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Andersen's Sterbehaus bei Kopenhagen.

 

Dreizehntes Capitel.
Vom 1. Juli 1846 bis Ende December 1847.

Reise von Vernet nach der Schweiz. – Avignon. – Mit der Diligence nach Lyon. – Chillon. – Freiburg. – Bern. – Basel. – König Christians VIII. offner Brief. – Ueber Frankfurt nach Weimar. – Professor Wolfs in Jena. – Hamburg. – Erhalte den Danebrogorden – Ueber Kiel nach Kopenhagen mit der landgräflichen Familie (Christian IX). – Hartmann's Oper »Liden Kirsten« mit meinem Text. – Oersted's Aenßerung über Byron's Gedicht »die Finsternis;«. – Bischof Mynster. – Verbreitung meiner Schriften in Deutschland und England. – Unterredung mit König Christian VIII. – Reise nach England. – In Hamburg. – Adolph Glasbrenner und seine Gattin; sein Gedicht an Andersen. – Ueber Oldenburg nach Holland. – Amsterdam. – Außerordentliche Aufnahme. – Niewenhuis. – Professor Fröhlich. – Der Dichter van Lennep und sein Gedicht an Andersen. – Haarlem. – Leyden. – Professor Schlegel. – Im Haag. – Der Componist Verhulst. – Van der Vliet. – Der Maler Hensel, Mendelssohn-Bartholdy's Schwager. – Fanny Hensel's Tod. - Mendelssohn's Tod. – Aufnahme im Haag. – Der Dichter van Kneppelhout. – Der Tragiker Peeters. – Ueber Rotterdam nach London. – Ankunft. – Erster Eindruck. – Der Graf Reventlow führt mich bei Lord Palmerstons ein, wo der Erbgroßherzog von Weimar (jetziger Großherzog), die Herzogin von Suffolk, der Herzog von Cambridge, Freiherr v. Bunsen u. s. w. zugegen. – Etiquette in London. – Besuch bei Jenny Lind – »La Sonnambula«. – Lablache. – Taglioni. – Cerrito. – Grahn. – Jenny Lind's »Norma«. – Baron Hambro. – Der Bildhauer Durham. – Lady Morgan. – Lady Duff Gorden. – Jerdan. – Lady Blessington. – Graf d'Orsay. Charles Dickens. – Herzog Wellington. – Schriftstellerin Mary Howitt und ihr Gatte Charles Howitt (Beide 1879 in wenig günstigen Verhältnissen gestorben). – Freiligrath. – Besuch in Clapton bei Howitt's. – Bettelei in London. – Die Paulskirche. – Die Westminster-Abtei. – Die Wahlen. – Ueber York nach Edinbourgh. – Edinbourgh's Besichtigung. – Dr. Simpson. – Holyrood-House. – Herriots-Hospital. – Lord Jeffrey. – Die Schriftstellerin Miß Righby. – Der Kritiker Wilson. – Die Schriftstellerin Mißtreß Crowne. – Ausflug mit der Familie Hambro in's Hochgebirge. – Loch Catrina. – Loch Lomond. – Dumbarton. – Abschied von Baron Hambro's Familie. – Verliere die Lust, allein weiter zu reisen. - Lochardt, Walter Scott's Schwiegersohn. – Mein Stock reist mir nach. – Rückreise nach London. – Der Schriftsteller Hook. – Das Witzblatt »Punch«. – Der Buchhändler Richard Bentley. Besuch bei Charles Dickens (siehe das Portrait S. 80). – Ueber Ostende und Hamburg nach Kopenhagen. - Satiren daheim über meine Reise. – Dedikation einiger Märchen an Dickens. –,»Ahasverus« erscheint. – Oehlenschläger's Kritik darüber.


 

Neun Jahre sind seit dem Schluß des ersten Bandes der Erzählung meiner Lebensereignisse vergangen, neun inhaltsreiche Jahre in der Zeitgeschichte, ernste und große Tage für Dänemark, traurig und auch froh für mich, denn sie brachten mir volle Anerkennung in meinem Vaterlande. Diese neun Jahre haben mich zwar älter gemacht, aber mich dennoch jung bewahrt; sie haben mir Ruhe und Klarheit gebracht. Die Abschnitte, welche sie bilden, werde ich nunmehr hier aufrollen.

Von Vernet, wo die Bergluft mich gestärkt und wo ich, wie ich glaubte, Kräfte zur Heimreise wiedergewonnen hatte, wollte ich nach der Schweiz gehen; allein ungeachtet ich es so einrichtete, daß nur die Nacht zur Postfahrt verwandt wurde und ich während der Tageshitze in Perpignan und Narbonne blieb, war es mir doch, als ob ich von der lebensnährenden Luft in ein Element gekommen wäre, wo der Lebensstoff fehlt. Glühheiße Luft umgab mich; es war eine wirkliche Qual, und bald war jeder meiner Nerven durchbrannt. Die Nacht selbst brachte keine Erquickung, nur von Fliegen war man befreit, die indessen neue Kräfte zu ihren neuen Rundtänzen erlangten.

Die Ruhe einiger Tage oder richtiger einiger Nächte in Cette, wo ich draußen auf dem Altan des Hauses mir eine Matratze ausbreiten ließ und unter dem sternklaren Himmel schlief, gab mir Kraft genug, um der Hitze widerstehen zu können. Von Montpelliers Schönheit weiß ich nur zu erzählen, daß sie in Sonnenstrahlen lag, die mich fast versengten. Ich hielt mich, wie alle Fremden, in meiner Stube mit dicht verschlossenen Fensterläden, gekleidet, als wollte ich in's Bad gehen. Nach einigen Tagen setzte ich meine Reise auf der Eisenbahn fort; ich war jedoch von Südfrankreichs Sonne so benommen, daß ich wie der Seekranke am Bord in einen Zustand versank, in dem es einem ganz gleichgiltig ist, was um ihn geschieht. Bei Nimes endigte die Bahn, und man mußte die vollbesetzte, bestäubte Diligence benutzen, um nach Avignon zu gelangen.

Die Mandelbäume standen mit reifen Früchten. Mandeln und Feigen waren fast das Einzige, was ich genoß. Zu ruhen und stets zu ruhen hinter verschlossenen Fensterläden ist ein trauriges Reiseleben! Das Schloß der Päpste hier in Avignon Avignon, Hauptstadt des französischen Departements Vaucluse, mit ca. 40,000 Einwohnern, ist eine alte, an der Rhône gelegene, aus der Römerzeit stammende Stadt. Im Jahre 1309 verlegte Papst Clemens V. seine Residenz hierher; 1348 kaufte Clemens VI. die ganze Grafschaft, und sie verblieb dann bis 1377 die Residenz der Päpste, in welchem Jahre Gregor XI. wieder nach Rom zog Anfang des 15. Jahrhunderts residirten mehrere, nicht allgemein anerkannte, sogenannte Gegenpäpste hier. Die alte Grafschaft wurde 1791 Frankreich einverleibt. Der Uebers. sah aus wie eine Festung, denn es war in eine Kaserne verwandelt worden. Die Domkirche bildet gewissermaßen einen kleinen Flügel derselben. Im Museum fand ich Vernet's Büste Andersen meint hier gewiß Horace Vernet, den berühmten Schlachtenmaler, der zu der Zeit, als Thorwaldsen in Rom lebte, Director der französischen Malerakademie in Rom war. Er starb 1863 in Paris. Der Uebers. von Thorwaldsen. Das Wort » danois « Däne. Der Uebers. bei seinem Namen hatte ein kluger Kopf mit Bleistift durchstrichen. Zwei Bilder, Mazeppa Mazeppa ist um die Mitte des 17. Jahrhunderts in Polen geboren und führte bis an sein Lebensende (1700) ein abenteuerliches Leben. Von einem polnischen Edelmann wurde er, im unerlaubten Verkehr mit dessen Gattin ertappt, nackt auf sein eigenes Pferd gebunden, das ihn heimbrachte, eine Situation, die von fast allen Kunstreitergesellschaften dargestellt wird. Der Uebers. darstellend, die etwas von den bekannten Kupferstichen abweichen, hingen hier »als ein Geschenk Vernet's an die gute Stadt Avignon.« Abends wurde die Stadt belebt. Ein Marktschreier zu Pferde, mit der Trommel voran, rief gleich einem zweiten Dulcamare seine Waaren aus. Ueber fast allen Fenstern hing dickes Weinlaub gleich einer ausgespannten Marquise gegen die Sonnenstrahlen.

Ich war Vaucluse so nahe, allein ich hatte zu der kleinen Reise nicht Kräfte genug; die ich noch besaß, mußte ich als vorsichtiger Mann bewahren, um die Schweiz zu erreichen, wo die Berge mir Kühlung bringen sollten. – Das viel besungene Vaucluse Das Dorf Vaucluse bei Avignon, das dem Departement seinen Namen gegeben hat, ist in einem wunderbar romantischen, von Felsen umgebenen Thale gelegen, das dem großen italienischen Dichter Francesco Petrarca – geboren 1304 in Arezzo, gestorben den 18. Juni 1374 in Aqua bei Padua – meist zum Aufenthalt diente. Alle seine Dichtungen sind in die meisten Sprachen übersetzt worden, darunter auch seine Sonette an Laura, seine schöne Freundin, und die über ihren Tod. Laura soll die Tochter eines Edelmannes in der Grafschaft Vaucluse gewesen und 1348 in Avignon gestorben sein. Allgemein hielt man sie für P's. Geliebte; allein neuere Forscher behaupten, daß nur eine rein platonische Neigung zwischen ihnen geherrscht habe. Der Uebers. sollte ich also nicht sehen, ebensowenig den Strom, welcher einst Laura's Bild getragen hat und das Petrarca's Verse der Nachwelt für immer bewahrte.

Der Rhônefluß hat eine solch' reißende Fahrt, daß das Dampfschiff mit dem Strom nur einen Tag zwischen Lyon und Marseille gebraucht, aber gegen den Strom, um von Marseille nach Lyon zu gelangen, vier volle Tage erfordert. Ich zog dem schmutzigen Dampfschiff die schnell dahinrollende Diligence vor, welche in Wahrheit gleich den wilden Pferden in der Leonore-Ballade dahinfuhr. Das antike römische Theater in Orange Ist ebenfalls in dem Departement Vaucluse gelegen. – Lucius Septimius, 146 n. Chr. geboren, wurde 185 römischer Consul und 193 römischer Kaiser, starb 211. Orange war ehemals römisch und hieß Arausio . Der Uebers. erhob sich frei über die anderen neuen Gebäude; der Triumphbogen für Septimius Severus, all' die reichen Herrlichkeiten aus der Römerzeit, womit die Ufer der Rhône besäet sind, führten die Gedanken nach Italien. Mir war bis dahin nicht bekannt, dass Südfrankreich so großartige Ueberreste der römischen Baukunst besaß.

Die Ufer des Flusses wurden immer abwechselnder. Ich sah Städte mit schönen gothischen Kirchen und auf den Bergen alte Burgen, die in der Ferne gleich ungeheuren Fledermäusen erschienen. Hübsche schwebende Hängebrücken hingen über dem pfeilschnellen Strom ausgespannt, gegen den unser schmutziges Fahrzeug anarbeitete.

Endlich hatte ich Lyon erreicht, wo die Rhône die Saône aufnimmt. Dort von einer der hoch gelegenen Straßen gewahrte ich viele, viele Meilen fern gegen Nordost über der flachen grünen Ebene eine weißglänzende Wolke: es war der Montblanc. Dort lag die Schweiz! So nahe war ich jetzt der Stelle, wo ich hoffte, wieder frische Luft einathmen und Seele und Körper freier erheben zu können. Aber der Schweizerische Consul wollte meinen Paß nicht visiren, bevor die Polizei von Lyon nicht ihr Visa gegeben hatte, und die Polizei erklärte, daß der Paß nicht in Ordnung sei. Ich, der ich auf der Reise nur zu viel Gewicht auf Paß und Visa legte, so daß meine Aengstlichkeit, um Alles in dieser Beziehung in Ordnung zu haben, fast an's Lächerliche grenzte; ich bin von tausend Reisenden stets Derjenige, dem die schlimmsten Paßscherereien auferlegt worden sind. Bald kann man denselben nicht lesen, bald schreibt ein untergeordneter Schreiber eine falsche Nummer auf denselben, so daß er nicht zu finden ist, bald hält sich ein italienischer Grenzbeamter über den Namen Christian auf und glaubt, es sei eine neue religiöse Sekte, die sich den besondern Namen Christian beigelegt habe. In Lyon war es nichts weniger, als daß der Paß, wie sie sagten, von der Grenze nach Paris gesandt und von dem Minister des Innern visirt werden müßte. Während des ganzen Tages mußte ich von meiner Wohnung nach der Polizeipräfectur hin und herlaufen, bis ich mich endlich in die Arme eines der höheren Polizeibeamten warf, dem ich erklärte, daß Niemand von mir verlangt oder mir früher gesagt hätte, daß ich, um von den Pyrenäen über Lyon nach der Schweiz zu reisen, meinen Paß nach Paris senden müßte, wohin ich nicht zu gehen beabsichtigte. Es sei nothwendig, daß ich nach Marseille zurückging, wurde mir erwidert, um dort vom dänischen Consul meinen Paß für die Schweiz in Ordnung bringen zu lassen. Ich erklärte, daß ich körperlich außer Stande sei, die Reise machen zu können und ebenso wenig in dem glutheißen Lyon verbleiben könne; ich müßte so schnell als möglich in die Berge! Der Beamte war ein höflicher und fein gebildeter Mann. Mit dem Paß in der Hand examinirte er mich über Zeit und Ort, wo ich an den verschiedenen Stellen gewesen war, wo jedes einzelne Visa gemacht worden war, und er kam bald zu der Einsicht, daß hier kein Hinderniß für meine Weiterreise vorliege und ordnete daher Alles auf das Beste für mich, und am nächsten Tage konnte ich also davon eilen. Abends saß ich mit ruhigem Gemüth in der Oper. Es befand sich nämlich zu dieser Zeit eine deutsche Gesellschaft aus Zürich hier und gab hier, wie man zu sagen pflegt, viel für's Geld, denn man gab an einem einzigen Abend Flotow's » Stradella« und Weber's » Freischütz«. Mit Rücksicht auf die Zeit ging es wol an, denn vom » Freischütz« bekam man nur die Musik, während man den Dialog übersprang, da die Franzosen denselben doch nicht verständen, meinte der Director; aber komisch war die Geschichte doch. Gleich nachdem Kasper sein Trinklied gesungen hatte, nahm Max seinen Hut, nickte mit dem Kopfe und ging; und Kasper singt das Triumphlied, gleichsam als ob er das Spiel allein durch das Lied gewonnen hätte.

Ich erreichte die Schweiz; aber auch hier war die Hitze drückend. Der Schnee auf » der Jungfrau«, selbst auf dem Montblanc war geringer, als seit vielen Jahren; lange schwarze Streifen zeigten sich an den Felsen. Dennoch war hier frischere Luft und besonders Kühlung während des Abends. Ich suchte so schnell als möglich nach Vevey zu kommen. Hier am See mit Savoyens schneebedeckten Bergen war es herrlich zu athmen und zu leben! Gleich rothen Sternen auf dem schwarzen Berggrund erglänzten des Abends die rothen Feuer, welche Hirten und Kohlenbrenner jenseits des See's angezündet hatten.

Ich war wieder in Chillon. Byron's Name, den er selbst in die Säule eingehauen hatte, war seit meiner langen Abwesenheit von hier halb verwischt, denn man hatte denselben fast ausgekratzt. Ein Engländer hatte es gethan, war jedoch an der Vollendung verhindert worden. Wäre es ihm auch gelungen, hier Byron's Namen zu vertilgen, in der Welt wäre derselbe doch nicht erloschen. Zwei neue Namen kamen jetzt hier hinzu, es waren die Victor Hugo's und Robert Peel's. Victor Hugo, siehe den vorigen Band S. 275. – Robert Peel (sprich Pil), geboren den 5. Februar 1788 zu Tramworth in der Grafschaft Stafford, gestorben den 2. Juli 1850 auf seiner Besitzung, machte sich als Staatsmann einen großen Namen. Er war viele Jahre Mitglied des Ministeriums und war der Vorkämpfer des Freihandels in England. Der Uebers.

In Freiburg sah ich die kühnste, mächtigste Hängebrücke, die ich bisher gesehen hatte. Hoch über Thal und Fluß schwebte sie in der Luft und schaukelte mit dem beladenen Wagen, der über sie hinfuhr, hin und her. Während des Mittelalters würde eine solche Idee zu den Märchen gezählt worden sein. Die Wissenschaft hat unsere Zeit in das ehedem Uebernatürliche versetzt.

Endlich erreichten wir Bern, wo Baggesen so lange gelebt hatte, sich eine Gattin geholt und glücklich gewesen war. Wie er es gesehen hat, ebenso leuchteten noch jetzt die Alpen in demselben Feuerglanz, wenn die Sonne unterging. Ich verbrachte einige Tage hier und in Interlaken, machte Ausflüge nach Lauterbrunnen und dem Grindelwald. Der erfrischende Staubregen, den der Wind von dem Staubbachfall hertrug, die eiskalte Luft in den Gletscherhöhlen des Grindelwaldes waren paradiesisch nach einer Reise in Südfrankreich, die einem Fegefeuer glich. Die braunen Schweizer-Häuser auf den sammetartig grünen Matten an der Bergseite, die freundlichste und reichste Natur hier und hinauf bis zu der großartigsten und wildesten ist das Eigenthümliche der Schweiz. Das » Wetterhorn«, das » Silberhorn« und die » Jungfrau« leuchteten in dem Feuerglanz des Abends. Es war hier so heilig, still und gut. Aber überall wurde man von Bettlern verfolgt; sie jodelten und jodelten als Präludien zur Bettelei; aber erfrischend und lebensstärkend war der Aufenthalt in dem schönen Berglande.

Ich ging nach Basel und von hier auf der Eisenbahn durch Frankreich nach Straßburg. Die Rheindampfschifffahrt begann erst hier. Die Luft lag schwer und warm über dem Fluß. Den ganzen Tag dauerte die Fahrt. Das Schiff wurde schließlich überfüllt meist von Turnern, welche sangen und jubelten. Ueberall war die Stimmung gegen Dänemark und gegen Alles, was Dänisch war: Christian VIII. hatte den sogenannten » offnen Brief« Der »Offne Brief« vom 8. Juli 1846, welcher an die Bewohner der Herzogthümer gerichtet war und die durch die Kinderlosigkeit des Kronprinzen (Frederik VII.) in Frage gestellte Thronfolge ordnen sollte, gab den ersten Anstoß zu den späteren Ereignissen in Schleswig und Holstein. Die erste Opposition gegen diesen unglückseligen Brief machte sich auf der Volksversammlung in Neumünster am 15. September 1846 geltend. Der Uebers. erlassen. Ich erfuhr erst hier davon. Im Baden'schen war es durchaus nicht angenehm, als Däne zu reisen. Niemand kannte mich, und ich ließ mich mit Niemand ein, sondern leidend und krank, wie ich war, verhielt ich mich ganz theilnahmslos während der ganzen Flußfahrt.

Ueber Frankfurt erreichte ich das mir so liebe Weimar, und hier bei Beaulieu wurde ich gepflegt und konnte mich ausruhen. Schöne Tage verbrachte ich auf dem Sommerschloß Ettersburg, wohin mich der Erbgroßherzog eingeladen hatte. In Jena arbeite ich mit dem Professor Wolff zusammen, um eine deutsche Uebersetzung mehrerer meiner lyrischen Gedichte zu Stande zu bringen. Allein meine Gesundheit war stark angegriffen. Ich, der ich den Süden liebte, mußte erkennen, daß ich dennoch ein Sohn des Nordens war, dessen Fleisch, Blut und Nerven in Schnee und kalten Winden wurzelten.

Mit langsamer Fahrt ging es nun heimwärts. In Hamburg erhielt ich von König Christian VIII. den Dannebrogorden, der mir bereits vor meiner Abreise bestimmt gewesen war, sagte man mir, und deshalb sollte ich ihn jetzt haben, bevor ich wieder mein Vaterland erreichte, wo ich zwei Tage später ankam.

In Kiel traf ich die landgräfliche Familie, sowie den Prinzen Christian, den späteren König Christian IX. von Dänemark und Gemalin Mit der »landgräflichen Familie« will der Verfasser die des Landgrafen Wilhelm von Hessen-Cassel bezeichnen, der, geboren den 24. December 1787, gestorben den 5. September 1867, mit der Prinzessin Charlotte von Dänemark (geboren den 30. October 1789, gestorben den 28. März 1864), der Schwester des Königs Christian VIII. 1810 vermählt war. Sein einziger Sohn Friedrich Wilhelm (jetziger Landgraf von Hessen) war damals sowol präsumtiver Thronerbe in Dänemark wie in Hessen. Er renoncirte noch zu Lebzeiten Frederik's VII. zu Gunsten seiner Schwester Louise, die mit dem Prinzen Christian von Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg vermählt war, auf den dänischen Thron, um den Thron von Hessen zu besteigen. Wir kennen Alle das Geschick dieses Landes, aber dadurch kam der junge Landgraf um seine beiden Throne und muß nun als reicher Privatmann auf seinen Gütern in Hessen und Holstein leben. Er ist geboren den 26. November 1820 und zum zweiten Male seit dem 26. Mai 1853 mit der Prinzessin Anna von Preußen, Tochter des Prinzen Carl, vermählt. – Der damalige Prinz Christian von Glücksburg – dessen Name wegen seines fabelhaften Glücks zum Sprichwort geworden ist – ist der dritte Sohn des sehr gering begüterten Herzogs Wilhelm von Glücksburg und geboren den 8. April 1818, vermählt mit der Prinzessin Louise von Hessen-Cassel (geboren den 7. September 1817) am 26 Mai 1842. Er wurde in Folge des Thronfolgegesetzes vom 31. Juli 1853 als Thronfolger Frederik VII. erwählt und erhielt den Titel eines »Prinzen von Dänemark«. Er bestieg den Thron am 15. November 1863 als Christian IX. und hatte sogleich eine schwere Zeit durchzumachen. Im Reichstag nahm man eine neue Verfassung für Dänemark und Schleswig an, deren Sanktion den für Dänemark so unglücklichen Krieg mit Preußen und Oesterreich hervorrief. Obgleich die kleine Nation heldenmüthig und lange gegen die beiden Großmächte ankämpfte, so kostete der Friede doch die drei Herzogthümer Schleswig, Holstein und Lauenburg. Abgesehen von einigen Verfassungswirren herrschten Ruhe und Wohlstand im Lande. Der König hat es verstanden, sich durch Leutseligkeit im Lande beliebt zu machen, wie er auch als Muster eines Ehemannes gilt, während die Königin sich durch fromme Wohlthätigkeit auszeichnet. Bemerkenswerth ist noch das große Glück, das allen Kindern dieses Königspaares widerfahren ist. Der älteste Sohn, der liebenswürdige Kronprinz Frederik (geboren den 3. Juni 1843), der sich meist für Kunst und Wissenschaft interessirt, ist mit der einzigen Tochter des verstorbenen Königs Carl XV., der Prinzessin Lovisa (geboren den 31. October 1851) vermählt und ist die Erbin des reichen Prinzen Friedrich der Niederlande; der zweite Sohn ist der jetzige König Georg I. von Griechenland (geboren den 24. December 1854); die älteste Tochter, die »schöne« Alexandra (geboren den 1. December 1844), ist mit dem Prinzen von Wales, dem Thronerben von England (geboren den 9. November 1841) vermählt; die zweite Tochter Dagmar (geboren den 26. November 1847) ist die Gemahlin des Großfürsten-Thronfolgers von Rußland (geboren den 10. März 1845); und die dritte und letzte Tochter Thyra (geboren den 29. September 1853) wird demnächst mit den, Herzog von Cumberland, dem Sohn des verstorbenen Königs von Hannover (geboren den 21. September 1845), vermählt werden. Es ist nur noch ein Sohn, der am 27. October 1858 geborne Prinz Waldemar, der Marineofficier ist, unversorgt. Der Uebers.. Ein königliches Dampfschiff holte die Hohen Herrschaften ab, und man vergönnte mir die Annehmlichkeit und Bequemlichkeit, mit ihnen an Bord heimzukehren. Allein die Seereise wurde sehr beschwerlich. Erst nach einer Fahrt von zwei Nächten in Nebel und Sturm trat ich bei Kopenhagens Zollbuden an's Land.

Hartmann's Oper » Liden-Kirsten« Von mir unter dem Titel »Klein-Else« übersetzt. Der Uebers., wozu ich den Text geliefert hatte, war während meiner Abwesenheit gegeben worden und hatte großen Beifall gefunden, schrieb man mir. Die Musik war, wie sie es verdient, als ächt dänisches Bouquet anerkannt; sie ist so eigenthümlich ergreifend. Der Text hatte Heiberg sehr gefallen. Ich freute mich, dies zu hören und endlich selbst diese kleine Arbeit aufgeführt zu sehen. Es traf sich zufälligerweise so, daß gerade an dem Tage, als ich heimkam, »Liden-Kirsten« gegeben wurde.

»Du wirst Vergnügen haben«, sagte Hartmann, »denn das Publikum ist ebenso zufrieden mit der Musik wie mit dem Text!« Ich kam in's Theater. Man bemerkte mich, ich sah es, und als die Oper zu Ende war, wurde stark applaudirt und stark – gezischt.

»Das ist bei den früheren Aufführungen nicht geschehen!« sagte Hartmann; »ich begreife das nicht!« – »Aber ich verstehe das sehr wol«, antwortete ich. »Mache Dir nichts daraus: Dir galt es jedenfalls nicht. Es waren meine Landsleute, die sahen, daß ich heimgekehrt bin, und die mich jetzt nur begrüßen wollten!«

Ich war übrigens noch körperlich leidend. Den Sommeraufenthalt im Süden vermochte ich nicht zu überwinden; nur die erfrischende Winterkälte hielt mich aufrecht. Ich war in einem nervösen, kraftlosen Zustande, während meine Seele dagegen in hohem Grade wirksam war. Ich vollendete zu jener Zeit die Dichtung » Ahasverus«. H. C. Oersted, dem ich während der letzten Jahre vorlas, was ich schrieb, wirkte durch seine lebhafte Theilnahme, seine geistvollen Unterredungen immer mächtiger auf mich ein. So mächtig, wie sein Herz für das Schöne und Gute schlug, ebenso durchdrungen suchten seine Gedanken stets die Wahrheit. Klar und bestimmt sprach er dies aus, und in jedem Gedicht war die Wahrheit die Seele der Dichtung. Eines Tages brachte ich eine dänische Uebersetzung von Byron's Gedicht » die Finsterniß«, die ich gemacht hatte. Ich war damals von dem großen Phantasiegemälde, das der Dichter hier geschaffen hatte, vollkommen erfüllt und wurde daher auf das Höchste überrascht, als Oersted es für ein ganz verfehltes Gedicht erklärte, denn es wäre gänzlich unwahr; der eine Satz sei thörichter als der andere. Oersted bewies das, und ich begriff und erkannte nun die Wahrheit seiner Worte.

