Fedor von Zobeltitz
Drei Mädchen am Spinnrad
Fedor von Zobeltitz

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Brökelmann hatte Frau Magda glücklich in ihrem Korbstuhl installiert – und da war auch Warmuth schon wieder da, einen viel zu kurzen Paletot um die abfallenden Schultern gehängt, eine Tasse Kaffee in der rechten und einen Likör in der linken Hand, nahm sofort neben ihr Platz und knotete seine Beine zusammen, gleichsam zum Zeichen, daß er hier auszuharren gedenke. Wütend setzte der Kommerzienrat sich ihm gegenüber, und da er Emmingen vorüberkommen sah, hielt er ihn fest.

»Bleiben Sie ein bißchen bei uns, liebe Zukunftsexzellenz,« sagte er, und Frau von Göchhusen fügte hinzu: »Ja, Herr von Emmingen, da steht noch einer von den bequemen Stühlen – die aus Eisen sind nur für flüchtigere Besuche oder eigentlich für solche, die man rasch wieder loswerden will. Aber die Korbsessel sind für die Freunde. Wo ist Genander mit den Zigarren?«

Er kam schon, und Emmingen steckte sich eine Patriotas an. Doch sie schmeckte ihm nicht, obwohl sie ganz gut war. Er war auch stiller als sonst. Anfänglich merkte Brökelmann das nicht, aber er wurde aufmerksamer, als Emmingen nicht in gewohnter Weise auf seine Bemerkungen einging und sie weiterspann. Da schaute er seinen jungen Freund forschend von der Seite an, und etwas wie ein Ahnen des Verständnisses dämmerte in ihm auf und fuhr als kalter Schreck in seine Seele. War Emmingen schon über die erste Entscheidungsphase hinaus? Er sah ganz so aus, als ob er sich in aller Schnelligkeit einen Korb geholt hätte. ... Dem Kommerzienrat kroch irgendein unbestimmtes Etwas, ein unsichtbarer Tausendfüßler, stichelnd und prickelnd über den Rücken und lähmte seine frische Zuversicht. Wenn dieser hübsche, flotte Diplomat, ein Mann von altem Adel, im Besitze aller erdenklichen gesellschaftlichen Tugenden und mit der Zutat einer aussichtsreichen Karriere, die auf einem Ministersessel enden konnte oder in einem festgefügten Oberpräsidium – wenn der schon keine Gnade fand in diesem Hause, dann sah es um eine Weiterbildung der eigenen Hoffnungen auch übel aus.

Brökelmann war nahe daran, seine gute Laune zu verlieren, aber Warmuth gab sie ihm wieder. Der Superintendent hatte lange nicht von seiner Orchideenzucht gesprochen. Und nun fing er davon an: von einer seltsamen, unerhörten, förmlich unheimlichen Kreuzung, einem Pflanzengeschöpf, aus dem man mit einiger Phantasie ein Tier aus der Apokalypse bilden konnte. Es war gruslich. ... Da begann Brökelmann zu spötteln, und Warmuth opponierte mit Eifer, und Brökelmann kam wieder in scherzbildende Stimmung, und der alte lustige Kampf erneuerte sich. Auch Emmingen und Frau von Göchhusen ließen Bemerkungen einfließen und sprachen hin und her; aber es schien fast so, als seien sie beide nicht recht bei der Sache. ...

»Wo ist Friedel?« fragte Maxe und schaute sich um; »sie war doch eben noch hier!«

»Ja natürlich,« antwortete Tilde Vanhooven, »sie hat dem Major einen Schnaps präsentiert, das habe ich gesehen, und nun ist sie wie in die Erde versunken.«

»Desgleichen der Herr Major,« sagte Krempel. »Sie sind beide versunken, aber die Versunkenheit wird ja nicht lange währen.«

»Spinnt sich was an?« fragte Tilde und machte eine Kopfbewegung nach rückwärts, um irgendeine Windrichtung anzuzeigen, in der sich das Paar befinden konnte.

»Aber nein,« rief Beate, »was soll sich denn anspinnen?! Du hast eine überreizte Phantasie, Tilde, und witterst hinter dem Harmlosesten Verdächtiges.«

»Ich bitte,« entgegnete Tilde, »von Verdächtigem ist keine Rede, aber Witterung ist richtig. Eine feine Nase habe ich; ja, die habe ich. Außerdem kenne ich Birkenmüllers fliegende Hochschule. Birkenmüller hat immer einen fertigen Segen auf der Palette.«

»Nicht so laut,« warf Beate ein. »Wenn die Mama das hört!«

»Scht!« machte auch Maxe. Dann nahm sie Krempels Arm. »Komm, Dionys, wir wollen die Verlorenen suchen gehen.«

Aber sie suchte nicht, sie wollte gar nicht suchen. Sie hatte eine noch feinere Witterung als ihre Freundin Tilde. Sie wußte die Gegend, wo die Bank stand, auf der nur zwei sitzen konnten. Diese Gegend vermied sie, während sie mit Krempel durch den Garten schritt und auf möglichst entlegenen Pfaden wandelte.

»Krempel, nun sehen wir uns so bald nicht wieder,« begann sie.

»Ja, Maxerle, jetzt fängt die Zeit der Sehnsucht an.«

»Wirst du denn manchmal an mich denken?«

»Ach Gott, wie kannst du so fragen! Eine liebe Freundin vergißt man doch nicht.«

»Wir wollen gute Freunde bleiben. Ich schreibe dir alles, was ich auf dem Herzen habe.«

»Tu das, Maxe – und immer ganz aufrichtig. Auch, wenn du da unten irgendeinen finden solltest, der dir ganz besonders gefällt.«

»Es wird mir keiner gefallen, das weiß ich bestimmt.«

»Nein, Maxe, das kannst du nicht wissen. Es kann plötzlich kommen – so etwas kommt immer plötzlich. ... Aber dann laß dich nicht überrumpeln; das sagte ich dir neulich schon.«

»Ich denke nicht dran. Ich habe dir ja geschworen –«

»Was hast du geschworen? Ah ja – ich weiß. ... Unsinn, Maxe, so meinte ich es nicht.«

»Doch – ich verstand dich schon. Und ich halte, was ich sagte.«

»Das mit ... Gott, Maxe, wie man so spricht! Mein Urteil über Emmingen ist noch heute das gleiche wie damals. Aber steht es denn fest, daß es das richtige ist?«

»Darauf könnte ich dir gar keine Antwort geben. Sicher, daß du eifersüchtig warst und übertrieben hast, Aber das war auch wieder ganz gut.«

»Ja, ich war eifersüchtig. Das fliegt einem so an. In der Erregung des Augenblicks – und nachher ärgert man sich darüber ...« Er machte eine abweisende Handbewegung. ... »Das ist ja nun vorbei. Pallanza ist weit vom Schuß, und Emmingen wird sich trösten – wenn er überhaupt ernsthafte Absichten gehabt hat. Du behauptest nein. Möglich. Was hat er dir denn bei Tische auf dein Menü gekritzelt?«

Maxe war nahe daran, alles zu erzählen. Ihr Blick flog über den Rasenplatz und streifte Emmingen. Er saß noch immer neben ihrer Mutter, ein wenig vornüber geneigt, die Zigarre in der Hand, und schien auf das zu lauschen, was der Superintendent mit etwas gehobener Stimme vortrug. Aber der Blick Maxes, so flüchtig er war, traf ihn doch wie eine antreibende Äußerung: so wie ein Blitz aus unbestimmtem Dunkel. Er reckte den Oberkörper und schaute auf: da fanden sich plötzlich beider Augen.

Maxe erzählte nicht, was sie schon auf der Zunge hatte. Sie antwortete: »Ach Gott, es war ein dummer Scherz, Dionys; er wollte mir eine neue Geheimschrift erläutern ...« Sie log mit vollem Bewußtsein und in dem klaren Gefühl, daß dieser Mangel an Vertrauen ein Unrecht war. Aber eine grelle Regung sträubte sich gegen die Wahrheit. Sie konnte nicht anders. ... »Also, wir schreiben uns öfters,« fuhr sie fort, »und ganz so, wie uns zumute ist. Ich werde eine Art Tagebuch anlegen, das schicke ich dir dann und wann, und du hebst es mir auf.«

»Es darf nur nichts Falsches einfließen, keine Gedankenlügen –«

Sie errötete leicht. »Nein, ganz gewiß nicht. Wie kommst du darauf?«

»Menschen mit starkem Empfinden zerlegen gern die Wirklichkeit. Sie spüren selber nicht so recht das Voraneilen ihrer Phantasie. Aber deine Idee ist nett. Reflektiere nicht zuviel, sondern gib Tatsachen.«

»Schön, Herr Lehrer. Und du revanchierst dich?«

»Ja. Auch mit Tatsachen.«

»Ich binde dich nicht. Schreibe, wie du willst. Aber sei ebenso wahrhaftig, wie ich es sein will. Auch wenn dir irgendeine begegnet, die dir besonders gut gefällt: auch das mußt du mir schreiben. Hand darauf.«

Er gab ihr die Hand. »Wann geht es los?«

»Am achtzehnten abends.«

»Ich bin auf der Bahn.«

»Laß das, Krempel. Die Familie ist auch da. Ich finde solche Abschiedsansammlungen greuelvoll. Der letzte Kuß geht nie zu Ende.«

Sie schritten jetzt an den Fliederbosketts vorüber, wo die bunten Ballons nur vereinzelt leuchteten und unter den Büschen die Schatten lagen. Maxe verstärkte plötzlich die Gangart.

»Lauf nicht so,« sagte Krempel. »War das nicht die Stimme Elfriedes?«

»Was du alles hörst!«

»Aber ja – und die des Majors. Ich bin doch nicht taub. Maxe, ich schätze, euer großes Unternehmen ist bedroht. Von den drei Parzen, die ihrer Mutter Schicksalsfäden spinnen wollten, ist eine abtrünnig geworden. Sie spinnt allein.«

»Wer kann es ihr wehren?«

»Niemand. Oh, meine Ahnung! Also die Armee fällt fort. Bleibt noch der Nährstand und der Lehrstand.«

»Still, Dionys. Beate winkt. Ich glaube, der Superintendent will zum Aufbruch rüsten: er zieht schon den Paletot an. Also komm nicht auf den Bahnhof. Wir sagen uns hier adieu: ohne viel Federlesen.«

»Und ohne letzten Kuß?«

Sie stutzte. »Selbstverständlich.«

»Das ist es nicht. Der Kuß wäre selbstverständlich, wenn –«

»Wenn?«

»Wenn die Stimmung den Akkord angäbe.«

Sie schwieg einen Augenblick, und ihre Stirn krauste sich nachdenklich. Dann nickte sie langsam. »Ja, du hast recht. Eine Stimmung wie neulich. Ein Schweben im Äther. Eine rasche Erhöhung ... Aber Stimmungen halten nicht an.«

»Die Musik vertönt, Maxe.«

»Bleibt nichts?«

»Doch: die Erinnerung. Und nicht wahr: die kann uns niemand nehmen? Die wollen wir festhalten. ... Wir sind ja verständige Menschenkinder und haben den Mut des Sichfügens. Wir deklamieren auch nicht. Kein Pathos, aber eine reine Freude. Die gibt uns die Erinnerung. Und das Dämmermärchen auf Pittelkos Boden – das werde ich nie – nie vergessen.«

»Ich auch nicht, Dionys.«

Elfriede und Hartwig kamen den beiden entgegen. Er mit einem Scherzwort, in den hellen Augen glückliches Leben, sie etwas zögernder, wie unter dem Einfluß einer leichten Verlegenheit.

»Bricht man schon auf?« fragte der Major und zog seine Uhr. »Wahrhaftig, es geht auf elf. Und sehe ich recht, so verflackern auch allgemach die Lichter in den Papierballons. Schade, daß alles ein Ende nehmen muß ...«

Noch immer präsentierten Genander und der Lohndiener Pilsener. Aber jetzt wäre ein Glas Grog wirklich mehr am Platze gewesen. Bisher hatte Sankt Servatius sich gefällig gezeigt: nun wurde er schroff. Es begann plötzlich eisig zu werden.

Der Superintendent war der erste, der sich empfahl. Er hatte schon den Paletotkragen in die Höhe geschlagen, sah blaß aus und schudderte.

»Emmingen, auch unsre Stunde schlägt,« sagte der Kommerzienrat. »Mein Auto steht zu Ihrer Verfügung, es kann Sie nach Hause bringen ...« Er zog die Hand Frau Magdas an die Lippen. ... »Tausend Dank für den genußreichen Abend, meine verehrte gnädige Frau.« Er fügte noch einige hübsche Worte hinzu, um die Unmittelbarkeit seiner Freude zu betonen, und versuchte, in seinen lebensklugen kleinen Augen einen Ausdruck intimer Innigkeit zu sammeln. Aber Frau von Göchhusen schien zerstreut. Sie antwortete mit einer geläufigen Phrase.

