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Der Arzt.

I

In Begleitung eines schweigsamen Schutzmanns ging der Arzt durch leere Straßen über nasse Trottoirs, in denen sich seine langaufgeschossene Gestalt wie in einem zerschlagenen dunklen Glase wiederspiegelte. Hinter den Zäunen schwankten kahle Aeste; der Wind brauste stoßweise, dröhnte gegen die eisernen Dächer und schleuderte kalte Wassersplitter in das Gesicht. Wenn sich seine Stöße legten, so daß es für kurze Zeit still wurde, hörte man aus der Ferne dumpf aber vollkommen deutlich, bald einzelne, bald sich jagende Gewehrschüsse. Auf der Südseite, hinter den dunklen Schatten der Kathedrale, stieg und senkte sich abwechselnd eine matte, zittrige Röte, die die herabhängenden Wolken von unten beleuchtete; in dem verschwommenen Licht waren sie den rötlichbraunen vorüberkriechenden Leibern riesiger Reptile ähnlich.

»Wo wird geschossen?« fragte der Arzt, die Hände tief in den Aermel schiebend und auf seine Füße blickend.

»Das kann ich nicht wissen,« antwortete der Schutzmann, aber an seinem Ton merkte der Arzt, daß er es wußte und nur nicht sprechen wollte.

»Auf dem Podol?« fragte der Arzt hartnäckig, während der Haß in ihm so stark aufwallte, daß ihm fast die Kinnladen schmerzten.

»Da, wo ich's nicht wissen kann,« antwortete der Schutzmann im selben Ton. »Wir sollten schneller, Euer Wohlgeboren …«

»Verfluchter Idiot!« dachte der Arzt und begann, die Zähne zusammenpressend, schneller auszuschreiten.

Wieder setzten die Stöße des Windes ein; in den Zwischenpausen waren immer dieselben entfernten dumpfen Schüsse hörbar.

»Aber wer hat den Polizeimeister Der höchste Polizeibeamte in Provinzstädten. D. Uebers. verwundet?« fragte wieder der Arzt, während er mit krankhafter Feinhörigkeit auf die Schüsse lauschte.

»Von den Juden, wahrscheinlich irgendwer …« antwortete der Schutzmann im gleichen unterschiedslosen Ton; es machte den Eindruck, als ob es ihm völlig gleichgültig wäre, wer wen verwundet oder getötet hätte, und daß er die ganze Zeit nur beharrlich an eine ganz persönliche Angelegenheit dachte.

»Womit?«

»Mit einem Revolver … Schoß, wie gesagt, und verwundete ihn.«

»Und warum?«

»Das kann ich nicht wissen.«

In dieser einförmigen, kurzen Antwort lag etwas, das jedes weitere Fragen, Bitten, sich Erregen, vollständig ausschloß.

In der Brust des Arztes stieg die schwere Empörung höher und höher, bis sie ihm an der Kehle würgte. Er war innerlich überzeugt, daß der Polizeimeister von einem Mitgliede der jüdischen Selbstwehr Zur Zeit der Pogrome bildeten sich unter der jüdischen Bevölkerung bewaffnete Verteidigungs-Organisationen, Selbstwehren genannt. D. Uebers. verwundet worden war, auf die die Kosaken, seinem Befehl zufolge, wie der Arzt wußte, geschossen hatten.

Vor seine Augen trat das Bild eines ungeordneten Häufleins schlecht bewaffneter, aufgeschreckter, ohnmächtiger Menschen, die ihrer hinreißenden Empörung und ihrem Mitleid gehorchend, nach dem Viertel liefen, wo unter wildem unmenschlichem Geheul Häuser zerstört, armselige Lumpen zerrissen und in den Schmutz gezerrt und Menschen, die vor hilflosem Entsetzen wahnsinnig geworden waren, massakriert wurden. Sie stürzten hin, drohten den Mördern ungeordnet mit ihren mangelhaften Waffen, und wurden dafür in regelmäßigen schonungslosen Salven über den Haufen geschossen; das schmutzige Straßenpflaster wurde mit ihren Leichen bestreut. Der Arzt sah dieses Bild so deutlich vor sich, es war so abstoßend, daß er am liebsten augenblicklich Kehrt gemacht und dem Schutzmann grob zugerufen hätte:

»Na, mag er wie ein Hund krepieren! … Einem Hund gebührt der Tod eines Hundes!« Aber er bezwang sich.

»Ich habe kein Recht so zu handeln … Ich bin Arzt und nicht Richter!«

Obgleich ihm dieser Grund unwiderleglich schien, fügte er aus einem ganz anderen Gedankengang heraus, hinzu:

»Außerdem … wer am Boden liegt, den schlägt man nicht!«

Die Empfindung, gegen sich nicht aufrichtig zu sein, deren er sich gleichzeitig nicht bewußt werden wollte, erregte und quälte ihn. Dieser innere Kampf, und ebenso die Windstöße, die bei den glitschigen Straßenecken an ihm zerrten, machten es ihm schwer, vorwärtszukommen.

Der Schutzmann ging, ohne zurückzubleiben, hinterher und dem Arzt wurde die Verfolgung durch diese schwarze, eintönige Gestalt allmählich unerträglich. Das Gefühl bitterer Beleidigung, als ob ihn jemand straflos verhöhnte, setzte sich in ihm fest.

»Ich glaube, man hätte mir Pferde schicken können!« Seine Stimme zitterte krankhaft; er wunderte sich selbst über sein unsinniges Protestieren.

»Die Pferde sind alle unterwegs. In der ganzen Stadt wird nach Aerzten gesucht und ich glaubte Euer Wohlgeboren in einer Droschke zu holen, aber die haben sich alle, die Teufel, versteckt!« sagte in belebterem und durchdachterem Tone der Schutzmann.

