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Das heimliche Gericht der Galeerensclaven

Die Sträflinge kehrten von der Arbeit zurück, die Pforte des Bagno rauschte auf, und die Wächter, mit Säbeln und dicken Stöcken bewaffnet, traten vor, die Unglücklichen zu untersuchen, wie es der Brauch ist, so oft sie im Hafen oder in den Werkstätten der Regierung gearbeitet haben. Paarweise aneinander gefesselt, die Ketten über die Schulter geworfen, daß die Kugel auf den Rücken herabhing, die Kappe in den Händen, gebückten Hauptes und müden Fußes schlichen die Sclaven durch die Pforte, wurden durchsucht, und in's Bagno entlassen. Ein alter Verbrecher, der schon lange im Galeerenhause verdächtig war und den seine Kameraden mit dem Festnamen Guillotiné bezeichneten, hatte das Loos, diesen Abend länger aufgehalten zu werden, als gewöhnlich. Die Kette, die ihn mit seinen Unglücksgefährten verband, wurde genau besichtigt, mit einem eisernen Hammer geschlagen, und man fand endlich, daß ein Theil derselben, kaum sichtbar, durchschnitten worden.

»Oho, Alter! wo hast Du die Feile?« fragte ein barscher Argousin. Der Alte schüttelte schweigend den Kopf.

»Heda, willst Du mir nicht sagen, wo das Werkzeug steckt?« fuhr der Wächter fort, indem er sich an den Gefährten des Alten wendete. Der Spitzkopf zuckte die Achseln, schüttelte ebenfalls den Kopf.

»Ihr Tagediebe und Schelme!« rief der Aufseher zornig und schwang den Stock: »Ich könnte Euch prügeln lassen, bis Ihr gesteht; doch werden die Prügel noch immer zeitig genug kommen. Ich will Euch erzählen, was mir der kleine Finger sagte. Der alte Spitzbube hat in einem Winkel der Seilerei vermittelst einer Uhrfeder den Ring zu durchschneiden begonnen, und die Uhrfeder steckt in einem Spalt seines Holzschuhes. Her mit den Schuhen! Hier das Instrument. Siehst Du, daß ich Alles weiß, Du unverbesserlicher Schlingel!«

Die langen Reihen der Sträflinge, die hinter dem Alten standen, schauten finster und betroffen der Scene zu; über das blasse Gesicht des ertappten Gauners stieg langsam die Röthe der Beschämung auf; die Stirne seines Gefährten glühte vor unterdrücktem Zorn.

»Gebt dem Alten dreißig Prügel!« sagte der Inspektor. »Noch einmal etwas Aehnliches, und ich lasse Dich auf ein paar Wochen in das Wasserloch stürzen.«

Ohne Aufschub wurde das Urtheil vollzogen, die Sträflinge waren Zeugen. Einer von ihnen, ein bärtiger, kolossaler Mann mit verwegenem Antlitz, murmelte seinem blutjungen marmorbleichen Kameraden zu: »Welche Infamie, solche Mißhandlung anzusehen!« und der Kamerad antwortete mit einem Seufzer: »Ach, lieber sterben, lieber auf der Stelle des Todes seyn!« – Ein Wächter hatte diesen leisen Zwiesprach gehört und schlug unbarmherzig auf die Schultern der Beiden.

»Schweigt, oder Euch erwartet der Kerker!« Sie schwiegen knirschend. Nachdem die Züchtigung vorüber, traten sie in den Schuppen, wo sie auf harten Bänken die Nacht zu verträumen oder zu verseufzen gewohnt waren. Nun erfolgte eine höllische Scene, die sich für jene Unglücklichen allabendlich erneuerte. Von den Pfeilern, welche das Gebäude stützen und in einer Reihe zwischen den Schlafbänken stehen, wurden die langen Ketten herabgelassen, bestimmt, an die übrige Eisenlast der Sclaven gehängt zu werden und jede Partie von zwei, vier oder sechs Bankgesellen an ihre Schlafstellen zu fesseln. In tactmäßiger Bewegung schritten, nachdem dies Geschäft verrichtet, die Sclaven klirrend nach ihren Marterbänken, die Argousins kommandirten, und rasselnd legten sich die Rotten, gleich wilden Thieren in dem Käfig, nieder. Einige Laternen, die in starker Drahtvergitterung oben am Gebälk hingen, wurden angezündet; noch einmal machten Schließer und Schergen die Runde, prüften die Eisenbande, durchstöberten die zerlumpten Wolldecken der Sclaven. Einer der Wächter näherte sich dem bärtigen Richard, nahm mit sicherer Hand unter dem Strohpolster desselben ein zusammengelegtes Papier hervor, öffnete es und sagte: »Du hast hier mehr Geld beisammen, als Dir erlaubt ist. Zu welchem Ende klebt das Strafreglement an der Thüre des Bagno, wenn Ihr Euch nicht darnach richtet? Du sollst nicht mehr als zehn Franken bei Dir haben, und hier sind fünf und zwanzig. Du verdienst eben so viele Prügel, und wenn ich sie Dir jetzt erlasse, so geschieht es nur, weil Du sonst ein braver Kerl bist und Soldat warst, wie ich.«

