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Die Gritt hatte ihre Farben wiedergefunden, aber sie blieb still und für sich. Ihre Züge hatten sich in feste Linien gegossen, die Augen waren tiefer geworden. Zuweilen stieg es leuchtend aus der Tiefe und glänzte feucht und klar zwischen den rotgoldnen Wimperhaaren. Ihr Schlaf wurde leichter, und ihre Arme sehnten sich nach Arbeit. So ging sie in den Herbst.

Am Sonntag nach dem zweiten Schnitt rüsteten sie zu Allen Winden auf den Kirchgang.

Der Knecht hütete den Hof.

Keine Wolke am Himmel. Blaßblau stand das stählerne Gewölbe über der Welt. Die Fernsicht war so klar, daß der Hans die Nadel des Straßburger Münsters in der Rheinebene schwimmen sah und den weißen Alpenrand im Süden mit den Blicken festhalten konnte. Der Rhein blitzte als silberne Schlange aus dem Buschwald. Der Rauch eines Eisenbahnzuges rollte leuchtend durch das grüne Land.

Ein rotbärtiger, bebrillter, mit Netz und Blechtrommel bewaffneter Herr, den fünf Knaben begleiteten, stieg nach Allen Winden hinauf, kostete ein Glas Milch und fragte nach dem Weg zum Hochmoor und ins Lützeltal.

Der Knecht strich die Pfennige für die Milch in die Tischlade und stieg auf die Schwelle hinter dem Haus, um ihnen den Weg zu weisen.

Keine Unruhe in seinen Zügen, der nackte braune, magerer gewordene Arm mit den Altersfalten am Ellbogengelenk lag gestreckt wie eine Flinte im Anschlag, als er ihnen den Weg beschrieb, und als sie eifrig nach den seltenen Moorblumen und den bunten Sommervögeln fragten, gab er Bescheid, so gut er konnte.

Sie gingen. Eine Zeitlang tauchten ihre hellen Hüte noch über die Weide, wehte das Netz wie eine Fahne im Bergwind, dann war er wieder allein. Das Vieh war so weit gestiegen, daß nur die Glocken noch zu hören waren, im Roßgatter am Krautgarten stapfte der Gaul weidend auf und ab.

Der Knecht setzte sich auf das Mäuerlein und suchte den Tabak hervor. Er trug die Schwefelhölzer lose in der Westentasche und hütete das Flämmchen mühsam in der hohlen Hand, bis die Pfeife brannte. Dann griff er noch einmal in die Tasche und zog eine Schachtel hervor, in der sonst die schwarzköpfigen schwedischen Zündhölzchen zu liegen pflegen. Er öffnete sie umständlich. Statt der Hölzlein lag darin ein goldener Ring. Zu groß für einen Fingerring und mit einem dünnen Henkel aus Golddraht, an dem Blut angetrocknet war. Fünf schwarze lange Haare waren um den Ring gewickelt, und ein kleiner beinerner Knopf hing darin fest, wie eine Spinne im Netz. Am Knopf saß noch ein Hemdstreif, den der Knecht sauber vom Ärmel geschnitten hatte.

Er blickte eine Weile auf den Ring und schob ihn dann wieder in die Sonntagsweste. Das Hemd, an dem der Ärmelbund fehlte, lag zu unterst in seiner Lade, seit sie es ihm aus der Wäsche gebracht hatten. Die Gritt hatte es flicken wollen und gesagt:

»Du hast einen mächtigen Schlenz auf der linken Brustseite, und der rechte Handbund ist wie mit der Schere abgetrennt.«

Und sie wies ihm die Schäden.

»Es ist mürb wie Zunder,« gab er ruhig zurück, »und den Ärmel hab ich gelöst, er ist mir zu eng. Es lohnt das Flicken nicht.«

Die Pfeife zwischen den Zähnen, die Hemdärmel aufgerollt, die nackten Arme übereinandergeschlagen, saß der Knecht barhaupt in der Sonne, und um ihn her webte die Stille. Der Wind trug den Geruch der reifen Himbeeren aus dem Krautgarten, mit gedämpften Tritten weidete der Gaul.

