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Der Himmelspacher hat nichts davon erfahren, denn Karl Irion und die Gritt schwiegen. Auch die Leuni erzählte ihm erst im Mai davon.

Als schon die Matten goldgelb blühten und die kleinen weißen Wolken über den Berg und in den blauen Himmel hineinflogen, das Vieh im kurzen Alpgras der Chaumes weidete und das Geld für Milch und Käs wieder zu tropfen begann, nahm sie die Gelegenheit wahr, ihm davon zu berichten.

Am Lerchenacker hatte sie auf ihn gewartet. Er kam von Kaysersberg über den Berg und ging schwer an dem Stock, mit dem er in aller Herrgottsfrühe das Rind auf den Markt getrieben hatte.

»Hast du brav gelöst?« fragte sie.

»Denk wohl, es ist kein saubereres Stück aufgeführt worden. Die Gritt hat ihm gut gesorgt.«

Er hatte ein Glas Wein getrunken und war schneller mit dem Wort als sonst.

»Und heut hat sie aufbegehrt, daß du ihr das Rind zu Markt treibst. Das sei ihr Rind. Daß sie dir nicht nach ist über den Berg, nimmt mich Wunder.«

Er lachte. Ein lautloses Lachen, das das stille Gesicht hell und licht machte.

»Ja, sie ist ein Kind,« gab er ruhig zurück und stellte den Stock ab, warf einen Blick auf die Winterfrucht im Lerchenacker und hob dann die Augen zu der Frau.

Es war ganz still. Nur der Tannwald seufzte, und aus dem Tal von La Grange, das unter ihnen seine grüne Furche zog, rief der Kuckuck.

»Ja, sie ist eins, Franz, und was für eins!« schmeichelte die Leuni und lachte. Ein lautes lockendes Lachen, ein Spiel der weichen Kehle und der roten Lippen und ein heißes Leuchten ihrer dunklen Augen.

Er spürte die Schlange nicht, die hinter diesem Lachen lauerte.

Sie stiegen weiter.

Und da erzählte die Leuni auf einmal, wie die Gritt auf der Fahrt nach La Grange das Kind gemacht habe. Aber es war die Gritt nicht, sondern ein schlechtes, übelhöriges Geschöpf, eine giftige Kreatur, die keinem Menschen das Recht und das Leben gönnt.

»Sie weiß, daß sie erbt, daß wir nur für sie haushalten; ihr Knecht bist du, und weißt es nicht. Und mir, mir lacht sie ins leere Bett.«

»Das glaub ich nicht,« erwiderte er ruhig, aber der helle Schein stand nun nicht mehr in seinem Gesicht.

»Frag den Irion – er hat ihr keinen Gruß mehr feil.«

Da antwortete er im Schreiten und ohne sie anzublicken:

»Er war mir recht gewesen für die Gritt, denn ihr zwei hauset zusammen wie Hund und Katz.«

Die Leuni hielt an.

»Ja, ich sag's frank, ich kann sie nicht schmecken, die Gritt. Aber wenn sie auf der Sägmühle sitzt, so zieht sie Allen Winden zu sich und legt es mit in den Korb, in dem sie Platz macht für dem Irion seine Kinder. Oder bist du sicher, daß die Himmelspacher alle ohne Kinder bleiben und aussterben – bis aufs letzte Nagelglied?«

»Gift nicht, Leuni,« murmelte er. »Die Gritt hat selbst ihr Recht an den Hof, es ist so die Ordnung.«

Da riß sie ihn herum und schlug ihm die Arme um den Leib. Ihr Mund zuckte, ihre Brust lag fest an der seinen.

»Halt still, Franz! Schimpf mich eine Welsche, eine Wilde, was macht's mir aus! Du bist zu mir gekommen und bei mir gelegen, und es hat keins gefragt, wie's ausgeht. Die Gritt ist mir nicht im Weg, weil sie der Mutter zuletzt und zuliebst im Nest gelegen ist. Aber es ist kein Schaffen, wenn einem der Schoß leer bleibt. Du weißt, was mir fehlt.«

»Kommst du wieder damit, Frau!« fuhr er auf, und der Wein, bei dem er den Viehkauf geschlossen hatte, rauchte aus seinem Mund: »Gotts Brod, wer sagt dir denn, daß ich leicht schaff und froh den Meister mach zu Allen Winden! Ich will gern den Tod haben von einem Kind, wenn du mir eins legst!«

»Das ist Weibersach, daß sie an einem Kind fiebersterben, Franz. Aber ich will nicht an ihm hingehen und sterben, ich will's haben und behalten, und alles soll ihm gehören! Und die Gritt, die Gritt soll mannen, wen sie will – wenn wir selber Kinder zeugen, so steht sie nicht mehr zwischen uns und dem Hof.«

Und plötzlich aufschreiend, daß es wie der helle scharfe Schrei eines Vogels über den Berg klang, warf sie sich wild und meisterlos ins grüne Gestäude und wurde von weinendem Weh geschüttelt und von einem Verlangen gewürgt, das ihr aus dem leeren, unfruchtbaren Schoß in die Brust gestiegen war und das Herz hoch in den Hals trieb.

Eine Weile stand der Himmelspacher neben ihr und sah stumm auf sie nieder. Rote Äderchen zuckten in seinen Augäpfeln, und die rechte Hand fuhr zwischen Hemd und Hals und lüftete den Kragen, der ihn plötzlich schnürte.

Da hob sie den Kopf.

»Geh voraus, ich komme nach,« stieß sie tonlos hervor und ließ das Gesicht wieder ins kühle Gras fallen.

»Ich warte gern,« entgegnete er und trat einen Schritt aus dem Pfad, daß er den Weg ein Stück weit überblicken konnte. Hier hielt er die Wacht und hütete die Frau, bis sie ihre wilde Natur ausgeschüttet hatte und sich wieder zurechtfand.

Schweigend stiegen sie nun über den Bergrücken empor nach Allen Winden. Als sie durch das letzte Weidgatter strichen und den Trübsee silbergrün herüberglänzen sahen, sagte die Leuni kurz:

»Ich wallfahr nach Einsiedeln.«

Der Himmelspacher wog die paar Taler, die nach Bezahlung der Winterschulden vom Verkauf des Rindes übrig geblieben waren, in der Hand und antwortete:

»Ich kann den zweiten Knecht sparen. Es ist doch nur geringes Volk, das noch den Knecht machen will. Der Hans und ich, wir schaffen's allein!«

Und damit gab er ihr zu verstehen, daß ihm die Wallfahrt recht sei und das Geld dazu feil.