»Ging's nur schneller. Euer Wohlgeboren! …«


II

Vor dem Hause des Polizeimeisters standen mehrere Schutzleute und zwei berittene Kosaken, die Gewehre quer über dem Sattel. Die Pferde schüttelten die Köpfe und der Wind wehte ihre Schwänze auf die Seiten. Die Kosaken hielten unbeweglich, als wären sie nicht lebende Menschen sondern eine seelenlose Verlängerung der Pferde; – – wenn die Pferde in die Mitte der Straße vortraten, schien es, daß sie aus eigenem Willen die Reiter von einer Stelle auf die andere tragen. Die Schutzleute blickten schweigend auf den kommenden Arzt und gaben ihm ebenso schweigend den Weg frei. Der graubemäntelte Okolodotschnij legte höflich die Hand an den Mützenschild.

»Hast du bekommen? … Den Doktor? …« fragte er.

»Jawohl, den Doktor!« antwortete der Schutzmann triumphierend, lief voraus und machte die Tür zur Treppe auf.

»Bitte, Euer Wohlgeboren …«

Die Tür zum Vorzimmer war offen, – es war dunkel, aber im Nebenzimmer brannte eine Lampe und ein Streifen Licht legte sich schief über den Boden des Vorzimmers. Ein dicker Pristaw Vorstand eines Polizeireviers, doch in höherem Rang als die entsprechende deutsche Stellung. D. Uebers. kam heraus; in der Tür zeigten sich noch andere Polizeibeamte und ein hübscher Gendarmerieoffizier.

»Ein Arzt?« fragte der Pristaw ebenso entschieden. »Bekommen?«

»Bekommen!« antwortete der graubemäntelte Okolodotschnij, der vorausgelaufen war, nachdem er die Tür geöffnet hatte.

Der Arzt sagte nichts. Die Mienen verzerrend, mit dem Gefühl erniedrigender Ratlosigkeit, als wäre er unerwartet in eine unangenehme Geschichte verwickelt worden, ohne zu wissen, wie er sich daraus befreien könne, nestelte er lange am Kragenschoner, zog Mantel und Gummischuhe aus, nahm dann noch die Brille ab und putzte sie viel länger als nötig, mit dem Taschentuch.

In diesem Augenblick fiel ihm ein, wie er einst als Student in einer dringenden Angelegenheit ein Haus betreten mußte, aus dem man ihn kurz vorher durch ein Mißverständnis hinausgewiesen hatte, und wie ihm das Gefühl der Scham so sehr bedrückte, daß ihm jede Bewegung der Glieder fast physische Schmerzen verursachte. Jetzt hustete er unmotiviert, zog die Augenbrauen an, schielte mit den Augen über die Brillenränder und trat, ungeschickt über das Parkett schreitend, in das beleuchtete Zimmer.

»Wo ist der Kranke?« fragte er ärgerlich, ohne jemanden anzublicken; er bemühte sich sogar, die ihm zugewandten erwartungsvollen Gesichter nicht zu bemerken. Er sah nur, daß der Gendarmerieoffizier derselbe war, der erst kürzlich bei ihm eine Haussuchung vorgenommen hatte.

»Sofort, Herr Doktor … hier bitte, hierher …« keuchte der Pristaw, den Weg zeigend.

Eilig kam ihm eine schlanke Frau entgegen, deren Füße sich in ihrem Kleid verwickelten. Sie hatte schwarze, verweinte und dadurch ungeheuer groß erscheinende Augen; ihr weicher Hals bog sich voll aus den Spitzen des Kleiderausschnittes. Sie war so schön, daß selbst der Arzt erstaunt aufblickte.

»Platon Michajlowitsch, der Doktor?« fragte sie mit ausgetrockneter, vor Erregung zerspringender Stimme.

»Der Doktor, der Doktor, Emma Wassiljewna … Na also, beruhigen Sie sich … jetzt wird alles gut werden … Jetzt – – bringen wir … ihn auf die Beine! …« keuchte der Pristaw und zeigte jene unangebrachte Familiarität, mit der robuste Männer oft schönen Frauen gegenüber zu sprechen pflegen.

Sie ergriff den Arzt bei beiden Händen, drückte sie fest, weich, und sagte, während sie ihm aus den weit geöffneten Augen grade ins Gesicht schaute: »Um Gotteswillen, Doktor, helfen Sie! … kommen Sie hierher, schneller … wenn Sie nur sehen, wie er sich quält! … Mein Gott, sie haben ihn … in den Leib … getroffen … Doktor!«

Und plötzlich brach sie in Schluchzen aus; sie bedeckte das Gesicht mit ihren biegsamen Händen, die ebenso wie ihr Busen, unter weißen, weichen Spitzen zart-rosa hervorschimmerten.

»Emma Wassiljewna, regen Sie sich nicht auf! Nun, was ist da schon?« Der dicke Pristaw hob die kurzen Hände.

»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau … es wird schon …!« murmelte auch der Arzt, den das Mitleid weicher stimmte. Doch beim Sprechen fiel sein Blick auf ihre Hände; er erinnerte ihn an das, was ihm heute ein Bekannter erzählt hatte: die Plünderer hatten schwangeren Judenfrauen die Leiber aufgerissen und Bettfedern hineingestopft.

»Warum haben Sie sich nicht an irgend einen anderen gewendet?« fragte er noch dumpfer, ohne aufzublicken.

Sie schlug verwundert die Augen auf.

»Herrgott, an wen sollten wir uns denn wenden? In der ganzen Stadt sind Sie der einzige russische Arzt … Man kann doch keinen Juden rufen … Sie sind jetzt alle so gegen ihn erbittert … Doktor! …«

Der Pristaw schob sich näher heran; der Arzt verstand diese Bewegung. Er sah sich mit einem Blick voll Haß um, hielt sich jedoch zurück; nur errötete er und blinzelte wütend mit seinen kurzsichtigen Augen.

