Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Erster Aufzug.

I.

(Odin sitzt auf einem Steine vor dem Hause an der rechten Seite, Heymdal kommt mit einer brennenden Holzfackel aus dem Hause an der linken Seite, Odin sieht nicht auf ihn, sondern unverwandt nach Morgen. Heymdal schärft bey dem Scheine der Fackel seine Pfeile, ohne ihn im Anfange zu bemerken.)

Heymdal.

O Freya, helles Licht der Nacht,
Wie schnell entflieht sie mir in deinen Armen;
Der Tag erweckt zur langen Jagd,
Wo Leben nie am Leben kann erwarmen.
O gold'nes Leben, wenn kein Tag
Zur Sklaverey die Menschen je vereinte,
Wenn kein Gesetz und kein Vertrag,
Wenn nie das Auge überklarend weinte,
Die Unschuld ganz in Höh' und Tiefe,
Durch alle Wesen frey und endlos liefe,
Zur Liebe alles Sehnen riefe,
Kein inn'rer Vorwurf träumend schliefe,
Der eigne Wille nur, das Herz
Mit heil'ger Kraft zur Lust die Menschen winkte;
Leicht wiche dann von mir der Schmerz,
Wie Müdigkeit, wenn fernher Heimath blinkte. –
Der Weise fühlt gesetzefrey,
Doch wunderbar umschlingt der alte Glaube;
So schlingt die Spinne ewig neu
Den schwachen Faden um die volle Traube.
Das freye Würmchen fliegt dahin,
Doch bald ist es im dichten Netz gefangen,
Bewachte Unschuld nicht den Sinn,
Auch Freya wär' von diesem Netz umfangen. –
Der Mann darf ändern das Gesetz,
Er kann die Welt, er kann die Zukunft schaffen,
Das Weib umschließt sein Herrschernetz,
Für ihre Liebe führt er seine Waffen.
Er tödtet kühnlich ihren Feind,
Die Priester rühmen solche edle Kämpfe;
Mein Bruder bleibt doch stets der Feind,
Verbiethen nicht Gebothe Brüder-Kämpfe?
Von Adam, Eva alle her,
Sind wir im Ursprung selbst durch's Blut verbunden,
Wie wäre Sünde wohl so schwer,
Die erst den Quell des Lebens hat erfunden? –
Als Krieger zog ich durch die Welt,
Ich sah das Laster in der Tugend Hülle,
Was ist es, das die Menschen hält,
Daß Tugend scheine in des Lasters Fülle? –
Ich sah gedankenvoll die Welt,
Ich sah der Priester tiefe Widersprüche,
Wo ist, der Glauben rein erhält,
Wo ist der Priester, der nicht Menschen gliche?
Den Menschenschwäche nie berückt,
Dem heil'ger Sinn den Irrthum ganz entdeckte,
Der von dem heil'gen Geist entzückt,
Aus Menschensmn die reinsten Flammen weckte! –
Bekennt es nur, der Klugheit Gott
Ist jedem in die inn're Brust gegeben,
Dem Klügern sind die andern Spott,
Er offenbart dem Menschen neues Leben.

(Sonnenaufgang, er löscht die glimmende Fackel aus, sieht umher und erblickt erschrocken auf der andern Seite seinen Vater.)

Heymdal. (Vor sich.)

Mein Vater hier! Hilf Himmel, wenn er das
Gehöret. (Laut.) Guten Morgen, alter Vater!
(Vor sich.) Er höret nicht. Gottlob; er träumet noch
Die ew'gen, unabsehbar wahnen Träume.

Odin.

Was hat dir diese Nacht geträumt, mein Sohn?

Heymdal. (Furchtsam.)

Mein Vater nichts, ich schlief nur wenig Stunden.

Odin.

So danke Gott dafür, mir träumte viel! –

Heymdal.

(Er sucht singend seine Furcht zu verbergen.)

1.

Es jagen sich zwey Knaben munter
Vom Thal zur Höhe leicht und frey,
Die Wiese wird schon wieder bunter,
Das alte Kleid der Erde neu.

2.

O buntes Kleid der lieben Erde,
Spricht einer, o bedecke mich,
Daß ich vor ihm verborgen werde,
Und schaue, ob er harr't auf mich.

3.

Der Waizen deckt mit gold'nen Aehren
Den lieben Frühling folgsam zu,
Nicht lange konnte es so währen,
So schlief der Knab' in süßer Ruh.

4.

Und weinend rief der Sommer wieder:
»Wo ließest du mich Frühlingskind,
Ich kann hier nicht zum Thale nieder,
Den Weg verwehet kalter Wind.«

5.

Da wacht der Frühling auf und saget:
»Verstehst du Kleiner denn nicht Spaß,
Wer thut dir was, daß du geklaget,
Die Aeuglein hast geweinet naß?«

6.

Der and're zieht den Mund zum Lachen,
So scheint beym Regen Sonnenschein,
Und sagt: »du wolltest nicht erwachen.
Da fühlte ich mich so allein.«

Odin.

(Mit einer traurigen Melodie einfallend.)

7.

Sie lagen in dem Waizen Beyde,
Der eine küßt die Thränen ab,
Der and're froh, daß er nicht scheide,
Ihm manches Küßchen wieder gab.

8.

Doch reif ist schon der Waizen worden,
Die Schnitter ziehen durch das Feld,
Sie wollen jetzt den Waizen morden,
Der sie im Winter unterhält.

9.

Hat euch das Heimchen nicht gerufen,
Das traurig um euch Kinder klagt,
Zum Felsen springt es hohe Stufen,
Die Schnitter haben es verjagt.

10.

Ihr bleibet in den Saaten sitzen,
Bis ihr mit euren Saaten sinkt,
So bleibt im Nest das Rebhuhn sitzen,
Wenn schon die Sense hell erblinkt.

11.

Die Erde kennt die lieben Kleinen,
Die sie so herrlich ausgeziert;
Sie muß nun ihren Tod beweinen,
Die bunten Kleider sie verliert.

12.

Kein Laub gibt mehr den Schnittern Schatten,
Wenn sie mit ihren Liebchen geh'n;
Und die sie oft erfreuet hatten,
Des Waldes Stimmen auch verweh'n.

Heymdal. (Vor sich.)

So traurig endet ihm ein jedes Lied,
Und doch erfreut den Armen der Gesang.

(Er hat seine Arbeit beendigt, und Pfeile und Bogen aufgenommen.)

(Laut.) Mein Vater, euren Segen zu der Jagd.

Odin.

(Legt die Hand auf sein Haupt.)

Linde Kindheit sinke nie in Thränen,
Sehnen drücke nie des Jünglings Sinn,
Hin zum Manne reifen ist Gewinn,
In dem Mann erwacht für Zukunft Sinn,
Mich ziehet des Greises tief ahndendes Wähnen,
Zur Bläue getragen von singenden Schwänen.
(Er nimmt seine Hand vom Haupte und sieht nach dem Morgen.)

Heymdal.

So lebe wohl, mein Vater, und verirre
Dich nicht im Walde, Völker sollen nahen.

(Er geht ab.)

II.

Odin.

(Ohne ihn gehört zu haben.)

1.

Blutroth ersteht die Sonne heut im Morgen,
Was deutet uns ihr trübes Angesicht?
Der Schlaf entflieht, es wachen auf die Sorgen,
Der Mond erbleichet sieht im neuen Licht,
Und alle gute Sterne sind verborgen,
Die uns am Nachtgewölb' erblüh'ten dicht:
So ist der Jugend selbst der Glanz nicht eigen,
Vor dem sich alle Völker staunend neigen.

2.

Denn Himmelsgnade ist's, worin die Helden leben,
Sie siegen nicht durch eigne Armeskraft,
Auch können die Gefall'nen leicht sich heben,
Wenn die Ergebung ihnen Gnade schafft;
Wer heute kräftig prangt, muß morgen beben,
Oft schon im Keime ist der Muth erschlafft:
Denn von den Vätern müssen wir Verderben,
Der Unthat Schuld und alle Krankheit erben.

3.

Und schnell, wie Wurzeln aus den jungen Weiden,
So lockt der kühle Erdenschooß die Lust
Hervor, wir wurzeln klammernd an, uns Beyden
Scheint ewig der Verein, erfüllt die Brust
Mit Seligkeit, wir trotzen kühn den Leiden,
Da sengt der Lebensreif das Laub, die Lust
Entflieht, doch will die Wurzel noch nicht weichen,
Nicht Leben und nicht Tod uns Labung reichen.

4.

Ach alle Freude, die mich könnt' entzücken,
Des Lebens Liebe raubte mir Verrath,
Denn keine Tugend kann uns stets beglücken,
Uns drückt die alte Schuld, der Eva That,
Der alte Stamm muß reinen Trieb zerdrücken.
Weh', daß mein Ahnenbaum noch Zweige hat,
Es stirbt in mir noch nicht der Vorwelt Fluch,
In Arbeit und in Noth dein Leben such'!

5.

Mir ist heut bang, bedeutet es Gefahren,
Die sich den Kindern und den Heerden nah'n,
So mög' Maria uns vor Lastern wahren,
Denn Leiden sind der Tugend Himmelsbahn,
Sie möge uns umfah'n mit ihren Schaaren,
Vor bösem Rath und heuchlerischem Wahn,
Mag jeder an dem Abend ruhig flehen:
O möcht' ich einst so rein vor'm Richter stehen.

(Während der Canzone kniet Odin vor dem Kreuze nieder.)

1.

Mein Lob den heiligen Dreyeinigkeiten,
Dem Vater tiefe Demuth,
Dem heilgen Geiste Preis und Liebe seinem Sohne,
Erfüllet ist mein Geist mit Bangigkeiten,
Gib Thränen meiner Wehmuth
Du Cherubinumstrahlter auf dem Throne,
Des Liebe jedem Tone
Des innigen Gebeths die Kraft verleihet,
Durch ihn das Herz erfreuet,
Mit süßer, linder Sehnsucht es zu heben,
Im Tod für unsern Glauben es zu geben.

2.

Gib sel'gen Frieden allen Thälern, Bergen,
Den Heerden das Gedeihen,
Gib sel'gen Muth den Frommen gegen Sünden,
Gib, daß die Sünder sich ihm nicht verbergen,
Gib, die sich Ew'gem weihen,
Die heil'ge Gluth das Ew'ge zu verkünden,
Die Zweifel, die umwinden
Den Baum des Glaubens, wie die gift'gen Schlangen,
Gib in sich selbst gefangen,
Gib Glück, damit in selbst gewähltem Leiden
Wir heiter, froh zur Ewigkeit hinscheiden.

