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Eselshaut

Es war einmal, aber es ist schon lange her, ein großer König, der war von seinen Untertanen so geliebt, von allen seinen Nachbarn und Verbündeten so geachtet, daß man ihn den glücklichsten aller Monarchen hätte nennen können. Sein Glück wurde noch durch die Tugend seiner Gemahlin erhöht, die nebenbei eine große Schönheit war, und das glückliche Paar der Landeseltern lebte in schönster Eintracht. Aus ihrer Ehe erwuchs eine mit so vielen Reizen und Tugenden geschmückte Prinzessin, daß sie sich über den Mangel weiterer Nachkommenschaft billig trösten konnten.

Das kann man der Überlieferung glauben, daß in des Königs Palaste Pracht, Geschmack und Überfluß herrschten, und aus Gefälligkeit und der Seltenheit wegen wollen wir auch gläubig hinnehmen, was ferner berichtet wird: daß seine Minister weise und gerecht waren, die Höflinge tugendhaft und anhänglich, die Diener fleißig und treu. Und sehr einleuchtend ist, was man weiter erzählt, daß die Stallungen weit, groß und schön waren, so daß die armen Leute die prächtigen, immer reichgezäumten Pferde um ihre Wohnung beneiden konnten.

Auffallend war nur dieses, daß in diesen prächtigen Stallungen ein Esel den obersten, besten und vornehmsten Platz einnahm. Aber diesem Esel mußte man es zugestehen, daß er die Ehren, die ihm zuteil wurden, reichlich verdiente. Denn an jedem Morgen fanden sich in seinem Stand in schönen, wohlgeordneten Haufen große Mengen von Laubtalern und von Louis- und Friedrichsdoren aller Art, die man nur mit dem Besen zusammenzufegen brauchte, um mehr zu haben, als der ganze Hof- und Haushalt des Königs bedurfte. Der eine Esel war mehr wert als ein ganzes Dutzend der besten Finanzminister.

Wie aber in dieser besten der Welten alles dem Wandel unterworfen ist, das Glück der Könige ebensogut wie das der Untertanen, und wie auf Freud Leid folgen muß, so geschah es auch, daß die Königin plötzlich eine bösartige Krankheit heimsuchte, an der die Kunst der berühmtesten Ärzte zuschanden wurde.

Die Trostlosigkeit lag wie ein dicker Nebel auf dem ganzen Lande.

Wie die Königin ihr letztes Stündlein herannahen fühlte, sprach die hohe Kranke zu ihrem in Tränen schwimmenden Gatten wie folgt: »Mein Gatte, gestattet mir in meiner letzten Stunde eine Bitte, nämlich, daß, wenn Ihr Lust habt, Euch wieder zu verehelichen...«

»Niemals! Niemals!« fiel ihr hier der König schluchzend ins Wort, bedeckte ihre Hand mit Küssen und versicherte, daß jedes Wort eitel sei... »Zweite Ehe!« – lachte er bitter – »nein, liebe Königin, befehlet lieber, daß man mich gleich mit Euch bestatte...«

»Der Staat«, sagte die Königin mit einer Einsicht, die ihm den bevorstehenden Verlust noch empfindlicher machte, »der Staat verlangt einen männlichen Thronfolger, und da ich Euch nur eine Tochter gegeben, wird man in Euch dringen, für einen Sohn zu sorgen, der Eure Tugenden erbe und Eure segensreiche Regierung fortsetze. Nun aber beschwöre ich Euch aufs inständigste, bei aller Liebe, die uns verbunden, weichet dem Andringen Eurer Völker nicht eher, als bis Ihr eine Prinzessin gefunden, die schöner und besser gewachsen ist, als ich es war. Versprechet mir das mit einem Eide, und ich will ruhig verscheiden.«

Sie bildete sich freilich ein, daß eine schönere und besser gewachsene Königin in allen Reichen nicht aufzutreiben sei und daß sie durch diesen Schwur eine zweite Ehe des Königs vereitle.

Der König war außer sich, weinte Tag und Nacht und versäumte nichts, was einem Witwer wohlanständig ist.