Vegesack und Johanna schleppten Mäntel, Paletots, Hüte, Stöcke und Schirme herbei, damit man nicht erst noch in das Haus brauchte. Dann schlüpfte man in die Hüllen und suchte auch schon nach dem Trinkgeld.

Hartwig verneigte sich tief vor Frau von Göchhusen.

»Wann sind Sie morgen daheim, Frau Magda?« fragte er.

»Ich gehe nicht aus, lieber Hartwig. Die Reisevorbereitungen für Maxe nehmen mich in Anspruch.«

»Da sprech ich mit Ihrer Erlaubnis gegen ein Uhr vor.«

Sie nickte, weil sie nicht zu antworten vermochte. Nun sah sie ja, was kommen würde. Morgen wollte er ihr Ja oder Nein. Eine einzige Nacht der Überlegung lag dazwischen. Sie fühlte das Klopfen ihres Herzens bis zu den Adern des Halses. ...

Jetzt ging es schnell mit der Verabschiedung. Emmingen reichte Maxe nur die Hand und verbeugte sich. Er sprach kein Wort dabei. Krempel folgte ihm auf dem Fuße.

»Adieu, Maxe. Ich komme doch auf den Bahnhof. Bei einer Volksversammlung schadet ein Mensch mehr nichts.«

»So komm.«

– – Brökelmann und Emmingen saßen im Auto. Der Kommerzienrat drückte sich fröstelnd in die Ecke.

»Kalt geworden,« sagte er. »So auf den Plutz. Maifrost.«

»Das ist immer das Empfindlichste. Es wird Nachtreif geben.«

»Und alle Blüten bekommen Nasenstüber ...« Er lugte aus den Augenwinkeln zu dem Nebenmann. ... »Es war nichts, Emmingen – was? Versteckenspielen gelingt Ihnen nie. Ich sah so etwas auf Ihrem Gesicht wie – so wie einen Genius, der die Fackel senkt. Wie einen Trauerflor.«

»Da sahen Sie richtig. Aber gesenkte Fackeln brauchen noch nicht zu verlöschen. Es brennt noch alles.«

»Gut so. Pusten Sie, damit die Flamme bleibt. ... Na, und ich? Wenn mir nur die Puste nicht ausgeht.«

»Halten Sie sich unbequeme Nebenbuhler vom Halse. Das ist das erste Erfordernis.«

»Nebenbuhler? Zum Exempel wen?«

»Zum Exempel Warmuth.«

Brökelmann lachte. »Der ist nicht gefährlich. Im allgemeinen nicht und nicht im speziellen. Hat eine Kette am Fuß und auch eine Kugel. Der ist nur ein scheinbarer Junggeselle.«

»Wieso?«

»Weil er seit zwanzig Jahren verheiratet ist. Aber seine Frau sitzt am Nyanzasee oder vielleicht auch in der Mandschurei und trichtert kleinen Heidenkindern ewige Wahrheiten ein.«

Emmingen dachte schon wieder an ganz etwas anderes. »Seh einer an,« war alles, was er entgegnete.


Im Göchhusenschen Garten nahm Vegesack die Ballons aus Bäumen und Sträuchern und packte sie in einen großen Korb, während seine Frau mit einer Laterne daneben stand.

Die drei Mädchen saßen noch in ihrer Abendtoilette unter der Büste Gutenbergs in Beates Zimmer und berieten, was zu tun sei.

»Es ist das beste,« sagte Maxe zu Elfriede, »du gehst gleich zur Mama und sprichst dich aus. Dann ist es überstanden.«

»Natürlich ist es das beste,« sagte auch Beate.

»Ich fürchte mich,« entgegnete Elfriede. »Und warum? Weil Ihr mir den Kopf warm gemacht habt. Ist es so sicher, daß die Mama dem Woldemar Neigung entgegenbringt?«

»Ich habe sie nicht danach gefragt,« antwortete Beate. »Und wenn ich es getan hätte, würde sie mir schwerlich gestanden haben. Alles, was ich weiß, beschränkt sich auf gewisse Beobachtungen.«

»Alles, was ich weiß,« sagte Elfriede in entschiedenem Ton, »ist die Tatsache, daß Woldemar ihr nie Gelegenheit gegeben hat, an eine Neigung seinerseits glauben zu können.«

»Davon bin ich überzeugt. Aber das spricht nicht mit. Auch eine verlorene Illusion bringt Schmerzen.«

Elfriedes Schultern zuckten. Sie kämpfte sichtlich mit einem aufsteigenden Schluchzen, aber sie bezwang sich. »Kann ich dafür?« stieß sie hervor.

»Gewiß nicht ...« Beate stand auf und küßte die Schwester. ... »Und es wird dir auch kein Mensch verwehren können, dein Glück zu verteidigen. Entsagung wäre Narrheit. ... Ja, darüber müssen wir uns klar sein. Ich tät's auch nicht. Im Recht auf Liebe galt immer der Spruch: Zuerst komme ich. Das ist kein Egoismus, das ist Selbsterhaltung. Denkst du nicht ebenso, Maxe?«

»Ich weiß nicht,« erwiderte Maxe kleinlaut.

»Weil du ein Kind bist. Weil du immer im Unklaren schwelgst. Aber es wird sich ja auch einmal ändern. Du wirst handfester werden, Kleine; da sorge ich mich nicht. ... Elfriede, geh zur Mama, aber ... ja, was soll ich dir noch für einen Rat geben? Ich könnte dir sagen: sei vorsichtig, doch das wäre auch nicht richtig. Sei liebevoll – das versteht sich von selbst. Also am besten: schütte ihr dein Herz aus und schone das ihre ...«

Elfriede ging; aber nicht mit der fröhlichen Zuversicht einer Glücksbringerin, sondern zagen Mutes.

»Wollen wir warten, bis sie wiederkommt?« fragte Beate.

»Ich bin noch nicht müde,« entgegnete Maxe, »und warte gern. ... Ach, Beate, mir ist auch nicht vergnüglich zu Sinnen!«

Beate wurde bei diesem Stoßseufzer aufmerksam und schaute die Schwester prüfend an.

»Was hast du denn? Auch Herzweh – oder wieder einmal? Immer noch die dionysische Krempelei? Höre mal, Tugendreich –«

»Ach, laß nur das Predigen! Krempel ist ein braver Junge und ... Es handelt sich gar nicht um Krempel. Diesmal ist's Emmingen.«

Beate blieb dicht vor der Jüngsten stehen. »Was will er?«

»Mich will er,« rief Maxe, »aber ich will ihn nicht! – Er hat mir bei Tische seine Liebe gestanden –«

»Bei Tische?«

»Jawohl, auf der Speisekarte.«

»So was hab' ich noch nie gehört.«

»Es war auch nicht zu hören: es war lesbar. Aber recht deutlich. Und ein paar mündliche Fragen kamen hinterher. Da hab' ich abgewinkt.«

»Maxe, ist das alles wahr?«

»Sonst würde ich's doch nicht erzählen.«

»Und du hast schlankweg ›Nein‹ gesagt?«

»Schlankweg.«

Das Gesicht Beates rötete sich. »Ich weiß schon, warum,« sagte sie ärgerlich. »Weil dir die Krempelei doch noch im Kopfe steckt.«

»Nein!« rief Maxe heftig. »Das war bloß eine Stimmungssache. Das ist begraben und aus.«

»Weshalb willst du denn den Emmingen nicht?«

»Weil ich ihn nicht liebe.«

Das war eine klare Antwort, der Beate sich beugen mußte.

»Dagegen ist nichts zu machen,« entgegnete sie. Sie blieb noch einen Augenblick sinnend im Zimmer stehen und setzte sich dann plötzlich mit hörbarem Seufzer auf den nächsten Stuhl.

»Kinder, es ist toll,« sagte sie. »Hinter euch sind die Männer her – und mich will keiner.«

»Aber Beate, das ist doch nicht wahr! Zwei hast du schon abgewiesen –«

»Die waren auch danach. Und den ich wollte, kriegte ich nicht ...« Sie seufzte noch einmal. ... »Na, mir soll's recht sein. Bei dir wird's ja auch nicht mehr lange dauern. Ist's nicht der Emmingen, ist's ein andrer. Vielleicht ein Italiener. Dann bleibe ich allein übrig – und werde doch noch Bibliothekarin ...« Sie sprang wieder auf. ... »Irgend etwas muß ich anfangen!« rief sie. »Ich lauf mir die Absätze nicht um die Männer ab. Ich möchte – ich möchte meine Selbständigkeit haben! Es ist eine Trübnis, daß der Hartwig ... Nein, es ist ganz gut so. Warmuth ist nicht zu brauchen.«

»Aber der Milchmann, unsre letzte Hoffnung. ... Krempel verglich uns mit den drei Parzen. Drei Mädchen am Spinnrad des Schicksals. Bloß den rechten Faden für die Mutter haben wir noch nicht gefunden.«

»Weil sie den ihren sich selber spann. Maxe, ich fürchte, wir sind zu dreist geworden. Wir wollten das Fatum lenken, und es hat uns auf die Finger geklopft.«

»Der Milcherne ist ja noch da.«

»Den nimmt die Mama nicht.«

»Warum glaubst du das?«

»Er ist nicht ihr Geschmack. Ich kenne Mama. Sie hat ihre besonderen ästhetischen Neigungen. Zweifellos hat Elfriede recht, wenn sie behauptet, daß Brökelmann besser zu ihr passe als Hartwig. Brökelmann ist wie eine quicke Versinnlichung des praktischen Daseins – und im Grunde genommen ist unsre Mutter so etwas auch. Wer sie sträubt sich dagegen. Sie ist manchmal eine Phantastin wie du. Oder besser: sie hat ihre Sentimentalitäten, auf die sie hält. Natürlich sind das nur empfindvolle Phrasen; aber wenn man das ganze Innenleben Mutters unter die Lupe nimmt, wird man finden, daß es ein Gemenge von Nützlichkeitsdrang und Empfindsamkeit ist.«

Maxe gab das zu. »Jawohl,« sagte sie, »und ich ähnle ihr von uns dreien am meisten. Du am wenigsten. Du warst immer die Zielbewußteste. ... Ich glaube auch nicht mehr, daß Mama sich für Brökelmann entscheiden wird, selbst wenn ... Beate, jetzt lache nicht: dieser Brökelmann ist eigentlich ein Mann für dich

Beate lachte dennoch. Dann wurde sie einen Augenblick ernsthaft, trat vor den Spiegel und reckte Ihre schöne Figur.

»Schau mich einmal an,« rief sie. »Ich bin kein Koloß an Eitelkeit – aber sage selbst: wäre ich nicht viel zu schade für ihn? ... Gesetzt den Fall, alles überbrückte sich: auch bei Unterschied im Alter. Es gäbe doch eine Fatalität: eine ganz äußerliche, über die ich nicht hinwegkäme. Das ist mein Widerstand gegen das Vulgäre.« »Du kannst aber den Kommerzienrat nicht vulgär nennen, Beate!«

»Nicht seinem Wesen nach. ... Maxe, du verstehst mich nicht. Ich sprach ja vom Äußerlichen. Nimm an, dein Krempel sei ein Ausbund aller guten Eigenschaften. Ich würde doch immer Anstoß an seinem Namen nehmen, an seinem schlecht sitzenden Überrock und an dem Bändchen, das ewig aus seinem Kragen hervorguckt. Oder nimm Warmuth an. Denke, er sei ein Idealmensch. Seine zu kurzen Hosen und der Knoten, den er in seine Beine schlägt, sobald er sich hinsetzt, würden mir seine ganze innere Schönheit vergraulen.«

»Das ist kindisch, Beate.«

»Bestreite ich nicht. Meinetwegen. Vielleicht ist es auch ein verkümmerter Rest aristokratischen Geschmacks.«

»Dann bin ich sehr plebejisch. Bei Emmingen stört mich im Gegenteil das allzu Korrekte. Rauhes ist mir lieber als eine unfaßbare Glätte ...«

Elfriede huschte wieder in das Zimmer. Sie war im Nachthemd und hatte das Haar geflochten.

»Jetzt geh ich zur Mama,« sagte sie. »Betet für uns.«

Sie küßte die Schwestern und lief in ihren kleinen roten Schlafschuhen rasch davon. Es war schon still im Hause. Vorsichtig klopfte sie an die Zimmertür ihrer Mutter.

»Ich bin es, Mamachen,« rief sie. »Kann ich herein?«

»Du, Elfriede? – Was willst du denn noch? Ich lieg schon im Bette. Aber komme nur.«

Elfriede klinkte die Türe auf und trat ein. Auf dem Nachttisch brannte die Lampe, lag auch ein kleines Bündel Briefe. Elfriede sah an der Handschrift, daß es Briefe ihres Vaters waren, in denen die Mama gelesen hatte.

