Edgar Wallace
Die gefiederte Schlange
Edgar Wallace

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Die Geschichte der gefiederten Schlange
Von Peter Dewin

Die früher hier geschilderten seltsamen Vorkommnisse, die einzelnen Begleitumstände eines eigenartigen Dramas, das ganz England in den letzten Tagen in atemloser Spannung hielt, konnten nun aufgeklärt werden. Meine Aufgabe ist es, der Reihe nach zu berichten, wie es dazu kam, daß zwei scheinbar ehrenhafte Leute ermordet wurden, daß eine bekannte Schauspielerin entführt wurde und daß Mr. Gregory Beale – ein Philanthrop und Forscher – jetzt ein flüchtender Verbrecher ist, nach dem die Polizei der ganzen Welt fahndet.

Noch vor zwölf Jahren war Mr. Beale in London als Mann bekannt, der sich leidenschaftlich für das Los der sozial Schlechtgestellten interessierte und der den ungeheuren Reichtum, den er von seinem Vater geerbt hatte, nur dazu verwandte, die Not armer Leute zu lindern. Über soziale Probleme verfaßte er mehrere ausgezeichnete Bücher. In Verbindung mit Mr. Walber, einem bekannten Architekten, ließ er Heime für Knaben und Mädchen, Sanatorien und versuchsweise einen kleinen Block von Arbeiterwohnungen bauen. Er hatte gerade die Absicht, weitere Baupläne auf einem großen Grundstück zu verwirklichen, als ein schreckliches Unglück über ihn hereinbrach.

Selbstverständlich war das Tun und Treiben des Millionärs der Aufmerksamkeit der Presse und der Allgemeinheit nicht entgangen. Allerdings kannte ihn kaum jemand persönlich, denn er achtete streng darauf, daß sein Name nirgends genannt wurde und daß er selbst stets völlig im Hintergrund blieb. Die Zeitungen machten natürlich alle möglichen Anstrengungen, den Philanthropen zu interviewen, hatten damit aber selten Erfolg.

Mr. Beale gab seine Stiftungen stets in barem Geld, das er durch Vertrauensmänner aushändigen ließ. Es war seine Angewohnheit, große Summen von der Bank abzuheben und das Geld in einem Safe zu deponieren.

Bekanntlich muß jeder Inhaber eines Safes seinen Schlüssel vorzeigen und ein Erkennungswort angeben, bevor er das Stahlfach selbst öffnen darf. Mr. Beale wählte das Wort Gucumatz, das heißt »gefiederte Schlange«. Er hatte sich sehr mit früher aztekischer Kultur beschäftigt, und die gefiederte Schlange war für ihn ein Symbol friedlichen, harmonischen Daseins. Den Safe, in dem er sein Geld aufhob, hatte er bei der Fetterlane Safe Deposit unter dem Namen William Lane gemietet. Er hatte dort amerikanische Banknoten in Höhe von 700 000 Dollar deponiert. Damit beabsichtigte er, einen neuen riesigen Block mit Arbeiterwohnungen zu bauen. Um nicht selbst in Erscheinung treten zu müssen, ließ er durch seine Mittelsmänner Gerüchte über einen amerikanischen Millionär ausstreuen.

Die Baupläne waren bereits fertiggestellt, als sich jene entsetzliche Tragödie ereignete, die zu William Lanes Verhaftung führte – doch es war in Wirklichkeit Gregory Beale, der ins Zuchthaus kam.

Auf seinen Streifzügen durch die dunkelsten Gegenden Londons hatte Beale einen gewissen Lewston kennengelernt, der sich später Leicester Crewe nannte. Er machte auch die Bekanntschaft von dessen verheirateter Schwester Ella Lewston oder Farmster. Sie war die Frau eines Mannes, der unter dem Namen Farmster bereits einige Male vorbestraft war und zu jener Zeit eine Gastwirtschaft in Tidal Basin unter dem Namen Farmer betrieb. Er lebte nicht mit seiner Frau zusammen, weil sie sich nicht besonders gut vertrugen und weil Lewston, den ich Crewe nennen will, es für besser hielt, daß sie sich offiziell nicht kannten. Denn Joe Farmer hatte zu jener Zeit den ehrgeizigen Plan, französische Tausendfrancnoten zu fälschen.

