Theodor Storm
Zur Chronik von Grieshuus
Theodor Storm

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Anno 1713 war ich schon mehr denn vier Jahre hier als Successor des Pastor Heikens, der nach Wetzlar in der Wetterau berufen worden.

Der Mißwirtschaft in unserm Lande überdrüssig – denn der Geheimrat Görtz riß immer mehr die Zügel an sich und war mit dem Könige nur einig, wo es galt, die Stände und das Land zu drücken –, hatte der Herr Oberst schon Anno 1707 den Junker nach Stockholm gesandt, woselbst er als Page und Leibdiener unsrer Herzogin eingestellet wurde; nach deren im darauffolgenden Jahre bereits erfolgtem traurigen Absterben trat er als Fahnenjunker in die schwedische Miliz und hatte nunmehr geschrieben, daß er als Lieutenant bei den Dragonern war installieret worden.

Auf Grieshuus saß nun der Oberst mit dem Vetter und der Tante Adelheid in großer Stille; auch machte die Wunde ihm gar oft zu schaffen. Jeden Montagabend brachte ich dorten zu; dann sprachen wir von unserm stolzen Knaben. War ein Brief gekommen, so mußte ich ihn vorlesen; Tante Adelheid hielt dann ihre Spindel müßig auf dem Schoße, und der Vetter rief dazwischen: »Nun, Ehrwürden, was saget Ihr zu unserm discipulis?« Dann nickte der Oberst lächelnd von seinem Kanapee, worauf er mit seinem kranken Beine lag. Um zehn Uhr ging ich wieder hinab nach meinem noch weit stilleren Hause in dem Dorfe; denn ich war noch unbeweibet. Die Abel war noch immer bei denselben Leuten in der Stadt, die ihrer nicht entraten mochten; sie hatten einen Kramladen, und das Mädchen war zu einer braven und anstelligen Jungfer aufgewachsen; in den Laden kam wohl mancher ihrethalben, der anders nicht gekommen wäre. Ich aber dachte schon lange, sie mir zum Weibe zu gewinnen.

Von Wölfen wurde seit des Wildmeisters Abgang ferner nichts gespüret, und es konnte auch ein Kind itzt ruhig durch die Wälder gehen; aber über der Torfahrt und im Turmhaus wohnte niemand mehr, und von hüben und von drüben leuchtete kein Licht mehr nach der Heide. Auch von dem Nachtspuk dorten hörte ich nichts wieder.

So war es im Januarius des gedachten Jahres. Der gewaltige Kriegsfürst Carolus XII. war seit der schweren Niederlage bei Pultawa fern in der Türkei geblieben; da erhuben sich alle seine Feinde, zuerst die Russen und Sachsen und der Dänenkönig Friedrich IV., der sich in dessen deutschen Herzogtümern Bremen und Verden in seinem Übermute von den Untertanen hatte huldigen lassen; aber der schwedische Feldmarschall Steenbock schlug ihn bei Gadebusch und ging bei Lübeck über die Grenze in unser armes Land. So hatte wir wieder einmal alle Molesten des Krieges und waren doch im Frieden mit Dänen wie mit Schweden. Der Steenbock zog plündernd und brandschatzend bis in unsre Gegend, und mußte die drunten in der Stadt zum Willkommen alsogleich fünfhundert Tonnen Viertalerbieres und fünfhundert Tonnen Brotkorn zu dessen Armee liefern.

Grieshuus war wohl bisher noch nicht berühret worden, aber wir waren hier in andern Sorgen; denn unser Junker Rolf zog mit der Armee des schwedischen Feldmarschalls. Einmal, von Pommern aus, war an den Vater ein Brief von ihm gelanget: »Mon cher papa, und denk, wir kommen auch noch nach Grieshuus; da lasse ich mich bei Ihnen ins Quartier legen, um alles Mißgefüge zu verhüten. Und meine Falada möcht ich wieder reiten, denn unsre Pferde taugen nicht. Lasset das adelige Tier bis dahin fleißig rühren!« Aber der Herr Oberst hatte ihm darauf erwidert: »Suche dich loszumachen, Rolf; denn der König strecket auch über Grieshuus anitzo seinen Zepter, und es würd' es dir übel danken, so du wider ihn gestritten hättest.« Es kam keine Antwort; er hat den Brief wohl nimmer erhalten. Aber ein mündlicher Gruß kam unerwartet durch einen Knecht, der unten in der Stadt gewesen war. Aus einer schwedischen Eskadron Dragoner, so dorten auf dem Markte ihm vorbeigeritten, hatte er sich rufen hören: »Marten, Marten! Wie geht's zu Hause?« Und auf seine fast erschreckte Antwort: »Oh, alles gut, Herr!« nur noch »So grüß! Ich komme bald!« Dann war die Eskadron schon weit; aber der Knecht wußte nun, es war der Junker Rolf gewesen; er hatte ihn nur nicht gleich erkannt mit dem gekürzten Haupthaar und dem leichten Barte.

