Edgar Wallace
Die gefiederte Schlange
Edgar Wallace

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18

Das Geheimnis der gefiederten Schlange begann inzwischen ganz London zu beunruhigen. Daß irgendwo mitten in der Stadt eine Geheimorganisation existierte, die mit rücksichtslosen Methoden ihre Ziele verfolgte, war auch sensationell genug. Obwohl die Zeitungen nur zwischen den Zeilen darauf hingewiesen hatten, daß die gefiederte Schlange aus irgendeinem Grund an einigen wenigen Mitgliedern der Londoner oberen Zehntausend Rache nehmen wollte, war doch das Gerücht durchgesickert, daß eine bekannte Schauspielerin zu den Bedrohten gehörte. Dadurch wurde der Fall natürlich noch interessanter.

Peter Dewin ging in sein Büro, wo er den Nachrichtenredakteur im Gespräch mit Hugg vorfand. Der kleine Mann hatte sich erstaunlich verändert: Er trug einen modernen Anzug, Kragen und Krawatte waren sichtlich neu; außerdem hatte er sich den Luxus einer Rasur geleistet.

»Da sind Sie ja, Dewin! Dieser Herr hier wollte unbedingt mit Ihnen sprechen – es handelt sich um die gefiederte Schlange . . .«

»Ich habe heute den Mann wiedergesehen, den ich für Lane hielt, und ich habe ihn angehalten«, unterbrach ihn Hugg ungeduldig. »Er ist es gar nicht, Mr. Dewin! Ich habe mich damals einfach getäuscht, hatte in jener Nacht tatsächlich ein paar Gläschen zuviel getrunken! Als ich heute genauer hinsah, wußte ich, daß ich mich geirrt hatte.«

»Kommen Sie mal mit«, entgegnete Peter streng, nahm Hugg am Arm und schob ihn in ein kleines Nebenzimmer. »Was wollen Sie mir denn jetzt wieder für einen Bären aufbinden?« fuhr er dann fort.

»Es ist die reine Wahrheit – ich will sofort tot umfallen . . .!« begann Hugg.

»Hören Sie mal zu!« Peter zog nachdrücklich an der Krawatte des kleinen Gauners. »Als ich Sie gestern traf, da erzählten Sie mir, Sie hätten William Lane getroffen er wäre sehr krank und wollte nach Birmingham gehen. Sie gaben ihm fünf Shilling . . .«

»Ganz richtig, ganz richtig«, entgegnete Hugg eifrig. »So war es, William Lane hat London verlassen . . .«

Peter hob warnend die Hand.

»Daß Sie William Lane getroffen haben, daran zweifle ich durchaus nicht. Und er hat Sie auch beauftragt, der Polizei den Bären aufzubinden, daß er London verlassen will. Deswegen haben Sie mich aufgesucht; wahrscheinlich sagte er Ihnen, daß ich in der Nähe der Wohnung von Miss Olroyd zu finden wäre. Seien Sie ruhig, Hugg!« fuhr er fort, als der Landstreicher einige unzusammenhängende Erklärungen vorbringen wollte. »Sie erstatteten ihm dann Bericht, und dabei erfuhr er die Geschichte mit dem Taxi, in dem Sie ihn damals gesehen hatten. Daraufhin schickte er Sie sofort zurück, damit Sie mir weismachen sollten, Sie hätten sich geirrt. Wahrscheinlich hat er Sie für Ihre Dienste nicht schlecht bezahlt. Stimmt's?«

Hugg antwortete nicht. Unruhig trat er von einem Fuß auf den andern.

»Ich will keinen Ärger haben«, sagte er unsicher. »Wenn jemand betrunken ist und einen Fehler macht, warum darf er dann nachher seinen Irrtum nicht eingestehen?«

»Wo haben Sie Lane das letztemal getroffen?« fragte Dewin, ohne auf Huggs Worte zu achten. Aber jetzt hatte Hugg anscheinend endgültig keine Lust mehr, sich noch weiter ausfragen zu lassen.

