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Erster Teil.
Historische Darstellung der Zerstörung Magdeburgs.

1. Magdeburgs Bündnis mit Gustav Adolf und dem Administrator Christian Wilhelm.

Die Generale Tilly und Wallenstein hatten im niedersächsisch-dänischen Kriege alle protestantischen Gegner bezwungen; als letzter hatte der Dänenkönig Christian IV. sich im Frieden zu Lübeck 1629 verpflichten müssen, jede Einmischung in die deutschen Angelegenheiten fortan zu unterlassen. Damit stand die kaiserliche Macht in Deutschland auf ihrer stolzesten Höhe während des ganzen Krieges.

Am 6. März 1629 erließ Kaiser Ferdinand II. das Restitutionsedikt, durch welches u. a. festgesetzt wurde, daß alle mittelbaren, seit dem Passauer Vertrage von den Protestanten eingezogenen Abteien, Stifter und Klöster den Katholiken zurückgegeben und alle unmittelbaren, gegen den geistlichen Vorbehalt reformierten Stifter wieder mit katholischen Bischöfen und Prälaten besetzt werden sollten. Ersteres betraf im ober- und niedersächsischen Kreise über 120 Abteien und Stifter, letzteres die Erzbistümer Magdeburg und Bremen und 12 Bistümer.

Für das Erzbistum Magdeburg hatte das Restitutionsedikt zur nächsten Folge, daß der Erzherzog Leopold Wilhelm, des Kaisers Sohn, zu seinem Administrator ernannt wurde. Der protestantische Administrator, Christian Wilhelm, hatte bereits im Jahre 1625, als Wallenstein sich Magdeburg näherte, die Stadt verlassen, hatte dann gemeinsam mit Ernst von Mansfeld, dem Herzoge von Weimar und Christian IV. gegen die ligistischen und kaiserlichen Truppen gekämpft, war vom Kaiser geächtet und vom magdeburgischen Domkapitel, »weil er an dem Kriege gegen das Reichsoberhaupt teilgenommen und sich dadurch dessen Ungnade und Acht zugezogen«, seiner Würde für verlustig erklärt worden.

Der Administrator Christian Wilhelm jedoch hatte trotz seiner Achtung und seiner Absetzung durch das Domkapitel keineswegs den Gedanken aufgegeben, sich wieder in den Besitz seines verlorenen Erzstifts zu setzen. Dabei rechnete er vorzüglich auf tätige Mitwirkung seiner Freunde in der Stadt Magdeburg, besonders des Befehlshabers der Stadtsoldaten, Obristleutnants Schneidewind, und des Pastors zu St. Ulrich, Dr. Gilbert de Spaignart. Diese standen an der Spitze einer Partei, die fast die ganze gemeine Bürgerschaft umfaßte, die mit der Politik des Magistrats unzufrieden war. Man warf den Vätern der Stadt vor, daß sie im niedersächsisch-dänischen Kriege sich nicht den Verteidigern des Protestantismus angeschlossen, vielmehr das Heer der Liga unterstützt hätten. Das sei Verrat an der evangelischen Religion. Wäre es auf die unzufriedene Partei angekommen, dann hätte der Rat sich mit den Nachbarfürsten zum Schutze des Protestantismus verbünden und die Kaiserlichen mit Gewalt aus dem Lande jagen müssen. Es kam soweit, daß das alte Stadtregiment gestürzt und ein neues gewählt wurde, in dem die Ratsstühle nicht mehr wie bisher nur mit Personen aus den Innungen und Geschlechtern, sondern mit Männern aus der gesamten Bürgerschaft besetzt wurden. Damit ward eine bittere Feindschaft zwischen den angesehenen, bisher ratsfähigen Geschlechtern und der übrigen Einwohnerschaft begründet, und nur zu hart sollte die Stadt die unseligen Folgen dieser Zwietracht bald empfinden.