Solches erzählete mir der Vater, in Freuden halb und halb in Kümmernis; denn itzo war ich fast jeden Nachmittag ein Stündchen auf Grieshuus. – Am vierundzwanzigsten Januarius aber – es wird das Datum nimmer aus meinem Herzen schwinden – stand ich noch spätabends in dem Schlafgemach der Tante Adelheid und schauete in den hellen Hof hinab und nach dem weiten Himmel, von wo der Mond und alle Sterne auf die Erde schienen. Die Tante vermeinete zu sterben, obwohl der Doktor sie noch ein Dutzend Jahre wollte leben lassen, und ich war, nachdem ich schon nach Haus gegangen, aufs neue geholet worden, um ihr das heilige Abendmahl zu reichen. Die Wachskerzen waren eben ausgetan; sie lag in ihrem Himmelbette und seufzete nach dem Junker, um ihm noch ein ererbet Uhrlein mit Kette in die Hand zu geben. Die alte Matten saß an ihrem Lager, aber das übrige Haus war schon zur Ruhe.

Da ich also in die stille Winternacht hinausschauete und mir beifiel, daß heut und übel Wetter doch nicht allezeit beisammen seien, hörte ich unten von der Torfahrt her ein Rütteln an dem Eisengitter, das der Herr Oberst erst in dieser Zeit hatte davorsetzen lassen.

»Auf! Auf!« rief eine Weiberstimme, und noch einmal und lauter: »Machet auf; ich bin es!«

Wer war das? Aber ich wußte es schon und ging mit raschen Schritten nach der Tür.

Die Tante rief kläglich aus ihrem Bette: »Will Er mich schon verlassen, Pastor?« Aber ich vernahm es kaum; ich eilte über den Hof und holete den Schlüssel aus des Verwalters Schlafkammer, der seit Nachmittage mit dem Vetter jenseit des Waldes auf dem Meierhofe war.

Der Wind fegte durch die Torfahrt, es war eisig kalt; draußen aber vor dem Gitter stand ein schlankes Mädchen mit wehenden Röcken, ein Tüchlein um den Kopf gebunden.

»Jungfer Abel!« rief ich und schloß das Gitter auf; »wo kommt Sie doch daher so mitten in der bitter kalten Nacht?«

Aber sie war also außer Atem, sie antwortete nicht, sondern setzte sich nur auf die Treppe, so nach meiner früheren Kammer führte, ich ihre kleinen Hände waren schier verklommen.

Einen Augenblick nur!« sprach sie dann; »aber eilet! Wecket den Herrn Oberst! Ich folge Euch sogleich – nur eilet, eilet!«

Da tat ich, wie sie wollte, und ging eilig in das Haus.

Und als der Herr Oberst kaum aus seiner Schlafkammer in das Wohngemach gelanget war, da öffnete sich auch die Tür vom Flur aus, und das Mädchen war hereingetreten; die dunklen Augen lagen fast schwarz in ihren Höhlen.

Der Oberst saß am Tisch inmitten des Zimmers; eine Flasche roten Weines stand noch vom Abend halb gefüllet neben ihm; er saß bleich und matt in seinem Schlafpelz auf dem Sessel, sein altes Übel plagte ihn itzo sehr. »Abel«, sprach er, »warum kommst du mitten in der Nacht? Hast du Unfrieden gehabt mit deinen Leuten?«

Aber sie schüttelte den Kopf. »Der Wildmeister war in der Stadt!« sagte sie hastig; »aber er wollte erst ein Pferd sich suchen. Da bin ich ihm vorausgelaufen; denn die Schweden haben die Pferde all genommen! Lasset die Knechte wecken, Herr Oberst!« rief sie, indem sie ihm zu Füßen stürzte, »nehmet den besten; er muß reiten, über die Heide und durch die Wälder nach dem Fluß hinunter: aber keine Viertelstunde ist zu verlieren!«