»Das Geld gehört mir und meinem Kameraden zu gleichen Theilen,« entgegnete Richard finster. »Nicht wahr, Olivier? Du thust mir die Ehre an, mir Deinen kleinen Schatz zu vertrauen?«

Olivier nickte stumm, und der gerührte Argousin sprach, da er sich unter dem Getümmel von keinem Andern bemerkt sah: »Eure Freundschaft, gute Jungen, ist zum Sprichwort im Bagno geworden. Nehmt Euch nur vor den verfluchten Denuncianten in Acht, die aus Wohldienerei uns Alles hinterbringen. In diesem Saale ist Baptiste der Spion, merkt Euch das.«

Er entfernte sich, und auf der Bank liegend, flüsterte Olivier: »Wer ist der Baptiste?«

»Ein ehemaliger Notar,« antwortete Richard verdrießlich; »derselbe, der unter Tags frei herumgeht, eine Perücke auf dem geschorenen Kopfe trägt und einen Ring am Fuße, den man kaum bemerkt. Er genießt vieler Freiheit, schreibt im Büreau des Intendanten, beaufsichtigt die Seilerwerkstätten und verräth Alles, was sein Schelmenauge aufspürt. Verfluchtes Schicksal! Der Hund hat viele Tausende veruntreut und wird hier wie ein Schooßkind gehalten, während ich, der ich einen Theil meiner Militäreffecten verkaufte, um meiner Mutter Brod zu schaffen …«

Erschöpft von Grimm schwieg Richard, und Olivier versetzte erschüttert: »Ja, Du bist ein Heiliger unter diesen Menschen, der Märtyrer eines kannibalischen Gesetzes. Während die ruchlose Infamie der Uebrigen sie aufrecht erhält, richtet Deine Unschuld Dich empor in diesem Aufenthalt der Schande. Ich bin aber der Unglücklichste von Euch Allen, meine Schuld vernichtet mich, und ich gewinne nie die Fassung, mein verdientes, aber abscheuliches Loos zu tragen.«

Olivier verbarg sein Gesicht mit beiden Händen. Der Aermste trug erst seit ein Paar Monden die rothe Casaque der Galeere; ein leichtsinniger Streich, ein verfälschter Wechsel hatte ihn, der einer respektablen Familie angehörte, an das Halseisen gebracht, zur scheußlichen Brandmarkung verurtheilt, in das Bagno von Brest gestoßen. Nimmer konnte er die Schmach verwinden, stets seufzte er nach dem Ende seiner Leiden, nichts vermochte ihn zu trösten, nicht einmal der glückliche Zufall, daß er mit dem bedauernswerthen Richard zusammengekoppelt wurde, der ihn gegen allen Schimpf der im Bagno versammelten Verbrecher beschützte und sorgfältig vermied, durch ein rohes Wort das zartere Gefühl seines interessanten Kettengefährten zu verletzen. – Wie immer, so auch jetzt, versuchte der unglückliche Soldat den Jüngling zu ermuthigen, und indem er sich gegen ihn kehrte, seine Schulter zu berühren, ihm die Hände vom Gesicht zu ziehen, tastete er mit Staunen auf den Griff eines offenen Messers, das, unter den Lumpen der Lagerstatt seines Gesellen verborgen, den Nachforschungen des Wächters entgangen war. –