Drei Tage war die Himmelspacherin unterwegs und fuhr im Pilgerzug durch die Schweiz.

Sie sah nichts von dem Land, durch das der Eisenbahnzug lief, sie wußte kaum, wohin die Reise ging. Das rot-weiße Band mit dem Marienmedaillon, das sie als Wallerin an der Brust trug, zitterte unter ihrem Herzstoß, als sie in Richterswil in die Reihe trat, um nach Einsiedeln hinaufzuziehen. Eisengrau lag der Züricher See, ein opalfarbener Himmel, der keine Sonne ausgesteckt hatte, spannte sich tief über Wasser und Land, und wie erstarrt standen die blühenden Obstbäume auf den Matten.

Die Standarten hingen träg an den Stangen, die Füße wölkten keinen Staub, surrend stiegen die Gebete, schwollen auf und ab, und schoben den dunklen Zug langsam den Berg hinauf zu der schwarzen Mutter Gottes von Einsiedeln.

Die Himmelspacherin betete voll Inbrunst. Zuweilen war es ihr, als müßte sie es nicht erbitten, sondern könnte es erzwingen, und dann erhob sie die Stimme und schrie mehr als sie betete: »Gebenedeit bist du unter den Weibern, und gebenedeit ist die Frucht deines Leibes«, und unwillkürlich hoben auch ihre Mitgängerinnen die Stimme und laut, schrill, zornig fast rief die schwarze Schar ihre Litanei brünstig in den dämmernden Tag.

Zerschlagen von Inbrunst und Müdigkeit kehrte die Leuni heim. Sie hatte nichts gesehen als die Pracht der Wallkirche mit dem geheimnisvollen Bild unter doppeltem Dach, hatte ihre Kerze gesteckt und ihr Opfer gebracht, die Kniee gescheuert vor den Altären und dem Beichtstuhl und nichts begehrt als ein Kind.

Als sie wieder an dem großen Wasser vorbeifuhr, lag es blau und grün in der Abendsonne, und hinter den Bergen quoll eine goldrote Wolke hervor, wie von tausend Engelein gebildet, die vor ihr her am glasklaren Himmel ins Elsaß flogen. Aber im Elsaß war schon Nacht, und die Himmelspacherin mußte im ›Baselstab‹ zu Colmar Nachtruhe suchen.

Die Vogesen hoben sich schwarz in den stahlblauen Himmel, an dem die weißen Sterne zitterten. Und in der Kammer zum ›Baselstab‹ pflanzte die Leuni das Marienpüppchen auf, aus braunem Ton gebrannt und mit einem vergoldeten Mantel angetan, das einen Schweizerfranken gekostet hatte und begehrte noch einmal von der Himmelsfrau ein Kind. Bat darum, begehrte es, heischte es herrisch als ihr Recht, und als sie ans Fenster trat und die schwarze Linie der Berge über den Linden des St. Peterwalles auftrotzen sah, lachte sie in Gedanken an die Gritt und streckte sich ins Bett mit der Gewißheit, daß morgen schon der Franz mit ihr einen Buben – ja, einen Buben – zeugen werde zu Allen Winden.

Einen Buben!

Drei Tage hatte die Gritt regiert und war mit dem ersten Hahnenkraht aus dem Bett gefahren, hatte die Pfannen geschwenkt, war dann aufs Feld gestürmt, die Erdäpfel zu legen, hatte im Stall und auf der Weide frisch zugegriffen, dazu gelacht und fröhlich getan wie noch nie.

Aber als die Leuni wieder zu Allen Winden anlangte, da war es der Gritt doch wie eine Last von den Schultern gefallen, und sie war mit einem dumpfen Behagen ins Bett gekrochen und hatte die Glieder langgestreckt, den Kopf tief ins Kissen gewühlt und gedacht: So, jetzt blaset mir in die Schuh, jetzt hat das Hasten und Fegen ein End.

Die Himmelspacherin fand, daß es alle Pfannen gebraucht und zu tief ins Mehl und ins Schmalz gegriffen hatte.

»Sie nimmt's nicht vom Eigenen,« sagte sie bitter zur Magd.

Der Knecht saß im Winkel und rührte die Hufsalbe an.

»Sie nimmt's vom Eigenen« murmelte er und bückte sich tiefer über den Tiegel.

Die Maulseuche spukte im Badischen und an der Schweizergrenze. Der Himmelspacher hatte sein Vieh gesichert. Drei Kreuze brannten inwendig an der Stalltüre, und ein Hufeisen, das der Hans beim Pflügen gefunden hatte, hing am Hoftor mit den Zinken nach innen, den Bogen nach außen, daß die Pest nicht hereinkonnte. Daneben brauten sie die scharfe Salbe, die im Kreisblatt anbefohlen worden war, und strichen sie den Kühen zwischen die Klauen.

Die Gritt fror.

Seit zehn Tagen dampfte das Land von Regen. Jeden Abend schob die Sonne die Wolken auseinander und malte den Himmel und die Berge rot, doch wenn es Nacht geworden war, liefen plötzlich die feuchten Winde ums Haus, und dann wollte der Tag nicht grauen, und kam er endlich, so rauschte ein kalter Regen über den Berg, stieg Wolke auf Wolke schwerfällig aus den welschen Tälern, lagerte eine Weile auf den Vogesen und wälzte sich dann ins Elsaß hinunter und ins Badische hinein, daß sie träg und schwer wie kauendes Vieh in der Ebene lagen und nicht mehr aufstanden.

Es war der Todestag der Himmelspacherin, aber das Heu war noch nicht reif. Die Wolkenkühe hatten darin gelegen und es in breiten Schwaden niedergedrückt. Im Haferfeld fraß der Rost. Spärlich floß die Milch.

Der Himmelspacher blickte nicht nach den Wolken. Er nahm, was kam und stemmte den Rücken gegen Gutes und Böses.

Die Leuni hatte drei Wochen dem Gnadenbild mit Bitten und Drängen angelegen, doch jetzt stand die Mutter von Einsiedeln unter dem Glassturz, wo die heilige Krippe prangte, die ihr der Hans einmal von Drei Ähren mitgebracht hatte, und die Himmelspacherin setzte keine Hoffnung mehr auf sie.

