ist dir so fremd, mein Vaterland,
Das hohe Frühlingsleben!«
Ruft er, entfaltet sein Gewand,
»Ich fühle Knospenstreben,«
Da schleudert er den hellen Blitz,
Ich schaue, kann nicht sagen,
Was ich geseh'n vom Göttersitz;
Es schien wie in den Tagen,
Wo Frühling kommt, wo Winter weicht,
Wo grüne Blätter uns umscheinen,
Der Himmel blauen Augen gleicht,
Zum Lebensglück sich zu vereinen.«

Und du endest schon freundlicher Gesang? O höre mich Stimme der Sterne, höre mich meine singende Schwester am Himmel oder auf der Erde, ich verstehe dich nicht und höre dich doch, o höre auch mich, wenn du mich auch nicht versteh'st:

Mein Thron war auf dem Blüthenbaume,
Verschwunden schien der Geist im Blitz,
Die Biene in dem Blüthenschaume
Träumt wiegend sich den Himmelssitz!
O hört die Sänger meiner Hallen,
Schon sang im Wald die Nachtigall,
Im Wasserfall Gesänge schallen,
In Lüften kreis't der Lerche Schall. –
Der Auferstehung Bothen sind erschienen,
Des Frühlings Kinder sind gekeimt
Es wird nun ewig Alles grünen,
Der Winter hat das Feld geräumt.
Und nur die trocknen Halme klagen,
Die in dem Grase ausgestreut,
Daß sie der Hoffnung Grün getragen,
Des Frühlings sich wie wir gefreut.

*

Die Dichter.

I. Die beyden Lautenspieler aus der italienischen Mahlerschule.

1. Von Anton Caracci

(Gemählde der K. K. Gallerie I. Ab. S. 173.)

Die Laute tönt, mit vollen Segeln rauscht Gesang,
Der Sinn kann sich in Worten kaum verstecken,
Das Todte in dem Leben zu erwecken,
Vereint der Geist den tiefen Melodienklang.

*

»Nein! noch ist nicht das heil'ge Grab verloren,
Aus dem das ew'ge Leben quillt,
Ha! meiner Andacht Strömung schwillt,
Und kühnen Plan hat brausend sie geboren.

*

Der Himmel hat zum Ritter mich erkoren,
Das Heidenthum soll untergehen,
Ein Engel wird an meiner Seite stehen.

*

Ich hab' es bey dem heil'gen Grab geschworen,
Und sollt' ich kämpfend untergehen,
Wird nimmer doch der Thaten Ruhm verwehen.«

2. Von Prete Genoese.

(Gemählde der K. K. Gallerie I. Ab. S. 183.)

In Liebesgluth
Versprüh' dein Bluth,
In wilder Wuth
Erwacht der Muth,
Im Rausche schweigen Gefahren,
Der Wein muß Liebe bewahren.

*

Ist's Morgenroth,
Ist's Abendroth?
Gleichviel! die Noth
Erstickt der Tod,
Zur Ruhe jubelnd zu rennen
Muß rasch das Leben verbrennen.

*

Es gibt nicht Preis
Der Lebensreise!
Des Lebens Weise,
Wie dürres Reis
In Flammen prasselnd vergehet,
In Rauch und Asche verwehet.
Drum laut ihr Saiten erklinget,
Bis ihr noch tönend zerspringet,
Rauscht Feuerlieder hin in Wechselmelodie,
Lebt in der Gegenwart, die Zukunft sah ich nie.

I. Der Sackpfeifer von Franz Mieris dem Jüngeren.

(Gemählde der K. K. Gallerie 11. Ab. S. 141.)

Ein recht gemeines Lied durchkreischt mit eklem Grinsen
Aus Frevelgeist des dürren Hauptes blaue Lippen,
Das Liedchen wird, dem Ziele nah', gelöscht in Pfeifenklang,
Durch halbverhüllte Brunst, Lust ohne Lieb' zu wecken.
Hier trägt Begeistrung ohne Geist die schlimmsten Zinsen,
Wie auf der Schaukel, so muß Reim mit Reim sich wippen,
Wenn dann der heisern Stimme schlechter Sang verklang,
Mag zu der Gab' kein reicher Mann die Hand ausstrecken,
Des Alters Lager sey ein dürres Bett von Binsen,
Warum hast du gewagt, aus reinem Quell zu nippen?
Wird dir im Schmerz der Brust um deine Seele bang',
Mag dich der Buben muntre Schaar noch boshaft necken,
Dann soll die Lust zur heil'gen Dichtung dich erwecken,
Doch soll sich ewig deinem Geist der Reim verstecken.

Dichterglück und Unglück.

(Nach der Erzählung vom Leben des Dichters in der französischen Uebertragung seiner Lusiada. Paris 1776. Seine Grabschrift heißt dort: Ci gît Louis Camoëns, Prince des Poëtes de son tems: il vecût pauvre et malheureux et mourût de mène. Seiner Errettung aus dem Schiffbruche erwähnt er im zehnten Gesang T. II. p. 118.)

»Hier lieget Louis Camoens begraben,
In unsrer Zeit der Dichter Fürst, er starb
So arm, wie er gelebt, der uns erwarb
Den Ueberfluß an Ruhm durch seine Gaben.«

*

So spricht sein Leichenstein, wie eine Narb'
Im Krieger Antlitz, wenn es fleht um Gaben,
Die keiner mag, des Hungers Pein zu laben;
Wir trauern tief, daß er für uns verdarb.

*

Doch trauert nicht, die Dichtung gab ihm Schätze,
Aus Noth und Elend hob ihn oft ihr Arm.
Nur Ehrfurcht Liebe machten ihn so arm:

*

Bey Afrika gab sie dem Meer Gesetze,
Es senkt sein Schiff, trägt sicher ihn an's Land,
Er rettet noch sein Werk mit seiner Hand.

Dichterleben.

(Herkules beym Spinnen von den Weibern ausgelacht. Gemählde von Dominichino in der Sammlung zu München.)

An L.

Der hohe Geist in trüben, schweren Erdenlüften
Fühlt oft des Druckes Angst, wo's andern mag behagen,
Er fühlet schwere Weh'n und weiß es nicht zu sagen,
Er webt um sich ein Sternenkleid aus Schöpfungsdüften.

*

Darum muß er bey leichter Müh' des Spinnens klagen,
Die Kraft des Arms, des Nackens und der mächtgen Hüften
Bekämpft in Lüften Riesen und in Höllen-Grüften,
Sie darf in der Erbärmlichkeit sich nicht zu zeigen wagen.

*

Du spinnst des Lebens Faden aus im goldnen Liede,
Die Parze weilt und horcht dem Orphischen Gesang,
Damit kein Tod uns mehr vom Leben schiede.

*

Der Strom erfreut im eig'nen hellen Wellenklang,
Damit er glühender im neuen Feuer siede,
Durcheilt die Zeitlichkeit, die Ewigkeit ist lang.

Dichterwohnung. Der Klarenberg an den Wanderer.

(Zeichnung eines Ungenannten.)

Wer sich der Welt, der eitelen entziehet,
Und in sich selbst zum neuen schönern Leben
Der ewigen Natur dahingegeben,
Mit heiterm, freyen Blick der Stadt entfliehet;

*

Nur ihn wird hold Begeisterung erheben,
Nur ihn des Frühlings Lustgesang umziehet,
Nur er in Himmelsbläue Geister siehet,
Um ihn im Blüthendufte Geister schweben.

*

Im engen Kreise findet er die Welt,
Der ew'ge Gärtner hat sie hingedrängt:
Von Bergen glänzt der Schnee, im Thal das Grün,

*

Das Abendroth den dunklen Wald erhell't,
Mit blendend schönem Blicke ihn umfängt,
Die Ewigkeit im rothen Licht erschien.

Dichterwahn. Drey Gemählde von Augustin Caracci.

(Gemählde der K. K. Gallerie 1. Ab. S. 168 und 184, Nummer 2, 3 und 26.)

Nummer 2.

Mit Farben spielt Begierde wie die Pfauen,
Wenn Lebensüberfluß die Adern schwellt,
Zur Höh' im raschen Sprung die Buben schnellt,
Sie wird in Lüften goldne Schlösser bauen.

*

Die Erde ist im Lebensblitz erhell't,
Die sie aus Muthwill durch die Beine schauen,
Der schöneren Verkehrtheit alle trauen,
Und unbewußt verschönern sie die Welt.

*

Nummer 3.

Frey schwärmt die Liebe unter kühlen Bäumen,
Untrennbar wie das Bild vom Gegenbild im Spiegel,
Schließt Liebe Gegenliebe ohne Eh'standsriegel;

*

Nummer 26.

Sie lachen noch des Mahlers kühnen Träumen:
Wie zwey gekettet, an einander wie verliehen,
Der Liebe Wagen müde, traurig langsam ziehen.

Dichterruhe. (Archimedes und der römische Soldat.)

Gemählde von Grätsch.

Viel hat er für die freye Stadt erstritten
Durch seine hohe Kunst und großen Sinn;
Die Götter schenkten nicht der Stadt Gewinn,
Barbaren sind bey ihnen wohlgelitten.

*

Jetzt sieht er sinnend auf den Boden hin,
Im Sturm nach Zeichen und mit Kriegersitten
Steht neben ihm der Tod, er ohne Bitten
Ruft aus und in den Kreisen treibt sein Sinn.

*

»Zerstöre mich, doch schone meiner Kreise,
Des ew'gen Werks!« – Das Auge sieht mit Lust,
Kein Seufzer engt im Tode seine Brust.

*

Den Künstler labt der Sphären schöne Weise,
Leicht kann er alles Pöbels Spott ertragen,
Für heil'ge Kunst so Glück als Leben wagen.

Dichterschmerz. Achilles.

(Gemählde von Füger, in der Sammlung der Mahlerakademie zu Prag.)

Briseis ist geraubt! Patroklus ist gestorben!
Den Ruh'sitz gab ihm Lieb' und Freundschaft nicht!
Sein Auge sieht die Nacht im hellsten Licht,
Das Vaterland ist in der Fremde ihm erstorben.

*

Sein sichrer Frühtod ist ein froh Gesicht,
Es lockt Vergessenheit, wo Zukunft ausgestorben,
In ihm hat er zu dem Entschluß die Kraft erworben,
Gerächt will er in's dunkele Gericht.

*

Er legt die Hand an's Schwert, auf will er springen,
O Hektor weiche schnell, du mußt ihn fliehen,
Wenn in ihm Schmerz und Rache nicht mehr ringen.

*

Flieh' schnell! Die Rache siegt, jetzt wird er ziehen.
Bald wird Homer des Hektor Tod uns singen,
Uns wird aus fremdem Schmerz die Lust erblühen.

Dichterliebe. Io von Correzzio.

(Gemählde der K. K. Gallerie, 1. Ab. S. 171.)

Muß Liebe sich in Traumgestalt verhüllen,
Wenn Schranken süße Gegenliebe trennen,
Wird innern Feuers Gluth nur heller brennen,
Sie muß in Lust des Busens Triebe stillen.

*

Sie wird erwacht des Hirsches Glühdurst kennen,
Wenn er, gejagt nach junger Jäger Willen,
Das Wasser flieht, in dem er ihn will stillen,
Sie wird Verrath des Traumes Bilder nennen.

*

Die Thräne wird das öde Lager netzen,
Wie an dem Berg des Morgens Tropfen glänzen,
Wenn graue Wolken ihn die Nacht umarmten.

*

O Io! daß umsonst wir nach dir lechzen,
Dein Bild umsonst mit Rosen täglich kränzen,
Die Lüfte kalt sich unsrer nicht erbarmten,
Die Lippen nicht von unserm Kuß erwarmten,
Und harmlos in der eig'nen Lust verarmten!

Dichterlohn. Ganymed von Correzzio.

(Gemählde der K. K. Gallerie in Wien, 1. Abt. S. 169.)

Ein Bild soll Ganymed dem Künstler werden,
Daß nur in reiner Höhe Geister wohnen:
Daß Künste nicht mit Erdenfreuden lohnen;
Er fliehet sie mit lächelnden Geberden.

*

Der Lichtkreis gibt dem Dichter Ehrenkronen,
Wo fänd' er Preis für fremdes Gut auf Erden,
Was braucht er Gold, was sind ihm reiche Heerden,
Wenn er in seinem Geisterreich kann thronen.

*

Hält ihn kein Band, wird ihn ein Adler heben,
Zum Göttersitz führt ihn der schnelle Flug,
Sein Reich erschließt sich ihm in allen Reichen;

*

Als Blitz des Zeus erwacht ihm, weckt er Leben,
Wohin ihn göttliche Begeistrung trug,
Da wird er zünden, glüh'n, nie selbst erweichen.

Dichteraussicht. 1. Das Paradies der Erde.

(Gemählde von Breughel, in der Sammlung des Herrn von St. Saphorin zu Wien.)

Urkräftig treibt die Erd' in neugebor'nen Räumen,
In neuer Sonne Strahlen bunte Sprossen,
Die Blüth' und Frucht sind einer Zeit Genossen
Im klaren Grün der Flur, in Goldorangenbäumen.

*

Der Vögel rothe Sängerkreise herrlich säumen,
Die Bäume sind vom Farbenglanz umflossen,
Vom Wiederschein im Bache eingeschlossen.
In blauer Höhe zieht der Ar, und nach ihm bäumen

*

Sich Rosse wiehernd, Wellen fischreich rinnen.
Das bunte Raubthier sich vom Wohlseyn nährt,
Kein Thier entflieht und kein's will and're jagen.

*

O könnten wir dieß Paradies gewinnen,
Wo frey von Schmerz und Angst das Weib gebärt
Und keine Zeiten uns zum Tode tragen!

2. Das Paradies des Himmels.

(Ein heiliges Haus, Gemählde von Carl Maratti in derselben Sammlung.)

In Himmelsbläue schwelgt das helle Aug' des Knaben,
Er blickt der Heimath wonnevoll entgegen,
Die ihm auf Erden niemahls hat gelegen,
Auf ihn allein so Aug' wie Geist geheftet haben.

*

Der ird'sche Vater, durch den ew'gen Sohn erhaben,
Er siehet Wunder, die noch nicht geschehen,
Er ahndet Wunder, die er nicht wird sehen;
Maria kniet vor ihm, sich an dem Sohn zu laben.

*

Die Sehnsucht nach dem Licht ist uns geblieben,
Die Seligkeit in ihm zu leben nicht,
Sie muß der kalten Erde Traumwelt fliehen.

*

Wir müssen dich wie jener Knabe lieben,
Doch unser Blick erträgt nicht volles Licht,
Wir senken ihn zur Erdenblüth', bis wir zum Licht erblühen.

Wahre und falsche Sänger. Eunom und Arist.

Eunom.

1.

Wenig Tage mag das Leben währen,
Nur ein Tropfen von dem Glücke,
Und ich trink' im Augenblicke
Eine Ewigkeit von Freudenzähren.

2.

Alle Zeiten zählen nur nach Freuden,
Alle schwinden bey dem Becher:
Augenblick, du Lebensrächer,
Du ertränkst den Mückenschwarm von Leiden! –

3.

Fest verbunden sind in ihm die Feinde,
Ueber's Eismeer, über Flammen
Stimmt der Doppelchor zusammen,
Und es singt die ewige Gemeinde:

4.

»Was die Völker führt, beherrscht und bindet,
Ist ein Nachhall unsrer Lieder,
Unser Wort verhallt nie wieder,
Wetterleuchten Kühlung hat verkündet.

5.

Sieh, so wird in uns der Tag verkündet,
Wenn der Sterne große Heere
Schwimmen auf dem dunklen Meere,
Wenn noch nichts zur Sonne sie verbindet.

6.

Dann erglüh't im rothen Licht der Norden,
Strahlen schießen durch den Himmel,
Sterne schießen durch's Gewimmel,
Und Kometen sind gesehen worden.

7.

So ersteh'n die Sänger aus der Fremde,
Wahnsinn scheinen ihre Lieder;
Doch im Traum erklinget wieder
Wie ihr Leben, was einst sang der Fremde.

8.

Aus der Sprache saugen sie die Kräfte,
Sprache hat der Held geschaffen,
So geschmiedet sind die Waffen
Und geweih't durch tief geheime Säfte;

9.

Die aus fernem Bronn herabgethauet,
Auf ihr weißes Haar geflossen,
Ueber ihre Harfe sich ergossen:
Selig wer nur ihnen hat getrauet! –

10.

›Falsche Sänger sind zugleich erschienen,
Eis, das nur im Sonnenschein erglühet,
Grüne Hoffnung, die in Tiefen ziehet,
Elend wird der Muth durch sie verdienen:

11.

Jene glänzen an dem Sternenhimmel,
Diese scheinen in dem feuchten Moose,
Da erblüht uns keine edle Rose,
In den Abgrund zieht des Irrlichts Himmel.‹

12.

Euren Tod verwandeln wir in Leben,
Und der bösen Menschen Fallen
Wird mit Kraft dem Guten schallen,
Wird zu uns ihn rein ertönend heben.

13.

Altes Unheil wird uns kräftig nähren,
Mit dem Mord und Elend spielen,
Heißt auf Steinen Frucht erzielen:
Harten Sinn erweichen Mitleidszähren.

14.

