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Katherine Mansfield.
Gift

1888 – 1923

 

Als wir von unserem Vormittagsspaziergang zurückkehrten, war die Post noch immer nicht gekommen.

»Pas encore, Madame«, sang Annette und lief in die Küche zurück.

Wir trugen unsere Einkäufe ins Eßzimmer. Der Tisch war bereits gedeckt. Der Anblick dieses für Zwei gedeckten Tisches – nur für Zwei, und doch so vollkommen, daß unmöglich für einen Dritten Platz war, – durchzuckte mich, wie immer, jäh und ganz seltsam, als hätte mich das silberige Blitzen getroffen, das über das weiße Tischtuch, die schimmernden Gläser und die flache Schale voll Veilchen hinzitterte.

»Diesen alten Invaliden von einem Briefträger soll der Kuckuck holen! Was kann nur los sein mit ihm?« sagte Beatrice. »Leg die Sachen hin, Liebster!« Sie nahm meinen Arm. »Komm, gehen wir auf die Terrasse!« – Ich fühlte, wie sie leise schauderte. – »Ça sent«, sagte sie matt, »ça sent de la cuisine …«

Ich hatte in der letzten Zeit – wir lebten seit zwei Monaten im Süden – bemerkt, daß sie stets, wenn sie vom Essen, vom Wetter oder scherzhaft von ihrer Liebe zu mir reden wollte, französisch zu sprechen begann.

Wir hockten unter der Sonnenplache auf der Steinbrüstung. Beatrice beugte sich weit hinaus und blickte hinab auf die weiße Straße mit ihrem Spalier von Agavenlanzen. Die Schönheit ihres Ohrs – allein schon ihres Ohrs, dieses Wunderdings, – war so groß, daß ich mich an das weite glitzernde Meer drunten hätte wenden und stammeln mögen: »Weißt du – ihr Ohr! Sie hat Ohren, die sind einfach …«

Sie trug ein weißes Kleid und um den Hals eine Perlenschnur und hatte einen kleinen Strauß Maiglöckchen angesteckt. An ihrem Ringfinger trug sie einen dünnen Goldreif mit einer großen Perle – keinen Ehering.

»Warum sollte ich einen tragen, mon ami? Warum sollten wir Komödie spielen? Wen gehen wir etwas an?«

Und natürlich stimmte ich ihr bei, obwohl ich insgeheim, im tiefsten Herzen, meine Seele darum gegeben hätte, neben ihr in einer großen, ja in einer großen, fashionablen Kirche voller Leute zu stehen, mit einem alten, ehrwürdigen Pfarrer, mit Orgelspiel und Palmen und Weihrauch dazu, und zu wissen, daß draußen ein roter Laufteppich und Konfetti unser harrten und irgendwo ein Hochzeitskuchen und Sekt und ein Seidenschuh, der unserem Wagen nachgeworfen werden würde, – obwohl ich meine Seele darum gegeben hätte, ihr den Ehering an den Finger stecken zu können.

Nicht, weil mir an solch gräßlichen Zurschaustellungen etwas lag, sondern weil ich fühlte, es würde vielleicht dieses schauerliche Gefühl unbedingter Freiheit lindern – ihrer unbedingten Freiheit natürlich.

O Gott! Welch eine Qual doch das Glücklichsein war! Welch eine zitternde Freude! Ich blickte zur Villa hinauf, zu den Fenstern unseres Schlafzimmers, das geheimnisvoll hinter den grünen Strohjalousien verborgen lag. War es denn möglich, daß sie wirklich durch dieses grünliche Licht auf mich zukam mit ihrem rätselhaften Lächeln, diesem sehnsüchtigen, wundervollen Lächeln, das nur für mich war? Daß sie den Arm um meinen Nacken legte und mir mit der anderen Hand leise, schrecklich leise, die Haare zurückstrich?

»Wer bist du?« Wer war sie? Sie war – das Weib.

 … Am ersten warmen Abend im Frühling, wenn die Lichter wie Perlen in der fliederfarbenen Luft schimmerten und Stimmen in den neuerblühten Gärten flüsterten, war sie es, die in dem schönen Haus mit den Tüllvorhängen sang. Wenn du im Mondlicht durch die fremde Stadt fuhrst, war sie es, deren Schatten auf das zitternde Gold der Jalousien fiel. Wenn die Lampe angezündet war, kamen in der neugeborenen Stille ihre Schritte an deiner Tür vorbei. Und sie war es, die, blaß in ihrem Pelz, aus dem vorbeigleitenden Wagen ins herbstliche Zwielicht blickte …

Um es kurz zu sagen – ich war vierundzwanzig damals. Und wenn sie so auf dem Rücken lag, die Perlenschnur auf ihre Kehle zurückgeglitten war, und sie seufzte: »Ich bin durstig, Liebster. Donne-moi un orange«, wäre ich willig und mit Freuden nach einer Orange in den Rachen eines Krokodils hinabgetaucht – wenn Krokodile Orangen fräßen.

