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Morgenschatten.

I

Es war Frühling. Pascha Afanassjew, ein Gymnasiast der achten Klasse Entspricht der Oberprima., der krankheitshalber von den Examina dispensiert war, und die Gymnasiastin Lisa Tschumakowa, standen an einem geflochtenen Zaun, der zwei Gärten voneinander trennte.

Lisa lehnte mit der Schulter am Zaun; in ihren grauen, etwas hervorquellenden Augen lag ein kindlich ernster und doch schon mädchenhaft zarter Ausdruck, der sich stets in ihnen zeigte, wenn es sich um etwas Wichtiges in ihrem Leben handelte – sie hörte zu und blickte dabei auf ein Buch, das sie in der Hand hielt, und auf die Volants ihres hellgrauen Kleides hinab. Pascha Afanassjew aber stand an der andern Seite mit der Brust gegen den Zaun gedrückt, weil es ihm schwer wurde, sich aufrecht zu halten, und sagte mit hoher, abreißender Stimme:

»Will man Sie aber nicht fortlassen, so brennen wir einfach durch! … wir werden uns schon durchschlagen … auf irgend eine Weise! … Ich werde Ihnen dort irgendwelche Stunden verschaffen, irgendwas zum Abschreiben. Sie werden nicht untergehen, wie es auch sei. Und wenn es auch anfangs schwer wird … dagegen kann man nichts tun, ohne das geht es nicht!« Pascha Afanassjew machte eine sorglose Geste. »Darin liegt sogar ein besonderer Reiz, wahrhaftig … Wozu wirklich hier stecken bleiben? Welch Leben ist dort … Dort bewegt sich alles, alles lebt … Von der Arbeit in die Studentenversammlung, von der Versammlung ins Theater oder in die Bibliothek … Das verstehe ich, das ist ein Leben, zu leben wert; aber was ist sonst? Wenn ich denke, daß ich zwanzig Jahre in diesem verfluchten Nest gesteckt habe, so wird mir …

Pascha Afanassjew brach einen faulen grauen Pflock vom Zaun und schleuderte ihn verzweifelt ins Gras. Aus der Ferne, hinter grünen Bäumen und Büschen, deren breites dunkles Meer von unendlich vielen, frischen Farbentönen durchrieselt wurde, rief das Dienstmädchen der Tschumakows, Wassilissa, hell:

»Gnädiges Fräulein! … Kommen Sie zum Mittag! – A–u!«

In diesem unvermuteten Waldzuruf »a–u« lag etwas so schrankenlos Lustiges und Lebensfreudiges, daß Lisa und Pascha Afanassjew sich gleichzeitig anblickten und lächelten.

»Ich komme!« rief Lisa so laut, daß in der Nähe ein kleines, volles Echo aufklang, und stieß sich mit der Schulter vom Zaune zurück. Dann nahm sie wieder den vorigen naiv-ernsten Gesichtsausdruck an und sagte leise:

»Vielleicht werden sie mich nicht fortlassen, aber ich will fahren …« und nach kurzem Schweigen fügte sie hinzu: »Ich bin zu diesem Entschluß gekommen.«

Pascha Afanassjew knackte begeistert mit den Fingern:

»Nun, das nenne ich – famos, Lisotschka!« … rief er mit freudig zitternder Stimme. »Sie werden es nicht bedauern, Lisa, Sie liebe! … Und die, was wollen die: Die werden zuerst wütend sein und werden sich dann zufrieden geben; während vor Ihnen das ganze Leben liegt! … Ach, werden wir da ein Leben führen! … Arbeiten werden wir, daß es nur so eine Art hat! … Die Zeit ist jetzt heiß, eine Arbeitszeit, – Menschen tun not … Wir werden dort einen eigenen, guten Kreis bilden … werden uns nach Menschen der Tat umsehen!« setzte Pascha Afanassjew im Baß hinzu. »Wir beide wissen im Grunde gar nicht, was für ein Glück das ist, sich tief in das dichteste Gedränge des Lebens zu stürzen! … Wenn man so vorwärts geht und weiß, daß neben einem, Schulter an Schulter, ebensolche Menschen, tatkräftig, stark … kühn vorwärtsmarschieren …«

Pascha Afanassjew ballte die Fäuste und warf den Kopf keck in den Nacken. Auf sein Gesicht fiel Licht, seine dunklen Augen glänzten vor Begeisterung und Kraft; dadurch trat das Schwache und Krankhafte in seinen Zügen noch deutlicher hervor. Lisa sah ihn aufmerksam und vertrauensvoll an.

»Da liest man hier, wie Menschen leben, Kämpfen, sich ihr Glück bauen … es benimmt einem manchmal geradezu den Atem, man wäre gleich aufgesprungen, scheint's einem, allen voran gelaufen, und dabei … sieht man hier doch nur in den Büchern bei Tee und Eingemachtem, daß es irgend ein anderes Leben gibt, das mit unserm Vegetieren im Hühnerstall hier nichts gemein hat …«

Lisa seufzte schwer und zupfte an dem Zipfel ihres Zopfes.

»Also, abgemacht?« fragte Pascha Afanassjew mit scherzhafter Feierlichkeit, indem er die Hand zum Handschlag durch den Zaun streckte.

Lisa blickte lächelnd in sein jugendliches, liebes Gesicht, das so mutig und zart war, kaum vom ersten Flaum bedeckt, und reichte ihm ihre kleine Hand mit der weichen Handfläche und den wunderbar hübschen allerliebsten Fingerchen, die man alle hintereinander langsam und behutsam hätte abküssen mögen. Pascha Afanassjew schüttelte sie kräftig und in seine Augen traten grundlos Tränen.

»Ach, Sie meine liebe Lisotschka!« sagte er herzlich und seufzte leise mit der kranken Brust.

»Gnädiges Fräulein! …« rief Wassilissa beharrlich, schon ganz aus der Nähe.

Lisa nickte Pascha Afanassjew mit dem Kopf zu und ging rasch und elastisch den Pfad hinunter.

»Ja!« Pascha Afanassjew schlug sich plötzlich an die Stirn. »Lisa!«

Lisa blieb sofort stehen und sah sich um.

»Ich habe ganz vergessen, Ihnen zu sagen … Eine Gefährtin haben Sie schon: Dora Barschawskaja … Sie geht auch auf die Kurse. Eine Frauen-Universität in Petersburg, die offiziellen Charakter hat, führt die Bezeichnung »Höhere Kurse.« Sie ist aus dem Gymnasium in Poltawa …«

»Ein Judenmädel?« fragte Lisa von weitem.

»Judenmädel? … das heißt eine Jüdin!« Pascha Afanassjew wurde mißmutig. »Schämen Sie sich denn nicht, Lisa, bei Gott! Ich dachte, Sie stehen darüber!«

Lisa blickte ihn aufmerksam und ernst an.

»Ich dachte nicht dran …« sagte sie ruhig. »Einfach …«

»Ich werde Sie heute auf dem Boulevard mit ihr bekannt machen, – gut?« Pascha Afanassjew war sofort beruhigt. »Sie ist ein sehr gutes, geistig entwickeltes Mädchen …«

»Machen Sie uns bekannt …« Lisa, nickte mit dem Kopf und ging weiter.

Pascha Afanassjew sah ihr nachdenklich nach, während er sich, hin- und herwiegend, mit beiden ausgestreckten mageren Händen am Zaun festhielt. Dann blickte er träumerisch nach oben, wo durch das grüne Gitter der Blätter der Himmel hellblau leuchtete. Er schloß die Augen, fuhr mit der Hand über das weiche Haar, ging dann nach Hause, quer durch das Unkraut, über das junge grüne Gras, das mit schlichten farbigen Feldblumen bunt durchsetzt war.

 

Der Tisch war auf der Veranda gedeckt; Pawel Iwanowitsch und Olga Petrowna hatten bereits Platz genommen. Wassilissa reichte eine weiße Schüssel mit kalter, grüner Kräutersuppe herum, wobei ihr Halsschmuck mit unzähligen Münzen auf der nach allen Seiten schwankenden hohen Brust klirrte. Der kleine Gymnasiast Sserjosha lief von der Veranda her der Schwester entgegen.

»Ich komme, komme schon!« rief sie ihm zu und den Zopf schwingend, schlüpfte sie unvermutet an ihm vorbei und rannte über den freien Platz; ihre gelben Schuhe flimmerten sprühend in der Sonne. Sserjosha kreischte entzückt auf und schoß hinter ihr her. Auf der Veranda kläffte verwundert und besorgt das Schoßhündchen; dann rannte es, den Schwanz wie einen Kringel gedreht, hinter den beiden her.

Pawel Iwanowitsch legte solide die Zeitung auf die Knie, nahm die Brille ab und lächelte nachsichtig. Olga Petrowna vergoß etwas von der Suppe und lachte.

»Na, so mutwillig geworden … und doch schon Braut …« sagte sie weich und mit freudiger Liebe.

Lisa lief pfeilschnell um das große Blumenbeet, überrannte das Schoßhündchen, das sich in ihrem grauen Rock verfing, und fiel mit den Händen in den gelben Sand. Das Buch funkelte, weit aufs Gras fliegend, mit seinen sämtlichen Blättern in der Sonne.

»Hallo!« brüllte Sserjosha und fing sie behutsam am langen aufgegangenen Zopf. »Hab dich doch gekriegt.«

»Ich bin von selber gefallen,« erwiderte Lisa ernst, erhob sich, nahm das Buch von der Erde auf und ging ganz ruhig nach der Veranda. Das Hündchen kroch ihr erwartungsvoll um die Füße und stellte sich immer wieder auf die Hinterpfoten; aber Sserjosha schüttelte trotzig den runden geschorenen Kopf.

»Jawohl … gefallen! Hätte dich sowieso gekriegt!«

Lisa setzte sich an den Tisch, und griff nachdenklich zum Löffel. Alle blickten sie an. Es lag etwas so Freudiges und Schönes in ihrer Jugend, in ihrem kleinen elastischen Busen hinter dem grauen strengen Kleide, in dem frischen Duft ihres Haares und des zarten, kräftigen Körpers, daß sich überall um sie eine reine Atmosphäre jugendlicher Freude, in der es sich leicht atmete und vergnügt lebte, bildete.

Die Löffel klirrten leise an den Tellerrändern; das Hundchen nieste unter dem Tisch; die Sonne überschüttete Lisas Haar mit Gold. Es war schlicht, still und hell.


II

Abends kam der Kornett Ssawinow, der zukünftige Bräutigam Lisas; er klirrte auf der Veranda mit seinen Sporen, während die lackierten Stiefelschäfte und die eng anliegenden Reithosen glänzten.

Es war so still in der Luft, die von den Strahlen der untergegangenen Sonne noch erhellt wurde, daß alle Töne gläsern und zittrig erschienen, und das leichte Räuspern des Kornett im Garten zwischen den dunklen, saftiggrünen Bäumen dröhnend widerhallte.

Sserjosha nahm die Mütze und ging mit seiner Angel, an der er weiß der Teufel warum, noch niemals etwas gefangen hatte zum Fluß; Lisa drehte das Haar zu einem dicken Wulst und sagte:

»Nikolaj Nikolajewitsch, wollen wir auf den Boulevard gehen.«

Der Kornett ließ freudig die Sporen klirren und holte ihr, deutlich mit den lackierten Stiefeln auftretend, den Mantel von der Veranda.

Sie gingen untergefaßt, und man konnte an den überaus behutsamen Bewegungen, mit denen der Kornett das kleine runde Händchen trug, das vertrauensvoll auf dem weißen Aermel seiner Litewka lag, erkennen, daß sich sein ganzes in Reithosen und Uniform gestrafftes Wesen ebenso fest in einem unendlich ehrfurchtsvollen Gefühl der Liebe und des schüchternen, fast keuschen Begehrens spannte.

Auf dem Hofe begegneten sie der Amme eines Mieters mit einem kleinen Kinde auf dem Arme. Das Kind glotzte aus dummen, wasserhellen Aeuglein auf sie hin und reckte sich nach Lisa aus.

Lisa ließ den Kornett stehen und nahm es in die Arme. Sie warf es hoch hinauf, drückte seine Wange an die ihre und sah den Kornett an.

»Humm« muschelte das Kind und lachte selig, während es die kurzen Stumphändchen schwang.

Lisa wurde plötzlich verlegen, gab das Kind zurück und ging würdevoll weiter.

Auf dem Boulevard begegnete ihnen Pascha Afanassjew. Er ging mit einem schmächtigen Fräulein, deren Kopf eigentümlich groß war; sie hatte trockenes, schwarzes Haar, und jüdische mandelförmige Augen; mit trippelnden, eilenden Bewegungen lief sie neben ihm.

»Ah, da sind Sie schon, Lisa!« sagte laut Pascha Afanassjew; erst nach einer Weile fügte er, zu dem Kornett gewendet, den er, wie alle Militärs, nicht liebte und für einen dummen, inhaltsleeren Menschen hielt, hinzu:

»Guten Abend, Herr Ssawinow!«

»Guten Abend!« erwiderte der Kornett freundlich.

Pascha Afanassjew wandte sich sofort von ihm ab und sagte zu Lisa und der kleinen Jüdin:

»Nun, also, machen Sie sich bekannt: Das ist Dora Moissejewna Barschawskaja, und dies – Lisa Tschumakowa, von der ich Ihnen bereits erzählt habe …«

Lisa reichte ihr die Hand, und Dora schüttelte sie schnell und abgerissen mit ihrer schmalen, trocknen Hand.

»Ich bin sehr froh, mit Ihnen bekannt zu werden … Pascha hat mir viel von Ihnen erzählt …«

Am Ende des Boulevards stand das Militärkasino, und in dessen Garten spielte Musik. Die klingenden Metalltöne der Blasinstrumente flogen weit über den Boulevard und jagten einander in Tonfolgen, die abwechselnd sehr traurig, und dann wieder äußerst keck schienen.

Die Mädchen gingen zusammen voran, der Kornett und Pascha Afanassjew, hinter ihnen.

»Tram … ta–ta … tram … ta–ta … tam!« wiederholte der Kornett vergnügt das Motiv.

»Militärmusik kann ich nicht ausstehen!« sagte Pascha Afanassjew und verzog das Gesicht zu einer schmerzlichen Grimasse – nicht weil ihm die Töne der Trompeten wirklich unangenehm vorkamen: in dieser durchsichtigen Luft waren alle Töne hell und angenehm, – sondern weil der Kornett auf ihm den Eindruck eines platten Menschen machte und ihn verstimmte.

»Wirklich?« fragte der Kornett freundlich und zog die Brauen hoch.

»Ja, stellen Sie sich nur vor!« erwiderte Pascha Afanassjew ironisch. »Wie die Töne selbst banal sind, so wählen Ihre Kapellmeister auch die banalsten Motive aus … der Teufel mag sie kennen! … Sagen Sie bitte, es gibt doch auch gute Musik! … Uebrigens hört man aus jedem Ton, daß sie die Musik eigentlich gar nichts angeht, man hat nun einmal die Bürgerschaft zu belustigen und so wird sie auch belustigt …«

»Aber,« meinte der Kornett versöhnlich, »es ist immerhin ganz angenehm an solchem wunderbarem Abend so ein hübsches Motivchen zu hören.«

Pascha Afanassjew sah ihn mit vernichtender Verachtung an und biß sich auf die Lippen.

»Jetzt,« sagte der Kornett vergnügt zuhörend: se–ehr hübsch ist das! … Das ist aus der Geisha«, erklärte er noch vergnügter und schlug leicht mit den Fingern den Takt nach.

Pascha Afanassjew blickte, endgültig die Lippen verziehend, auf ihn und ließ ein »Hm« durch die Nase tönen. Lisa drehte den Kopf um und warf dem Kornett einen strengen Blick zu.

»Nun,« sagte Pascha Afanassjew nach kurzer Pause, »also gehen wir zum Herbst alle los …«

»Ja!« erwiderte Dora mit etwas scharfer, abgerissener Stimme.

»Wohin denn?« fragte der Kornett verwundert.

»Nach Petersburg!« antwortete ihm Pascha Afanassjew und der Kornett tat ihm einen Augenblick lang aus irgend einem Grunde leid.

»Das heißt … Auch Lisawjeta Pawlowna?« fragte der Kornett in demselben verwunderten Tone, und seine kräftige Stimme zitterte.

»Alle, alle gehen wir los!« sagte Pascha Afanassjew.

Der Kornett verstummte; auf seinem schönen, doch nicht klugen Gesicht war nichts zu unterscheiden.

»Haben Sie sich schon für irgendwelche Kurse entschlossen?« fragte geschäftsmäßig Dora.

»Für die medizinischen, selbstredend!« erwiderte hitzig Pascha Afanassjew an Stelle Lisas.

»Für die medizinischen …« sagte auch Lisa ernst.

»Ich denke, da kann gar keine Wahl sein!« begann Pascha Afanassjew aufgeregt und gestikulierte dabei in sehr jugendlicher Weise mit den Händen. »Was sind bei den jetzigen Verhältnissen die pädagogischen Kurse? – Quatsch! So zu lernen, wie Sie Lust haben, wird man Ihnen doch nicht erlauben, und das ABC einpauken … ich danke dafür! … Aber beim Mediziner! Sich in seine Tätigkeit zu mischen, ist doch nicht so leicht. Und welch Glück dann, wenn auch nur einen Menschen vom Tode oder vor Leiden zu retten! Da sieht man, ein Leben ist schon ganz verloren, und mit einem Mal … Das muß man sich erst mal klar machen!«

Die guten großen Augen Paschas wurden vor Aufregung ganz naß.

»Ja, und außerdem, für das Volk ist das jetzt das allernötigste! Und Propagandamachen ist für den Mediziner auch leichter,« bemerkte Dora ein wenig näselnd.

Die Musik riß an der hohen Note eines der scharfen, klingenden Messinginstrumente ab. Es wurde still. Die Sterne leuchteten unmerklich über der Stadt und auf dem Boulevard wurde es so dunkel, daß man die Gesichter nicht mehr sehen konnte. Am Ende des Boulevards, unter den großen Lindenbäumen, glimmten Zigaretten auf, in kaum erkennbarem Weiß schimmerten die Offizierslitewken.