Er legte sein ganzes Geld in Maschinen und Betriebsmaterialien an, die heimlich in sein Haus gebracht wurden, das in der gleichen Straße wie Joe Farmers Kneipe lag. Nach Überwindung einiger Schwierigkeiten hatte Crewe mit Paula Ricks, der Tochter des bekannten Geldfälschers, Verbindung aufgenommen, die eine ziemlich schwere Zeit in einer kleinen französischen Provinzstadt hinter sich hatte. Er brachte sie nach England, damit sie die Druckplatten gravieren konnte, und das Geschäft hatte bereits in kleinem Maßstab begonnen, als Gregory Beale mit Crewe und dessen Schwester bekannt wurde.

Crewe erzählte ihm, daß er ein kleiner Vertreter wäre. Er lebte offensichtlich in behaglichen und anständigen Verhältnissen, und Beale hatte wohl einen ganz günstigen Eindruck von ihm. Crewe hatte bald herausgefunden, wofür sich sein neuer Bekannter besonders interessierte, und erzählte ihm die schönsten Märchen von seiner schweren Jugend, den kleinen Verbrechen, die er aus Not begangen, und seiner sonstigen sozialen Misere. Aus Beales Interesse wurde allmählich Freundschaft. Er nahm die Gewohnheit an, Crewe abends zu besuchen, und er fühlte sich besonders in Gesellschaft von dessen Schwester wohl. Kurz gesagt, er verliebte sich in sie – und sie, eine vollendete Schauspielerin, brachte ihm und seinen seltsamen Ideen scheinbar größtes Interesse entgegen.

Warum sich Beale eigentlich im Osten Londons aufhielt, konnten sie nicht herausbekommen, und er sagte ihnen auch nicht, wer er in Wirklichkeit war. Sie vermuteten, daß er ein kleines Vermögen besäße, und Ella Creed erzählte mir in der vergangenen Nacht, daß sie entschlossen waren, ihn gehörig auszuquetschen. Außerdem hatten sie die Idee, ihn vorzuschieben, wenn eine Entdeckung ihrer Vergehen drohte.

Beide waren schon tief in Joe Farmers schmutzige Geschäfte verwickelt. Sein Lokal diente ihm nur als Vorwand, in Wirklichkeit war es Umschlagplatz für Diebesgut aller Art. Als Gehilfen hatte Joe Farmer einen gewissen Harry Merstham, den man unter dem Namen »Harry, der Barmann« kannte.

Harry hatte Mr. Beale – natürlich auch nicht unter dessen richtigem Namen – kennengelernt, und erhielt von ihm ab und zu eine kleine Unterstützung. Wahrscheinlich blieb ihre Bekanntschaft aber nur sehr flüchtig.

Der Plan, französische Banknoten zu drucken, wurde nun in die Tat umgesetzt. Paula Ricks hatte einige Platten meisterhaft fertiggestellt, die Druckpresse lief auf vollen Touren, und eine ganze Reihe Banknoten lagen bereit, um in Umlauf gesetzt zu werden.

Beales Besuche bei Crewe und seiner Schwester wurden häufiger, und eines Tages fragte er Ella, ob sie ihn heiraten wolle. Sie schien sich über seinen Antrag zu freuen, bat ihn aber um vierundzwanzig Stunden Bedenkzeit, da sie erst ihren Bruder fragen müsse. Natürlich war eine Heirat von vornherein ausgeschlossen, da sie ja schon mit Farmer verheiratet war; Crewe hielt es aber für gut, daß sie ihren Liebhaber möglichst fest in der Hand behielt. Ella Creed erzählte mir die Geschichte folgendermaßen: »Billy sagte, daß es jetzt nicht der geeignete Zeitpunkt sei, ihn laufenzulassen, und so stimmte ich denn zu. Lane hatte mir dauernd davon geschwärmt, daß wir unser Leben den Armen widmen sollten, und ich pflichtete ihm natürlich in allem bei, ohne irgend etwas hinter seinen hochfliegenden Plänen zu vermuten.«

Das sonderbarste war, daß Gregory Beale niemals seinen richtigen Namen nannte, sondern stets sein Pseudonym William Lane aufrechterhielt. Eines Abends erzählte er Ella, daß er einen riesigen Block mit Arbeiterwohnungen errichten wolle; doch selbst als er ihr sagte, daß er das Geld dazu schon bereitgestellt habe, glaubte sie nur, es sei Prahlerei. In diesem Augenblick kam Crewe ins Zimmer und wurde ebenfalls informiert. Zu Ellas Erstaunen schien die Sache großen Eindruck auf ihn zu machen. Nachdem Lane gegangen war, sagte er ihr, daß dieser Mann vielleicht jener mysteriöse amerikanische Millionär sein könnte, über den damals ganz London sprach. Anscheinend hatte er auch noch von anderer Seite Informationen erhalten, die darauf hindeuteten. Er beauftragte Ella, noch weitere Einzelheiten aus Lane herauszuholen.