3.

Laß uns dein heilig Angesicht bald schauen,
Gib unserm Tode Klarheit,
Gib, daß wir nicht an Irdisches uns hängen,
Gib, daß wir immer deiner Gnade trauen,
Daß wir nie wünschen Wahrheit,
Die unser Herz mit eitlem Wahn kann engen,
Daß wir zu dir hindrängen,
Wie Heerden durstend nach dem kühlen Bronnen,
Und so von dir entnommen,
Aus düst'rer Nacht zum Tage auferstehen,
Zu dir zum Morgenglanze gehen.

(Er stehet auf.)

1.

Gottlob! daß dieß Gebeth nicht endet trüber,
Es kam mir vor dabey als liefen Schauer
Aus meinen wachen Träumen still vorüber,
Und zögen mich zur Höhle alter Trauer.

(Er geht zur Höhle.)

2.

In kühlem Schatten ruh'ten große Steine,
In Ruhe kräftig zum Gewölb verbunden,
Weiß schienen sie im schwachen Mondenscheine,
Der Wiederschein im See war verschwunden.

3.

Beym Dunkel aus dem ersten Wolkenzüge
Ist furchtsam schon mein kecker Schritt verhallet,
Der Bergwald rauschet in dem Wolkenfluge,
Und fern von mir der Wasserfall erschallet.

4.

Die Tagesvögel aufgestört vom Sausen
Vom Schlafe trunken in den Ästen flattern,
Wo Nachtgevögel sie ermordend schmausen;
Mit Lust bereiten Nebelgift die Nattern.

5.

Der alten Träume Wahrheit schwillt zum Schrecken,
Verzogen wild wie in der Nacht die Blume,
Sie drohen mir, mich aus dem Schlaf zu wecken,
Und ziehen hin zu dem verlor'nen Ruhme.

6.

Die Lieder weh'n vom alten bösen Bunde;
Ich schließe fest die überwachten Augen,
Vom schweren Fall der Menschen kommt die Kunde,
Und Strahlen öffnen die geschloss'nen Augen.

*

Meinen Blicken
Glühend Funkeln,
Froh Entzücken
Aus dem Dunkeln,
Nebel schwinden,
Strahlen rauschen,
In den Winden
Alle lauschen;
Bäume heben
Grüne Blätter,
Neu beleben,
Warmes Wetter!
Die Sonn' im Lerchenklang,
Der Winde Frühgesang,
Die Freude allen klang,
Alles Genesung trank.

*

7.

So träumt' ich und die Strahlen horchen
Zu gleicher Stunde durch die offne Thüre,
Ich tret' hinaus und glaub' an hellen Morgen –
Als wenn die Sonne mehr als Schimmer führe!
(Geht mit der Axt in den Wald.)

III.

(Freya springt aus der Hütte an der linken Seite.)

Freya.

1.

Morgenschimmer
Du tauchest hell,
Froherwachter,
Ins Bad der Quelle!

(Sie geht an den Bach, und läßt spielend das Wasser über ihre Hände laufen und trinkt.)

2.

Heller Spiegel,
Blaue Quelle,
Milchschaumkühlend,
Schnell mir entfliehend,

3.

Fliehend mein Bild,
Das Wellen schnell
Spielend werfen
Wie Blätter sich zu.

4.

Du hast wohl recht!
Das Auge lacht,
Wangen glühen,
Blutfrisch ist mein Muth!

5.

Fluchen netzen,
Mit weißem Schaum,
Meine Blumen
Und funkelndes Grün.

6.

Grünes Kreiseln
Bald Himmelblau,
Farben tanzen
Mit Wellen und Fischen.

7.

Fische blinkend
Ihr fliehet mich?
Bin ich furchtbar
Euch stummen Kleinen?

(Sie sieht nach dem Himmel.)

8.

Meine Sänger
Im Himmelblau,
Sinket nieder,
Heb't mich zum Morgen.

(Sie geht unter den Blumen umher.)

1.

Lilje sieh' mich,
Thau umblinkt dich,
Du bist traurig,
Bey dir fühl' ich Leiden.

2.

Ich bin fröhlich,
Rose kenn' mich,
Dufte selig,
Bey dir fühl' ich Freuden.

3.

Rosen, Liljen,
Freuden, Leiden
Blühen beyde,
Meinem Kranze beyde!

(Sie hat einen Kranz daraus geflochten, setzt ihn auf, nimmt eine hohe Lilje in die Hand und tanzt zwischen den hohen Blumen umher.)

*

Frey, wie ein Himmelskind,
Schweb' ich im leichten Wind,
Kühlung umrauscht mich,
Liebe belebt mich,
Westwind bewegt mich
Säuselnd alllieblich.
Viel Grüße bringst du,
Die Klage zwingst du;
Süße Freud' und Ruh'
Decken Leiden zu;
Trinke ich Himmelblau,
Schweb' ich in Himmelau.

*

Die Lüfte flimmern,
Die Bäume schimmern,
Der Blumen Liebesdrang
Füllt meine Seele bang;
Hör' ich den Lerchenklang,
Füllt meine Brust Gesang.
Die Erde flieh' ich,
Weil sie so traurig.
Der Himmel sucht mich,
Denn er ist lustig.

*

(Der Alpenruf Heymdal's, das bekannte Juheyen ertönt aus der fernen Höhe.)

Freya.

Freudige Antwort aus höheren Welten!
Winde, ihr lieben, ihr schlauen Gesellen,
Führet ihn bald mir und freundlich hernieder.
Aber fern weilst du, mein Bruder, schon hat die
Sonne den schäumenden Nebel gesenket,
Heymdal! O höre die Stimme der Liebe
Hallend am Fels und im Wäldergeräusche.
Frühe schon standest du auf von dem Lager,
Kühlend die Seite mir, daß ich erwachte,
Küssend mein letztes, verschwebendes Glücke.
Folge nicht weiter der Gemse am Felsen;
Felsen ihr liebet, ihr locket den Jäger,
Drücket ihn todt in dem ersten Umarmen.
Wehe dann! Folge den Heerden lautsingend,
Singe mir Lieder vergangener Zeiten.

(Sie sagt das leise, ohne daß er es hören kann, man hört seine starke Stimme schwach aus der Entfernung.)

Heymdal.

1.

Ist Lerchenklang
Am Bergeshang,
Auf grünen hellfunkelnden Auen,
Gleich froher, als durch sich zu hauen,

2.

Durch Schnee und Eis,
Durch Schwarzdorn, weiß
Vom blinkenden Schnee überzogen,
Zu schiffen durch eisende Wogen;

3.

So ist der Wald
Doch todt und kalt,
Wenn Freya im Schatten nicht lauschet,
Im Blau ihr Hellsingen nicht rauschet.

Freya.

1.

Durch Lerchenklang den Morgen zu erwecken,
Zieht Freya über dir,
Und bricht die Wolken hier,
Wo Wolken dir die Felsenkluft verstecken.

2.

Sie springt in neuerwachter Quelle rauschend,
Die kühlend dich erfrischt,
Die Gluth der Stirne wischt
Die Luft dir ab, auf deine Töne lauschend.

3.

Die Luft bin ich, du schwebst in meinen Flügeln,
In Baumes Schatten du,
Ich küsse dich zur Ruh',
Und wache um dich her auf allen Hügeln.

4.

Wenn Wölfe nahen, zeitig dich zu wecken,
Fahr' ich dann laut einher,
Und senke Halme schwer,
Mit den gebeugten Spitzen dich zu necken.

5.

Und ziehe fort, damit sie dich nicht wittern;
Glück auf zur Wölfejagd,
Und kaum gedacht vollbracht
Lenk' ich den Pfeil, daß sie vor dir erzittern.

6.

Als Falke steigend zu der blauen Höhe
Ergreife ich die Taube,
Und fange dir zum Raube
Die Freude, froh, wenn ich dich froher sehe.

7.

Dich treibet fort das laute Heer der Hunde,
Erfreut am Wiederhall: –
Doch lockt dich Lieder-Schall
Im Wiederhall zurück zu meinem Munde.

(Heymdal ruft noch einmal aus der Ferne.)

Heymdal, o dürft ich nur andern verkünden,
Wie wir uns lieben, und wie wir so froh sind!
Immer verbietheft du das, bis die Mutter
Rückkehrt. – Den Vater plagt Wahnsinn; der Mutter
Freude wird höher seyn, wenn sie dann heimkehrt.
Er dann nicht mehr wie sonst traurig einherschleicht.
Selig mir Nächte wie Tage entfliehen,
Unsere Freude bald alle entzündet!

IV.

(Ida, ohne gesehen zu werden, singt hinüber von der
andern Seite des Baches, den der Wasserfall bildet.)

Ida.

»Im Thal liegt der Nebel, die Alpen sind klar,
Was man so im Thal sieht, ist oft gar nicht wahr,
Es kommen die Schwalben und ziehen dann nieder,
Doch eine verkündet, kein Sommer kommt wieder;
Hör' Mädchen das Lieben nimmt auch Mahl ein End',
Wie Blumen die nächtlich der Reif schon verbrennt.«

Freya.

(In Gedanken, ohne sie zu hören.)

Ich fühl' ein heimlich Sehnen unter'm Herzen,
Nach dir, zu dir, oft hielt ich es für Schmerzen,
Doch fühl' ich Heymdal dich in meinen Armen,
So fühl' ich himmlisch mir dir Erd' erwärmen.

Ida. (Rufend.)

Freya, du träumst wohl gar mit den offenen Augen zum Himmel.
Lange schon steh' ich am Bache, und sprenge mit zahllosen Tropfen.

Freya.

Ida, du netzest mit Blumengedeihen, so nimm auch ein Sträußlein,
Steige ins Wasser, auf daß es die Kühe nicht fassen im Strome.

(Sie wirft Blumen in den Bach. Ida kommt im Kahne hinüber und bleibt darin stehen.)

Ida.

Sage mir, Freya, warum mich jetzt Heymdal so gar nicht mehr liebet,
Freundlicher war er doch sonst noch, er läßt dich auch grüßen; ich sah ihn
Unter der hängenden Birke, da sagte er's, sagte nichts weiter.

(Sie weint.)