Aber zu heftiger Schmerz tobt sich aus. Auch kamen bald die Großen der Krone, die den König aufforderten, sich zum zweiten Male zu verehelichen. Als man ihm dieses Ansinnen zum ersten Male stellte, schien es ihm sehr hart und bewirkte nur, daß er aufs neue in Tränen ausbrach. Er entschuldigte sich mit dem der Hochseligen geleisteten Eide und forderte sie heraus, ihm eine schönere und besser gewachsene Königin zu finden, ebenfalls vermeinend, daß dies unmöglich sei.

Aber der Staatsrat und die Großen der Krone beharrten auf ihrer Forderung, untertänigsten Bitte und treugehorsamsten Vorstellung. Sie gaben ihm zu erwägen, daß es eine Torheit sei, sich an solche Liebesschwüre zu halten, während man sich, wo der Staat und das Interesse es gebieten, um ganz andere Eide, Versprechungen und Verträge nicht kümmere. Sie sagten, daß an der Schönheit einer Königin und ob sie gut gewachsen sei, gar wenig, wohl aber an ihrer Tugend gar viel liege. Er sollte auch bedenken, daß der Staat im Interesse der Ruhe und der geordneten Thronfolge eines oder mehrerer Prinzen aufs dringendste bedürfe, und endlich, daß, wenn kein Prinz aus dem alten Haus mehr da sei, habsüchtige Nachbarn leicht Erbfolgekriege erregen und das Reich verderben und zerreißen könnten, wie das in der Geschichte schon zu wiederholten Malen vorgekommen. Alle diese Überlegungen machten auf den König einen solchen Eindruck, daß er beschloß und versprach, sie in Erwägung zu ziehen.

Als ein König, der sein Versprechen zu halten gewohnt war, fing .er darauf in der Tat an, sich unter den Prinzessinnen umzusehen. Täglich wurden ihm reizende Porträts zur Ansicht vorgelegt, aber keines hatte die Schönheit der Hochseligen, und so kam er zu keiner Wahl, zu keinem Entschluß.

In einer unglückseligen Stunde stand er plötzlich betroffen vor einem Gedanken, vor einer Bemerkung: Die Prinzessin, seine eigene Tochter, war nicht nur bezaubernd schön und wunderbar gewachsen, sie übertraf noch weit die Hochselige an Geist, Anmut und allem, was das weibliche Geschlecht reizend machen kann. Ihre Jugend, ihre Schönheit entflammten ihn dermaßen, daß er es vor ihr nicht länger verbergen konnte und daß er endlich mit der Erklärung herausrückte, sie, nur sie heiraten zu wollen, weil auch sie allein ihn von seinem Schwur entbinden könne.

Die junge, schöne, tugendhafte Prinzessin meinte, in Ohnmacht fallen zu müssen. Sie warf sich ihm zu Füßen, sie weinte, sie beschwor ihn, sie doch nicht dazu zu zwingen.

Der König, der, seinem Stande gemäß, sich nichts versagen konnte, was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, ging hin, um sich mit einem alten Druiden in dieser Angelegenheit zu beraten und das Gewissen der Prinzessin zu beruhigen, wohl wissend, daß dieser Druide für alle Sünden die schönsten Entschuldigungen zu finden verstand.

In der Tat verließ er denselben wieder, überzeugt, daß es ein frommes Werk sei, seine Tochter zu heiraten. Demgemäß umarmte er die Prinzessin und befahl ihr, sich für alles, was zur Hochzeit gehört, vorzubereiten.

In dieser verzweifelten Lage blieb der armen Prinzessin nichts übrig, als sich an ihre Pate, die Fliederfee, um Rat und Hilfe zu wenden. Und in der Nacht schlich sie aus dem Palaste, spannte einen Hammel, der ihr Vertrauen besaß und der alle Wege kannte, vor ihren Wagen und fuhr im Mondschein davon.

Noch vor Mitternacht kam sie bei der Fee glücklich an. Diese wußte natürlich schon, um was es sich handelte, ließ sich aber doch alles ausführlich erzählen und versicherte dann der Prinzessin, daß sie ganz ruhig sein könne und daß ihr nichts Böses geschehen werde, wenn sie nur ihre, der Fee, Ratschläge pünktlich befolge. »Denn«, sagte sie, »es wäre ein großer Fehler, seinen Vater zu heiraten, und man muß dem auszuweichen suchen, ohne ihm gerade zu widersprechen. Verlange du als Belohnung für dein Jawort von ihm ein Kleid von der Farbe des Wetters. Sage du, es sei einmal dein Geschmack, ein solches Kleid, und du würdest nicht eher ja sagen, als bis er dir dasselbe verschaffe. Niemals, bei aller Liebe und Macht, wird er dir ein Kleid von der Wetterfarbe verschaffen können.«

Gleich am nächsten Morgen tat die Prinzessin, wie die Pate gesagt hatte, und schwor, zu dieser Heirat nicht eher ja zu sagen, als bis sie ein Kleid von der Wetterfarbe besitze.

