Johanna Spyri
Aus dem Leben
Johanna Spyri

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Ihrer Keines vergessen.

I.

Es steht ein weißes Haus auf der Anhöhe, die weit umher in die Thäler schaut und hinüber zu den fernen Bergen, auf deren Gipfel auch im hohen Sommer noch der silberne Schnee in der Sonne leuchtet. Das Haus hat der Arzt sich erstellt, der unten am Hügel unter dem epheubedeckten Steine schläft. Er hat es viele Jahre lang bewohnt und ein Leben voll Mühe und Arbeit darin verbracht. Wenige Schritte vom großen Haus entfernt steht ein kleines, ein Häuschen mit wenigen Fenstern, die alle auf die grüne Wiese schauen, welche sich weit hin über die Halde zieht.

Das Fenster des Häuschens, das gegen Morgen schaut, ist jetzt geschlossen. Die weißen Rosen ranken an der Mauer hinauf wie vor Zeiten, aber nun ist's still ringsum, nur der Bergwind rauscht in den Wipfeln der alten Bäume. Keine Klagetöne werden mehr unter dem Fenster vernommen wie damals, als in den Zimmern des kleinen Hauses die Kranken wohnten, die armen Irren, deren Heilung der Arzt sich mit besonderem Interesse widmete.

Es war an einem sonnigen Junimorgen, als vor der Thür des Häuschens ein Mädchen stand, sichtlich in der Erwartung, daß sie sich öffne. Die Wartende war das Töchterchen des Arztes, die achtjährige Nelly. Besondere Vorliebe für geordnete Toilette mußte die helläugige Nelly nicht haben; schon in dieser Morgenstunde standen ihre Haare etwas struppig auf dem Kopf, den sie unbekümmert der Sonne entgegenhielt. Den runden Strohhut hatte sie an den Ast des niedrigen Apfelbaumes gehängt, wo er viel öfter weilen mochte als auf ihrem Kopf, was ihr nußbraunes Gesicht verkündete. Um sich die Zeit des Wartens zu verkürzen, hatte Nelly eben eine Masse von dem flammend gelben Löwenzahn, der die Wiese bedeckte, in ihre Schürze gesammelt, den sie nun mit Wohlgefallen betrachtete, sichtlich mehr beschäftigt mit der Aussicht auf die Menge wohltönender Pfeifen, die aus den Blumenstengeln entstehen sollten, als mit den reichlichen Flecken, welche die klebrigen Stiele in der Schürze zurücklassen mußten.

Jetzt ging die Thür auf, und eine große, bleiche Frau trat heraus. Einen Augenblick stand sie regungslos, ihr Gesicht der hellen Morgensonne zugewandt. Die Furchen tiefen Leidens waren in dieses Angesicht eingegraben. Die dunklen, glanzlosen Augen schauten wie träumend umher, sie schienen nicht aufzunehmen, was sie anblickten. Um den geschlossenen Mund der Kranken lag eine Traurigkeit, die jedem das Herz bewegen mußte, und die mehr erzählte, als dieser Mund je mit Worten hätte sagen können.

Nelly trat zu der Frau heran, und nun ihr Blick auf das Kind fiel, ging ein leiser Zug von etwas wie Freude über das blasse Gesicht.

»Bist Du da?« sagte sie, Nellys Hand ergreifend.

»Ja, ja, schon lang,« erwiderte Nelly, »es ist schön heute, wollen wir auf den Rain gehen?«

»Wie Du willst,« sagte willenslos die Kranke. »Aber ich bin müde, kann ich auch nach dem Rain gehen?«

»O ja,« versetzte Nelly zuversichtlich. »Sie können sich nur auf meine Achsel stützen mit dem einen Arm, und dann will ich gleich einen Stock holen für den andern.«

Damit lief Nelly der nahen Scheune zu, warf ihre sämtlichen Blumen über Bord, die Pfeifen waren vergessen, und kehrte bald mit einer hohen Stange zurück, die wohl den rankenden Bohnen im Garten als Stütze dienen sollte. Mit großer Kraftanstrengung wurde sie nun von Nelly mitten entzwei getreten und die eine Hälfte der Hand der Kranken übergeben.

So traten die beiden Wanderer ihren Weg an in den sonnebeleuchteten Morgen hinaus: der Strohhut blieb ungestört am Apfelbaum hängen.

Die Kranke hatte seit langen Monaten in der Pflege des Arztes gestanden. Sie hatte Zeiten des völligen Wahnsinns durchgemacht; dann war eine große Veränderung mit ihr vorgegangen. Sie war stille geworden, ihre Ideen waren lichter, sie kümmerte sich wieder um die Ihrigen; aber eine tiefe Schwermut lag auf ihrer Seele, und ihre physischen Kräfte nahmen rasch ab. Sie war nun so ruhig, daß der Arzt gebot, Nelly sollte die täglichen Spaziergänge ohne die Wärterin mit ihr machen, da diese Begleitung der Kranken immer unangenehm war, Nelly aber freute sich dieser Anordnung, nichts war ihr lieber, als durch Feld und Wald zu streifen; dann fühlte sie wohl, wie gern die Kranke sie mochte, und dazu hatte sie mit dieser ein gemeinsames Interesse, das die Unterhaltung immer lebendig erhielt.

Ihren Arm auf Nellys Schulter zu legen, nach dem gegebenen Rat, konnte nicht angehen, dazu war die Kranke viel zu groß; aber sie konnte sich mit der Hand auf diese Schulter stützen, und der kräftige Stock half nach. Noch waren die beiden nicht weit am Rain hinaufgekommen, als die Kranke stille stand, um Atem zu schöpfen. Sie schaute nach der weißen Straße hin, die vom Thal heraufführte, dann nach dem Fußpfad, der über die Wiesen hin den Weg abkürzte, dann sah sie Nelly fragend an und sagte:

»Kommt er heute, Nelly?«

»Ja, heute kommt er,« antwortete diese, keineswegs erstaunt über die unbestimmte Bezeichnung des Erwarteten. Für die Kranke gab es nur einen »Er«, sie sprach von keinem andern. Kinder verstehen die Verhältnisse um sie her oft durchdringend gründlich, ohne daß ihnen ein Wort darüber gesagt wird. So wußte Nelly perfekt, daß die kranke Frau ihren Mann fürchtete und erschrak, wenn sie ihn erblickte bei seinen seltenen Besuchen. Das leise Zittern, das bei seinem Erscheinen jedesmal die Kranke befiel, war dem Kinde nicht entgangen; Nelly lief auch gleich davon, wenn sie den großen Mann mit dem finstern Gesicht herankommen sah. Sie wußte ferner, daß der ältere Sohn der Mutter nichts nachfragte, daß er auf schlimmen Wegen ging, und der kranken Frau ein Herzeleid war. Der jüngere Sohn, Robert, der in Nellys Alter war, kam häufig, die Mutter zu besuchen, und zeigte große Anhänglichkeit an sie.

»Er könnte schon da sein,« meinte die Kranke, »wir wollen doch zurückkehren.«

»Nein, nein,« erwiderte Nelly, »wir müssen noch spazieren gehen, Papa sagte eine Stunde lang, und Roby kommt noch nicht, er hat mehr als zwei Stunden zu gehen, und es ist erst neun Uhr.

»Wie Du willst,« sagte die Kranke willig, »aber langsam gehen, ich bin so müde.«

Sie machte wieder einige Schritte, dann kehrte sie sich wieder von neuem um und schaute über die Wege hin.

»Er ist ein guter Junge, Nelly, er hat ein gutes Herz,« sagte sie, ihre Gedanken verfolgend; »aber so hitzig ist er, das ist nicht gut. Er braucht eine liebevolle Hand. Du mußt gut mit ihm sein, willst Du, Nelly?«

»Ja, ja, ich will schon,« antwortete Nelly.

Dann gingen sie ein kleines Stück weiter. Aber schon wandte sich die Kranke wieder um, die Straße war noch immer leer.

»Sieh, er ist gut gegen seine Mutter,« sagte sie wieder, »er hat sie lieb; aber er ist zornmütig, das ist etwas Böses. O, das ist etwas Böses! Aber wer ihm Liebe zeigt, hat ihn in der Hand. Willst Du auch gut gegen ihn sein und ihn lieb haben, Nelly?«

Und Nelly sagte tröstlich wieder ihr: »Ja, ja, das will ich schon thun.«

»Da ist er!« rief auf einmal die Kranke, und über das totenblasse Gesicht flog es wie ein leichtes Rot der Erregung.

Nelly meinte, es sei ja nur ein schwarzer Punkt auf der Landstraße, der eben so gut alles andere sein könne als Roby, aber diesmal ließ die Mutter sich nicht halten; sie kehrte um und mußte auch richtig gesehen haben, denn fast zur selben Zeit, wie die langsamen Wanderinnen das Haus erreichten von oben her, kam von unten, den Hügel herauf, ein flinkes Bürschchen mit schwarzkrausem Haar und ein Paar dunkelglänzenden Augen, die eben die Mutter erblickt haben mußten, denn mit wenigen großen Sprüngen war er auf einmal da und rannte fast die Mutter um mit der ersten Umarmung. Sie strich ihm zärtlich das krause Haar aus der Stirn und sagte immer wieder mit beweglicher Stimme: »Bist Du da, Roby, bist Du da?« Er grüßte nun auch Nelly und wurde sehr herzlich von ihr bewillkommt; die beiden waren gute Freunde.

Nun führte die Mutter ihren Jungen nach ihrem Zimmer, sie meinte, sie habe ihm so viel zu sagen. Ihre traurigen Worte waren fast immer dieselben, doch für ihren Roby flackerten wirklich noch hier und da Funken eines verborgenen Lebens auf. Als am Nachmittag der Sonnenschein warm auf dem Platz lag vor dem Hause, stand Nelly unter den schützenden Ästen des großen, alten Birnbaums, der seinen Schatten weithin über den Platz warf. Sie wartete auf Roby; es war die Zeit, da die kranke Mutter eine Weile ruhen mußte. Jetzt trat Roby aus dem Häuschen und lief gleich auf Nelly zu unter den Birnbaum.

»Die Mutter hat gesagt, wir sollten immer zusammenhalten und nie von einander lassen. Es sei dann, wie wenn ich eine gute Schwester hätte. Du seist dann immer gut mit mir, und ich würde nie mehr hitzig; das gefällt mir, Dir auch Nelly?«

»Ja, das gefällt mir auch,« erwiderte Nelly.

»Und wenn wir dann alt genug sind,« fuhr Roby eifrig fort, »dann gehen wir mit einander nach Kalifornien; da bekommt man so viel Gold, daß man alle schönen Sachen bekommen kann, die man nur wünscht. Mein Vater sagt, das sei das beste, das ein Mensch thun könne, und hier sei das Leben nichts wert.«

»Nein, dahin gehe ich nicht mit Dir,« sagte Nelly sehr entschlossen, »da hat es Schlangen, und weiß kein Mensch was.«

»Du mußt mit mir kommen, Du mußt!« rief Roby leidenschaftlich aus, »Du mußt!«

»Roby,« sagte Nelly, sich entschieden vor ihn hinstellend, »wenn Du zu mir sagst: Du mußt! dann komme ich erst recht nicht.«

»Ja, dann – dann – dann –« und Roby fand vor Zorn keine Worte und stand glutrot mit geballten Fäusten da.

Einen Augenblick schaute ihn Nelly herausfordernd an; dann nahm sie auf einmal eine der Fäuste in ihre beiden Hände und sagte in herzlichem Tone:

»Nein, Roby, komm, wir wollen wieder gut sein mit einander, so ist's nicht lustig.«

Augenblicklich war der Zorn gewichen. Roby faßte Nellys Hand und sagte mit weicher Stimme:

»Ja, ich will auch viel lieber. Aber bist Du nun nicht böse auf mich?«

»Nein, nein, und vielleicht komme ich dann doch noch mit nach Kalifornien,« sagte Nelly, froh über den hergestellten Frieden. »Aber ich weiß etwas viel Schöneres, komm nur, Roby.«

Damit zog sie den Knaben auf den Fußpfad, der hinter dem Birnbaume weg aufwärts führte bis zum Saum des Waldes. Da lenkte Nelly querfeldein, gegen die große Buche hin, wo wenige Schritte davon eine leichte Versenkung des Wiesengrundes war, daß er wie ein grünes Rasenbecken anzusehen war. Warm leuchtend lag der Sonnenschein an der niedern Halde.

»Komm, sieh!« rief Nelly und that einen Sprung in die Höhlung hinein. Roby sprang nach und schaute mit groß erstaunten Augen auf den Boden. Dunkel glühend in der Sonne standen ganze Büsche der schönsten Erdbeeren zwischen den grünen Halmen. Ein süßer Duft wehte Roby entgegen und erfüllte die ganze Luft.