»Was soll das?« sagte der Oberst. »Reiten? Und itzo in der Nacht? Du hast die schlimmen Tage wohl vergessen? Die Kerle fürchten den Teufel oder was sonst heute umgehen soll; ja, wenn der Wildmeister wirklich wieder da wäre!«

Aber hob ihr bleiches Haupt: »Der kommt zu spät, Herr Oberst! – So gebet mir ein Pferd! Gott wird mir helfen!«

»Das ist nicht Weibersache. Aber weshalb soll denn geritten werden? Das müssen wir doch zuerst wissen!«

Das Mädchen sah verwirrt zu ihm auf: »Ja, ja, Herr Oberst! Aber der Junker Rolf stehet mit einem Posten schwedischer Dragoner drunten an dem Flusse; er soll die Brücke halten, denn die Russen wollen dort hinüber. Sie meinen in der Stadt, das würd' noch Tage ausstehen; aber ich weiß, die Russen kommen noch in dieser Nacht! Lasset den Junker warnen, Herr! Sie könnten sonst alle verhauen werden!«

»Herr Pastor«, sprach der Oberst, nachdem er einen Augenblick totenbleich, wie suchend, um sich her gesehen, »wollte Er die Knechte wecken?«

Und so ging ich hinaus und schüttelte die Kerle aus ihren schweren Betten. Als ich ihrer drei beisammen hatte, trat ich mit ihnen wieder in das Zimmer und hörete den Oberst zu dem Mädchen sagen, das an seinem Sessel stand: »Hätte ich den Verwalter nur nicht fortgesendet! – Ich selber?« Und er wiegte wie ratlos seinen Kopf. Als er aber die Knechte sah, welche sich schläfrig an den Türen aufstellten, rief er: »Nun, Leute, wer von euch will eurem jungen Herrn zuliebe heute nacht noch einen Ritt tun?« U er berichtete, was zu wissen ihnen not war. Aber sie antworteten ihm nicht, schielten sich an und stießen sich mit den Ellenbogen.

»Es soll nicht euer Schade sein!« sprach der Oberst wieder und bot ihnen eine Summe Geldes.

Da sagte der größte von den Kerlen: »Herr, wir haben ja die schlimmen Tag'; man lebet doch nur einmal.«

»Wisset ihr«, rief der Oberst, »daß ihr des Junkers Leute seid? Ich kann euch schicken, ohne euch zu fragen!«

Und da sie abermals schwiegen, schlug das Mädchen wie in Zorn und Verachtung die Hände ineinander: »Die würden nicht zum Heile reiten; aber gebet mir das Pferd, wenn sich die Mannsleut fürchten!«

»So nicht, Jungfer Abel!« rief ich; »ich bin kein Reiter; aber so man mich verlanget, bin ich gleich Ihr dazu bereit!«

Da, während sich allmählich ein Haufen Gesindes in das Zimmer gedrängt hatte, wurde unten die schwere Haustür aufgestoßen; es kam die Stiegen zu uns herauf, hastend und doch mühsam; und alle Köpfe wandten sich. »Der Wildmeister!« raunte es unter den Leuten; »das ist der Wildmeister!« Sie wichen alle zurück, als die große Gestalt des Greises in das Zimmer trat. Aber er schritt nicht mehr aufrecht wie vor Jahren; er schien in diesem Augenblick wie am Ende seines Lebens. Trotz der eisigen Nachtkälte draußen rann der Schweiß in Tropfen ihm in den weißen Bart; er wollte sprechen, aber der Atem versagte ihm, und er neigte sich nur stumm vor seinem früheren Herrn.

Der reichte ihm beide Hände und sprach: »Ihr seid krank, Wildmeister; aber ich danke Euch, daß Ihr heut gekommen seid!«

Da erhielt der Greis die Sprache wieder: »Nur alt, Herr Oberst; gegen Sie mir einen Trunk von jenem Wein!«

Der Oberst schenkte den großen Glaspokal zum Rande voll, und der Alte trank durstig bis zum letzten Tropfen. Und allmählich richtete er sich auf: »Wer ist zur Brücke?« frug er.

»Niemand!« sprach der Oberst.

Vom Kirchturm unten aus dem Dorfe schlug es Mitternacht, und alle wandten das Haupt, um dem Schalle nachzuhorchen.