»Lassen Sie mich mit diesem Menschen doch endlich in Ruhe«, bat er flehentlich. »Und hören Sie auf mich, Mr. Dewin – er ist ein sehr gefährlicher Kerl . . .«

»Meinen Sie damit Lane?«

Hugg schüttelte den Kopf, dann schlich er nach einem unsicheren Blick in Peters Gesicht zur Tür und horchte.

»Man weiß niemals sicher, wo er sich gerade aufhält«, erklärte er ängstlich, als er zurückkam, und fügte dann im Flüsterton hinzu: »Ich habe ihn wirklich nicht richtig gesehen. Durch 'ne Nachricht wurde ich aufgefordert, mich an der Abzweigung einer kleinen Landstraße nördlich von Barnet einzufinden. Ich ging hin, und er kam in 'nem Wagen an. Er stieg nicht aus, sondern sprach durch das halb heruntergekurbelte Fenster mit mir. Sein Gesicht konnte ich nur ganz undeutlich sehen. Er sagte nur, daß ich sofort zu Ihnen gehen und sagen soll, daß ich mich getäuscht hätte. Er wolle nicht, daß man eine unschuldige Person verdächtige. Das waren seine Worte, Mr. Dewin – er wolle nicht, daß eine unschuldige Person verdächtigt würde.«

»War es denn Lanes Stimme?« fragte Peter.

Hugg schüttelte den Kopf.

»Ich kann es nicht beschwören. Am gleichen Abend traf ich ihn an 'ner andern Stelle und erstattete ihm Bericht. Es kann Lane gewesen sein – es gibt aber auch noch eine Menge anderer Leute, die Joe Farmer haßten. Ja, und dann sagte er noch, daß ich mir einen anständigen Anzug kaufen solle und jeden Augenblick für ihn erreichbar bleiben müsse – deswegen wohne ich jetzt in Lambeth.«

»Wieder einmal eine Lüge«, erwiderte Peter.

»Aber der Wahrheit so nahe, wie nur irgend möglich«, entgegnete Hugg merkwürdigerweise.

Mehr war aus dem kleinen Mann nicht herauszubringen, und Peter ließ ihn gehen. Der Portier erzählte später, daß er einen funkelnagelneuen Koffer bei sich gehabt habe und in einem Auto fortgefahren sei.

Peter saß noch lange an seinem Schreibtisch, um noch einmal alle Nachrichten, die von den verschiedenen Presseagenturen über den Fall Farmer eingelaufen waren, miteinander zu vergleichen. Schließlich machte er sich auf den Weg nach Scotland Yard.

 

Mr. Gregory Beales Haushalt war so geregelt und geordnet, daß der ganze Tag wie bei einem aufgezogenen Uhrwerk ablief. Sein Dienstpersonal bestand aus Leuten, die schon seit vielen Jahren bei ihm waren. Von dem schweigsamen Butler sah Daphne nur sehr wenig, die Köchin hatte ihr die Hausordnung auseinandergesetzt.

Mittwoch hatte das Personal Ausgang, und Mr. Beale speiste dann auswärts zu Abend.

Alle Hausangestellten verehrten Mr. Beale und hatten auch allen Grund zu, denn er war in jeder Beziehung ein wirklich großzügiger und freigebiger Hausherr.

Es war Mittwoch morgen, und Daphne steckte mitten in der Arbeit. Das große, nach der Straße zu gelegene Empfangszimmer hatte sich in ein Museum verwandelt. Alle Möbel waren entfernt worden, und an beiden Seiten des Raumes standen an den Wänden lange, hölzerne Tische. Sie waren bedeckt mit Kuriositäten, die noch geordnet werden sollten.

Mr. Beale hatte Daphne ein Werk über aztekische Kulturen gegeben, das es ihr möglich machte, ohne seine Hilfe die Grundlage zu einem vorläufigen Katalog fertigzustellen. Nur in den seltensten Fällen ging sie mit irgendeinem merkwürdigen Gegenstand in sein Studierzimmer, um sich von ihm Rat zu holen. Gelegentlich kam auch er an ihren Arbeitsplatz. Für gewöhnlich sah er ihr eine Zeitlang freundlich lächelnd zu, steckte dann die Hände in die Taschen, lehnte sich an die Wand und hielt ihr einen kleinen Vortrag. Sie hörte ihm begeistert zu. Manchmal berührte er moderne Probleme, aber wenn er über die Kultur der Azteken sprach, war es für sie am interessantesten.