»Unbesonnener!« raunte Richard dem erschrockenen Olivier zu: »Wozu dieses Messer?«

»Schweige, es ist mein, ich habe mir's verschafft!«

»Wozu aber, mein Freund, wozu?«

»Ich halte es nicht länger aus in dieser Hölle und will mich tödten, und bitte just den Allmächtigen um Stärke und Muth.«

»Du wirst das bleiben lassen, junger Mensch. Her mit dem Messer!«

»Lasse es mir, um Gotteswillen!«

»Still, und gehorche, sonst werde ich zum ersten Mal in meinem Leben ein Verräther. Gib, morgen versenke ich das Messer im Hafen.«

Die zunächst ruhenden Sträflinge klirrten ungeduldig mit ihren Fesseln und riefen drohend: »Was habt Ihr denn, in's Teufelsnamen? gebt Ruhe, daß wir schlafen können!« Und die Stimmen der Argousins schallten durch den Raum:

»Stille! Ruhe mit den Ketten, kein Mensch rühre sich!«

Richard versteckte das Messer unter seinem Polster, und Todtenstille trat ein. Bald schnarchten die Galeerensclaven, als wie im tiefsten Schlummer, und die Wächter verließen ohne Geräusch ihre Posten hinter den Schlafbänken, zogen sich vor die Thüre zurück, um den höllischen Miasmen zu entgehen, die das Bagno verpesteten, und sich mit Würfelspiel die Zeit zu vertreiben bis zur nächsten Runde.

Die listigen Sclaven hatten diesen Augenblick erwartet, nach der Reihe hoben sie, einer um den andern, die Köpfe empor, richteten sich ohne Geräusch etwas auf, und vertrauliches Flüstern rauschte durch den Schlafsaal. Einige speisten stille ihr Kommisbrod, andere kauten Taback, tranken ihren Rest von Cyder, die wenigsten schliefen. Das verstohlene Geplauder ging von der Bank aus, wo der alte Guillotiné lag, und von Mund zu Mund, wie eine geheimnißvolle Parole, gelangte bis zu Richards Ohren der Befehl, endlich über das Schicksal des verrätherischen Baptiste zu entscheiden, dem alle Genossen dieses Saals die verschiedenen Quälereien zuschrieben, welche sie bereits erduldet. Der Beschuldigungen waren unzählige, die Züchtigung des alten Präsidenten dieser Verbrechercompagnie kam nicht minder auf die Rechnung des gehaßten Baptiste. Alle Stimmen vereinigten sich dahin, daß nur der Tod diese Niederträchtigkeit gebührend lohne. Von alten Zeiten her übten die Kettenträger der Galeere unter sich ein verschwiegenes fürchterliches Rächeramt, und die Angeberei stand auf der ersten Stufe der zu strafenden Vergehen.

Olivier stimmte nicht. Richard sprach kaltblütig mit den Anderen das Todesurtheil. Der sogenannte Präsident benachrichtigte nun auf dieselbe Weise, wie zuvor beliebt worden war, seine Gesellen, daß es nöthig sei, die Strafe schnell zu vollziehen, da der Verbrecher, wie man genau wisse, diese Nacht zum letzten Mal im Bagno schlafen werde, indem der Intendant beabsichtige, ihm einen größeren Grad von Freiheit zu verleihen; daß alsdann bei vermehrter Gewalt, seinen Mitgefangenen zu schaden, Baptiste weniger Gelegenheit darböte, von der Strafe getroffen zu werden. Die Loose seyen schon bereitet, in eine dazu bestimmte Mütze verschlossen, und Jedermann wisse, welches das entscheidende sey.

So eben wurde die Thüre geöffnet, Baptiste, aus der Intendanz kommend, hereingeführt, an seinen Pfeiler, seine Bank und seinen Kameraden geschlossen. Während die Ketten rasselten, die Flintenkolben der Soldaten den Boden stampften und die Wächter ihre Runde machten, kreiste die Mütze so zu sagen unter ihren Augen von Bank zu Bank, und die Loose wurden gezogen. Sie waren so einfach als möglich, Zettelchen von grauem Papier, darunter verloren ein rothes. Richard zog das rothe Loos und ließ alsobald die Mütze wieder zurückgehen. Wie im Fluge gelangte sein Name zur Kenntniß der Verschworenen, und Baptiste's eigener Kamerad, der tückische Normand Gigot, sagte mit spöttischem Lächeln zu dem Notar: »Ich wünsche Ihnen eine gute Nacht, mein Herr, und ein recht fröhliches Frühstück.«

