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Winter

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Zweite Fahrt zur Roten Wand

Zur Vollmondszeit im Wintermond
Macht' ich mich aus der Heimat auf,
Um abermals zur Roten Wand zu reisen.
Zwei Freunde gingen mit.
Der Weg ging an der gelben Furt vorbei.
Schon fiel der Reiftau, und die Bäume
Sie standen alle kahl von Blättern.
Vom Schatten auf der Erde wandten
Den Blick empor wir auf zum lichten Mond
Und freuten uns an seinem Anblick.
Ein frohes Lied erklang zum Wanderschritt.
Da sprach ich seufzend:
»Zu fröhlichem Beisammensein bedarf's des Weins,
Und zum Genuß des Weins bedarf's des Mahls,
Sonst lädt umsonst die schöne Nacht,
Der weiße Glanz des Mondes und der kühle Wind.«

Da sprach der eine Freund
– Wir waren grad in seiner Heimat Nähe –
»Heut' abend in der Dämmerung
Hob ich mein Netz und hatte einen Fisch
Mit großem Maul und feinen Schuppen,
Fast wie ein Karpfen aus dem Kiefernfluß,
Allein der Wein, der fehlt uns noch.«
Dann ging er in sein Haus und sprach mit seiner Frau.
Die sagte: »Lange schon steht mir ein Krug
Mit altem Wein sorgfältig aufbewahrt,
Damit er dir zuhanden sei,
Wenn du ihn unversehens brauchst.«

So gab's zum Mahl denn Wein und Fisch.
Dann wanderten wir fort zur Roten Wand.
Des Stromes Wellen rauschten fern,
Vom Ufer hatt' er sich zurückgezogen.
Die Berge ragten hoch. Der Mond war klein.
Das Wasser war gesunken, und die Steine vorgetreten.

Wie wenig Tag' und Monde sind es her,
Seit ich zuletzt an dieser Stelle weilte,
Und wie hat Fluß und Berg sich doch verändert,
Daß fremd und unbekannt die Gegend scheint.

Ich schürzte mein Gewand und stieg empor.
Steil über Felsen ging der Weg,
Und das Gestrüppe diente mir zum Halt.
Die Felsen hockten da, wie Tiger oder Panther,
Und wild wie Drachen krümmten sich die Bäume.
Ich sah dem Nachtkauz in sein steiles Nest
Und blickte nieder in des Flußgotts tiefes Schloß.
Die beiden Freunde wagten nicht zu folgen.
Da tat ich einen lauten Pfiff,
Daß Gras und Bäume zitterten,
Und fern das Echo an des Tales Wand erwachte.
Der Wind erhob sich, und das Wasser rauschte,
Und auch mir ward trüb gespensterhaft zumut,
So daß ich länger nicht mehr säumen mochte.
Ich kletterte hinab und stieg ins Schiff.
Wir hielten auf der Strömung Mitte zu
Und ließen unser Schifflein treiben.
Und wo es hielt, da machten wir die Abendrast.

Die Mitternacht war nicht mehr fern,
Und lange schweift' mein Blick hin durch die tiefe Stille,
Ein Kranich schwebte einsam her von Osten,
Mit breitem Fittich schnitt er durch die Luft,
Aus schatt'gem Schwanzgefieder
Glänzte weiß die Brust hervor.
Und einen langgezogenen Ruf ließ er ertönen
Und streifte mit dem Flügel unser Schiff,
Als er nach Westen weiterflog.

Nicht lang darauf verzogen sich die Freunde,
Ich selber auch begab zur Ruhe mich.
Da träumte mir von einem Zaubrer
In langem wallendem Gewand,
Der an der Roten Wand vorüberschwebte.

Er grüßte mich und sprach:
»Wie war denn Eure Fahrt zur Roten Wand?«
Ich fragte ihn nach seinem Namen.
Er nickte nur und sagte nichts.
»Ei,« fiel mir ein, »ich weiß es wohl:
Der heute Nacht mit einem Ruf
Bei mir vorbeigeflogen ist,
Warst das nicht du?« –
Der Zaubrer sah mich an und lächelte.
Da wacht' ich auf.
Ich öffnete die Luke, um nach ihm zu sehn.
Doch war er nirgends zu erblicken.

Su Dung Po

 

Beim Wein

An den Fenstern die gestickten
Seidenstoffe hängen nieder.
Und im hohen Bildersaale
Sitz ich einsam da und kalt.

Draußen pfeift der Wind, am Himmel
Treiben weit und breit die trüben
Grauen Nebelwolkenmassen
Immer finsterer geballt.

Und nun schneit es. Die Kristalle
Zart wie sechsgeteilte Blüten
Wirbeln tanzend durcheinander
In der leeren Dunkelheit.