Als Lane am nächsten Abend wiederkam, erklärte sie ihm, daß sie bereit sei, ihn zu heiraten. Er war überglücklich und entwarf Pläne für eine wundervolle Hochzeitsreise. Dann redete er wieder über seine Bauabsichten und sagte, daß er 700 000 Dollar bei der Fetterlane Safe Deposit liegen hätte. Er zeigte ihr den Schlüssel und sagte ihr auch das Erkennungswort.

Ella machte sich darüber lustig und äußerte zum Schein sogar einige Zweifel. Und da tat Beale in einer verliebten Laune etwas Dummes; er schrieb auf ein Stück Papier: »Die Überbringerin, Miss Ella Lewston, ist berechtigt, jederzeit meinen Safe Nr. 741 zu öffnen.« Ella hatte nichts Eiligeres zu tun, als am nächsten Tag hinzugehen. Sie sah das Geld und berichtete alles ihrem Bruder. Joe Farmer wurde zu Rate gezogen, und die drei heckten nun einen wahrhaft teuflischen Plan aus.

Paula Ricks, die man ebenfalls ins Vertrauen zog, hatte schwere Bedenken und wollte nicht mitmachen. Vor allem fürchtete sie, daß ihre Anwesenheit in London der Polizei bekannt würde.

Der Plan der drei bestand darin, Lane in die Banknotenfälschung zu verwickeln, sein Geld abzuheben und zu fliehen – Lane sollte dann sehen, wie er vor Gericht mit der Anklage fertig wurde. Um sicher zu gehen, daß er gefaßt wurde, veranlaßte ihn Crewe, in Farmers Lokal eine Fünfpfundnote zu wechseln. Beale dachte sich nichts weiter dabei und ließ sich das Wechselgeld von Harry, dem Barmann, geben. Dabei stellte sich heraus, daß Lane mit Harry bekannt war. Eine unangenehme Sache für die drei, denn der Barmann hätte ja bezeugen können, daß die zum Wechseln gegebene Fünfpfundnote echt war. Farmer schob dann eine gefälschte Banknote unter und zeigte die Sache der Polizei an. Da Harry schon einmal versucht hatte, von Farmer ein Darlehen zu erhalten, bot sich leicht eine Gelegenheit, ihn loszuwerden. Farmer gab ihm Geld, und Harry wanderte nach Südamerika aus. Er verließ England an dem Tag, an dem sich Lane mit Ella verheiratete. Die Trauung wurde in einem Standesamt in Eastham vollzogen. Seltsamerweise gab Beale, der in dieser Beziehung immer sehr eigen gewesen war, auch damals seiner Frau gegenüber sein Pseudonym noch nicht auf. Für die Heiratsurkunde gab er zwar seinen richtigen Namen an, wußte aber zu verhindern, daß sie in die Hände seiner Frau gelangte. Er tat dies wohl weniger aus Mißtrauen, sondern einfach aus einer Laune heraus; vielleicht hatte er die Absicht, seine Frau später zu überraschen.

Nach der Trauung fuhren die beiden zu dem kleinen Haus, in dem im Kohlenkeller die Druckpresse aufgestellt war. Ellas Aufgabe war nun sehr schwierig, aber als geschickte Schauspielerin wurde sie glänzend damit fertig. Als sich der Zeitpunkt näherte, an dem die Razzia erwartet wurde, die die Polizei auf Informationen von Joe Farmer hin unternehmen wollte, erzählte Ella ihrem Mann eine erstaunliche Geschichte. Sie wußte so geschickt sein Mitleid zu erregen, daß er tatsächlich glaubte, sie sei das hilflose Opfer ihres Bruders, der sie durch Drohungen veranlaßt hätte, bei der Herstellung von Falschgeld mitzuhelfen. »Als ich ihm das erzählte«, sagte Ella, »war er wie betäubt. Ich mußte ihm alles noch einmal wiederholen, und als ich ihm auseinandergesetzt hatte, daß mein Bruder und ich schon seit Jahren Falschgeld herstellten, war er völlig gebrochen. Als ich unter einem Vorwand das Zimmer verließ, saß er, ohne sich zu rühren, völlig benommen am Tisch.«

Kurz darauf erschien die Polizei; sie traf ihn im Keller vor der Druckpresse. William Lane war anständig genug, alle Schuld auf sich zu nehmen, um seine Frau zu decken. Man verurteilte ihn zu einer Zuchthausstrafe von sieben Jahren, ohne daß es auch der Polizei gelungen war, seinen richtigen Namen zu erfahren.