So saß der Hans noch, als die Himmelspacher heimkehrten.

Die Gritt strich durch die Himbeeren zu ihm hin. Sie tat, als lockten sie die Beeren, aber nun stand sie dicht hinter ihm.

Er hörte ihren Atem gehen, aber er drehte sich nicht nach ihr um, hob nur die Faust, und faßte den Pfeifenkopf.

Jetzt sprach sie leise zu ihm:

»Hans, jetzt ist er bald vier Wochen fort und hat noch nicht geschrieben.«

»So? Muß der dir denn schreiben?« fragte er eintönig und starrte ins Blaue.

»Denk wohl, Hans, ich hab ihn ja lieb.«

Er drückte den Daumen auf die Pfeife, und es war ihm recht, daß ihm die Glut die hörnerne Haut versengte.

»Das vergeht, Gritt, das bleichet mit der Zeit.«

»Ich wart, bis er kommt, und wenn es geht bis ins letzte Jahr.«

»Und wenn er nicht mehr kommt?«

»So schreibt er, und ich reis' ihm nach.«

»Ins Elend, Gritt?«

»Zu ihm, Hans!«

»Und wenn er nicht schreibt?«

»So wart ich, bis er doch noch kommt.«

Darauf wußte er nichts mehr zu sagen und schwieg.

In seinen Augen war der Stern erloschen, die Adern am Hals schlugen so stark, daß sie schwarz und dick wie Wurzelgeflecht unter der erdbraunen Haut lagen.

Und nun hockte sich die Gritt von der Gartenseite her auf das Mäuerlein und fragte mit dem unerschütterlichen Eigensinn und dem blinden Vertrauen ihrer Liebe:

»Warum schreibt er nicht, Hans?«

»Er ist wohl noch nicht am Ort,« antwortete der Knecht.

»Aber morgen schreibt er gewiß!«

»Ja, Gritt, morgen schreibt er gewiß.«

Da wurde sie fröhlich und schwang die Beine über das Mäuerlein, daß sie neben ihn zu sitzen kam.

»Ei, du bist ja auch Soldat gewesen im Frankreich, Hans, und der Louis, auf den mag ich mich noch gut besinnen« – und plötzlich voll Angst: »Ist jetzt Krieg bei den Franzosen, Hans?«

Einen Augenblick zögerte er, dann wandte er ihr mit einer gewaltigen Anstrengung seines Willens das dunkel gebeizte Gesicht zu, in dem die Falten tiefer lagen und sagte:

»Es ist immer Krieg für die Legion, Gritt. Sie kriegen mit den Arabern und dem Fieber – ja, und Krieg ist Krieg.«

Sie wurde totenbleich.

»Er ist ein Lump, Gritt,« stieß der Knecht plötzlich hervor, »laß ihn laufen, denn er ist ein Lump.«

Seine Stimme hatte einen heisern, scharfen Schrei, und er schlug die Asche in die Faust und blickte starr auf das graue Häuflein, das ihm der Bergwind von der Hand blies.

Sie wurde nicht aufgebracht. Sie schüttelte mit einem überlegenen, seelenruhigen Lächeln den Kopf.

»Er ist kein Lump. Er hat sich mir versprochen. Weil er dich ausgemäht hat, fluchst du ihm nach. Aber er ist kein Lump. Sag, ist's nicht so, Hans?«

»Es ist so,« antwortete er gehorsam, stand langsam, schwerfällig, wie betrunken auf und ging.

Unten an der Scheune wandte er sich und sandte einen Blick zu ihr hinauf.

Sie saß noch, wo sie gesessen und schaute in den klaren Tag.

Zwei Tage später erneuerte sie das Gespräch mit dem Knecht, und wieder stand sie fest zu dem Verschollenen, und der Hans konnte ihr ihren Glauben nicht nehmen. Es war auch keine Kraft in seinen Worten.