»Fünfundsiebzig verschiedene Abarten der gefiederten Schlange hat man bis jetzt gefunden«, erklärte er ihr an diesem Morgen. »Und ich weiß nicht, wieviel Legenden über sie existieren. Sogar in Peru wird sie verehrt.«

In der Sammlung befanden sich ungefähr ein halbes Dutzend der seltsamen Gottheiten. Er nahm eine der kleinen Plastiken in die Hand und betrachtete sie mit einem sonderbaren Lächeln.

»Im ›Postkurier‹ steht heute ein von Ihrem Freund verfaßter längerer Artikel über die gefiederte Schlange. Ich bat ihn, meinen Namen nicht zu veröffentlichen, aber unglücklicherweise . . .«

»Er hat es doch nicht etwa trotzdem getan?« unterbrach ihn Daphne schnell.

Mr. Beale lachte.

»Nein, der Fehler ist ganz auf meiner Seite. Er brauchte die Abbildung der gefiederten Schlange, und ich gab ihm ein Photo. Leider war auf der Rückseite des Abzugs ›Copyright by Gregory Beale‹ aufgestempelt. Wahrscheinlich glaubte der Setzer, dieser Vermerk müßte auch unter der Abbildung in der Zeitung gebracht werden. Nun, der Irrtum ist geschehen . . . Schließlich ist es ja auch unwesentlich.«

Beinahe hätte sie ihm jetzt ihr Abenteuer in Epping Forest erzählt, aber sie dachte an die Warnung, die sie erhalten hatte, und schwieg.

»Ich nehme an, daß dieser Farmer irgend jemand schwer beleidigt hat«, fuhr er fort. »Ich habe den Bericht über den Fall genau gelesen and glaube bestimmt, daß er selbst ein Verbrecher war oder wenigstens viel mit Verbrechern zu tun hatte.«

»Warum glauben Sie das?« fragte sie überrascht.

Er zuckte nur die Schultern und murmelte einige undeutliche Worte.

Nach einiger Zeit sprach er davon, daß die beiden Diener heute Ausgang hätten.

»Von Ihrem Arbeitsplatz aus können Sie die Vorderfront des Hauses gut beobachten, Miss Olroyd. Dürfte ich Sie vielleicht darum bitten, zur Tür zu gehen, wenn jemand klingelt? Ich bin manchmal so in meine Arbeit vertieft, daß ich die Klingel überhöre.«

Er erzählte ihr noch, daß er augenblicklich an einem Buch über Sagen arbeite, die er in Zentralamerika gesammelt hatte. Offenbar waren Dinge darunter, die seine junge Sekretärin nicht lesen sollte, denn er hielt das Manuskript stets in seinem Safe verschlossen. Sie hatte sogar bemerkt, daß er jede fertiggestellte Seite sofort einschloß.

Ihre eigene Arbeit nahm sie so in Anspruch, daß sie nicht viel Zeit hatte, aus dem Fenster zu sehen; sie hörte, daß er nach dem Mittagessen dreimal zur Tür ging. Als es zum drittenmal klingelte, kam sie auch aus ihrem Zimmer.

»Entschuldigen Sie bitte, Mr. Beale. Ich werde von jetzt an besser aufpassen – Sie brauchen wirklich nicht mehr aufzumachen, wenn ich im Haus bin.«

Er lächelte nur.

»Ich halte es für ein gutes Zeichen, daß Sie sich so für Ihre Arbeit – besonders für gefiederte Schlangen – interessieren. Ich kann mir gut vorstellen, daß neugierige junge Zeitungsreporter Sie demnächst deshalb interviewen werden.«

Daphne stellte ihren Tisch ans Fenster, um besser den Eingang beobachten zu können. Nach einiger Zeit hielt vor der Tür ein kleiner Wagen, und Miss Creed stieg aus.