»Wir wollen sie alle sammeln und nachher an der Halde sitzen und sie essen,« schlug Nelly vor, indem sie gleich ans Werk ging. Roby half tapfer mit, und in kurzer Zeit war Nellys Schürze angefüllt mit Blättern und Stielen, aber auch einer schönen Menge der großen weichen Beeren.

Nelly wußte schon, wo am besten zu sitzen war; sie kletterte an den Rand der Halde, setzte sich oben hin und stemmte die Füße in den weichen Wiesengrund zu größerer Sicherheit der Stellung. Roby ließ sich neben ihr nieder. Die Mahlzeit wurde begonnen und friedlich beendet.

In der hohen Buche rauschten die Zweige hin und her, und ein frischer Wind ging über die Felder hin. Der Sonnenschein lag wohlthuend auf der keimenden Erde, und hoch im Baum sang die Amsel ihre süßen Töne. Die Kinder hatten gelauscht und schweigend da gesessen, halb unbewußt den Gras- und Blütenduft eintrinkend, der sie umzog.

»Ich wollte, es wäre immer so,« sagte Nelly, wie erwachend, »dann wollte ich nichts anderes mehr.«

»Aber ich,« sagte Roby, und über den glänzenden Augen zogen dunkle Schatten und Gewitterwolken auf.

»Was wolltest Du denn noch, Roby?«

»Ich wollte, die Mutter käme wieder heim, und wäre gesund. Es ist gar nicht schön daheim, seit sie fort ist, ich wollte lieber nicht mehr heim gehen, und ich wollte, diese Amsel sänge nicht mehr so, und ich wollte lieber gleich sterben, wenn die Mutter nicht heim kommt.«

Roby hatte alle Halme rings um ihn aus der Erde gerissen, während er so sagte, und die großen Thränen standen ihm in den Augen.

Nun war auch Nellys sonnige Stimmung dahin. »Ach, Roby,« sagte sie selber halb weinend, »weine nur nicht, Deine Mutter wird gewiß bald gesund und kommt heim. Ich habe es selbst gehört, wie mein Vater sagte, sie werde bald alles überstanden haben. Und ich will Dir etwas schenken, sieh, ich habe es selbst gemalt.« Damit zog Nelly ein vielfach gefaltetes Papier aus der Tasche und breitete nach und nach einen großen Bogen aus; auf den war ein Schiff gemalt mit ausgespannten Segeln und vieler Mannschaft. Alles in flammenden Farben. Himmel und Meer waren vom saftigsten Pflaumenblau, die breiten Segel vom leuchtendem Goldgelb, wohl um den Effekt der Sonne darzustellen. Seekrankheit hatte nicht auf dem Schiff geherrscht, die Wangen sämtlicher Passagiere flammten. Roby war hingerissen von dem Anblick.

»Du mußt aber prächtige Farben haben, Nelly,« rief er aus. »Und willst Du mir wirklich dieses Schiff schenken?«

»Ja gewiß,« erwiderte Nelly, hoch erfreut über Robys fröhliche Augen, und plötzlich, in freudiger Überraschung ihres eigenen Gedankens, rief sie noch lebhafter:

»Und soll ich Dir auch die ganze Farbenschachtel schenken?«

Roby machte seine glänzenden Augen erstaunlich weit auf und fragte in großer Spannung:

»Aber Nelly, wird es Dich auch nicht gereuen?«

»Nein, nein,« rief Nelly zuversichtlich, »aber bist Du dann auch wieder ganz froh und willst auch auf dem Heimweg nicht mehr traurig werden?«

Roby versprach die hellste Fröhlichkeit für alle Zeit. Für einmal war sie auch hergestellt. Er konnte sein Schiff nicht genug ansehen.

»Siehst Du, Nelly,« sagte er betrachtend, »so ist gerade das Schiff, auf dem wir dann nach Kalifornien fahren, gerade so sind die Auswandererschiffe.«

Nelly wollte sich eben die Auswanderer-Verhältnisse näher ansehen, als der Ton eines fernen Hornes durch den Wald schallte; sie sprang auf.

»Das ist das Horn für die Arbeiter, es geht zum Abendessen,« rief sie eilig, »komm, wir müssen zurück, Du mußt ja noch heim gehen heute, Roby!«

Schon flogen wieder die Wolken über Robys Angesicht, aber er wehrte sich. Noch einmal sah er sein Schiff an, dann legte er sorgfältig das Papier in die gegebenen Falten und steckte es ein. Hand in Hand liefen nun die Kinder den Hügel hinab in immer höheren Sprüngen und langten mit hellem Lachen und zerzausten Haaren beim alten Birnbaum an. Da stand die bleiche Frau. Sie hatte nach ihnen ausgesehen, und nun die Kinder vor ihr standen, Hand in Hand, mit Gesichtern voller Fröhlichkeit, kam etwas wie ein Freudenschimmer in die lange schon freudeerloschenen Augen. Sie traten alle zusammen ins Haus. Roby sollte noch zum Abendbrot bleiben, dann seinen einsamen Heimweg antreten. Am schmalen Wege beim Birnbaum nahm er Abschied von der Mutter. Sie streichelte seine Wangen und sagte immer wieder:

»Armer Roby! Armer Roby!«

Dann kam Nelly aus dem Haus gerannt und steckte eilig etwas in Robys Tasche.

»Wir hätten fast die Farbenschachtel vergessen,« sagte sie.

Die Kinder gaben sich die Hand, und Roby ging den Berg hinunter. Als er beim ersten Absatz des Weges angekommen war, kehrte er sich um. Die Mutter stand noch oben am Wege, ihre Hand auf Nellys Schulter gestützt; sie schauten ihm beide nach. Einen Augenblick stand Roby unschlüssig da, dann kam er zurückgelaufen.

»Leb' wohl, Mutter! Leb' wohl, Nelly!« sagte er noch einmal, ihre Hände drückend. Noch einmal strich ihm die Hand der Mutter zärtlich über Stirn und Wangen, einmal noch sagte die wehmütige Stimme: »Armer Roby!«

Nun nahm Roby einen mächtigen Anlauf; in wenig Sprüngen war er am Fuß der Anhöhe und verschwand um die Ecke beim Kirchhof.

Am dritten Morgen nach diesem Abend sah Nelly ihren Vater mit schnellen Schritten vom kleinen Hause her kommen, die Mutter lief ihm entgegen, Nelly stand bei ihnen.

»Sie ist leicht verschieden,« sagte der Vater, »ihre Kräfte waren ausgearbeitet. Sie hatte noch klare Momente, sie betete leise. Eines ihrer letzten Worte war: Armer Roby!«

Nelly fuhr es wie ein Messer ins Herz; sie wußte klar, was geschehen war. Sie floh hinter den Garten in den Wiesengrund, warf sich auf den Boden, drückte ihr Gesicht ins Gras und schluchzte laut.

Am folgenden Abend, als es dämmerte und ein frostiger Nordwind um die Höhe blies, stand Nelly auf den Stufen vor der Hausthüre. Es wunderte sie, was angefahren kam; sie sah aber nur einen leeren Wagen, wie die Landleute sie zu ihren Fuhren gebrauchen. Sie blieb stehen und schaute sich das fremde Pferd an. Aber was war das? Vom Birnbaum her hörte sie zwischen den Windstößen durch wie ein unterdrücktes Schluchzen. Sie hörte wieder hin: Wieder und wieder drang der Ton zu ihr herüber. Sie ging zum Birnbaum hin. Da stand Roby, das Gesicht in seine Arme gegen den Stamm des Baumes gedrückt, ein leidenschaftliches Schluchzen halb erstickend.

»O Roby! o Roby! Wie bist Du gekommen?« rief Nelly ganz erschrocken. »Warum kommst Du nicht ins Haus?«

Roby konnte lange nichts sagen; endlich stieß er in abgebrochenen Worten heraus: »Der Wagen soll die Mutter holen – ich habe es gehört – ich bin nachgelaufen.«

»Komm ins Haus, Roby! Weine nur nicht so –« und Nelly konnte vor Leid selbst nichts mehr sagen. Sie wollte Roby bei der Hand nehmen und hineinführen, aber er rührte sich nicht und schluchzte fort, als müßte sein Herz zerspringen.

Jetzt hörte man die Räder, der Wagen kam vom Häuschen her der Straße zu. Roby nahm seine Arme vom Gesicht und kehrte sich um. Mit durchdringendem Tone rief er: »Sieh! Sieh!«

Auf dem Wagen stand ein Sarg; eben fuhr er an den Kindern vorbei.

Roby weinte laut auf. Der Wagen fuhr den Hügel hinab.

Jetzt lief Roby mit aller Macht dem Sarge nach in die Nacht hinein, noch konnte Nelly sein lautes Weinen hören. Sie stand unbeweglich. Das Rollen der Räder verhallte; es wurde dunkler, der Wind heulte um das Haus und schlug die Zweige des alten Baumes um den Stamm. Da legte sich eine sanfte Hand auf Nellys Arm; es war die Mutter, die besorgt nach ihr ausgeschaut hatte. »Hier kannst Du nicht stehen, Kind,« sagte die freundliche Stimme, »komm herein, was ist Dir denn?«

Nelly atmete tief auf, sie wollte reden, aber nun sie die liebevolle Nähe der Mutter empfand, kam Robys ganzes Weh über sie. Sie warf sich an die Mutter und brachte vor Weinen kaum die Worte heraus:

»Roby hat seine Mutter geholt.«

Nellys Mutter mußte wohl verstehen, was vorgegangen war; sie frug nicht weiter. Sie führte Nelly in ihr Schlafkämmerlein und redete stillende Worte zu ihr.

In jener Nacht, da lange schon das Haus stille geworden, und alle anderen Augen geschlossen waren, schluchzte Nelly noch in ihr Kissen hinein.

Wenn Kinderaugen auch schneller wieder hell werden, als die Augen großer Leute, im Augenblick des Schmerzes selbst können Kinder unsäglich leiden. Sie leiden mit dem erdrückenden Gefühl: so bleibt es immer und kann nimmer anders werden. Auch Nellys Augen wurden bald wieder hell; aber lange Zeit noch, wenn sie draußen auf dem Platz mit den anderen Kindern umherlief und im Spiel ihr Gesicht an den Stamm des Birnbaums legte, daß sich die anderen derweil verstecken sollten, schoß ihr mit einem Mal eine Erinnerung ins Herz wie ein scharfer Pfeil, und sie blieb stehen und drückte ihr Gesicht tiefer in die Arme. Wollte dann eines der Kinder sie wegziehen vom Baum, daß das Spiel seinen Fortgang habe, sagte sie mit erdrückter Stimme: »Laß mich! Laß mich! Ich kann nicht mehr spielen.«

II.

Zehn Jahre waren vergangen. An der grünen Halde im Erdbeergrund lag die milde Herbstsonne. Leise zog der letzte Hauch des verwehenden Föhnwindes durch die gelblichen Blätter der alten Buche und über die abgemähten Wiesen hin. Der Halde zu kamen zwei junge Mädchen geschritten im eifrigen Gespräch und setzten sich nun eben da nieder, wo alle Jahre im sonnigen Juni die roten Erdbeeren in Fülle zwischen den hohen Halmen standen. Nelly war die eine der beiden. Sie hatte sich in den zehn Jahren gerade so verändert, wie die Menschenkinder zu thun pflegen. Sie hatte auch einiges gelernt, denn der Strohhut saß nun in der Sonne auf ihrem Kopf, er hing nicht mehr am Apfelbaum, und in ihre Schürze packte sie nicht mehr ohne Unterschied alles, was Wald und Wiese darboten. Sie war ein großes kräftiges Mädchen geworden, aber neben der hohen Gestalt, die an ihrer Seite einherging, verschwand sie fast.

Nelly hatte jederzeit ein offenes Herz für Freundschaft und allen Menschenverkehr gehabt; sie hatte auch viele und nahe Freundschaftsbande, aber die Freundin, die neben ihr herging, diese lebenskräftige, hochstrebende Bergnatur, hatte Nelly mit besonderer Herzenswärme erfaßt. Sie hatte dieses Mädchen zuerst gesehen in seiner hochgelegenen, felsumschlossenen Heimat im Gebirge. Nelly hatte eine Kranke dahin begleitet, die, in ihr Vaterhaus zurückkehrend, sich für einige Zeit Nellys Gesellschaft erbeten hatte. Eben war ein Jahr verflossen seither. Noch stand in Nellys Herzen die Erinnerung ganz frisch an den Moment, da sie Sarah zuerst gesehen. Am leuchtenden Sommerabend war eine Schar junger Mädchen nach dem Waldsee hinaufgewandert, der versteckt inmitten der ästereichen Föhren sein stilles Wasser ausbreitet, in das nicht die Sonne noch der Mond, nur die dunkeln Wipfel der uralten Bäume schauen und die regungslose Flut nur noch dunkler färben durch ihre Nähe. Die Mädchen hatten sich gelagert am Fuße der Felsen, wo durch das dichte Gezweige hier und da verlorene Sonnenstrahlen drangen und in schmalen, goldenen Streifen über das hellgrüne Moos flimmerten.