Der König war entzückt. Er ließ sogleich die berühmtesten Arbeiter des Landes kommen und versprach demjenigen, der ihm ein Kleid von schönster Wetterfarbe fabriziere, die höchsten Würden.

So kam es, daß nach zweimal vierundzwanzig Stunden das bestellte Kleid fix und fertig war.

Der König jubelte, die Prinzessin eilte wieder zur Fee, um neuen Rat zu holen. Diese meinte, es sei nichts zu tun, als auf .dieselbe Weise fortzufahren und noch ein Kleid, und zwar von der Mondfarbe, zu verlangen.

Das tat denn die Prinzessin. Aber schon nach vierundzwanzig Stunden brachte derselbe Arbeiter ein Kleid, das leuchtete wie der Mond und war so schön, daß die Prinzessin darüber ihren Kummer, nicht aber ihre Tugend vergaß. Sie nahm es an sich, fuhr aber fort zu verzweifeln und zu klagen. Jetzt kam die Fee selber heran und riet, ein Kleid von der Farbe der Sonne zu verlangen.

»Die Sonne«, sagte sie, »wird doch hoffentlich die verruchte Industrie nicht nachahmen können! – Und wenn sie es kann, so haben wir doch Zeit gewonnen und können uns indessen auf anderes besinnen.« So verlangte denn die Prinzessin ein Sonnenkleid.

Der König war unterdessen, gerade infolge des fortgesetzten Widerstandes, so verliebt geworden, daß er auch darauf einging. Er gab her, was er an Diamanten und Rubinen besaß, und befahl, daß man ein Kleid verfertige, welches die Sonne nicht nur an Glanz erreiche, sondern sogar übertreffe.

Und siehe da, es kam ein Kleid zustande, das alle, die es sahen, zwang, die Augen zu schließen.

Die Prinzessin war außer sich, die Fee wütend.

Nachdem sie sich ein wenig beruhigt, sagte sie: »Nun aber wollen wir uns mit diesen Teufelswerken nicht weiter befassen, sondern die Liebe des Vaters auf eine Probe stellen, die er schwerlich bestehen wird. Wir wollen einmal sehen, wie sich ein König benimmt, wenn man an seine Einkünfte rührt. Gehe hin, meine Tochter, und verlange die Haut jenes Esels, den er so hoch schätzt und der ihm eine so große Rente abwirft. Gehe hin und verlange besagte Haut.«

Die Prinzessin, glücklich, noch ein Mittel zu besitzen, um dem verabscheuten Ehebunde zu entgehen, und überzeugt, daß der König den geliebten Esel ihr nicht opfern werde, verlangte also mit vielem Mute und großer Entschiedenheit die Haut des kostbaren Tieres.

Der König erschrak, faßte sich aber bald und gab Befehl, daß der Goldesel geschlachtet werde.

Als man ihr im Namen des Königs die Haut des Esels in einem schön geschnitzten Köfferchen herbeibrachte, raufte sich die Prinzessin die Haare aus. Jetzt sah sie keinen Ausweg mehr, um den bösen Wünschen des Vaters zu entgehen.

Die Fee, die dazukam, rief entrüstet: »Was treibt Ihr? Dies ist der schönste Augenblick Eures Lebens. Hüllet Euch in die Haut, verlasset den Palast und wandert, so weit Euch die Erde trägt. Gibt es etwas Schöneres, als die Gelegenheit, alles der Tugend zu opfern, der Tugend, die am Ende jeder Geschichte belohnt werden muß? Ich werde in dieser Beziehung das meinige tun und dafür sorgen, daß alle die schönen Kleider und Kostbarkeiten, die Ihr der Liebe Eures Vaters danket, wohl eingepackt, Euch überallhin folgen. Nehmet diesen meinen Zauberstab. Wo immer Ihr die Erde damit berühret, wird der Koffer, sooft Ihr sein bedürfet, vor Euch stehen. Jetzt aber haltet Euch nicht länger auf, und glückliche Reise!«

Die Prinzessin nahm von der Pate zärtlichen Abschied, bat sie um ihren ferneren Schutz, obwohl ihr der seitherige wenig genützt, hüllte sich in die häßliche Haut, beschmierte sich das schöne Gesicht seufzend mit Ofenruß und schlich unerkannt aus dem Palaste ihrer Ahnen.