Gluthen führen schmerzlos wir in Händen,
Feuerproben sind die Blitze,
Fliegen hell vom hohen Sitze,
Falsche, eitle Sänger hier zu schänden.«

Heymar.

15.

Als Eunom, der Sängerkunst geweihet,
Von Arist zum eitlen Streite
Ausgefordert, so erfreute,
Der Propheten schöne Zeit erneuet,

16.

Ach da springt der Laute helle Saite,
Die zum Einklang Lieder weckte,
Er erschrickt, Arist schon neckte,
Spott, kein Mitleid hört er aus der Weite.

17.

Doch die Künste sind in allen Welten,
Sind das Ziel von allem Streben,
Thiere selbst sind kunstergeben,
Selbst dem Elephanten In Paris. Töne gelten.

18.

Denn er fühlet bey den Tönen Liebe,
Wo die Kälte Brunst ersticket,
Hat er Vaterland erblicket
Und sein Herz erfüllen Vatertriebe.

19.

Und die Bären in dem kalten Norden
Tanzen gern, wenn Töne riefen,
Und die Grillen, die schon schliefen,
Sind durch Lieder oft gelocket worden.

20.

Und es springt mit hellem Ton die Grille
Von dem Baume, der ihm schattet,
Hat die Stimme schön gegattet,
Aller Spott schweigt in Bewund'rung stille.

21.

Die zersprungene Saite ist ersetzet,
Neu beleben ihn die Geister,
Zu den Göttern zieht er, reis't er,
Zu den Göttern hat er uns versetzet.

22.

Denn wer Künste rein und tief empfindet,
Hat den Himmel sich erliebet;
Wer in Unschuld Künste übet,
Hat als Gott den Weg dahin verkündet.

Dichtertod.

Phaeton.

»Die Kühlung schwebt im Wiesendufte nieder,
Das Himmelblau, mit Abendroth durchglüht,
Weckt mit den Strahlen unsre Neugier wieder:
Wer ihn der Sonne Feuerwagen zieht?
Aus früher Jugend wachen auf die Lieder
Des Alten, der's im Traum errieth;
Still lagert euch, ich will es euch berichten,
In kurzer Weise Wahrheit leicht erdichten.«

1.

Hört ihr am Abend nicht ein Windebrausen,
Ein lautes Zischen, tiefes Athemhohlen,
Und niederwehend ein verstohlen Sausen,
Das Winde von dem Abendhimmel hohlen?
Da keuchen Rosse, die den Wagen zogen,
Zur Ruh' nach heißer Tagesarbeit flogen.

2.

Apoll, so heißt der Fuhrmann in dem Wagen,
Der Weltgeist, der uns Dichter muß regieren,
Hat früh im Herzen einen Freund getragen,
Den alle Wundergaben herrlich zieren:
Mit Vollglanz strömte ihm das Lied vom Munde,
Er gab der Welt von künft'gen Welten Kunde.

3.

Nur eig'nes Schicksal blieb ihm stets verborgen,
Weil alle, die im Schicksalsrade stehen,
Bekannt mit fremder Freud' und fremden Sorgen,
Nie sehen, was ihr Fuß bedeckt beym Drehen;
So könnt' er frey mit seinem Leben spielen,
Gar selten treffen und nach Vielem zielen.

4.

Der Lais Untreue hat ihn betrübet,
Durch Freundschaft sucht Apoll den Schmerz zu heilen,
Doch alle wissen wohl, die sich verliebet,
Die Lieb' allein kann Liebesschmerz vertheilen.
»Sprich, sagt Apoll, was meine Macht kann machen,
Gescheh' beym Stix. Gern straf' ich sie wie Drachen.«

5.

›Nicht Rache, ruft der Dichter, frey ist Liebe,
Denn freyen heiss't um süße Liebe werben;
Nur dieß gewähre mir zum Trost für Liebe,
Laß mich die glühe Seligkeit erwerben,
Den Sonnenwagen einen Tag zu fahren,
Der Jahre heimlich Wirken zu erfahren.

6.

Dann wird Unreichbares mich nicht mehr reitzen,
Ich werde wissen, was die Welten geben,
Mit Zeit und Hoffnung werd' ich geitzen,
Nie rasch verschwenden frisches Leben,
Es ist das Einzige, was mich erfreuet,
Worin die alte Freude sich erneuet.‹

7.

»Ich hab' geschworen, klagt Apoll, ich halte
Mein Wort – daß Worte auch den Gott regieren! –
Daß ach! des Schicksals Mantel manche Falte
Uns tief verbirgt! – Dich muß mein Bitten rühren!
Du hast nur Menschenkraft – dich treibt Verderben,
Die Rosse sind zu wild – du müßtest sterben!

8.

Bald werden sie den fremden Führer fühlen,
Dir aus der Hand den Strahlenzügel reißen,
Ihr Lauf wird rasch nach Abendruhe zielen,
Bald wird der Wagen, weichend aus den Gleißen,
Der Höh' entrollen, in dem Winde rauschen,
Und stürzend Höh' mit Tiefe schrecklich tauschen.«

9.

›Ich fühl' in mir die Kraft von Millionen,
Mich treibt dein Geist, unendliche Begierde,
Ich will erleuchten, wohtthun allen Zonen.‹
So spricht er kühn: ›Ein edler Stolz ist Zierde!
Und aussteigend will ich dann froh dich fragen,
Kann Göttliches Apollo's Freund ertragen?‹

10.

Mit Thränen gibt Apoll die Abschiedsküsse,
Und räth ihm ernst mit Mäßigung zu fahren,
Damit der Dichter meide Wolkenflüsse
Sich bey den Wolkenbergen zu bewahren;
Kometenschweife sorgsam zu vermeiden Sie sind abgewendet von der Sonne.,
Die Sonnenpferde können sie nicht leiden.

11.

Mit gutem Willen fährt er aus der Pforte,
Gleich ärgert ihn der Pferde ungleich Ziehen.
Die Sonne scheint nicht gleich an jedem Orte,
Sie soll in Gleichheit allen Völkern glühen,
Der Pferde Freiheit streitet ihm dagegen,
Er knallt, sie stärker in die Zügel legen.

12.

Kaum fühlen sie das ungewohnte Treiben,
Den kühnen Führer und die neuen Wege,
So wollen sie nicht mehr im Gleiße bleiben,
Die alte Wildheit der Natur wird rege;
Sie reißen schnell die Zügel aus den Händen,
Er kann nicht lenken mehr, nicht wenden.

13.

Schon pfeift der Wind um Wangen laut und Wagen,
Der Sonnenstaub wolkt auf wie Ungewitter,
Die Pferde bäumen sich, sie fallen, schlagen,
Kometen nah'n im Sturm, vom Giftthau litt er;
Da greift er ruhig in der Leier Saiten,
Er glaubt, sie soll ihn durch Gefahren leiten.

*

Der Ruh' des Abends eilt ihr zu,
Aus Abend winkt mir Abendruh',
Ihr känn't da keine Ruhe finden;
Den Morgen müßt ihr bald verkünden,
Nie eilet ihr dem Tode zu!

*

Mich zieht der Erdgeist durch Gewicht,
Zum Himmel steig' ich im Gesange,
Das Leben flieht im süßen Klange,
Den Tod fühl' ich im Leben nicht.

*

Und bin ich todt, so sing' ich Licht,
Und kann in klarer Ruhe schlafen;
Nach Liebesturm seh ich den Hafen,
Den suchet ihr und seh't ihn nicht,
Ihr sucht das Licht und seyd das Licht.

*

14.

Da rollt er schon herab im Winderauschen,
Noch ruhig, ernst erklingen die Gesänge,
Die Pferde stürzend selbst daraus noch lauschen,
Als wenn im Tod die Lust sich um ihn dränge;
So klingt in Wundertönen noch die Leier,
Indem er sinkt, die Erde glüht in Feuer.

15.

So mag des Dichters Hoffnung ihn betrügen,
Das Leben hin zur dunklen Erde ziehen,
Die heil'ge Ahndung, Phantasie ihm lügen,
Was ihn erhebt, wird nicht im Tode fliehen:
Ein Hochzeitkleid war ihm sein Erdenleben,
Das Brautbett wird der Todestraum ihm weben.

Heymar's Dichterschule.
Zweyter Gesang.

Anwendung zu Gemählden und Erzählungen von seinen Schülern.

Zueignung.

Die Dichterschüler an Heymar.

Ist leicht die Lehre, so ist schwer die Uebung:
Die Zeit hemmt unbemerkt mit fremder Regung
Des Geistes rasche eigene Bewegung,
Doch nützet jedes Schiff auch Gegenwind,
Und geht darin, wenn gleich nicht sehr geschwind:
Ist leicht die Lehre, so ist schwer die Hebung.

*

Wer seine Blüthen bricht,
Bekommt die Früchte nicht;
Reife Kinder sind gesunder
Und die Lieder wie Hollunder:
Wer seine Blüthen bricht,
Bekommt die Früchte nicht.

*

Ist leicht die Lehre, so ist schwer die Uebung: Denn daß wir heute leben sagt die Liebe, Und morgen ist vielleicht der Morgen trübe! Versuche nicht den Geist der Ewigkeit, Vielleicht zahlt dir den rechten Lohn die Zeit: Ist leicht die Lehre, so ist schwer die Uebung.

Treubold.
M

Dichterglück und Unglück.
Die zweyte Hochzeit.

1.

»Auf Jäger lös't die Koppel-Hunde,
Ins Horn, ins Horn, ins Jägerhorn,
Wir reiten mit der Sonne Runde,
Die Rosse führt der blanke Sporn.

2.

Die Stände wollen, daß ich führe
Ein Weibchen in mein Grafenhaus, –
Verloren sind die Jagdreviere
Im Paradies beym Weiberschmaus!

3.

Die Weiber sind der Schöpfung Neige,
Zum Spiele nur sind sie so zart; –
Frisch auf Gesellen durch die Zweige,
Schon saust der Wind um meinen Bart!«

4.

So rief der Graf zu den Gesellen,
Und bald sind sie wie Laub verweh't;
Sein Pferd bleibt steh'n bey kühlen Quellen,
Wo Ida mit dem Eimer geht.

5.

Er war nicht feind den rothen Mädchen,
Er brach mit mancher Frage Bahn:
»Wer bist du?« ›Eines Fischers Mädchen,
Dem gnäd'gen Grafen unterthan.‹

6.

So spricht sie, gibt den Trunk dem Grafen.
»Aus deinem Eimer trinkt man gut,
Doch deiner Blicke Pfeile trafen
Mich aus der Quelle frischem Blut.«

7.

So sagt er und weiß schnell zu fassen
Der Heirath wichtigen Entschluß,
Eh' er noch hat das Dorf verlassen,
Verlanget er den Ehekuß.

8.

Die Jungfrau sprach: ›Ich bin ergeben
Dem Willen meines gnäd'gen Herrn,
Will er den Leib, will er mein Leben,
Denn gern gehört die Magd dem Herrn.‹

9.

Er wirbt um sie beym alten Fischer,
Und zweifelnd sagt der alte Mann:
»In Vorrath fügt den Sarg der Tischer,
Weiß nicht, daß er drin liegen kann.

10.

Und euer Bett' ist aufgeschlagen,
Und niemand rieth für eine Magd;
Ich darf nicht abzuschlagen wagen,
Wenn meinem Herrn das Kind behagt.«

11.

Zur Stadt ritt sie auf weißem Pferde,
Das guld'ne Ringlein an der Hand,
Es lief ihr nach der Lämmer Heerde,
Die liebten sie, wie bald das Land.

12.

Das Jagdgehege ward nun enger,
Zwölf Spannen maß das Bett',
Dem Weibchen ward es bald noch enger,
Ein Fräulein bringt das Kindesbett'.

13.

Doch immer sagten seine Brüder,
Die Sklavenehe sey nicht fest,
Er sah' die Herrschaft gehe über
Zu ihnen, eh' er noch verwes't.

14.

Das kränkte tief den muntern Grafen,
Und um zu flieh'n der Brüder Spott,
Die ihn mit ihrem Jagdwitz trafen,
Als sey er abgefall'n von Gott,

15.

Verschwor er sich der höchsten Probe
Das liebe Weib zu unterzieh'n,
Damit ein jeder hoch sie lobe,
Und ihre Spötter schamroth flieh'n.

16.

»Gut, sprach ein Bruder, nimm ihr morgen,
Gib mir ihr erstgebor'nes Kind,
Ich will für die Erziehung sorgen,
Nimm auch das zweyte liebe Kind.

17.

Dann sage ihr, daß eine andre
Begehre dein aus hohem Blut,
Daß sie aus deinem Schlosse wandre,
Und sieh, ob ihre Wuth dann ruh't.

18.

Besteh't sie diese harte Probe,
Sieh, dann erkennen wir den Sohn
Als Graf, und andrer Adelsprobe
Sprech ich mit meinem Schwerte Hohn.«

19.

»Mein Ehrenwort kann ich nicht brechen,
Spricht zornig unser Graf, doch wart,
Sie soll sich auch an dir einst rächen,
Die Probe der Geduld ist hart.«

20.

Mit Demuth gab sie ihre Kleine
Dem Manne, der es ihr befahl,
Und barg, daß sie noch um sie weine,
Der Graf schien kalt und fest wie Stahl.

21.

Er sagt, daß von der Magd die Kinder
Nicht können auf den Grafen Thron,
Beym zweyten Kinde nicht gelinder,
Nahm er ihr einen lieben Sohn.

22.

Die wurden Beyde wohlerzogen
In jeder christlich feinen Kunst,
Sie wurden selbst dabey betrogen,
Man zog sie wie aus freyer Gunst.

23.

Sie wurden groß in Fleiß und Demuth,
Die Fürstenkinder sind sonst stolz,
Die Mutter krank in stiller Wehmuth,
In Thränen heimlich fast zerschmolz.

24.

Der Graf sprach einst sehr kalt die Bitte
Nach dreyzehnjähr'gem Eheglück:
»Zieh' nun nach deines Vaters Hütte
Mit deinem Brautschatz still zurück.

25.

Die Gräfinn habe ich gefunden,
Und deine Abkunft that mir weh';
Zieh fort, und aller Qual entbunden,
Erfreu' ich mich in rechter Eh'.«

26.

Sie nahm nicht Schatz, nicht Goldgepränge,
Still legt sie ab das gold'ne Kleid,
Sie gab sich Preis dem Spott der Menge,
Sie allen lieb, that allen leid.

27.

Zu Fuß kam sie vor ihre Hütte,
Der blinde Vater saß davor,
Er saß in seiner Enkel Mitte,
Sie ruft ihr Schicksal ihm in's Ohr.

28.

Der Vater klagt: »Ich sah das kommen,
Sind gleich die alten Augen blind,
Du bist am Abend mir willkommen,
Die Fürstengunst war Morgenwind!«

29.

Sie geht umher bey ihren Bäumen,
Sieht neue Zucht und süße Frucht,
Der Quell mit seinem weißen Schäumen
Entsprudelt noch der Felsenschlucht.

30.

›O Quell! in deinem regen Spiegel
Erschien mein Graf, und als er warb,
Da floß mir Frühlingsschein vom Hügel,
Wie Frühling flieht, so Liebe starb.‹

31.

Sie will nicht ihren Augen trauen, –
Kein Schein ist es, der sie jetzt traf,
Sie muß in selbem Kleid ihn schauen,
Auf selbem Wege kommt der Graf.

32.

Er spricht zu ihr mit ernstem Blicke:
»Die Hochzeit fordert manche Hand,
Du mußt sogleich zum Schloß zurücke,
Du machst das Bett', dir ist's bekannt.«

33.

Die Hand birgt ihre Thränen, Schmerzen,
Als treue Magd geht sie zum Schloß,
Ihr Sinn ist todt, der Tod im Herzen,
Beym Bette manche Thräne floß.

34.

Posaunen klingen von den Zinnen,
Mit ihrem Bruder zog die Braut,
Sie kann zum Schau'n nicht Zeit gewinnen,
Sie schlingt den Myrtenkranz, wein't laut.

35.

Der Graf ruft sie, den Kranz zu bringen,
Er fragt sie: »Wie gefällt sie dir?«
›Wie schön!‹? sagt sie mit Thränendringen,
›Doch scheint sie allzuzart noch mir.‹

36.

Sie will sich nach der Thüre wenden,
Da stürzt der Graf vor ihre Füß',
Er ruft: »Ich muß die Täuschung enden,
Worin ich dich so lange ließ.

37.

Ich muß die harte Probe enden,
Du bist und bleibst mein Eh'gemahl,
Den Bruder muß der Ausgang schänden,
Die Strafe sey in deiner Wahl.

38.

Doch kann dich dieses nicht versöhnen,
Sieh unsre Tochter, meine Braut,
Sieh unsern Sohn, den wir einst krönen,
Der Bruder der vermeinten Braut.«

39.

»Verzeih't mir, spricht des Grafen Bruder,
Mein Erbe sey dafür der Sohn,
Ich war es, der verführt den Bruder,
Nie hätt' ich euch geduldet auf dem Thron,

40.

Wenn ich nicht euer treues Dulden,
Und seine Tugend erst erkannt,
Ihr habt bezahlt des Blutes Schulden,
Und seyd an Adel reich erkannt.«

41.

Sie küßt die Kinder, sinket nieder,
Und schau't ins Auge einzeln sie,
Sie weint und küßt den Gatten wieder,
Denn ohne Rauch ist Flamme nie.