Und von diesem Tage an lag ihr die Gritt wieder zur Last.

Der Regen troff und der Wind schlug. Wie Rauch stob die Kälte ums Haus, und wenn sie zu sechs um den Tisch saßen, der mager gedeckt war, zählte die Leuni ihnen die Bissen in den Mund.

Sie aßen langsamer als sonst, und die Gabeln stachen schlecht. Nur die Gritt lief den ganzen Tag mit hitzigem Hunger und vertrieb so den Frost.

»Du schlägst dein Werken hoch an, wenn's ans Essen geht,« sagte die Leuni, als die Gritt wieder einmal die letzte war und die Schüssel fegte.

»Vergönnst du mir's?« fragte die Gritt, die ihren übermütigen Tag hatte, und dann so keck war wie sonst scheu und fremd.

Die andern waren schon gegangen und die beiden allein.

»Ich vergönn keinem, was er verdienet,« antwortete die Frau.

Im grauen Licht erschien sie blasser, dunkle Schatten unter den Augen, das Gesicht schon vom Schaffen und Sorgen geschärft.

Da pfiff draußen der Melker auf der Mundharmonika. Er saß unter dem Vordach im Trockenen und spielte auf seinem Instrumentlein wie ein Engel. Das quiekte und schnarrte und plärrte, hielt eine richtige fröhliche Melodie und fuhr der Gritt in die Füße.

»O, wie der Melker aufspielt! Auf keiner Kilbe wär's schöner!« rief sie und vergaß alles andere, äugte sehnsüchtig in den grauen Tag und wiegte den jungen Leib im Takt.

»Der hat gut musizieren, dem ist gesorgt. Der Bauer trägt schwer, und der Knecht springt leer,« antwortete die Leuni. Und als die Gritt, an der die Worte vorbeigeschwirrt waren, nicht aufhörte, die Hüften zu bewegen und den Tanz mitzuleben, da schwoll der Himmelspacherin das hitzige Blut und rasch hinter sie tretend, gab sie ihr einen harten Stoß ins Genick und knirschte:

»Hör auf, du Laster, oder ich schlag dir die Füße ab, mit denen du Allen Winden zum Tanzboden machst, jetzt, wo es uns bald erdrückt, wenn der Herrgott kein Einsehen hat!«

Der Stoß hatte die Gritt aus dem Takt geschlagen. Und plötzlich ließ sie sich gehen, taumelte und fiel mit flirrenden Augendeckeln, die Arme aus den Gelenken schleudernd, zu Boden. Fiel halb mit Willen, halb ohne daß sie dazu tat, ein Brausen in den Ohren, wie ein Ertrinkender, und hörte trotzdem den Melker seine fröhliche Weise blasen.

Die Himmelspacherin erschrak im ersten Augenblick über die Kraft ihres Stoßes, aber dann verlachte sie ihren eigenen Schrecken und sah mit kaltem Haß auf das Mädchen, das so leicht gefallen und nirgends aufgeschlagen war, weich gefallen, wie man ins Bett fällt.

»Komödiespielerin, va!« lachte die Leuni verächtlich und ließ sie liegen.

Aber als sie an der Türe war, kehrte sie doch wieder zurück.

Da seufzte die Gritt tief auf, und die Leuni sah in ihrem bleichen Gesicht auf einmal die Züge eines Weibes.

» Voyons Gritt – ne fais pas la bête,« befahl sie hart und hob ihr den Kopf in die Höhe.

Und die Gritt stand auf. Langsam, wie betrunken, mit verstörten Augen – und schwankte aus der Stube.

Als die Leuni allein war, fiel sie schwer auf einen Stuhl, stützte den Kopf in die Hände und brütete finster vor sich hin.

Sie trugen es im stillen aus und gingen einander von diesem Tag an aus dem Wege.

Eines Morgens stand die Sonne über den Bergen, als wäre es nie anders gewesen. Nur ein paar beinfarbene glänzende Talwolken, die nicht mehr aus noch ein wußten und wie versprengte Schafe sich in die Schluchten verkrochen, erinnerten noch an die Regennot. Das Gras stand auf, das schwarzgewordene, von der Nässe gedunsene Dach zu Allen Winden dampfte in der Julisonne. In blauem Dunst verlor sich der Schwarzwald.

Der Knecht rüstete auf den Heuet. Er legte die Wetzsteine in den Brunnen und rückte den Dengelamboß unter das Vordach.

Am Abend rauschte der Wald, der Mond schwamm im goldklaren Trübsee, und die Gritt wunderte sich, daß er in diesem Jahre nicht blutete. Ein rosenroter Saum lief um ihn her, die Tiefe aber blinkte von grünem Gold.

Da sorgte der Himmelspacher um die Heuer. Es war diesmal nicht in ein paar Tagen geschafft, denn das Gras war rauh und der Erdboden feucht, und langes Warten entwertete das Heugras nur noch mehr.

So ging Franz Himmelspacher selbst nach La Grange und weiter ins Lebertal, aber es wollte niemand mehr im Feld arbeiten, und alles Volk zog den Städten und Fabriken zu. Als er heimkehrte, drückte er die Brauen nieder und vergaß die Rede.

Hans, der Knecht, fragte:

»Wann fangen wir an? Die Hitze zieht Gewitter aus dem Boden, und es wird ärger als eh'.«

»Es wachsen keine Bauernknechte mehr – ich kann keine Sträfling dingen,« versetzte der Himmelspacher und legte das Brotmesser aus der Hand.

»Ja – ohne eigene Brut ist kein Bauern mehr. Das Volk zieht vom Land in die Stadt und in die Fabriken wie die Immen zum Stock,« antwortete der Hans.

Mit einem Ruck stand die Leuni auf und ging hinaus.

Am andern Tag zog der Hans noch einmal auf Kundschaft. Im Tal klangen schon die Sensen. Der Rötelbauer mähte mit seinen vier Söhnen, in La Grange schwollen schon alle Scheunen.

»Morgen finden zwei den Weg zu uns, aber es mäht uns keiner von beiden aus,« sagte der Knecht, als er in der Nacht heimkam.

In der Frühe begann der Heuet zu Allen Winden. Über dem Gras flimmerte die Luft, die Schrecklein sprangen und die Sense schnob. Der Hans zog den breitesten Weg und legte die schönsten Schwaden.

