Friedrich Theodor Vischer
Faust – der Tragödie dritter Teil
Friedrich Theodor Vischer

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Erster Aufzug

Erster Auftritt

Einfaches Zimmer. Lieschen tritt auf.

Lieschen.
Ich bin das Lieschen, das am Brunnentrog
Einst des Gespräches mit dem Gretchen pflog.
Erinnert euch, wie sie aus meinem Munde
Vom Bärbelchen vernahm die schlimme Kunde.
Weil ich nun damals so moralisch sprach,
Ließ mir der Herr in seiner großen Gnade
Des Fegefeuers heiße Qualen nach
Und läutert mich auf minder hartem Pfade.
Er wählte mich nach meines Lebens Endung
Zu sonderlich bedeutungsvoller Sendung,
Ernannte mich zu hochgewicht'ger Stelle:
Im Himmelsvorraum, an der heil'gen Schwelle
Darf ich als Fausti Seelenfreundin leben,
Bis wir gereift, ins Heiligtum zu schweben.
Das arme Gretchen, das zu hart gebüßt:
Ihr ist jedwede Läuterung erlassen,
Als sel'ger Geist ward sie schon längst begrüßt
Im sel'gen Kreis, den keine Worte fassen,
Sie wohnt in der Verklärten Sitz
Zu hoch für eines Dichters Witz.
Vernehmet nun, was ich getreu berichte
Von Doktor Fausts seitheriger Geschichte.
Als er zum Himmelseingang ward erhoben,
Erklang ein Ruf posaunenhaft von oben:
»Es hat nicht ohne Recht
Der Kritiker Geschlecht,
Voran der Geist, der stets verneint
Und stets als ihr Regent erscheint,
Den scharfen Einwand vorgebracht,
Der viele Leser stutzig macht,
Der Geisterwelt präsentes edles Glied,
Nicht ganz so strebend hab' es sich bemüht,
Als nötig, es zu retten
Aus Satans Ketten;
Darum ward resolvieret,
Wird hiemit dekretieret:
Faust soll vorerst dahüben
Noch eine Zeit sich üben,
Soll zur Erinnrung an sein Amt auf Erden
Im mystischen Vorraum vor dem höchsten Himmel
Bei sel'ger Knaben munterem Gewimmel
Präzeptor werden!
Dies soll mit gewissen Entbehrungen,
Mit prüfenden Erschwerungen,
Mit Lockungen, die wir nach unserem Plan
Dem Satan selbst bewilligt han,
Verbunden sein!
Und obendrein
Erfolgen dann weitere Übungen,
Versuchende heilsame Trübungen,
Zum Schluß ein läuternder Prozeß,
Was noch verhüllt bleibt unterdes.
Dies soll ergehn über unsern Knecht!
Conclusum! Vidit! Es ist recht.« –
Erlaubt, daß ich hier nebenbei bemerke,
Ein Wink in Goethes eignem Dichterwerke
Sei als Motiv, worauf der Spruch sich stützt,
Vom höchsten Consistorium benützt:
Da Fausti Seele – freilich fast zu prompt –
Mit Engelpost zur Himmelspforte kommt,
Im Puppenstande zwar zunächst,
Dann aber reißend schnelle wächst,
So singen dort die sel'gen Knaben –
Ihr werdet's ja gelesen haben
Und kennt den pädagogisch schönen Text:
        »Er überwächst uns schon
        An mächtigen Gliedern,
        Wird treuer Pflege Lohn
        Reichlich erwidern.
        Wir wurden früh entfernt
        Von Lebechören,
        Doch dieser hat gelernt,
        Er wird uns lehren.«
Was nun das himmlische Dekret
Unter den Prüfungen versteht,
Die an den neuen Stand sich knüpfen
Nebst andern, die dann weiter folgen sollen:
Laßt nur das Drama weiter hüpfen,
So wird sich alles euch entrollen.
Ich melde jetzt – ihr werdet es verlangen –
Genauer, was mit mir ist vorgegangen.
Nicht fern von diesem himmelnahen Ort
Steht ein Gebäude, edler Bildung Port,
Ein Institut, Feld für Erziehungssaat,
Vorhimmlisches Töchterpensionat,
Wo man das Herz sowohl als auch den Geist
Im Guten, Wahren, Schönen unterweist.
Da wird der Sinn geseiet und gesichtet,
Im deutschen Stil, in Logik und Musik,
Literatur, Kritik sowie Physik,
Vor allem in der Unschuld unterrichtet.
»Religion für Töchter« war die Blume
Des Unterrichts. Des Herrn Direktors Muhme
Trug sie uns vor; wie tief und klar,
Ich vergeß es nie!
Ihr schöner Standpunkt war
Gemäßigt freisinnige Theologie. –
Manch Gröbliches, was mir vom alten Stande
Noch anhing, tat mir ab die Gouvernante.
Wahr ist es leider, daß ich gerne klatschte,
Wenn ich mit andern zu dem Brunnen patschte;
Weit hinter mir mit Gelte und mit Krug
Liegt jetzo dieser lasterhafte Zug.
Ich reifte, machte mein Examen,
Und als den Faust hieher die Engel nahmen,
Ward ich als Hausverwalterin,
Als weise Unterhalterin,
Als Warnerin, als Mahnerin,
Vollkommenheitsanbahnerin
Dem Waller nach dem Himmelszelt
In Gnaden beigesellt.
(Sie geht an den Tisch, deckt weiter, tritt aber noch einmal vor.)
Doch ob der Anstalt zu Herrn Doktors Essen
Hätt' ich noch einen Hauptpunkt fast vergessen.
Der gute Valentin! Da muß ich nun
Vom Bärbelchen zugleich Erwähnung tun:
Der Valentin, kein andrer, war ihr Schatz,
Ein Leichtfuß schien er mir, ein Flatterspatz;
Ich sprach: »Er ist ein flinker Jung,
Hat anderwärts noch Luft genung.«
Wie unrecht! Er war treu! Allein er fiel,
Und Treu und Leben fand ein frühes Ziel.
Und als zu ihr die Trauerkunde kam,
Sie trug es nicht, die Arme starb vor Gram.
Doch ihm und ihr war für so schweres Leid
Entschädigung von seltner Art bereit:
Er durfte hier am Rand der Himmelshallen
Für müde Pilger, die zum Gipfel wallen,
Ein Wirtshaus, eine Brauerei errichten,
Wohin zur Labung kurze Zeit sie flüchten.
Die Bärbel kocht, er schenkt, und alle Gäste
Befinden sich, so hört man, auf das beste.
Jedoch für meinen guten Faust,
Der hier so friedlich mit mir haust,
Ist dieser Umstand keine Kleinigkeit.
Warum? Die Antwort ist bereit,
Der nächste Auftritt bringt sie schon
Mit mächtiger Sensation.
Hiemit sind dann die Proben eingeläutet,
Die jener Ausspruch dunkel angedeutet.
Ach Gott, mir ist es angst und bang
Vor dem geahnten Sturm und Drang!
Doch schimmert Licht des Trostes in die Nacht,
Ein Himmelsbote hat es überbracht:
Es ist ein milder Zusatzparagraph
Zum strengen Machtwort, das den Teuren traf:
Der Valentin, der handfest tücht'ge Klopfer,
Auf Erden einst des Fausti blut'ges Opfer,
Jetzt christlich ihm versöhnt nach Möglichkeit,
Soll ihm zur Hülfe, wenn die schwersten Proben
Ihn etwan aus dem Gleichgewicht geschoben,
Mit seiner Muskel Boxkraft sein bereit.
Seht hier die Klingel: kommt's zu schwer,
So darf ich ziehn und er eilt her.
Genug, es ist des Mittagessens Hora,
Euch grüßt des Schauspiels Chorus oder Chora.
(Verneigt sich und tritt an den Tisch zurück.)