»Im übrigen,« setzte Pascha Afanassjew mit vertiefter Stimme auseinander, als wenn er auf seine eigenen Gedanken antwortete, »jede Arbeit – vor allem Arbeit … Erfülle jeder seine Pflicht, der Nutzen wird kommen … Nicht die Arbeit ist das Wichtigste, aber daß jeder selbst ein echtes Leben hat, daß es Kampf und Sieg darin gibt … Ach, wenn ich denke, nun noch zwei, drei Monate, und ich werde weit weg von all diesen farblosen, satten, geruhigten Leutchen, von all ihren kleinlichen Interess'chen sein – mir bricht in der Brust etwas auf!«

Der Kornett ließ einen unbestimmten, zitternden Ton hören.

»Was?« fragte Lisa streng.

Der Kornett schwieg.

»Die Hauptsache ist – lernen, lernen und lernen!« erklärte Dora mit scharfer Stimme, als ob sie es abzählte und schüttelte energisch den Kopf. »Darin ist Macht, darin ist alles! … Wir brauchen nur gebildete Menschen, – genug der Dilettanten … Mit den Händen allein kann man heutzutage nicht allzuviel leisten!«

»Gewiß!« tönte Pascha Afanassjews Stimme aus der Finsternis. »Und nicht nur deswegen, sondern vor allem für sich selbst, für unser persönliches Leben vor allem … Man muß alles wissen, um alle Schönheit und Freude des Lebens verstehen zu lernen!«

»Den Gesichtskreis erweitern …« sagte plötzlich mit unnatürlich festem Tone, durch den doch klägliche Schüchternheit klang, der Kornett.

Alle verstummten so plötzlich, daß es peinlich wurde.

Lisa blickte den Kornett an, konnte aber in der Finsternis, außer der weißschimmernden Litewka, nichts unterscheiden.

Pascha Afanassjew lachte kurz und feindselig. Er hatte für den Kornett kein Gefühl des Mitleids mehr; ihm war es geradezu angenehm, ihn zu verwirren und zu demütigen.

»Bei einem Kornett des Christus liebenden Heeres auch dafür Gott Dank« flüsterte er Dora zu.

»Tja …« meinte Dora, und an dem Ton ließ sich erkennen, daß sie ein spöttisches Lächeln zurückhielt.

Doch dadurch, daß die klare freundliche Stimmung durch kleinliche Schadenfreude und Abgeschlossenheit ersetzt wurde, schwand die allgemeine Heiterkeit.

»Zeit nach Hause zu gehen,« meinte Pascha Afanassjew und seufzte grundlos auf.

Dora gähnte.

»Ja–a …«

Sie begleiteten alle Dora bis zum Tor ihres Hauses und gingen zu dritt weiter. Unterwegs fragte Pascha Afanassjew den Kornett, ob er Nietzsche und Marx gelesen habe. Der Kornett bejahte es; aber seine Stimme klang unsicher, und als sich Pascha Afanassjew schadenfroh erkundigte, ob er sich der einen oder der anderen Stelle entsinne, antwortete er stumpf gequält, durch die Nase atmend:

»Ich kann mich nicht erinnern, wirklich nicht … Es scheint, ich habe es übersehen … Wissen Sie, wir haben so wenig freie Zeit …«

Lisa hörte ihnen ernst zu und es kam ihr ganz sonderbar vor, daß sie eine Zeitlang, noch kurz vorher, daran denken konnte, den Kornett zu heiraten. Jetzt nahm sie sich vor, daß es unter keinen Umständen geschehen solle, aber sie wurde, ohne zu wissen warum, bei diesem Gedanken traurig.

Pascha Afanassjew trennte sich, bei sich angekommen, von ihnen, während der Kornett Lisa noch die paar Schritte bis zur Pforte ihres Hauses begleitete. Sie hörten beide, wie Pascha Afanassjew mit den Absätzen auf den Holzstufen klapperte und dann mit dem Riegel rasselte.

»Auf Wiedersehen, Nikolaj Nikolajewitsch!« sagte Lisa, ihm die Hand reichend.

Der Kornett nahm ihre Hand, ließ sie aber sofort wieder los.

»Lisawjeta Pawlowna,« begann er plötzlich mit zitternder Stimme, die bei einem so großen, erwachsenen Menschen sonderbar berührte, »ist es also wahr, daß Sie abreisen?«

Lisa kam es plötzlich unangenehm in Erinnerung, wie Pascha Afanassjew ihr lachend versichert hatte, Ssawinow würde, sobald sie ihm ihre Abreise mitteilte, eine Kanone aus der Tasche ziehen und sich unverzüglich, »unwiederbringlich« erschießen.

»Ich reise ab …« antwortete sie trocken, sogar so feindlich, wie sie noch niemals zu jemandem gesprochen hatte.

Der Kornett schwieg eine Weile.

Sein linkes Bein in der glatten Reithose zitterte stark, ein unbegreifliches Gefühl der Hoffnungslosigkeit drückte auf seine Brust.

»So,« sagte er, das Wort fortschnellend … »Wozu?«

»Zum Studieren, natürlich …« Lisa zuckte die weichen Schultern und blickte ihn streng an.

»Ist das denn … durchaus nötig?«

Lisa antwortete nicht; es schien ihr immer sonderbarer, dass sie daran hatte denken können, einen so stumpfsinnigen, beschränkten Menschen zu heiraten.

»Nun ist Zeit, nach Hause zu kommen …« sagte sie kühl. »Auf Wiedersehen!«

»Aber ich, Lisawjeta Pawlowna … was soll ich … eine Kugel vor den Kopf!« murmelte der Kornett mit gedankenloser Stimme, dabei gar nicht das, was er vorher sagen wollte.

»Aus einer Kanone?« fragte Lisa ernst.

»N–nein …« Der Kornett wurde stutzig. »Warum aus einer Kanone?«

»So … Auf Wiedersehen!« Lisa streckte ihm ihre Hand hin.

Der Kornett wollte noch etwas sagen, schluckte es aber herunter und blieb allein. Gegen eine Minute stand er unbeweglich, dann wandte er sich um und ging leise die Straße hinunter, sich fortgesetzt in den Sporen verfangend.

Der Nachtwächter klopfte in der Finsternis hinter irgend einem Zaun mißmutig an sein Brett.


III

Vier Monate später fuhren Lisa Tschumakowa und Dora Barschawskaja nach Petersburg. Pascha Afanassjew war vorher abgereist und sollte sie auf dem Bahnhof erwarten. Sie fuhren dritter Klasse.

Es war schon Herbst; das Wetter war grau, aber noch schimmernd und still. Es regnete den ganzen Tag. Alles war naß – die Wagen und die Schienen und die Stationsvorsteher; die Schwellen wurden schwarz; die vorbeifliegenden kleinen Flüsse und Teiche überzog der Regen wie mit dichten Pockennarben. Alles glänzte in der Feuchtigkeit, als läge auf jedem gelben Blättchen, auf jedem Pfeiler, auf der Erde, auf den Menschen – überall eine eigene durchsichtige Wasserrinde, und alles zitterte fein und tropfte.

Dora saß auf ihrem Platz im Wagen und las, während Lisa auf der überdeckten Plattform vor dem Fenster stand und mit ihren hervorquellenden, ein wenig fragenden Augen rückwärts schaute, dorthin, wo der graue Horizont, der hinter dem Regennetz wogte, mit dem eintönigen Himmel zusammenfloß. Ununterbrochen stand ihr die verlassene Stadt, Vater und Mutter, Sserjosha, das kleine Hündchen, das alte Haus und alles, was ihr so schmerzlich lieb war, vor Augen. Es schien irgendwo in der Nähe, gleich hinter dem Horizont zu sein und wenn man sich etwas höher stellte, nur auf die Zehenspitzen, mußte man es sehen können.

»Tra–ta–ta … tra–ta–ta!« ratterte der Zug rhythmisch, mit eiserner Brutalität immer weiter und weiter ziehend.

»Trararach!« dröhnte und zitterte eine hohe eiserne Brücke, die über einen gelben Fluß lief. Lisa schaute hinunter auf die Boote, Ladekähne, die ihr klein wie Spielzeug vorkamen, eins hinter dem anderen, nasses Holz auf dem Verdeck, auf graufarbene, kleine Menschen, die sie mit langen, dünnen Stangen vorwärtsstießen, auf das trübe, gelbe Wasser, das langsam fließend zwischendurch in kleinen Strudeln aufwirbelte. Eine traurige Stimmung lag über diesem gelben Flusse, an dessen abgeschwemmten gelben Uferrändern vereinzelt schmächtige, totenstarre Tannen- und Birkenbäumchen standen. Alles war ihr fremd, kalt, unbekannt.

Lisa dachte plötzlich entsetzt:

»Was treiben die da unten?«

Ganz unbegreiflich und dadurch schauerlich schien ihr in diesem Augenblick die Arbeit der kleinen Menschen mit den langen Stangen, das unbestimmte Strömen des Flusses, das Leben auf den abgeschwemmten gelben Ufern, hinter den vereinzelt herumstehenden Tannen und Birkenbäumchen.

Als sich die Dämmerung niederzusenken begann, seufzte Lisa auf, ging in den Wagen, wo durch die angezündeten Laternen sinnlose und riesige Schatten in Bewegung gekommen waren, und setzte sich neben Dora.

»Wohin wird's jetzt gehen?« wollte Lisa aus ganzer Brust, mit ihrem ganzen Wesen fragen, sagte aber statt dessen mit verhaltener, etwas träger Stimme:

»Pascha wird uns abholen – nicht wahr?«

»Selbstredend …« meinte Dora.

Sie hatte schon lange zu lesen aufgehört und fühlte jetzt Sehnsucht, Angst und Mitleid mit sich in dem ungeheuren, ungemütlichen Wagen, in dem es von eigenartig beschmutzten, verärgert aussehenden Menschen wimmelte, die Sjemiatschki Getrockneter Sonnenblumensamen. knackten, sich mit unnatürlich lauten Stimmen unterhielten, auf der Ziehharmonika spielten und verbissen schimpften. In dieser Minute erschien ihr jenes unbekannte Leben, von Lärm und Erfolg erfüllt, wie es sich ihr brennender Ehrgeiz schon seit langem ausgemalt hatte, so unerfüllbar, so unmöglich; einfach sinnlos und kläglich. Sie war froh, daß Lisa kam, und schaute aus ihrer dunklen Ecke, ohne den Blick der glänzenden Augen abzuwenden, auf ihr liebes Gesicht.

»Lisotschka!« sagte sie leise.

Sie nahm Lisas weiche, warme Hand in ihre trockenen, schmalen Finger.

Lisa sah sie aufmerksam an und plötzlich umarmte sie Dora mit ernster, breiter Bewegung und zog sie an sich.

»Nein, sieh dich mal erst um, und dann komme hierher, wollen mal zusammen sprechen!« rief jemand boshaft hinter der hölzernen Zwischenwand.

»Tju!« piepste weinerlich die Harmonika.

Ein hochgewachsener, auffallend hagerer Arbeiter in Lodenjacke und roter Bluse, die über die Hose hing, kam aus dem Nebenabteil und setzte sich, nachdem er zuvor gestrauchelt war, Lisa gegenüber.

»Wohin belieben Sie zu reisen?« fragte er nach kurzer Pause.

Man spürte den Geruch von Wodka.

»Nach Petersburg …« antwortete Lisa.

Ueber die Zwischenwand begann ein anderer Mensch, wahrscheinlich ein Soldat, mit hartem roten Schnurrbart und pockennarbigem Gesicht, herüberzuschauen.

»So …« sagte der Arbeiter und fixierte Lisas Gesicht und Busen mit schwerem, trunkenem Blick.

Ihr wurde bang.

Der Soldat lachte und schaute plötzlich auf.

»Was haben Sie da noch nicht gesehen?« fragte der Arbeiter, und an dem holprigen Klang seiner Stimme und dem leichten Schaukeln seines Oberkörpers zeigte sich, daß er stark betrunken war.

»Lisa,« rief erschrocken Dora, »komm, wir wollen ein bißchen auf die Plattform gehen.«

»Was, Sie wollen nicht mit mir reden?« fragte der Arbeiter wütend zurück.

»Weshalb nicht …« erwiderte Lisa eilig.

»Ich frage … möcht' gerne wissen, wozu beispielsweise, nach Petersburg?«

»Wir studieren …« antwortete Lisa gehorsam.

Der Soldat lachte wieder.

»Studieren?« wiederholte der Arbeiter. »Und nicht …?«

Der Soldat schnaubte wie ein Pferd und stieß vor Entzücken mit dem Gesicht gegen die Zwischenwand.

Dora weinte erschrocken. Lisa sah mit ernsten aufmerksamen Augen den Arbeiter an und in ihrer Brust preßte die Empfindung von etwas Leerem das Herz zusammen.

»Ich haue dir gleich ein paar hinter die Ohren,« rief unerwartet von der anderen Seite des Wagens ein langbärtiger alter Bauer in Bastschuhen, »da wirst du's lernen, jemanden umsonst kränken, du Schafskopf!«

Der Arbeiter sah ihn mit trüben Augen an.

»Meinetwegen – ich spucke drauf … mag sie der Teufel holen!«

Er stieß ein paar unflätige Redensarten aus, stand auf und ging fort.

»Eine Ba–ande! …« sagte vorwurfsvoll der alte Bauer, stand ebenfalls auf und ging hinter ihm her.

»Woher fahrt Ihr denn?« fragte er jemanden.

»Bei Kaluga her …« antwortete ein Arbeiter.

»Und wir sind aus Kursk … sagte der Bauer.

Gegen Abend wurde die Luft im Wagen noch schwerer. Hinter den Fenstern klopfte in der Finsternis unsichtbar, zitternd der Regen; unendlich rasselte der Zug.

Dora legte sich still auf ihrem Platz nieder; sie fühlte Furcht, sich zu bewegen. Lisa ging wieder auf die Plattform, von der aus nichts mehr zu sehen, auf der es nur kalt und naß war, und stand da gespannt und schwermütig gegen zwei Stunden.

Sie erinnerte sich, wie man sie zwei Tage vorher von Hause begleitete, wie Sserjosha und die Mutter weinten, und wie es im Hause so leer wurde, als hätte man das Allerwichtigste hinausgetragen, ohne das alles andere still und tot werden mußte. Dann, auf dem Bahnhofe, trat unerwartet Ssawinow in grauem, langem, von Regen durchnäßtem Mantel auf sie zu, sein Gesicht war grau und zermartert.

»Lisawjeta Pawlowna,« sagte er mit zitternder Stimme. »Ich wollte mit Ihnen sprechen …«

Lisa war es unangenehm. Alles, was gesagt werden konnte, war schon hundertmal durchgesprochen worden. Jetzt kam es ihr vor, daß dieses lästige Gespräch, über etwas, das doch nicht geändert werden konnte, den ganzen Sommer hindurch angedauert hätte. Anfangs tat ihr der Kornett leid, dann aber fing sie an, sich über ihn zu ärgern; zwar nicht, weil sie seiner überdrüssig wurde, sondern weil alle sich über ihn lustig machten und sie sich schämte, beinahe seine Frau geworden zu sein.

»Er sucht sie richtig zu blockieren!« sagte Pascha Afanassjew. »Der Arme – er leidet stark und sieht doch wie ein Truthahn aus, dem man den Schwanz ausgerupft hat!«

Immerhin ging sie mit ihm den Bahnsteig entlang, der infolge des Regens ganz leer war.

»Schneller, schneller …« bemerkte Dora kühl.

»Sofort!« antwortete Lisa bestimmt.

»Ich werde Lisawjeta Pawlowna nicht lange aufhalten,« fügte der Kornett betrübt hinzu.

Sie gingen schweigend zweimal hin und zurück. Der Kornett atmete schwer und blickte auf seine kotbespritzten Lackstiefel.

»Also, was wollen Sie mir sagen?« fragte Lisa.

»Ich … Folglich ist unter uns alles aus?« Man hörte deutlich, daß er es Gott weiß wozu gefragt hatte, während er vollständig begriff, daß alles zu Ende sei.

Lisa schwieg.

Das erste Glockensignal läutete.

Der Kornett seufzte.

»Lisawjeta Pawlowna,« sagte er plötzlich schnell, »ich bin vielleicht sehr lächerlich und … ein Mann von keiner besonderen … ich will Sie aber nicht hindern … Sie wissen, daß Sie einen Menschen, der Ihnen mehr zugetan wäre, niemals finden werden … Ich weiß allerdings nicht, weshalb Sie abreisen wollen, wenn Sie auch hier … soviel Glück für alle … vielleicht bin ich Ihrer unwürdig … natürlich … aber ich wäre zu Fuß hinter Ihnen hergegangen, wenn ich nur wüßte, daß ich … Verzeihen Sie mir, Lisawjeta Pawlowna, wenn ich …«

Plötzlich zitterten die Lippen des Kornetts und sein Gesicht wurde bemitleidenswert kindisch; er brach jäh ab und verstummte.

Dann half er energisch, die Sachen zu tragen, schrie auf den Gepäckträger ein und schwenkte lange die Mütze, als der Zug sich in Bewegung setzte.

»Und im Grunde genommen ist er gar nicht so schlimm …« meinte Dora vom Kornett. »Nur furchtbar langweilig.«

Als Lisa durch das dunkle Viereck des Fensters, hinter dem immer etwas auftauchte, blickte, dachte sie, wie es wäre, wenn vorhin, als sie der Arbeiter belästigte, plötzlich die Tür aufgegangen und der Kornett eingetreten wäre. Und mit einem Mal wünschte sie leidenschaftlich, ihn zu sehen, in seinen Arm geschmiegt durch den Garten zu gehen, sich außer Gefahr, ruhig und einfach zu fühlen.

Sie weinte still und die Tränen rollten an der Nase vorbei über die kindlich geschwellten Lippen und fielen auf den sich wölbenden schmalen Busen.