»Die hast du im Spitel aufgelesen, mein ich,« spottete die Leuni, als die beiden Fremden, ein alter Tagelöhner und ein halbgescheiter Bursch, hinter den Sensen schliefen.

Der Hans antwortete:

»Besser eine Laus im Kraut, als gar kein Speck,« und mähte weiter.

Der Himmelspacher hatte nicht aufgeschaut, die haarige Brust gelüftet und ruhig und gleichmäßig seine Bahn gehalten.

Die Kaisermatt hinunter blitzten die Eisen.

Hinter ihnen zogen die Frauen die Rechen und schwenkten die Gabeln. Am andern Abend lag die Kaisermatt gemäht.

Da spielte der Melker wieder sein Instrument, und die Gritt hockte auf dem Gartenmäuerlein und war so müde, daß sie nicht wußte, wie sie sitzen und liegen sollte. Aber sie kroch nicht in ihre Kammer. Es war eine lustige, unruhige Müdigkeit, ein Ziehen und Zerren, ein Atemschöpfen, das kein Ende nehmen wollte, und sie saß auf den Mauersteinen, hielt der Abendluft, die frisch und kühl von den Wasserfällen herüberstrich, die Wangen hin und hörte den Melker zum Tanz spielen unter dem Scheunendach.

Dazwischen klang der Dengelhammer des Hans. Die Sensen, die die beiden Heuer geführt, waren schartig und die Spitzen krumm. Sie hatten noch nie auf den Bergwiesen Gras geschnitten und manchen Streich gegen den Boden getan.

Der Mond hing zur Hälfte gefüllt über dem Berg am abgebleichten zarten Himmel. Die Sterne traten hervor. Stahlblau schlief das Elsaß in der Tiefe, verirrte Schatten schossen über das welsche Hügelland und wurden langsam stumpf. Das Heugras begann zu duften und seine Würze stieg betäubend in die klare Nacht.

Nun ging alles schlafen.

Aber mitten in der Nacht schlug der Hund an, und dann klang eine Stimme, die wollte ihn vergebens schweigen lehren.

Die Gritt hatte nicht schlafen können. Sie lag zwischen den heißen Kissen und hörte die fremde Stimme. Als sie in die weiße Nacht hinausblinzelte, stand einer unter dem Brunnen und ließ das Wasser über die nackten Arme laufen.

»Wer ist da?« rief die Gritt.

»Einer, der keinen Weg weiß,« kam die Antwort.

Da trat der Hans barfuß, in Hemd und Hosen auf den Hof, und die Gritt sah, daß er dem andern den Weg wies.

Und dann fragte der Knecht obenhin:

»Pressiert's Euch so? Ihr kommt morgen noch früh genug ins Frankreich.«

Der Fremde hatte die Hemdärmel herabgeschlagen und war schon in den Rock gefahren.

»Aber nicht früh genug dem Gendarm aus den Augen,« antwortete er. »Ich sitz ihnen nicht in den Schatten wegen einem zerschlagenen Schädel.«

»Zu Allen Winden streift kein Gendarm,« entgegnete der Hans.

Da rief der Himmelspacher aus dem Oberstock mit seiner ruhigen schweren Stimme:

»Frag ihn, ob er die Sense regiert?«

»Beim Grasschneiden ist's ja geschehen,« erwiderte der Bursch mit einer hellen, übermütigen Stimme, »und ich bin ihnen von der Vesperkost weg. Wer heißt den Louis auch den Narren machen, bis einem die Leber schwarz wird! Er wirft keinem mehr so geschwind seine Sottisen an. Ich hab ihm das Maul versorgt. Jetzt geh ich in die Legion.«

Er war plötzlich ein ganz anderer, stand gerade, reckte sich und hatte Zeit.

»So steht ein bei uns, Ihr streicht Euch leichter, wenn Ihr ein paar Fränklein im Sack habt,« versuchte ihn der Knecht.

»Ich hab, was ich brauch,« entgegnete der Bursch, »aber ein paar Stunden unterschlüpfen, das wäre mir kommod.«

»So lauft, so weit der Himmel reicht,« beschied ihn der Knecht kurz und wandte ihm den Rücken.

Da blieb der Mann stehen, ungewiß, was er tun sollte.

Im Oberstock aber klang plötzlich die Stimme der Leuni:

»Jaget mir keinen zur Nacht von Allen Winden! Es ist Platz in der Scheuer.«

Der Bursch hob überrascht den Kopf. Die dunkle Stimme der Leuni kitzelte sein Ohr. Aber der Schlagschatten des Daches fiel schwarz in die obern Fenster, und seine Blicke liefen vergebens auf und nieder, bis ihm der helle Fleck im Fenster der Gritt in die Augen stach.

Der Mond strich schräg am Haus hin, tropfte voller in den Brunnen und legte seinen weißen Schein auf das Gesicht und die Schulter der Gritt.

Wie eine Trompete klang die Stimme des Kecken, als er rief: »Nur in die Scheuer? Eh bien – dafür und für eine warme Morgensuppe mäh ich Euch morgen, was noch steht!«

»Blageur!« schrie lachend, von einer unbändigen Lust ergriffen, die Gritt und neigte sich dabei weit aus dem Fenster, daß das weiße Licht sie blank umfing.

Dann schlug sie das Fenster zu und sprang ins Bett. Rauschend schoß ihr das Blut in den Adern, eins schrie der Kuckuck und die Dielen knarrten im Oberstock. Auf dem Hof wurde es still, nur der Brunnen wühlte lauter als vorher im silbersprühenden Trog.

Ein glasklarer Himmel stieg über dem Schwarzwald, als die Gritt zum zweitenmal ans Fenster schoß.

Der Knecht stand am Brunnen und füllte die Scheiden für die Wetzsteine.

»Hans, ist er noch da, der Blagierer, der in einem Tag zehn Tagwerk schafft?« fragte sie lustig, und ihre Zähne glänzten, während sie hastig die Zöpfe flocht.

Der Hans schnallte den Gurt mit dem Wetzstein um und zog den Riemen fester als sonst.