Zweiter Auftritt

Faust tritt ein.

Lieschen (nimmt ihm Hut und Mantel ab).
Bist müde, mein Verehrter! Komm, gib her!

Faust.
Ach, wie war heut die Mühe wieder schwer!
Wie schmeckte mir ein gutes Gläschen Wein!

Lieschen.
Mein guter Heinz, du weißt, es darf nicht sein!
Hier steht die Milch, komm her, ich schenk dir ein.

Faust.
Ach ja (er nimmt und trinkt mit Widerwillen),
        und Hunger setzt's, nach solcher Last!
Was gibt's zu essen, sag, was hast?

Lieschen.
Du weißt es ja, Heuschreckentag ist heut,
Doch morgen gibt es liebliches Gebäck
Von wildem Honig.

Faust.         Widriges Geschleck!
O schmale Kost, o harte Prüfungszeit!
So lebt kein Proletarier,
Kein Züchtling, Vegetarier!

Lieschen.
Beherrsche dich, denk immer an den Zweck!

Faust.
Ich bitte, darf ich denn mit Fug mich nicht beschweren?
Den Jungen soll ich Faust, den zweiten Teil, erklären!
Ja, das macht Hunger, das macht Durst!
Wie lechzt man da nach Bier, nach Wein, nach Wurst!
Dabei darf ich den Stecken zwar besitzen,
Doch ihn bei schwerer Strafe nicht benützen,
Soll, was sie auch für Bubenstreiche treiben,
Für ausgesuchten Schabernack,
Geduldig wie ein sanfter Engel bleiben!
O das verfluchte Schlingelpack!

Lieschen.
Heinrich!