IV

Der Frühling war angebrochen. Die ganze Erde seufzte auf, als wäre von ihr eine ungeheure, klebrige Last herabgerollt. Dieser feuchte, lebensfreudige Duft der Erde war auch in der Stadt, wohin er von Feldern und Wäldern durch den weichen Wind getragen wurde, deutlich zu spüren. Irgendwo begann der Schnee zu tauen, reine Bächlein eiskalten Wassers fingen an zu fließen und an durchwärmten Stellen sproß zu Grünen bereites Gras. Aber den Frühling selbst konnte man in der Stadt kaum sehen: die Schneeschmelze war auch schon während des Winters unmerklich eingetreten, die Fröste hatten sich nicht so scharf fühlen lassen – das Leben war im Sommer wie im Winter gleich hasserfüllt und farbig.

In einer Abteilung des Lazarettes der Militär-medizinischen Akademie war es hell. Durch die offene Fensterklappe drang ein Strom des Frühlinghauchs herein, und dadurch wurde es zwischen den gleichmäßigen Reihen der Betten und der sterbenden, abgezehrten Menschen fast noch langweiliger und unerträglicher. Pascha Afanassjew saß an dem Fenster zum Lazarettgarten, in dem es mehr grüne Zäunchen als Bäume gab und wo an jedem Baume ein aufgeweichtes Stück Pappe mit seiner Benennung auf Russisch und Lateinisch hing. Auf seinen Knien lag ein Buch, und die Hände, mit denen er es hielt, waren so mager und durchsichtig, daß es schmerzte, sie anzusehen.

Lisa Tschumakowa, Dora Barschawskaja und ein Student Andrejew saßen schweigend bei ihm. Es war ihnen peinlich, über irgend etwas zu sprechen, da ihnen der Assistent des Professors vorher im Korridor gesagt hatte, Afanassjew müsse im Laufe dieser Woche sterben. Es sei mit ihm durch die fortgesetzte Ueberanstrengung und das fremde Klima unwiderruflich zu Ende gekommen.

»Ausgebrannt ist der Mensch … schade!« meinte der Doktor.

Dafür aber sprach Pascha Afanassjew, obgleich es ihm Beschwerden machte ohne Aufhören. Man verbot es ihm auch nicht, weil es doch nichts mehr nützen konnte.

»Als ich das durchgelesen hatte …« sagte Pascha Afanassjew mit schwacher, unterbrechender Stimme, die dem Knarren einer kleinen, stockenden Maschine glich, und klopfte mit seinen mageren Fingern auf das Buch, »kam es mir vor, als wäre in meinem Zimmer das Fenster geöffnet worden: alles ringsum war mit einem Mal hell. Immer der graue, freudlose Ton … er frißt einem die Seele heraus! und nun zum Schluß … ein famoser Kerl! … Welch ein Triumphakkord! … Das hier – wie man es ansieht: das ist keine einfache Erzählung, daß sich ein Mädchen aufrafft und studieren fährt … Es ist ein Symbol voll tiefer Bedeutung!«

Sie wußten, von welcher Erzählung Es ist anscheinend die letzte Novelle Tschechows »Die Braut« gemeint, die bis hierher mit der vorliegenden Erzählung inhaltlich Aehnlichkeit hat. D. Uebers. er sprach. Diese Novelle hatte allen gefallen, aber es machte auf sie einen bedrückenden Eindruck, dicht vor dem Tode diese triumphierende, begeisterte Stimme zu hören.

»Ach, wenn es doch mehr solcher rufenden, kühnen Stimmen gäbe!« sagte träumerisch Pascha Afanassjew. »Man muß wecken, man muß rufen … man muß allen erzählen, daß es kein Leben gibt, wo es nicht auch machtvolle, angestrengte Arbeit gibt … Die Hauptsache ist, daß der eigene Winkel, die eigenen Interessen, die eigenen Menschen verschwinden, daß alle Menschen würden, daß die ganze Welt den Menschen offen läge! …«

»Ja … aber wie ließe sich das erreichen?« meinte Andrejew unbestimmt.

Pascha Afanassjew verstummte augenblicklich und sah ihn mit dem verständnislosen Blick eines Menschen, der auf etwas anderes lauscht, aus seinen krankhaft glänzenden Augen an. Aber Andrejew schwieg.

»Liebe Lisotschka,« sagte Pascha Afanassjew weich, »ich bin so froh, daß ich Sie aus unserem Sumpf herausgezogen habe! … Ihretwegen froh und auch meinetwegen … Es ist doch kein so kleines Verdienst, – einen Menschen herauszuholen und dazu einen so lieben, einen so guten wie Sie! … Und das war ich doch, der Sie herausgeholt hat, nicht wahr? … Na, nicht ganz allein ich, auch Bücher haben viel mitgeholfen,« er klopfte wieder leise auf das Buch, »aber immerhin …«

Er schwieg eine Weile, etwas angestrengt überlegend; als er wieder zu sprechen ansetzte, sprach er mit Mühe und verzerrt, schuldbewußt lächelnd:

»Nun, Lisotschka, wenn ich gestorben bin … die Sache ist ja möglich, selbstredend … überlasse ich Ihnen auch meine Tätigkeit … Sie sind mein Werk, in Ihrer lieben, guten Seele werde ich so selbst weiterleben … So ist es, Lisotschka … Auf was für traurige Gedanken ich komme … Aber erinnern Sie sich noch, wie Sie daran dachten, den Kornett zu heiraten, der sich aus einer Kanone erschießen wollte?«

Pascha Afanassjew lachte fröhlich.

»Ich erinnere mich, Pascha …« antwortete Lisa traurig, und zwang sich, ihn aus ihren guten, hervorquellenden Augen gerade anzusehen.

»Ja … Nun, mag Gott mit ihm sein! … Wissen Sie, mir tat er zum Schluß sogar leid. Im Grunde genommen hat er doch keine Schuld, daß Schicksal und Menschen aus ihm einen Trottel gemacht haben. Gelitten hatte er wohl doch viel … Ja …«

Pascha Afarnassjew schwieg wieder nachdenklich; in seine Augen trat ein trauriger Zug.

»Ja, die Hauptsache ist getan – raus!« Er lebte plötzlich wieder auf. »Was da auch sein mag, jetzt liegt es vor Ihnen … liebe Lisotschka …«

Pascha Afanassjew verschluckte sich; und irgend eine verzückte, übermenschliche Begeisterung durchleuchtete sein mageres Gesicht, in das das weiche Haar verworren fiel.

Als sie zum Fortgehen aufbrachen, sagte Pascha, den die Anstrengung geschwächt hatte, zu Andrejew:

»Täubchen, nimm bei mir die Literatur Die gewöhnliche Bezeichnung für illegale, politische Schriften. D. Uebers. und trage sie zu Bogdanow … Es ist wichtiges, aktuelles darunter. Ich werde vielleicht noch lange liegen bleiben … Nun, auf Wiedersehen, meine Teuren!«

Sie gingen zur Tür, aber Pascha rief plötzlich laut:

»Lisotschka … Lisa.«

Dora und Andrejew blieben im Korridor stehen und Lisa kehrte schnell zurück und trat dicht zu ihm, sich über ihn beugend. Sie spürte den trockenen, schweißigen Geruch seines kranken Körpers.

»Lisotschka …« sagte Pascha Afanassjew, dann verstummte er wieder. Seine Augen glänzten in einem wunderbarem innerlichen Glanz, als wenn er tief in sich hineinschaute. Lisa wartete in der gebeugten Stellung und fürchtete sich aus irgend einem Grunde, ihn anzublicken.

»Lisotschka …« wiederholte Pascha Afanassjew noch stiller, als wenn er Angst hätte, gehört zu werden: »jetzt ist Frühling … bei uns schmilzt wahrscheinlich der Schnee … Lisotschka … Der Arzt sagte, daß, wenn ich immer im Süden gelebt hätte, würde ich mich möglicherweise … erholt haben …«

Aus seinem dunklen Auge, das dicht neben Lisa weit aufgesperrt war, quoll etwas Dickes, Durchsichtiges heraus und zerrann unter den Wimpern.


V

Pascha Afanassjew wurde an einem grauen, warmen Tage beerdigt. In der Gruft stand gelblich-trübes Wasser, auf den Gängen lag ein Brei aus geschmolzenem Schnee, der aufgeweichte Lehm zerkroch unter den Füßen nach allen Seiten, und der Sarg wurde, geschwenkt und gestoßen, mit Mühe bis zum Grabe gebracht.

»Gleichen Schritt halten, Herrschaften, gleichen Schritt!« rief die ganze Zeit einer der tragenden Studenten, dem eine Ecke des Sarges in einem fort in die Schulter schnitt und die Mütze herunterriß.

Der Lehm klatschte schnell, anfangs scharf und tönend, auf den Deckel des Sarges, dann weich und angenehm in den schwarz-gelben Brei. Ein Hügel wurde mit Mühe und Not aufgeworfen, zerfloß aber sofort wieder.

Die Studenten und Kursistinnen standen schweigsam auf einem Haufen, stachen in ihrem Schwarz von dem weißen, öden Platz ab, und gingen nicht auseinander.

»Larionow, eine Rede … sage doch … sprich doch!« Einer stieß den anderen an. Larionow schien es selbst, wie man an seinem verschwitzten und vor Anstrengung geröteten Gesicht sehen konnte, seltsam vorzukommen, von hier so schlechthin wie von jeder anderen fertigen Arbeit fortzugehen.

Ein sehr junger, schöner Student mit begeistertem, aber unintelligentem Gesicht schob sich plötzlich mit der einen Schulter vor, schwenkte die Mütze über seinem kraushaarigen Kopf und sagte, über die Kreuze und Denkmäler fortblickend, mit zitternder Stimme:

»Nichts gibt das Schicksal umsonst … es verlangt erlösende Opfer.«

Dann verstummte er, glühend rot geworden, feierlich und bescheiden. Es wurde wieder still und, trotz des Häuflein Menschen, leer. Die Krähen flogen niedrig über dem schmelzenden Schnee. Es war unerträglich traurig.

»Also was … wollen wir gehen …« sagte Dora zu Lisa.

Lisa warf aus ihren schrecklich verweinten, grauen Augen, in denen Liebe und irgend ein ratloser Ausdruck lag, einen Seitenblick über das Grab und flüsterte zurück:

»Gehen wir …«

Gleich vor dem Kirchhof stiegen Dora und Lisa in einen Wagen der Pferdebahn und fuhren ohne Ende durch eine breite und trotzdem dunkle Straße, an vollkommen eintönigen Häusern vorbei. Unterwegs blickten alle Männer auf die schöne, volle Lisa, und wie stets, ohne daß sie es bemerkte; Dora dagegen sah es und wurde ärgerlich, obgleich sie diesen Aerger vor sich selbst verbarg. Als sie aus dem Wagen stiegen und durch die Straße nach Doras Wohnung gingen, seufzte sie und sagte:

»Na, nun ist er schon beerdigt …« und mit der Schulter zuckend, wie vor Kälte, setzte sie hinzu: »Wie das doch alles einfach ist … schrecklich einfach!«

Dicke Tränen rollten sofort wieder über Lisas Gesicht.

»Der arme, arme Pascha!« sagte sie leise.

»Wie, wirst du nachher hineinkommen?« fragte Dora, als sie unter dem düsteren Tor standen.

»Ich weiß wirklich nicht … werde schon hineinkommen …« Lisa seufzte wie schuldbewußt.

Sie traten in das Tor, durchquerten den kleinen Hof, der wie eine zugefrorene Spülichtgrube aussah, und klommen über eine Treppe, auf der es nach Kehricht und Katzen roch, in den vierten Stock. Die kleinen, kurzen Treppengänge kehrten sich mit unendlich ermüdender Eintönigkeit von einer Seite auf die andere. Dora schlug wie gewöhnlich stark das Herz und in ihren schweißbedeckten Schläfen klopfte es. In einem engen, dunklen Flur, in dem der Geruch noch schlechter war, zogen sie die Mäntel aus und traten eine nach der anderen in Doras Zimmer.

Das war ein kleines, halbdunkles Zimmer mit spärlichen und langweiligen Möbeln; an der Feuchtigkeit auf den Wänden und der ausströmenden Kälte konnte man erkennen, daß die Sonne hier niemals hereinlugte.

Lisa setzte sich aufs Bett; Dora blieb mechanisch am Tisch stehen und begann, durch das trübe Fenster hinaus zu schauen, ohne aber etwas in ihrem Blick aufzunehmen.

In den letzten Tagen waren sie so aufgeregt und beschäftigt gewesen, hatten soviel traurige Gespräche gehabt, soviel Laufen, Sorgen und Bemühungen, es war soviel gesungen, geweihraucht, soviel Kerzen am hellen Tag angezündet, ringsum soviel geweint worden, daß es ihnen jetzt ganz eigentümlich, fast unangenehm vorkam, wie still nun alles ist, wie man sich jetzt ruhig hinsetzen, zu Mittag essen, schlafen gehen oder irgend eine andere, einfache, alltägliche Arbeit verrichten sollte.

Beide empfanden die nervöse Beklemmung.

»Uebermorgen Anatomie …« sagte Lisa gedehnt, um auf etwas anderes zu kommen.

Dora schwieg.

»Bald sind die Examina zu Ende …« fuhr Lisa in dem sichtlichen Bemühen fort, dadurch ihre eigene, unerträgliche Trauer zu unterbrechen.

»Ich habe gestern einen Brief von zu Hause gehabt …«

»So?« fragte Dora mechanisch.

»Ja … Mutter schreibt, bei ihnen ist jetzt der Frühling in voller Blüte … Es ist warm und schöne Tage.«

Lisa seufzte und schwieg. Sie wollte sagen, daß es sie nach Hause zieht, nach dem grünen Gras, der Wärme, dem schlichten Leben, daß ihr hier alles zum Ueberdruß wurde. Aber eine unbestimmte Scheu vor Dora, vor sich selbst ließ es sie nicht aussprechen.

»Das ist Kleinmut …« dachte sie, »Schwäche … dagegen muß man ankämpfen.«

Dora schwieg noch immer.

»Gestern legten die Bestuschewski Kurze Bezeichnung für die Angehörigen der Bestuschewskischen Höheren Kurse. D. Uebers. Wjasnikow ihren Protest gegen sein unverschämtes Vorgehen vor …« fuhr Lisa in eintönigem, zähem Tone fort.

»Und?« gab Dora zurück.

»Und weiter nichts.«

Dora eilte plötzlich auf sie zu, preßte ihre Hände zusammen und sagte mit unterdrückter, angestrengter Stimme:

»Ach, Lisa, Lisotschka! … Langweilig, schlecht ist's … Das ist alles nicht so … nicht so …«

Lisa hatte gleich Tränen in den Augen; Dora tat ihr unendlich leid. Und als wäre es gerade das, was ihr fehlte, vergaß sie im Augenblick an sich. Ein starker mütterlicher Zug lag in der Bewegung, mit der sie Dora mit beiden vollen Armen um die hagere Taille faßte und an sich zog.

»Tut nichts, Dorotschka … liebe …« sagte sie, Dora aufs Haar und die Wange küssend.

»Soll ich den Ssamowar bringen?« fragte in diesem Augenblick die Wirtin unfreundlich hinter der Tür.

Dora fuhr zusammen. Lisa antwortete kurz:

»Bringen Sie ihn!«

Die dicke und schmutzige Kleinbürgerin, die die Studentinnen dafür haßte, daß sie ein besseres Leben führten als sie, und die sie doch für fünfzehn Rubel in ihrer Wohnung dulden mußte, – trug einen grün gewordenen Ssamowar mit schiefem Aufsatz herein.

»Auch Weißbrot?« fragte sie wütend, ohne jemand anzublicken.

»Nein!« erwiderte Dora eilig.

Lisa wie auch Dora genierten sich und hatten Angst vor ihr, obwohl sie es sich selbst nicht eingestanden.

In ihrer Gegenwart fühlten sie sich stets bedrückt, und wenn sie ihr im Korridor begegneten, bemühten sie sich, an ihr unbemerkt vorbeizuhuschen. Das war demütigend, ihren jungen, einfachen Seelen fremd, die sich unbewußt nur nach Zärtlichkeit und gegenseitiger Freundlichkeit sehnten.

Die Wirtin musterte genau und mit dem sichtlichen Wunsch, wegen irgend etwas Krach zu machen, das Zimmer, griff böse nach der Waschschüssel, in der ein wenig schmutziges Wasser war und trug sie mit einem jähen Ruck hinaus, vor sich hinmaulend und die Tür ins Schloß werfend.

Lisa und Dora saßen lange schweigend. In der stillen Seele Lisas mengte sich, wie Wellen aufsteigend, scharfes Leid um Pascha mit einem dumpfen Gefühl der Ratlosigkeit und Verwirrung. Ganz unfaßbar und sonderbar kam es ihr vor, daß Pascha nicht mehr und niemals mehr sein wird, daß aber in ihrem Leben alles beim alten bleiben solle. Dora begann, sich leise im Zimmer zu bewegen, machte Tee und wurde wieder still, in Gedanken mit etwas Persönlichem, wovon Lisa nichts wußte, beschäftigt. Der Ssamowar sang jämmerlich. Lisa weinte wieder still und unmerklich.

Eine Stunde nachher kamen die Studenten Larionow und Andrejew; der dicke, kurzsichtige Larionow fing sofort an, von Pascha Afanassjew zu sprechen.

»Meiner Meinung nach war es ein ganz hervorragender, wunderbarer Mensch,« sagte er mit traurig entzückter Stimme, alle über den Kneifer hinweg anblickend. »In ihm steckte irgend eine bedeutende Kraft … es ist geradezu schwer zu glauben, daß sie so leicht sterben konnte … Und die Hauptsache ist, daß er die Fähigkeit besaß, auf andere einzuwirken … Mir scheint fast, daß unsere Arbeit jetzt von selbst aufhören muß …«

»Aufhören wird sie nicht!« Andrejew schüttelte den Kopf.

»Das schon …«

»Im Grunde war Afanassjew ein schlechter Praktiker.«

»Als Praktiker schlecht …« gab Larionow zu. »Aber er verstand es, Leben hineinzubringen … Und sehen Sie, die Geschichte ist so: ich hab immer genau gewußt, alles das ist durchaus nicht so großartig, und hätte man Afanassjew gefragt, was eigentlich zu tun sei, so konnte er sicher selber keine Antwort geben. Hätte mit einer Redensart geantwortet; aber in ihm, da brannte es stets – und das riß mit fort … Verstehen Sie … Man sieht eben – wenn auch alles nicht so ist, es zieht einen doch an … wie?«

Larionow sah alle mit verständnislosen Augen an.