Der Administrator Christian Wilhelm hatte sich längere Zeit am Hofe Gustav Adolfs von Schweden, dessen Gemahlin seine Nichte war, aufgehalten, war dann im Februar 1630 nach Deutschland zurückgekehrt und weilte jetzt in Hamburg. Dort harrte er sehnlich der Ankunft seines königlichen Verwandten, der – zur Rettung des bedrängten Deutschlands und des Protestantismus – am 24. Juni 1630 nach einer mühevollen Seefahrt mit seiner Flotte bei der kleinen Insel Ruden ankerte und seine Truppen auf Usedom landete. Christian Wilhelm hatte Geld von ihm verlangt, um 10 000 Mann zu Fuß und 3000 Reiter zu werben, die er, wenn das Erzstift erst in seinen Händen war, auf eigene Kosten unterhalten und vermehren zu können hoffte. Auch hatte er versprochen, die Stadt Magdeburg und das Land auf schwedische Seite zu bringen, was ihm nicht sonderlich schwer fallen würde, da er den bittern Haß seiner Untertanen gegen den Kaiser und dessen Kriegsvolk kenne. Der König – dem es natürlich sehr erwünscht sein mußte, das feste Magdeburg, den Schlüssel des Elbstroms, in die Hände zu bekommen, um später an ihm einen Stützpunkt für seine Unternehmungen zu haben – hatte den Plan des Administrators gebilligt und letztern ermächtigt, von Wechslern und Kaufleuten in seinem Namen und unter seiner Bürgschaft ein Darlehen bis zum Betrage von 100 000 Talern aufzunehmen. Gleichzeitig aber hatte er ihn gewarnt, nichts zu übereilen, vorsichtig zu Werke zu gehn und lieber zum Schein Unterhandlungen wegen seiner Restitution mit dem Kaiser anzuknüpfen. Allein Christian Wilhelm war zu ungeduldig, um diesen verständigen Rat zu befolgen. Er sandte seinen geheimen Sekretär Peter Meyer in das Erzstift, um daselbst in seinem Interesse zu wirken und namentlich die Stadt Magdeburg für ihn zu gewinnen.

Die Sache ging nach Wunsche. Der gegenwärtig in Leiden sich aufhaltende ehemalige magdeburgische Syndikus Werdenhagen hatte dem neuen Magistrate das Anknüpfen von Handelsverbindungen mit den Niederlanden empfohlen, um namentlich dem in Magdeburg gebrannten Bier einen Absatz dahin zu verschaffen. Er hatte gewünscht, daß man zur weitern Besprechung über diese Sache etliche Personen nach Hamburg sende, wo er zu treffen sein würde. Christian Wilhelms Freunde wußten es bei den Vätern der Stadt dahin zu bringen, daß die Absendung wirklich erfolgte. Nachdem die Abgeordneten mit Werdenhagen das Nötige besprochen, wurden sie durch Heinrich Pöpping, einen früheren Magdeburger Kaufmann, der sich durch unglückliche Spekulationen zugrunde gerichtet hatte und der jetzt in Christian Wilhelms Diensten stand, bei diesem eingeführt. Sie wurden von ihm auf das freundlichste empfangen und mehrmals von ihm zur Tafel gezogen. Nachdem er sich mit zweien derselben, den Ratsherren Gerhold und Steinbeck, seinen eifrigen Anhängern, hinter dem Rücken der beiden andern wegen einer nähern Verbindung zwischen ihm und der Stadt und der Vertreibung der Kaiserlichen aus dem Erzstift besprochen, gab er denselben bei ihrer Rückreise seinen treuen Pöpping als Begleiter mit. Letzterer sollte dem Magistrat zwei Schreiben einhändigen, das eine vom Könige von Schweden, das andere von ihm selbst. Pöpping zögerte damit fast drei Wochen lang, gewann inzwischen die Freunde seines Gebieters, auch etliche Ratsglieder und Prediger für dessen Plan, erforschte die Gesinnung des größeren Teils der Bürgerschaft und entledigte sich nun erst seines Auftrags. Das zu Stockholm im Dezember 1629 in lateinischer Sprache abgefaßte Schreiben Gustav Adolfs enthielt die Anzeige, daß er mit einem Kriegsheere nach Deutschland kommen wolle, um die Religions- und politische Freiheit zu schützen und wiederherzustellen, nebst einer kurzen Angabe der Gründe, die ihn zu diesem Entschlusse bestimmt hatten; es stand aber keine Silbe darin von einer Aufforderung an die Stadt, mit ihm ein Bündnis zu schließen. Das Schreiben des Administrators war eine Vollmacht für Pöpping und ermächtigte selbigen, die Stadt zu bewegen, von den Truppen, die Christian Wilhelm mit schwedischer Hilfe zur Wiedereroberung und zum Schutze des Erzstifts werben und unterhalten würde, eine Besatzung einzunehmen. Die Verantwortlichkeit dafür wolle der Administrator auf sich nehmen, die Stadt durch das Landvolk noch mehr befestigen lassen und sie mit noch mehreren Vorrechten und Landgütern begnadigen.