Es war große Fröhlichkeit in dem Kreise, die Froheste von allen war Sarah. Schlag auf Schlag folgte ein Witzwort dem andern, und in Strömen flossen ihr die köstlichen Einfälle von den Lippen, so daß sie die ganze Gesellschaft in Bewegung und nimmer endender Heiterkeit erhielt. Schlug sie erst einmal selbst ihr volles Lachen an, so riß sie alle unwiderstehlich mit. Später, als sich eines hierhin, das andere dorthin in den Wald hinein verlor, sah Nelly, wie Sarah, an einen Baumstamm gelehnt, vor sich hin schaute, tief in ihre Gedanken verloren. Der lachende Ausdruck auf ihrem Gesicht war verschwunden, um die dunkelblauen Augen lagen Schatten, wie sie um die tiefen Bergseen ihrer Heimat liegen. In den Tiefen dieser Natur ging mehr vor, als auf die Oberfläche trat; sie interessierte Nelly vor allen anderen. Die beiden kamen sich bald nahe und blieben auch nach der äußeren Trennung in nahem Verkehr. Nun saßen sie wieder neben einander in lang gewünschter Vereinigung; sie sollte aber von kurzer Dauer sein. Sarah hatte nur den einen Tag für Nelly; sie war auf ihrer Heimreise von Deutschland her, wo sie in der ihr nahe befreundeten Familie sich schon bis zum letzten Termin aufgehalten hatte. Wie reich an Genuß und innerem Gewinn war dieser Aufenthalt auch für sie gewesen! Eben hatte sie mit lebendigen Farben alles Erlebte geschildert, und Nelly war ihr mit gespanntem Interesse gefolgt; kannte sie doch längst das stille Haus unten am schönen Rhein, da wo er ruhig und groß dahin fließt, nicht mehr in wilden Sprüngen seine grauen Wasser über die Felsen hinunter wirft, wie er droben im Berglande thut, wo er seine Kinderjahre verstürmt. Das Fenster nach dem Rhein hin kannte Nelly, als hätte sie's gesehen, da der grüne Epheu herein rankt, und dahinter die würdige Mutter saß in der frühen Morgenstunde mit ihrer Bibel auf dem Schoß. Die Tochter Emma, Sarahs nahe Freundin, das sinnige Mädchen mit den reichen Anlagen und dem seelenvollen Blick, kannte Nelly so gut, als hätte sie Jahre mit ihr zusammen gelebt, sie hatten sich aber nie gesehen. Sarah verstand es, ihre Freunde einander gegenseitig nahe zu bringen, die Menschen nahmen völlig Leben an unter ihrer Schilderung und gewannen sich die Herzen ab wie durch persönliche Berührung. Auch für Emmas Bruder, Heinrich, den jungen Theologen, interessierte sich Nelly sehr, sie wußte auch viel von ihm und hatte eine Art Scheu, aber noch mehr Verehrung für den Menschen, der so hohe Anforderungen an sich und andere stellte und dabei mit solcher Liebe die Mutter und die Schwester durchs Leben trug, wie Sarah ihr eben wieder erzählt hatte.

»Du bist aber auch an der Sonnenseite des Daseins zur Welt gekommen, Sarah,« sagte Nelly, nachdem sie erst stillschweigend Sarahs Mitteilungen erwogen hatte. »Was Du je gelernt, das weißt Du perfekt, was Du zur Hand nimmst, gelingt Dir, und dazu kommen solche ideale Menschen auf Deinen Lebensweg, und Du kannst sie lieb haben und mit ihnen immerfort in Verbindung stehen, das ist ein großes Gut.«

»Ja, das ist es auch,« sagte Sarah nach einigem Nachdenken, »und ich weiß es zu schätzen. Ideal denkende Menschen sind diese, wie ich keine anderen kenne, aber ganz nahe könnte ich doch nicht mit ihnen leben. Da ist etwas so Eigentümliches bei ihnen allen, das mich ihnen entfernt.«

»Was denn?« fragte Nelly begierig.

»Du weißt, sie sind alle sehr religiös,« erklärte Sarah, »schon der selige Vater war als ein besonders frommer Mann bekannt; so sind sie alle; aber so, wie ich keine Menschen bei uns kenne, das religiöse Leben mischt sich bei ihnen ganz mit dem alltäglichen, so als lebten sie unausgesetzt mit einem hohen Freund zusammen, mit dem sie jederzeit reden können, der überall anwesend ist, nur daß man ihn nicht sieht.«

»Merkwürdig,« meinte Nelly. »Eigentlich muß ich sagen,« fuhr sie nach einer Pause des Nachdenkens fort, »das gefällt mir. Wenn wir einen Herrn im Himmel haben, zu dem wir in der Not gleich rufen können, so ist es doch das einzig Richtige, daß wir auch zu jeder andern Zeit annehmen, Er sehe und höre uns in jedem Wort und Gedanken. Mit Bewußtsein so zu leben allezeit, muß die Menschen gut im Zaume halten, es ist nur etwas unbequem; das ist's aber auch, was Deine Freunde so ideal erhält.«

»Ich fürchtete mich aber immer ein wenig vor ihnen, besonders vor Heinrich. Er ist wirklich einer der edelsten Menschen, die ich je gesehen; ich weiß auch wohl, in all' seinem Thun und Denken hat er immer die höchsten Ziele vor Augen; aber es kam immer eine Angst über mich, wenn ich meinte, er könnte mir nahe kommen und einen bestimmenden Einfluß auf mich ausüben. Sein Weg muß doch ein viel engerer sein, als der meinige, er würde mir mein schönes, reiches Erdenleben beschränken und mir den vollen Genuß an der weiten, herrlichen Welt alles Schönen verkümmern wollen.«

Nelly sann schweigend eine Weile nach, dann sagte sie:

»Meinst Du nicht, Sarah, es müßte den Genuß aller Erdengüter noch erhöhen, wenn wir sie unmittelbar aus der Hand eines Freundes empfingen, den wir über alle anderen lieb hätten, und der von allen uns der Idealste wäre, und daß wir nach Genüssen, die sein Wesen ausschließen müßte, gar nicht verlangen würden? Glaubst Du nicht, daß die Menschen, die so persönlich zu ihrem Herrn im Himmel stehen, etwas Ähnliches erleben?«

Sarah erwiderte rasch: »Ich möchte aber nicht die Freude an irgend einem meiner schönen Erdengüter verlieren, auch nicht um diesen Tausch, ich möchte nicht ärmer werden um gar keinen Preis.«

Die Abendsonne warf ihren goldnen Schein auf die leise wogenden Halme; es war stille ringsum, nur dann und wann tönten ferne Herdenglocken herüber. Auch die Freundinnen waren still geworden, ihre Gedanken gingen auf verschiedenen Wegen in die Weite.

»O Sarah!« sagte Nelly nach einiger Zeit, »nicht alle Menschen haben es so gut wie Du, daß sie sich besinnen können, ob gegen so viel Lebensgüter nicht noch etwas Schöneres einzutauschen wäre. Wenn ich an dieser Stelle sitze und auf die sonnige Halde schaue, steigt mir jedesmal eine Erinnerung auf, die mir das Herz zusammenschnürt.«

Sarah war begierig zu wissen, was Nelly meinte, und diese erzählte ihr nun von dem armen Roby, was sie wußte, bis zu dem Moment, da er weinend hinter dem Sarg der Mutter Nellys Augen entschwunden war.

»Und dann? Und dann?« fragte Sarah erregt, als Nelly schwieg.

»Von da an habe ich von Roby nie mehr ein Wort gehört,« fuhr Nelly fort. »Kurz nach dem Tode der Mutter verkaufte Robys Vater sein Haus und verschwand mit den Söhnen. Er war immer ein unheimlicher Mensch gewesen, jedermann wich ihm aus, niemand stand ihm nahe, so wußte keiner bestimmt, wo er hingekommen war. Allgemein wurde angenommen, die Familie sei nach Amerika abgereist, wovon schon immer die Rede gewesen war. Später ist in dunkeln Worten erzählt worden, der Vater habe sich noch hier in einem abgelegenen Orte das Leben genommen, die Söhne seien allein fortgezogen.«

»Und Du hast gar nichts von dem armen Roby mehr gesehen noch gehört seit jenem traurigen Abend?« fragte Sarah verlangend.

»Nein, nie,« erwiderte Nelly; »keine Spur war mehr von ihm zu finden, und wie viel haben wir nachgesucht und nachgefragt! Auf diesem Hause lag ein dunkler, unheimlicher Schatten. Mir stand immer Roby und sein Vater, der große finstere Mann, vor Augen, wenn ich das Wort las:

Denn das Geschlecht des alten Tantalus
Hat seine Freuden jenseits dieser Nacht.

Daß nur die Nacht nicht zu schwer auf dem armen Roby liege, und er einmal zur lichten Freude erwachen möge!«

Der Abendhauch ging durch die Bäume; grüngolden lag die Wiese weithin in der scheidenden Sonne. Hoch oben kam eine Schar Zugvögel daher, man hörte das Rauschen der Flügel, fröhlich zog sie über die Hügel nach Süden hin.

»Ach, Nelly,« sagte Sarah, »hier wäre es so schön, aber Du hast mir alles verdorben mit Deiner traurigen Geschichte, ich wollte, ich wüßte nichts davon.«

Noch an demselben Abend mußten sich die Freundinnen trennen, aber die frohe Aussicht auf ein längeres Zusammensein lag vor ihnen. Im folgenden Sommer sollte Nelly nach den Bergen hinaufkommen, da wollten sie zusammen die Pfade des Hochwaldes durchstreifen und die Sommerabende verträumen dort im kühlen Felsengrunde, wo die uralten Föhren rauschen um den einsamen Waldsee.

Schon im Juni, als die wilden Rosen blühten im Hag, und im Erdbeergrund die roten Beeren schwellten, schrieb Sarah an Nelly, sie möchte ihre Ankunft beschleunigen, damit sie noch ruhige Tage zusammen hätten, denn gegen Ende des Sommers gedachte Sarah, wie sie schrieb, ihre Heimat zu verlassen, um nach dem Wunsch der livländischen Dame, die schon einige Zeit in den Bergen zugebracht und Sarah kennen gelernt hatte, auf einer Reise nach Italien die Dame zu begleiten und den Winter mit ihr in Neapel zu verbringen. Sarah schrieb entzückt über die Aussicht, für den Winter ihre graue Felsenwelt zu vertauschen an das Land voll Sonnenschein.

Wie Tau vom Himmel fallen ihr unversehens die besten Erdengüter in den Schoß! dachte Nelly.

Als drunten im Thal die Julisonne heiß auf der Erde lag, da standen Sarah und Nelly hoch oben unter den alten Föhren und lauschten dem geheimnisvollen Rauschen über den dunklen See hin. Zu den Föhren hinauf führte ein schmaler Fußpfad, der nachher weiter ging durch den Hochwald bis über den Felsengrat nach dem Oberland hin. Es war auch eine offene Stelle, noch ehe man den See erblickte, nur von fern die Föhren rauschen hörte, da sah man zwischen den dunkeln Bäumen durch den lichten Horizont gegen das Oberland hinauf und die fernen Bergspitzen sich ins duftige Himmelblau erheben. Da saßen die Freundinnen an manchem hellen Sommerabend auf dem gefällten Föhrenstamm und tauschten ihre Gedanken aus, oder ließen sie auch schweigend an sich vorüber ziehen.

Nelly hörte mit nie ermüdendem Interesse von den Freunden am Rhein erzählen. Die zarte Emma hatte seit einiger Zeit zum größten Kummer der Mutter bestimmte Symptome der gefürchteten Brustkrankheit gezeigt, die schon drei der Kinder dahingerafft hatte. Die Mutter schrieb über all' ihre Freuden und Sorgen an Sarah, zu der sie viel Vertrauen hatte. Auch Emma schrieb fleißig; Sarah war die Vertraute ihres Herzens, und dieses hatte Vielerlei durchzumachen, wie das bei den anmutigen Rheinlandstöchtern zu geschehen pflegt. Der Bruder Heinrich war in der Nähe seines Heimatsortes als Hilfsprediger in eine Stelle getreten. Er wurde von seiner Gemeinde so hoch gehalten und so geliebt, daß er sich schon sicher als den bleibenden Pastoren betrachten konnte. Für Sarah stand in jedem Brief ein freundliches Wort von ihm.