42.

Sie fühlt der Flamme neu Beleben,
Sie lebt in ihrer Kinder Glück,
Sie ruft: ›Ich muß euch wohl vergeben,
Die Jahre weichen ihrem Blick.‹

43.

Und jahrelange Leiden schwinden
Wie Winterschnee im Frühlingsschein,
Nie würde er uns Lust verkünden,
Trat' er nicht nach dem Winter ein.

Ariel.

Der zweyten Hochzeit
zweyter Ausgang.

41.

Sie küßt die Kinder, sinket nieder,
Und schau't sie einzeln traurig an,
Sie stehet auf und sinket wieder,
Schon faßt der kalte Tod sie an.

42.

Ernst spricht sie dann zu beyden Grafen:
›Die wilde Neigung ich vergab,
Die Leiden, die zum Scherz mich trafen,
Nimmt nur der ew'ge Vater ab.

43.

Zum Grabe ward die Grafenehe,
Ich seh' jetzt Tod und Leben nah',
Zum Leben weckt, wenn ich sie sehe,
Doch ist des Grams schon länger da.

44.

Gar christlich scheinen sie erzogen,
Doch kennen sie die Mutter nicht,
Ihr habt um Liebe mich betrogen,
Ich richte nicht, ich strafe nicht.

45.

Ihr Fremdlingszweige meiner Liebe,
Kommt, Kinder, an mein sterbend Herz,
Ach folget nur dem hohen Triebe,
Treibt nie mit heil'ger Liebe Scherz.

46.

Die Prüfung hat mir Kraft genommen
Zu der Erkennung Freudenfest,
Von Freud' und Leid gleich schnell entnommen,
So Lieb' als Leben mich verläßt.‹

Adolf.

Das Schicksal als Dichter.

Es liegt der Würfel auf dem Tische,
Für Lust und Trauer gleich gestellt;
Ein jeder wähle, wie die Fische
Das Meer, den Bach, wie's ihm gefällt.

Die Vögel schweben in den Lüften,
Der Seidenwurm am Maulbeerbaum,
Der Dichter mit dem Wurm in Grüften,
Doch ist für viele hier noch Raum.

Der Sparter liebte schwarze Suppe,
Ein Literatus braucht gar viel,
Und wie die Kleider einer Puppe,
So wechselt der Geschmack den Styl. Der Jude Rabuni.

Dichtertod.

Der Ertrunkene bey Mölk.

Glockenklang
Zum Gesang
Dumpf und bang'
Mahnend klang,
Und bethend wandeln die Leute,
Denn heil'ger Umgang ist heute.

*

Fahnen weh'n,
Priester steh'n
Alle geh'n,
Alle seh'n
Die heil'gen Tropfen zu fangen,
Die heil'ge Weih' zu erlangen.

*

1.

Da sieht herab vom Felsenrand
Ein Jüngling ernst und kalt,
Er riß wohl manches Lebensband,
Er ruft dem Leben halt!

2.

Wie du mich lockest Wellengrün
Weiß ich, und weiß ich nicht;
Wie du mich schmerzest Frühlingsgrün
Weiß ich, und weißt du nicht.

3.

Ihr jubelt Wandr'er in dem Kahn
Und weckt das Echo auf,
Von krausen Wellen schäumt die Bahn,
Wie schnell ist euer Lauf.

4.

Wisst, daß die Freude weh' mir thut,
Es ist nur Schadenfreud';
Mir stillt der Jammer nur das Blut,
Vertraut ist mir das Leid.

5.

Ihr eilt zum hellen Morgenland,
Ihr flieh't des Abends Grab,
Das Schiff entflieht dem Felsenrand,
Und zieht mich rasch hinab.

6.

Klar ist dein Himmel Donaustrom
Und rasch ist stets dein Lauf,
In dir ruht sicher Fels und Dom,
Du wühlst mir Ruhe auf.

7.

Du rufst hinaus, ich stürz' herab,
Bey dir ist schon mein Bild,
Nur führ' mich schnell zu ihr hinab,
Ihr Kuß erweckt mich mild.

Glockenklang
Kalt und lang,
Dumpf und bang'
Traurig klang;
Da seh'n ihn sinkend die Leute,
Der Fluß ergreift ihn als Beute.

Adolf.

Dichterleben.

So denkt der Dichter könnt' es wohl geschehen,
Doch sicher bleibt er an dem Rande stehen,
Es ist viel leichter Thaten singen, als vollbringen,
Das Sterben will dem Menschen einmahl nur gelingen.

Der Jude Rabuni.

Dichterruhe.
Der Dichter als Geschäftsmann.
Das Pflugmesser.

1.

Es walten drey Hammer in lustigem Schlag,
Sie schmieden in Gluthen mein Leben,
Vom Weltrauch gedunkelt erbleichet der Tag,
Ich schau sie mit ahndendem Beben.

2.

Die Notdurft ergreift mich mit haltender Zang',
Und hält mich hier fest und verbogen,
Der härteste Hammer ertönet jetzt bang',
Er hat mich zum Leben erzogen.

3.

Der andere Hammer schlägt dumpfig und breit,
Er drückt mich mit Lehren der Alten,
Ich bin hier zum Lernen noch gar nicht bereit,
Da muß ich bey'm dritten erkalten.

4.

Der schlägt mir durch's Inn're ein viereckig Loch,
Man nagelt an's Holz mich zum Schneiden,
Es ziehet mich jedes Paar Ochsen am Joch,
Sie wollen mir's Leben verleiden.

5.

Ich werde nun dünner, ich werde nun blank,
Im Feld' ist kein Blümchen geblieben,
Für diese Beschwerden, zum herrlichen Dank,
Werd' ich nun vom Saatfeld vertrieben.

Treubold.

Dichterschmerz.
Der Dichter in der Fremde.

1.

Ich möchte gerne klagen,
Wie alle Sinne glühen;
Ich weiß es nicht zu sagen,
Die Töne alle fliehen.

2.

Zerrissen sind die Saiten
Auf meiner treuen Laute,
Kein Wort will sich bereiten,
Das dieses anvertraute.

3.

Gedanken sind Gestalten,
Ich möchte sie euch mahlen,
Doch etwas wird mich halten:
Wer kann das Leben mahlen?

4.

Auch führt' ich nie den Pinsel,
Ihr würdet nichts verstehen,
Verstehet mein Gewinsel
Und laßt mich hier nicht stehen.

5.

Doch fremd ist meine Sprache,
Versteht ihr auch nicht Blicke?
Ihr fühlt nur, wenn ich lache,
Und gebt nur das zurücke.

Der Grieche Iliades.

Dichterlohn. Die Sängerinn und ihre kleinen Lieder. Die kleinen Nachtigallen im Nest.

1.

Ach Mutter ist die Welt so kalt,
So leer und kalt wie unser Nest?
Warum log uns des Traums Gestalt
Von warmem Blüthenduft im West?

2.

Wie warm war unser erstes Haus,
Wie kalt ist Nest und Himmelblau,
Aus kleinen Fenstern sah'n wir aus,
Da schien so warm die blaue Au.

3.

Und unbekannt war Hungersnoth,
Die Träume buhlten mit Genuß,
Ach Mutter! drücke uns doch todt,
Denn Klage ward der Lebensgruß.

Die Sängerinn, die Nachtigallen.

Ach einst war mir der Himmel nah',
In meiner Brust der Sonne Schein,
Die Lieb' in jedem Baum' ich sah,
Ist Liebe fern, wird Alles Schein.
Mit voller Brust bin ich allein,
Erstorben selbst der Rosenwald,
Das Grün ist todt im öden Hain,
Wo Mutterklage wiederhallt.
Der Kleinen Schmerz zum Himmel schallt,
Denn sucht' ich unserm Hunger Speise,
So wehte Tod in Frostgewalt,
Nun greift der Hungertod uns leise.
Vergessen ist die frohe Weise,
Mein Lieber ist schon lange fern;
Im Hause hör' ich seine Weise,
Er klagt zu uns, er käm' so gern:
So Tage bis zum Abendstern,
Ich klage, daß nichts laben kann,
So Nächte bis zum Morgenstern,
Statt Wärme weht uns Sorge an.

*

Ach hätt' ich nie geliebet,
Ach hätt' ich nie gebrütet!
Schwebend im Frühlingszug,
Lebend im Jugendflug,
Kreisend in Himmelblau,
Tauchend in Wellenblau,
Rauschend durch Frühlingsgrün
Könnt' ich zum Abend zieh'n.
Spielend im Abendschein,
Ruhend im Sternenschein
Weckt' ich das Morgenroth;
Weh' mir der Mutternoth,
Weh' uns der Hungernoth,
Trost nur im nahen Tod,
Küsse uns süßer Tod.
Ach hätt' ich nie geliebet,
Ach hätt' ich nie gebrütet.

Pauline.

Dichterliebe.

Flieg' hinauf, flieg' hinab,
Vöglein in dem Bauer,
Stoße dir die Flüglein ab,
Sey recht auf der Lauer:
Kleine Gitter halten dich,
Große Mauern halten mich.

2.

Flieg' hinauf, flieg' hinab,
Vöglein in dem Bauer,
Vöglein wie der Rab' am Grab
Klage unsre Trauer:
Eisengitter halten dich,
Kalte Mauern halten mich.

3.

Flieg' hinauf, flieg' hinab,
Vöglein in dem Bauer,
Sieh ich brech' mir einen Stab,
Flüglein stark zur Dauer:
Sieh' er schwingt und fällt auf dich,
Bricht dein Haus, befreyet dich.

4.

Flieg' hinaus, flieg' hinab,
Vöglein aus dem Bauer,
Wie du fällst ja todt hinab,
Vöglein an der Mauer:
Vöglein, Vöglein kennst du mich,
Vöglein sieh' ich küsse dich.

5.

Frey hinaus, frey hinab,
Vöglein aus dem Bauer,
Meine Liebe ward dein Grab,
Aus ist deine Trauer:
Einsam klagtest du und ich,
Einsam klag' ich nun um dich.

Adolf.

Dichteraussicht.
Der alte Dichter.

1.

Ich konnte einstmahls fliegen,
Wohl auf dem weiten Meer,
Es wollte mich betrügen,
Ich thu' es nun nicht mehr.

2.

Die Ruder sind gebrochen,
Die Masten sind zerknickt,
Müd' ziehen Tage Wochen,
Mein Blut ist eingedickt.

3.

Die Schiffe kommen, gehen,
Mir ist es einerley,
Doch mag ich gern sie sehen,
Das meine fällt entzwey.

4.

Es spotten mein die Wellen,
Es spottet mein der Wind,
Ich muß mich ruhig stellen,
Doch wein' ich wie ein Kind.

Der Grieche Iliades.

Wahre und falsche Sänger. Pendellied.

I. Der zweyte Gesang der Dichterschule.

*

Stunden fliehen,
Ziehen Tage,
Jagen Jahre;
Bahre, Trauer,
Trauerjahre
Fahren über;
Trüber schwebet,
Bebet winkend,
Sinket Liebe.

II. Der erste Gesang der Dichterschule.

Liebegluthen
Fluthen immer,
Immer strebe,
Bebe nimmer;
Immer wendet,
Endet Wähnen
Thränen Schmerzen,
Herzenssehnen.

Ariel.

Kahlenberg.

Endlich komme ich zum Schreiben, liebe Kyane, aber mein Brief ist schwer, ehe ich noch die Feder angesetzt habe; ein Trauerspiel und ein Lehrgedicht liegen darin und mein Herz ist noch schwerer von Trauerernst und gelernten Gedichten. Wenn die Aehren zu schwer sind, brechen die Halme, das ist mein einziger Gedanke, denn an Gedanken bin ich federleicht, und in einigen Tagen eine alte Witwe geworden, so leer und tonlos wie ein verfallenes Haus, woran lange eine liebe Stimme wiederschallte, – und die Stimme ist fortgezogen. – Das war ein langer Satz, gottlob! daß er heraus ist, wäre nur die Stimme eben so aus meinen Gedanken. Liebe Kyane, Du mußt mich nicht für wahnsinnig halten, aber an den Sinnen bin ich krank, seit ich seine Stimme nicht höre, mein Genius, mein Dämon ist fort und meine Kunst ist mitgezogen. Ich möchte nur wissen, ob er mich gesehen, dann wäre er vielleicht nicht fortgegangen? – Welche liebe Stimme? Welcher Ehrenmann, welcher Dämon? – Ja, Liebe, den Nahmen weiß ich nicht; ob er Ariel, oder Heymar heißt, muß ich unentschieden lassen. – Aber wie sieht er aus? – Liebe Kyane, Du hast ihn so oft gesehen, wie ich, denn ich habe ihn gar nicht gesehen. – Nun, was spricht man denn von ihm? – Viel wunderliches Zeug, er hat allerley närrische Leute bey sich gesehen, mit denen er verkleidet herumgestrichen, mit denen er gesungen; er ist gekommen, man weiß nicht woher, er ist gegangen, man weiß nicht wohin, er hat alle Leute angeführt, hat viel Geld verschenkt und ist seine Zeche schuldig geblieben, er hat gebethet, er hat geflucht. – Du schüttelst den Kopf, und legst den Brief hin, und sagst bedenklich: Kryoline ist ungereimt! Ach, Liebe, ich bin es auch, seit ich seine Reime nicht mehr höre. Eins muß ich Dir von ihm erzählen, es ist ein wunderbarer Spaß. – Er saß mit seinen lustigen Trinkbrüdern bis gegen Mitternacht, da hat sich der eine vermessen, sie nennen ihn Adolf, nach der Klosterkirche zu gehen, etwas abzulesen und dann heim zu kehren. – Schaudert Dir nicht vor so einer alten Kirche, siehe einmahl mein Gemählde von Romeo und Julie an; vorn die Kapelle, hinten das Begräbniß, wie er schaudernd durch die Hallen tritt. – Ariel ließ ihn gehen, und schlich selbst von einer andern Seite auf die Kanzel. Als jener hinein kommt und lefen will, ruft er ihm drohend von der Kanzel zu: Heilige Orte und das dunkle Geisterreich nicht muthwillig zu versuchen! Adolf lief davon und rief ihm zu: Wenn du da bist, brauch' ich nicht hier zu seyn. Ariel glaubte sich verrathen, aber Adolf erzählte ehr ernsthaft bey seiner Rückkehr, auf der Kanzel stehe ein ewig schreyender Prediger, und die andern ließen ihn dabey. – Sieh, was das für ein herrliches Blatt gibt, es ist das Einzige, was ich ausgearbeitet: Das Buch und die Fackel sinken dem Adolf aus der Hand, die Worte ersterben, Ariel vom Mondscheine aus dem kleinen Gitterfenster erleuchtet, blickt zweifelnd über die Kanzel, ob jener die Ermahnung glaubt. Du hast ihn also doch gesehen? Nein, Liebe, er ist ganz Idee und wunderschön, sein dunkles Haar in ringelnden Locken, er scheint nicht leichtsinnig, er scheint ein leichter Geist, der über das Schicksal des Menschen zweifelnd besorgt ist. Wenn er anders aussähe, als ich ihn gemahlt, könnte ich ihn nicht lieben, aber er sieht sicher eben so aus; die Wirthinn meint es auch. – Ich wollte hier ein kühnes Gemählde ausführen zu einer Fußboden Mosaik, wie Sobiesky die Türken in der Ebene vor mir überfiel, sein Heer zog über diese Berge, er hielt seine Andacht in der Kirche des Leopoldsberges, ich wollte es so stellen, als wenn man bey dem Eintritte in den Saal aus dem Kahlenberge stände; die Schlacht wüthet vor einem hin zur Entscheidung! – Alles sah ich schon, Alles war geordnet; kein Wort davon weiter, es ist noch nicht angefangen. Ich bin so böse auf meinen Pinsel, daß ich Karrikaturen mahle, recht abscheuliche Fratzen, und meine physiognomischen Beobachtungen über Hunde und Katzen und Menschen müssen den leeren Raum des Papiers und die leere Zeit ausfüllen. – Eins muß ich Dir mitten durch erzählen, meine Zeichnungen zum Homer und Göthe sind hier von den Liebhabern sehr gleichgültig aufgenommen worden, aber die physiognomischen Possen haben hundert Liebhaber gefunden, und ich noch mehr – herzlich abgeschmackte, einer ausgenommen. Keine einzige Stimme war darunter so rein, so wechselnd, so tief, so hell wie diese. Du befiehlst, daß ich ein Ende mache, also zur Sache, zu meinem Dämon.