Die Mehrheit des Ratskollegiums trug aber Bedenken, auf diesen Antrag einzugehen, und wollte erst nach reiflicher Erwägung in einer so wichtigen Angelegenheit einen Beschluß fassen. Die wiederholten Bemühungen Pöppings sowohl als der Ratsherren Gerhold und Steinbeck hatten keinen andern Erfolg, als daß man sich einigte, die Entscheidung den Hansastädten anheimzugeben. Dies meldete man dem Administrator und ernannte sofort zwei an das Direktorium in Lübeck zu sendende Abgeordnete. Ehe diese aber abreisten, lief ein Schreiben des schwedischen Geschäftsträgers Johann Stalmann ein, in dem dieser dem Magistrat anzeigte, er werde nach Magdeburg kommen, um der Stadt von seiten seines Gebieters und des Administrators wichtige Eröffnungen zu machen. Der große Haufe, höchlich erbittert über etliche katholische Maßnahmen gegen die evangelischen Dom- und Stiftsherren, und von den Freunden des Administrators durch glänzende Vorspiegelungen gewonnen, wünschte eifrig den Abschluß eines Bündnisses mit Christian Wilhelm und sah alle die mit ungünstigen Augen an, die sich dagegen erklärt hatten. Pöpping eilte mit der Nachricht von dem glücklichen Erfolge seiner Mission nach Hamburg zurück, und Christian Wilhelm beschloß nun, selbsthandelnd aufzutreten. Verkleidet, mit abgeschnittenem Haupthaar und Bart, machte er sich, nur von Pöpping, Stalmann und vier andern Personen begleitet, hierher auf den Weg und kam am 27. Juli 1630, ohne Vorwissen des Rats und der Bürgerschaft, in die Stadt. Während er mit Pöpping durch das Ulrichstor einritt, folgten ihm seine Begleiter unerkannt durch das Kröckentor nach. Um sein Incognito zu bewahren, kehrte er beim Rechtspraktikanten Dr. Christoph Schulze ein. Noch am Abend desselben Tages begab sich der Obristleutnant Schneidewind und am folgenden Morgen der Ratmann Steinbeck zu ihm, die in das Geheimnis eingeweiht waren. Stalmann teilte am 29. Juli dem Rate seine Ankunft mit und ersuchte ihn, ihm nun endgültige Nachricht wegen eines Bündnisses mit Gustav Adolf und dem Administrator zukommen zu lassen. Der Magistrat teilte ihm darauf mit, daß er die Entscheidung den Hansastädten anheimgeben wolle. Da entdeckte Stalmann den Abgeordneten des Rates, die ihm diese Botschaft überbrachten, der Administrator sei bereits in der Stadt und wünsche, daß der Magistrat morgenden Tages aus seiner Mitte einige Personen an ihn absende, um selbst mit diesen zu unterhandeln.