»Nun, schön, also … Wo ist der Kranke?«

»Hier, hier, Doktor …« rief sie eilig und ging, das Kleid gerafft, rasch voran.

»Vielleicht brauchen Sie Hilfe …« keuchte der Pristaw.

»Niemanden brauche ich!« schnitt ihm der Arzt das Wort ab, über diese Gelegenheit grob zu sein erfreut, und folgte der Frau des Polizeimeisters.

Sie durchschritten eilig zwei dunkle Zimmer, wahrscheinlich das Eßzimmer und den Salon; denn der Arzt glaubte in der Dämmerung einen weißen Tisch mit unabgeräumtem Ssamowar, Bilder, einen Flügel, der trotz seiner Schwärze sogar in der Dunkelheit glänzte, und Spiegel zu erkennen. Die Füße gingen abwechselnd über hartes gebohntes Parkett, und weiche Teppiche; über allem lag der unfaßbar feine Duft des Luxus. Wieder empfand der Arzt das so beklemmend, als schlüge sich von der Umgebung eine unangenehme beschämende Schicht auf ihn nieder.

Hinter einer Tür tönte das dem Arzte bekannte, eintönige, reißende Röcheln eines sterbenden Menschen und bei diesen Lauten wurde ihm leichter; er machte sich sofort klar, was er zu tun hätte und was er nicht unterlassen dürfe. Jetzt ging er bereits selber voran; in das Krankenzimmer trat er als erster ein.

Es war sehr hell, roch nach Salmiakgeist, Jodoform, nach noch etwas Schärferem; dazwischen schob sich das schwere tief aus dem Innern kommende Röcheln. Die barmherzige Schwester mit dem roten Kreuz auf der Brust stand am Bett; auf der Matratze, von der das blutbesudelte Laken auf die Seite geglitten war, lag ohne Kissen, die ganze Gestalt ausgereckt und die Brust eigentümlich vorgestreckt, der Polizeimeister. Seine blauen Hosen waren aufgeknöpft und zurückgezogen, das Hemd hatte sich hoch auf die Brust geschoben; dazwischen hob und senkte sich stoßweise, anscheinend unter furchtbarer Anstrengung, der nackte Bauch.

Der Arzt sah streng auf ihn hin und sagte:

»Schwester, leuchten Sie, bitte …«

Aber die Frau des Polizeimeisters sprang selbst zum Tisch und brachte die Lampe, ganz vornübergebeugt, als trüge sie eine schreckliche Last. Die Flamme fiel jetzt von unten auf sie, so daß ihre Augen einen eigentümlichen Glanz annahmen; wenn sie sich vom Leib ihres Mannes nach dem Gesicht des Arztes zuwandte, sahen ihre Züge kindlich, naiv-erschrocken aus.

Der Arzt beugte sich nieder. In dem grellen Lichtkreis schien für ihn nur dieser gerötete Bauch mit dem dunklen Nabel und den schwarzen Haaren darunter, der sich zitternd hob und senkte, zu existieren. Das Gesicht des Verwundeten blieb im Schatten; der Arzt hatte es ganz vergessen.

»Ah so, hier …« sagte er mechanisch zu sich selbst.

Dort, wo der Bogen der Rippen aufhörte, war ein kleines dunkelrotes Loch. Seine Ränder waren auffallend regelmäßig, schon etwas blau angelaufen und mit rosigem Blute besudelt; es sah so winzig an, daß man an seine Gefährlichkeit gar nicht glauben mochte. Doch die qualvolle Anstrengung, mit denen sich der Körper scheinbar aus allen Kräften gerade um die wunde Stelle spannte, sprach deutlich von den furchtbaren Leiden und der rasch sich nahenden Gefahr.

»Ah so, ah so …« wiederholte der Arzt.

Mit zwei Fingern drückte er vorsichtig an den Rändern der Wunde. Weich gab der Körper nach, doch plötzlich ging ein furchtbares Aufwogen durch ihn und ein einfach unmenschlicher, wahnsinniger Schrei ertönte irgendwo abseits, unter dem Ellbogen des Arztes.

Die Lampe in der Hand der Frau im rosa Kleid geriet in solche Bewegung, daß der Arzt zunächst mechanisch nach ihr griff. Vor sich sah er ein blasses, bedauernswertes und so schönes Gesicht, daß wiederum heißes Mitleid in sein Herz trat. Ihre Arme fielen hinunter und hingen hilflos am Körper.

»Sie klappt zusammen!« dachte der Arzt, – ihre wankenden Bewegungen genau beobachtend.

»Gnädige Frau … regen Sie sich nicht so auf … Gehen wir lieber … Hier ist für Sie nichts zu tun,« versuchte er behutsam auf sie einzureden, und faßte sie gleichzeitig an den Ellbogen.

Sie sah ihn mit wilden vergrößerten Augen an.

»Nein, nein … nichts, nichts … Schneller, Doktor, schneller … Um Gottes willen!«

Aber der Arzt schob sie nachdrücklich am Ellbogen weiter, und sie verließ gehorsam das Zimmer.

Im Salon zündete das Dienstmädchen die Lampe an, und das gemilderte rote Licht ließ die runden Oberflächen der geschweiften Möbel und das trübe Gold der Bilderrahmen aus der Dämmerung hervortreten. Durch die Tür schaute fragend aber zurückhaltend das rote runde Gesicht des Pristaw herein. Der Arzt brachte die Frau fast gewaltsam dazu, sich auf den Diwan niederzusetzen.

»Kommen Sie nicht dorthin … bleiben Sie hier … dort genügt die Schwester. Ich schicke gleich nach dem Feldscher. Der Feldscher ist ein Heilgehilfe mit so weitgehender Ausbildung, daß er nach Ablegung des staatlichen Examen auf dem Lande berechtigt ist, den Arzt zu vertreten. D. Uebers. Sie regen sich zu sehr auf … Bleiben Sie …«

»Nach dem Feldscher ist bereits geschickt worden,« gab der Pristaw zurück.