»Es ist Zeit!« rief der Alte und stand aufrecht, wie wir vor Jahren ihn gekannt hatten. »Gebet mir des Junkers Pferd Falada, so soll die Erde uns nicht lange halten!«

»Gehe, Marten«, sprach der Oberst, »und sattle die Falada!«

Und der Knecht trollte sich schweigend, und die andern Knechte und die Dirnen gingen mit hinaus. Der Oberst reichte dem Wildmeister die Hände: »Ihr seid der alte noch! Wir harren Euer, bis Ihr wiederkehret; und Gott geleite Euch!«

Doch als dieser sich zur Tür wandte, stand Abel vor ihm, mit ihren großen schwarzen Augen zu ihm aufblickend: »Ich darf nicht«, sagte sie; »aber, Herr, Ihr werdet nichts versäumen!«

Da neigte der noch immer aufrechte Mann sich zu ihr, nahm den kleinen Kopf des Mädchens zwischen seine Hände und küßte sie liebevoll auf ihre Stirn: »Nein, Kind, so Gott will«, sagte er leise; »ich liebe ihn ja noch mehr als du!«

»Noch mehr?« murmelte das Mädchen und schüttelte finster mit dem Haupte. Das sah ich noch; dann war ich mit dem Wildmeister draußen vor dem Haustor. Da stand schon die Falada, von dem Knecht gehalten; das edle Tier streckte den Hals und wieherte grüßend in die helle Nacht hinaus; der greise Mann aber reichte mir die Hand: »Lebet wohl, Herr Pastor!« sprach er, »betet für mich, Ihr kennet ja das Wort der Schrift: Unstet, und flüchtig sollst du sein auf Erden! – Noch dies; dann, hoffe ich, wird Ruhe sein.« Und da er mich itzo ansahe, war mir, als schaue ein lebenslanger Gram aus diesem edlen Antlitz.

Er bestieg das Roß, wandte es und ritt über den Hof zum Tore hinaus; ich aber ging ihm bis an den Rand der Mulde nach und sah noch eine Zeitlang die hellen Mähnen seines Rosses in der dunklen Heide fliegen.

– – Als ich die Treppe im Herrenhause wieder hinaufstieg, hörte ich die Tür des Krankenzimmers gehen, und mit ihrem Krückstock kam die blinde Matten daraus hervor.

»Wo will Sie hin, Matten?« frug ich.

»Zum Herrn«, entgegnete sie kurz; »aber faß Er mich an, Magister!«

So ging ich mit ihr hinein. Der Oberst saß wieder in seinem Sessel; Abel stand neben ihm, als sei sie gelähmt.

»Verzeihet, Herr!« sagte die Alte; »wir hören die Dirnen reden, und das Frölen Adelheid fraget danach: Was ist mit dem Junker?« Dann hielt sie inne: »Ist hier noch jemand mehr zugegen?«

»Deine Abel«, sprach der Oberst; »sonst niemand.«

»Abel? Nein, die ist unten in der Stadt; das sei Gott geklaget, denn da ist rauhe Wirtschaft itzo.«

Aber das Mädchen ging zu ihr und berichtete, was sie hergetrieben hatte. Die Alte stand gebückt und lauschte. »Wer soll denn reiten?« frug sie.

»Der Wildmeister, Möddersch; denn der ist wieder da und gleich nach mir hiehergekommen.«

Die Alte hatte sich aufgerichtet: »Der Wildmeister? Den ihr hier den Wildmeister geheißen habt? Wo ist der? Der darf nicht reiten!«

Was redest du da wieder, Matten?« sprach der Oberst. »Ein Besserer wäre nicht zu finden. Er ist schon fort; er muß bald mitten in den Eichen sein.«

Da fiel die Alte auf die Knie, und ihren Krückstock in die Höhe streckend, rief sie: »So stehen sie beide bald vor Gottes Angesicht!«

Das Kerzenlicht, welches allein in dem weiten Gemache brannte, und die Mondesdämmerung, welche durch die hohen Fenster schimmerte, erzeugeten ein seltsam wüstes Zwielicht; es war so kalt und öde hier; mir war mit einemmal, als sei alle Hoffnung längst verloren.

Der Oberst hatte sich erhoben und wandelte hinkend auf und ab. »Die Stunde ist schwer, Matten«, sagte er; »mache sie nicht schwerer durch deine Torheit.«

Die Alte entgegnete nichts, sie schien zu beten; doch Abel hob sanft und schweigend ihr altes Möddersch auf. Ich hörte, wie sie langsam den Korridor entlang und nach dem Krankenzimmer gingen.

