Autorenseite

 << zurück 

V.

5. Medschlis:

Für den aber, der seines Herrn Rang gefürchtet,
sind der Gärten zwei.
Beide mit Zweigen.
In ihnen sind zwei eilende Quellen.
Und von jeder Frucht zwei Arten.
Sie sollen sich lehnen auf Betten, mit Futter aus
Brokat, und die Früchte der beiden Gärten sind nahe.
In ihnen sind keuschblickende Mädchen, die weder
Mensch noch Dschaun zuvor berührte.
Als wären sie Hyazinten und Korallen.
Soll der Lohn des Guten anders als gut sein?
Und außer diesen beiden sind der Gärten zwei,
im grünen Schimmer,
In ihnen sind zwei reichlich sprudelnde Quellen.
In beiden sind Früchte und Palmen und Granatäpfel.
In ihnen sind gute und schöne Mädchen.
Huris, verschlossen in Zelten, –
Die weder Mensch nach Dschaun zuvor berührte.
Sie sollen sich lehnen auf grünen Kissen und schönen Teppichen.

Gesegnet sei der Name deines Herrn voll Majestät

und Ehre. (55. Sure.)

1. Wonach befragen sie einander?

2. Nach einer gewaltigen Kunde, Von der Auferstehung.

3. Lieber die sie uneins sind.

4. Fürwahr, sie sollen sie wissen;

5. Wiederum, fürwahr, sie sollen sie wissen.

6. Machten wir nicht die Erde zu einem Bett,

7. Und die Berge zu Pflöcken,

8. Und schufen euch in Paaren,

9. Und machten euren Schlaf zur Ruhe,

10. Und die Nacht zu einem Kleid,

11. Und machten den Tag zum Erwerb des Unterhalts,

12. Und bauten über euch sieben Festen,

13. Und machten eine hellbrennende Lampe,

14. Und sandten aus den Regenwolken Wasser in Strömen,

15. Dadurch hervorzubringen Korn und Kraut.

16. Und dicht bestandene Gärten?

17. Siehe, der Tag der Trennung ist festgesetzt:

18. Der Tag, an dem in die Posaune gestoßen wird und ihr in Scharen kommt,

19. Und der Himmel sich öffnet und zu Toren wird, Für die Engel.

20. Und die Berge sich rühren und zur Luftspiegelung werden.

21. Siehe, Dschehannam ist ein Hinterhalt,

22. Für die Übertreter ein Heim,

23. Zu verweilen darinnen Aeone.

24. Nicht schmecken sie in ihm Kühlung noch Getränk

25. Außer siedendem Wasser und Jauche, –

26. Eine angemessene Belohnung!

27. Siehe, sie erwarteten keine Rechenschaft,

28. Und ziehen unsere Zeichen der Lüge,

29. Doch wir schrieben alles auf in ein Buch.

30. »So schmecket, und nur die Strafe wollen wir euch mehren.«

31. Siehe, für die Gottesfürchtigen ist ein seliger Ort,

32. Gartengehege und Weinberge,

33. Jungfrauen mit schwellenden Brüsten, Altersgenossinnen Mit den Seligen.

34. Und volle Becher.

35. Sie hören darinnen weder Geschwätz noch Lüge, –

36. Ein Lohn von deinem Herrn, eine hinreichende Gabe,

37. Dem Herrn der Himmel und der Erde und was zwischen beiden, dem Erbarmer. Doch erhalten sie kein Wort von ihm.

38. An jenem Tage, da der Geist Gabriel. und die Engel in Reihen stehen, wird nur der reden dürfen, dem es der Erbarmer erlaubt und wer das Recht spricht.

39. Dies ist der gewisse Tag. Drum, wer da will, der nehme Einkehr zu seinem Herrn.

40. Siehe, wir warnen euch vor naher Strafe.

41. An jenem Tage, an dem der Mensch schauen wird, was seine Hände vorausgeschickt, und der Ungläubige sprechen wird: »Oh, daß ich doch Staub wäre!«

(79. Sure.)