Baptiste erwiederte verdrießlich, indem er sich mit Ekel von dem Spötter wegwendete: »Ich danke, und es wird auch also seyn. Morgen trete ich völlig in die Dienste des Intendanten.«

»Ich empfehle mich Ihrer Gnade.«

»Gute Nacht!«

Die Wächter verließen den Saal nur auf einen Augenblick. Olivier fragte leise seinen Kameraden: »Welches Loos zogst Du?«

»Ein weißes; es war das letzte.«

»Wer empfing denn das fürchterliche?«

»Ich weiß nicht.«

»Ich zitterte, daß Du es ziehen möchtest. Was hättest Du in diesem Falle gethan?«

»Ei nun, ich hätte mich gefügt.«

»Wie?«

»Es ist dann keine Wahl. Mein Leben wäre verloren gewesen, vielleicht auch das Deinige. Du kennst diese Tiger noch nicht.«

»Ich bebe für den nächsten Morgen.«

»Schlafe ruhig, armer Junge. Vielleicht verhindert die Wachsamkeit der Schergen das ganze Vorhaben.«

»Gott gebe es!«

Die Wächter kamen zurück, Niemand rührte sich mehr. Die Nacht verging und trübe oder rothgeweinte Augen begrüßten die ersten Strahlen des Tages. Dienstknechte der Galeeren wurden eingelassen, den unsaubern Aufenthalt zu reinigen. Die Glocke, die Trommel und die Stimmen der Schildwachen riefen zur Arbeit. Die Schließer öffneten unbesorgt und leichtsinnig die Ringe der Pfeilerketten, die Sclaven rasselten von ihren Bänken auf und verwirrten sich in der Mitte des Saals in einen dichten Knäuel. Baptiste, dessen Bank im Hintergrunde des Saals befindlich, war Einer der Letzten, die losgeschlossen wurden. Fesselfrei drängte er sich durch die geschaarte Menschenmasse nach dem Ausgang. Da er an Richard vorbeikam, empfing er einen heftigen Stoß in die Seite.

»Tölpel!« rief er herrisch und drehte sich nach dem vermeinten Beleidiger um, aber das Wort starb auf seiner Zunge, er taumelte und schlug zu Boden unter wildem Geschrei und Rasen der Galeerensclaven.

»Brav!« schrien die Entmenschten: »Armer Herr Baptiste! einen Pfarrer her, der Notar will sein Testament machen!«

Die Wache machte sich mit Stößen und Schlägen Platz und drang zu dem Verwundeten, der ängstlich die Augen rollte, aber kein Glied mehr zu rühren vermochte. Er starb, ohne eine Sylbe zu reden, bevor der Chirurgus herbeikam. Die Sclaven umstanden ihn ohne Theilnahme, mit Teufelsblicken; nur dann und wann richteten sich ihre Augen verstohlen mit heimlicher Freude auf Richard, der mit gekreuzten Armen finster blickend vor sich hinstarrte, während Olivier neben ihm wie vernichtet brütete.

Beim Eintritt der herbeigerufenen Commissarien des Seetribunals wurden die Sträflinge in Reihe und Glied geordnet. Keiner zuckte mit der Wimper, Richard blieb kalt, selbst Olivier richtete sich furchtlos empor.

»Wer hat die entsetzliche That begangen?« fragte der Richter einen jeden der Verbrecher, da keine Blutspur auf ihren Kleidern zu erkennen war. Ein Jeder antwortete: »Ich war es nicht«, und Keiner verrieth den Thäter.

»Ich weiß nicht«, sagte auch Richard kaltblütig.