Sie hörte zu, ohne ihre schwarzen glänzenden Augen vom Arzt abzuwenden; sie schien irgendetwas nicht zu verstehen. Sobald sich der Arzt bewegte, griff sie flink wie eine Katze nach seiner Hand.

»Doktor, um Gottes willen, sagen Sie die Wahrheit … ist das nicht gefährlich? … Wird er nicht sterben? …«

Beim Sprechen störte sie etwas; das letzte Wort brachte sie nur mit Mühe und undeutlich hervor.

Der Arzt begriff immer mehr, welchen furchtbaren Kummer sie empfand; sein Mitleid verstärkte sich noch.

»Nun, was …« dachte er, auf sein eigenes unklares Gefühl antwortend: »Jedem das Seine! … Auch diese Gewalttat ist ebenso entsetzlich wie jede andere … Ihr ist er natürlich das Teuerste auf der Welt, trotz allem … und ihm ist sein Leben teuer, wie jedem Menschen … Meine Sache ist es, allen zu helfen … nicht … die Kranken in Schuldige und Unschuldige einzuteilen! …«

»Beruhigen Sie sich, gnädige Frau,« er sah aus der übergroßen Höhe seiner hageren Gestalt weich auf sie herunter! »Wird schon alles, mit Gottes Hilfe, in Ordnung kommen. Die Wunde ist schwer, gewiß, aber Sie haben mich noch zur Zeit geholt … Ja, es ist gut, daß ich so schnell gerufen wurde …« wiederholte er, um seinen Worten mehr Gewicht beizulegen.

Obgleich alles ebenso ungewiß war wie vorher, da er noch nichts getan hatte, wurden die schwarzen Augen weich, verloren ihren fieberhaften Glanz, wurden tief und dankerfüllt. Sie fühlte sich plötzlich ganz schwach und sank in den Diwan zurück.

»Ich danke Ihnen, Doktor …« sagte sie leise mit zutraulicher, liebkosender Stimme. »Gehen Sie, ich werde nicht mehr stören … Aber falls … dort … Sie werden mich rufen! Doktor!« Gegen seinen Willen warf der Doktor nochmals einen Blick auf diese schäumende Flut weißen Spitzenwerks, schwarzen Haars, des rosigen Körpers und der raschelnden Seide.

»Welch eine prächtige Schönheit!« dachte er entzückt. »Und dabei – das Weib, die Beischläferin dieses Halunken! … Seltsam, bei Gott! … Ja, so ist alles in der hellen Welt!« – In das Zimmer tretend, drückte er die Tür ins Schloß. Es roch wie vorher nach Arzneien, wie vorher hing über dem Bette das peinigende, abgerissene Röcheln, saß die barmherzige Schwester, regungslos daneben, auf ihrer Brust das ins Auge fallende rote Kreuz.

»Hören Sie, Schwester, schicken Sie nach dem Feldscher und zu mir nach den Instrumenten, übrigens werde ich ihm schreiben, er soll mir selbst … er weiß schon …«

»Sehr wohl,« sagte gehorsam die Schwester und erhob sich. »Aber es ist schon überall hingeschickt worden, Herr Doktor …«

»Sagen Sie auch, daß vorläufig niemand hereinkommt … Der Verwundete braucht Ruhe … Halten Sie seine Frau zurück.«

Der Arzt blieb allein am Bett des Verwundeten. Er stellte behutsam die Lampe auf das Tischchen, dem Bett näher und setzte sich an die Seite auf einen Stuhl.

Der Polizeimeister lag noch immer unbeweglich. Auch sein Gesicht mit großem, schönem Schnurrbart, seine Hände mit Ringen auf den Fingern, seine Beine in hohen lackierten Stiefeln waren ebenso regungslos. Nur der nackte, gerötete Bauch bewegte sich, eigentümlich unangenehm und drohend in dem gespannten Rhythmus, die Muskeln kürzten sich unregelmäßig nach einer Seite, als wenn sie sich vergeblich anstrengten, etwas Störendes, das tief in ihnen festsaß, herauszustoßen.

Und nach jeder mißglückten Anstrengung zitterte der ganze Körper ruckweise und unter dem buschigen rötlichen Schnurrbart drang ein heiserer Laut hervor, der ebenso einem unbewußten krankhaften Lachen wie einem gram- und schreckerfüllten Seufzer ähnlich war.

Der Arzt wußte, was er tun konnte, um dem Organismus in der Ueberwindung der Schmerzen zu helfen; er sah beim ersten Blick, daß der robuste Körper des Polizeimeisters die Verwundung trotz ihrer Schwere, überstehen könne, solange keine Komplikation einträte und die Hilfe nicht zu spät käme. Gewohnheitsmäßige Ungeduld begann sich seiner zu bemächtigen.

Er nahm die mit rötlich-blonden Haaren bedeckte Hand, die wahrscheinlich sehr stark gewesen war, jetzt aber wie Gummi nachgab, und suchte nach dem Puls.

In dieser Sekunde hörte das Röcheln auf. Der Arzt blickte rasch auf den Verwundeten und bemerkte, wie dieser zu sich kam.

»Nun, wie fühlen Sie sich?« fragte er.

Der Polizeimeister schwieg. Sein Bauch wogte nach wie vor schwer auf und nieder. Die Augen schauten trüb und leblos unter den gesenkten Lidern hervor.