Ein markerschütternder Schrei weckte mich aus dem Schlafe. Ich erwachte sofort und sah, daß die Sonne schon ziemlich hoch am Himmel stand.

Es war später Vormittag.

Schnell kleidete ich mich an, schminkte mein stark übernächtiges Gesicht, färbte mir die Fingernägel und lief zum Hofe hinunter, um den Ursprung des Geschreies zu ermitteln.

Hier kamen mir einige Sklavinnen schon wehklagend entgegen und berichteten, daß der Herr im Sterben liege, daß man nach dem Ulema geschickt habe und die sechsunddreißigste Sure soeben im Krankenzimmer gesungen werde.

Zugleich erscholl aus den geöffneten Fenstern des Haremlik ein entsetzliches Weinen und Jammern, und ich konnte ganz deutlich das Wimmern der »Mutter« und das Heulen der Negerfrau unterscheiden. – –

Als ich den Salon betrat, fand ich alle drei Frauen mit aufgelösten Haaren, auf dem Teppich sitzend, in vollster Verzweiflung.

Auch Fathima ezzahra weinte bitterlich und war so zerknirscht, wie ich sie vorher noch nie gesehen. –

Die Hannums taten mir sehr leid, denn nun war alle Herrlichkeit zu Ende. Mit dem Tode unseres Herrn mußte der Harem aufgelöst werden, und wohin die Frauen sich wenden würden, blieb noch sehr ungewiß.

Das Kismet war schlecht für uns alle, denn wir Agas und die Sklavinnen mußten uns ebenfalls auf den Abschied vorbereiten und unsere Zukunft suchen. Wer weiß, wo wir sie finden werden! Alles Unbestimmte ist der Feind der Ruhe!

Tedbiri bozar taqdir! Alle Pläne vernichtet das Verhängnis.

Es war also ganz verständlich, daß tiefer Kummer uns bedrückte.

Niemand wußte recht, was er tun sollte. Die einen liefen ruhelos und jammernd umher, die anderen lagen, mit dem Gesicht gen Osten, auf den Knien und beteten. Dieses sonst so friedliche Haus, in dem bisher nur Frohsinn und ungezwungene Heiterkeit wohnte, schien über Nacht in eine Stätte ewigen Leides verwandelt. – – –

Als ob Allahs Wille sich durch das Wehgeschrei des Menschen zur Umkehr zwingen ließe.

Wie die guten Taten jedes einzelnen im großen Buche des Lebens verzeichnet sind, so auch die Todesstunde, und ein Murren und Klagen über den Willen des Allbarmherzigen ist nutzlos und kommt der Sünde gleich.

Die Seele meines Gebieters wird einkehren zur Herrlichkeit des ewigen Lebens, wo die Gerechten auf Illijun Die Hochsitze, auf denen die Gerechten im Himmel thronen. thronen oder lustwandeln unter grünen Bäumen in schattigen Hainen. Dort sind prächtige Zelte, in denen keuschblickende Huris mit schwellenden Brüsten, auf Kissen aus Brokat gebettet, sehnsüchtig ihrer harren, um ihnen alle Wonnen des Paradieses zu bereiten. Und den Gerechten werden die Lenden nie siech werden, ihre Schläfe wird nicht ergrauen, und das Bächlein ihrer Manneskraft wird nie vertrocknen. Die süßen Wasser des Tasnim Die Quelle, die zu den Hochsitzen führt. fließen dahin zum Labsal der Seligen, die Allahs Himmel schauen, um ewig darinnen zu verweilen.

Hat Allah den Menschen nicht aus geronnenem Blut geschaffen und ihm die Kraft verliehen, sich durch ein Samentröpfchen zu vermehren?!

Ist des Erbarmers Güte nicht unendlich, daß er die Sterblichen zurückruft, wann er will und wie er will, um nach ihren Taten zu richten?! Die Guten zu belohnen und den Frevlern aus des Siddschins Ort in der Hölle, auch Buch der Frevler. Sündenbuch die Strafen anzuweisen, auf daß sie von des Sakkums gräßlichen Früchten sich nähren!