Die Leuni aber schonte die Gritt, die keine Arbeit mit voller Hingabe tat und oft die Hände sinken ließ und ins Blaue träumte.

Sie tröstete sich von Tag zu Tag. Doch als wieder vier Wochen vergangen waren, fragte sie den Hans nicht mehr, denn sie wollte ihren Glauben jetzt für sich allein haben. Aber sie erinnerte ihn an die drei Tage, da der Colmarer zu Allen Winden geheuet, und er mußte still sitzen, während sie davon erzählte, als wäre er nicht dabei gewesen.

Nur von der Stunde an der Kapelle schwieg sie, und der Knecht nahm hin, was sie erzählte, half ihr die heimliche Flucht des Burschen erklären und beschönigen und lernte ihr in die Augen sehen, wenn sie von seiner Rückkehr fabelte.

Die Gritt rechnete schon mit Jahren, und diese Jahre hatten kein Gewicht für sie; kam er in drei Jahren, so waren es drei Tage, kam er in zehn Jahren, so war es nicht viel länger – sie warf die Jahre wie Saatgut aus und ging sorglos, ganz Hoffnung und Erwartung, in den Tag.

Der Himmelspacher lobte im stillen den Frieden, der zwischen der Leuni und seiner Schwester bestand.

Die Leuni war schweigsam geworden. Ein harter Zug lag um ihren Mund und grub sich tiefer, als der Herbst rückte.

Da suchten sie eines Tages die Gritt zu Allen Winden und fanden sie nicht von morgens früh bis spät in die Nacht.

Franz Himmelspacher war zuletzt noch einmal zum Trübsee hinabgestiegen, wo der Knecht sie schon zuerst gesucht hatte.

»Sie ist nicht darin,« hatte der Hans gesagt und war einen andern, weit ins Gebirg streifenden Weg gegangen, sie zu suchen.

Als Franz durchs Kiefernholz stieg, kam der Knecht zurück.

Er ging wie einer, der nicht abläßt, bis er gefunden hat, was er sucht.

Schweigend stießen sie zusammen.

Nach einer Weile sagte der Himmelspacher:

»Wenn es wahr ist, daß sie es mit dem Colmarer gehalten hat –«

»Es ist wahr,« unterbrach ihn der Knecht.

»So hat die Leuni recht,« schloß der Himmelspacher.

»Der Colmarer ist ein Lump gewesen,« antwortete der Knecht.

»Jetzt geht es mir um die Gritt,« gab Franz zurück.

Als sie den Hof erreichten, fanden sie die Gritt daheim.

Die Himmelspacherin war nach La Grange hinuntergestiegen, hatte sie vor dem Pfarrhof getroffen und heimgeführt.

Wie ein Büßer stand der Hans an der Tür und starrte auf die Gritt, die am Kachelofen lehnte, blaß, mit Ringen unter den Augen, einen wehen Zug um den Mund, aber ruhig und stolz wie nie.

Er hatte sie im Trübsee gesucht und war wie von einem Zwang getrieben und einem bösen Engel gehetzt zum Hochmoor gestiegen, als könnte sie dort irgendwo umgehen wie ein Geist. Aber das Ried stand hoch und grün, die Säge des Irion sang tief unten im Tal, und wo er dem Erschlagenen das Grab gemacht, spann das Moos wie überall. Weiße Nachtschmetterlinge tanzten im Dämmer darüber hin, und von der Gritt wußte ihm niemand und nichts Kunde in dieser Einsamkeit.

Jetzt stand sie vor ihnen.

Und die Leuni sagte eben:

»Sie ist in La Grange beim Pfarrer gewesen.«

Da fragte der Himmelspacher die Leuni und vermied es, die Schwester anzublicken:

»Also ist es so, wie du gefürchtet hast?«

»Es ist so,« erwiderte leise die Frau, und es war keine Gehässigkeit in ihrem Ton, sie sagte es so leise und warm, daß es wie eine frohe Heimlichkeit klang.