Sie setzte sich zu ihr auf das Bett.

»Ich wollte dir noch etwas sagen, Mama,« begann sie. Plötzlich wurde sie glühend rot. Sie fühlte das Aufsteigen dieser Röte, die ihr Gesicht bis zu den Haarwurzeln bedecken mußte. Sie wollte lächeln, doch es gelang ihr nicht. Ihr Mund, der selten ruhigen Stillstand kannte, zitterte nervös.

Frau von Göchhusen richtete sich mit dem Oberkörper auf. »Aber was ist denn los, Kindchen?« fragte sie erstaunt.

Da umschlang Elfriede die Mutter mit stürmischer Innigkeit. Nun kam die Angst und das Mitleid, das sie nicht auskommen lassen wollte und das doch allmächtig wurde. Bis jetzt war die Kraft ihrer Liebe das Herrschende geblieben. Zuerst kommst du, hatte Beate gesagt. Ja natürlich: die Erhaltung ihres Daseins hing von dieser verständlichen Selbstsucht ab, und in ihr wurzelten alle neuen Aufgaben ihres Lebens. Das ewig Göttliche stieg himmelhoch über das Menschliche. Aber auch das Menschliche war da und blieb als eine unsichtbare Ordnung, die ihre Größe hatte. In dem Augenblick, da Elfriede das Geständnis ihres Glücks ablegen wollte, brach wie ein Aufruhr das Mitleid über sie herein: mit der Mutter, die lieben konnte wie sie.

Frau Magda wurde ängstlich. Sie drückte ihr Kind an sich und fühlte ihre fiebrigen Wangen.

»Komm zu mir,« sagte sie, »und dann erzähle. Was hast du? – So habe ich dich ja noch nie gesehen – so – so ...«

Elfriede schlüpfte zu ihr in das Bett und kuschelte sich zärtlich an den Mutterleib. Ach Gott, die arme kleine Mama! Es ging wie ein Odem freudiger Lebensbejahung von ihr aus, ein frisches Verlangen nach Weltlichem. Das Letzte ihrer Jugend dürstete mit gesunden Sinnen nach dem Einswerden in seliger Liebe. Sie liebte und wollte geliebt sein. Elfriede fühlte das instinktiv; es war ein Ahnen, das die eigene Sehnsucht weckte: Offenbarung im Gleichklang.

»Na – nun hab' ich dich wieder mal bei mir,« sagte Frau Magda; »warte – ich rücke noch ein bißchen – so, hast du nun Platz? Und liegst du warm? Als Kind hast du dir immer eine Kute gebuddelt. ... Was hast du für heiße Glieder, Friedelchen! Ich fühle durchs Hemde, wie deine Haut brennt. Hast du irgendeinen Ärger gehabt?«

»Aber nein ...« Eine kleine Pause verstrich, und dann flüsterte sie im Tone süßester Zärtlichkeit: »Mutter –« und atmete ein paarmal schwer und jagte endlich die Worte vor sich hin: »Hartwig hat um mich angehalten. Hat gefragt, ob er sich morgen auch dein ›Ja‹ holen könnte. Wir haben uns sehr lieb ...«

Als sie ausgesprochen hatte, schloß sie die Augen und preßte ihr Gesicht gegen den Busen der Mutter. Sie wollte ihrem Blick nicht begegnen.

Frau Magda lag regungslos neben ihr. Sie hatte verstanden: in vollster Klarheit; aber es kam noch ein eigentümliches Nachhören. Klingende Geräusche schlugen an ihr Ohr, und dann ein unaufhörliches Flüstern, und dann ein feines Singen, als sei irgendwo ein Heimchen versteckt.

Sie bewegte sich nicht. Sie war wie gelähmt und spürte auch die Schwere ihrer Glieder. Spürte den heißen Kopf ihres Kindes wie einen Brandfleck auf ihrer Brust, und jeder Atemzug Elfriedes schien sengend ihr Herz zu treffen. Ach, ihr Herz! Stand es nicht still unter dem Eindruck dieses Geständnisses? Doch nicht; es regte sich. Aber es schlug nicht wie sonst. Es war ein ängstliches Flattern und ein schmerzhaftes, als lebe ein verwundeter Vogel in ihrer Brust.

Sie hielt die Augen weit offen und starrte an die Decke, wo im Lichtkreis der Lampe eine kleine grüne Ephemere tanzte. Allmählich wich das Lähmungsempfinden, und das Leid taute auf. Es war bitter wie der Tod; doch die Bitternis hielt nicht an. Die Süße der Mutterliebe flutete hinein, die große Überwinderin, die keine Selbstsucht kennt und nicht die Gültigkeit des Worts: Zuerst komme ich.

Täuschung und zerstäubtes Hoffen; doch keine Leere. Ein neues, seltsames Empfinden, anfangs verworren und vage und mählich durchwaltet von einer emporringenden Kraft, die ihr Ziel fand; ein erstes Ziel, doch ein unverrückbares. Die Täuschung drang tief und traf auf zuckenden Lebensnerv. Aber das verliebte Kind, das schamhaft den Kopf an der Mutter Busen barg, das durfte nichts davon merken – nichts. ... Und nun wuchs mit dem festen Wollen die Kraft und wurde siegend.

Elfriede regte sich. »Mutter,« flüsterte sie wieder. Sie hob den Kopf und schaute in ein Auge, das voller Rührung war. Da schöpfte sie Mut, und ihr Gesicht verklärte sich. Wenn die Mutter sie so ansah, waren die Befürchtungen Beates Unsinn. Alle verdunkelnden Schleier im Herzen des Mädchens rollten auf einmal auf, und die volle Sonne strömte ein. Jetzt durfte sie glücklich sein und durfte es auch freimütig sagen.

Also so war es gekommen. ... Sie erzählte die Geschichte ihrer Liebe, die sehr einfach war, aber natürlich voller Reize in der Entwicklung. Sie erzählte das in abgebrochenen Sätzen, ohne Ängstlichkeit, zuweilen mit einem Anflug schwärmenden Sicherhebens, dann wieder mit derber Lustigkeit. ... »Die Kunst hat uns zueinander geführt. Apoll und die Musen seien gelobt. Aber ein Rafael wird er nie werden. Er hat keine Technik, bloß Farbensinn und ein feines Verständnis. Ich brauche auch keinen Künstler. Ein Mensch ist mir lieber. Mutter, was ist er für ein Mensch! Ich will ihn nicht erst lange loben – du kennst ihn ja zur Genüge. Kennst alle seine guten Seiten ... er hat keine schlechten – nein, er hat keine schlechten. ... Im Kommißdienst möchte er nicht lange mehr bleiben. Er hat allerlei gute Ideen ... das erzählt er dir morgen, wenn er zu dir kommt. ... Was wirst du da sagen?«

Sie stützte sich auf die eine Hand, und mit der andern streichelte sie die Wangen ihrer Mutter. Es überschlich sie plötzlich wieder ein bläßliches Gefühl, denn es schien ihr, als verändere die Mutter die Farbe. Aber sicher täuschte sie sich, denn nun nahm die Mutter sie beim Kopf und küßte sie lange und herzlich ab und sagte ihr unter Tränen:

»Er soll mir willkommen sein, Liebling. ... Ja, das soll er, denn er ist ein kreuzbraver Mann – und wirklich, Ihr gehört zusammen.«

»Nicht wahr, Mama?!« ... Elfriede setzte sich jetzt aufrecht und strich mit der flachen Hand mehrmals über die Bettdecke und fuhr fort: »Alles paßt. Auch das Alter. Entschieden. Einen jungen Hecht hätte ich gar nicht heiraten können. Geld hat er nicht, Mama, wenigstens nicht viel. Aber wir kommen schon aus. Und dann schwebt ja noch die Erbschaft Papas im Hintergrund. ... Ich freue mich, daß Maxe zu Papa reist. Sie wird ihm alles auseinandersetzen. Woldemar – mit ›o‹ – ja, darauf hält er noch wie zu deiner Zeit ... Woldemar möchte gern den Bureaudienst quittieren. Begreife ich – das ist ja zum Auswachsen. Nun beherrscht er alle möglichen fremden Sprachen und hat gute Konnexionen. Vielleicht, daß man ihn als Militärattaché brauchen kann. Das wäre auch was für mich. Ich möchte ganz gern in die Fremde. ... Aber, Mutterchen, weinen darfst du nicht. Auch die Fremde ist heute erreichbar – und es geht ja alles nicht so rasch. Erst kommt die Frage der Ausstattung. Darauf freue ich mich. Wir pinschern durch alle Läden. Ein paar Kostüme entwerfe ich selbst. Und dann ...«

Sie schnabberte weiter. In ihrem Glücksgefühl sprach sie von allem möglichen; in die Größe ihrer Liebe quollen die niedlichen Wünsche mädchenhafter Eitelkeit. Und die Mutter hörte geduldig zu und zwang sich auch zu Zwischenwürfen und Antworten. Aber es wurde ihr schwerer und schwerer. Ihre Kraft erlahmte, und der Sieg über sich selbst drohte zu einem schwächlichen Kompromiß zu werden. Da sagte sie endlich:

»Nun laß es genug sein, Kind. Wir sind beide müde. Geh in dein Bett und träume von ihm.« ... Morgen sprechen wir weiter – da kommt er ja auch. Und da muß ich frisch sein – ja. ... Küß mich noch einmal, Friedelchen ... mein geliebtes Kind, mein Goldkopf. ... Ich wünsche dir –«

Was sie wünschte, sagten ihre Mutterküsse. Elfriede schlüpfte aus dem Bett.

»Gute Nacht, Mutterchen. ... Aber nun lösch auch wirklich die Lampe aus und schlafe. ... Denn es ist richtig: du mußt morgen frisch sein. Die Mädelmama muß sich in vollem Glanze präsentieren ...«

Dem Bett gegenüber stand die große Psyche. Elfriede stellte sich davor, nahm ihr Hemd wie ein Rokokokleid und machte sich einen tiefen Knix. Sie war ganz kindisch in ihrer Glückseligkeit.

»Frau von Hartwig,« sagte sie. »Es klingt ganz hübsch. Nicht wahr, Mama? Besser als Frau Majorin. ... Wenn ich bloß erst einen Zärtlichkeitsnamen für ihn hätte! Woldemar ist zu steif, zu langatmig – und das ›o‹ ändert's auch nicht. Weißt du keinen?«

»Nein, ich weiß keinen. Aber du wirst ja einen finden. Herzchen, nun geh.«

Elfriede nickte, warf der Mutter noch an der Tür ein halbes Dutzend Kußhände zu und strich leise hinaus.

Frau Magda blieb liegen. Sie sah im hell erleuchteten Spiegelglas der Psyche ihr Gesicht und fand es alt geworden und verkümmert. Und sie fühlte auch: in dieser Nachtstunde ging ihre Jugend zu Ende. Das Letzte hatte ihr eigenes Kind genommen.

Sie warf sich in die Kissen zurück und weinte – weinte ganz still in sich hinein, damit es niemand hörte.

Am achtzehnten abends hielten drei Droschken vor dem Göchhusenschen Hause. Mit weniger Gefährten ließ sich die Reise nach dem Bahnhof nicht ermöglichen. Der letzte Wagen enthielt das große Gepäck, über das Vegesack die Oberaufsicht führte. Maxe hatte sich anfänglich gegen eine solche Überfülle an Bagage gesträubt, aber da hatte die Mutter schweigend auf die neuen Kostüme und neuen Hüte gewiesen, und auch bei Maxe war die Einsicht gekommen, daß ein der Mode unterworfenes weibliches Wesen zu den abhängigsten Lebegeschöpfen der Gegenwart gehört. Zwei Koffer hatte die Mutter, ohne Maxe erst zu befragen, in aller Stille bei Mädler erstanden. Der eine diente allein den Hüten und trug in seiner anschaulichen Würfelform den Charakter einer gewissen Universalität, die sowohl das Runde wie das Hohe, das Eckige wie das vielseitig Gebrochene umschließen konnte. Beim Anblick des zweiten erschrak Maxe anfänglich ein wenig, denn dieser Koffer war ein wahrhaftiger Kleiderschrank von so mächtiger Ausdehnung, daß sie sich selbst darin hätte transportieren lassen können. Aber als die Mama ihn öffnete und ihr die Geheimnisse des Inneren offenbar wurden, in das man die Kostüme ungefaltet hintereinander der Reihe nach aufhängen konnte, empfand sie doch Hochachtung vor dieser Verbindung des Praktischen mit dem Ungeheuerlichen und machte vor dem Koloß eine tiefe Verbeugung, seine Füllung getrost der umsichtigen Mutterhand überlassend.