– – Der Herr Oberst und ich waren itzt allein. Vom Dort herauf kam mit dem Wind ein Schlag der Turmglocke. »Eins!« sagte der Oberst.

»Ja, eins!« wiederholte ich; »vor vier Uhr kann der Wildmeister nicht zurück sein. Wollen der Herr Oberst sich nicht zur Ruhe legen bis dahin?«

Aber er schüttelte den Kopf: »Wenn Er, Magister, mit mir wachen wollte?« Und da ich dessen ihn versicherte, zog er den Glockenstrang: »Vielleicht, er könnte selber kommen!«

Ich schwieg; aber eine Magd kam, und bald entzündete sie ein mächtig Feuer in dem großen Ofen, und der Oberst hieß sie einen Sessel und einen Stuhl für mich davortragen.

Hier haben wir beieinander in der Nacht gesessen. Ein leichter Wind flirrete vor den Fenstern, und unterweilen ruckten wohl einmal die Wetterfahnen auf dem Dache. Sonst war alles still; nur wenn die Stunde wieder voll wurde, kam der Glockenschlag vom Dorf herauf. Geredet haben wir nicht viel mitsammen; des Obersten Gedanken mochten bei dem Sohne sein, auch wohl den greisen Reiter durch den Forst begleiten; denn einmal streckte er jählings beide Arme aus, und rief als wie aus Träumen: »Gott schütz sie beide!«, schwieg dann aber wieder oder sprach dazwischen: »Wie weit mag's in der Zeit sein, Pastor?« – Ich selber aber – denn so voll selbstsüchtigen Gebarens ist unser Herz –, ich dachte allendlich doch immer wieder an Abel, und in meinen Gedanken summete dann allzeit ein Gebet: »Ja, schütze ihn, mein Herr und Gott; aber das Herz des Mädchens, das mein Glück ist und das ihm nicht tauget, das wende du zu mir und gib uns deinen Segen. Amen!«

Das Feuer im Ofen war längst verloschen; itzt prasselte auch das Licht auf und sank dann zusammen. Es wurde fast dunkel in dem Zimmer, obschon da draußen noch der Mond schien; und da ich wußte, wo das Feuerzeug zu finden, so stand ich auf und entzündete das neue Licht, das bei dem Leuchter lag. So war es wieder wie vorher.

Es mag schon nach fünf Uhr gewesen sein, da hob der Oberst seinen Kopf und horchete nach den Fenstern zu; dann plötzlich richtete er sich völlig auf: »Sie kommen!« rief er. »Hört Er es, Magister?«

Wir traten an das Fenster, sahen aber nichts, denn das Torhaus ließ durch das Gitter von hier aus nur einen kurzen Blick nach draußen. Ich horchte. »Aber ein Wagen ist dabei, Herr Oberst!« sprach ich.

»Nein, nein; Er täuschet sich.«

Ich horchete wieder und vernahm es deutlich. »Gewiß ein Wagen!« rief ich. »Aber ein Pferd, vielleicht ein Reiter, ist vorauf!«

Und immer näher kam es. »Ein Wagen! Ja, ich höre ihn«, sprach der Oberst. »Was hat der Wagen zu bedeuten?«

Bald trabte ein Reiter durch die offene Torfahrt. Auf dem Hofe sprang er ab; aber er brachte selbst sein Pferd zu Stalle. Gleich danach höreten wir wieder draußen seinen Schritt; dann trat er in das Haus und stieg die Treppe zu uns herauf.

»Nur der Verwalter«, sagte der Oberst; »er kommt vom Meierhof. Aber wo ist der Vetter?«

Da war der Mann schon zu uns in das Zimmer getreten, stand am Türpfosten und sah den Oberst an, als habe er Unheil zu verkünden, das den Mund nicht zu verlassen wage.

Sein Herr war auf ihn zugegangen: »Er ist's, Verwalter? Hat Er mich doch schier erschrecket!«

Aber der Mann schien vergebens an einem Wort zu würgen.