An dem Tag, an dem Lane seine Strafe antrat, ging Ella Creed mit der Vollmacht zur Bank und entnahm dem Safe die 700 000 Dollar; Brief und Safeschlüssel nahm dann Joe Farmer an sich, vernichtete sie aber nicht, sondern feilte nur die Nummer auf dem Schlüssel aus. Als die drei eben ihre Beute teilen wollten, erschien unerwartet Paula Ricks auf der Bildfläche, vor der sie ihren Plan nicht geheimgehalten hatten. Sie beanspruchte und erhielt auch ein Viertel der Summe.

Das Leben William Lanes im Gefängnis war ein einziges Martyrium für diesen an Ungebundenheit und Freiheit gewöhnten Menschen. Es ist mehr als verständlich, daß in den Tagen, Monaten und Jahren seiner Gefangenschaft ein immer brennenderer Wunsch nach Rache in ihm wuchs – denn er hatte bald erfahren, wie sehr er betrogen worden war. Gefangene, mit denen er sprach und die über Joe Farmer genau Bescheid wußten, hatten ihm schon nach sechs Monaten beigebracht, daß Ella Creed die Frau Farmers war. Das übrige konnte er sich dann selbst zusammenreimen.

In den langen Nächten, in denen er schlaflos in seiner Zelle lag, schmiedete er wohl seine Rachepläne. Er grübelte und grübelte . . . Sicher ist, daß der William Lane, der aus dem Gefängnis kam, ein ganz anderer Mensch war als der, der hineinging. Im übrigen lief während seiner Abwesenheit sein Haushalt wie gewöhnlich weiter, und sein Rechtsanwalt erhielt ständig Instruktionen von ihm. Ich bin überzeugt, daß nur ein einziger Lanes Vertrauen besaß – das war sein Butler, der ihn von Kind auf kannte. Ich halte es für möglich, daß er der Mann war, der später eine junge Dame, die er mit Ella Creed verwechselt hatte, entführte und in das »Gefängnis« nach Epping brachte. Wie Beale während seiner Strafzeit die Verbindung mit ihm aufrechterhielt, ist mir nicht klar – aber es gibt ja auch im modernsten Gefängnis für einen Sträfling genug Wege, um mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen.

Beale plante, nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis nach Amerika zu gehen und dann unter seinem eigenen Namen nach England zurückzukehren. Die meisten Leute glaubten, daß er sich in Südamerika aufhielte; sein Butler hatte sehr geschickt dieses Gerücht verbreitet.

Beale konnte seine Absicht nicht ausführen. Hugg, ein ganz gewöhnlicher kleiner Gauner, und Harry, ein Raufbold, der wegen schwerer Körperverletzung und Raub lange in Haft gewesen war, wurden am selben Tag wie Lane aus Dartmoor entlassen. Harry, der einen guten Riecher für dergleichen hatte, ahnte, daß Lane ein vermögender Mann war, und ließ ihn nicht aus den Augen, bis er durch einen Unglücksfall in der Nähe von Thatcham ums Leben kam. Hugg wurde schwer verletzt, und so hatte Beale die Möglichkeit, seine Papiere mit denen Harrys zu tauschen und spurlos zu verschwinden.

Er tauchte eine Woche lang irgendwo unter und kehrte dann ganz offiziell nach London zurück. Im Gepäck hatte er Funde, die er nach seinen Angaben in aztekischen Ruinenstädten ausgegraben hatte. Ich konnte sehr bald feststellen, daß er diese Raritäten aus dem Nachlaß eines kürzlich verstorbenen bekannten Sammlers namens Zimmermann erworben hatte. Unglücklicherweise hatte er teilweise vergessen, die auf einzelne Gegenstände geklebten Verkaufsetiketten zu entfernen; eine davon kam in meinen Besitz.

Vor seiner Rückkehr – natürlich mußte er sich sofort mit seinem Butler in Verbindung gesetzt haben – hatte er sich ein Auto gekauft. Es steht fest, daß Beale in diesem Wagen als Chauffeur verkleidet umherfuhr und die Wohnungen und Gewohnheiten seiner Feinde auskundschaftete. Sein erstes Opfer war Joe Farmer, der Mann, der ihn durch seine falsche Aussage ins Gefängnis gebracht hatte.