Die Flucht der Prinzessin verbreitete allgemeine Bestürzung. Der König war mehr als verzweifelt. Die Hochzeitskuchen und Braten, die bereitstanden, sahen ihn an wie ebenso viele Grabsteine seiner Liebe.

Alles zitterte vor Besorgnis, das Fehlschlagen seiner Hoffnungen werde ihn in einen Tyrannen verwandeln, und in der Tat erfüllte er die weiten Räume seines Palastes, die er durchtobte, mit tyrannenhaften Reden und Drohungen.

Zu einiger Besinnung gekommen und sich der Mittel erinnernd, die ihm zu Gebote standen, erließ er hinter der entflohenen Prinzessin Steckbrief auf Steckbrief.

Unterdessen wanderte die Prinzessin weit, weiter, immer weiter und noch weiter und suchte überall nach einem Unterkommen.

Aber die Anstellungen, wenn man danach sucht, sind immer rar, und von der schmutzigen Person wollte man vollends nichts wissen, höchstens daß man ihr hier und da aus Barmherzigkeit ein Stück Brot für ihren Hunger verabreichte und um sie so schnell als möglich loszuwerden.

Endlich kam sie, in der Nähe einer großen Stadt, in einen Meierhof, dessen Pächterin einer Schmutzmagd bedurfte, welche die Schmutzlappen waschen, die Truthühner füttern und die Schweineställe reinigen sollte. Dazu schien die Prinzessin in der Eselshaut gerade gut genug, und sie nahm die Stelle, müde des Landstreicherlebens, gerne an. Man wies ihr den verborgensten Winkel im Hause an, und in den ersten Tagen war sie die Zielscheibe des Spottes der ganzen Dienerschaft, so schmutzig und widerlich nahm sie sich in ihrer Eselshaut aus. Nach und nach aber gewöhnte man sich an ihren Anblick und ließ sie um so lieber in Ruhe, als sie ihre Pflichten aufs gewissenhafteste erfüllte und das ihr anvertraute Vieh auffallend gedieh.

Eines Tages, da sie, die Schafe und Ziegen hütend, mit einem Lamme spielend und ihr trauriges Geschick bedenkend, in holder Einsamkeit am Rande eines kleinen Wassers saß, fiel es ihr ein, sich darin zu bespiegeln. Sie erschrak über die häßliche Eselshaut, die sie bekleidete, und über ihr ganzes Aussehen. Schnell wusch sie Hände und Gesicht, die weiß wie Elfenbein zum Vorschein kamen, und die Frische ihres Gesichtes schien sich unter der Schmutzdecke besonders gut konserviert zu haben. Erfreut über ihre Schönheit, badete sie sich ganz – aber hierauf mußte sie sich doch wieder in ihre Eselshaut hüllen. Allein am nächsten Tage, einem Feiertage, schloß sie sich in ihr Kämmerlein ein, zauberte ihren Koffer herbei und legte das wunderschöne Wetterkleid an. Ihr Zimmerchen war so klein, daß nicht einmal die Schleppe darin Platz hatte. Das störte sie nicht, sie hatte ihre Freude an ihrem Putz und ihrer Schönheit und beschloß, sich diese Freude nunmehr jeden Sonn- und Feiertag zu gönnen.

Das tat sie denn auch pünktlich, steckte Blumen und Diamanten ins Haar und frisierte dieses, das wie von Gold und außerordentlich reich und lang war, mit der ausgesuchtesten Kunst. Sie bedauerte nur, daß sie als Zeugen ihrer Schönheit niemand anders um sich hatte als ihre Truthühner, Schafe und Schweine, denen sie als Eselshaut ebenso lieb war wie als schönste Prinzessin. »Eselshaut« nämlich war, nach ihrer Toilette, ihr bleibender Name geworden.