Ich war ziemlich spät hier angekommen, und richtete mir daher eilig mein kleines Reich ein. Ein Großvaterstuhl wurde zwischen einem alten Schranke und dem wunderbaren Bette hingestellt. Von dem Bette und seiner Decke nur ein Wort beyläufig. Josua und Kaleb sind darauf gestickt, wie sie die große Weintraube tragen, ich fürchte jeden Abend von ihnen erdrückt zu werden. – Wenn ich auf dem Stuhle saß, konnte ich den Leopoldsberg mit seinen türkischen Gebäuden sehen, der Homer lag auf der rechten Seite des Tisches, Göthe's Herrmann und Dorothea auf der andern, das Zeichenbret in der Mitte, einige Blumen, die ich auf dem Wege gepflückt, unterbrachen auf dem Fenster die Aussicht. – Wahrhaftig, da liegen sie noch, ich lege ein trockenes Vergißmeinnicht in den Brief, so scheint er Dir viel empfindsamer. – So saß ich da und hatte feyerlich Besitz vom Zimmer genommen, – Gott wie langweilig ist das Schreiben, ich sitze da wie ein kleines Mädchen, dem man die Hand zum Schreiben führt und die bey den Versicherungen ihrer kindlichen Liebe gern ihre kindliche Liebe darum gäbe, wenn sie die Liebe nicht zu versichern brauchte. – Nun es war Abend und die Sterne recht munter, einige waren blau, andre roth, und das vergessen die meisten Mahler anzugeben; ich hatte eben während eines Gesprächs meine Wirthinn, oder die Frau Mahm, wie sie genannt wird, auf den Tisch gezeichnet, ein recht treues, feines Gesicht, und war nun allein und die Thür war abgeschlossen: Da fiel mir bey Göthe's Herrmann Dein Lied auf ihn ein, was ich Dir damahls beym Pfänderspiele im Vestalenorden abnöthigte. – Kaum hatte ich den letzten Ton ausgesungen, so antwortete eine Stimme sehr zierlich einige Verse, die Du im Anfange des Lehrgedichts niedergeschrieben findest. Und wie das Lied ein Paar Füße mehr hat, als das Deine, so lief mein Blut davon schneller. – Woher die Stimme, wer war das? Du sagst, das war der Herr Ariel, jetzt bin ich so klug wie du, aber damahls war ich es nicht. Für den Abend schwieg ich still und hielt Alles für sehr menschlich, aber denke Dir, den andern Tag gibt mir die Wirthinn auf meine Bitte einen Kanarienvogel, den ich singen hörte, und kaum fängt der sein Liedchen an, so singt die Stimme leise Worte mit, bey Tag, bey Nacht, und immer, als wenn sie im Zimmer wäre. Ich sah mich um woher, ich rief laut, wo die freundliche Stimme sey, niemand antwortete mir, aber der Vogel entlockte ihr noch manchen Ton. Alles Nachsuchen war vergebens, ich hörte zuweilen Fußtritte ohne Füße zu sehen; einige zweifelten so gar an der Wahrscheinlichkeit des ganzen Vorgangs, weil die Stimme in ihrer Gegenwart die Bosheit hatte zu schweigen, da sie doch in der nächsten Nacht recht geschwätzig und abwechselnd in mein Zimmer drang, als komme sie von allen Seiten. Den andern Morgen ging ich aus, und verschloß mein Zimmer; als ich zurückkam, fand ich eine unbekannte Waldblume auf meinem Tisch, ich legte eine andre hin, ging wieder aus und diese war verschwunden. – O! süße Hoffnung, die Wünsche meiner Jugend sind erfüllt, der Dämon des Sokrates ist um mir und schützt meine Tage! – Am vierten Tage war die Blume und die Stimme ausgeblieben. Lieber diese Entbehrung verwundert ging ich Abends zu meiner Wirthinn und fand sie und die Mägde und den Schulmeister alle in Thränen. Die ausgebliebene Stimme und die eingelassenen Thränen mußten einen gemeinsamen Grund haben, und ich fragte danach. Ach, seufzte der Schulmeister, man sollte es nicht glauben, daß es so schlechte Menschen geben könne, wie den Herrn Heymdal, seine unschuldige Jungfer Schwester so unglücklich zu machen! Sie, gerechter Mann, entgegnete ich, sagen sie, wo dieser Schändliche hauset, auf daß wir ihn strafen. – Da lachten sie alle, und ich merkte, daß die Thränen bey den Menschen eine Erleichterung sind, wie das Lachen von etwas, was sie nicht aussprechen können, weil es nicht viel bedeutet. Sie erzählten mir, daß heute Herr Ariel, ein reisender Tänzer, der über mir gewohnt, fortgezogen. Er hatte der Wirthinn beym Abschiede gesagt, er habe kein Geld, aber viel beschriebenes Papier, wenn sie das statt des Geldes annehme, so sey ihnen Beyden geholfen, er sey leichter und sie bezahlt. Sie war gutmüthig, vielleicht auch weil er ihre Neugierde durch seine Zusammenkünfte erregt hatte, genug sie ging den Tausch ein und kaum war er vor dem ersten Nepomuk vorbey, so machte sie sich an diese Papiere. Ich sah das Lehrgedicht zuerst und noch ein Blatt mit allerley Bemerkungen über mich, das bekommst Du aber nicht; er war die Stimme, er hatte die Blumen hingelegk, mein Dämon war ein leichter Tänzer, der mich angeführt hatte; ich bezahlte Ariel's Rechnung, die allen jetzt bedeutender schien als seine Papiere, weil sie noch so viele Thränen obenein ausgelegt hatten. Die Schriften sind also mein, und mir so werth, wie sie Dir nicht seyn können. Ich erfuhr, daß er alle Tage von mir gesprochen, sich erkundigt, wie ich aussehe; wahrscheinlich ist er durch eine Seitenthür in mein Zimmer gekommen, die nicht verschlossen war; die Gedichte auf Gemählde sind nach Zeichnungen von mir, die ich in meiner Mappe führte, mir sind sie sehr wahr! Der zweyte Gesang ist von mehreren Händen geschrieben, von seinen Freunden. – Wie mich das Trauerspiel rührte, wirst Du ganz fühlen, wie oft dachte ich an Mathilde. Ich wollte, Du hättest die Musik nicht aufgegeben, Du solltest Alles zu den nächsten Eleusinien setzen, wir wollten es aufführen. Lies aber vorher beyliegende Blätter, ich habe sie aus dem Haufen herausgesucht, man sieht, daß der leichte Tänzer auch einige derbe Gelehrsamkeit sich angeschafft hatte.

*

»Heymar der Sänger ist offenbar neu, und scheint eine Art von Erläuterung über das Heldenlied zu sein, wie man sieht, hat er mit seinen Schülern das Schicksal der meisten Lehrer, jeder will es besser wissen. Ob das Heldenlied wirklich alt sey, und aus welcher der sieben Perioden der deutschen Dichtungen es herstamme, muß ich unentschieden lassen, Nachrichten davon finde ich nirgends; aber es gibt noch manche verborgene Schätze und es macht mir mehr Freude als das Papiergeld, daß unsere Gesellschaft der Alethurgen jetzt so eifrig an allen Orten mit der Herausgabe dieser vaterländischen Papierschätze beschäftigt ist. Die Sitten, die langen Selbstgespräche scheinen sich bey den Bewohnern der Bayrischen Hochlande wieder zu finden. Auch eine Stelle des Gedichts IV. Scene

»Im Thal liegt der Nebel, die Alpen sind klar,
Was man so im Thal sieht, ist oft gar nicht wahr,
Es kommen die Schwalben, und ziehen dann nieder,
Doch eine verkündet, kein Sommer kommt wieder,
Hör', Mädchen, das Lieben nimmt auch mahl ein End',
Wie Blumen die nächtlich der Reif schon verbrennt.«

Im Thal hat's a Nebal, z' Alm is schön klar,
Was d' leut von mir reden, is a nit all's wahr.
Seite 407.

Ain Schwalm macht kain Somma, bue heurath nur zu,
Du magst ma kein Kuma, 's giebt andere g'nue.

Seite 406.

Diendl dein Schöne nimmt a bald an End,
Wie d' Blumen auf'n Feld, die der Reif hat verbrennt.

Wer sich mit den Beichtvätern dieses glücklichen Völkchens bekannt macht, das in der Liebe, in den Kämpfen, in dem ganzen poetischen Leben das meiste Altdeutsche von allen bewahrt hat, der wird von ihnen hören, wie manches Laster sie in völliger Unwissenheit begehen; sie begehren und erhalten nicht viel Unterricht, Freya's Unwissenheit darf uns daher nicht verwundern. Alle Poesien wurden und werden noch unter jenen Hirtenvölkern abgesungen, darum scheint das ganze Heldenlied für die musikalische Begleitung gedichtet, also ungefähr das zu seyn, was gewöhnlich eine Oper genannt wird. Doch scheint es mir wahrscheinlich, daß die Eintheilung in Aufzüge von einer späteren Hand sey. Die Freunde des französischen Theaters werden darin tadeln, daß es weder rein komisch, noch rein tragisch sey; sie müssen aber dem Dichter der Vorwelt verzeihen, daß er nur das Leben und nicht ihre Regeln kannte, und das Leben hat diese unbequeme Einrichtung. Den Kiltgang, welcher offenbar aus den Probenächten der Deutschen entstanden, finden wir noch in dem größeren Theile der Schweiz, das Pflanzen des Tannenbaums mit angehängten Waffen geschieht im Walliserlande.

 

Das ungefähr läßt sich für das Alterthum des Gedichts sagen, die Geschichte des Gedichts finden wir nirgends aufgezeichnet, sie wäre aber ein wichtiger Beytrag für das deutsche Staatsrecht, besonders wichtig für die Entschädigungsplane. Es würde daraus folgen, daß ein Nachkomme Herrmann's des Großen noch zur Zeit der Einführung des Christenthums regiert habe, daß er von Inkar vertrieben; den wiederum der junge Herrmann getödtet, bis durch einen Zufall die Tochter Inkar's, Aslauga, Regentinn ward. Herr von Bonstetten (Neue Schriften 1800. II. B. S. 222.) erzählt von ihr: »Rührend ist Aslauga's Geschichte, da sie kaum ein Jahr alt war, ward ihre ganze Familie gemordet. Heymar, ein Freund ihres Vaters, rettete das Kind mit königlichen Juwelen in einer großen Zither, die er mit sich trug. Wenn das Kind weinte, tönte lauter die Zither und das Kind schwieg.« Es ist aber in der Stelle von einer andern Zeit und von einer andern Gegend die Rede, die Geschichte muß also sich selbst nachgeahmt haben, wie sie das wohl zuweilen thut. Die Sitten der Zeit scheinen treu zu seyn. Bonifacius sagt: (ep. 3. p. 6. edit. Serar.) »Die Verfolgung der falschen Brüder übertrifft die Verfolgung der Heiden.« »Mein Geschäft ist das eines bellenden Hundes, der sehr wohl die Diebe sieht, die ins Haus brechen, aber nur anschlagen kann (ep. 105. edit. Serar.). Die meisten Geistlichen haben von Jugend auf in Ehebruch und Unzucht gelebt und setzen es fort. Doch lesen sie das Evangelium und werden endlich Erzbischöfe. Andre rühmen sich ihrer Keuschheit und sind dem Trunke, der Ungerechtigkeit, der Jagd ergeben, gehen bewaffnet gegen den Feind und vergießen mit eigener Hand das Blut der Christen und Heiden.« (T. V. Conc. Labbei col. 1494.) Und darüber beklagt sich Heymdal in der ersten Scene. Wer die Waffen nicht mehr führen konnte, verlor sein Eigenthumsrecht, (L. L. Alam. T. 35. L. L. Bas. T. 2. col. 10.), daraus erklärt sich der Zustand des alten Odin. Freya erwähnt in der dritten Scene der Falkenjagd, sie war sehr gewöhnlich schon damahls (L. L. Alam. T. 99.). Es wird mehrmahls eine gute Küche und Wein von Herrmann gerühmt, aber es gab auch damahls schon Köche (L. L. Alam. T. 79.) und Obst und Wein (L. L. Bas. T. 808 und L. L. Bas. T. 1. c. 14. §. 2.). Die leuchtende Harfe am Schlusse deutet wahrscheinlich auf die Erfindung dieses Instruments unter den Deutschen (Venant. Fort. in Ep. ad Gregor. Tur. praef. L. I.). Endlich bemerke ich noch, daß solche mit unathembarer Luft gefüllte Höhlen, die in Italien sehr häufig, auch in Bayern und Schlesien sich finden. Mehr will mir in diesem Augenblicke über den Stoff des Gedichts nicht einfallen. In Rücksicht der Form richtete ich gleich die Bitte an mich, nicht eher etwas gegen diese abwechselnde Versmaße und Reime zu sagen, bis sich gefunden, daß nichts dafür zu sagen sey. Jetzt ist es mir gewiß geworden, daß jedes Einzelne sich für den einzelnen Punkt der Empfindung rechtfertigen läßt. Redet nicht jeder natürliche Mensch, der keinen gesellschaftlichen regelmäßigen Mißbrauch mit der Sprache getrieben, in seinen Empfindungen durch solche Formen? Ich fordre den Beobachter auf, solche Leute in ihren Leidenschaften zu hören, und er wird manches sehr wahr finden, was man der Poesie sonst wohl als eine leere Künstlichkeit anrechnet. Man lese einmahl folgende Stelle aus dem Briefe eines Bayrischen Hirten an sein Mädchen, er ist durchgängig in dem Style geschrieben. (Hazzi S. 238.)

Der Franz lasst dich grüsen gar hoch und gar fest,
Der Palmbaum hat gar vil öst,
Da hängt daran ein goldner Kranz,
Der ist gebunden mit krien und blauer sein (Seide)
Du sollt fein andere Bubn meidn (meiden),
Du sollt fein andere Bubn meidn (meiden)
Du sollt bey dem Franz allein verblein (verbleiben)
Noch einmahl lasst er dich grisen, er hat ein goldnes Haus,
Da war ein goldenes Dach darauf,
Es hat auch eine Kränzlein Die
Und aus einem raisen Nägel war ein ridel ,
Darinnen war ein buzbaumner Tisch und in der Mit ein Glas Wein,
Und das wird der der schönste Befelg seyn:
Sagt er und er red, was wahr ist,
Und tringt, was kar ist,
Und livt, was fein ist.

Wahrscheinlich würde es aber den Verfasser noch in der Ewigkeit kränken, wenn man ihm aus diesen verschlungenen Silben und Reimen seines Heldenliedes ein Verdienst machte, auch darf dadurch kein Fehler im Inneren entschuldigt werden. Diese Formen konnten ihm keine Fesseln seyn, sie entwickelten sich wahrscheinlich unwillkürlich mit dem Inneren, wenn er wirklich Beruf zu ihrem Gebrauche fühlte. Eins dem andern willkürlich vorsetzen, würde eben so sicher beyde vernichten, wie jene Frage über Gall's Schedellehre: Ob der Witz seine Hirnknochen, oder die Hirnknochen den Witz bilden?

Silbenmaß und Reim sind nicht bloß für das Ohr, sie sind die nothwendigen Begränzungen, die Pole, ohne welche alle Rede der Empfindung ins Unbestimmte, oder in Stummheit sich verliert; ich glaube keinen zur Darstellung berechtigt, der sich nicht gezwungen fühlt, jedes in seiner gewissen, bestimmten Form mitzutheilen. Gewohnheit, Bewunderung oder Widerspruch andrer Kunstwerke geben dem Kunstjünger oft ein Sehegesicht, er strengt seine Kraft an nach einem Hesperien zu kommen, was entweder gar nicht vorhanden, oder an einem ganz andern Orte liegt; das ist ein Hinderniß, aber es stärkt auch die Kraft. Und was soll ich von den Beurtheilungen, von dem Lobe und dem Tadel sagen! Die meisten Menschen empfinden anders und gewöhnlich besser, als sie eingestehen und aussagen, wie sie gar manches wollen, was sie darum nicht thun: sie wollen wie eigensinnige Musiker nicht zugeben, daß ihre Laute verstimmt sey, sie geben lieber mit den Fingern nach, bis sie den falschen Tönen ganz hingegeben. Oder vielmehr, als wenn er bey seinen Noten aus Uebereilung den Schlüssel vergessen, aus dem sie gespielt werden sollen, und zufällig einen falschen trifft und nachher nicht genug Ergebung hat, dieß zu bekennen und zu verbessern. Ich wollte ein Dutzend lobende und doppelt so viele tadelnde Beurtheilungen von jedem Werke in der Welt machen, wenn der ausbrechende Concurs der gelehrten Blätter sie nicht hinderte, mir das Papier zu bezahlen. Es hat sogar etwas sehr Spaßhaftes für mich, alle die Alltäglichkeiten, als das ist: Uns aus der Seele geschrieben, wir wurden in unsrer Erwartung betrogen, wir möchten den Verfasser fragen u. s. w., zu ganzen Bogen auszudehnen. Lieben Leute, möchte ich solchen Kritikern zurufen, wenn sie sich neben rechtlichen wissenschaftlichen Bemerkungen mit winzigen Kunstanempfindungen lächerlich machen, lieben Leute, man kann übrigens ein recht guter Schmidt seyn, aber keine Sense machen können. – O! könnte ich mit euch reden, ihr heimlichen Leser unter den Schulbänken und ihr Frauen auf dem Bücherthrone, laut würde ich zu euch rufen: »Ein jeglicher gehe vor die rechte Schmiede, vor den Richterstuhl seines Gefühls, gerecht sind die Richter der Unterwelt, überlasset euch ganz eurem Gefühle – Und spricht euch etwas in der Welt nicht an, wie ihr meintet, so erinnert euch einer weisen Erzählung vom Diogenes: ›Er begab sich auf den Markt, allwo er die abscheulichsten Bilder angetroffen, und als er befraget, wer doch so ungereimt mahle; da antwortete man ihm, der Mahler wäre an sich sehr künstlich, folge aber der Kunst nicht, sondern dem Urtheile der Welt‹.« (So erzählt Urtluff im sittlichen Rauchaltare, Nürnberg 1706.). Meine Gefühle für euch verbrennt bald ein andrer unsittlicher Rauchaltar, und was ich euch sagen möchte, fällt bald in die Hände der Kinder, und der Wind treibt es als einen fliegenden Drachen empor, um es an dem Felsen zu zerschmettern. O Weisheit! warum steigest du so rasch, um angekettet an dem Leben, so schnell zu sinken? Ich habe keine Stimme unter euch, liebe Leser, was ich fühlte wird mit mir ableben, die Luft und das Papier sind meine Vertrauten, und meine Vertrauten sollen nun untergehen! O Leben! warum steigest du so rasch, um angekettet an dem Bedürfnisse so schnell zu sinken? – Nein, du sollst nicht sinken, und der Sturm soll dienstbar dich losreißen von der Kette. – Eine höhere Bestimmung ruft mich und eine nahe hält mich; ich reiße mich los! – Adolf Treubold, unsre Aussichten gehen über unsern eigenen Standpunkt, unser Plan ergreift die Welt in seinem Netze, auch dich wird er ergreifen, liebe Mahlerinn, und dann finde ich mich im Leben wieder; ich finde mein Daseyn wieder, wenn ich dich wieder finde und dich sehen kann, die ich jetzt nur höre, und hören kann, den ich jetzt nur sehe, den Geist deiner Schöpfungen; dann sehen wir, dann hören wir wie Johannes in seinen Offenbarungen:

»Und ich sah einen Engel in der Sonne stehen, der schrie mit großer Stimme und sprach zu allen Vögeln, die mitten durch den Himmel flogen: Kommet und versammelt euch zu dem großen Abendmahle, denn ich kenne euren Glauben und eure Liebe.« Wo werde ich meinen Abend und mein Mahl finden, wo ist mein Morgen geblieben mit dem Erwachen im Lichterscheine des Geburtstages; Lichter sind erschienen und erloschen, es haben die Winde sie ausgestürmt, die frisch alle Segel meiner Hoffnungen schwellen. – Nein! Nicht immer ist das Leben ein Ausziehen aus dem gelobten Lande, ein Entwöhnen und Abschiednehmen, ein Rasseln mit den Kerkerschlüsseln, nicht alle tritt der Winter mit seinem kalten Fuße nieder. – O! mir erglänzt das stille Meer in der Ferne, es grünen heller in den Fluthen die grünen Eylande mit ihren wunderbaren Bäumen, die Mädchen tanzen singend über die Flur in die Fluthen, in den Zweigen der Bäume, durch die Aeste der rothen Korallen; frey ist die Natur, sie läßt ihre Früchte fallen und sie gehen in tausendfachen neuen Keimen auf, und wo die Kunst eine einige Natur wird, da ist mein Reich, da treibe ich Wurzeln in die Unendlichkeit, in die Vergangenheit bis zum Ursprunge, in die Zukunft bis zur Erneuerung der Welt, da ist mein Vaterland, da reichen ruhig einander die Steine zu dem ewigen blauen Tempel alle die wechselnden Geschlechter der Erde; – o da sey mein Abend, und es wird mir an einem Mahle nicht fehlen, wie heute.

Ariel.«

Und ich sitze noch hier! Aber wo soll ich ihn
suchen, um mein Mahl mit ihm zu theilen? Und
ob er mir dann vertrauen wird? Seit ich vier
Tage mit ihm gelebt habe unter einem Dache,
ohne daß wir uns einander genähert, da kommen
mir alle Menschen gegen einander vor, wie
Leute, die sich begegnen und nach derselben Seite
ausweichen, sie drehen sich närrisch von einander
und stoßen sich doch. Stoße nicht mit Deinem
Gefühle gegen mein Gefühl, es will mir so das
Herz abstoßen, daß meine Kunst jetzt feyert, wo
Alles mich anregt! –

Kryoline.

Ich habe erfahren, wo einer seiner Freunde, Adolf wohnt. Ich habe männliche Kleider, sie stehen mir nicht übel. – Glück leite mich ihn zu finden!

Kryoline.

N.S.

Mein guter Brief geht in Nachschrifen unter, wie mein guter Nahme in Nachreden. Gestern ging ich sehr spät bey der Mädchenstube vorbey, ich hörte laut reden und sah viel Licht; durch's Schlüsselloch bemerkte ich, daß sie abwechselnd lasen und sehr gerührt waren. Es schien mir aber gar nicht ernsthaft. Ich kletterte schnell über die hölzerne S

cheidewand, alle schrien laut auf aus Schreck, es sey ein Mann. Und was lasen sie? Den Schluß der Dichterschule mit dem hohen Titel: Das Sängerfest in Wartburg. Ich lege es bey. Mit Gewalt entriß ich es ihnen, ich wurde ordentlich böse – und was habe ich denn für ein Recht auf das, was er geschrieben, da ich kein Recht auf ihn habe?

Kryoline.

 

Das Sängerfest auf Wartburg.

Der lustigen Vögel Nachspiel zur ersten Aufführung von Herrmann und seinen Kindern am Weihnachtabend. Schlußgedicht zu Heymar's Dichterschule.

*

Sänger und Masken.

Der Dichter Guckuk. Guckuksmaske, Anführer der
reisenden Sängergilde, alle Sänger in
Greismasken.

Der alte Schwan neu aufgenommen in der Sängergilde,
Greismaske durch Merkursflügel am Kopfe
ausgezeichnet.

Der junge Schwan sein Sohn, ein heimkehrender
Soldat, im Vögelspiele als Schwan verkleidet.

Jungfer Taube seine ehemahlige Geliebte, in dem
Vögelspiele als Taube gekleidet.

Ihr Sohn im Vögelspiele als Adler gekleidet, nachher
als Cupido.

Der alte Finke neu aufgenommen in der Sängergilde,
Greislarve durch einen Buchenkranz ausgezeichnet.

Jungfer Lerche, im Vögelspiele Lerchenlarve, seine
Haushälterinn.

Ihre Tochter, als Hebe erst verkleidet stellt sie die
Gegenwart dar, im Vögelspiele Nachtigallenmaske.

Notarius Rabe, im Vögelspiele Rabenmaske, nachher
Vogelfänger, am Schluß in bürgerlicher Kleidung.

Alle Masken sind nach Art der alten eingerichtet, sie verändern völlig die Stimme.

Das Theater stellt dar einen Platz, mit alten Mauern umgeben, im Vorgrunde Tische mit Weihnachtgeschenken, mit Puppen, Buchsbaumpyramiden u. dergl. bedeckt. Die Greise zechen daran, im Hintergrunde sind Bäume, der Dichter geht umher.

Chor der Greise.

Der Jugend heller Becherklang
Noch einmahl jubelnd schalle,
Des trüben Alters Nachtgesang
Im Feuerchor verhalle!

(Sie stoßen an und trinken.)

Der Dichter.

(Fährt fort in seinem Gesange.)

Und Funken sprüht des Pferdes Huf,
Und blitzt wie Ungewitter,
Den Traum, den ihm der Wein erschuf,
Träumt ruhig fort der Ritter.

Er leget bald die Zügel fort
Auf seines Pferdes Nacken,
Der Sturmwind hebt sie leicht von dort
Auf einer Weide Zacken.

Er merkt nicht, daß sein Pferd nun steht
Am Boden wie verwachsen,
Denn alle Welt sich um ihn dreht
In seines Geistes Achsen.

Da kriecht ein Mütterchen umher
Am Weg mit der Laterne,
Sie suchet in dem grünen Meer,
Ihr Licht scheint ihm wie Sterne.

Der Ritter fraget, was sie sucht,
Sie sagt: Den seltnen Pfennig!
Der Ritter, als er erst geflucht,
Reicht ihr 'nen andern Pfennig,

Sie spricht: »Der Pfennig hilft mir nicht,
Der mein hat Wudergaben,
Doch alterschwach ist mein Gesicht,
Gern möcht' ich ihn doch haben.«

Der Ritter sucht nun fleißig nach
Und findet ihn im Kleee,
Und denket, was sie eben sprach,
Daß sie nicht recht mehr sehe.

Er meint: »Den Pfennig wundersam
Kannst du für dich behalten,
Und den sie in die Hand bekam,
Muß sie für jenen halten.

Der Wunderpfennig macht dann Spaß,
So dir wie deinen Brüdern;
Zu schau'n, was man vom Pfennig las,
In alten Hexenliedern.«

Vom Zoll sind die Gedanken frey,
Gar wenn der Wein regieret,
Da werden die Gedanken neu,
Gott weiß, wer sie verführet.

Chor der Greise.

Gott weiß, wie die Gedanken frey,
Wenn uns der Wein verführet,
Die Jugend wird im Alter neu,
Und Jugendkraft uns zieret.

Der Dichter.

Die alte Frau bedanket sich
Für seinen falschen Pfennig,
Er schaut sich um und fürchtet sich,
Daß sie erkenn' den Pfennig.

Er küßt den wahren drey Mahl drey,
Da fühlt er sich umschlungen,
Der Schreck macht erst den Athem scheu,
Dann hat ihn Lust durchdrungen.

Der Pfennig fällt aus seiner Hand,
Ein Mädchen halten beyde,
Das auf sein Pferd ein Geist gesandt,
Daß sie nur keiner scheide.

Sie steigen nieder in den Klee,
Das Roß kann ruhig grasen:
Sie grasen auch im frischen Klee,
Zur Lust ist weich der Rasen.

Chor der Greise.

Sie steigen nieder in den Klee,
Das Roß kann ruhig grasen:
Sie grasen auch im frischen Klee,
Wo lockt uns weicher Rasen.

Der Dichter.

Der Weidenbaum, der rauschet leicht
Im warmen Sommerwinde,
Wenn neue Lust den Becher reicht:
Auf, leeret ihn geschwinde!

Hebe.

(Indem sie rings einschenkt.)

Der gold'ne Becher rauschet leicht,
Wie warme Sommerwinde,
Die neue Lust den Becher reicht:
Auf, leeret ihn geschwinde!

Chor der Greise. (Sie trinken.)

O Frühlingsregen, Himmelsduft
Du strömst aus gold'ner Schale,
Und alles grünt in deiner Luft,
Die Gräber selbst im Thale.

Der Dichter.

Und eh' noch leer der Brunnen ist,
Hat ihn der Traum geküsset,
Die Träume sind der Liebe List,
Er lebt ihn gleich geküsset.

Und als die gold'nen Wolken zieh'n,
Mit dem Gesang am Morgen
Auch seine hellen Träume flieh'n,
Es folgen trübe Sorgen.
Er fass't nach seinem süßen Maid
Die Augen noch geschlossen,
Und fass't nur Luft, o schweres Leid!
Die Luft in Thau zerflossen.

Er greifet nach dem Pfennig dann,
Und weiß, daß er verloren,
Und streicht durch alle Thäler dann,
Und sucht, was er verloren.

Und ohne Speise, ohne Trank
Durchstreicht er Wies' und Felder,
Am dritten Tag' hört er Gesang
Und Wiederhall der Wälder.

Chor der Greise.

(Die zum Einschenken Hebe nöthigen, und trinken.)

Gesegnet wen mit Speis' und Trank
Ernähren seine Felder,
Denn muthig hört er den Gesang
Der Klage durch die Wälder.

Der Dichter.

(Hat sich einem Weidenbaume genähert, neben dem die Tische aufgerichtet.)

Er sieht sich um und findet sich
An jenem Weidenbaume,
Erschöpft, ermattet, außer sich
Träumt er, er sey im Traume.

Da kommt der Stimme Ton ihm nah',
Ein Mädchen läßt sie schallen,
Das Mädchen ihn wohl weinen sah,
Er ließ dieß Liedchen fallen,

Wie grün das Laub vom Baume fällt,
Wenn ausgedörrt der Stengel,
Kein Lebenshoffen ihn mehr hält,
Verloren ist sein Engel.

»Stumm schaue ich am Weidenbaum
Hinab zum grünen Thale,
Und Alles scheint ein Nebeltraum,
Den ich im Schlafe mahle.

Ich fühle mich ein kalter Stein,
Aus dem die Quellen rinnen,
Die Quellen sind die Thränen mein,
Sie quellen tief von innen.

Die Sonne scheint und strahlt darin
Mit bunten Frühlingsfarben,
So ist der Frühling kein Gewinn,
Der Sommer bringt nicht Garben.

Es wächst um mich der Weidenbaum,
Des Epheu's grüne Ranke,
Für Blumen ist am Boden Raum,
Wie auch der Waizen wanke.

Auch räumt er mir ein Lager ein
In seiner grünen Fläche,
Ich muß in seinen Schooß hinein,
Ich und die Thränen-Bäche.

Schon saugt der Boden gierig ein
So mich, wie meine Thränen;
Sie sind des Todtenmahles Wein,
Der Tod stillt all' ihr Sehnen.«

Chor der Greise,

(von denen einige, unter denen der alte Schwan und der alte Finke die Masken ablegen.)

Mein Becher klang so schauerlich,
Von selbst sein tiefes Beben,
Es klingt zu mir: Bereite dich
Zu einem andern Leben.

Der Dichter.

»Noch jetzt, da ich dich rufe an,
Fühl' ich mein Herz erbeben,
Und die man Herzen nennen kann
Die Pulse neu beleben.

Ich freue mich, daß über'n Stein
Der Wiederhall noch schallet,
Der Wiederhall, der ist doch sein,
Wenn auch die Stimm' verhallet.

So bleibt der Traum doch ewig mein,
Im Herzen eingeschlossen,
Und bis zum Grabe mein Gebein,
Hält noch dieß Bild umschlossen.«

Hebe.

Das Mädchen hört den Trauerklang,
Die Treue weckt die Liebe,
Sie lohnt ihn erst mit dem Gesang,
Was gibt ihm dann die Liebe?

Chor der Greise.

O Mädchen gib uns den Gesang
Und gib dem Sänger Liebe,
Uns freuet noch der Waffenklang,
Doch nicht mehr Schwerterhiebe.

Hebe.

Die Nacht hat mich gefraget,
Warum ich oft geklaget?
Das Sonnenlicht
Schien in's Gesicht,
Die Thränen sind geflossen,
Und Glanz hat mich umflossen.

Ein Kind hat mich gefraget,
Warum ich oft geklaget?
O liebes Kind,
Der rauhe Wind
Hat Staub in's Aug' gejaget,
Darum hab' ich geklaget.

Mein Heerd hat mich gefraget,
Warum ich oft geklaget?
Gelehnt auf ihn
Ich fröhlich schien,
Der Rauch hat mich vertrieben,
Die Wälder muß ich lieben.

Die Tanne hat gefraget,
Warum ich oft geklaget?
Die Nadel fiel,
Mein Aug' ihr Ziel,
Die Pfeile sind geflogen,
Ihr Gift ist eingesogen.

Ich habe mich gefraget,
Warum ich oft geklaget?
Mein leichter Sinn
Ist ewig hin,
Seit ich den Mann gesehen,
Doch möcht' ich ihn noch sehen!

Der Dichter.

(Springt vom Boden auf, er hatte sich unter die Weide gesetzt, und umarmt Hebe.)

O schöner Traum der Gegenwart,
Ich fühl' in deinen Armen.
Bist du's auch nicht, die ich erharrt,
Du wirst dich mein erbarmen.

O sey es doch, ich bin dir treu
Bis zu der Morgenstunde,
Die Traumnacht wird auf Wartburg neu,
Und alt der Trennung Wunde.

(Er will ihr die Maske abnehmen, sie verhindert es.)

Hebe.

Sey ohne mich zu sehen treu,
So fordert es die Liebe,
Die Nacht schafft ihre Sehnsucht neu,
Und schützt sie, wie die Diebe.

Chor der Greise.

(Stoßen auf ihr Wohl an und trinken.)

Des Augenblickes Becherklang
Noch einmahl jubelnd schalle,
Der trüben Vorzeit Nachtgesang
Im Feuerdrang verhalle.

Der Dichter.

(Setzt die Guckuksmaske auf.)

Der Ritter war des Dichters Sinn,
Sein Roß die Phatasieen,
Er reitet träumend auf ihm hin,
Bis gold'ne Wolken ziehen.

Die gold'nen Wolken stören ihn
In seinen frohen Träumen,
Denn höret recht, was ihm erschien
Bey jenen Weidenbäumen.

Die Alte war die alte Zeit,
Die man nun längst vergessen,
Ihr Wunderpfennig ihn erfreut,
Er stahl ihn ihr vermessen.

Er will des Herrmann Schattenreich
Durch diesen Pfennig schauen,
Die alten Tempel auch zugleich
Hier wieder auferbauen.

Er küßte ihn wohl drey Mahl drey,
Da hat ihn kühn umfangen,
Die Gegenwart so hold, so frey,
Genuß in dem Verlangen.

Doch trauert er beym Morgenlicht,
Daß bey der Hähne Schreyen
Der volle Ton vom Nachtgesicht
Sich nimmer will erneuen.

Der alten Zeit war er nicht treu,
Er hat sie wohl betrogen,
Die Gegenwart war ihm nicht treu,
Ihr Bild hat ihn betrogen.

(Er ergreift den Becher und nimmt die Larve ab.)

Der Dichter fühlt die Gegenwart
So froh bey diesem Feste,
Daß er der Zukunft nicht mehr harr't,
Die Zeit wird ihm die beste.