Sie kümmerte sich nicht viel um die Packerei, und Frau von Göchhusen wiederum war es ganz lieb, daß sie in diesen Tagen alle Hände voll zu tun hatte und damit auch schneller über die Werbung Hartwigs und die mit ihr verbundenen Aufregungen hinwegkam. Die letzten Stunden im Hause benützte Maxe zu einer gründlichen Verabschiedung von allem, was ihr lieb war. Die Blumen in ihrem Zimmer übergab sie Elfriede; die alte Lina, die zu heulen anfing, wenn sie Maxe nur sah, erhielt den Auftrag, die Piepmätze vor dem Fenster zu füttern, die Spatzen, Meisen, Finken und Rotkehlchen, die ihr Morgenbrot auch fernerhin nicht entbehren sollten. Das Lebewohl von dem Untier im Papageienzimmer gestaltete sich zu einer förmlich dramatischen Szene. Das struppige Federwesen war wie gewöhnlich in tiefste Lethargie versunken und nahm von keiner Liebkosung Notiz, und erst, als Maxe ihren Finger durch den Käfig steckte, versuchte der Papagei mit lächerlich hilfloser Bewegung seinen krummen Schnabel in das Fleisch zu hacken. Er war von Anbeginn eine boshafte Seele gewesen, aber daß er auch beim Abschiede sich nicht zu bezwingen vermochte, tat Maxe doch leid. Immerhin bat sie Genander, dafür Sorge tragen zu wollen, daß der Kakadu nach seinem wohl bald zu erwartenden Hinscheiden zu einer würdigen Ausstopfung gelange.

Die Abfahrt aus der Regentenstraße war geeignet, die Aufmerksamkeit der Passanten zu erregen. Auch der Generalstäbler im zweiten Stockwerk stand am Fenster und sah zu. Frau Vegesack, diese Größe im Wenden irdischer Bedingtheit, Genander, die alte Lina und das Mädchen Johanna hatten auf dem Trottoir Aufstellung genommen, und allen waren die Augen feucht geworden. Maxe haßte zwar eine solche Tränenweihe, aber auch sie konnte es nicht verhindern, daß ein unbequemes Naß ihren Blick zu trüben begann. Sie beeilte sich mit der Verabschiedung, und wollte sich dann rasch ihrer Droschke zuwenden, als sie einen Galonierten hastigen Schrittes nahen sah, der ein riesiges Bukett in der Hand trug. Kommerzienrat Brökelmann sandte es, zugleich mit schönsten Wünschen für eine glückliche Reise.

Der Diener empfing ein Dankwort, dann gab Maxe das Bukett an Johanna.

»Ich kann es doch nicht mit auf die Reise nehmen,« sagte sie. »Beate, behalte du es und rieche alle Tage daran, bis der Duft verflogen ist. Und wenn du den guten Brökel siehst, und du wirst ihn sicher baldigst wiedersehen, so bestelle ihm irgend etwas Schönes von mir – sage, ich sei sehr gerührt gewesen, oder was dir so grade zu Sinnen kommt –«

»Bitte einzusteigen, meine Damen,« rief der Major von Hartwig, der als Schwager natürlich auch dabei war und seine Uhr gezogen hatte. »Die Expedition des Gepäcks dürfte längere Zeit erfordern, und der Zug pflegt gewöhnlich stark besetzt zu sein. Maxe, nimm du mit der Mama und Beate den ersten Wagen, ich folge mit Elfriede ...«

Maxe sah noch einmal aus dem Fenster zurück: auf die winkenden Leute und das alte Haus mit seinem Puttenfries über dem ersten Stockwerk und auf die beiden großen Kastanien, die in voller Blüte standen. Dann lehnte sie sich in die Wagenecke und dachte an das Riesenbukett des Kommerzienrats und sagte sich, daß Emmingen ihr auch wohl ein paar Abschiedsblumen hätte schicken können. Die würde sie freilich ebenso zu Hause gelassen haben wie die kommerzienrätlichen: aber es hätte sie doch gefreut ... Nein, fügte sie in Gedanken hinzu, es ist mir ganz gleichgültig. Die Geschichte mit Emmingen ist ja nun sowieso aus ...

Vor der Einfahrt des Bahnhofs lief Krempel bereits eilfertig auf und ab. Er hatte schon Sorge gehabt, er werde sich verspäten, weil er noch einmal bei der Familie Duplessis in der Ansbacher Straße vorgesprochen hatte, um sich zu erkundigen, wie es Fräulein Frieda erginge. Gott sei Dank ließ sich alles gut an; der gebrochene Fuß lag in Gips, aber die Heilung wollte natürlich ihre Weile haben. Krempel hatte das Fräulein auch auf ein paar Worte sprechen können, und dann hatte ihn Doktor Duplessis in eine nicht endenwollende Unterhaltung gezogen und geschwatzt und geschwatzt ... Nun war es wirklich hohe Zeit geworden. Unter Beihilfe Vegesacks wurde die Gepäckexpedition schnell erledigt, und dann wallfahrtete man auf den Perron und suchte das Schlafcoupé auf. Es waren gerade noch fünf Minuten bis zum Abfahrtssignal. Maxe sprang noch einmal aus dem Wagen: jetzt sollte der Schlußkuß kommen. Auf dem ganzen Perron wurde geküßt. Die Schwestern kamen zuerst an die Reihe, dann der neue Schwager, der Maxe ein Paket Witzblätter unter den einen Arm und ein Paket Pralinés unter den anderen steckte. Auch Krempel machte eine Bewegung, als ob er auf einen Kuß hoffte. Aber Maxe begnügte sich mit einem Händedruck. Nein, Dionys bekam keinen Kuß. Damals in Zochin, in der Märchenkammer Pittelkos, da war es etwas anderes gewesen. Da hatte er sogar zwei Küsse empfangen, die ersten und letzten: nun konnte er von der Erinnerung zehren.

»Adjö, Dionys. Vergiß nicht das Schreiben.«

»Adjö, Maxerle. Ich vergesse nichts – nichts.«

Die Mama war die letzte. Gut, daß der Wirklichkeitssinn über das Fortwirken der Rührung siegte. Sie hielt ihr Jüngstes in den Armen und flüsterte ihr allerlei zu: »Zieh dich auch immer warm an ... besonders nach Sonnenuntergang. ... Und denke an das, was ich dir gestern abend gesagt habe.«

»Ja, Herzensmamachen, ich denke an alles.«

»Hast du dein Geld auch sicher? ... Bei der Zollrevision mußt du dabei sein. An die neuen Kleider habe ich überall alte Vorstöße nähen lassen; das sind also gebrauchte Sachen und kosten nichts. ... Und dann ...«

Sie wisperte ihr noch etwas in das Ohr. Maxe nickte. »Aber ich bin doch kein Kind mehr, Mutterchen ...«

»Einsteigen!« riefen die Schaffner. Die Türen klappten. Maxe trat an das Fenster ihres Schlafcoupés und gab allen noch einmal die Hände. Nun schimmerten ihre Augen. Sie sah nur noch das gute Mutterchen. Herrgott, war das ein Glück, daß man sich so gründlich in ihr getäuscht hatte! Elfriede hatte Beate einfach ausgelacht. ... Der Major stand in der Mitte; rechts am Arm hing Elfriede, links die Mama. Das Bild dieser hübschen Gruppe nahm Maxe mit in die Ferne.

Der Zug setzte sich in Bewegung. Tücherschwenken und Händewinken. Dann vernahm Maxe noch ein letztes Wort aus ihrer Mutter Munde.

»Grüße mir auch den Papa!« ...

Nun kam der Zug in sein Eiltempo. Maxe setzte sich und trocknete die Augen. Eine Lichterstadt huschte an den Fenstern vorüber. Draußen breitete das Dunkel sich aus. Es kroch mit schwarzem Gefieder über das Land.

Maxe hatte noch ein wenig geträumt. Jetzt erhob sie sich und brachte ihr Nachtzeug in Ordnung. Sie wollte sich bald niederlegen und schob die Coupétür zurück, um dem Schaffner ihre Billets zu übergeben und dann zur Ruhe zu kommen.

Im Wagengang standen zwei ältere Damen und schwatzten leise miteinander. Auf der anderen Seite sah Maxe auch den Schaffner; er sprach mit einem Herrn in grauem Reiseanzug, der ihr den Rücken zuwandte. Maxe blieb eine Zeitlang in der offenen Coupétür stehen, und als es ihr zu langweilig wurde, winkte sie dem Kondukteur. »Ich komme gleich,« rief dieser, und im selben Augenblick drehte sich auch der Herr in grauem Reiseanzug um und sagte mit rascher Verneigung:

»Guten Abend, gnädiges Fräulein. ... Das ist aber wirklich ein charmantes Zusammentreffen ...«

Er näherte sich und reichte ihr die Hand. Maxe war so erstaunt, daß sie anfänglich keine Worte fand. Sie wollte lächeln, aber ein Gefühl der Verärgerung stemmte sich dagegen.

»Wo kommen Sie denn so plötzlich her, Herr von Emmingen?« fragte sie endlich.

»Aus Berlin – direkten Wegs.«

»Das kann ich mir denken. Und wo wollen Sie hin?«

»Nach Pallanza, gnädiges Fräulein.«

Sie krauste die Lippe. »Ei, ei ... also auch?«

»Ja – auch. Das heißt, wenn Sie ...« Er sah sich um. ... »Wir dürfen hier nicht so laut sprechen. Dies Coupé ist noch frei ...« Er schob die Tür des nächsten Abteils zurück. ... »Treten Sie für fünf Minuten ein. Ich will Ihnen alles erklären ...«

Sie setzten sich in dem leeren Coupé einander gegenüber.

»Nun?« fragte Maxe.

»Ja ... also ... was soll ich Ihnen eigentlich erklären? Den Zufall dieses Zusammentreffens? Es war kein Zufall.«

»Wenn es Absicht war, erläutern Sie mir vielleicht den Grund dieser Absicht. ... Oder nein – lassen Sie es. Es ist nicht nötig. Sie sind Herr Ihres Willens und können selbstverständlich ebensogut nach Pallanza reisen wie ich – und auch zur gleichen Zeit. ... Sie haben mir nichts zu erklären, Herr von Emmingen. Wir hätten uns gar nicht erst hierher zurückzuziehen brauchen. Was wir uns sonst noch Gleichgültiges zu erzählen haben, hat ja Zeit bis morgen ...«

Sie wollte sich erheben. Aber Emmingen hielt sie mit einer Handbewegung zurück.

»Noch eine Minute, gnädiges Fräulein,« sagte er bittend. »Ich habe mich vorhin vor den Ihren absichtlich nicht gezeigt, um irrigen Deutungen – wenigstens unnötigen – vorzubeugen. ... Tatsache ist, daß ich schon vor einiger Zeit um einen Erholungsurlaub eingekommen bin. Ich hatte doppeltes Anrecht darauf, weil ich im vorigen Jahre nicht vom Schreibtische fortgekommen bin. Die Bewilligung des Urlaubsgesuchs ist gestern eingetroffen. Natürlich hätte ich auch morgen abreisen können – aber da gestehe ich unverblümt zu, daß es eine Lockung für mich hatte, Ihr Reisebegleiter sein zu dürfen. Bei Gott, ich freute mich auf Ihr Gesicht, wenn Sie mich sehen würden; ich hatte mir das so hübsch ausgemalt: Überraschung, Stutzen, Staunen – und in einem törichten Übermaß phantastischen Bildens setzte ich sogar einen leichten Ausdruck von Freude hinzu – natürlich einen minimalen –, immerhin einen Ausdruck der Freude ...«

Maxe lächelte schon wieder: es war wirklich nicht leicht, diesem netten Plauderer zu zürnen. Er hatte die hübsche Gabe, alles Unausgeglichene mit leichter Hand glatt zu streicheln und allem Unangenehmen die rauhe Außenseite zu nehmen. Und selbst, wenn er ironisierte, verlor die Liebenswürdigkeit seiner Natur sich nicht: der gute Dionys hatte ihn in seiner Eifersuchtswallung doch gar zu herbe beurteilt.