Der Arzt glaubte schon, daß er sich geirrt hätte, aber in diesem Augenblick erzitterte der Schnurrbart, und eine eigentümliche Stimme, die aus der innersten Tiefe des Körpers zu dringen schien, sprach leise und deutlich:

»Schmerzt … Doktor … ich werde sterben … Wo ist Emma … meine Frau?«

»Ihre Frau habe ich hinausgeschickt, weil sie sich zu sehr aufregte. Sie werden nicht sterben, kein Gedanke. Ist nicht so schlimm …« antwortete der Arzt beruhigend in dem gewohnten sicheren Tone, in dem er stets zu Kranken sprach.

»Schmerzt …« wiederholte der Polizeimeister noch leiser und seufzte.

»Das tut nichts … Bald bringen wir alles wieder in Ordnung … gedulden Sie sich ein wenig,« erwiderte der Arzt in demselben Tone.

Aber der Polizeimeister hatte schon wieder die Besinnung verloren und das schwere Röcheln drang zähe unter dem rotblonden Schnurrbart hervor.

Der Arzt sah auf die Uhr, seufzte und stand auf. Die Wunde war von der barmherzigen Schwester ausgewaschen worden, vorläufig war nichts zu tun. Er empfand nagende Unruhe. Im Zimmer war es schwül und heiß, die Lampe brannte zu hell. Ihm war trübe zumut, die Gedanken ballten sich, wie Rauch im Winde. Er trat an das Fenster; er öffnete den Gucker In den russischen Fenstern ist stets ein Halbfensterchen, das geöffnet werden kann, ohne den Fensterrahmen, der im Winter zumeist gegen den Frost verkittet wird, zu bewegen. D. Uebers. und schaute, an das kalte Glas gelehnt, auf die Straße hinunter; er empfand es angenehm, wie die kalte reine Luft, die über seinem Kopf in einer Welle ins Zimmer strömte, seine Haare bewegte.

Die Straße war leer. Scheinbar ohne Zweck brannten einsame, gelbe Laternen und beleuchteten die schwarzen Fenster des Hauses und die schweigsamen Schilder. Ueber die Dächer ragte in hohen Umrissen der dunkle Glockenturm der Kathedrale; hinter ihm schimmerte kaum sichtbar eine ferne Röte.

Sie rief in dem Arzt die Erinnerung an den Pogrom wach; augenblicklich entstand in ihm wieder die dumpfe Ratlosigkeit, die ihn den ganzen Tag über wie Brechreiz gequält hatte. Er streckte den Hals durch den Gucker und lauschte. Zwar war nichts zu hören; dann aber brachte der Wind vereinzelt den fernen Schall von Schüssen herüber.

… B–bach … bach … bach … schwebte es dumpf im Winde und in diesen kurzen, dumpfen Lauten lag schmerzlich das Verhängnis.

»Herrgott, wann wird das nur ein Ende nehmen …« dachte der Arzt.

Hinten im Zimmer ertönte wie zur Antwort ein steigendes, auseinandergezogenes Röcheln.

Dem Arzte ging ein bedrückender Gedanke durch den Kopf.

»Herrgott, nun der hier … welch eine schöne, liebenswürdige Frau der hat, wie stark und gesund er selber ist, welch durchsättigter Luxus ihn umgibt; was für gesunde, fröhliche Kinder müßte er haben … aber statt sich mit diesem Glücke zufrieden zu geben, am Leben zu freuen und diese Freude zu schätzen, macht er solche Sachen! Für ihn ist es unnötig, ganz außerhalb liegend, furchtbar … er müßte doch begreifen, welche Leiden es bringt. Aber trotzdem …«

Der Wind brauste heftiger gegen die Dächer; vom Bett kam wieder das Röcheln.

Der Arzt am Fenster lauschte unruhig; er glaubte einen Schrei zu hören, konnte aber nicht unterscheiden, ob er sich nicht getäuscht hatte. Auf sein Gesicht, das erhitzt und schweißdurchfeuchtet war, begannen feine Tropfen unsichtbaren Regens niederzufallen. Den langen Hals gereckt, blickte er nach rechts und links, sah gerade gegenüber und las auf einem großen weißen Schild: »Fischniederlage«.

Undeutlich kam ihm etwas in den Kopf, füllte aber plötzlich mit ungeheurer Schnelligkeit sein ganzes Denken aus, indem es zu einem blendend grellen Bilde anwuchs. Sechs, sieben Monate vorher war er zu einem Händler gerufen worden, der einen leichten Schlaganfall gehabt hatte.

Der dicke Kerl lag auf dem Sofa wie eine frisch gehäutete Sau; sein Gesicht war blau, wie bei einem Toten; sein Atem schwer und heiser. Manchmal begannen sich seine Arme und Beine krampfhaft zusammenzuziehen; daran sah man, welche Qualen er litt.

Der Arzt hatte damals alles getan, was die Wissenschaft vorschrieb; er beschäftigte sich ohne zu schlafen oder zu ermüden die ganze Nacht hindurch mit ihm, und brachte ihn auch endlich wieder auf die Beine. Und dieser selbe Händler Woskobojnikow hatte vor drei Tagen einer Horde Menschen, die abgerissen und betrunken kaum Menschen ähnlich waren, vor der Kathedrale Schnaps zum besten gegeben und unter sie buntes Zeug für Fahnen verteilt. Sein rotes, fettes Gesicht war gleißend vor Erregung und mit seiner heiseren Stimme stieß er wütend sinnlose Worte aus, die sich jetzt in diese Bestialitäten, Morde und Vergewaltigungen umgesetzt hatten.

»Da hab ich's, – hätte ich ihn damals nicht kuriert,« dachte der Arzt, »so wären jetzt vielleicht Dutzende von Menschen mehr am Leben geblieben … Was habe ich damit getan? …«

Er trat verwirrt vom Fenster fort, als suche er sich eine Erinnerung zurückzurufen, findet sie aber nicht. Er ging zum Bett und begann, scharf in das Gesicht des Polizeimeisters zu schauen. Es war blaß, hilflos. Manchmal, wenn das Stöhnen stärker wurde, kamen unter dem rotblonden Schnurrbart weiße breite Zähne zum Vorschein; dann nahm das ganze Gesicht einen listigen, tierischen Ausdruck an.