Der Himmelspacher setzte sich schwer und legte die Finger über Kreuz auf den Tisch wie zum Beten. So hielt er an sich und schwieg, die Stirn tief auf die Fäuste gebogen und ohne die verschwimmende Gestalt der Gritt anzusehen.

Reglos stand der Knecht an der Tür.

Im Hof stampfte das Vieh. Das Roß ging gesättigt, mit triefenden Nüstern vom Brunnen in den Stall, hell stachen die weiß und gelb gefärbten Kühe aus dem Dunkel. Die Bläß, die dicht vor dem Kalben stand, trug ihren schweren Leib langsam zum Brunnen.

Auf einmal sprach die Gritt:

»Der Pfarrer hat gesagt, er kann uns nicht verkünden. Und wir sind doch versprochen. Versteht eins von euch das?«

So sprach laut und beweglich die Gritt.

Die Leuni wandte sich rasch ab und trat ans Fenster, starrte auf das Vieh am Brunnen und schwieg mit zitternden Lippen.

»Sie ist ein Kind,« murmelte der Bruder vor sich hin.

Und die Gritt fing das letzte Wort mit horchendem Ohr und wiederholte leise, mit bebender Stimme, glücklich-unglücklich, wie sie war:

»Ja, Franz, es ist wegen dem Kind!«

Da würgte es den Knecht heiß und erstickend im Schlund, daß er stöhnte. Unhörbar verließ er die Stube.

Am andern Tag hat die Gritt einen Brief geschrieben und wußte nicht, wohin sie ihn senden sollte. Zuerst fragte sie den Bruder, aber der Himmelspacher zuckte die Schultern.

»Das ist deine Sach, Gritt,« beschied er sie kurz.

War kein Zorn in dem Wort, sondern die Abwehr eines, der weiß, daß kein Brief nutzt, ob er das Ziel findet oder nicht.

Zwei Tage trug sie den Brief mit sich herum, dann schlich sie vor dem Morgen in die Kammer des Hans.

Er stand schon in den Kleidern, als sie eintrat.

»Hans, du mußt wissen, wie man an ihn schreibt. Sag mir die Aufschrift!«

Sie hielt den Brief in der Hand. Der Name stand darauf, mit hochgestellten Buchstaben fest hingeschrieben, aber weder Ort noch Ziel.

Aschgrau war das Gesicht des Knechtes, blaue Tränensäcke hingen unter den Augen, aber die Hand zitterte nicht, als er sie ausstreckte nach dem Brief.

»Gib ihn her, Gritt, ich geh nach Geradmer und besorg ihn dir.«

»Ganz sicher, Hans – du besorgst ihn mir?«

»Wenn er noch lebt, muß er ihn haben,« antwortete der Knecht.

Da reichte sie ihm voll Zuversicht den Brief.

Aber sie wollte sehen, wie er ihn über die Grenze trug und ging eine Stunde weit mit ihm in den stillen Regentag. Es war ein feiner Regen, der sich sanft und kühl aus dem silberschimmernden Himmel löste und kaum die Weide feuchtete. Ein artiger Wind zischelte im blanken Haferfeld und strich der Gritt den Rock an den Leib.

»Geh nicht weiter, sorg für die Heimkehr,« mahnte der Knecht.

Sie blieb stehen und blickte ihm nach, wie er über das grüne Moos ging und in den Wald stieg.

Als der Knecht im Schatten der Bäume angelangt war, kehrte er sich um.

Da stand sie noch. Eine weiße Sonne ohne Strahlen war am Himmel erschienen und hob ihre Gestalt ins Klare. Und der Hans wußte, daß sie keinen Steinwurf weit vom Grab ihres Geliebten stand.

Der Brief brannte in seiner Tasche. Er stöhnte und preßte die Faust auf die linke Seite, wo ihm das Messer hart am Leben vorbeigefahren war.