Kann mein Herr anders sein als ein Gerechter, und werden Allahs Töchter Die Engel. ihn nicht mit Wohlgefallen empfangen?! Leicht sei ihm die letzte Stunde, und das matte Licht seines verlöschenden Geistes vernehme noch die verklärenden Weisen der Abschiedssure, auf daß er sich willig rüste, von den vergänglichen Freuden dieser Welt zu scheiden und einzukehren in jene Welt der ewigen Freuden mit den Worten des Propheten auf den sterbenden Lippen: inna fatahna aka fathan mubinan! Wahrlich wir (Gott) haben dir einen glänzenden Sieg geschenkt.

Den ganzen Tag und die ganze Nacht glich das Haus einer Totenstadt, in der Hunderte von Klageweibern sich die Haare zu raufen und ihre Brüste zu zerfleischen schienen. So gewaltig tobte Schmerz und Verzweiflung in den Mauern unseres Haremlik.

Und als die Bestattung herannahte, fühlten wir uns alle krank und elend.

Die Hannums verbargen sich in ihren Zimmern und nährten sich nur von Flüssigkeiten, die die Sklavinnen ihnen fast aufzwingen mußten.

Die Wirtschaftsräume wurden nur wenig in Anspruch genommen, und das ganze Haus lag wie verwaist da, kaum daß jemand wagte, zu sprechen oder eine Handlung zu verrichten.

So ging es bereits fünf Tage. Am sechsten sah ich Fathima, als sie in Trauerkleidung, von einer Sklavin begleitet, über den Hof ging.

Die Sklavin trug ein großes Bündel, das sie einer Frau aus dem Volke, die vor dem Tore wartete, übergab. Beide kehrten dann wieder in den Haremlik zurück.

Welche Bewandtnis es hiermit hatte, wußte ich nicht, und es war nicht mein Amt, mich danach zu erkundigen. Auch als sich derselbe Vorgang in den nächsten Tagen zur selben Stunde wiederholte, kam mir noch kein Verdacht.

Fathima hielt sich noch immer verborgen, und ich glaubte, daß sie eingedenk der Wohltaten, die der selige Gatte ihr erwiesen, vielleicht auch von Gewissensqualen gepeinigt, ihren Witwenstand noch schmerzlicher empfände als die anderen Frauen. Und da auch der Haushofmeister nicht mehr erschien, weil er offenbar mit der Ordnung des Nachlasses beschäftigt war, konnte ich mich sorglos dem Müßiggange hingeben, ohne meine Pflichten als Aga zu verletzen. – – – – – – – – – – – – –


Die sterbliche Hülle unseres Herrn war noch keine Woche der Erde übergeben, als ich eines Abends mit dem Inder auf der Treppe zum Haremlik zusammentraf. Er wollte mit kurzem Gruß an mir vorüberschreiten, drehte sich dann aber plötzlich um und rief mir in recht unfreundlichem Tone zu: »Es ist Zeit zum Schlafengehen. Wolltest du noch in den Harem?! Heute bedarf Fathima deiner Dienste nicht mehr, also gute Nacht!«

Ich erwiderte den Gruß, verbeugte mich und tat so, als ob ich meinen Kiosk aufsuchen wollte. Die Neugierde ließ mir keine Ruhe mehr, deshalb entledigte ich mich meiner Pantoffeln, warf mir einen dunkelblauen Mantel um und schlich langsam zu Fathimas Zimmer hinaus.

Die Türe, die sonst immer offen stand, da der schwere Vorhang den Eingang genügend versperrte, war fest verschlossen.

Ich kniete nieder und legte mein Ohr dicht an das Schlüsselloch, nachdem ich vorher vergebens versucht hatte, hindurchzublicken. Der Vorhang machte aber nicht nur jeden Einblick ins Zimmer unmöglich, sondern er dämpfte auch den Klang der Sprache, so daß ich Mühe hatte, überhaupt etwas zu ermitteln.