Heut hat wohl der Wolkenvater
Göttergäste eingeladen
Und streut Perlenedelsteine
Blitzend in dem Saal umher.

Und die Wälder und die Berge
Hoch und niedrig, fern und nahe,
Alle sind sie weiß wie Perlen
Oder köstlicher Nephrit.

Sicher war's an solchem Tage,
Daß der weltenmüde Weise,
Von dem Fischfang heimwärts kehrend,
Seine Spur verwehen ließ.

Oder daß im kalten Norden
An dem fernen Schwalbenberge
Jener Hunnenüberwinder
In die Kriegstrompete stieß.

Kostbare Korallenschätze
Fielen ihm zur reichen Beute,
Da aus Schnee er trüglich baute
Eine leere Silberstadt.

Solche Zeit ist's auch gewesen,
Als aus der verschneiten Hütte
Man den Alten aufgestöbert – –
– – – – – – – – –

Doch der Wein beginnt zu wirken.
Auf dem Haupt die goldnen Nadeln
Fühl ich wackeln schon und tanzen,
Und der Krug liegt überquer.

Nur noch eins: der Gott des Morgens
Sandte jüngst die Blumenfee
Mit geheimer Freudenbotschaft
Nach des Südlands Gärten hin.

– – – – – – – – –
Und am Fluß die Mandelblüten
Haben's nächtens ausgeplaudert,
Daß der Frühling unterwegs.

Liu Ki King

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Schneenacht im Gebirge

Die Sonne sank fern hinter schwarzen Bergen,
Kalt stehn die Hütten und mit Schnee beschwert.
Am Gittertore hört man Hunde bellen,
Im Schneesturm spät ein Wandrer heimwärts kehrt.

Liu Tschang King

 

Winterstimmung

Die Wintersonnenwende
Läßt schon den Frühling ahnen,
Die Mandelknospen alle
Vernehmen sein leises Mahnen.

Des Abends im Turmgemache,
Da ist es so traulich und fein.
Ein Mädchen steht vor dem Spiegel
Und schmückt sich für sich allein.

Geschlossen sind die Riegel,
Und niemand stört ihre Ruh,
So schlüpft sie hinter den Vorhang
Und tut die Augen zu.

Des Morgens ganz verschlafen,
Da wacht sie wieder auf.
Es ist schon spät. Sie errötet
Und lacht; dann steht sie auf.

Das Wasser in der Vase
Von Alabaster weiß
Ist über Nacht gefroren
Zu klar kristallnem Eis.

Sie läßt an ihren Fenstern
Die Vorhänge alle zu,
Kalt ist es draußen; die Berge
Stehn fern in duft'ger Ruh.

Der Sturmwind braust durch die Lüfte
Verweht der Wildgänse Reih'n;
Die Sonne sinket nieder
Im roten Abendschein.

Und auf dem Flusse die Nebel
Sie steigen in die Höh'.
Die dunklen Wolken kommen
Und bringen Frost und Schnee.

Ou Yang Siu

 

An die Mandelblüte

Alle duft'gen Blumen sind zerflattert,
Du allein bist frisch und hold.
Und ich hab' dich liebevollen Sinnes
In mein Gärtchen hergeholt.

Feiner Schatten Kreuzgewirre zeichnet
Sich auf Wassers seichtem Grund,
Leise Düfte, Mondes Spiegelschwanken,
Heimlich lebt die Dämmerung.

Schneeig weiße Reiher nahen spähend
Mit gesenkter Schwinge sich,
Wüßten es die zarten Schmetterlinge,
Grämten sie zu Tode sich.

Glücklich bin ich, daß dir zu gefallen,
Ich dies Liedchen ausgedacht;
Nicht begehr' ich Goldpokal und Zimbeln
In der selig stillen Nacht.

Lin Pu

 

Wintergedanken

Des Himmels Zeiten und der Menschen Leben,
Sie kreisen ohne Rast und Ruhe fort.
Die Sonnenwende bringt den Sieg des Lichtes,
Und wieder wird der Frühling kommen.

Der Tag wird länger, und die Stickerinnen
Näh'n täglich einen Seidenfaden mehr.
Die Erdkraft regt sich in geheimen Tiefen
Und wirket still, ans Licht hervorzukommen.

Des Baches Ufer schauen voll Erwartung,
Die Kätzchen aufzutun am Weidenbaum.
Die Berge scheuchen fort den kalten Winter,
Sie wollen Mandelblüten zart entfalten.