Die Gritt ging heimwärts.

Er sah ihre Gestalt kleiner werden und verschwinden.

Nun zog er den Brief hervor und las die Aufschrift zum dritten Mal. Die Gedanken ordneten sich langsam und schwerfällig in seinem Hirn.

Er wußte, daß der Gesell tot war, wußte es besser als irgend einer auf der Welt. Aber er ging trotzdem nach Geradmer und klopfte auf der Mairie an, ließ sich auf den Gendarmerieposten weisen und legte dort den Brief vor. Der Brigadier schrieb die Adresse fertig. Zwar wußte er sich nicht zu erinnern, ob einer dieses Namens sich gestellt hatte und wo die Rekruten jetzt ihren Standort hatten, aber der Brief fand nun den Weg nach Algier und mochte dann dort von Regiment zu Regiment und von Ort zu Ort reisen, bis nach Indochina, wo jetzt zwei Bataillone der Legion die Schwarzflaggen klopften und die gelben Kätzchen zähmten, wie der alte Troupier die Chinesinnen zärtlich nannte. Er hatte die Aufschrift mit Behagen vervollständigt.

Der Knecht kehrte heim, als hätte nun alles seine Richtigkeit. Er ging einen andern Weg, am Weißen See hin über den Reisberg, im blasenden Wind.

Und die Gritt fragte ihn hastig, die Augen voll froher Erwartung:

»Ist der Brief unterwegs und hast du die Adresse, Hans?«

Er gab ihr den Zettel, auf dem ihm der Brigadier die lückenhafte Adresse aufgezeichnet hatte.

Eine helle Röte stieg in ihr abgemagertes Gesicht.

»Wenn sie ihn behalten und er keinen Congé bekommt, so muß er dem Pfarrer schreiben, daß es unser Kind ist, und wenn er heimkommt, so nehm ich's unter dem Schleier zur Hochzeit, denn es ist ein Verspruch vor dem Altar und das Kind so gut wie nur eins.«

»Es ist dein Kind, Gritt, und alles andere geht keinen Menschen an, keinen auf der Herrgottswelt!« so antwortete ihr der Knecht und reckte sich, die Sehnen gespannt, voll trotziger Herausforderung die Fäuste ballend, ein zärtliches, heißes Licht in den dunkel eingegrabenen Augen.

Sie erwarteten dieses Kind zu Allen Winden mit einer seltsamen Unruhe. Als der dritte Brief, den die Gritt ins Ungewisse sandte, irgendwo umherirrte, brachte der Hans aus Geradmer den ersten zurück. Er legte ihn ruhig in ihre Hand.

Ein rauher März strafte den Frühling und fuhr mit kalten Winden und klingendem Frost über die Berge. Der Hohnack starrte weiß. Die Seen waren vereist und die Weiden grau.

Lange hielt die Gritt den Brief in der Hand. Der Knecht stand vor ihr. Der Winterbart füllte ihm grau die hohlen Backen, der Schnee schmolz ihm unter den Sohlen, aber er wartete darauf, was sie nun sagen werde.

Er hatte die Briefe ins Frankreich getragen und sieben Monate waren darüber hingegangen.

Die Gritt buchstabierte die vielen Zettel, die auf den Umschlag geklebt waren, die Vermerke die von den beiden Fremdenregimentern in Algier und Oran und den abgetrennten Bataillonen in Indochina daraufgesetzt waren, und fand daran keinen Halt.

»Sie haben ihn nicht gefunden,« sagte sie einfach und öffnete den Brief. Sie las ihn, als wäre er an sie gerichtet, fand sich nicht mehr ganz darin zurecht, denn es war nicht mehr alles so in ihr, wie damals, als sie diesen mühsamen, sehnsüchtigen Brief geschrieben hatte, und legte ihn wieder zusammen.

Der Knecht wartete auf die Tränen, aber sie hat nicht geweint.

Da ging der Hans an seine Arbeit.