Fathima und der Inder sprachen im Flüstertone sehr erregt miteinander, aber nicht hinter einer spanischen Wand, – das fühlte ich ganz deutlich, wie die Worte von Mund zu Mund übersprangen und sich in der geringen Entfernung zu einem für mich unverständlichen Geräusch von männlich tiefen und weiblich hohen Lauten verschmolzen.

Mir graute vor dem Gedanken, daß rechtgläubige Moslems die Vorschriften unseres heiligen Koran in so sündiger Weise verletzen sollten, und ich betete im geheimen für meine Herrin: vergib ihr, Allbarmherziger, sie ist ein schwaches, unwissendes Weib, das Opfer eines stärkeren männlichen Wollens, stürze sie nicht hinab am Tage des Gerichts in ewige Verdammnis und trage nicht ein in das Buch der Frevler, was Fathima, von der dämonischen Kraft des Inders besiegt, in diesem Hause gesündigt habe!

Ein kurzes Lachen unterbrach meine stille Andacht, ein verhaltenes Jauchzen, dann lange saugende Küsse. – Allah erbarme sich!

Plötzlich raschelten Kleider, es wurde lebendig im Zimmer, – ein dumpfer Fall – – – und minutenlang nichts anderes als Stöhnen, Aechzen, unterdrückte wilde Schreie, saugende Küsse, – dann wieder gedämpftes zärtliches Geflüster.


Es schien, als ob das ganze Haus erbebte.


Diesen geheimnisvollen Vorgang konnte ich mir nicht erklären, und da ich dem Treiben der beiden von jeher mit einem an Aberglauben grenzenden Argwohn begegnete, überkam mich eine sonderbare Furcht, und ich zog es vor, mich wieder schweigend zurückzuziehen.

Was in dieser Nacht weiter geschah und wann der Inder den Harem verlassen hatte, weiß ich nicht.


Das Haus war ganz still geworden wie ein Grab. Keiner kümmerte sich um den anderen. Lautlos schlichen die Sklavinnen umher und verrichteten den notwendigsten Dienst, denn unsere Hannums wollten in ihrem Schmerz allein sein und begehrten weder Gesellschaft noch Unterhaltung. Sogar das Baden und die Wäsche wurden unterlassen, Tage, an denen es früher immer etwas lebhaft im Hause zuging.

Es kam der Freitag heran, und ich glaubte, daß die Frauen wenigstens ihre Festtagspromenade aus dem Hofe machen würden. Nur die Negerin kam in Trauerkleidung herunter, ging langsam mit gebücktem Kopfe zweimal durch den Garten und stieg ebenso schwerfällig und langsam wieder die Treppe zum Haremlik hinauf.

Fathima war nirgends zu erblicken, sie kam aus ihrem Zimmer nicht mehr heraus, und als ich geräuschlos auf dem langen Korridor einherschritt, sah ich, daß ihre Türe verschlossen war, und ich konnte nicht ermitteln, womit sie sich beschäftigte.

Aus den anderen Zimmern, deren Eingänge nur durch Vorhänge versperrt waren, vernahm ich stilles Beten und hin und wieder ein leises Seufzen.

So gingen die Tage dahin, und niemand wußte, was eigentlich werden sollte, denn ein Harem ohne Herr ist ein Unding.

Der Inder, der als Stellvertreter seines Herrn am ehesten alle wirtschaftlichen Fragen regeln sollte, hatte mit keinem Worte bisher unserer Zukunft, sei es nur andeutungsweise, Erwähnung getan. Auch Mitglieder der Familie, die uns hätten entlohnen und verabschieden können, haben wir vergebens erwartet. – – – – – – – – – – – – –


Die vorletzte Nacht, die ich in diesem Haremlik verbrachte, war die ruheloseste meines Lebens.

Aus gewissen Anzeichen hatte ich den Eindruck, daß irgend etwas Sonderbares vorgehe.