Ella Creed! Daphne erinnerte sich, daß sie ihr versprochen hatte, sie zu besuchen – war das eigentlich gestern oder vorgestern gewesen? Es schien schon eine Ewigkeit her zu sein. Sie lief an die Tür, um Miss Creed hereinzulassen – Mr. Beale wäre sicherlich nicht gern bei seiner Arbeit gestört worden.

Ella Creed begrüßte sie mit einem herablassenden Kopfnicken.

»Oh, da sind Sie ja! Es ist gar nicht einfach, Sie zu finden.«

Sie drehte sich um und gab ihrem Chauffeur eine Anweisung. Der Wagen fuhr ab.

»Er muß bei der Schneiderin einige Kleider für mich abholen. Ich nehme mir dann ein Taxi.«

Daphne führte den Gast in ihr Arbeitszimmer, nahm ein staubiges Blatt Papier von einem Stuhl und bot ihn Miss Creed an.

»Was machen Sie hier eigentlich?« fragte Ella Creed und sah sich stirnrunzelnd um. Es war charakteristisch für sie, daß sie alles auf seinen Geldwert abzuschätzen versuchte.

»Ihr Chef muß sehr viel Geld haben«, sagte sie und deutete auf ein Gemälde über dem Kamin. »Das ist ein Gainsborough.«

Daphne war über diese unerwarteten kunstgeschichtlichen Kenntnisse ein wenig erstaunt. Miss Creed erriet ihre Gedanken.

»Ich weiß sehr viel über Bilder – jedenfalls über ihren Verkaufswert. Ein früherer Freund von mir, ein gewisser Leckstein, war Kunsthändler und hat mir viel beigebracht. Was ist denn das für Zeug?« Sie deutete mit einer verächtlichen Handbewegung auf die vielen Tische.

Daphne erklärte es ihr, doch Miss Creed zuckte nur verständnislos die Achseln. Dann fragte sie:

»Wo waren Sie denn nun eigentlich an jenem Abend?«

Daphne fühlte sich in die Enge getrieben. Es gelang ihr auch jetzt nicht, eine glaubwürdige Erklärung zu geben.

»Das war doch alles Unsinn, was Sie mir da von einem falschen Wagen erzählt haben. Sie brauchen mir jetzt nicht wieder etwas anderes vorzulügen! Es hat Sie jemand mit mir verwechselt – stimmt das?«

Daphne nickte.

»Das dachte ich mir doch gleich! Und jetzt sagen Sie mir bitte, was Sie erlebt haben.«

»Leider kann ich das nicht – ich habe es versprochen . . .«

Ella Creed schaute sie scharf an.

»Haben Sie den Vorfall der Polizei gemeldet? Wahrscheinlich waren Sie dazu viel zu ängstlich – ich hätte denen nichts versprochen, darauf können Sie sich verlassen!«

Daphne mußte daran denken, daß es für Ella Creed nicht notwendig gewesen wäre, ein Versprechen abzugeben, wenn sie in die Hände der Unbekannten gefallen wäre.

»Diese ganze Angelegenheit macht mich nervös. Was meint denn Dewin dazu? Sie sind doch sehr befreundet? Meint er . . ., aber wahrscheinlich wird er über solche Dinge nicht mit Ihnen sprechen.«

Miss Creed stand auf, ging zu einem der Tische und nahm eine der kleinen Plastiken in die Hand.

»Dieser Beale ist wohl ganz verrückt mit diesen Sachen? Ich habe in der Zeitung gelesen, daß er alles weiß, was sich auf gefiederte Schlangen bezieht. Was haben sie denn eigentlich zu bedeuten?«

»Sie halten gerade eine in der Hand«, entgegnete Daphne.

Sie starrte erschrocken auf den Gegenstand und hätte ihn beinahe fallen lassen.