Eine starke Welle wütenden Ekels schlug plötzlich in dem Arzt empor. Die ganze Umgebung – die luxuriöse Ausstattung des Schlafzimmers, wie die satte, unverdeckte schamlose Nähe der Ehebetten und der nackte Leib mit seiner verzärtelten, geröteten Haut – alles wurde zu unerträglichem, körperlichem Widerwillen.

»Man muß sich bezwingen … ich habe kein Recht, kein Recht persönlichen Empfindungen nachzugeben!« schrie er sich in Gedanken an. »Und selbstverständlich werde ich nicht fortgehen, nicht einen Sterbenden im Stich lassen,« dachte er mit gefälschter Sicherheit, gewissermaßen zu deutlich im Ausdruck.

»Weshalb ihn nicht im Stich lassen? Weshalb! – Es ist doch unmöglich …«

Völlige Ratlosigkeit lähmte ihn. Merkwürdig ungeschickt zog er das Taschentuch aus der hinteren Tasche des Gehrocks, wodurch der Hinterschoß hilflos nach oben gerissen wurde, und begann sich langsam und anhaltend das mit dicken Schweißtropfen bedeckte Gesicht abzuwischen.

»Pfui Teufel! … Aber was ist denn das … kommt denn am Ende niemand?« dachte er in plötzlicher Wut, vergessend, daß er es selbst verboten hatte. Doch sofort ertappte er sich dabei, daß er das Kommen irgend jemandes nur wünsche, um sein persönliches »Ich« durch einen anderen Menschen mit anderen Empfindungen zu ersetzen und zu verstärken.

»Es ist entsetzlich, wie einem die Nerven kaput gehen! Diese verdammte Zeit,« sagte er lautlos voll Verzweiflung und trat langsam zurück. Seine Bewegungen waren unsicher und schwankend, als wenn er sich gegen den Willen eines anderen bewegte und während der ganzen Zeit diesen Widerstand quälend überwinden müßte.

Aus irgend einem Grunde zog es ihn immer wieder nach dem Fenster.

Sobald er in die Finsternis hinaussah, erschien ihm ein wirres, schmerzlich grelles Bild aus den letzten Tagen. Die Leiche eines jungen Mannes war zu ihm ins Krankenhaus gebracht worden. Das Gesicht fehlte, man konnte nicht erraten, was für ein Leben getötet wurde, nur aus der Masse des blutigen Schmutzes, der den Kopf in einen häßlichen Klumpen verwandelt hatte, traten Büschel weicher Haare hervor. Dann erinnerte er sich an eine Gymnasiastin, ein kleines jüdisches Mädchen, die ihm fast täglich morgens auf dem Wege ins Krankenhaus begegnete. Sie war schlank, lustig und ihr sauberes, braunes Schulkleid, die schwarze Schürze, die hohen Schuhe und das schwarze Haar, das sich um die rosigen Schläfen legte, standen ihr famos. Den müde gewordenen Arzt wehte aus ihrer Gestalt stets der erfrischende Hauch erster weiblicher Jugend an; er liebte es, ihr zu begegnen, wie er in jedem Jahr dem ersten, noch schüchternen, aber schon lichten und freudigen Frühling zu begegnen liebte. Auch sie war ermordet worden. Ihre Leiche war die zweite, die der Arzt an diesem Tage sah. In einer Gasse, nicht weit von einem verräucherten Haus mit eingeschlagenen Fenstern und ausgebrochenen Türen, mitten unter Splittern und schmutzigen Lumpen, auf dem grauen nassen Fahrdamm, hatte er einen ungewöhnlichen, hellen Flecken erkannt: die Plünderer hatten sie im Hause vergewaltigt, nackt ausgezogen und durch das Fenster auf das Pflaster geworfen, wo man sie, wie dem Arzt erzählt wurde, lange an einem Fuß durch den Schmutz schleifte. Auf ihrer noch nicht ganz geformten Brust hingen schwarze Streifen von der an den Steinen abgerissenen Haut, die schwarzen aufgelösten Haare waren im Schmutz hart geworden und standen bis auf einen Arschin vom Kopf ab, ein nacktes, gebrochenes Bein bog sich kraftlos zwischen den Steinen.

Zum ersten Mal traten Tränen unter seine geschlossenen Lider und zerflossen über den Brillenrändern. Und plötzlich wurden diese unaussprechlich traurigen Bilder mit dem Grauen eines schweren Traumes zu der formlosen, aufgedunsenen Fratze des Händlers Woskobojnikow, mit blutunterlaufenen, glotzenden Augen und verzerrt aufgerissenem Maule und ringsherum sprangen wie Teufel die besessenen Gestalten abgerissener, vom Wodka aufgedunsener Menschen.

»Nein … das sind keine Menschen!« sagte plötzlich scheinbar ruhig, laut und überzeugt, der Arzt.

In diesem Grauen ging das Gesicht des ermordeten Mädchens unter.

Schwankend und etwas vor sich hin murmelnd, nahm sich der Arzt mit aller Gewalt zusammen, trat vom Fenster zurück und ging wieder auf das Bett des Polizeimeisters zu, doch sowie er in die Mitte des Zimmers gekommen war, wandte er sich jäh um, machte eine abwehrende Handbewegung, senkte den Kopf und ging, ohne auf den Kranken zu blicken, hinaus.

»Ich kann nicht!« sagte er voller Gram.