Das Sängerfest führt freundlich zu
Was eine Welt geschieden,
Das Leben sucht der Künste Ruh',
Die Kunst der Liebe Frieden.

(Er leert den Becher mit der Hebe, die er im Arme hält.) Der Wein durchdringt mit Flammendrang, Der Adern schnelles Schlagen, Apollo führte mit Gesang Empor den Strahlenwagen.

Ich fühle meine Flügel neu
In neuer Welt sich regen,
Die Sprache wird den Vögeln frey,
Zu mir sie sich bewegen.

Sie sind des Festes schönstes Bild,
Die Sänger aus den Bergen,
Und diese Burg war oft ihr Schild,
Die Liebe zu verbergen.

Sie feyern ihrer Minne Zeit,
Und wir der Minnefänger,
Die Teutsche einst so hoch erfreut; –
Doch wird mein Busen enger.

Ich denke jener gold'nen Zeit
Mit heil'ger Ehrfurcht Schauer,
Die That war da zum Lied bereit,
Die Kunst der Welt Erbauer.

Auf Bergen thronte da die Welt,
Und diese öden Mauern
Sie fielen tief, so hoch gestellt! –
Da ihre Lieder dauern.

Wo Walther einst und Klingesohr
Um Sängerdank gestritten,
Den Wohlklang in dem treuen Ohr! –
Ich muß um Schonung bitten.

Es schwindet meine Zuversicht
Bey jenen hehren Nahmen,
So schwindet auch das Mondenlicht,
Wenn Sonnenstrahlen kamen.

Chor der Greise.

Tritt muthig ihnen ins Gesicht,
Wie es dem Teutschen ziemet,
Ein Gott strahlt ihm von oben Licht,
Wenn er auch nicht gerühmet.

(Hebe füllt die Becher, der Dichter setzt die Guckuksmaske auf, und klettert auf einen Baum und spricht.)

Der Dichter.

In den Mayentagen zum Sängerfeste,
Ladet der Herold nach seiner Art auf's beste
Alle edle Singevögel,
Vom Schwane bis zum kleinen Gevögel,
Das wonniglich lustig durch's Laub tirilirt,
Die muntern Weisen aufwärts führt,
Zum Wettgesang nach Wartburg ein.
Da klinget Gesang bey glühendem Wein,
Da klinget der Hain
Im Frühlingsschein;
Am blauen Himmel füllt sich die Brust
Mit freyer Lust,
Und Andachtfeuer
Ergießt sich freyer,
Wo unser starker deutscher Mann
Traf milden Schutz in seinem Bann,
Und uns das heil'ge Bach gegeben,
Wodurch wir alle nun freudig leben.
Da lass't euch denn recht innig rühren
Mit klingendem Flügel Begeistrung führen:
Gedenket der großen Vergangenheit,
Der Teutschen in ihrer Gottseligkeit,
In ihrer Kraft und tiefem Beginnen,
In ihrem süßen Mayen-Minnen! –
Das mag uns lehren den festen Willen,
Das Höchste nur kann die Sehnsucht stillen,
Und wer im Herzen will das Schöne,
Daß den ein Schein vom Himmel kröne.
Doch wie nur in der Strahlen Verein
Erscheinet der himmlischen Sonne Schein,
So denke jeder, daß nur im Verbinden
Sich lasse prophetisch die Zukunft verkünden:
Denn eine Schwalbe macht noch keinen Sommer,
Doch viele ernähret der eine Sommer.
So war der heil'gen Sänger Zeit,
So war der Barden Zeit,
So war der Minnesänger Zeit,
So war der Meistersänger Zeit,
So war der Kirchensänger Zeit!
Die Zeiten werden durch Eintracht erneu't.
Der Geist läßt sich nicht durch einen beschwören,
Doch kann er die Stimme der Völker hören,
Dann wird er gern bey uns einkehren! –
So kehret denn ein, ihr Sänger fein,
Die Seele von allem Hasse rein! –
Deckt Trauer der Liebe den singenden Geist,
Unser herzlicher Wunsch ihm die Freude weis't:
Es blühen die Blumen auf jeglicher Bahn,
Die Wellen umspielen wohl jeglichen Kahn,
Doch um sie zu pflücken, fasse die Hand,
Die herzlichen Grußes sich zu euch gewandt.

(Er winkt, der Adler kommt und steigt auf den Ast einer Eiche, der Schwan thut als wenn er weit her geschwommen käme, die Taube setzt sich auf einen Myrtenbaum, der in einem Kasten von Wein umrankt dort steht.)

Die Trauer sucht die gold'ne Ferne,
Die Freude sieht bey Tage Sterne,
Und darum zeig' ich euch dieß Vögelspiel so gerne.
So lasset euch denn willig auch betrügen,
Allegorisch vergangene Zeiten lügen,
Die schöne Zeit, wo jeder Dichter verstand
Der muntern Vögel lieben Unverstand.
Ihr meint, das ist die Fabelzeit, wo sie geredet haben,
Sie reden noch, nur zum Verstehen fehlt es jetzt an Gaben.

Die Vögel.

Hör, Guckuk, du sprichst gar zu lange Reden.

Der Dichter.

Das ist des Guckuks Art, er mag sich selbst gern hören:
O möget ihr noch oft den Guckuk rufen hören.

Chor der Greise.

Der Guckuk ...

Der Dichter.

Der Guckuk ...

Die Vögel.

Still, still!

(Man klatscht, und die Vögel geben sich den gehörigen Anstand, und die Greise richten sich zum Bequemsitzen ein.)

Die Taube.

Der Schwan zog einst von Süden her,
Um seinen Hals den Ring,
Am Schwanenweiher sank er schwer,
Die Fluth ihn kühl umfing.

Er legt den Ring am Ufer hin
Und wird ein Jüngling dann,
Von Flocken schimmert leicht sein Kinn,
An Kraft ein hoher Mann.

Die Jungfrau blickt aus engem Thal
Und möcht' ihn ewig seh'n,
Und schlau den Ring am Ufer stahl;
Sie muß es wohl gesteh'n.

Denn als sie seinen Ring gesteckt
Auf ihre kleine Hand,
Ein Schwangefieder sie bedeckt,
Sie flieget auf vom Land.

Der Jüngling sieht die Taube flieh'n
Mit seinem Wunderring,
Er kann nicht mehr nach Süden zieh'n!
O höre, was ich sing!

Ich gebe dir den Ring zurück,
Du lieber, lichter Schwan!
Doch kehre bald mein Glück zurück,
Du lieber, lichter Schwan!

Der Adler.

Du sitzest auf dem Myrtenthron
Und ihn umschlingen Reben,
So ist die Liebe Liebelohn,
Was kann ich mehr dir geben?

Der Schwan.

(Thut als wenn er um die Taube schwömme.)

Die Jungfrau thront auf weißen Bergen,
Die heil'ge Mystel in der Hand,
Die Tannen, eingekrümmt zu Zwergen,
Bedecken schwarz ihr ödes Land.

So zarte Schönheit sucht Vergnügen
In Einsamkeit beym Sternenkreis,
Und was die Götter künftig fügen,
Sieht sie im Spiegel auf dem Eis.

Darum ist sie auch weit verehret,
Sie ist der teutschen Fürsten Rath,
Und ihr Gestirne sie belehret
Von nie gedachter künftiger That.

Und traurig sieht sie auf der Heide
Der Menschen Träume wunderbar,
Der Hoffnung täuschend leere Freude,
Ihr ist die Zukunft offenbar.

Denn jener an dem Felsenrande,
Sieht hoch im Rausch der Herrschaft Glück;
Zerschmettert liegt er in dem Lande,
Wohin die Herrschaft trug sein Blick.

(Hebe schleicht sich fort, ohne daß der Dichter es bemerkt. Das Chor lacht, der Dichter sieht sich verlegen um.)

Der Dichter.

O! Habt nur etwas noch Geduld.

Chor der Greise.

Es ist hier gar nicht deine Schuld.

Die Vögel.

Still. Still.

Der Schwan.

Doch vieles kann sie nicht verstehen,
Ihr Stern ist stumm, ihr Spiegel schweigt,
Die Liebe nur kann Liebe sehen,
Die Liebe hat sie nie gebeugt.

Da kommt der Frühling hergeflogen
In stiller Nacht mit hohem Sinn,
Die Sonne ist mit ihm gezogen,
Wohl mir, daß ich geboren bin.

Des Frühlings Flügel seh' ich schlagen,
Sie reißen auf das dürre Land,
Hervor sich alle Keime wagen.
Der Schnee ist auf den Berg verbannt.

Der Sonne goldne Schale strömet
Ein zwitschernd Heer von Süden aus,
Der Frühling grün die Wälder krönet,
Er bringt den Mädchen manchen Strauß.

Bald opfern ihm des Volkes Schaaren,
Ein Festtag wird die weite Welt,
Und keiner kommt mehr zu erfahren.
Was ihm die Zukunft hat bestellt.

Die Jungfrau sieht sich ganz verlassen,
Des Berges Weg bewächst mit Moos,
Sie glaubt den Frühling nun zu hassen.
Und macht die Zauberwaffen los:

Ein Panzerhemd aus Nebelgifte,
Die Lanze aus dem späten Reif,
Ihr Schild des kalten Nordwinds Düfte,
Ihr Ritterpferd der Vogel Greif.

So kommt die Zauberinn gezogen,
O Frühling! du bist waffenlos,
Und unter Blumen auferzogen,
Die Brust dem Pfeil der Liebe bloß.

Die Völker eilen ihn zu schützen,
Die Jungfrau hat sie bald zerstreut;
Nichts kann der Menschen Sorge nützen,
Der Frühling ist zur Flucht bereit.

Der Frühling trauet seinen Flügeln,
Er neckt die schöne Kriegerinn,
Sie drohet, stürmt von allen Hügeln,
Doch immer weicher wird ihr Sinn.

Sie weh't auf ihn des Schneees Blüthen,
Er schüttelt leicht die falschen ab,
Doch die im Frühlingsschein erglühten,
Die Blüthen zieh'n sie mit hinab.

Und über Felder, Wälder, Seeen,
Und immer nach dem Süden zu
Weiß sie den Frühling hinzuwehen,
Und hinter ihm ist Todtenruh'.

Ihr Haß weiß selbst zu übersteigen
Die Alpen und den schnellen Rhein,
Und schon die fremden Ströme neigen
Nach Süden ihren grünen Schein.

Und Gold-Orangen in den Zweigen,
Oliven in dem bleichen Laub,
Mit breitem Blatt die süßen Feigen
Der Düfte Geister-Blüthenstaub,

Vertreiben ihre Zaubersäfte:
Der Nebel steigt, der Reif zerfließt,
Der Nordwind gibt die wilden Kräfte
Dem Weine ab, der glühend fließt.

Verlassen von den Zauberwaffen,
Ihr Vogel Greif wird Nachtigall,
Sieht sie den Frühling muthig schaffen,
Die Liebe dringet durch das All.

(Die Nachtigall kommt und setzt sich auf einen Ast der Eiche.)

Sie stehet bey dem Meere stille,
Wo sich die Woge donnernd bricht,
So wild, so stolz war einst ihr Wille,
Bis ihr erschien des Frühlings Licht.

Sie meint, der Tod sey ihr geschworen,
Als sie den Jüngling nahen sieht,
In seiner Schönheit ganz verloren
Sie seinem Arme nicht entflieht.

Der Jüngling spricht: Mit gleichen Waffen
Sind wir gerüstet, du wie ich,
Doch unterlieg' ich deinen Waffen,
Ja, wahrlich dann bestrafe mich.

Die Jungfrau spricht: Sind unsre Waffen
Auch nicht in diesem Streite gleich,
So wird mein Muth doch Waffen schaffen,
Er machet unsre Waffen gleich.

Die Scham gibt ihr die letzten Kräfte,
Doch spielend endigt er den Streit,
Denn vielgeübt im Kriegsgeschäfte,
Ist jede Kunst für ihn bereit.

Bald liegt sie in dem weichen Moose
Und fühlet nicht und athmet nicht,
Aus ihrem Blute eine Rose
Beschattet sie mit rothem Licht.

Der Frühling ist ihr Sieger worden,
Beginnt denn Liebe stets im Streit?
Sucht Frühling noch die Lieb' im Norden?
Dem Frühling nach zog Liebe weit.

So sind die Völker hingezogen
Vom teutschen Heerd zum Römerland,
Dem Frühling sind sie nachgezogen,
Den eine Zaubermacht verbannt.

Als Sieger sind sie eingezogen,
Der Frühling nahm die Waffen ab,
Hat dich der Frühling auch betrogen,
Die Rose zeigt der Liebe Grab.

Und diese Rose dir zu pflücken
Zieh' ich ins warme Römerland,
Kann dich mein Lied auch nicht entzücken,
So sieh des Frühlings Vaterland.

Die Taube.

Schnell flöge ich mit dir nach Süden,
Doch hält mich hier das Vaterland;
Doch ohne dich ist mir kein Frieden,
Im Vaterland bin ich verbannt.

O hätte ich dich nie gesehen,
Erstorben sind die Spiele mir,
Im Weiher mag ich mich nicht sehen,
Aus Schmerz, weil ich nicht ähnlich dir.

Der Schwan.

Daß ich dich werde wiedersehen,
Erscheint wie einem Schwimmer Land,
Er fürchtet, daß er sich versehen,
Vom Ufer winkt ihm eine Hand.

Doch müde, muß er untergehen,
Er fühlt noch schmerzlicher die Noth;
Das wirst du in dem Liede sehen,
Es singt den lebenssücht'gen Tod.

Die Taube.

In unserm Lied sey Lieb' und Tod verbunden,
Denn die Natur verbiethet unsern Bund,
So thue denn Natur die Leiden kund,
Die schmerzlich mich im tiefsten Sinn verwunden.

O hätte ich des lichten Schwanes Mund,
Ich würd' in seinem Lobgesang gesunden,
Ein Balsam wäre es in meine Wunden,
Nie schafft der Liebe Balsam mich gesund.

Dich hebt das Meer als Sieger hoch empor,
Ich schau' dir nach von einer Myrte Zweigen,
Du schweifst der Sonne nach ins rothe Thor.

Ich seh ins Meer die Sonne traurig steigen,
Dein Bild hält mir des Unglücks Spiegel vor,
Wohl mir! So bleibt Erinnerung mir eigen.

Der Adler. (Zum Schwan.)

Wie glühend hinter dir der Morgen ziehet,
Wo du des Meeres Spiegel kühn durchschneidest,
So auch die dunkle Nacht entfliehet,
Wo du in des Gesanges Fluren schreitest.

(Er setzt ihm einen Eichenkranz mit dem Schnabel auf den Kopf.)

Der Adler. (Zur Taube.)

Die Blumen sprossen leicht an deinem Fuße,
Die alten Gräber öffnen lebensvoll,
Die neue Schöpfung zum Genusse,
Wo deiner Liebe Trauerlied erscholl.

(Er legt einen Veilchenkranz um ihren Hals.)

Der Schwan.

Was singen meine Lieder,
Was nicht dein Wille höher thuet,
Dein Himmelschwinggefieder
Nur bey der Sonne siegend ruhet.

Auf meiner Federkrone
Will ich den Kranz der Ehre tragen,
Und sterbend soll dem Sohne
Dieß Zeichen deine Größe sagen,
Doch ich muß klagen!

Die Taube.

Ich dankend klagen!

Die Lerche.

(Kommt und läßt sich am Boden neben der Eiche nieder.)

Ihr klaget nicht allein,
Freud' ist Trauer,
Winterschauer
Im Frühlingsschein.

Erwachen thauet kühl
Morgenthränen,
Wonnewähnen
Ist Vorzeitgefühl!

Die Gräser grünen,
Summend Bienen
Froh erschienen,
Der Lust zu dienen.

Vom Himmel nieder
Steig' ich trauernd,
Singe trauernd
Die Morgenlieder.

Den Saaten sage
Ich die Klage,
Winterklage
Im Frühlingstage.

Der Finke.

(Eine ausgestopfte Maske, wird geschickt in einen Buchbaum gehängt, so daß er lebend scheint, der Dichter singt seine Lieder mit verstellter Stimme.)

Frühlingsbefreyen,
Singender,
Schlingender,
Lebender Reihen:
Er tauchet zum Bade
In blauere Lüfte,
Auf daß er uns lade
Durch Mayblumendüfte.
Und wo er gezogen,
Da klingen die Flüsse,
Und wo er geflogen,
Erwachen die Küsse,
An Hecken die Veilchen;
Ich warte kein Weilchen! –
Die Schritte so leicht,
Die Augen so feucht,
Sie eilet, sie fliehet,
Sie glühet, sie ziehet,
So ladend, so stolz
In's düstere Holz! –
Welch' glühendes Kosen,
Die Küsse sie losen
Um Spiel und um Lust
Mit schlagender Brust,
Die Flügel so rauschend
Die Küsse schnell tauschend,
Die Quellen tief lauschend! –

Die Lerche.

O leichter Schaum,
Der Liebe Traum!
Mein Lieber weilet
Auf hohen Bäumen,
Mein Lager theilet
Er nimmer in Saatenräumen!

Der Finke.

Daß ich dich liebe
Ach allzusehr,
So traurig trübe,
So regenschwer
Sind unsre Triebe.

O König gebe
Vergessenheit;
Und neu belebe
Vergangenheit,
Daß leicht ich schwebe!