»Um Himmels willen – ist das nicht . . .?« Sie betrachtete die Plastik von allen Seiten. In diesem Augenblick sah Daphne zum Fenster hinaus und entdeckte einen Mann, der gerade die Treppe zur Haustür heraufkam. Er sah totenbleich aus und war ziemlich schäbig gekleidet. Sie wollte sich schon bei Miss Creed entschuldigen und zur Tür gehen, als sie in der Halle Mr. Beales schnelle Schritte hörte. Gleich darauf sprach er mit jemand; seine Stimme klang ungewöhnlich scharf.

»Gefiederte . . .«, begann Ella Creed wieder. Dann hörte Daphne plötzlich einen seltsamen Laut und wandte sich um. Die Schauspielerin starrte mit weitaufgerissenen entsetzten Augen auf die Tonfigur. Ihr Gesicht sah unter dem Make-up plötzlich grau aus.

Daphne konnte sie gerade noch auffangen, als sie zusammenbrach. In diesem Augenblick wurde die Haustür zugeschlagen, und sie lief in die Halle.

»Miss Creed . . . sie ist ohnmächtig«, stieß sie zusammenhanglos hervor.

»Miss Creed?« Er sah sie erstaunt an. »Ist das die Schauspielerin . . .?«

Er lief hinter ihr her, warf nur einen schnellen Blick auf die reglose Gestalt, bückte sich dann und hob sie auf.

»Ich werde sie in meinem Studierzimmer auf die Couch legen. Holen Sie ein Glas Wasser – oder gehen Sie in mein Badezimmer . . . In der Hausapotheke steht eine Flasche Riechsalz, das bringen Sie mir bitte.«

Sie kam nach einigen Minuten wieder zurück und sah, wie er der ohnmächtigen Frau eine Arznei eingab.

»Ihre Apotheke . . .«, begann sie.

»Ich weiß, ich weiß.« Er war sonderbar kurz zu ihr. »Sie stand ja schon die ganze Zeit hier in meinem Studierzimmer. Das hatte ich ganz vergessen. Ich glaube, sie wird sich sehr bald wieder erholen. Solche Fälle sind nicht schlimm. Was ist denn eigentlich geschehen?«

Daphne erzählte ihm von der gefiederten Schlange. Sie schaute auf die kleine Plastik, die jetzt auf dem Tisch lag.

»Sie hielt die Figur noch krampfhaft in der Hand, als ich sie hierherbrachte.«

Daphne blickte ängstlich auf die Schauspielerin. Sie atmete wieder regelmäßig, war aber immer noch bewußtlos.

»Vermutlich war es eine plötzliche Herzschwäche«, sagte Mr. Beale nachdenklich.

»Meinen Sie nicht, daß ich einen Arzt rufen soll?« fragte Daphne aufgeregt.

Er schüttelte den Kopf.

»Es geht ihr schon wieder besser. Auf solche Anfälle folgt gewöhnlich ein Erschöpfungszustand. Das beste ist, wir lassen sie etwas schlafen. Wie war doch ihr Name . . . Ella Creed . . . Ich muß das schon irgendwo gelesen haben.«

Er sah die Schauspielerin an und schüttelte dann den Kopf.

»Sie muß einmal sehr schön gewesen sein«, sagte er.

»Ich finde, sie sieht auch jetzt noch gut aus«, entgegnete Daphne mit schwachem Lächeln.

In diesem Augenblick öffnete Miss Creed die Augen und schaute erstaunt von einem zum andern.

»Was ist denn mit mir los?« fragte sie und richtete sich mühsam auf.

»Sie sind ohnmächtig geworden. Soll ich Sie nach Hause bringen?« fragte Daphne.

Miss Creed schüttelte den Kopf.

»Nein, ich kann allein heimfahren. Würden Sie so liebenswürdig sein und meinem Chauffeur Bescheid sagen?«

Als sie aufstand, schwankte sie noch ein wenig, und Daphne mußte sie stützen.

»Sie haben doch Ihren Wagen fortgeschickt – soll ich ein Taxi besorgen?« fragte Daphne.

»Nein, ich möchte . . . ich will nicht . . .«

Miss Creeds schrille Stimme brach plötzlich ab, und sie ließ sich wieder auf das Sofa fallen.