Der Juli ging zu Ende und damit der Aufenthalt Nellys in den Bergen. An einem der letzten Abende saßen die Freundinnen einmal noch auf dem Baumstamm am Waldwege und lauschten, wie der Wind durch die nahen Föhren flüsterte, und schauten hinüber nach dem Abendhimmel über dem Oberland, wo in der scheidenden Sonne die lichten Wolken rosig vorüber zogen. Es war Sonntag Abend. Schweigend saßen die beiden in der ungestörten Sonntagsstille, die vom leisen Waldesrauschen ja nur wie begleitet, nicht unterbrochen wurde. Auf einmal ertönten laute Stimmen durch den Wald, erst rufend und antwortend, dann in einem Gesang sich vereinend. Auf dem schmalen Weg vom See her nahte eine Truppe singender Bursche. Sarah und Nelly lauschten dem eigentümlichen Lied, das halb traurig, halb komisch in ihre Ohren klang und von allerhand einsamen Wegen handelte, von Menschen und Getier. Ganz in ihrer Nähe wurde der Schluß in langen, fast feierlichen Tönen hingesungen, die Worte hießen so:

»Und in dem Weltenmeere
Der Walfisch und der Hai,
Ja, ja!
Der Walfisch und der Hai.«

Als die Bursche vorbei gezogen waren, brach Sarah in ein lautes Gelächter aus.

»Das heißt wirklich das Gefühl einer einsamen Existenz groß und mit Wehmut ausdrücken,« sagte sie.

Nelly gab keine Antwort; sie schaute den Weg hinab, wo die Bursche eben verschwanden.

»Nelly,« rief Sarah aus, »Du machst gerade ein Gesicht, als ob sich eben vor Deinen Augen das großartige Schauspiel vom Weltmeere mit dem Walfisch und dem Hai entrollte.«

»Sarah,« sagte Nelly wie aufwachend, »hast Du die Bursche angesehen?«

»Ja wohl, warum?« fragte Sarah.

»Der mit dem dunkel krausen Haar hat gerade so aus seinen Augen geschaut, wie Roby that. Ganz so müßte Roby jetzt aussehen – nur besser, meine ich. Wenn er es gewesen wäre?«

Sarahs lachender Ausdruck war verschwunden. »Aber Nelly, was denkst Du!« sagte sie überrascht. »Wie sollte Roby auf einmal hier auftauchen! Ich hoffe auch recht, daß der arme Roby nie in solcher Gesellschaft gefunden werden möge; einen der Bursche habe ich schon gesehen im Oberland, er ist ein schlimmer Mensch, bei den ärgsten Raufereien der wilden Oberländer soll er immer der Ärgste sein.«

Nelly sagte kein Wort.

Im Oberland war alles Licht erloschen; die grauen Felsen ragten düster über die Tannenwälder empor; durch die Abendstille tönte der hohle Ruf einer Eule oben im Gestein.

»Ach was!« rief Sarah plötzlich ungeduldig. »Wie kannst Du so Deinen Phantasien nachhängen, Nelly! Wie sollte das Roby gewesen sein! Denk' Dir doch lieber aus, wie er jetzt in Kalifornien unter seinem Weinstock und Feigenbaume sitzt; der Gedanke liegt ja viel näher. Komm und sei fröhlich.«

Aber Nelly blieb still. Die Mädchen kehrten nach Hause zurück. Da lag auf Sarahs Arbeitstisch ein Brief mit schwarzem Rand, er war vom Rhein her. Es war der Mutter Handschrift, sie schrieb in kurzen Worten. Emmas Zustand hatte unerwartet eine schlimme Wendung genommen, ein Herzübel hatte sich gezeigt, sie war plötzlich gestorben. Die knappen Worte waren wie ein Schrei unaussprechlichen Schmerzes. Am Schlusse bat die Mutter, Sarah möchte zu ihr kommen für einige Zeit, um in das öde Haus ein wohlthuendes Leben zu bringen. Zwei Tage nach diesem Sonntag verließ Nelly die Berge und kehrte heim. Kurz darauf reiste Sarah hinunter nach dem Rhein. Die Reise nach Italien mußte aufgegeben werden.

III.

Vom Rhein her erhielt Nelly fortgesetzt Nachricht von Sarah und ihrer Umgebung. Die gebeugte Mutter schloß sich enge an die Freundin ihrer Tochter an, und diese erwiderte die warme Liebe und freute sich, die einsamen Tage der einst so kinderreichen Mutter erheitern zu können. Die schönsten Tage für sie beide waren immer diejenigen, da der Sohn Heinrich herüber kam aus der nahen Pfarrgemeinde und die Abende mit ihnen verbrachte. Sarah mußte ihn immer höher schätzen, je näher sie ihn kennen lernte und im täglichen Verkehr beobachten konnte. Die alte Scheu vor dem religiösen Ernst der beiden war aber da wie immer, fast noch vermehrt, wie es Nelly vorkam. Oder war es ein Gefühl des innersten Nachgebens, fragte sich Nelly, das Sarah so sehr sich dagegen stemmen machte.

Sarah sprach oft in ihren Briefen von diesen Differenzen, die auch in Worten oft berührt wurden, zwischen den Dreien; ja es wollte Nelly scheinen, als suche Sarah von sich aus immer auf die Punkte zu kommen, da sie mit ihren Freunden am weitesten auseinander ging. Es war, als ließen ihr solche Punkte keine Ruhe. Einmal schrieb sie an Nelly: »Es ist ein wahres Leiden mit Menschen zusammen zu leben, die man so hoch achten muß ihrem ganzen Wesen nach, mit deren innersten Überzeugungen man aber nirgends recht übereinstimmen kann. So kenne ich keinen Menschen, der in Wort und That und Sinn so ganz derselbe wäre, wie dieser Heinrich es ist. Nicht daß er es zeigen oder etwas vorstellen wollte, im Gegenteil, er ist so demütig, daß er mich ärgern kann, aber dann auch wieder so fest und viel fordernd, daß ich mich immerfort vor ihm fürchten würde, wenn er nicht eine so große Milde gegen alle Menschen zeigte, auch gegen solche, deren Thun ihm mißfällt, so als hätte er für jeden ein besonderes Mitgefühl. Sprechen wir aber über irgend welche religiösen Fragen, gleich gehen wir auseinander; eigentlich werde ich aber immer geschlagen in einer Weise, daß ich mich gar nicht mehr rühren kann. So sagte ich gestern Abend, als Heinrich von der unumstößlichen Wahrheit der Bibelworte sprach, hier und da seien denn doch Worte da, die, wie in anderen Büchern auch, eine Wahrheit enthalten im allgemeinen, aber nicht wörtlich genommen werden dürfen. So z. B. das Wort Alle Menschen sind Lügner. Heinrich versetzte ganz ruhig: »Da wäre zu beweisen, daß Einer da ist, der nie unwahr gewesen. Einen andern kennen wir dazu nie genug, nur von uns selbst könnten wir diese Behauptung aufstellen, wenn es so wäre.« Dabei sah er mir so direkt in die Angen, daß mir war, als stehe ich vor meinem Richter, der mehr von mir wisse als ich selbst, und in dem Moment kamen mir auch eine Menge kleinere und auch ziemlich große Unrichtigkeiten in den Sinn, die von mir ausgegangen waren, und die ich lange vergessen hatte.

Vor lauter Verlegenheit sagte ich ärgerlich: »Ja, wenn man's aber so genau nehmen will, wer wird dann bestehen.« »Keiner,« antwortete er mit derselben Ruhe. »Wenn wir Menschenkinder kaum ertragen können, die Fehler und Flecken zu sehen, die uns und unsere Mitmenschen entstellen und erniedrigen und um so schärfer sehen, je mehr uns an den Menschen gelegen ist, sollte dann nicht unser Herr und Gott immer noch schärfer sehen und es noch genauer mit uns nehmen?« Ich konnte nichts mehr sagen, ich war wie ins Schwarze getroffen. Aber da waren die beiden so gut! Die Mutter nahm mich bei der Hand und sagte: »Liebes Kind, es heißt eben: Wir haben alle gesündigt und ermangeln des Ruhmes vor Gott. Vor Ihm ist keiner besser als der andere.« –

»Sieh Nelly,« hieß es in einem andern Briefe, »ich weiß nicht, wie das ist. Kein Mensch auf Erden hat mir je solche stechende Wahrheiten über mich selbst in die Augen hinein gesagt, wie dieser Heinrich, und doch kocht es nicht in mir auf, wie es sonst thut, wenn ich Bitterkeiten hinnehmen muß, auch wenn ich Wahrheit darin fühle. Seine Worte kommen aber auch nie als Urteil, oder Tadel, oder auch nur eifernd heraus, sondern wie vom Schmerz eingegeben; ich glaube alles Unrecht und alle Fehler, die er an den Menschen sieht, machen ihn tief innerlich leiden.«

Gegen Ende September kam noch ein langer Brief, darin Sarah entschieden von ihrem Heimkommen sprach, obschon die Rede davon gewesen war, sie sollte den Winter am Rhein zubringen.

Sarah schrieb, sie könne länger nicht bleiben, sie sei fortwährend in Unruhe und Aufregung, da sie innerlich nirgends mehr sicher fuße, nicht wisse, wo sie stehe. Sie müsse einmal wieder frei und losgelöst von einer unwillkürlich sie beeinflussenden Umgebung stehen, daß sie ihrer selbst wieder inne werde, ihres eigenen, zuversichtlichen, lebensfrohen Wesens. Nicht, daß ein trauriges Wesen um sie her herrsche, die Mutter sei sehr gefaßt und des eigenen Leids vergessend, voller Teilnahme für alle anderen. Mit Heinrich zusammen verbrächten sie oft wirklich fröhliche Abende, wenn er ihnen von seinen Erlebnissen im neuen Amte und von all' den wunderlichen Menschenkindern erzählte, mit denen er zu thun hatte. Aber das innere Schwanken, das unsichere Gefühl, wo sie die alten, sicheren Wege gehen wollte, was Sarahs Wesen fremd war, benahm ihr alle Fröhlichkeit.

»Und dann ist noch eins,« schloß sie, »das mich quält und mir hier keine Ruhe mehr läßt: Ich kann nicht länger neben diesen edeln, mir so viel Liebe beweisenden Menschen leben und ihnen fortwährend weh thun mit meinem Wesen, wie es nun einmal ist, und meinen Überzeugungen nach seine Berechtigung hat zu sein. Ich muß Dir erzählen, was neulich vorgefallen ist und mir seitdem quälend nachgeht: Du weißt, mein Bruder hat Freunde auf der Künstlerschule drüben in D., da war großes Sängerfest am vergangenen Sonntag, die Freunde wollten mich dazu abholen. Als ich dies am Sonnabend in Heinrichs Gegenwart der Mutter mitteilte, meinte er gleich, am Morgen sollte ich noch nicht gehen, ich könnte noch am Nachmittage hin kommen, wenn es sein müsse, aber ein so lauter Sonntag könnte mir keine Freude machen. Ich wollte aber meinen Willen haben, ich blieb dabei. Dann sagte er, ziemlich erregt ich könne mir vielleicht nicht vorstellen, wie laut und unruhig es da zugehen werde, es müßte mir mehr Befriedigung gewähren, den Feiertag hier in der Stille zuzubringen und meine Lieder zu spielen, anstatt der lauten Musik und anderm lauten Wesen zuzuhören. Hätte er gesagt, ich sollte seine Mutter nicht verlassen, und mein Dableiben in dieser Art gewünscht, gewiß, ich wäre geblieben; aber da seine Einwendungen diesen Charakter annahmen, wurde ich ärgerlich und sagte recht unfreundlich, ich wüßte wohl am besten, wie ich mich meines Sonntags freue, und ich gedenke nichts Böses zu thun. Er sagte nichts mehr.