Am späten Abend sah ich den Inder mehrfach über den Hof huschen, er trug eine ähnliche Kleidung wie damals, als er mich in dieses Haus brachte.

Der Mond stand voll gerundet am Himmel und leuchtete grell in unseren Hof hinein, so daß ich auch das Gesicht des Inders ganz genau erkennen konnte. Seine Augen schweiften unstät umher, die Lippen waren fest aufeinander gepreßt, und seine Bewegungen verrieten eine außergewöhnliche innere Erregung. Wenn er mit riesengroßen hastigen Schritten, lautlos wie eine Katze, die Türe zum Haremlik erreicht hatte, blieb er jedesmal einen Augenblick stehen, reckte den Hals zum Tore zu, beschattete mit der Hand die Augen und forschte, ob ihm jemand auf den Fersen sei oder ob die Torschließerin ihn beim Betreten des Hofes bemerkt habe.

Dies alles schien mir so unheimlich, daß mich Angst und Schrecken packte und ich nicht mehr den Mut fand, meinen Kiosk zu verlassen und dem Inder zu begegnen.

Vorsichtig versteckte ich mich hinter meinem Fenster, und da der Haremlik mir gegenüberlag, konnte mir nicht entgehen, was sich auf dem Hofe abspielte. Mein Gefährte lag bereits in tiefem Schlafe, und es widerstrebte mir, ihn zu wecken, da meine Beobachtungen ihn nicht interessiert hätten. Seine Sinne waren nur auf das körperliche Wohlbehagen gerichtet, und wenn er über alle Maßen gesättigt war, ging ihn die Welt und das menschliche Leben nichts mehr an, er schnalzte dann vergnügt mit der Zunge, legte sich nieder und schnarchte wie eine alte Sägemühle.

Mich floh der Schlaf, obwohl meine Augenlider schwer herabhingen und die Beine sich sträubten, meinen wohlgenährten Leib zu tragen. Ich ließ mich auf einen Schemel am Fenster nieder, stützte meinen Kopf in die Hand und versuchte zu schlummern; Spannung und Neugierde rissen mich aber immer wieder aus meinen Träumen, und erschreckt zuckte mein Kopf in die Höhe, und die Augen klappten mit einem fast hörbaren Ruck immer wieder auf.

War es Vorahnung oder Einbildung?! Jedesmal, wenn ich erwachte und auf den Hof hinunterblickte, lag alles in friedlicher Ruhe. – – – –

Diesmal aber war es keine Täuschung. Deutlich vernahm ich von der Straße her Stimmengewirr.

Langsam und knarrend öffnete sich das Haustor.

Dann ein kurzes Aufkreischen der Schließerin, das, wie ein erstickter Schrei, sofort verstummte.

Eine Minute bangen Schweigens trat ein.

Dunkle Schatten reckten sich langsam und schleichend in den Hof, sie wurden immer länger und spitzer, bis ich aus ihnen deutlich Lanzenschäfte zu erkennen vermochte.

Den Schatten folgten vorsichtig, fast tastend, drei vermummte Gestalten, deren eine, unzweifelhaft der Inder, sich von der Gruppe loslöste und in den Haremlik eilte. – – – – – – – – – – –

Ich zitterte am ganzen Leibe und fürchtete um mein Leben. Meine Lippen murmelten unwillkürlich Gebete; ich schlüpfte aus meinem Mantel und bedeckte meinen Kopf damit, um nichts zu hören, nichts zu sehen und nicht gesehen zu werden.

Was wollten die bewaffneten Leute, was hatte der Inder vor, sollte Fathima ermordet werden?!

Noch wußte ich nicht, um was es sich handelte.

Unter meinem schweren Mantel trat mir der Angstschweiß auf die Stirn, und meine Gedanken kämpften mit der Neugierde und der Todesfurcht.