»Ich glaube, es ist besser, wenn Miss Creed sich noch ein wenig ausruht. Wir wollen sie allein lassen«, sagte Mr. Beale und folgte Daphne ins Nebenzimmer. »Und nun erzählen Sie mir bitte einmal genau, warum sich die Dame so aufgeregt hat und weshalb sie hierherkam.«

Daphne versuchte verzweifelt, irgendeine Geschichte zu erfinden, denn sie durfte ihm ja nicht die Wahrheit sagen.

»Sie hatte mich neulich zum Essen eingeladen – ich verließ das Theater aber schon früher – und – und – so wurde eben nichts daraus.«

»Und sie kam nun, um den Grund zu erfahren?« fragte Mr. Beale. »Eine Schauspielerin – hm!«

Er ging im Zimmer auf und ab und hielt die Hände auf dem Rücken verschränkt.

»Eigentlich komisch, wie fest sie die gefiederte Schlange hielt, als sie ohnmächtig wurde.«

»Vielleicht hat sie irgend etwas Merkwürdiges an der kleinen Figur entdeckt«, meinte Daphne.

Gregory Beale schüttelte den Kopf.

»Ich glaube eher, daß sie unter einer starken Einbildungskraft leidet, die sie Gespenster sehen läßt«, meinte er und verließ das Zimmer.

Es wurde dunkler. Daphne machte sich wieder an ihre Arbeit. Einmal meinte sie, Ella Creeds Stimme zu hören, und stand auf, um nachzusehen, aber in diesem Augenblick schloß sich Mr. Beales Tür, und sie nahm an, daß er sich um die Schauspielerin kümmerte. Ungefähr eine Viertelstunde später rief Gregory Beale nach ihr.

»Die Dame ist wieder wohlauf«, sagte er lachend. »Sie will jetzt nach Hause gehen. Vielleicht besorgen Sie ihr ein Taxi.«

Daphne ging hinunter und winkte einem eben vorbeifahrenden Wagen. Dabei entdeckte sie, daß jemand ein paar Schritte von dem Haus entfernt an einer Straßenlampe lehnte und sie beobachtete. Als sie genauer hinschaute, erkannte sie den bleichen Mann, der geklingelt hatte, während sie mit Ella Creed sprach. Er drehte sich jetzt rasch um, als ob er vermeiden wolle, daß sie sein Gesicht sah.

Miss Creed stand in der Halle und zog langsam ihre Handschuhe an, als Daphne zurückkam. Sie war sehr blaß, und ihre Stimme zitterte noch immer.

»Ich gehe jetzt . . . Es tut mir sehr leid, daß ich Ihnen solche Umstände gemacht habe, Mr. – nun weiß ich doch tatsächlich Ihren Namen nicht mehr!«

Sie wandte sich ärgerlich an Daphne.

»Haben Sie ein Taxi bekommen?« Als Daphne bejahte, sagte sie nur kurz: »Wir sprechen uns ein andermal.« Dann verließ sie mit einem Kopfnicken das Haus und ging die Treppe hinab.

Mr. Beale wartete, bis das Auto verschwunden war.

»Du lieber Himmel!« sagte er plötzlich überrascht. »Der Bursche ist noch immer da!« Er deutete auf den Fremden, der Daphne vorher beobachtet hatte.

»Es gibt wirklich sonderbare Leute«, meinte er, als er die Tür schloß und Daphne in ihr Arbeitszimmer folgte. »Miss Creed gehört auch dazu. Kennen Sie übrigens jemand, der Lane heißt?«

Daphne schüttelte den Kopf.

»Sie murmelte die ganze Zeit diesen Namen. Er kommt mir irgendwie bekannt vor – soviel ich mich erinnern kann, hat ein Sträfling so geheißen.«

Er sah auf seine Uhr.

»Es ist Zeit, daß Sie nach Hause gehen. Übrigens – Ihr früherer Chef will mich heute abend besuchen. Was ist das eigentlich für ein Mann?«

Daphne gab eine vorsichtige Schilderung von Leicester Crewe.