»Der Dichter darf sich wol denken«, sagte er, »daß die Sonne vom Himmel verschwand, aber er muß dann auch wissen, daß ganz andere Resultate kommen, als diese Finsterniß, als diese Kälte, diese Begebenheiten; es ist die Phantasie eines Irrsinnigen!« Und ich fühlte die Richtigkeit dieser Aeußerung und nahm in meinen Anschauungen sodann die Wahrheiten auf, die er in seinem » Geist in der Natur« für die Dichter seines Zeitalters ausspricht. Er meinte, wo die Dichter selbst sich als Höhepunkte ihrer Zeit aussprechen, müssen sie auch von der Wissenschaft und nicht von der poetischen Polterkammer einer verschwundenen Zeit Bilder und Ausdrücke gebrauchen; schildert dagegen der Dichter eine entschwundene Zeit, dann sind natürlicherweise dessen Vorstellungen und Begriffe von der Welt die, welche von den hervortretenden Charakteren gebraucht werden müssen. Dieses so Wahre und Richtige, das Oersted später in seinem Werke aussprach, wurde zu meiner Verwunderung nicht verstanden, selbst von einem Mynster Jakob Peter Mynster, geboren den 8. November 1775 in Kopenhagen, gestorben den 30. Januar 1854, war ein sehr gelehrter Theologe und wurde 1834 als Bischof von Seeland der Primas der dänischen Staatskirche. Er war ziemlich orthodox und konnte sich natürlich nicht so ganz mit Oersted's Freisinnigkeit, namentlich in religiösen Dingen, befreunden. Der Uebers. nicht. Mehrere der gedankenreichsten Abhandlungen, die wir in dem obengenannten Werke finden, las er mir dann vor. Wir unterhielten uns später darüber, und mit seiner unendlichen Liebe und Bescheidenheit hörte er sogar auf eine Einwendung von mir, die einzige, die ich zu machen hatte, daß die Form des Dialogs, welche an Campe's Robinson erinnere, jetzt veraltet sei; sie werde hier, wo keine Gelegenheit zu Charakterzeichnungen vorhanden sei, nur zur Namensüberschrift, und man würde ohne diese Alles ebenso klar verstehen können. – »Sie haben vielleicht Recht«, antwortete er mit all' seiner milden Innigkeit, »aber ich kann mich nicht sofort zu einer Veränderung in dieser Beziehung entschließen, denn Alles hat sich während einer Reihe von Jahren in dieser Form ausgebildet; aber ich werde Ihre Worte in Erwägung ziehen und darüber nachdenken, wenn ich mehr schreibe.«

Aus Oersted strömte eine Quelle von Kenntnissen, Erfahrungen und Genialität hervor, und dazu kam noch eine liebenswürdige Naivetät, etwas Unschuldiges, Unbewußtes, wie bei einem Kinde. Er war eine seltene Natur, die sich mit dem Gepräge der Göttlichkeit offenbarte, und endlich ist noch seiner großen Religiosität zu gedenken. Durch das Vergrößerungsglas der Wissenschaft sah er die Größe Gottes; es ist christlich schön, dies selbst mit geschlossenen Augen zu erkennen. – Ueber die tiefen, segensreichen Wahrheiten der Religion sprachen wir oft. Das erste Buch Moses lasen wir zusammen durch, und ich hörte ihn kindlich religiös und so männlich die Abspiegelung seiner Gedanken über die Mythen und Sagen des Alterthums und über die Schöpfung der Welt entwickeln. Ich kehrte stets sehr reich an Gedanken und reich im Gemüth von dem liebenswürdigen und herrlichen Oersted heim, und während der schwersten Stunde des Mißkennens und des Mißmuthes war er, wie ich wiederholen muß, immer derjenige, der mich aufrecht erhielt und mir eine bessere Zeit Verhieß.

Eines Tages, als ich seelisch leidend durch das mir auf's Neue widerfahrene Unrecht und die Härte von ihm fortgegangen war, hatte er keine Ruhe, bevor er, der ältere Mann, noch einmal und zwar spät des Abends mich in meinem Heim aufsuchte und mir wieder Theilnahme und Trost zusprach. Dies ergriff mich so tief, daß ich all meinen Kummer vergaß, wie auch meinen Schmerz, mich in Dank und Segen über seine unendliche Güte recht ausweinte, und in Folge dessen gewann ich wieder neue Kraft und neuen Muth zu dichten und zu arbeiten.

Indessen wurde ich in Deutschland mehr und mehr anerkannt und begegnete überall vielem Wolwollen. Die » Märchen« und » das Bilderbuch ohne Bilder« wurden am meisten gelesen, und erstere fanden sogar Nachahmung. Man sandte mir manche Bücher und Dichtungen und besonders hübsch und freundlich ertönte ein » herzlicher Gruß deutscher Kinder dem lieben Kinderfreunde in Dänemark, H. C. Andersen

Von außerhalb kamen die Sonnenstrahlen; auch in der Heimat leuchteten mehrere und mehrere. – Der Gedanke war frisch, das Herz wurde jung – mit seinen Erinnerungen und Stimmungen. In dem großen Zirkel des Lebens, den man durchwandert, hat die Freude und der Schmerz ihre Radien. Letzterer hat oft verschiedene und viele, die die Welt nimmer kennen lernt.

Es giebt im menschlichen Herzen heimliche Kammern, in die Niemandem, selbst unseren Theuersten nicht, hineinzuschauen gestattet ist. Bei einem Dichter klingen oft aus diesen heimlichen Kammern tiefe Töne hervor. Man weiß nicht, ob es eine Dichtung oder Wirklichkeit ist. Auch durch » das Märchen meines Lebens« tönen solche Melodien heraus: sie gehören mir selbst so wenig an, daß nur die Poesie hier Worte besitzt über das, was sich dort unendlich tief bewegte und während der Nächte und Tage lebte und wirkte.

*

Im Laufe des Jahres waren mehrere meiner Schriften, z. B. » der Bazar«, » Märchen« und » Bilderbuch ohne Bilder« in England herausgekommen und hatten dort denselben freundlichen Empfang beim Publikum wie bei der Kritik, wie früher » der Improvisator« gefunden. Briefe von vielen Freunden, die ich dort gewonnen hatte, sandte man mir. König Christian VIII. hatte von dem bekannten Londoner Buchhändler Richard Bendley meine Schriften schön eingebunden erhalten. Es ist mir von einem unserer bedeutendsten Männer erzählt worden, daß der König bei dieser Gelegenheit seine Freude über die mir gewordene Anerkennung ausgesprochen habe, aber auch zugleich seine Verwunderung darüber, daß man mich, während man mich im Ausland anerkenne, daheim so oft angriffe und herabsetzte. Das Wolwollen, das der König für mich fühlte, wurde noch größer, als er » das Märchen meines Lebens« las.

»Nun erst kenne ich Sie ganz!« sagte er eines Tages in herzlichster Weise zu mir, als ich in das Audienzzimmer zu ihm eintrat, um ihm mein neuestes Buch zu überbringen. »Ich sehe Sie so selten«, fuhr er fort, »wir müssen öfter mit einander sprechen!« – »Das beruht auf Euer Majestät«, antwortete ich. »Ja, ja. Sie haben Recht!« entgegnete er. Und nun sprach er seine Freude über meine Anerkennung in Deutschland und besonders in England aus, sprach über die Geschichte meines Lebens, die er hübsch und liebevoll auffaßte, und bevor wir uns trennten, fragte er: »Wo werden Sie morgen zu Mittag speisen?« – »In der Restauration«, antwortete ich. – »Dann kommen Sie lieber zu uns! Essen Sie mit mir und meiner Frau. Wir speisen um vier Uhr!«

Ich hatte, wie früher berichtet, von der Prinzessin von Preußen Der jetzigen Kaiserin Augusta. Der Uebers. ein hübsches Album erhalten, worin sich bereits mehrere interessante Handschriften befanden. Die Majestäten sahen dasselbe, und als ich es zurückerhielt, hatte König Christian VlII. selbst darein die bedeutungsvollen Worte geschrieben:

 

» Sich durch sein wolangewandtes Talent selbst eine ehrenhafte Stellung zu erwerben, ist besser als Gunst und Gabe. Diese Zeilen mögen Sie erinnern an Ihren wolwollenden Christian R.«

 

Es war datirt vom 2. April. Der König wußte, daß dies mein Geburtstag war. Auch die Königin Caroline Amalie hatte ehrende, liebe Worte in das Album geschrieben. – Keine Gabe vermochte mich mehr zu erfreuen, als gerade dieser Schatz von Geist in Worten.

Eines Tages fragte mich der König, ob ich nicht auch England sehen wollte. Ich antwortete ja und daß ich gerade im künftigen Sommer dorthin zu reisen die Absicht hätte.

»Sie können ja Geld von mir bekommen!« sagte der König.

Ich dankte und sagte: »Ich bedarf dessen nicht; ich habe für die deutsche Ausgabe meiner Schriften achthundert Bankthaler erhalten. Das Geld will ich dazu verwenden!«

»Aber«, fuhr der König lächelnd fort, »Sie repräsentiren jetzt in England die dänische Literatur und müssen daher etwas besser und anspruchsvoller leben!«

»O, das werde ich auch können. Und wenn das Geld nicht mehr reicht, reise ich heim!«

»Nicht wahr, Sie schreiben direct an mich, wenn Sie Geld gebrauchen?« sagte der König.

»O nein, Ew. Majestät. Jetzt gebrauche ich dessen nicht. Es ist ja möglich, das ich ein ander Mal mehr der Gnade des Königs bedarf, jetzt darf ich diese nicht annehmen, denn man soll nicht stets plagen, und es ist mir stets unlieb, von Geld zu sprechen! Aber gestatten mir Ew. Majestät, schreiben zu dürfen, ohne um etwas zu bitten, schreiben zu dürfen – nicht an den König – denn dann würde der Brief rein formell sein, sondern darf ich schreiben wie an Jemand, den ich sehr lieb habe?«

Der König gestattete dies und schien erfreut über die gewiß richtige Art und Weise, wie ich seinem Wolwollen begegnet war.

Mitte Mai 1847 reiste ich den Landweg von Kopenhagen dem Süden entgegen. Es war herrlicher Frühling. Den Storch sah ich mit ausgebreiteten Flügeln vom Neste fliegen. Die Pfingsttage feierte ich auf dem alten Herrensitz Glorup und wohnte in Odense den Freuden eines Schützenfestes bei, das während meiner Jugend die schönsten Tage waren. Ein neues Knabengeschlecht kam, wie zu jener Zeit, als ich klein war, die durchschossene Scheibe tragend. Die ganze Schar schwang grüne Zweige wie Birnams-Wald, der sich Macbeth's Burg nähert. Macbeth, der Held einer Tragödie von Shakespeare, war ein schottischer Heerführer im 11. Jahrh., der sich zeitweilig der Krone bemächtigte. Der Uebers. Es war derselbe Jubel, dasselbe Gedränge – und dennoch mit welch ganz anderen Augen blickte ich jetzt auf dieses Fest!

Einen tiefen Eindruck machte auf mich ein armer halbverrückter Knabe vor meinem Fenster; sein Gesicht war edel geformt, die Augen glanzvoll, aber es war etwas Verstörtes in seinem ganzen Wesen, und die Knaben neckten und jagten ihn. Ich dachte dabei an mich selbst, an meine Jugendzeit, an meinen irrsinnigen Großvater. Ich dachte daran, daß wenn ich in Odense geblieben, dort in die Lehre geschickt worden wäre, ob nicht Zeit und Verhältnisse die Kräfte der Phantasie abgestumpft hätten, die mich damals so mächtig erfüllten, oder ob ich es nicht gelernt hätte, mit meiner ganzen Umgebung zu verschmelzen. Wie wäre ich dann betrachtet worden? – Ich weiß nicht, aber beim Anblick dieses unglücklichen, gejagten Idioten vor meinem Fenster begann mein Herz stark zu klopfen. Meine Gedanken und mein Tank flogen zu Gott für seine Gnade und seine Liebe gegen mich.

Die Reise ging über Hamburg. Dort machte ich die Bekanntschaft des Schriftstellers Glaßbrenner Adolph Glaßbrenner, geboren in Berlin den 27. März 1810, zeichnete sich schon während der Kinderjahre durch Witz und Humor aus. Er sah sich genöthigt, Kaufmann zu werden; allein schon im zwanzigsten Lebensjahre widmete er sich ganz der Schriftstellerei. Da sein Witz sich durch schlagende Schärfe, wenn auch manchmal in ein grobes Gewand gehüllt, auszeichnete, wurden seine meisten Schriften unter den bis 1848 strengen Censurverhältnissen verboten. Seine kleinen humoristischen Schriften über das Berliner Volksleben »Berlin wie es ist – und trinkt«, die er unter dem Namen Brennglas herausgab, begründeten seinen Ruf. Er lebte längere Zeit in Neu-Strelitz, wo seine Gatten, eine geborene Peroni, als hervorragende Schauspielerin wirkte, dann in Hamburg und kam endlich 1858 nach Berlin, wo er die »Montags-Zeitung« gründete und den 27. September 1876 verstarb. Seine Frau, die seit ihrem Umzuge nach Berlin die Bühne verlassen hatte, ertheilt seitdem an junge Damen, die sich dem Theater widmen, Unterricht in der dramatischen Kunst. Der Uebers. und seiner genialen Gattin, der vortrefflichen Schauspielerin Peroni-Glaßbrenner. Ein Kopenhagener Blatt hat gesagt, daß der heitere Satyriker Glaßbrenner mir als Märchendichter einen Hieb versetzt habe. Ich habe das nicht finden können; dagegen besitze ich von ihm folgendes Gedicht:

An H. C. Andersen!

Verständen wir, was bunte Vögel singen,
Die Düfte, die aus Blumen zu uns dringen,
Verständen wir, was in den Gräbern lebt
Und was das kalte Leben oft begräbt, –
Und könnten die Geheimnisse erlauschen
Aus Waldesweh'n und Meeresrauschen,
Verständen wir, was holde Kinderaugen sagen;
Wir brauchten Deine Werke nicht zu übertragen.

A. Glaßbrenner.

Aus vorstehendem Gedicht scheint es jedenfalls nicht hervorzugehen, daß dieser Mann viel an mir auszusetzen hatte.

Nach einem Besuch bei lieben Freunden in Oldenburg ging die Reise nach Holland. Auf den gemauerten Landwegen, glatt und rein wie der Fußboden in einer Milchstube, rollte der Postwagen mit uns dahin. Häuser und Dörfer boten ein Bild des Wohlstandes und der Reinlichkeit dar. In der Festung Deventer war gerade Markt. Es herrschte dort ein Gewimmel von Menschen in ihren zierlichen Trachten; auf dem Marktplatz standen Waffelbuden, wie ich sie aus alten Tagen her vom Thiergartenhügel bei Kopenhagen kannte. Die Glockenspiele erklangen von den Kirchthürmen; die holländische Flagge wehte überall.

Von Utrecht erreichte ich auf der Eisenbahn in einer Stunde Amsterdam.

»Wo man ja als Amphibie
Wohnt halb im Wasser –«

So schlimm ist es freilich nicht, und es erinnert durchaus nicht an Venedig, der Biberstadt mit den todten Palästen. Der erste Mann, den ich auf der Straße traf und nach dem Wege fragte, antwortete mir so verständlich, daß ich mir dachte, die holländische Sprache sei doch leicht zu verstehen. Aber es war dänisch, das der Mann sprach. Es war ein französischer Friseurgehilfe, der während langer Zeit bei einem Friseur in Kopenhagen conditionirte, etwas dänisch gelernt, mich wiedererkannt hatte und auf meine französische Anrede mir dänisch antwortete.

Schattenreiche Bäume hingen über die Kanäle hinaus; buntbemalte, plumpe Holzböte mit Mann und Frau und ganzer Familie glitten still vorüber. Die Frau stand am Steuer, der Gatte saß mit seiner langen Pfeife und starrte in die Luft hinein.

In der Volksmenge war es mir auffallend, ein paar Knaben zu sehen, deren Kleider zweifarbig waren. Das halbe Rückenstück war schwarz, das andere roth und die Beinkleider waren ebenso, jedes Bein hatte seine Farbe. Dann kamen einige kleine Mädchen, deren Kleider auf ebendieselbe Weise in zwei Farben getheilt waren, ganz so wie es bei den schweren Gefangenen oder sogenannten »Sclaven« in Dänemark früher der Fall gewesen ist. Ich fragte, was das zu bedeuten habe und hörte, daß es Waisenkinder seien. So waren diese armen Kinder gekennzeichnet.

Im Theater wurde französisch gespielt. Das National-Theater war leider während meines Aufenthalts geschlossen, sonst würde ich dort eine echt holländische Sitte zu sehen bekommen haben: man raucht nämlich während der Vorstellung, und Jan, wie man alle Kellner in Holland stets nennt, geht überall umher, zündet die Pfeifen an und bringt Thee, den man aus großen Schalen trinkt. Das Schauspiel geht indessen ungestört fort, die Couplets werden gesungen und die Tabakspfeifen dampfen, so daß sich der Rauch über den Zuschauerraum und die Bühne verbreitet. Mehre Holländer haben mir das erzählt, und ich habe Ursache zu glauben, daß sie nicht übertrieben haben.

Mein erstes Auftreten in Amsterdam war in einem Buchladen, wo ich ein Buch mit holländischen und flämischen Gedichten kaufen wollte. Der Mann, mit dem ich sprach, sah mich verwundert an, machte schnell eine Entschuldigung und lief davon. Ich wußte nicht, was das zu bedeuten habe und wollte mich entfernen, da kamen zwei Leute aus dem nächsten Zimmer, sahen mich fest an, und der Eine fragte, ob ich nicht der dänische Dichter Andersen sei. Es hing nämlich in dem Nebenzimmer mein Portrait, das man mir später zeigte, und nach diesem hatte man mich erkannt. Die holländischen Blätter hatten schon längst berichtet, daß ich zu erwarten sei. Ein Däne, Herr Nyegaard, der viele Jahre in Holland gelebt hatte und jetzt dort van Niewenhuis Zu Deutsch Neuhaus. Der Uebers. genannt wurde, hatte schon längst alle meine Romane in's Holländische übersetzt. Kurz, bevor ich nach Amsterdam kam, war » Das Märchen meines Lebens« in der kleinen Ausgabe und mehre meiner Märchen: als » Sprookjes« übersetzt und in Amsterdam erschienen. Der Herausgeber der Zeitung » De Tijd« (Die Zeit), der kürzlich verstorbene van der Vliet hatte mit großer Liebe und vielem Interesse meine Wirksamkeit hervorgehoben und besprochen, und sogar mein Portrait der Wochenschrift beigelegt.

Ich hörte auch und überzeugte mich bald, daß ich viele Freunde in Holland besaß. H. C. Oersted hatte mir einen Brief an Professor Fröhlich Wahrscheinlich ein geborner Däne, dessen Bruder seiner Zeit ein bedeutender Kaufmann und Mecklenburger Generalconsul in Kopenhagen war. Der Uebers. in Amsterdam mitgegeben, und durch ihn wurde ich bei dem bekannten holländischen Dichter van Lennep, dem Verfasser von » De Roos van Dekame« und » Haarlems Verlossung«, In Uebersetzung »Die Rose von Dekame« und »Harlems Erlösung«. Der Uebers. welche zu den trefflichsten Romanen der holländischen Literatur gerechnet werden, eingeführt. Ich fand in van Lennep Jan van Lennep ist am 25. März 1802 geboren und im August 1863 bei Arnheim gestorben. Er war früher Staatsanwalt und war der Führer der Romantik in Holland. Er hat außer den oben angeführten berühmten historischen Romanen sehr poetische Erzählungen geschrieben. Der Uebers. einen schönen, freundlichen Mann, in einem heimischen, freundlichen Hause. Ich war dort nicht als Fremder, sondern als ein willkommner Gast der Familie betrachtet. Schöne, freundliche Kinder scharten sich um mich; sie kannten die Märchen, besonders das von » de roode Schoentjes« (die rothen Schuhe) hatte einen tiefen Eindruck auf einen der Knaben gemacht. Dieses Märchen hatte ihn so wunderbar erfüllt, daß er lange schweigend dastand und mich betrachtete; dann zeigte er mir das Buch, worin das Märchen enthalten war, in diesem befand sich ein Bild, auf dem die Schuhe roth bemalt waren, der übrige Theil des Bildes war nicht colorirt. Die älteste Tochter, Sara, ein erwachsenes Mädchen, höchst liebenswürdig und lebhaft, fragte mich sofort, ob die Kopenhagener Damen hübsch wären, und ich antwortete ihr: »Ja; sie gleichen den Holländerinnen!« – Sie wollte mich dänisch sprechen hören, und ich mußte ihr ein paar Worte, die ihr am besten gefielen, aufschreiben. Beim Mittagsmahl fragte van Lennep mich, ob ich glaube, holländisch lesen zu können und übergab mir ein beschriebenes Blatt. Es war ein Gedicht von ihm an mich. Er las es laut im Kreise vor; es begann folgendermaßen:

Den Dichter
H. C. Andersen

Onbekend, gesmaad, verstooten,
Dwaalde een halploos Kicken rond
Over Funens vruchtb'ren grond,
Rijk van strom en beek doorvloten u. s. w.
In wörtlicher Uebersetzung lauten diese holländischen Zeilen:
Unbekannt, geschmäht, verstoßen
Irrte ein hülflos Küchlein rund
Ueber Fyens fruchtbarn Grund,
Reich von Strom und Bach durchflossen u. s. w.

Ich glaube, das ganze Gedicht ist seiner Zeit in » De Tijd« abgedruckt worden.

Von Amsterdam ging ich nach Harlem mit der Eisenbahn, die hier an einer Stelle über einen Damm zwischen der offenen Nordsee, über das sogenannte Harlemer Meer Das » Harlemer Meer« ist zwischen den Städten Harlem, Leyden und Amsterdam gelegen und bildete einen großen Binnensee, der während der Jahre 1848-53 trocken gelegt wurde und jetzt als Weideplatz dient. Der Uebers. dahin läuft; ich sah das kühne Unternehmen, die große Wirksamkeit, die hier herrschte, um ein Meer leer zu pumpen; es war damals bereits bedeutend gesunken.

Harlems mächtige Orgel Diese berühmte Orgel befindet sich in der Hauptkirche der Stadt. Der Uebers., die größte der Welt, ließ gerade ihre achttausend Metallpfeifen unter dem schönen hölzernen Gewölbe der Kirche ertönen, als ich in diesen mächtigen umgekehrten Schiffskiel eintrat. Sonderbar, halb deutsch, halb dänisch, klang die Sprache rund um mich, und die Aufschrift: » Hier gaat man uit porren!« war an mehreren Häusern zu lesen. Man geht aus um auszupurren, d. h. Leute zu wecken. Stets erklangen die Glockenspiele der Kirchen.

Das ganze Land schien mir ein großer englischer Park zu sein. Diesen ersten Eindruck von Holland legte ich in einem kleinen Verse nieder, den ich schrieb, als mir Professor Schlegel's Gattin in Leyden Professor Hermann Schlegel, geboren in Altenburg 1804, wurde in die Lehre bei einem Gelbgießer geschickt und kam 1822 als Geselle nach Wien. Hier widmete er sich den Naturwissenschaften und kam, nach Holland dringend empfohlen, nach Leyden, wo er 1829 unter Direktor Temmink's Leitung, Conservator des Reichsmuseums und nach dessen Tode Direktor desselben und Professor an der Universität wurde. Er hat viele naturwissenschaftliche Werke veröffentlicht. Der Uebers. ihr Stammbuch brachte:

»Ganz sabbath-festlich erscheint mir das Land.
Ganz sabbath-festlich ertönt mir der Sprache Laut!
Ein Garten bist Du, Holland, wo ich fand,
Freunde und Gönner und die Heimat traut!«

Frau Schlegel verstand die dänische Sprache und kannte Dänemark, denn sie war in Kopenhagen gewesen und befand sich gerade bei Oehlenschläger, als ich bei diesem in die Stube trat; sie entsann sich dessen noch sehr wol. Mit ihr, ihrem Mann und Professor Geel Jakob Geel, 1789 in Amsterdam geboren, gestorben den 11. November 1862 in Leyden, wurde 1823 Bibliothekar und Professor. Er hat sich in der Literatur durch Herausgabe des Theokrit etc. einen Namen gemacht. Der Uebers., besuchte ich nun alle Sehenswürdigkeiten Leydens, wozu auch die Schanze gehört, welche von den Angelsachsen errichtet worden war, als sie unter Hengist und Horse Der Sage nach zwei Brüder, Sachsen, die 449 verbannt, nach England zogen und dem von Feinden bedrängten König von England zu Hilfe eilten und dessen Feinde vernichteten. Viele Sachsen folgten ihrem Rufe und begründeten dann das Angelsächsische Reich, dessen erster König Hengist wurde, dessen Sohn Aese 488 bei seinem Tode das Reich übernahm. Der Uebers. nach England gingen.

Im Wartesalon auf dem Bahnhof hingen einige Bilder und Plakate und eins der größten von diesen enthielt eine Anmeldung von der van der Vliet'schen Wochenschrift » De Tijd« und auf demselben befand sich zufälligerweise mein Portrait. Die Leute bemerkten das Bild und sahen mich an. Ich fühlte mich ganz verlegen: deshalb beeilte ich mich, in einen Wagen zu kommen. Ich hatte ein Billet nach Haag genommen und las nun auf dem Papiere, das man mir gegeben hatte, »s'Gravenhage«, den holländischen Namen für die Residenzstadt des Königs. Ich wußte das nicht. Der Zug ging ab, und ich glaubte, ich würde nach einer ganz andern Stadt kommen, als wohin ich wollte.

Der erste Mensch, den ich im Haag von meinem Fenster aus unten auf der Straße entdeckte, war ein Bekannter, ein Freund aus Rom, der holländische Componist Verhulst, dem ich, wenn nicht in der Form des Gesichts, so doch in Gang und Bewegung ähnlich sein sollte. Ich grüßte zu ihm hinab. Er erkannte mich nicht, träumte natürlich nicht davon, daß ich im Haag sei. Als ich nach einer Stunde ausging, um mich in der fremden Stadt umzusehen, war wieder meine erste Begegnung Verhulst. Das war eine Freude! Wir sprachen unablässig von Rom, von Kopenhagen. Ich mußte von Hartmann und Gade, deren Musik Verhulst bekannt war, erzählen. Er pries Dänemark, das eine dänische Oper besaß, die Holländer besitzen nur, glaube ich, französische und italienische Musik. Ich folgte ihm nach seinem Heim in einer entlegenen Gegend der Stadt. Von den Fenstern sah man über üppige, grüne Felder und Wiesen, so echt holländisch, und die Glockenspiele in den nahen Kirchen erklangen in demselben Augenblick – eine Schar Störche – und hier sind die Störche zu Hause, ein Storch ist sogar das Wappen der Stadt Haag – flog im grüßenden Fluge vorüber.