»Grüß dich Gritt! Es schnarchelt noch in der Laubstreu, das wird der Allesfresser wohl sein, der in der Fremdenlegion die Hörner abstoßen will!«

Die Gritt zog die gestrählten Zöpfe um den Kopf und steckte das Nest. Die Haarnadel zwischen den Zähnen nahm ihr das Wort, aber sie schaute sich die Augen aus, als der Knecht mit dem Sensengriff an die Scheuer schlug, um den Schläfer zu wecken.

» Nundedié, sind die Pickelhauben schon da?« schmetterte die übermütige Stimme in der Scheuer.

»Nein, aber wir warten, daß Ihr die Himmelspacher das Grasschneiden und Aufladen lehret,« antwortete der Knecht, und in seinem schwarzbraun gegerbten bartlosen Gesicht zuckte jedes Fältlein vor Spott.

»Himmelspacher! Nundefuddre, ich bin bereits an der Himmelstür da oben!« rief's zurück, und dann schlug der Bursch das Türlein auf, vor das er klug den Riegel gestoßen, und trat mit zwinkernden Augen in den ersten Tagesschein: In Schuhen und Hosen, das Hemd in den Händen, mit weißer Brust und braunen Armen, noch kein Haar im Gesicht, aber breitschultrig und grad auf den Beinen, einen frischen Schorf über dem rechten Auge.

Nun sah er erst, wie hoch er über der Ebene stand, die in beinfarbigen Dünsten schwamm. Die Sonne war noch nicht gestiegen, aber sie schoß jetzt Brandpfeile in die kleinen Faserwolken, die verirrt am Himmel hingen, daß sie in roter Glut aufflammten.

»Ja, jetzt können sie mich gern haben, die da unten,« rief der Bursch und blickte verächtlich in die Tiefe, wo die weißen Straßen zwischen den dunklen Wiesen und den bunten Feldern liefen. Und im Gefühl der Sicherheit einen Jauchzer ausstoßend, der über die Weide flog und in den Wäldern widerhallte, ging er, sein Hemd wie eine Fahne schwenkend, zum Brunnen und sang:

»Lustig, wenn wir ledig sind,
Lustig, wenn wir leben.
Wenn wir nicht in den Himmel kommen.
Kommen wir halt daneben!«

Das Wasser glänzte auf seiner weißen Brust, die Muskeln spielten an den braunen Armen und wulsteten sich auf den Schultern.

Jetzt erblickte er die Gritt.

»He, Jungfer, das tät Euch auch millionisch gut,« prustete er zwischen zwei Güssen und schüttelte die Tropfen aus dem braunen kurzen Haar.

Die Gritt lachte, aber sie fand keine Antwort. Sie trat vom Fenster weg und setzte sich einen Augenblick auf den Bettrand. Die lustige Stimme läutete ihr in die Ohren, und es strich ihr etwas kühl über den Nacken und hauchte ihr heiß in die Herzgrube, daß Frost und Brand sie zugleich befielen.

Die Leuni rief zu Tisch.

Und nun erfuhren die Himmelspacher, daß der Nachtbube, den sie zum Heuen gedungen, ein Colmarer war; los und ledig stand er ohne Anhang in der Welt. Er hatte sein Geldlein vom Vater selig zerschlagen, seine Reben verkauft und war als Rebmannssohn zu einem Küfer gegangen. Aber das Handwerk machte ihn zu durstig, und er kehrte in die Reben zurück, verdingte sich als Knecht, war eine Zeitlang Kutscher bei den de Peyrimhoff, roch dann in eine Spinnerei und hatte zuletzt geackert und gemäht, wie es ihm gerade gefiel. Im Herbst erwartete ihn die Pickelhaube, aber er ging lieber zu den Franzosen als zu den Pumpernickelfressern ins Pommerland, und wenn er gestern dem Louis, der ihn mit dem schwarzen Salmele geneckt hatte, mit der Heugabel über den Grind gefahren war und ihn für drei Wochen glatt geschoren hatte, so kam ihm das wie vom Himmel geschickt, um ihm Beine zu machen ins schöne Frankreich.

Das erzählte er ohne Atem zu holen. Die Frauenzimmer brauchten ihn nur ein wenig anzustoßen und mit den Augen zu spielen, so schüttete er sein Leben aus, wie Erbsen aus dem Sack.

»So seid Ihr fünfzig Jahr, daß Ihr schon so viel gewesen seid?« sagte die Leuni.

»Warum nicht hundert, Frau? Zwanzig tun's auch,« antwortete er und hieb noch in den Speck, als der Himmelspacher schon die Sense griff.

»Einer, der alles kann, dünkt mich!« spottete der Hans.

Aber der Melker lobte den Colmarer, der so laut redete, wie es zu Allen Winden noch nie gehört worden war, über den Klee, und die Gritt hatte glänzende Augen.

Sie ließen das Heugras auf der Kaisermatt noch dörren und nahmen den Rennstieg unter die Sense.

»So zeig, was du kannst,« sagte der Hans und wies dem Colmarer den ersten Platz in der Reihe.

Die Sonne wuchs über dem Schwarzwald auf, ein feiner Duft kräuselte sich über den Bergmatten, der Tau dampfte, das Gras hatte sich aufgerichtet und fiel lotrecht unter die Sense.

Der Himmelspacher hatte abseits von den anderen das Wiesenstück vom alten Weg angegriffen, wo noch die letzten Steinplatten unter dem Geröll lagen. Hier schlug er sich einen Kreis ins ansteigende Gras.

In der Reihe war der Hans im Vorteil, denn auch der Colmarer fand es ungewohnt, bergab zu mähen. Aber der Bursch fluchte und lachte in einem Atem. Er ließ zuerst sogar den alten Taglöhner voraus, der das Gras mehr streichelte als schnitt und manchen Bogen zweimal ziehen mußte. Dann begann er diesen auszumähen und stand nun als vierter im Glied.

Weit voraus zog der Hans. Der Melker war der zweite, als dritter mähte der andere Heuer, den der Knecht im Tal aufgelesen hatte. Doch dem ging der Atem aus, und er ließ den Colmarer aufkommen. Nun fiel auch der Melker ab, und als der Hans beim Schärfen zurückblickte, klang die Sense des Nachtbuben schon dicht hinter ihm. Solange die Matte stieg, blieb der Knecht im Vorteil, als sie eben strich, jauchzte der Colmarer, schärfte und schritt dann in mächtigen Schwaden an Hans vorbei bis ans Ende der Matte.

Dort blieb er stehen, rauchend von Schweiß und schwenkte lachend die Sense, daß das Eisen helle Blitze warf.