»Du bist ein schwacher Mensch, und weiter nichts!« erwiderte Andrejew grob, auf das eine Schnurrbartende beißend.

»Mag sein …« gab Larionow in plötzlicher Erregung zu, »wissen Sie … Davon wollte ich eigentlich nicht sprechen … in der letzten Zeit ist mir … so unangenehm zumute … So, man träumt, man liest irgend so etwas oder man hörte Afanessjew reden – – und alles geht so … es taucht in einem etwas Großes, Hinreißendes auf … man fühlt eine neue Spannung in sich! … Dann aber kommen gleich andere Gedanken und wieder wird einem so unangenehm zumute … Tja!«

Larionow schwieg eine Weile.

»Ja, auf dem ersten Kursus Das Studium in Rußland wird nach Jahreskursen, nicht nach Semestern gerechnet. D. Uebers., auch noch auf dem zweiten, das war was anderes … Da interessierte einen alles! … Ins Theater gegangen – schön, auf der Versammlung geschrien – schön … über Büchern gehockt – schön … und alles immer so lustig, famos …«

»Warum denn nicht!« gab Andrejew spöttisch zurück.

»Gewiß … dann aber fing ich an, nachzudenken: nun gut, ich lerne … so … Aber es handelt sich nicht um das Lernen. Ich nehme mir doch nicht vor, mein ganzes Leben allein der Wissenschaft zu widmen … als solcher … Die Sache ist die … wozu wird alles getan – nicht? – Nun also, als ich mich gefragt habe wozu – da konnte ich keine Antwort finden.«

»Wieso denn?« fragte Dora, den Kopf hebend.

»Einfach so … keine Antwort! … Wissen Sie, ich versuchte sogar, mir etwas auszudenken … das heißt, schlechtweg mich selbst anzuführen, – konnte aber nichts ausdenken! … Hören Sie nur mal …«

Larionow sprang auf und schlug erschrocken die Hände auseinander. Der Kneifer hielt sich nicht auf seiner kurzen Nase und er mußte ihn jede Minute zurechtrücken.

»Nun, ich sage nur, wissen Sie, so: dem Volke zu dienen … gu–ut, so … das wird stets sehr überzeugt und laut behauptet, so … So was spricht sich leicht aus … Ob es aber überhaupt möglich ist, dem Volke zu dienen – das weiß im Grunde niemand! … Da haben Sie die Bescherung: ich zum Beispiel, bin Mediziner, muß aber Arzt werden und Kranke kurieren … Nicht wahr?«

Er hielt inne und blickte fragend über den Kneifer hinweg.

»Stimmt …« willigte Andrejew scherzhaft, mit wohlwollendem Tone ein.

»Nein, mach keine Witze – – ich meine es ernst!« Larionow war gekränkt.

»Aber ich bin ja ganz ernst!« erwiderte im selben Ton Andrejew.

Larionow sah ihn eine Minute lang verständnislos an und machte dann eine gutmütige Handbewegung.

»Nun gut … Aber, nun kommt's so: ich werde ein Arzt und werde Kranke behandeln – Wäre ich ein ausnehmend begabter Mensch, so würde ich die Wissenschaft durch Entdeckungen bereichern …«

»Wie kommst du dazu?« warf Andrejew verächtlich ein.

»Tatsächlich, wie käme ich dazu!« gab Larionow vollkommen ernsthaft zu. »Also werde ich Kranke behandeln … Gut … Vielen werde ich helfen, Vielen nicht – das aber in der Hauptsache nicht deshalb, weil die Krankheit stärker ist als die Wissenschaft, sondern weil viele Krankheiten auf Ursachen zurückgehen, die man überhaupt … wie sagt man doch?«

Larionow knipste mit den Fingern.

»Pack nur aus: infolge außerhalb liegender Ursachen!« sagte ihm Andrejew ironisch vor.

»Nun ja … mag so sein … Ich werde mein ganzes Leben lang allerlei Menschen kurieren, aber nicht nur gute, nein auch schlechte, die ich für schädlich halte … Gesindel … Ich muß sie behandeln, weil sie ebenfalls leiden und Recht auf Hilfe haben … so liegt die Geschichte!«

»Na, das mag dahingestellt bleiben! …« erwiderte Andrejew.

»Nein, nicht dahingestellt … Du wärst der Erste, der mich einen Schuft nennt, wenn ich mich erst erkundigen wollte, wer und was der Kranke ist …«

»Gewiß …« meinte Dora.

»Nun, sehen Sie!« Larionow war über ihre Zustimmung erfreut. »Das mag sehr gut, sehr menschenfreundlich sein und so weiter … mir scheint aber, in Wirklichkeit ist es Abwesenheit von lebendiger, bewußter Liebe und weiter nichts … Welcher Blödsinn! …«

»Ja,« rief Dora lebhaft; erfreut, daß sie einen guten Gedanken hatte: »Daran habe ich auch schon gedacht: man kommt dazu, die einen zu kurieren, weil die Lebensverhältnisse schlecht sind, ebenso die anderen, die das Schlechte geschaffen haben und erhalten! …«

»Ganz richtig!« lächelte Andrejew, auf den Schnurrbart beißend.

»Na, also da sehen Sie, was dabei am Ende rauskommt! … Also werde ich als Arzt einfach zum Handwerker; zwischen mir und den Menschen wird es kein bewußtes Band geben. Ja … Einmal bin ich beinahe in eine konspirative Geschichte verwickelt worden; man hatte mir schon den Revolver gegeben – einen Browning, oder so was … solch ein schwarzes, schweres Ding … Nun, anfangs dachte ich: hier ist das! … nun geht wahres Handeln an! … Dann sah ich aber, auch dabei ist nichts … Man muß töten und wird selber gehenkt … Das eine wie das andere ist gleich unangenehm: Tod und kein Leben … Einfach ein Unglück, und weiter nichts! …«

Larionow zog die Schultern hoch, und auf seinem kurzsichtigen, guten Gesicht drückte sich Verzweiflung aus.

»Ich wurde so unentschlossen, ich hätte mich aufhängen mögen! … Einerseits – – die Tat ist groß, unzweifelhaft wichtig; – aber doch – aus welchem Grunde? Wer untersteht sich, mein Leben zu fordern … und daß ich ein Mörder werde? Und überhaupt … Ich kann mich nicht so ausdrücken … Als ich anfing, dachte ich, es wäre ganz leicht, jetzt sehe ich, daß nichts dabei herauskommt … Na, Sie werden mich schon verstehen …«

Im Zimmer war es schwül. Die Lampe brannte trübselig, nur einen kleinen Kreis beleuchtend, in dem die Gläser mit blassem Tee und die Löffelchen matt schimmerten. Ueber der Lampe schwebte blauer Tabaksdunst, der das Atmen erschwerte. Larionow schwieg und sah alle über seinen Kneifer weg fragend an; auf seinem runden, mit Schweiß bedecktem Gesicht stand Leid und Ratlosigkeit geschrieben. Dora legte das Kinn auf die untergelegten Hände und versank in Nachdenken, in die Flamme der Lampe starrend. Andrejew zupfte und drehte den Schnurrbart, und Lisa saß auf dem Bett; sie war nicht zu sehen und zu hören. Larionow rührte sie bis zu Tränen; sie hätte ihn gerne wie einen Knaben gestreichelt; aber sie fand keine Worte und schwieg.

»Ja, das Leben ist so eine komplizierte … schwierige Geschichte!« sagte Dora nachdenklich.

Larionow setzte sich schnell und sah erschreckt zu ihr auf.

»Und es ist doch verwunderlich,« fuhr Dora nachdenklich fort: »erst vor einem Jahre … noch weniger, vor einem halben Jahre, fuhr ich mit solcher Begeisterung hierher! Und das Wichtigste ist: was ich mir vorgestellt hatte, fand ich auch … Alles das gibt es hier wirklich: Zeitungen und Wissenschaft, Versammlungen und Theater … alles das, wovon ich gehört und gelesen hatte. Und nun ist ein halbes Jahr vergangen, und ich fühle nichts als Leere in mir und alles ist zum Ueberdruß, zum Ekel geworden! So sehr zum Ekel, daß, ich glaube, ich werde bald Pascha Afanassjew beneiden …«

Sie verstummte; es wurde ganz still. Hinter der Wand ertönten plötzlich Stimmen und das Klirren von Geschirr.

»Ich erinnere mich jetzt manchmal, wie ich vor zwei Jahren in einer Schule unterrichtete und wie ärmlich und unerträglich langweilig mir damals alles vorkam … Das Dorf war so grau, die Bauern betrunken, die Kinder dumm … meine Existenz ganz ebenso grau und dumm … Und jetzt scheint es mir manchmal so nett gewesen zu sein! … Das Dorf und das Birkenwäldchen, in das ich jeden Tag vor Langeweile spazieren lief, und die Kinder, besonders eins … da war ein Junge … und ich verstehe nicht, wie ich die Birken umarmen konnte und vor Sehnsucht geweint habe? … Jetzt denke ich wieder, daß ich mich vielleicht in mir geirrt habe und zurückfahren sollte, leben, wie ich gelebt habe? Nein doch! … Das wäre auch wieder langweilig … und weniger langweilig als bitter: soll ich denn wirklich dort mein ganzes Leben hinvegetieren?«

Lisa seufzte tief aus ihrer Ecke.

»Nun schön!« sagte Andrejew, der immer noch am Schnurrbart kaute. »Was redeten Sie sich denn eigentlich ein, als Sie hierher fuhren? … Was wollten Sie eigentlich?«

»Wie denn, »was«; Leben – nichts weiter!« sagte Dora ironisch.

Andrejew riß zornig an seinem Schnurrbart.

»Leben! … Was ist Leben, sagen Sie bitte? … Gib eine Zigarette, Larionow!«

»Na, das ist wohl klar!« meinte Dora gedehnt, die Lippe verziehend.

»Nein, erklären Sie es doch … Worin besteht dieses Leben: darin, daß man Theater besucht, Kollegs … daß man lernt, sich mit Politik beschäftigt … wie?«

»Gewiß … auch darin, natürlich …«

»Aber das haben Sie alles – was fehlt Ihnen denn noch?«

»Das weiß ich selber nicht. Ich fühle nur, daß mir gerade das fehlt, was das wichtigste ist.«

»Ich werde Ihnen sagen, was Euch fehlt!« sagte Andrejew entschieden.

»Na, na … das wird interessant,« meinte spöttisch Dora, und in ihren dunklen Augen flackerte ein böser Schein. Es ärgerte sie, daß sich Andrejew einreden könne, er wisse etwas, das sie nicht weiß.

»Liebe und Achtung vor sich selbst fehlt Ihnen.«

»Woraus schließen Sie das?« fragte Dora errötend mit derselben Stimme.

»Stets kommt Ihnen das Leben, zu dem Sie fähig sind, jämmerlich vor. Dann sehnen Sie sich heraus, möchten mehr sein, als Sie sind!«

»Komisch, wahrhaftig!« schnaubte Dora empört.

»Nein, warum denn … das ist, im Grunde genommen, wahr …« bemerkte Larionow.

»Wie sollte es auch nicht wahr sein!« Andrejew zuckte die Achseln. »Ihr seid gute Jesuiten, stets seid Ihr bereit, vor der heiligen Tätigkeit eines Arbeiters, eines Lehrers. Bauern und so weiter in den Staub zu fallen. Aber Euch sollte nur mal morgen das Schicksal zwingen, Steine oder Lehm zu karren, rotznäsigen Kindern das ABC einzupauken, dann werdet Ihr melancholisch, schämt Euch, einem Bekannten zu begegnen! … Und weshalb? … Weil es keinen Stolz in Euch gibt, keine Liebe und Achtung vor Euch selbst … Ihr wollt nicht daran glauben, daß Euch jedes Leben soweit interessant und wichtig sein muß, als es eben Euer Leben ist!«

»Nun, was heißt denn das!« rief Larionow entrüstet.

»Ich bin Bauer!« brüllte Andrejew, ohne auf den Einwurf zu achten, die Fäuste ballend. »Ich habe mein Lebenlang mein Brot mit dem eigenem Buckel verdient und bin gewohnt, zu glauben, daß ich selbst für mich alles bin … Mir ist es ganz gleich, welche Stelle ich zwischen den anderen Menschen einnehme, mag sie alle der Teufel holen, wenn ich nur satt und fröhlich bin! … Ihr aber wißt selbst nicht, was Ihr wollt, was Ihr könnt! Du hast eben erzählt: Ich bin »beinahe« in eine Konspiration geraten … mir »wurde« ein Revolver gegeben!« er äffte Larionows Ton nach. »In eine Verschwörung geratet Ihr zufällig, weil andere hineingeraten und in das Leben geht Ihr nur, weil andere sagen, es sei so gut! … Nein, wenn ich konspirativ arbeiten will, so tue ich es nur, weil es mir angenehm sein wird – mir allein! … Dann werde ich auch ohne Umstände sterben und einen anderen töten, ohne mit der Wimper zu zucken! Das ist so!«

Andrejew verstummte und riß sich aufgeregt am Schnurrbart.

»Wie das alles so einfach ist!« sagte Dora böse.«

»Und Sie möchten durchaus, daß es kompliziert wäre?« fragte Andrejew mit boshaftem Spott. »Da habt Ihr Christus und das Vaterland und die Menschheit und den Idealismus und den Marxismus zur Hand – – Das ist ja alles ganz schön, aber wo bleibt Ihr selbst … Wo ist Euer eigenes, freies, individuelles Leben?«

»Aber warte doch!« fiel ihm Larionow ins Wort, den Kneifer fallen lassend.

»Was ist da zu warten!« Andrejew riß den Kopf in den Nacken. »Aber ich glaube, jetzt ist ein Wendepunkt eingetreten … Zehn, zwanzig Jahre werden noch vergehen dann wird man Euch für monströse Krüppel halten … Man wird nicht verstehen, wie solche unselbständigen, feigen Menschlein leben konnten! …«

»Aber verraten Sie uns doch bitte,« sagte spöttisch Dora, »worin besteht Ihre Kunst, sich zu lieben?«

»Worin? … Darin, daß man sich selbst liebt, so wie man ist – als einen Menschen von Fleisch und Blut und Geist! Seine Existenz, seinen Körper, seine Genüsse, seine Selbständigkeit, seine persönliche Weltanschauung, nicht die falsche gefärbte … da habt Ihr's …«

Andrejew stand unerwartet auf und griff nach der Mütze.

»Auf Wiedersehen! Zeit nach Hause zu gehen. Es ist schon gegen zwölf.«

»Nein, erst erkläre mir …«

»Nichts habe ich zu erklären … schere dich zum Teufel, du Dummkopf! Wenn du das nicht von selber begreifst, eintrichtern kann man dir es nicht.«

Die Studenten waren fortgegangen. Im Zimmer wurde es still, man hörte nur, wie hinter der Wand gesprochen wurde.

»Ist das eine Philosophie!« sagte Dora mit Ironie. »Das bedeutet also zurück … in den Urzustand!«

Lisa seufzte und reckte sich. Und wieder zog ihr die scharfe Erinnerung an Pascha Afanassjew das Herz zusammen.

Nachts ging sie durch leere Straßen nach Hause, auf deren nassem Pflaster die Reflexe der Laternen zitterten und funkelten. Der düstere, breite Fluß strömte unter der Brücke durch und floß in der Ferne mit dem schwarzen Himmel zusammen. In unfaßbarer Weite dehnte sich die ungeheure Kuppel und spiegelte die Lichter der Stadt wie eine Feuersbrunst wieder. Von der See her schlug ihr ein warmer, feuchter Wind ins Gesicht. Und irgendwo in der Ferne dröhnte dumpf und warnend der Schall einer Kanone. In Petersburg wird Ueberschwemmungs-Gefahr durch Kanonenschüsse angezeigt. D. Uebers.


VI

Lisa war nach Hause gefahren.

Es war wieder Frühling, aber Pascha Afanassjew war nicht mehr da. Als Lisa gleich am ersten Abend in den Garten ging und sich an den Zaun stellte, wurde sie von stiller Trauer ergriffen. Es schien, als tönten hier noch irgendwo Paschas Worte, seine schwache und leidenschaftliche Stimme.

Auch Dora Barschawskaja war nicht in der Stadt: sie war in Petersburg geblieben, wo sie, um Geld zu verdienen, den Sommer über in irgend ein Kontor zur Aufbewahrung von Möbeln eingetreten war.

Zu Hause waren alle über Lisas Ankunft erfreut; am meisten der Kornett Ssawinow. Er kam am selben Abend angelaufen, keuchend und mit den Augen glänzend, und schwieg während des ganzen Abends, ohne seinen naiv-begeisterten Blick von Lisa abzuwenden. Sie war froh, ihn wiederzusehen, aber sie sah ihn wie gewöhnlich streng und ernsthaft an.

Nach dem Abendessen gingen alle spazieren. In Lisas Seele war eine unbestimmte frohe Müdigkeit; es bedrückte sie fast, gleich wieder durch die bekannten Straßen zu gehen, an den alten Häusern, Kirchen und Gärten vorbeizukommen.

Die Nacht war mondlos, und nach den weißen Petersburger Frühlingsnächten kam es Lisa finster wie in einem Keller vor.

Sie und Ssawinow gingen voran; Pawel Iwanowitsch und Olga Petrowna hinter ihnen.

»Wirst du dich nicht erkälten, Pawel Iwanowitsch?« fragte Olga Iwanowna gewohnheitsmäßig, und Lisa hörte diese altbekannte Frage, wartete auf die ebenso bekannte Antwort und wurde noch vergnügter.

»Weswegen soll ich mich erkälten? Ich verstehe wirklich nicht!« fuhr Pawel Iwanowitsch zornig auf.

Die Luft war schwer, mit jedem Atemzug schien etwas Mächtiges, Süßes, Lebensvolles bis an das Herz zu dringen.

»Ach, wie schön … wunderbar schön ist es!« wiederholte Lisa.

Entzücken und schüchterne Hoffnung regten sich in der Brust Ssawinows.

»Eine zauberhafte Nacht!« sagte er ein wenig durch die Nase.

Lisa schien es, daß er gerade das Treffendste ausgesprochen hatte.