Kurz vor dem Heuet stieg er noch einmal nach Geradmer hinab und fand dort auf der Post den zweiten und den dritten Brief, die keine so weite Reise gemacht hatten. Sie waren der eine von Sidi-bel-Abbes, der andere von Bône in Algerien zurückgeschickt worden. Inconnu stand auf dem einem, décédé mit einem Fragezeichen dahinter auf dem andern.

Und da hub ein harter Kampf an in seinem Gewissen. Den Brief, auf dem ›Unbekannt‹ stand, konnte er ruhig in ihre Hand legen, aber der letzte, auf dem einer ungeduldig den Unauffindbaren als verstorben erledigte, plagte ihn schwer. Er war als treuer Bote gegangen, denn er konnte ihr nicht sagen, was geschehen war. Es war geschehen, und es hatte sein müssen, denn der Colmarer war untreu und ein Lump, der mit dem Verspruch nur den Weg zu ihr gesucht hatte und die Leuni genossen hatte wie die Gritt. Aber es war dem Hans auf diesem Gang, als hätte er gleichwohl noch gelebt und läg nicht im Moos, sondern zöge in der Legion einher und wäre erst jetzt irgendwo in der Fremde einen faulen Tod gestorben.

Doch der Knecht hatte Ehrfurcht vor dem Geschriebenen. Wie er die Briefe über das Moos und das Grab in die Welt getragen, so brachte er sie zurück.

Die Gritt erblich, stützte den schweren Leib mit beiden Händen und blickte sich um, als könnten sie ihr helfen.

Es war in der Stube.

Die Leuni trat aus der Küche herein, der Himmelspacher saß am Tisch.

Und der Bruder hatte den Brief vor sich liegen und sagte:

»Das ist so gut wie ein Totenschein, aber er hat dir auch so nicht gelebt. Er hat seine Lust gebüßt wie du. Aber du mußt es allein erleiden.«

So stellte er die Regel fest, nach der sie glücklich und unglücklich geworden war, um allein dazustehen, ob jener lebte oder wirklich gestorben war.

Die Gritt stöhnte nicht und tat keinen Wank. Sie blickte still und ernst auf das Papier, das vor dem Franz lag.

»Es ist nicht wahr. Er lebt und findet heim.«

Die Worte fielen schwer aus ihrem Mund. Aber sie hatte nicht die Kraft, an ihre Erfüllung zu glauben. Sie wollte es nur nicht wahr haben, was die anderen von ihm sagten.

Über das Gesicht der Leuni lief ein hartes Lächeln. Und zum ersten Male schlug der Neid, der zehrende, herzzerfressende Neid aus ihrer Brust, als sie mit aufgehobenen Händen in die Stille rief:

»Und so eins bekommt ein Kind

Der Himmelspacher reckte den Kopf und blickte seiner Frau starr ins Gesicht. Im Bart zuckte hölzern der Mund, der so unruhiger, schmerzlicher Bewegung ungewohnt war.

Die Gritt wurde weiß. Die Laubflecken in ihrem magern Gesicht lagen wie vergilbtes Laub in Schnee gestreut um die tiefen Augen, die blau und grün glänzten, wie die Seen im ersten Frühling.

»Es ist mein Kind, Leuni, und wenn ich's mit Tränen wasch und auf Stroh bett, so geht es dich nichts an.«

Ihre Stimme hatte einen andern Ton, ihr Gesicht war das eines geprüften Weibes, sie stand ruhig und besonnen vor ihnen, wie noch nie. Es war nicht mehr die Gritt.

Doch ehe die Leuni, von grausamer Lust gestachelt und einer alles übertönenden Eifersucht gepeinigt auf sie losfahren konnte, trat der Knecht zwischen die Frauen.