»Am Morgen kam der Wagen vorgefahren, die Freunde holten mich ab. Aber wie wir so dahin fuhren durch den Sonntagmorgen, und überall die hellen Glocken zur Kirche riefen, und die Leute so sonntäglich friedlich dahin wanderten, da hatte ich keine Freude mehr an meiner Fahrt, ich wäre lieber wieder umgekehrt. Am Abend, wie wir heimfuhren, waren die Bursche sehr lustig, es waren noch zwei Studenten mit uns, einer im Wagen und einer oben beim Kutscher, und alle zusammen sangen laut die Lieder des Festes nach. Einer sagte, ihm hätte am besten der Choral zum Beginn des Festes gefallen, den stimmte er gleich an, aber in so wenig choralartiger Weise, daß die anderen in ein lautes Gelächter ausbrachen und halb lachend und halb spottend in den Gesang einstimmten. Da sahen wir Heinrich uns entgegenkommen, er hatte den Nachmittag bei seiner Mutter zugebracht. Er grüßte und ging still an uns vorüber. Mir wurde ganz unwohl zu Mut. Es hatte mir auch geschienen, er sehe ganz schlecht aus, und der Gedanke kam mir, wenn auch an ihn noch die böse Krankheit käme: und der Vorwurf stieg mir auf im Herzen, daß ich thun konnte, was ihm ein Leid war. Erst wollte ich mich steifen auf mein Recht, und daß ich doch nichts Böses gethan hatte; auch dieser wüste Lärm war ja doch nichts Böses, sagte ich mir. Aber es half nichts. Es kam mir alles so roh vor und gerade so, als hätte ich selbst eine große Rohheit begangen. Mir liegt dieser Sonntag als ein selbst verschuldetes, wüstes Wesen auf dem Herzen immer seither und läßt mir keine Freude mehr aufkommen. Heinrich hat nie ein Wort darüber erwähnt; er ist freundlich wie immer, nur etwas stiller scheint er mir und ernster, fast traurig manchmal.

»Mich verlangt, nach Haus zurückzukehren, hier kann ich niemandem wohlthun, auch der Mutter nicht, ich bin jetzt weniger heiter, als sie ist, und habe neben diesen innerlich so festen und ruhigen Menschen ein quälendes Gefühl von meinem unsichern und ruhelosen Wesen, das ich nicht länger ertragen kann.« –

Im Oktober war Sarah wieder in ihrer Heimat angekommen.

Der Winter ging vorüber. Sarah schien vielbeschäftigt, sie schrieb fast nicht.

Im Frühjahr, als die Baume grünten, und neues Leben aus allen Knospen sprang, erhielt Nelly endlich wieder eine Sendung, von Sarahs Hand adressiert – es war die gedruckte Anzeige von Heinrichs schnellem Tode. Im Umschlag standen wenige Worte von Sarah geschrieben, nur ein Klageruf für die verarmte Mutter.

Nelly schrieb ihre volle Teilnahme an Sarah, sie wußte, dies mußte ein herber Schlag für ihre Freundin sein, schon um ihres nahen Verhältnisses zur verwaisten Mutter willen. Auch hatte Nelly gern Näheres gewußt von der Krankheit und dem Tode des jungen Menschen, für den sie sich so lange und so sehr interessiert hatte.

Sie erhielt keine Antwort und hörte von ihrer Freundin nichts mehr, bis schon wieder die Blätter gelber wurden und die ersten Zeitlosen auf den Wiesen standen. Da sah Nelly eines Morgens eine bekannte Gestalt die Anhöhe heraufkommen, es war Sarah. Sie erklärte der erstaunten Nelly auf ihre Fragen der freudigen Überraschung, sie habe sich diesen Sprung vom Wege ab bei ihrem Bruder ausgebeten, der eine Tour durchs Land mit ihr gemacht und nun unten am Berg ihre Rückkehr abwartete.

»Schreiben konnte ich Dir nicht, Nelly,« sagte Sarah gleich nach den ersten Worten der Begrüßung, »kaum werde ich ja zu Dir reden können, aber ich kam gern zu Dir.«

Nelly schaute tief in die wohlbekannten, dunkelblauen Augen hinein und suchte nach dem gewohnten sonnigen Ausdruck. Jetzt lagen die Schatten darum, wie sie schon einmal sie gesehen hatte, aber tiefer und dunkler, als sie geglaubt, daß solche je um diese lichten Augen liegen könnten.

»Wie konntest Du so lange zu mir schweigen,« sagte endlich Nelly; »Du siehst auch so leidend aus. Komm, laß mich alles von Dir wissen.«

Damit zog sie Sarah auf den Sitz hin am Fenster, das über das herbstliche Gefilde schaute.

»Ich konnte nicht reden,« sagte Sarah, »es wäre auch besser, ich redete jetzt und nie mehr; wie könnte ich auch sagen, wie alles ist und immer war mit mir?«

Sarah redete mit Mühe, als läge eine drückende Last auf ihrer Brust.

»Ich verstehe Dich nicht, Sarah,« sagte Nelly, ihren Blick auf die Freundin heftend, als wollte er fragen: Bist Du's auch?

»Du kannst mich nicht verstehen, Du hast mich nie gekannt. Sieh, Nelly« – und hier kam die alte Lebendigkeit in Sarahs Worte – »mein ganzes Leben ist wie eine lange Reihe von Unrecht und Schuld und Unwahrheit, ich mag darauf zurücksehen, wo ich will. Schon als Kind war ich so, daß ich mich scheue, daran zurückzudenken, ich war so selbstsüchtig, so unwahr, so selbstgefällig in all' meinem Thun und Sein. Nie hatte ich einen Menschen recht lieb, nur mich selbst, überall suchte ich nur, was mir Genuß bot und mir angenehm war; was mir unlieb war und mir nicht zusagte, das schob ich beiseite, ob ich auch anderen damit weh that, ich fragte nicht danach. Allem was Leiden heißt, ging ich aus dem Wege, das mochte ich gar nicht ansehen, für nichts und niemand hatte ich ein Herz, wo mir nicht irgend ein Genuß und Vorteil geboten wurde.«

Sarah hielt inne. Ihre Augen funkelten, aber nicht in Freude, wie ehemals; sie war sehr erregt, nun sie die Rinde durchbrochen hatte. Nelly wußte nicht, wie ihr geschah. Wie konnte Sarah, an der sie fast keinen Mangel kannte, so reden und mit so tief empfundenem Weh? Das mußte ja erlebte Wahrheit sein!

»Ach Sarah,« sagte sie endlich, »Du siehst aber alles in einem viel zu scharfen Lichte an, Du sagst Worte, die über die Wahrheit hinausgehen. War es auch ein Zug von Selbstsucht, daß Du jene Reise nach Italien so schnell für den Besuch in einem Trauerhause dahingabst?«

»Nelly,« entgegnete sie fast mit Heftigkeit, »sag' lieber kein Wort, Du zeigst mir nur, daß ich auch Dich hintergehen und blenden konnte. Ich hatte damals mein Interesse dabei, wie immer. Es ist, wie ich Dir sage, und seit ich mich selbst sehe, so wie ich bin und immer war, nagt es Tag und Nacht an mir.«

»Du solltest nicht immer an Dich denken, es ist ja wie eine Krankheit,« sagte Nelly, nach Rat suchend.

»Nicht an mich denken? Wenn Vorwurf und Reue und unnennbares Weh mir immerfort am Herzen fressen, dann soll ich nicht daran denken?« rief Sarah aus.

»Seit wann hast Du diese scheren Gedanken?« fragte jetzt Nelly.

»Ach, schon lange,« erwiderte Sarah. »Schon vor dem Jahr als ich heimkam vom Rhein, war mir nie mehr wohl zu Mut. Ich hatte mit Menschen gelebt, die in der Wahrheit standen, die fortwährend das höchste Ideal vor Augen hatten, die in Demut bekannten und darunter litten, wo sie ihm nicht nachkamen, aber auch den vollen Frieden hatten in der ganzen Hingabe an ihr Ideal. Ich hatte mich in einem Spiegel gesehen in einer Weise, die mir keine Ruhe mehr ließ. Daheim, wie ich allein war und alles in der Stille recht übersehen und bedenken konnte, sah ich immer deutlicher in mich hinein. Mir wurde auch so leid um alles, mit dem ich Heinrich weh gethan hatte, dem zartfühlenden Menschen, der es doch so gut mit mir gemeint, wie kein anderer. Ich wollte aber alles gut machen, so weit ich konnte, ich wollte Heinrich recht aussprechen, wie weh ich mir selbst gethan, und ihm alles von Herzen abbitten – da kam die Nachricht von seinem Tode und schlug mir wie ein Blitz ins Herz und zündete in mein Innerstes, daß es seither brennend in mir steht, wer ich bin.«

Was auch Nelly Tröstliches zu sagen suchte, es fand keinen Anklang; in allen mildernden Worten fand Sarah nur die Bestätigung ihres eigenen Vorwurfs, auch Nelly über ihr Wesen getäuscht zu haben. Nelly schwieg traurig, sie wußte keine Hilfe und hatte keine Macht gegen die starke Natur, die mit solcher Bestimmtheit ihren Zustand aussprach.

Als die Freundinnen sich die Hand zum Abschied gaben, sagte Nelly:

»Du schreibst doch wieder, daß ich etwas von Dir weiß?«

»Ach nein,« war die Antwort, »was sollte ich Dir schreiben? Wie es mit mir ist, weißt Du nun, ich würde Dir immer dasselbe sagen.«

Sarah blieb bei ihrem Wort.

Gegen zwei Jahre vergingen, ohne daß Nelly direkte Nachrichten von ihr erhielt. Dann endlich ließ sie Nelly wissen, sie gedenke ihre Heimat für längere Zeit zu verlassen, um im Diakonissenhause zu K. die Krankenpflege gründlich zu erlernen und derselben zu leben.

Sarah als Krankenpflegerin! Sie, die allem Leiden immer aus dem Wege gegangen war! Nelly hatte keinen Begriff davon, wie dies gekommen und wie es werden sollte.

Die Jahre gingen dahin. Nelly hatte ihr Vaterhaus verlassen; sie hatte sich nach der nahen Stadt verheiratet und ging den Weg der gewöhnlichen Menschenkinder. Für Sarah hatte sie das alte Herz bewahrt, auch immer Mittel und Wege gefunden, von ihr zu hören. Sie mußte ganz ihrer Arbeit leben; ihre Worte nach der Heimat waren kurz, immer von steigendem Interesse an dem begonnenen Werke zeugend.

Jahre mochten vergangen sein, als Nelly zu ihrer Freude vernahm, Sarah würde der Bitte Folge leisten, dem kleinen Spital ihrer Heimat für einige Zeit zu Hilfe zu kommen und mit Rath und That einzustehen: das besetzte Haus bedurfte einer erfahrenen Kraft.

IV.

Die Julisonne lag warm über den alten Föhren des Hochwaldes, aber sie drang nicht hinein bis auf den dunkeln See, dessen Wasser tief und unbeweglich lag wie vor Jahren, da Nelly so oft jenen schattigen Waldweg hinauf gewandert war, den sie eben wieder erblickte und dann unter den dichten Tannen verschwinden sah. Dort erhob sich auch die Felswand, an deren Fuß das Krankenhaus steht, nach dem Nellys Augen ausschauten. Noch heute wollte sie nach dem Spital hinaus gehen, denn Sarah mußte sie sofort sehen, erklärte Nelly ihrer Kranken, mit der sie eben in die alte Stadt einfuhr, um hier die Nacht zu bleiben. Am folgenden Tag wollten sie ihre Reise fortsetzen nach dem besuchten Kurort hoch oben im Gebirge. Dort sollte die Kranke mehrere Wochen verweilen, um Linderung für ihre langwierigen Leiden zu finden, und Nelly sollte bei der alleinstehenden Freundin bleiben. Bei ihrer Rückkehr sollte der Aufenthalt in der alten Stadt etwas länger sein, jetzt mußte Nelly der Kranken folgen und sich mit dem einen Abend begnügen, denn die Zeit der Badekuren war da, und im Gebirge ist sie kurz.

Schon hatte die Reisende sich zur Ruhe gelegt, als Nelly durch den lichten Abend hin dem alten Hause unter den grauen Felsen zuging. Um das Haus herum war es still; sie öffnete die schwere Thür – da stand Sarah vor ihr, sie hatte den Besuch erwartet. Sie führte Nelly nach ihrem eigenen Zimmer. Es war ein schmaler Raum, wo ihr Bett stand, ein Kasten daneben, ein Stuhl davor, das war alles, der Raum war ausgefüllt. Auf dem Stuhl saß Nelly, vor ihr, auf der Kante des Bettes saß Sarah, zwischen beiden war kein Raum mehr, sie verlangten ihn auch nicht. Für einmal hatte Nelly auch nicht Zeit, sich umzusehen, sie konnte ihre Augen nicht abwenden von dem lieben Angesicht, das sie wiedersah. Das mußte die alte Sarah sein! Das waren die sonnigen Augen von ehemals, und hatten sie nicht heute einen Ausdruck stillen Glückes, wie sie ihn noch nie darin gesehen? Alle Schatten waren verschwunden, ein milder Sonnenschein schien über Sarahs ganzes Wesen ausgegossen zu liegen.