Vollkommene Stille herrschte auf der Straße und die Sterne glitzerten lautlos in unerreichbarer Höhe.

Mit dem nächsten Tag begann ein schlichtes, sonniges Leben. Ein Tag verging nach dem anderen, freudig und friedevoll; nur wenn Lisa die Erinnerung an Petersburg und daran, daß der Sommer schwinden wird, in den Kopf kam, wurde ihr schwer und traurig zumute.

Schon im Juli, als nach den heißen und trockenen Tagen wunderbar sehnsuchtsvolle Nächte einsetzten und im Garten die phosphorischen Lichter der Leuchtwürmchen, am Himmel Schwärme von brillantenen Sternen glänzten, fuhr Lisa mit dem Offizier im Boot spazieren.

Er ruderte und Lisa saß am Steuer. Von einem Ufer bis zum anderen wogte ebenmäßig das schwarze tiefe Wasser; in ihm spiegelten die Sterne und schwankten auf und nieder. Am Ufer stand der dunkle, nachdenkliche Wald, voll Finsternis und warmen feuchten Atems.

»Ach Lisawjeta Pawlowna … wenn Sie nur gewußt hätten, wie ich mich nach Ihnen sehnte! … Hundertmal dachte ich mir: ich erschieße mich und fertig … Und dann dachte ich: der Sommer wird kommen, Lisawjeta Pawlowna kommt zurück, und ich werde nicht mehr da sein, ich werde sie niemals wiedersehen … So habe ich mich nicht erschaffen …« sprach leise der Kornett.

»So haben Sie sich nicht erschossen! …« wiederholte Lisa und lachte rein, klingend und schamhaft glücklich.

»Eine zauberhafte Nacht!« sagte Ssawinow wieder durch die Nase, ohne das Auge von dem in der Finsternis zerfließenden weichen und eleganten Umriß Lisas abzuwenden.

Ganz unbewußt wünschte sie noch anziehender zu sein, und jede Bewegung, die sie machte, war voll lieber Anmut, und jeder Ton ihrer Stimme voll zarter Schönheit.

An einer Insel stiegen sie aus und gingen in den Wald hinein, dicht aneinandergeschmiegt. Unter den Bäumen war es vollständig dunkel; die Feuchtigkeit und das tauige Gras ließen einen weichen Duft aufsteigen. Von allen Seiten leuchteten still die schwachen Feuerchen der Leuchtwürmer, die in völliger Heimlichkeit eine eigene wichtige Arbeit im Grase zu erfüllen schienen.

Sie blieben an einer Lichtung stehen und schauten hinauf in das Stückchen fernen dunklen Himmels, in den dunklen, geheimnisvollen Wald, der sie umgab. Ein heißes, starkes Gefühl zog sie aneinander. Kaum merklich, schamhaft zuckte Lisas Hand, und ihre Schulter drückte an die des Kornetts. Sein sehniger Körper wurde glühend und kalt; während einer Sekunde hätte er Lisa fast an die weichen Schultern gepackt, um sie mit dem ganzen zuckenden Körper an sich zu pressen und sie zu zerdrücken; doch er wagte es nicht und, an ihr niedergleitend, sank er mit den Knieen in das nasse Gras und drückte Kopf und Lippen auf ihre zarte Hand mit den hilflosen schwachen Fingern.

»Wollen wir gehen …« sagte zusammenzuckend, verwirrt, Lisa. »Wollen wir gehen!« wiederholte sie ernsthaft und streng, wie immer, aber durch ihre Stimme klang es zart und süß wie ein Lied.

Der Kornett stand auf, reichte ihr unterwürfig die Hand, und sie gingen.

Der Wald schwieg, die Leuchtwürmer brannten still im Grase, die glückliche Spannung, die den ganzen Körper durchdrang, machte das Atmen schwer.

Während des ganzen Wegs schwiegen sie und fürchteten einander anzublicken; aber das schamhafte glückliche Lächeln wich nicht von ihren Gesichtern und ein geheimnisvolles, glückliches Band verband sie während der ganzen Zeit.

Zu Hause betrachtete sich Lisa aufmerksam im Spiegel, beim Auskleiden war jede Bewegung langsam und faul. Der Kornett grub sich, als er nach Hause gekommen war, mit dem Kopf in die Kissen und blieb starr liegen.

»Was für eine zauberhafte Nacht … was für eine zauberhafte Nacht!« kreiste es in seinem Kopf; sein mächtiger Körper zitterte vor Glück.


VII

Ungefähr drei Tage später erhielt Lisa von Dora Barschawskaja einen Brief.

»Teure Lisotschka!« schrieb Dora schwungvoll und wenig sauber. »Wenn du nur wüßtest, wie langweilig und abscheulich ich mich fühle! Das verdammte Kontor hat mir die ganze Seele herausgezerrt. In der Stadt gibt's nur Leere und Langeweile und Hitze … Larionow ist abgereist, und ich bin jetzt ganz, ganz allein. Früher kam er wenigstens zu mir, – so war es nicht ganz so langweilig. Ich stelle mir vor, wie du dich dort amüsierst! … Ist dein Kornett wieder hinter dir her? … Ihr fahrt natürlich in Mondnächten Boot geht durch die dunklen Alleen Eures nachdenklichen Gartens … Ich stelle mir vor, wie herrlich das ist! … Nur heiraten, – das tu um Gotteswillen nicht! Uebrigens, das ist deine eigene Angelegenheit … Sei mir nicht böse, aber du besitzt eine recht beträchtliche Neigung zum Kleinbürgerglück, – das fiel schon Pascha Afanassjew auf. Doch vielleicht wäre es wirklich das Beste: wirst deinen Kornett heiraten, ein Dutzend Kinder bekommen und wirst glücklich sein und lange leben auf Erden! … Nun, vorläufig auf Wiedersehen! Deine Dora B.

Lisotschka, verzeih mir! Ich bin schlecht, garstig. Eben las ich den Brief nochmal durch und sehe, wie niederträchtig und böse er ist. Aber ich schicke ihn dir doch, damit du siehst, wie gemein ich bin. So langweilig ist mir, alles so ekelhaft! … So unglücklich bin ich, daß du mir nicht böse sein wirst und verzeihst deiner armen Dora.«

Lisa las diesen Brief zweimal ernst durch, machte ein strenges Gesicht und ging still nach dem Garten, wo die Sonne leuchtete und die Spatzen zwitscherten. Sie ging langsam die ganze Allee entlang und kam zu der Stelle, wo im vorigen Jahr der Durchgang in den Afanassjewschen Garten war. Dort stand sie lange und dachte nach, regungslos auf den grauen halbverfallenen Zaun blickend. Sonnentupfen glitten über den Pfad und ihr graues Kleid; über ihrem Kopf raschelten leise grüne Blätter. Wieder kam es ihr vor, als tönten irgendwo in der durchsichtigen Luft unhörbar und doch deutlich, Pascha Afanassjews Worte, als lebten sie ewig, um im Herzen einsame, unsäglich zarte, traurige Saiten zu berühren. Das schmerzte – und Lisa weinte still. Die Tränen traten in ihre Augen und zerflossen, und in ihnen zerrann auch der Zaun, die Blätter, das Gras und der blaue Himmel zu unbestimmten, grünen Flecken.

Abends kam wie immer der Kornett. Wahrscheinlich fühlte er ihre Stimmung, denn von seinem hübschen, gutmütigen Gesicht wich der schüchterne Ausdruck nicht. Lisa war kalt, streng und schweigsam.

Als sie allein geblieben waren, fragte der Kornett:

»Lisawjeta Pawlowna … was ist mit Ihnen?«

Lisa sah ihn kalt an.

»Mit mir? … Nichts …« antwortete sie streng.

Der Kornett schaute traurig auf:

»Aber ich sehe, daß Sie … Lisawjeta Pawlowna …«

Lisa sah ihn ebenso an, zog dann plötzlich Doras Brief aus der Tasche und reichte ihn ihm.

»Was ist das?« fragte er erschreckt.

Lisa antwortete nicht; sie ging in den Garten.

Der Kornett rührte sich nicht vom Fleck, sah ihr lange und verdutzt nach, entfaltete ängstlich den Brief und las ihn durch. Er wurde so rot und atmete schwer, daß es im ersten Augenblick den Eindruck machte, als würde er den Brief in Stücke reißen, sich auf den ersten besten losstürzen, aufschreien. Aber jene vergötternde Furcht, die er Lisa gegenüber empfand, bezwang ihn. Er sah sich verlegen nach allen Seiten um, faltete säuberlich den Brief und ging Lisa nach, grell mit den Sporen klirrend und selbst vor diesen Lauten zusammenfahrend.

Lisa stand an der Pforte und blickte nach der Straße, über die Staub aufwirbelnd und meckernd eine Ziegenherde zog.

»Lisawjeta Pawlowna! …« rief er leise.

Lisa sah sich um und ließ ihren Blick ernst an seinen Augen haften. Der Kornett senkte sie; er fühlte, daß das gewaltige Glück, dessen Nahen er mit solchem Entzücken empfunden hatte, zugrunde gegangen, unwiederbringlich weit entschwunden war.

»Ich verstehe nicht, Lisawjeta Pawlowna …« fing er mit gesunkener trauriger Stimme an.

»Sie verstehen nicht?« Lisas Gesicht verzog sich zu einem eigentümlichen Ausdruck, während sie seine Frage wiederholte.

»Ich verstehe selber nichts … lassen Sie mich, lassen Sie mich!« schrie sie plötzlich hysterisch auf und stürzte auf das Haus zu. Sie verwickelte sich in ihren grauen Rock; ihr weicher Zopf schlug auf ihren Rücken.

Der Kornett schritt die ganze Nacht durch aus einer Ecke seines Zimmers in die andere. Auf dem Tische brannte eine Kerze, in dem kahlen Zimmer war es leer und ungemütlich, ein häßlicher ungeheurer Schatten schnitt auf der Decke Fratzen hinter ihm her. Gegen zwölf Uhr setzte er sich hin und schrieb ein Gesuch um Versetzung und Urlaub, erhob sich dann, ging an seinen Mantel, der in der Ecke auf einem Nagel hing, wollte den Revolver aus der Tasche nehmen, schlug aber statt dessen verzweifelt mit dem Kopf gegen das Tuch und sagte einige Mal still und deutlich:

»… Lisa … Lisa … Lisotschka! …«


VIII

Mitte Februar gab es Tauwetter. Der Geruch des schmelzenden Schnees, der dunkle feuchte Himmel und das lebhafte Rattern der Räder auf dem stellenweise schneefreien Straßenpflaster riefen die Erinnerungen an den Frühling mit schmerzhafter Deutlichkeit wach.

Lisa und ein Student Korenjew, ein großer schwarzhaariger Mensch mit brennenden schwarzen Augen, dunklem Teint, einer Höckernase, gingen zusammen nach seinem Zimmer. Korenjew hatte den Studentenmantel um die Schultern geworfen, die Mütze saß ihm im Nacken, und seine kräftig klingende Stimme übertönte das Rattern der Räder und den Lärm des Wassers, das aus den Dächerrinnen auf die Bürgersteige floß.

»Ich begreife Sie nicht, Lisa …« sagte Korenjew, mit den Augen funkelnd, »wenn Sie mich lieben, und ich weiß, daß Sie mich lieben, welchen Sinn hat es dann für Sie wie für mich, unser Glück zu verstümmeln? – Man muß vom Leben alles nehmen, was es geben kann! … Ich liebe Feigheit, Halbheit, Unentschlossenheit nicht! …«

Lisa blickte auf ihre Füße herab und fühlte, wie eigentümlich, ihre Hände und Füße zitterten und ihre Brust zusammengedrückt wurde. Das Ohr, das Korenjew sehen konnte, klein und schön, war gerötet wie eine zarte tiefrosige Blume.

In Korenjews Zimmer legte sie nicht ab, bis seine Wirtin den Ssamowar gebracht hatte, wobei diese sie neugierig von Kopf bis zu den Füßen musterte. Während sie am Tisch stand, ging von ihrer schwarzen, glatten Jacke ein Duft von Frische und Kälte aus.

Korenjew war sichtlich erregt; seine Augen brannten. Er war sehr schön; alle seine Bewegungen nahmen einen gebieterischen, kecken Zug an.

»Legen Sie doch ab, Lisa,« sagte er, die Tür abschließend und ging auf sie zu.

Lisa warf ihm einen raschen Blick zu, und die halbbewußte, halbkindische Furcht, die sie von Anfang ihrer Bekanntschaft an stets ihm gegenüber empfunden hatte, spiegelte sich in ihrem blaßgewordenen Gesicht, das trotzdem ernst wie immer war.

»Nun legen Sie doch ab!« wiederholte Korenjew, und begann selbst mit zitternden Händen ihre Jacke auszuknöpfen.

»Ich werde selbst …« sagte Lisa leise … Sie nahm ihren Hut ab und setzte sich an den Tisch.

»Na, was ist denn … ziehen Sie doch aus!« drängte Korenjew.

Sie stand gehorsam auf und knöpfte an der Jacke herum. Korenjew half ihr, doch plötzlich umarmte er sie rasch, schleuderte ihre Jacke auf den Boden und, sie selbst in die Luft hebend, drehte er sich mit einer Bewegung um, daß ihm ihr Zopf leicht übers Gesicht schlug und ließ sie aufs Bett sinken.

Lisa schwindelte es, Furcht und Verzweiflung, als stürze sie im Schlafe in einen Abgrund, ergriffen sie; sie machte einen schwachen Versuch, sich loszureißen, wand sich auf dem Kissen, wurde aber plötzlich still und schloß die Augen. Alles ringsum verschwomm ihr im Kreise, in einem brennenden Chaos von Schmerz und Genuß.

Still und ohne Korenjew anzublicken stand sie auf, bemitleidenswert und entzückend in dem grauen, zerknitterten Kleide, mit auseinandergefallenen Haaren, den Kopf gesenkt. Korenjew atmete schwer und abgebrochen. Seine Augen glänzten, seine Nasenflügel blähten sich vor Entzücken. Ein eigentümlicher, warmer Geruch hüllte sie beide ein, durch das Zimmer schien ein leiser, wollüstiger Nebel zu schwingen.

Lisa ging spät fort. Im Korridor war es finster, und sie gab sich Mühe, lautlos und unbemerkt durchzugehen. Aber aus dem Zimmer der Wirtin fiel ein Streifen Licht, und die magere, hagere Beamtenfrau trat auf die Schwelle.

»Machen Sie bitte die Tür zu!« sagte sie mit knarrender Stimme, aus der Lisa Verachtung und Spott hörte.

Auf der Treppe blieb sie stehen, fiel mit der Brust gegen das Geländer, schloß die Augen, fühlte, wie ihr Körper abstarb. Das Geländer preßte sich hart und kalt in ihre Brust ein … Jemand schlug unten die Tür zu, der Schall dröhnte durch alle Stockwerke. Lisa schien, daß sie ganz, ganz klein, unglücklich, gedemütigt sei, daß nur noch sie allein auf der Welt wäre. In ihrem Hirn flimmerte Korenjews Bild auf; eigentümlich grell und farbig, wie in einem ungewissen Glorienschein; doch es erlosch kraftlos in ihrer dunkel und leer gewordenen Seele.


IX

Fast jeden Tag kamen Larionow und Andrejew zu Dora und Lisa, die jetzt in einem Zimmer wohnten, und stritten ganze Abende lang beharrlich über dasselbe Thema.

»Jetzt versteh ich's,« rief, die Hände auseinanderschlagend, dabei emporschnellend und über den Kneifer blickend der dicke, weißblonde Larionow: »jetzt ist eine Zeit des Kampfes um des Kampfes willen, – das ist das Ganze! … Früher betrachtete man den Kampf als eine Pflicht oder als traurige Notwendigkeit, – verstehen Sie? … jetzt aber findet man den Genuß in der Tatsache des Kampfes selbst … einen rein tierischen, egoistischen Genuß, nur für sich selbst – das ist das Ganze! …«

»Richtig!« gab Andrejew zu.

»Nun ja … Nur ist das sehr einfach, auf diese Weise wird jeder zur Bestie! …«

»Nein, Bruder, das stimmt doch nicht!« lächelte Andrejew, »zu einer Bestie, wie du es nennst, zu einer solchen Bestie, wie ich es verstehe, muß man geboren oder von Kindheit an erzogen werden! … Sonst wird aus einem bloß ein Rindvieh und weiter nichts!«

Lisa hörte sie aufmerksam an, in der Bettecke hockend und stellte sich Korenjew vor, so wie er mehr als einmal in Doras Abwesenheit zu ihr gekommen war. Das erste Mal empfand sie für ihn unbestimmtes zartes Mitgefühl, wollte ihn liebkosen, sich an ihn schmiegen, ihm mit Tränen in den Augen gute herzliche Worte sagen. Er aber war anspruchsvoll, fröhlich und brutal, lachte und liebkoste sie in einer Weise, daß ihr nach seinem Fortgang der ganze Körper schmerzte und sie sich den ganzen Tag über matt und wenig wohl fühlte. Kraft und Kälte ging von ihm aus. Lisa fing an, ihn fast noch stärker als vorher zu fürchten. Das, was er mit ihr tat, war ihr widerwärtig und beschämend; doch sie wagte nicht, ihn abzuwehren, und unterwarf sich ihm schüchtern. Als sie jetzt Andrejew hörte, wurde Korenjew in ihrer Vorstellung zu einer jener Bestien, von denen er sprach; sie schauderte davor, daß jemand etwas von ihrer Erniedrigung und Qual erfahren könne.

Auch Dora war schweigsam und konzentriert. Sie hörte den Diskussionen fast gar nicht zu; ihre Gedanken lebten ganz in dem, was sie, selbst vor Lisa verheimlichend, in den Nächten niederschrieb. Damit schien sie endlich gefunden zu haben, was ihr not tat. Wenn sie manchmal des Nachts in brennender Erregung vom Tisch aufstand und leise, um Lisa nicht zu wecken, im Zimmer auf und abging, glühte ihr Kopf, ihre Augen erweiterten sich, eine unbegreifliche Erregung preßte ihre Brust zusammen. Sie fuhr mit der Hand über die trockene, heiße Stirn, und etwas Ruhmvolles, Gewaltiges zeigte sich in ihrer Zukunft.