Er war alt geworden, hohläugig und grau, aber die Falten seines Gesichtes spannten sich noch, und ein roter Blitz schoß unter seinen Brauen hervor, als er sagte:

»Das Kind ist vom Himmel gefallen, Frau. Die Himmelspacher tragen Samen. Und Ihr, Ihr sollt verdammt sein, wenn Ihr nicht schweigt, wie ich schweig über alles!«

Weißer Schrecken fiel auf ihre Züge, sie zuckte zurück.

Aber der Himmelspacher hob plötzlich die Faust, und der Tisch krachte unter dem Schlag. Die Faust war schneller als seine Zunge, und er stand schon eine Weile, das bärtige, unbewegte Gesicht von dunkel aufglühenden Augen leidenschaftlich belebt, ehe er sprach:

»Wer regiert hier als ich? Die Gritt ist mir aus der Zucht gewachsen und verunehrt, aber den Knecht meister ich noch alle Tag! Und die Gritt soll auch so ihre Ruh haben und ihr Bett. Gott verdamm mich, wenn sie beides nicht findet zu Allen Winden!«

Er nahm den Namen der Leuni nicht in den Mund, stellte den Knecht ins Glied, sprach der Gritt das Urteil, aber seine Augen lagen schwer auf der Frau, die nun auch die Sprache verlor. Purpurrot glühte das vernarbte Ohr unter dem schwarzen Haar.

Am Abend dieses Tages ging der Hans zur Leuni in die Küche, drückte die Türen zu, zog das Lädlein aus dem Sack, öffnete es umständlich und hielt es ihr hin.

Sie mußten ans Fenster treten, denn es war dunkel in dem verrußten, vom Kamin überhangenen Raume.

»Das ist mir in der Nacht in der Hand geblieben, als Ihr den Ausgang gesucht habt aus der Scheuer. Es ist Zeit, daß ich's Euch zeig. Ihr wisset, was es wert ist!«

Hastig, mit einem unterdrückten Schrei, griff sie danach, aber er zog die Hand ruhig zurück.

»Ich verwahr's Euch, Frau. Und jetzt höret: ich hab gesehen, wie Ihr ihm mit dem Kirsch zulieb gegangen seid. Ich hab Euch um ihn herstreichen sehen, wie die Kätzin im Hornung. Ihr seid ihm nachgesprungen unter das Heu und habt ihn da schon im Arm gehalten. Ich hab die Nacht zum Tag gemacht und gesehen, wie Ihr nach seid ihm in die Scheuer. Ihr habt ihn gar gebettet in die Scheuer, daß Ihr den Weg frei habt zu ihm. Der Franz schläft hart, denn er schafft hart, und Ihr habt ihn getrieben, bis er halb tot ins Nest gefallen ist. Da seid Ihr frei zu dem andern!«

»Hör auf, Hans, du bist nicht mein Beichtvater! Ich dank dir, daß du schweigst. Ich zahl dir den Ring.«

»Nicht um einen ganzen Wald geb ich den Ring. Ich hab geschwiegen, weil's den Himmelspacher auf die Seite legt, wenn ich red. Ihr habt noch nicht Zeit gehabt, ihm das Horn zu setzen, da bin ich schon hinter Euch gestanden. Wir zwei haben einander auch in den Armen gehalten in der Scheuer,« fuhr er mit grimmigem Humor fort – »aber ich bin Euch zu grob gewesen. In meinem Hemdbund hat sich Euer Krauselhaar gefangen, und Ihr habt mit dem Haar den Ring fahren lassen. Mit dem Ring halt ich Euch. Ihr stoßet mir die Gritt nicht mehr! Solang ich den Ring halt, nicht mehr! Ihr schimpfet sie nicht mehr, Ihr plaget sie nicht mehr! Ihr seid dem Franz aus dem Bett gegangen, Frau, das ist ein Tritt in des Herrgotts Sakrament! Die Gritt ist eine arme Magd! Der Franz ist der Herr, er darf mir auftrumpfen, aber Euch halt ich kurz und fest mit dem Ring. Alles was recht ist, daß Ihr's wisset!«

Endlich erschöpfte sich der Drang, der ihm die aufgestauten Worte aus der Brust geschwemmt hatte. Er schwieg.