Der Knecht mähte ruhig weiter und hielt sich nicht auf, als auch er die Matte durchmessen hatte, sondern setzte alsbald das Eisen von neuem an.

Dem Sieger eilte es nicht, er kostete seinen Triumph.

Auf der Bodenschwelle standen die Frauen, und die Leuni starrte mit einem seltsamen verlangenden Ausdruck zu den Mähern hinab.

»Das ist einer, der zündet das Elsaß an allen Ecken an!« rief die Magd und nahm sich vor, heute abend ihre Kammertür sperrangelweit offen zu lassen.

Die Gritt aber hob den Rechen und schwenkte ihn, wie der Colmarer die Sense. Ihr jauchzender Schrei schlug mit seinem Ruf klingend zusammen.

Da preßte die Leuni die Lippen, zuckte die Achseln und sagte geringschätzig, während sie die Wendgabel wieder ins Heu stieß:

»Auf dem glatten Tanzboden tanzt sich leicht. Der Franz schert die tiefsten Löcher und die steilsten Halden, daß kein Halm verloren geht.«

»Das ist wahr!« pflichtete die Magd gefällig bei, »luget nur, er hat sich selbst das Buckligste ausgesucht.«

Und sie deutete auf den Himmelspacher, der zwischen den Granitbrocken und Felstöpfen, wo die Matte wie abgebrochen ins Waldtal fiel, die Sense schwang und keine Zeit hatte, den Rücken gerade zu ziehen.

Doch die Gritt ließ dem Bruder das Lob nicht gelten und antwortete:

»Der Hans steht dem Franz gleich, und der Hans hat heut seinen Meister gefunden.«

Und noch einmal hob sie trotzig den Rechen, und ihre nackten Arme glänzten rot in der Sonne, als sie laut hinausjauchzte in den strahlenden Tag.

Die Sonne stieg und strählte den Himmel und die Erde blank.

Kein Wölklein mehr im Blau, kein Nebel in den Tälern. Nur ein feiner durchsichtiger Schleier war goldglitzernd über die Ebene gebreitet, in der die Sommerglut brannte.

Am Abend war die Matte am Rennweg gemäht, und auf der Kaisermatt lag das silbergraue Heu zum Aufladen trocken.

Wieder schwenkte der Colmarer die größten Lasten auf den Wagen und fand noch Zeit, seine lauten lustigen Reden zu halten, tat, als wär er sein Lebtag daheim und versorgt auf dem Berg zu Allen Winden.

Der Himmelspacher blieb in seiner Ruhe, und der Hans blickte mit finsterm Spott auf die Unruhe, die der Allesfresser in das Volk gebracht hatte.

Der Melker, die Heuer, die Magd waren so laut und keck wie noch nie.

Wie im Fieber brannte die Gritt.

Eine aber, die sonst laut und herrisch tat und meisterhaft befahl, ging wortkarg ab und zu und reckte die starken Arme wie im Traum. Ihr Gesicht war fremd und hart, zuweilen vergaß sie den Rechen zu ziehen und starrte mit großen dunklen Augen über die grasigen Kuppen, das feuchte schwarze Haar vom Winde gestrählt und die Brust von einem gepreßten Atem hastig bewegt.

Der Abend war gekommen. Von der Weide am Kiefernholz zog sich das Vieh nach Allen Winden. Schon lärmte der Melker mit den Kesseln.

Da ging die Leuni ins Haus, die Abendkost zu richten. Aber so oft sie die lauten Stimmen hereinschallen hörte, wurde sie säumig, und als die andern heimkehrten und der Colmarer dicht vor dem Küchenfenster der Magd, die verliebt um ihn herumstrich, an die Brust griff und sie bis in die Küche jagte, da schoß das Blut dunkel in das Gesicht der Himmelspacherin.

»Dir ist's zu wohl, alte Kuh,« sprach sie hart zur Magd, und als diese gedrückt hinausschlich, lag das Auge der Leuni mit einem seltsam starren, verlangenden Blick auf dem Burschen, der breit und behaglich vor ihr stand und Feuer für sein Zigarettlein begehrte.

»Sapristi, Himmelspacherin, habt Ihr Kohlenaugen! Man könnt den Tabak dran anzünden,« sagte er und dämpfte unwillkürlich die Stimme.

Das Schwefelhölzchen in seiner Hand zitterte.

»Seid Ihr fertig für heut?« fragte die Leuni mit trockenem Munde.

»Ich denk, es tut's. Jeder Tag hat seinen Ausspann,« erwiderte er leichthin. Und als sie schwieg, setzte er keck hinzu:

»Aber nicht jede Nacht ihren Lohn.«

Die Herdringe klirrten, und der, den die Leuni auf der Zange trug, sprang plötzlich auf den Küchenboden und zerbrach.

»Wann wollt Ihr über die Grenze?« fragte sie tonlos.

»Morgen oder übermorgen,« erwiderte er zerstreut und äugte nach der Gritt, die jetzt draußen am Brunnen stand und die Arme im Wasser schwenkte.

»Und wenn der Himmelspacher Euch für den Sommer dingt?« fragte sie weiter, ohne vom Teig aufzusehen, den sie in die Pfanne schlug.

»Drei Tag – ça suffit – den ganzen Sommer – jamais – solang halt ich's nicht aus da oben, auch wenn kein Gendarm mich sucht.«

Da antwortete sie kurz:

»Drei Tag – c'est ça –. Und in der Legion, da sucht Euch keiner.«

»Herrgott in Frankreich! Wird das ein Leben!« blitzte er froh und reckte die Arme, daß ihm das offene Hemd über die Schulter fiel.

Der Teig sprudelte, die Leuni ging ans Fenster und rief zum Tisch.

Die Gritt drehte den Kopf.

»Sie sind noch draußen, der Franz und der Knecht,« gab sie der Frau Bescheid.

Der Bursch verließ die Küche, als ihre Stimme klang.

Die Himmelspacherin zauderte und besann sich. Dann befahl sie:

»So hol sie heim! Es ist Vollmond, sie können die halbe Nacht schaffen, wenn sie nachher noch nicht genug haben.«

Es war eine Aufforderung heimzukommen und nachher noch einmal zur Sense zu greifen, und die Leuni gab beides mit Bedacht. Um ihren Mund lag ein fester Entschluß. Wie im Traum füllte sie den Teig in die Schüssel und schnitt das Brot in den zischenden Speck.