III

Im Salon stieß er mit der barmherzigen Schwester zusammen; er trat zur Seite, um ihr Platz zu machen. In diesem Augenblick war er in einem eigentümlichen, halb bewußtlosen Zustand; er konnte sich später nicht erinnern, woran er damals gedacht hatte. Die Schwester blieb stehen und sagte beruhigend ihm von unten ins Gesicht blickend:

»Es ist nochmals geschickt worden, Herr Doktor … nach Timophejew und nach dem Krankenhause …«

Der Arzt blickte nachdenklich, als wenn er auf etwas anderes lauschte, auf ihre Stirn, wo unter dem weißen Kopftuch kleine flaumige Härchen hervorkrochen; dann antwortete er:

»Ah so … ja …«

»Vielleicht brauchen Sie etwas? Ich werde es vorbereiten … Wasser?« fragte wieder die Schwester.

»Gut … Wasser!« brüllte wütend der Arzt, selber von dem Schrei und dessen Plötzlichkeit erschreckt. Für einen Augenblick begegneten seine Augen den verwunderten der Schwester; in ihren Blicken sah er den Ausdruck beleidigter Würde.

Er wollte sprechen, Aufklärung geben, um was es sich handele, schwenkte aber nur kraftlos die Hand und ging durch den Salon hinaus.

Er schritt, ohne es zu bemerken, durch sämtliche Zimmer, er fühlte den verständnislosen, ängstlichen Blick der Gattin des Polizeimeisters, die sich vom Divan erhoben, auf sich gerichtet, ohne sie jedoch zu sehen, trat ins Vorzimmer und begann mit zitternden Händen den Mantel anzuziehen.

Sie kam hinter ihm her, streckte die halbentblößten, spitzenbedeckten Arme ein wenig nach ihm aus und fragte beunruhigt:

»Wo wollen Sie hin, Doktor? Was ist denn?«

Hinter ihr, die Hände ungeschickt auseinandergeschlagen, stand der Priestaw, über seinen Kopfe schaute das Gesicht des Gendarmerieoffiziers.

Da kehrte der Arzt, der bereits Gummischuhe und Mantel angezogen hatte, mit der Mütze in der Hand um. Er ging aus irgend einem Grunde an ihnen vorbei ins Eßzimmer und sagte, auf den Fußboden blickend, ganz blaß:

»Ich kann nicht … Rufen Sie irgend einen anderen …«

Wirrer Schreck weitete ihre dunklen Augen. Sie schlug die Hände zusammen.

»Doktor, was ist mit Ihnen! … Wen soll ich denn rufen? … Ich habe Ihnen schon gesagt … man war überall … Sie sind der Einzige … Warum? Sind Sie selbst nicht gesund?«

Der Arzt stieß irgend einen Laut aus, weil er nicht gleich das Wort herausbringen konnte.

»I … Nein … ich bin gesund! … Ich bin vollkommen gesund!« schrie er, in Aufregung geratend und am ganzen Körper zitternd.

Eine tödliche Blässe begann rasch und gleichmäßig ihr Gesicht zu bedecken. Sie schwieg und schaute ihn an, und an diesem starren, verglasten Blick verstand der Arzt plötzlich, daß auch sie ihn verstanden hatte.

»Herr Doktor!« begann drohend der Gendarmerieoffizier, aber sie hielt ihn mit der Hand zurück.

»Sie wollen meinen Mann nicht kurieren, weil er …« sprach sie leise; sie bewegte nur schwach die zitternden, erschlafften Lippen.

»Ja …« wollte der Arzt kurz und hart antworten, aber die Worte waren in seiner Kehle eingeklemmt und nicht hervorzubekommen. Er zuckte nur Schultern und Finger.

»Erlauben Sie!« loderte der Pristaw auf; verstummte aber aus irgendwelchen Gründen, sich verwirrt umschauend.

Es entstand ein kurzes Schweigen. Die Frau faßte den Arzt mit dem Ausdruck der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit fest ins Auge und der Arzt schielte hartnäckig nach unten, auf das Füßchen des gedeckten Tischchens.

»Doktor!« sagte sie mit gespanntem, schüchternem Flehen.

Der Arzt schlug rasch die Augen auf, antwortete aber nichts. In ihm ging ein qualvoller, versteckter Kampf vor: es schien ganz unmöglich, verbrecherisch und ungerecht, einen Sterbenden und sie, in ihrer ausweglosen Verzweiflung, im Stich zu lassen; fortzugehen und sich beim Fortgehen klar und bestimmt zu sagen, daß man dadurch einem völlig wehrlosen, leidenden Menschen das Todesurteil ausspricht.

Wie in der schrecklichen Geschwindigkeit eines Kreislaufs, suchte er nach einem Ausweg, fand ihn aber nicht. Glaubte er in einem Augenblick, daß es einfach und klar wäre, hinzugehen, zu helfen, zu trösten, so kam es ihm im nächsten ebenso einfach und klar vor, wie die Gerechtigkeit selbst – fortzugehen. Eins verschlang das andre.

»Doktor!« wiederholte sie mit dem gleichen, gespannten Flehen, indem sie sich ganz zu ihm neigte und die Arme ausstreckte.

Ganz außerhalb dieser Gedankenkette empfand der Arzt plötzlich, daß er im Mantel warm werden und sich erkälten kann, wenn er auf die Straße kommt; dann schien es ihm, daß er schon abgelegt hätte, zum Kranken hingehe und dessen Gesicht mit dem rotblonden schönen Schnurrbart und den weißen breiten Zähnen wieder vor sich sähe.

»Nein, das ist nicht möglich!« zuckte es durch seinen Kopf.

Er erschrak vor diesem Gedanken, wieder schwankte vor seinen Augen das zu einem blutigen Brei geschlagene Gesicht des ermordeten jungen Mannes, das nackte Bein der Gymnasiastin, er hörte die Worte seines Bekannten: »sie rissen die Leiber auf und stopften Bettfedern hinein« und eine neue, fast erdrückende Aufwallung ergriff ihn. Mit heiserer Stimme schrie er:

»Ich kann nicht!«

Dann wehrte er, sich kurz vor ihr verneigend, mit der Hand ab und wandte sich zur Tür.