»Ich soll ihm südamerikanische Aktien abkaufen – er hat angeblich vor, sich im Ausland niederzulassen. Es sind gute Papiere, aber zur Zeit nicht seht gefragt. Ist er ehrlich?«

Sie hatte keine Lust, über die Charaktereigenschaften ihres ehemaligen Chefs zu sprechen.

»Er ist so ehrlich, wie eben ein Geschäftsmann ehrlich ist«, sagte sie. Er lachte über ihre Zurückhaltung.

Daphne verließ das Haus mit einem unbehaglichen Gefühl. Vielleicht war es der Gedanke an Ella Creed und ihre sonderbare Ohnmacht, der sie bedrückte. An einer Untergrundbahnstation ging sie in eine Telefonzelle, um Miss Creeds Adresse zu suchen. Ein Bus brachte sie dann nach St. John's Wood. Sie läutete, und ein Mädchen öffnete die Tür.

»Ja, Miss Creed kam vor einer halben Stunde zurück«, sagte sie. »Soll ich Sie anmelden?«

»Nein, nein«, erwiderte Daphne hastig. »Ich wollte nur wissen, ob sie gut nach Hause gekommen ist.«

»Es war nicht so schlimm«, entgegnete das Mädchen in einem Ton, der darauf schließen ließ, daß Ella Creed bei ihrem Personal nicht gerade beliebt war.

Daphne wollte gerade wieder gehen, als jemand vom Balkon her ihren Namen rief. Es war Miss Creed.

»Miss Olroyd! Was wünschen Sie?«

»Ich wollte nur fragen, wie es Ihnen geht!«

»Sie sind wirklich sehr besorgt um mich«, entgegnete Miss Creed spöttisch.

Daphne gab klugerweise gar keine Antwort, sondern drehte sich um und ging. Zu ihrer Überraschung folgte ihr das Dienstmädchen durch den Garten, bis sie außer Sicht waren, und sprach sie dann an.

»Sie hat am Telefon Streit mit jemand gehabt«, sagte sie leise. »Wir haben es gehört, obwohl sie uns alle in die Küche schickte. Wissen Sie, was eigentlich los ist, Miss?«

»Nein«, entgegnete Daphne, die diese Vertraulichkeit ein wenig unangenehm berührte.

»Ihre Schneiderin ist hier und hilft ihr beim Packen. Sie rief sie sofort an, als sie nach Hause kam. Wissen Sie, ob Miss Creed verreisen will?«

»Keine Ahnung«, sagte Daphne, drehte sich brüsk um und beendete damit die Unterhaltung.

Miss Creeds Haus lag in einer ruhigen, vornehmen Straße. Es waren nur wenig Fußgänger zu sehen, ein Auto parkte ungefähr zwanzig Meter von dem Haus entfernt. Beim Vorübergehen betrachtete Daphne den Wagen – irgend etwas daran kam ihr merkwürdig bekannt vor.

Und dann erinnerte sie sich plötzlich: In der Glasscheibe des linken Scheinwerfers entdeckte sie einen unregelmäßigen Sprung; sie hatte den gleichen Riß schon einmal gesehen – und zwar an dem Scheinwerfer jenes Wagens, der sie nach Epping Forest gebracht hatte. Einen Augenblick war sie vor Entsetzen gelähmt. Sie wagte nicht einmal, den Chauffeur anzusehen, als sie vorbeilief. Furchtsam blickte sie über die Schulter, aber es folgte ihr niemand. Atemlos und zitternd erreichte sie die Hauptstraße.

Dort wartete sie an der nächsten Haltestelle auf einen Bus, als sie plötzlich angesprochen wurde.

»Entschuldigen Sie . . .«

Sie fuhr nervös herum und sah in die Augen des Mannes, den sie vor dem Haus von Mr. Beale gesehen hatte. Sie erschrak noch mehr, aber dann machte sie sich klar, daß sie keinen Grund hatte, sich zu fürchten. Überall waren Leute, und in einiger Entfernung sah sie sogar einen Polizisten.

»Was wollen Sie von mir?« fragte sie ängstlich.