Da antwortete die Leuni, und ihr Atem war Feuer, als sie ihm wild ins Gesicht hauchte:

»Wer bist denn du? Nichts als ein lahmer Knecht! Was weißt denn du? Nichts, als was du mit den Händen greifst wie ein Blinder. Ja, ich bin ihm zulieb gegangen, ich hab ihm die Augen geworfen und ihm das Ohr gekitzelt, und ich bin auf dem Weg gewesen zum Letzten mit ihm, ich hab unter dem Heu gelegen und ihm den Weg gewiesen in die Scheuer, ihm im Ersticken gesagt, daß er auf mich warte, alles, alles – und du, du hast mir den Weg gesperrt und mir den Schoß leer gelassen! – Ja, tu nur stolz und treu und mach den Hund, der den Hof und den Himmelspacher vor einem Räuber salviert hat – du bist trotz allem ein Siecher, der nicht sieht, was er greift. Meinst du, es ist wegen der Hitze im Blut, daß ich zu ihm geschlichen bin? Oder ich hätt ihn lieb gehabt? Meinst du Gauch, es ist dem Franz zu Leid geschehn? Nichts hab ich wollen als ein Kind, denn der Himmelspacher gibt mir keins!«

Das letzte Wort war ein Schrei, die verkrampften Finger streckten sich und griffen irr in die Luft.

» Ein Kind

Er griff sie am Arm und riß sie ans Fenster.

Sie tauchten die Köpfe in das gelbflimmernde Licht und bohrten einander die Augen in die verzerrten, zuckenden Gesichter.

»Ja, du Ehrensteifer, ein Kind!« trotzte sie noch einmal.

»Und der wär der Vater gewesen zu deinem Kind, zum Kind des Franz auf Allen Winden? Der

»Der? Nein, der wär mir feil gewesen, Hans! Tot und ausgelöscht, und wenn ihn einer erschlagen hätt unterwegs – tant pis pour lui – er läg mir gut, wo er auch läg!«

»Erschlagen, Frau!« schrie der Knecht mit heiserm Laut, und sein Gesicht erstarrte zu dunklem Erz. Wie Bronze, die grünlich anläuft. Und sie mit abgründigen Augen anschauend, fuhr er ruhig und schwer fort: »Ja, Ihr habt recht! Und er ist auch der Gritt wohl gestorben. Er ist gestorben nach der Brunst wie der Bien im Stock. Und es hat müssen sein!«

»Ja,« murmelte sie und verstand ihn nicht – »und jetzt hat die Gritt, was mir fehlt!«

Und auch ihr Gesicht wurde starr und kalt.

Eine Weile standen sie und wußten nicht mehr, woher und wohin des Wegs, dann streckte die Himmelspacherin müde die Hand aus und forderte den Ring.

Der Knecht gab ihn nicht.

»Er ist ein Pfand, Frau, und ich geb ihn nicht. Sorget der Gritt, das ist alles, was es braucht. Ich bin kein Jud und kein Schleicher. Es gilt keinen Handel und keine Revanche, und der Franz sieht ihn nicht. Aber wenn der Gritt und ihrem Kind Unrechtes und Schlimmes geschieht, so mach ich den Himmelspacher los von Euch mit dem Ring!«

»Probier's!« flammte sie auf, »der Franz hält mir fest!«

Er hob sich in den Schultern und blickte an ihr vorüber in den gelben Abend.

»Ich hab noch nichts getan, was mich reute und ich trag's, ich bin responsabel für alles was ich tu!«

Es war keine klare, gespitzte Antwort und traf vorbei, aber ihm selbst tat sie wohl, und den Ring in die Tasche schiebend, ging er langsam hinaus.

Als die Leuni die Pfanne vom Herd zog, um die Abendkost anzurichten, fiel ihr eine heiße, salzbittere Träne in die Aschenglut.

* * *

 


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