Eines Tages, es war gerade ein Feiertag, und Eselshaut hatte das Sonnenkleid angetan, kam der Prinz, von einer Jagd zurückkehrend, in diese Meierei, die ihm gehörte. Der Prinz war jung, schön, wohlgestalt, geliebt vom König, seinem Vater, und von der Königin, seiner Mutter, und im Volke außerordentlich angesehen. Er ließ sich herab, bei der Pächterin ein gutes ländliches Mahl einzunehmen und dann die ganze Meierei von unten bis oben in allen Winkeln zu durchstöbern.

So kam er auch in einen dunklen Gang und am Ende desselben an eine verschlossene Türe. Hier hatte er nichts Eiligeres zu tun, als durchs Schlüsselloch zu blicken. Man kann nicht wissen, dachte er, was man durch ein Schlüsselloch zu sehen bekommt. Durch ein Schlüsselloch, wie klein es ist, sieht man oft große Dinge. Er täuschte sich nicht. Er sah die wunderschöne Prinzessin, die er in ihrem majestätischen Blick für eine Fee hielt. Am liebsten hätte er die Türe gleich eingetreten, aber der Anblick der Prinzessin flößte ihm so großen Respekt ein, daß er es denn doch bleiben ließ.

Er konnte sich nicht trennen von dem Schlüsselloch. Endlich tat er es doch, aber nur, um Erkundungen einzuziehen nach der Person, die in dem Stübchen am Ende des dunklen Ganges wohnte.

Man antwortete ihm, das sei eine Schmutzmagd, namens Eselshaut, die man ihres Schmutzes wegen weder ansehe noch anspreche, die man nur aus Barmherzigkeit ins Haus genommen, um sie die Truthühner und Schafe hüten zu lassen.

Der Prinz sah wohl ein, daß diese dummen Leute die wahre Wahrheit nicht kannten, und fragte nicht weiter.

Im Palaste angekommen, war er bereits arg verliebt, und fortwährend tanzte ihm das Bild jener Herrlichen, die er durchs Schlüsselloch gesehen, vor Augen. Er machte sich Vorwürfe, die Türe nicht doch eingestoßen zu haben, und nahm sich vor, es das nächstemal gewiß zu tun. Aber noch in derselben Nacht zog ihm sein erhitztes Blut ein solches Fieber zu, daß er in Lebensgefahr schwebte.

Seine Mutter, deren einziges Kind er war, sah mit Verzweiflung, daß kein Mittel anschlug. Sie versprach den Ärzten die höchsten Belohnungen, aber deren Kunst erwies sich, wie so oft, als ohnmächtig. Sie machten lange Gesichter, schnupften, ließen die Köpfe hängen, schüttelten die Perücken, sprachen lateinisch – das war alles, was sie tun konnten. Aber damit lockt man keinen Hund vom Ofen.

Endlich wurde es etwas heller in ihren Köpfen, und sie hatten einen Gedanken. »Der Prinz«, sagten sie, »hat einen tödlichen Kummer«, und sie beeilten sich, diese Entdeckung der Königin mitzuteilen.

Die Königin setzte sich an das Bett ihres Sohnes und beschwor ihn, ihr die Ursache seines Grames zu vertrauen.

»Ach, mein Sohn«, nahm die Königin das Wort, »dein Leben zu retten, ist mir nichts zu teuer, nichts zu schwer. Rette du das unsrige, indem du aufrichtig erklärst, was du willst, was dich grämt, und sei gewiß, daß alles geschehen wird, was, wie unser Erster Minister zu sagen pflegt, geschehen werden kann.«

»Nun, teure Mutter«, rief der Prinz, »wenn dem so ist, wenn es sich um Euer teures Leben handelt, wäre es Sünde, länger mit meinen Gedanken und Wünschen hinter dem Berge zu halten. So sei es gesagt: Ich wünsche, daß mir Eselshaut einen Kuchen backe und daß er mir, kaum gebacken, sofort vorgesetzt werde.«

Die Königin, die diesen Namen nie gehört, fragte, wer denn das sei? Ein Hofbeamter antwortete: »Majestät, Eselshaut ist das häßlichste Geschöpf von der Welt, mehr Vieh denn Mensch, eine schmutzige, rußige Haut, die in Euer Majestät Meierei Truthühner hütet.«

»Schadet nichts«, erwiderte die Königin, »mein Sohn wird auf der Heimkehr von der Jagd von ihrer Bäckerei gegessen haben. Es ist ein Krankengelüste. Eselshaut soll ihm sofort einen Kuchen backen, ich will es!«

Man lief, man ließ Eselshaut kommen, man befahl ihr, für den Prinzen einen Kuchen zu backen, so gut als möglich.