Eh' er zum Kriege gegangen, da nannt' er wohl oftmals mich Bräutchen,
Klein war ich damahls und küßte ihn freudig, und dachte nichts andres.

Freya.

Ida, ich will es ihm sagen, er soll dich noch lieben, wie eh'mahls.

Ida.

1.

Wenn ich gestorben bin,
Leg' mich auf's Schifflein hin,
Lege viel Feuer drein,
Daß ich verbrenne rein.

2.

Lasse das Schifflein frey,
Singe dieß Sprüchlein bey:
»Heymdal, die Liebe dein
War nicht auf Erden mein.

Und wo mein Schifflein steht,
Der mit zu Grabe geht,
Bey dir, o Heymdal mein,
Steht es am harten Stein.

4.

Hart war dein kalter Sinn,
Um ihn ich storben bin;
Nimm bald das Nachtmahl fein.
Daß du kannst sterben rein.«

5.

Weicht dir dieß Lied den Sinn,
Wisse du Flockenkinn,
Brennen kann Liebe nicht,
Hörtest sonst dieses nicht.

(Sie weint.)

Freya.

Wehe dir, Liebe, die Thränen verderben die Augen, so komme
Morgen zum Festtag, es bleibet dann Heymdal zurück von dem Jagen.

Ida.

Morgen, da ist es wohl anders, wer kennet die künstigen Dinge!
Freya, du hast doch gehöret, wie zahllose Segel gesehen,
Langsam und halb nur im Winde seit gestern im Seee.

Freya.

Laß sie nur kommen, es freut mich der Menschen recht viele zu schauen.

Ida.

Können es aber nicht Feinde und Räuber seyn, uns schon sehr nahe?
Dicht ist der Nebel des Sees, er hüllet die Mayen am Eyland.

Freya.

Feinde und Räuber! die habe ich niemahls geseh'n, noch gefürchtet;
Das sind dir Mährchen, so wie sie mein Vater auch manchmahl erzählet.

Ida.

Was war das? Hörst du nicht rudern und singen, es schimmert die Ferne,
Wenn ich die Kühe nur rette zur Höhe! Ach rette dich Freya.

(Ada schifft auf dem Kahne zurück.)

Freya.

Ida ist kindisch, die Menschen sind freundlich dem freundlichen Gruße.
Wenu ich sonst Blumen den Reisenden darboth, so gaben sie Küsse,
Menschen sind lieber als Blumen und Wälder und Sterne,
Und sie verstehen viel besser die Rede als Kühe und Ziegen,
Wenigstens wissen sie Antwort, und ich verstehe sie besser.

V.

(Die Schiffe nähern sich und landen, die Krieger steigen
aus mit klingendem Spiel und Gesänge, Herrmann an
ihrer Spitze; Freya isi hinter einen Baum getreten, und
sieht abwechselnd hin und pflückt Blumen.)

Erster Chor der Krieger.

1.

Wir schlugen mit dem Schwert,
Als dicht die Halme standen,
Daß wir an Feindes Heerd
Nicht Feinde fanden.

2.

Wir schlugen mit dem Schwert
In kalten Nordlichts Nächten,
Als wir uns mit dem Schwert
Im Eisland rächten.

3.

Wir schlugen mit dem Schwert,
Wo Mitternacht noch Feuer,
Wo Feuersaft sie nährt
Und Eis gar theuer.

4.

Wir schlugen mit dem Schwert
Und sah'n viel Sommer fliegen,
Wir schlagen mit dem Schwert
Und werden siegen.

Zweyter Chor der Krieger.

1.

Uns ziehet zum Tode dunkle Bahn.
Geschlossen zieh'n wir hinunter;
Drum wüthet so rasch des Schwertes Zahn,
Mit vielen ist es dort munter.

2.

Das einsame Sterben hassen wir,
Wir woll'n zusammen verderben,
Wir wollen die Freuden schlürfen hier,
Und wollen Seligkeit erben.

3.

Die Erd' ist in unsern Leib verliebt,
Wir müssen uns ihr ergeben,
Denn wer ihr den Leib zum Opfer giebt,
Dem sind die Sünden vergeben.

4.

Drum froh in die Nacht des Todes geseh'n,
Denn heller glüht dann das Leben;
Den Frieden hier haben wir nie erseh'n,
Wir woll'n im Tod' ihn erleben.

Freya. (Während des Gesangs.)

Herrliche Waffen, der Hohe wie ähnlich dem Heymdal, nur wilder!
Augen so glühend wie Morgenroth, Stirnlocken fliegend und schimmernd;
Alte sind weise, die Jugend ist schön, mir ist Jugend viel lieber!

Herrmann.

(Er erblickt sie und winkt sie zu sich, während er den Chören abzutreten winkt.)

Schön ist das Mädchen mit Kornblumenaugen, den Bothen des Lebens.

*

Freya.

(Tritt zu ihm, und reicht ihm einen Straus.)

Sieh, Fremdling, die Blumen sind frisch wie der Morgen,
Vom Morgen die Nelken ihr Glühen erborgen,
Weiß duftet die Blume der Lilje daneben,
Nur dir macht ich willig die Rose auch geben.

Herrmann.

Ihr Blumen, nie duftet ihr künftig mit Lust,
Entriß ich euch Blumen der blühenden Brust.

Freya.

Mir blühen der Blumen gar viele im Garten,
Sie müssen mir duften, ich muß ihrer warten,
Doch einsam auf einsame Wellen gestreut,
Hat manchen die freundliche Blume erfreut.

Herrmann.

Ich wüßte ein Blümlein, es würde mich trösten,
Wenn Gluthen des Mittags den Schwimmenden rösten,
Viel röther als Morgenroth, röther als Nelken,
Auch wird es am Busen nur wachsen, nicht welken.

Freya.

Ach, Lieber, dieß Blümlein ist wahrlich nicht hier,
Ihr möget es haben, es glühet nicht mir.
O könnt' ich es finden, wie wollt' ich es küssen,
Es sorgsam zu pflegen und warten wohl wissen.

Herrmann.

Du hast es gefunden, es blühet dir hier,
Die Lippen, sie tragen es blühend zu dir.

Freya.

Ist dieses die Blume die dich nur erfreut?
Auch dir ist sie willig zum Kusse bereit.

Herrmann.

Ein König der Rosen erblühet nur dann,
Drückt Rose an Rose sich freudiger an!
Wenn Rosen aus Rosen gewachsen erblühen,
Die Ströme des Lebens in Einigkeit ziehen.

Freya. (Sie küßt ihn.)

Die Lippen sind freundlich, doch feindlich die Hände,
Viel besser als wenn ich sie fest dir umwände,
Ich geb' dir in jede zwey glühende Nelken.

Herrmann.

Ach, Süße, so müssen die Nelken verwelken,
Die Küsse sie müssen so traurig nicht enden,
Laß hin zu der dämmernden Laube uns wenden.

Freya.

Es winken dir Segel zur schimmernden Laube,
Fort träget der Wandrer die Liebe zum Raube,
Es schwellen ihm Segel von anderem Glück,
Vom Ufer aus folgt ihm manch freundlicher Blick.

(Sie eilt fort und blickt sich freundlich um.)

VI.

Herrmann.

(Er will ihr nacheilen und steht plötzlich stille.)

Was hält dich, Herrmann, welche fremde Regung,
Hast du denn andrer Unschuld je geschonet?

(Er will wieder nach und bleibt stehen.)
Wozu das Denken, laß das Mädchen gehen,
Und geh' zu denen, die nicht vor dir laufen.

(Nachdenkend an einen Felsen gelehnt.)

So flieg' ich rastlos nun umher seit Jahren,
Und suche Ruhe in dem wilden Streite,
Und finde Ruhe nur in Augenblicken.
Verlassen flucht manch armes Mädchen mir;
Ich fluchte ihnen nicht, wär' eine treuer!
Weh' dieser Welt, daß sie zu früh gewährte
Den Vollgenuß des bunten Erdenglückes,
Daß folgsam alle jedem Wink gehorchten,
Den ungebornen Wunsch aus Mutterschooße
In diese fremde, kalte Welt gestoßen,
Und mir an Thatkraft frisch nur Schlackenfreuden,
Die weite Sehnsucht und Verachtung ließen.
Wenn ich nun brennen sehe Hütten, Wälder,
Der Feinde Schrey'n, der Mütter Jammertöne
Zusammen schall'n, der Feinde Speere zischen,
Wenn über mir die Blitze leuchtend dräuen,
Da schwillt mein Geist im harten Widerstande,
Es regen sich zur Ruh' des Geistes Kräfte,
Schnell fühl' ich heimathlich in diesen Welken;
Mein Leben setz' ich froh der Wuth entgegen.
Der Kindheit selig leichte Spiellust reitzet,
Der Zufall schüttelt rasch die großen Loose;
In Noth und Krankheit wächst des Lebens Liebe! –
Mein Vater ist gerächt, sein Geist versöhnet,
Dieß Schwert, womit ich Inkar niederstreckte,
Ward rein, das Blut vom Geiste aufgesogen.
Ich führte es aus Pflicht und jetzt aus Liebe,
Und wenn die Sonne auf und unterginge
In meines Reiches weitem Länderkranze,
Und doch an meinem Herzen nimmer ruhte: –
Was sollt' ich dann in der Enthaltsamkeit vom Nichts?
Denn unerreichbar bist du goldne Sonne,
Du gibst nur Gluth nicht Kühlung meinen Wünschen,
Vergebens sehn' ich mich zu dir zu steigen.

VII.

(Krieger bringen Heymdal gefesselt vor den Herzog.)

Hauptmann.

Wir sahen diesen Mann gewaffnet lauren
In einer Felsenkluft, und fingen ihn
Durch raschen Ueberfall der Menge:
Er will uns nicht den Weg zu seiner Hütte zeigen,
Und darum glauben wir, er sey ein Feind.

Heymdal.

Wer gab dir Recht den freyen Mann zu fesseln,
Denn daß kein Feind hier ist, das wiss't ihr besser.

Herrmann. (Sieht ihn genau an.)

Ein kühner Mann, von hellen, freyen Zügen.

Heymdal.

Du stehst beschämt vor mir, vor dem Gefangnen,
Verbess're schnell die Schuld und laß mich eilen,
Den Aeltern Trost und Freude den Geschwistern.

Herrmann.

Sey frey; doch sage an, wo sind die Aeltern?

Heymdal.