»Ich hatte mich geirrt,« sprach Emmingen weiter; »ich hörte auch sofort am Ton Ihrer Stimme, daß ein leichtes Grollen in Ihnen lebte. Ja, das hörte ich. Und da war ich denn eigentlich auf eine Explosion, einen vulkanischen Ausbruch gefaßt. Aber Gott sei Dank ist der Himmel rasch wieder blau geworden, und die Sonne bricht durch das Gewölk –«

»Kann sich aber ebenso rasch wieder verkriechen,« fiel Maxe ein. »Lieber Herr von Emmingen, ein ehrliches Wort. Ich bin nicht kleinlich genug, Ihnen etwas nachzutragen, was ganz gewiß nicht böse gemeint war. Natürlich nicht böse – aber unüberlegt, und das ist bei einem Mann Ihrer Korrektheit doppelt verwunderlich.«

»Dürfte ich untertänigst bitten, den Ausdruck korrekt in jedweder Formung vermeiden zu wollen, gnädiges Fräulein. Er ruft Idiosynkrasien in mir wach – wie bei anderen der Genuß von Krebsen und Erdbeeren. Er macht mich krank.«

»Schön –« und Maxe nickte. »Aber aussprechen will ich doch. Haben Sie sich nicht klargemacht, daß es auffallen muß, wenn man in Berlin erfährt, Sie seien mir nachgereist? Was sollen denn die Leute davon denken! Sie setzen sich vielleicht darüber hinweg, aber mir –«

»Pardon – einen Einwurf. Sie legen den Ton auf das Wort nachreisen –«

»Mitreisen ist richtiger.«

»Gut – mitreisen. Es kommt auf das Wort nicht an. Man weiß vorläufig nur, daß ich abgereist bin. Mein Freund Brökelmann ist der einzige, dem ich mich anvertraut habe.«

»Was haben Sie ihm anvertraut?«

»Alles. Ja, das gestehe ich unumwunden, gnädiges Fräulein. Wir sind in letzter Zeit so etwas wie Orest und Pylades geworden oder irgendeine andere große Firma auf dem Gebiet der Freundschaft. Wir haben uns ausgesprochen. Zochin gab den Anfang. Da schlugen die Blitze ein – und da hat er mir auch erklärt, daß er schrecklich verliebt sei.«

»Wer? Brökelmann?«

»Jawohl: Brökelmann.«

»In wen?«

»In Fräulein Beate.«

Maxe schlug die Hände zusammen. »Herrgott! ...« Und Beate hat keine Ahnung –«

»Das ist auch ganz gut so.« ... Emmingen strich mit der Hand durch die Luft. ... »Brökelmann war schon nahe daran, um Fräulein Beate anzuhalten. Aber er ist ein merkwürdiger Mensch! – von einer erstaunlichen Unmittelbarkeit. Ich möchte sagen, er hat kein psychisches System, sondern nur Wecklaute. Kaum hatte er Ihre Frau Mutter kennengelernt, so drängte sich ihm mit unwiderstehlicher Gewißheit die Überzeugung auf, daß Fräulein Beate nur ein Transparent für die Frau Mama gewesen sei: daß er nicht Beate liebe, sondern die Mama.«

Maxe machte ein unbeschreibliches Gesicht. »Halt!« rief sie. »Einen Augenblick – ich komme nicht so schnell mit ...« Sie schüttelte den Kopf. ... »I Gott bewahre, ist das eine verwickelte Geschichte ...« Dann aber ging der Ausdruck einer ungestümen Freude über ihr Gesicht. ... »Jedenfalls also,« fuhr sie fort, »ist das Resultat die unumstößliche Tatsache, daß der Kommerzienrat Brökelmann in die Mama verliebt ist. Nicht wahr?«

»So ist es. Das kann ich beeidigen. Es liegt sogar die Wahrscheinlichkeit nahe, daß er mir schon in den nächsten Tagen mitteilen wird, wie seine Werbung abgelaufen ist.«

Die Freudenstimmung auf dem Gesicht Maxes zerflatterte ein wenig. »Wenn er nun einen Korb bekommt?« sagte sie kleinlaut.

»Ich glaube nicht, daß ihn das abschrecken würde, gnädiges Fräulein. Ich sagte schon: seine Psyche ist ein bißchen undiszipliniert. Aber wenn einmal die Wecklaute eintreten, bleiben sie stürmisch und klingeln drauf los, ohne sich leicht abstellen zu lassen. ... Er würde es noch einmal versuchen – und immer wieder. ... Er würde nicht locker lassen. Vielleicht rechnet er auch mit dem Eintritt eines Ermüdungszustands und mit einer gewissen Gutmütigkeit seitens Ihrer Frau Mutter. Ich meine, mit der Möglichkeit, daß sie ihn schließlich heiratet, um seine Werbungen loszuwerden ...«

Maxe versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. Es war quirlig in ihrem Kopfe geworden. »Komisch,« sagte sie. »Also Beate ist endgültig aufgegeben?«

»Jawohl. Sie war, wenn ich mich so äußern darf, nur Durchgangsstation. Brökelmann hat dafür etwas mystische Erklärungen, auf die ich nicht weiter eingehen will. Die Wahrheit ist wohl, daß er sich über sein Empfinden anfänglich nicht völlig klar geworden ist und daß ihm schließlich die gnädigste Mutter besser gefallen hat als das Fräulein Tochter.«

Maxe streckte Emmingen die Rechte entgegen. »Geben Sie mir die Hand,« sagte sie, »wir wollen uns wieder vertragen. Ich gestehe offen, daß wir drei Schwestern den lebhaften Wunsch haben, unsre Mutter wieder unter der Haube zu sehen. Und gerade der Kommerzienrat bietet alle Garantien für eine Ehe – ich möchte sagen –«

»In glücklicher Geruhsamkeit,« fiel Emmingen ein. »Ja, das bietet er. Er ist au fond eine prachtvolle Natur. ... Gnädiges Fräulein, ich bin sehr glücklich, daß Sie mir nicht mehr böse sind. Und nun bitte ich nur noch um eins. Ich habe in der Tat die Absicht, vorläufig in Pallanza Station zu nehmen und will mich da im Grand Hotel einlogieren. Sagen Sie mir ganz ehrlich, ob Ihnen das recht ist. Ich würde natürlich Ihrem Herrn Vater meine Aufwartung machen und mir gelegentlich anzufragen erlauben, ob Sie zu einem Spaziergang oder einem Ausfluge Lust haben – würde Ihnen aber keinen Augenblick Gelegenheit geben, meine Anwesenheit als eine Art Last zu empfinden. ... Und wenn Sie meinen, daß es doch – nun also, daß es besser sei, meinen Wanderstab gleich weiterzusetzen, so würde ich mich auch diesem Befehle fügen. Ohne weiteres – ja, das würde ich....«

Maxe zuckte mit den Achseln. »Herr von Emmingen, es handelt sich ja doch nur um das Gerede der Leute,« erwiderte sie. »Vielleicht wird auch Papa etwas verwundert sein, daß ich gleich mit einem Reisemarschall bei ihm antrete. Aber wir haben ja immer die Ausrede eines angenehmen Zufalls. Also bleiben Sie nur. Und nun gestatten Sie mir, daß ich die Stelle suche, da mir das Bettlein steht. Morgen mehr. Wir haben noch genügend Plauderzeit vor uns. Gute Nacht...«

Sie verabschiedete sich. Auf dem Korridor wartete der Schaffner und bat um die Billets. Er war diskret genug gewesen, die Unterhaltung der Herrschaften nicht zu stören.

»Lieber Dionys!

Also nun gib acht: ich werde chronologisch zu Werke gehen und dabei meine Tagebuchnotizen zu Rate ziehen. Das kann ich tun, ohne in Verlegenheit zu kommen; wenn ich an die Mama schreibe, muß ich sie mit größerer Vorsicht benützen. Gründe folgen später.

Papa wollte mich in Laveno erwarten. Ich stand schon von Bellinzona ab am Fenster und schaute auf den See hinab, aber ich kann Dir versichern, daß mich alle Schönheiten Oberitaliens ziemlich kühl ließen und ich mich beim ersten Lorbeer höchstens darüber wunderte, daß er so lackiert aussah, und daß ich bei der ersten blühenden Myrte nicht einmal an Mignon gedacht habe. Mir war keineswegs poetisch zumute. Mir war sogar etwas bänglich: ich hatte eine gewisse Angst vor dem Zusammentreffen mit Papa. Ich fragte mich immer: woran soll ich ihn erkennen? Als ich ihn zum letzten Male gesehen, war ich noch ein Kind. Aus dieser Zeit stammt auch das große Ölbild, das ihn im Sportdreß darstellt. Inzwischen aber konnte er ein ganz anderer geworden sein.

Emmingen hatte – – ja richtig, da muß zunächst eine Erklärung vorangehen. Denke Dir mein Erstaunen, als ich Herrn von Emmingen im Zuge traf! Er hat einen kleinen Nervenklapps und will an den Seen Erholung suchen. Tat natürlich glückselig, als er mich vorfand, raspelte eine große Menge Süßholz, gab sich aber bei den Zollrevisionen wie im Speisewagen und auch sonst als gefälliger Freund. Nur eine große Sorge beschlich ihn anfänglich: daß man vielleicht glauben könnte, er habe mit geflissentlicher Absicht denselben Tag der Abreise und den gleichen Zug wie ich gewählt. Das fiel dem korrekten Manne schwer aufs Herz, weil er, wie er sagte, immer vermeide, dem Götzen On dit Futter zuzuwerfen – und ich bitte Dich deshalb dringend, etwaigen albernen Anspielungen mit Energie entgegenzutreten.

Also, wo war ich stehengeblieben? Ich gehe ein paar Zeilen zurück und stelle den Anfang des vorigen Absatzes noch einmal hierher. Emmingen hatte neben mir Posto gefaßt und gab sich regelrechte Mühe, alle Weisheit des Bädeker über mich auszuschütten. Hatte aber kein Glück damit. Sogar die Seefläche, die er nach Quadratkilometern zu nennen weiß, interessierte mich nicht. In Luino stieg mit viel Geräusch und unendlichem Schnattern ein Schwarm von Engländern und Engländerinnen ein, die über den See gekommen waren und mit denen Emmingen sofort Krakeel anfing, weil sie den Korridor überfluteten und uns von unserm Platze zu drängen suchten. Da er ein sehr gutes Englisch spricht, so hielt man ihn wohl für einen Landsmann, und nun kam es zwischen ihm und einem vornehm aussehenden älteren Herrn zu einem lebhaften Duo, weil dieser Herr beständig durch die Korridore wandelte, in alle Coupés schaute, sämtliche Damen beäugte und sich nach Möglichkeit mißliebig machte. Emmingen war wütend auf ihn, und als der Herr auch unser Coupé öffnete und sich anscheinend für unser Handgepäck zu interessieren begann, da wurde er grob und verbat sich das. Der Herr antwortete gar nicht, sondern tippte nur mit den Fingern auf mein Köfferchen, und zwar auf die aufgemalten Buchstaben M.v.G., und fragte kurz: »Wer sitzt hier?« – »Wir,« schrie Emmingen zurück, »diese Dame und ich! Wir haben Platzkarten und Anspruch aus unsre Plätze. Nummer sieben und acht.« Immer auf englisch. Nun aber, Krempelius, ereignete sich eine Seltsamkeit. Der Herr starrt mich an, faßt mich an den Schultern, und plötzlich fühle ich, daß ich blaß werde. Er starrte mich an, aber es waren die Augen Elfriedes, die mich so anstarrten: Elfriedes Augen! – Im selben Moment hatte Emmingen den Herrn schon zurückgestoßen; er war wie ein junger Löwe, der seine Brut bedroht sieht, und wollte eben losdonnern, als der Herr in ruhigem Tone auf deutsch sagte: »Lassen Sie gefälligst Ihre Torheiten. Diese Dame ist meine Tochter.«

So, Dionysos, war unser Wiederfinden. Papa war in einem Boot von Pallanza nach Luino gefahren, um mich hier aufzulesen. Er zog mich in das leere Coupé und küßte mich ab – und draußen blieb der arme Emmingen stehen: nicht mehr wie ein junger Löwe, sondern, achherrjeh, höchstens wie ein begossener Pudel. Mir selbst aber war zumute, als sei ich versehentlich in die Arme eines wildfremden Menschen geraten. Wahrhaftig, lieber Freund, ich mußte mich erst an den Gedanken gewöhnen, in diesem vornehmen älteren Herrn, der auch eine zufällige Reisebekanntschaft hätte sein können, meinen Vater zu sehen. Ich gab mir natürlich Mühe, seine Herzlichkeit zu erwidern, aber es wurde mir nicht so leicht. Seine Küsse, mit denen er nicht kargte, machten mich erröten, und wenn er zärtlich die Arme um mich schlang, hatte ich das Gefühl, als müsse ich mich dagegen wehren. Nachher hat sich das alles sehr rasch gegeben, aber zuerst war der Widerstand groß. Ich suchte heimlich in seinem Gesicht nach Ähnlichkeiten mit seinem großen Ölporträt, ohne sie finden zu können. Natürlich kann das Täuschung sein; vielleicht hat er sich gar nicht so verändert; aber das muß ich sagen: es dauerte doch geraume Zeit, ehe ich das ganz Fremde überwand und das Bewußtsein, sein Kind zu sein, in mir in Fluß kam. Seine Augen bildeten die erste Brücke: Augen, wie sie Elfriede hat, aber nicht so energisch im Ausdruck und immer voll kleiner weicher Affekte. Sehr schöne Augen, von denen ich mir recht wohl denken kann, daß sie dermaleinst mannigfach betört haben, ohne bezwingende Kraft, aber verlangend und heischend und sozusagen umfassend (besser wohl noch, einwickelnd, wenn das nicht respektlos klingt).