Sie zitierte: »›Er kommt wohl nicht, so sprach die Maid …‹«

»Wer? Der dumme alte Postbote? Du erwartest ja keinen Brief.«

»Nein, aber es macht einen doch toll. Ah!« Sie lachte plötzlich und lehnte sich an mich. »Da ist er – siehst du – dort – wie ein kleiner blauer Käfer.«

Wir preßten unsere Wangen aneinander und sahen zu, wie der blaue Käfer heraufzukrabbeln begann.

»Liebster«, hauchte Beatrice, und das Wort schien in der Luft zu schweben, in der Luft zu schwingen wie der Ton einer Geige.

»Was ist denn?«

»Ich weiß nicht«, lachte sie leise. »Ein Anfall – ein Anfall von Zärtlichkeit vermutlich.«

Ich schlang meinen Arm um sie. »Also fühlst du dich wohl hier, nicht wahr?«

»Und wie! Ich bin so froh, daß ich hier bin. Wie ich diesen Ort liebe! Ich glaube, hier könnte ich jahrelang bleiben. Ich bin nie so glücklich gewesen wie in diesen letzten zwei Monaten, und du warst so wundervoll zu mir, Liebster, – wirklich, auf jede Weise.«

Das war solche Seligkeit – es war so außerordentlich, so ohne Beispiel, sie so reden zu hören, daß mir nichts übrigblieb, als mich darüber hinwegzulachen.

»Nicht! Es klingt, als wolltest du mir Lebewohl sagen.«

»Ach, Unsinn! Du darfst so etwas nicht einmal im Scherz aussprechen!« Sie ließ ihre kleine Hand unter meinen Rock gleiten und umklammerte meine Schulter. »Und du? Du bist doch auch glücklich, nicht wahr?«

»Glücklich! Glücklich? O Gott, wenn du wüßtest, was ich in diesem Augenblick fühle … Glücklich! … Du!«

Ich sprang von dem Geländer hinab und umarmte sie, hob sie in meinen Armen empor. Und während ich sie so hielt, vergrub ich mein Gesicht an ihrer Brust und stammelte: »Gehörst du jetzt endlich mir?« Und zum erstenmal in all den angstvoll verzweifelten Monaten, seit ich sie kannte, einschließlich dieser letzten zwei voll – nun ja, sicherlich, voll himmlischer Seligkeit, glaubte ich ihr unbedingt, als sie erwiderte: »Ja, nur dir.«

Das Knarren des Gartentores und die Schritte des Briefträgers auf dem Kies scheuchten uns voneinander. Ich war für den Augenblick ganz benommen. Ich stand einfach da und lächelte, wie ich fühlte, recht einfältig.

»Geh du, – geh und hole die Post!« hauchte sie.

Ich – na, – ich raste nur so davon. Aber ich kam zu spät. Annette lief mir entgegen. »Pas des lettres«, rief sie.

Mein unverhohlenes Lächeln, mit dem ich ihr antwortete, als sie mir die Zeitung einhändigte, muß sie wohl erstaunt haben. Ich war toll vor Freude. Ich warf die Zeitung in die Höhe und sang aus voller Kehle: »Keine Briefe, Schatz!« während ich zu dem Liegestuhl trat, in dem die geliebte Frau ruhte.

Sie antwortete nicht sogleich. Dann sagte sie, während sie langsam die Zeitungsschleife aufriß: »›Die Welt vergessend, von der Welt vergessen …‹«

Manchmal ist eine Zigarette das einzig Richtige, das einem über den Augenblick hinwegzuhelfen vermag. Da ist sie sogar mehr als eine Bundesgenossin: eine verschwiegene, ideale kleine Freundin, die ganz genau weiß und alles vollkommen versteht. Dies war solch ein Augenblick. Ich trat an die Brüstung und tat ein paar tiefe Züge. Dann kehrte ich zu ihr zurück und beugte mich über ihre Schulter. Aber sie stieß die Zeitung schnell weg, hinunter auf die Steinfliesen.

»Es steht nichts drin«, sagte sie. »Gar nichts. Nur so ein dummer Giftmordprozeß. Irgendein Mann hat seine Frau umgebracht oder auch nicht, und zwanzigtausend Menschen haben sich jeden Tag im Gerichtssaal gedrängt, und zwei Millionen Wörter sind nach jeder Verhandlung in alle Welt hinaus telegraphiert worden.«

»Dumme Welt!« sagte ich und ließ mich in einen Liegestuhl fallen. Ich wollte die Zeitung vergessen, wollte zurückkehren, aber behutsam natürlich, zu jenem Augenblick, ehe der Briefträger gekommen war. Doch als sie weitersprach, erkannte ich am Klang ihrer Stimme, daß der Augenblick, zumindest vorläufig, dahin war. Machte nichts. Ich war es zufrieden, zu warten, – und wenn es fünfhundert Jahre dauern würde – nun, da ich wußte …

»Sie ist nicht gar so dumm«, sagte Beatrice. »Schließlich ist es doch nicht bloß krankhafte Neugier bei den Zwanzigtausend.«

»Was ist es sonst, Liebstes?« Weiß Gott, es war mir gleichgültig.