Du Deutscher selbst, kannst so den Deutschen fragen?
Nie kauft der Deutsche durch Verrath die Freyheit,
Frey will er leben, aber er kann sterben.

VIII.

(Freya läuft athemlos zu Heymdal und umarmt ihn.)

Freya.

Du lebst, mein Heymdal, und mein Athem stirbt.

Heymdal.

Was ist dir, Schwester, deine Adern schlagen?

Freya.

Wohl ist mir jetzt, da Herz am Herzen stirbt.

Heymdal.

Wie! Sterben? Du! Was will dein Schmerz mir klagen?

Freya.

O Traum! Wer dir ein Leides thut, verdirbt;
Und Ida kam schon deinen Tod zu sagen.

Heymdal.

Gefangen bin ich nur. Zum Vater eile.
Damit er nicht des Sohnes Unglück theile.

*

Freya.

Nein, nimmer weich' ich fort von dir, dein Schatten.

Heymdal.

Die Sonne scheint nicht mehr. – Man reißt mich aus
Dem Mutter Boden, fremde Erde muß sich gatten.

Freya.

Wo du wohnst, ist mir liebe Erde, kein Haus
Soll je dich mir verschließen. Thronen hatten
Wohl sonst erweicht den Vater. Frey hinaus
Du Jammerton aus tief betrübtem Herzen,
Erbarme Fremdling dich, und fühle nie die Schmerzen.

Herrmann.

Frey sey der Bruder, wenn du dich gefangen geben.
Mit mir dann willst in Ruhm und Ehre leben.

*

Heymdal.

Nein, nimmermehr, eh' will ich dreyfach sterben.

Freya.

Erzürne nicht den Mann, er hört wohl Bitten.

(Auf einen Wink von Herrmann wird Heymdal weggeführt.)

IX.

Freya.

Ich reichte dir den grünen Zweig des Friedens,
Weh' dir, wenn du ihn nahmst, mein Grab zu schmücken;
Wenn noch die Blumen blüh'n, und ich verwelke.

Herrmann.

(Sieht Freya begeistert an und spricht vor sich.)

Wie schön sie ist, so weiß wie Schlehenblüthe,
Die Wangen prangen roth und voll wie Aepfel,
Wie Hirsche schlank ihr Leib, ein May ihr Leben. –
Kann Bruderliebe sie so innig rühren,
Wie glühend heiß wird sie im Lieben lieben;
Ich fühle mich von geist'gem Weh'n berühren,
Ich weiche heitern, innern, frommen Trieben,
Ich will den Ruhm mit sicherm Leben zieren:
Wenn ich im Felde dann die Ehr' erworben,
Wär' mir die Freud im Haus nicht ausgestorben.

Freya.

Du hörst nicht! Ich vergehe hier im Bangen.

Herrmann.

(Er will sie umarmen, sie flieht nach der andern Seite.)

Du weichst erschrocken, suchst mir zu entfliehen?
Und erst warst du so traulich wie die Quelle,
Die himmlisch klar kein Steinchen mir verbirgt. –

Freya.

Sey freundlich mir, so bin ich freundlich dir.

Herrmann. (Vor sich.)

Im Wahn der Furcht erwacht des Mädchens Liebe,
Des Mannes Liebe weckt sie auf durch Kühnheit.

(Er setzt sie ohne Gewalt neben sich auf die Felsbank.)

Verkenne nicht des Herzens reges Schlagen.

Freya.

Ich flieh' dich nicht, doch würde ich dich hassen,
Wenn du den Bruder uns geraubt zum Sklaven.

Herrmann.

Wenn ich ihn dir geschenkt, wirst du mich lieben?

Freya.

Wie froher Dank es fordert. Zu ihm eile – – –

Herrmann. (Er hält sie.)

Der Augenblick ist kostbar, lange Zeiten
Vereinigten die Sterne, ihn zu bilden.

Freya.

Dein Blick ist ernst bey losem Scherze:
Die Sterne gingen gestern so wie heute.
Und eh' sie tiefer geh'n, das ist noch ferne.

Herrmann.

Der Stern der Hoffnung gehet auf und unter.
Beym Sonnenschein, beym Mondenschein im Herzen.

Freya.

Dir Dank, daß er dem Bruder hat geschienen.

Herrmann. (Unruhig.)

Nur Dank? Nur Dank! Fühlst du nicht anders heute,
Als gestern, und ergreift dich nicht im Glanze
Des krausen Grüns und der gestreiften Nebel
Ein Bangen, was dein Leben will veröden,
Und Seligkeit im ungewissen Wunsche?
Sehnst du dich nicht nach anderen Gespielen,
Gefällt dir nicht der Krieger rasche Sitte?

Freya.

Ich war ja froh; jetzt fühle ich dir Ruhe
So sanft wie Schlaf nach Arbeit überschweben.
Ach anders ist die Welt mir jetzt erschienen,
Das Böse sah ich sonst allein in andern Wesen,
Im Feuer brennen und im Wasser drücken;
Jetzt fürchte, fliehe ich die bösen Menschen.

(Sie will aufstehn, er zieht sie an sich.)

Herrmann.

Ich böse? – Böse, dir bin ich so gut,
Es fließt in mir ein treues Bruderblut,
Ich bin dein Schild, ich gab dir Ruhe wieder,
Doch senke deinen hellen Blick nicht nieder,
Ich gleite sonst auf dieser steilen Bahn,
Ich schlage um im schwanken Lebenskahn.
Ich öffne meine Arme dir mit Wonnen,
Neu hat mein Lebensfaden sich entsponnen.
Zur duft'gen Blumenkett' ist er entsprossen,
Bey deinem ersten Blick hat Schimmer mich umflossen.
Und wie zwey Flammen von einander schlagen,
Die Gluth vereinend nach der Höh' zu tragen,
So heb' ich beyde Arme hin zu dir,
Und all' mein Leben, Sinnen schwebt in dir,
Zu dir mein Auge glühend und mein Mund,
Mein Allbegehren thun sie kindlich kund,
Den Lebenstag dein blaues Auge leuchtend macht,
Und außer dir ist saugend, tiefe Todesnacht.
Ich sah nur Tod, den Krieg auf aller Spur,
In dir fühl' ich den Reitz der Allnatur;
Zur Siegerbeute werde goldner Friede,
Ein stiller Tag mit fliegend leichtem Liede,
Ein Eichenkranz aus selbst gepflanztem Wald,
Wo Siegerlob aus Vogelkehlen schallt.
Die Schlachtordnung der bunten Gartenblumen,
Die schon im Herbst verdorrt, aus leichtem Saamen,
Im Ruf des Frühlings alle wieder kamen,
Die Rose früh mit Liebe eingepflanzt,
Mit dir wetteifernd leicht im Winde tanzt;
Zum Bethen zieht sie mich herab aus Lüften,
Und deine Feyer steigt mit Rosendüften.

(Er fällt nieder und bethet einige Zeit still.)

Freya.

Wie Wunderkraft aus heiligen Gebeinen,
Aus Segenshand die lichten Freuden scheinen,
So dringt zu mir aus seinen Worten Rührung,
Ich weiß nicht wie, doch göttlich ist die Führung.

Herrmann.

Ihr Blumen seh't mit Stolze auf mich nieder,
Und hebt das grüne Laub und senkt es wieder;
Ich kann nicht widersteh'n, ich bin gefangen
Und meine Seele schmachtet im Verlangen,
Ihr schlagt die Wölbung über mir zusammen.
Ihr rothe Rosen, schwanenweiße Liljen,
Du Sonnenblume hoch, und klein du Veilchen,
Ihr wendet euch zu ihr, die Strahlen ziehen,
Ihr senket euch, und flehet im Erblühen:
Willst du ihn nicht wie uns erziehen!
Ihr Tag erhebt uns dann zum Frühlingsglanze,
Zusammensenkt der Abend uns zum Kranze,
Der Morgenthau erfrischt zum Lebenstanze.

Freya.

Wie mild und gut und lieb du jetzt mir scheinest,
O wüßt' ich nur, daß du es wahrhaft meinest;
Ich mußte dich vorher für böse halten,
Und jetzt vor deiner Andacht arm erkalten.

Herrmann.

Du traust dem Guten ganz, denn du bist gut;
Das Böse ist ein Uebergang; ein Winter,
In dem wir hoffend nach den Knospen schauen.
O freundliche Natur vom hohen Felsen,
Bis hin zum kleinsten Hügel weichen Sandes,
Den eben jetzt die Welle sinkend zeugt.
Auch in dem Menschen wohnest du und lächelst
Mir Zutrau'n aus dem hellen Aug' entgegen.

Freya.

Du sprichst so fremd und doch versteh' ich dich.
So spricht der Wald zu mir, der Wasserfall im Rauschen,
Doch deutlicher als sie, sprichst du zu mir.

IX.

(Herrmann winkt und Heymdal wird herbeygeführt und entfesselt.)

Freya.

Du bist befreyt! Er liebt mich, ist so gut.

Heymdal.

(Erschrocken, heimlich zu ihr.)

Halt ein, – geh' fort, – er täuschet, – traue nicht.

Herrmann.

(Der sie am Arm hält.)

Zur Herzoginn durch Hand und Herz und Ring,
Erklär' ich dich, da du mir Lieb erwiedert.

Heymdal. (Vor sich.)

O schwache Klugheit, all' dein Weben aus,
Todt still! Es hat ein mächtig waltend Schicksal
Die Fäden all' mit einem Schlag durchhauen.
(Laut.) Der Vater lebt, von ihm muß du sie fordern.

Freya.

Du sagst nichts weiter, und du scheinst nicht froh,
Entscheide ganz allein, wag ich soll thun. Doch traue ihm, er hat den Sinn geändert,
Und lebt mit uns verträglich in der Hütte.

Heymdal. (Vor sich.)

Jetzt wär' sie glücklich, wär' ich nie gewesen!
(Laut.) Der schnelle Wechsel, Freya, hat die Wolken
Weit über meinen Himmel ausgebreitet;
Ich will nun schauen, sehe nirgend Klarheit.

Freya.

(Legt sich mit dem Kopf an ihn.)

Erhohle dich an meiner Brust vom Schrecken.

Heyindal. (Abgewendet vor sich.)

Bald ruht ein andrer so, sie denkt den andern.
(Laut.) Ob auch dem Vater nichts im Wald begegnet?
Leicht könnte er, wie ich, gebunden werden.