Nachdem der Rat eine Zusammenkunft gehalten, wurden dann am 1. August die Bürgermeister Brauns und Schmidt, der Syndikus Dr. Denhardt und die Ratsherren Gerhold und Buschau an den Administrator abgesandt. Sie trafen bei ihm den schwedischen Gesandten, der ihnen lang und breit alle Punkte und Forderungen wiederholte, gegen die aber von etlichen Abgeordneten verschiedene sehr triftige Einwände erhoben wurden. Darüber war die zehnte Stunde herangekommen, wo nach des Administrators Befehl die Predigt in der Domkirche ihren Anfang nehmen sollte. Christian Wilhelm lud die Abgeordneten ein, selbige mit ihm anzuhören und hernach bei ihm zu speisen, was sie höflichkeitshalber nicht glaubten ausschlagen zu dürfen. Vor der Domkirche hatte sich eine solche Menge Volks versammelt, daß wegen der Größe des Gedränges kaum durchzukommen war. Der erste Domprediger, Dr. Bake, sprach – es war der zehnte Sonntag nach Trinitatis – über den vorgeschriebenen Text, die Verse Lucä 19, 42-44, in denen Christus der Stadt Jerusalem ihren Untergang verkündet, was man für ein böses Zeichen ansah.

Nach aufgehobener Tafel entließ der Administrator seine Gäste, stellte aber gleich darauf durch Pöpping an den regierenden Bürgermeister die Forderung, ohne Säumen die ganze Bürgerschaft zusammenzuberufen, da er ihr in eigener Person seine Sache vorzutragen wünsche. Ihm mußte ja alles daran liegen, die Stadt für sich zu gewinnen und dadurch seiner unsicheren Stellung einen Halt zu geben. Weil solche Zusammenberufungen aber nicht gebräuchlich waren, so ließ der Bürgermeister Brauns den Rat auf das Rathaus bescheiden, stattete der Versammlung Bericht ab über die Anträge, die man ihm und seinen Mitabgeordneten am Vormittage gemacht, und wollte eben die Beratung eröffnen, als die Ankunft des Administrators und des schwedischen Gesandten ihm gemeldet wurde. Beide verlangten eine entscheidende Antwort. Da man sich aber noch durchaus nicht über eine solche vereinigt hatte, so bat die Mehrheit der Versammlung, der diese Hast und dies Drängen sehr befremdlich war, um Aufschub und Bedenkzeit, damit man erst den Rat der Hansastädte einholen könne. Stalmann aber fiel ihr sogleich ins Wort, ließ sich weitläufig über das abzuschließende Bündnis aus, zählte alle Vorteile desselben für die Stadt her und versprach derselben die Summe von 90 000 Talern zur Bestreitung ihrer Bedürfnisse und zu ihren Festungsbauten, außerdem die Sicherheit des Bündnisses seitens der Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen. Schließlich bestand er darauf, man solle sich augenblicklich und zwar in befriedigender Weise erklären, – wo nicht, würde der Administrator sich an die Bürgerschaft wenden. Diese hatte sich zahlreich auf dem alten Markte vor dem Rathause versammelt und frohlockte über Christian Wilhelms Ankunft; denn man hatte ihr vorgespiegelt, der Administrator und alle evangelischen Fürsten und Stände würden am 4. August die Waffen gegen die allverhaßten Glaubensfeinde, die Kaiserlichen, erheben. Nachdem er geredet, fragte der Syndikus Dr. Denhardt die Versammlung um ihre Meinung und die zu gebende Antwort. Ein Teil der Anwesenden schwieg, ein anderer sprach dies und jenes, so daß Denhardt nicht wußte, woran er war. Etliche Stimmen riefen ihm zu, man müsse von Rechtes wegen bei Gottes Wort stehen und könne nicht umhin, zum Besten der evangelischen Sache dem Könige und dem Administrator den Paß zu verstatten, und was dergleichen Worte mehr waren, die aber bei dem großen Gemurmel im Saale nicht von allen Anwesenden, sondern nur vom Syndikus deutlich gehört werden konnten. Durch diesen folgte nun die Erklärung: zur Förderung des allgemeinen evangelischen Wesens, und damit nicht durch die Zögerung der Stadt den mit dem Könige von Schweden verbundenen Ständen Gefahr erwachse, solle der Paß für Se. Majestät offen stehen. Nachdem sie soviel erreicht, boten der Administrator und Stalmann jedem der Anwesenden die Hand und verließen das Rathaus. So scheiterten die wohlgemeinten Absichten des bedächtigern Teils der Stadtväter, die für Magdeburg die bösen Folgen eines solchen Bündnisses voraussahen und daher den Abschluß desselben gern hintertrieben hätten. Leider gingen ihre gerechten Befürchtungen nur zu bald in Erfüllung.