»Führt mich hinweg«, sprach dagegen Olivier mit fester Stimme: »Ich habe diesen Menschen ermordet, unter jener Bank liegt das Messer, womit ich den Mord verübte.«

Versteinert gafften die Sclaven den jungen Menschen an, Richard wurde blaß vor Entsetzen und konnte nur die Worte stammeln: »Olivier, mein Freund, was hast Du gethan?«

»Ich hasse das Leben und begehre um jeden Preis zu sterben«, sagte Olivier mit bedeutendem Blicke: »Bedaure mich nicht und gedenke meiner.«

Richard, in mancher Schlacht so muthig und tapfer, fühlte sich ermattet und feig vor dem Edelsinne Oliviers. Er schwieg, die übrigen Frevler waren nicht minder stumm, und die Schergen der Gewalt, froh, ein Opfer zu haben, schlossen Olivier von Richard los, schleppten ihn vor das Gericht, das stets binnen wenigen Stunden über das Loos eines strafbaren Galeerensclaven entscheidet.

Als Richard wieder zu sich kam, tobte er als wie ein Wahnwitziger, betheuerte Oliviers Unschuld, verlangte, vor Gericht seine Aussage abzugeben. Seine Mitgefangenen verschrien ihn jedoch als einen Narren, und der Arzt schickte ihn in's Lazareth, statt vor das Tribunal. Mittlerweile wurde Olivier verdammt und nach wenigen Stunden hingerichtet. Man mußte während der Exekution den armen Richard mit dem Zwangskamisol in's Cachot setzen; nachdem Oliviers Blut geflossen, ließ man den alten Soldaten wieder in das Spital, woselbst die Kranken, die vom Fenster aus die Hinrichtung mit angesehen, ihm dienstfertig Alles schilderten, was sich dabei begeben. Von der Wuth zur Erschöpfung herabgestimmt, horchte Richard mit gesenktem Kopf, mit gefalteten Händen, aber sein Antlitz belebte sich bald mit ingrimmiger Heftigkeit, als die Erzähler ihm meldeten, daß, weil ein Scharfrichter gefehlt, der unbarmherzige Gigot sich erboten habe, dessen Amt zu verrichten und das Beil fallen zu lassen. Mit geballten Fäusten schlug Richard seine Stirn und seine Brust, heulte Thränen der Verzweiflung, und sprach endlich, sich begütigend und seinen Zorn bezwingend: »So weiß ich doch noch, warum ich fürder lebe. Dem armen Olivier ist wohl; der Tod hat ihn glücklich gemacht. Aber der grausame Gigot, der das Blut des Unschuldigen vergoß, wissend, daß er unschuldig war, soll dafür büßen mit Leib und Leben!«


In einer der engen Straßen, die zu dem Hafen von Toulon führen, stießen zwei Männer auf einander, von denen der Eine den Andern plötzlich anhielt und mit rauhem Tone die Frage an ihn stellte, wie er heiße, woher er komme, wohin er gehe. Ruhig entgegnete ihm der Gefragte: »Ich heiße Mathieu Vernou, hier ist meine Marschroute, denn ich gehöre zu den Rekruten des neuen afrikanischen Jägerregiments.«

Der Erstere durchflog mit geübtem Auge den Paß und entgegnete: »Das Papier ist in Ordnung, aber ich bemerke mit Vergnügen, daß mein Scharfblick mich nicht täuschte. Wir haben uns vor mehreren Jahren gekannt.« –

»Wahrhaftig, und wenn es in dem Bagno zu Brest gewesen wäre, alter Freund Gigot.«

Gigot erröthete ein wenig, zuckte die Achseln und versetzte: »Selbst der Gerechte fällt sieben Mal in einem Tage; jene Zeit soll uns keinen Kummer machen. Sind wir doch rechtschaffene Leute geworden. Du ein Soldat und ich ein Adjutant bei Chiourme.«

»Ich gratulire. Wir sahen uns schon lange nicht; seit dem Jahre, wo Du Dich dazu hergabst, das Beil auf den Hals des armen Olivier fallen zu lassen. Sage mir nur, wie Du es über's Herz bringen konntest?« –

»Je nun, lieber Mathieu, was thut man nicht um der Freiheit willen? Man versprach, meine Ketten zu lösen, und ich hatte nicht Lust, einen neuen Kameraden zu bekommen, nachdem Baptiste des Todes verblichen. Meine Hand zitterte freilich, mein Herz bebte; Oliviers blasses Haupt ist mir seither hundertmal im Traum erschienen, … aber die Freiheit, lieber Alter … die Freiheit ist doch der größte Schatz. Und der Herr Intendant hat Wort gehalten, hat mich schleunigst nach Paris geschickt, wo ich unter der Sicherheitsbrigade einen herrlichen Platz fand, bald meine völlige Lossprechung und Rehabilitation erlangte, bis man mich vor Kurzem hierher in die Chiourme versetzte.«