Van der Vliet kannte ich nicht persönlich, er hatte mir aber mehrmals geschrieben, mir Uebersetzungen und Anmeldungen meiner Schriften zugesandt. Ich trat in sein Zimmer. Er war ein junger, gutmüthiger Mann mit dem Stempel eines wahren Naturkindes, der mit warmem Herzen Alles umfaßte, was ich geschrieben hatte. Er wurde durch meinen unerwarteten Besuch sehr überrascht und fast überwältigt. Er hatte erwartet, vorher zu erfahren, wann ich käme, hatte sein Haus so eingerichtet, daß ich bei ihm wohnen konnte. Er rief seine junge Frau, und sie war ebenso froh und herzlich, allein sie sprach nur holländisch. Wenn wir uns nicht verstanden, nickten wir einander freundlich zu und drückten uns die Hände. Die guten Menschen wußten nicht, was Gutes sie mir erweisen sollten. Ihr einziges Kind, ein ganz kleiner Knabe, war, sagte mir der Vater, nach mir und dem armen Geiger » Christian« genannt worden. Die außerordentliche Freude, die ihnen meine Gegenwart zu verursachen schien, rührte mich. Es war ein kleines Heim voll von Liebe; doch, da ich nur wenige Tage im Haag bleiben wollte und dieses Haus sehr abseits gelegen war, zog ich es vor, im Hotel zu bleiben, das mitten in der Stadt lag. Mann und Frau folgten mir bis an meine Thür, damit wir um so länger beisammen bleiben könnten. Es thut so wohl, im fremden Lande auf diese Weise Hingebung und Innigkeit zu finden. Mein Kommen war ihnen gleichsam die Ueberbringung einer frohen Botschaft, und in lebhafter Stimmung, lachend und plaudernd, gingen wir in die Stadt. Wir trennten uns auf der Treppe des Hotels, wo ich wohnte.

Hier stand vor mir ein in Trauer gekleideter Mann, der meinen Namen nannte. Ich kannte ihn. Wie verschieden von der lächelnden Freude, die ich soeben verlassen hatte! Die Thränen kamen mir in die Augen: es war Hensel, der Schwager Mendelssohn-Bartholdy's. Der Maler Wilhelm Hensel, in Trebbin den 6. Juli 1794 geboren, gestorben in Berlin den 26. November 1861, machte den Feldzug 1813/15 mit, aus dem er als Offizier heimkehrte. Er bildete sich dann in Paris für seine Kunst aus, machte Reisen nach Italien und wurde 1828 Hofmaler und später Professor an der Kunstakademie in Berlin. Sein berühmtes Bild: »Christus vor Pilatus«, befindet sich in der Garnisonkirche in Berlin. Unter den vielen Portraits, die auch größtentheils in Stahl gestochen sind, nimmt das seines Schwagers Mendelssohn den ersten Rang ein (gestochen von Casper). Er hat 1857 den Thronsaal im neuen Schlosse zu Braunschweig gemalt. Er schriftstellerte auch etwas. Seine Gattin Fanny, Mendelssohn's Schwester, war 1805 in Hamburg geboren und war ebenfalls musikalisch sehr begabt. Es sind kurz vor ihrem Tode, am 14. Mai 1847, in Berlin mehrere Compositionen von ihr erschienen. Der Uebers. Er war vor einiger Zeit von Berlin abgereist, die Aerzte wollten, daß er reisen solle, um die Gedanken von seinem Kummer abzulenken; denn er schien unter denselben zusammenzusinken. Seine herrliche geniale Gattin, Mendelssohns Schwester, die in so Vielem ihrem Bruder glich, war ein wahres Musikgenie; auch in ihrem Aeußern besaß sie verwandte Züge und Ausdrücke mit ihrem Bruder – sie war plötzlich gestorben. In Berlin war ich ihr mit ihrem Gattin in Gesellschaften begegnet; sie war die Genialität und Lebhaftigkeit selbst, besaß den Geist und die Kühnheit des Bruders und spielte wie er mit einer Festigkeit und einem Ausdruck, der unbedingt hinriß. Kürzlich, als sie frisch und munter nach dem Mittagsmahl sich in eine Laube gesetzt hatte, stieß sie einen Schrei aus und war augenblicklich todt. Ihr Mann, der als Portraitmaler berühmt war, war früher Offizier gewesen, hatte ihr Bild gemalt, wie sie im Tode aussah. Er führte das große Portrait bei sich; es war auf dem Tische in seinem Zimmer aufgestellt. Es ergriff mich um so mehr, als ich von der Freude und den Fröhlichen kam, den kräftigen Mann so tief erschüttert und in Thränen zu sehen.

Im Jahre darauf starb, wie wir jetzt wissen, Mendelssohn Siehe den ersten Band von »Märchen meines Lebens« S. 220. Der Uebers. ebenso plötzlich und folgte seiner geistvollen herrlichen Schwester.

Ich war im Haag vier Tage gewesen. Es war Sonntag. Ich wollte die französische Oper besuchen, aber meine Freunde baten mich, dies aufzugeben und in einen Kreis zu kommen, welcher sich im Hotel de l'Europe versammelt hatte.

»Hier ist wol Ball heute Abend«, fragte ich, als ich die Treppe hinaufstieg; »hier ist Alles so festlich geschmückt«! Meine Begleiter lächelten und antworteten: »Ganz recht. Hier ist auch ein Fest und zwar für Sie!« Ich trat in den großen Saal ein und wurde durch die versammelte Menge überrascht. »Das sind«, wurde mir gesagt, »einige Ihrer holländischen Freunde, welche glücklich sind, mit Ihnen heute Abend beisammen zu sein!«

In der kurzen Zeit, während welcher ich im Haag gewesen war, waren Briefe rundum im Lande an die Freunde meiner Muse gesandt worden, mit welchen van der Vliet und Mehrere verabredet hatten, ihnen Nachricht zu geben, wenn ich käme. Selbst hoch oben vom Zuyder-See traf allein meinetwegen, der langen Reise ungeachtet, der Verfasser von » Opuscules de jeunesse«, van Kneppelhout, ein, der sich eine solche Reise umsomehr erlauben konnte, als er mit Gütern reich gesegnet war. Ich fand hier eine Menge Künstler, literarische Persönlichkeiten, Maler und Schauspieler. Während der Mahlzeit an dem blumengeschmückten, großen Tische wurden Toaste ausgebracht und Reden gehalten. Besonders ergriff mich ein Hoch, das van der Vliet ausbrachte auf: »den Vater Collin in Kopenhagen, den edlen Mann, der Andersen gleich einem Sohn erzogen hat.« – »Zwei Könige,« sagte er und wandte sich dann zu mir, » König Christian VIII und Friedrich Wilhelm IV von Preußen haben Ihnen einen Orden verliehen. Wenn diese einst auf Ihren Sarg gelegt werden, dann giebt Gott, der König der Könige, Ihnen für Ihre frommen Märchen den schönsten Orden, die Ehrenkrone des unsterblichen Lebens«.

Ein Anderer sprach von Hollands und Dänemarks Verbindung in sprachlicher und historischer Bedeutung. Einer der Maler, der hübsche Bilder zu meinem »Bilderbuch« gezeichnet hatte, brachte ein Hoch auf mich als Maler aus. Kneppelhout brachte auf französisch einen Toast aus auf Freiheit in der Form und Phantasie. Es wurden Lieder gesungen, humoristische Gedichte vorgetragen, und da ich noch keinen Begriff von holländischem Schauspiel und Tragödie hatte, gab Haag's berühmter Tragiker Peeters die ganze Gefängnißscene aus Schrawenwerth's »Tasso«. Ich verstand nicht ein einziges Wort, aber ich fühlte die Wahrheit, mit der er dieselbe wiedergab, und ich habe bei keinem andern Künstler eine vortrefflichere Mimik gesehen; es war gleichsam, als ob der Künstler erbleichte und erröthete, selbst über das Blut in seinen Wangen schien er Gewalt zu haben. Die ganze Versammlung brach in jubelnden Beifall aus. Herrliche Lieder wurden gesungen, besonders ergriff mich Melodie und Begeisterung bei dem Nationalliede: » Wien Neérlands bloed«. In »Amsterdams Handelsblad« heißt es im Referat über dieses Fest: » dat wanneer eenmal die vidderordens op zijn lijkkist werdem gelegd, de Koning den Koningen hem dan voor zijne godsdienstlige en vrome sprookjes de schoonste orden zou schenken, de cerenkroon des onsterfelijken levens«. Dieselbe Zeitung nennt mehrere Namen berühmter Künstler, welche außer den bereits genannten bei dem Feste anwesend waren, als Verhult, Peeters, Waldorph, Bles, Rockhuisen, Cornet, van Dam, van Isselt, Calisch, Bosboom, Bergh u. A. m.

Dies war einer der meist ehrenhaften Abende in meinem Leben. In Schweden und Holland culminirte, schien mir, der Ausdruck der größten Huldigung, die ich je genossen. Gott, der die Herzen kennt, weiß, wie demüthig das meinige war. Es ist wahrlich ein Segen des Himmels, sich vor Freude und Dankbarkeit still ausweinen zu können.

Den nächsten Tag verbrachte ich im Freien. Kneppelhout folgte mir in » het Bosch«, wo die feine Welt promenirte. » het Bosch« ist ein in der Nähe von Gravenhage gelegenes Lustwäldchen mit königlichem Schloß. Der Uebers. Dort wurde musicirt, und an hübschen grünen Wiesenpartien vorüber, auf idyllischen Wegen, gelangten wir so weit, um Leyden vor uns ausgestreckt zu sehen. Wir näherten uns demselben und fuhren dann nach dem Dorfe Scheweningen, Der berühmte comfortable Badeort, ½ Meile vom Haag fern. Der Uebers. das wieder durch hohe Sanddünen und Dämme gegen das Wüthen der Nordsee geschützt ist. Hier an der Table d'hôte wurde wieder von einem Freundeskreise ein Hoch auf die Kunst und auf die Poesie und auf Dänemark und Holland ausgebracht. Die Fischerböte lagen längs der Küste: die Musik erklang, das Meer rollte. Hier war es heimisch – es war ein herrlicher Abend!

Als ich am nächsten Morgen den Haag verlassen wollte, brachte die Wirthin mir eine Menge Zeitungen, worin alle Feste, die man mir gegeben hatte, besprochen waren. Zur Eisenbahn folgten mir ein paar Freunde, die ich hier lieb gewonnen hatte und von denen ich mich mit Wehmuth trennte, ungewiß, ob wir uns jemals wieder in dieser Welt begegnen würden.

Rotterdam schien mir die erste, recht lebhafte holländische Stadt zu sein, denn das Leben pulsirt hier weit mehr als in Amsterdam. Viele und große Schiffe lagen in den breiten Kanälen; kleine holländische, bunt gemalte Yachten, wo die Frau das Steuer führt, – wenn sie auch nicht mit Pantoffeln und Sporen dort stand, wie es in dem Liede von »dem jungen Herrn Petersen« heißt, so stand sie doch am Steuer und der Gatte lag auf dem Deck und rauchte seine Pfeife. Alles schien hier Handel und Wandel zu sein.

Eins der ältesten holländischen Dampfschiffe, eine wahre Dampfschnecke, » Batavia«, ging am nächsten Morgen nach London, und ich nahm einen Platz auf demselben. Das Schiff war stark beladen und hoch über dem Reling standen Körbe voller Kirschen aufgestapelt. Eine Menge Auswanderer nach Amerika füllte das Deck. Die Kinder spielten noch so fröhlich. Hier schritt ein Deutscher einher, dick wie Falstaff mit seiner schmächtigen, bereits vollständig seekranken Frau, der es vor dem Augenblick graute, aus dem Maasfluß in die große Nordsee hinauszukommen. Ihr kleiner Pinscher zitterte wie sie, obgleich er eine Decke über sich hatte, die mit großen Schleifen fest um den Körper gebunden war. Es war Ebbezeit, und es vergingen volle acht Stunden, bevor wir in die Nordsee hinauskamen. Das niedrige Holland schien tiefer und tiefer in das graugelbe Meer zu versinken, und indem die Sonne sank, ging auch ich zur Ruhe.

Als ich in der frühen Morgenstunde wieder auf das Deck kam, gewahrte ich in der Ferne die englische Küste. Vor der Mündung der Themse lagen tausende von Fischerböten, gleich einer Ungeheuern Schar junger Hühner, gleich zerrissenen Papierstücken, gleich einem ganzen Markte oder einem Lager mit Zelten. Die Themse verkündet freilich, daß England des Meeres Beherrscher ist. Hier fliegen seine Diener aus, ganze Scharen von zahllosen Schiffen. Jeden Augenblick kommt gleich einer Estafette Dampfschiff auf Dampfschiff. Ein Läufer war es mit schwerem Rauchflor im Hut, wo zu oberst die rothe Feuerblume erglänzte. Sich brüstend gleich einem Schwan glitt das eine große Segelschiff nach dem andern an uns vorüber. Lustyachten mit reichen, jungen Gentlemans zeigten sich, Fahrzeug folgte auf Fahrzeug. Je mehr wir in die Themse hinaufgelangten, desto mehr nahm das Gewimmel zu. Ich hatte zu zählen begonnen, wie vielen Dampfschiffen wir begegnet waren; allein ich ermüdete von der Menge. Bei Gravesend sah es aus, als ob wir, indem wir die Themse weiter hinauffuhren, in einen großen rauchenden Moorbrand hinein wollten, und dennoch war es nur der Dampf von den Dampfschiffen und Schornsteinen, die vor uns lagen. Ein starkes Gewitter stand über dem Lande; die blauen Blitze knisterten gegen den pechschwarzen Wolkengrund. Ein Eisenbahnzug jagte vorüber, dessen blauer Feuerrauch wogte, und gleich einer Salve von Kanonen erdröhnte der Donner.

»Man weiß, daß Sie hier sind und heißt Sie willkommen!« sagte im Scherz ein junger Engländer zu mir. – »Ja«, dachte ich, »der liebe Gott weiß es!«

Die Themse wurde, man sollte es kaum für möglich halten, durch die Bewegung und das Gedränge der Dampfschiffe, Böte und Segelschiffe gleichsam eine überfüllte Straße. Ich begriff nicht, wie diese Massen sich zwischen einander bewegen konnten, ohne an einander zu rennen. Bald merkte man die Ebbe. Der schlammige, kothige Boden trat hervor und wurde an den Ufern sichtbar, und ich mußte unwillkürlich an Quilp in Dickens » Nelly and his grandfather« denken, denken an Marryat's Frederik Marryat, geboren den 10. Juli 1792, gestorben den 2. August 1848, war Marineoffizier und machte sich als Verfasser von vorzüglichen Seeromanen einen Namen in Europa. Der Uebers. Schilderung des Lebens hier auf dem Flusse.

Beim Custom-House (Zollhause), wo wir landeten, nahm ich einen Cap Eine zweirädrige Chaise, wo der Kutscher hinten sitzt. Der Uebers. und fuhr und fuhr immerfort; es hörte gar nicht auf in der unendlichen Stadt. Größer und größer wurde das Gedränge, Wagen an Wagen in zwei Reihen bewegten sich die Straßen auf und ab. Man gewahrte alle Arten von Wagen. Jeder Omnibus war gepfropft voll, draußen und drinnen. Große Wagen, eigentliche Kasten, nur dazu bestimmt, Plakate und die Neuigkeiten des Tages anzuheften; Männer mit großen Schildern an Stangen, die sie über dem Getümmel erhoben und an denen man lesen konnte, was zu sehen oder zu kaufen war. Alles war in Bewegung, als strömte das halbe London nach einer Seite der Stadt und die andere Hälfte nach der andern Seite. Wo die Straßen sich kreuzten, befand sich zwischen diesen eine erhöhte Stelle von großen Steinen eingefaßt, dahin lenkten die Fußgänger ihre Schritte, von dem einen Bürgersteg zwischen den Wagenreihen hindurch und warteten so lange auf dem geschützten Platze, bis auf der andern Seite Gelegenheit war, zwischen den Wagen hindurch auf den entgegengesetzten Fußsteig zu gelangen. Aehnliche Plätze in stark belebten Straßen und auf Plätzen hat man seit einigen Jahren in Berlin angelegt, die man »Insel« nennt. Der Uebers. London, Stadt der Städte! Ja, ich fühlte augenblicklich, daß dem so ist; das lernte ich später täglich mehr erkennen. Hier ist ein Paris in einer höhern Potenz, hier ist Neapel's Leben, aber nicht dessen Lärm. Alles saust geschäftig an Einem vorüber, aber halb still. Ein Omnibus folgt dem andern, man sagt, es existiren viertausend; Arbeitswagen, Staatswagen, Caps, Droschken und stattliche Equipagen poltern, schleppen, rollen und jagen dahin, als wäre eine wichtige Begebenheit an jedem Ende der Stadt, wo Alles gegenwärtig sein müßte, und immer wogt es so fort. Wenn einmal alle diese Menschen, die wir jetzt sich hier bewegen sehen, in ihren Gräbern ruhen, wird sich hier auch noch dieselbe Geschäftigkeit kundgeben, stets dasselbe Wogen von Omnibus, Caps, Karren, die wandernden Männer mit Schildern vorn und hinten, mit Schildern auf Stangen, Schildern auf Wagen, mit Annoncen von Luftballons, Buschmännern, Vauxhall, Panoramen und Jenny Lind, stattfinden.

Endlich erreichte ich das Hôtel de Sablonière am Leicester Square Ein viereckiger Platz, der mit Bäumen bepflanzt oder mit Gartenanlagen versehen ist. Der Uebers., das H. C. Oersted mir empfohlen hatte, und ich bekam ein Zimmer, in das die Sonne bis zu meinem Bette schien, um mir gleichsam zu zeigen, daß es auch Sonnenschein in London gebe; aber sie war etwas rothgelb, als falle sie durch das Glas einer Bierflasche, Als später die Sonne untergegangen war, wurde die Luft herrlich und klar und die Sterne blinkten herab in die von Gas strahlenden Straßen, wo das Getümmel fortwährend wogte und brauste und still dahin summte. Müde schlief ich ein, ohne einen Bekannten gesehen zu haben.

Ganz ohne Empfehlungsbriefe war ich nach London gekommen; der Einzige, an den ich mich daheim um einen solchen gewandt hatte, ein hochvornehmer Mann, der englische Verbindungen besaß und durch den ich wünschte, ein einziges Mal einen Einblick in Londons » highlife « machen zu können, hatte mir keinen geschickt,

»Sie bedürfen hier keines Empfehlungsbriefes!« sagte der dänische Gesandte Graf Reventlow Graf Friedrich Reventlow, aus einem alten Dithmarschen Geschlecht stammend, ist 1792 geboren und starb am 6, Oktober 1851 in Glasgow. Der Uebers., den ich am nächsten Morgen besuchte; »Sie sind bereits in England bekannt und durch Ihre Schriften empfohlen. Gerade heute Abend ist ein kleiner ausgesuchter Kreis bei Lord Palmerston. Der berühmte Staatsmann Henry John Temple Viscount Palmerston ist geboren den 20. Oktober 1784 auf Broadlands in der Grafschaft Hampshire, trat im 22. Jahre als Tory in's Parlament ein und wurde 1709 Kriegsminister. Er ging dann zur gegnerischen Partei (Whig) über und übernahm 1830 das Auswärtige Ministerium, trat für die Reformbill ein und schied 1841 aus dem Ministerium, das Tory-Cabinet bekämpfend. Von 1846 bis zu seinem Tode, den 18, October 1865, hatte er mehrfach Sitz im Cabinet und trat besonders während des ersten deutsch-dänischen Krieges 1848-52 und nach dem Staatsstreiche des Prinzen Napoleon 1851 in den Vordergrund. Der Uebers. Ich werde daher au Lady Palmerston schreiben, daß Sie hier sind, und ich hege die bestimmte Hoffnung, daß Sie eine Einladung erhalten werden!« Und in der That, wenige Stunden später erhielt ich eine solche, und mit Graf Reventlow fuhr ich an dein Abend dort hin,

Englands höchster Adel war hier versammelt, die Damen in reichster Toilette: es waren Seide und Blonden, funkelnde Diamanten und herrliche Blumenbouquets zu schauen. Sowol Lord Palmerston als Lady Palmerston empfingen mich sehr freundlich, und der junge Erbgroßherzog von Weimar Siehe den vorigen Band Seite 318. Der Uebers., der mit seiner jungen Gemahlin sich hier befand, begrüßte mich herzlich und führte mich, wie ich glaube, zur Herzogin von Suffolk, welche sich sehr lebhaft über den » Improvisator« aussprach: »Das beste Buch über Italien!« wie sie sich auszudrücken beliebte. Bald wurde ich von Englands hochvornehmen Ladys umringt. Alle kannten irgend etwas von dem dänischen Dichter, und wäre es auch nur eins seiner kleinen Märchen, Viele freundliche Worte wurden mir gesagt. Ich schien selbst in diesen Kreisen kein Fremder mehr zu sein. Der Herzog von Cambridge Adolphus Frederik, Herzog von Cambridge, geboren in London den 25. Februar 1774, gestorben daselbst den 19. Juli 1850, war der jüngste Sohn des Königs Georg III, von England und daher der Onkel der Königin Victoria. Der Uebers. sprach mit mir über Christian VIII. Der preußische Gesandte v. Bunsen Christian Carl Josias, Freiherr von Bunsen, geboren den 25. August 1791 im Waldeckschen, kam 1818 auf Geheimrath Niebuhr's Empfehlung nach Preußen, wo er in die diplomatische Laufbahn eintrat. Er ward 1827 Ministerresident in Rom, 1839 Gesandter in Bern, kam 1841 nach England wegen Errichtung eines evangelischen Bischofssitzes in Jerusalem und wurde schließlich zum Gesandten daselbst ernannt, einen Platz, den er bis 1854 bekleidete, wo er sich in's Privatleben und zwar nach der Schweiz zurückzog; er wurde 1857 in den Freiherrnstand erhoben und starb in Bern den 28. November 1860. Er nahm wesentlichen Antheil an den unter Palmerston in London gepflogenen Unterhandlungen zwischen Dänemark und Preußen und stand in entschiedener Opposition gegen Ersteres, sah sich aber doch genöthigt, die Wiederherstellung der dänischen Monarchie mittelst des Londoner Protokolls vom 8. Mai 1852 durch seine Unterschrift zu sanctioniren. Der Uebers.. welcher in früherer Zeit den Dänen in Rom viele Dienste erwiesen hatte und Reventlow's Freund war, kam mit seiner Gemahlin mir sehr herzlich entgegen. Viele gaben mir ihre Karten und die Meisten luden mich ein.

»Sie haben heute Abend«, sagte Graf Reventlow, »einen Sprung in die hochvornehme Welt gemacht, wozu Viele Jahrzehnte gebrauchen. Seien Sie nur nicht allzu bescheiden, denn hier muß man hervortreten, wenn man vorwärts will. Und jetzt« – fuhr er mit seinem kecken Humor auf dänisch, das ja Keiner aus der Gesellschaft verstand, fort – »werden wir morgen die Karten ansehen, die Sie erhalten haben und die besten daraus erwählen. – Jetzt haben Sie genug mit Diesem gesprochen, dort befindet sich ein Anderer. Sie werden mehr Nutzen haben, zu Jenem geführt zu werden; bei Diesem finden Sie einen guten Tisch, bei Jenem eine gute Gesellschaft. Ja, hier bedarf es vieler Gesuche, um eine Einladung zu erlangen!« Und auf diese Weise sprach Graf Reventlow weiter.

Ich war schließlich so ermüdet, mich auf dem glatt gebahnten Fußboden zu bewegen, geistig erschlafft, mich in verschiedenen Sprachen, die ich nur wenig flüssig zu sprechen vermochte, zu unterhalten. Die Hitze war drückend. Ich mußte mich schließlich losreißen und auf den Corridor hinauseilen, um Athem schöpfen und ruhen zu können, indem ich mich auf das Geländer stützte.

Und wie diesen Abend ging es nun während voller drei Wochen jeden Abend. Es war gerade während der Saison, der warmen Sommergesellschaftszeit, die wir nur während des Winters kennen. Eingeladen wurde ich zu Diesem zu Mittag, zu Jenem für den Abend, und nach diesem zu Bällen des Nachts. Ueberall Gedränge in den Sälen und auf den Treppen, und da die ganze Woche im Voraus mit einer Auswahl von Einladungen besetzt war, mußte ich sogar solche zum Frühstück annehmen. Es war nicht zum Aushalten! Ein festliches Summen, Sausen und Brausen, ein einzig langer Tag fast während dreier Wochen. Ich besitze aus dieser Zeit nur einige Momente, einige Partien klar in meiner Erinnerung. Fast überall waren es dieselben Hauptfiguren, welche abwechselnd in Gold, Atlas, Blonden, und Blumen hervortraten. Hübsch zu Decorationen in den Zimmern waren besonders Rosen verwandt, mit diesen waren gleichsam alle Fenster, Tische, Treppen und Nischen bedeckt. Sie standen alle im Wasser in gläsernen Schalen und Tassen, allein das gewahrte man nicht ohne genaue Untersuchung. Für das Auge erschienen sie als ein vollkommener Teppich, duftend und frisch.

Ich wohnte, wie gesagt, am Leicester Square, wo H. C. Oersted gewohnt hatte. Aber das sei, sagte Graf Reventlow, nicht fashionable genug, und hier geht Alles nach der Fashion Mode, Gebrauch, Sitte. Der Uebers.. Er legte mir an's Herz, Leicester Square nicht zu nennen, das hieße, so sagte er, als ob ein Fremder in Kopenhagen in vornehmer Gesellschaft sagen würde: »ich wohne in Peer Madsens Gang« Eine bis vor wenig Jahren existirende Gasse in Kopenhagen, die einen sehr üblen Ruf gleich der Königsmauer in Berlin besaß. Jetzt erweitert und mit schönen Häusern bebaut und »Ny-Östergade« genannt, ist sie eine Zierde der Stadt geworden. Der Uebers.; ich sollte nur antworten, daß ich bei ihm wohne. Und doch wohnte ich dicht bei Piccadilly, dem Sitz der feinen Welt, an einem großen Platz, wo Graf Leicester's Robert Dudley, Graf von Leicester, Sohn des Herzogs von Northumberland, geboren 1531, war der erklärte Günstling der Königin Elisabeth von England, von ihr über alle Gebühr zu den höchsten Würden erhoben. Er starb auf seinem Gute Cornbury den 5. September 1588. Walter Scott hat die Geschichte seiner Liebschaften in seinem Roman » Kenilworth« behandelt, den Andersen wiederum zu seinem Operntext gleichen Namens benutzte. (Siehe Seite 88 im vorigen Theil.) Der Uebers. Marmorstatue zwischen grünen Bäumen stand, gerade vor meinen Fenstern. Vor sechs oder acht Jahren war es auch Fashion gewesen, hier zu wohnen, jetzt war es dies nicht mehr. »Ritter« Bunsen, Graf Reventlow und mehrere Gesandte besuchten mich hier, doch trotzdem war es nicht Fashion.