Der auf dieses Bündnis bezügliche Generalvertrag wurde hierauf vom Administrator, dem schwedischen Gesandten und im Namen des Magistrats vom Bürgermeister Georg Kühlewein durch Unterschrift vollzogen.

Schon am nächsten Tage, dem 2. August, verlangte der Administrator, die Stadt solle ihm von den beiden Kompagnien, die sie in ihrem Solde halte, und deren jede aus 200 Köpfen bestand, die eine auf 14 Tage abtreten; angeblich, damit er sich desto sicherer an die Örter begeben könne, wo er sein Kriegsvolk habe, um es zusammenziehen zu können. Die Kompagnie wurde ihm auf die vorbemerkte Zeit überlassen, man lieh ihm dazu Geschütz und Munition und versah ihn mit Geld und Proviant. Noch am Nachmittage des 2. August sandte Christian Wilhelm die Kompagnie nach Wolmirstedt. Die auf dem dortigen Schlosse liegenden 5 oder 6 kaiserlichen Soldaten wurden zu Gefangenen gemacht und das Archiv nebst Betten, Vieh und einem kleinen Mehlvorrat hierher geschafft. Etliche tausend Geschützkugeln kamen später zu Wasser nach.

Das meiste Kriegsvolk des Kaisers war aus dem Erzstifte nach Mecklenburg und Pommern aufgebrochen und stand gegen Gustav Adolf, was für den Administrator allerdings ein sehr erwünschter Umstand war. Die zurückgebliebenen Besatzungen waren größtenteils so schwach, daß man ein gar leichtes Spiel mit ihnen hatte. So war am 4. August in Calbe ein Leutnant mit 20 Musketieren aufgehoben und samt etlichen Wagen voll Munition hierhergebracht. Die Burgenser überlieferten dem Administrator den Obristleutnant Damnitz samt seiner Ausrüstung und einigen mit Salz beladenen Wagen. Hier und da wurden von Christian Wilhelms Truppen Klöster, Amtshöfe und Dörfer ausgeplündert. Am 6. August ließ der Administrator alle Bewohner des Erzstifts, besonders die Ritterschaft, öffentlich auffordern, zur Verteidigung der Religion und des Landes die Waffen mit ihm zu erheben und die Kaiserlichen überall zu vertreiben. Gleichzeitig wurden auch unter öffentlichem Trommelschlag die Werbungen in unserer Stadt eröffnet, und der Zulauf war von allen Seiten ein so großer, daß in kurzer Zeit viel Volks unter den Fahnen stand. Am Abend eben dieses Tages zog der Administrator selbst mit Fußvolk und Reitern nach Halle, ward am 7. in der Nacht durch das Saalpförtchen eingelassen, überfiel die kaiserlichen Wachen und bemächtigte sich der Stadttore. Die Besatzung in der Moritzburg wollte von keiner Übergabe hören, und obgleich Christian Wilhelm aus dem Zeughause zu Magdeburg mit einigen Zentnern Pulver, einem Mörser und andern Kriegsgerätschaften unterstützt ward, auch fünf Kanonen, die die Kaiserlichen in Querfurt zurückgelassen, herbeischaffen und am 13. und 14. August lebhaft auf das Schloß feuern ließ, so konnte er es doch nicht gewinnen. Als am 16. August das fälschlich ausgestreute Gerücht erscholl, die Kaiserlichen zögen mit starker Macht heran, brach er, Geschütz und Munition im Stich lassend, in fluchtähnlicher Eile wieder von Halle auf und kehrte nach Magdeburg zurück.