Schließlich siegte die eine der menschlichen Schwächen; denn Todesfurcht ist ebenso menschliche Schwäche wie die Neugierde. Ich zog meinen Kopf aus seiner Umhüllung hervor und blickte auf den Hof hinab, noch gerade zur rechten Zeit, denn in diesem Augenblick führte der Inder eine dichtverschleierte, in Tüchern verpackte Frau aus dem Haremlik heraus, und die vier geheimnisvollen Gestalten liefen ohne Wortwechsel und Aufenthalt zum Haustor, das krachend ins Schloß fiel.

Gleich darauf konnte ich aus dem Pferdegetrappel und dem Rasseln eines Wagens vernehmen, daß die vermummte Gesellschaft sich auf und davon gemacht hatte. Ich war gerettet! – – – – – –


Der Inder und Fathima waren entflohen, was hatte die beiden dazu veranlaßt?! – – – – –

Den Rest der Nacht im Schlafe zu verbringen, gestattete mir die aus der Furcht gesteigerte innere Erregung nicht mehr. – – – – – – – –

Der Mond war schon ziemlich verblaßt hinter den rötlich gefärbten Wolken der Morgendämmerung, als ich endlich wagte, das Fenster zu öffnen und meine heiße Stirn der kühlenden Morgenluft preiszugeben.

Ein leises Wimmern schlug an mein Ohr. Ich horchte nochmals aufmerksam, denn rings umher war Totenstille.

Kein Zweifel möglich! Das Wimmern wiederholte sich noch stärker, nur konnte ich nicht feststellen, ob es von der Straße her oder von unserem Haustore kam.

Endlich weckte ich meinen Gefährten. Wir kleideten uns schnell an und gingen, immer aufmerksam lauschend, der kläglichen Stimme nach.

Bevor wir das Haustor erreichten, fiel mein Blick auf einen menschlichen Körper, der leblos neben dem Eingang zum Zimmer der Schließerin lag. Mir zitterten die Knie.

Mein Gefährte hob die unkenntliche Gestalt in die Höhe und schleifte sie in den Hof, wo wir beim Lichte des erwachenden Morgens in dem vermuteten Leichnam unsere alte, noch lebende Schließerin selbst erkannten. Die pflichteifrige Frau befand sich aber in einer bedauerlichen Verfassung. Arme und Beine waren fest zusammengeschnürt, und im zahnlosen Munde steckte ein dicker Knebel.

Während mein Gefährte die Alte von ihren Fesseln befreite und sie in ihr Zimmer trug, eilte ich durch das Tor auf die Straße, um Hilfe herbeizurufen.

Kein Mensch war weit und breit zu sehen.

Ich stieß einen schrillen Ton aus meiner Kehle, und bald kamen aus den benachbarten Haremliks einige Agas herbei, und ein Negerknabe, der auch dazu gehörte, erbot sich, einen Tabib Arzt. zu holen.

Noch ehe der Arzt zur Stelle war, hatte sich die alte Frau schon wieder erholt, so daß sie in abgebrochenen Sätzen den Ueberfall in der vergangenen Nacht schildern konnte, und zwar so, wie ich die Vorgänge hinter meinem Fenster vermutete. Als die Schließerin Geräusch am Tore hörte, sei sie aufgestanden und notdürftig bekleidet hinausgeeilt. Hier seien ihr drei bewaffnete Männer entgegengetreten, und als sie erschreckt aufkreischte, habe man sie gepackt, gebunden und geknebelt und sie so unschädlich gemacht. Dann sei ihr das Bewußtsein geschwunden, und sie wisse noch gar nicht, ob die Männer Diebe oder Mörder gewesen seien.

Die Kunde von dem Ueberfall verbreitete sich wie ein Lauffeuer in der ganzen Gegend, so daß unser Haustor bald von dichten, heftig gestikulierenden und schimpfenden Menschenmassen besetzt war.

Schließlich kam auch die Zabtije Polizei. und nahm den Tatbestand auf. Man holte den ersten Aga, der noch immer schlief, aus seinem Kiosk und beauftragte uns, in den Harem zu gehen und zu untersuchen, ob etwas vorgefallen sei.