Die Gritt hatte die nackten Arme trocken geschwenkt in der frischen Luft. Zerzaust, Grassamen im Haar, das Kopftuch um den Hals gebunden, damit die Abendkühle ihr nicht zwischen Hemd und Haut drang, stand sie am Brunnen. Am klaren Abendschein brannten ihre Lippen so rot wie Blut.

»Ich geh mit dir, komm,« redete der Colmarer sie an.

»Ihr?«

Sie erblaßte: ein Schauer lief ihr über den feuchten Nacken, die Brust zog mühsam Atem, aber es war ihr unsäglich wohl.

»Sag du, Gritt, und komm, man steht ja da mitten auf dem Markt!«

Er war nur an ihr vorbeigegangen, nicht stehen geblieben, und sie folgte ihm gehorsam.

Nun blieb er hinter dem Heuwagen stehen.

»Geh nur – ich komm,« raunte er ihr zu, als sie ihn erreichte und den Schritt anhielt.

Sie sah ihn mit großen, dunklen Augen an, ein hingebendes, verklärtes Lächeln im erblaßten Gesicht und stob an ihm vorüber.

Der Himmelspacher kam langsam die Kaisermatt heraufgestiegen. Irgendwo klang noch das Schärfen einer Sense: das war der Knecht.

Die Sonne war untergegangen und der Mond noch nicht aufgezogen, aber der ganze Himmel so klar wie Bernstein, überall Licht und nirgends Schatten. Nicht mehr Tag und noch nicht Nacht, kein Windhauch ging zu Allen Winden.

Die Gritt hatte ihren Auftrag vergessen.

Die Augen mit Licht gefüllt, strich sie blind über die grasigen Höhen, ziellos, aber unwillkürlich zum Kiefernbusch hingezogen. Und als sie in das von Heidekraut knisternde Holz trat, langten plötzlich zwei Arme nach ihr, und hingestürzt lag sie an seiner Brust, klammerte sich an ihn, bäumte sich unter seinen Küssen, und riß sich dann auf einmal los, keuchend, mit aufgelöstem Haar, den Brand seiner Lippen im Gesicht und auf der Brust, über der sie jetzt das Hemd zusammenkrampfte.

Sie hatte ihn weggeschleudert. Und so kräftig war die Wucht ihres Stoßes, daß er der nächsten Zwergkiefer in die stachligen Arme sank.

»Nundedie, du wehrst einem gut,« keuchte er voll Anerkennung.

»Ich will nicht,« keuchte die Gritt und stand trotzig, mit plötzlich wiedergekehrtem Willen vor dem Entflammten.

Und dann rannte sie geschwinder als er, der ihr vergebens den Weg zu sperren suchte, den Pfad zurück, traf auf den Hans, der die Sense auf der Schulter, die Matte heraufstieg und sagte ihm hastig Bescheid wegen der Nachtkost.

Als sie um den Tisch gereiht saßen, fielen die Worte selten wie die guten Jahre. Auch der Colmarer kaute stumm. Der Wein mangelte ihm, und die Kost schmeckte ihm nicht.

»In der Legion gibt's blaue Bohnen, roten Wein und schwarze Weiber,« sagte er herausfordernd und schob den Teller zurück.

Die Leuni schwieg. Ihre Mundwinkel krümmten sich, ihre Brust ging so stark, daß der Hans den Zug ihres Atems hörte.

Er blickte auf und sah, wie sie blaß, mit angespannten Brauen, das Brot knetete und ihren Mann mit einem seltsamen Blick spießte. Das Gesicht des Franz war von Müdigkeit verwüstet, und der Löffel zitterte in seiner Hand. Aber er aß gewissenhaft, denn er wollte nachher noch ein paar Sensenstriche tun, wenn der volle Mond schien.

Die Gritt saß in der Ecke, und niemand sah, wie der Colmarer den Fuß zu ihr schob und Knie gegen Knie stemmte. Sie litt es stumm.

Später saßen sie im Hof, und der Melker spielte auf der Maultrommel.

Aber die Müdigkeit schlich hinter ihnen drein. Das Vieh war ausgetrieben, und die Glocken tönten in der Ferne.

Der Himmelspacher zog mit der Sense auf der Schulter am Gesinde vorbei. Der Hans hämmerte die gestauchten Eisen, und sein taktmäßiges Klopfen klang hell und scharf in die Musik des Melkers.

Rot funkelte der Abendstern am bleichen Himmel.

Als der Knecht die letzte Sense im Brunnen schwenkte, lag der Hof leer. Da war's wie das klägliche Weinen eines Kindes, die Märzkatze strich dem Hans um die Beine.

Er ließ sie gewähren und schalt sich selbst einen Narren. Zu Allen Winden lacht und greint kein Kind.

Nun kehrt auch der Himmelspacher ins Bett. Von der Höhe her kommt er geschritten. Die Sense mit dem Eisen nach oben gerichtet, die Schultern gesenkt, die Kniee gekrümmt, barhaupt, Mondbleiche im Gesicht und auf der grauen Sense, von der es silbern tropft.

»Mach Feierabend, Hans,« sagt er und schnallt den Wetzstein ab.

»Ist recht,« antwortet der Knecht.

Im leeren Stall schnaubt der Gaul beim Klang ihrer Stimmen. In der eingehagten Weide tönt leis die Glocke der Bläß, die sich noch nicht nieder getan hat. Unter dem Schwellenstein geigt die Grille.

In dieser Nacht schlief der Colmarer mit den Heuern zusammen in der großen Kammer. Die Himmelspacherin lag Wand an Wand mit ihm und war noch wach, als der Mann den Schlaf suchte. Er sank schwer ins Bett.

Breit stand der Mond in der Ehekammer, und der Glassturz, unter dem die Mutter Gottes von Einsiedeln erstickte, glänzte kalt im schwimmenden Licht.

Einmal war es, als tappte nebenan jemand barfuß einher. Die Leuni richtete sich auf und horchte. Der Kuckuck rief zwei.

Unbeweglich, auf den Rücken geworfen, schlief der Himmelspacher, im Schlaf noch die tiefe Falte zwischen den Augenbrauen.