In Laveno wurden wir wie Fürstlichkeiten empfangen. Galonierte Diener (Genander mit seiner alten Livree kann sich begraben lassen) sprangen an den Zug und schoben eine Treppe an unsern Wagen. Papas helle Stimme schrie Befehle, und die Rücken krümmten sich; der Bahnhofsvorsteher salutierte, die Mützen flogen von den Köpfen, alle Welt grüßte untertänigst. Nun wußte ich gleich: Papa spielt am Maggiore die Rolle eines geheimnisvollen Krösus (und er spielt sie wundervoll: halb Monte-Christo, halb Lord Ashburnham). Eine Equipage, Polster gris-perl, hannöversche Füchse, gelbes Riemzeug mit Silberbeschlag, weiße Leinen, brachte uns zum Hafenplatz. Neue Aufregung; Matrosenaufmarsch; Salut der Ruderer; Brüllen der Facchini. Man geleitete die Königstochter zu einer großen Barke, und Cleopatra nahm Platz. ... Krempelio mio, ich kam mir ganz verwunschen vor. Aber auch verschüchtert und eingeengt. Das Allzumenschliche in seiner begrenzten Einfachheit verkroch sich. Ringsum Theater, und ich ein fast erschreckter Zuschauer voll grenzenloser Naivität.

Dann fiel mir Emmingen ein. Der arme Kerl war plötzlich abgesetzt; Papa hatte ihn mit vollendeter Höflichkeit irgendwo stehenlassen. Zwischen streitenden Facchini sah ich noch einmal sein Monokel schimmern. Adjö, Herr von Emmingen! Ich winkte mit dem Handschuh; aber er bemerkte mich nicht mehr.

Pallanza. Blauer See, Borromeische Inseln, Alpendekoration, Monte Rosso, San Bernardino, Mischabel, Fletschhorn. Siehe Bädeker. Die Villa Esperanza mit einem prachtvollen Garten bis an das Ufer heran; zwischen Magnolien die Reste eines antiken Badebassins; überall weiße Statuen – viel zu viel Götter. Eine Passion meiner unbekannten Stiefmutter. Sie suchte immer nach Göttern, und sie liebte den kühlenden Marmor, weil sie immer fieberte. Die Villa nicht groß, aber vollgepackt mit allerhand Kunstschätzen. Ein paar Sarkophage, Mosaiken, Kirchengeräte aus alter Zeit; Romanisches; Byzantinisches; Gothisches; ein Relief Luca della Robbias, ein David Verrocchios. Dazwischen ein Zimmer mit mexikanischen Götzenbildern: schauderhaft. Der Papa entschuldigt sich: er weiß nicht, wo er mit den Sachen hin soll. Da hat er dies unkultivierte Museum geschaffen, eine Übergangsstation, die ihn selber ärgert. Aber was nach dem Übergang kommen wird, weiß er auch nicht.

Ich bin über alle Scheu hinaus. Allmählich finde ich, daß er dem Bilde meiner Phantasie doch zu ähneln beginnt. Anfänglich erschien er mir in der sorgfältigen Adjustierung seines Äußern, in der Pflege seiner Persönlichkeit und der Kultur seines Ich wie ein Beau aus der alten Schule. Für diesen Typus schwärme ich nicht, weil er gar zu leicht die Grenzlinien der Karikatur streift, zum mindesten die einer unmännlichen Gefallsucht. Aber bei dem Papa bleibt das Übertreibende doch im Hintergrunde. Ein gewisses Training hält richtiges Maß. Er ist ganz grau geworden, bei einem rosigen Gesicht mit fast weißem Schnurrbart. Ist auch noch immer ein sehr hübscher Mann: schlank und elastisch, ausdauernd im Laufen, Reiten, Rudern, körperlich famos geschult und geistig von großer Lebendigkeit. Aber zuweilen merkwürdig zerfahren und abirrend, und dann zeigt er auch Müdigkeit. Oder vielleicht ist das nicht Müdigkeit, sondern nur eine Unlust am eigenen Wesen. Es fehlen ihm in diesem Stadium die Hilfen zum Emporschnellen, oder es ist ihm zu langweilig, sie zu nützen.

Jedenfalls ist er zu mir von einer rührenden Gutherzigkeit und dabei in seiner ganzen Art so ritterlich, daß ich mir zuweilen sage, die Dame in mir (nicht Weib, sondern Dame) stehe ihm höher als die Tochter. Meine drei Zimmer hat er neu einrichten lassen. Es sind die, die meine Stiefmutter bewohnte; doch von ihrem früheren Mobiliar ist nichts zurückgeblieben. Es hätte mich ganz gewiß nicht gestört; aber ich nehme an, daß es der Feinfühligkeit Papas nicht entsprach, mich in einem Milieu unterzubringen, das in mir vielleicht unbequeme Erinnerungen wachrufen konnte. Andererseits spricht er, wenn ein Zufall zum Vermittler wird, durchaus offenherzig von der Verstorbenen und stets liebevoll und in freundschaftlichem Gedenken. So übrigens auch von der Mama. Er sagt nicht anders als Mama, wenn er ihrer erwähnt, und das tut er oft. Er fragt mich gehörig aus und möchte beispielsweise von Hartwig viel mehr wissen, als ich ihm erzählen kann. Ärgerlich war er nur über den Verkauf von Zochin an den Kommerzienmelker. Sein altes Zochin hätte er am liebsten selbst wieder zurückgekauft. Er denkt daran, sich in Deutschland festzusetzen und bekommt unzählige Briefe von Güteragenten. Aber, wie gesagt, er weiß wohl noch nicht recht, was er eigentlich möchte. Vorläufig brennt er darauf, auch Beate und Elfriede bei sich zu haben: auf diesen Wunsch soll ich die Mama langsam vorbereiten.

Die Tage vergehen schnell. Es kommt mir alles noch etwas traumhaft vor, und manchmal fühle ich mich ganz als Märchenprinzessin. Nur habe ich (unter uns, heiliger Krempel) schon jetzt zuweilen das Empfinden, daß dies Leben blauer Faulheit auf die Dauer doch nicht zu ertragen sein wird. Prachtvolles Wort, daß Reichtum allein nicht glücklich mache! Es streichelt den Plebs und ist dabei nicht einmal Lüge. Der Reichtum kann auch etwas Lästiges haben. Zum Exempel: der Troß der Dienerschaft in der Villa Esperanza ist durchaus nicht nach meinem Geschmack. Wohin man den Fuß setzt, stößt man auf lungernde Leute. Eine Zofe, ein Stubenmädel und eine Jungfer (letztere spielt ehrenhalber die Prim in dieser Sinfonia Domestica) sorgen dafür, daß ich rein nichts zu tun habe und jeglicher Kraftentwicklung meinerseits der Boden entzogen wird. Manchmal sehne ich mich förmlich danach, mir eigenhändig ein Band annähen zu dürfen. Aber wenn ich nach einer Nähnadel klingeln wollte, würde mein Dreigestirn mir das Band mit dem entsprechenden Zubehör einfach wegnehmen und die Geschichte selber besorgen. Das Stubenmädel ist Italienerin, die Jungfer Schweizerin, die Zofe stammt aus Welschtirol. Der Reitknecht ist Engländer, Papas Sekretär ein geborener Schwede, und in der unteren Region kriecht auch noch ein altes, schnurrbärtiges Weib namens Pacchita herum: eine Mexikanerin, ich glaube, die ehemalige Amme meiner Stiefmutter. Papa braucht dies massenhafte Gesindel gar nicht. Er arbeitet an den Vormittagen mit seinem Sekretär und diktiert Briefe in allen Kultursprachen; die Erbschaftsregulierung nimmt ihn noch immer in Anspruch und sonst tausenderlei. Jedenfalls hört man in den Vormittagsstunden in seinem Arbeitszimmer ständig seine diktierende Stimme. Aber nach der Collazione widmet er sich mir. Da kommen die Plauderstunden im Garten: sehr hübsch, Dionys. Ich in der Hängematte, Zigaretten rauchend; er daneben im Schaukelstuhl, dito rauchend, und zwar viel und unheimlich lange Zigarren, die er immer wieder ausgehen läßt. Dabei erzählt er, und was ist er für ein charmanter Plauderer! Es ist eine Freude, ihm zuhören zu können. Er wird gern einmal sprunghaft und kommt von Zochin auf Queretaro und von der Regentenstraße auf die Riva degli Schiavoni, aber er ist immer unterhaltend, und es liegt so viel Politur in dem, was er sagt, so ein gewisser schmeichlerischer Glanz, ein bestechender Weltschliff. Er nennt sich selbst einen alten Bummler, der vor geregelter Arbeit stets eine unüberwindliche Scheu gehabt habe; trotzdem: er ist doch ein Mensch von seiner Individualität, ohne geordnete Ruhe, immer voller Bewegung, aber dabei von einer Lebensumspannung, die (ich will mal so sagen) ihre ethischen Reize hat.

Dann kommen die Ausflüge. Wir reiten spazieren, wir fahren, wir kraxeln, wir rudern. Wozu braucht der Papa die Horde von Domestiken? Es kommt vor, daß er seinen Gaul selber sattelt; er fährt mich im Dogcart und nimmt nicht einmal den Boy mit, weil ihm der Bengel zu helle Ohren hat; er hat immer ein halb Dutzend Ruderer zur Verfügung (die auch Ständchen singen können), aber er rudert mich am liebsten allein auf den See hinaus. Gestern haben wir den Sasso del Ferro erstiegen: eine Tagespartie, die mich ein bissel ermüdete. Das machte ihm gar nichts. Und überall kennt man ihn; wenn man vom Signore Barone spricht, meint man ihn.

Eine üble Sache ist es mit Emmingen. Papa ist nicht gut auf ihn zu sprechen. Er kann ihm sein Benehmen auf der Eisenbahn nicht verzeihen, obschon Emmingen sich in höflichster, auch herzlichster Weise entschuldigt hat. Ich glaube, Papa ist ein bißchen eifersüchtig. Der fremde Mann paßt ihm nicht. Ähnlich ist es mit Hartwig. Es macht fast den Eindruck, als ob er sich etwas zurückgesetzt fühle, daß man bei ihm der Verlobung wegen nicht erst angefragt habe. Und das ging doch nicht an, weil sich sonst die Mama in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu ihm begeben hätte, das weder rechtlich noch moralisch existiert. Aber zuweilen tut er so, als sei er nach wie vor das Familienoberhaupt – versteh mich recht: nicht etwa in schroff betonender Weise, sondern mit einer Selbstverständlichkeit, die jeden Widerspruch von vornherein ausschließt.

Und nun addio, Dionysischer. Bald mehr.

Deine Maxe.«

Es gab ein Gemach in der Villa Esperanza, das Maxe noch nie betreten hatte: das Arbeitszimmer ihres Vaters. Eines Sonntags vormittags, als sie wußte, daß Herr Holm, der Sekretär, nicht da war, klopfte sie, einen Brief in der Hand, an die Tür dieses Kabinetts.

»Herein,« rief die Stimme Göchhusens. Er saß an seinem Schreibtisch vor einem Haufen von Aktenstücken, aus denen er Auszüge machte, erhob sich aber beim Eintritt seiner Tochter.

»Stör' ich dich, Papa?« fragte Maxe.

»Keineswegs.«

Sie lächelte. »Ich sehe so ein paar Fältchen auf deiner Stirn. Jedenfalls komme ich dir überraschend. Bis in dieses Heiligtum habe ich bisher noch nicht vorzudringen gewagt.«

»Vorenthalten wollte ich es dir nicht. Aber ...« er zögerte einen Augenblick ... »ich hätte vielleicht ein anderes Arrangement getroffen, wenn mir dein Besuch angemeldet worden wäre ...« Damit deutete seine Hand auf ein großes Porträt an der Wand und wies dann im Bogen auf eine Anzahl eingerahmter Photographien, die auf dem Schreibtisch und auf den Wandgesimsen verteilt waren.

»Wanda?« fragte Maxe. Sie wählte immer den Vornamen, wenn in der Unterhaltung von der zweiten Gattin ihres Vaters gesprochen wurde.