»Sie sind doch die Sekretärin von Mr. Beale? Ich bin Ihnen von seinem Haus aus bis hierher gefolgt – könnte ich einen Moment mit Ihnen sprechen?«

Ein schrecklicher Hustenanfall hinderte ihn am Weiterreden; keuchend lehnte er sich an eine Hauswand.

»Haben Sie keine Angst, Miss«, brachte er schließlich heraus. »Ich habe es auf der Lunge. Wenn ich nur ein wenig Vernunft besessen hätte, wäre ich in Argentinien geblieben, wo jeden Tag die Sonne scheint. Ich wollte eigentlich überhaupt nicht herkommen, aber meine Schwester überredete mich dazu – und nun versuche ich, Geld für die Heimfahrt zusammenzubringen.«

»Waren Sie deswegen heute nachmittag bei Mr. Beale?«

»Ja, Miss.« Er nickte. »Ich hätte nie gedacht, daß er so hart sein kann . . ., als ich das letztemal mit ihm sprach, hätte er seinen Rock ausgezogen und ihn dem nächsten Bettler geschenkt!«

Er sah mitleiderregend aus; bei jedem heftigen Windstoß zitterte er in seinem dünnen Mantel.

Daphne tat der arme Kerl sehr leid. Gleichzeitig war sie neugierig geworden – die sonderbare Beschreibung von Mr. Beales Charakter gab ihr zu denken.

»Mr. Beale ist immer sehr liebenswürdig. Vielleicht haben Sie etwas gesagt, was ihn verletzte«, meinte sie.

»Wirklich nicht!« Der Mann sah sie verzweifelt an. »Früher war er nicht so. Wenn Sie vielleicht ein gutes Wort für mich einlegen könnten . . .«

»Wie heißen Sie?« fragte sie.

»Harry Merstham, Miss – in früheren Tagen wurde ich Harry, der Barmann, genannt. Ich hatte eine Bar in Buenos Aires gepachtet. Billy Lewston hat sie mir vermittelt. Kennen Sie den?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Ich konnte ihn nicht besonders leiden. Er war ein Gauner, und seine Schwester war auch nicht viel besser. Ich dachte, Mr. Beale würde . . .«

Wieder wurde er durch einen bösen Hustenanfall unterbrochen. Als er sich erholt hatte, gestand er ihr, daß er keinen Pfennig mehr in der Tasche habe. Daphne gab ihm fünf Shilling und notierte sich seine Adresse. Sie versprach ihm, Mr. Beale am nächsten Morgen noch einmal seine Angelegenheit vorzutragen.

Nach ihrer Ankunft im Hotel rief sie sofort Peter an, aber er war weder in seiner Wohnung noch im Büro.

Sie hätte ihm gerne ihre letzten Erlebnisse erzählt, denn sie nahm an, daß er sich wie immer dafür interessieren würde.

Wahrscheinlich hätte sie auch von der Begegnung mit dem kranken Harry Merstham gesprochen, wenn ihr nicht plötzlich eingefallen wäre, daß diese Geschichte vielleicht ein falsches Bild vom Charakter ihres Chefs geben könnte. Sie ahnte nicht, daß Peter gerade durch diesen Mann die Lösung des Rätsels in wenigen Minuten gefunden hätte.

Im Hotelbüro wollte sie sich erkundigen, ob Post für sie gekommen sei. Sie mußte einen Augenblick warten, weil eine Dame den Geschäftsführer eben um Auskunft bat. Es war offensichtlich eine reiche Amerikanerin, die ihren Schmuck aufbewahren lassen wollte.

»Ich kann Ihre Wertsachen selbstverständlich hier im Geldschrank verwahren«, sagte der Geschäftsführer. »Aber im allgemeinen mieten unsere Gäste einen Safe bei der Bank, wenn sie länger bleiben, es ist weniger riskant.«

Die Dame schien sich dafür zu interessieren und stellte noch einige Fragen.

»Das Ganze ist sehr einfach.« Der Geschäftsführer erklärte ihr alle Einzelheiten.

Während Daphne zuhörte, kam ihr plötzlich ein Gedanke. Rasch ging sie in die Telefonzelle und versuchte zum viertenmal vergeblich, mit Peter Verbindung zu bekommen.


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