Faust.
Verzeih, daß mir das starke Wort entflohn,
Ein Rückfall war's in alten Erdenton!
O wolle du nur fort und fort,
Als Hüterin, als Seelenhort,
Wenn mich des Zornes rauhe Geister zwacken,
Mich reinigen von diesen Erdenschlacken,
Hier an des Himmels Ranft
Weiblich gelind und sanft
Zu höheren Gefilden
Mich bilden!

Lieschen.
O nein, mein Guter, du auch bildest mich,
Ich dich durch des Gefühles zarte Bande,
Du mich mehr mit dem männlichen Verstande;
O Wechselbildung schön und förderlich!
O Wonne, zu des höchsten Himmels Hallen
Einander bildend so emporzuwallen!

Faust.
Ja, das ist schön und wäre schöner noch,
Wär' die Diät um etwas besser doch!
Dich, Holde, tadl ich nicht
Ums magere Gericht,
Du folgst ja nur, ich weiß es lange schon,
Dem Wortlaut höherer Instruktion.
Des Leibs Entbehrung,
Der Geistabklärung
Zweckvolle Mehrung,
Sie soll den alten Erdenbengel
Filtrieren bis zum reinen Engel;
Und doch ist's hart, doch ist es halt zu viel,
Zu steiler Weg zu dem erhabnen Ziel,
Wenn man vom Schulstaub kommt so hungrig, so verschwitzt,
Mit tiefem Atemzug zu Tisch dann endlich sitzt
Und findet da das traur'ge Einerlei,
Kartoffel, Lattich, fade Pflanzenkost
Und nur am Sonntag dünnen Apfelmost.
O Lieschen, du mit deinem Weibermagen,
Du ahnest nicht, was solche Kur will sagen!
Warum dies Leben, wie Johann der Täufer?
Ich war ja doch kein Fresser und kein Säufer!

Lieschen.
Noch andre Formen treibt die Üppigkeit,
Gedenke reuig der arkadischen Zeit!
Warum bist du zur Prüfung da?
Gedenk, o Faust, der Helena!

Faust.
Ach, geh mir weg, es sei dir nicht verhehlt:
Symbolisch war ich nur mit ihr vermählt,
Man tat nur so, es war der pure Schaum,
Phantasmagorisch schattenhafter Traum!

Lieschen.
Den Blocksberg, Faust, vergiß nicht ganz!
Da führte dich der arge Reisebruder
Zu Tanz mit wem? Pfui, Faust, zu welchem Tanz!

Faust.
Das waren dennoch allerliebste Luder!

Lieschen.
Heinrich, mir graut vor dir!

Faust.         Ach Gott, verzeih!
Verzeih, daß ich so tief zurückefiel!
Des Ärgers, Hungers, Durstes Tyrannei
Reizt zynisch mich zum alten groben Stil!
Vergiß das rohe, unanständ'ge Wort
Und bilde mich nur immer weiter fort!

Lieschen.
Der Stil nur wär' es? Ist's nicht der Gedanke?

Faust.
Es waren freilich gar so reizend schlanke.

Lieschen (nach einem Blick in den Spiegel).
Faust, Faust, sei jetzt doch mehr für das Gesetzte,
Nur das Solide sei dir das Geschätzte!
Die starken Reden laß dem Valentin,
Dem Mann des Volkes gehn sie eher hin.

Faust.
O er, gefällt durch meinen Degenstoß,
O wie beneid ich ihm sein jetzig Los!
Nicht Macbeth konnt' in seiner Seele Leiden
So schmerzlich den Gemordeten beneiden!
Mir vor der Nase steht sein wohnlich Haus,
Und wirbelt da des Herdes Rauch heraus,
Hör ich vom Anstich den vertrauten Klang,
Vergnügter Gäste Schwatzlärm und Gesang,
Und denk ich, wie's dem Guten ist zu gonnen,
Wenn abendlich am Himmel sinkt die Sonnen,
Daß er in sich geht und denkt,
Wo man einen guten schenkt,
Da ist mir – ach, wie kann es anders sein!
Als zög' mich Zaubermacht hinein!
Wohl sag ich mir im Namen der Moral
Den Grund und Zweck von dieses Darbens Qual,
Doch ist es jedem eingeboren,
Daß sein Gefühl hinan und vorwärts strebt,
Wenn vor dem Geist in Stille reif gegoren
Mit holdem Dampf ein Sauerkräutchen schwebt,
Wenn zart geräuchert neben Schweines Rüssel
Ein Wurstpaar dampfet in der wackern Schüssel,
Hienebst – verzeih! Ich muß ein wenig schmatzen –
Bayrische Knödel oder Schwabenspatzen,
Dazu ein Tröpfchen edles, firnes Naß
Vom Keller aus dem Lagerbiergelaß. –


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