Der Oberst wurde unruhig. »So red Er doch!« rief er; »was hat Er mir zu melden?«

Da sprach der andre: »Wir bringen einen Toten.« Und nach einer Pause: »Wir trafen den Wagen vor dem Walde; der Herr Vetter blieb dabei; ich bin vorausgeritten.«

»Den Wildmeister!« rief der Oberst. »Wo habet ihr ihn gefunden?«

Aber der Verwalter starrte ihn an. »Was meinen Sie mit dem Wildmeister, Herr?«

Der Oberst wurde kreideweiß im Antlitz und griff hinter sich nach einem Tische; dann streckte er den Arm und ließ die Hand schwer auf des Verwalters Schulter fallen. »Sag Er nichts weiter; nur – wie habe ich meinen Sohn verloren?« Aber seine Hand zitterte so gewaltig, daß der starke Mann darunter bebte.

»Herr, wenn Sie es wissen wollen!« sprach er. »Überfallen sind sie worden, aber halb im Schlafe doch noch in den Sattel kommen; und ein Kampfgewühl jenseit der Brücken hat sich dann ergeben. Der Junker Rolf auf einem hohen Fuchs war überall voran; aber auch viele Lanzen – denn von solchem Reitervolk sind die Russischen gewesen – haben nach ihm gezielet. Da ist vom Wald herunter ein herrenloses dunkles Pferd herangekommen, mit weißem Schweif und Mähnen, die haben im Mondschein geflogen; das ist, als sei es rasend, durch die Niederung und über die Brücke auf die streitenden Milizen losgestürmt; die dunklen Augen haben gefunkelt, es hat den kleinen Kopf nach rechts und links herumgeworfen. ›Das war kein Pferd, wie wir sie haben‹, sagte der schwedische Soldat, der mir das erzählete. Und zwischen dem Junker und einem Offizier, der seine Lanze auf ihn eingelegt, ist es jach hindurchgestoben; aber des Junkers Augen, die er so nötig brauchte, hat es mitgenommen. ›Falada!‹ hat er laut gerufen, dann –«

»Dann?« stammelte der Oberst.

»Ja, Herr, das ist sein letztes Wort gewesen; denn die Lanzenspitze des Russen hatte ihm das Herz durchstoßen.«

Ich faßte schweigend unsers Herrn Hand; da rollte ein Wagen langsam in den Hof, und wir stiegen hinab und hoben unsern Rolf, den schönen toten Offizier, herunter; wir trugen ihn hinauf in seine alte Kammer und legten ihn auf die Bettstatt; aber nicht mehr, damit er wie einstmals im Morgenrot von seinem Lager springe.

– – Ich hatte den Toten in seines Vaters Hut gelassen; denn mir lag zu sehr am Herzen, was nun zunächst uns zu besorgen oblag.

Da ich aus dem Hof getreten war, sahe ich ein zehnjährig Bürschlein vom Dorf heraufkommen; das erwartete ich, gab ihm eine kleine Münze und sprach: »Gehe ein Stücklein mit mir, Jürgen, falls ich einen Boten brauchte.«

Das war es zufrieden: und so gingen wir mitsammen an der rechten Seite oben durch den Waldesrand, und ich, wie wir fürder schritten, schauete von dorten allzeit über die Heide hin. »Wen suchet Ihr, Herr Pastor?« frug das Kind.

»Mir ist bang – ich suchen einen Toten«, entgegnete ich ihm.

Da wurde das Kind gar stille, und wir gingen weiter; aber es drängte sich an mich, wenn Krähen oder Elstern in den nackten Bäumen rauschten. Als wir oberhalb des Steines vor dem Tümpel kamen, streckte es seine Hand dahin. »Sehet, Pastor«, sprach es; »da liegt einer!«

Und als wir durch das Kraut hinabgestiegen waren, da hatte ich gefunden, was ich suchte. Als habe er zu sanfter Ruhe sich gestreckt, lag hier der Wildmeister mit seinem weißen Kopfe an den Stein gestützet. Der Vorbote der aufgehenden Wintersonne war schon da: ein roter Morgenschimmer lag auf dem stillen Angesicht.

Scheu und fürsichtig war der Knabe näher kommen. »Der schläft nur!« sagte er.

Ich aber sprach: »Gehe hin zum Hofe und erzähle, was du hier gesehen; und bitte, daß sie einen Wagen senden; denn hier ist Gottes Frieden und der Schlaf der Ewigkeit.«

Und so kniete ich zu dem Toten und betete, daß Gott Erbarmen haben möge auch mit der Seele dieses Mannes. Der Knabe aber lief dem Hofe zu.

 


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