Inzwischen hatte sich Stalmanns ältester Sohn in der Kirche zu Cöthen etlicher Kisten mit Geld – 25 000 Talern – bemächtigt, die dem kaiserlichen Obristen Stammer zugehörten, und die Summe nach Magdeburg gebracht. Mit Hilfe dieses Geldes nahmen die Werbungen unter dem inzwischen zum Obristen beförderten Schneidewind u. a. den glücklichsten Fortgang. Das angeworbene Volk ward teils in die Neustadt und Sudenburg, teils in die Umgegend – nach Calbe, Wanzleben, Egeln, Staßfurt, Calvörde u. a. O. – verlegt. Es sollte bald Gelegenheit haben, sich mit den Kaiserlichen zu messen, die auf die erhaltene Kunde von den Vorgängen im Erzstifte sofort wieder in dasselbe einrückten. In den Gefechten bei Germersleben, Wanzleben und Groß-Ottersleben behielten die Truppen Christian Wilhelms die Oberhand über die Gegner. Am 7. September gewann der Obristleutnant Bock durch List das feste, von den Kaiserlichen besetzte Schloß Mansfeld für den Administrator, indem er auf angeblich mit Korn beladenen Wagen einen Teil seiner Soldaten hineinschickte, die die Wache überwältigten und ihm das Tor öffneten. Christian Wilhelms Angelegenheiten standen also keineswegs ungünstig.

Voraussichtlich hatte Magdeburg aber eine Belagerung zu fürchten; denn die Kaiserlichen zogen mit Macht heran, und die verheißene schwedische Hilfe wollte noch immer nicht erscheinen. Dringend riet der Magistrat daher dem Administrator, das Getreide von den Amtshäusern und Klöstern beizeiten hierherbringen und aufschütten zu lassen, damit es später nicht an Proviant fehle; allein dieser wohlgemeinte Rat ward nur teilweise befolgt. Schneidewind widersetzte sich der Abführung des Getreides unter dem Vorwande, daß seine Soldaten dann in ihren Bezirken nichts übrig behalten und Not leiden würden, obwohl er sich später damit entschuldigte, der Administrator habe selbiges zur Bestellung der Amts- und Klosteräcker zurückzuhalten befohlen. Sämtliche Getreidevorräte fielen gleich darauf den Kaiserlichen in die Hände, und es mangelte nachmals nicht nur den in die Stadt und die Vorstädte verlegten Truppen des Administrators ganz und gar an Proviant, sondern es mußte selbst für dessen eigene und Falkenbergs Tafel Korn von den Bürgern gekauft werden. Viel früher war schon der Mangel an Pulver fühlbar; denn der bei den Krämern erkaufte Vorrat reichte nicht weit. Gegen den Willen der meisten Ratsherren brachten Christian Wilhelms Freunde es dahin, daß den Soldaten nach und nach an 100 Zentner Pulver aus dem städtischen Magazin verabfolgt wurden. Die üblen Folgen dieses Schrittes stellten sich hinterher bei der Belagerung der Stadt auf das nachteiligste heraus.

Als die Kaiserlichen mit größern Streitkräften heranrückten, verließen die Truppen des Administrators Egeln, Staßfurt und andere kleine Plätze, zogen sich näher an die Elbe und besetzten Calbe, Salze, Schönebeck und Frose, konnten jedoch auch diese Punkte nicht gegen die stärkern ihnen folgenden Gegner behaupten. Am 19. September ward Frose von den letztern erobert und alles niedergehauen, was sich nicht durch die Flucht rettete. Schönebeck ging ohne Schwertstreich über; auch Salze und Calbe wurden von den Kaiserlichen eingenommen. Letzteres hatte eine Besatzung von 750 Mann, die sich vereint mit den Bürgern zwar aufs tapferste wehrte, aber doch endlich der Übermacht erlag und teils niedergehauen, teils gefangen wurde.

Nach diesen Verlusten sah der Administrator ein, wie unzweckmäßig das Zersplittern seiner Streitkräfte war, und zog alle noch übrigen Truppen aus den naheliegenden Ortschaften – die kleinen Garnisonen im Saalkreise ihrem Schicksal überlassend – in Magdeburg zusammen. Es waren noch 2000 Mann zu Fuß und etwa 200 Reiter. Sie wurden teils in die beiden Vorstädte gelegt, teils verschanzten sie sich bei Kloster Bergen. Bald darauf verlor der Administrator auch noch Schloß Mansfeld und die Stadt Querfurt an die Kaiserlichen, so daß ihm vom ganzen Erzstifte nichts als Magdeburg blieb.