Herrmann.

Vergesse, Bruder, diesen finstern Eingang,
Indem du froh zum hellen Ausgang siehst.
O führe ihn zu uns, den hohen Vater,
Der euch erzeugt, er ist ein Gott mir worden,
Denn wer die Liebe zeugt, ist selbst die Liebe.
Mein Bruder eile, führe ihn zur Freude!

Freya.

Er blieb ermattet an dem Grünberg stehen,
Als ich zu deiner Rettung hergeeilet.

Heymdal.

Ich eile wie der Blitz ans dunkler Wolke.

(Vor sich, abgehend.)

Mir unbewußt der göttlichen Verfügung.

X.

Herrmann.

Noch heute eine uns ein Kranz zum Leben,
Die Ungeduld zuckt rasch in allen Adern,
Vergoldet ferne Flur und ruft zum Wettlauf,
Das Roß bäumt hoch sich über alle Schranken,
Zerstampft den Boden, der es bebend trägt,
Bis alle Schranken sich beym Zeichen öffnen;
So hält mich Wunsch bey dir, so zieht er fort
Von dir, den Stundenschleyer zu zerreißen,
Der ihm das Ziel, die Hochzeitfackel decket.

Freya.

Wie freudig gäb' ich mich zur Liebe jedem,
Könnt' ich so jeden ganz, wie dich, beglücken.
Doch gar verschieden ist der Menschen Sinn! –
Vermuthung, Ahndung eines leichten Unfalls,
Ein bloßes Wort kann Heymdal schon verschließen;
Den Vater mag ich küssen, herzen, streicheln,
Nie weichen Gram und Falten von der Stirne.
Du mußt ihn künftig auch durch Liebe heitern.

Herrmann.

Der Ueberfluß wird seines Alters Freude,
Und neu soll ihn das neue Leben reitzen.

Freya.

Du bist wohl reich, da dir so viele dienen?

Herrmann.

Den frohen Haushalt wirst du bey mir finden.
Denn täglich schäumet Gerstensaft an Tafelrunde,
Und Wein vom Rhein im duftenden Gefäße;
Die Kälber wohl genährt mit Muttermilche,
Noch ungehöret, und hochgeweihte Hirsche
Bereitet täglich meine weite Küche
Dem Fremdling und den edlen Kriegsgenossen;
Der Schenktisch glänzt mit hochgetrieb'nen Schalen,
Des Mahles Vorsitz auf den höchsten Polstern
Ist von den edlen Sängern oft geehrt.

Freya.

Da wird die Mutter sich erfreuen,
Die sorgsam stets, auf Sammeln wohlbedacht,
Und gern wird sie mit dir die Erbschaft theilen,
Die sie bey ihrem Bruder jetzt erwartet.
Schon lange will das Feuer ihm erlöschen,
Sie bläst es mühevoll durch treue Pflege an.
Wenn wir zu einem Heerde uns vereinen,
Wird sie mit Freuden diese Erschaft theilen.

Herrmann.

Du liebes Kind, dein höchster Schatz ist Liebe,
Und nur die Liebe macht uns Schätze eigen,
Drum muß die Mutter auch dem Fest nicht fehlen,
Ich eile hin zu ihr, ich schicke Bothen.

Freya.

Nicht fern ist dieses Haus, bedeckt vom Felsen,
In dessen Spalt die Quelle rauschend fällt,
Die kühle Wasser zu dem Bade sammelt.
Doch besser ist, ich gehe selbst zur Mutter,
Du würdest sie erschrecken, denn noch nie
Kam hier ein Mann in solchen Waffen her.

(Sie geht mit einem Kusse fort.)

XI.

Herrmann.

Sie gehet wie ein schöner Traum von mir,
Erwachen sucht den Flüchtling sich zu fesseln,
Doch fessellos ertrinkt er in dem hellen Meere.
Ich muß dem Heere die Verlobung sagen;
Wie werden meine alten Näthe klagen,
Daß sie kein neues Reich mir zugebracht! –

(Nach einer Pause.)

Sie liebt mich,
Himmel freu' dich,
Dein Reich auf Erden
Soll fest begründet werden.

(Er will nach der Seite des Lagers abgehen, da scheint ihn etwas zurück zu halten, er ringt fürchterlich mit etwas Unsichtbarem.)

1.

Ich kenne dich mein Schlachtengeist,
Ich fluche dir Verführungsschlange,
Wem Ehre sel'ge Liebe heißt,
Dem wird um seine Seele bange,
Ums Leben will ich ohne Waffen mit dir ringen,
Zerreiße dich trotz deinen Schlingen und Krümmen.

2.

Aus Stücken brennt ein Feuer auf,
Du sollst mein Fegefeuer werden,
Als Salamander geht mein Lauf
Zum Glanz der Neugeburt auf Erden:
Gar lieblich wärmen, leuchten mir die hellen Flammen,
Und schlagen zierlich den Kometenschweif zusammen.

3.

Aus Feuer wächst ein grüner Baum,
Die Winde laut wie wildes Jagen,
Sie stürzen ihn im wilden Traum.
Ich hab' die Sonn' im Arm getragen,
Ich brech' dich ab wie Reis, ich reiß' dich aus der Erde,
Damit aus dir die Friedenshütt' erbauet werde.

4.

Ich bin zur Leere hinversetzt,
Von mir Wind, Wasser, Erde weichen,
Der Raum mich einzusaugen lechzt.
Doch ach nichts kann dem Schlachtfeld gleichen,
Wenn aufgehäuft die Sterbenden noch klagend liegen,
Nachdem die Siegesfreunde fort zu neuen Kriegen.

5.

Ich will erfüllen, was geleert,
Erzeugen, was ich hab' erschlagen;
Du hast dich lange Nacht gewehrt,
Erröthend fängt es an zu tagen;
Fort Scham zum Ringen falcher Kräfte außer'm Raume,
Ich banne dich zum Siebenschlaf, zum leeren Traume.

(Ermattet singt er in das Gras, den Blick zum Himmel.)

Wie weich die Erde scheint nach hartem Kampfe,
Die Brust dehnt freyer sich im Blau der Lüfte,
Und freyer durch den grauen Wolkenschleyer
Dringt leicht der Blick, und sucht sich in dem Gold
Und goldnem Schaum der höhern Welt zu blenden,
Und gern kehrt er zum Grün der Erde nieder.
Der Blumenfarbenbogen scheint das Band,
Worin der Himmel seine Hand gegeben,
Noch dampft der Berg vom letzten Schöpfungstag,
Es hüllen Nebel noch die letzten Werke,
Sie wurzeln zwischen Erd' und Himmel an,
Doch nah' ist auch der Festtag, wo des All
In einem Ruf ertönt: und es ist gut!
Wo in dem Ruf der eigenen Vollendung
Die Wolken steigen zu der neuen Sendung.

XII.

(Indem Herrmann im Schlafe niedersinkt, kommt Heymar mit einer großen Laute, worin Aslauga verborgen, ohne ihn zu sehen, einher gezogen. Bey den ersten Tönen erwacht Herrmann, richtet sich auf, und versteckt sich immer mehr hinter einem Baume, in dem Wahne, es sey eine Erscheinung, und schaut mit Entsetzen darauf hin.)

Heymar.

1.

Die Bäume tanzen auf den muntern Reihen,
Die immergrüne Tanne wankend rauschet
Mit weißem Hochzeitkranz, den ihr die Wolken leihen,
Wie Felsen nur in Schnee und Nebelkleider tauschet.

2.

Erwachen träumt im gelben Laub der Weiden,
Die kleine Knosp' erschließt die Buche,
Die tief verschlung'ne äst'ge Eiche will nicht leiden,
Daß ich im Frühlingsschein bey ihr schon Schatten suche.

3.

Sie will des Sommermittags Dach uns werden,
Vertraut mit Donner und mit kühlen Blitzen,
Steht sie fest eingewurzelt hier vor uns auf Erden,
Ein Bild wie starke Helden auf dem Throne sitzen. –

*

Aslauga weint,
Die Laute tönt,
Die Sonne uns bald milder scheint,
Bald sind die Götter uns versöhnt.

*

1.

Des Käfers Schwirr'n, wie Glockenklang,
Erweckt das kleine Mädchen bang,
Der Frühzeit Spiele ruft's zurück,
Im Rittersaale schwebt ihr Blick.

2.

Sie spielt mit ihres Vaters Bart.
Die Mutter küßt sie Beyde zart,
Die Ahnenbilder sie beseh'n,
Die wirst du nimmer wieder seh'n! –

*

Ach! nicht mehr wein'
Im fernen Land,
Fort ist des Himmels rother Schein, –
Und deiner Väter Burg verbrannt.

*

3.

Da drang der wilde Herrmann ein,
Wie Sturm bey hellem Sonnenschein,
Sein Schritt erschallte durch die Hallen,
Dein Vater mußte durch ihn fallen.

4.

Und sterbend sagte er zu mir,
Dieß Hoffnungskind vertrau' ich dir,
Es werden summen meine Bienen,
Bis sie als Königinn erschienen! –

*

Ach! weine nicht,
Ach! traure nicht,
Siehst du noch nicht das Rachelicht,
Es eilt, es nahet das Gericht!

*

5.

Wie Asche flog ich leicht, geschwind,
Die Laute hielt das Kind verstecket,
Vom Brande zog des Rauches Wind,
Die Kunde hatte Wuth erwecket.

6.

Hier ruht sie wie im Mutterschooß,
Doch hat oft Schmerz das Kind bekümmert,
Als ließe Traum die Wahrheit los,
Und schauerlich sie Worte wimmert.

7.

Dann tönt der Laute Trauerklang,
Sie fühlet mit des Kindes Weinen
Des Mitleids Trost aus Saitenklang,
Schien sanft im Sturme aufzukeimen.

*

Der Freunde Dach
Ist uns bald nah',
Mein Singen ist zur Rache schwach,
Doch Zukunft schon dein Vater sah!

*

8.

Lang' droht der Felsen, eh' er stürzt,
Lang' bauen Bienen ihre Häuser,
Der Rache Aussicht Zeit verkürzt,
Des Kindes Weisheit dient als Weiser.

9.

Die Jugend, Herrmann, war dir hold,
Das Alter wird dir Feinde zeigen;
Das Glück ist nie im Menschensold,
Vom Scheitel muß die Sonne steigen.

(Herrmann tritt ihm mit dem Schwerte und dem Ausdrucke des höchsten Entsetzens in den Weg.)