Er nickte und schob in leichter Verlegenheit die rechte Schulter ein wenig in die Höhe. »Ich fürchtete, diese Galerie könnte vielleicht ein – ein – leise peinliches Empfinden in dir auslösen, Maxe. ... Es ist nicht dasselbe, ob wir Wanda gelegentlich erwähnen, was sich ja auch nur unter einem gewissen Zwange vermeiden ließe – oder ob du sie im Bilde vor dir siehst.«

»Es ist immer deine Frau, Papa. Ich weiß auch, wie sehr sie gelitten hat – und ich will dir noch etwas sagen. Mama hat nur selten von ihr gesprochen – aber in den letzten Tagen, als es abgemacht war, daß ich zu dir kommen sollte, geflissentlich häufiger. Und nie anders als mit warmem Mitgefühl – und auch mit Respekt. Ich habe dasselbe Empfinden.«

»Ich danke dir.« ... Er rollte ihr einen Sessel in die Nähe des Schreibtisches, aber sie blieb noch vor dem großen Bilde stehen und schaute es sinnend an.

»Sie muß sehr schön gewesen sein,« sagte sie.

»Das war sie, Maxe. Und ihre Schönheit ... setz' dich, Kind ... ja, du lieber Gott, warum soll ich nicht offen mit dir sprechen ... ihre Schönheit war auch der erste Anreiz, den sie auf mich ausübte.«

»Wenn ich ein Mann wäre – ich glaube, sie hätte mich ebenso entzücken können. Das Fremdartige ihrer Erscheinung muß ein erhöhender Reiz gewesen sein.«

»Jedenfalls deckte es verschiedene Disharmonien ihrer Schönheit, wie den zu kleinen Mund und die nicht hoch genug gelegenen Brauen. Aber ein durchaus harmonisches Kunstwerk der Natur gibt es ja nicht; es ist immer die Verbindung der Einzelheiten zum Ganzen, die den Eindruck schafft. Und die Gesamtheit der Erscheinung war bei Wanda in der Tat bewundernswert. Das Ölporträt ist im Jahre unsrer Hochzeit entstanden. Es war das einzige Mal, daß sie sich malen ließ, und das tat sie auch nur ungern. Sie hatte keine Ruhe zum Sitzen – bis ihr Leiden sie schließlich ganz an Rollstuhl und Bett fesselte. Das da drüben sind ihre letzten Bilder, die ich selbst aufgenommen habe ...« Er deutete auf zwei Photographien in Silberrahmen: geisterhafte Gesichter mit großen dunkeln Augen, die schon in die Ewigkeit zu blicken schienen.

Maxe fühlte ein leichtes Erschauern: der Vater hatte sein zweites Glück teuer erkaufen müssen. »Arme Frau,« sagte sie unwillkürlich. »Aber auch du, Papa ...«

Er winkte abwehrend, als wisse er, was sie äußern wollte. »Maxe, ich konnte darauf vorbereitet sein. Sie hatte mir schon lange vor der Hochzeit gesagt, daß die Empfindlichkeit ihrer Lungen sie zu dauerndem Aufenthalt im Süden zwingen werde. Ich habe auch selbst mit ihrem Arzt gesprochen. Ich wußte also alles.«

»Und trotzdem –«

»Trotzdem heiratete ich sie. ... Liebe Maxe, es ist ganz gut, daß wir uns einmal darüber aussprechen. Ich will auch nichts beschönigen; du sollst ganz klar sehen können. ... Sie fuhr wie ein Meteor in meine Lebenskreise. ... Mein Gott, ich war ja nie eine in sich geordnete Natur. Ich möchte sagen, ich steckte immer voller Versuche; immer in Übergängen, immer in Bewegungen, die durchaus nicht allzeit vorwärts führten. Die Rastlosigkeit lag mir im Blute. Es gab für mich keine festen Punkte, sondern nur Anweisungen auf die Zukunft. Ein Spiel mit interessanten Möglichkeiten; Temperamentsfragen und hübsche Konflikte; einen ewigen Start, keine Ziele. O ja, ich habe allmählich gelernt, mich selbst zu beurteilen. ... Aber siehst du, ich lüge nicht, wenn ich dir sage, daß ich doch auch sehr glücklich mit der Mama gelebt habe. Das Respektieren der gegenseitigen Eigenheiten schloß tiefergehende Dissonanzen aus. Und dann lag in ihrem Wesen bei starker Lebenslust das Glück des Sichfügenkönnens.«

»Heute noch,« warf Maxe ein und sah das frische Gesicht ihrer Mutter vor sich.

Herr von Göchhusen neigte den Kopf. »Ja,« fuhr er fort, »das war wohl ein Glück, die Begabung rascher Überwindung, vielleicht auch des Wegdeutens – aber es zog dennoch ein Übel nach sich. ... Damals hätte ein energischer Widerstand mir zuweilen nützen können, denn ich war leicht zu leiten. ... Und wie nun so plötzlich Wanda zwischen uns trat und der große Aufruhr kam – natürlich mit Stürmen, die alles durcheinanderfegten – da ... fand die Mama doch auch nicht Kraft genug, mich festzuhalten. ... Ganz gewiß: ich war wie berauscht und mag ein starkes Pathos gefunden haben wie immer, wenn ich zwischen Problemen stand – aber eine kühle Abwehr hätte doch vielleicht meinen Willen brechen können. Das geschah nicht. Nie Nachgiebigkeit war zu sehr Gewohnheit geworden. ... Maxe, das alles sind natürlich keine Vorwürfe für die Mama.«

»Ich verstehe dich schon. Sorge dich nicht: ich verstehe.«

»Nun ja – und so vollzog sich denn alles, wie es kommen mußte. Ich ging meinem Bilde nach. ... Nun kannst du fragen, ob ich glücklich geworden sei. Sie jedenfalls –« und er zeigte auf das Porträt über dem Schreibtisch – »hat alles getan, was in ihrer Macht stand, mich glücklich zu machen, denn sie hatte mich sehr lieb. Aber, Maxe, die Macht ihres Glücklichmachens hatte Schranken. Ihre Krankheit war das Äußerliche; sie steigerte auch ihre Launenhaftigkeit. Der Fundus ihres Wesens war ein kapriziöses Durcheinander. Sehr pikant, aber auf die Dauer ... Sie war ein seltsames Mischblut, Maxe. Vielleicht ...«

Er stützte den Kopf auf die Hand und schwieg. Eine tiefe Schwermut lag auf seinem Gesicht. Maxe hatte schon öfters bei ihm urplötzliche Übergänge von heiterstem Frohmut zu erschlaffender Melancholie beobachten können: Rückwirkungen der Vergangenheit, die wie ein plötzliches Wetter kamen.

»Lassen wir das Thema, Papa,« sagte sie; »ich sehe, es regt dich auf.«

»Nein. Im Gegenteil, es tut mir wohl, mich aussprechen zu können. Aber die Nerven sind nicht mehr die alten. Das wird sich geben – es ist schon viel besser geworden. In Mexiko hat mich das Fieber gepackt – das zupfte noch mehr als die Erinnerung. ... Also – du weißt noch nicht alles. Ihr habt ja wenig genug von mir zu hören bekommen. Die Eifersucht Wandas galt immer nur dem Vergangenen, galt nur euch. Und ich wollte Ruhe haben. ... Sie hat mir auch ein Kind geboren.«

Maxe schaute befremdet auf.

»Ja, Maxe. ... Auf San Angelo in Venedig liegt es begraben. Es kam tot zur Welt. Und von da ab war auch das Leben Wandas nur noch ein langsames Sterben. ... Vielleicht wäre es besser gewesen, wir hätten uns nie kennengelernt. Weißt du, daß mir meine Ehe mit ihr manchmal wie ein Intermezzo zwischen Träumen und Wachen erscheint? Wenn ich daran denke, reicht alles in eine unendliche Ferne zurück. Es fehlen die Farben. Es zieht so wie Nebelbilder an mir vorüber. Es ist ein quälender Zustand. Ich hoffte, Mexiko würde mir Ablenkung bringen – deshalb fuhr ich hinüber. Aber die guten Verwandten ... ekelhaft! – Und nun kam in meiner großen Verlassenheit die Sehnsucht nach euch. Du glaubst gar nicht, wie dankbar ich dir bin, daß du einen so raschen Entschluß gefaßt hast. Ich fühle, daß ich allgemach wieder der alte werde ...« er lächelte gutmütig ... »nicht der alte, den die Mama noch kennt – dazu hat mich das Leben doch allzu scharf unter die Schere genommen ... aber die Daseinsfreude kommt langsam zurück – und so ein Erheben über unfreiwillige Knechtschaft ...«

Er achtete jetzt erst auf den Brief, den Maxe noch immer in der Hand hielt.

»Was bringst du mir da?« fragte er.

»Einen Herzenserguß Elfriedes, Papa. ... Es ist eine etwas heikle Geschichte – und ich sollte dich eigentlich schonend vorbereiten. Aber ich bin nun mal draufgängerischer veranlagt und halte es in diesem Fall auch für zweckmäßiger. ... Es handelt sich um die Mitgiftfrage.«

»Aha. ... Mein Freund Hartwig ist eigentlich ein Idealist. Aber er hat doch auch Lebensweisheit. Der Weg zum wahren Glück ist immer mit Goldstücken gepflastert. Eine gute Mitgift ist nie eine Daseinsbeschwerung.«

Maxe lachte. »Die Aphorismen lassen sich bequem fortsetzen, Papa,« sagte sie. »Raum ist in der kleinsten Hütte, aber es muß eine Garage dabei sein. Wer den Schwiegervater nicht ehrt, ist seines Mammons nicht wert. Auch das Auge des Verliebten schielt nach der Mitgift. Und so fort. Meinetwegen will ich dir recht geben: mit dem Idealismus Woldemars verbindet sich ein gesunder Sinn für die Praxis. Er will wieder in die Aktivität. Die Infanterie nimmt ihn nicht. Bleibt nur noch das hohe Roß. Das kostet gleich Geld. Aber vom hohen Roß möchte er auch wieder herunter und als Militärattaché in das Ausland.«

»Kostet noch mehr Geld.«

»Das wollte ich nicht laut sagen, aber es ist schon so. Was Elfriede betrifft, so sieht sie ihren Bräutigam bereits in Kürassieruniform. Und dahinter Notre Dame de Paris oder das Goldene Horn oder das Weiße Haus in Washington. ... Nun ist die Frage noch nicht völlig geklärt, ob wir drei Mädchen bei unsrer Verheiratung Anspruch auf das Vermögen haben, das du der Mama ausgesetzt hast.«

»Das ist insofern geklärt, als die Mama mit ihrem Gelde machen kann, was sie will. Ich glaube aber auch, daß mein Vertrag mit ihr gewisse Erbschaftsbestimmungen enthält. ... Gleichgültig. Mag sie für die Ausstattung Elfriedes sorgen. Die Mitgiftfrage soll meine Sache sein. Notabene, ich gebe vorläufig nur eine Rente. Immerhin, die beiden werden zufrieden sein. Ich habe genug.«

»Ich weiß es, Papa ...« Maxe zerknitterte den Brief und wurde ein wenig unruhig. ... »Verzeihe mir eine vielleicht törichte Frage,« fuhr sie fort. »Auch Elfriede kommt darauf zurück. Haben wir Kinder irgendein Anrecht auf die Hinterlassenschaft Wandas? – Bitte noch eins, ehe du antwortest. Der Ausdruck Anrecht ist vielleicht schlecht gewählt. Wanda soll reich gewesen sein. Aber ... Gott, Papa, sie war doch eine Fremde für uns! Elfriede meint, es würde für Hartwig ein schrecklich peinliches Bewußtsein sein, wenn er erführe –«

»Daß er in Paris oder Washington oder Konstantinopel von dem Gelde einer Frau lebe, die er nie gekannt hat. ... Schrecklich! Liebste Maxe, laß dir doch nichts vorreden. Weder von Hartwig noch von Elfriede. Das klingt alles prachtvoll – ein Ausdruck vornehmster Denkart, noch dazu auf den Präsentierteller gelegt und mit hübschen Floskeln garniert – so ein sentiment à la jardinière. Aber was heißt es denn eigentlich? Nimm einmal an, Wanda wäre in einer Stunde ihrer Launenhaftigkeit auf die Idee verfallen, euch dreien, euch, meinen Kindern, ihr gesamtes Vermögen zu hinterlassen, über das sie ja freie Verfügung hatte. Würdet Ihr da der Erbschaft entsagt haben? ... Macht euch doch nicht lächerlich! Es wäre eine Eselei gewesen, wenn Ihr nicht mit allen Fingern zugegriffen hättet. Und ich versichre dich, daß euer feinfühliger Herr Major in solchem Falle mit überraschender Schnelligkeit seine halbe Verneinung in eine kräftige Bejahung umgewandelt haben würde.«

»Papa, mir scheint, du beurteilst Hartwig doch nicht ganz richtig. Du hast irgend etwas gegen ihn.«