»Du hast wohl gethan, Dich dazumal von Brest eiligst davon zu machen. Ich versichere Dir, Deine Henkerverrichtung hätte Dir unfehlbar das Leben gekostet. Vater Guillotiné hielt ein strenges Gericht über Dich, worinnen Du fast einstimmig zum Tode verurtheilt wurdest.«

»Ich weiß es, guter Mathieu.«

»Es wurde dazumal auch der Vollstrecker des Urtheils ernannt: Richard, der Soldat, bot sich selbst dazu an, um Oliviers Tod zu rächen. Nimm Dich vor dem Menschen in Acht, Freund Gigot; Du weißt, daß die Urtheile der Galeerensclaven sich nie verjähren.«

»Das Alles ist mir wohlbekannt, und längst traf ich meine Maßregeln. Ich habe nicht umsonst in Vidocq's und Lacour's Schule gelernt. Zu Paris war ich allen Gaunern auf der Spur, führte ein genaues Register über diejenigen, die in meinem Saale zu Brest gefangen saßen, und machte namentlich den gefährlichen Richard unschädlich!«

»Bravo! wie fingst Du es an?«

»Er hatte seine Strafe ausgehalten, war mit dem gelben Laufpaß nach seiner Heimath zurückgekehrt, sollte daselbst unter Polizei-Aufsicht verbleiben. Natürlich fand er dort nur Schmach und Verachtung, Hunger und Kummer, aber keinen Erwerb für sich und seine alte Mutter. Da brach er, wie so Viele thun, seinen Bann, kam nach Paris, um in dem großen Strudel unerkannt zu leben. Sein Unglück führte ihn unter meine Augen, unsichtbar folgte ich seinen Schritten; ich hätte ihn anzeigen, auf einige Jahre in das Gefängniß bringen können … aber mir wäre damit nicht geholfen gewesen. Einst wäre er dennoch frei geworden und mir gefährlich geblieben. Ich mischte daher die Karten sorgfältiger, entzog ihm nach und nach durch geschickte Ränke jeden Verdienst, verwickelte ihn in besoldeter Spitzbuben Gesellschaft. Sein Elend brachte ihn vollends in die Schlinge; seine uralte Mutter vom Hungertode zu retten, nahm er Theil an einem gewaltsamen Einbruch, und seine Helfershelfer lieferten ihn verabredeter Maßen an die Gerichte aus. Das Gesetz bedrohte ihn mit der Todesstrafe, die nachsichtigen Geschworenen milderten den Thatbestand, und die Assisen schickten meinen Feind auf Lebenszeit der Galeere zu. Jedenfalls bin ich seiner entledigt, denn ein rekommandirter Sträfling wie er, kömmt nicht von seiner Kette los. Zudem liegt ganz Frankreich zwischen uns. Er in Brest, ich in Toulon – nur ein Wunder könnte uns je wieder zusammenführen. Ich bin völlig ruhig, habe ein braves Weib, Kinder, die mich lieben, und ein Auskommen, welches mir jede Sorge, jeden Fehltritt erspart.«

»Danke Gott dafür; schon um Deiner Familie willen wünsche ich, daß sich kein Wunder begebe, wie dasjenige, dessen Du erwähntest. Leb' wohl, Freund Gigot. Ich gehe, das Transportschiff zu besteigen.«

»Leb' wohl; ich muß nach Castineau, wo heute der alte Capitain Thierry mit einer neuen Kette von Galeerensclaven ankömmt, die ich zu visitiren habe.«

Beide trennten sich; Gigot bestieg die Chaluppe des Kommissärs und fuhr den Sträflingen entgegen. Die Seesoldaten standen mit geladenen Gewehren in doppelten Reihen am Ufer, von Ollioules her schwankte der eisenbeladene Zug, dreihundert Verbrecher an der Zahl, voraus rollte das Cabriolet des alten Hauptmanns. Begrüßend trat zu ihm der Unterofficier der Chiourme, schüttelte ihm die Hand und fragte, was er Neues bringe.