Alles in England ist Etiquette, selbst die Königin ist in ihrem eigenen Hause an diese gebunden. Man erzählte mir, daß sie eines Tages sich in einem schönen Park befand und vielleicht gern ein wenig länger dort verblieben wäre; allein präcise acht Uhr war die Mittagszeit und da mußte sie zu Hause sein, man würde sich sonst in ganz England darüber aufgehalten haben. Im Lande der Freiheit kann man fast von der Etiquette erstickt werden. Doch ist dies nur eine geringe Sache, wo hier so viel Ausgezeichnetes sich findet. Man befindet sich hier bei einer Nation, die in unserer Zeit vielleicht die einzig wirklich religiöse ist; hier herrscht Achtung vor den Sitten, hier giebt es Moral; denn man kann nicht bei einzelnen Ausgeburten, Auswüchsen und Abströmungen verweilen, welche man stets in einer großen Stadt findet. London ist die Stadt der Höflichkeit, und die Polizei geht als gutes Beispiel voran. Man braucht sich nur auf der Straße an einen dieser Policemen zu wenden, so begleitet er den Fremden sofort, um ihn auf den rechten Weg zu weisen. In jedem Laden bekommt man die freundlichste Antwort, und was Londons ewige graue Luft und den Schornsteinrauch betrifft, so hat man dies sehr übertrieben. Wol findet man diesen in einzelnen alten, dichtbewohnten Quartieren, aber der größte Theil Londons ist luftig und frei, ebenso gut wie in Paris. Ich habe in London viele schöne Sonnenscheintage und viele sternklare Nächte erlebt.

Es ist übrigens sehr schwierig, wenn man fremd in einem Lande und in einer Stadt ist, ein wahres, treues Bild von demselben zu geben, sobald man nur eine kurze Zeit dort gewesen ist. Das erkennt, man am besten, wenn man die Schilderung anderer Schriftsteller unserer eigenen Heimat liest, wo uns ja Alles bekannt ist und wo wir mit den Verhältnissen vertraut sind. Der Tourist schreibt nieder, was einzelne Personen ihm erzählen, aufgefaßt von ihrem einseitigen Standpunkt, er selbst aber sieht durch die zitternde Brille des Reiselebens; er zeichnet Landschaften und Figuren wie auf einem Eisenbahnfluge und nicht einmal die Einzelheiten so treu.

enny Lind

Jenny Lind.

 

Für mich ist London die Stadt der Städte, Rom ausgenommen. Rom ist ein Weltbasrelief der Nacht, wo selbst die Lust des Carnevals doch nur ein brausender, heiterer Traum ist, und selbst Pius IX. ist nur ein großer Gedanke im Traum. London dagegen ist das Weltbasrelief des Tages, die geschäftige Wirksamkeit, die Weberspule des blitzschnellen Lebens.

Das Thema des Tages war hier übrigens: Jenny Lind und nur Jenny Lind! Siehe den vorigen Band Seite 306. Der Uebers. Um einigermaßen den häufigen Besuchen zu entgehen und um in der frischesten Luft Londons zu leben, hatte sie ein Haus in Old Bromton gemiethet. Das war Alles, was ich im Hotel, wo ich wohnte und wo ich mich natürlich sofort nach ihr erkundigte, erfahren konnte. Um den Ort zu finden, begab ich mich sofort nach der »italienischen Oper«, wo sie sang. Auch hier war die Straßenpolizei meine sicherste Hilfe. Der Policeman führte mich zum Theaterkassirer; aber weder dieser noch verschiedene Portiers konnten oder wollten mir Aufschluß geben, und ich schrieb daher auf meine Visitenkarte einige Worte an Jenny Lind, schrieb ihr, daß ich nach London gekommen sei, theilte ihr meine Wohnung mit und bat sie ungesäumt um ihre Adresse, und am nächsten Morgen war ich im Besitz eines frohen, herzlichen Schreibens an »den Bruder.«

Ich orientirte mich auf dem Plan von London, sah in welchem Quartier Old Bromton gelegen ist und setzte mich dann in einen Omnibus, wo mich der Conducteur unterrichtete, wie weit ich mit ihm zu fahren hätte, wo ich einbiegen müsse und welches Haus ich dann zu besuchen habe, um die » schwedische Nachtigall«, wie er sie mit einem Lächeln nannte, zu finden. Einige Tage später kam ich unter den Tausenden von Omnibus, die London besitzt, wieder in einen, und es war gerade derselbe. Ich erkannte den Conducteur nicht wieder, aber er erkannte mich und fragte mich, ob ich »die Nachtigall Jenny Lind« gefunden hätte. Es war weit hinaus in einem der Außenquartiere der Stadt. Sie wohnte in einem kleinen niedlichen Hause, das von einer niedrigen Hecke nach der Straße zu umgeben war. Draußen vor dem Hause stand fast immer eine Schar Menschen und blickte das Haus an in der Hoffnung, Jenny Lind zu sehen. Heute waren die Leute glücklicher als sonst, denn als ich an der Straßenthür schellte und sie mich vom Fenster aus erkannte, kam sie aus dem Hause heraus an den Wagen geeilt, drückte meine beiden Hände, schaute mich mit schwesterlicher Freude an und vergaß die vielen Menschen rundum, die sich immer mehr herandrängten. Wir mußten uns beeilen, in das Haus zu gelangen, und dort war es reizend, reich und heimisch. Ein kleiner Garten öffnete sich mit einem großen Rasenplatz und vielen Laubbäumen. Hier wälzte sich ein kleiner, brauner, langhaariger Hund, der auf den Schooß seiner Herrin sprang, geliebkost und geküßt wurde. Auf dem Tische lagen elegant eingebundene Bücher. Sie zeigte mir mein » true story of my life « Wahre Geschichte meines Lebens. Der Uebers., das Mary Howitt Siehe den vorigen Band Seite 357. Der Uebers. ihr dedicirt hatte. Ferner lag auf dem Tisch ein großes Blatt: es war eine Carricatur auf Jenny Lind: eine große Nachtigall mit einem Mädchengesicht, Lumley, ihr Impresario, stand hinter ihr und streute goldene Sovereigns Die wirkliche Goldmünze, die dem idealen Werth eines Pfund Sterlings = 20 Reichsmark gleich ist. Der Uebers. auf ihre Steißfedern, um sie zum Singen zu veranlassen. Wir sprachen von der Heimat, von Bournonvilles und Collins, und als ich ihr von dem Feste der Holländer, das man mir gegeben hatte, erzählte, daß man dort ein Hoch auf den alten Collin ausgebracht hatte, klatschte sie vor Freude in die Hände und rief: »das war herrlich!« Sie versprach mir dann, daß ich ein Billet zur Oper bekommen sollte, jedesmal wenn sie singe, aber ich dürfte nicht davon sprechen, es zu bezahlen, denn es wäre so thöricht theuer, sagte sie.

»Lassen Sie mich dort vor Ihnen singen. Sie können mir später hier als Entgelt ein Märchen vorlesen!« – Nur zweimal erlaubten meine vielen Einladungen mir, die zugesagten Billets zu benutzen. Ich sah sie zuerst in » la Sonnambula «, die gewiß ihre Glanzrolle ist. Die Jungfrau, die Reinheit, die sie gleichsam darstellte, gaben der Scene etwas Heiliges. Die Art und Weise, wie sie in ihrem Schlafwandel im letzten Act die Rose von ihrem Busen nimmt, dieselbe in die Höhe hebt und sie unwillkürlich verliert, hatte einen Reiz, eine Schönheit, etwas so wunderbar Ergreifendes, daß Einem die Thränen in die Augen traten. Es herrschte ein Jubel, ein Beifall, wie ich ihn niemals stärker bei den leicht erregten Neapolitanern gehört habe. Blumen regneten auf sie herab; Alles sah so festlich aus; man weiß ja, wie geputzt man in der großen Oper in London sein muß. Alle Herren im Parquet und im ersten Rang tragen weiße Halstücher, die Damen zeigen sich im größten Gesellschaftsstaat, jede mit einem großen Bouquet in der Hand. Die Königin und Prinz Albert Die Königin Victoria I. von Großbritannien, geboren den 24. Mai 1819, war die einzige Tochter des Herzogs von Kent aus seiner Ehe mit der Prinzessin Louise von Sachsen-Koburg (zuvor vermählt mit dem Prinzen von Leiningen). Da ihr Onkel, König Wilhelm IV. kinderlos starb, bestieg sie als älteste Erbin am 20. Juni 1837 den Thron. Sie wählte den Prinzen Albert von Sachsen-Koburg, ihren Vetter, geboren den 26. August 1819, gestorben den 14. December 1861, zu ihrem Gemal, und wurde am 10. Februar 1840 vermählt. Der Uebers. waren ebenfalls anwesend, wie auch der Erbgroßherzog von Weimar und Gemalin. Die italienische Sprache klang mir fremd von Jenny Lind's Lippen, und dennoch sagte man, daß sie hierin, wie im Deutschen, correcter als viele Italiener selbst wäre. Doch der Geist war derselbe, als wenn sie in ihrer schönen Muttersprache sang.

Von dem Componisten Verdi Der italienische Componist Giuseppe Verdi, geboren den 9. Oktober 1814 im Herzogthum Parma, hat sich durch seine zahlreichen Opern, die noch zum Repertoire der größeren Bühnen gehören, einen großen Namen geschaffen. Er starb 1878 in Italien. Der Uebers. war für diese Saison und eigentlich für Jenny Lind eine neue Oper, » I Masnadieri«, Der Straßenräuber. Der Uebers. Text nach » Schiller's Räuber«, componirt worden. Ich hörte sie nur einmal, aber selbst Jenny Lind's Spiel und Gesang vermochten nicht, diese todte Tondichtung zu beleben. Amaliens Partie endet damit, daß sie schließlich im Walde von Carl Moor getödtet wird, indem die Räuberbande von ihren Verfolgern umschlossen ist. Lablache Siehe den vorigen Band Seite 154. Der Uebers. führte die Rolle des alten Moor aus, und es war im höchsten Grade komisch, den kolossal dicken Mann aus dem Thurm kommen zu sehen und sagen zu hören, daß er vor Hunger umkäme. Das ganze Haus lachte natürlicherweise auch darüber.

In derselben Vorstellung war es auch, daß ich zum ersten Mal die berühmte Tänzerin Taglioni Die einst berühmte Tänzerin Maria Taglioni, Tochter des Balletmeisters T. an der Stockholmer Oper, wurde daselbst 1804 geboren, trat 1822 zum ersten Male auf und bereiste Europa, große Triumphe feiernd; obgleich sie sich 1832 mit dem Grafen Voisins vermählte, blieb sie bis 1847 ihrer Kunst treu. Sie lebte seitdem in Italien und starb dort 1876. Der Uebers. sah; sie trat in » le pas des déesses« auf. Bevor sie eintrat, hatte ich förmlich Herzklopfen vor Erwartung, wie ich stets bekomme, wenn dieselbe bei mir auf etwas Herrliches und Großes ungewöhnlich gespannt ist. Sie kam, – es war eine ältere, etwas stark gebaute, recht schöne Frau; sie würde eine reizende Frau im Gesellschaftskreise gewesen sein, aber als junge Göttin – fuimus troës – dachte ich, und saß kalt und gleichgültig bei dem Tanz dieser graziösen älteren Dame. Jugend gehört zum Tanz, und diese besaß die Cerrito. Francesca Cerrito wurde 1821 in Neapel geboren, trat 1835 zum ersten Male auf, machte dann Kunstreisen in Europa, und kam 1840 nach London. Sie verheirathete sich mit einem Künstler Namens Saint-Leon, von dem sie sich jedoch 1850 trennte. Sie lebt seitdem in Paris. Der Uebers. Ihr Tanz war unvergleichlich schön! Es war Schwalbenflug im Tanz, ein Spiel der Psyche, ein Fliegen! Das gewahrte man nicht bei der Taglioni; fuimus troës. Worte aus Virgil's Dichtung » Aeneis«, und heißt wörtlich: »Wir sind Trojaner gewesen«; als Sprüchwort angewandt heißt es: »Es ist aus mit unserer Herrlichkeit!« Der Uebers.

Meine Landsmännin Fräulein Grahn Fräulein Julie Grahn, eine geborene Kopenhagnerin, die am dortigen königl. Theater ihre Ausbildung als Tänzerin erhielt, ging ebenfalls auf Reisen, trat auch in Berlin auf und kam nach München, wo sie schließlich die Leitung des Ballets übernahm und sich mit dem dortigen Schauspieler Young verheirathete. Sie wirkt noch in München. Der Uebers. war auch hier in London und von Allen hoch bewundert; allein sie tanzte nicht: sie hatte einen kranken Fuß. Eines Abends in der Oper » Elisire d'amore« ließ sie mich in ihre kleine Loge hinaufrufen, wo sie mit Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit vor mir die Welt hinter den Coulissen entrollte und mir von Jedem etwas erzählte. Sie schien nicht zu den Bewunderern Jenny Lind's zu gehören. Natürlicherweise unter den Jubel des Tages für diese Eine, mischte sich auch ein wenig Widerstand, den alles Große und Gute zu erproben hat.

Jenny Lind's Darstellung der » Norma«, des gekränkten, edlen Weibes, das im hohen Grade mich ansprach, gefiel im Allgemeinen den Engländern nicht, die früher durch die Grisi Siehe den vor. Band Seite 310. Der Uebers. und ihre Nachahmer dieser Rolle als die einer leidenschaftlichen Medea aufgefaßt wurde. Der Bearbeiter des » Oberon« und Verfasser mehrerer anderer Operntexte Planche war ihr eifriger Antagonist. Allein diese kleinlichen Gifthauche verschwanden unter der Herrlichkeit des Jubels und der Anerkennung, und glücklich war sie in ihrem stillen Heim unter den schattenreichen Bäumen. Ich kam eines Mittags dorthin, ermüdet und halb vernichtet von den ewigen Einladungen, von den überwältigenden Huldigungen!

»Ja, nun können Sie es selbst erproben, was es heißt, beliebt zu sein!« sagte sie. »Man wird fast aufgerieben. Und wie leer, wie unendlich leer sind alle diese Redensarten, mit denen man uns beglückt!« – Als ich später in ihrem Wagen heimkehrte, drängten sich die Leute dicht an denselben, denn sie glaubten, daß Jenny Lind in demselben saß, und sie fanden nur mich, der ihnen ein Fremder und Unbekannter war.

Der alte Baron Hambro Siehe den vor. Band Seite 405 Der Uebers. hatte durch mich die Künstlerin zu einem Diner auf seinem Landsitz eingeladen; allein sie war nicht dazu zu bewegen, die Einladung anzunehmen, nicht einmal als man es ihr überließ, die Anzahl der Einzuladenden zu bestimmen, ja selbst nur mit dem alten Mann und mir zusammen nicht. Sie wollte ihre Lebensweise nicht verändern, erlaubte mir aber den hochehrenhaften Mann zu ihr hinauszubringen. Und das that ich. Und Beide verstanden sich ganz vorzüglich. Sie sprachen sogar über Geld und lachten mich aus, daß ich mich so wenig darauf verstand, mein Talent in Gold umzusetzen.

Ein junger Bildhauer, Durham, wünschte, ihre und meine Büste zu modelliren. Keiner von uns hatte lange Zeit ihm zu sitzen; mittelst ein paar Worten von mir erhielt indessen der junge Mann Erlaubniß, eine halbe Stunde zu ihr zu kommen und die Thonbüste umzuformen, die er, nachdem er Jenny Lind im Theater gesehen, bereits entworfen hatte. Ich gab ihm doppelt so viel Zeit, und in dieser einen Stunde vollendete er eine, wenn man die Zeit in Betracht zieht, wirklich gute Büste. Meine sowol als die Jenny Lind's gelangten später in die Kunstausstellung in Kopenhagen, wo Beide sehr streng beurtheilt wurden; denn es war Ähnlichkeit und geistiges Auffassen in ihnen, und welcher dänische Künstler hätte wol in so kurzer Zeit wie Durham mehr hervorbringen können, als was er hier gegeben hatte. Seitdem sind Jahre verflossen, bevor ich wieder Jenny Lind sah. Sie verließ, wie wir wissen, unter Triumph und mit Ehren England und ging nach Amerika.

Graf Reventlow führte mich zu Lady Morgan. Die Schriftstellerin Sidney Morgan, die Gattin des Arztes M. und Tochter des Schauspielers Owenson, geboren in Dublin 1778, gestorben den 13. April 1859 in London, machte große Reisen und gab Reiseschilderungen, Memoiren und Erzählungen heraus. Der Uebers. Er hatte mir schon ein paar Tage vorher gesagt, daß die alte Dame uns erwarte, allein daß sie diesen Besuch an einem bestimmten Tage festgesetzt habe, da sie, vertraute er mir, mich wol dem Namen nach kenne, aber bisher niemals etwas von mir gelesen habe und sich jetzt erst in aller Eile mit dem » Improvisator«, den » Märchen« u. s. w. bekannt machen wolle. Sie bewohnte ein Haus mit kleinen, bunten Zimmern, voll von Rococco, und Alles hatte einen französischen Anstrich, und ganz besonders die alte Dame. Sie war die Lebhaftigkeit, Munterkeit selbst, sprach französisch, war selbst ganz französisch und ungeheuer geschminkt. Sie citirte aus meinen Büchern, die sie, wie ich wußte, in aller Eile gelesen hatte, und zeigte mir die größte Höflichkeit. An der Wand hing eine Handzeichnung von Thorwaldsen. Es war » die Nacht und der Tag«, wie wir sie im Basrelief in seinem Museum bewahren. Sie hatte diese Handzeichnung von ihm in Rom erhalten. Sie sagte, daß sie mir zu Ehren alle berühmten Schriftsteller Londons einladen würde, und daß ich auf diese Weise Dickens, Bulwer Der berühmte englische Dichter Charles Dickens, der sich unter dem pseudonymen Namen »Boz« in die Literatur einführte, ist den 7. Februar 1812 in Portsmouth geboren und den 9. Juni 1870 auf seiner Villa bei London gestorben. Seine Romane sind in fast alle Sprachen übersetzt worden und befinden sich in jeder Bibliothek. Er bereiste 1842 Amerika, und begann 1845 mit der Herausgabe des jetzigen Weltblattes » Daily-News«, 1850 erschien die Zeitschrift » Household words«, die sich großer Verbreitung erfreute, später aber den Titel » All year round« annahm und heute noch zu den gelesensten Journalen Englands gehört. Kurz vor seinem Tode machte er nochmals die Reise nach Amerika, wo er Vorträge über seine Werke hielt. –
Der Baronet Edward Geoffroy Lytton Bulwer, Bruder des berühmten Diplomaten, und unter Lord Derby Minister der Colonien, ist geboren in Norfolk im Mai 1805 und 1876 in London gestorben. Er hat viele und vorzügliche Romane geschrieben, die auch außerhalb seines Vaterlandes Verbreitung fanden. Seine Theaterstücke hatten wenig Erfolg. Sein literarischer Nachlaß ist von seinem Sohn Edward Robert, der ebenfalls Diplomat und Dichter ist, veröffentlicht, resp. vollendet worden. Der Uebers.
u. A. kennen lernen sollte. Und gleich des Abends führte sie mich zur Lady Duff Gorden, welche mein Märchen, » Die kleine Meerjungfrau«, übersetzt hatte. Sie war eine Tochter der Schriftstellerin Frau Austen. Die Schriftstellerin Jane Austen, geboren den 16. December 1775 in Steventon in Hampshire, lebte bei Southampton und starb in Winchester den 24. Juli 1817. Sie schrieb Romane, die viele Auflagen erlebten, sogar in neuerer Zeit wieder aufgelegt worden sind. Der Uebers. Hier würde ich eine Menge Berühmtheiten treffen, sagte die alte Dame. Und das bestätigte sich auch.

Einem noch größern auserwählten Kreis begegnete ich bei einer andern englischen Schriftstellerin, zu der mich mein Freund Jerdan, William Jerdan, geboren 1782, war ursprünglich Rechtsgelehrter, widmete sich aber ganz der Literatur und schrieb Biographien berühmter Personen, Reiseschilderungen und übersetzte. Der Uebers. der Herausgeber der » Literary Gazette « führte, nämlich bei Lady Blessington. Die Gräfin Marguerite von Blessington, eine geborene Power, wurde 1789 in Irland geboren. Sie wurde von ihrem Vater zu einer unglücklichen Ehe mit einem Capitain Farmer gezwungen. Sie wurde 1817 Wittwe und heirathete 1818 den Grafen v. B., mit dem sie auf Reisen ging und mit Lord Byron bekannt wurde. 1829 wurde sie wieder Wittwe und kehrte 1831 nach England zurück, wo sie in Gorehouse bei Kensington ein wüstes, verschwenderisches Leben geführt haben soll. Sie floh, mit Schulden belastet, in Gesellschaft ihres Schwiegersohnes nach Paris, wo sie 1849 starb. Sie schrieb kleine Erzählungen aus der vornehmen Welt, Romane, von denen viele deutsch übersetzt worden sind. Der Uebers. Sie wohnte weit hinaus in ihrem Palais » Gorehouse « und war eine blühende, etwas korpulente Dame, hervorragend elegant gekleidet, mit glänzenden Ringen auf den Fingern. Sie nahm mich herzlich auf, als sei ich ein alter Bekannter, drückte mir die Hand, sprach von » des Dichters Bazar« und sagte, daß darin ein Schatz von Poesie verborgen wäre, wie man ihn nicht in vielen Büchern gesammelt fände, und daß sie in ihrem letzten Roman dieses Buch genannt habe. Wir traten auf den großen Altan, der zum Garten hinausging; derselbe war mit Epheu und Weinlaub reichlich umrankt. Ein schwarzer, großer Vogel aus dem Vandiemensland und zwei weiße Papageien schaukelten sich hier draußen. Der schwarze Vogel wurde geliebkost und mußte seine Triller vor mir schlagen. Unter dem Altan wuchsen viele Rosen, und weiter gewahrte man herrliche Rasenplätze und zwei prächtige hängende Trauerweiden. Noch weiter im Hintergrunde auf einer kleinen Wiese graste zum Schmuck eine Kuh. Kurz, das Ganze sah sehr ländlich aus. Wir gingen zusammen in den Garten hinab. Sie war die erste englische Dame, die ich richtig verstand; aber sie sprach auch absichtlich sehr langsam, hielt mich dabei an meinem Handgelenk, sah mir bei jedem Wort in's Auge und fragte mich, ob ich sie auch richtig verstanden habe. Sie theilte mir die Idee zu einem Buche mit, das zu schreiben sie mir an's Herz legte: es war eine Idee, die nach ihrer Ansicht in mein Bereich gehörte. Diese war: Ein armer junger Mann, der nur die Hoffnung besaß, und ein reicher Mann, der das Reelle besaß, aber nicht die Hoffnung; es zeigte sich aber, daß dieser sehr unglücklich, während der Arme glücklich war.

Ihr Schwiegersohn, Graf d' Orsay Einer französischen, jetzt in Oesterreich ansässigen Familie angehörend, machte sich namentlich als Carricaturen-Zeichner unter den Initialen H. B. bekannt. Der Uebers., kam hinzu. Er war einer der elegantesten Herren Londons, der, wie man mir sagte, durch seine Toilette Englands Mode bestimmte. Wir traten in sein Atelier ein, wo eine fast vollendete Büste der Lady Blessington von ihm angefertigt stand; ebenso fand ich dort ein Oelgemälde, Jenny Lind als »Norma« darstellend, von ihm nach der Erinnerung gemalt. Er schien ein sehr talentvoller Mann zu sein, wie er auch höchst liebenswürdig und zuvorkommend war. Lady Blessington führte mich darauf durch alle ihre Zimmer. Napoleon's Büste oder Portrait fand ich fast in den meisten der Zimmer. Schließlich kamen wir in ihr Arbeitskabinet. Dort lagen auf dem Tische eine Menge Bücher aufgeschlagen, und wie ich gewahrte, behandelten alle Anna Boleyn. Anna war die Tochter des Grafen Boleyn von Wiltshire; sie wurde 1507 geboren und den 25. Januar 1533 heimlich dem König Heinrich VIII. angetraut, bevor noch seine Ehe mit der Prinzessin von Aragonien getrennt worden war. Hernach als Königin gekrönt, wurde sie Mutter der späteren Königin Elisabeth. Der Untreue angeklagt, verurtheilte man sie ohne alle Beweise und infolgedessen wurde sie am 19. März 1536 enthauptet, damit der König eine andere Frau nehmen konnte. Der Uebers. Wir sprachen von Poesie und Kunst, und mit Kenntnis; und großer Liebe berührte sie meine Arbeiten, in welchen, wie sie sagte, sich viel von dem fand, was sie bei Jenny Lind ergriff, nämlich eine gewisse Innigkeit und Natur. Sie sprach von der Darstellung dieser Künstlerin als »Nachtwandlerin«, von der Reinheit und Jungfräulichkeit, welche sie hier offenbarte, und indem sie begeistert sprach, standen ihr helle Thränen in den Augen.