Aber an einem grauen und kalten Tage, in einem leeren und kalten Redaktionszimmer wurde ihr ein Manuskript kalt und gleichgültig zurückgegeben.

Sie ging nach Hause, kam über eine große Brücke und schaute mit stumpfen, kläglichen Blicken in das Wasser. Mit einem Mal fühlte sie in sich alles leer und kalt werden; sie hörte auf, leben zu wollen.

Zwei Kolleginnen aus ihrem Kursus kamen ihr entgegen, die eine hochgewachsen, voll und schön, die andere klein und lustig wie ein Kätzchen. Sie hielten sie an und begannen, sich lachend und grundlos nach allen Seiten umsehend, von einer stattgefundenen Studentenversammlung zu erzählen:

»Wenn du gehört hättest, wie Totschnikow sprach! …«

Sie gaben den Inhalt seiner Rede zusammenhanglos wieder; dann schwärmten sie von seinem Aeußern.

»Mir sind blonde Männer unerträglich,« sagte die kleine Kursistin so rasch und klapprig, als ob sie Glasperlen umherstreute. »Aber der hat was ganz Besonderes! …«

Ihre Aeuglein glänzten und ihre Bäckchen glühten, als wären sie abgeküßt worden. Die Hochgewachsene lachte in vollen Tönen, den Kopf zurückgeworfen. Dora waren sie widerwärtig und langweilig; sie ließ sie stehen und ging weiter. Sie hörte die Mädchen noch lachen und dachte, zähneknirschend:

»Wie wenig die zum Leben brauchen … Welche Plattheit, welche Plattheit! … Herrgott, wenn man doch sterben würde!«

Furchtbare Wut packte sie. Sie hätte schrill aufschreien mögen, sich mit dem Gesicht in den schmutzigen, schmelzenden Schnee werfen, sich darin wund schlagen, mit Händen kratzen, und irgend jemanden verfluchen; verfluchen so verzweifelt und voll Haß, wie einmal eine alte, abgerackerte Jüdin mit wahnsinnigen Augen Gott und die Menschen in ihrer Gegenwart über der Leiche ihres Sohnes, der während eines Pogroms umgekommen war, verflucht hatte.

»Was ist denn nun wirklich geschehen?« versuchte sie sich zu fragen. »Nun, mag ich selbst kein Talent haben … was ist da schon? …

Kein Talent,« gab sie sich zur Antwort: »nichts habe ich … Auf den Versammlungen schweige ich, Lernen wird mir langweilig … ich bin ein Dutzendmensch, eine Null … Aber das kann nicht sein! … Dann lieber gar nicht leben! …«

Zu Hause verfiel sie in hoffnungslose Apathie, und auch Lisa vermochte nicht, sie aus dem gespannten, stumpfen Schweigen herauszubringen.

»Dorotschka, liebe … was ist mit dir?« fragte sie rührend still. »Es ist doch nichts geschehen.«

Aus irgend einem Grunde schien Dora gerade diese Annahme Lisas verletzend; sie hätte gerne einen düstern Abgrund, aus dem ein tragischer Schatten über sie fiel, vor ihr aufgetan.

Eines Nachts kam Dora plötzlich aus dem Bett zu Lisa, barfuß, im bloßen Hemd, klein, schmächtig, das trockene Haar aufgelöst, und setzte sich zu ihr auf den Bettrand.

»Lisa,« flüsterte sie verzückt, »ich sage dir, daß ich nicht mehr weiter kann! … Ich hatte eine Hoffnung, über die Menge herauszukommen. Ich weiß nicht, was ich jetzt mit mir anfangen, was ich mir wünschen soll! … Alles ist ohne Aussicht, grau … Das ist ein Leben! … wenn du wüßtest, was ich durchgemacht und durchgedacht habe, während des Sommers, in diesem verdammten Kontor, wo man mich für irgend ein Nichts hielt … Jeder Buchhalter sah von oben auf mich runter.«

»Dorotschka, das geht vorüber …«

»Was geht vorüber?« schrie Dora auf, mit krankhaftem Behagen ihren trostlosen, harten Worten lauschend. »Ich bin kein Kind, um durch ein zufälliges Mißlingen verzweifelt zu werden … Nein, ich fühle, in meiner Seele fehlt etwas, das den anderen Menschen die Fähigkeit zum Leben gibt. Vielleicht bin ich nicht so dumm, mich mit irgend einem Spielzeug zu trösten … Ich könnte leben, wenn ich mich an der Spitze … über allen … groß, stolz fühlen würde! … So aber, lernen, eine unter Tausenden, in irgend ein abgelegenes Nest gehen, das ganze Leben gleichgültige Idioten kurieren, alt werden und ebenso unbemerkt sterben, wie man lebte … Begreifst du denn nicht, wie grauenhaft das ist! … Begreife doch, das ist das ganze Leben! Lieber sterben!« Dora streckte leidenschaftlich ihre nackten Arme aus.

Lisa sah sie mit großen, strengen Augen an; sie blieb regungslos liegen. Man hörte nur, wie in den Zimmern der Wirtsleute etwas knarrte, als würde dort eine Bauernwiege geschaukelt.

Dora schwieg und schaute geradeaus, die schwarzen mandelförmigen Augen weit aufgesperrt. Ihr schien, daß sie der letzte Gedanke, den sie zufällig ausgesprochen hatte, Lisa in einem neuen, imponierenden Licht zeigte. In diesem Augenblick glaubte sie, daß es keine schönere und bedeutendere Tat geben könne, als sich zu töten.

»Lieber sterben!« wiederholte sie, die Brauen zusammenziehend und auf ihre eignen Worte horchend.

Lisa stützte sich auf den Ellbogen und nickte ernst mit dem Kopfe.

»Ich habe schon daran gedacht …« sagte sie schlicht, aber mit unheimlichem Ernst.

Dora schwieg lange und überlegte. Sie fühlte das Sonderbare in Lisas Worten und Stimme, mochte sich aber nicht damit aufhalten. Sie wünschte an sich zu denken. Lisa wollte noch etwas hinzufügen, bewegte aber nur die Lippen, seufzte und schwieg. Da stand Dora leise auf und sagte:

»Komm, gehen wir. Gehen wir fort … Ich fühle mich nicht ganz wohl …«

Lisa nickte mit dem Kopf und warf die Decke zurück um aufzustehen. Zum ersten Mal in der ganzen Zeit fiel Dora ihr weicher, wohlgebauter Rücken, die abfallenden Schultern und die gemeißelten runden Beine auf.

Sie gingen lange durch die leere Stadt an schweigsamen Häusern mit schwarzen, blinden Fenstern vorbei: Schwarze Menschen kamen ihnen entgegen und verschwanden wie Schatten. Dora sprach leise über die Zwecklosigkeit des Lebens und über ihren Entschluß zu sterben. Sie gab sich Mühe, nur die bedeutungsvollsten Worte zu wählen; fand sie aber keine besonderen, so daß ihr ein Satz schablonenmäßig vorkam, fühlte sie sich selber peinlich berührt.

Als sie auf den Kai kamen, nahm der Himmel hinter den grau-blauen Umrissen der Festung Der Kai ist durch die Newa von der Peter-Pauls-Festung getrennt. D. Uebers. eine durchsichtige, kühlrosige Färbung an. Auch das Wasser wurde rosig und kühl. Breite Wellen schlugen an die Quadern, ringsum verschwanden alle Härten, alles wurde grau-blau und durchsichtig. Die Fensterscheiben warfen stumpfe, rötliche Reflexe und machten dadurch einen noch lebloseren, dumpferen Eindruck. Der Morgen war da. Sie setzten sich auf eine steinerne Bank, deren Kühle durch ihre Kleider rieselte, und schauten lange schweigend auf den Fluß.

Irgendwo ging, noch unsichtbar, die Sonne auf. Schon strahlten die Spitze der Festung und die Dachfirste in rotem Lichte; über dem breiten, wechselnd rosigen und blauen Fluß blieb es gleich kühl und leer. Nur ein kaum sichtbarer Nebel glitt die Ufer entlang, und seine blassen Morgenschatten stiegen wogend der Sonne entgegen und zerrannen kraftlos auf dem kalten trüben Wasser.


X

Von diesem Tage an verlief das Leben der beiden Mädchen seltsam und schwer. Sie brauchten nur allein zu sein, und Dora begann sofort mit dem gleichen Gerede, als ob sie ein Stärkerer dazu antrieb. Der Gedanke, einmal wirklich so handeln zu können, rief in ihr Grauen und Interesse hervor. Lisa blickte sie mit hingerissenen, demütigen Augen an und für Dora war es fast ein wollüstiger Genuß, sie mit diesen Gesprächen zu quälen. Sie zu quälen und selber an ihren Qualen zu leiden. Diese beständigen Auseinandersetzungen über den Tod schufen eine drückende, schwüle Atmosphäre, die es geradezu notwendig machte, einen oder den anderen Ausweg zu finden.

Je mehr sich Dora dieser Notwendigkeit näherte, desto schärfer empfand sie ein eigenartiges Entzücken. Wenn es ihr mitunter schien, daß sie sich langsam über einen Abgrund beugte, wünschte sie sich einzureden, daß sie wirklich hineinstürzen werde. Und obgleich sie innerlich selbst nicht daran glaubte, machte es ihr Freude, auch Lisa diesen Glauben aufzuzwingen. Und der Umstand, daß Lisa stets schwermütig und blaß war, oft weinte und ihr ernst zuhörte, half Dora immer von neuem in Stimmung zu kommen und ihren Entschluß zu verstärken.

In einer gespannten, schweren Minute, in der das Gespräch einen unerträglich qualvollen Charakter angenommen hatte, setzte Dora den Tag fest; an diesem Tag ging Lisa zu Korenjew.

»Du mußt auf mich warten!« sagte sie ernst zu Dora. »Ich muß … hier …«

Dora sah argwöhnisch in ihr Gesicht, das plötzlich errötete, sagte aber nichts. Sie hatte das Gefühl, daß sich Lisa fürchtete und ihr auszuweichen suche und tief in ihr regte sich eine schüchterne Empfindung, eine unschöne Hoffnung, die man sich selbst nicht eingestehen kann.

Der Student war zu Hause; bei Lisas Anblick sprang er erfreut auf.

»Ach, Lisa!« rief er mit heller Stimme. » Das hatte ich aber wirklich nicht erwartet!«

Lisa trat stumm ein und setzte sich ohne abzulegen an den Tisch. Korenjew versuchte mit Gewalt ihr beim Ablegen der Sachen zu helfen. Schon während er die enge Jacke von ihren runden Schultern streifte, fing er an, erregt zu werden, seine Augen glänzten und die feinen Nasenflügel bebten.

Lisa ging wieder an den Tisch, aber Korenjew nahm sie in die Arme, setzte sich aufs Bett und hob sie auf seine Knie. Lisa saß widerstandslos, als wenn sie einem Schwächeanfall unterläge.

»Was bedeutet das?« fragte Korenjew. »Wem haben wir die Ehre zu verdanken?«

»Ich werde bald sterben …« sagte Lisa plötzlich, und in ihren sonst so ruhigen Augen zeigte sich für einen Augenblick ein flehender Ausdruck.

»Oho! … Das gibt's nicht!« lachte Korenjew. »Nein, das gibt's nicht,« wiederholte er, ihre weichen warmen Beine mit den Knien zusammendrückend; dabei fühlte er, wie sein ganzer Körper zitterte und sich spannte.

Lisa schlug ihre traurigen Augen auf, blickte ihn an und schwieg.

Korenjew warf sie plötzlich auf das Bett und küßte sie auf den Hals und das harte graue Kleid, das ihre Brust umschloß. Lisa widerstand nicht und gab sich ihm ebenso unterwürfig und stumm hin wie stets. Dann stand sie auf, sah ihm streng und ernst in die Augen, als hoffte sie in ihnen etwas zu erblicken, und wurde nachdenklich.

»Nun, was jetzt … wollen wir Tee trinken?« fragte Korenjew, ein bißchen erhitzt und glücklich.

»Ich werde gehen …« sagte Lisa leise.

»Weshalb denn?«

»So …« antwortete Lisa traurig und faßte ihn schüchtern und rührend zart an der Hand.

Korenjew zuckte die Achseln.

»Bist ganz eigentümlich …« sagte er. »Na, wie du willst.«

Lisa ließ still seine Hand los, schaute auf den Boden, stand auf und zog sich an.

»Ich danke dir, daß du gekommen bist …« sagte Korenjew aus irgend einem Grunde.

Lisa seufzte und machte die Tür zu. Korenjew hörte, wie die Wirtin im Flur hinter ihr her knurrte:

»So 'ne Herumtreiberin … und noch ein Fräulein, eine Kursistin!«


XI

Lisa zog durch die Straßen. Es dämmerte schon und die Laternen wurden angesteckt. Sie ging schnell und leicht, etwas nach vorn geneigt und auf die nassen Platten des Trottoirs blickend. Jemand überholte sie, und ein kleines weißes Hündchen kam ihr unter die Füße. Sie schauerte zusammen und schlug die Augen auf.

Vor ihr ging gesetzten Schrittes ein kleiner Gymnasiast in grauem Mantel und großer Mütze. Ein weißes, lustiges Hündchen sprang hinterher, und da es seine Schnelligkeit nicht zu regulieren vermochte, rannte es dem Gymnasiasten alle Augenblick verwundert in die Füße.

Ein ungemein warmes Gefühl durchwogte Lisas Brust; ihre Augen wurden naß. Schmerzhaft grell trat ihr Sserjoscha und das Schoßhündchen in die Erinnerung; und allmählich wurde so das Gefühl der Einsamkeit von einer Regung der Zärtlichkeit und Freude abgelöst. Sie bog um und ging, ohne selbst zu wissen, warum, hinter dem Gymnasiasten und seinem weißen Hündchen her. Sie gingen lange, und die ganze Zeit war es Lisa gleichmäßig leicht und traurig zumute; sie vergaß, daß sie nach Hause gehen müsse und ließ, den Muff fest an die Brust gedrückt, kein Auge von dem kleinen grauen Mantel und der großen Mütze über roten abstehenden Ohren. Manchmal sah sich der Gymnasiast um und schaute verständnislos auf das hochgewachsene junge Mädchen, das unablässig hinter ihm herging. Sie lächelte ihm schüchtern, kaum merklich, zu; da drehte er sich um und rief, um seine Selbständigkeit zu beweisen:

»Farssik, ici … Nicht herumlaufen! … Paß nur auf! …«

Farssik spitzte besorgt die weißen Oehrchen und stieß ihm den Schwanz, zu einer Kringel gedreht, gegen die Füße.

Lisa lachte leise.

»Nach Hause, nach Hause!« sang etwas Frohes in ihrer Brust.

Plötzlich ging der Gymnasiast auf eine Pforte zu, sah sich noch einmal nach Lisa um, und rief, da er sah, daß sie stehen geblieben war, demonstrativ:

»Farssik, komm her!«

Der weiße Farssik sprang über die Schwelle, und die graue eiserne Pforte wurde fest geschlossen.

Lisa blieb unerwartet allein. Das warme, zärtliche Gefühl der Freude verging ebenso rasch, wie es gekommen war.

Auf der Straße war es schmutzig, gelb glänzten die Laternen. Menschen gingen, von dem nassen Pflaster wiedergespiegelt, vorüber; in der Dämmerung schienen ihnen die Gesichter zu fehlen.

Lisa stand eine Weile auf einem Fleck, ehe sie zurückging; ihre schwachgewordenen Füße schwankten ein wenig.

Sserjoscha, das Haus, der Vater – alles tauchte flimmernd in ihrem Kopf auf und ging unter. Allein das hoffnungslose Bewußtsein blieb zurück, daß eine Rückkehr dorthin nicht mehr möglich sei, daß die Lisa, die in jenem alten Haus vergnügt mit Sserjoscha und dem Schoßhündchen, in Ruhe und Freude gelebt hatte – aufgehört hatte, zu existieren und niemals mehr existieren würde.

Eine Empfindung, als wäre sie blitzschnell in trübem, grünlichem Wasser, das dumpf in ihren Ohren brauste, untergegangen, verdunkelte alles vor ihren Blicken. Die Augen weit aufgerissen, drückte Lisa, beide Hände entsetzt hochgehoben, den Muff an die Schläfe und blieb stehen.

»Ende!« sagte eine kalte, entschiedene Stimme in ihrer Seele. Alles in ihr wurde still, sank zusammen, wurde leer und tot.


XII

Als Lisa nach Hause kam, lag Dora, das Gesicht in den Kissen, auf dem Bette. Doch sowie sie das Klopfen hörte, erhob sie sich, und heftete ihre brennenden entzündeten Augen auf Lisa.

»Ah, du bist es …« sagte sie mit unsicherer Stimme. »Wie hast du mich erschreckt! …«

Lisa legte mechanisch die Sachen ab und zündete die Lampe an; auf dem Tisch sah sie ein von Dora beschriebenes Blatt Papier und einen schwarzen häßlichen Revolver, der trübe glänzte.

Dora stand auf und kam näher.

»Sieh, was ich geschrieben habe …« sagte sie mit ein wenig unnatürlicher Stimme.

Lisa stützte sich mit einem Ellbogen auf den Tisch und las schweigend den Zettel durch:

»Unseres Todes wegen bitten wir selbstverständlich niemanden zu beschuldigen. Wir sterben, weil das Leben überhaupt nicht wert ist, gelebt zu werden.«

»Ich glaube, das wird genügen?« sagte Dora in einem Ton, in dem Autoren-Eitelkeit zitterte, während sie selber empfand, daß alles einen naiven und dummen Eindruck machen müsse; sie schämte sich deshalb, Lisa in die Augen zu sehen.

Lisa schwieg und hielt sich in unbequemer Stellung, den einen Ellbogen auf den Tisch gestützt. Der Zopf hing ihr über der Schulter herab und ringelte sich auf dem Tisch. Sie hatte plötzlich den Wunsch, die Feder zu nehmen und etwas anderes, das ihre Brust erfüllte und ihr das Herz einschnürte, hinzuschreiben. Aber sie seufzte nur und richtete sich langsam auf. Dann berührte sie den Revolver mit dem Finger und ließ ihn liegen.