Thierry erwiederte mit gewohnter Jovialität: »Lauter brave Bursche, viele Meister des Handwerks. Für dieses Mal hab' ich nicht blos hungrige Diebe, sondern eine Menge von Retourpferden und herzhaften Leuten, die ihr Leben einsetzten, um an das Leben ihrer Feinde zu gelangen. Ueberdieß besteht ein Drittheil meines Trupps aus alten Grünkappen von Brest, die zufolge des neuesten Regierungsbeschlusses hierher versetzt wurden. Paßt auf, Ihr braven Jungen, entschlossenere Männer, als diese Kostgänger auf Lebenszeit, hat der Henker nie mit glühendem Eisen gezeichnet. Sie werden Euch zu schaffen machen, so wie sie mir während des Transports stets aufzurathen gaben. Mein spanisch Rohr war in steter Bewegung, und fast hätten meine Pistolen zu thun bekommen, wo der Stock nicht ausreichte.«

Das Blut stieg dem betroffenen Gigot siedend heiß zu Kopfe, und er vermochte kaum ein Glied still zu halten, als die Kettenträger sich ihm näherten, und er in dem vordersten Paare, mit eisernen Halsbändern zusammengefesselt, die wilden Gesichter des greisen Guillotiné und Richards erkannte. Die Unglücklichen marschirten mit niedergeschlagenen Augen, Gigot verbarg sich zitternd, aber nur zu bald zwang ihn sein Dienst, vorzutreten und die Befehle zur Losschmiedung zu ertheilen. Noch ahnte Richard nichts von der Nähe seines Feindes, und beugte kniend das Haupt auf den Block, wo die Hammerschläge der Galeerenknechte die Halseisen losnieten.

»Schnell! rührt Euch nicht!« befahl Gigot sowohl den Schmieden, als den Gefesselten. Guillotiné erkannte plötzlich die Stimme des Chiourmewächters, zuckte mit dem Kopfe aus und sank, von schwerem Hammerstreich getroffen, ein Opfer seiner Unvorsichtigkeit, zu Boden. Wächter, Soldaten, Galeerensclaven stießen ein Geheul des Entsetzens aus; mit brechendem Auge starrte Guillotiné seinen Gefährten Richard an, deutete nach Gigot und röchelte: »Vergiß nicht …«

In Richards Blicken strahlte heftige Wuth, heftige Freude auf. Sein armseliges, der Infamie verfallenes Leben erhielt wieder einen Werth für ihn. Gigot sah nicht diesen Racheblitz, denn er hatte sich weggewendet und einem Andern den Befehl übergeben. Zur Stunde trat er aber vor den Commissär, bezeichnete Richard als seinen ärgsten Feind und bat, denselben unter die strengste Aufsicht zu stellen. Mit rauhem Scherz entgegnete ihm der Beamte: »Man hätte Euch zu einer Kindswärterin machen sollen und nicht zu einem Chef der Argousins. Habt Ihr so wenig Muth, daß Ihr Euch vor einem Manne fürchtet, der dazu bestimmt ist, nie von seiner Bank herunter zu kommen! Schämt Euch und verliert kein Wort mehr über diese Sache, wenn Ihr nicht vom Dienste wollt.«