Herrmann.

Nicht weiter Geisterstimme, die so glatt
Mit unnatürlich schauderndem Getöne
Des Kopfes tief geheimen Bau durchschneidet!
Du zogst mir wie mein Schatten nach, die Sünden
Vergrößernd, und jetzt willst du boshaft von mir scheiden?
Ich banne dich hier fest, wir wollen rechnen,
Wer mehr, wer weniger verwüstet hat,
Wer mehr zu fordern hat: ob Herrmann's Sohn,
Ob Inkar's Kinder sind zuerst verstoßen?
Dein Blick, ein flücht'ger Schnee im warmen Frühling,
Durchschaudert mich, erstarret meine Glieder; –
Fest steh' ich jetzt im Geisterreich, nun steh' mir Rede.
Wer nahm dem Vater Herrmann Reich und Leben,
Wer stieß mich in ein unwirthbares Land?
Noch ohne Federn aus dem Nest geworfen,
Wär' in dem Sturm der Schwingen Kraft gebrochen,
Wenn nicht ein alter Diener mich bewahret.
Ich sammelte mir Freunde, Bundsgenossen,
Die alle von euch ausgestoßen waren,
Wir rächten uns. Ich meines Vaters Tod,
Die Waffen gaben mir mein Reich zurück.
Warum habt ihr die Kraft erregt, wer kann
Sie halten? Ew'gen Laufs geh'n Sterne, Menschen!
Daß ich auch euer Reich verödet habe,
Und weit im Strom des Glückes bin geschwommen,
Ihr Geister Alles das ist so natürlich,
Wie jeder Strom die Wiesen überschwemmet,
Dem man das eigne Bett hat eingedämmet.

Heymar. (Vor sich.)

Ich Geist, – und fürchte mich vor seiner Rache,
Ich bin verloren, wenn ich ihn nicht täusche.
(Laut.) Die Geister wollen billig mit dir richten,
Ein menschlich Wähnen wollen sie verzeihen;
Doch schwöre, daß du keinen Sprossen Inkar's
Der noch ein schwaches Leben lebt, willst tödten.

Herrmann.

Nicht Herrschaft mehr, die Liebe ist die Sonne,
Die mich mit hellem Glanze zu sich zieht,
Was sonst geleuchtet, scheint mir tiefe Nacht.
Ich schwör' es, wenn es Götter gibt, bey ihnen,
Und gibt es einen ein'gen Gott, bey ihm,
Und gibt es keine, bey dem ew'gen Nichts, –
Doch Alles das ist menschlich leeres Schwören, –
Ich schwöre selbst bey meiner Liebe, ich will
Des Sprößlings schonen, ja das Land zurück
Ihm geben. Sage, wo ich ihn kann finden.
Nimm drauf die Hand, wenn du sie fassen kannst.

Heymar.

Ich drücke sie mit menschlichem Gefühle,
Ich bin kein Geist, doch ruht dein Wort bey Geistern,
Ein Sänger bin ich, Heymar ist mein Nahme,
Ein treuer Freund des Inkar bis zum Tode.
Vergib die Täuschung, die nicht meinetwegen.

(Er eröffnet den Boden der Laute und hebt die kleine Aslauga heraus.)

Sieh hier in meiner Laute, hör' sie tönet,
Es weint die Tochter Inkar's, die darin
Vorborgen, der dein Wort nur wenig gibt,
Denn ihre Aeltern, Brüder fraß dein Schwert.

Herrmann.

Ich halte, was ich sprach; ich schwöre bey
Den Menschen, denn sie sind mir jetzt sehr werth.
Ich ehre dich! – Erfreue dich der Freude,
Die heute bey dem Hochzeitfest erschallet,
Und morgen bey des Kindes Krönungsfest. –
Das Gastrecht soll uns fest und fester binden,
Vergessen sey der Krieg, wie schwerer Alpdruck
Der von den bösen Geistern ausgesendet,
Gar ängstlich anfängt und erleichternd endet.

(Er nimmt das Kind auf den Arm, es wendet ängstlich den Kopf von ihm ab.)

Das zarte Kind erkennt den alten Feind,
Es drückt sich furchtsam von dem Kusse weg;
Wär' dieß ein andrer Tag, ich könnte weinen! –

Heymar.

Die Zeit heilt ihre eignen tiefen Wunden,
Und nur in ihr kann unser Geist gesunden.

(Beyde mit dem Kinde nach der Seite des Lagers ab.)

XIII.

Odin.

(Er kommt langsam und erschrocken aus dem Wald.)

Ich hörte Klagen, Angstgeschrey der Tochter,
Wie voll von Träumen ist des Alters Sinnen,
Sie sprach von Feinden, Heymdal sey gefangen:
Ob dieses soll die Zukunft mir enthüllen?
Da eil' ich über Flüsse, über Berge,
Die Steine fallen tönend unter mir,
Die Hand zerreißt sich an dem Strauch, der hülfreich
Den schwachen Schritt vor'm tiefen Falle schützet.
Wie Wolken zittre ich hinab die Felsen
Und finde nimmer sie, die armen Kinder!
Kaum weiß ich, ob ich mir noch selbst gehöre;
Der Arm ist's wahrlich nicht, der einst in Waffen,
Wie Blitze durch den dichten Feind gedrungen,
Dieß Kleid ist wahrlich nicht des Herzogs Rüstung,
Dem alle Völker Ehrfurcht schworen.
Die Treuen sind von Inkar's Schwert gefallen,
Der friedenbrüchig in das Reich gedrungen,
Ich fiel noch tiefer und ich lebe noch,
Doch wie ich floh, die Zeit ist mir ein Traum!
O meine Tage, warum schlafet ihr?
O meine Nächte weh', wie wachet ihr!
O meine Träume, warum lebet ihr?
O du mein Leben, warum lebst du nicht?
O Herrmann, wo ist denn dein Sohn, dein Herrmann,
Und ach, wo ist dein Heymdal, deine Freya? –
In jener Schreckensnacht ward Herrmann von
Der Seite mir gerissen, wo starbst du?
Warum starb ich nicht auch? – Und doch ich starb! –
Ein andres Leben ist seit jener Nacht begonnen,
Ich sah mich selbst in jener Nacht, befreyt
Von Leiden, und der Wellenschlag ertönte
Im Lebenssee von meinem Sterbeliede,
Es war so freundlich, daß ich's nie vergesse.

*

1.

Freundlich lächelnd schaut er nach dem Seee,
All' sein Sinnen kräuselt auf der Fläche,
Und den kahlen Scheitel drückt kein Wehe,
Und er spiegelt sich in grüner Hoffnung.

2.

Ferne Berge sind dem Blick entnommen,
Und die Segel zieh'n wie Schmetterlinge,
Aus dem glühen Nebelland gekommen,
Ihm die große Fahrt nach Licht zu zeigen.

3.

Seine Kinder sind ihm früh gestorben,
Seine Bäume sind ihm Altersstütze,
Doch die Hitze hat ihr Laub verdorben;
Mühsam füllt er Eimer an dem Seee.

4.

Seine Diener tragen sie zur Höhe,
Er indessen sucht die Zeit zu nützen,
Und er hebet Steine aus dem Seee,
Ufer und die Fahrt zur Burg zu sichern.

5.

Seine Bäume blüh'n und tragen Früchte,
Leichter trägt er stets die Tage, Jahre,
Leis' entzieht der Tod ihn dem Gewichte,
Mittagschlummernd in des Ufers Schatten.

6.

Es entsteigt ein Sturm der Wellenstille,
Und er träumt vom Wiederseh'n der Kinder,
Dichter weht der Wolkenzug die Hülle,
Wasser schwellen, stürzen, branden, fluthen.

7.

Er ist tief im sel'gen Traum versunken,
Wellen greifen ihn mit seinen Träumen,
Schmerzlos hat er ihn den Todeskelch getrunken,
Und er glaubt am Tisch des Sohns zu zechen.

8.

Er erwacht nicht, fühlt sich fest umhangen,
Seine Kinder hängen ihm am Halse;
Seine Seligkeit ist nicht Verlangen,
Seine Zeit ist im Genuß vergangen.

*

Erwachend faßt' ich nach den lieben Kindern,
Nach meinem Herrmann – faßte leere Luft. –
Du lebst nicht mehr und meine andern Kinder
Beseelet nicht der Geist, dem ich die Rache
Vertrauen möchte, denn sie sind zu gut.
Sie kennen nicht des Wunsches banges Quälen,
Der über weite Länder sich verbreitet,
Den Schmerz nichts thun zu können, und auch nichts
Zu wissen von dem lieben Vaterlande! –
Mit raschem Gange tritt der Jugendhoffnung
Des Alters Furcht und die Besorgniß nach;
Wo bin ich hier? Mein Ryno führte mich
Hieher, ich tauschte Nahmen, Stand und Leben,
Der Völkerhirte ward der Heerden Hirte!
Ich weiß, sie nennen Wahnsinn meine Klagen,
O wär' mein Elend, wär' mein Leben Wahn,
Die Schmerzen auch so leer wie meine Freuden,
Ein weites Meer die Welt, Gefühle, Wellen,
Die sich erheben, fallen – ohne Ziel.
Der Frende Lächeln eilet so dahin,
Des Schmerzes tiefe Narben bleiben:
Ja wahrlich was hier glänzt und scheint, das scheint
Nur so, und nur wer weint, der kennt die Welt,
Der kennt das Leben, kennt die ferne Zukunft. –
Zuweilen scheint in diese Welt ein Licht,
Ein fremdes Licht, aus fernem, fernem Lande,
Wir glauben kühn, es ström' aus dieser Welt,
Wir suchen seine Quellen zu erfassen,
Da gibt es Spiel und Liebestreit und Wähnen,
Wir glauben schon die Himmelpforte, der Natur
Geheimes Wohlseyn, ihre Ruh im Wirken,
Dem Menschen neues Leben zu eröffnen;
Da schwindet unserm Aug' das fremde Licht,
Wir sehen nur ein Schattenreich im Schatten.
Es fehlt dem Bau des Lebens helles Licht,
Und das Gebäude unsres Glücks sind Trümmer,
Auf weichem Grund und ohne Plan zerstreuet,
Wo die Vergangenheit die Zeit bereuet. –
Und ob ich Schmerzen leide, Rache suche,
Auch das verhüllt allmählich mir die Zeit,
Die Nebel sinken zwar, doch falscher Schimmer
Verwirrt die Sinne, wechselt aus den Schein,
Und trostlos fragt der alte Mann:
Fäng etwa jetzt mein Leben an? –
Wo seyd ihr Hochgefühle meiner Jugend,
Du lustig leichtes Land des Augenblickes,
Verflog'ner Schall, verstrahlter Blitz des Glückes?
Manch leuchtend Würmchen fliegt in stiller Tugend
Hinaus in Sommernacht, in warme Luft,
Es lockt, den es nicht sieht, der Blumen Duft
Und manches wird der Knaben wildes Spiel.
Ein ruhig Glück war meines Fliegens Ziel,
Ich hatte muthig Kraft dazu gewonnen,
Doch ist das Leben mir indeß zerronnen.
Und blick' ich um, so steh' ich auf der Spitze
Und jeder Wind treibt mich von meinem Sitze.
Mein Leben war ein ew'ges Vorbereiten,
Worin die Schmerzen mit der Ruhe streiten.
Die Welt ist aufgeschlossen unter mir,
O hätte ich doch nie die Welt geseh'n,
In meiner Höh' faß ich nicht einsam hier,
Ich hätte mich so klein doch nie geseh'n:
Ein ew'ger Wechsel bin ich selbst mir worden,
Wild zieh'n im Feindesland Gedankenhorden,
Ich will sie fesseln, bessern und nicht klagen,
Ich darf aus Furcht mich kaum zu regen wagen,
Da sausen um mein Haupt des Feindes Lanzen,
Wie Mückenschaaren in dem Lichte tanzen.
Erstarrt, erfroren ist der Jugend Saft,
Zum trüben Denken zieht die Heldenkraft!
Ich weiß nicht was ich morgen bin, denn heute
Sah ich am Morgen noch des Lebens Weite,
Wie Edens Garten lag die Welt vor mir,
Nun wahrlich damahls war ich noch nicht hier.