»Ja, meinetwegen … mir ist es gleich …« sagte sie leise.

Ein schweres, für Dora qualvolles Schweigen entstand. »Man muß doch irgend etwas tun … Wie dumm das alles vor sich geht …« schwirrte es ihr durch den Kopf.

»Die Tür muß abgeschlossen werden …« sagte sie unentschieden und errötend.

Lisa ging leise hin und schloß die Tür ab. Wieder entstand das gedrückte Schweigen; es wurde immer schwerer und schwerer. Lisa stand an der Tür, Dora am Tisch. Etwas unerträglich Schreckliches, Sinnloses kroch aus allen Ecken hervor und füllte das Zimmer. Dora schien, daß die Lampe zu erlöschen beginnt.

»Aber was ist denn das!« wollte sie aufschreien, fragte jedoch nur: »Wo warst du?« mit so eigentümlicher Stimme, als stecke ihr eine Kugel in der Kehle.

Lisa schlug ihre schwermütigen Augen auf, antwortete aber nicht.

»Nun, denn … wir müssen ein Ende m–machen …« sagte Dora, mit Mühe die versagende Zunge wie eine furchtbare Last im Munde wälzend.

Lisa antwortete dumpf:

»Ja …«

Dora streckte die Hand aus und griff, ohne Vertrauen zu sich, nach dem Revolver. Kälte und Zittern liefen ihr durch den ganzen Körper. Alle Töne wurden plötzlich dumpf, als wenn sie aus weiter Ferne kämen. Vom Boden stiegen Nebelschleier auf und schoben sich zwischen sie und die ganze Umgebung. Im Augenblick, wo sie den Revolver an die Schläfe setzte und seine eiserne Kälte ihren Schädel durchzuckte, verzerrte sich ihr Gesicht wie in ohnmächtigem Todeskampf.

»Aber wie, wenn sie sich nun nicht erschießt und ich zum Narren werde!« Der sinnloseste Argwohn tauchte in ihrem Kopf auf. »Ach, übrigens … Das ist alles gleich … Unsinn!« dachte sie, bereits fühlend, daß sie in der nächsten Sekunde den Hahn mit dem sich konvulsiv zusammenziehenden Finger abdrücken werde. Da hörte sie, wie durch eine Mauer, daß Lisa etwas sagte, und ließ den Revolver schnell sinken. Sie empfand unsäglich süße Erleichterung und furchtbare Schwäche und fiel fast auf einen Stuhl.

»Ich … zuerst …« sagte Lisa mit unbegreiflichem Mitleid und Kummer.

Dora schwieg und sah sie mit wahnsinnig glotzenden Augen an. Ihre Zähne klapperten.

»Du wirst dann nach mir …« fügte Lisa streng hinzu.

Sie trat an den Tisch, nahm den Revolver aus den erschlafften Fingern Doras und setzte ihn ruhig und sorgfältig an die linke Brust, den weichen Körper leicht eindrückend.

Dora sah im Schatten ihre ernsten, etwas hervorquellenden grauen Augen; mehr und mehr schien ihr das Ganze nur als der schlechte Scherz eines Unbekannten gegen irgendeinen Fremden.

Doch schon im nächsten Augenblick nahm Lisas Gesicht deutlich den Ausdruck tiefsten Grams und vollster Verzweiflung an, ein betäubendes Dröhnen krachte Dora in den Ohren und von irgendwoher ertönte das scharfe Klirren eingeschlagenen Glases. Lisa schwankte, hob kurz die Hand und stürzte, obgleich sie sich noch an den Tisch klammerte, mit weitaufgerissenen Augen der Länge nach zu Boden, wobei ein Glas kalten Tees umgeworfen wurde. Ein Stuhl schlug um und rollte dröhnend in die Mitte des Zimmers.

»Eiii! …« schrie Dora entsetzt auf und griff unwillkürlich mit beiden Händen an den Kopf »Lisa! …«

Ein blutiger Druck füllte ihr Hirn, alles lief in einem unglaublichen Wirbelsturm, im Kreise; mit vollem Schwunge prallte sie gegen die Tür.

»A … a … a … a … a! …« schrie sie anhaltend, gleichmäßig durchdringend, dabei hysterisch gegen die verschlossene Tür kratzend, die unter Schlägen, welche von außen kamen, zu zittern und dann zu brechen anfing.

Auf dem Korridor tönten aufgeregt zahlreiche Stimmen.


XIII

Trotzdem es auf den Straßen noch ziemlich hell war, brannten die Laternen schon und das Gold ihrer Flamme glänzte eigenartig schön in der bläulichen Dämmerung des Sommerabends.

In der leeren Wohnung herrschte gespannte Stille. Nur im Eßzimmer hing eine brennende Lampe unbeweglich wie ein übergroßer Feuerfalter mit ausgespreizten Schwingen über dem weißen Tisch. Man hörte eine Uhr einsam ticken, als zähle sie zur eigenen Zerstreuung die Zeit ab, die niemandem nötig war. Die Stores waren sämtlich herabgelassen; so schien es, daß hinter den Mauern undurchdringlich die dumpfe Nacht stand.

In ein warmes Umschlagetuch vollständig eingehüllt, lag Dora in einem kleinen dunklen Schlafzimmer still auf dem Bett und sann nach.

Seit dem Tode Lisa Tschumakowas war ein Jahr hingegangen, sicher sproß auf ihrem Grabe schon das zweite Gras. Für Dora war dieses Jahr ein einziger schwarzer Streifen gewesen. Trauer, Krankheit, Scham hatten sie durchwühlt. Ihr Gesicht war abgemagert, in ihren Augen tauchte ein krankhafter Glanz auf, der Kopf schien noch größer, der Körper noch kleiner und schwächer geworden zu sein. Aber in ihrer Seele lebte die alte Unruhe, die sie in dem Bewußtsein ihrer Bedeutungslosigkeit unwiderstehlich auf die Suche nach dem Starken und Schönen trieb, die sie im Laufe dieses einen Jahres durch ganz Rußland, von Gefahr zu Gefahr, gehetzt und jetzt endlich in diese leere, unheimliche Wohnung, in der eine weltumfassende terroristische Verschwörung entstanden und aufgewachsen war, gebracht hatte. Der Gedanke an das, was morgen geschehen sollte, war grauenhaft, doch sie wußte, daß sie den Plan ausführen würde. Und daß man gerade ihr eine verantwortungsvolle, gefährliche Rolle übertragen hatte, erfüllte sie im geheimen mit wahrer Begeisterung. Die ungeheure Tat selbst, die politische Bedeutung der Verschwörung hatte in ihrem Denken keinen Platz und zerrann; sie sah vor ihren Augen während ihr das Herz fast stillstand, nur sich selbst, das eigene stolze Antlitz inmitten eines unbestimmten blutigen Chaos. Sie lag still und geduckt; ihre Augen glänzten in der Finsternis.

In der Nachbarwohnung fiel etwas zu Boden, und dieser schwere Fall riß aus dem Grunde ihres Gedächtnisses wieder die traurigen Erinnerungen hervor, die sie das ganze Jahr hindurch wie ein schwerer Fieberwahn gequält hatten. Wieder begann der Gedanke zu bohren, daß sie es damals nicht über sich bringen konnte, so schlicht und schön zu sterben wie Lisa. Zum hundertsten Male versuchte sie es mit irgend einer Zufälligkeit zu erklären, und, zum hundertsten Male glaubte sie daran, aber tief in ihrer Seele nagte in einem Winkelchen, das niemandem bekannt war, eine bluttriefende kleine Wunde. Doch plötzlich lief der Klang der Flurglocke scharf und warnend durch die ganze Wohnung, erst zaghaft, dann laut und plötzlich abreißend, und eine Weile nachher wieder leise und anhaltend, wie flehend.

In Doras Brust zitterte es, gleichzeitig aber verschwanden die Erinnerungen und sie fühlte sich dadurch leichter. Eilig stand sie auf und ging in den Flur.

Auf der Treppe war es hell; in dem viereckigen Ausschnitt der Tür zeichnete sich grell die Gestalt Andrejews im Mantel und mit einer Klappmütze ab.

»Ah, Sie?« sagte leise Dora. »Und die anderen?«

Andrejew machte bedächtig die Tür zu, legte Mantel und Mütze ab und antwortete dann erst:

»Sie werden gegen neun Uhr kommen. Nesnamow Von dem Wort »Unbekannt« gebildeter Eigenname als Pseudonym des betreffenden Revolutionärs. D. Uebers. werden Sie was zu essen geben müssen. Er bleibt über Nacht hier.«

»Bei mir ist alles fertig …« erwiderte Dora.

Sie gingen ins Eßzimmer. Dora setzte sich aufs Sofa, sich wie vorhin bis ans Kinn in das Umschlagetuch wickelnd, als fröre sie die ganze Zeit.

Andrejew brachte aus dem Flur ein Paket, öffnete den Schrank und legte es behutsam, wie ein Glasgefäß, ins Fach.

»Seien Sie hiermit vorsichtig …« sagte er in warnendem Ton.

Sie schwiegen. Andrejew ging langsam aus einer Ecke in die andere. Dora folgte ihm stumm mit den Augen; sie hatte die Empfindung, als ob über der ganzen Wohnung ein schweres Gewicht hing, dessen Druck ihr Brust und Kopf zusammenpreßte.

»Nun, wie … ist alles bereit?« fragte sie nur, um nicht schweigen zu müssen.

Andrejew verstand das wahrscheinlich, denn er gab keine Antwort.

»Wer ist Nesnamow?« fragte Dora wieder.

Andrejew blieb plötzlich vor ihr stehen, hörte auf, am Schnurrbart zu reißen, und lächelte.

»Das kann ich selbst Ihnen nicht sagen … Ist ja auch egal. Ein tüchtiger Kerl, wirklich Einer … das ist die Hauptsache … Na, übrigens, will Ihnen sagen, daß er Student ist.«

»Ich weiß nicht, wie das alles enden wird …« begann er wieder nachdenklich. »Aber wenn sie kaput gehen, so ist das sehr schlimm. … Solche Menschen können wir uns nicht so bald wieder leisten. Ja … In einem anderen Lande hätten sie vielleicht etwas Großes getan, hier gehen sie, möglicherweise für nichts, zugrunde …«

»Na, was denn … wieso für nichts?« fragte Dora gedehnt.

»Meinen Sie denn, ich möchte sie für irgend einen alten, beamteten Affen eintauschen? …«

Dora lächelte.

»Sie reden so, als wenn Sie selber nichts riskierten …« meinte sie, ihm unwillkürlich ein wenig schmeichelnd.

Andrejew machte eine wegwerfende Handbewegung.

»Nein, was tue ich … meine Rolle ist höchstens für Schlüsselburg … Während Sie geradwegs an den Galgen … s'ist schade. Ich kenne sie doch gut, sie beide. Und sie sind mir beide so lieb, daß ich vielleicht an ihrer Stelle ruhiger wäre …«

»Warum haben Sie es denn nicht selbst gemacht?«

»Alle können nicht zu gleicher Zeit …« lächelte Andrejew. »An mich wird auch noch die Reihe kommen.«

»Nesnamow kennen Sie also?«

»Ja. Ich kenne ihn schon lange … Ein komplizierter, reicher Charakter … Korenjew – ist ein Kämpfer von Natur … seinem Temperament nach … Er hat nur darum die Sache aufgegriffen, weil es in unserer Zeit keinen höheren und verzweifelteren Kampf gibt als den revolutionären … Nur im Kampfe um die Freiheit, wo sich alle menschlichen Kräfte bis zum äußersten spannen, um entweder die Kette zu sprengen oder selber unterzugehen, ist ein hoher Einsatz möglich … Korenjew ist, im Grunde genommen, ein brutaler Mensch … Ja! … Nesnamow aber ist nur verbittert … Er ist erstaunlich gut und zart … Alle echten Anarchisten müssen gute, zartfühlende Menschen sein: die ungeheure Masse des Schlechten, der Roheit, der Ungerechtigkeit, die für uns nur eine traurige Tatsache bildet – ist für sie ein unerträgliches Grauen!«

Andrejew blieb stehen und begann nachdenklich das linke Schnurrbartende zu kauen. Seine Augen wurden weich und versonnen.

»Es gibt Naturen, die alles Schlechte der Welt in sich aufnehmen und es in der Tiefe ihrer einsamen Seele von Anfang bis zum Ende durchleben … ja … Ihnen wird es unmöglich, nur mitzuleiden und sich zu empören; – – das allgemeine Leid hat sich geradezu in ihr persönliches Leid verwandelt. Der Augenblick tritt ein, wo ihr seelischer Schmerz eine solch unerträgliche Spannung erreicht, daß … man entweder selber sterben oder in den aktiven Kampf treten muß. Und da werden diese zarten, feinbesaiteten Seelen unbeweglich fest, erbittert … ja. Und Nesnamows Seele ist eine heilige … Schade, daß er zugrunde geht! …«

Andrejew machte eine hoffnungslose Handbewegung und schritt wieder durch das Zimmer. Wieder war zu hören, wie langweilig und monoton die Uhr tickte. Dora saß gebückt und der undeutliche Gedanke, daß auch sie irgendwie eine eigenartige Seele besäße, zuckte angenehm und schamhaft durch ihren Kopf.

»Ja … So ist es, Dora Moissejwna!« sagte Andrejew. »Vergessen Sie also nicht: Sie werden an der Ecke stehen, sodaß wir Sie vom Bahnhof wie von der Gasse aus sehen können. Wenn der Zug ankommt und der Fürst aus dem Wagen steigt, wird die Hebamme auf die Stufen heraustreten und dem Droschkenkutscher mit der Hand winken. In diesem Moment müssen Sie sich mit dem Taschentuch fächeln, als wenn Ihnen heiß wäre; dieses Signal wird dann nach dem Kaffeehaus weitergegeben. Sowie der Fürst in die Equipage steigt, werden Sie das Signal wiederholen. Nach dem zweiten Signal werden Ihnen Nesnamow und Korenjew entgegenkommen … So ist es …«

»Ich weiß es … Meinen Sie denn, daß man das vergessen kann?« erwiderte Dora.

»Ich meine nichts …« antwortete Andrejew ruhig. »Aber ich habe die Pflicht, nachzuprüfen … Die Hauptsache ist, Sie müssen kaltes Blut behalten.«

Dora nickte mit dem Kopf. Oh, sie würde sich nicht aufregen.

Es wurde still und es blieb lange still, bis auf dem Flur von neuem geläutet wurde, als wiederholte sich eine eingeübte Lektion.

»Nun, da sind sie auch …« sagte Andrejew ruhig und ging zu öffnen.

Der Türhaken rasselte und Menschen traten ein. Dora hob den Kopf, ihnen mit aufleuchtenden Augen entgegenstarrend.

Korenjew war ebenso aufrecht und schön und bewegte sich mit demselben Schwung wie früher. Nesnamow war gleich groß, aber schlanker und eleganter. Er war blond, hatte große Augen und weiches Haar und erinnerte Dora mit schmerzhafter Ueberraschung an Pascha Afanassjew. Beide drückten ihr die Hand.

»Sie sollten uns Tee geben, Genossin Barschawskaja …« sagte Korenjew scherzend; mit einem Male erfüllte er die ganze Wohnung mit seiner Stimme, Gestalt und der Kraft seiner Bewegungen. Dora fand, daß von ihm ein Duft von Frische und Kälte ausging, als käme er direkt vom Eise.

»Gut …« antwortete Dora mit künstlicher Ruhe, bemüht, sich seinem Tone anzupassen. Sie ging nach der Küche, wo sie lange den Ssamowar anzukochen hatte; mit ihren ungeschickten Händen ließ sie den Aufsatz fallen oder schüttete die Kohlen vorbei.

Aus dem Eßzimmer hörte sie die Stimme und das Lachen Korenjews, der sorglos und lebhaft erzählte, welche Kniffe sie anwenden mußten, um die verfolgenden Spitzel irre zu führen. Als sie zurückkam, sagte Korenjew, rittlings auf dem Stuhl sitzend:

»Wer mir gefällt, das ist unsere Hebamme! … Das ist so Eine! … Die bleibt auch beim Weltuntergang ebenso ruhig, wie bei einer Geburt! … Wissen Sie, gerade in diesen zwei Tagen fühle ich, daß ich lebe … Schade nur, daß bald alles zu Ende ist!«

»Warte erst ab!« erwiderte Andrejew düster.

»Nein, Bruder,« lachte Korenjew, lustig die weißen Zähne zeigend: »er und ich, wir haben nur noch einen Tag, und dann ffff!« Er pfiff.

Der blonde Nesnamow klopfte schweigsam mit den dünnen, mageren Fingern gegen die Tischkante, als wenn er ein Motiv trommeln wollte, das nur ihm hörbar ist.

Aus der lustigen Stimme Korenjews und dem kurzen, ausdrucksvollen Pfiff fühlte Dora plötzlich trübe Kälte bis an ihren Nacken steigen. Ihre Füße zitterten; von einer augenblicklichen Schwäche erfaßt, setzte sie sich auf den Rand des Sofas nieder. Wie durch einen Nebel hörte sie Korenjew sprechen und seine beherzte Stimme drang sonderbar dumpf auf sie ein.

»Schlimm ist, daß es wenig Menschen gibt … Alle übernehmen es, aber wenn es zur Arbeit kommt – ja, schreibt's in die Luft.«

Dora kam zu sich. Sie hatte stets den Eindruck, daß der große, schöne Student sie im Innern verachtete; in seiner Gegenwart nahm sie sich ganz besonders zusammen.

Sie lächelte eilig, warf einen schüchternen, raschen Blick auf Nesnamow und stand auf.

»Nehmen Sie Zitrone zum Tee?« fragte sie.

»Ich … Ja …« antwortete Nesnamow mechanisch.

Beim Tee, den niemand trank, außer Korenjew, schwiegen sie alle fast ununterbrochen und man schien in diesem Schweigen zu vernehmen, wie die Zeit vergeht und der verhängnisvolle Tag näherkommt.

»Nun, wir gehen fort …« sagte Korenjew sich erhebend. »Auf Morgen!«

Alle standen auf.

»Dora Moisiejewna wird Ihnen dort zeigen, wo alles liegt …« sagte Andrejew ernst und geschäftsmäßig zu Nesnamow.