Zwei junge Mädchen, ich glaubte, es waren ihre Töchter, brachten mir eine Hand voll der herrlichsten Rosen. Jerdan und ich wurden für einen bestimmten Tag eingeladen, um den Mittag dort zu verbleiben, und sie versprach mir, mich dann mit Dickens und Bulwer zusammenzuführen. Als wir zu dieser Zeit kamen, fand ich das ganze Haus in festlicher Pracht. Diener in seidenen Strümpfen mit gepudertem Haar standen auf den Gängen. Lady Blessington selbst war in Glanz und Herrlichkeit, aber mit demselben milden, strahlenden Gesicht. Sie sagte mir, daß Bulwer nicht kommen würde, er lebe in dieser Zeit nur für die Wahlen und befinde sich auf Reisen, um Wahlstimmen für sich zu sammeln. Sie schien für diesen Dichter als Mensch nicht besonders günstig gestimmt zu sein; sie sagte auch, daß er durch seine Eitelkeit abstoße, und dazu war er ziemlich taub, wodurch es sehr schwierig wurde, sich mit ihm zu unterhalten. Ob sie ihn durch eine falsche Brille betrachtete, weiß ich nicht. Ganz anders warm sprach sie, und dies thaten Alle, von Charles Dickens. Auch er hatte versprochen zu kommen, ihn sollte ich also kennen lernen. Ich saß gerade und schrieb meinen Namen unter ein paar Worte vorne in » True story of my life «, als Dickens eintrat, jung, schön, mit klugem, freundlichem Ausdruck und starkem, schönem Haar, das zu beiden Seiten herabfiel. Wir drückten einander die Hände, blickten einander tief in die Augen, sprachen mit einander und verstanden uns bald. Wir traten auf die Veranda hinaus. Ich war so froh bewegt, den jetzt lebenden größten englischen Dichter zu sehen und mit ihm sprechen zu können, den Dichter, den ich am meisten liebte, daß mir die Thränen in die Augen traten. Dickens verstand meine Liebe und Bewunderung. Unter meinen Märchen nannte er » Die kleine Meerjungfrau«, daß die Lady Duff Gorden in » Bentley's Magazine « übersetzt hatte; auch den »Bazar« und den »Improvisator« kannte er. Bei Tisch erhielt ich einen Platz in der Nähe von Dickens, nur Lady Blessington's junge Tochter saß zwischen uns. Er trank ein Glas mit mir. Das that auch der jetzige Herzog von Wellington, Arthur Richard Wellesley, Marquis von Duero, ist der Erbe und älteste Sohn des berühmten Feldherrn aus der Zeit Napoleons I. Er ist geboren den 3. Februar 1807 und erlangte den Titel eines Herzogs von Wellington nach dem Tode seines Vaters, den 14. September 1852. Er erbte auch 1863 die Würde und das Vermögen seines Vetters Wellesley. Der Uebers. damals Marquis von Duero. Vor dem Ende des Tisches befand sich ein großes Bild Napoleon's in Lebensgröße; es hing dort stark beleuchtet von vielen Lampen. Es waren der Dichter Milnes, der Postchef für ganz England, Schriftsteller, Journalisten und Edelleute hier anwesend, aber für mich war Dickens der Vornehmste; einen großen, reichen Kreis der ehrenhaftesten Männer sah ich, aber außer den beiden Töchtern des Hauses, nur Männer, keine anderen Damen kamen in Lady Blessington's Haus. Es wurde mir vom Grafen Reventlow und mehren Anderen eingeprägt, ich dürfe in den vornehmen Salons nicht sagen, daß ich zu Lady Blessington käme, da sie nicht Fashion sei; sie sei im höchsten Grade in diesen Kreisen in Mißkredit gerathen. Die Ursache, die man mir angab – aber ob sie wahr ist, weiß ich nicht – war die, daß ihr Schwiegersohn, Graf d'Orsay, lieber in der Gesellschaft seiner Schwiegermutter, als in der seiner Frau sich befände, und daß die junge Frau, übrigens Stieftochter der Lady Blessington, deshalb ihres Mannes Haus und Heim verlassen habe und nun bei einer Freundin lebe, während der Gemal dort zurückblieb.

Auf mich hatte Lady Blessington einen höchst angenehmen Eindruck gemacht, und ich konnte es nicht unterlassen in den großen Kreisen, als eine Schar der vornehmsten Damen mich des Abends fragten, wen ich besucht habe, Lady Blessington zu nennen. Es trat dann stets eine Pause ein. Fragte ich nach der Ursache, weshalb man dorthin nicht kommen dürfe, bekam ich nur eine kurze Abfertigung, die nichts Gutes verhieß. Eines Abends sprach ich von ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit und von ihrem Gemüth, erzählte, wie sie ergriffen war, als sie Jenny Lind's Darstellung der »Nachtwandlerin« besprach und dabei ihre ganze Weiblichkeit offenbart habe; ich hatte sie sogar Thränen weinen sehen.

»Verstellung!« brach indignirt eine alte Dame aus, »Lady Blessington weint bei Jenny Lind's Unschuld!« – Ein paar Jahre später las ich, daß Lady Blessington in Paris gestorben sei. Graf d' Orsay war derjenige, der an ihrem Todtenlager saß.

Unter anderen literarischen Damen in London muß ich noch die Quäkerin Maria Howitt nennen, durch deren Uebersetzung des » Improvisator« ich in England bekannt und eingeführt worden bin. Auch ihr Mann Charles Howitt ist als Verfasser bekannt. Sie gaben zu dieser Zeit in London Howitt's Journal heraus. Gerade in der Nummer, welche in der Woche vor meiner Ankunft hier herauskam, befand sich eine Art Ruhmrede über mich, sowie mein Portrait, das in den Fenstern der meisten Buchläden ausgestellt war. Ich wurde sofort am ersten Tage, als ich ankam, aufmerksam darauf und ging in einen kleinen Laden und kaufte mir dasselbe.

»Sieht es denn Andersen ähnlich?« fragte ich die Frau, die es mir verkaufte. »O, es ist frappant!« sagte sie. »Sie würden ihn sofort nach dem Bilde erkennen!« – Aber sie erkannte mich nicht, obgleich wir lange über die Ähnlichkeit miteinander sprachen.

» True story of my life «, eine Uebersetzung der kleinen Ausgabe der » Märchen meines Lebens« hatte Maria Howitt im Verlage der Gebrüder Longman herausgegeben. Das Buch war, wie bereits erwähnt, Jenny Lind dedicirt und ist auch später in Boston erschienen. Gleich nach meiner Ankunft hatte Maria Howitt mich zu sich nach Clapton, außerhalb London, eingeladen. Es waren gewiß zwei deutsche Meilen bis dort hinaus. Ich fuhr mit einem Omnibus dahin, und dieser war außen und drinnen sehr besetzt. Der Weg schien kein Ende nehmen zu wollen. Howitt's wohnten recht hübsch. Alle nahmen mich freundlich auf. Es befanden sich hier Gemälde und Statuen, sowie ein hübscher Garten.

Einige Häuser davon wohnte Freiligrath, Siehe den vor. Band Seite 292. der deutsche Dichter, den ich früher in St. Goar am Rhein besucht hatte. Damals sang er die innigen, malenden Lieder. Der König von Preußen hatte ihm eine jährliche Leibrente ausgesetzt. Dieselbe wies er von sich, als Herwegh Der Dichter Georg Herwegh, geboren den 31. Mai 1817 in Stuttgart, gestorben den 7. April 1875, machte mit seinen politischen Gedichten seiner Zeit Aufsehen. Er wurde aus Preußen verwiesen und nahm Theil an den Aufständen in Baden, floh dann nach der Schweiz und kehrte nach 1866 nach Deutschland zurück. Der Uebers. seiner als pensionirten Dichter spottete. Er schrieb dann Freiheitslieder, ging nach der Schweiz und von dort nach England, wo er seine Familie ernährte, indem er eine Stelle in einem Handels-Comtoir annahm. Eines Tages begegnete ich ihm in London im Gedränge. Er erkannte mich, ich dagegen ihn nicht, denn seinen dicken schwarzen Vollbart, mit dem ich ihn früher gesehen hatte, hatte er abrasirt.

»Wollen sie mich nicht wiedererkennen?« sagte er im Scherz. »Ich bin Freiligrath!« Und da ich ihn aus dem Gedränge nach einer Thür zog und in einen Thorweg getreten war, sagte er im Scherz: »Sie wollen in der Menge nicht mit mir sprechen, Sie, der Königsfreund!« – Es war freundlich bei ihm in der kleinen Stube. Mein Portrait hing an der Wand. Der Maler Hartmann, der damals auf Gravenstein dasselbe gezeichnet hatte, trat gerade jetzt in das Zimmer. Wir sprachen vom Rhein und von der Poesie.

Indessen fühlte ich mich leidend nach dem aufregenden Leben in London und von der Tour hier hinaus, doch ich verließ mich darauf, daß der Abend kühler werden würde und ich nahm wieder Platz im Omnibus. Aber bevor ich glücklich aus Clapton herausgekommen war, sanken alle meine Glieder zusammen. Ich fühlte mich krank und in einem so hohen Grade ermattet, wie ich einst in Neapel gewesen war; ich war nahe daran, ohnmächtig zu werden. Und mit jedem Augenblick wurde der Omnibus voller und die Hitze drinnen unerträglicher. Jeden Augenblick hielt der Wagen an. Nun wurde derselbe auch oben besetzt. Bestiefelte Füße hingen vor den offenen Fenstern herab. Mehrmals war ich nahe daran, zu bitten, mich in ein Haus zu führen, wo ich bleiben könnte, denn es war mir unerträglich! Der Schweiß perlte aus allen Poren. Es war entsetzlich! Der Wagen bewegte sich nur langsam vorwärts. Mir war es schließlich, als ob Alles vor meinen Blicken verschwinde. Als ich endlich das Bankgebäude erreichte, stieg ich in eine Droschke, und als ich nun allein saß und von besserer Luft umgeben war, erholte ich mich und erreichte glücklich mein Heim. Aber eine qualvollere Fahrt als die von Clapton habe ich selten erprobt.

Indessen hatte ich doch versprochen, wieder dorthin hinauszukommen und dort ein paar Tage zu bleiben. Diese Aussicht verlieh mir den Muth, die Reise nochmals im Omnibus zu unternehmen. Es sollten stille, gemüthliche Tage draußen werden. Aber Freunde wollen es oft mehr als gut machen. Man sollte stets von dem Nahen zu dem Fernen geführt werden, und daher machten wir bereits nach dem ersten Mittag mit einem Einspänner, fünf Personen drinnen und drei obendarauf, eine Reise nach einer Landstelle zu einem alten Fräulein. Es war eine entsetzliche Hitze. Der Ausflug war ganz geeignet zu einem Capitel in Dickens' Romanen.

Endlich erreichten wir also das Haus des alten Fräuleins. Sie gehörte ebenfalls der literarischen Welt an. Mitten auf dem Rasenplatz vor dem Hause spielte eine Menge Kinder. Es sah aus, als wäre hier eine ganze Schule oder eine Pensionsanstalt. Sie tanzten rund um eine große Buche mitten auf dem Felde und hatten alle Kränze von Buchen- oder Epheublättern um den Kopf. Sie sangen und sprangen. Man rief sie zu mir und sagte ihnen, daß ich Hans Christian Andersen sei, der die Märchen geschrieben habe, die sie wol kannten. Und nun drängten sich Alle zu mir und reichten mir die Hände und sangen und sprangen dann wieder auf dem grünen Felde. Ringsherum standen hübsche und große Baumpartien, welche herrlichen Schatten warfen. Ich guckte nach diesem aus, denn wir saßen in einem kleinen Garten in einem sonnenheißen Lusthause. Es kamen eine taube Schriftstellerin, die über Politik schrieb, und eine Menge Dichter, deren Namen ich nicht kannte. Ich wurde immer matter und mußte schließlich Ruhe suchen, während des ganzen Nachmittags in einer einsamen Stube mich ruhig verhalten. Ich vermochte nicht ein Glied zu rühren.

Als die Sonne unterging und der Wind ein wenig wehte, wurde ich froh, daß ich wieder athmen konnte. Auf der Rücktour nach Clapton erblickten wir das erleuchtete London unter uns ausgestreckt. Es war gleichsam eine großartige Illumination, wie ein transparenter Grundriß in gigantischen Formen. Man sah in den Feuerconturen mittelst der vielen Gasflammen mehrere sich schlängelnde Straßen: einige erstreckten sich gerade hinaus bis an den fernen Horizont, ein phosphorisches Meer mit tausend Sternen.

Am nächsten Tage befand ich mich wieder in London.

Das » High life« Das Leben der vornehmen Welt. Der Uebers. habe ich hier gesehen und Armuth. Dies sind die beiden Pole meiner Erinnerung. – »Armuth« sah ich personificirt in einem bleichen, ausgehungerten, jungen Mädchen in abgetragenen, elenden Kleidern, sich in der Ecke eines Omnibus verbergend. Das »Elend« sah ich, und dennoch sprach das Mädchen kein Wort in all seinem Elend, seinem Jammer – es war ihm verboten. Ich erinnere mich der Bettler, Männer und Frauen, welche auf der Brust ein großes, steifes Stück Papier trugen, auf dem die Worte geschrieben standen: »Ich sterbe vor Hunger, Erbarmen!« Sie dürfen nicht sprechen; es ist ihnen nicht gestattet zu betteln, und so gleiten sie als Schatten vorüber. Sie stellen sich vor Einen hin und starren mit dem Ausdruck des Hungers und des Kummers in den bleichen, magern Gesichtern uns an; sie stellen sich vor den Cafés und Conditoreien auf, wählen dort unter den Gästen Einen aus, den sie unablässig mit einem Blick anstarren, o, mit einem Blick, wie nur das Elend ihn besitzt! Sie zeigen auf ihr krankes Kind und auf das beschriebene Blatt auf ihrer Brust, dort steht: »Ich habe seit zwei Tagen nichts gegessen!« Ich sah Viele dieser Unglücklichen, und man sagte mir, daß sie in meinem Quartier nur wenig und in dem der Reichen gar nicht vorkommen, denn das letztere Quartier sei für das arme Geschlecht der Parias verschlossen.

Alles in London wird Industrie, also auch die Bettelei. Es gilt, auf die beste Weise die Aufmerksamkeit auf sich lenken zu können, und ich sah ein Arrangement, wodurch dies vollständig erreicht wurde. Es stand mitten im Rinnstein, denn auf der Straße und auf dem Bürgersteig würde er die Passage gesperrt haben, also mitten im Rinnstein stand ein reinlich gekleideter Mann mit fünf Kindern, eins immer kleiner als das andere, alle in Trauer, mit einem langen Trauerflor an Hut und Mütze, auch sonst ähnlich gekleidet, und jedes von ihnen hielt ein Bund Schwefelhölzer zum Verkauf. Betteln dürfen sie ja nicht. – Eine andere ehrbare und viel einbringende Industrie ist Straßenfeger zu sein, und an den meisten Ecken sieht man einen solchen mit seinem Besen. Er fegt fortwährend die Uebergangsstellen von Straße zu Straße oder einen gewissen Theil des Bürgersteigs, und wer will, giebt ihm einen Penny. Es soll Quartiere geben, wo diese Straßenfeger im Laufe der Zeit sich ein Vermögen sammeln. Ich glaube, Bulwer hat, wenn ich nicht irre, eine kleine Erzählung von einem solchen Mann geschrieben, dessen Beschäftigung Niemand in seinem Quartier kennt; er verlobt, er verheirathet sich mit einem ehrbaren jungen Mädchen. Jeden Tag ist er fern von seinem Heim, Niemand weiß, wo er ist, und dann bringt er jeden Sonnabend Abend blanke Silberstücke heim. Die Frau ist in Angst und Unruhe; sie glaubt, er sei Falschmünzer, lauert ihm auf und entdeckt dann, daß er Straßenfeger ist. Ich selbst sah eins der Kinder Afrika's, einen Neger, mit einem Turban auf dem Kopf sich hier in der edlen Kunst des Straßenfegens üben.

Das war das Leben in London, das ich sah. Ich bekam einen Einblick in das » high life«, in die reichen Säle und in das Gedränge der Straßen, den Jubel im Theater, und was einen Theil der Nation ausmacht, in den Kirchen. Doch Kirchen muß man nur in Italien sehen. Die Paulskirche in London findet man bedeutender von außen als im Innern, denn hier ist sie klein gegen die Peterskirche in Rom, besitzt nicht das Gefällige wie die Kirche Maria Maggiore oder Del Angelo in Rom. Die Paulskirche Die Paulskirche, in der City Londons gelegen, wurde, nachdem der ursprüngliche, aus dem 7. Jahrhundert stammende Bau mehrfach durch große Brände vernichtet worden war, von 1675-1710 in Form der Petrikirche mit mächtiger, auf 32 Säulen ruhender Kuppel von Wren erbaut. Im Innern befinden sich die Denkmäler von einigen und zwanzig der hervorragendsten Männer Englands, darunter auch des Admiral Nelson, die auch meist hier in den Gewölben ruhen. Außerdem ist die Kirche mit eroberten Fahnen und Flaggen aus Englands vielen Seeschlachten geschmückt. Der Uebers. machte auf mich den Eindruck eines herrlichen Pantheon mit reichen Marmor-Monumenten; über sie und über jede Statue hier drinnen lag gleichsam ein schwarzer Flor: es war der Schleier des Kohlenrauches, der sich hereindrängte und jeder Statue einen eigenthümlichen seidenartigen Ueberzug verlieh.

Auf Nelson's Monument steht eine jugendliche Figur, welche die Hand gegen eine der vier Siegesinschriften ausstreckt und zwar gerade gegen Kopenhagen. Als Däne hatte ich das Gefühl, als müsse er dieses Siegeszeichen aus der Reihe seiner Triumphe wegwischen. Nelson ging bekanntlich 1807 als Freund durch den Sund, überfiel Kopenhagen, und führte, nachdem er die Stadt Tagelang bombardirt und in Brand geschossen und den Kommandanten zur Uebergabe der Festung gezwungen hatte, die ganze dänische Flotte nach England fort. Der Uebers.

Westminster Die alte Westminsterkirche, aus dem 6. Jahrhundert stammend, und mehrfach erneuert, war ursprünglich eine Klosterkirche. Hier finden die Krönungen der Könige Englands statt, und in einigen Kapellen sind mehrere Herrscher beigesetzt, darunter Elisabeth und Maria Stuart. In dem von Andersen angeführten »Dichterwinkel« befinden sich die Denkmäler hervorragender englischer Dichter, die jedoch nicht alle hier beigesetzt sind, darunter Shakespeare, Milton, Garrick, Goldsmith, Händel, Sheridan, Newton, Dickens, Livingstone u. A. Diesem Gange gegenüber sind die Denkmäler und Ehrentafeln berühmter Staatsmänner, als Pitt, Fox, Conning u. s. w. aufgestellt, eine Ehre, die auch käuflich sein soll. Der Uebers. machte auf mich einen ganz andern großartigen Eindruck, und dies sowol in seinem Aeußern als in seinem Innern; das ist eine Kirche! Schade, daß des Komforts der Engländer wegen in der großen Kirche eine kleinere erbaut ist, wo man den Gottesdienst abhält. Als ich zum ersten Mal durch eine Seitenthür in Westminster eintrat, stand ich gerade in » the poets corner « (dem Poeten-Winkel). Das erste Monument, worauf mein Auge fiel, war Shakespeare's. In dem Augenblick vergaß ich, daß sein Staub hier nicht weilt; eine Andacht, ein Ernst erfüllten mich, und ich lehnte die Stirn an den kalten Marmor. Neben diesem befindet sich das Monument oder das Grab Thomson's, links das Southey's und unter den breiten Steinen des Bodens ruhen Garrick, Sheridan und Samuel Johnson. – Wie bekannt, hat die Geistlichkeit es nicht erlaubt, daß Byron's Monument hier einen Platz bekam. Der Dichter William Shakespeare ist geboren den 23. April 1564 zu Stratford. Er ging 1586 nach London, trat als Schauspieler und Dichter auf. Er erwarb sich ein großes Vermögen und zog sich nach seiner Geburtsstadt zurück, wo er den 23. April 1616 starb. – Der Dichter James Thomson, der Verfasser des britischen Nationalliedes » Rule Britannia«, ist geboren den 11. September 1700 in Ednam in Schottland und gestorben den 27. April 1748. – Der Dichter und Historiker Robert Southey ist geboren den 12. August 1774 in Bristol und gestorben den 21. März 1813 in Greta in der Nähe von Keswick. – Der Schauspieler David Garrick, der auch Dramatiker war, ist geboren den 20. Februar 1716 in Hereford; er wurde 1747 Besitzer und Director des Drurylane-Theaters in London, zog sich 1776 ganz in's Privatleben zurück und starb den 20. Januar 1779. – Der Dichter Richard Sheridan ist geboren den 30. October 1751 in Dublin, wo sein Vater Schauspieler war. Er trat in's Parlament ein, nachdem er sich als Schauspieldichter bereits einen Namen gemacht hatte und wurde mit angelegentlichen Staatssachen oft betraut. Er starb den 7. Juli 1816; aber einige seiner Schauspiele, z. B. »die Lästerschule«, sind] heute noch mustergiltig. – Der Literaturhistoriker Samuel Johnson ist geboren den 18. September 1709 zu Lichfield, starb in London den 15. December 1784. Der Uebers.

»Mir fehlt dieses hier!« sagte ich eines Abends zu einem von Englands Bischöfen, und that, als wüßte ich die Ursache nicht. »Wie geht es zu, daß ein Monument, von Thorwaldsen für Englands größten Dichter verfertigt, dort nicht aufgestellt worden ist?« – »Es hat an einem andern Ort einen vortrefflichen Platz gefunden!« antwortete er mir ausweichend. Wegen Byron's sehe man Band II. Seite 358. Das hier erwähnte Denkmal wurde 1845 im Trinity-College in Cambridge aufgestellt, während sein Leichnam in der Kirche zu Hucknall (seinem früheren Besitzthum in der Grafschaft Lancaster) beigesetzt wurde. Der Uebers.

Unter den vielen anderen Monumenten in Westminster über Könige und Mächtige befindet sich besonders eins, bei dem ich stets verweilen mußte, indem ich dort auf eine der Marmorgestalten sah, denn wunderbar ähnlich, besser als irgend ein Bildhauer oder Maler es je gemacht haben würde, fand ich mein eigenes Gesicht, ja, es war meiner Büste merkwürdig ähnlich. Eine Anzahl Fremder, die eines Tages zufälliger Weise, als ich hier stand, diese Figur und mich anblickten, betrachteten mich mit Verwunderung; es war ihnen, als ob der hohe Herr in Marmor mit Fleisch und Blut lebend durch die Gänge der Kirche in meiner Gestalt einherschritte.

Schon früher habe ich gesagt, daß es gerade Wahlzeit war, während welcher ich mich in London aufhielt, und dies war Schuld daran, daß ich Bulwer nicht traf. Uebrigens ist die Wahlzeit mit all' ihren Vorbereitungen und Auswüchsen, wie wir sie ja auch bereits auf dem Continent nachahmen, zum ersten Mal zu sehen ganz interessant, denn es ist ein volksthümliches und buntes Fest. – Auf mehreren Plätzen und Straßen waren Tribünen für die Redner errichtet. Im Gedränge gingen die Leute mit den Wahllisten auf dem Rücken und der Brust hängend, damit man die Namen lesen könne. Die Fahnen wehten und ebensolche wurden in Zügen herumgetragen, und von Wagen, gefüllt mit Wählern, wehten Tücher und große Flaggen mit Inschriften; singend und schreiend zeigten sich viele schlecht gekleidete Leute in eleganten Equipagen, oft mit sehr geputzter Dienerschaft. Es war, als ob die Herrschaft ihre niedrigen Bediensteten hatte holen lassen, als wäre es die alte heidnische Festzeit, wo die Sclaven von ihrer Herrschaft bedient wurden. Um die Tribünen herrschte ein Gedränge und ein Murren; hier flogen oftmals verdorbene Apfelsinen, ja sogar todtes Vieh dem Redner an den Kopf. – Ich sah in einem der elegantesten Quartiere, wie zwei junge wolgekleidete Männer sich der Tribüne näherten, aber indem der Eine dieselbe ersteigen wollte, sprangen einige Menschen hinzu, drückten ihnen Beiden den Hut über die Augen herab, drehten sie um und jetzt wurden sie von der ganzen Volksmasse von Einem zum Andern von der Tribüne gestoßen und gepufft, ja die ganze Straße entlang, so daß sie gar nicht dazu kamen, sich als Candidaten aufstellen zu können.

Draußen in Londons Umgebung, mehrere Meilen fern, wohin ich zu Wagen ein paar Ausflüge machte, war die Aufgabe des Augenblicks noch mehr hervortretend und auf jeder Standarte befanden sich die krassesten Inschriften; die meisten waren für einen Herrn Hodges. Sein Name prangte besonders ringsum. Die eine Partei hatte dunkelblaue Fahnen mit Orange, die andere hellblaue, und Inschriften, wie: » Hodges für ewig!«, » Rothschild, der Freund der Armen!« u. s. w. Jeder Zug war von Musik und von einer unendlichen Schar Pöbel begleitet. Ein alter, kranker, zitternder Mann wurde auf einer Schiebkarre zur Stelle gefahren, um seine Stimme abzugeben. Auf dem Marktplatz wurden die Stimmen gesammelt, und bei dieser Gelegenheit war derselbe gleich einem Markt mit hölzernen und leinenen Buden, wo allerlei zu verkaufen war, bebaut. Ein vollständiges Theater wurde errichtet. Ich sah, daß sie Waldcoulissen über die Straße in die große Thespishalle Thespis war ein Grieche, der das Trauerspiel erfand. – Andersen scheint das Wort » Thespishalle« nach Schiller's » Thespis-Wagen« gebildet zu haben; denn die alten Griechen führten ihre Schauspiele anfangs statt auf der Bühne, auf einem Wagen aus. Er will also damit sagen, daß das hier auf dem Marktplatze aufgeführte öffentliche Schauspiel auf Wagen aufgeführt wurde. Der Uebers. hineintrugen.

Was sich indessen hier sehr hübsch ausnahm und sich zu einer ganzen Dichtung eignete, waren die niedlichen wandernden oder, richtiger gesagt, fahrenden Häuser der Hausirer: die ganze Haushaltung auf einer Karre mit zwei Rädern, gezogen von einem Pferde. Es war ein completes Haus mit Dach und Schornstein, das Ganze in zwei Theile getheilt, wovon der hinterste eine Art Stube oder Küche mit Küchengeschirr, Tellern und dergl. bildete. Hier mitten in der Thür nach außen zu, wie in einem Omnibus, saß die Frau und spann. Vor dem offenen Fenster hing eine kleine rothe Gardine. Der Mann und der Sohn ritten, lenkten aber gleichzeitig das Pferd vor dem wandernden Hause.

Der gegenwärtige Baron Hambro hatte außerhalb Edinbourghs an der Stirlingsbucht ein Landhaus gemiethet, wo er den Sommer verbrachte, damit seine kranke Frau die Strandbäder gebrauchen könne. Er schrieb an seinen Vater, daß er mich überreden möchte, zu ihm zu kommen, da ich in Schottland so viele Freunde besäße, die mich zu sehen sehr erfreut sein würden. Ich fürchtete, die lange Reise zu machen, da ich nicht fertig englisch sprach, um auf solche Weise mich allein so weit in's Land hineinwagen zu können. Eine erneuerte Einladung und ein Brief an den Vater, daß er mitkommen möge, bestimmten mich, und in Gesellschaft des alten Baron Hambro ging es nun auf der Eisenbahn von London nach Edinbourgh.

Wir theilten die Reise in zwei Tage und wählten York zu unserem Nachtquartier. Wir reisten mit dem Expreßtrain in fliegender Fahrt, ohne Rast und Ruhe; es war nicht einmal Zeit während der ganzen Fahrt, aus dem Wagen herauszukommen. Früher sang man »durch Thäler, über Berge«, hier mußte man singen »über Thäler, durch Berge!« Wir flogen dahin gleich dem wilden Heer. Die Landschaften rollten sich vor uns und unter uns auf. Die Gegend glich der der Inseln Fyen und Alsen. Oftmals ging es in die Erde hinein in unendliche, Meilen lange Tunnels, wo der Luft wegen an mehreren Orten Oeffnungen nach oben gemacht worden waren. Wir begegneten unendlich vielen Zügen, welche gleich Raketen an uns vorbeisausten. Und wieder kamen neue Landschaften von bergiger Natur, mit Ziegelbrennereien, wo das Feuer aus den Schornsteinen emporflammte.

Auf dem Bahnhof in York begrüßte mich ein Herr und stellte mir zwei Damen vor. Es war der jetzige Herzog von Wellington, der mich bereits kannte. Er war mit seiner Braut hier angekommen.