Eselshaut fühlte sich glücklich, dem kranken Prinzen etwas leisten zu dürfen. Sie schloß sich in ihr Kämmerlein ein, wusch sich vor allem die Hände, warf sich dann in eines der schönsten Kleider, schmückte sich wunderbar und machte sich, so aufgeputzt, an die Verfertigung des Kuchens, zu dem sie die vorgeschriebenen sieben Sachen in bester Qualität auswählte. Während sie arbeitete und knetete, glitt ihr, unbekannt, ob mit oder ohne Absicht, ein Ring vom Finger in den Teig und blieb darin stecken.

Als der Kuchen fertig war, warf sie wieder die Eselshaut um und übergab ihn dem Staatsminister, der vor der Türe wartete und den sie teilnehmend nach dem Befinden des lieben Prinzen befragte. Der Staatsminister aber würdigte sie keiner Antwort und eilte mit dem Kuchen zum Prinzen.

Der Prinz riß ihm den Kuchen mit solcher Heftigkeit aus der Hand und biß mit solcher Gier darein, daß die Ärzte wieder die Häupter schüttelten wie bei einem bösen Anzeichen, vermeinend, daß dieses nichts Gutes bedeute.

Auch sah es einen Augenblick in der Tat bedenklich aus, denn der Prinz fing arg zu würgen an, als ob er ersticken wollte.

Im geheimen triumphierten die Ärzte schon von wegen der Trefflichkeit ihrer Ansichten. Das Würgen kam aber nur daher, daß der Prinz den Ring, der in dem Kuchen stak, beinahe verschluckt hätte. Er zog ihn noch rechtzeitig und geschickt hervor, betrachtete ihn, und die furchtbare Eßgier war mit einem Male verschwunden.

Der Ring stellte ein feines, mit einem Smaragd geschmücktes gewundenes Schilfrohr vor, und der Reif war ein so feiner, so feiner, daß er nur dem zartesten Finger passen konnte.

Er küßte und herzte den Ring auf das zärtlichste. Der Besitz des Ringes regte den Prinzen noch heftiger auf. Den Kuchen, sagte er sich, habe ich erhalten. Ob ich aber auch die Kuchenbäckerin erringe? Alle Welt spricht schlecht von ihr. Ich mache mich lächerlich, wenn ich meine Liebe zu ihr eingestehe. – Und sage ich, was ich durchs Schlüsselloch gesehen, so verrate ich, daß ich durch Schlüssellöcher sehe, und man hält mich für verrückt, weil es niemand glauben wird.

Die Ärzte erklärten endlich, der Prinz müsse liebeskrank sein.

König und Königin stürzten herbei, baten ihn, er möchte nur seine Liebe bekennen, und schworen, daß sie zu jeder Verbindung ihre Einwilligung geben würden.

»Oh«, lächelte der Prinz, »eine arge Mißheirat kann es nicht werden mit einer Person, die einen solchen Ring zu tragen imstande ist.« Und so sprechend, zog er den Ring hervor und zeigte ihn den erhabenen Eltern.

Diese prüften ihn als Kenner und waren ebenfalls der Meinung, daß der Ring nur einer Tochter hoher Herkunft passen könne. Und darauf beschwor der König seinen Sohn, sich mit der Genesung zu beeilen, und befahl, daß man mit Paukenschall und Trompetenklang in der ganzen Stadt verkündige, daß alles, was weiblich sei, in den Palast komme, um den Ring zu probieren und, wenn er passe, den Prinzen zu heiraten.

Man hatte das kaum verkündigt, als sie sich schon in Scharen herandrängten: Zuerst kamen die Prinzessinnen, dann die Herzoginnen, dann die Gräfinnen, dann die Freifräulein und solche, die es werden wollten – umsonst, umsonst! Keiner wollte der Ring passen. Man kam mit dem Probieren bis herunter auf die Nähmädchen – ebenfalls vergebliche Mühe, der gesuchte zarte Finger fand sich nicht.

Der Prinz, den die Sache ganz besonders interessierte, hatte sich vom Bette erhoben und probierte selbst, was ihn aufs angenehmste zerstreute. Jetzt fragte der Prinz mit unschuldiger Miene: »Hat man denn auch jene Eselshaut kommen lassen, die mir den Kuchen gebacken?«

Alle Welt lachte. Man konnte doch die schmutzige, häßliche Person nicht zu Hofe berufen!