Wegen Mangels an Proviant konnten die Truppen des Administrators in den Vorstädten und dem Lager bei Kloster Bergen nicht gehörig verpflegt, auch konnte ihnen die Löhnung nicht ordentlich gezahlt werden, weil es an Geld fehlte. Die ohnedies schon nicht sonderlich disziplinierten Soldaten hielten sich deshalb bei den unglücklichen Bewohnern der Neustadt und Sudenburg schadlos und ließen ihnen fast nichts übrig. Brachten die Landleute auf ihren Rücken Lebensmittel nach Magdeburg, was der Kaiserlichen wegen mit großer Gefahr für sie verbunden, so nahmen die Leute des Administrators ihnen vor den Toren alles ab, und so ward die Stadt durch sie gleichsam gesperrt.

Diese Lage der Dinge und das Nicht-in-Erfüllung-Gehen der von Stalmann gegebenen Zusagen und Verheißungen erregte unter den Bürgern vielseitig Unruhe, Furcht und Mißtrauen. Auch liefen von hier und dort üble Nachrichten ein: der König von Schweden sei noch weit von Magdeburg entfernt, viele wichtige Pässe befänden sich noch im Besitze der Kaiserlichen, der Kurfürst von Sachsen und die Hansastädte gestatteten dem Administrator keine Werbung, und andere unangenehme Dinge mehr, die nicht geeignet waren, eine günstige Stimmung in der Bürgerschaft hervorzurufen. Schon fing man an, Reue über den getanen Schritt zu fühlen. Auch die Prediger, die das Bündnis mit Schweden und dem Administrator von den Kanzeln herab früher so eifrig empfohlen hatten, änderten jetzt ihre Sprache und wälzten alle Schuld der jetzigen Widerwärtigkeiten auf den Magistrat. Als der König von dieser Lage der Dinge unterrichtet ward, erließ dieser ein sehr gnädiges Schreiben an den Rat, voll der besten Vertröstungen auf baldigen Ersatz und rasche Hilfe, und versprach, einen kriegserfahrenen Kavalier zu senden, der das Verteidigungswerk inzwischen in bessern Stand setzen und leiten solle.

Um eben diese Zeit erhielt der Magistrat auch ein Schreiben des Kaisers, datiert: Wien, den 24. September 1630, des Inhalts:

»Seine Majestät habe mit Befremden vernommen, daß der Magistrat dem Markgrafen von Brandenburg, Christian Wilhelm, der sich erst heimlich in die Stadt geschlichen und dann öffentlich als Administrator aufgetreten, zur Vollführung seiner boshaften Absicht Vorschub geleistet, was um so unverantwortlicher, da bloß etliche Personen aus seiner (des Magistrats) Mitte das böse Spiel angegeben, der Rat der Bessergesinnten und Verständigen aber von dem tumultierenden Haufen nicht gehört und gänzlich verworfen sei. Se. Majestät wolle die Stadt hiermit ermahnen und derselben ernstlich gebieten, sich des besagten Markgrafen nicht ferner anzunehmen, sondern denselben als einen Reichsfeind aus ihren Mauern schaffen. Auf erfolgende gehorsamste Erklärung und wirklichen Gehorsam wolle S. Majestät der Stadt in Gnaden gewogen bleiben.«