Die alten Genossinnen hatten sich sogleich wieder gefunden, und Nelly fand ihren ersten Eindruck von Sarahs Wesen durch ihre Worte völlig bestätigt. Ja, das war die frische, entschlossene, die thatkräftige Natur von ehemals, und doch, welche Veränderung war mit Sarah vorgegangen! Die offene Thür ihres Zimmerchens führte in die Krankenstube, wo ihre Patienten lagen; es waren mehrere Kinder. Ein kleines Mädchen von zwei bis drei Jahren mußte sehr leidend sein; alle Viertelstunden fing es an zu wimmern und zu klagen. Augenblicklich brach Sarah dann die Unterhaltung ab und lief hinüber. Sie hob das Kind aus dem Bett und trug es herum, tröstend und beruhigend, mit der Zärtlichkeit einer Mutter. Immer wieder kam die Unterbrechung, immer wieder lief Sarah und nahm das Kind in ihren Arm mit derselben Ruhe, mit derselben Geduld und Freundlichkeit. Nelly sah ihr mit unverhehltem Erstaunen zu. Das war dieselbe Sarah, die ehemals eine leise Störung schon in Aufruhr bringen konnte, die sich abwandte von allem, was irgendwie ein Weh und Leiden war.

»Ich weiß, was Du denkst,« sagte Sarah, als sie Nellys Blicken begegnete. »Sieh, seit ich weiß, wie Leiden thut, ist mir nirgends mehr so wohl wie an Leidensstätten, wo ich helfen und lindern kann.«

Während Sarah ihre Kleine besänftigte, hatte Nelly Muße, sich in dem Raume umzusehen, wo sie sich befand; es brauchte nicht viel Zeit, ihn gänzlich zu kennen.

»Nicht wahr, Sarah,« sagte Nelly, als das Kind einmal wieder ruhig war, »die Selbstsucht hast Du Dir doch hier nicht mehr vorzuwerfen?«

»O,« entgegnete Sarah fröhlich, »das ist alles so anders jetzt! Selbstsüchtig war ich immer und kann es jetzt noch sein, mitten im Drangeben, aber ich will es nicht und muß mich nicht mehr abhärmen, wie damals. Ich habe mich einmal für immer mit allem, was ich bin, meinem Herrn übergeben nach Seinem eigenen Willen, und seither habe ich Ruhe und Frieden und kann diese zu jeder Zeit wieder neu bei Ihm erhalten. Was auch an mich komme, das mich beunruhigen will, alles bringe ich gleich vor meinen Herrn und lege es in Seine Hand; muß ich es dann auch wieder aufnehmen, so ist es schon ein anderes geworden, es beunruhigt mich nicht mehr.«

»Sarah,« sagte Nelly, »mir ist, Du stehst jetzt zu Deinem Herrn in demselben persönlichen Verkehr, den Du einmal so gefürchtet hast.«

»Ja wohl, ja wohl,« rief Sarah aus. »Als eine Enge und Beschränkung fürchtete ich, was mir das beglückende Gefühl der Freiheit, der Befreiung von mir selbst mit all' der schweren Schuldenlast, die auf mir lag, gegeben hat. O, wie anders war das innere Leben jener Menschen, als ich es verstand! Nur das Gefühl ihres Seelenadels und ihrer Überlegenheit in der Ruhe einer unerschütterlichen Überzeugung hatte ich klar und untrüglich.«

Nelly wollte gern wissen, wie es Sarah bei Heinrichs Mutter ergangen war. Sie wußte, daß Sarah diese besucht hatte zur Zeit ihres Aufenthalts im Diakonissenhause, das nicht sehr weit von dem stillen Hause am Rhein entfernt steht.

Sarah erzählte bewegt, wie rührend herzlich die Mutter sie aufgenommen und als ihr eigenes Kind behandelt habe. Heinrich war rasch und still von der Erde weggegangen; ein hitziges Fieber hatte seine Kräfte schnell aufgezehrt. Er wußte klar, daß sein Ende da war, und sprach mit seiner Mutter ruhig über sein Weggehen und ihr Wiedersehen nach kurzer Zeit. Eins seiner letzten Worte an die Mutter, wie diese Sarah erzählte, war gewesen: »Daß nur Sarah den Weg zur Seligkeit finden möge! Sprich Du ihr davon, Mutter, Du thust es besser, als ich es thäte.« Aus dem Fenster, um das der Epheu sich rankte, wie ehemals, sah Sarah auf dem Gottesacker drüben das weiße Marmorkreuz erglänzen, das auf Heinrichs Grabhügel steht.

Noch eins mußte Nelly wissen, wie es möglich war, daß Sarah sich zur Krankenpflege wenden konnte. Noch war ihr Sarahs innerer Lebensgang aus all' den Jahren unbekannt geblieben. Sarah war ganz willig, ihr alles zu erzählen, was sie erlebt und was sie auf diesen Weg geführt hatte.

»Nur darfst Du meiner Kleinen nicht böse werden, wenn sie immer wieder ruft, so daß ich nur stückweise erzählen kann,« sagte sie. Und so mußte sie auch erzählen, was sie erlebt, das Kind konnte sie nie lange entbehren.

In dem Zustande, wie Nelly sie gesehen hatte, gefoltert von Reue und Vorwürfen, war Sarah Monate lang geblieben. Sie hatte sich von all' ihren Bekannten zurückgezogen, jede Berührung mit der Außenwelt war ihr unerträglich, allen Menschen ging sie aus dem Wege.

»Du erinnerst Dich noch an den einsamen Waldsee?« frug Sarah, weiter erzählend. »Dort hinauf ging ich jeden Abend, bis hinein unter die Föhren, wo nichts mehr zu hören ist als ihr Rauschen. Da saß ich und schaute in das dunkle Wasser und bewegte meine traurigen Gedanken hin und her. Ein paarmal schon war ich einer armen Frau begegnet, wenn ich in den Wald hineintrat, immer dieselbe, sonst trifft man ja so selten einen Menschen da droben. Sie huschte immer wie erschreckt an mir vorbei und sah leidend und kummervoll aus. Eines Abends, als ich, an die alte Föhre gelehnt, im Schattendunkel saß, sah ich die Frau daherkommen; sie trat ganz nahe an den See heran und rang jammervoll die Hände. Ich sprang auf und zu ihr hin und fragte, was ihr sei. Sie zeigte auf die dunkle Tiefe und sagte kläglich:

»Da ist er hineingefallen.«

»Wer? Wann?« rief ich entsetzt. »Frau, ruft doch um Hilfe!«

Halb verwirrt schaute sie mich an und fragte wie zur Hoffnung erwachend: »Kommt er denn wieder?«

Ich lief dem Waldweg zu nach Hilfe. Nun lief die Frau mir nach, hielt mich fest und sagte in trostlos traurigem Tone:

»Nein, nein, ich weiß jetzt wieder alles, er kommt nicht mehr oben auf.«

Ich setzte mich am Wege nieder, es war auf unserm alten Baumstamm, Nelly – und bat die Frau, sich zu mir zu setzen und. mir zu erzählen, wen sie verloren habe. Nun erst sah ich, wie abgezehrt und elend die Arme aussah, und welch trostloser Ausdruck in den halb erloschenen Augen lag. Sie sagte mir, ihr kleiner Jörgli sei da hinein gefallen. Sie habe Moos gesucht zum Verkauf, der Kleine sei unter der Föhre gesessen; dann müsse er aufgestanden sein, sie habe auf einmal das Plätschern im Wasser gehört, und wie sie hinschaute, sah sie nur noch Jörglis Händchen, das er aus dem Wasser streckte, als sollte sie es fassen und ihn halten. Das Kind ertrank. Von da an war die Frau nicht mehr klar in ihrer Erzählung. Sie sagte, es habe ihr das keine Ruhe gelassen, daß sie nicht nach dem Kind gesehen; wenn sie schon das Arbeiten nötig gehabt habe, das hätte sie doch thun können, und nachher sei sie auch jeden Abend hinaufgegangen, daß sie ihn herausziehen könne, wenn er noch das Händchen strecke.

Die Frau sah so jammervoll aus, wie sie so sprach, daß es mir das Herz bewegte. Ich fragte, wie lange es her sei, seit das Kind ertrunken, sie wußte es nicht. Jörgli sei drei Jahre alt gewesen, das wußte sie, und daß sein Vater kurz vorher gestorben war. Sie sagte mir noch, sie könne fast nichts mehr thun, sie sei fast blind, aber sie könnte schon noch sein Händchen sehen, wenn er es ausstreckte. Immer kam sie darauf zurück und wurde dann unklar, Vergangenheit und Gegenwart flossen ihr da ineinander. »Hätte ich nur zu ihm gesehen!« war immer ihr letztes klägliches Wort.

Sarahs Teilnahme für die Frau war lebendig geworden. Ein tiefes Verständnis für dieses quälende Zurückblicken, das ruhelose Wiederholen eines alten Weh's und Unrechts drängte sie, irgendwo Trost und Hilfe zu finden für die arme Frau. Sie ging zum Arzt, der am Armen- und Krankenhaus stand, und fragte ihn um Rat. Er kannte die Frau schon lange und sagte Sarah, da sei nichts zu thun, die Frau lebe seit mehr als zwanzig Jahren in diesem Zustand, sie werde es aber nicht mehr lange so fort machen, sie sei krank und habe ausgelebt. Zum erstenmal seit langer Zeit wurde Sarah von ihrem eignen Zustande abgezogen und von dem Leiden eines andern bewegt.

»Ich meinte, ich müßte ihr helfen können,« fuhr Sarah fort, »wenn ich sie so jammervoll dahin schleichen sah. Ich lief ihr nach, an den See hinauf, nicht mehr um für mich hinzusitzen, ich setzte mich zu ihr hin und suchte in mir herum und sagte ihr Tröstliches, was ich wußte. Aber es ging ihr nichts ein, ich wußte auch so wenig. Es mußte aber doch irgend einen Trost für diese gequälte Seele geben. Ich fragte sie, ob sie nicht beten könne, der liebe Gott habe schon manchem so geholfen.

Sie antwortete mir traurig:

»Nein, eben nicht, die Worte halten mir nicht mehr aneinander, und dann kommt das Alte dazwischen, und ich sage: hätte ich doch zu dem Kind gesehen!«

»Sie möchte wohl gern beten, sagte ich mir, aber wie ihr helfen damit! Du weißt, Nelly, wie es da mit mir selbst stand. Da kam mir der Gedanke: Eins muß sie doch kennen, das kann sie behalten, und wie wir das nächste Mal wieder am See saßen, sagte ich der Frau, ich wüßte, was ihr wohlthun könnte, sie sollte immer gleich, wenn ihr das ›Alte‹ aufsteigen wolle, so beten: ›Erlöse uns von dem Bösen, denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit Amen.‹ Die Worte waren ihr bekannt, sie versprach, so zu thun.

Die Frau hatte mich so tief beschäftigt, daß ich alle die Tage durch rechte Ruhe vor mir selbst hatte. Aber das ›Alte‹ stieg auch mir wieder auf und brannte in mir. Ich hatte so dringend gewünscht, der Armen zu helfen, daß ich mich recht in den Gedanken vertieft hatte, wie mein Rat ihr Linderung bringen könnte. Es drängte mich nun, ihm selbst zu folgen, und ich that, wie ich der Frau geheißen, und betete immerfort über die aufsteigenden Gedanken weg jene Worte, und immer tiefer aus dem Herzen heraus kam mir das Flehen: Erlöse uns von dem Bösen! Und eine stillende Zuversicht kam über meine Seele, wenn ich wieder sagte: denn Dein ist die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit!

Die Frau wurde bald nachher krank und schwachte schnell aus. Ich besuchte sie oft; sie war still und dankte mir, daß ich ihr die Worte des Gebetes ins Gedächtnis gerufen, sie hätten ihr wohlgethan, sie bete sie fast immer. Ich hatte ihr mehr zu danken, als sie mir. Als die Frau gestorben war, empfand ich eine große Lücke. Es zog mich zu den Leidenden, mit ihnen zu sein, ihnen Hilfe und Teilnahme zu bringen. Ich war sogleich entschlossen, und welcher Gewinn und welche Freude ist mir dann an den Betten meiner Kranken geworden! Und jene Worte,« schloß Sarah, »sind mein liebstes Gebet geblieben. Wie gründlich hat es mein Herz erfahren dürfen, daß unser Herr erlösen kann und will von allem Bösen, denn Sein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit!«

Es war spät geworden. Wie ungern verließ Nelly den kleinen Raum im alten Spitalgebäude; doch stand ja das Zusammentreffen bevor nach der Rückkehr aus dem Hochthal.

V.

Die vierte Woche der Kurzeit ging zu Ende, als Nelly einen kurzen Brief von Sarah erhielt, in welchem diese den Wunsch äußerte, Nelly möchte das Ihrige thun, daß der Aufenthalt nicht länger hinausgezogen würde.