Im Hotel » Black Swane« (Schwarzer Schwan) in York wurde übernachtet. Ich sah die alte Stadt mit ihrer prächtigen Kirche. Solch malerische Häuser mit ausgeschnittenem Balkenwerk am Giebel und Carnaps wie hier hatte ich noch nicht gesehen. – Die Schwalben flogen in großen Scharen in den Straßen umher, und über meinem Haupte mein eigener Vogel, der Storch.

Von York gingen wir am nächsten Tage mit der Eisenbahn nach Newcastle, das unten in einer Tiefe in Rauch und Dampf eingehüllt lag. Der Viaduct und die Brücke neben der Stadt waren damals noch nicht fertig; wir mußten deshalb alle in Omnibusse steigen und durch die Stadt nach der jenseitigen Eisenbahnstation fahren. Aber hier herrschte ein gräßliches Gedränge und eine große Unordnung. – Man erhält in England nicht wie in anderen Ländern eine Marke oder einen Schein für sein Reisegepäck; man muß selbst darauf Acht geben, und das war bei den verschiedenen Orten, wo umgepackt werden sollte, eine wahre Plage. – Das Gedränge war hier gerade an diesem Tage sehr groß; es waren zu viel Reisende, und früh am Morgen war hier gerade ein Expreßzug für Gentlemen abgegangen, welche mit ihren Hunden auf die Jagd nach Schottland hinauszogen. Alle Wagen der ersten Klasse waren bereits besetzt, wir Anderen mußten uns mit der zweiten Klasse begnügen, die so schlecht als möglich war und hölzerne Bänke und Holzläden statt der Fenster besaß, wie man sie in anderen Ländern für die vierte Klasse benutzt.

Ueber zwei verschiedene tiefe Thäler war der Weg noch nicht vollendet, allein man war doch im Stande, darauf zu fahren. Hier war das Balkenwerk der Brücke auf die mächtigen Colonnen gelegt und die Schienen waren darauf befestigt, aber dem Auge war es, da alle bedeckenden Bretter fehlten, als ob wir über ein Brückengeländer hinflögen, denn man sah durch das offene Balkenwerk in die Tiefe unter sich hinab, wo die Leute an den Flußufern arbeiteten.

Endlich befanden wir uns an dem Fluß, der die Grenze zwischen England und Schottland bildet. Walter Scott's und Burns' Der berühmte Dichter Sir Walter Scott ist den 15. Aug. 1771 in Edinbourgh, der Hauptstadt Schottlands, geboren. Er war ursprünglich Advokat; er wurde in Folge seiner großen literarischen Erfolge 1820 Baronet; durch den Fall seines Verlegers verlor er 1827 sein großes Vermögen und starb den 21. September 1832. Seine Vaterstadt hat ihm ein Denkmal errichtet. – Die von Andersen früher angezogenen Werke Scott's »Die Braut von Lammermoor« erschien 1819 und »Kenilworth« 1821. Uebrigens sind seine Werke in fast alle Sprachen übersetzt worden und haben viele Auflagen erlebt.
Der schottische Volksdichter Robert Burns, geboren den 29. Januar 1759 in der Grafschaft Ayr, war ursprünglich, wie sein Vater, Gärtner von Profession, später erhielt er eine Anstellung als Accise-Einnehmer in Dumfries und starb, von Nahrungssorgen erdrückt, den 21. Juli 1796. Seine schönen, unvergleichlichen lyrischen Gedichte, die großen Einfluß auf die englische Poesie im Allgemeinen ausübten, sind von Mehreren, aber ganz vorzüglich von Freiligrath, in's Deutsche übersetzt worden. Der Uebers.
Reich lag vor uns. Das Land begann bergig zu werden. Wir gewahrten das Meer. Die Eisenbahn läuft längs der Küste. Eine Menge Böte lag dort draußen. Endlich erreichten wir Edinbourgh.

Durch ein schmales, tiefes Thal, als wäre es ein eingetrockneter Flußboden in großartigen Dimensionen, wird Edinbourgh in die alte und neue Stadt getheilt, und unten in diesem Thale geht die Eisenbahn von London nach Glasgow. Das neue Edinbourgh hat gerade Straßen, moderne, langweilige Gebäude, die eine Linie durchschneiden, die andere aber läuft parallel mit ihr und besitzt nichts anderes Schottisches an sich, als daß es wie der Plaid der Schotten seine regelmäßigen Quadrate besitzt. Aber das alte Edinbourgh ist eine sehr malerische, prächtige, alte, eigenthümliche Stadt. Die Häuser, welche in der Hauptstraße ein, zwei bis drei Stockwerke hoch sind, kehren die Rückseite hinaus nach der Tiefe, welche die alte Stadt von der neuen trennt, und hier haben dieselben Häuser neun bis elf Etagen. Wenn nun des Abends die Lichter dort bei den verschiedenen Bewohnern Stockwerk über Stockwerk angezündet werden und diese und das starke Gaslicht über die Dachrücken der anderen Häuser von den hoch belegenen Straßen strahlt, dann ist es ein eigenthümlicher, fast festlicher Anblick, mit Licht hoch oben in der Luft, das man gerade unten von der Eisenbahn sehen muß, wenn man unter Edinbourgh hindurchrollt.

Gegen Abend kam ich mit dem alten Hambro hier an. Der Sohn hielt mit dem Wagen auf dem Bahnhofe. Froh und jubelnd war der Empfang, und im Galopp ging es wieder hinaus aus der Stadt nach dem Landhause in » Mount Trinity«, wo ich jetzt bei Hambro's Familie mein Heim in Walter Scott's Land, in Burns' Bergen finden sollte! Eine Menge Briefe lagen als Willkommen vor mir ausgebreitet. Alles war reich, heimisch und mit dem Comfort ausgestattet, den ein englisches gutes Heim zu bieten vermag. Liebe freundliche Menschen sah ich, theilnehmend und herzlich für mich gestimmt. Es war ein glücklicher Abend meines Lebens.

Unser Haus lag mitten in einem Garten, umgeben von niedrigen Mauern. Die Eisenbahn von Edinbourgh lief dicht an der Meeresbucht vorüber. Das Fischerdorf ist ein ansehnliches Oertchen, aber sehr ähnlich den Fischerdörfern auf Seeland. Die Kleidung der schottischen Frauen ist noch malerischer als die der Däninnen, ein breit gestreifter Rock ist stets niedlich emporgeheftet, und man sah den brodirten Unterrock.

Bereits am nächsten Tage hatte ich mich in die Familie hineingelebt. Wo man weiß, daß man ein lieber, willkommner Gast ist, wird man ja bald heimisch. – Lebhafte, liebenswürdige Kinder fand ich hier, und der alte Großvater war glücklich in ihnen. Wiederum war ich in ein glückliches Familienleben eingetreten und befand mich unter liebevollen, tüchtigen Menschen. Die Sitten und Gebräuche im Hause waren vollständig englisch. Des Abends versammelte sich die Familie und die Dienerschaft zur Hausandacht, ein Gebet wurde verrichtet, ein Stück aus der Bibel vorgelesen, wie ich es später in den Familien, wohin ich kam, sah. Dies machte einen hübschen und guten Eindruck auf mich.

Jeder Tag war neu an Abwechslung und brachte Neues für mich. Bereits am ersten Vormittag begann es mit Besuchen und mit dem Besehen der Merkwürdigkeiten ringsum. Ich bedurfte wol der körperlichen Ruhe, aber wie konnte man sich wol derselben hier hingeben, wo es so Vieles gab, das man in sich aufnehmen konnte! Mit der Eisenbahn fuhren wir in einigen Minuten nach Edinbourgh. Der Zug hielt vor einem Tunnel unterhalb des Berges, auf dem mehrere der neuen Straßen Edinbourgh's liegen. Die meisten Passagiere stiegen aus.

»Sind wir bereits an unserm Ziel?« fragte ich. – »Nein«, sagte mein Begleiter, indem der Zug sich wieder in Bewegung setzte. »Aber nur Wenige gehen weiter mit, denn man hat Furcht, daß der Tunnel hier nicht stark genug sei und mit der ganzen Straße über sich einstürzen könnte, und darum steigen die meisten hier lieber aus. – Der Tunnel stürzt während wir fahren, hoffe ich, nicht zusammen!« – Und bei diesen Worten fuhren wir in das lange finstere Gewölbe hinein – und er stürzte in der That diesmal nicht zusammen. Aber angenehm war dieses Gefühl doch nicht. Ich machte diese Fahrt wiederholt hin und zurück, jedesmal wenn ich mit der Eisenbahn Edinbourgh besuchte.

Die Aussicht von der neuen Stadt auf die alte ist imposant und prächtig, und bietet einen Anblick dar, der Edinbourgh in malerischer Gruppirung mit Constantinopel und Stockholm auf gleiche Stufe stellt. Die lange Straße, fast möchte man sie einen Quai nennen, wenn man die Kluft, wo die Eisenbahn sich hinschlängelt, als ein Flußlager betrachtet, hat das ganze Panorama der alten Stadt mit ihrem Kastell und Heriots-Hospital. Wo die Stadt gegen das Meer sich senkt, steht der Berg » Arthur's Seat«, bekannt von Walter Scott's Roman » Das Gefängniß in Edinbourgh«; die ganze alte Stadt ist gleichsam ein Commentar zu dieser mächtigen Dichtung für alle Lande, deshalb steht auch Walter Scott's Denkmal sinnreich hier, wo man von dem neuen Theil der Stadt das Panorama des alten Edinbourgh vor sich erblickt. Dieses Denkmal ist in Form eines mächtigen gothischen Thurmes errichtet und unter diesem erblickt man die sitzende Portraitstatue des Dichters. Zu seinen Füßen liegt sein Hund Maida und auf dem obersten Bogen des Thurmes zeigten sich die weltberühmten Gestalten aus seinen Schriften, Meg Merillees, the last Minstrel u. s. w.

Hin über die Kluft, wo tief unten die Eisenbahn zwischen der alten und neuen Stadt gelegt ist, führt eine mächtige Brücke, welche nach der Straße zu die oberen Etagen der tief unten errichteten Gebäude berührt.

Der berühmte Arzt Dr. Simpson Sir James Young Simpson, geboren den 7. Juni 1811 in Bathgate in Linlithgowshire, wurde 1840 Professor der Geburtshülfe an der Universität in Edinbourgh. Er entdeckte zuerst die Wirkung des Chloroformirens, wie er auch sehr zweckentsprechende Instrumente zur Geburtshülfe erfand. Er starb in Edinbourgh den 6. Mai 1870. Der Uebers. war mein Führer hier. Die Hauptstraße läuft an einem Bergrücken hinab; die vielen Seitenstraßen, die von derselben auszweigen, sind schmal, schmutzig und mit 6 Stock hohen Häusern besetzt, und wie mir schien, waren die ältesten aus schweren Felssteinen erbaut. Man muß bei deren Anblick unwillkürlich an die mächtigen Gebäude der italienischen schmutzigen Städte denken. Armuth und Elend schien aus den offenen Luken hervorzuschauen, die oftmals als Fenster benutzt wurden und aus denen Lumpen und Fetzen zum Trocknen heraushingen. In einer dieser Straßen zeigt man ein finsteres, unheimliches, einem Pferdestalle ähnliches Gebäude, das war einst Edinbourgh's einziges und bedeutendstes Hotel gewesen, wo die Könige wohnten und wo der Dichter Samuel Johnson lange Zeit gewohnt hat. Ferner sah ich das Haus, wo der Staatsmann und Schriftsteller Burke Eduard Burke, geboren den 1. Januar 1730 in Dublin, gestorben den 8. Juli 1797 auf seinem Gute bei Beaconsfield, trat 1765 in's Parlament, wo er sich bald durch seine große Beredtsamkeit auszeichnete, namentlich verfocht er das Wahlrecht, religiöse Toleranz und die Preßfreiheit; 1782 trat er in's Ministerium ein, in dem er eine hervorragende Rolle spielte. Als die französische Revolution ausbrach, deren entschiedener Gegner er war, griff er 1790 zur Feder, um das englische Volk zu seinen Ansichten zu bekehren. Diese Arbeit über die franz. Revolution ist auch in's Deutsche übersetzt worden und hat mehrfache Auflagen erlebt. Der Uebers. gelebt hatte, wo die unglücklichen Opfer hineingelockt und erstickt worden waren, um als Cadaver verkauft zu werden.

In der Hauptstraße stand noch, aber bereits verfallen, Knox's Der Reformator Schottland's John Knox wurde in Gifford bei Haddington 1505 geboren; er war Lehrer der Theologie an der Academie in Edinbourgh und eiferte gegen die strengen Lehren des Katholicismus. Als Maria Stuart nach Eduard's VI. Tode, dessen Kaplan er gewesen war, den Thron bestieg, mußte er fliehen, ging zuerst nach der Schweiz, dann nach Frankfurt a. M., wo er fortwährend im Geiste eines reformirten Christenthums thätig war. 1555 ging er wieder nach Schottland, entfloh aber, weil ihn die Geistlichkeit daselbst zum Tode verurtheilt hatte. Zwar geächtet, kehrte er wieder heim und brachte durch seine große Beredtsamkeit das Volk so auf, daß ein Aufstand ausbrach, der in einen Bürgerkrieg ausartete. Nachdem die Reformation in Schottland durchgedrungen war (1560), wurde er Geistlicher in Edinbourgh und drang auf Absetzung der Königin. Er endete sein wirksames Leben am 24. November 1572. Der Uebers. kleines Haus, sein Bildniß, als von der Kanzel sprechend, in Stein ausgehauen, prangt noch an der Ecke dieses Hauses.

Dem » alten Gefängniß« in Edinbourgh vorüber, das nicht durch sein Aeußeres, sondern durch Walter Scott's Dichtung die Augen auf sich lenkt, geht es hinab nach » Holyrood House «, welches im westlichen Ende der Stadt liegt. – Einen langen Rittersaal mit schlechten Gemälden, langweiligen Zimmern, wo Carl X. gewohnt hat, sah ich hier; erst in Maria Stuart's Schlafzimmer wurde es für mich » Holyrood House«. Die Bezüge hier drinnen zeigten » Phaëtons Fall« Phaëton ist in der Mythologie der Sohn des Apollo, der den Sonnenwagen so ungeschickt lenkte, daß er fast die Erde verbrannt hätte. Jupiter darüber ergrimmt, sendet ihm seinen Blitz, der ihn tödtet. Der Uebers. und diese hatte sie stets vor Augen gehabt, als wäre es eine Vorbedeutung ihres eigenen Geschickes gewesen. Drinnen in dem kleinen Zimmer dicht daneben war der unglückliche Rizzio Die Königin Maria Stuart von Schottland, geboren den 8. December 1542, war eine Tochter Jacob's V.; sie wurde am 29. April 1558 mit dem späteren König von Frankreich, Franz II., vermählt, kehrte aber nach dessen Tode 1561 in ihr Vaterland zurück und vermählte sich den 29. Juli 1565 mit ihrem Vetter, Lord Henry Darnley, der – so heißt es – aus Eifersucht den Günstling der Königin, den Sänger Rizzio, im Schlosse ermorden ließ, aber selbst den 9. Februar 1567 durch eine Pulverexplosion um's Leben kam. Dann vermählte sie sich wenige Monate darauf mit ihrem Liebhaber, dem Grafen Bothwell, der, der Sage nach, Schuld an dem Tode ihres Gatten war; aber der protestantische Adel lehnte sich gegen ihre und Bothwell's Herrschaft auf, der sie gefangen nahm und sie zur Abdankung zwang (s. d. Notiz S. 62 über Knox), während Bothwell entfloh, nach Norwegen entkam und schließlich im Gefängniß zu Malmö (im jetzigen Schweden) starb. Maria Stuart wurde indessen von George Douglas 1568 befreit und entfloh nach mehreren Niederlagen der Ihrigen nach England, bei der Königin Elisabeth Schutz suchend. Von dieser aber als staatsgefährlich gefangen gehalten, wurde sie vor eine Untersuchungscommission gestellt und schließlich zum Tode verurtheilt und am 18. Februar 1587 enthauptet. Der Uebers. hinausgeschleppt und ermordet worden, und Blutflecken gewahrt man noch auf dem Fußboden. An jeder Seite war ein unheimliches Thurmzimmer. Draußen lag die Kirche, jetzt eine schöne Ruine; Epheu, der in England und Schottland in einer Fülle gedeiht, wie ich ihn nur in Italien wiedergesehen habe, bedeckt hier die Mauern der Kirche und sieht wie eine reiche Tapete aus. Das ewige Grün schlängelt sich hier empor um Säulen und Fenster, Gras und Blumen schießen um die Leichensteine empor.

Man nenne diese Bilder aus Edinbourgh nicht Stücke einer Reisebeschreibung; sie sind wirklich Theile der Geschichte meines Lebens, denn sie haben sich so lebhaft in meinem Gemüth und in meinen Gedanken abgespiegelt, daß sie für mich völlig mit mir einverleibt sind. Sie bilden gleichsam das Resultat der Tage, die ich hier verlebte.

An die Beschauung von Stadt und Gebäude knüpft sich eine Scene, welche mich überraschte und erfüllte. – Ich befand mich in einer großen Gesellschaft, als wir » George Heriots Hospital« besuchten; es ist ein großmächtiges, schloßartiges Gebäude, dessen Stifter ein Goldschmied war, den wir durch Walter Scott's Roman » The Fortunes of Nigels« Nigels Schicksale. Der Uebers. Alle kennen. Der Fremde muß eine schriftliche Erlaubniß mitbringen und dann bei dem Portier selbst seinen Namen einschreiben. Bei dieser Gelegenheit schrieb ich meinen Namen völlig aus: » Hans Christian Andersen«, so wie ich in England und Schottland stets genannt wurde. Der alte Pförtner las denselben, folgte mit eigenthümlichem Wolwollen stets dem alten Hambro, der ein gutes, joviales Gesicht und schneeweißes Haar besaß, und fragte dann, ob er nicht der dänische Dichter sei. – »So habe ich ihn mir gerade gedacht, dies milde Gesicht, dies ehrwürdige Haar«. – »Nein!« sagte man ihm, und zeigte auf mich; »das ist der Dichter!« – »So jung,« brach der Alte aus, »habe ich mir ihn doch nicht gedacht. Ich habe seine Werke gelesen und auch die Jungen haben sie gelesen! Es ist merkwürdig, einen solchen Mann zu sehen! Sonst sind sie gewöhnlich alt oder todt, wenn man von ihnen reden hört!«

Man erzählte mir das, und ich ging zu dem Alten hin und drückte seine Hand. Er und ein paar Knaben, welche hinzukamen und befragt wurden, wußten sehr gut Bescheid von » the ugly duck « und » the red shoe «. Der Titel dieser beiden Märchen ist auf deutsch: »Das häßliche Entelein« und »Die rothen Schuhe.« Der Uebers. – Das überraschte und bewegte mich, daß ich auch hier oben bekannt war und Freunde unter den armen Kindern und ihrer Umgebung hatte. Ich mußte bei Seite treten, um meine Thränen zu verbergen, denn Gott allein kennt die Gedanken meines Herzens.

» This is indeed popularity!« »Das ist wirkliche Popularität!« Der Uebers. sagt der englische Verfasser Boner, Der Schriftsteller Charles Boner, geboren den 29. April 1815 in Bath, starb den 7. April 1870 in München. Er hat sich lange Zeit in Deutschland aufgehalten und soll bei dem jetzigen Fürsten von Thurn und Taxis Erzieher gewesen sein. Der Titel des hier angezogenen Buches ist: Der Traum des kleinen Tuck und andere Erzählungen. Der Uebers. der in der Vorrede zu » the dream of little Tuk and other tales « dieses Zuges erwähnt.

Der Redacteur der » Literary Gazette «, Jerdan, hatte mir einen Brief an den bekannten Mitarbeiter der » Edinbourgh Review«, Lord Jeffrey, Lord Francis Jeffrey ist 1773 in Edinbourgh geboren und war ursprünglich Advokat; er war Mitglied des Parlaments und wurde 1831 Lordadvokat für Schottland, und starb den 26. Januar 1850 auf seinem Gute bei Edinbourgh. Er war Gründer des von Andersen erwähnten Journals und machte sich einen Namen als hervorragender Kritiker. Der Uebers. dem Dickens sein Buch » the cricket on the hearth« gewidmet hat, mitgegeben. Dieser Herr wohnte außerhalb Edinburgh auf seinem Landeigenthum, einem wahren alten, romantischen Schlosse, dessen Mauern und Wände fast vom grünen Epheu verborgen wurden. Es brannte ein mächtiges Feuer im Kamin des großen Saales, wo die Familie versammelt war, wo sich Alt und Jung liebevoll um mich schloß. Kinder und Kindeskinder kamen. Ich mußte meinen Namen vorn in jedes der verschiedenen meiner Bücher schreiben, die sie besaßen. Wir wandelten in dem großen Park bis zu einem Punkt, von wo man Edinburgh übersehen konnte, das von hier aus betrachtet, Athen nicht ganz unähnlich ist. Hier war auch ein Lykabettos und eine Akropolis Siehe den vorigen Band Seite 232. Der Uebers. zu sehen.

Ein paar Tage später erwiderte die ganze Familie meinen Besuch. Sie kamen nach »Mount Trinity«, um sich zu verabschieden, sagte Lady Jeffrey. »Kommen Sie bald wieder nach Schottland, damit wir uns noch einmal begegnen«, fügte er hinzu, »denn ich habe nicht viele Jahre mehr zu leben!« Der Tod hat ihn bereits abgerufen und wir begegneten uns nicht mehr auf dieser Erde!

Mehre berühmte Persönlichkeiten sah ich im Gesellschaftsleben versammelt bei der Schriftstellerin Miß Righby, die Kopenhagen besucht und dasselbe beschrieben hatte, und bei dem früher erwähnten berühmten Arzt Simpson. – Ich lernte die verschiedensten Personen kennen. Ich traf mit dem jovialen Kritiker Wilson zusammen. Er war voller Leben und Laune und nannte mich scherzend »Bruder«. Die verschiedensten kritischen Parteien begegneten sich darin, mir Wolwollen zu erweisen. »Der dänische Walter Scott« war der Ehrenname, mit dem mich unwürdiger Weise Viele beehrten.

Die Schriftstellerin Mistreß Crowne brachte mir auch einen aus dänisch übersetzten Roman » Susan Hopley«. Wir trafen uns bei Dr. Simpson, wo in dem großen Abendzirkel mehrere Versuche mit Aethereinathmen gemacht wurden. Es war für mich unschön, besonders Damen in diesen Traumrausch versetzt zu sehen, denn sie lachten mit offenen, erstorbenen Augen. Es lag etwas Unheimliches darin, und ich sprach es offen aus, freilich erkennend, daß es eine vorzügliche und segensreiche Erfindung sei, sich solcher Betäubung bei einer schmerzhaften Operation zu bedienen, aber nicht um damit zu spielen. Fragen an diese Personen zu richten, sei ein Unrecht, hieße Gott versuchen. Ein alter ehrenwerther Mann schloß sich in dieser Beziehung mir an und sprach dieselbe Meinung aus. Mir schien, als hätte ich durch diese Behauptung sein Herz gewonnen, und als wir ein paar Tage später uns zufälligerweise wieder auf der Straße begegneten, wo ich, zumeist um eine Erinnerung an Edinburgh zu besitzen, die heilige Bibel, eine billige, schöne Ausgabe, gekauft hatte, wurde er mir noch mehr zugethan, streichelte mir die Wange und sprach sich herzlich über mein frommes Gemüth aus, ein Vorzug, den ich indessen gar nicht verdiente; Zufälligkeiten stellten mich bei ihm in ein vortreffliches Licht.

Es waren acht Tage vergangen. Ich wünschte Etwas vom Hochgebirge zu sehen. Hambro, der mit seiner Familie in ein Bad an der schottischen Westküste reisen wollte, schlug mir vor, ihr Gast auf der Reise durch einen Theil des Hochlandes zu sein und mit ihnen die Orte zu besehen, die Walter Scott in seiner » Lady of the Lake « Die Jungfrau vom See. Der Uebers. und in » Rob Roy « Robin der Rothe. Der Uebers. uns geschildert hat. Erst in Dumbarton wollten wir uns trennen.

Auf der entgegengesetzten Seite der Stirlingsbucht liegt die kleine Stadt Kirkaldi, wo auf waldbestandenem Felsen eine mächtige alte Ruine liegt. Strandmöven umflattern dieselbe und tauchen schreiend die Flügel in's Wasser. Man sagte mir erst, es sei die Ruine des Schlosses Ravenswood, aber ein alter Herr aus der Stadt kam hinzu und erklärte, daß dies nur ein Name sei, den man Fremden mittheile, weil der Name durch die » Braut von Lammermoor« ein allgemeineres Interesse erhalten habe, aber an und für sich sei der Name Ravenswood ein erfundener Name des Dichters, der wirkliche Ort der Begebenheit liege weiter hinauf in Schottland. Auch der Name Ashton sei ein erdichteter, denn die wirkliche Familie lebe noch und heiße Star.

Die Ruine selbst mit ihrem unheimlichen Gefängnißgewölbe, ihrem üppigen Epheu, der gleich einer festen Decke über die Mauerreste sich ausbreitete, hing sich an die vom Meer hervorspringenden Klippen fest, und war sehr malerisch und eigenthümlich gerade hier, weil das Meer zur Ebbezeit zurückgetreten war. Der Anblick von hier über Edinburgh ist ebenso großartig wie unvergeßlich.

Mit dem Dampfschiff segelten wir die Stirlingsbucht hinauf. Ein Ministrel der Gegenwart Geistlicher, als Gegensatz zu Scott's Balladen eines letzten Geistlichen. Der Uebers. sang eine schottische Ballade und spielte auf seiner Violine dazu. Es klang so traurig, und unter diesen Tönen näherten wir uns dem Hochlande, wo die Klippen gleichsam als Vorposten lagen und der Nebel sich über sie ausbreitete. Der Nebel erhob sich wieder, es war gleichsam ein Arrangement in aller Eile, um uns Ossian's Land Ossian soll der Sohn des Königs Singal und ein großer Barde seiner Zeit (3. Jahrhundert) gewesen sein. Die Gedichte, die er über sein Land geschrieben haben soll, sind als nicht echt erkannt worden. Der Uebers. in seiner rechten Beleuchtung zu zeigen. Stirlings mächtiges Kastell, einst der Lieblingsaufenthaltsort der Stuart's, besonders hoch auf einer Klippe gelegen, welche gleich einer gigantischen Steinfigur aus der flachen Ebene emporgeschossen zu sein scheint, beherrscht die ganze Stadt, deren älteste Straßen schmutzig und schlecht gepflastert sind und ganz das Aussehen haben, als wenn sie aus alter Zeit stammten.

Die Schotten erzählen gern aus der Geschichte ihres Landes, sagt man. Hier kam auch sofort in der Straße, wo Darnley's Haus liegt, ein Schuster mit seinem Schurzfell zum Vorschein und gab uns Aufschluß und Erklärung über Darnley und Maria Stuart, über alte Zeiten und Thaten der Schotten.