Dieses Schreiben erhielt der Magistrat aus den Händen des Administrators, dessen Offiziere es dem Überbringer vor dem Tore abgenommen hatten, und beantwortete es unterm 10. November 1630. Der Administrator – heißt es in dem sehr weitläufigen Antwort- und Entschuldigungsschreiben – sei unversehens und ohne des Rats Wissen nach Magdeburg gekommen. Der Rat habe das erst nach etlichen Tagen erfahren, auch nicht gewußt, daß Seine Fürstlichen Gnaden durch einen Rechtsspruch abgesetzt und in die Acht erklärt sei, sondern geglaubt, weil derselbe sich bisher im Römischen Reiche, und sonderlich zu Lübeck und Hamburg, längere Zeit aufgehalten, daß dies ihm auch an andern Orten unverwehrt sei. Der gemeine Haufe, und sonderlich Fremde und Auswärtige, sei zu Christian Wilhelm getreten; es sei demselben etliches Fußvolk zu seiner Verteidigung geliehen, welches jedoch wieder zurückverlangt sei; zugleich sei den Bürgern die Teilnahme an den Ausfällen verboten worden. Da der Markgraf aber Truppen geworben und diese in die Vorstädte verlegt habe, so stehe es nicht in des Rates Macht, denselben zu entfernen, und Seine Fürstlichen Gnaden sei für alles Vorgefallene verantwortlich. Gleichzeitig führte der Rat die bittersten Klagen über die schweren Bedrückungen durch die kaiserlichen Truppen, unter denen die Stadt nun schon ins sechste Jahr zu leiden habe.

Der kriegserfahrene Kavalier, den Gustav Adolf der Stadt zu senden versprochen, war sein Hofmarschall und Obrist Dietrich von Falkenberg. Als Schiffer gekleidet, traf er im November 1630, von Hamburg kommend, in Magdeburg ein, händigte dem Rate seine Vollmacht ein und zugleich ein Schreiben des Königs, in dem dieser das Versprechen, die Stadt zu schützen, wiederholte. Er machte sich sofort daran, das Kriegswesen der Stadt in eine bessere Ordnung zu bringen. Der Administrator übergab ihm den Oberbefehl über sämtliche Truppen und behielt bloß seine Leibkompagnie – 250 Mann – für sich. Falkenberg ließ nun – und zwar mit gutem Erfolge – die heimlichen Werbungen in Sachsen, Brandenburg und anderwärts fortsetzen und entlieh von magdeburgischen Kaufleuten die dazu nötigen Summen gegen Wechsel, die in Hamburg gezahlt werden sollten. Das Falkenbergsche Regiment zählte 800 Mann, ward vom Obristleutnant Trost befehligt und stand im Rufe der besten Manneszucht.

Ebenso eifrig wie die Vermehrung der Streitkräfte ließ sich Falkenberg auch die Befestigung der Alt- und Neustadt angelegen sein. Letztere ward durch Gräben und Palisaden noch mehr gesichert; bei Prester und auf dem Mühlberge, einen Büchsenschuß nordöstlich von der Zollschanze, wurden Feldschanzen angelegt. Letztere erhielt den Namen » Trotz Kaiser«. Da die Werber fast täglich neue Soldaten schickten und diese in den Vorstädten nicht mehr untergebracht werden konnten, so sandte Falkenberg den Obristen Schneidewind Ende November mit 200 Reitern und 600 Fußknechten gegen Neu-Haldensleben, das nach kurzer Gegenwehr mit stürmender Hand genommen ward. Von der kaiserlichen Besatzung wurden 60 Mann niedergehauen, der Rest – 100 Mann – fiel in Gefangenschaft. Zu seinem Glück war der Herzog von Holstein, dessen Hauptquartier im Orte war, damals abwesend. Die vorgefundenen, nicht unbedeutenden Proviant- und Munitionsvorräte ließ Schneidewind nach Magdeburg schaffen. Allein schon nach wenigen Tagen erschien Pappenheim mit einigen tausend Mann und acht Geschützen vor Haldensleben, und Schneidewind sah sich genötigt, am 5. Dezember 1630 zu kapitulieren. Seine Offiziere und Soldaten erhielten freien Abzug, mußten aber schwören, ihr Lebtag nicht mehr wider den Kaiser zu dienen, und Waffen und Pferde zurücklassen. Den Obristen nahm Pappenheim als Gefangenen mit sich. Falkenberg, dem dies unbekannt war, ließ ihn in Magdeburg dreimal öffentlich bei Trommelschlag vorladen und, da er nicht erschien, für ehrlos erklären und sein Vermögen einziehen. Schneidewind rechtfertigte sich aber späterhin bei Gustav Adolf und ward von ihm reich mit Gütern beschenkt.


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