Als wir den Korridor betraten, sahen wir sogleich, daß die beiden Hannums noch im tiefen Schlummer lagen, während Fathimas Zimmer sperrweit geöffnet war, sich aber sonst in musterhafter Ordnung befand.

Das Bett war unbenutzt, aber die Schränke und Truhen, die vorher mit Gewändern und Kostbarkeiten angefüllt waren, enthielten nur noch wenige wertlose Kleinigkeiten.

Jetzt löste sich auch das Rätsel mit den Bündeln, die einige Tage zuvor von der Sklavin unter Fathimas Begleitung einer fremden Frau vor dem Tore verabfolgt wurden. – – – – – – – –

Als der ganze Harem erwacht war, gab es überall erstaunte Gesichter.

Die »Mutter« wäre beinahe vor Schreck in Ohnmacht gefallen, nur die Negerfrau grinste höhnisch, als ob sie sich freute, von einer Nebenbuhlerin befreit zu sein.

Viele Sklavinnen standen verwirrt auf dem Hofe und besprachen den Fall auf ihre Art. Die allgemeine Erregung war so groß, daß selbst der Schmerz um den heimgegangenen Herrn, der von seinem ersten Diener so schmählich betrogen wurde, an diesem Tage in Vergessenheit geriet.

Am Abend legte ich mich frühzeitig zur Ruhe, und trotz meines bleiernen Schlafes umgaukelten mich noch die Gestalten des flüchtigen Paares. Ich sah noch immer den Inder mit seinen blitzenden durchbohrenden Augen und den scharf geschnittenen energischen Zügen, und ich hörte Fathimas weiche Stimme und sah, wie ihre Arme sich kosend um den Nacken des Mannes schlangen, der vielleicht der einzige Mann ihres Lebens war, den sie aufrichtig und hingebend liebte und dem sie nun in eine ungewisse Zukunft folgte, während die Seele ihres rechtmäßigen Gatten noch kaum zu himmlischer Höhe hinaufgestiegen war.


Als ich frisch und gekräftigt erwachte, standen auf dem Hofe zwei Kutschen, und ein älterer Herr mit einem jüngeren Begleiter saßen im Wirtschaftsraum und verhandelten mit dem ersten Aga. Sämtliche Sklavinnen wurden entlohnt. Sie bekamen die Freiheit und kostbare Geschenke.

Ich erhielt mein Jahresgehalt und konnte gehen, wohin mich Allah führte.

Die beiden Hannums stiegen in die bereitgehaltenen Kutschen und fuhren davon, wohin, wußte niemand. Man sagte, daß der ältere Herr, ein Bruder unseres entschlafenen Gebieters, sie in seinem Harem aufnehmen wollte, auch der erste Aga sollte dort sein Leben beschließen.

Man sagte ferner, daß der Inder nicht nur den Schatz des Harems, sondern noch andere Kostbarkeiten unseres seligen Herrn entführt habe.

Allah sei dem Sünder gnädig und lasse ihn nicht dem Malik Höllenvoigt. zum Opfer fallen, denn leicht ist der Frevler Entschluß und ewig Dschehannams brennende Glut! – – – – – – – – – –

Noch ehe die Sonne im Westen zur Neige ging, hatte ich den Haremlik verlassen und ritt auf einem Esel gen Stambul, wo die Herrlichkeit des Padischah thront und über alle Welt gebietet.

Sprich: Ich nehme meine Zuflucht zum Herrn
Des Morgengrauens,
Vor dem Uebel dessen, was er erschaffen,
Und vor dem Uebel der Nacht, wenn sie naht.
Und vor dem Uebel der Knotenanbläserinnen Der Zauberinnen, die Zauberknoten schürzen und anblasen.,
Und vor dem Uebel des Neiders, wenn er neidet Diese einhundertunddreizehnte Sure ist eine Schutzsure und wird als Amulet getragen..



 << zurück