Es war eine großartige Aussicht, die man vom Kastell aus über die geschichtlich berühmte Ebene hat, wo die Schlacht zwischen Eduard II. Eduard II., König von England, geboren den 25. April 1284, und den 27. September 1327 ermordet, er verlor die Schlacht bei Stirling am 24. Juni 1314 gegen den von den Schotten erwählten König Robert Bruce, aus einem alten schottischen Geschlecht, das mit den schottischen Königen verwandt war. Letzterer wurde den 21. März 1274 geboren und starb den 9. Juli 1329. Der Uebers. und Robert Bruce stattfand.

Wir fuhren hier zu einer Höhe, wo König Eduard einst seine Standarte aufpflanzte. Die Nachkommen haben von den Steinen, zwischen welchen die Standarte stand, so viele Stücke und Stückchen abgehauen, daß man jetzt, um die gänzliche Vernichtung der Stelle zu verhindern, die Ueberreste der Steine durch ein eisernes Gitter schützen mußte. – Nahe dabei liegt eine ärmliche Schmiede. Wir betraten dieselbe. Es war die, in welche Jakob IV. Jakob IV. geboren 1472, fiel den 9. September 1513 bei Floddenfield in der Schlacht gegen die Engländer. Der Uebers. flüchtete, einen Boten nach einem Geistlichen absandte und beichtete, und als der Geistliche hörte, er sei der König, stieß er ihm ein Messer in's Herz. Die Frau des Schmiedes zeigte uns in ihrer kleinen Stube, daß in der Ecke, wo ihr Bett stand, die Stelle sei, wo der Mord vollzogen wurde.

Die ganze Gegend trägt übrigens einen dänischen Charakter, ist aber ärmlicher und war kälter, als eigentlich die Zeit erwarten ließ. Die Lindenbäume blühten hier noch, während sie nahebei bereits große Fruchtdolden hatten.

Es ist theuer, in England und Schottland zu reisen, aber hier bekommt man doch Etwas für sein Geld: Alles ist vortrefflich. Hier ist für Einen gesorgt, denn es herrscht Comfort selbst in den Wirthshäusern der kleinsten Dörfer.

Calander ist nichts weiter als ein Flecken, aber man wohnt hier wie in einem gräflichen Schlosse. Weiche Teppiche liegen auf dem Fußboden und auf den Gängen. Das Feuer flammte so lustig im Kamin und dessen bedurfte man in der That, obschon die Sonne draußen schien und man alle Schotten mit bloßen Knieen umherlaufen sah; freilich ist das ja auch ihr Winterkostüm. Sie hüllen sich in ihren bunten Plaid; selbst die ärmsten Knaben haben einen solchen, wenn er auch nur noch aus Fetzen besteht. Vor meinem Fenster wand sich ein Fluß um eine alte Höhe wie daheim unsere Hünengräber. Dort war eine gewölbte Brücke mit dem üppigsten Epheu und dicht daneben erhoben sich Felsen. Die Berglandschaft öffnete sich vor uns.

Am frühen Morgen fuhren wir fort, um zeitig genug mit dem Dampfschiff über Loch Catrina Das Wort » Loch« ist altschottisch und bedeutet See oder Bai, Bucht. Der Uebers. zu kommen. Der Weg wurde immer wilder; das Haidekraut wurde sichtbar und stand in Blüthe. An vereinzelten Häusern, aufgeführt von Steinen, kamen wir vorüber. Loch Catrina ist lang und schmal mit einem tiefen, finstern Wasser und erstreckt sich zwischen braungrünen Berghöhen. Haide und niedriger Wald bedecken die Küste, und so weit ich sah, war der Eindruck: Ist Jütland's Haide ein Meer in Windstille, dann ist diese Gegend die Haide im Sturm! Gleich Gespenstern stehen die großen Bergwogen da, aber alle grün, mit niedrigem Wald, mit Gebüsch und Gras bewachsen.

Links vor uns im See lag eine kleine dicht mit Wald bestandene Insel. Es war Ellen's Insel, von wo » the Lady of the Lake« ihr Boot gelenkt hat, die Insel, welche Walter Scott durch seine Dichtung uns bekannt und interessant gemacht hat.

An der entgegengesetzten, äußersten Spitze des See's, wo wir an's Land stiegen, lag ein ärmliches Wirthshaus, eine Art improvisirtes Nachtquartier, groß und ausgedehnt, mit Bett an Bett, wol einem halben Hundert, aber niedrig bis zur Decke, Rohrmatten auf dem Fußboden, kleine schmale Fenster; wie in einem Hause auf der Haide sah dieses Nachtquartier aus, wo die Reisenden, welche über Loch Lomond Der größte schottische Binnensee. Der Uebers. aus dem Lande des » Rothen Robin« kamen, eine Unterkunft bis zum nächsten Morgen finden können, bis das Dampfschiff über den Catrina-See geht. – Wir blieben hier nicht lange. – Alle Passagiere begaben sich weiter, die meisten zu Fuß, einige zu Pferde. Hambro hatte einen kleinen Wagen für seine Frau und mich verschafft, weil wir Beide zu schwach waren, die Anstrengungen der Fußwanderung durch die Haide machen zu können. Hier war kein ordentlicher Weg, nur ein Steg, auf dem wir fuhren, wo der Wagen am besten durchkommen konnte, über Höhen und Tiefen, über Wurzel und Gestein: ein Weg, der durch Merkzeichen angedeutet war als eine zukünftige Landstraße. Der Kutscher ging neben dem Pferde einher. In schwankender, wilder Fahrt rollten wir bald Berg ab, bald wurden wir langsam in die Höhe geschleppt, kurz es war eine eigenthümliche Fahrt. Nicht ein einziges Haus war zu sehen, keinem einzigen Menschen begegneten wir, ringsum lagen stille, finstere Berge in Nebel gehüllt, einförmig, immer dasselbe. Ein einsamer Schafhirt, der halb erfroren sich in seinen grauen Plaid gehüllt hatte, war der Erste, der einzige lebende Gegenstand, den wir meilenweit gewahrten. Stille herrschte über der ganzen Landschaft. Ben Lomond, der höchste Bergpunkt, brach endlich durch den Nebel hindurch, und bald sahen wir unter uns den Lomond-See. Die Niederfahrt zu demselben war, ungeachtet eine Art Weg hier hinabführte, so steil, das es eine halsbrechende Arbeit war, hier mit dem Wagen hinabzugelangen. Wir ließen denselben zurück und näherten uns zu Fuße dem woleingerichteten Wirthshause, wo eine Menge Menschen das Dampfschiff erwartete.

Am Bord desselben war der Erste, dem ich begegnete, ein Landsmann, der vortreffliche geologische Schilderer der Insel Möen, R. Puggaard. Alle am Bord hatten sich in Plaids gehüllt. In Regen und Nebel und Wind ging das Schiff hinauf nach dem nördlichen Ende des See's, welcher hier in der Mündung eines kleinen Flusses endet. Die Passagiere kamen und gingen. Wir befanden uns in dem Lande der ganzen Scenerie im » Rothen Robin«,

» Land of brown heath and shaggy wood,
Land of the mountain and the flood!
« Land der braunen Haide und der wilden Wälder, Land der Berge und der Flüsse. Der Uebers.

wie es in » the last Minstrel« heißt.

Hier rechts, indem wir den See hinabfuhren, kamen wir an der Höhle des » Rothen Robin« vorüber. Große Felsenstücke lagen hier herabgestürzt. – Ein Boot brachte uns hier eine ganze Gesellschaft, und in derselben befand sich eine junge Dame, die mich fest und durchdringend anblickte, und kurz darauf trat einer der Herren hin zu mir und sagte, es sei eine junge Lady, die glaube, mich nach einem Portrait wiederzuerkennen, und erlaube sich daher zu fragen, ob ich nicht der dänische Dichter Hans Christian Andersen sei? Ich beantwortete diese Frage und die junge Dame flog mir entgegen, froh und innig, mit einem Vertrauen wie zu einem alten Bekannten, drückte meine Hand und sprach auf natürliche und hübsche Weise ihre Freude darüber aus, mich zu sehen. Ich bat sie um eine der vielen Bergblumen, die sie in der Hand trug und die sie vom Felsen des »Rothen Robin« mitgebracht hatte. Sie suchte die besten und schönsten aus, indessen ihr Vater und ihre Familie mich umringten und mich baten, ihnen in ihr Heim zu folgen und dort ihr Gast zu sein; allein ich konnte weder, noch wollte ich meine Gesellschaft verlassen. Baron Hambro freute sich sehr über die Huldigung, die man mir erwies, und bald war die Aufmerksamkeit aller Passagiere auf mich gelenkt, und es war wahrhaft überraschend, wie groß der Freundeskreis wurde. Es ist ein wunderbar frohes Gefühl, in so weiter Ferne von seiner Heimat sich gern gesehen und wol empfangen zu fühlen, gleichsam vielen freundlich gesinnten Menschen anzugehören.

In Balloch stiegen wir an's Land, rollten an Smollet's Der Schriftsteller Tobias Smollet ist 1721 in Dalguhurnhouse geboren und in Livorno den 20. October 1771 gestorben. Er war ursprünglich Arzt; er hat mehrere Romane und die Geschichte von England geschrieben. Von ersteren sind einige in's Deutsche übersetzt worden. Der Uebers. Denkmal in seinem kleinen Geburtsort vorüber und erreichten gegen Abend Dumbarton, eine ganz schottische Stadt dicht an dem Clydefluß. Nachts wüthete ein Sturm mit lang andauernden, mächtigen Stößen. Es war, als ob man während der Nacht das Rollen des Meeres hörte. Alles krachte, die Fenster klapperten; eine kranke Katze miaute fortwährend, es war unmöglich, ein Auge zu schließen. Gegen die Morgenstunde wurde es still, grabstill auf eine solche Nacht.

Es war Sonntag, und das hat in Schottland etwas zu sagen. Alles ruht, selbst die Eisenbahnzüge dürfen nicht gehen, nur der von London nach Edinburgh geht zu nicht geringem Aerger der strengheiligen Schotten. – Alle Häuser sind geschlossen, die Leute bleiben in ihren Zimmern und lesen die Bibel oder betrinken sich – wenigstens hat man mir das allgemein erzählt.

Es war völlig meiner Natur zuwider, einen ganzen Tag innerhalb der vier Wände zu verleben, nichts von der Stadt zu sehen, daher schlug ich eine Spaziertour vor, allein man erwiderte mir, daß das durchaus nicht anginge, es würde Aergerniß erwecken. Gegen Abend jedoch machten wir Alle eine Tour aus der Stadt hinaus; aber dort herrschte eine Stille, ein Spähen aus den Fenstern, ein Nachblicken hinter uns, so daß wir bald unheimlich berührt einkehrten. Ein junger Franzose, mit dem ich sprach, versicherte, daß er mit zwei Engländern kürzlich an einem Sonntag Nachmittag zum Fischen hinausgegangen sei, da sei ein alter Herr zu ihnen herangetreten und habe mit den allerhärtesten und zornigsten Worten ihnen ihre »Unchristlichkeit« vorgeworfen, sich am Sonntag zu vergnügen, nicht an der Bibel zu sitzen, wenigstens sollte man doch von ihnen erwarten, Andere nicht zu ärgern und zu empören! Eine solche Sonntagsfrömmigkeit kann im Allgemeinen nicht wahr sein. Wo ich sie finde, da achte ich sie auch, aber als ererbte Gewohnheit wird sie zur Maske, es giebt nur Veranlassung zur Heuchelei!

Mit Hambro trat ich in einen kleinen Buchladen, um mir Bücher und Landkarten zu kaufen.

»Haben Sie das Portrait des dänischen Dichters Hans Christian Andersen?« fragte der Baron im Scherz. – »Ja«, antwortete der Mann, und fügte hinzu:

»Der Dichter selbst soll gegenwärtig in Schottland sein!«

»Würden Sie ihn kennen?« fragte Hambro weiter. – Der Mann blickte ihn an, bot ihm mein Portrait, sah ihn fest an und sagte:

»Sie sind es wol gar selbst?« So ähnlich war mir das Bild!

Mir war es nicht gestattet, unbekannt zu bleiben, und da der gute Mann in Dumbarton hernach hörte, daß ich der Dichter sei, vergaß er Alles, bat, seine Frau und Kinder rufen zu dürfen, damit sie mich sehen und mit mir sprechen könnten. Sie kamen und schienen glücklich, mir begegnet zu sein. Ich drückte ihnen Allen die Hand; ich fühlte und begriff, daß ich wirklich, wenigstens mein Name, hier oben in Schottland bekannt war.

»Das glaubt nun Niemand daheim!« sagte ich zu Hambro und fügte hinzu: »Aber immerhin ist es mehr, als ich verdiene!« – Ich war gerührt und überrascht durch das Unerwartete, man sah viel zu viel in mir den Dichter. – Das Ganze überstieg alle meine kühnsten Jugendträume und Hoffnungen, und oft legte ich mir die Frage vor: ist es kein Traum, kein eitler Traum, den ich nicht einmal meinen Freunden, wenn ich erwache, erzählen darf?

In Dumbarton verabschiedete ich mich von Hambro, seiner Gattin und seinen Kindern. Sie gingen nach einem Badeorte am Meer, ich hingegen mit dem Dampfschiff hinauf auf den Clydefluß nach Glasgow. Der Abschied stimmte mich tief wehmüthig, denn ich hatte während der ganzen Zeit in Schottland mit den lieben Menschen zusammen gelebt. Hambro selbst war mir ein herzlich zugethaner, theilnehmender Bruder gewesen; Alles, was er glaubte, das mich erfreuen könnte, erlangte ich; er schien gleichsam meine Wünsche abzulauern, und seine vortreffliche Gattin war voll Geist und Gefühl, so innig theilnehmend, die Kinder so zutraulich, so lebhaft.

Ich habe seitdem Niemanden von ihnen wiedergesehen. Die Mutter werde ich erst bei Gott sehen, wohin sie von ihren Lieben hier auf Erden ging. Mit dankbarem Gemüth eilt mein Gedanke ihr entgegen. Es ist tröstend und gut, Freunde und Theure auf Erden und im Himmel zu haben.

Einen Kampf hatte ich noch mit mir selbst zu bestehen, bevor ich Dumbarton verließ, und dieser war, ob ich nach London zurück- und heimkehren, oder den Aufenthalt in Schottland verlängern sollte, also noch nördlicher, nach » Loch Laggan« gehen sollte, wo die Königin Victoria und Prinz Albert sich aufhielten, und von denen ich, wie man mir in einem Briefe mittheilte, gnädig empfangen werden würde.

Als ich gegen den Schluß meines Aufenthalts in London im höchsten Grade leidend und von dem überanstrengenden Gesellschaftsleben angegriffen war, erhielt ich eine gnädige Einladung, nach der Insel Wight zur Königin und zum Prinzen zu kommen; allein ich war damals so leidend und ermattet, daß ich durchaus nicht im Stande war, die Reise dahin zu machen, um mich vorstellen zu können, und ebenso geschmeichelt, wie ich mich über die ungewöhnliche Gnade fühlte, ebenso verzweifelt war ich darüber, nicht Gesundheit und Kräfte genug zu besitzen, derselben nachkommen zu können. Ich berieth mich mit dem dänischen Gesandten, Grafen Reventlow, und er, der nur zu wol wußte, wie angegriffen ich mich fühlte, sagte, es sei wol das Beste, dies in einem Briefe geradezu auszusprechen, und da ich in die schottischen Berge zu gehen beabsichtigte, um dort zu ruhen und freier athmen zu können und die Königin auch gerade zu der Zeit in Schottland sein würde, mir die Gnade zu erbitten, wenn ich in ihre Nähe käme und mich wohl befände, mich dann vorstellen zu dürfen. Von einem Hofherrn erhielt ich dann einen Privatbrief, worin er mir mittheilte, daß die hohen Herrschaften mir sehr gnädig gesonnen seien, und wenn ich nach Loch Laggan käme, würde mich Ihre Majestät dort empfangen.

Der Aufenthalt in Schottland gestaltete sich indessen nicht zu solcher Ruhe, wie ich erwartet hatte; ich fühlte mich jetzt nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalt hier nicht gestärkter, wie damals, als ich dort hinaufreiste. Hierzu kam, daß ich, wie mir Leute, die ich wol unterrichtet glaubte, erzählten, im Abstande von mehreren Meilen kein gut eingerichtetes Wirthshaus finden würde, daß ich nothwendig mit Dienern auftreten müßte, kurz gesagt, mich reicher zeigen müßte, als meine Kasse mir gestattete.

An König Christian VIII., der mir wolwollend selbst angeboten hatte, mich zu unterstützen, in dieser Beziehung zu schreiben, vermochte ich mich nicht zu überwinden, da ich mündlich mich geweigert hatte, diese Gnade anzunehmen, außerdem würden Wochen vergehen, ehe ich Antwort erwarten konnte. Die Situation war für mich im höchsten Grade unangenehm. Ich schrieb deshalb wieder einen Brief und sagte darin, wie ich mich befände, und daß ich glaube, es sei am besten für mich heimzukehren, was ich denn auch sofort that. Aber dabei gab ich gleichzeitig die verschiedenen Einladungen auf, die ich von einigen reichen und hohen Herren Schottlands, sie in ihrem Heim zu besuchen, erhalten hatte, und auf diese Weise kam ich darum, Abbotsford Abbotsford, gelegen am Flusse Tweed in der Grafschaft Selkirk, war früher ein Kloster und ist jetzt ein Landgut mit einem herrschaftlichen Schloß, wohin Walter Scott 1811 zog, das er aber nach dem Verlust seines Vermögens verließ. Jetzt soll dort ein katholisches Fräuleinstift errichtet sein. Der Uebers., wohin ich sogar Empfehlungsbriefe besaß, zu sehen.

Walter Scott's Schwiegersohn, der Schriftsteller Lockhart Siehe den vorigen Band Seite 179. Der Uebers., dessen Gast ich in London gewesen war, hatte mich herzlich und theilnehmend empfangen; seine Tochter, des Großvaters Liebling, hatte mir von dem Theuern sehr viel erzählt, sie hatte mir Waffen und andere Erinnerungen, die dem Großvater gehört hatten, sein herrliches, ihm sehr ähnliches Portrait gezeigt, und von Miß Lockhart erhielt ich eine Handschrift von ihm, dem einst sogenannten »großen Unbekannten.« Abbotsford mußte ich aufgeben wie Loch Laggan, und niedergeschlagen darüber fuhr ich mit der Bahn heimwärts von Glasgow zunächst nach Edinburgh.

Eine Begebenheit, an sich selbst so gering, aber für mich ein neuer Fingerzeig meines Glückssterns im Großen wie im Kleinen, muß ich noch erzählen. Ich hatte während meines Aufenthalts in Neapel einen ganz einfachen Palmenstock gekauft, den ich auf allen Reisen und also auch nach Schottland mitgenommen hatte. Als ich mit Hambro's Familie in der Haide zwischen Loch Catrina und Loch Lomond fuhr, hatte einer der Söhne denselben genommen und damit gespielt, und als wir Ben Lomond gewahrten, erhob er ihn und rief: »Palme, kannst du den hohen schottischen Berg sehen? Kannst du den großen See sehen?« und so fuhr er fort. Ich versprach ihm, daß wenn der Stock wieder mit mir nach Neapel kommen würde, er dann seinen Kameraden dort von dem Nebelland, wo Ossian's Geister wohnen und wo die rothe Distelblüthe Man vergl. das Märchen »Was die Distel erzählte«. Band I. Seite 290. Der Uebers. die geehrte ist, indem sie in dem Wappen des Landes prangt, erzählen werde. Das Dampfschiff kam schneller als wir erwartet hatten. Wir wurden eiligst an Bord gerufen. »Wo ist mein Stock?« fragte ich. Derselbe war im Wirthshause vergessen worden. Als das Dampfschiff, nachdem es mit uns das nördliche Ufer des Sees befahren hatte, zurückkehrte und mein Landsmann Puggaard an's Land stieg, versprach er, den Stock mit sich nach Dänemark zu nehmen. Ich kam nach Edinburgh, und als ich am Morgen auf dem Bahnhofe stand, um von dort nach London zu gehen, kam wenige Minuten vor dem Abgange unseres Zuges der Train aus Schottland. Der Conducteur stieg ab, kam hin zu mir, schien mich zu erkennen und überreichte mir den Palmenstock, indem er mit einem Lächeln sagte: »der hätt' ganz gut allein gereist!« Ein kleiner Zettel war an dem Stock befestigt mit der Aufschrift: » An den dänischen Dichter Hans Christian Andersen!« und sorgfältig war der Stock von Hand zu Hand gegangen, erst mit dem Dampfschiff aus Loch Lomond, dann mit dem Omnibusführer, wiederum mit dem Dampfschiff und jetzt mit dem Bahnzug, nur durch seine kleine Empfehlung. Er kam in meine Hände, als das Signal zur Abfahrt aus Schottland ertönte. Ich bin jetzt in der That verpflichtet, das Märchen des Stockes zu erzählen, möchte ich dies einst so gut vollbringen, wie dieser Stock allein seine Reise machte!

Ueber New-Castle und York ging es gen Süden. – Im Wagen traf ich den englischen Schriftsteller Hook Wahrscheinlich ein Sohn des 1841 gestorbenen Verfassers der » High-life-Novellen« und anderer Romane und Theaterstücke Theodor Edward Hook, dessen Werke auch deutsch erschienen sind. Der Uebers. mit seiner Frau. Sie kannten mich und erzählten, daß in allen schottischen Zeitungen, von mir und meinem Aufenthalt bei der Königin gesprochen worden wäre – ich, der gar nicht dort war. Die Zeitungen waren gut unterrichtet. Ein Blatt, das ich später sah, theilte mit, daß ich bei der Königin meine Märchen vorgelesen hätte. Und dennoch war nicht ein einziges Wort wahr! Ich kaufte auf einer der Haltestellen das Witzblatt » Punch«. Auch darin hatte man meiner erwähnt. Es war ein Angriff, eine kleine Bemerkung darüber, daß ich, der Fremde, ein Dichter vom Auslande, von der englischen Königin mit einer Einladung beehrt worden sei, die keinem englischen Dichter bisher zu Theil geworden. Dieses und die verschiedenen Besprechungen eines Besuches, der gar nicht stattgefunden hatte, peinigten mich. Was den » Punch« betrifft, so erzählten mir meine Mitreisenden: »das ist ein Zeichen der Popularität, wenn man in dieses Blatt kommt. Viele Engländer würden viel Geld geben, um dies zu erreichen!« – Ich muß aufrichtig bekennen, daß ich gern von diesem Glück befreit geblieben wäre.

Verstimmt und niedergedrückt durch diese Besprechungen, auf solche Weise der Oeffentlichkeit anzugehören, kam ich ganz krank nach London. Graf Reventlow versprach mir, mein Beklagen darüber bei der hohen und edlen Königin und dem Prinzen Albert auszusprechen.

Ich blieb noch einige Tage in London, denn bisher hatte ich nichts weiter als das » High life « gesehen und einige der ausgezeichnetsten Männer und Frauen des Landes; dagegen Galerien und Museen und alles Aehnliche war mir fremd geblieben, nicht einmal den Tunnel zu besuchen hatte ich Zeit erlangt. Um denselben zu sehen, wurde eine Morgenstunde bestimmt. Man hatte mir gerathen, eines der vielen Dampfschiffe, welche die Themse auf und ab fahren, zu benutzen, allein ich fühlte mich so stark angegriffen, mir war so übel zu Muthe, als ich diese Tour machen sollte, daß ich die lange Fahrt nach dem Tunnel aufgab und vielleicht dadurch – das Leben rettete, denn gerade an demselben Tage und in derselben Stunde, die ich bestimmte, an Bord eines dieser kleinen Schiffe zu gehen, flog eins derselben, » Criquet«, mit hundert Menschen in die Luft. Das Gerücht des Unglücks durchlief augenblicklich ganz London, und ungeachtet es gar nicht entschieden war, ob ich gerade mit diesem Schiffe gegangen wäre, wenngleich die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit nahe lag, wurde ich feierlich dankbar gestimmt und brachte meinem lieben Gott Lob und Preis für meine Kränklichkeit, die in einem zunehmenden Grade wirklich kurz vor dem entscheidenden Augenblick mich überwältigt hatte.

London war jetzt ganz von der vornehmen Welt verlassen. Die Oper hatte aufgehört, die meisten meiner Umgangsfreunde waren nach Badeorten oder nach dem Festlande gereist. Ich sehnte mich nach Dänemark, nach meinen Lieben dort. Aber bevor ich England verließ, war ich eingeladen, noch einige Tage auf dem Lande in » Seven Oaks« bei meinem Verleger Richard Bentley zu verbringen. Der kleine Ort, dicht neben dem berühmten Knole Park, liegt nur ein kurzes Stück fern von der Eisenbahn nach dem Kanal; es war also für mich ein bequemer Weg und ich besuchte Bentley auf der Heimreise. – Ich war früher in Seven Oaks gewesen. Es ist fast eine kleine Stadt. Diesmal ging es auf der Eisenbahn nach Tunbridge, wo Bentley's Wagen mich abholte. Die Natur, die mich umgab, schien ähnlich der dänischen; die Felder waren grün mit hübschen Hügeln und auf diesen standen an verschiedenen Stellen mehrere alte Bäume, welche der ganzen Landschaft etwas Parkähnliches verliehen. Beschnittene Hecken oder ein Eisenstaket bildeten oftmals die Grenze der verschiedenen Besitzthümer. – Prächtige und solide, comfortable Zimmer, Rosen und Epheu im Garten, dicht an dem bekannten Knole-Park, dessen altes Schloß dem Earl von Amherst William Pitt, Earl Amherst, geboren den 14. Januar 1773, war ein Neffe des berühmten Generals Amherst, der 1797 starb. Er ging 1823 als Gesandter nach China, das er 1826 verließ, um nach Ostindien als Generalgouverneur zu gehen. Er starb den 13. März 1857 auf Knoleschloß. Der Uebers. gehört. Einer der Vorväter der früheren Besitzer war Dichter gewesen, und ihm zu Ehren prangte dort ein Saal, den man den Dichtersaal nennt, von den alten hochadligen Herren der Dichter zu oberst in natürlicher Größe, die anderen Wände sind mit Portraits berühmter Poeten als Gesellschafter für den hier regierenden Dichtergrafen geschmückt.

In einem der Nachbarhäuser befand sich ein Antiquitätenladen, ein completer Marschandiserladen, wie Dickens denselben in » Master Humphrey's Clock « schildert.