Am raffiniertesten führte er aber den Mord an Leicester Crewe aus. Ich halte es für sicher, daß Beale unter irgendeinem Vorwand Crewe in sein Haus locken wollte; bestimmt hatte er sich alles sorgfältig überlegt. Crewe ersparte ihm jedoch die Mühe – er kam freiwillig zu ihm, um ihm Aktien zu verkaufen, da er für seine Flucht dringend Bargeld brauchte. Es ist geradezu ein Witz, daß er sich als Käufer ausgerechnet den Mann aussuchte, vor dem er flüchten wollte. Gregory Beale war auf den Besuch bestens vorbereitet; er hatte splittersicheres Glas in seine Fenster setzen lassen, er trug eine auf der Rückseite stahlverkleidete Tür in sein Studierzimmer, die als Kugelfang diente, als er einen Tag vorher von außen durch das Fenster schoß. Wie zufällig ließ er eine Patronenhülse im Garten liegen, um der ganzen Sache den Anstrich der Echtheit zu geben.

Schlauerweise richtete er es dann so ein, daß sein Rechtsanwalt, Oberinspektor Clarke von Scotland Yard und ich selbst zum Zeitpunkt des Mordes im Haus waren. Der Mord ist sehr leicht zu rekonstruieren. Er begrüßte Crewe in dem dunklen Gang, so daß er nicht gleich von ihm erkannt wurde, und als Crewe dann in das Arbeitszimmer trat, drehte sich Beale, der in den Raum vorausgegangen war, schnell um und erschoß ihn aus kürzester Entfernung mit einer Deloraine-Luftpistole. Die Kugel hatte er selbst aus einem goldenen Siegelring gegossen. Ella Creed erzählte mir, daß er ihr einen solchen Siegelring bei der Trauung angesteckt hatte.

Daß Beale alles nur mögliche tat, um die Polizei irrezuführen, beweisen übrigens auch die Säcke, die er über die Mauer geworfen hatte, und die Fußspuren im Garten, die natürlich von ihm selbst stammten.

Für Ella hatte sich Beale etwas Besonderes ausgedacht. Sie sollte genau das gleiche Schicksal erleiden, das ihn getroffen hatte. Zu diesem Zweck kaufte er ein halbfertiges Haus; einen der Räume richtete er wie eine Gefängniszelle ein. So unglaublich es klingt, aber er hatte tatsächlich mit Hilfe einiger Vertrauensleute alle Vorbereitungen getroffen, sie dort lebenslänglich gefangenzuhalten.

An dem Tag, an dem Crewe ermordet wurde, machte Ella Creed einen Besuch in Beales Haus; während sie eine kleine Tonschlange – einen aztekischen Kultgegenstand – betrachtete, hörte sie Beales Stimme, die Stimme eines Mannes, den sie tot glaubte, und wurde ohnmächtig. Was nachher geschah, als er mit ihr allein war, hat sie mir so berichtet: »Ich sagte ihm, daß ich ihn erkannt hätte, und er erwiderte, daß er mir eine größere Summe geben wolle, wenn ich schweigen würde. Ich fragte ihn, ob er Farmer getötet hätte, und er gab es zu – daraufhin drohte ich ihm, die Polizei zu benachrichtigen, aber er entgegnete, daß er Scotland Yard dann einige interessante Hinweise geben würde, wie ich zu meinem Vermögen gekommen sei.«

Gregory Beale und sein Butler sind geflohen und werden überall gesucht. Wenn ich ehrlich sein soll – ich zweifle daran, daß man sie finden wird. Beale ist ja kein gewöhnlicher Verbrecher, er ist ein Mann, der sich im Recht glaubt, der sich selbst das Recht nahm, Vergeltung an einigen wirklichen Verbrechern zu üben. Sein scharfer Geist und die ganze Umsicht, die er bei der Ausführung seiner Pläne bewies, werden ihm bestimmt auch bei seiner Flucht behilflich sein.

 

»Was ich gern noch wissen möchte«, sagte Clarke einige Tage später zu Peter Dewin, »warum ist Beale gerade noch zur rechten Zeit entwischt? Woher wußte er, daß Sie die ganze Geschichte durchschaut hatten?«

Peters Antwort war ziemlich unbestimmt – fast genauso unbestimmt wie die Erklärung, die er seiner jungen Frau gab, als er mit ihr an einem sonnigen Winternachmittag Hand in Hand durch den Park ging.

»Hat dich Mr. Beale eigentlich gebeten, daß du ihn nicht verrätst?« fragte Daphne.

»Gebeten gerade nicht«, entgegnete Peter vergnügt. »Er schlug mir nur vor, ich solle nach Hause gehen und mich ausruhen – das heißt, möglichst lange schlafen. Und das tat ich! Während ich schlief, verschwand er, die gefiederte Schlange und alles, was damit zusammenhing, auf Nimmerwiedersehn!«

 


 


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