Warum Sarah dies wünschte, fügte sie in wenigen Worten bei, alles Nähere wollte sie Nelly mündlich mitteilen. Die wenigen Worte bewegten Nelly tief. Sie war froh, daß ihre Freundin schon einen der nächsten Tage zur Abreise aus dem Hochthal bestimmt hatte.

An einem sonnigen Augusttage, da über den dunkeln Arvenwäldern der wolkenlose Himmel lag, fuhren die beiden die Alpenstraße hinunter, begleitet vom Rauschen der vollen Bergbäche, die allerwärts hoch über die Felsen herunterschäumten.

An Nellys Augen gingen heute die Dinge vorüber wie im Traum; ihre Gedanken waren fern ab auf vergangene Tage gerichtet, und Bilder einer andern Gegend und lang verschollener Menschen stiegen vor ihr auf. Was Sarah ihr in wenig Worten mitgeteilt, war ein Vorfall, der sich seit Nellys Abwesenheit im Spital ereignet hatte und den sie bei ihrer Ankunft eingehend von Sarah vernehmen sollte.

Wenige Tage, nachdem Nelly die Abendstunden im Krankenhaus zugebracht hatte, brachte der Geistliche der Anstalt Sarah die Nachricht, es müßte ein schwer Leidender aus dem Stadtgefängnis nach dem Spital gebracht werden, es könnte für den Moment kein anderer Weg gefunden werden, um ihm die nötige Pflege zu teil werden zu lassen. Der Geistliche setzte hinzu, Sarah werde Geduld nötig haben, der Kranke sei so verhärtet und verstockt, daß kein Wort von ihm heraus zu bringen sei; er selbst habe all' die langen Wochen hindurch, da er den Sträfling besucht, trotz aller Mühe keinen Weg zu seinem Herzen gefunden und genugsam bemerken können, daß all' seine wohlgemeinten Worte nichts als Ärger und verhaltenen Grimm in dem Menschen erzeugt hätten. Er war im Oberland eingezogen worden, wo er sich an einem ruchlosen Raufhandel beteiligt hatte, bei dem ein Totschlag begangen worden war. Noch saß er in Untersuchungshaft; es war kein Zweifel, daß er für Jahre im Zuchthaus bleiben würde.

Es war nicht das erste Mal, daß Sarah mit solchen Leuten zu thun hatte; sie scheute auch nicht vor ihrer Aufgabe zurück. Für diese elendesten der Erdengeschöpfe hatte sie das tiefste Mitleiden, denn mit schuldbeladenen Herzen zu leiden, kannte sie als die schwerste aller Lasten.

Der Kranke wurde auf einer Tragbahre gebracht und in sein frisches Bett nach dem für diese Leute bestimmten Zimmer getragen. Dann trat Sarah bei ihm ein. Er mußte ein junger Mann im Anfang seiner besten Jahre sein; doch zeigten die schon reichlich mit Grau gemischten Haare und der eingefallene Körper, daß über den Menschen vieles gegangen war, das am Leben zehrt. Der Kranke lag still mit geschlossenen Augen da. Er hatte kein unedles Gesicht, aber es sah elend und verkommen aus. Um Mund und Augen lagen tiefe Linien, die Leiden und Leidenschaften eingegraben hatten. Sarah betrachtete den Kranken, er rührte sich nicht, er schien eingeschlafen zu sein. Ein guter Schlaf mußte ihm besser thun als die Arzneien, die Sarah ihm reichen wollte, sie verließ das Zimmer. Als sie nach einer Stunde wieder eintrat, im Moment, da sie die Thür aufmachte, kehrte sich der Kranke der Wand zu und lag wieder regungslos. Sarah trat an sein Bett und redete ihn an, nun wußte sie, daß er nicht schlief. Er gab keine Antwort. Sarah stellte ihr Schüsselchen mit Suppe auf den Tisch am Bett; er rührte sich nicht. »Ich hätte gern, daß Sie sich aufrichten möchten, Sie sollten etwas genießen.« Ohne ein Wort zu sagen, richtete sich der Kranke mit Mühe in die Höhe. Sarah half sachte nach und stützte den müden Körper mit ihrem Arm. Der Kranke nahm einige Löffel Brühe zu sich, dann wandte er sich ab und legte sich wieder hin. Drei Tage vergingen in dieser Weise. Sarah besorgte schweigend den Kranken; da sie nie eine Antwort, noch irgend ein Wort von ihm empfing, so that auch sie ohne Worte, was zu thun war. Sie brachte ihm seine Arzneien, seine Nahrung; sie richtete den Kranken leise auf, wenn seine Kräfte nicht hinreichten; sie legte ihm die Kissen zurecht, daß er gut liege, und kam immer wieder, um zu sehen, was ihm mangeln könnte.

Am Abend des dritten Tages trat sie mit der neuen Arznei bei ihm ein, die der Arzt gegen das zunehmende Fieber verordnet hatte. Der Kranke lag fieberheiß auf seinem Kissen, die Augen halb geschlossen, leise stöhnend von Zeit zu Zeit. Unruhig fuhr er mit der Hand auf der Decke umher, Sarah konnte sehen, daß ein unwillkürliches Zucken sie umherwarf. Sie setzte sich an sein Bett und legte ihre kühle Hand auf die fieberheiße, die bald ruhig wurde. Eine Zeit lang lag der Kranke still und beruhigt da, dann sagte er halblaut:

»Sie sind gut gegen mich; wissen Sie, woher ich komme?«

»Ja, ich weiß es,« antwortete Sarah.

Zum erstenmal richtete der Kranke seine tiefliegenden Augen auf Sarah und sah sie schweigend an. Scheu und Trotz, körperliches Leiden und tieferes Elend noch lagen in diesen Blicken gemischt. Sarah schaute auf den gebrochenen Menschen, und ein inniges Erbarmen um ihn erfaßte ihr Herz und drängte ihr die Thränen in die Augen.

»Warum sind Sie so gut mit mir?« fragte der Kranke.

»Sie sind sehr leidend,« entgegnete Sarah. »Ich möchte gern etwas zu Ihrer Erleichterung thun; sagen Sie mir's, wenn Sie etwas wünschen.«

Es lag ein großes Erstaunen in dem Ausdruck der dunkeln Augen, die auf Sarah geheftet waren. Der Kranke sagte nichts mehr; er blieb ruhig liegen. Sarah verließ ihn nach einer Weile.

Als sie später noch einmal bei ihm eintrat, hielt der Kranke ihr kleines Notizbuch in der Hand, das sie auf seinem Bette hatte liegen lassen. Es war ein altes, langgebrauchtes Büchlein, das ihr vor Jahren Nelly geschenkt hatte. Noch stand auf dem ersten Blatt das verjährte Datum und der Name von Nellys Heimat, den diese hineingeschrieben hatte.

»Waren Sie auch schon da?« fragte der Kranke auf den Namen zeigend, als Sarah eintrat.

»Ja wohl,« entgegnete sie, froh, einen Faden der Anknüpfung mit dem Kranken zu finden.

Sie sagte ihm, daß eine nahe Freundin von ihr früher da gewohnt habe, Nelly, die Tochter des Arztes.

»Kennen auch Sie die schöne Gegend?« fragte sie dann.

Der Kranke wandte sich ab; er drückte den Kopf in die Kissen und brach in ein lautes Schluchzen aus.

In Schrecken und Erstaunen stand Sarah da. Ein Gedanke stieg plötzlich in ihr auf: Sollte Nelly damals am Waldwege recht gesehen haben?

Sie entfernte sich leise und ließ den Kranken allein.

Als sie am folgenden Morgen in sein Zimmer kam und ihn erfrischter fand, trat sie an sein Bett heran, ergriff seine Hand und sagte:

»Sie tragen nicht Ihren rechten Namen, Sie heißen Robert S. Bestätigen Sie mir dies, ich meine es gut mit Ihnen.«

Der Kranke war überrascht.

»Was können Sie von mir wissen?« sagte er trotzig.

Sarah setzte sich zu ihm hin und erzählte ihm, daß sie lange schon von ihm gewußt, wie Nelly ihr von ihren Kindertagen erzählt hätte und von dem vergeblichen Bemühen ihrer Eltern, etwas weiteres von ihm zu erfahren.

Der Kranke war Robert S. – Er schien nicht begreifen zu können, was Sarah ihm sagte. Er hatte geglaubt, sein Name und sein Gedächtnis seien längst für alle Menschen verschollen und vergessen. Zum erstenmal, seit Sarah den Kranken gesehen, kam ein Ausdruck warmer Erregung auf sein Gesicht, und als sie bald nachher sich entfernen wollte, hielt er ihre Hand fest und bat, daß sie noch bei ihm bleiben möchte.

»Ich will gern bei Ihnen bleiben, wenn es Ihnen lieb ist,« sagte Sarah, sich wieder zu ihm setzend, »vielleicht haben wir nicht mehr viel Zeit miteinander zuzubringen. Wissen Sie, daß Sie sehr krank sind?«

»Ja, ich spüre es,« antwortete er. »Muß ich wohl sterben? Muß ich bald sterben?«

»Ja, ich glaube, daß Ihr Ende nahe ist,« entgegnete Sarah.

Der Kranke stöhnte.

»So kann ich nicht mehr aufkommen?«

Wie bittend sah er zu Sarah auf; sie schwieg.

»Es ist aber gut, wenn einmal alles fertig ist,« stieß er dann in desperatem Ton heraus.

»Sie müssen sich nicht täuschen,« sagte Sarah; »unser Leben ist nie fertig. Haben Sie das nie gehört?«

»Das ist mir auch ganz gleich,« entgegnete Robert; »komme was will, schlechter kann's nicht kommen. Mein Leben lang ging's schlecht mit mir. Seit die Mutter tot ist, hat mich nie ein Mensch mehr freundlich bei der Hand genommen, wie Sie jetzt thun, und wenn ein Gott im Himmel ist, so hat er mich auch laufen lassen.«

»Wie wissen Sie denn das?« fragte Sarah.

»Ja, wie ich das weiß? Weil – weil – eben weil es mir so schlecht ergangen ist!«

»Wenn aber der liebe Gott die ganze Zeit acht auf Sie gehabt und erwartet hätte, daß Sie bei Ihm Hilfe suchten, da es Ihnen schlecht ging? Haben Sie das auch einmal gethan?«

»Nein.«

»Wenn nun dennoch unser Gott heute Sie ruft und bei der Hand nehmen will, eh' Sie in die Ewigkeit übergehen, ist Ihnen das nicht ein Zeichen, daß er Sie nicht laufen läßt und nie hat laufen lassen?«

»Wie ruft Er mich denn heute?« Halb wegwerfend, halb erstaunt stieß der Kranke seine Frage aus.

»Robert,« sagte Sarah bewegt, »Sie stehen am Eintritt in die Ewigkeit, Sie haben ein sehr dunkles Leben hinter sich. Ich habe keine Ruhe Tag und Nacht, weil ich Ihren Zustand sehe; und diese Unruhe um Sie und den brennenden Wunsch, daß Sie jetzt die Stimme Gottes hören und von Ihm gnädig angenommen werden möchten, eh' Sie die Augen schließen, hat mir unser Herr im Himmel selbst ins Herz gegeben. Ich bete unablässig dafür, daß Sie bußfertig und selig sterben können.«

Ganz verwundert schaute Robert seine Pflegerin an.

»Hätte ich nur früher Sie gekannt, jetzt ist ja alles zu spät;« sagte er weich. Dann wie ablenkend, oder durch einen innern, unausgesprochenen Zusammenhang veranlaßt, fragte er plötzlich:

»Wo lebt Nelly jetzt?«

Sarah erzählte ihm, daß Nelly ihr Vaterhaus verlassen habe, und wie es ihr erging. Sie sagte ihm auch, eben jetzt verweile Nelly in den Bergen und werde auf ihrem Heimweg das Spital besuchen, ob er nicht wünsche, sie zu sehen.

»Nein, nein,« rief er erschrocken aus, »ich will niemand sehen; sie würde mich auch nicht mehr kennen,« setzte er mit dem traurig weichen Ton hinzu.

Sarah sagte ihm, Nelly müsse ihn einmal schnell erkannt haben. Sie fragte dann Robert, ob er damals schon hier gewesen sei. Nelly hätte gehört, er wäre nach Amerika gegangen.