Und die Leuni saß mit aufgestemmten Füßen, die Arme um die Kniee geschlagen, und starrte auf das weiße Viereck, das der Mond auf die Diele warf. Wenn sie sich bewegte, schlugen ihre schweren Ohrringe Funken.

Die Treppendiele hatte geknarrt.

Da schwang sie sich aus dem Bett und lief an die Tür. Sie zauderte einen Augenblick, ehe sie aufstieß. Niemand war zu sehen in der grauen Nacht. Über das Geländer gebückt horchte sie hinunter. Die Haustür schlug. Sie lief in die Kammer und ans Fenster, von dem sich der Vorhang blähte im Luftzug. Der Hof lag still und weiß, die Stalltür stand offen, in der Kammer des Hans, der über dem Roßstall schlief, hauste schwarze Finsternis.

Ein tiefer Atemzug strömte aus ihrem Mund. Der älteste Heuer stand am Brunnen, kühlte Kopf und Hände und trank aus dem Rohr.

Nun wurde sie auf den Luftzug aufmerksam und ging die Tür schließen.

Doch ehe sie schloß, trat sie noch einmal hinaus und setzte den nackten Fuß auf die Treppe, drei Stufen tastete sie hinab und keine knarrte.

Der Taglöhner tappte wieder ins Haus.

Da ging sie rasch in die Kammer und schloß die Tür, streckte sich ins Bett neben den schlafenden Mann und wußte nun, daß er nicht erwachte, wenn sie sich von ihm stahl und in die Nacht hinauslief.

Die Himmelspacherin war durstiger als der Knecht, ihre Hände brannten, aber sie lag still und wartete zwischen Schlafen und Wachen auf den Tag.

Der stieg silbern empor. Um vier Uhr, als der Mond noch klein und gelb am weißschimmernden, von hellgrünen Spiegeln gefärbten Himmel stand, zogen die Himmelspacher wieder ins Feld.

Die Gritt wich dem Colmarer aus.

Aber die Leuni schenkte ihm vor dem Aufbruch insgeheim noch ein Glas Kirschenbrand.

» Cré nom de nom, Ihr seid ein prächtig Weibervolk,« sagte der Bursch und rollte langsam den Kirsch hinab.

»Was Ihr nicht sagt!« antwortete sie mit ihrer weichsten Stimme und hielt den Kopf hintenüber, das Gesicht mit den umschatteten Augen von einem verlangenden Lächeln durchbebt.

»Sapperment,« murmelte der Mann und stellte das Glas unsicher auf den Tisch. Sein Blick grub sich in ihre Züge.

» Eh bien, quoi donc?« flüsterte sie heiß, lachte dann, zog die runden Schultern in die Höhe und wandte sich mit leisem, spöttischem Lächeln ab.

Unwillkürlich trat der Colmarer ihr einen Schritt nach. Da blickte sie über die Schulter zurück.

»Der Alte war die Nacht am Brunnen. Ich hab geglaubt, Ihr seid's, aber Euch drückt der Schlaf.«

In ihren Mundwinkeln lag ein feuchter Schein, als sie so sprach.

»Das sagt Ihr mir nicht zweimal, Frau,« stieß er heiser hervor, und plötzlich lief ihm ein rotes Feuer durch den Leib. Mit einem raschen Blick durch die leere Stube, legte er die Arme um ihren Hals.

»Betisen!« lachte sie wild und zog sich aus der Umschlingung.

Eine Sense klirrte im Flur. Sie fuhren auseinander.

In der Tür stand der Knecht.

»Einen Kirsch, wenn's beliebt, Frau, man muß den Wurm töten,« sagte der Hans, und sein schwarzbraunes, vom schlechtgeschabten Barthaar grau angeflogenes Gesicht starrte still und kalt in die Stube. Langsam gingen seine Augen zwischen ihnen hin und her.

Da reichte der Bursch in der Verlegenheit sein eigenes Glas.

» Tenez, Hans, ein Maulvoll ist noch drin.«

Und der Knecht tat einen Schritt näher, ließ die nackten, mit Sehnen und Adern überflochtenen Arme hängen, schaute ihm fest in die jungen blitzenden Augen und antwortete:

»In anderem nehm ich das Maul nicht voll, aber das da ist mir zu wenig, und – ich trink dir nicht nach!«

»Gott verdamm mich, willst du –«

» Voyons, pas des betises! Es langt für zwei!« unterbrach die Leuni den rauchenden Streit, und ihr Gesicht war stolz und hoffärtig.

Und als sie den Colmarer anblickte, lief ein Funke in ihrem Auge, der ihn zum Gehorsam zwang.

Er ging. Draußen schallte seine laute Stimme wie gestern.

Nun füllte die Leuni dem Hans das Glas.

»Tötet den Wurm,« sagte sie scherzend, aber mit einem unruhig spürenden Blick.

Er warf den Schnaps in die Kehle.

Als er das Glas zurückgab, erwiderte er langsam:

»Er ist zehn Jahre jünger als der Irion.«

Sie verstand ihn nicht.

»Der Irion hat's Grüßen verlernt,« fuhr er fort.

»Was redet Ihr da? Wer will etwas mit dem Irion? Ist das Maulvoll Euch am End doch zu viel gewesen, Hans?«

Da füllten sich seine Augen rot.

»Die Gritt lacht, Frau. Seit gestern. Den Irion Karl habt Ihr vertrieben. Was wollt Ihr mit dem andern?«

Die Leuni warf die Handfläche auf und blies darüber hin.

»Soviel für die Gritt! Sie hat den Irion selbst aus ihren Röcken gesprengt. Und der da – sie wies dorthin, woher die helle Stimme klang – der wächst nicht an zu Allen Winden.«

Eine Weile stand der Knecht unbeweglich, dann kam er zum Schluß:

»Gut, Frau – aber heut und morgen lacht die Gritt, lasset sie lachen, und ich sorg, daß er beizeiten geht.«

»Recht, Hans, vogtet sie brav,« versetzte die Leuni spöttisch und nickte, daß die goldnen Ringe an ihren Ohren hin und her schlugen.

Er hemmte den Schritt, blickte sie noch einmal an und sagte zuletzt: »Ich sorg auch Euch

Schneidend lachte die Leuni auf, und das Blut schoß ihr ins Gesicht und sprang in einem Tröpflein aus der Lippe, an der ihre Zähne genagt hatten.

Aber der Knecht kehrte sich nicht daran und verließ ruhig die Stube.

* * *

 


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