(Er sieht sich fremd um und setzt sich auf einen Stein neben der Höhle, aus welcher Vögel fliegen, die sich auf den Baum neben ihm setzen, sie singen nach ihrer Art und er singt einzeln die folgenden Strophen, als wenn er sie ihnen jedesmahl abhorchte.)

Odin.

1.

Du klagst, daß wir nicht ewig bleiben,
Die Winterzeit dir nicht vertreiben;
Lock' uns Kind,
Wenn wir bey dir sind.

2.

Denn unsre Nester nicht zu stören,
Mußt du die Bitte uns erhören:
Halt' uns nicht,
Fang' die Kleinen nicht!

3.

Und frag' uns nicht, warum wir ziehen,
Und deiner Liebe schon entfliehen;
Weißt du Kind,
Warum wir fröhlich sind?

4.

Und rathe nicht, wohin wir fliegen,
Wer weiß es hier auf seinen Zügen;
Unser Glück,
Ist der Flügel schneller Blick.

5.

Ob wir so ewig luftwärts schwimmen,
Das kann ich nicht voraus bestimmen;
Leb' ich froh,
Bleibt es ewig immer so.

6.

Um deine Kinder schwebe leise,
Erwecke sie mit deiner Weise;
Lös' den Schlaf,
Der mit goldnem Pfeil sie traf.

7.

Auch du bist einer unsrer Brüder,
Darum verstehst du unsre Lieder;
Ziehe fort,
Du siehst uns alle wieder dort.

6.

Die tiefe Schuld in deinem Blute,
Bestraft des Himmels Zucht und Ruthe,
Kinder frey,
Bist du Armer vogelfrey.

9.

Ein früher Tod heißt selig sterben,
Und hohes Alter heißt verderben;
Müdes Kind,
Ziehe fort im kühlen Wind.

10.

Erhebe muthig deine Kinder,
So gehet euer Flug geschwinder:
Nur der Tod
Endet ihre tiefe Noth.

11.

Du siehst die Höhle der Druiden,
Nur sie erfrischt und stärkt den Müden:
Und nur dort,
Ist der ruhig sichre Ort.

(Die Vögel fliegen zurück in die Höhle.)

Odin.

Ein Vogel, den mein Netz sonst fängt, gibt Lehre,
Um mich und meine Kinder zu befreyen!
O könnt' ich lernen, wie ich ihn behalte
Den frischen Spruch aus seinem weisen Munde;
Vergessen könnte ich die alten Lehren,
Doch ach, er ist wie leichter Schnee zerflossen,
Und nur ein Schauder bleibt nach dem Verschwinden.

(Er horcht.)

Der Urgesang der Luft erklinget wieder:

*

Erhebe muthig deine Kinder,
So gehet euer Flug geschwinder:
Nur der Tod
Endet ihre tiefe Noth.

*

Und doch quillt heil'ge Kraft mir in das Herz,
Ich seh' ein festes, sichres Ziel gestecket,
Schwer ist der Wurf, das Ziel am höchsten Orte!
Befahl nicht Gott durch gleich geheimen Wink
Dem Abraham, des heil'gen Volkes Vater,
Den einz'gen Sohn statt eines Lamms zu opfern?
Auch mir hat es der ew'ge Gott befohlen,
Denn was in inn'rer Brust geschrieben leuchtet,
Und außerhalb auf Erden wiederscheinet,
Das strömet aus der ew'gen Quelle alles Lebens,
Und heilig tönt es aus dem Leben wieder:

*

Nur der Tod,
Endet ihre tiefe Noth.
Du siehst die Höhle der Druiden,
Nur sie erfrischt und stärkt den Müden;
Und nur dort,
Ist der ruhig sichre Ort.

*

Die Höhle wie? die Höhle der Druiden?
Beym ersten Anblick sagt sie uns mit Ehrfurcht:
»Der Vorzeit Fußtritt ist nicht zu verwehen,
Auch wenn sie nicht mehr wandelt unter euch.«
Die Alten sagten, wer hier lebenssatt,
Der würde froh aus ihr einst wieder kehren;
Druiden opferten die Greise hier,
Sie führten sie mit ihrem Segen ein,
Und Alles was nicht in den Lüften wohnet,
Fällt dort zum Schlafe augenblicklich nieder!

(Er lehnt sich an die Höhle.)

Ob in den Baum die Kraft aus Höhe oder
Aus Tiefe kommt, ob er nach Höhe oder
Nach Tiefe dringt, wer kann das wahrhaft sagen;
Doch neu ergrünend treibt zum neuen Baume
Die Wurzel fort, wenn schon die Krone welkte.
So wächst vielleicht dem Menschen neues Leben
Aus diesem Kern der wunderbaren Erde,
Und dieser Athem, der erfrischend stets
Aus dieser Höhle kühl und saufend dringet,
Es ist vielleicht der Athem meiner Aeltern,
Ich fühle schauernd ihre heil'ge Nähe,
Sie rufen laut: Zu uns hinein!

(Er sinkt nachdenkend auf einen Stein nieder.)

XIV.

(Heymdal kommt mit zerstörtem Angesichte aus dem Walde,
erst sieht er seinen Vater nicht, nachher spricht er, ohne
sich ihm zu nähern oder ihn anzureden, vor sich hin.)

Heymdal.

Bleib' Vater;
Ich suche dich, ich finde dich nie wieder,
O glücklich wer so gar nichts von sich weiß! –
Die Felsen scheinen mir zu wanken, Schneelawinen droh'n,
Wo ich noch weiße Spitzen sehe glänzen:
Was steht noch fest, wenn Liebe schwankt und fällt?
Vergebens war ich der Natur getreu,
Vergebens bin ich über Menschen Meinung
Und was die Priester sagen weggeschritten;
Ich opferte die Tugend meiner Liebe,
Und Freya meiner Liebe, mich der Liebe;
Und meine Liebe will mich nun verschmähen! –
Und doch, sie liebt mich noch, sie liebt wie immer,
Und liebt auch Herrmann, wie sie mich geliebt! –
Unschuld'ge Sünderinn, du kannst zwey Männer
In gleichem, reinem Sinne lieben, sie zu
Beglücken, und nur eine könnt' ich lieben,
Sie zu zerstören. Unbekannt sind ihr
Gesetze, wissend hab' ich sie verletzet,
Weil anders die Natur und anders das
Gesetz mir sprach, das unvergeßliche! –
Die Nacht soll einen andern ihr verbinden! –
Nein meine Seele, das kannst du nicht dulden,
Ich muß vollenden, was ich kühn begann,
Ganz mein ist sie und soll es ewig bleiben,
Der Weg zu ihrer Liebe ist mein Herz,
Ich traue meinem Arm, er soll sie retten.
Denn was bereitet ihr die dunkle Nacht,
Nur Schande, die sie weder kennt, noch ahndet. –
Ich trage sie zur höchsten Felsenspitze,
Und steigt mir Herrmann selbst bis dahin nach,
So rufe ich am Abgrund: laß sie mir,
Sonst stürz' ich sie hinab und mich ihr nach! –
Doch das Geheimniß wäre dann verrachen.
Mein Vater würde nie die Blutverschuldeten
Erkennen, und die Mutter trostlos sterben,
Und Freya würde ihre Sünde kennen,
Und unschuldig mein Laster büßen, sterben.
Du bist verloren, Freya, und durch mich;
Und alle die Gedanken stehen still,
Die sonst so kühn mich über Alles hoben:
Was ist gemeiner in dem Leben als
Der Tod, ein Zufall löscht das ew'ge Licht,
So Lieb' als Leben aus. So dachte ich!
Der Nachtwandler erklettert Felsenspitzen,
Der Geist, der ihn geführt, verschwindet plötzlich,
Und nieder muß er fallen in die Tiefe.

(Die letzten Worte hat er im Schrecken laut gesagt, Odin ist davon aus seinen Träumen erweckt.)

Odin.

Auch dir hat es ein Gott geoffenbaret,
Ja, in der Tiefe wirst du ganz genesen.

Heymdal.

(Außer sich, indem er den Wasserfall betrachtet.)

Nieder, nieder in die Tiefe,
Liefe doch mein Blut noch schneller,
Heller würd' es mir dann klaren,
Fahret wohl ihr hohen Berge,
Bergen könnt ihr nicht die Kraft,
Saft aus euren Lebensströmen
Tönet kühn und braust in Gluth.
Muth und Kraft erkämpft die Ferne,
Sterne locken mich durch Klang,
Sang erschallt aus ferner Weite:
»Leite mich zum Meer der Farben,
Die hier einzeln mir erstorben!«
Es schwillet rauschend mein Muth,
Es tönet strömend mein Blut.
Wohin mein Vater? Eilend geh' ich mit,
Verdopple jugendlich den müden Schritt.