Gigot dachte an Weib und Kind und schwieg. Seinerseits schwieg auch Richard, kleidete sich ohne Widerrede in die rothe Jacke, setzte die grüne Mütze auf den frisch geschorenen Kopf, murrte nicht, als man ihn an die schwerste Kette schloß, als man ihn mit dem abgefeimtesten Schurken zusammenkoppelte, und lag still und brütend auf seiner Bank, Tage, Wochen lang, wie ein vom Frost erstarrter Tiger. Da kam aus der Hauptstadt der Befehl, in der kürzesten Frist einige dringende Arbeiten für die Flotte zu vollenden, und dem Befehle zu genügen, schloß man sogar die Grünmützen von ihren Bänken, trieb sie aus den Pontons, belastete sie mit Steinen und wies sie an, dieselben als Ballast in den Raum der Schiffe einzuladen. Richards Gefährte war ein schwacher Mensch, der die Arbeit hinderte, statt sie zu fördern. Dagegen zeigte der alte Soldat viel Fleiß und Rüstigkeit. Man befreite ihn von seinem Kameraden und stellte bei ihm einen Wächter an, der ihn auf allen Schritten begleitete. – Auf dem Verdecke des Schiffs, wo er arbeitete, ging es lebhaft her, und die Aufseher waren ohne Unterlaß beschäftigt, ihre Untergebenen anzutreiben. Richard bemerkte unter den Ersteren seinen Todfeind Gigot, der in eine Luke hinabkletterte und einigen Sclaven zornig zurief, eine Last nachzubringen, die ziemlich ferne lag. Durch eine rasche Bewegung, gleichsam wie durch Ungeschick, stieß Richard seinem Wächter den Hut vom Kopfe, daß er über Bord in einen Kahn fiel. Fluchend schlug der Argousin mit seinem Stocke über Richards Schultern und klimmte hinunter, seinen Hut wieder zu holen. Den Augenblick benützend, seine Schleifkugel auf den Rücken werfend, eilte Richard nach der offenstehenden Luke, rasselte hinab, zog die Stütze von der Fallthüre, daß sie donnernd zuschlug, riß, im Zwischendeck angekommen, die bewegliche Treppe weg, die hinabführte, und stand zwischen den Kanonenreihen der Batterie in dämmerigem Halbdunkel Gigot gegenüber, der herbeieilte, nach dem Lärm zu fragen, und mit Entsetzen die Züge des verhaßten Sclaven trotz des Dunkels errieth. Richards Faust packte ihn unverzüglich.

»Zu Hilfe!« schrie Gigot einigen Galeerensclaven zu, die am äußersten Ende der Batterie arbeiteten und langsam heranklirrten und unbeweglich stehen blieben, als ihnen Richard entgegenrief: »Nicht von der Stelle, Kameraden! wenn Ihr nicht des Todes seyn wollt!«

Gigot heulte wüthend und ängstlich zugleich, indem er nach dem Säbel griff: »Zurück von mir, Abscheulicher! Du bist verloren!«

»Du bist's mit mir!« versetzte Richard mit furchtbarem Zorn und schleuderte seine Kettenkugel an die Stirne des Feindes, daß er niederstürzte.

»Habe Mitleid, Mitleid mit meinen Kindern!« stöhnte der Verwundete.

Hohnlachend entgegnete Richard: »Und meine Mutter, welche durch Dich, verfluchter Angeber, starb? Das Zeichen der Schande, welches Du auf meine Schultern brennen ließest? Olivier, dessen unschuldig Haupt Du abschlugest? Fahre zum Teufel!« und noch einmal schwang er die Kette, schleuderte die Kugel, und durch die von den Soldaten mit Gewalt aufgerissene Luke fiel ein heller Lichtstrahl auf Gigots zerschmetterten Schädel.

Zwei Tage darauf riefen dumpf wirbelnde Trommeln das Volk des Bagno in den Hof des Arsenals, wo die Hinrichtungsmaschine lang, schmal und blutroth aufgeschlagen worden war. An jeder Pforte drohten Kanonen mit mörderischen Kartätschenschüssen, ein Wald von Bajonnetten starrte um das weite Viereck empor. Viertausend Verbrecher nahten klirrend in enggeschlossenen Legionen, schaarten sich um das Blutgerüste, knieten auf ein gegebenes Zeichen nieder, dicht um das Schaffot die grünen Mützen, in größerer Entfernung die Rothmützen. Auch Richard, der Held dieses schauerlichen Tages, kam endlich mit dem Gefolge der Henker und Schergen. Die Fesseln waren ihm abgenommen, sein Gesicht war heiter, seine Augen glänzten.

»Ein Fehltritt brachte mich in unverdiente Schmach«, sagte er in der letzten Umarmung zu dem Priester, der ihn begleitete: »diese Schmach verlockte und zwang mich zum Verbrechen. Seit Oliviers Tode hatte ich wenig ruhige Stunden mehr, und wenn auch nicht Gigot in meine Hände gefallen wäre, dennoch würde ich einen Mord begangen haben, um durch den Tod frei zu werden. Endlose Infamie ist härter, als der Henkertod, und wenigstens schicken meine Richter heute keinen Unschuldigen auf das Schaffot.«

Nach wenigen Minuten hatte der Unglückselige sein Loos erfüllt.


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