»Durchaus nichts. Ich kenne ihn sehr gut. Er hat viel Glänzendes – äußerlich und innerlich. Aber er kokettiert zuweilen mit Wertungen, die bei Licht besehen gar keine sind. ... Vor allen Dingen möchte ich euch bitten, euch allesamt: wenn Ihr schon meine arme Wanda in die Debatte zieht, so betrachtet sie auch als das, was sie gewesen ist!« ... Er sprang auf und trat an seinen Geldschrank. ... »Mein eigenes Vermögen,« sprach er zurück, während er den Arnheim öffnete, »meine Anteile an den Westfälischen Farbwerken und den Paderborner Maschinenfabriken sichern mir Einnahmen, die auch euch aller Sorgen entheben. Ich brauchte also die Hinterlassenschaft Wandas gar nicht. Aber sie ist doch einmal da. Soll ich sie den Strauchräubern in Mexiko schenken? Das wäre gegen den Willen Wandas, Sie hat nicht nur ein klares und unanfechtbares Testament hinterlegt, sondern auch noch einen besonderen letzten Willen zu Papier gebracht.« ... Er nahm eine Ledermappe aus dem Arnheim und aus dieser ein kleines Kuvert. ... »Das war in der Abschiedsstunde ihres Lebens. Sie konnte nicht mehr sprechen. Da schrieb sie mit Bleistift auf einen Briefbogen ein paar Worte, die sie als letzten Wunsch bezeichnete. Ich kann dir nicht alles vorlesen, weil der Schluß ... es kommt noch eine Intimität. Aber den Anfang sollst du hören.«

Er zog einen kleinen, gelb getönten, mit Monogramm versehenen Bogen aus dem Kuvert, der mit schwachen, kritzligen Schriftzügen bedeckt war, und las vor:

»Mein letzter Wunsch. Meine Verwandten in Mexiko haben mich zeitlebens nur mit ihrem Hasse beglückt. Ich will nicht, daß Du ihnen gegenüber freigebiger bist, als es die Notwendigkeit erfordert, etwaigen langwierigen Prozessen vorzubeugen. Stelle Dich ganz auf den Boden meines Testaments. Meine Nacherben sind Deine drei Kinder aus erster Ehe‹ ... hörst du, Maxe, so schrieb sie ... ›Ich habe ihnen den Vater genommen und habe sie dem Vater ferngehalten, weil ich nicht wollte, daß er seine Liebe teilte, solange ich selbst am Leben war. Trotzdem habe ich sie liebgehabt, weil sie Deines Blutes sind. Ich wünsche ferner ...‹ Nun kommt der Nachsatz, den du nicht zu kennen brauchst. Aber schon aus dem, was ich dir vorgelesen habe, ersiehst du, daß Ihr tatsächlich ein gesetzliches Anrecht auf die Hinterlassenschaft Wandas habt und daß kein Grund für euch vorliegt, ihrer anders zu gedenken, als sie – – ja, Maxe, als sie eurer gedacht hat ...«

Er steckte den Bogen wieder in das Kuvert und legte dies in die Mappe zurück. Seine Stimme war bewegter geworden, und auch Maxe ergriff eine tiefe Rührung. Sie stand auf und umarmte ihren Vater.

»Es ist gut, daß du mir volle Klarheit geschenkt hast,« sagte sie. »Ich bin dir von Herzen dankbar dafür, denn wahrhaftig: nun sehe ich Wanda in ganz andrem Lichte. ... Du hast dich ihrethalben scheiden lassen – nicht wahr? – und bist uns Kindern ihrethalben doch auch ferner gerückt worden – – das sind Dinge, die unser Empfinden naturgemäß beeinflussen mußten. Ja, Papa, unwillkürlich beeinflussen mußten, wenn unsre Vernunft auch immer nach einem Regulativ suchte. ... Aber nun ist ja alles anders ... ich habe für Geldfragen kein Verständnis – ich wirklich nicht. Nun ja – natürlich – es würde mir wahrscheinlich herzlich sauer werden, in Armut leben zu müssen. Aber acht gute Groschen mehr oder weniger würden meine Seele noch lange nicht in Aufruhr versetzen. Mama ist praktischer ... ja, die Mama...«

Sie schwieg plötzlich, schaute den Vater mit halbschiefem Blicke an und lächelte.

»Was ist mit der Mama, Maxe?« fragte Göchhusen, Er hatte sich wieder in seinen Schreibtischstuhl gesetzt.

»Ach Gott, Papa ... da wir doch schon bei allerhand Erklärungen sind: die Mama hat Angst, daß du dich noch einmal verheiraten könntest...«

Nun erschrak sie, als sie dies ausgesprochen hatte. Es war gegen die Verabredung und war eine Indiskretion. Die Mama hatte sie anders belehrt. Natürlich – sie sollte selbstsüchtig sein und an sich und die Schwestern denken. Aber sollte keine Dummheiten sagen.

Doch der Vater lachte. »Zum drittenmal! Ach, die kluge Magda! ... Sie glaubt mich zu kennen – aber glaubt es doch nur. ... Beruhige sie, Maxe. Schreibe ihr, dein Vater sei ein alter Mann geworden, der keiner Schönen mehr in die Augen guckte!«

»Oho, Papa – das wäre wider die Wahrheit. Es würde mich auch verdrießen. Das Greisentum läuft nicht so flinkbeinig auf den Sasso del Ferro und hat keinen Blick für die hübsche Kastellanstochter auf der Isola bella.«

»Du bist ein Strick, Maxe.«

»Sagt auch die Mama. Was ich ihr zu schreiben habe, weiß ich schon. Die da –« ihre Hand deutete auf das Bild Wandas – »war ihre alte Freundin. Das Leben hat einen Strich durch die Freundschaft gemacht. Aber der Tod war die Versöhnung.«

»Ja, so schreibe. Schreibe, wie dir ums Herz ist. Ich bin kein Freund von schönen Epitaphien. Bin auch der Ansicht, daß man die Erinnerung nicht Herr über sich werden lassen soll. Aber andrerseits: ein Mißverkennen der Toten würde mir doch schmerzlich sein. ... Gut, daß wir ehrlich zueinander sein können. In allem. Auch in den materiellen Fragen, die notgedrungen besprochen werden müssen. Ich wollte, ich könnte darüber auch einmal mit der Mama reden. Aber sie scheut sich vor einem Wiedersehen. Glaubst du, daß sie deine Schwestern auf ein paar Wochen zu mir lassen würde?«

»Ohne weiteres. Lade die Schwestern ein – ich bin gewiß, daß sie kommen. Auch Hartwig.«

Herr von Göchhusen steckte sich mit Umständlichkeit eine Zigarre an. Er gebrauchte drei Streichhölzer dazu.

»Hartwig – ja...hm...« Er prüfte den Brand seiner Zigarre.... »Es liegt da noch verschiedenes vor, über das ich nicht recht hinwegkomme, Maxe. Grade weil wir alte Freunde sind, hätte er mir schreiben sollen – er hätte bei mir um Elfriede anhalten müssen. Er wußte ja, daß ich zurück bin, und kannte meine Adresse.«

»Verzeihung, Papa, aber das ist doch ein strittiger Punkt. Zunächst mußte er sich zweifellos an die Mama wenden. Du vergißt immer wieder die Eigentümlichkeit der Situation.«

»Ich bin unter allen Umstanden der Vater

»Natürlich. Aber du sitzt hier, und die Mama drüben. Die Mama war ihm die nächste.«

»Sie hätte erst meine Einwilligung abwarten müssen. Nimm an, ich stellte mich auf den Standpunkt meines Rechts und behielte dich bei mir. Und hier käme einer und hielte um deine Hand an: ich würde meine Zustimmung bestimmt nicht ohne die der Mutter gegeben haben. In solchen Fragen haben beide Eltern das entscheidende Wort. ... Es ärgert mich, daß euer Woldemar selbst nachträglich nichts hat von sich hören lassen – und ist doch einmal in diesem Hause ein- und ausgegangen!«

»Das Verhältnis hat sich etwas verschoben, Papa. Das mußte Hartwig berücksichtigen. Natürlich mußte er das. Übrigens läßt Elfriede bei dir anfragen, ob er dir schreiben darf.«

»Komische Frage. Das hätte er längst tun sollen.«

Maxe lächelte. »Papa – versetz' dich in seine Lage,« sagte sie bittend.

»Er soll nicht schreiben,« rief Göchhusen. »Aber herkommen soll er! Alle drei sollen kommen. Das Liebespaar und Beate als Chaperonne – als Elefant. ...Ich will dir einen Vorschlag machen, Maxe. Ich muß in nächster Zeit sowieso nach Venedig. Ich habe da einmal für Wanda einen Palazzo gekauft, den ich wieder loswerden möchte. Habe schon in allen möglichen Zeitungen deshalb inseriert und werde von den Agenten überstürmt. Aber man muß so etwas persönlich machen, sonst hauen einen die Halunken über die Ohren. ... Ich proponiere, daß wir uns Mitte oder Ende Juni in Venedig treffen. Das ist auch die beste Zeit für den Lido. Beate, Elfriede, Hartwig – dann habe ich einmal meine Lämmer beisammen.«

»Einverstanden, Papa!« rief Maxe erfreut. »Hurrjeh, was werden die Schwestern jauchzen! Lido – nun denke nur: meine Sehnsucht! Dafür bekommst du einen Extrakuß!«

Aber sie konnte ihr Vorhaben nicht ausführen, da der Kammerdiener Göchhusens erschien, eine Visitenkarte auf silberner Platte.

Göchhusen nahm die Karte. »Nein,« sagte er kurz, »lasse bedauern – bin nicht zu sprechen. Stecke zu sehr in der Arbeit.«

Der Diener ging. Maxe sah die Karte, die ihr Vater auf den Schreibtisch geworfen hatte.

»Warum weist du ihn wieder ab?« fragte sie, ein Fältchen auf der Stirn. »Du beleidigst Emmingen absichtlich – sei mir nicht böse, Papa, aber es ist wirklich so.«

»Ich kann ihn nicht leiden.«

»Ach was – du denkst noch immer an das Quiproquo von neulich! Aber er kannte dich doch nicht und war mein Beschützer.«

»Er spielt sich zu sehr als deinen Beschützer auf – und das paßt mir nicht.«

»Mein teurer Vater ist einfach eifersüchtig. Merkwürdig, wie dieser Emmingen die Eifersucht entfacht. Mein kleiner Krempelius war auch eifersüchtig auf ihn. Und hatte ebensowenig Grund dazu. Es ist komisch.«

Der Diener erschien abermals.

»Was ist denn schon wieder los?« fragte Göchhusen.

Der Diener blieb, gut geschult, an der Türe stehen. »Gnädiger Herr entschuldigen,« antwortete er, »aber der Herr will sich nicht abweisen lassen. Er sagt, daß er mit einer höchst wichtigen Mitteilung käme.«

»Einer wichtigen Mitteilung?« wiederholte Göchhusen.

»Nimm ihn an, Papa,« bat Maxe. »Da wirst du ja hören, was er hat.«

»In den kleinen Salon,« befahl Göchhusen. »Maxe, Eifersucht ist Unsinn. So bin ich nicht. Aber vorsichtig. Elfriede war früher einmal mein Liebling. Die entführt mir der Hartwig. Jetzt stehst du mir am nächsten und sollst vorläufig bei mir bleiben. Da gucke ich alle jungen Männer, die deinen Spuren folgen, etwas scheel von der Seite an.«

»Das ist nur eine Umschreibung für Eifersucht, Vater. Der Befund bleibt. Ich will dir etwas zum Troste sagen: Emmingen hat sich bereits einen Korb von mir geholt. Einen ganz festgefügten; einen klassischen Korb.«

»Wahrhaftig?«

»Wahrhaftig. Und noch mehr: ich habe ihn auch nicht in Zweifel darüber gelassen, daß jede Wiederholung seiner Werbung ebenso aussichtslos verlaufen würde. Als Philosoph fügt er sich der Entsagung und hat das deutungslose ›Nein‹ auf seine Art mit Rosen garniert: er ist aus einem stürmischen Liebhaber ein harmloser Freund geworden.«

»Gut so.... Noch eine Frage: Warum wolltest du ihn nicht?«

»Dasselbe fragte mich Beate, und ich, antworte dir wie ihr: weil ich ihn nicht liebe.«

Göchhusen küßte seine Tochter auf die Stirn. »Ebbene – wenn es so ist, soll er willkommen sein. Gegen Freunde habe ich nichts – Liebhaber möchte ich vorläufig noch ferngehalten wissen.«

»Vorläufig,«

»Nun ja ...« Er lachte.... »Das Nachher kommt ja immer noch zur Zeit. Jetzt wollen wir Herrn von Emmingen ›Guten Tag‹ sagen.«


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