(Man zieht ihn so leicht wie möglich um die Lerche herum, die sich dadurch geschmeichelt fühlt.)

Alle Vögel.

(Außer dem Adler und der Nachtigall.)

O König gebe
Vergessenheit;
Und neu belebe
Vergangenheit.

Der Adler.

Mein Reich ist Ruhm,
Nicht süße Liebe.
O armer Ruhm!
O reiche Liebe!

Alle Vögel.

(Außer dem Adler und der Nachtigall.)

Kannst du uns Liebesglück nicht geben,
So laß den Ruhm uns neu beleben,
Wenn öde schon der grüne Wald
Nur von der Mordaxt wiederhallt,
So rankt am Pallast manches Blatt,
Das noch kein Wind geraubet hat.

Der Adler.

(Ueberstreuet alle mit Eichenblättern, der Dichter als Guckuk streckt auch sein Haupt aus, um einige davon aufzufangen.)

Wie glücklich ihr,
Die dieser Zweig
Noch freuet, mir
Wird Alles gleich.

Du edler Trieb
Bist all' mein Ruhm,
Süß' Lieb', süß' Lieb'
Mein Heiligthum.

Die Nachtigall.

(Setzt sich zum Adler.)

Mein Wiederhall der weiten Welt
Aus enger Brust,
Zu aller Lust
Hat dunkele Wälder durchgellt.

Auch sang ich wie die Nachtigall;
Ein froher Sinn
War mein Gewinn,
Doch still ist mein fröhlicher Schall.

Wer frischet jetzt des Wandrers Schritt?
Im Buchenwald
Sein Lied erschallt,
Doch sing' ich die Weisen nicht mit.

Was störte meinen leichten Sinn?
Was klang so tief,
Daß schnell verlief
Der Klang in den klingenden Sinn?

O Mondenschein, im Dämmerhain
Mit mir allein!
Der Liebe Pein
Träumt ahndend im dämmernden Hain!

Der Adler.

Die Welt ist Ahndung mir geworden,
Das hält den lebensmüden Sinn,
Durch Ahndung scheint die Zeit Gewinn,
Sonst schiene sie die Lust zu morden.
Wohl ziehen wir so ahndend hin,
Vom Süden nach dem kalten Norden!
Was führt im Wolkenmeer die Horden? –
Wie ich zu dir gekommen bin!

O seh't, uns treibt die Ahndung höher,
Ihr Brüder steiget doch mit mir,
Es rufet euch der Zukunft Seher!

Sie zagen! – Doch ich steig' mit dir
Dort oben trifft sich Liebe eher,
Und Unglück treffen wir nur hier.

(Adler und Nachtigall steigen auf den höchsien Gipfel der Eiche.)

(Der Rabe tritt unterdessen gravitätisch mit Feder und Tintenfaß und einem Stempelbogen auf; hinter sich zieht er einen großen Vogelbauer.)

Der Rabe.

Ich habe Alles gehört, ich weiß Alles!

Die Vögel.

O! O!

Der Rabe.

Meine geehrten Brüder, die Schwestern mit
eingeschlossen, – seyn sie alle gegrüßt und nehmen
sie es nicht übel, daß ich in ungebundener
Rede singe.

Die Vögel.

Krächse! Krächse!

Der Rabe.

Mir ist von einer Akademie die Zunge gelöst,
und nun ist es mir gar nicht schwer.

Die Vögel.

Kennt ihr ihn wohl,
Das ist der Rabe;
Der immer stahl
Des Grabes Habe.

Der Rabe.

Ja, Kinderchen, mit Respect zu melden, das
bin ich, aber jetzt ein ansehnlicher Notarius publicus
et Doctor vtriusque iuris
. Aber das versteht
ihr wohl nicht?

Die Vögel.

Sehr gut! Wir mußten oft auf unsern Zügen
Weit über Ungarn hin, da spricht man also, fliegen.

Der Rabe.

Das wäre nun recht gut, aber was nicht gut,
ist eure Noth. Ja, was will nun werden? Kinderchen,
ich will euch allen helfen, ihr sollt ungeachtet
eurer natürlichen Verschiedenheit gepaart
werden.

Die Vögel.

(Außer dem Adler und der Nachtigall.)

Ist deine Rede gleich ein wilder Klang,
So ist ihr Sinn doch herrlicher Gesang.

Der Rabe.

Je nun! Ich verwandle euch salua venia in
Menschen, und kein Mensch soll das an eurer
Physiognomie sehen, dann seyd schwarz oder wieß,
seyd Luft- oder Wasserschiffer, das schadet eurer
Verheirathung nichts, wenn ihr nur ruhig aufgebothen
seyd. Der Mensch ist die herrlichste Erfindung,
es ist noch gar nicht lange, daß wir sie
gemacht haben, der kann in Prose reden und hält
keine Paarungszeit, hat auch keine Federn, außer
in besondern Fällen, – ich meine zum Schreiben,
und so weiter.

Die Vögel.

(Außer A. und N.)

Und so weiter, lass't uns eilen,
Diese Wonne auch zu theilen.

Der Rabe.

Nun hört aufmerksam meinen Spruch:

Vögel zieh'n von Süden her,
Wandeln über's weite Meer.
Mensch, du kommst von Süden her,
Wandelst etwas träg' und schwer,
Doch wer sich verwandeln kann,
Stößt noch nicht am Himmel an.

Alle Vögel.

(Außer A. und N., ohne sich zu verwandeln.)

Also nun sind wir Menschen?

Der Rabe.

Je freylich.

Die Vögel.

(Außer A. und N.)

Ja wir fühlen uns auch jetzt ganz anders,
unsre Rede ist frey.

Der Schwan.

Zwar sind wir euch für diese Verwandlung
schon vielen Dank schuldig, aber erfüllen sie doch
auch, mein gefälliger Freund, ihr Versprechen wegen
der Verheirathung.

Der Rabe.

Ey gern, sogleich stante pede. (Er schreibt.)

Die Taube.

Wie angenehm natürlich sie sprechen, mein
Trauter! – Herr Adler, Jungfer Nachtigall, sie
scheinen sich nicht verwandeln zu wollen, sie könnten
hier auch ehrlich getrauet werden; nicht wahr?
lieber Herr Notarius publicus Rabe.

Der Adler.

Der Eh'siand wird ein Wehestand euch werden.
Nur Freye lohnt das freye Glück auf Erden.

Der Rabe.

Das sind Sonderlinge, gleichsam exaltirt, sie schätzen die Vernunft und eine gute Küche nicht gehörig; für einen Abend sind sie recht spaßhaft, ich meine zur Unterhaltung, sonst wiederhohlen sie sich leicht. – Da ist übrigens der Eherontract und die Verlöbnißringe.

(Er liest vor.)

Ich Notarius publicus et Doctor vtriusque iuris Rabe, verbinde hierdurch den ehrsamen Junggesellen Schwan mit der ehrbeflissenen Jungfrau Taube, und den ehrsamen Junggesellen Finke mit der ehrbeflissenen Jungfrau Lerche, also und dermaßen, daß wenn einer oder eine der Verlobten gezwungen oder freywillig aus dem Eheringe hinausschlüpfen wollte, daß, sage ich, er oder sie dem andern sein ganzes Vermögen überlassen müßte.

Aber haben sie Zeugen, die sind nothwendig. Herr Adler, Jungfer Nachtigall wollten sie sich nicht dazu accomodiren.

Der Adler.

Ich kann so niederes Geschäft nicht treiben,
Wer Niedres thut, kann nicht der Höchste bleiben.

Der Rabe.

Das setzt sie und mich und uns alle in eine
peinliche, prickelnde Verlegenheit.

Einige der Greise. (Lachend.)

Gib mir nur eine Feder her,
Wir können auch noch schreiben,
Ist unsre Hand auch etwas schwer,
Die Züge sollen bleiben.

Alle Greise.

Gebt uns nur eure Acten her.
Wir wollen unterschreiben ...

Der Dichter. (Scheltend.)

Sie krähen, wie beym Schlaf der Hahn,
In meiner Dichtung schönen Plan.

Der alte Schwan und der alte Finke.

Was brummst du wie beym Tanz der Bär,
Das sind ja Nahmensvettern,
Drum gib uns schnell die Feder her.
Sonst wir zu dir nachklettern.

Der Rabe.

So schreibet denn mit rothem Wein
Zu dem Contract die Nahmen,
Ihr andern schreibet einen Schein,
Daß sie ganz nüchtern – kamen.

Der alte Schwan und der alte Finke.

Ganz echt war unser rother Wein,
Wenn gleich ganz schief die Nahmen.

(Sie und einige andre unterschreiben, dann geben sie den Contrart zurück, die Versprochenen unterschreiben und der Notarius.)

Der Dichter. (Klagend.)

Mein ganzes Stück ist nun zerstört,
Ihr habt den Knoten durchgehauen.
Wenn euch je Kinder so bethört,
Ihr würdet nicht dem Raben trauen.

Einer der Greise.

Der Künstler ist der Schöpfer hier,
Und wir sind die Geschöpfe,
Verdrehen wir auch etwas dir,
Du drehst uns neue Köpfe.

(Alle lachen, der Dichter spricht leise mit den Vögeln, die Greise sangen an unter einander halblaut zu reden, es wird ein allgemeines Summen, welches das Klatschen der andern kaum stillen kann.)

Die Taube.

Ich weiß nicht, der Ehestand und unsre Art zu reden kommt mir etwas langweilig vor – ich möchte zur Abwechselung einige Verse machen. Haben sie die Gute, mich einige Stunden allein zu lassen, nächstdem geben sie mir einige lange Federn, ich habe die Gewohnheit daran zu beißen. (Der Rabe gibt ihr Feder und Papier und sie steigt in seinen Vogelbauer.)

Der Schwan.

Ey, Ey, sie wollen sicher einen Liebesbrief schreiben – lassen sie sich nicht stören, ich gehe eben zu Madame Finke – Herr Finke, sie sehen ja so listig aus.

Der Finke.

Herr, meinen sie etwa damit, daß ich dumm
bin, – ich weiß sehr gut, daß meine Frau ...

Die Lerche.

... eine Frau ist. Sey still, ich will dir auch einen Kuß geben und mit dir walzen.

Der Finke.

O du gutes Weib. Ja, was ich für ein Glück habe.

(Der Rabe singt: Der Vogelfänger bin ich ..., die Lerche walzt die Finkenpuppe in den Vogelbauer hinein, sie hat schon den Schwan geweckt, he walzen und sinken endlich ermüdet ebenfalls Beyde in den Vogelbauer hinein.)

Finke, Schwan, Lerche.

O der langweiligen Menschlichkeit! O der lieben
Jugendzeit! O des verlornen Paradieses, worin
wir so lieblich als Vögel zwitscherten.

Die Taube.

Hören sie meine Lieben; ich habe eben in der
Begeisterung etwas gedichtet, aber ich verstehe es
selbst nicht. (Sie liest.)

Weiche Duft und Zauberschein,
Feuer lautre ihr Gebein:
Morgenschleyer in dem Thal,
Weich' dem hellen Sonnenstrahl.

(Bey diesem Spruche verwandelt sich der Rabe in einen Papageno, er schlägt den Vogelbauer zu und verspottet die Vögel im Bauer, die ungeduldig mit den Schnäbeln gegen das Gitter hacken.)

Finke, Schwan, Lerche.

Wohl ist uns freylich nicht in der Natur,
Die uns der Taube Lied geschaffen,
Die Gitter halten uns auf jeder Spur,
Wir müssen uns zu oft noch selbst begaffen.

Der Rabe als Papageno.

Nun kommt nur schnell aufs Theater, ihr lustigen Gesellen, die Königinn der Nacht wird euch gut bezahlen.

(Er schiebt den Vogelbauer vor sich hin zu den Tischen, wo die Greise sitzen.)

Die Nachtigall.

Wehe den Armen!
O Schicksal Erbarmen,
Opfre mein Leben und opfre mein Lieben,
Doch lasse nicht ewig die Armen betrüben.

Der Adler.

Andacht erhebet.
Der Himmel erbebet;
Wer sich ihm kindlich und ewig ergeben.
Dem schafft er ein neues und schöneres Leben.

(Oer Dichter bläst zum Zeichen des Blitzes Colophonium durch ein Licht, die Nachtigall verwandelt sich in eine Adlerköniginn und erhebt sich so viel sie kann mit dem Adlerkönig, indem sie auf der anderen Seite des Baums herunter klettert.)

Der Dichter.

(Legt die Guckuksmaske ab.)

1.

Die Manschen steh'n an einem Scheidewege;
Der eine Weg voll Kraft und wilder Fülle;
Der andre eben, wie ein stiller Wille!
So lassen Zweifel uns am Gränzgehege.b

Die Ruhe lockt, es lockt die weiche Stille,
Die meisten gehen fort auf eb'nem Wege,
Doch wird der Thaten Wunsch in ihnen rege,
Daß Spiel und Tanz ihr ödes Herz erfülle.

Erst dann erscheint der Schwachheit Kette ihnen,
Gebroch'ne Kraft, ein hoffnungsloses Sinnen,
Die Kunst ist nur zu ihrer Qual erschienen.

Doch kann der Taube Lied kein Mensch entrinnen,
Begeistrung reißt den Schleyer ab von ihnen,
Doch kann ste Freyheit ihnen nicht gewinnen.

2.

Sie fühlen stch gar bald im Bund gefangen.
Der Schwan verläßt sein liebes Meeresbette,
Die Lerche hält vom Morgenflug die Kette,
Das Leben hat sie alle fest umfangen.

Auf wilder Bahn nur der gesieget hätte.
Den nie geschreckt der Tod mit sterblich Bangen,
Sein harr't der Liebe göttliches Verlangen,
Nur er besteigt das blaue Himmelsbette.

Wer sich nicht traut, die Wolken zu durchdringen,
Wird nie im blauen Glanz die Himmel sehen,
Der Zuversicht kann nur das Werk gelingen.

Daß morgen scheint die Sonne von der Höhe,
Wenn heute mit dem Glanz die Wolken ringen,
Die Ahndung sagt's – Es wird geschehen!

R

3.

So sehet himmelhoch den Adler fliegen,
Die Nachtigall verwandelt und vereinet,
Doch die Gefangnen, die ihr dort beweinet,
Sie ließen sich vom leeren Schein besiegen.

Denn wer der Liebe Frucht, nicht Liebe meinet,
Den wird Genuß wie Tantalus betrügen,
Wie Orpheus wird die Liebe ihn bekriegen,
Die Liebe dann als Furie erscheinet.

(Zum alten Schwan und zum alten Finke gewendet.)

Das höret hier in einer kurzen Sage,
Doch höret nicht, wie starre Felsen hören,
Worin so kurz nur wiederhallt die Klage.

Nein, mag im Herzen jeder heilig schwören,
Was Liebe auch mir auferlegt, ich trage,
Und ihre Wünsche will ich stets erhören.

(Er steigt herunter.)

Der alte Schwan zu dem alten Finke.

Er spricht zu uns, was soll denn das heißen?

Der alte Finke.

Ich verstehe ihn nicht recht.

Der Dichter.

(Kommt mit einem Knaben, welcher die Adlermaske aus dem Spiele in der Hand hält, er stellt sich nahe zum alten Schwan und Finke.)

Der Dichter.

Müde schleicht die Bettlerinn,
Trägt ein schreyend Kind im Arme
Durch den Hof zum Herren hin.
Daß er ihrer sich erbarme.

Denn der Herr streu't Körner aus
Seinen Regenbogen-Tauben.
»Und gesegnet sey dein Haus,
Und kein Dieb mag es berauben.«

Also singt die Bettlerinn
Nähertretend, und die Tauben
Fürchten nicht die Sängerinn,
Scheinen ihren Spruch zu glauben.

Unser Herr, sie sieht ihn an,
Aus den Lumpen hell die Augen,
Wie ein Demant leuchten kann
Unter Steinen, die nicht taugen.

Unser Herr verirrt den Blick,
Steigt hinab vom Mund zum Fuße,
Und sein Blick kann nicht zurück,
Athmend stockt er in dem Gruße.

»Zwielicht, sagt er dann zu ihr,
Führt den Tag in dunkle Arme,
Und die Vögel sagen dir,
Daß die Gottheit sich erbarme.«

Der Schwan.

(Bricht die Thür des Vogelbauers auf und sagt leise zum Dichter.)

Teufel, woher weißt du die alte Geschichte? Es war ein liebes Weib, aber ein dummer Streich, schweig' doch davon ...

Der Dichter.

Still! still!
»Tret' ins Haus, es ist nicht groß,
Zweye weiß es doch zu fassen,
Wann der gold'ne Wein hier floß,
Kann ich nie die Weiber hasten.«

»Schwül,« so singt die Bettlerinn,
»Sind des trauten Abends Lüfte,
Müd' vom Tragen ich auch bin,
Nimm das Kind von meiner Hüfte.«

(Der Dichter gibt das Kind dem jungen Schwan, der es verwundert anstaunet.)

Und er nimmt das Kindlein auf,
Das zum Spiel den Bogen führet,
Pfeile hat es auch zum Kauf,
Schön mit Flügeln ist's gezieret.

(Der Dichter zieht dem Kinde das Adlerkleid aus, es erscheint als Cupido.)