Gleich einem Fest verging der Tag hier bei den lieben Menschen. Ich blieb daheim in diesem vortrefflichen, altenglischen Familienleben, wo sich aller Comfort und die behaglichste Bequemlichkeit vorfand, die Vermögen und Liebenswürdigkeit zu schaffen vermögen. Die vielen Stammbuchblätter, die ich hier beschreiben mußte, sprachen davon; das für Bentley bestimmte drückte ganz meine Gedanken und meine Stimmung aus:

Mit Sehnsucht, worin sich doch die Angst gemischt,
Ging ich nach Shakespeare's Land, der Kindheit Wunsch,
Und dänisch, mit Feld und Wald, sich hebt das Land,
Ich war wie zu Haus, stracks im ersten Nu;
Und wenn die Sprache nicht von der Lippe floß,
Verstand ich des Herzens Sprache durch das Aug';
Ein Sonnenscheins-Tag so reich mir England gab,
In Blumen sproßt' des Alltagslebens Aronstab. Wörtlich übersetzt. Der Uebers.

Wie sehr ich auch nach den großen Anstrengungen, die der Aufenthalt in Schottland und England mir verursacht hatte, der Ruhe bedurfte, so stand dennoch diese Zeit als der reichste Sonnenscheins-Tag meines Lebens, als das vollste Maß der Ehre und der Anerkennung vor mir. Wenn auch ermüdet und ermattet davon, war es doch sehr natürlich, daß ich mit Wehmuth die vielen Menschen verließ, die mir nur Freude und Gutes bereitet hatten, und unter den Vielen, die ich liebte und nicht mehr, wenigstens auf lange Zeit, wiedersehen sollte, befand sich Charles Dickens. Er hatte nach unserer Bekanntschaft bei Lady Blessington mich besucht, ohne mich zu treffen; wir begegneten uns nicht mehr in London. Ich hatte dort ein paar Briefe von ihm erhalten, und er selbst hatte mir seine Werke gebracht, die schöne illustrirte Ausgabe, und vorn in jedem Bande mich dadurch geehrt, daß er darin schrieb: Hans Christian Andersen from his friend and admirer Charles Dickens . H. C. A. von seinem Freunde und Bewunderer C. D. Der Uebers. Ich hörte, daß er mit seiner Frau und seinen Kindern an einer Stelle am Kanal die Seebäder gebrauche, aber wo, wußte man nicht. Ich wollte von Ramsgate über Ostende heimkehren. In der Hoffnung, daß ein Brief mit Dickens Adresse ihn finden werde, schrieb ich ihm und sagte ihm Tag und Stunde, in welcher ich in Ramsgate einzutreffen gedachte, wenn er dann im Hôtel, wo ich abzusteigen beabsichtigte, seine Adresse abgeben würde, im Fall er nicht zu fern davon wohne, wollte ich gern noch einmal mit ihm zusammentreffen, um mit ihm einige Stunden zu verbringen. Im Hôtel Royal Oaks fand ich einen Brief von Dickens. Er wohnte ungefähr eine dänische Meile von dort in Broadstaer, und er und seine Frau erwarteten mich dort zu Mittag. Ich nahm einen Wagen und fuhr nach der kleinen Stadt, dicht am Meer gelegen. Ein kleines, schmales Haus, aber reizend und nett, wurde von Dickens allein bewohnt, der mit seiner Gattin mir auf's Herzlichste und Freundlichste entgegenkam. Es war so prächtig bei ihnen, daß ich lange nicht bemerkte, wie schön der Anblick von ihrem Speisezimmer, wo wir saßen, sei. Die Fenster waren dem Kanal zugekehrt, das offene Meer rollte fast bis unter dieselben hin. Während wir aßen, trat Ebbe ein. Das Wasser wich wunderbar schnell zurück, die große Sandbank, dort wo so viele gestrandete Seeleute ruhen, erhob sich mächtig und der Leuchtthurm wurde angezündet.

Charles Dickens

Charles Dickens.

 

Wir sprachen über Dänemark und dänische Literatur, über Deutschland und dessen Sprache, die Dickens lernen wollte. Ein italienischer Leierkastenmann spielte zufälligerweise draußen während unserer Mahlzeit. Dickens sprach italienisch mit dem Manne, dessen Gesicht vor Freude, seine Muttersprache zu hören, strahlte.

Nach dem Essen kamen die Kinder herein. »Von diesen haben wir vollauf!« sagte Dickens. Es waren nicht weniger als fünf, das sechste Kind war nicht zu Hause. Alle Kinder küßten mich und das kleinste küßte sich selbst auf die flache Hand und reichte mir dann dieselbe. Beim Kaffee kam eine junge Dame als Gast. Eine meiner Bewunderinnen, sagte Dickens. Es war ein Versprechen, das man ihr gegeben, sie einzuladen, wenn ich einmal kommen würde.

Der Abend enteilte schnell. Mistreß Dickens schien ungefähr mit ihrem Gatten gleichen Alters zu sein, ein wenig korpulent und mit einem so innigen, ehrlichen Gesicht, daß man sofort Vertrauen zu ihr faßte. Sie war in hohem Grade von Jenny Lind erfüllt, wünschte eine Handschrift von ihr zu besitzen; aber diese sei sehr schwer zu erhalten, bemerkte sie. Ich hatte gerade einen kleinen Brief bei mir, worin Jenny Lind mich in London willkommen geheißen und mir ihre Wohnung mitgetheilt hatte; denselben überreichte ich Mrs. Dickens. Spät des Abends trennten wir uns. Dickens versprach mir, Briefe nach Dänemark zu schicken.

Aber noch einmal vor meiner Abreise sollten wir uns begegnen. Dickens überraschte mich, indem er am nächsten Morgen sich in Ramsgate einfand. Er stand auf der Schiffsbrücke, als ich kam, um an Bord zu gehen.

»Ich mußte Ihnen noch einmal Lebewol sagen!« rief er mir entgegen, folgte mir an Bord und blieb noch bei mir, bis die Schiffsglocke das Signal zur Abreise gab. Wir drückten einander die Hände, er blickte mit seinen klugen, herzigen Augen in die meinen, und indem das Schiff abging, stand er am Rande des Leuchtthurms, so kühn, so jugendlich und hübsch und schwang den Hut. Dickens war der Letzte, der mir einen Gruß von der Küste des lieben Englands nachsandte.

Ich stieg bei Ostende an's Land. Der Erste, dem ich hier begegnete, war der König von Belgien und seine Gemalin Leopold I., dritter Sohn des Herzogs Franz von Sachsen-Koburg, wurde den 16. December 1790 geboren. Er stand in russischen Diensten und vermählte sich den 2. Mai 1816 mit der englischen Thronerbin Charlotte Auguste († 5. November 1817) und lebte dann in England. Er schlug 1830 die ihm angebotene Krone von Griechenland aus, wurde dann 1881 zum König der Belgier erkoren und bestieg am 21. Juli dess. J. den Thron. Im August 1832 vermählte er sich mit der Tochter des Königs Louis Philipp von Frankreich, der Prinzessin Louise († den 11. Oktober 1850) und starb den 10. Dezember 1865. Ihm folgte sein Sohn Leopold II., geboren den 9. April 1835, der sich mit der Erzherzogin Marie Henriette (geboren 1836) am 22. August 1853 vermählte. Der Uebers.. Sie bekamen auf dem Festlande meinen ersten Gruß und vergalten ihn freundlich; nicht einen einzigen Menschen sonst kannte ich, von den Beiden wußte ich, wer sie waren.

An demselben Tage fuhr ich mit der Eisenbahn nach Gent. Dort in der Morgenstunde, während ich auf dem Bahnhofe den Zug erwartete, der nach Cöln ging, kamen mehrere Reisende, die denselben Weg wollten, und stellten sich mir vor, indem sie sagten, daß sie mich nach meinem Portrait erkannt hätten. Eine englische Familie näherte sich; eine der Damen kam hin zu mir. Sie sei Schriftstellerin, sagte sie, und wäre in London mehrmals in Gesellschaft mit mir zusammengetroffen, allein ich wäre damals so umringt und gesucht gewesen, und obgleich sie sich an den Grafen Reventlow gewandt habe, daß er sie vorstelle, habe er geantwortet: »Sie sehen, es ist unmöglich!« – Ich lachte. Es war wirklich der Fall, ich war ja in der Mode und sehr gesucht, so lange diese währte. Nun war ich jedoch ganz zu ihrer Verfügung. Sie war natürlich und freundlich und pries meinen Glücksstern, so berühmt zu sein! – »Wie wenig ist das!« sagte ich, und fügte hinzu: »Wie lange wol?« Aber befriedigt hat mich das dennoch, ungeachtet es mich fast ängstigte, so emporgehoben zu sein, ohne sich vielleicht aufrecht erhalten zu können! – Ich war so dankbar, so erfüllt von der Ehre und dem Glück, die ich gewonnen hatte.

Auch in Deutschland, wo man von der Ehre, die ich in England gefunden, erfahren hatte, zeigte man mir außerordentlich viel Freundschaft und Achtung. In Hamburg traf ich Landsleute und Landsmänninnen: –

»Mein Gott, Andersen, sind Sie hier?« lautete der Empfang. »Nein, Sie sollten nur sehen, wie interessant der › CorsarDas seiner Zeit vom Dichter M. Goldschmidt gegründete und mit großem Talent redigirte Kopenhagener Witzblatt. Der Uebers. Ihren Aufenthalt in England lächerlich gemacht hat! Sie sind darin abgezeichnet mit Lorbeerkranz und einem Geldbeutel! Mein Gott, wie komisch das ist!«

Ich kam nach Kopenhagen, und wenige Stunden nachher stand ich an meinem Fenster und blickte hinaus. Da kamen zwei anständig gekleidete Herren vorüber; sie sahen mich, blieben stehen, lachten und der Eine zeigte mit dein Finger herauf und sagte so laut, daß ich jedes Wort hören konnte:

»Willst Du sehen, dort steht unser ausländischer, berühmter Orang-Outang!« – Andersen war sehr groß und hager und hatte sehr lange Arme, darauf zielt diese knabenhaft rohe Bemerkung hin. Der Uebers.

Das war roh – das war boshaft – das erreichte mein Herz – und das vergaß es nicht!

Auch theilnehmende Freunde traf ich hier, die sich über die Ehre freuten, die mir in dem tüchtigen Holland und dem mächtigen England vergönnt gewesen war und durch mich der dänischen Nation zugute kam. Einer unserer nicht jungen Schriftsteller reichte mir die Hand und sagte offenherzig und hübsch:

»Ich habe Sie früher wirklich nicht aufmerksam gelesen; nun will ich es thun. Die Leute haben Sie boshaft besprochen und Sie herabgesetzt. Aber Sie müssen Etwas sein, mehr als man Ihnen daheim einräumen will. So wie Sie in England aufgenommen worden sind, wird man nicht aufgenommen, wenn man ein unbedeutender Mensch ist! Ich muß Ihnen ehrlich gestehen, daß ich meine Gedanken über Sie vollständig geändert habe!«

Anders lautet das, was einer meiner theuersten Freunde mir erzählte und mir schriftlich zeigte. – Er hatte einem unserer ersten Zeitungsredacteure ein paar englische Zeitungen gesandt, in welchen über die Ehrenbezeigung, die ich in London genossen hatte, berichtet wurde und bei welcher Gelegenheit » true story of my life« besonders lobend besprochen wurde. Aber der Mann wollte das nicht aufnehmen, was in denselben über mich gedruckt stand, denn, sagte er, »die Leute würden ja glauben, daß man Andersen da drüben zum Besten gehabt habe!« – Es war ihm unglaublich, und er wußte, daß es auch für die Masse der – der Landsleute so sein würde.

In einem Blatte hieß es, daß ich zu dieser Reise Geld vom Staate erhalten hätte, und man deutete darauf hin, daß ich jährlich reiste. – Ich erzählte dem Könige Christian VIII., was man darüber gesagt habe.

»Sie haben, was Wenige an Ihrer Stelle gethan haben würden, mein wolgemeintes Anerbieten ausgeschlagen! Man ist ungerecht gegen Sie daheim! Man kennt Sie nicht!«

Das erste kleine Buch, das ich nach meiner Heimkehr schrieb, ein Heft »Märchen«, sandte ich nach England, das dort zur Weihnachtszeit in englischer Sprache erschien » als Weihnachtsgruß an meine englischen Freunde« und dedicirte es an

Charles Dickens:

»Ich sitze wieder in meiner stillen dänischen Stube, doch meine Gedanken weilen täglich in dem lieben England, wo vor wenigen Monaten Freunde mir die Wirklichkeit zu einem schönen Märchen verwandelten.

Unter der Beschäftigung mit einer größeren Arbeit sprangen, wie die Blumen im Walde hervorsprießen, fünf kleine Geschichten hervor. Ich fühlte eine Neigung, einen Drang, England als Weihnachtsgruß die ersten Ausgesprungenen aus meinem Dichtergarten darzubringen, und ich übergebe sie Ihnen, den ich bereits in seinen Werken liebgewonnen hatte, und dem, nachdem wir uns getroffen haben, mein Herz für immer fest verbunden ist, meinem lieben, edlen Charles Dickens. Sie gaben mir den letzten Händedruck an Englands Küste, Sie riefen mir von derselben das letzte Lebewol zu; es ist daher ganz natürlich, daß ich Ihnen von Dänemark meinen ersten Gruß wieder sende, so innig, wie ihn ein hingebendes Herz zu bringen vermag.

Kopenhagen, den 6. December 1847.
Hans Christian Andersen

 

Das kleine Buch wurde sehr wol aufgenommen und für mich sehr schmeichelhaft angemeldet. Doch als ein wahrer Sonnenstrahl leuchtete mir in die Seele und in's Herz der erste Brief von Dickens selbst, der mir Dank und Gruß von ihm brachte. – Sein liebevolles Gemüth leuchtet aus demselben hervor, er athmet eine Güte für mich, welche mich reich machte. Ich habe früher alle meine besten Schätze der Welt gezeigt, weshalb soll ich denn diesen nicht zeigen? Dickens wird mich nicht mißverstehen.

 

»Tausend Dank, mein lieber Andersen, für Ihre freundliche und höchst schätzbare Erinnerung an mich in Ihrem Weihnachtsbuche. Ich bin sehr stolz darauf, fühle mich sehr geehrt davon und kann Ihnen nicht genugsam erklären, wie hoch ich ein so herzliches Zeichen der Anerkennung von Seiten eines Mannes setze, der einen Genius wie Sie besitzt.

»Ihr Buch machte meinen Weihnachtsheerd glücklicher. Wir sind Alle entzückt davon, der kleine Knabe und der alte Mann, und der Zinnsoldat ist mein besonderer Liebling. Ich las dieses Märchen wiederholte Male und las es mit unnennbarer Freude.

»Ich war vor einigen Tagen in Edinburgh, wo ich einige Ihrer Freunde sah. Man sprach sehr viel von Ihnen. Kommen Sie wieder nach England – recht bald! Aber was Sie auch thun, hören Sie nicht auf zu schreiben, denn wir können es nicht ertragen, einen einzigen Ihrer Gedanken zu verlieren. Sie sind viel zu wahr und einfach schön, als daß Sie dieselben in Ihrem eigenen Kopfe behalten dürfen.

»Wir sind schon längst von der Seeküste zurückgekehrt, wo ich Ihnen Lebewol sagte, und wir sind wieder in unserem eigenen Hause. Meine Frau sagt, daß ich Sie herzlich von ihr grüßen soll; dasselbe sagt auch ihre Schwester, dasselbe sagen meine Kinder, und da wir Alle denselben Gedanken, dasselbe Gefühl haben, bitte ich Sie, die Summe zu empfangen in einem liebevollen Gruß

von Ihrem aufrichtigen und
bewundernden Freunde
Charles Dickens

 

An
Hans Christian Andersen.

In dieser Weihnachtszeit kam auch meine Dichtung » Ahasverus« heraus.

Bereits Jahre früher, als die Idee dazu mich erfüllte, sprach Oehlenschläger sich zu mir darüber aus. »Was höre ich!« begann er. »Man sagt, Sie schreiben an einem Weltdrama mit der Geschichte aller Zeiten! Das verstehe ich nicht!« – Ich entwickelte ihm meine Idee, von der ich früher hier in diesem Buche gesprochen habe. Siehe den vorigen Band Seite 234. Der Uebers.

»Aber in welcher Form vermögen Sie diesen Stoff zu bewältigen?« fragte er.

»Ich wechsele mit diesen allen, lyrisch, episch, dramatisch, bald in Versen, bald in Prosa!«

»Das kann man nicht!« brach der große Dichter eifrig aus. »Ich weiß auch, was es heißt, zu dichten! Es giebt Etwas, was man Form und Grenze nennt, und die man wol wahren muß. Das Grüne für sich und die ausgebrannte Kohle für sich! – Ja, können Sie mir darauf antworten?«

»Antworten könnte ich Ihnen wol«, sagte ich sehr gutmüthig, obgleich ein kleiner lustiger Teufel mich kitzelte und ich mußte ihm gehorchen. »Antworten könnte ich wol, aber Sie werden böse werden, wenn ich antworte, was ich jetzt sagen könnte!«

»Bei Gott im Himmel; ich nehme es Ihnen nicht übel auf!« sagte er.

»Nun, es ist mir auch meist darum zu thun, Ihnen zu beweisen, daß ich wirklich eine Antwort habe. Ich halte mich an Ihre Worte: das Grüne für sich und die ausgebrannte Kohle für sich! – Da ist nun vergleichsweise gesagt: die ausgebrannte Kohle für sich! Sie könnten ebenso gut fortfahren und sagen: der Schwefel für sich und der Salpeter für sich, aber dann könnte ja Jemand kommen, der alle drei Theile zusammenschlägt und – dann hat er das Pulver erfunden!«

» Andersen, das ist wahrlich schrecklich mit anzuhören, das Pulver erfunden zu haben! – Sie sind ein guter Mensch, aber Sie sind, wie auch Alle behaupten, viel zu eitel!«

»Aber gehört das nicht zum Handwerk?« hieß der übermüthige Dämon der guten Laune mich antworten.

»Handwerk! Handwerk!« wiederholte der liebe, herrliche Dichter, der mich durchaus nicht verstand.

Als nun » Ahasverus« herauskam, las er denselben nach meinem Wunsch, um zu erfahren, ob er jetzt seine frühere Meinung verändert habe, schrieb mir einen Brief, einen so wolgemeinten und ehrlichen Brief, sagte mir offenherzig, wie wenig ihn diese Dichtung anspreche, und da seine Worte zu allen Zeiten Interesse haben werden, und gewiß Viele mein Gedicht auf dieselbe Weise auffassen dürften, will ich sein Urtheil auch nicht verheimlichen.

 

»Mein guter Andersen!

»– – Ihr schönes Talent, naiv und geistvoll Märchen mit Originalität zu erzählen, sowie das Leben, das Ihnen entgegentritt, in Novellen und Reisebeschreibungen zu schildern, habe ich stets anerkannt und gewürdigt, auch im Drama habe ich mich über Ihr Talent gefreut, z. B. im »Mulatten«, obgleich Ihnen der Stoff gegeben war und bereits dichterisch bearbeitet und die Schönheiten meist lyrischer Art waren. Aber bereits vor ein paar Jahren, als Sie mir etwas vorlasen, äußerte ich offen zu Ihnen, daß dieser Plan und diese Form in dem Gedichte mir nicht gefielen. – Nichtsdestoweniger scheinen Sie unangenehm überrascht gewesen zu sein, als ich, damals als wir das letzte Mal mit einander sprachen, dieselbe Bemerkung zu Ihnen wiederholte, daß ich mich nur sehr wenig in dem Buch zurecht gefunden hätte. Ich habe nun das Buch mit Aufmerksamkeit ganz durchgelesen und vermag meine Meinung nicht zu ändern. Das Buch macht einen unheimlichen und verwirrenden Eindruck auf mich. Sie müssen verzeihen, daß ich Ihnen dies geradheraus sage! Sie verlangen ja, meine Meinung zu kennen und ich bin daher genöthigt, sie Ihnen zu sagen, wenn ich Sie nicht mit falschen, höflichen Redensarten abspeisen will. Wenn ich mich auf dramatische Compositionen verstehe, dann ist » Ahasverus« kein Stoff zu einem Drama; Göthe gab es wol auch nur aus diesem Grunde auf. Die märchenhafte, barocke Legende müßte wol auf humoristische Weise gleich einem Märchen behandelt werden. Schuster müsse er bleiben; es ist der Schuhmacher, der nicht bei seinen Leisten bleiben will und der zu hochfertig war, um glauben zu wollen, was er nicht begreifen konnte. Ihn zu einem abstracten Begriff für speculative Poesie zu machen – dadurch wird er noch keineswegs zum Gegenstand wahrer Poesie, viel weniger zum Gegenstande eines Dramas. Zu einem Drama ist nothwendig eine zusammengedrängte, vollständige, überschauliche Handlung erforderlich, welche sich in dem Charakter äußert und entfaltet. Das ist in Ihrem Stück nicht der Fall. » Ahasverus« tritt das ganze Stück hindurch als zurücktretender, betrachtender Zuschauer auf. Die anderen Personen handeln ebenso wenig; das ganze Gedicht besteht aus lyrischen Aphorismen, Fragmenten, mitunter Anschauungen, Alles lose zusammengehalten; es kommt mir vor, als befände sich ein wenig zu viel Prätension und zu wenig Prästation in diesem Gedicht. Es enthält weder mehr noch weniger, als die ganze Weltgeschichte von Christi Geburt bis auf unsere Zeit. Für die, welche gründlich und treu die Geschichte studirt haben, mit deren großen Sonnen und herrlichen Charakteren, kann es durchaus nicht erquicklich sein, diese lyrischen Aphorismen oft von Kobolden, Schwalben, Nachtigallen, Meerjungfrauen u. s. w. benutzt zu sehen. Es versteht sich, daß mitunter schöne lyrische und beschreibende Stellen sich vorfinden, z. B. über die Gladiatoren, die Hunnen, die Wilden; aber das ist nicht genügend.

»Das ist nun meine Betrachtung über die Form und den Stoff, aber von Seiten des dichterischen Geistes vermisse ich auch die echte Tiefe und Hoheit, welche zu dem Großen und Sublimen gehören. Das Ganze ist gleichsam ein Traum. Ihre natürliche Neigung, Märchen zu schreiben, zeigt sich auch hier; denn alle Bilder treten fast als märchenhafte Traumbilder hervor. Der Genius der Geschichte tritt nicht in seinen großen Verschiedenheiten hervor; der Gedanke wird zu wenig beschäftigt; die Bilder sind nicht neu und originell genug, es findet sich nichts, das das Herz bewegt. Dagegen besitzt Barnabas etwas Empörendes, nämlich in der Art und Weise, wie er nach seinem Verbrechen zu Ehren und Würden gelangt; denn ohne daß wir ihn später in Handlungen oder Charakterentwickelung sehen, hören wir nur erzählen, daß er erstens ein altes Weib erschlagen und daß später im Himmel Freude über seine Bekehrung herrschte.

»Das ist nun meine Meinung! Vielleicht irre ich mich, aber ich spreche ehrlich nach meiner Ueberzeugung und vermag diese nicht aus Höflichkeit oder Schmeichelei zu verändern!

»Verzeihen Sie mir also, wenn ich Sie unschuldig gekränkt habe und seien Sie versichert, daß ich übrigens in Ihnen einen genialen und originellen Dichter in anderer Richtung anerkenne und achte.

– 23. December 1847.
Ihr treuergebenster
A. Oehlenschläger

 

Es findet sich viel Wahres und Richtiges in diesem Briefe über meine Dichtung, aber ich sehe und stelle dieselben doch anders, als der edle, große Dichter es gethan hat. » Ahasverus« ist von mir nicht ein dramatisches Gedicht genannt worden, und es soll gar nicht auf den Platz dieser Dichtung gestellt werden. Hier ist und kann also nicht von einer dramatischen Verwickelung, ebenso wenig von deren Farbe in der Charakterzeichnung die Rede sein. » Ahasverus« ist eine Dichtung, welche in wechselnder Form die Idee zeigen und klären soll: Das Menschengeschlecht verstößt das Göttliche, schreitet jedoch der Vollkommenheit und der Erkenntnis entgegen. Dies habe ich kurz, klar, reich geben wollen und geglaubt, dies durch die wechselnde Form zu erreichen. Die Bergspitzen der Geschichte haben mir als Scenerie gedient. – Man muß es nicht mit einem Drama von Scribe oder einem Epos von Milton Der englische Dichter John Milton, geboren den 9. December 1608, studirte in Cambridge und machte sich unter Cromwell durch seine scharfe Feder bemerkbar. Er wurde Geheimschreiber des Staatsraths, lebte aber nach der Wiederherstellung des Königthums in dürftigen Verhältnissen, nur der Dichtung sich widmend. Das von Andersen angezogene Epos The paradise lost (das verlorene Paradis) erschien 1667 und ist in Deutschland mehrfach übersetzt worden. Der Uebers. vergleichen, man muß es durch meine Dichternatur betrachten, wie weit die Idee durch die gewählte Form anschaulich geworden ist. Die aphoristischen Einzelheiten sind gleich Mosaikstücken, welche auf diese Weise ein ganzes Bild ausmachen. – Man kann von jedem Gebäude sagen, es ist Stein auf Stein, was ich sehe; man kann jeden einzelnen für sich nehmen. Aber so darf man ein Haus nicht betrachten, sondern als Ganzes, das durch deren Zusammenstellung bewirkt wird.

Während der letzteren Jahre haben sich indessen mehrere Stimmen erhoben, die mit den Hoffnungen, die ich hegte und zum Theil noch von dieser Dichtung hege, zusammengeschmolzen, welche gewiß stets einen hervortretenden Uebergangspunkt in meinem Dichterleben bezeichnet.

Der Erste, und fast kann ich sagen, der Einzige, der sich in hohem Grade von dieser Dichtung angesprochen fühlte, war der Historiker Ludwig Müller. Er betrachtete » Ahasverus« und » die Märchen« als die beiden meiner Bücher, welche meine Bedeutung in der dänischen Literatur klar stellten.

Vom Auslande erreichte mich eine ähnliche Anerkennung. Im »Bildersaal der Weltliteratur«, worin von den ältesten Zeiten bis auf die Gegenwart eine bedeutende Auswahl von lyrischer und dramatischer Poesie aller Länder, von Indiens Dramen, von den Psalmen der Hebräer, den Volksdichtern Arabiens bis zu den Troubadouren und Dichtern unserer Tage Proben gegeben werden, wurden unter der Abtheilung » Skandinavien« unter den dänischen Dichtern außer Scenen von »Hakon Jarl«, Tragödie von Oehlenschläger. Der Uebers. »König René's Tochter« Drama von Henrik Hertz, das in Deutschland auf allen Theatern aufgeführt worden ist. Der Uebers. und »Tiber«, auch einige Scenen von » Ahasverus« aufgenommen.

Daheim gerade, indem ich diese Blätter schließe, also acht Jahre nachdem diese Dichtung zum ersten Mal erschien, ist in der » dänischen Monatsschrift« in einer mir wolmeinenden, gründlichen Anmeldung meiner gesammelten Schriften auch » Ahasverus« eine größere Aufmerksamkeit als früher geschenkt worden; man erkennt darin, wofür ich diese Dichtung selbst ansehe, einen Anlauf, eine Andeutung zu einer künftigen Entwickelung bei mir als Dichter.

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