Odin.

Ein Schritt nur und es ist gescheh'n, vorbey
Das große Werk, das klein dem Nahen scheinet.

*

Du siehst die Höhle der Druiden,
Nur sie erfrischt und stärkt den Müden;
Und nur dort
Ist der ruhig sichre Ort.

Heymdal. (Abgewendet.)

Die Höhle, deren Hauch das Raubthier tödtet,
Ja wohl ein Raubthier bin auch ich gewesen.
Die Klugheit schwieg und Wahnsinn gab mir Lehren,
So wäre Wahnsinn gar der höchste Gipfel,
Ein göttliches Geschenk, das man verkennet.

(Zum Vater niederkniend.)

Erhab'ner Geist, nimm mich in deine Arme,
Kann dein Gebeth ein sündig Kind nicht heilen,
So dank ich dir auch meinen Tod; du führtest
Mich in die Welt, führ' mich so leicht hinaus;
Zur Sühne fällt ein willig Opferthier.

Odin.

Mein Sohn, ich seh' aus deinem Blick, der auf
Sich zu den Kreisenden am Himmel wendet,
Du hörtest auch das allgewalt'ge Lied,
Du siehst die Hand, die deine Bahn bezeichnet:
Vom Sinn zur That ist da kein Schritt,
Zur Einigkeit fühlt sich der Mensch verbunden.

Heymdal.

Ich fühl' es, daß euch Macht gegeben worden,
Mich zu beleben einst und jetzt zu morden.

Odin.

Erst bethe, Sohn, dann steige froh hinab.

Heymdal.

(Mit aufgehobenen Händen.)

»Vergebung, Ew'ger, meiner tiefen Sünden,
Ich trete blutverschuldet vor's Gericht.«

Odin.

Wie sprichst du so, du klagst dich schrecklich an.

Heymdal.

Ach! es ist wahr, doch Freya ohne Schuld.

Odin.

O Wehe, Wehe, Wehe, auch das noch! –

Heymdal.

Dein Wehe könnte mich zum Lästrer machen.

Odin.

Allgüt'ger Gott, ich folgte blind nur dir,
Und hoffte, daß, wie Abraham, ein Engel
Von schwerer Prüfung mich befreyen würde.
Hier ist nicht Unschuld, die ich opfern sollte,
Die Decke fällt, ich bin des Rächers Hand,
Ich muß die Strafe meines Sohns vollenden.
Laß diesen Tod allein ihm Strafe seyn,
Und er erstehe aus dem Tode rein! –

Heymdal.

Vergebung, Ew'ger, meiner tiefen Sünden,
Ich trete blutverschuldet vor's Gericht.
Die stolze Klugheit hat mich hier verführt,
Mein enger Kreis war mir die Welt geworden.
Der Augenblick ist Hauch, die That besteht,
Und späte Klugheit muß um frühe trauern.
Die Reue saugt wie Bienen mir am Herzen,
Und saugt den süßen Saft des Trostes aus:
Ich bin so reif zum Tode, wie vom Baume fällt
Verdorb'ne Frucht, eh' noch der Herbst gekommen, –
Doch meine Mutter möcht' ich gern noch sehen!

Herta.

(Sie ruft aus der Ferne und es schallt in der Höhle wieder.)

Mein Heymdal!

Heymdal.

Meine Mutter, in der Höhle?
Ich eil' zu dir!

(Er geht an der Hand Odin's hinein.)

Leb' wohl!

Odin.

Es ist vollbracht!

XV.

Herta.

Willkommen, Alter, glaubt' ich doch die Stimme
Des Sohns zu hören, (vor sich) doch, er sprach wohl wieder
Mit sich allein. (Laut.) Hat Freya dir die Tauben
Gebracht, der Vater schickt sie dir zur Freude.

Odin.

Ich weiß nicht, wer du bist; ein fremdes Weib
Hat mich nach meinen Kindern nicht zu fragen.

Herta. (Vor sich.)

Ich muß dem wahnen Manne etwas zeigen.

(Sie zeigt ihm ihren Ringfinger.)

(Laut.) Willst du auch dieses Liebespfand verkennen?

Odin. (Weinend.)

Ach ja! Nun weiß ich wohl, du bist mein Weib,
Am Tage gab ich dir den Ring, wo du
Mir Heymdal schenktest. Sage, welcher Sünde
Fühlst du dich schuldig, daß du ihn geboren?

Herta.

Du bist so ernst, du könntest mich erschrecken.

Odin.

Erschrecken? Nein, bethen solltest du für ihn.

Herta.

O Wehe mir, wo ist mein Sohn, mein Heymdal?

Odin. (Er führt sie zur Höhle.)

So schlief er auch im Mutterschooß.

Herta.

(Stürzt hinein.) O wehe! (Man hört sie niederfallen.)

XVI.

Odin.

Halt, Weib, du bist noch nicht bereit zu sterben;
Es ist zu spät! – Schon stumm und todt! – Es war
Mein Weib, die oft, wenn Sorgen mich umsummten,
Den Schlummer störten, sorgsam sie vertrieb.
Wie doch die hohe Güte alles Liebe
Mir unten sammelt, und kein Edelstein
Aus meiner Krone fehlt, bald krönet mich
Das Wiedersehen in dem neuen Reiche.
Sanft rauschet schon der Wasserfall und hell
Singt mir der Bach aus seinen Silbersaiten,
Als sey es Heymdal's Stimme aus der Höhle.

*

Meine Tropfen sammelten sich,
Kühle Schauer durchlaufen mich,
Suche jetzt wieder Tageslicht,
Schließe mich an die Lieben dicht,
Berge mich in der Felsenkluft,
Trinke den lieben Wasserduft.

*

(Er wandelt wahnsinnig umher und beschreibt Kreise am Himmel.)

Dort, wie der Bogen der Sonne sich spannt in der schäumenden Tiefe,
Siehe so spannt hier kühnlich der Bogen des Lebens die Brücke
Ueber die Tiefe im Felsen und über mein hallendes Wasser.
Schmetterling noch auf der Brücke, heut spiegle dich, freu' dich der Farben;
Morgen entfliehen die Farben, es eilet der Schein zu der Klarheit,
Siehest die eigenen Glieder nicht mehr in dem wechselnden Schaffen;
Bist du dir selbst dann verloren, so freuen sich andre doch an dir,
Und was sich liebend zum Höchsten verbindet, das lebt nur ein Leben,
Fühlet die Freuden von Allem, es weichen die Schmerzen von jedem.

*

Ihr Töne weckt des neuen Lebens Sinn,
Als alte Weisheit mich zu schmelzen drohte.
Zu sterben ist schon schwer, doch seine Kinder
Zum Tode führen, richten! Das reißt wie Gift
Das innere Gemüth zu Rasereyen.
O Freya, wenn es seyn soll, sey es bald,
Ich übe nur das Strafamt, nicht die Gnade,
Vielleicht lebt schon ein neuer Keim der Schuld
Und träumt von Lebensglück ihr unter'm Herzen,
Und strebt zur ew'gen Mutter vorzudringen,
Und strebet schon zu neuen Sünden hin,
Eh' das Geschlecht erstirbt, das schuldige! –

(Er geht umher und scheint etwas zu suchen.)

Auch hier nicht! Nimmer find' ich ihn! Er ist
Verloren! Und was suchst du, Herrmann, noch?

(Nach einer Pause des Nachdenkens.)

Mich selbst such' ich! Wo bin ich denn verloren?

(Er setzt sich an den Wasserfall.)

1.

Ein Herzog sinnt beym Wasserfall
Gestützt auf seine Hand;
Er hatte schon lange besonnen, gesonnen am Bronnen,
Er hatte Gedanken gesponnen, zersponnen am Bronnen,
Die Wasser sind bang' in der Sonne zerronnen im Bronnen:
Er schaut nach fernem Land,
Er kennt kein Vaterland.

2.

Er lauscht, er sucht die grüne Hall'
Er sucht der Bäume Sprach',
Er hatte schon lange besonnen, gesonnen am Bronnen,
Er hatte Gedanken gesponnen, zersponnen am Bronnen,
Die Wasser sind bang' in der Sonne zerronnen im Bronnen:
Er sinnt vergebens nach,
Die Sinne sind zu schwach.

3.

Er fragt, er klagt dem Wellenschall,
Warum er nicht mehr rauscht.
Er hatte schon lange besonnen, gesonnen am Bronnen,
Er hatte Gedanken gesponnen, zersponnen am Bronnen,
Die Wasser sind bang' in der Sonne zerronnen im Bronnen:
Die Antwort ist verrauscht,
Wenn er noch lange lauscht.

4.

Warum hört er nicht Wiederhall,
Warum sucht er das Grün;
Er hatte schon lange besonnen, gesonnen am Bronnen,
Er hatte Gedanken gesponnen, zersponnen am Bronnen,
Die Wasser sind bang' in der Sonne zerronnen im Bronnen:
Die Strahlen alle fliehen,
Die Schrecken zu ihm ziehen.

5.

Des langen Haares Lockenfall;
Warum ist er so weiß?
Er hatte schon lange besonnen, gesonnen am Bronnen,
Er hatte Gedanken gesponnen, zersponnen am Bronnen,
Die Wasser sind bang' in der Sonne zerronnen im Bronnen:
Die Welt spricht ihm zu leis',
Er hört nicht ihre Weis'.

6.

Er sieht der Rüstung schwarz Metall;
Warum frißt sie der Rost?
Er hatte schon lange besonnen, gesonnen am Bronnen,
Er hatte Gedanken gesponnen, zersponnen am Bronnen,
Die Wasser sind bang' in der Sonne zerronnen im Bronnen:
Ihn flieht der Liebe Trost,
Es weht des Lebens Frost.

7.

Er sucht schon lang' am Wasserfall
Des eig'nen Grabmahls Stein,
Er hatte schon lange besonnen, gesonnen am Bronnen,
Er hatte Gedanken gesponnen, zersponnen am Bronnen,
Die Wasser sind bang' in der Sonne zerronnen im Bronnen:
Er weint und sucht allein,
Er findet keinen Stein.

(Er geht in die Hütte.)



 << zurück weiter >>