»Gut. Leben Sie wohl!« antwortete dieser.

Eine Minute schwiegen sie erregt, als wenn sie nicht wüßten, was sie weiter zu tun hätten.

»Ja,« sagte Andrejew leise, »vielleicht sehen wir uns gar nicht mehr wieder …«

Er ging auf Nesnamow zu und umarmte ihn zart und aufrichtig.

»Leben Sie wohl, Lieber! …« sagte Nesnamow zärtlich.

Bei dieser zärtlich-traurigen Stimme und den naß gewordenen Augen Andrejews taten Dora plötzlich alle ebenso wie sie selbst unerträglich leid. Tränen traten ihr in die Augen und rollten an ihrer Nase vorbei auf die zitternden Lippen.

Korenjew drückte fest Nesnamows Hand und lächelte schweigend, Nesnamow antwortete mit einem ebenso feinen, traurigen Lächeln.

Dann gingen Korenjew und Andrejew fort und Dora machte hinter ihnen die Tür zu und horchte lange auf die sich entfernenden Schritte. Das Tor schlug unten ins Schloß und alles wurde still.

Als sie zurückkam, stand Nesnamow am Fenster, hatte den Vorhang ein klein wenig beiseite geschoben und schaute auf die Straße. Es war noch Nacht und die Straßen waren eigentümlich leer, doch der Himmel strahlte schon in durchsichtiger Morgendämmerung und der letzte Stern glänzte in zartem Blau hoch über der Erde.

»Es wird schon Tag … kurze Nächte haben Sie hier …« sagte Nesnamow, zärtlich lächelnd, als er Doras Schritte hörte.

»Ja …« erwiderte Dora verlegen und begann mechanisch den Tisch abzuräumen.

Sie hatte eine eigentümliche Empfindung: zum ersten Mal wurde sie sich der Unabänderlichkeit ihres Entschlusses bewußt; dazu trat undeutliche mädchenhafte Verlegenheit, und eine naive, stolze Freude, am letzten Abend mit dem allein zu bleiben, dessen Name morgen durch ganz Rußland fliegen und die steinernen Herzen der unnahbarsten Menschen erbeben lassen würde.

Auf dem Hofe loderte langsam, doch unablässig die Morgenröte des neuen Tages auf, und ihre rosigen, wenn auch noch blassen Schimmer legten sich über die hellen Haare und das bleiche Gesicht Nesnamows.

Er seufzte schwer, trat vom Fenster zurück und sagte, weich lächelnd, zu Dora:

»Vielleicht ist das der letzte Morgen, den ich sehe … Eins tut mir nur leid! … Im Grunde genommen bin ich ein furchtbarer Schwärmer: ich liebe die Sonne, den Himmel, den Herbst, den Frühling … liebe das Gras … alles Helle, Stille, Lebensfrohe … eigentlich möchte ich gar nicht jemanden töten, möchte nicht sterben …«

»Warum gehen Sie denn darauf?« fragte Dora schüchtern, und wieder regte sich in ihr das stolze Bewußtsein, daß ihre Frage – eine historische sei.

»Wie soll ich Ihnen das erklären …« antwortete schwach lächelnd, Nesmanow. »Am allerwahrscheinlichsten deshalb, weil ich das Leben zu sehr liebe; es ist mir zu schmerzlich mit anzusehen, wie man es verunstaltet.«

Er stand vor Dora, hoch, schlank und ganz wie durchleuchtet und lächelte fortgesetzt; Doras Kehle aber wurde wieder von dem stechenden Gram zusammengeschnürt. Da sie fühlte, daß sie gleich in Tränen ausbrechen würde, reichte sie ihm eilig die Hand und sagte ohne aufzublicken:

»Gebe Gott, daß alles glücklich endet …«

»Nein, weshalb …« Nesnamow machte eine wegwerfende Handbewegung. »Das ist gleich … Wenn nicht beim ersten Mal, so beim zweiten … gleichviel … alle, die das Volk in diese entsetzliche Lage gebracht haben, halte ich für meine persönlichen Feinde, und wenn es mir gelingt, mich diesmal zu retten, so werde ich gehen und einen anderen töten … Gleichviel …«

Dora hob den Kopf und sah ihm in die Augen; sie waren hell und traurig. Etwas Reines, unsagbar Teures trat aus seinem Blick in ihre Seele; sie kam sich selbst dagegen unsäglich klein und nichtig vor. Aber dieses Bewußtsein war ihr diesmal nicht quälend; es rührte sie geradezu. Wieder traten ihr Tränen in die Augen.

»Haben Sie nicht Papier und Tinte?« fragte Nesnamow. »Ich möchte meiner Mutter schreiben … später werde ich kaum Gelegenheit dazu haben.«

Dora konnte nicht sprechen; sie nickte nur mit dem Kopf. Sie brachte ihm Papier, blieb eine Weile stehen, wollte etwas sagen, konnte es aber nicht in Worte fassen und ging ins Schlafzimmer.

Dort lag sie lange, regungslos in ihr großes Umschlagtuch gehüllt, auf das Rascheln des Papiers und Nesnamows Bewegungen horchend, und ihr kleines, einsames Herz brach vor Mitleid, Trauer und einem neuen Gefühl von Verliebtheit. Sie hätte aufstehen, zu ihm gehen, ihn liebkosen, über ihn weinen und ihn mit ihren Umarmungen vor dem kommenden Grauen beschirmen mögen. Aber sie lag regungslos und weinte nur sacht, fürchtend, daß er sie hören könne.


XIV

Ueber der Stadt hing ein staubiger und dunstiger Himmel; es schmerzte, in ihn hineinzuschauen. Auf dem Prospekt und der anstoßenden Straße rollten Equipagen und andere Fuhrwerke, alle einander so ähnlich, als ob es stets dieselben wären, die absichtlich auf der einen Stelle hin- und herführen. Auf beiden Seiten der Straße gingen Menschen. Von den Häusern fielen kurze bläuliche Schatten und es war so heiß, daß jeder Atemzug Mühe machte.

Dora wurde das Stehen schwer. Die schlaflose Nacht, die vor kurzem überstandene Krankheit und die furchtbare Unruhe verursachte ihr eine Schwäche, die durch den ganzen Körper floß. Sie stand an der Straßenecke, in den kurzen, schwülen Schatten, und schaute über die Köpfe der Vorbeigehenden hinweg gespannt nach dem Bahnhof.

Vor seiner breiten Anfahrtsterrasse, auf der die Sonne glühte, standen Gepäckträger in weißen Schürzen; Menschen stiegen herauf und herunter. Droschkenkutscher fuhren schnell heran und langsam ab. Hoch über dem Giebel rundete sich die Uhr und beobachtete streng und genau alles, was auf dem Platze vorging.

Dora schien es, daß sie von jeher hier stände und auf diese Uhr schaue, auf die weißen Schürzen der Gepäckträger, die in der Sonne blinkten und auf die breiten steinernen Stufen. Das alte Bahnhofsgebäude, das sie nun schon seit langem kannte, war wie von der ganzen Welt losgelöst und stand schwer und unheimlich da. Dora hätte, selbst wenn sie es wollte, ihre entzündeten, bis zur Schmerzhaftigkeit gespannten Augen nicht mehr von ihm abwenden können. Die stumpfe Unruhe wuchs fortgesetzt in ihrem Herzen. Es war heiß, aber unter ihrem Herzen lag Kälte; ihre Knie zitterten häufig. Unerklärlicherweise glaubte Dora, daß dieses Zittern allen krampfartig in die Augen springen müßte. Um sie zerbrachen eine Unzahl verschiedenartiger greller Töne; sie schoben sich wie Wellen steigend und fallend, ineinander und klangen wieder voll zusammen, aber in ihr Bewußtsein traten sie nur unmerklich, ganz verblasst ein. Jeder dieser leisen, unverständlichen Töne schnitt warnend durch ihr Hirn, rief in ihrem Herzen scharfe Stöße und klebrigen, kalten Schweiß auf ihren glühenden Schläfen hervor. Menschen gingen und gingen, und Tausende unkennbare, bunte Gesichter flimmerten ihr vor den Augen.

»Wenn das so qualvoll ist, wer zwingt mich dazu? …« schwirrte es erstaunlich einfach durch ihr Hirn, so einfach, daß sie manchmal hätte mit den Achseln zucken, sich umdrehen und still, mit einem Lächeln, fortgehen mögen. Doch sie preßte den zitternden Schmerz fest in sich zusammen, und in ihr unnatürlich geschärftes Bewußtsein fiel immer wieder der eine Gedanke:

»Fürchte ich mich wirklich so sehr? …«

Mit diesem Gedanken, daß sie jämmerlich feige wäre, stieg dann stets das blasse Bild Nesnamows in ihr auf und brachte ihr für Augenblicke eine gewisse Erleichterung: die Angstzustände verschwanden, die Füße standen fester und der krankhaft-brennende Ausdruck in den Augen milderte sich.

Ein hochgewachsener Mensch mit feinem Gesicht, dessen lockiges Haar rundgeschnitten war, ging in langer Bauernjacke und hohen Stiefeln mit elastischen, ebenmäßigen Schritten an ihr vorüber. Dora sah ihn flüchtig an, und er war schon, wie hunderte andrer Passanten, fast ganz aus ihren Augen entschwunden, als sie plötzlich die Empfindung von etwas Bekanntem berührte, und sie Korenjew erkannte. Sein Gesicht war ruhig, beinahe lustig gewesen, aber dabei eigentümlich unbeweglich, wie versteinert.

Korenjew war schnell, ohne Aufenthalt, vorüber gegangen; im Gehen, unter dem Dröhnen der Wagen und dem Lärm der Schritte, hatte er, ohne auf Dora zu schauen, sondern weiter geradeaus blickend, vor sich hingesprochen: »Aufpassen … Bald …«

Das letzte Wort hörte Dora nicht; sie fühlte es. Er war in der Menge verschwunden; in Doras Ohren blieben diese raschen, augenblicklichen Worte.

Dicht auf seinen Fersen ging irgend ein dicker Herr im Zylinderhut mit glattrasiertem Beamtengesicht. Dora sah auch ihm kurz in die Augen; er hatte ein völlig fremdes, glattes, hämorrhoidales Gesicht.

Die Zeit verging … Dora schien sie stehen geblieben zu sein. Sie hielt sich kaum auf den Beinen; jeder Nerv war wie entblößt und zog den ganzen Körper in qualvollem Krampfe zusammen; hin und wieder wünschte sie, sich unten an die Mauer zu hocken, den müden Kopf daran zu lehnen und die Augen zu schließen.

»Herrgott, wenn es nur schneller käme … nur schneller …« flimmerte es undeutlich in ihrem Kopf. Trat dann manchmal stumpfe Gleichgültigkeit an die Stelle dieser Unruhe, so fuhr sie augenblicklich wieder voll Entsetzen auf und schaute von neuem auf das schwere, unheimliche Bahnhofsgebäude.

»Was hältst du hier an?« rief ein junger rothaariger Dwornik, der unweit von Dora einen Wasserleitungshahn aufdrehte. »Fahre weiter, du … Waldteufel, du dummer!«

Ein Droschkenkutscher fuhr erschrocken zusammen; ungeschickt die Zügel anziehend, fuhr er weiter. Doch Dora hatte bereits Larionow erkannt und seine kurzsichtigen Augen, sein farbloses Kinnbärtchen, die so gar nicht zu dem fremden blauen Kutscherrock passten, empfand Dora als etwas unsagbar Nahes und Liebes.

»Was tut er! … Da darf er nicht halten!« … dachte sie mit furchtbarem Schreck; ihr kam in Erinnerung, wie Korenjew erbittert gesagt hatte:

»Alle übernehmen es, wenn es aber zur Arbeit kommt, machen sie alles vor Schreck verkehrt.«

Damals hatte sich Dora über Korenjew empört, aber in diesem Augenblick wurde ihr plötzlich mit unabwendbarer, furchtbarer Sicherheit klar, daß auch sie erschrecken, etwas vergessen, alles verkehrt machen, sich selbst und alle zugrunde richten würde. Diese Ueberzeugung verließ sie nicht mehr; sie erfüllte sie immer mehr mit Verwirrung und Schrecken.

Ueber den ganzen Körper floß kalter Schweiß. Unter schrecklichen Anstrengungen versuchte sie, sich alle Einzelheiten ins Gedächtnis zurückzurufen, aber stets schien ihr, daß sie irgend etwas, das Wichtigste, vergessen habe.

Wenn auf die Freitreppe diese … Hebamme Trud herauskommt … was für ein sonderbarer Name! … Aber darum handelt es sich nicht … Ja, wenn sie herauskommt und einer Droschke winkt, dann muß ich … dann muß ich … na ja … ja …« alles wand sich widerwärtig zerknüllt und abgerissen in ihrem kranken Hirn; als sie gerade den Faden völlig verloren hatte, fing sie plötzlich den eigentümlich unverwandten Blick eines Menschen auf.

Ein Kleinbürger im langen Rock ging vorbei. Schon von weitem hatte er unverwandt, doch verstohlen auf Doras Gesicht gesehen; als sie jetzt seinen Blick auffing, wandte er sich ab und ging auf die andere Seite.

»Ein Spitzel … entdeckt!« ging es mit unheimlicher, eisiger Klarheit durch Doras Gehirn.

Alles war wie vorher, und doch schwebte hinter dieser lärmenden, bunten, vorbeieilenden Menge plötzlich etwas Geheimes, das unvermeidlich, schauerlich stumm heranschlich. Unsichtbare, riesenhafte Hände schoben leise, listig die Menge auseinander und begannen langsam, ihr unablässig näherzukommen.

Unter unglaublicher Anstrengung preßte Dora die Zähne zusammen, um die fliegenden Kiefer festzuhalten.

»Dummheiten … weswegen … sie würden schon längst zugefaßt haben! …« Ihre Gedanken hüpften in Sprüngen; sie fing an, sich krampfhaft hin und her zu bewegen.

Gerade in diesem Augenblick trat still und ruhig die Hebamme Trud im strengen, schwarzen Kleide auf die breiten steinernen Stufen des Bahnhofes heraus und winkte dem nächsten Droschkenkutscher mit der Hand.

Etwas schlug Dora durch den Kopf, vor ihren Augen wurde alles schief und trübe.

»Na, aber …« dachte sie schwach.

Unnatürlich lebhaft, mit dem deutlichen Gefühl, es nicht so zu tun, wie es richtig wäre, riß Dora das Tuch aus der Tasche. Ein weißes Läppchen blinkte in der Sonne, – ratlos und grell. Sie konnte noch flüchtig sehen, wie an der Bahnhofseinfahrt ein schwarzer verdeckter Wagen langsam und gravitätisch vorfährt.

Derselbe gewöhnliche, glattrasierte dicke Herr Zylinderhut schob sich von irgendwo rasch an Doras Seite und fragte mit unverhältnismäßig eindrucksvoller Stimme:

»Was machen Sie hier?«

Dora wandte sich jählings um, in ihrem totblassen Gesicht leuchteten entsetzt hervorquellende Augen und ohne zu verstehen, was sie tut, und doch gleichzeitig in dem Bewußtsein, daß es sinnlos und verderblich wäre, riß sie den Revolver aus der Tasche und drückte ihn, fest gegen etwas Weiches gestemmt, ab. Im Rasseln der Fuhrwerke brach sich ein kurzer, ziemlich leiser Schall. Der glattrasierte dicke Herr fuhr mit dem ganzen feisten Körper zusammen, der Zylinderhut glitt ihm über die Augen, einsinkend prallte er zurück, auf den Damm und fiel schwer unter die Füße eines Droschkengauls, der nun selbst krachend und klirrend nach der Seite niederstürzte.

Alles vermischte sich vor Doras Augen; sie sah nur, wie der schwarze Zylinder unter den Füßen der zusammenströmenden Menge herumrollte. Ein ungeordneter, vielstimmiger Schrei blieb in der Luft hängen.

»Verloren!« zuckte es kurz, zwecklos in ihrem Hirn auf, und, die Menge auseinanderstoßend, stürzte sie ohne Besinnung um die Ecke, stolperte über einen Gummischlauch des Leitungsrohrs, der quer auf dem Trottoir lag, und noch fühlend, daß sie ergriffen und mit einer schweren, stumpfen Last über den Kopf geschlagen wurde, schloß sie die Augen und fiel auf die Hände, schmerzlich auf das harte, feste Granit klatschend.

»Zu Ende!« schien eine dumpfe Stimme entsetzt durch die ganze Welt zu schreien; sie verlor das Bewußtsein.

Als es vor ihren Augen wieder hell wurde, warf man sie gerade in eine Droschke und zwei Schutzleute mit gelben Schnüren und wutverzerrten Gesichtern stießen und zerrten sie hin und her, während sie sich von beiden Seiten in die Droschke klemmten. Ihr Kopf ging im Kreise umher, riß alles um ihr in diesen Wirbel hinein, in ihrer Schläfe spürte sie unerträglich scharfe Schnitte, über ihre Lippen floß dickes, warmes Blut. Auf der Mitte der Straße blieb das vollständig wahnsinnige Gesicht Larionows in ihren Augen haften. Sein Pferd wurde von Dutzenden ausgestreckter, gespannter Hände am Zügel gehalten. Gekrümmte Finger krallten sich in seinen Kutscherrock, er aber riß, mit heraustretenden Augen, die jeden menschlichen Ausdruck verloren hatten, toll an den Zügeln und hieb auf das Pferd ein. Es bäumte auf und schlug, den Kopf mit den gefletschten Zähnen in die Höhe gerissen, auf der Stelle um sich.

»Halt ihn! Stehen bleiben! …« wurde von allen Seiten geschrien und wie es schien, nicht nur von den Menschen, sondern ebenso von den Mauern der Häuser, dem Rasseln der Wagen, dem blendenden Licht.

Als die Droschke mit Dora, die wieder die Besinnung verloren hatte, am Bahnhof vorbei fuhr, standen auf seinen breiten Stufen gravitätische, wohlgenährte Herren in Uniform und strengen Mänteln; hinter ihnen an einer Säule lehnte ruhig die große, schwarzgekleidete Hebamme Trud mit verachtenden Mienen.



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