Robert war damals wirklich da gewesen. Er erzählte Sarah, sein Vater habe mit ihm und seinem Bruder die Heimat verlassen, um sich nach Amerika einzuschiffen. Er sprach nie über seine Angelegenheiten, auch nicht mit dem ältern Sohn, er war finster und schweigsam wie immer. In einem abgelegenen Orte, wo sie schon einige Tage verweilt hatten, die Jungen wußten nicht warum, kehrte der Vater eines Abends nicht mehr in die Herberge zurück. Er wurde nachher im Wald aufgefunden, er hatte selbst Hand an sein Leben gelegt. Den Söhnen hinterließ er nichts. Der Ältere schickte Robert nach dem ursprünglichen Heimatsorte ihres Vaters, wo für ihn gesorgt werden mußte, er selbst wollte sich schon durchhelfen, er blieb dabei, nach Amerika zu gehen; Robert hatte nie mehr von ihm gehört. Er selbst kam nach dem kleinen Grenzort, wo sein Vater herstammte, und wurde vom Geistlichen des Orts in einer Haushaltung untergebracht, wo er bis zu seiner Konfirmation verweilte. Sobald diese hinter ihm lag, strebte er fort.

»Ich kannte einen Burschen im Ort,« erzählte Robert weiter, »der hatte Verwandte hier in der Gegend, dort hinauf, gegen das Oberland zu. Der sagte mir, es werde droben eine Bergstraße gebaut, da könnten wir viel Geld verdienen und nachher mit einander nach Amerika gehen. Wir gingen hinauf und bekamen Arbeit und guten Lohn. Aber ich will nicht mehr erzählen, wie es da zuging,« sagte Robert, plötzlich abbrechend. »Ich wollte von Zeit zu Zeit fort, dann war das Geld wieder weg, so habe ich wohl zwölf Jahre fort gemacht. Wir zogen von einem Orte zum andern; sie haben weiter hinten im Land auch Straßen gebaut, keine rechten, es war alles ein miserables Zeug.« –

»Robert,« sagte Sarah, »haben Sie nie daran gedacht, sich einmal wieder an die alten Bekannten zu wenden? Nellys Eltern hätten schon um Ihrer Mutter willen Sie gut aufgenommen.«

»Ja die Mutter! Ja, wenn die Mutter gelebt hätte!« schluchzte Robert auf. »Wie hätte ich ihren Bekannten nachgehen dürfen, ich war so herunter gekommen, so – so – o, ich bin froh, daß mich die Mutter nie hat sehen müssen.« Robert verbarg sein Gesicht in die Kissen.

Er mußte nun Ruhe haben. Ohne ein weiteres Wort legte Sarah seinen müden Kopf auf dem Kissen zurecht und verließ das Zimmer.

Die Kräfte des Kranken nahmen rasch ab, der Arzt gab ihm nur noch wenige Tage.

Als Sarah wieder an seinem Bette saß und auf das eingefallene Angesicht mit dem hoffnungslosen Ausdruck schaute, brannte ihr Herz vor Weh und Mitleid.

»Robert,« sagte sie, »wenn Ihre Mutter Sie jetzt sähe und Ihr ganzes vergangenes Leben überschauen könnte, glauben Sie nicht, daß ihr das Herz vor Jammer und Erbarmen über all' Ihr Elend brechen würde?«

»O ja! O ja!« stöhnte der Kranke.

»Ja wohl!« wiederholte Sarah. »Und wie diese Mutter auf Sie blicken würde, so schaut jetzt unser Herr im Himmel auf Sie nieder voll Mitleid und Erbarmen. Rufen Sie Ihn an, daß Er Ihnen vergebe, daß Er Ihnen die Last der Sünde, die auf Ihrem Herzen liegen muß, abnehmen und Sie gnädig aus diesem Leben hinaus führe und zu einem seligen Leben erwachen lasse.«

»Ich kann nicht diesen Herrn anrufen,« sagte Robert, wie scheu. »Er würde mich auch nicht anhören, Sie wissen nicht, wie das ist.«

»Haben Sie eine große Schuld auf dem Gewissen, die Sie nicht bekennen dürfen, und die Sie ängstigt?« fragte Sarah bekümmert. »Haben Sie diesen Totschlag begangen, den Sie nicht eingestehen wollten?«

»Das weiß ich nicht, ich sage da, was wahr ist,« erwiderte er und schaute Sarah dabei in die Augen, daß sie wußte, so war es. »Wir haben alle auf einander geschlagen, wir waren alle ganz betrunken. Erst am andern Morgen hörte ich, daß einer tot auf dem Platze geblieben sei. Aber das ganze wüste Leben, das hinter mir liegt, das kann ich nicht mehr gut machen, und wo ich hinsehe, ist es wie da, wo es mit dem Totschlag geendet hat.«

»Robert,« sagte Sarah, »unser Herr Jesus ist auf diese Erde gekommen für die armen, elenden Sünder, die nichts mehr gut machen können; denen will Er helfen, diese haben Ihn nötig. Legen Sie Ihr ganzes schuldbeflecktes Leben vor Ihm nieder und flehen Sie zu dem, der alle Schuld auf Sich genommen; Er kann und will Ihnen auch die Ihrige abnehmen und Ihr Gewissen frei machen, daß Ihnen einmal noch wohl werden kann.«

Robert schaute mit gespannten Blick auf Sarah hin. Als sie schwieg, sagte er mit verlangendem Tone wie ein Kind:

»Ich wollte gern, aber ich kann es nicht; wenn Sie nur alles für mich thun könnten.«

Nun kniete Sarah nieder an seinem Bett und rief für ihn zu dem Herrn, der die Sünder und Elenden heißt zu Ihm zu kommen, daß sie Ruhe finden für ihre Seelen. Sarah umging die Wahrheit nicht. Sie legte für Robert das Bekenntnis eines schuldbeladenen Lebens ab vor dem Herrn und sprach es aus, daß ein elender Sünder vor Ihm liege und um Vergebung und Errettung flehe.

»Ja, ja,« schluchzte Robert hie und da dazwischen, »so ist's, so ist's.«

Als Sarah aufstand und sich entfernen wollte, suchte der Kranke sie zurückzuhalten.

»Gehen Sie nicht mehr von mir weg!« sagte er bittend: »wenn Sie da sind und für mich beten, so kann ich noch Vergebung erhalten und es kann mir noch wohl werden.«

»Nein, Robert,« erwiderte Sarah, »Sie müssen selbst und allein vor unsern Herrn treten, und Er muß zu Ihnen allein reden, nur so kann Ihre Seele zur Ruhe kommen. Ich konnte Ihnen nur den Weg zeigen; gehen Sie ihn nun auch,« und Sarah hielt ihm bittend die Hand hin, ehe sie das Zimmer verließ.

Als sie am Morgen darauf zu ihm eintrat, saß er mit gefalteten Händen auf seinem Lager. Zum erstenmal, seit sie ihn kannte, lag ein Lächeln auf Roberts Angesicht.

»Es geht Ihnen gut, ich sehe es,« sagte Sarah, »wie war die Nacht?«

»Geschlafen habe ich nicht,« antwortete er, »aber es geht mir gut. Ich habe fast die ganze Nacht gebetet. Ich konnte es thun, weil Sie sagen, für die Sünder und die Elenden sei der Herr Jesus gekommen, denen wolle er helfen. Ich habe mein ganzes Leben vor Ihm abgelegt, daß es mir ganz leicht wurde; aber ich hätte noch zwei Wünsche an Sie: Ich wollte gern noch vor Ihnen alles bekennen, wie es mit mir war, und dann möchte ich gern von Ihnen hören, ob unser Herr auch schon einen angenommen hat, wie ich bin?«

An dem Tage machte sich Sarah von aller andern Pflege frei und blieb an Roberts Seite.

Sie hörte seine Bekenntnisse an, sie waren ihr nicht überraschend. Es war das Leben eines Verirrten, der in den Tiefen des Erdenschlammes seine Tage verloren hatte. Nun er selbst mit Abscheu davon sprach, konnte Sarah ihn ruhig anhören. Dann holte sie ihre Bibel und las ihm vom verlornen Sohn, wie der Vater den Reuigen in seine Arme nimmt, und Robert rief auflebend aus:

»Das ist für mich! Ist das auch alles für mich?«

»Das ist für Sie, und an Sie ergeht solch' freundlicher Ruf,« und Sarah las ihm die Worte:

»Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.«

Als sie ihm noch vom Schächer am Kreuze las, wurde Robert sehr bewegt:

»O, lesen Sie es noch einmal, was ihm der Heiland verspricht,« sagte er verlangend, »das war einer wie ich bin.« Dann sagte er noch einmal leise:

»Heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein: Kann es auch sein für einen, wie ich bin!«

Roberts Kräfte sanken. Er lag still da, aber sein belebtes Auge sagte, daß ein inneres Leben in ihm rege war. Sarah verließ ihn nicht mehr, sie sah wohl, daß das Ende nahe sein mußte.

Gegen Abend kamen große Bangigkeiten. Der Kranke sagte selbst, er fühle das Ende nahe. Er hielt die Hand seiner Pflegerin und dankte ihr wie ein Kind für alles, das sie an ihm gethan. Einmal sagte er:

»Ich möchte auch Nelly noch grüßen lassen.«

Sarah stützte den Kranken mit ihrem Arm. Er betete leise; sie that dasselbe in ihrem Herzen. Das junge Leben hatte noch einen harten Kampf zu bestehen, ehe es brechen konnte.

Als die schweren Seufzer der Brust des Sterbenden entstiegen, flehte Sarah mit lauter Stimme:

»Wenn ich einmal soll scheiden,
So scheide nicht von mir,
Wenn ich den Tod soll leiden,
Alsdann tritt Du herfür.
Wenn mir am allenbängsten
Wird um das Herze sein,
Dann reiß mich aus den Ängsten,
Kraft Deiner Angst und Pein.«

Der arme Roby war allen Ängsten entrissen, er war verschieden in Sarahs Arm.

Um diese Zeit, als die Dämmerung sich um die grauen Felsen lagerte, fuhr Nelly durch das alte Stadtthor ein. Von fern schon hatten ihre Blicke nach dem grauen Gebäude unter den Felsen ausgeschaut; sie sah die ersten Lichter aus den Fenstern scheinen, hinzugehen war nicht mehr an der Zeit. Als sie dann am frühen Morgen darauf bei Sarah eintrat, führte diese sie schweigend nach dem kleinen Gartenzimmer. Da lag Roby auf seinem weißen Bette. Er mußte es ja sein; aber wie anders sah er aus, als er in Nellys Erinnerung lebte! Das waren wohl die krausen Haare, die sie kannte, wie sie voll und schwarz um seine Stirn lagen; sie waren fast alle grau. Und dieses eingefallene Antlitz! Nelly sah das frische Kindergesicht mit den glänzenden Augen noch vor sich, wie es leuchtete im Abendlicht, als sie zusammen saßen an der Halde und das weite Leben vor sich sahen.

Noch einmal nahm Nelly Robys Hand in die ihrige und sagte leise:

»Schlaf wohl, Roby! Wo wir wieder zusammen kommen, da wird's schön sein, schöner noch als im sonnigen Erdbeergrund!«

Unter den wenigen Sachen, die Roby hinterließ, lag ein kleines abgegriffenes Notizbuch. Sarah öffnete es, ob noch etwas von Belang sich darin finden möchte. Sie zog ein zusammengelegtes, völlig vergilbtes Papier heraus und legte es auseinander; es war in allen Falten gebrochen. Nelly stand neben ihr. Auf das Papier war ein Schiff gemalt mit ausgespannten Segeln; die Farben waren gänzlich verblichen. Augenblicklich hatte Nelly ihr Schiff erkannt. Einmal hatte es Robys Thränen getrocknet, nun fielen die ihrigen darauf. Sie legte das vergilbte Blatt noch einmal in die gebrochenen Falten und nahm es zu sich: noch liegt es in ihrem alten Liederbuch.

Auf dem einsamen Gottesacker zwischen den hohen Mauern liegt Robys Grab. Das schwarze Eisenkreuz, das darauf steht, haben Sarah und Nelly mit Immergrün umpflanzt. Auf dem Kreuze stehen die Worte: »Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.«

Sarah steht nicht mehr am kleinen Spital ihrer Heimat; aber noch geht sie zwischen den Betten der Kranken umher, tröstend und pflegend mit der alten und mit immer neuer Freudigkeit. Sie hat manchen Leidenden dahin geführt, wo er volle Heilung fand, und manch' getrocknetes Auge hat sie noch im Brechen gesegnet.

Nelly kann von ihren Fenstern aus die fernragenden Spitzen der Berge sehen, die auf den einsamen Friedhof niederschauen.

Sieht sie die Berggipfel im Abendlicht erglühen, so tritt ihr das Bild des armen Roby und seiner bleichen Mutter vor die Seele, und viel altes Leid steigt mit diesen Gestalten vor ihr auf. Aber über Weh und Leid hinaus tönt durch ihre Seele das frohe Wort:

»Ich danke Dir, Herr Jesus Christ,
Daß Du der Erst' und Letzte bist,
Der Anfang und das Ende!«

 


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