Wohl bleibt Natur in jedem Jahr dieselbe.
Doch anders ist die Welt, der Heimat fern.
Sei still! – Komm du herbei, geschäft'ger Knabe,
Und füll' mit Wein mir in der Hand den Becher!

Du Fu

 

Wintermorgen

Wie Wasser klar
Leuchtet der Mond in der Winternacht.
Scharf weht der Wind,
Die Herbergtore sind dicht gemacht.
Aus tiefem Traum
Die raschelnde Ratte mich weckt.
Der Morgenreif
Dringt durch die hüllenden Decken mit Macht.
Schlaf nicht, schlafe nicht mehr!
Es wiehern die Rosse
Im Stall, die Knechte sind aufgewacht.

Tsin Schau Yu

 

An der Ahornbrücke bei Nacht vor Anker

Der Mond ist längst hinunter.
Nur Raben sind noch munter,
Der kalte Reif vom Himmel fällt.
Am Fluß der Ahorn dunkelt,
Der Fischer Feuer funkelt,
Ich bin allein auf weiter Welt.

Fern ruht die Stadt im Tale,
Da tönt mit einem Male
Vom Berg die Klosterglocke schon
Die Mitternacht, verklingend
Und übers Wasser schwingend
Vernimmt der Pilgrim diesen Ton.

Dschang Gi

 

Der Fischer im Schnee

Die Berge stehen kalt und öde,
Die Vöglein alle sind fortgeflogen.
Und einsam liegen alle Pfade,
Die Menschen sind davongezogen.

In einem Kahn sitzt ganz verlassen
Ein alter Mann in Stroh gehüllt.
Er angelt in den kalten Wassern,
Indes der Schnee die Luft erfüllt.

Liu Dsung Yüan

 

Winterwanderung

Fern nach Norden muß ich wandern
Durch das öde, kalte Feld.
Nieder geht's durch tiefe Schluchten,
Auf zur steilen Gipfelwelt.

Bis erfüllt der Täler Krümmen,
Schnee bedeckt der Berge Hort,
Aus den Hügeln steigen Wolken,
Durch die Wipfel klagt der Nord.

Bleich verschwand die Sonnenscheibe,
Laut der Winterrabe krächzt,
In den Wäldern brüllt der Tiger,
An dem Fluß der Affe ächzt.

Unter Bäumen ist mein Lager
Sehnsuchtsvoll und freudematt.
Schneegewässer stillt den Durst mir,
Und der Rauhreif macht mich satt.

Heimweh nur ist mein Genosse
In der Nächte Aufenthalt.
Weh dem heimatlosen Wandrer
In der Welt so fremd und kalt!

Lu Gi

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Schneereste auf der kurzen Brücke

 

Nachtgedanken

Durch wilde Felsgebirge führt der Pfad,
Gefahr und Unrast treiben mich bergan.
Rings starren Felsen, Schnee und dunkle Nacht,
Einsame Lampe scheint dem fremden Mann.

Was ich geliebt, rückt immer weiter fort.
Nur fremde Knechte folgen meiner Bahn –
O, wie ertrag' ich diese Wanderschaft!
Und morgen kommt ein neues Jahr heran.

Tsui Tu

 

Elegie

Morgens trat ich bei Hof entgegen den falschen Gesellen,
Ehe der Abend sich naht, war ich zur Wildnis verbannt.
Pflicht ist männlicher Kampf mit allem Gemeinen und Schlechten,
Mag der gebrechliche Leib fallen, was liegt mir daran!
Wolken decken die Gipfel, wie ferne die Heimat im Dunkel!
Schnee versperret den Pfad, scheuend versagt mir das Pferd.
Fernher kommst du, mein Freund, ich weiß, warum du gekommen:
Bricht mir müde das Herz, sammle am Fluß mein Gebein.

Han Yü

 

Wanderes Sehnsucht

Ein goldner Becher steht gefüllet
Mit klarem Wein;
Auf Silberschalen prangen Speisen
Und laden ein.

Ich kann nicht essen, ungekostet
Steht mir das Glas;
Ich zieh mein Schwert und blicke um mich,
Als sucht' ich was.

Ich möchte den Strom durchqueren im Boote:
Eis hemmt den Lauf.
Möcht über der Berge Gipfel eilen:
Schnee türmt sich auf. –

Bald sitz ich müßig bei der Angel
Am Plätscherbach;
Bald steig ich zu Schiff und flieg im Traume
Der Sonne nach. –

O schwer ist das Wandern!
Schwer ist das Wandern!
So wirr sind die Wege
Von einem Ort zum andern. –

Doch kommt einst die Zeit,
Da der Wind fährt hinter den Wellen her:
Dann schwellen die Segel
Zur Fahrt übers weite blaue Meer. –

Li Tai Be


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