Ein völlig unerwarteter, verzückter Aufschrei von ihr hielt ihn zurück.

»Sie dürfen es nicht! … Sie sind zur Behandlung verpflichtet! … Ich werde mich beschweren, Sie werden es zu bereuen haben … Platon Michajlowitsch! …«

Der Pristaw wie der Gendarmerieoffizier und zwei andere Polizeibeamte machten einen Schritt nach dem Vorzimmer. Es schien, als wollten sie sich alle, die Frau im rosa Kleid an der Spitze, auf ihn stürzen. Er verzog das Gesicht und wandte sich um.

Die Frau stand vor ihm, ihre dunklen Augen wurden rund; ihre dünnen Hände ballten sich krampfhaft und sie reckte sich mit dem ganzen Körper zu ihm auf.

»Sie dürfen es nicht! Wissen Sie, was …? Ich werde Sie mit Gewalt zwingen …«

»Iwanow!« rief der Pristaw, rot werdend.

»Aha! Iwanow?« sagte mit eigentümlicher Stimme, gedehnt, der Arzt, die Türklinke, die er mit der Hand erfaßt hatte, loslastend. »Sie drohen mir? … Nun gut … Wenn ich so handle, weiß ich, warum! … Ich bin zur Behandlung verpflichtet? … Wer sagt das … Ich bin zu nichts verpflichtet, was mir ekelhaft ist! … Ihr Mann ist eine Bestie, und wenn er jetzt leidet, nun, nur schade, wenn zu wenig … Ich ihn behandeln? … Ich einem Manne das Leben geben, der … Begreifen Sie, was Sie reden … Daß Sie sich nicht selber schämen. Wie bringen Sie es über die Zunge, für ihn zu bitten … Ah! Nein … n – ein! Mag er krepieren, mag er krepieren, wie ein Hund, ich rühre keinen Finger … Verhaftet mich! Wir wollen sehen …«

Seine dünne, ein wenig weibische Stimme kreischte, seine kleinen kurzsichtigen Aeuglein glänzten triumphierend und schonungslos. In diesem Augenblick würgte er an dem süßen Rachegefühl; der Ausweg für alle sittlichen Qualen, all den ohnmächtigen Groll, der ihm die Lust am Leben genommen hatte, war gefunden. Er lächelte unbewußt, sonderbar und brüllte immer lauter, ohne zu bemerken, was um ihn vorging.

Die Frau im Spitzenwerk schien zu fallen; Blässe verwischte die letzten Farben auf ihrem plötzlich häßlich und schlaff gewordenen Gesicht. Sie wankte hilflos, bewegte krampfhaft die Lippen und streckte in stummem, kraftlosen Flehen die Hände zu ihm aus.

»Do – – Doktor!« hörte er endlich durch sein eigenes Schreien ihre schwache Stimme.

Er brach jäh ab und sah sie wie verwundert an, als hätte er ganz an ihre Anwesenheit vergessen.

»Ich … ich weiß, Doktor …« stammelte sie, »Doktor … hat er denn selbst … Doktor …«

Der Arzt verlor plötzlich den Halt.

»Da – das ist keine Rechtfertigung,« meinte er stotternd.

»Ich weiß, Doktor … aber so wird er sterben …«

»Aber …« begann der Arzt, wieder wütend werdend.

Sie fiel ihm ins Wort, während sie sich an den Aermel des Mantels klammerte.

»Ja, ja, Doktor … ich habe es nicht so gemeint … ich verstehe … nicht so … Aber ich liebe ihn doch, Doktor … ich werde ohne ihn sterben … Nun, ich leide doch auch, ich … Doktor, im Namen alles Heiligen. Gibt es in Ihnen keinen Tropfen Mitleid … Wir haben Kinder …« und plötzlich sank sie rasch in die Knie.

»Emma Wassiljewna! Was tun Sie!« riefen, sich auf sie stürzend, der Priestaw und der Offizier, aber sie stieß sie von sich.

Das war so unerwartet und eigentümlich, daß der Arzt zurückschwankte. Sie kroch ihm auf den Knien nach, die knisternde, rosige Schleppe hinter sich herziehend, und der Anblick der luxuriösen, schwachen Frau war so rührend, daß scharfer Schmerz alles in der Seele des Arztes umkehrte.

»Doktor, Doktor … um Gotteswillen!«

Schweiß rollte in dicken Tropfen über sein Gesicht, Arme und Beine zitterten und brachen fast zusammen. Eine Sekunde lang fühlte er, daß er nicht widerstehen könne, fühlte sich willenlos, doch da packte ihn der Pristaw am Ärmel, und in einer furchtbaren Aufwallung des Grolles, zerbrach er die schon bereite Zustimmung, riß die Hand los und stürzte zur Tür.

Sie klammerte sich an seinen Aermel, rief ihn, fiel aber, da sie nicht festhielt, mit beiden Händen aufklatschend zu Boden und blieb wie ein Haufen rosigen Stoffes und aufgelöster Haare starr liegen.

Sie wurde aufgehoben, doch während der Arzt die Tür zuschlug, sah er sie noch am Boden; etwas brach in ihm schmerzlich ab. Man lief hinter ihm her, der Pristaw rief die Soldaten herbei; er hörte ihre Schritte schon unten an der Treppe dröhnen. Der Arzt zitterte am ganzen Leibe und klammerte sich ungeschickt ans Geländer, während er eilig, fliehend, die Stufen mit den einsinkenden Beinen suchte. Vor seinen Augen tanzten feurige Kreise; ein schweres, formloses Gefühl erdrückte ihn wie ein Berg ein Sandkorn.



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