Seine Tauben schmiegen sich

Sorgsam an die liebe Mutter,
Und sie saget: «Liebt ihr mich,
Euer Herr streut euch doch Futter.«

Und die Tauben heben sie
Schnell empor im gold'nen Wagen,
Und vom Himmel rufet sie: (Zur Taube.)
»Unschuld kann zum Himmel klagen!«

(Die Taubenmaske tritt aus dem Vogelbauer, nimmt ihre Maske ab, bey ihrem Anblicke stürzt der junge Schwan vor ihre Füße.)

Der Schwan.

Sie ist's! Sie ist's! Verdamme mich nicht, Reue,
Liebe, Scham, Alles erdrückt mich.

Die Taube.

Dieses Kind, du falscher Mann,
Kennst du mich, es ist dein eigen,
Dieß allein dich strafen kann,
Lieblos wagtest du's zu zeugen.

Ewig sey es nun bey dir
Lieblos eine Schlang' am Herzen,
Mit dem Pfeile weck' es dir
Ewig neuer Sehnsucht Schmerzen.

Ewig sey mein Bild dir nah'.
Ewig deiner Träume Wähnen,
Doch wenn dich der Morgen sah,
Flieh' es fort in trüben Thränen.

(Sie will entfliehen, der junge Schwan hält sie mit Gewalt, alle sind verwundert aufgestanden.)

Der Schwan.

Ja, es ist wahr, ich bin ein Falscher, ein Verräther,
ich dachte nicht dir verlobt zu seyn, sondern einer
andern, die ich jetzt hasse, ich glaubte dich vergessen zu
haben, aber ... (Die Maske fällt ihm ab.)

Der alte Schwan.

Gevatter Finke, bin ich blind? – Ist das nicht
mein Sohn – mein Hans!

(Der junge Schwan umarmt ihn.)

Der alte Schwan.

Du bist also gesund zurück aus dem Kriege.
Du bist doch nicht davon gelaufen.

Der junge Schwan.

Mein Vater, es ist Friede, ich wollte euch überraschen und bin überrascht.

Der alte Schwan.

Friede! Also ist nun der Krieg aus. Ja, die Zeitung ist immer schon so abgelesen, wenn sie zu unser einem kömmt.

Der junge Schwan.

Höre mich Vater, höre mich Liebe, dein Anblick befreyet mein Herz von seiner Bezauberung, ich verabscheue mich, daß ich eine andre zu lieben glaubte, daß ich dich, guter Vater, täuschen wollte, ein eitles Mädchen zu erhalten ... Mein Entschluß ist fest, du oder keine wird mein Weib.

Die Taube.

Wer bessernd büßt, ist nicht mehr Sünder.

(Sie gibt ihm die Hand.)

Der alte Schwan.

Was machst du dummer Hans, du willst mich
betrügen, mir eine verlaufene ... zur Schwiegertochter
aufdringen?

Der Rabe.

(Legt die Papageno-Maske ab und tritt in Civilkleidern auf.)

Als Notarius publicus kann ich bezeugen, daß durchaus kein Betrug hier Statt gefunden, der Eherontract ist in aller Form von den Aeltern und Zeugen, nach öffentlicher Vorlesung unterschrieben.

Der alte Schwan.

O ihr Buben! Eure Sängerbrüderschaft versengt
und verbrennt all mein Glück.

Der alte Finke.

Aber, lieber Gevatter, wie hast du dich auch so einfältig fangen lassen, ja, du bist nicht weit gereist, das ...

(Sohn und Tochter werfen sich dem alten Schwan zu Füßen.)

Der alte Schwan.

Du nennst mich einfältig mit deinen schlechten Einfällen?

(Er hebt seine Kinder auf und küßt sie.)

Nun sieh einmahl, was ich für ein hübsches
Enkelkind habe, aber ihr sollt mir nicht in meinem
Hause wohnen, ich schenke euch ein eigenes Gut.

Der alte Finke. (Lacht.)

Wenn einmahl der dumme Streich gemacht,
so ...

Der alte Schwan.

Du sollst Streiche bekommen ... Mir ist Alles lieb, ich habe Alles gewußt; da küsse ich meine Schwiegertochter und kneipe sie in die Backen und sage ihr: Du bist mein Goldtöchterchen, und wenn dir einer was thut, so sag' es mir und ...

Der alte Finke.

Nun ich bin mit Allem zufrieden.

Der Rabe.

Das ist mir sehr lieb, sie würden sonst unzufriedene Tage mit ihrer lieben jungen Frau haben.

(Er holt die Lerche aus dem Bauer, als sie die Maske abnimmt, dreht Finke ihr stumm den Rücken zu.)

Der Dichter.

Aber merken sie es denn nicht, es ist ja Alles bloßer Spaß, erst eine rührende Kinderscene, nun eine komische, das wird ihnen doch keinen Menschenhaß und keine Reue einflößen, bester Herr Finke.

(Der alte Finke springt unerwartet in den Vogelbauer gegen den Finken los, die Lerche schlägt hinter ihm die Türe zu, er bemerkt, daß jene Puppe ihn nicht flieht, er fürchtet sich.)

Der alte Finke.

Ich bin erschrecklich hitzig. Ich könnte ihnen ein Leides anthun. Sie haben mir meine alte Liebschaft verführen wollen?

(Endlich faßt er sich ein Herz, reißt der Finkenpuppe eine Maske nach der andern ab, bis nichts als ein Haubenstock übrig bleibt.)

Der alte Finke. (Leise.)

Also bin ich wohl mit dir verheirathet, Rike? O wenn es weiter nichts ist, darum hättest du mich auch wohl fragen können!

Die Lerche.

Aber ich lass' dich nicht aus deinem Vogelbauer, bis du geschworen, daß es dir lieb ist, wie es ist.

Der alte Finke.

Wahrhaftig, ja! Denn ich werde alt und es ist mir Pflege nöthig, ich dachte nur vorher, du hättest mich für einen jüngeren verlassen – der schlechte Perrückenstock! –

Die Lerche.

Du kannst mir aber wohl etwas singen, weil du im Vogelbauer.

Der alte Finke.

Freylich, unsre Geschichte.

Die Lerche.

Ich bitte dich um ...

Der alte Finke.

Zu spät ... (Sie hält ihm den Mund zu.)

Der Dichter.

Ich sing' in ihrem Nahmen, Herr Finke, ich bin ein Geheimmiß.

Eine Leyer hört' ich klingen
Einsam durch die stille Nacht,
Gold'nen Sternen Gruß zu bringen,
Alles schläft, das Lied erwacht,
Mit der ersten Liebe Sehnen,
Mit des tiefsten Schmerzes Thränen.

Ich erstand von warmen Betten,
Kalt und feucht war diese Nacht,
Feuerflammen mich nicht hätten
Schneller aus dem Schlaf gebracht;
Wolken zogen, Trauerschleyer,
Aufgejaget von der Leyer.

Wohl mußt' ich die Stimme kennen,
Und sie fang ein Trauerlied,
Mich durch Vorwurf zu verbrennen,
Den mein Ohr so gern vermied;
Die Verstoss'ne aufzunehmen,
Konnte ich mich wohl noch schämen.

Denn vom Vater ist vertrieben
Unsre liebe Sängerinn,
Ist's denn Sünde mich zu lieben;
War nicht Liebe Siegerinn
In dem heut'gen Vögelspiele,
Das den Eh'stand hat zum Ziele?

Endlich führ' mit leisem Schritte
Ich sie in mein kleines Haus,
Ach erfülle meine Bitte,
Laß den armen Vogel aus;
Sonft will ich viel Böses sagen,
Was wir thaten allen klagen.

Der alte Finke.

(Er tritt aus dem Vogelbauer heraus.)

Aber sage mir, haben wir nicht eine Tochter, die wir eigentlich legitimiren sollten! Sie ist so viel schon in der Welt herumgelaufen.

Der Dichter.

Es ist nur in der allgemeinen Verwirrung geschehen, daß wir sie vergessen.

Die Nachtigall,

(welche immer ruhig dabey gestanden, nimmt ihre Maske ab.)

Guten Tag, Vater, ihre Perrücke sitzt schief.

Der alte Finke.

Du bist also auch da, nun das soll anders werden.

Der Schwan.

Weh' mir, meine zweyte Braut. – Verzeihen sie ... (Er kniet nieder vor der Nachtigall.) ältere, theuere Verpflichtungen hielten mich.

(Sie siößt ihn von der Seite um.)

Die Nachtigall.

O sie fallsüchtiger Bräutigam, glauben sie, daß ich sie genommen? – Ich würde wohl nicht selbst mitgespielt haben.

Der Dichter. (Vor sich.)

Eigentlich wußte sie doch nicht recht, woran sie war.

Der Schwan.

Gesegnet bin ich, daß du mich verstoßen und umgestoßen. (Zur Taube.) Komm, du Reine, von diesem Teufel fortk. (Er führt sie auf die Seite.)

Die Nachtigall.

(Ergreift während des Liedes ein Licht und tanzt um sie lachend her, bis der junge Schwan mit seiner Frau abgehen und sich wundern, sie geht singend ihnen nach.)

Glücklich ist der brave Mann,
Der ein Weib gefunden,
Die kein andrer leiden kann,
Sie sind fest verbunden.

Ohne Argwohn bleibt sein Herz,
Ihm allein die Blume,
Und es weicht so Schmerz als Scherz
Von dem Heiligthume.

Du nur kennest ihren Werth,
Andern scheint sie häßlich,
Kocht sie gut auf deinem Heerd,
Ist das leicht vergeßlich.

Ruh' und Arbeit ist das Glück,
Liebe stört euch nimmer,
Und es quält bey ihrem Blick
Seinen Schlaf kein Schimmer.

Weil es die Gewohnheit ist,
Hast du dann auch Kinder,
Söhne wie du selber bist,
Häßlich auch nicht minder.

Gute Nacht du edles Paar,
Schlafe fest und lange,
Eifersucht krümmt euch kein Haar,
Seyd dafür nicht bange.

(Der alte Finke mit seiner Lerche laufen ihnen plötzlich nach.)

Als sie sich aus dem Gesichte verloren, rufen

Alle:

Hoch lebe die Sängerbrüderschaft,
Die jedem Mädchen einen Mann verschafft!

Der Dichter.

Das Alter ehrt der Jugend Kraft,
Die Jugend alte Säfte,
Der Wein mit altem Duftgeschmack
Gibt auch die jungen Kräfte.

(Sie setzen sich wieder alle umher an die Tische und trinken.)

So steigt der Phönix göttlich auf
Aus seiner Leichenfeyer,
Zum Himmel zieht der schnelle Lauf,
Die Seele fühlt sich freyer.

Chor:

Gesegnet sey der Liebe Bund
Und edler Sänger Feste,
Die Erde sey ihr Tafelrund,
Die Welt durch sie die beste.
Dem Phönix unser Becherklang,
Dem Dichter Lob erschalle.
Zur Nachwelt halle sein Gesang,
Wir krönen ihn hier alle.

(Der alte Schwan setzt ihm im Nahmen aller einen leeren
Becher auf's Haupt.)

Der Dichter.

Die Nachwelt macht mich nimmer froh,
Denn schauet recht mein Schrecken,
Die holde Gegenwart entfloh,
Sie will mich boshaft necken.

(Die Nachtigall kommt zurück von der Begleitung des jungen Schwans, sie legt die Hebe-Maske an und hält dem Dichter die Augen zu und singt.)

Hebe.

Erst dreyzehn Sommer zählt die Kleine,
Da strich sie durch den grünen Wald,
Und singt in seinem Dämmerscheine
Ein Lied, das durch die Wipfel schallt.

Und von den Wipfeln steigt es nieder,
Wie Sonnenstrahl, wie Morgenthau,
Es wird ihr eng' das lose Mieder,
Ein Paradies die grüne Au.

O Frühlingsliebe, zarte Blume,
O süße Angst im reinen Sinn,
Im Bußen, ihrem Heiligthume,
Versteckt sie schlau ihr freyes Kinn.

Und als sie aufblickt, ist verschollen
Das Lied in fernem, fernem Wald,
Sie hätte es doch rufen sollen.
Auch folget sie ihm singend bald.

Fühlst du der Liebe Ahndung nimmer,
Im Dämmerschein, im grünen Wald
Da suchet dich der Liebe Schimmer,
Und ihre Sonne scheint dir bald.

Der Dichter.

Nicht Jagd, nicht Spiel will mich vergnügen,
Die Arbeit ist mir leicht und schwer,
Will mich das Herz so arg betrügen,
Ist stets das Haus, mein Sinn so leer.

Am Morgen mag ich nicht erwachen,
Zu früh verschließt die Blume sich,
Und über Liebe könnt' ich lachen,
Und über Liebe weine ich.

Die Lieder mir wohl sonst gefielen,
Sie ruhen stumm und todt in mir,
Wie Engel die vom Himmel sielen,
Denn ihre Wohnung ist nicht hier.

Und alle meine Wünsche jagen
Zum Hain, von Mauern hoch umspannt,
Wo neue Lieder zu mir klagen,
O hätte den Schmerz entbrannt.

Von keiner Sonne hier beschienen.
Gibt deine Hand mir Mondenlicht,
O laß den Wunsch sich frey erkühnen.
Die eine Liebe trenn' uns nicht.

Die Hebe.

(Nimmt ihre Maske ab und singt mit der zweyten Stimme als Nachtigall.)

Glücklich ist der brave Mann,
Der ein Weib gesunden.
Die kein andrer leiden kann.
Sie sind fest verbunden.

(Er reißt sich los und erkennt die Nachtigall; alle lachen.)

Die Nachtigall.

Du rufest mich.

Der Dichter.

Ich rief nicht dich.

Die Nachtigall.

Die Hebe dein.

Der Dichter.

Du Hebe, nein.

Die Nachtigall.

Du kennst mich nicht?
Ich dein Gedicht.
Bin oft dir nachgezogen.
Du hast mich auferzogen.

Der Dichter.

Du liebes Kind,
Entflieh' geschwind;
Wir sind hier ungezogen,
Du bist zu wohlerzogen.

Die Nachtigall.

Nun, wer mich will,
Der steh' nicht still;
Ich spiele gerne Haschen,
Von Allem mag ich naschen!

(Der Dichter sieht sie verwundert an und schüttelt mit dem Kopf, alle übrige springen auf, werfen Tisch und Bänke um, sie zu erhaschen.)

Chor der Greise.

Du hüpfest wie der leichte Halm
Im frischen Kreiselwinde,
Du springest wie der glatte Salm
Durch meine Hand geschwinde.

(Der alte Schwan faßt endlich die Nachtigall bey einem Arme, sie führt ihn zum Dichter.)

Die Nachtigall. (Zum Dichter.)

Willst du mich lieben?

Der Dichter.

Ey, warum das nicht?

Die Nachtigall.

(Zum alten Schwan.)

Willst du mich lieben?

Der alte Schwan.

Ey, warum das?

Die Nachtigall. (Zum Dichter.)

Willst du mich heirathen?

Der Dichter.

Ey, warum das?

Die Nachtigall.

(Zum alten Schwan.)

Willst du mich heirathen?

Der alte Schwan.

Ey, warum das nicht?

Die Nachtigall.

Ich bin dein, alter Schwan.

Der alte Schwan.

Gottlob, ich habe auch eine junge Frau!

(Alle, außer dem Dichter, gehen bey Fackelschein und Pfeifenklang ungewissen Trittes ab.)

Chor.

Im Klange löst sich jede Lust,
Auf Pfeifenklang!
Im Lichtschein athmet frey die Brust,
Auf Fackelglanz!
Doch wenn der Lichterschein erlicht,
Aus Lichterschein!
Der Wetterfahne Klang erfrischt,
Das stimmt so fein!

Der Dichter.

(Sieht ihnen nach.)

Und Funken sprüht des Pferdes Huf
Und blitzt wie Ungewitter,
Den Traum, den ihm der Wein erschuf,
Träumt ruhig fort der Ritter! -

Wie leicht ihr Tritt, wie munter, froh und frey,
Ihr Bild wird jetzt in meiner Seele neu;
So häßlich und gemein war sie wohl nicht
Bey Nacht, als sie erschien im Tageslicht!
Und keinen Blick gibt sie zum Abschied mir,
So ging die Sonne selbst nicht fort von hier,
O tückisches Geschlecht im Tugendglanz,
O Buhlerey mit grünem Unschuldkranz.
Mit Hecksel sollte man den Weg bestreuen,
Wo buhlend solche Jungfrau'n Frechheit freyen;
Ein Schleyer sollte ihre Augen decken,
Damit sie keinen weiter boshaft necken;
In Stein, wie die Medusa, uns verwandeln,
Und dann als sichern Fußtritt uns behandeln.

(Man hört Musik.)

O hören muß ich selbst den Hochzeitreigen!

(Er horcht mit dem Ohr an der Erde.)

Wie sie im Augenblick in's heil'ge Zimmer steigen,
Der Vorwelt Betten sind da aufgeputzt,
Der bunte Schlafrock ist noch wohl genutzt,
Die Fliegen all' durch Honig weggefangen,
Doch überfliegt sie glühendes Verlangen.

(Er horcht noch einmahl.)

Nur vor den Thüren hört man noch ein Kichern,

(Er tritt mit dem Fuß.)

Der Riegel wird für Ueberfall sie sichern.

(Der Vorhang will fallen und bleibt hängen.)

Ende des ersten Theils von Ariel's Offenbarungen.


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