»Schuldbewußtsein!« rief sie. »Schuldbewußtsein! Ist dir das nicht klar? Sie sind fasziniert, wie Kranke von jeder kleinsten Neuigkeit, von jeder Einzelheit über ihre Krankheit fasziniert sind. Der Mann auf der Anklagebank mag ganz unschuldig sein, aber die Leute im Auditorium sind fast alle Giftmischer. Hast du einmal darüber nachgedacht« – sie war blaß vor Erregung – »wie ungeheuer viel Vergiftung unaufhörlich vor sich geht? Es ist ein Ausnahmefall, zwei Verheiratete zu finden, die einander nicht vergiften, – Verheiratete und auch Verliebte. Oh«, rief sie, »die Unzahl Tassen Tee, Gläser voll Wein und Schalen Kaffee, die gerade nur mit einer Spur von Gift versetzt sind! Die Unzahl, die ich selbst vorgesetzt bekommen habe, – und ich hab sie getrunken – und hab's riskiert. Der einzige Grund«, – sie lachte – »warum so viele Paare es überleben, ist der, daß der eine Teil sich nicht getraut, dem andern die tödliche Menge zu verabreichen! Dazu braucht's ein wenig Mut! Aber früher oder später kommt es doch dahin. Es gibt kein Zurück mehr, wenn einmal die erste kleine Menge verabreicht wurde. Das ist der Anfang vom Ende. – Glaubst du nicht auch? Siehst du nicht, was ich meine?«

Sie wartete meine Antwort nicht ab. Sie löste die Maiglöckchen von ihrem Kleid, legte sich zurück und strich sich mit ihnen langsam über die Augenlider.

»Meine Männer haben mich beide vergiftet«, fuhr sie fort. »Der erste gab mir beinahe sogleich eine riesige Dosis, aber mein zweiter Mann war wirklich ein Künstler in seiner Art. Nur eine winzige Fingerspitze hie und da, und raffiniert unkenntlich gemacht – ah ja, so raffiniert! –, bis ich eines Morgens erwachte und in jeder Faser meines Körpers, bis in die Spitze jedes Fingers und jeder Zehe, ein winziges Körnchen spürte. Gerade noch zur rechten Zeit …«

Ich haßte es, sie so ruhig ihre Männer erwähnen zu hören, besonders heute. Es tat weh. Ich wollte eben zu sprechen beginnen, aber sie rief plötzlich klagend:

»Warum? Warum mußte das gerade mir geschehen? Was habe ich verbrochen? Warum bin ich mein ganzes Leben lang dazu ausersehen gewesen … Es ist wie eine Verschwörung.«

Ich sagte ihr, sie sei zu vollkommen für diese abscheuliche Welt – zu edel, zu fein; das vertrügen die Leute nicht. Ich wagte einen schüchternen Witz:

»Aber ich – ich habe doch nie versucht, dich zu vergiften?«

Beatrice stieß ein sonderbares leises Lachen aus und zerbiß das Ende eines Maiglöckchenstengels. »Du?« sagte sie, »du tätest keiner Fliege was zuleide!«

Seltsam, – auch das tat weh. Ganz fürchterlich sogar.

Eben kam Annette mit den Apéritifs. Beatrice neigte sich vor, nahm ein Glas und reichte es mir. Ich bemerkte das Schimmern der Perle an ihrem Perlfinger, wie ich ihn nannte. Wie hätte ich verletzt sein können durch etwas, das sie gesagt hatte?

»Und du«, sagte ich, »du tust das gerade Gegenteil von Vergiften. Wie soll man es nennen, wenn eine Frau, statt die Leute zu vergiften, allen – dem Briefträger, dem Chauffeur, unserem Bootsmann, der Blumenverkäuferin, mir – eine Art neues Leben einflößt, etwas von ihrer eigenen strahlenden Heiterkeit, ihrer Schönheit, ihrer …«

Sie lächelte träumerisch; träumerisch blickte sie mich an.

»Woran denkt mein süßer Schatz?«

»Ich habe mir nur gedacht«, erwiderte sie, »ob du nach dem Essen hinuntergehen möchtest zum Postamt und fragen, ob vielleicht mit der Nachmittagspost Briefe gekommen sind. Willst du, Liebster? Ich erwarte ja keine, – aber – ich hab nur gedacht, daß vielleicht … Es ist doch dumm, die Briefe nicht zu bekommen, wenn vielleicht schon welche da sind. Nicht? Und bis morgen früh zu warten?« Sie drehte den Stiel des Glases zwischen den Fingern. Ihr schöner Kopf war gesenkt. Ich hob mein Glas und trank oder schlürfte vielmehr – schlürfte langsam und bedächtig und betrachtete dabei den dunklen Kopf und dachte an Briefträger und blaue Käfer und Lebewohls, die keine Lebewohls sind, und …

Guter Gott! Was war das? Nein, es war keine Einbildung! Der Trank schmeckte bitter – bitter und sonderbar.


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