»Warum nicht?« schrie der König mit Donnerstimme. »Man hole sie sogleich! Es soll nicht heißen, daß ich Ausnahmen gemacht hätte.«

Man lächelte hinter dem Rücken des Königs, aber man gehorchte und holte Eselshaut.

Die Prinzessin, der die Geschichte schon zu lange dauerte, wie wahrscheinlich dem Leser auch, wartete mit Ungeduld und immer in der Angst, daß der Ring einer andern passen könnte, obwohl sie aus der Geschichte Aschenputtels schloß, daß der Ring nur ihr passen könne, wie jener allein das bekannte Pantöffelchen paßte. Sie war also ganz glücklich, als man kam, an ihre Tür pochte und sie zu Hofe befahl. Man kann sich denken, daß sie, in Erwartung der Dinge, die da kommen sollten, sich längst auf das prachtvollste angekleidet hatte. Sobald sie aber durch die geschlossene Tür zu Hofe befohlen wurde, warf sie rasch die Eselshaut wieder um. Wie sie so aus ihrer Stube heraustrat, wurde sie mit allgemeinem Hohngelächter empfangen.

Lacht ihr nur! dachte sie und ging zu Hofe.

Auch der Prinz, als er sie, die er so prächtig gesehen, in so abschreckender Gestalt wiedersah, machte große, verblüffte, enttäuschte Augen. Traurig fragte er: »Entschuldigt, seid Ihr es, die die kleine Stube am Ende des Ganges im dritten Hofe der Meierei bewohnt?«

»Zu dienen, Hoheit!« antwortete die Prinzessin.

»So zeiget gefälligst Eure Hand!« sagte der Prinz seufzend.

Nun aber ging's los! Wer war überrascht? Wer sonst als der König und die Königin und alle Kammerherren und alle Großen der Krone, als hinter der Eselshaut das weißeste, zarteste, lieblichste, kußlichste, rosigste Händchen hervorkam, auf dessen dicksten Finger der Ring schlüpfte, als ob er es nicht erwarten könnte, und als endlich die Prinzessin eine leichte Bewegung mit der Schulter machte, wie wenn man einen Mantel abwirft, und die Eselshaut abfiel, und sie dastand in ihrer unbeschreiblichen Schönheit und Pracht.

Schon lag der Prinz zu ihren Füßen und drückte sein Gesicht an ihre Knie, und schon hielten die Eltern bei ihr um sie für ihn an. Die Prinzessin glaubte Erklärungen geben zu müssen und öffnete eben den Mund, als sich die Decke des Saales öffnete, die Fliederfee auf einem Fliederwagen herniederstieg und sofort die ganze wunderbare Geschichte erzählte.

Glücklich verdoppelten die hohen Eltern ihre Freudenausbrüche, und der Prinz liebte sie womöglich noch heftiger. Und wie mußte er sie erst lieben, als sie noch einen neuen Beweis von Tugend auf alle alten häufte und erklärte, daß sie es nicht für schicklich halte, sich ohne Einwilligung ihres Vaters zu verheiraten. So schickte man denn gleich eine Gesandtschaft an ihn ab, um ihn zur Hochzeit einzuladen, ohne weiter viel von der Braut und ihrem Geschlecht zu sagen. Die Fee hatte es so angeordnet von wegen der Folgen. Bald kamen die eingeladenen Könige von allen Seiten her: die einen in der Sänfte, die anderen im Wagen, die dritten, vierten und fünften auf Elefanten, Löwen, Tigern reitend, manche sogar auf Adlern, auf einfachen wie auf Doppeladlern. Aber am prächtigsten kam der Vater der Prinzessin daher, welcher glücklicherweise seine sündhafte Schrulle längst vergessen und eine schöne Königin geheiratet hatte.

Das war ein Wiedersehen! Die Prinzessin warf sich ihm zu Füßen. Er verzieh ihr, und dann verzieh sie ihm, dann umarmten sie sich, und alles endete in Glück und Freude. Die Eselshaut aber wurde in das Wappen des Königshauses aufgenommen zur ewigen Erinnerung, daß man auch in solcher Haut durch die Welt kommen und die Throne mehrerer Königreiche besteigen könne.


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